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Halluzination_Psychose_Illusion_Fata_Morgana_Einbildung_Erscheinung_Sinnestaeuschung_Taeuschung_Trugbild_Wahnbild_Wahnvorstellung_Kapitalismus_Neoliberalismus_by_Uta_Herbert_pixel

Von Zeit zu Zeit: Überforderung

von Stephan Krull

Viele Menschen leiden an zu viel Arbeit. Andere leiden daran, ihren Lebensunterhalt nicht selbst verdienen zu können, nicht gebraucht zu werden.

Von den gut 80 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern unseres Landes gehören etwas mehr als die Hälfte zur Altersgruppe der 20- bis 60jährigen, also zu den potentiell Erwerbsfähigen – einige steigen schon etwas früher in das Berufsleben ein, einige später aus; Summa etwa 45 Millionen. Laut Bundesregierung sind 42 Millionen Personen erwerbstätig, die Zunahme der Erwerbsbevölkerung zwischen 1991 und 2013 um gut drei Millionen Personen beruht auf der drastischen Zunahme prekärer Arbeit und unfreiwilliger Teilzeitarbeit sowie der Zuwanderung aus Südeuropa in den zurückliegenden zwei Jahren von fast einer Million Menschen. Drei Millionen sind erwerbslos, davon erhalten nach einer aktuellen DGB-Studie rund 750.000 Menschen kein Arbeitslosengeld, weil sie die Wartezeit nicht erfüllen oder keinen Anspruch auf »Hartz-IV«-Leistungen haben.

Und wo bleiben dabei diejenigen, die aus der offiziellen Statistik gefallen sind: 190.000 über 58jährige Arbeitslosengeldempfänger, 100.000 Ein-Euro-Jobber, 300.000 Menschen, die sich in beruflicher Eingliederung oder Weiterbildung befinden und 80.000 kranke Erwerbslose? Wo bleibt die »stille Reserve«? Stimmt mit der Statistik etwas nicht? Das Statistische Bundesamt rechnet anders als die Agentur für Arbeit, dazwischen klafft eine Lücke von zwei Millionen Erwerbstätigen. Wenn wir über diese Ungenauigkeit hinwegsehen, sind dennoch einige Zahlen aufschlußreich:

Von den angenommenen 42 Millionen Erwerbstätigen sind 37 Millionen Arbeiter, Angestellte oder Beamte, davon unterliegen 29 Millionen der Sozialversicherungspflicht, davon wiederum arbeiten 24 Millionen in Vollzeit. Das heißt, 13 Millionen Beschäftigte arbeiten in unterschiedlichen Teilzeitverhältnissen, acht Millionen davon außerhalb der Sozialversicherungspflicht. 2,5 Millionen Menschen sind Solo-Selbständige ohne Beschäftigte, knapp zwei Millionen sind Selbständige mit Beschäftigten.

Angesichts der stetig wachsenden Anzahl von Erwerbspersonen sollte man davon ausgehen, daß auch die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden wächst – das Gegenteil ist jedoch längerfristig der Fall, weil die Produktivität schneller steigt als das Wirtschaftswachstum. Und genau hier eröffnet sich die Möglichkeit und vor allem die Notwendigkeit, die Arbeitszeit radikal zu verkürzen (Quelle der nachfolgenden Zahlen: Statistisches Bundesamt und eigene Berechnungen):

geleistete Arbeitsstunden und Anzahl der Erwerbspersonen von 1960 bis 2013
Jahr Erwerbstätige (Anzahl Personen) Arbeitsvolumen (Mrd. Stunden)
1960 26.618.000 56.382
1990 30.276.000 47.412
1991 38.868.000 60.082
2013 41.841.000 58.072

Quelle: statistisches Bundesamt und eigene Berechnungen

Layout 1Während also die Anzahl der Beschäftigten enorm steigt, sinkt das Arbeitsvolumen der Lohnerwerbsarbeit, gleichzeitig steigt der Reichtum unseres Landes seit Jahrzehnten. Das Arbeitsvolumen sank durch Arbeitszeitverkürzung von der 48- auf die 40-Stunden-Woche, durch höhere Urlaubsansprüche und in den letzten zehn Jahren vor allem durch oft unfreiwillige Teilzeitarbeit.

»Noch nie ging es uns so gut – noch nie haben wir uns so schlecht gefühlt. Ist die steigende Zahl seelischer Krankheiten, sind Burnout, Depressionen und Versagensängste der Preis einer immer hektischeren Jagd nach Erfolg und Wachstum?« schreibt und fragt der Psychologe und Psychoanalytiker Paul Verhaeghe in seinem Buch »Und ich? Identität in einer durchökonomisierten Gesellschaft«. [Anm. Admin: bitte die 4 PdF-Anhänge beachten]

Arbeit macht krank – zu viel Arbeit und zu wenig. Meine Kolleginnen und Kollegen aus der VW-Fabrik berichten so: »Nervenzusammenbruch im Vertrieb, Wutanfall bei einem Fahrer, viele kranke Kollegen im Zentrallager, Morddrohungen eines Stapler-Fahrers …, und dies nur in meiner unmittelbaren Arbeitsumgebung … Pauschal kein Urlaub, freie Tage sollen ›verkauft‹ werden, weil zu wenig Personal verfügbar ist. Umstrukturierung und noch mehr Bürokratie; mit zwei Personen pro Schicht, die nicht mehr ihrer alten Arbeit nachgehen sollen, sondern die Schnittstelle zwischen VW und der Personal-Verleihfirma. 1050 Euro ausgezahlt für drei Schichten mit Zuschlägen und Wochenendarbeit im Bereich der Logistik, zu 100 Prozent integriert mitten in der Wertschöpfungskette, Lohndumping erster Klasse mitten im Werk.«

Armut-Armutsschere-Kapitalismuskritik-Sozialstaat-Verarmung-Depression_by_Dr. Klaus-Uwe Gerhardt_pixelio.de_Rund zwei Millionen Beschäftigte in Deutschland sind mindestens einmal im Jahr krank, durchschnittlich zehn Arbeitstage oder 160 Millionen Arbeitsstunden fallen dadurch aus. Andererseits werden trotz Flexibilisierung und Arbeitszeitkonten immer noch etwa 1,5 Milliarden Überstunden gemacht – das entspricht etwa einer Million Vollzeitarbeitsplätzen oder durchschnittlich 50 Stunden pro Person und Jahr.

Alles zusammengenommen, Minijobs, Teilzeitbeschäftigte und Vollzeitbeschäftigte, beträgt die durchschnittlich Jahresarbeitszeit aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer etwa 1.300 Stunden an 220 Arbeitstagen. Diese tatsächliche Arbeitszeit entspricht genau der 30-Stunden-Woche, nur ist die Arbeitszeit sehr ungleich verteilt in Überforderung einerseits und Unterbeschäftigung andererseits, beides macht die Individuen und die Gesellschaft krank.

Eine radikale Arbeitszeitverkürzung mit vollem Lohn- und Personalausgleich ist aktueller denn je, sie ist möglich, nötig und bezahlbar. Wie in den zurückliegenden 100 Jahren wettern Kapital und Kabinett, bis vor 100 Jahren im Verein mit Krone und Kirche, gegen jede Arbeitszeitverkürzung und erklären sie zum Untergang unseres Landes, zum Verlust der Wettbewerbsfähigkeit. Karl Marx wies nach, daß sich in der Ökonomie der Zeit schließlich alle Ökonomie auflöst. Für die Kapitaleigentümer und ihre Manager ergibt sich daraus zwecks Profitsteigerung der Zwang, den Arbeitstag der abhängig Beschäftigten extensiv auszuweiten. Eine Begrenzung des Arbeitstages und eine Reduzierung der Arbeitszeit hingegen ist eine Begrenzung der Macht und des Profites, eine Rückgewinnung von Autonomie für die lohnabhängig Beschäftigten.

Stephan Krull


Quelle:  Kritisches Netzwerk

Erschienen in Ossietzky, der Zweiwochenschrift für Politik / Kultur / Wirtschaft – Heft 24/2014 > zum Artikel

Ossietzky, Zweiwochenschrift für Politik, Kultur, Wirtschaft, wurde 1997 von Publizisten gegründet, die zumeist Autoren der 1993 eingestellten Weltbühne gewesen waren – inzwischen sind viele jüngere hinzugekommen. Sie ist nach Carl von Ossietzky, dem Friedensnobelpreisträger des Jahres 1936, benannt, der 1938 nach jahrelanger KZ-Haft an deren Folgen gestorben ist. In den letzten Jahren der Weimarer Republik hatte er die Weltbühne als konsequent antimilitaristisches und antifaschistisches Blatt herausgegeben; das für Demokratie und Menschenrechte kämpfte, als viele Institutionen und Repräsentanten der Republik längst vor dem Terror von rechts weich geworden waren. Dieser publizistischen Tradition sieht sich die Zweiwochenschrift Ossietzky verpflichtet – damit die Berliner Republik nicht den gleichen Weg geht wie die Weimarer.

Wenn tonangebende Politiker und Publizisten die weltweite Verantwortung Deutschlands als einen militärischen Auftrag definieren, den die Bundeswehr zu erfüllen habe, dann widerspricht Ossietzky. Wenn sie Flüchtlinge als Kriminelle darstellen, die abgeschoben werden müßten, und zwar schnell, dann widerspricht Ossietzky. Wenn sie Demokratie, Menschenrechte, soziale Sicherungen und Umweltschutz für Standortnachteile ausgeben, die beseitigt werden müßten, dann widerspricht Ossietzky. Wenn sie behaupten, Löhne müßten gesenkt, Arbeitszeiten verlängert werden, damit die Unternehmen viele neue Arbeitsplätze schaffen, dann widerspricht Ossietzky – aus Gründen der Humanität, der Vernunft und der geschichtlichen Erfahrung.

Ossietzky erscheint alle zwei Wochen im Haus der Demokratie und Menschenrechte, Berlin – jedes Heft voller Widerspruch gegen angstmachende und verdummende Propaganda, gegen Sprachregelungen, gegen das Plattmachen der öffentlichen Meinung durch die Medienkonzerne, gegen die Gewöhnung an den Krieg und an das vermeintliche Recht des Stärkeren.

http://www.ossietzky.net/

Bild– und Grafikquellen:

1. Krankheit und Depression: Viele Menschen leiden an zu viel Arbeit. Andere leiden daran, ihren Lebensunterhalt nicht selbst verdienen zu können, nicht gebraucht zu werden. Foto: Uta Herbert. Quelle: Pixelio.de

2. Cover des Buches »Und ich? Identität in einer durchökonomisierten Gesellschaft«. Autor ist der belg. Psychologe, Psychoanalytiker Paul Verhaeghe , ordentlicher Universitätsprofessor an der Universität Gent. Aufgrund der Forschung mit seiner Fachgruppe zum Thema Burnout-Syndrom und Depression richtete sich seine Aufmerksamkeit immer mehr auf die kombinierten Auswirkungen gesellschaftlicher Veränderungen und Arbeitsorganisation.

Die weitere Vertiefung davon brachte ihn zur These, dass die gegenwärtige Identität auf einer zwingenden neoliberalen Ideologie basiert ist, und dass eine derartige Identitätsbildung gegen unsere evolutionär eingefleischte soziale Art geht. Ende Januar 2012 hielt Verhaeghe an einem belgischen nationalen Streiktag einen scharfen Vortrag im Kunstzentrum Vooruit Gent, in dem er die Bankenkrise als Bestätigung der neoliberalen Ideologie betrachtet. Die Ausarbeitung davon beim Paul Verbraeke-Vortrag in Antwerpen und die daran anschließende Veröffentlichung des Textes stieß in Flandern auf sehr breites Interesse. Dieser Vortrag basierte auf zwei Kapiteln von „Identiteit“, einem Buch, das im Herbst 2012 erschien und in deutscher Übersetzung vom Verlag Antje Kunstmann im August 2013 veröffentlicht wurde. ISBN 978-3-88897-869-2, Preis 19.95 € (D)

Im ersten Teil von „Identiteit“ argumentiert Verhaeghe, dass unsere psychologische Identität eine Konstruktion auf einem evolutionär begründeten Unterbau ist. Evolutionär betrachtet ist der Mensch eine soziale Tierart, in der zwei entgegengesetzte Verhaltenstendenzen wirken: einerseits die Ausrichtung auf Gemeinschaft und Teilen, andererseits die Ausrichtung auf Individualismus und Nehmen. Welche der beiden Tendenzen die Oberhand bei der Konstruktion der Identität bekommt, wird durch das Gesellschaftsmodell bestimmt. Im zweiten Teil beschreibt er die heutige Gesellschaft als neuliberal, wobei er den Neoliberalismus als neue Version des Sozialdarwinismus auffasst. Die dadurch bestimmte Identitätsentwicklung ist ihm zufolge sehr negativ, weil sie gegen die soziale Art des Menschen angeht. Die negativen Auswirkungen des Neoliberalismus findet er auch in der Organisation des Unterrichts, der wissenschaftlichen Forschung und der Gesundheitsfürsorge. Im letzten Kapitel erklärt er, dass Veränderung von unten ausgehend erfolgen muss, da die neoliberale Ideologie mittlerweile Bestandteil unserer Identität ist.

3. Überforderung einerseits und Unterbeschäftigung andererseits, beides macht die Individuen und die Gesellschaft krank. Foto: Dr. Klaus-Uwe Gerhardt. Quelle: Pixelio.de

Anhang Größe
Vortrag von Paul Verhaeghe – Mehr Verantwortung oder Disziplinierung – zu seinem Buch – Und ich, Identität in einer durchökonomisierten Gesellschaft 164.45 KB
Interview mit Paul Verhaeghe – Sinngebung ist ein kollektives Geschehen – Neoliberalismus schadet der psychosozialen Gesundheit von Menschen 330.44 KB
Interview mit Paul Verhaeghe – Dieses Wirtschaftssystem zerstört unsere Menschlichkeit – Die krankhafte Profitgier der Aktionäre und die Idee vom survival of the fittest führen in die Irre und mache 137.87 KB
Rezension von Manfred Baberg zu Paul Verhaeghes Buch – UND ICH Identität in einer durchökonomisierten Gesellschaft 27.27 KB
Armutsschere

Hartz IV und andere Sündenfälle

von Heinz Sauren

Es hätte alles so schön werden können, damals zu den Millennium-Feiern, als das neue Jahrtausend begann. Das 20.te Jahrhundert verabschiedete sich mit Erwartungen, die lange Zeit, während seines Verlaufes nicht zu erhoffen waren. Die große Errungenschaft des ausgehenden Jahrhunderts ist historisch gesehen der Friede, für die Menschen jedoch zuerst Wohlstand und soziale Sicherheit. Daraus begründeten sich die freudigen Erwartungen an das neue Jahrtausend. Die gefühlten Lebensumständen, die in dem gerade vergangenen Jahrzehnt, immer besser geworden schienen, ließen verheißungsvoll auf das neue Jahrtausend blicken.

Es war ein Trugschluss, wie wir heute wissen. Am Neujahrsmorgen des neuen Millenniums blickte nicht nur mancher Bürger, sondern auch die Bundesregierung verkatert in die Zukunft. Im politischen Berlin hatte es sich längst herum gesprochen, das die Weichenstellungen, die zehn Jahre zuvor vorgenommen wurden, nicht in die blühenden Landschaften, sondern auf das wirtschaftliche Abstellgleis führten. Hätte Herr Kohl seinerzeit den Mahnern zugehört, hätte er das wissen können, aber er ahnte wohl auch, das er das Ende des toten Gleises als politischer Zugführer nicht mehr erleben würde und zog es vor, seine historische Rolle als Wiedervereinigungskanzler, nicht mit dem unschönen Aspekt des wirtschaftlichen Niedergangs zu beflecken. Obwohl er dieses seinem politischen Widersacher und Nachfolger überließ, ist es doch das eigentliche Erbe, welches er diesem Land hinterließ.

Der zu Beginn der 1990er Jahre, zerfallende Kommunismus war das Gegengewicht zum Kapitalismus und zwang diesen nicht nur in eine räumliche Beschränkung, sondern auch zur Aufrechterhaltung sozialer Standards, zur Erhaltung der Attraktivität als politisches Gegenmodell. Der Wegfall dieses Gegengewichtes entfesselte den ungehemmten und unbegrenzten Kapitalismus, den wir heute Globalisierung nennen. Dies war der Zug auf den Herr Kohl dieses Land, ohne die geringsten Bedenken aufspringen ließ und er führte auf ein totes Gleis, da er auf unbegrenztes Wirtschaftswachstum setzte und dabei ignorierte, das eine unbegrenzte Expansion in einem geschlossenen System nicht möglich ist. Kurzfristig und so dachte Herr Kohl wohl, befreite dieser Weg ihn aber, eine Lüge einzugestehen. Versprach er doch den Deutschen, um die Zustimmung zur Wiedervereinigung zu erhalten, die damals nicht so selbstverständlich war wie sie heute zu sein scheint, nicht nur blühende Landschaften, sondern auch das Unmögliche. Die Wiedervereinigung werde niemanden auch nur einen Pfennig kosten. Kohl brauchte Geld und konnte es durch sein eigenes Versprechen, nicht von den Bürgern fordern. Der Export sollte es richten, das Geld sollte von außen kommen und so wurde der Einstieg in die Globalisierung kritiklos und ohne regulierende Maßnahmen, von der Politik forciert.

Young Mill WorkerEs war nicht so, das niemand erkannte, welch fatale Folgen dieser Weg haben würde, doch die, die ihre Stimme erhoben fanden kein Gehör. Zu weit links schienen die Bedenken und links galt als das überwundene, das falsche Wirtschaftssystem. Dabei konnte jeder Student der Wirtschaftswissenschaften bereits im ersten Semester erahnen, dass die freie Konkurrenz der Märkte weltweit, nicht nur die Waren in Konkurrenz zueinander stellt, sondern auch die Löhne und Sozialsysteme. Ein Umstand der zwingend die Angleichung aller Systeme fordert und nur für die Länder positiv sein kann, die aus einem geringeren Level nach oben angleichen, während alle Länder mit gehobenen Standards, nach unten abgleichen müssen. Dieser Umstand wurde in den 1990er Jahren durch indirekte Subventionierung der Löhne und direkte Subventionierung der Sozialsysteme kompensiert, bis zu Beginn des neuen Jahrtausends dies, aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr möglich war.

Mit Beginn des neuen Millenniums war der gefeierte Wohlstand und die beruhigende soziale Sicherheit, die Kernpunkte des wiedervereinigten Deutschlands, eine gewaltige Subventionsblase, die nun zu platzen drohte. So sah sich Bundeskanzler Schröder 2001 genötigt, in einer Rede vor dem Bundestag die Wohlfühlrepublik aufzulösen, indem er mehr Eigenverantwortung forderte und damit sagte, das der Staat in Zukunft nicht mehr, seiner bis dahin selbstverständlichen Verantwortung gegenüber seinen Bürgern, nachkommen werde. Es war das Ende der sozialen und der Beginn der freien Marktwirtschaft, die bald die Hartz Gesetze zur Folge haben sollte.

Peter Hartz der Namensgeber, eines im globalen Kontext zu verstehenden Sozialsystems, profilierte sich gegenüber seinem, nun als Wirtschaftskanzler gelten wollendem Herrn Schröder und Busenfreund, als Wegbereiter eines neoliberalen Wirtschaftssystems nach amerikanischem Vorbild und bewies seine mangelnde soziale Kompetenz nicht nur in einem bisher nicht dagewesenem Gesetzbuch der sozialen Rücksichtslosigkeit, sondern auch durch seine Griffe in die Sozialkassen seines Arbeitgebers, der VW AG, für die er dann später gerichtlich zur Rechenschaft gezogen wurde. Das erste Jahrzehnt des Neuen Jahrtausends wurde zur Dekade der sozialen Entrechtung, begleitet durch den vierstufigen Vollzug eines neuen Sozialgesetzbuches, das in seiner Vollendung als Hartz IV bekannt wurde und bis heute höchst umstritten ist.

Die Lektüre dieser Sozialgesetzbücher offenbart einen völlig neuen Gebrauch von gesetzlichen Normen und erklärt die mangelnde Akzeptanz in großen Teilen der Bevölkerung. Im allgemeinen Verständnis, sind Gesetze kein Verhaltenskodex aus denen zu entnehmen wäre, wie man sich korrekt zu verhalten habe, sondern Negativabgrenzungen die bestimmen, welches Verhalten nicht geduldet wird. Sie erhalten somit einen Rechtsraum der Eigenverantwortung in dem sich die Menschen frei bewegen und nur bei Ausbrüchen daraus, sich zu verantworten haben. Diesen Grundsatz stellen die Hartz Gesetze auf den Kopf, in dem sie einen zuvor generell und in allen anderen Gesetzen gegebenen Rechtsgrundsatz außer Kraft setzen und die Beweisumkehr einführen. Nunmehr ist es nicht der Staat der eine Behauptung des Bürgers als unrichtig zu beweisen hat, sondern der Bürger dem die Beweispflicht obliegt und damit die Richtigkeit seiner Behauptung zu belegen hat. Der elementare Rechtsgrundsatz der Unschuldsvermutung ist damit aufgehoben. Im weiteren wird die Vertraulichkeit des Rechtsverhältnisses gegenüber dem Staat aufgehoben. Mag man noch verstehen das jemand, der Hartz IV beantragt, seine wirtschaftlichen Verhältnisse offen legen muss, um Mißbrauch zu vermeiden, lässt sich jedoch im allgemeinen Rechtsverständnis nicht begründen, warum auch unbeteiligte Dritte, zum Beispiel in einem verwandtschaftlichen Verhältnis Stehende, ihre wirtschaftlichen Verhältnisse minutiös erklären müssen. Es war einmal eine gefeierte Errungenschaft freiheitlichen Rechtes, die Sippenhaft abgeschafft zu haben. Auch andere Rechtsgrundsätze, die die Grundsätzlichkeit eines Rechtsstaates begründen, wurden über Bord geworfen. Es galt zuvor das Zeugnisverweigerungsrecht, welches Verwandte ersten Grades und Ehepartner haben, um nicht gegen diese Aussagen zu müssen, insbesondere auch und gerade dann, wenn diese Straftaten begangen haben. Eine Leistungserschleichung von Hartz IV Bezügen wäre auch eine Straftat, jedoch gilt dieses Zeugnisverweigerungsrecht dann nicht mehr. Ehepartner und Verwandte ersten Grades sind gezwungen auszusagen mit katastrophalen Folgen für innerfamiliäre Beziehungen. Bei einem Vorwurf wegen Mordes müssten sie das nicht, weil der grundgesetzlich verankerte Schutz der Familie höherrangig ist. Dies führt zu dem irrwitzigen Rechtsstatus, das zwar jeder massenmordende Terrorist das Recht auf den Schutz seiner Familie genießt, nicht jedoch der Antragsteller sozialer Leistungen, der noch nicht einmal eine Straftat begangen haben muss.

Die Botschaft des Staates ist eindeutig. Das wirtschaftliche Interesse des Staates, die Durchführung der Globalisierung und die marktkonforme Gesellschaft, sind höherrangig zu bewerten, als etwaige Rechte des Bürgers, unabhängig ob diese allgemeine Rechtsgrundsätze oder grundgesetzlich verankert sind. Heute leben mehr als 6 Millionen Menschen ganz oder teilweise von Hartz IV, davon 1,6 Millionen Kinder. Seitens der Politik wird vehement verneint, das diese 8,5 % der gesamten Bevölkerung, Menschen zweiter Klasse sind. Dieses einzuräumen würde den sozialen Frieden gefährden. Doch Hartz IV Bezieher sind Menschen zweiter Klasse, allein schon weil allein für sie, ein Teil der allgemeinen Rechtsgrundsätze nicht gilt und ihnen gegenüber einige Grundrechte nicht zugestanden werden. Mit deutscher Gründlichkeit wurden zwei Rechtssysteme innerhalb dieses Landes etabliert, eines für die wirtschaftlich Unabhängigen und eines für die wirtschaftlich vom Staat Abhängigen. Ein System, welches weltweit in dieser Deutlichkeit einmalig ist und in jedem anderen Land, von der Regierung öffentlich gegeißelt werden würde.

Deutschland beansprucht innerhalb der Staatengemeinschaft eine führende Rolle als zivilisiertes Land. Internationaler Standard bei der Beurteilung des Grades der Zivilisation eines Landes, sind das Rechtssystem und die Kultur. Das Rechtssystem offenbart seine Qualität, durch den Umgang mit den schwächsten der Gesellschaft und die Kultur durch das Maß der Teilhabe an ihr, dabei auch hier insbesondere des schwächsten Anteils der Gesellschaft. Bei Betrachtung der gewährten finanziellen Mittel von Hartz IV Beziehern, offenbart sich auch im Bereich der Kultur ein düsteres Bild, obwohl die Teilnahme an Kultur ausdrücklich, defacto aber als Alibi, unterstützt wird. Gemäß den gültigen Regelsätzen stehen 43,17 Euro monatlich zur Verfügung für die drei Bereiche, Freizeit Kultur und Unterhaltung. Gedrittel verbleiben demnach für die kulturelle Teilnahme etwas mehr als 14 Euro. Entweder hat sich in den Reihen der Politik noch nicht herum gesprochen, das auch die Teilnahme an Kultur, durch Fahrtwege oder Eintrittsgelder nicht umsonst ist, oder man ist dort der Meinung, das ein Kino-Besuch pro Monat genug Kultur für einen Hartz IV Bezieher zu sein hat. Dies folgt dann dem allgemeinen Klischee, dass diese Menschen doch eher bildungsfremd und mit einem kulturresistentem Gemüt beschlagen sind. Dem müsste ein zivilisierter Staat dann, nach eigenem Verständnis, mit der Möglichkeit zur Bildung entgegen wirken, aber auch in diesem Bereich ist das Statement der Regierung eindeutig. 1,50 Euro müssen für die Bildung im Monat reichen. Das sich davon nur an einem Tag im Monat eine Tageszeitung, oder bei fleißigem Sparen, einmal im Jahr ein Billig-Roman beschaffen lässt, zeigt deutlich wie wenig Bildung einem Hartz IV Bezieher zugestanden wird. Diese Summe ist nicht einmal ausreichend, einen bestehenden Bildungsstand zu erhalten. Die Bundesregierung verweist gerne auf das Angebot von Weiterbildungsmaßnahmen, die sie bezuschusst. Spätestens hier wird es perfide, erklärt die Bundesregierung doch somit öffentlich, nicht nur das Bildung unerwünscht ist, sondern auch das sie gerne bestimmen möchte, was zu lernen ist, wenn Bildung eingefordert wird. Es wäre wohl zu ärgerlich wenn sich die Alimentierten wohlmöglich kritikfähiges Wissen aneignen würden. Dummheit zu unterstützen, war schon immer der effektivste Weg, sich Kritik zu ersparen.

Durch die offiziell propagierten Begründungen, lässt sich die reglementierende Alimentierung, des wirtschaftlich schwachen Bevölkerungsanteils nicht begründen. Sie dienen augenscheinlich der Argumentation derer, die sie nicht begründen wollen, gegenüber denen, die als ihre Empfänger scheinbar auch das Recht verwirkt haben, sie begründet zu bekommen. Im Grunde handelt es sich bei der Hartz IV Gesetzgebung nicht um Sozialrecht, sondern um erweitertes Wirtschaftsrecht. Alle rechtlichen Widersprüche und widersprüchliche Begründungen lösen sich auf, sobald die Seite des Betrachters gewechselt wird. Aus Sicht der Wirtschaft ist diese Gesetzgebung nicht nur logisch konsequent sondern auch zielführend.

Gemäß den Angaben der Bundesanstalt für Arbeit waren 2012, 1,2 Millionen Hartz IV Bezieher erwerbstätig, die sogenannten Aufstocker. Es ist dramatisch genug, das sich in diesem Land ein Wirtschaftssystem etabliert hat das 1,2 Millionen Menschen zur Arbeit zwingt, ohne das sie davon leben könnten. Es ist ein Skandal, das Arbeitgeber 1,2 Millionen Menschen mit einem Hungerlohn abspeisen und der Staat diesen Unternehmen die Sklavenarbeit, nichts anderes ist Arbeit ohne überlebensfähigen Lohn, subventioniert, um diesen damit entgegen den marktwirtschaftlichen Gesetzen, nach denen sie eigentlich pleite gehen müssten, einen höheren Gewinn zu verschaffen. Für die Arbeitnehmer ist es Zwang, da sie sich mit Beantragung der Leistung verpflichten, unter Androhung des Wegfalls des wirtschaftlichen Existenzminimums, diese Arbeit nicht aufzugeben, auch wenn sie geltenden arbeitsrechtlichen Normen nicht entspricht. Einzig und allein zumutbar muss diese Arbeit sein und was darunter zu verstehen ist, hat nicht der zu beurteilen, der sie zu ertragen hat, sondern ein Fallmanager, dessen Aufgabe es offiziell ist, möglichst viele Menschen aus dem Bezug von Leistungen und in Arbeit zu halten. Hier ergibt sich schon aus der Interessenlage des weisungsgebundenen Fallmanagers die Unmöglichkeit, einer sachlich richtigen Beurteilung eines Arbeitsplatzes, geschweige denn der Einbeziehung etwaiger Interessen des Leistungsempfängers. Aber auch die nicht erwerbstätigen Hartz IV Bezieher erfüllen einen marktwirtschaftlichen Zweck, der sich im Sinne der Wirtschaft, analog der Verschlechterung ihrer wirtschaftlichen Situation erhöht.

Die marktwirtschaftliche Anpassung der Sozialsystem bis hin zu Hartz IV, ist schon lange zu einem wirtschaftspolitischen Regulativ geworden und wie wirkungsvoll dieses ist, lässt sich an den Reallöhnen in Deutschland ablesen, die seit dem Jahr 2000 bis zum Jahr 2013 nicht gestiegen, sogar leicht gefallen sind. 13 Jahre in denen die Lebenshaltungskosten inflationsbedingt um 40% anstiegen, sich die Gewinne der Unternehmen, ebenso wie die Anzahl der Millionäre in diesem Land vervielfachten, brachten den Arbeitnehmern nichts außer einem Verlust der eigenen Kaufkraft um 40 %. Dieser auch dem Bürger bewusst gewordene Umstand, wird gerne auf die Umstellung auf den Euro abgewälzt, ist aber nichts anderes als die Folge der heimlichen Einführung einer marktkonformen Gesellschaft, die mit den Hartz IV Gesetzen eine Drohkulisse unterhält, die insbesondere Arbeitnehmer der unteren Lohngruppen permanent bangen lässt, schon morgen selbst von der staatlichen Entrechtung betroffen zu sein. So ließ und lässt sich wirkungsvoll die Forderung nach Lohnerhöhung unterdrücken, unbezahlte Mehrarbeit fordern und tarifliche Standards aushebeln, da die Unternehmer, wissend um das Hartz IV Drohpotential, immer und sofort den Verlust von Arbeitsplätzen androhen.

Hartz IV war der Sündenfall, der dieses Land aus dem Paradies der sozialen Marktwirtschaft verbannte und ist doch nur der erste Schritt in die vermeintliche Glückseeligkeit der unbegrenzten Marktwirtschaft. Durch soziale Entrechtung und permanente Verängstigung wurde ein neues Bild der Arbeit geschaffen. Arbeit ist nicht mehr das Mittel zur Erfüllung einer eigenen Lebensgestaltung und somit zweitrangig. Sie ist zum zentralen Mittel der Existenzerhaltung geworden. Allein ihren Sinn in Bezug auf das eigene Leben zu hinterfragen, scheint absurd geworden zu sein. Sie allein ist der Erfüllungsmaßstab zur Teilnahme an der Gesellschaft geworden und jeder der sich ihr entzieht ein Sozialschmarotzer. Dies ist jemand der die Sozialsysteme zu seiner eigenen Bereicherung ausnutzt, ohne bedürftig zu sein und unterstellt es denen, die anstatt jede noch so prekäre Arbeit auszuführen, im Bezug von Hartz IV stehen. Kaum eine Unterstellung ist so böswillig und inhaltlich falsch, wie diese. Schließlich sind es die Unternehmer die unterstützt, von einer ihnen wohlwollenden Gesetzgebung, sich ihrer sozialen Verantwortung entziehen, in dem sie im Verhältnis zu den Arbeitnehmern, unverschämt geringe steuerliche Abgaben, ihrer im weiter steigenden Gewinne genießen. Es sind die Unternehmer, die dreist genug sind ihre Gewinne zu realisieren, in dem sie die Lohnkosten für ihre Arbeitnehmer aus den Sozialkassen mitfinanzieren lassen. Es sind die Unternehmer, die die Infrastrukturen dieses Landes nutzen um ihre Waren und Dienstleistungen zu produzieren und zu verkaufen. Einer Infrastruktur, deren Errichtung und Unterhaltung sie den Steuerzahlern überlassen, während sie sich diesen Steuern zunehmend durch Steuerspar- und Vermeidungsmodelle entziehen. Wenn es Sozialschmarotzer gibt, dann sitzen sie in den Chefsesseln dieser Republik und freuen sich über die tatkräftige Unterstützung der Politik, die sie erpresserisch genötigt haben, für ihre Wunschvorstellung der unbegrenzten Märkte und Gewinne, die Bevölkerung zu verarmen und zu entrechten. Man mag diese Ansicht für hetzerisch halten, doch ist sie es nur, wenn man sie aus einem dieser Chefsessel und nicht aus Sicht der breiten Bevölkerung betrachtet.

Der nächsten Schritt wird nun TTIP sein. Zur Durchsetzung dieses Abkommens werden wieder die Rechte der Bürger eingeschränkt werden müssen, zur Erfüllung der höheren Ziele der Wirtschaft. TTIP ist nur durch massive Veränderungen im Grundgesetz möglich und da auch hier seitens der Regierung der Unmut des Volkes erwartet wird, wird die Grundgesetzänderung erst thematisiert werden, wenn das TTIP-Abkommen bereits unterzeichnet ist. Dann wird auch diese Entrechtung, im sprachlichen Habitus der Kanzlerin, alternativlos sein, da sich die Regierung dann bereits vertraglich dazu verpflichtet hat. Wieder werden es die Rechte der Wirtschaft sein, für die der Einzelne seine, ein weiteres mal ein Stück weit aufgeben muss und es wird wieder die Sozialgesetzgebung sein, der es obliegen wird, diese neuen wirtschaftlichen Rechte, als Arbeitnehmerpflichten umzusetzen. Spätestens seit dem Jahr 2000 und jedem Schritt der aktuellen Sozialgesetzgebung lässt sich sagen. Wer glaubt es geht nicht tiefer, wird schon bald eines besseren belehrt werden. Das Ende dieser Entwicklung wird erst gekommen sein, wenn für jeden Lebensumstand und jedes Leben selbst, nur noch die wirtschaftliche Begründung ausschlaggebend sein wird. Wer glaubte das die moderne Gesellschaft den Manchester-Kapitalismus überwunden hätte, muss zu Kenntnis nehmen, das dieser als Gedanke und wirtschaftliche Forderung,bereits wieder zurück gekehrt und zu einem pseudo-religiösen Anspruch in den Chefetagen geworden ist, der sich heute nur anderer Mittel bedient.

Ich verbleibe in diesem Sinne

Heinz Sauren


Autor Heinz Sauren befasst sich auf seinem Blog mit Ideologie- und Gesellschaftskritik. Seine bevorzugte literarische Form des Ausdrucks ist das Essay, aber auch den kleinen Bruder des Essays, den Aphorismus sowie Prosa, Lyrik und Satire.

Anm. d. Red.: Wir danken Heinz Sauren, dass er uns die Erlaubnis erteilt hat, seine Texte veröffentlichen zu dürfen.

Text- und Grafikquelle:

Freigeist BLOG – Gesellschaftskritik – Artikel

Beitragsbild: Bernd Kasper / pixelio.de

"Heile Welt"

Euro lebt – Inflation gering – Wirtschaft wächst – Kein Staat ist pleite:

Aber was spielt sich eigentlich hinter der Bühne dieses scheinbar erfolgreichen Theaterstückes ab?

von Andreas Müller-Alwart

Der Euro lebt weiter, kein Staat ist Pleite gegangen, die Inflation ist so niedrig wie nie zuvor, die Wirtschaft wächst bescheiden … Auf den ersten Blick muss man Angela Merkel auf die Schulter klopfen und zustimmen: Deutschland geht es gut. Doch die Europäische Zentralbank (EZB) druckt und sammelt unvorstellbare Geldmengen ein, die wie ein Damoklesschwert die Vermögen der Bürger und die Realwirtschaft bedrohen. Mit Kunstkniffen in den Staatshaushalten und hoher Verdrängungskunst lässt sich die Misere nicht bewerkstelligen. Der Ankauf von Asset Backed Securities (ABS) durch die EZB verschärft die Situation nochmals gravierend.

„Am Ende ist alles gut. Und wenn es nicht gut ist, ist es nicht das Ende.“ (Oscar Wilde)

ZukunftBei einem zweiten Blick bleibt von der positiven Selbsteinschätzung der Bundeskanzlerin und ihrer Politik wenig bestehen – jedenfalls wenn man die gesamten aufgestauten Reformen und Projekte betrachtet, die die Regierung vor sich herschiebt – wie schon viele andere Regierungen zuvor auch. 40 Prozent der zukünftigen Rentner werden eine Grundrente erhalten und werden potenzielle Kandidaten einer latenten Armut sein. Das ist keine Schätzung oder Prognose, sondern diese Rentner sind heute schon vorhanden und werden exakt mit diesen niedrigen Renten ihren Lebensabend bestreiten müssen. Den heutigen 1-Euro-Jobbern, Geringverdienern, Aufstockern und in einer „Schulungsmaßnahme“ befindlichen Mitbürgern wird es nicht besser ergehen, sofern sich nicht radikal etwas verändert. Und es ist nicht absehbar, dass sich für diese Personen etwas zum Besseren wendet. Nichts ist gut und noch weniger als Nichts ist besser geworden, also ist wohl nicht das Ende der Reformen erreicht. Die grundlegenden Probleme im Bildungswesen, Gesundheitswesen und im Investitionsbereich sind ebenfalls seit Jahrzehnten trotz Reformversuchen nicht gelöst worden. Sie verschärfen sich, je länger sie andauern. „Deutschland steht gut da“, meint Frau Merkel. Die Betonung liegt auf „steht“ – die Motivation für grundlegende Veränderungen ist über eine endlose Debatte zur PKW-Maut und über Sprüche zum militärischen Wiedererwachen Deutschlands nicht hinausgekommen.

Schuldenbremse oder Investitionen?

Nach der Idee von Keynes fordern nun wieder Politiker, die europäischen Staaten sollten die Konjunktur ankurbeln und Investitionen anstoßen bzw. selbst mehr investieren. Aber einige europäische Staaten wie Italien, Portugal, Spanien und Griechenland sind noch lange nicht über dem Berg, sondern immer noch verstrickt in der laufenden Krise, die mittlerweile auch einst robuste Nachbarstaaten wie Frankreich voll erfasst hat. Und einerseits müssen Rettungsschirme finanziert werden, während andererseits Schulden abzutragen sind. Die sogenannte Schuldenbremse soll ja nicht nur pro forma wirksam sein, sondern de facto. Dies ist noch alles business as usual – also das typische neoliberale Handeln mit der Intention, dass endloses Wirtschaftswachstum möglich sei, dass unbegrenzte Ressourcen vorhanden wären, Vollbeschäftigung ein erreichbares Ziel sei und dass man nichts Grundlegendes ändern müsse. Doch nichts von dem ist wahr, also müssten doch grundlegende Reformen längst begonnen worden sein. Sind sie aber nicht – nichts ist davon zu erkennen. Auf der Habenseite mag man lediglich das EEG (Erneuerbare-Energien-Gesetz), die fortschrittliche und wegweisende Energiewende, erwähnen, für die die Regierung nun allerdings auch eine Notbremsung aktiviert hat.

Im Finanzmarkt hat sich nichts wirklich verändert

FinanzmarktWas ist mit den Geldwerten, die auf die bad banks gebucht wurden? Was ist mit den gewährten Kreditvolumina? Wie hat sich der Wert des Euro während der fortlaufenden Erhöhung der Geldmenge verändert? Hierzu findet sich wenig Verständliches und Erhellendes in der allgemeinen Medienlandschaft. Insbesondere wird eine Thematik völlig tabuisiert, die zu Beginn der Finanzkrise noch eine große Bedeutung hatte: Der Markt der Finanzwetten – der Derivatemarkt und dort vor allem der Zertifikatehandel. Obwohl mittlerweile bekannt ist, dass es sich um reine Wettgeschäfte handelt und nur die Banken ihre eigenen Zertifikate-Konstruktionen überhaupt verstehen und – manchmal – auch erklären können, steigen immer mehr renditesuchende Anleger in diesen Markt ein, der von einem Tag auf den anderen völlig in sich zusammenbrechen kann. Die Anzahl unterschiedlicher Zertifikate soll zwischenzeitlich auf über 1 Mio. Produkte angestiegen sein. Hier blickt wirklich keiner mehr durch und alleine diese Intransparenz – noch verbunden mit der fehlenden Sachwertdeckung dieser „Wettvermögen“ – sollte Anleger eigentlich eine Warnung sein und sie vor diesem Markt zurückschrecken lassen. Dies ist aber nicht der Fall: Der gemeine Anleger kennt zwar Anlegerskandale mit geschlossenen Fonds, mit Immobilienfonds, er kennt Ausfälle von Aktieninvestments und bei vielen anderen Assets, aber bei Zertifikaten ging doch bisher immer alles gut, oder? Dies ist zum einen nicht richtig, denn es gab reihenweise Ausfälle bei diesen Wettgeschäften (Beispiel: Lehman-Zertifikate), zum anderen ist die Historie von Finanzprodukten leider vor allem eines: Sie ist keine Prognose für das, was zukünftig passieren wird. Im Gegenteil: Oftmals wird die Historie widerlegt und was einst gut lief und worin nun die Masse finanziert, wird gerade deswegen gefährlich.

Der einst angestrebte Euro ist längst nicht mehr vorhanden

Zurück zum Anfang – zum Blick auf „unser Geld“: Der Euro lebt weiter, kein Staat ist Pleite gegangen, die Inflation ist so niedrig wie nie zuvor, die Wirtschaft wächst bescheiden … Wagen wir noch einen anderen zweiten Blick, so stellen wir fest: Der eigentlich angestrebte Euro existiert schon lange nicht mehr. Wir haben heute eine Währung innerhalb einer Transferunion und außerhalb des bei der Einführung angedachten Stabilitätspaktes. Was wir jetzt Euro nennen, ist eine Währung, die sich im freien Fall befindet, die sich selbst entwertet. Wir merken es nur deswegen nicht, weil alle Währungen dieser Welt sich im freien Fall befinden und gleichzeitig abgewertet werden. Es werden ja nicht nur tonnenweise Euro sondern auch palettenweise Dollar gedruckt. Will man den Werteverfall des Euro betrachten, muss man ihn mit dem Goldpreis vergleichen und muss dabei zugleich berücksichtigen: Dieser Goldpreis wird zum einen durch Spekulationsgeschäfte beeinflusst und die Fixierung des Goldpreises findet in einem einfachen Telefonat zwischen ein paar Handelsbanken statt, die sich gegenseitig auf einen passenden Goldtageskurs einigen, der der aktuellen Nachfrage entsprechen soll. Soweit zum Wert der Währung und zu dem, was vom Euro heute noch übrig ist. Wenn also vom Wert einer Währung wie dem Euro die Rede ist, so stellt sich immer die Frage: Welcher Wert? In welcher Relation, in welchem Vergleich steht dieser Wert? Rasch wird der Wert des Euro – wie bei jeder anderen Geldwährung – als reiner Vertrauenswert entlarvt: Mit der Euro-Papiernote kann der Verbraucher einkaufen und das offensichtlich noch ganz gut. Das ist der aktuelle Wert. Er sagt nichts über den zukünftigen Wert aus.

Die wahre Inflationsrate lauert im Verborgenen

HyperinflationSofern man erfreut auf die niedrige (offizielle) Inflationsrate blickt, so ist es richtig: Das Aufschwemmen der Geldmenge kommt bislang nicht als erhöhte Inflationsrate beim Konsumenten an. Die Kaufkraft sinkt derzeit nicht dort, wo der Kunde es beim Einkaufen spürt, sie sinkt nicht im Heute. Stattdessen findet die Inflation versteckt auf den Vermögenswerten statt und dort wird insbesondere von den Konten des Mittelstandes munter umverteilt – vor allem in Richtung der oberen Vermögenden. So stehen zwar bei einer Kapitalanlage von 10.000 Euro und einer Verzinsung von 4 Prozent pro Jahr am Ende eines Anlagejahres 10.400 Euro (eventuell plus Zinseszins) auf dem Kontoauszug, die nach Abzug der Inflationsrate immerhin noch eine Kaufkraft von etwa 10.250 Euro haben. Dies gilt aber eben nur, wenn der Sparer dieses Geld nun verkonsumiert, denn buchhalterisch ist sein Vermögen schon heute betrachtet weniger Wert, da sich der Staat zu Negativzinsen bzw. Minizinsen refinanziert und somit der Geldwert fortlaufend sinkt. Was also sinkt, ist das Vermögen auf den Konten und zwar im zukünftigen Wert. Das klingt sehr abstrakt, das Prinzip lässt sich an einem Beispiel verdeutlichen: Wer vor 15 Jahren eine Immobilie für 250.000 DM an einem lukrativen Standort gekauft und sie regelmäßig instand gesetzt hat, der würde heute wohl über 350.000 Euro beim Verkauf erzielen. Doch dieser Zuwachs wird erst erzielt, wenn die Immobilie verkauft wird. Stellt sich ein Jahr später heraus, dass das Grundstück dioxinverseucht ist, so hat die Immobilie keinen realisierbaren Verkaufswert mehr. Entscheidend ist also immer, welcher Erlös dann erzielt werden kann, wenn Kauf oder Verkauf stattfinden. Erst der dann entstandene Erlös oder Verlust sagt etwas über den Wert einer Währung in der Zukunft aus: Reine Buchwerte auf den Konten können hingegen täuschen. Jeder der Betroffenen, denen eine Schrottimmobilie angedreht wurde, kennt das Prinzip aus bitterer Erfahrung. Während die Immobilie für 300.000 Euro gekauft und finanziert wurde, was so auch in den Finanzbüchern dokumentiert wurde, kann sich beim Immobilienverkauf der Wert der Immobilie als deutlich niedriger herausstellen. Dieser Verlust fällt erst auf, wenn der Immobilieneigentümer den Wert der Immobilie im freien Markt realisiert. Das permanente Drucken des Geldes durch die Staatengemeinschaft ist gewissermaßen die schleichende Dioxinvergiftung der Gelddepots. Die Kauf- und Verkaufspreise , solange die Geldmenge nicht den Verkäufer-Käufer-Markt erreicht.

Vermögensinflation gut versteckt

Während eine Konsumenten-Inflationsrate von mehr als 5 Prozent schon längst zu Schlagzeilen und Protesten geführt hätte, da dies der Konsument ja täglich beim Einkaufen spüren würde, ist die Vermögenswerteinflation ein gut versteckter Weg für den Staat, die Privatvermögen langsam in den Abbau der Staatsschulden zu überführen: Schwer zu erklären, schwer zu verstehen und schwer zu glauben für den Otto-Normal-Verbraucher. Ob deswegen die Mehrzahl der Medien erst gar nicht den Versuch unternimmt, diese Thematik anzusprechen? Und ob es auch daran liegt, dass die ABS so selten erklärt werden? ABS – kennen Sie nicht? Nein – nicht das Anti-Blockier-System im Auto. Dagegen spricht ja nun gar nichts. Asset Backed Securities sind gemeint. Herr Draghi, in seiner Funktion als Master der EZB, hat gerade einen groß angelegten Angriff auf die Vermögenswerte gestartet, indem er den Ankauf von ABS in einem sogenannten QE-Programm forciert. Worum geht es hier?

ABS wie Waffen im Finanzmarkt

Europaabgeordneter Sven von Storch erklärt dazu: „Hinter diesen kryptischen Abkürzungen stecken faktisch die Atomwaffen der EZB, die letzten und äußersten Mittel mit unbegrenzter Zerstörungskraft. ABS- und QE-Programme bedeuten nichts anderes, als dass die EZB Staaten und Banken direkt und faktisch ohne Hinterlegung irgendeiner wertigen Sicherheit oder Gegenleistung Kredit gewährt, also Geld druckt. … Es gibt keine Maßnahmen, die schneller und direkter in die Inflation führen, als die hier angesprochenen. Genauer: Es ist nachgerade ausgeschlossen, dass sich eine massive Inflation vermeiden lässt, wenn die Programme umgesetzt werden.“

Wenn der Geldsee auf die Staumauer drückt

Man muss sich das so vorstellen, dass diese gedruckten Geldmengen von der EZB wie von einer Staumauer angestaut werden. Sie schwappen nicht auf den Markt, sind aber vorhanden und – das ist eben das Schlimmste – es gibt keine wirkliche Lösung, was mit dem aufgestauten Geldsee passieren soll. Der Druck auf die Staumauer wird immer größer – der Zulauf des Geldes wird weiter erhöht. Je mehr das Problem in die Zukunft verlagert wird, desto mehr verdrängt die Bevölkerung –und wohl auch die Politik? – dass es weiterhin besteht. Es potenziert sich sogar und die Gefahr einer unkontrolliert brechenden oder überlaufenden Staumauer wird immer größer. Was bisher unternommen wurde, war die Installation mehrerer Erhöhungen dieser Staumauer. Man hat weitere Staubecken – Rettungsschirme genannt – geschaffen, gleichzeitig aber immer mehr Flüsse in diese Staubecken umgeleitet. Das Gelddrucken – vergleichbar mit den Wasserzuläufen in die Staubecken – wird sogar noch forciert. Es ist, als ob jemand angesichts einer überlaufenden Badewanne noch den Wasserhahn aufdrehen würde, anstatt den Stöpsel zu ziehen.

Eine giftige, intransparente Brühe ergießt sich in den Geldsee

Fluss stinkende BrüheEs kommt noch schlimmer: Diese Asset Backed Securities, die hier angekauft und im Staubecken der EZB eingelagert werden, sind kein reines Wasser, sondern eine giftige, schlammige Substanz, von der niemand exakt weiß, woraus sie besteht. „ABS, das sind jene zu undurchsichtigen Paketen zusammengeschnürten Schrott-Kredite, die maßgeblich die große Krise von 2008 ausgelöst haben“, erklärt EU-Abgeordneter von Storch. Diese risikoreichen Papiere kauft die EZB von den Privatbanken zurück, in der Hoffnung, dass diese Liquidität freibekommen, um mehr Kredite für die Realwirtschaft zu vergeben. Die Risikopapiere wandern zur EZB – die Privatbanken erhalten Anleihen, die weniger risikoträchtig sind. Weniger Risiko, bedeutet für die Banken auch weniger Rückstellungen, also mehr freie Mittel für die Investition in Unternehmen und Kreditvergabe für Unternehmen. Zur giftigen, schlammigen Masse, die hier aus dem Privatvermögen auf den Steuerzahler übertragen wird, kommt noch das unheilige Management. Black Rock, einer der größten Privatinvestoren, der gerade medienwirksam vorgibt, sich aus Russland zurückzuziehen, soll durch Draghi von der EZB damit beauftragt worden sein, diese ABS anzukaufen. Das muss man sich nochmal einmal auf der Zunge zergehen lassen: Die EZB kauft Giftpapier von den Privatbanken zurück, damit diese mehr in private Unternehmen investieren können und diese Rückkäufe soll federführend einer der Hauptinvestoren der Privatwirtschaft durchführen. Wer hier nicht die Glocke der Interessenskonflikte scheppernd hört …

Solange die Staumauer hält, ist alles gut …

So wie sich das Wasser seinen Weg zum Meer beziehungsweise immer zur tiefsten Stelle sucht, so sucht sich auch das Geld seinen Weg in den Markt. Wenn es dort angelangt ist, wird es Einfluss auf die reale Wirtschaft haben und es wird als deutliche Inflation wahrgenommen werden. Ist der Staudamm erst einmal gebrochen und ergießt sich die Geldmenge, so ist diese kaum mehr zu steuern. Professor Dr. Serge Ragotzky* fasst es so zusammen: „Wenn die Menge eines Tauschgutes, in diesem Fall des Geldes, erhöht wird, ändern sich entsprechend alle Tauschverhältnisse. Darum ist auch ein Liter Wasser in Mitteleuropa nicht so teuer wie in der Sahara. Ökonomen wie Ludwig von Mises gaben deswegen bereits die Geldmengenausweitung und nicht erst den später folgenden Verbraucherpreisanstieg als die eigentliche Inflation bezeichnet. Es ist durchaus zu befürchten, dass die bereits stattgefundene und zusätzlich geplante Geldmengenerhöhung in der Eurozone zeitverzögert zu erheblichen Preissteigerungen führen wird. Unsichere Konjunkturaussichten können zwar das Ausgabeverhalten der Bürger über eine sinkende Umlaufgeschwindigkeit des Geldes bremsen und damit den Geldmengenausweitungseffekt auf die Verbraucherpreisinflation temporär kompensieren. Die historische Erfahrung zeigt aber, dass die proportional zu erwartende Verbraucherpreisinflation mittel- bis langfristig in der Regel nachgeholt wird.“

Eine Flutwelle wird vor allem den „kleinen Sparer“ überrollen

Geld entsorgtEines ist in jedem Fall sicher: Die Staatengemeinschaft wie auch die privaten Investoren werden ihre Vermögenswerte längst in sicheren Häfen haben, wenn die Staumauer bricht und sich die Geldmenge in den Markt ergießt. Vor allem die in Geldwerte investierten Altersvorsorgesparer wird es nasskalt erwischen. Investoren wie Black Rock, die an der Quelle zusammen mit der EZB die Prozesse lenken, werden schön im Trockenen bleiben. Ein direktes Investment in Black Rock ist da sicherlich nachhaltig-renditereicher als in eine gesetzliche Riester- oder Rürup-Rente. Das mit dem „nachhaltig-renditereich“ sei besser gleich zurückgenommen. Nachhaltig? Ob und inwieweit die Investments von Black Rock nachhaltige Investments sind, darf bezweifelt werden. Doch das wäre mal ein ganz eigenes Thema. Wir merken uns nur: Die Krise ist nicht weg – sie staut sich nur unsichtbar hinter einer Mauer an.

Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen sie die EZB oder die amtierende Bundesregierung.

Andreas Müller-Alwart


Autor Andreas Müller-Alwart ist selbständiger Journalist, Coach sowie Requirement Engineering Manager und Mitglied des Reflektion-Teams.

Bild- und Grafikquellen:

  1. Beitragsbild: «Heile Welt» – http://pixabay.com/de
  2. «Zukunft» – Kasper – www.pixelio.de
  3. «Finanzmarkt» – http://pixabay.com/de
  4. «Hyperinflation» – Rolf Handke  / www.pixelio.de
  5. «stinkende Brühe (Fluss)» – Lu Guang/Greenpeace
  6. «Geldentsorgung» – http://pixabay.com/de
der renner

Sklavenarbeit vor der Haustüre

von Andreas Müller-Alwart

Sie leben ohne Strom, ohne Wasser, ohne Papiere. „Hier ist es immer noch besser als bei uns zu Hause“, sagt einer der Arbeiter, der hier in der Landwirtschaft schuftet – nicht selten in Gewächshäusern oder unter Plastikplanen bei über 60 Grad. Hier – das ist nicht Afrika oder Asien. Hier – das ist Europa. Südeuropa. Es ist in Griechenland. Wenn in Europa bzw. in einem europäischen Land die Wirtschaft ganz oder teilweise am Boden liegt, wenn die Löhne sinken und die Preise steigen, dann gibt es immer noch Einwanderer, für die es sich lohnt hierher zu kommen. Einwanderer aus Bangladesch beispielsweise. Aus einem der ärmsten Länder der Welt. Wer aus Bangladesch auswandert, der findet fast überall auf der Welt bessere Lebensbedingungen, er wird aber auch überall auf der Welt wie ein Sklave, wie ein Leibeigener behandelt.

Besser als schlecht zu leben, ist nicht gleichbedeutend mit gutem und freiem Leben

 Ein Arbeiter transportiert auf einer Plantage im indischen Uttar Pradesh geschnittenes Zuckerrohr ab.

Ein Arbeiter transportiert auf einer Plantage im indischen Uttar Pradesh geschnittenes Zuckerrohr ab.

Überall auf der Welt gibt es diese Art der Leibeigenschaft. Wer seinen Urlaub in der Dominikanischen Republik verbringt und per Bus oder auf eigene Faust über die Insel fährt, sieht die endlosen Zuckerrohrfelder. Jene Felder, die als Symbol für den Ursprung der Sklavenarbeit stehen, die in keinem US-Film zu diesem Thema fehlen dürfen. Zwischen meterhohen Zuckerrohrpflanzen sind die Arbeiter eingeschlossen, ohne auch nur mehr als fünf Meter in die Ferne blicken zu können. Von der Landstraße aus – eingebettet zwischen den riesigen Feldern – sind mächtige Villen zu erkennen, in die sich die Feudalherren wie in eine Festung zurückgezogen haben. Nicht selten – so erfährt man bei einer geführten Tour über die  DominikanischeRepublik – sind die prächtigen Herrensitze in der Dominikanischen Republik ein Rückzugsgebiet für Drogenbarone, die ihre Gewinne aus dem Zuckerrohrgeschäft in das noch lukrativere Drogengeschäft investiert haben. Sie können hier nicht belangt werden.

Illegalität – eine ganz wichtige Basis für moderne Sklaverei

Obgleich die Dominikanische Republik einerseits zu den aufsteigenden Ländern gehört, ist die Armut andererseits immer noch hoch. Denn an der Tourismusindustrie verdienen überwiegend jene, die schon immer verdient haben – nämlich nur die, die Kapital für Investitionen haben und das sind die internationalen Konzerne und Vermögenden. Es sind eben nicht die einfachen einheimischen Dominikaner, die vom aufstrebenden Tourismusleben profitieren. Und doch gibt es auch hier noch Ärmere: Die Haitianer, die vor Armut, Erdbeben und aus politischen Gründen aus Haiti geflüchtet sind und die lieber auf den Zuckerrohrfeldern der dominikanischen Herren leben, als in der noch unerträglicheren Armut. Sie verdienen schlecht, werden schlecht behandelt und sind de facto vogelfrei. Sie sind meistens illegal, also ohne Papiere, eingereist und das heißt eben auch immer hier zu leben ohne Rechte und ohne die Möglichkeit, für sich Grundlegendes wie ein menschenwürdiges Leben einzufordern. Diese Illegalität ist die Basis für jede moderne Sklaverei. Wer sich auf einem Territorium illegal aufhält, ist dort auf rechtsfreiem Gebiet. Er kann weder auf die Rechte pochen, die ihm in seinem Herkunftsland zustehen, noch auf die Rechte die die Menschen üblicherweise in dem Land haben, in das er eingewandert ist. Dieser rechtsfreie Raum ist der Nährboden der Sklaverei, er ermöglicht es, dass die Menschen auf menschenunwürdige Weise gehalten und erniedrigt werden können.

Saisonarbeit muss keine Sklavenarbeit sein

Gemüseernte SaisonarbeiterHinter den Kulissen der Tourismus-Idyllen und vor allem unter dem Deckmantel der Effizienz in der Produktion unserer Marktwirtschaft geht die Sklaverei weiter – sie ist nicht überwunden, wie uns die Filmindustrie oft Glauben machen möchte, wenn sie vor allem die amerikanische Sklavengeschichte aufzubereiten versucht. Der Konkurrenzkampf ist enorm – weltweit –, aber eben auch und gerade in Griechenland. Viele Straßen zu den produzierten Betrieben sind in Griechenland nicht ausgebaut und viele Bahnstrecken werden nicht mehr oder nicht ausreichend bedient. Dadurch sind die Transportwege oftmals zu langsam. Wenn Früchte wie z. B. Erdbeeren erntereif sind, müssen diese logistischen Transportprobleme überwunden werden und – wie in Deutschland auch – werden sehr viele saisonale Arbeiter benötigt, um diese Ernte möglichst rasch und vollständig einzubringen und auszuliefern. Und so machen die Griechen letztlich nichts anderes, als die Deutschen: Sie setzen saisonale Arbeiter ein. Es gibt allerdings einen gravierenden Unterschied: Saisonarbeiter können in Deutschland sozialversicherungsrechtlich als befristete Arbeiter eingestellt und versichert werden. Sie können legal einreisen und sie haben zumindest gewisse Rechte.

Mit der Schrotflinte gegen Arbeiter, die ihren Lohn einfordern

Anders in Griechenland: Angesichts der Marktlage und Arbeitslosigkeit gibt es einen Einreisestopp. Die Menschen aus fernen Ländern halten sich deswegen überwiegend illegal auf, die Polizeibehörden der Kommunen müssten sie eigentlich in Gewahrsam nehmen und ausliefern. Doch die Vetternwirtschaft funktioniert weiterhin und die Solidarität in den Kommunen gilt natürlich in erster Linie den Griechen. Wer wollte es ihnen verdenken. Die illegalen Arbeiter haben deswegen – ohne Papiere und ohne Rechte – einen sehr schweren Stand. Oftmals arbeiten sie als Tagelöhner und müssen letztlich zu jedem Stundenlohn arbeiten, den man ihnen anbietet. 1-2 Euro sind üblicher Durchschnitt, wobei schon alle froh sind, wenn sie wenigstens diesen Lohn am Ende ihrer Arbeit tatsächlich erhalten. Leider kommt es immer wieder vor, dass noch weniger ausbezahlt wird oder Mitarbeiter monatelang gar keinen Lohn erhalten. Wenn sich dann die so geprellten Arbeiter zusammenfinden und gegen diese Unterschlagung aufbegehren, kommt es immer wieder zu dramatischen Ereignissen. Erst jüngst wurde beispielsweise ein Vorarbeiter wegen mehrfacher, schwerer Körperverletzung verurteilt, weil er auf mehrere protestierende Mitarbeiter mit der Schrotflinte geschossen hatte. Über 100.000 Euro Lohnschulden hatten sich angesammelt, bis die saisonal Beschäftigten sich gegen den Arbeitgeber auflehnten. Solche Extreme sind glücklicherweise Ausnahmen, zeigen aber nur zu deutlich, wie blank die Nerven liegen.

Gut gemeint und falsch gemacht?

Wer Trauben, Spargel und Erdbeeren aus Griechenland kauft, der unternimmt dies sicherlich auch mit der Intention, dass er etwas bei Menschen kauft, die er im geliebten Urlaubsland kennen und schätzen gelernt hat. Aus der gleichen Liebe zur Heimat kauft der gleiche Verbraucher ja auch lokal angebauten Spargel oder einheimischen Wein. Wer denkt schon daran, dass er beim Kauf der griechischen Agrarprodukte ein System unterstützt, das asiatische Mitbürger so unwürdig behandelt? Und was wäre die Konsequenz, wenn ihm dies bewusst wäre? Griechische Spargel, Erdbeeren und Weintrauben nicht mehr kaufen? Nur noch einheimische Produkte auf dem Regionalmarkt erwerben? Dieser Weg scheint insofern richtiger zu sein, als der regionale Markt überschaubarer ist. Wir würden es wohl wissen und einschätzen können, wenn Mitarbeiter aus östlichen Ländern bei uns völlig unwürdig und illegal am Rande der Spargelfelder gehalten werden würden. Vielen von uns würde dabei der Appetit vergehen. Wir würden nach alternativen Einkaufsmöglichkeiten forschen oder vielleicht gäbe es sogar Proteste gegen den Umgang mit diesen Mitbürgern. Deswegen gilt: Gut gemeint und falsch gemacht, ist letztlich eben falsch gemacht. Die Marktwirtschaft versteht nur das Gesetz von Preis und Nachfrage. Emotionale Liebhabereien sind hier nicht vorgesehen …

Das System der Sklaverei ist weitgehend resistent

Krabben ThailandWir müssen erneut erkennen: Am eigentlichen System ändert dies nichts. Wo immer es Ungleichheiten zwischen den Produktionsbedingungen verschiedener Länder gibt, wo immer die Umverteilung nicht funktioniert, werden Menschen auf davon profitieren, während auf der anderen Seite die Sklavenhaltung nie aussterben wird. Mal ist es die Kinderarbeit – wie bei den Kindern im Steinbruch von Burkina Faso oder bei der Kakaoernte in der Elfenbeinküste. Mal ist es die Prostitution, die das Wirtschaftsgefälle zwischen West und Ost sowie zwischen Nord und Süd gleichermaßen anzieht. Immer findet sich ein Weg, mit den Menschen wirtschaftlich ärmerer Länder Geld zu verdienen, um den Konsumbedarf der wirtschaftlich reicheren Länder zu decken. Der deutsche Steuerzahler subventioniert dies noch alles: Einmal indem seine Steuern in die Infrastruktur einfließen, die dieses Wachstum und diesen übersättigten Konsum hier bei uns überhaupt erst ermöglicht. Andererseits dadurch, dass er die angebotenen Produkte ohne Kenntnis der Produktionsbedingungen dem Markt abnimmt. Dabei wissen wir alle: Wenn wir über die Produktionsbedingungen nichts wissen und die Ware über den globalisierten Markt zu uns kommt, ist immer irgendwo der Wurm in der Produktionskette. Im günstigsten Fall ist es einfach klimaschädlich, ein Produkt aus der Ferne einzufliegen. So bleibt wirklich nur der Weg, Produkte aus intransparenten Produktions- und Transportketten nicht mehr zu kaufen. Der globalisierte Markt hat immer trübe Untiefen, nur der regionale Markt bietet die Möglichkeit weitgehend im klaren Wasser nach Produkten aus wirklich sozialer, nachhaltiger Herstellung auszuwählen.

Sklavenarbeit gibt es so lange wie es Nachfrage nach den so erzeugten Produkten gibt

Für die von der Sklavenarbeit betroffenen Menschen ist es kaum ein Unterschied, ob sie in der Dominikanischen Republik, in Griechenland oder andernorts ausgebeutet werden. Wenn eine deutsche Erdbeere besser schmeckt als eine aus entlegeneren Ländern, so mag dies auch mit dem fahlen Beigeschmack zu tun haben, der entsteht, wenn man sich ansieht, wie andere Erdbeeren hochgepäppelt und geerntet wurden. Weder den Griechen noch den Einwanderern ist langfristig geholfen, wenn die so hergestellten Produkte weiterhin Absatz finden. Wer Sklavenarbeit und vergleichbare Auswüchse des globalisierten, freien Marktes verhindern oder zumindest reduzieren möchte, der muss das Prinzip der Beweislast umkehren. Sollen doch Hersteller und Verkäufer lückenlos nachweisen, unter welchen ökologischen und sozialen Bedingungen sie produziert haben. Wenn dies der angelieferten Erdbeere oder Traube nicht nachprüfbar bescheinigt werden kann, möge sie doch im Laden verfaulen, denn faule Geschäfte wollen wir uns nicht mehr auf der Zunge zergehen lassen. Faules gehört auf den Kompost. Solidarität mit Griechenland und mit Bangladesch hin oder her – das System der globalen Marktwirtschaft lernt nur über die Nachfrage. Nur über diesen Weg lässt es sich in ein kooperatives System transformieren und nur in der Kooperation lassen sich die Ungleichheiten überwinden, die das System der Sklaverei ermöglichen.

©Andreas Müller-Alwart


Autor Andreas Müller-Alwart ist selbständiger Journalist, Coach sowie Requirement Engineering Manager und Mitglied des Reflektion-Teams.

Bild- und Grafikquellen:

  1. Beitragsbild: «Skavenarbeit in Deutschland» –  http://www.atelier-behr.de/
  2. «Zuckerrohrernte» – (Bild: PRASHANTH VISHWANATHAN / BLOOMBERG)
  3. «Saisonarbeiter» – (Bild: dpa)
  4. «Arbeiter auf einem Fischkutter» – (Bild: dpa)
Burn Out

Depression und Kapitalismus

von Lars Distelhorst

Der Staat hat Repression heute kaum noch nötig, da die herrschende soziale Ordnung auf einem weit verbreiteten gesellschaftlichen Konsens beruht, der sich vielleicht nicht allerorten aus begeisterter Zustimmung speist, in der gängigen Meinung, das Bestehende sei nun einmal nicht zu ändern, jedoch seinen stärksten Verbündeten findet. Hartz IV, Unterbeschäftigung, Working Poor und Arbeitslosigkeit sind weit verbreitete Phänomene und führen in Deutschland zu einer Armutsquote von über 15 Prozent [1]. Doch hat sich die Gestalt von Armut im Zuge der Entwicklung der westlichen Länder wesentlich verändert, führt heute vor allem zu sozialem Ausschluss und geht nicht mehr mit einer unmittelbaren Gefährdung des Lebens einher.

Vor diesem Hintergrund bewegt sich auch die weit verbreitete Diskussion um psychische Erkrankung, an deren Spitze die Diskussion über die Verbreitung von Depressionen steht. Der dahinter stehende Gedanke lässt sich leicht zusammenfassen: Durch die immense Entwicklung der Wirtschaft ist es der modernen westlichen Gesellschaft gelungen, nahezu alle existentiellen Probleme zu überwinden und sich als stabiles politisches System zu etablieren, doch hat dies einen hohen Preis gefordert. Der heutige Mensch ist praktisch immer bei der Arbeit, stets gehetzt, rund um die Uhr erreichbar und dadurch einem immensen Leistungsdruck ausgesetzt. Das Resultat liegt auf der Hand: Viele halten den Druck nicht aus und werden psychisch krank – vor allem depressiv. Die Zahlen scheinen diese Diagnose zu untermauern. Knapp über acht Prozent der Bevölkerung leiden unter Depressionen, hinzu kommen gut vier Prozent mit diagnostiziertem Burnout-Syndrom, die Zahlen sind steigend und werden die Armutsquote mit einiger Wahrscheinlichkeit bald überflügeln [2]. Es ist nicht verwunderlich, wenn die Verbreitung psychischer Erkrankung mittlerweile der Dreh-und Angelpunkt jeder Diskussion ist, in der nach den grundlegenden Problemen des heutigen Kapitalismus gefragt wird. In Abwesenheit lebensbedrohlicher Repression und Ausbeutung geht von der Depression ein Schauer aus, der einerseits das dumpfe Unbehagen vieler Menschen in der Gesellschaft erklärt und andererseits geeignet scheint, die von ihr ausgehende Bedrohung greifbar zu machen.

Die Depressionen können ebenso wenig wegdiskutiert werden wie ihre zunehmende Verbreitung, auch wenn die genauen Zahlen umstritten sind. Doch den Grund für diese Entwicklung im Leistungswahn der modernen Gesellschaft auszumachen, erscheint bei näherem Hinsehen als eine sehr verkürzte Form der Kritik, die eher dazu angetan ist, den Bestand der etablierten Gesellschaft zu garantieren als ihre Veränderung voranzutreiben. Ein Blick zurück hilft, diese These zu illustrieren.

Vor 150 Jahren, als der Kapitalismus noch auf klassischer Industriearbeit beruhte, die Landbevölkerung in die Städte strömte und nur die Alternative hatte, sich entweder bis aufs Blut ausbeuten zu lassen oder in Ermangelung tragfähiger sozialer Sicherungssysteme mehr oder weniger schnell zugrunde zu gehen, wären Arbeitstage von heutiger Länge und der mit ihnen einhergehende Lebensstandard den meisten Menschen als Paradies auf Erden erschienen. Viele Bergarbeiter blieben tagelang in den Stollen, und auch die Kinder blieben nicht verschont. Arbeitssicherheit gab es nicht, der Gesundheitszustand der Meisten war schlecht, die Lebenserwartung entsprechend niedrig und jede Form öffentlicher Kritik konnte verheerende Folgen haben. Engels Schrift „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“, Emile Zolas „Germinal“ oder auch André Malraux’ „La Condition humaine“ veranschaulichen diese Situation in aller Deutlichkeit. Jeden Tag das Schreckgespenst der Entlassung oder der Invalidität vor Augen verausgabten sich die Menschen bis zur Erschöpfung und konnten froh sein, wenn ihr schmaler Lohn ausreichte, um die Familien zu ernähren, die sich in viel zu kleinen Wohnungen drängten.

Die ewige HetzjagdtDie Frage mag zynisch erscheinen – aber hätte diese Zeit nicht die Geburtsstunde der Depression oder immerhin depressiver Symptome sein müssen? War das nicht die wahre Leistungsgesellschaft und war der auf den Menschen lastende Druck zu dieser Zeit nicht wesentlich höher? Und wenn dem nicht so war – warum nicht?

Diese Frage lässt sich auf die heutige Zeit übertragen. Aktuellen Studien zufolge stammen die an Depression erkrankten Menschen nicht aus dem Bereich klassischer Arbeitsbranchen wie Bauwesen, Land- oder Forstwirtschaft, deren Erkrankungshäufigkeit ganz im Gegenteil um 35 bis 50 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt liegt. Unter Depressionen leiden vor allem im Dienstleistungsbereich arbeitende Menschen, am stärksten solche, die in sozialen Berufen tätig sind [3]. Um die These aufrechtzuerhalten, Depression sei das Ergebnis des allgegenwärtigen Leistungsdrucks, könnte der geschichtliche Exkurs und die heutige Verteilung der Depression in verschiedenen Berufsgruppen nur durch die Behauptung erklärt werden, in von klassischer Arbeit geprägten Berufen sei der Druck geringer als in der Dienstleistungsbranche. Da aber Bauarbeiter offensichtlich nicht mehr zu lachen haben als Sozialarbeiter, scheint eine solche These reichlich abwegig.


Kapitalismus als Tautologie

Die Richtung, in der möglicherweise eine Antwort zu finden ist, eröffnet sich durch eine kurze Betrachtung, was unter Kapitalismus zu verstehen ist. Kapitalismus gilt vielen als wertender Begriff, der vor allem darauf zielt, die Profitgier der heutigen Gesellschaft zu geißeln. Entsprechend wird er von Gewerkschaftsfunktionären und SPD-Politikern immer dann gerne genutzt, wenn es auf den Wahlkampf oder den Ersten Mai zugeht. Auch in akademischen Kreisen wird er mit Vorliebe gezückt, um der eigenen Position das Flair eines gewissen radical chick zu verleihen.

Solche Verwendung des Begriffs verwundert einen, wenn man Marx denn gelesen hat. Im „Kapital“ wird der Begriff in rein deskriptivem Sinne verwendet, um den Dreh- und Angelpunkt einer ökonomischen Ordnung zu beschreiben, die durch den Kreislauf des Kapitals bestimmt wird. Kapital wird dabei als Geld bestimmt, das in Maschinen und Arbeitskraft investiert wird, um Waren zu produzieren, deren Zweck darin besteht, sich für mehr als das ursprünglich investierte Geld zu verkaufen, um mit dem Profit den Kreislauf auf erweiterter Stufenleiter erneut zu beginnen [4].

Das eigentliche Problem des Kapitalismus liegt darin, das Primat der Produktion stets in der Verwertung zu lokalisieren, zu der die Befriedigung von Bedürfnissen sich bestenfalls wie ein Nebeneffekt verhält [5]. Dass soziale Strukturen sich ab einer gewissen Größe von der unmittelbaren Intention ihrer Träger trennen und ein Eigenleben produzieren, ist bis zu einem gewissen Grad normal, doch der Kapitalismus steigert diesen Effekt in einem historisch einzigartigen Maße. Der eigentliche Zweck menschlicher Arbeit (Bedürfnis) wird zu einem bloßen Mittel (zur Verwertung), die Form (G-W-G’ – Geringwertiges Wirtschaftsgut) verdrängt ihren Inhalt (konkretes Produkt). Die Bewegung entzieht sich jeder gezielten Kontrolle, da sie durch die Konkurrenz von Akteuren angetrieben wird, deren einzige Vermittlung über die Anonymität des Marktes geschieht und die um ihrer Existenz willen gezwungen sind, den Zirkel immer wieder von neuem auf möglichst stark erweiterter Stufenleiter zu wiederholen. Aus dieser Sicht ist das Problem der heutigen Ordnung vor allem ihre Verselbständigung, die angesichts des Destruktionspotentials des Kapitalismus verheerende Folgen zeitigt (wie jüngst in Bangladesch gesehen).

Doch mit der Zirkularität des Kapitals geht noch ein weiteres, weniger thematisiertes Problem einher. Mindestens ebenso verheerend wie die mangelnde Kontrolle über den Kreislauf des Kapitals ist dessen Eigenschaft, eine perfekt geschlossene Tautologie zu verkörpern, denn in selbiger liegt ein nicht zu unterschätzender Angriff auf die psychische Integrität der Menschen verborgen. Roland Barthes hat in „Mythen des Alltages“ die Tautologie treffend beschrieben: „Die Tautologie ist immer aggressiv. Sie bedeutet einen wütenden Bruch der Intelligenz mit ihrem Objekt. Sie ist die arrogante Androhung einer Ordnung, in der man nicht denken würde.“ [6]. Dies hat wesentliche Konsequenzen für die Menschen, die gezwungen sind, in einer kapitalistischen Gesellschaft zu leben. Der Kapitalismus hat nicht nur eine historisch einzigartige Tendenz, sich jeder Form von sozialer Steuerung zu entziehen, er beseitigt auch die konkrete Bedeutung aller Dinge, Handlungen und sonstigen Lebensvollzüge, die Teil seiner kreisförmigen Bewegung werden. Oder kurz ausgedrückt: Er höhlt systematisch Bedeutungsverhältnisse aus. Ein Objekt oder eine Fähigkeit, die für sich betrachtet sehr spezifische Bedeutungen haben, büßen diese ein, sobald sie zu einem Produktionsmittel im Kreislauf des Kapitals werden. Jede produzierte Ware könnte ebenso gut eine andere sein, jede Arbeitskraft könnte mit der gleichen Berechtigung vollkommen anders eingesetzt werden, jedes Bedeutungsverhältnis ist stets nur artifiziell, provisorisch und den Fluktuationen des Kapitals unterworfen, von dem es schließlich ganz zum Verschwinden gebracht werden wird. Der Kapitalismus ist aus dieser Sicht eine Bewegung, die den Tauschwert an die Stelle des Gebrauchswerts gesetzt hat [7] und jedes von ihr affizierte konkrete Bedeutungsverhältnis durch die Leere der Tautologie ersetzt. Die Frage ist, wie sich diese Tatsache auf die Psyche auswirkt.


Das Schwinden der Distanz

Marx beschreibt die psychischen Konsequenzen kapitalistischer Produktion mit dem Begriff der Entfremdung. Der Proletarier entfremdet sich von seinem Produkt, seiner Arbeit und schließlich – da sein Selbstverhältnis vor allem über Arbeit vermittelt ist – von sich selbst [8]. Auf welche Weise die Entfremdung sich psychisch manifestiert und ob dies Ähnlichkeiten zum heutigen Zustand der Depression haben könnte, bleibt Spekulation.

EntfremdungVon wo die Entfremdung herrührt kann jedoch genau festgestellt werden: aus der Arbeitswelt. Hier macht er die Erfahrung, sich die Produkte seiner Arbeit nicht aneignen zu können, am Fließband nur kleine Komponenten zu fertigen, die keinen Bezug zum endgültigen Erzeugnis haben, seine handwerklichen Fähigkeiten vielleicht nur zu einem minimalen Teil ausspielen zu können und sich dadurch selbst fremd zu werden. Zwei Faktoren mindern die Effekte der Entfremdung jedoch. Zum einen ist es auch unqualifizierten Arbeitern möglich, ihre Arbeit mit Stolz zu versehen, indem sie trotz allem versuchen, ihre Arbeit so gut wie möglich zu machen [9]. Zum anderen geht ihre Persönlichkeit nicht gänzlich im Produktionsprozess auf. Ihr Verstrickung in die Bewegung des Kapitals ist durch den Umfang ihrer für die Produktion relevanten Fähigkeiten ebenso limitiert wie durch das Ende des Arbeitstages. Ob ein Arbeiter höflich ist, gerne liest oder Fußball spielt, ist für seine Tätigkeit in der Fabrik vollkommen irrelevant, weil diese Eigenschaften nicht Bestandteil des Produktionsfaktors Arbeitskraft sind. Obendrein kommt er nach Arbeitsschluss nach Hause und kann in seiner Privatsphäre die Erfahrung eines nicht entfremdeten Lebens machen.

Diese Tatsache erklärt die Frage, warum heute klassische Arbeitsverhältnisse um die Hälfte weniger mit Depressionen einhergehen als Dienstleistungsberufe. Der Arbeiter bleibt mit einem Teil seiner Persönlichkeit außerhalb des Kapitalkreislaufs und wird entsprechend weniger von dessen Leere heimgesucht. Dies ist bei Dienstleistungsberufen gänzlich anders. Sie produzieren nicht nur einen Anteil von über 70 Prozent des Bruttosozialproduktes, sie bedeuten vor allem eine folgenschwere Verschiebung des Kapitalverhältnisses. Diese Verschiebung hat zwei Aspekte.

Erstens: Marx zufolge verkauft der Arbeiter seine Arbeitskraft als Ware an den Kapitalisten. Gegen den Strich gelesen steckt in dieser Behauptung die These verborgen, beim Arbeiter und seiner Arbeitskraft handle es sich um zwei verschiedene Dinge (was, wie gesehen, mit Blick auf klassische Industriearbeit auch korrekt ist). Dienstleistungsberufe gehen mit einer gänzlich anderen Struktur einher. Die Arbeitskraft eines (zum Beispiel) Sozialarbeiters kann nur schwerlich von seiner Persönlichkeit getrennt werden. Wo der Arbeiter vor allem seine Stärke und eine spezifische Form von Wissen als Arbeitskraft in den Kapitalkreislauf einspeist, kann beim Sozialarbeiter keine vernünftige Eingrenzung dessen vorgenommen werden, was er als Arbeitskraft verkauft. Sicher hat er einmal studiert und auf diese Weise ein bestimmtes Wissen erworben, und natürlich muss auch er sich physisch gesund halten, also essen, sich kleiden und eine Wohnung bezahlen. Doch damit ist es bei weitem nicht getan. Er muss eine bestimmte Weise des Umgangs mit seiner Klientel haben, engagiert sein, ein bestimmtes Erscheinungsbild haben, ebenso eine spezifische Weise, sich, die anderen und die Welt zu betrachten und vieles mehr. Zwischen ihm als Person und seiner Arbeitskraft gibt es damit keinen Unterschied. Persönlichkeit und Arbeitskraft sind deckungsgleich geworden. Wo es beim Bauarbeiter egal sein mag, welche Musik er gerne hört, ist dies beim Sozialarbeiter von großer Wichtigkeit, ebnet Musik doch – wie man heute weiß – insbesondere den Zugang zu schwieriger Klientel. Was eben noch außerhalb des Kapitalkreislaufs stand, wird nun dessen integraler Bestandteil und dadurch ins Herz der Tautologie gezogen.

Zweitens: Proletarier und Kapitalist sind durch eine klare Linie voneinander getrennt, wenn sie sich nicht gar im Klassenkampf gegenüberstehen. In Dienstleistungsberufen (und schleichend auch im Bereich klassischer Arbeit, der hinsichtlich Servicebetonung, Image und beruflichem Selbstverständnis langsam nach den Gesichtspunkten von Dienstleistungen umstrukturiert wird) geht dieses Gegenüber mehr und mehr verloren. Die Ich-AG war der allzu deutliche rhetorische Klimax einer Bewegung, die sich von oben nach unten in der Gesellschaft durchsetzt. Die Menschen werden mehr und mehr genötigt, sich wie kleine Kapitalisten zu begreifen und entsprechend zu handeln [10]. Sie feilen an ihrer Employability, nehmen an Beratungen teil, die ihnen vermitteln, Probleme als Herausforderungen zu begreifen und pflegen akribisch ihre Netzwerke, auch wenn sie viele ihrer Bekannten vielleicht nicht einmal mögen. Arbeit ist heute kein Ausbeutungsverhältnis mehr, sondern für viele Menschen zum Medium ihrer Selbstverwirklichung geworden. Sicher trifft dies eher auf jemanden mit hoher Qualifikation als auf einen Empfänger von Sozialleistungen zu, doch auch Arbeitslose und Geringqualifizierte wie z.B. Verkäufer oder Friseurinnen werden entsprechend zurechtgemacht. Auf diese Weise kommt es zu einer schrittweisen Verkehrung der Perspektive. Erschien die Reihe G-W-G’ im klassischen Kapitalismus dem Proletarier als W-G-W, da er nur arbeitete, um sich durch entsprechenden Konsum am Leben halten zu können, nehmen die arbeitenden Menschen heute immer mehr an ersterer Bewegung teil. Sie investieren Geld in sich selbst, verkaufen ihre Persönlichkeit und streichen am Ende (zumindest einige) mehr Geld ein, um den Kreislauf von neuem zu beginnen (besonders deutlich wird dies beim Personal Branding).

Diese beiden im Dienstleistungsbereich besonders stark ausgeprägten Bewegungen beseitigen den Abstand zwischen dem leeren Kreislauf des Kapitals und den Subjekten, was Distanzierung oder gar Widerstand wesentlich erschwert. Dies betrifft Menschen mit Arbeit ebenso wie Arbeitslose. Sind die einen bereits in den Kreislauf integriert, versuchen die anderen auf jedem Weg hineinzukommen und nehmen auf diese Weise an ihm teil. Wenn das Kapital eine tautologische Bewegung ist und selbige dazu tendiert, Bedeutungsverhältnisse zu nivellieren, wenn nicht gar aufzuheben, ist das moderne Subjekt vollkommen in diese Dynamik eingespannt, da es über keine Ressourcen mehr verfügt, um sich auf Abstand zu halten. Weder gibt es Aspekte seiner Persönlichkeit, die nicht als Kapital in Frage kämen, noch hat es ein Gegenüber, von dem es sich distanzieren könnte. Das Subjekt wird von der Leere des Kapitalkreislaufs aufgezehrt. Und genau hier ist die Verbindung zur Depression, die das psychische Spiegelbild dieser Bewegung ist.


Depression als Akt der Identifikation

Als Symptome einer Depression werden in der Regel Zustände wie Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, Trauer, Gefühlslosigkeit, sozialer Rückzug und Verlust der Libido beschrieben. Depressive erleben sich selbst anders als zuvor, verändern ihr Verhalten und haben nicht selten körperliche Beschwerden, die ihren Grund vor allem in ihrem psychischen Zustand haben. Die Depression betrifft also den Menschen als Ganzes und ist wie ein Strudel, in dem langsam alles verschwindet, was die Persönlichkeit eines bestimmten Individuums einmal ausgemacht hat. Nicht selten ist das soziale Umfeld überfordert und zieht sich zurück, was den Zustand des Betroffenen verschlimmert [11]. Die Entstehung von Depressionen ist bis heute unklar, ebenso wie die Frage, was eine Depression abgesehen von der Beschreibung ihrer Symptome eigentlich ist. Auf einschlägigen Webseiten finden sich in der Regel nur Aufzählungen, die physische, genetische, psychische und biographische Elemente kombinieren, um anschließend darauf zu verweisen, eine typische Depression gäbe es eben nicht. Die Krankheit bleibt bis zu einem gewissen Punkt ein Rätsel.

Zu Freuds Zeiten gab es eine psychische Krankheit, die in ihrer Symptomatik frappierende Ähnlichkeit zur Depression aufwies, heute aus dem psychischen Fachvokabular jedoch nahezu verschwunden ist – die Melancholie. Freud beschreibt sie als einen Zustand der Selbstzerknirschung, der mit Gefühlen innerer Leere und der Herabsetzung des Ich einhergeht. Die Entstehung der Melancholie geht auf einen gravierenden Objektverlust zurück, den das Subjekt nicht verarbeiten kann oder darf (wenn die Normen es verbieten), weswegen es sich vor der Einsicht in den Verlust durch die Identifikation mit dem Objekt zu schützen versucht. Das Objekt wird in das Ich aufgenommen und anschließend vom Über-Ich mit Angriffen überzogen, da sein plötzliches Verschwinden ein enormes Potential an Aggressivität freigesetzt hat [12].

Interessant sind an dieser Stelle vor allem drei Momente. Erstens ist die freudsche Melancholie eine Krankheit, die aus einem Konflikt resultiert. Das Subjekt kann oder darf nicht trauern und in seinem Inneren tobt ein kleiner Krieg, in dem sich Ich und Über-Ich aneinander aufreiben. Zweitens handelt es sich bei der Melancholie um eine Krankheit der Identifikation, wobei es die dergestalt vollzogene Internalisierung des Objekts ist, die erst zur Ausbildung der entsprechenden Symptomatik führt. Drittens ist die Melancholie eine Krankheit, die von einer schrittweisen Entleerung des Ichs geprägt ist, die bis zur völligen Verarmung reichen kann [13].

IdentifikationAuf dem Weg von der alten Melancholie zur heutigen Depression gibt es eine ausschlaggebende Veränderung. Alain Ehrenberg verweist auf die Tatsache, dass die heutigen Gesellschaften nicht länger durch Verbote mitsamt den daraus resultierenden Konflikten strukturiert sind, sondern vor allem durch einen weiten Horizont von Möglichkeiten, aus dem das Subjekt beständig zu wählen gezwungen ist, um seine Identität für andere und die Gesellschaft attraktiv zu machen. Wo es in der Gesellschaft Freuds um Schuld ging (die Schuld des verstorbenen Objekts, die Schuld, falsch geliebt zu haben, etc.), geht es nunmehr vor allem um die Verantwortung für die Modulation der eigenen Identität [14]. Das moderne Subjekt sei übermäßig damit beschäftigt, sich selbst immer wieder neu zu erfinden und verliere sich in einem narzisstischen Zirkel, der schließlich in die Depression münde, da es zwar händeringend versucht, es selbst zu sein, an dieser Aufgabe jedoch permanent scheitert [15].

Der von Ehrenberg beschriebene Prozess spiegelt sich in der Omnipräsenz sozialer Netzwerke, der gesellschaftlichen Verpflichtung zur Originalität und der allgemein anerkannten Hippness kalkulierter Abweichung. Wer zwei Stunden am Tag sein Facebook-Profil pflegt, muss sich die Frage gefallen lassen, ob die dahinter stehende Wahrnehmung, noch jeder kleine Lebensvollzug sei es wert, medial aufgearbeitet und öffentlich gemacht zu werden, nicht eher einer fatalen Selbsttäuschung entspricht, hinter der sich eine Person verbirgt, der ihr eigener Narzissmus zum Gefängnis geworden ist. Beachtenswert ist jedoch, dass die Depression bei Ehrenberg wie die Melancholie als Krankheit der Identifikation und des Mangels bzw. der Leere verstanden wird. Letztere resultiert ihm zufolge aus dem ständigen Gefühl, nicht genug Identität akkumuliert zu haben und hinter den Erwartungen anderer und des eigenen Selbst zurückzubleiben. Es gibt immer noch ein Kleidungsstück, das man mal probieren sollte, ein Coaching, an dem teilzunehmen ein lohnendes Unterfangen wäre und offene Fragen, die sich bei Hinzuziehung entsprechender Beratungsangebote vielleicht klären ließen. Die heutige Verbreitung entsprechender Angebote und die Überflutung der Bücherregale mit Ratgeber- und sonstiger Werd-Besser-Literatur lässt Ehrenbergs Standpunkt nahezu selbstevident erscheinen.

Doch lässt sich die Argumentation durch Rückgriff auf die vorherigen Ausführungen über den Kapitalismus und dessen Tendenz zur Subversion fester Bedeutungsstrukturen auch umkehren. Statt einem notorischen Scheitern der Identifikation ließe sich ganz im Gegenteil von einer vorbildlich funktionierenden Identifikation sprechen. Wenn der moderne Kapitalismus sich dadurch auszeichnet, jedes Individuum als Kapitalisten anzurufen und statt einer gegen die Persönlichkeit abzugrenzenden Arbeitskraft den ganzen Menschen mit all seinen Eigenschaften ins Rad der Produktion zu spannen, ist die Leere der Depression nichts anderes als die Identifikation mit der Leere des Kapitalkreislaufs selbst. Das Verschwinden des Klassenwiderspruchs, die abnehmende Relevanz von Ausbeutung und Unterdrückung und die unternehmerische Modulation der Persönlichkeit haben die Distanz zum Kapitalkreislauf beseitigt und drohen jede Lebensäußerung des Subjekts in selbigen zu integrieren. Dem heutigen Subjekt ist potentiell alles Kapital, ob nun in seiner ökonomischen, kulturellen oder sozialen Gestalt [16], sogar das Emotionale ist bereits erschlossen [17]. Freundschaften werden zu Netzwerken, Intellektualität mutiert zu Problemlösungskompetenz und ein dickes Fell zu Frustrationstoleranz. Der in seiner Totalität zum Produktionsfaktor gewordene Mensch macht an jeder Ecke seines Lebens die Erfahrung, wie wenig es auf die konkrete Dimension seines Lebens ankommt, schließlich besteht das Ziel immer in der Verwertung an sich, nicht aber in ihrer konkreten Form. Wie auch immer das Subjekt seine Identität gestaltet, wird sie dort, wo sie in den Kapitalkreislauf eingeht, in die Sinnlosigkeit der Tautologie hineingezogen und von ihrer Leere affiziert. Die Identifikation mit dem Kapital ist die Identifikation mit der Leere, und diese äußert sich als Depression. Aus dieser Sicht ist die Depression weniger eine Abweichung als Symptom einer gelungenen Anpassung an die Logik der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung. Das ist zwar ärgerlich, weil die Menschen krankheitsbedingt bei der Arbeit fehlen und dadurch hohe Kosten verursachen, es ist jedoch auch äußerst praktisch. Denn wo kaum noch jemand über eine Identität verfügt, gibt es auch keinen Ort mehr, der zur Basis von Widerspruch werden könnte.


Quelle: Streifzuege-Team

„Streifzüge – Magazinierte Transformationslust“ ist eine Publikation des Vereins für gesellschaftliche Transformationskunde in Wien, Magazin Nr. 58

Bild- und Grafikquellen:

  1. Beitragsbild – BurnOut – D. Braun / pixelio.de
  2. Entfremdung – Andrea Müller  / pixelio.de
  3. Identifikation – S. Hofschlaeger  / pixelio.de

 

Fußnoten:

  1. Destastis (2012): Pressemitteilung Nr. 369, www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2012/10/PD12_369_634.html (abg. 9.5.2013).
  2. Kurth, B.M. (2012): Erste Ergebnisse aus der „Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland“ (DEGS); in: Bundesgesundheitsblatt 2012 (55), Springer, Berlin, 987.
  3. BPtK (2010): Komplexe Abhängigkeiten machen psychisch krank – BPkT-Studie zu psychischen Belastungen in der modernen Arbeitswelt, http://www.bptk.de/uploads/media/20100323_bptk-studie_psychische_erkrankungen_in_der_arbeitswelt.pdf (abg. 9.5.2013), (8f.)
  4. Marx, Karl (1989): Das Kapital, Bd. 1, MEW 23, Dietz, Berlin, 161ff. http://marx-wirklich-studieren.net/marx-engels-werke-als-pdf-zum-download/
  5. Heinrich, Michael (2005): Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung, Schmetterling, Stuttgart; 84
  6. Barthes, Roland (1964): Mythen des Alltags, aus dem Französischen übersetzt von Horst Brühmann, Suhrkamp, Fa M, 27
  7. Debord, Guy (1996): Die Gesellschaft des Spektakels, übersetzt von Jean-Jacques Raspaud, Edition Tiamat, Berlin, 38
  8. Marx, Karl (1968): Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEW Ergänzungsband 1, Dietz, Berlin, 514f.
  9. Sennett, Richard (2006): The Culture of the New Capitalism, Yale University Press, New Haven, 103f.
  10. Bröckling, Ulrich (2007): Das unternehmerische Selbst, Suhrkamp, Fa M.
  11. Deutsche Depressionshilfe (2013): http://www.deutsche-depressionshilfe.de/stiftung/depression-erkennen.php (abg. 9.5.2013)
  12. Freud, Siegmund (1989): Trauer und Melancholie, in: Studienausgabe Bd. 3, Fischer, FaM.
  13. ebd., 206
  14. Ehrenberg, Alain (2008): Das erschöpfte Selbst, Suhrkamp, FaM, 15f.
  15. ebd., 179
  16. Bourdieu, Pierre (1983): Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital, in: Reinhard Kreckel (Hg.): „Soziale Ungleichheiten“, Soziale Welt Sonderband 2, Göttingen.
  17. Illouz, Eva (2007): Gefühle in Zeiten des Kapitalismus, Suhrkamp, FaM, 102
Willy Wimmer

KenFM im Gespräch mit: Willy Wimmer (Juni 2014)

von KenFM

Nie war die deutsche Außenpolitik so wenig souverän wie in unseren Tagen. Deutschland wird von seinem großen Bruder konsequent abgehört und parallel dazu gezwungen, auf dem eigenen Kontinent gegen ureigene Interessen zu verstoßen. In etwa gegen ein entspanntes Verhältnis zum Nachbarn Russland.

Welche Folgen hat diese Politik für die BRD, aber eben auch für Europa?

„Europa soll wieder fit gemacht werden für den Krieg.”
Zu diesem niederschmetternden Urteil kommt aktuell der langjährige CDU-Bundestagsabgeordnete Willy Wimmer.

Der Mann war unter anderem als Staatssekretär des Verteidigungsministeriums während der Kanzlerschaft Helmut Kohls tätig. Er begleitete als Diplomat die 2+4-Gespräche zur deutschen Wiedervereinigung. Von 1994 bis 2000 war Willy Wimmer Vizepräsident der Parlamentarischen Versammlung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, OSZE.

Die OSZE-Konferenzen waren die erfolgreichsten Staatentreffen in der Geschichte Europas, denn hier begegneten sich alle Teilnehmer auf Augenhöhe. Leben und leben lassen, war das gemeinsame Credo bei allen unterschiedlichen Interessen.

Seit dem Balkankrieg unter Rot/Grün 1990 geht es nicht nur diplomatisch in Europa bergab. Die aktuelle Europawahl trägt dem Rechnung. Es hat ein massiver Rechtsruck stattgefunden, dem die Bankenkrise vorausging, ausgelöst in den USA.

Seither befindet sich Europa in einer massiven sozialen Schieflage. Eine Spaltung in Arm und Reich ist die Folge und macht so Gräben auf, die seit Kriegsende ’45 mühsam geschlossen wurden.

Geschichte ist kein Zufall. Hinter ihr stecken Kräfte mit persönlichen Interessen. Diese Interessen decken sich in der Regel nicht mit den Wünschen der Mehrheit.

Wer Geschichte verstehen will, muss jeden Abschnitt, auch den der Gegenwart, als Teil eines großen Puzzles begreifen. Im Gespräch mit Willy Wimmer versuchen wir, dieses Gesamtbild zu skizzieren.

Wir streifen dabei die Themengebiete Status quo Ukraine, EU-Wahl und die Folgen und die aktuelle US-Außenpolitik nach der Rede Barack Obamas in Westpoint.

Ebenfalls zur Sprache kommt der geplante Abschied vom Parlamentsvorbehalt, sodass die Bundeswehr schon bald über Brüssel in alle Welt geschickt werden kann, ohne dass Berlin sich noch wehren könnte.

Willy Wimmer zitiert den ehemaligen US-Präsidenten Jimmy Carter, der der amerikanischen Demokratie ein ersthaftes Problem attestiert hat. Was ist los in Amerika und wie sollen Deutschland und Europa damit umgehen?

Final sprechen wir mit Wimmer über die Montagsmahnwachen, die in der BRD inzwischen in über 100 Städten stattfinden. Muss sich ein Bürger für sein ureignes Recht, auf die Straße zu gehen, entschuldigen?

Willy Wimmer hat viele unserer Fragen beantwortet, aber uns haben sich nach dem Gespräch noch weitere aufgetan. Wir werden das politische Urgestein Wimmer wohl erneut besuchen müssen, denn Politik ist ein Zug, der sich ständig bewegt und Schienen folgt, die ihn jederzeit in eine Richtung führen können, von der wir nicht wissen, wie der Endbahnhof heißt. Hier schlummert ein Risiko, das Krieg beinhaltet.

Nie waren politischer Sachverstand und jahrzehntelange Erfahrung auch während des Kalten Krieges mehr gefragt als dieser Tage.


Quelle: KenFM kenfm scrabble kang

Interviewpartner: Willy Wimmer

Seit 1959 Mitglied der CDU, Landesvorstand der Jungen Union Rheinland und Bezirkvorsitzender der Jungen Union Niederrhein.

1969 bis 1980 Mitglied des Stadtrats Mönchengladbach, 1975 bis 1979 Vorsteher des Stadtbezirks Rheydt-Mitte, 1975 bis 1976 Mitglied der Landschaftsversammlung Rheinland.

Von Juni 1986 bis November 2000 Vorsitzender des Bezirksverbandes Niederrhein der CDU Nordrhein-Westfalen – seit November 2000 Ehrenvorsitzender.

Von April 1985 bis Dezember 1988 Vorsitzender der Arbeitsgruppe Verteidigungspolitik der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.

Vom 19. Dezember 1988 bis 01. April 1992 Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister der Verteidigung mit den besonderen Schwerpunkten: Integration der Streitkräfte in Deutschland und Zusammenarbeit mit der Westgruppe der Truppen (ehemals SU, heute GUS).

Vizepräsident der Parlamentarischen Versammlung der OSZE von Juli 1994 bis Juli 2000.

Stellvertretender Leiter der Delegation des Deutschen Bundestags bei der Parlamentarischen Versammlung der OSZE.

Willy Wimmer ist unter Einschluss von Finanz- und Wirtschaftsfragen Experte für globale Sicherheitspolitik und führte über Jahrzehnte auf höchster staatlicher Ebene Gespräche.

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Die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit der Anti-Friedensbewegung:

Gedanken zur Europawahl

von Eifelphilosoph

Freitag, 23.5.2014,  Eifel. Sehr seltsame Erscheinungen erblühen gerade in Deutschland. Äußerst seltsame Erscheinungen, die von einer weitgehenden Vernichtung linken Geistes in Deutschland zeugen …. weshalb alle Merkel oder AfD wählen … oder gleich ganz zu Hause bleiben. Wovon ich spreche?

Nun – ist gibt eine Friedensbewegung in Deutschland: Montagsdemos genannt. Montagsdemos kennt man – die haben Tradition. Angesichts einer neu eintretenden Kriegsgefahr mitten in Europa versammlen sich Menschen auf den Straßen, die für den Frieden sind: früher haben das Millionen gemacht, bis die Friedensbewegung in der Partei der “Grünen” aufging, die dann die ersten Bomber seit Hitler ins Ausland schickten. Ich denke – das hat bis heute keiner so richtig verdaut, ebenso wenig, wie man verstanden hat, wieso GERADE die SPD den Sozialstaat massakriert (schlimm), die Finanzmärkte reguliert (superschlimm und richtig teuer) und ebenfalls Bomber ins Ausland schickt (einfach nur widerlich): früher hatte man gerade SPD und Grüne gewählt, damit all´ dies nicht geschieht – jetzt muss man wohl Angela Merkel wählen, um das alles zu verhindern. Na ja – das erklärt vielleicht ihren Erfolg.

688870_web_R_K_B_by_Sabine und Dietmar Schneidewind_pixelio.deJa – bleiben wir mal auf dem Teppich. Wer hat die erste Frau ins Kanzleramt geschickt? Die CDU. Wer hat die Wehrpflicht abgeschafft? Die CDU. Wer hat den ersten Schwulen als Vizekanzler eingesetzt? CDU und FDP. Wer hat die Panzerflotten des Kalten Kriges abgebaut? Die CDU. Wer hat aus Deutschland ein ausländerfreundliches Einwanderungsland gemacht? Die CDU. Wer hat einen Vietnamesen zum deutschen Außenminister gemacht? Die CDU. Wer hat einen Behinderten (auch noch Rollstuhlfahrer) zum zweitmächtigsten Mann in Deutschland gemacht? Die CDU. Wen wählen wir Linken also bei der Europawahl?

Gemein, die Frage, oder? Sie ist aber wichtig, um vor diesem Hintergrund aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen zu verstehen. Bleiben wir einfach mal bei den aktuellen Friedensdemos, die – angstoßen von der Ex-Grünen Jutta Ditfurth und auf breiter Front unterstützt von allen bedeutenden Medien von rechts bis links – inzwischen fast schon als fünfte Kolonne der NPD gelten. Es wäre schön, wenn es so wäre: denn dann wäre die Kritik berechtigt.

Je mehr man sich aber mit “KenFM”, Jürgen Elsässer und Lars Mährholz beschäftigt, umso weniger NDP bleibt da übrig. Lars Mährholz entpuppt sich als weitgehend unpolitischer Mensch, der – wie viele andere auch – nach Natobomben in Kosovo, Afghanistan, Lybien und Irak, nach Weltwirtschaftskrise und NSA-Skandal die Nase voll hat – wie viele andere auch. Wie viele andere auch sucht er nach Gründen für die seltsamen Deformationen in unserer Alltagswirklichkeit, die sich mit einfachen “Links-rechts”- Schemata nicht mehr erklären lassen … sonst müßten ja jetzt auch alle Linken Merkel wählen, deren Regierung viele linke Forderungen der Siebziger erfüllt und Minderheiten Anteil an der Macht gegeben hat (siehe oben).

“KenFM” genießt bei mir keine großen Sympathien, weil ich ihn kaum kannte, nur einmal bei einem Interview erlebt hatte und seine Art nicht schätze. Im Zusammenhang mit Jutta Ditfurths Kritik habe ich mich häufiger und näher mit ihm beschäftigt – und bislang … neben einer leicht missverständlichen, schnodderigen Art … nur urlinke Positionen gefunden. Also: wenn der Mann nicht links ist – wer denn dann? Wie oft soll der sich noch von rechten Gedankengut distanzieren, dass man ihm nur nachweisen kann, wenn man Beweise an den Haaren herbeizieht? Sein “Antisemitismus” hält sich dann auch in jenen Grenzen, der für Linke üblich ist – und für den die auch schon mal Juden in der BRD ermordet haben (siehe Zeit)

Vor “Compact” bin ich mehrfach gewarnt worden und beschäftige mich deshalb nicht so sehr damit, allerdings bin ich im Rahmen der Strafanzeige von Jürgen Elsässer gegen Jutta Ditfurth auf Wunsch von Jutta losgezogen (wie viele andere ihrer Fans) und habe nach explizit antisemitischen Äußerungen gesucht. Als bekennender “Israel-Versteher” dachte ich: das wäre ein leichtes, Antisemitismus in Form von unausgewogener Israelkritik finde ich in Deutschland an jeder Ecke … nur leider nicht bei Jürgen Elsässer. Eine Stunde Google-Suche … und kein Hinweis – trotz dutzender Unterstellungen, dem wäre so. Juttas “Fan-Club” trägt zwar fleißig viel Material zusammen (und beständig mehr bezichtigen ihn als “Antisemiten” – als ob Rufmord nun Volkssport sei) – aber nicht ein einziger Beweise für seinen Antisemitismus kommt zutage. Na – vielleicht sind die geheim oder nur zu erkennen, wenn man einen Aluhut trägt … ich aber fange an mich an Zeiten zu erinnen, wo solche Strategien schon mal gefruchtet haben.

484861_web_R_by_Dieter Schütz_pixelio.deDie ersten Opfer waren “Hexen”, danach folgten “Kommunisten”, später dann “Juden”. Alles im Prinzip feine Menschen – wenn man nur mal MIT ihnen geredet hätte, anstatt ÜBER sie.

“Faschismus” ist eben nicht nur eine Frage von politischen Meinungen oder eine Frage von Uniformen, sondern eine Frage des Umgangs mit dem politischen Gegner. Ich zitiere aus der Studie über gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, die seinerzeit für viel Aufregung in Deutschland gesorgt hat … weil wir dabei nicht gut weg kommen, siehe Studie zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, Uni Bielefeld:

Die humane Qualität einer Gesellschaft erkennt man nicht an Ethikdebatten in Feuilletons meinungsbildender Printmedien oder in Talkshows, sondern an ihrem Umgang mit schwachen Gruppen. Diese drückt sich in vielerlei Hinsicht aus:

Ein zentrales Motiv steht hinter diesen Erscheinungsweisen, Instrumentalisierungen und Entwicklungen: Das Bestreben, die Ungleichwertigkeit von Gruppen und ihrer Mitglieder aufrechtzuerhalten oder gar auszubauen, um letztlich die Position der eigenen Gruppe abzusichern. Abwertung und Ausgrenzung dienen diesem Ziel.

Zum besseren Verständnis:

Ökonomische Umverteilungen von unten nach oben, Entfernungen aus dem öffentlichen “Verkaufsraum”, Generalverdächtigungen gegenüber Lebensstilen oder religiösen Überzeugungen ganzer Gruppen sind nur einige Varianten. Auch werden einige Gruppen gegen andere instrumentalisiert oder als Bedrohungspotential auf die öffentliche Tagesordnung gehoben. Eine andere Variante ist, die Situation schwacher Gruppen gar nicht erst zu thematisieren, sie also aus der öffentlichen Wahrnehmung und Diskussion auszuschließen, zu vergessen, um nicht über Verbesserungen ihrer Lage nachdenken zu müssen. Klammheimlich kann hier auch die “Schuldumkehr” einsetzen, die die Ursachen für Abwertungen – quasi als Entlastung für die Gesellschaft – einer abgewerteten Gruppe selbst zuschreibt.

Hier sind wir mit einer bemerkenswerten Ungleichzeitigkeit konfrontiert. Auf der einen Seite werden von der Politik durchaus Anstrengungen etwa zur rechtlichen Gleichstellung bzw. Anti-Diskriminierung unternommen. Auf der anderen Seite sind deren Effekte offenkundig nicht hinreichend für eine deutliche Veränderung von Einstellungen in der Bevölkerung und für ein besseres Zusammenleben von Gruppen. Auch werden ‘neue’ Gruppen als Adressaten von Abwertung und Ausgrenzung entdeckt, z.B. Langzeitarbeitslose oder Muslime.

Das sollte man sich genau durchlesen. Die Studie ist älter, so daß die “Neurechten” noch nicht auftauchen – jene “Neurechten”, die als kleinsten gemeinsamen Nenner nur den Wunsch auf Frieden haben. DESHALB stehen die Menschen dort – und nicht um Adolf Hitler zum Messias zu erklären. Die Hypothesenkette, dort würde auch das US-Finanzsystem (vor allem die in Privatbesitz befindliche Bundesbank FED) angegriffen (Ursachen der letzten Wirtschaftskrise schon vergessen?), welches vor allem mit dem Namen Rothschild in Verbindung steht, der ja Jude sei weshalb alle Kritik am US-Finanzsystem automatisch Antisemitismus ist … ist selbst eine rechtsradikale Theorie, die so im Zusammenhang von Vertretern der Friedensdemos nie geäußert wurde – nur für die Antifriedensbewegung ist dies schlüssig. Das die Antifriedensbewegung durch die Akzpetanz dieser Hypothesenkette selber Antisemitismus betreibt, fällt in einem antisemitisch geprägten Land kaum noch auf: das grausige Urbild des “reichen Juden” geistert halt immer noch durch linke Hirne, wird dort – und NUR dort – vollständig akzeptiert und deshalb wird auch NUR DORT Kapitalismuskritik SOFORT als Antisemitismus gedeutet.

Anderen als Antisemiten ist klar, dass Juden eine verschwindend kleine Minderheit bei den Reichen bilden, die Mehrzahl sind weiße, angelsächsische Protestanten: die Oberschicht der USA.

Was erleben wir also hier? Die Schaffung eines künstlichen Bedrohungspotentials durch Generalverdächtigungen: was Arbeitslose und Muslime erdulden mussten, wird jetzt auf “nonkonforme Gesellschaftskritiker” ausgedehnt.

Warum?

Der Grund ist einfach zu benennen: weil sie SCHWACH sind. Das zeichnet “gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit” im Kern aus: Hetzjagd auf Schwache machen. Nichtparteikonforme Systemkritik hat keinerlei Unterstützung von Seiten etablierter, reicher Oberschicht, sie sind also ARM und SCHWACH: das ideale Ziel für den Mob, schon seit Jahrhunderten.

Wenn ein (mir persönliche eher unsympathischer) Jürgen Elsässer sich hinstellt und sinngemäß behauptet, es gehe im 21. Jahrhundert nicht mehr um den Kampf “links” gegen “rechts” sondern um den Kampf “oben” gegen “unten”, dann beschreibt er nichts anderes als den Kampf der Reichen gegen die Armen (den auch Magazine wie der Spiegel gelegentlich schildern, ohne jedoch politische Konsequenzen daraus zu ziehen), der zu den oben beschriebenen Verschiebungen im politischen Alltag führt, wo eine CDU klassische linke Forderungen in die Tat umsetzt … weil “links” aktuell völlig unbedeutend ist.

Und ich muss KenFM (anstatt Jutta Ditfurth) lesen, um Informationen zu erhalten, die ich fast übersehen hätte, siehe Handelsblatt:

„Wir meinen: taz lesen und AfD wählen ist voll ok!“, schreibt die Partei zunächst. Die „taz“ sei eine „Bereicherung für unsere Medienlandschaft“, so wie die AfD eine „Bereicherung für unsere Parteienlandschaft“ sei. Danach heißt es dann: „Deshalb wollen wir die taz unterstützen und die wegen unserer Anzeige verlorenen gegangenen Abos symbolisch ersetzen.“ Dann fordert die AfD die User auf zu schreiben, warum „taz-Lesen und AfD wählen voll ok“ sei – und verspricht, dass unter den „überzeugendsten, klügsten, witzigsten, originellsten Antworten“ drei „taz“-Abos für jeweils ein Jahr verlost würden.

Die Begründung der taz für die Schaltung der Anzeige ist in der Tat einleuchtend, siehe Handelsblatt:

Die Alternative für Deutschland (AfD) hat in der links-alternativen tageszeitung eine Anzeige zur Europawahl geschaltet. Dier harsche Kritik an der taz in den sozialen Medien konterte die Zeitung mit dem Bekenntnis: „Wir sind eben käuflich.“

Es lohnt sich, noch ein wenig tiefer zu graben – weil wir uns dem Kern des Problems nähern – wir wollen ja auch verstehen, warum die AfD GERADE in der taz Werbung macht.

Wir könnten uns eine Ablehnung finanziell leisten. Wir nehmen das Geld aber lieber, um damit guten Journalismus zu machen.

Das Handelsblatt selber ergänzt den Eintrag aus dem TAZ-Hausblog:

Interessant wäre freilich zu wissen, wie viele der Beschwerdeführer bei Twitter tatsächlich ein taz-Abo besitzen …

633239_web_R_K_by_sokaeiko_pixelio.deMerken Sie, wo die Front verläuft – die große soziale Front des 21. Jahrhunderts? Es ist nicht mehr die des 20. Jahrhunderts, wo Frauen, Behinderte, Schwule oder Ausländer prinzipiell zu den Ausgegrenzten gehören. Im 21. Jahrhundert sitzen die in der Regierung (dank CDU!), die neuen Opfer der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit sind ARME und SCHWACHE. Arbeitslose, Moslems oder “Neurechte”.  Was das Handelsblatt hier andeutet, ist klassische AfD-Position: Wahlrecht, Stimmrecht, Recht auf Meinungsäußerung nur noch für Reiche und die dem Reichtum zuarbeitende Schicht (näheres zur AfD-Position auch im taz-Hausblog) … und kritisieren darf nur noch, wer für das Abo zahlt.

Auf der einen Seite haben wir die Reichen (die sich mit der AfD eine neue, NICHT-nationalsozialistische Elitepartei schaffen, die taz-Linke ohne weiteres intergrieren kann), auf der anderen die Armen – und Schwachen.

Auf der einen Seite die, die Meinung bilden (durch Geld, mit Geld, von Geld und für Geld) – und auf der anderen Seite jene, von denen man verlangt, sie bedingungslos und ohne zu hinterfragen zu schlucken: diese Ansicht teilen sich rechte wie linke Eliten.

“Links” oder “Rechts” spielt da gar keine Rolle mehr … und ich denke, alte Fans von den “Ur-Grünen” oder der ehemaligen sozialdemokratischen Partei merken das gerade genauso wie erzkonservative in Bayern, die den Kurs der CDU nicht mehr verstehen.

In der neuen Auseinandersetzung sind Frauen, Ausländer, Schwule oder Behinderte GUT, wenn sie REICH sind. Auch LINKE sind GUT, wenn sie REICH sind – weshalb man bei den reichen Linken von der TAZ als AfD auch gerne mal eine Anzeige schalten kann.

Was heißt das nun für die Europawahl?

Hier ist der alte Traum der AfD von der Herrschaft der Elite schon längst Realität geworden, denn: WÄHLEN können sie dort NUR NOCH DIE ELITE. Sie können ein wenig beeinflussen, ob es rechte Elite mit Porsche ist oder linke Elite mit Porsche. Und EGAL wen sie wählen: wer immer dann im Parlament sitzt, ist AUTOMATISCH REICH! Sie werden also nicht umhin kommen, Porschefahrer zu wählen: das ist alternativlos.

Alternativlos wie die nicht endene Reihe von Menschenjägereien in Deutschland, die aktuell ein neues Ziel haben, auf das rechs wie links einschlagen: Friedensdemonstranten, deren größter Fehler es ist, dass sie SCHWACH sind.

Auf der anderen Seite haben wir die Antifriedensbewegung, eine Hassbewegung, die vor allem eins will: ihren eigenen Lebensfrust an anderen auslassen, die schwach wirken. Da kommen die regierungs- und medienkritischen Demonstranten gerade recht, denn wer gegen die vorgeht, kann automatisch mit BREITER SYMPATHIE von Regierung und Medien rechnen, wird wieder eingeladen auf die in der reichen Oberschicht so begehrten Sessel vor den Kameras … und erhascht dann vielleicht ja doch mal ein Pöstchen im Apparat.


Quelle: NACHRICHTENSPIEGEL – Der Eifelphilosoph

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Bild 3: sokaeiko / pixelio.de

Beitragsbild: Martin Kraft  / pixelio.de

Gier nach der Welt

Abkehr von Konsumismus – hin zu mehr Lebensqualität

Kritik der Unersättlichkeit und Lob des guten Lebens III

von Peter Weber

Zygmunt_Bauman_Leben_als_KonsumDie Wege, die uns ein „gutes Leben“, oder wenn man es utopistischer formulieren will, eine „bessere Welt“ bescheren sollen, führen unabdinglich über die Realisierung der von den britischen Wirtschaftsteoretikern und Ökonomen Robert und Edward Skidelsky als Basisgüter bezeichneten Grundbedürfnisse. Als damit korrespondierende Eckziele sind zu berücksichtigen:

  • Die Verwirklichung der Grundbedürfnisse in Verbindung mit einem angemessenen Lebensstandard.
  • Die Reduzierung der Arbeitszeit zur Erlangung von Einkommen.
  • Die gleichmäßigere und gerechtere Verteilung der Vermögen und Einkommen.
  • Einführung von Regionalisierung und Dezentralisierung auf allen Ebenen von Wirtschaft und Gesellschaft nach dem Motto: „Lokal vor global!“

Der Soziologe und Philosoph Zygmunt Bauman untersucht in seinem Buch „Leben als Konsum“ die Auswirkungen der vom Konsum bestimmten Haltungen und Verhaltensmuster auf verschiedene, scheinbar nicht miteinander verbundene Aspekte des sozialen Lebens: auf Politik und Demokratie, soziale Spaltungen und Schichtungen, auf Gemeinschaften und Partnerschaften, Identitätsbildung und die Produktion sowie den Gebrauch von Wissen und Wertorientierungen.

Mit dem Schwinden der moralischen Integration in Gruppen und Familien mindert sich auch die Bereitschaft, im Kleinen Verantwortung für andere zu übernehmen und im Großen einen Sozialstaat einzufordern. Und die Armen erscheinen nicht mehr als (potentielle) Arbeitskräfte oder Objekte des Sozialstaates, sondern als gescheiterte Verbraucher, als nicht brauchbare Güter.

Da sie in einer solchen Gesellschaft völlig nutzlos sind, sind sie »menschlicher Abfall«, für den im Zeichen der Deregulierung niemand Verantwortung zu übernehmen hat. Die Invasion und Kolonisierung des Geflechts menschlicher Beziehungen durch marktinspirierte und -geformte Weltanschauungen und Verhaltensmuster sind neben den Quellen des Unmuts, des Dissens und des gelegentlichen Widerstands gegen diese »Besatzungsmächte« die zentralen Themen dieses neuen Buches von einem sozialwissenschaftlichen Denker, der zu den originellsten und weitsichtigsten unserer Zeit zählt. Weitere Möglichkeiten und Hindernisse auf dem Weg zu einem gesellschaftlich-wirtschaftlichen Umdenken werden in den folgenden Abschnitten andiskutiert.

1. Paternalismus ohne Zwang?

Robert u. Edwart SkidelskyDie Frage, ob und in wie weit der Staat in wirtschaftliche Angelegenheiten eingreifen soll und bis zu welchem Grad er eine soziale Fürsorgepflicht besitzt, ist je nach politischer Gesinnung umstritten. Die marktradikale Ideologie steht für eine Deregulierung ein und will den Staat zurückdrängen. In einem Staat allerdings, wie er von den Skidelskys und auch in meinem Sinne erstrebenswert ist, darf er nicht neutral bleiben, und es sind ihm ethische Pflichten auferlegt. Grundsätzlich soll zwar das Prinzip der Zwanglosigkeit gelten, aber bei unüberwindlichem Widerstand und eklatanter Ungerechtigkeit darf es auch ein wenig Nachdruck sein, den man als legitimes Mittel zum Zweck deklarieren könnte.

Das heißt im Klartext, daß der Staat die Aufgabe besitzt, die Voraussetzungen zu schaffen, damit der ungehinderte Zugriff der Menschen auf die Basisgüter gewährleistet ist. Die Eingriffe des Staates müssen allerdings einen Rahmen wahren, der sicherstellt, daß keine Persönlichkeitsrechte geschädigt werden. Der Maßstab muß der sein, daß Bevormundungen und Zwangsmaßnahmen möglichst vermieden werden. Die Grenze der Zumutbarkeit ist allerdings dort angesiedelt, wo die Prinzipien der Gerechtigkeit verletzt werden. Der Eingriff der staatlichen Macht als Regulator ist geboten, weil die neoliberalen Marktmechanismen eine einseitige Anhäufung von Kapital und Besitz implizieren und eine ausgewogene Verteilung der Vermögenswerte verhindern.

Der Staat hat eine Reihe von Alternativen und Mitteln in der Hand, in welcher Form er seinen Einfluß geltend machen kann, um eine homogenen Gesellschaftsstruktur  zu fördern und sich die Einnahmequellen zu besorgen, die für diese Sisyphusaufgabe notwendig sind. Grundsätzlich stehen ihm vier Variationen zur Verfügung:

  • Die Leistung von sozialen Transferzahlungen.

Dieser erstgenannte Ansatzpunkt, die Transferaktionen oder Sozialleistungen beinhalten die gesamte bekannte Palette von Unterstützungen für hilfebedürftige Bürger, ob sie nun arm, alt, krank oder arbeitslos sind. Dazu gehört auch das Thema Grundeinkommen, das ich später noch behandeln werde. Ein Staat ist ein Gemeinwesen – und in einer Gemeinschaft ist die Existenz von Solidarität unabdinglich für dessen Funktionieren. Wenn der Starke nicht mehr für den Schwächeren einstehen will, dann entlarvt sich die demokratische Vorgabe als Illusion und Fassade.

  • Die Förderung von Bildung und Kultur

Die Förderung von Bildung und Kultur stellt ebenfalls hinsichtlich der Bewilligung von Basisgütern eine Bedingung dar. Die Gewährung und Teilhabe daran innerhalb einer Gemeinschaft – gerade für den Personenkreis, für den diese Ziele nicht erschwinglich sind – haben ebenfalls eine fundamentale Funktion für ein gutes und menschenwürdiges Leben. Eine Chancengerechtigkeit ohne Aneignung von umfassender Bildung ist nicht zu verwirklichen.

  • Die Besteuerung von Einkommen und Ausgaben

Die Steuerpolitik (der Begriff der Steuer ist auf das Verb „steuern“ zurückzuführen) sollte ebenfalls von einer sozialen Komponente dominiert werden. Nicht nur die Finanzierung der Kosten für die nationale Infrastruktur müssen durch das Steueraufkommen abgedeckt werden sondern auch die für Aufrechterhaltung eines sozialen Gefüges, ohne das die staatliche Gemeinschaft auf die Dauer auseinander bricht.

Unterschieden werden muß zwischen der Besteuerung von Einkommen und Ausgaben. Zu den Abarten der Einkommensbesteuerung zählen die Einkommenssteuer, die Gewerbesteuern, die Kapitalertragssteuern aller Art und die Vermögenssteuer. Ob sie überhaupt erhoben werden oder in welcher Art und Weise bzw. wie die Progression geregelt ist, entscheidet über die Fähigkeit des Staates, seinen Aufgaben nachzukommen. So ist es bemerkenswert, daß in Deutschland die Vermögenssteuer abgeschafft und eine Finanzmarkt-Transaktionssteuer  (Tobinsteuer) bis trotz vollmundiger Bekundungen der Politiker aller Couleur noch nicht eingeführt wurde. Und gerade die beiden letztgenannten Variationen bieten ungeheure Potenziale, die Schulden- und Finanzierungsprobleme des Staates zu lösen, ohne daß irgend jemandem ernstlich wehgetan werden müßte.

Thomas_Jefferson_by_Rembrandt fuer das Leben der Menschen und ihr Glueck zu sorgen 420Eine Ausgabenbesteuerung ist in unserem konsumgeilen Gesellschaftsklima noch unbeliebter als die einkommensabhängigen Abgaben. Die bekanntesten Modelle von Verbrauchssteuern  sind die Mehrwertsteuer und andere Verbrauchssteuern wie Alkohol- oder Tabaksteuer. Wir sollten uns bewußt machen, daß diese Art von Konsumsteuern Einkommensschwache proportional viel stärker belastet als die Besserverdiener und aus diesem Grunde eine unsoziale fiskalische Maßnahme bilden, jedenfalls in ihrer aktuellen Erscheinungsform. Dem müßte mit der Einführung von zusätzlichen ausgabenorientierten Steuern entgegnet werden – und zwar nicht nur aus sozialen sondern auch aus ökologischen Erfordernissen heraus.

Im speziellen meine ich das dringende Gebot, eine Besteuerung zu installieren, die die für Mensch und Umwelt schädlichen Konsumexzesse auf ein menschliches Maß reduziert. Dieses Vorhaben ist zu bewerkstelligen durch die Festlegung einer weit gefächerten Luxus- oder Ökosteuer. Beides hat den gleichen Effekt, nur bei der Motivation zur Festsetzung sind Unterschiede vorhanden. Ein Luxusgut ist eine Ware, die eigentlich zur Bestreitung des Lebens nicht erforderlich, das überteuert ist und die Ressourcen der Welt sowie die Umwelt unnötig belastet. Das ist ein unschlagbares Argument für die Einführung einer Luxussteuer.

Ökosteuern haben nur einen Sinn, wenn sie flächendeckend zum Einsatz kommen bei allen Waren, die bezüglich Gesundheit, eingesetzter Rohstoffe, der Produktionsverfahren, der Arbeitsbedingungen und der Entsorgung schädliche Wirkungen zeigen. Es ergibt sich hinsichtlich der Preisentwicklung eine ausgleichende Tendenz dadurch, daß die Hersteller dann gezwungen wären, ihre Produktionsschwerpunkte hin zu ökologisch einwandfreien Gütern zu ändern, die nicht mit der Ökosteuer belastet sind, um ihre Absatzchancen nicht zu verschlechtern. Insofern ist es wesentlich günstiger, ökologische Strategien durch fiskalische Regulierungen anzuregen, als sie unter Androhung von Strafe gesetzlich zu erzwingen.

Werbung ist als Einpeitscher des Konsums eine äußerst negative Wirkungsfolge zuzurechnen. Auch in diesem Falle verfügt der Staat über eine effektive Möglichkeit, die Werbung kurzfristig und erheblich zu bremsen. Er braucht nur den steuerlichen Abzug von Werbekosten als Betriebsausgaben zu streichen oder stark zu reglementieren. Werbung ist nicht nur dafür verantwortlich, daß überflüssige Ersatzbedürfnisse regeneriert werden sondern auch für eine unannehmbare Verteuerung der Waren  Den Aufschrei der Lobby möchte ich erleben, wenn derartige Absichten von der Politik avisiert würden. Das würde nach deren Ansicht bestimmt Millionen von Arbeitsplätzen kosten und die Wirtschaft in den Ruin treiben. Sie würden uns nur nicht verraten, daß die in Verbindung mit Werbung und Marketing für Nonsens verschleuderte Manpower der damit betrauten hochqualifizierten Fachleute dann für sinnvolle und menschendienliche Aufgaben frei wäre.

  • Gesetzliche Restriktionen zur Eindämmung unerwünschter Entwicklungen / Kanalisierung von gesellschaftspolitisch angestrebten Projekten 

Im öffentlichen Raum - Werner RuegemerSowohl die Staatseinnahmen als auch die Leistungen der Sozial- und Rentenversicherungen könnten erheblich aufgepeppt werden, wenn weitere sinnvolle und gerechte Verbesserungsmaßnahmen ergriffen würden. Um bei den Staatseinnahmen zu bleiben, genügt es, lediglich zwei Schwerpunkte zu nennen, die realistische Zusatzeinnahmen in Billionenhöhe versprechen würden. Da hätten wir zum einen die vielfältigen und undurchsichtigen Wirtschaftssubventionen und ungerechtfertigten Steuervorteile, die die Lobbyisten alleine aufgrund ihres Einflusses auf die Politik und zum Schaden der Allgemeinheit durchgesetzt haben. Diese werden absichtlich verdeckt oder indirekt gezahlt, so daß sie der Öffentlichkeit nicht auffallen. Bankenschutzschirme oder die Rettung von angeblich systemrelevanten Gebilden sind ein typisches Beispiel dafür. Dazu ist unbedingt auch die Privatisierungstendenz zu zählen, die mit aller Macht bekämpft werden muß, weil sie bürgerfeindlich ist und eine verheimlichte Schuldenquelle ist. Auch die Installierung einer ökologisch effektiv wirksamen Gewährungspraxis von CO²-Zertifikaten ist ein Mittel, mit dem hunderte von Milliarden an Staatseinnahmen erzielt werden könnten. Diese Gelder wären dann frei für diverse gemeinschaftsdienliche Aufgaben.

Schließlich und endlich darf eine weitere Einnahmequelle nicht vernachlässigt werden, die bisher nicht ausreichend ausgeschöpft wird. Es handelt sich zwar nicht um Staatsmittel – aber um Gelder, die uns eine auskömmliche Altersrente trotz der vielbeschworenen und überschätzten demographischen Entwicklung sichern könnten. Was ich damit meine, das ist die Verbesserung der Einnahmesituation der Sozial- und Rentenkassen. Es handelt sich um rein politische Richtungsentscheidungen, die bei vorhandenem Willen kurzfristig getroffen werden könnten und die wie kaum andere dem Gemeinwohl dienten und einen Beitrag zum Abbau von Perspektivlosigkeit einbringen können.

Die Festlegung einer einzigen für alle Beschäftigten und Einkommensempfänger verbindlichen Rentenversicherung, in der sämtliche Einkommensarten erfaßt und mit Abgabe von Beiträgen zur Rentenversicherung belegt würden, hätte einen durchschlagenden Erfolg für das Wohl der Allgemeinheit. Das gleiche Verfahren muß beim Inkasso der Krankenversicherung zum Ansatz kommen. Um der Gerechtigkeits- und Sozialkomponente zu genügen, wäre zusätzlich eine erhebliche Anhebung der entsprechenden Beitragsbemessungsgrenzen erforderlich. Es ist nämlich nicht einzusehen, daß die Besserverdiener einen relativ geringeren Anteil leisten als die unteren Chargen. Wenn schon Leistungsgerechtigkeit, wie es die Neoliberalen stets einfordern, dann auch hier: und zwar analog des Leistungsvermögens!

2. Stolpersteine und Hindernisse

Unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem ist so angelegt, daß die vom System und seinen Normen eingeforderten Aufwendungen in Form von Zeit und Geld zu Lasten der Muße gehen, die lt. Robert und Edward Skidelsky zu den wesentlichen und unentbehrlichen Grundgütern des Menschen zu zählen ist. Diese zum größten Teil ungeschriebenen Verhaltensregeln sind als Weltbild und Lebenskonzept in unser Denken und unsere Gewohnheiten eingedrungen, so daß es schwer fällt, sich davon zu verabschieden. Abgesehen von unserem persönlichen gewohnheitsabhängigem Verhalten, unseren Ängsten und psychologischen Bedingungen sind es die politischen Widerstände und die Gegenmacht der Kapitalbesitzer, die den Weg zu einem guten Leben im Sinne dieses Essays blockieren. Hier sind einige davon aufgeführt:

a.  Verhinderung des Anstiegs des Medianeinkommens

Das Medianeinkommen sagt über die Einkommensverhältnisse und deren Verteilung mehr aus als das Durchschnittseinkommen, mit dem wir stets in die Irre geführt werden sollen. Eine Erhöhung des Medianeinkommens bei gleichzeitiger Progression des Spitzeneinkommens wäre ein Teil der konzertierten Aktion zu mehr Teilhabe der Bevölkerungsmehrheit am „guten“ Leben. Damit ist wieder einmal das Grundproblem der ungerechten Einkommens- und Vermögensverteilung angesprochen, das in anderen Zusammenhängen mehrmals in diesem Beitrag zur Sprache kommt.

b.  Nichtberücksichtigung der steigenden Produktivität

ArmutsschereEin bisher noch nicht erwähntes Potenzial liegt in der Produktivität der deutschen Wirtschaft verborgen. Seit Kriegsende hat sich die Produktivitätsrate der Wirtschaft Jahr für Jahr erhöht. Anfangs bis in die 1980er Jahre hinein hat die arbeitende Bevölkerung noch relativ gut von dieser Entwicklung profitiert. Später driftete die Schere immer weiter auseinander, weil die wegen Arbeitsplatzabbau und technischer Innovationen kletternden Gewinne einseitig in die Taschen der Anteilseigner wanderten. Wenn in diesem Punkt nicht eine gerechtere und angemessene Aufteilung des erwirtschafteten Erfolgs unter allen Beteiligten umgesetzt wird, dann spitzt sich Lage zu und das gesellschaftliche Klima droht umzukippen.

c.  Konsumdruck angestachelt durch die Werbung

Selbst wenn das Ziel einer gerechteren Einkommensverteilung und der Erhöhung des Medianeinkommens bzw. des konkreten verfügbaren Einkommens erreicht würde, bleibt trotzdem noch ein gravierendes Hindernis auf dem Weg zum Glück. Es ist der durch Unterbewußtsein, Umfeld und allgegenwärtiger den Kaufreiz anstachelnder Werbung verursachte Konsumzwang. Wenn objektiv ausreichend Mittel zur Gestaltung eines qualitativ wertvollen Lebensstandards vorhanden sind, verstärkt sich der psychische Druck für den einzelnen, die Konsumausgaben zu erhöhen. Dieses Verhalten wiederum zwingt den Betreffenden zu Mehrarbeit und Verringerung der Freizeit, was gleichzeitig auf Kosten der Muße und Lebensqualität geht. Ein Teufelskreis, der durch die Werbung systematisch aufrecht erhalten wird.

d.  Widerstände seitens der Etablierten und Profiteure

Wer Realist ist, wird anzweifeln, ob eine staatliche Regulation im vorgeschlagenen Umfang in einem ausgefeilten marktwirtschaftlichen System wie dem unseren überhaupt praktisch durchführbar ist. Denn die der radikalen Marktwirtschaft zugrunde liegende Ideologie beruht auf dem Prinzip der staatlichen Deregulierung, weshalb eine Einverständniserklärung des Systems mit einer einschneidenden Regulierung ein Widerspruch in sich wäre und weshalb auch eine Realisierung unwahrscheinlich ist. Die zugrunde liegende Doktrin werden die Entscheidungsträger nicht fallen lassen.

Unfairteilung_Armut_Altersarmut_Generationengerechtigkeit_Kinderarmut_Geldflut_innerer_Notstand_soziale_Gerechtigkeit_BankenrettungDie für die Profiteure anfallenden Vorteile an Profiten und Macht sind so erheblich, daß sie dieses Faustpfand niemals freiwillig oder durch Bitten und Betteln aufgeben werden. Die Politik ist derartig mit dem Kapital verfilzt, wird korrumpiert und befindet sich in einer Abhängigkeitsposition, daß wir auch aus dieser Richtung mit keiner Unterstützung rechnen können. Was übrigbleibt, ist nur noch die Alternative zu einem Systemwechsel. Da es sich dabei nicht nur um eine rein politische Umwälzung handeln würde sondern auch um eine grundlegende Reformierung des Eigentumsrechtes, der Einkommens- und Vermögensverhältnisse sowie der Praxis der Zinserhebung incl. der Infragestellung von leistungslosen und nicht aquädaten Einkommen, ist mit heftigstem Widerstand zu rechnen. Ohne eine Revolution, in welcher Form auch immer, ist dieses bahnbrechende Projekt nicht in die Tat umzusetzen.

e.  weitere Lösungsansätze

Mögliche  Lösungsansätze  durch Erhöhung der unteren und mittleren Einkommen gekoppelt mit einer Reduzierung der Wochenarbeitszeit sind bereits in den Diskurs eingeflossen. In dieser Hinsicht sind in der Vergangenheit Vorbilder zu verzeichnen: in den 1930er Jahren in den USA mit Ford, der die 30-Stundenwoche in seinen Werken realisiert hatte. Oder mit VW, die in den 1980er Jahren sich auf eine Wochenarbeitszeit von 36 hinunter auf 28,8 Stunden geeinigt hatten – der Produktivität des Unternehmens tat das keinen Abbruch, im Gegenteil: sie stieg noch an!

Wie weit die Parteien, die den Anspruch einer Interessenvertretung der Bürger erheben, schon ins Abseits gerutscht sind, zeigt beispielsweise die Einstellung von Sigmar Gabriel, dem Vorsitzenden der „Arbeiterpartei“ SPD und jetzigen Umweltminister.  In der Sache eines und gerechten Subventionsabbaus in Form der Beteiligung der Industrie an der EEG-Umlage, die bisher von den Bürgern alleine geschultert werden muß, malt Gabriel die Gefahr einer drohenden „Deindustrialisierung“ Deutschlands an die Wand und plappert damit die hohlen und unverantwortlichen Phrasen der Wirtschaftsvertreter nach. Man kann sich lebhaft vorstellen, welche reflexartigen Reaktionen aus Politik und Wirtschaft erschallen würden, wenn eine drastische Arbeitszeitverkürzung mit gleichzeitigem Lohnanstieg – gekoppelt mit einer radikalen Umkehr im Eigentumsrecht – auf der Agenda stünde. Uns würde mindestens der Weltuntergang, wenn nicht der Zusammenbruch des Universums, profezeiht.

f.  Grundeinkommen

Die Einführung eines Grundeinkommens ist ein immerwährendes Thema, das je nach Intentionen und Ausgestaltung von den verschiedensten Gruppierungen von links bis rechts aufgetischt wird. Eigentlich sollte der Anreiz für den Diskurs in der Umsetzung die Auflösung der Klassengesellschaft, der Zusicherung der beschriebenen Grundgüter und dem Zugeständnis des individuellen existenziell notwendigen Grundbesitzes zu suchen sein. Darauf ist ein menschenrechtlicher Anspruch begründet, der durch die Geburt  in Kraft tritt. Aber in der Praxis kochen die einzelnen Interessenverbände jedoch mit dem Thema ihr eigenes Süppchen.

Deshalb ist der Weg zum Grundeinkommen, geschweige denn zu einem „bedingungslosen“ und dann auch noch in einer existenzsichernden Höhe, mit schweren Felsbrocken gepflastert. Man braucht sich nur einmal anzuschauen, auf wie viel Gegenwehr die Einführung eines lachhaften Mindestlohns von 8,50 € für 2017 – gespickt mit Ausnahmeregelungen – gestoßen ist. Welchen sog. (Experten-)Aufstand wir zu erwarten haben, wenn ein Grundeinkommen zur Debatte steht, das seinen Namen verdient hat, brauche ich nicht im Detail auszuführen. Die Gegenargumente sind immer die gleichen und werden unermüdlich wie ein Mantra wiederholt, obwohl die Wiederholungen sie nicht schlüssiger gestalten:

Arbeitsanreiz geht verloren und Faulheit obsiegt

Das ist das erste Holzhammer-Argument, das sich durch die Grundeinsichten der Psychologie und wissenschaftliche Erkenntnisse von der Natur des Menschen spielend widerlegen läßt. Ein psychisch gesunder Mensch weist ausreichend natürliche Motivation auf, um sein Leben mit Hilfe von sinnvoller (bezahlter) oder (unbezahlter) Betätigung zu gestalten. Wer sich die Mühe macht, den Urinstinkt von kleinen Kindern in ihrem Betätigungsdrang zu beobachten und die Menschen berücksichtigt, die ehrenamtliche Aufgaben erledigen oder anderen unbezahlten Beschäftigungen nachgehen (z. B. wir im Kritischen Netzwerk), der hat für die diskriminierenden Scheinbehauptungen (siehe Menschenfreund Franz Müntefering von der SPD mit seinem „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“) von der angeborenen Faulheit des Menschen nur noch ein mitleidiges Lächeln übrig.

Commerzbank_Kommunisten_Kontovollmacht_Geldhahn_abdrehen_Kundenkonto_kuendigen_Sippenhaft_Kapitalismuskritk_Kontrahierungszwang_Kuendigungsgrund_Kontosperre_0Es ist unbenommen, daß es auch faule Menschen gibt. Solche, die aus Prinzip faul sind, solche, die einfach nur genügsam sind (siehe: Skidelsky: „Wie viel ist genug“) und solche, die durch ihre Sozialisation psychisch deformiert sind, so daß sie die natürliche Motivation zum Arbeiten verloren haben. Andererseits gibt ein Millionenheer Arbeitswilliger, die entweder keine Arbeit oder keinen gerechten Lohn erhalten, von dem sie leben können. Angenommen, die verteufelten Faulen streiten sich auch noch um verfügbaren Arbeitsplätze, dann würde die Erpreßbarkeit der Arbeitswilligen noch weiter erhöht und die Löhne noch mehr unter Druck geraten. Diese Leute sollten also in ihrem eigenen Interesse heilfroh sein, daß es noch ein paar Faule gibt.

Finanzierbarkeit

Die Finanzierbarkeit eines Grundeinkommens ist der zweite Hauptstreitpunkt. Alle, die eine Finanzierbarkeit in Abrede stellen, verschließen die Augen vor der Realität der bestehenden Einkommens-, Vermögens- und Kapitalverhältnisse. Allenfalls läßt sich bezeugen, daß die fehlenden Mittel für ein Grundeinkommen an Stellen gebunkert sind, wo sie gierig umklammert werden und somit der Gemeinschaft entzogen werden, die zumindest auf einen Teil davon einen Anspruch besäße. Die Banken dienen dabei als abgeschottete Kapitalbunker und ihre Manager als Handlanger der Kapitaleigner, um das Volk um seine Anteile zu betrügen.

In anderen Artikel wurden bereits die unterschiedlichsten Reserven angesprochen, die angezapft werden könnten, um allen Menschen ein gutes und finanziell abgesichertes Leben zu gewährleisten. (siehe hier und hier) Hier nochmal einige Exempel, wie die sozialere Verteilung des Produktivitätszuwachses einschließlich der von Eigentum und Einkünften, der ungerechten Steuerpolitik, der Verschwendung von Billionen an Euro zugunsten der Finanzwirtschaft sowie die teilweise haarsträubende Subventionierung der Wirtschaft betrieben wird.. Alles dies zusammen bietet reichlich Einsparpotenzial, um ein „gutes Leben“ für alle anzubieten.

Woran es mangelt, sind nicht die finanziellen Mittel, sondern ganz eindeutig der Wille. Weder in Politik und schon recht nicht in Wirtschaft oder in den Kapitalbesitzerkreisen ist Hilfe für uns zu erwarten. Dabei scheint die Dummheit zu regieren, weil sie sich selbst den Ast absägen, auf dem sie sitzen. Wenn bei den weniger Betuchten das verfügbare Einkommen angehoben wird, findet diese Maßnahme einen direkten Widerhall im Konsum, der wiederum die Wirtschaft ankurbelt und damit die Steuereinnahmen sprudeln läßt. Ein idealeres und effektiveres Konjunkturpaket könnte man nicht schnüren.

Außer dem fehlenden Willen steht auch die Angst, die Thematik ernsthaft zu diskutieren und endlich einmal einen Anfang zu machen, als Hemmnis im Weg. Dabei gibt es schon Beispiele aus der Praxis, wo – zwar mit Einschränkungen – das Modell eines Grundeinkommens angeboten wird: in Alaska, Brasilien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Auch kann das Nichtvorhandensein von entsprechenden Konzepten eines Grundeinkommens mit Ausführungsvorschlägen nicht der Grund für fehlende Bereitschaft einer Einführung sein. Dann diese Konzepte gibt es reichlich wie z. B. das von mir favorisierte „Wahlfreie Grundeinkommen“ von Egon W. Kreutzer, das mit Vorschlägen zur Reform des Eigentumsrecht und der Handhabung des Zins gekoppelt ist. Im Kritischen Netzwerk sind eine Reihe guter Beiträgen zu Thema enthalten, auf die jeder nach Eingabe des Schlagwortes „Grundeinkommen“ in die Suchfunktion zugreifen kann.

g.  gesellschaftlich-politische und individuelle Organisation

Zu einer Verwirklichung der vorgetragenen Ideen gibt es eine Grundbedingung, die leicht zu sein scheint, die jedoch in der Praxis nicht vorankommt und vielleicht Generationen braucht:  Es ist die Herstellung eines neuen Paradigma, einer neuen persönlichen Lebenseinstellung verbunden mit einem gesellschaftlichen Sinneswandels. Zur Umsetzung unserer definierten Ziele ist eine Neuorientierung der rein ökonomisch definierten Sichtweise erforderlich.

Marianne_Gronemeyer_Wer_arbeitet, suendigtDringend ist das Stecken anders gearteter Wege, Leitbilder und Endpunkte, die den Menschen und die Natur in den Vordergrund stellen. Auch die Neudefinition von Arbeit und Beschäftigung ist unverzichtbar, wenn wir auf diesem Pfad weiter voran kommen wollen. Die Anreize und der Inhalt von Arbeit/Tätigkeit sollten neu ausgerichtet  und auf die dem Menschen innewohnenden natürlichen Bedürfnisse abgestimmt werden. Eine Intention der Befreiung von der Diktatur der Zwangsbeschäftigung ist ebenfalls unvermeidlich, die entgegen anderslautender Beteuerungen in der modernen Arbeitswelt vorherrscht.

Wir unterliegen dem verhängnisvollen Irrtum, daß wir in einer freiheitlichen Gesellschaft leben und unsere Wahlfreit unbegrenzt sei. Deshalb sind wir dazu aufgefordert, hinter den Vorhang zu blicken und die wahren Beweggründe aufzudecken – und zwar unsere persönlichen als auch die unserer Animateure. Erst dann sind wir in der Lage, Verhaltensweisen zu fördern, die zu mehr statt zu weniger Wahlfreiheiten führen. Deshalb versuche ich an dieser Stelle nochmals einige Prinzipien für eine neue Orientierung heraus zu kristallisieren:

  • Aufbau einer gesellschaftlichen und ökonomischen Organisation, die Rückgang der unersättlichen materiellen Triebbefriedigung auslöst,
  • Verabschiedung von der Perspektive der Knappheit als Idee der Effizienz,
  • stattdessen Bildung einer Gesellschaft, die Saturierung und Zufriedenheit zuläßt,
  • Problemsuche  nicht  mehr im Mangel sondern im Überfluß,
  • Einführung der Muße als gesellschaftlich anerkanntes Leitbild.

Nur wenn wir auf dieser Marschroute ein gutes Stück vorankommen, erhalten wir eine Perspektive von der eigenen Zukunft, der der Gesellschaft sowie der der Menschheit. Vor die Schlußbetrachtung füge ich noch ein Zitat ein aus „Grundlagen für eine soziale Umgestaltung“ des englischen Philosophen und Mathematikers Bertrand RussellDieses hätte ich auch in jedem anderen Kapitel meines Beitrags unterbringen können, denn es enthält eine universelle Botschaft:

„Sowohl im politischen als im privaten Leben sollte es der erste Grundsatz sein, alles, was schöpferisch ist, zu fördern und somit die Wünsche und Impulse, die sich auf Besitz konzentrieren zu verringern.

Die heute am meisten verbreitete Lebensanschauung ist die, daß das Glück eines Menschen in erster Linie durch sein Einkommen bedingt ist. Abgesehen von andern Mängeln ist diese Anschauung deshalb schädlich, weil sie die Menschen dahin führt, ein Resultat mehr zu erstreben als eine Tätigkeit, einen Genuß materieller Güter, in dem sich die Menschen alle gleich sind, mehr, als den schöpferischen Impuls, der die Individualität eines jeden Menschen verkörpert.“

3. Schlußbetrachtung

Bei diesem Punkt möchte ich nochmals auf Robert und Edward Skidelsky und auf deren Buch „Wie viel ist genug“ zurückkommen. Mein heutiger Beitrag baut auf der Idee der Skidelskys von einem Wandel des individuellen und gesellschaftlichen Denkens auf, weshalb er auch eine Rezension beinhaltet. In diese Vorstellungen hinein und darüber hinaus habe ich meine eigenen Gedanken ausgebaut und der Thematik noch eine etwas radikalere Komponente hinzugefügt. Das Buch kann ich uneingeschränkt empfehlen – ich kenne kein besseres bezüglich der vorliegenden Themenstellung. Die Autoren gehen ideologie- und vorurteilsfrei an die Hintergründe, die aktuelle Bestandslage und die Zielformulierung heran.

Zurecht besteht Skepsis, daß sich aufgrund von Einsichten und verbalem Gegenwind eine neue Weltanschauung  sowie ein grundlegender Sinneswandel erreichen läßt – weder beim einzelnen noch bei den Eliten. Bei einem Weiterso in den eingefahrenen Bahnen bleibt die Vormachtstellung der Herrschenden bestehen – und wir müssen mit der Verliererstraße vorliebnehmen. Auf die Frage nach einem tragfähigen Konzept, was man anstelle der aufgelösten Strukturen oder während des Prozesses eines Systemwandels positionieren soll, sind weiter oben bereits Ansätze hinsichtlich eines empfehlenswerten individuellen Verhaltens sowie der staatlichen Einflußnahme diskutiert worden.

Beim Resümee ihres eigenen Buches bleiben allerdings auch die Skidelskys „nur“ bei relativ pauschalen Antworten hängen. Ihre wesentlichen Intentionen sind folgende:

  • Organisierung von Wegen aus der Tretmühle.
  • Förderung von Eigeninitiative und Lebensweisen, in denen das Geldverdienen nicht mehr im Vordergrund steht.
  • Formung eines Staates, der sich nicht als neutraler Beobachter sondern als ethisch Eingreifender und Regulator versteht.
  • Wünschenswert sei – meinen sie – eine Autorität und Inspiration von Seiten der Religion, wobei dies mit einem Fragezeichen versehen wurde.

Dies alles ist nichts wirklich Neues. Denn bei der Ausformulierung von Lösungsvorschlägen haben wir es mit einem Manko zu tun, das kaum ein Autor füllen kann. Das Ei des Kolumbus hat noch keiner gefunden – und Vorschriften oder konkrete Anleitungen sind aufgrund der individuellen Voraussetzungen des Menschen bei den meisten sowieso nicht willkommen. Als Hauptübel bezeichnen die Autoren richtigerweise nicht die Verschwendung von Geldmitteln sondern die Verschwendung der Möglichkeiten der Menschen. Diese Ansicht befindet sich übrigens ganz auf meiner sowie der Linie des Psycho-Soziologen Erich Fromm, der sich einmal in dem Sinne geäußert hat, daß die größte Sünde des Menschen ein nicht gelebtes Leben sei.

Albert_Einstein_Probleme_kann_man_Denkweise_by_Initiative Echte Soziale Marktwirtschaft IESM_pixelio.de_Um es nochmals zu bilanzieren: Konkrete individuelle Alternativen zur Verhaltensänderung sind ausgeblieben, was auch nicht erwartet werden konnte. Im Unterkapitel Konsumismus, in der Abhandlung der Frage „Wie viel ist genug“ sowie der Begriffe „Glück“, „Wohlstand“ und „Zufriedenheit“ sind allerdings eine Fülle von Anregungen enthalten, die auf persönlicher Ebene aufgegriffen werden können. Ich für meinen Teil bin überzeugt davon, daß all die angestrebten Ziele, die sehr flüchtig und schwer greifbar sind, immer wieder aufs neue erkämpft werden müssen, wenn sie von Dauer sein sollen.

Eine traditionell weniger vorhandene Stärke der meisten Autoren, die einen Systemwandel einfordern,  ist die Rezeptur zur Herangehensweise an die Repressionsmittel der Herrschenden sowie die Nennung von Roß und Reiter. Die etablierten Mechanismen der Macht und die möglichen Verfahrensweisen zu deren Überwindung werden meistens ausgeklammert, wie auch in diesem Buch. Allerdings muß ich den Autoren zugute halten, daß dies von vorne herein in ihrer Konzeption nicht als Aufgabe ausgewiesen wurde, denn ihnen lag vor allem der Gefühlszustand  Glück sowie der Seinszustand Muße am Herzen, deren Erfüllung jedoch der Existenz der Grundgüter bedarf.

Am besten können diese unter dem Organisationsprinzip von dezentralen Strukturen erreicht werden – also unter Mithilfe des bereits genannten Leitsatzes:  „Lokal statt global.“ Ich möchte keine Mißverständnisse aufkommen lassen und mich nicht als reiner Lokalpatriot outen. Denn ich hasse Kirchturmdenken und plädiere nicht für eine regionale, nationale oder persönliche Abschottung. Es gibt Problemstellungen, die nur auf supranationaler Ebene gelöst werden können – und es gibt sinnvolle Produkte, die regional nicht anzubauen oder zu produzieren sind. Und da soll es auch noch Aufgabenstellungen geben, habe ich flüstern gehört, die man nur in Gemeinschaft lösen kann. Diese Unterscheidungen müssen getroffen werden, um nicht die eine Ideologie durch eine neue zu ersetzen.

MfG Peter A. Weber


Textquelle:  Kritisches Netzwerk , welches ich sehr schätze und unterstütze.

Bild- und Grafikquellen:

1. Zygmunt Bauman untersucht in seinem Buch „Leben als Konsum“ die Auswirkungen der vom Konsum bestimmten Haltungen und Verhaltensmuster auf verschiedene, scheinbar nicht miteinander verbundene Aspekte des sozialen Lebens: auf Politik und Demokratie, soziale Spaltungen und Schichtungen, auf Gemeinschaften und Partnerschaften, Identitätsbildung und die Produktion sowie den Gebrauch von Wissen und Wertorientierungen.

2. Buchcover „Wie viel ist Genug“, von Robert und Edward Skidelsky.

3. Thomas Jefferson, 3. US-Präsident. Grafikbearbeitung: Wilfried Kahrs / QPress.de

4. Buchtitel: „Heuschrecken im öffentlichen Raum“, von Dr. Werner Rügemer – zur Buchvorstellung

5. „Kluft zwischen Arm und reich“ wird immer größer und führt bereits zu einer deutlich spürbaren Spaltung der Gesellschaft. Geschönte Zahlen geben nicht die Realität und das Ausmaß tatsächlich von Arbeitslosigkeit, Hartz-IV und der Grundsicherung-Empfänger wieder – nicht zu vergessen Kinderarmut, Menschen in prekeren Beschäftigungen und millionen anderer Lohnsklaven. Foto: Bernd Kasper. Quelle: Pixelio.de

6. UNFAIRTEILUNG. Grafikbearbeitung:Wilfried Kahrs / QPress.de

7. Plakat „Der Terror sitzt in Banken und in Berlin. Eure Lügen wollen eine ganze Nation verarschen – Schluss jetzt!“ Occupy Frankfurt Germany Footage. Autor: Gessinger.bildwerk Quelle: Wikimedia Commons. Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“ lizenziert.

8. Buchtitel: „Wer arbeitet, sündigt. Ein Plädoyer für gute Arbeit.“, von Prof. Marianne Gronemeyer – zur Buchvorstellung

9. Zitat v. Albert Einstein: „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“ Foto: Initiative Echte Soziale Marktwirtschaft, IESM. Quelle: Pixelio.de

10. Beitragsbild: Thorben Wengert / pixelio.de

Eurokrise

Wirtschafts-Zykliker rechnen für die kommenden Jahre mit massiven Verwerfungen

von Michael Snyder, The Economic Collapse, 12.05.2014

Bewegt sich die Wirtschaft in vorhersagbaren Wellen, Zyklen oder Mustern? Es gibt viel Ökonomen, die glauben, dass dem so ist, und sollten sie mit ihren Prognosen Recht behalten, dürfte der Rest dieses Jahrzehnts für die Vereinigten Staaten die reine Hölle werden.

Viele Mainstream-Ökonomen wollen mit den Zyklen-Theoretikern nichts zu tun haben, dennoch war es einigen Ökonomen dank dieser Wirtschaftszyklustheorien möglich, in den letzten paar Jahrzehnten Rezessionen, Aktienmarkthochs und Aktienmarktcrashs korrekt vorherzusagen.

Natürlich ist keine der hier im Artikel besprochenen Theorien perfekt, aber es ist sehr interessant, dass alle von ihnen darauf hinzudeuten scheinen, dass die US-Wirtschaft kurz vor einem bedeutenden Abschwung steht. Wird die Phase von 2015 bis 2020 für die Vereinigten Staaten also tatsächlich zur reinen Hölle werden? Wir werden es wohl einfach abwarten müssen.

Eine der berühmtesten Wirtschaftszyklustheorien ist unter dem Namen „Kondratjew-Wellen“ bekannt. Der Kondratjew-Zyklus wurde von einem russischen Ökonomen namens Nikolai Kondratjew entwickelt, und seine Wirtschaftstheorien brachten ihm laut Wikipedia so viel Ärger mit der russischen Regierung ein, dass er aufgrund seiner Auffassungen schließlich umgebracht wurde:

„Der sowjetische Ökonom Nikolai Kondratjew war der erste, der diesen Beobachtungen mit seinem Buch ´Die großen Wirtschaftszyklen` (1925) … zu internationaler Aufmerksamkeit verhalf. Zwei niederländische Ökonomen, Jacob van Gelderen und Samuel de Wolff, hatten zuvor im Jahr 1913 behauptet, dass es zwischen 50 und 60 Jahre andauernde Wirtschaftszyklen geben würde. Die Arbeit von de Wolff und van Gelderen ist aber erst kürzlich aus dem Niederländischen übersetzt und somit einer größeren Leserschaft zugänglich gemacht worden.

Die Ideen von Kondratjew wurden von der Sowjetregierung abgelehnt. Er wurde dann in den Gulag geschickt und 1938 hingerichtet.

1939 schlug Joseph Schumpeter vor, den Zyklus ihm zu Ehren ´Kondratjew-Wellen` zu nennen.“

In den letzten Jahren gab es wieder ein verstärktes Interesse am Kondratjew-Zyklus. Im Folgenden finden Sie einen Auszug eines Artikels von Christopher Quigley, in welchem besprochen wird, wie die Kondratjew-Wellen funktionieren:

„Die Analyse von Kondratjew beschreibt, wie der internationale Kapitalismus zahlreiche ´große Depressionen` erlebt hat und diese daher ein normaler Bestandteil des internationalen merkantilen Kreditsystems sind. Die langfristigen Wirtschaftszyklen, die von ihm durch penible Untersuchungen identifiziert wurden, werden heutzutage ´ Kondratjew`-Zyklen oder ´K`-Wellen genannt.

Die K-Welle ist ein 60-jähriger Zyklus (+/- ein Jahr), der über verschiedene Phasen verfügt, die manchmal als Jahreszeiten bezeichnet werden: Frühling, Sommer, Herbst und Winter:

  • Frühling: Neue Produktionsfaktoren, gute wirtschaftliche Zeiten, steigende Inflation.
  • Sommer: Ein anmaßender Krieg auf dem ´Hoch`, dem dann gesellschaftliche Zweifel und eine Inflation im zweistelligen Prozentbereich folgen.
  • Herbst: Die Maßnahmen, um die Inflation in den Griff zu bekommen, führen zu einem Kreditboom, wodurch ein unechtes Wohlstandsplateau geschaffen wird, das in einer Spekulationsblase endet.
  • Winter: Überschüssige Kapazitäten werden mittels einer riesigen Schuldenvernichtung, Rohstoffpreisdeflation und Wirtschaftsdepression abgebaut. Auf dem ´Tief` kommt es zu einem Krieg […]

Die akademische Wirtschaftswelt hat in zunehmendem Maße erkannt, wie brillant die Erkenntnisse von Nikolai Kondratjew sind, und daher wurden bisher auch zahlreiche Berichte, Artikel, Thesen und Bücher zu diesem ´zyklischen` Phänomen geschrieben.

Ein einflussreiches Essay zu diesem Thema wurde von Professor W. Thompson von der Indiana University verfasst. Thompson legt nahe, dass die K-Wellen die weltweite technologische Entwicklung seit dem 9. Jahrhundert beeinflusst haben. Laut seiner These setzte die ´moderne` wirtschaftliche Entwicklung im Jahr 930 in China ein, und er legt dar, dass es seit diesem Zeitpunkt 18 K-Wellen gab, die im Schnitt 60 Jahre anhielten.“

Und was steht uns laut der Kondratjew-Wellentheorie nun als nächstes bevor? Nun ja, laut Professor W. Thompson von der Indiana University befinden wir uns auf dem Weg in eine Wirtschaftsdepression, die mindestens bis zum Jahr 2020 anhalten dürfte:

„Basierend auf der Analyse von Professor Thompson verfügen die K-Zyklen über fast 1.000 Jahre an untermauernden Beweisen. Wenn wir die Tatsache akzeptieren, dass die meisten Winter in den K-Zyklen 20 Jahre dauern … würde das nahelegen, dass wir die Hälfte des Kondratjew-Winters, der im Jahr 2000 seinen Anfang nahm, bald hinter uns gebracht zu haben. Daher würden wir uns wahrscheinlich ungefähr im Jahr 2013 von einer ´Rezessions-` in eine ´Depressions-`Phase des Zyklus bewegen, die ungefähr bis 2017/2020 anhalten dürfte.`“

Aber die Kondratjew-Welle ist natürlich nicht die einzige Wirtschaftszyklustheorie, die darauf hindeutet, dass wir uns auf dem Weg in eine Wirtschaftsdepression befinden.

Die Wirtschaftszyklustheorie von Harry Dent sagt ebenfalls voraus, dass wir am Rande riesiger wirtschaftlicher Probleme stehen. Dent konzentriert sich dabei vornehmlich auf demographische Entwicklungen. Die Tatsache, dass die Bevölkerung schnell altert, ist ein großes Thema bei ihm. Im Folgenden finden Sie einen Auszug aus einem Business Insider Artikel, wo die wichtigsten Punkte von Dents neuem Buch zusammengefasst werden:

  • Junge Menschen verursachen Inflation, weil sie ´jede Menge kosten und nichts produzieren.` Aber junge Menschen fangen schließlich damit an, ´sich auszuzahlen, wenn sie in die Arbeiterschaft eintreten und zu produktiven neuen Arbeitern (Angebot) und finanzstarken Verbrauchern (Nachfrage) werden.`
  • Bedauerlicherweise erreichten die USA zwischen 2003 und 2007 ihren demographischen ´Ausgaben-Höhepunkt` und befinden sich nun auf dem Weg in Richtung der ´demographischen Klippe`. Deutschland, England und die Schweiz befinden sich ebenfalls auf dem Weg dorthin. Danach wird China der erste Schwellenmarkt sein, der diese Klippe hinabstürzt, obwohl das erst in einigen Jahrzehnten der Fall sein wird. Die Welt wird älter.
  • Der US-Aktienmarkt wird crashen. ´Unsere besten langfristigen und mittelfristigen Zyklen legen zwischen Anfang 2014 und Anfang 2015 eine weitere Abschwächung und einen beschleunigten Aktiencrash nahe, was wahrscheinlich bis weit in Jahr 2015 oder gar 2016 hineinreichen könnte. Die schlimmsten auf die Demographie zurückgehenden wirtschaftlichen Trends werden zwischen 2014 und 2019 aufschlagen. Die US-Wirtschaft dürfte Anfang 2015 einen kleineren oder größeren Crash erleben und dann weitere Ende 2017 und Ende 2019 bzw. spätestens Anfang 2020.`
  • ´Der Durchschnittskonsument hat sich von der letzten Rezession nie erholt.` Die Reichen sind diejenigen, die sich großartig fühlen und Geld ausgeben, da die Preise für Vermögenswerte (nicht die Gehälter) aufgrund der geldpolitischen Belebungsmaßnahmen steigen.
  • Die USA und Europa befinden sich auf demselben Weg wie Japan, ein Land, das sich immer noch in einem ´wirtschaftlichen Koma befindet, weil es einen Abbau seiner Schuldenblase nie zugelassen hat`, so Dent. ´Die einzige Möglichkeit, dass wir nicht in Japans Fußstapfen treten, wäre, dass die US-Notenbank ihre Gelddruckmaßnahmen beendet.`
  • ´Die Realität ist krass – wenn die Älteren die Käufer überflügeln, ändern sich die Märkte.` Dann geht es nur noch um eine alternde Bevölkerung, so Dent. ´Dann werden am nächsten Boom weniger Konsumenten, Kreditnehmer und Anleger partizipieren.`
  • Die USA verfügen über eine irrsinnige Menge an Schulden und die ´Ökonomen und Politiker haben sich so verhalten, als bräuchten wir einfach nur den Zauberstab endloser Geldinjektionen und Rettungen zu schwingen, um etwas zu bewältigen, das sie als kurzfristige Krise erachten.` Das Problem sei jedoch langfristiger und struktureller Natur – die Demographie eben.
  • Die Unternehmen können ´sich die kommenden Jahre durchsetzen`, indem sie sich auf die reinen Umsätze und Gewinnzahlen konzentrieren und schlank werden, also bedeutende Investitionen aufschieben, strategisch unbedeutende Immobilien veräußern und schwache Mitarbeiter entlassen.
  • Die vier großen Herausforderungen der kommenden Jahre sind (1) private und öffentliche Schulden, (2) die Gesundheitsversorgung und die Rentenansprüche, (3) die autoritären Regierungen auf dem gesamten Planeten und (4) die Umweltverschmutzung, die die Weltwirtschaft in Gefahr bringt.

Laut Dent muss man sich auf diese Krise vorbereiten, die zwischen 2014 und 2023 stattfinden wird, wobei das Schlimmste wahrscheinlich 2014 beginnen und dann mit einigem Auf und Ab bis Ende 2019 anhalten wird.

Also genauso wie die Kondratjew-Welle legt auch die Arbeit von Dent nahe, dass wir bis Ende dieses Jahrzehnts eine bedeutende Wirtschaftskrise erleben werden.

Eine weitere Wirtschaftszyklustheorie, der von den Menschen heutzutage vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt wird, ist die Beziehung zwischen Sonnenfleckenzyklen und dem Aktienmarkt. Wie sich herausstellte, kommt es bei Aktienmarkthochs und den Hochs bei der Sonnenfleckenaktivität oftmals zu einer hohen Korrelation. Das ist eine Theorie die zuerst von dem englischen Ökonomen William Stanley Jevons bekannt gemacht wurde.

Die Sonnenfleckenaktivität scheint Anfang 2014 ein Hoch ausgebildet zu haben und es wird damit gerechnet, dass sie den Rest dieses Jahrzehnts rückläufig sein wird. Sollte der historische Trend weiter anhalten, wäre das ein sehr beunruhigendes Omen für den Aktienmarkt.

Und natürlich gibt es noch viele, viele andere Wirtschaftszyklustheorien, die darauf hinzudeuten scheinen, dass den Vereinigten Staaten Probleme ins Haus stehen. Im Folgenden finden Sie eine Zusammenfassung einiger dieser Theorien, die von G. E. Christenson und Taki Tsaklano zusammengetragen wurden:

Charles Nenner Research: Der Aktienmarkt soll Mitte 2013 sein Hoch ausbilden und dann bis 2020 fallen. Anleihen sollen im Sommer 2013 ihr Hoch ausbilden und danach für 20 Jahre fallen. Seine Schlussfolgerungen basieren auf der Untersuchung von Zyklen. Er rechnet damit, dass der Dow Jones bis 2018/2020 auf rund 5.000 Punkte fallen wird.

Kress Zyklen (Cliff Droke): Der bedeutende 120-Jahreszyklus und alle kleineren Zyklen werden Ende 2014 nach unten tendieren. Der Aktienmarkt müsste Ende 2014 drastisch zurückgehen.

Elliott Wave (Robert Prechter): Er glaubt, dass der Aktienmarkt sein Hoch ausgebildet hat uns sich nun in einem generationsübergreifenden Bärenmarkt befindet. Er rechnet für die Jahre 2016 bis 2017 mit einem Crashtief am Aktienmarkt.

Market Energy Waves: Hier geht man von einem 36-jährigen Zyklus bei den Aktienmärkten aus, der Mitte 2013 sein Hoch ausbildet und von 2013 bis 2016 rückläufig ist. Bei den Aktienmärkten wird mit einem Rückgang zwischen 25% und 50% gerechnet.

Armstrong Economics: Sein Economic Confidence Modell sagt für August 2013 ein Hoch und für September 2014 ein Tief voraus, dem dann im Oktober 2015 abermals ein Hoch folgt. Der Rückgang der Wirtschaft bis ins Jahr 2020 dürfte massiv ausfallen. Armstrong rechnet damit, dass es von 2015 bis 2020 zu einem weltweiten Crash und einem wirtschaftlichen Rückgang kommt.

Zyklen von Charles Hugh Smith: Er spricht von vier langfristigen Zyklen, die ihr Tief zwischen 2010 und 2020 ausbilden. Dabei handelt es sich um den Kredit-Ausdehnung/Kontraktions-Zyklus, den Preis/Gehalts-Inflationszyklus, den Generations-Zyklus und den Ölfördermaximum-Zyklus.“

Wird sich die Geschichte wiederholen?

Eigentlich müsste es ja beängstigend sein, dass 2014 dem Jahr 2007 auf unheimliche Art und Weise zu gleichen scheint. Aber wir haben aus der letzten großen Wirtschaftskrise nichts gelernt, und die meisten Amerikaner sind einfach viel zu apathisch, um mitzubekommen, dass wir heute wieder eine Vielzahl der alten Fehler begehen.

In den letzten Monaten gab es eine ganze Reihe von Hinweisen, dass der nächste wirtschaftliche Abschwung nicht mehr allzu weit weg sein kann. Beispielsweise wurde diese Woche gemeldet, dass die Stellenangebote im US-Fertigungssektor den vierten Monat in Folge rückläufig sind. Es gibt viele weitere ähnliche Hinweise, schauen Sie sich dazu bitte auch meinen vorangegangenen Artikel an.

Wollen wir hoffen, dass sich all die oben genannten Wirtschaftszyklustheorien dieses Mal nicht bewahrheiten werden – dennoch wäre es ziemlich närrisch, ihre Warnungen einfach so beiseite zu wischen.

Alles deutet darauf hin, dass ein großer wirtschaftlicher Sturm aufzieht, und wir sollten diese Zeit der relativen Ruhe nutzen, um uns vorzubereiten, solange es noch möglich ist.

Michael Snyder


Quelle: Michael Snyder, The Economic Collapse, 12.05.2014

Übersetzung: http://www.propagandafront.de/

Beitragsbild: www.piqs.de

Professor Dr. Jürgen Stark bei der Stresemann-Gesellschaft, Bild: Wikipedia Commons/Kandschwar

Professor Stark: Finanz- und Geldsystem im Blindflug!

11. Mai 2014 Am gestrigen Samstag fand im München, im Bayerischen Hof, im Königssaal eine Konferenz unter dem Namen „Ist das Papiergeld noch zu retten?“ statt. Einer der hochkarätigsten Redner dort war Professor Dr. Jürgen Stark, ehemaliger Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank und ehemaliger Vizepräsident der Deutschen Bundesbank. Ein Besucher dieser Konferenz berichtet, daß Professor Stark ganz klare, erschütternde Aussagen dort gemacht hat.

Das Ludwig von Mises Institut Deutschland ist ein sehr anerkanntes und seriöses Institut und wurde im Oktober 2012 gegründet. Es ist benannt nach Ludwig von Mises (1881 – 1973), dem wohl bedeutendsten Ökonomen und Sozialphilosophen des 20. Jahrhunderts. Hier werden immer wieder bedeutende und hochqualifizierte Köpfe der Wirtschafts- und Finanzwelt eingeladen, die Vorträge und Seminare haben höchstes Niveau und  zeichnen sich durch Insiderwissen aus.

Professor Dr. Jürgen Stark ist ein solcher. Als ehemaliger Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank und ehemliger Vizepräsident der Deutschen Bundesbank hat er beste Kontakte und profunde Fachkenntnis.

Bei seinem gestrigen Vortrag gab Professor Stark unumwunden zu, daß die Zentralbanken weltweit – einschließlich der höchsten Chargen und fachkundigsten Experten – komplett jede Kontrolle und jeden Überblick über die Lage verloren haben. Niemand weiß, wie lange das noch gutgeht und wohin es führt. Seit 2008 ist man nur noch im Notbetriebmodus. Das Einzige, was den ganzen Laden noch irgendwie am Laufen hält, ist das produzieren von Geld.

So, wie Ende November 2011 der globale Crash des Weltfinanzsystems nur noch Stunden entfernt war, und alle großen Zentralbanken in einer konzertierten und gleichzeiten Aktion schlagartig unlimitierte Geldmengen ins System pumpten, geht es bis heute weiter.

Wörtlich sagte Professor Stark: “ Das ganze System beruht auf reiner Fiktion und fliegt seit 2008 im Blindflug! Einen Zweiten Lehman-Vorfall wird es nicht überleben!“

Dabei meint Stark nicht nur das ungedeckte Papiergeld, was ohne irgendeinen realen Gegenwert (Gold, Wirtschaftsleistung, Waren und Dienstleistungen) nach Belieben „gedruckt“ wird. Nein, er redet von der nächsten Stufe: Die Steuerung der gesamten Geldmenge ist völlig außer Kontrolle geraten. Es wird nicht nur einfach gedruckt, sondern es weiß auch niemand mehr, wer wo wann wieviel Geld virtuell erzeugt und wo es eigentlich hingeht. Auch, wieviel Kreditgeld die Banken aus dem schon in absurden Massen erzeugten Zentralbankgeld nun ihrerseits wieder erzeugen, entzieht sich jeder Kontrolle.

Das Ganze funktioniert anscheinend so, als sei man in schwindelnder Höhe mit einem Heißluftballon unterwegs. Der Ballon ist kaputt und hat Löcher, aus denen die heiße Luft (das Geld) rausströmt (Zahlungsausfälle, Überschuldung, Zinsdienst, Bankenpleiten, Firmenpleiten etc), und der Ballon droht mit allen in der Gondel abzustürzen. Man kann ihn nur am Fliegen halten, indem man wie verrückt heiße Luft nachheizt (Geldschöpfung). Nur: Die Löcher werden immer größer, immer mehr Luft entweicht und man stellt den Heizer immer höher, bis es dann irgendwann zuerst den Ballon zerfetzt oder der Ofen auf einmal ausfällt. Man kann das nicht beliebig lange machen. Der Absturz kommt.

Wer Vermögen hat, der sollte sich fragen, was eigentlich aus seinem schwer erarbeiteten Geld wird, wenn diese ganze Wahnsinnsblase platzt. Zur Zeit ist ja sogar ein deflationärer Crash noch denkbar, weil soviele Zahlungausfälle, unbedienbare Schulden von Staaten, Firmen und Bürgern ständig wieder Unmassen an Geld vernichten. Sonst würde ja nicht panisch durch Geld-Erschaffung dagegen angekämpft. Doch irgendwann kippt das um, und niemand hat noch Vertrauen in das Geldsystem, das Stark als „reine Fiktion“ bezeichnet. Und dann ist das ganze Geldsystem schlichtweg geplatzt, wie eine überdehnte Seifenblase.

Es wird dann auch kein Arbeitslosengeld, keine Rente oder ähnliches mehr geben. Wer glaubt, der Staat werde schon für ihn sorgen, der irrt.

Man kann sein Geld nur in dauerhafte Sachwerte investieren, in Edelmetalle wie Gold und Silber, Grund und Boden, ein Haus, vielleicht auch Kupfer (Industriemetall), Wertgegenstände … Und natürlich in sich selbst. Was kann ich tun, wenn der Welthandel und das Geldsystem ausfällt? Kann ich Kleidung nähen? Autos reparieren? Gemüse und Obst ziehen und verkaufen? Nützliche Gegenstände herstellen?

Das wird die Stunde der regionalen Kleinunternehmer und des Neuanfangs werden – nicht das Ende der Welt!°

Wir müssen uns nur intelligent darauf vorbereiten, dann werden wir das gemeinsam schaffen.


Das folgende Buch kann ich nur empfehlen! – „Warum andere auf ihre Kosten immer reicher werden“

978-3-89879-857-0_jpg_210x328_q85Das Geld kommt vom Staat! Das stellt eigentlich niemand in Frage. Sollte man aber. Denn das staatliche Geldmonopol ist für eine Volkswirtschaft mitunter genauso schädlich wie Monopole in der Wirtschaft. Und hier würde niemand auf die Idee kommen, diese zu verteidigen. Warum sollte es also beim Geld anders sein?

Deutschland hat wie alle Länder der Welt ein reines Papiergeldsystem, in dem neues Geld quasi aus dem Nichts entsteht. Andreas Marquart und Philipp Bagus zeigen spannend und für jeden verständlich, wie Geld entsteht und warum unser jetziges Geld schlechtes Geld ist. Der Leser erfährt, wie wichtig gutes Geld für eine Volkswirtschaft ist und welchen Einfluss schlechtes Geld auf jeden Einzelnen in der Gesellschaft hat.

Welche Rolle zudem Staat, Regierung und Politik bei der Umverteilung zugunsten Superreicher spielen und warum die naive Staatsgläubigkeit keine Zukunftsstrategie für den einzelnen Bürger ist, zeigen Marquart und Bagus anhand vieler Beispiele. Wer hingegen Politikern – und sei es nur aus einem Bauchgefühl heraus – noch nie vertraut hat, wird den Beleg dafür erhalten, dass er mit diesem Gefühl richtig liegt. Ein leicht verständlicher Einstieg in die Frage, warum Geld für viele Missstände in unserer Gesellschaft verantwortlich ist.

Hierzu empfehle ich noch den Artikel „Die wahre Armutsfalle“ von Christoph Braunschweig mit folgender Endung:

Die Lektüre dieses ebenso unterhaltsamen wie provokant-tiefsinnigen Buches kann nur wärmstens empfohlen werden – vor allem dem wissensmanipulierten Normalbürger, aber auch allen jungen Studenten der Wirtschaftswissenschaften, die heute an den staatlichen Hochschulen von diesen grundlegenden Zusammenhängen nichts erfahren und deshalb die wirtschaftliche Wirklichkeit (trotz aller hochgestochenen mathematischen Modelle) letztlich nicht verstehen.

Die modernen „Mainstream-Ökonomen“, deren keynesianische und neo-klassische Gleichgewichtsmodelle längst an den Klippen der wirtschaftlichen Realität zerschellt sind, mögen sich bei der Lektüre äußerst unwohl fühlen – wie auf einem heißen Grill festgebunden. Aber nach dieser Lektüre werden sie wohl vieles mit anderen Augen sehen.


Quelle „Finanz- und Geldsystem im Blindflug“: http://quer-denken.tv

Beitragsbild: Professor Dr. Jürgen Stark bei der Stresemann-Gesellschaft, Bild: Wikipedia Commons/Kandschwar