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Halluzination_Psychose_Illusion_Fata_Morgana_Einbildung_Erscheinung_Sinnestaeuschung_Taeuschung_Trugbild_Wahnbild_Wahnvorstellung_Kapitalismus_Neoliberalismus_by_Uta_Herbert_pixel

Von Zeit zu Zeit: Überforderung

von Stephan Krull

Viele Menschen leiden an zu viel Arbeit. Andere leiden daran, ihren Lebensunterhalt nicht selbst verdienen zu können, nicht gebraucht zu werden.

Von den gut 80 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern unseres Landes gehören etwas mehr als die Hälfte zur Altersgruppe der 20- bis 60jährigen, also zu den potentiell Erwerbsfähigen – einige steigen schon etwas früher in das Berufsleben ein, einige später aus; Summa etwa 45 Millionen. Laut Bundesregierung sind 42 Millionen Personen erwerbstätig, die Zunahme der Erwerbsbevölkerung zwischen 1991 und 2013 um gut drei Millionen Personen beruht auf der drastischen Zunahme prekärer Arbeit und unfreiwilliger Teilzeitarbeit sowie der Zuwanderung aus Südeuropa in den zurückliegenden zwei Jahren von fast einer Million Menschen. Drei Millionen sind erwerbslos, davon erhalten nach einer aktuellen DGB-Studie rund 750.000 Menschen kein Arbeitslosengeld, weil sie die Wartezeit nicht erfüllen oder keinen Anspruch auf »Hartz-IV«-Leistungen haben.

Und wo bleiben dabei diejenigen, die aus der offiziellen Statistik gefallen sind: 190.000 über 58jährige Arbeitslosengeldempfänger, 100.000 Ein-Euro-Jobber, 300.000 Menschen, die sich in beruflicher Eingliederung oder Weiterbildung befinden und 80.000 kranke Erwerbslose? Wo bleibt die »stille Reserve«? Stimmt mit der Statistik etwas nicht? Das Statistische Bundesamt rechnet anders als die Agentur für Arbeit, dazwischen klafft eine Lücke von zwei Millionen Erwerbstätigen. Wenn wir über diese Ungenauigkeit hinwegsehen, sind dennoch einige Zahlen aufschlußreich:

Von den angenommenen 42 Millionen Erwerbstätigen sind 37 Millionen Arbeiter, Angestellte oder Beamte, davon unterliegen 29 Millionen der Sozialversicherungspflicht, davon wiederum arbeiten 24 Millionen in Vollzeit. Das heißt, 13 Millionen Beschäftigte arbeiten in unterschiedlichen Teilzeitverhältnissen, acht Millionen davon außerhalb der Sozialversicherungspflicht. 2,5 Millionen Menschen sind Solo-Selbständige ohne Beschäftigte, knapp zwei Millionen sind Selbständige mit Beschäftigten.

Angesichts der stetig wachsenden Anzahl von Erwerbspersonen sollte man davon ausgehen, daß auch die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden wächst – das Gegenteil ist jedoch längerfristig der Fall, weil die Produktivität schneller steigt als das Wirtschaftswachstum. Und genau hier eröffnet sich die Möglichkeit und vor allem die Notwendigkeit, die Arbeitszeit radikal zu verkürzen (Quelle der nachfolgenden Zahlen: Statistisches Bundesamt und eigene Berechnungen):

geleistete Arbeitsstunden und Anzahl der Erwerbspersonen von 1960 bis 2013
Jahr Erwerbstätige (Anzahl Personen) Arbeitsvolumen (Mrd. Stunden)
1960 26.618.000 56.382
1990 30.276.000 47.412
1991 38.868.000 60.082
2013 41.841.000 58.072

Quelle: statistisches Bundesamt und eigene Berechnungen

Layout 1Während also die Anzahl der Beschäftigten enorm steigt, sinkt das Arbeitsvolumen der Lohnerwerbsarbeit, gleichzeitig steigt der Reichtum unseres Landes seit Jahrzehnten. Das Arbeitsvolumen sank durch Arbeitszeitverkürzung von der 48- auf die 40-Stunden-Woche, durch höhere Urlaubsansprüche und in den letzten zehn Jahren vor allem durch oft unfreiwillige Teilzeitarbeit.

»Noch nie ging es uns so gut – noch nie haben wir uns so schlecht gefühlt. Ist die steigende Zahl seelischer Krankheiten, sind Burnout, Depressionen und Versagensängste der Preis einer immer hektischeren Jagd nach Erfolg und Wachstum?« schreibt und fragt der Psychologe und Psychoanalytiker Paul Verhaeghe in seinem Buch »Und ich? Identität in einer durchökonomisierten Gesellschaft«. [Anm. Admin: bitte die 4 PdF-Anhänge beachten]

Arbeit macht krank – zu viel Arbeit und zu wenig. Meine Kolleginnen und Kollegen aus der VW-Fabrik berichten so: »Nervenzusammenbruch im Vertrieb, Wutanfall bei einem Fahrer, viele kranke Kollegen im Zentrallager, Morddrohungen eines Stapler-Fahrers …, und dies nur in meiner unmittelbaren Arbeitsumgebung … Pauschal kein Urlaub, freie Tage sollen ›verkauft‹ werden, weil zu wenig Personal verfügbar ist. Umstrukturierung und noch mehr Bürokratie; mit zwei Personen pro Schicht, die nicht mehr ihrer alten Arbeit nachgehen sollen, sondern die Schnittstelle zwischen VW und der Personal-Verleihfirma. 1050 Euro ausgezahlt für drei Schichten mit Zuschlägen und Wochenendarbeit im Bereich der Logistik, zu 100 Prozent integriert mitten in der Wertschöpfungskette, Lohndumping erster Klasse mitten im Werk.«

Armut-Armutsschere-Kapitalismuskritik-Sozialstaat-Verarmung-Depression_by_Dr. Klaus-Uwe Gerhardt_pixelio.de_Rund zwei Millionen Beschäftigte in Deutschland sind mindestens einmal im Jahr krank, durchschnittlich zehn Arbeitstage oder 160 Millionen Arbeitsstunden fallen dadurch aus. Andererseits werden trotz Flexibilisierung und Arbeitszeitkonten immer noch etwa 1,5 Milliarden Überstunden gemacht – das entspricht etwa einer Million Vollzeitarbeitsplätzen oder durchschnittlich 50 Stunden pro Person und Jahr.

Alles zusammengenommen, Minijobs, Teilzeitbeschäftigte und Vollzeitbeschäftigte, beträgt die durchschnittlich Jahresarbeitszeit aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer etwa 1.300 Stunden an 220 Arbeitstagen. Diese tatsächliche Arbeitszeit entspricht genau der 30-Stunden-Woche, nur ist die Arbeitszeit sehr ungleich verteilt in Überforderung einerseits und Unterbeschäftigung andererseits, beides macht die Individuen und die Gesellschaft krank.

Eine radikale Arbeitszeitverkürzung mit vollem Lohn- und Personalausgleich ist aktueller denn je, sie ist möglich, nötig und bezahlbar. Wie in den zurückliegenden 100 Jahren wettern Kapital und Kabinett, bis vor 100 Jahren im Verein mit Krone und Kirche, gegen jede Arbeitszeitverkürzung und erklären sie zum Untergang unseres Landes, zum Verlust der Wettbewerbsfähigkeit. Karl Marx wies nach, daß sich in der Ökonomie der Zeit schließlich alle Ökonomie auflöst. Für die Kapitaleigentümer und ihre Manager ergibt sich daraus zwecks Profitsteigerung der Zwang, den Arbeitstag der abhängig Beschäftigten extensiv auszuweiten. Eine Begrenzung des Arbeitstages und eine Reduzierung der Arbeitszeit hingegen ist eine Begrenzung der Macht und des Profites, eine Rückgewinnung von Autonomie für die lohnabhängig Beschäftigten.

Stephan Krull


Quelle:  Kritisches Netzwerk

Erschienen in Ossietzky, der Zweiwochenschrift für Politik / Kultur / Wirtschaft – Heft 24/2014 > zum Artikel

Ossietzky, Zweiwochenschrift für Politik, Kultur, Wirtschaft, wurde 1997 von Publizisten gegründet, die zumeist Autoren der 1993 eingestellten Weltbühne gewesen waren – inzwischen sind viele jüngere hinzugekommen. Sie ist nach Carl von Ossietzky, dem Friedensnobelpreisträger des Jahres 1936, benannt, der 1938 nach jahrelanger KZ-Haft an deren Folgen gestorben ist. In den letzten Jahren der Weimarer Republik hatte er die Weltbühne als konsequent antimilitaristisches und antifaschistisches Blatt herausgegeben; das für Demokratie und Menschenrechte kämpfte, als viele Institutionen und Repräsentanten der Republik längst vor dem Terror von rechts weich geworden waren. Dieser publizistischen Tradition sieht sich die Zweiwochenschrift Ossietzky verpflichtet – damit die Berliner Republik nicht den gleichen Weg geht wie die Weimarer.

Wenn tonangebende Politiker und Publizisten die weltweite Verantwortung Deutschlands als einen militärischen Auftrag definieren, den die Bundeswehr zu erfüllen habe, dann widerspricht Ossietzky. Wenn sie Flüchtlinge als Kriminelle darstellen, die abgeschoben werden müßten, und zwar schnell, dann widerspricht Ossietzky. Wenn sie Demokratie, Menschenrechte, soziale Sicherungen und Umweltschutz für Standortnachteile ausgeben, die beseitigt werden müßten, dann widerspricht Ossietzky. Wenn sie behaupten, Löhne müßten gesenkt, Arbeitszeiten verlängert werden, damit die Unternehmen viele neue Arbeitsplätze schaffen, dann widerspricht Ossietzky – aus Gründen der Humanität, der Vernunft und der geschichtlichen Erfahrung.

Ossietzky erscheint alle zwei Wochen im Haus der Demokratie und Menschenrechte, Berlin – jedes Heft voller Widerspruch gegen angstmachende und verdummende Propaganda, gegen Sprachregelungen, gegen das Plattmachen der öffentlichen Meinung durch die Medienkonzerne, gegen die Gewöhnung an den Krieg und an das vermeintliche Recht des Stärkeren.

http://www.ossietzky.net/

Bild– und Grafikquellen:

1. Krankheit und Depression: Viele Menschen leiden an zu viel Arbeit. Andere leiden daran, ihren Lebensunterhalt nicht selbst verdienen zu können, nicht gebraucht zu werden. Foto: Uta Herbert. Quelle: Pixelio.de

2. Cover des Buches »Und ich? Identität in einer durchökonomisierten Gesellschaft«. Autor ist der belg. Psychologe, Psychoanalytiker Paul Verhaeghe , ordentlicher Universitätsprofessor an der Universität Gent. Aufgrund der Forschung mit seiner Fachgruppe zum Thema Burnout-Syndrom und Depression richtete sich seine Aufmerksamkeit immer mehr auf die kombinierten Auswirkungen gesellschaftlicher Veränderungen und Arbeitsorganisation.

Die weitere Vertiefung davon brachte ihn zur These, dass die gegenwärtige Identität auf einer zwingenden neoliberalen Ideologie basiert ist, und dass eine derartige Identitätsbildung gegen unsere evolutionär eingefleischte soziale Art geht. Ende Januar 2012 hielt Verhaeghe an einem belgischen nationalen Streiktag einen scharfen Vortrag im Kunstzentrum Vooruit Gent, in dem er die Bankenkrise als Bestätigung der neoliberalen Ideologie betrachtet. Die Ausarbeitung davon beim Paul Verbraeke-Vortrag in Antwerpen und die daran anschließende Veröffentlichung des Textes stieß in Flandern auf sehr breites Interesse. Dieser Vortrag basierte auf zwei Kapiteln von „Identiteit“, einem Buch, das im Herbst 2012 erschien und in deutscher Übersetzung vom Verlag Antje Kunstmann im August 2013 veröffentlicht wurde. ISBN 978-3-88897-869-2, Preis 19.95 € (D)

Im ersten Teil von „Identiteit“ argumentiert Verhaeghe, dass unsere psychologische Identität eine Konstruktion auf einem evolutionär begründeten Unterbau ist. Evolutionär betrachtet ist der Mensch eine soziale Tierart, in der zwei entgegengesetzte Verhaltenstendenzen wirken: einerseits die Ausrichtung auf Gemeinschaft und Teilen, andererseits die Ausrichtung auf Individualismus und Nehmen. Welche der beiden Tendenzen die Oberhand bei der Konstruktion der Identität bekommt, wird durch das Gesellschaftsmodell bestimmt. Im zweiten Teil beschreibt er die heutige Gesellschaft als neuliberal, wobei er den Neoliberalismus als neue Version des Sozialdarwinismus auffasst. Die dadurch bestimmte Identitätsentwicklung ist ihm zufolge sehr negativ, weil sie gegen die soziale Art des Menschen angeht. Die negativen Auswirkungen des Neoliberalismus findet er auch in der Organisation des Unterrichts, der wissenschaftlichen Forschung und der Gesundheitsfürsorge. Im letzten Kapitel erklärt er, dass Veränderung von unten ausgehend erfolgen muss, da die neoliberale Ideologie mittlerweile Bestandteil unserer Identität ist.

3. Überforderung einerseits und Unterbeschäftigung andererseits, beides macht die Individuen und die Gesellschaft krank. Foto: Dr. Klaus-Uwe Gerhardt. Quelle: Pixelio.de

Anhang Größe
Vortrag von Paul Verhaeghe – Mehr Verantwortung oder Disziplinierung – zu seinem Buch – Und ich, Identität in einer durchökonomisierten Gesellschaft 164.45 KB
Interview mit Paul Verhaeghe – Sinngebung ist ein kollektives Geschehen – Neoliberalismus schadet der psychosozialen Gesundheit von Menschen 330.44 KB
Interview mit Paul Verhaeghe – Dieses Wirtschaftssystem zerstört unsere Menschlichkeit – Die krankhafte Profitgier der Aktionäre und die Idee vom survival of the fittest führen in die Irre und mache 137.87 KB
Rezension von Manfred Baberg zu Paul Verhaeghes Buch – UND ICH Identität in einer durchökonomisierten Gesellschaft 27.27 KB
Euprotest

Zerfall einer Weltordnung

von Heinz Sauren

Gesellschaften werden im Wesentlichen von drei Säulen getragen. Einem kollektivem soziokulturellen Gerechtigkeitsempfinden, einem verbindendem Wirtschaftssystem und einer, die politische Umsetzung bestimmenden Staatsdoktrin. Jede dieser Säulen ist wichtig und ein harmonisches Staats- und Gesellschaftsgefüge stellt sich ein, wenn jeder dieser Säulen ein gleicher Stellenwert eingeräumt wird.

Gesellschaftliche Spannungen entstehen, wenn eine der Säulen stärker gewichtet wird. Geschieht eine solche Priorisierung durch eine gesellschaftliche Minderheit, z.B. eine Elite, führt das zu Spannungen innerhalb einer Gesellschaft. Findet eine solche Priorisierung eine gesellschaftliche Mehrheit, führt das zu externen Spannungen mit anderen Gesellschaften.

Innerhalb der westlichen Demokratien hat eine solche Priorisierung stattgefunden. Mit mehrheitlicher Zustimmung haben die westlichen Gesellschaften das Wirtschaftssystem soweit priorisiert, das die Demokratie zu einer politischen Verwaltungsform des Kapitalismus degradiert und die Befindlichkeiten der Völker mit Konsumveränderungen geleitet werden. Solche Konsumgesellschaften waren Jahrzehnte ein weltweites Leitbild.

Der Kapitalismus schien für alle Gesellschaften erstrebenswert und der Konsum das vereinende Mittel aller kultureller, soziologischer und selbst urmenschlichster Differenzen. Die Gier des einzelnen ist der Antrieb der hedonistischen Gesellschaften, die sich in der westlichen Hemisphäre vereinfachend “Demokratie” nennen.

Der Revolutionen des “arabischen Frühlings” offenbarten erstmalig die Grenzen, an die westliche Demokratien bereits gestoßen waren. Die Menschen, die auf den Plätzen und Straßen nach Demokratie riefen, verlangten nicht nach einer Gleichberechtigung aller, in einem rechtsstaatlichen Gefüge, sondern nach dem, was ihnen als Demokratie vorgelegt wurde. Sie wollten die Freiheit des Wohlstands, durch den ihnen alle weiteren Freiheiten zu folgen schienen. Als sie das nicht erhielten, scheiterten sie. Nicht im Sinne einer Definition der Revolution, wohl aber im Sinne der politischen Zielsetzung des Westens.

Es offenbarte sich das Grundproblem des Kapitalismus, der aufgrund der Unmöglichkeit ewigen Wachstums durch die Begrenztheit der Ressourcen, nicht mehr unbegrenzt Wohlstand liefern kann. Es ist ein kapitalistischer Grundsatz – Wer den Kern seiner Marke nicht liefern kann, verliert die Attraktivität seines Produktes-. Es ist der Verlust der Attraktivität der westlichen Demokratien, die ihre Kernaussage des immerwährend wachsenden Wohlstandes nicht halten können, die heute im Umbruch befindliche Staaten nach anderen heilbringenden Ideologien Ausschau halten lassen und es ist der offensichtliche Umstand, das die westlichen Demokratien ihren Wohlstand nicht einmal mehr halten können, das jene Gesellschaften die schon für das Modell der Konsumgesellschaften gewonnen schienen, sich wieder abwenden.

Die internationale Politik ist in Aufruhr. Die globalen machtpolitischen Strukturen sind aufgrund des Konflikts in der Ukraine und kriegerischen Aufbegehrens der arabischen Welt, aus den Fugen geraten. Erstmals seit der kapitalistischen Eroberung der Welt, durch den Zusammenbruch des Kommunismus zu Beginn der 1990er Jahre, etablieren sich wieder neue, zum Teil grundsätzlich differente Ideologien und fordern eine Existenzrecht unabhängig und ausserhalb der demokratisch kapitalistischen Weltordnung. Darin besteht die Ungeheuerlichkeit aus Sicht der etablierte Machtstrukturen und daraus entsteht auch der erstaunlich schnelle und umfassende Konsens, diesen Bestrebungen mit allen Mitteln entgegen zu treten.

Medial wird mit der Brutalität der ukrainischen Separatisten und den Gotteskriegern der ISIS eine weltweite Gegenstimmung geschürt. Die Vorwürfe sind berechtigt aber auch einseitig verfälschend. Einzelne Menschen medial wirksam zu köpfen ist ebenso verwerflich und inhuman wie das zerfetzen von Familien mittels Drohnen. Jeder Krieg ist die Zentrierung der grausamsten und abscheulichsten Taten und jeder Versuch einen Krieg als berechtigt oder human darzustellen, ist zynistische Propaganda.

Befindet sich die Weltordnung in Auflösung? Ja natürlich! Jede Weltordnung war zu jeder Zeit von ihrer Zerschlagung bedroht. Die aktuelle besteht noch nicht einmal 25 Jahre, die vorherige schaffte 45 Jahre und die davor gerade einmal 12 Jahre. Weltordnungen haben zwar allesamt den Anspruch ewiger Gültigkeit, doch sind meist nur Konstrukte die in Dekaden gemessen werden. Gesellschaftliche Entwicklungen äußern sich gerade erst durch die Auflösung unzeitgemäßer Ordnungen und die Schaffung neuer. Die Geschichte zeigt, das die Gefahr nicht in einer neuer Ordnung, einer neuen Ideologie liegt, sondern in der Zerstörung und den Opfern die jede etablierte, sich in Auflösung befindende Gesellschaftsordnung fordert, bevor sie zerbricht. Die meisten Kriege erweisen sich in rückbezüglicher Betrachtung als verzweifelte Abwehrreaktionen, gegen die unvermeidliche Zerschlagung vormals etablierter Ideologien.

Die aktuelle Weltordnung einer globalisierten Gesellschaft, entstand unter einem ökonomischen Diktat  grenzenloser Märkte, der Globalisierung. Doch die Mechanismen grenzenloser Märkte basieren auf einem Warenverkehr, in dem die Waren keine Rechte und kein Rechtsempfinden haben, da sie Sachen sind. Diese Mechanismen lassen sich nicht auf Gesellschaften übertragen, deren Mitglieder mit eigenen Rechten und Rechtsempfinden ausgestattet sind, ohne diese zu entrechten. Das Modell einer globalisierten Welt war eine gefährliche Utopie, die sich nun in Auflösung befindet. Es wird keine weltumspannende Ideologie, keine universelles Wertesystem geben. Die weltweiten Tendenzen sind offensichtlich. Südamerika entwickelt zunehmend human-sozialistische Volksdemokratien, Nordamerika und Europa die kapitalistische Globalisierung, Russland und Asien autokratische Nationalökonomien und die arabische Halbinsel, Religionsstaatsmodelle.

Die Kriege, die heute die Welt in Atem halten sind weder in der Qualität, als auch in der Quantität, etwas anderes als die Kriege, die es auch zu jedem Zeitpunkt zuvor gegeben hat. Auch das Argument, das sie nun so nah an Europa heran gerückt sein, ist unzutreffend. Die Balkan-Kriege um das Ex-Jugoslawien war räumlich näher. Es ist der Anspruch der Kriegspartei, der nicht mehr auf die Erzwingung eines Platzes innerhalb des bestehenden Machtgefüges gerichtet ist, sondern einen Platz außerhalb davon fordert, der so gefährlich für Staatengemeinschaft der kapitalistisch demokratischen Ideologie ist.

Die Welt wird sich weiterhin damit abfinden müssen, dass es wie zuvor unterschiedliche politische, weltanschauliche und wirtschaftliche Ideologien beherbergen wird. Alle Versuche eine globale Ordnung durchzusetzen sind gescheitert und können bereits jetzt und insbesondere in der Zukunft nur mit Waffengewalt erzwungen werden. Eine friedliche Welt ist eine Welt der Differenzierung, nicht der Globalisierung. Die Differenzierung wird die Basis der neuen Weltordnung sein.

Ich verbleibe in diesem Sinne

Heinz Sauren


Autor Heinz Sauren befasst sich auf seinem Blog mit Ideologie- und Gesellschaftskritik. Seine bevorzugte literarische Form des Ausdrucks ist das Essay, aber auch den kleinen Bruder des Essays, den Aphorismus sowie Prosa, Lyrik und Satire.

Anm. d. Red.: Wir danken Heinz Sauren, dass er uns die Erlaubnis erteilt hat, seine Texte veröffentlichen zu dürfen.

Text- und Grafikquelle:

Freigeist BLOG – Gesellschaftskritik – Artikel

Krieg_Erster_Zweiter_Weltkrieg_Imperialismus_Kapitalismus_NATO_Propaganga_Faschismus_Voelkermord_Voelkerrecht_1984

Friedensappell von Eugen Drewermann in Berlin, 13.12.2014

von Ken Jebsen

Stellen Sie sich vor es ist Krieg, und nur Gauck geht hin.

Die Bundesrepublik hat sich 25 Jahre nach Mauerfall zum drittgrößten Rüstungsexporteur der Welt hochgearbeitet. Der Tod ist erneut ein Meister aus Deutschland. Aktuell „verteidigen“ deutsche Bundeswehr-Soldaten an 17 Standorten außerhalb der Republik „unsere Werte“. Geht es nach Bundespräsident Gauck, Kanzlerin Merkel und Kriegsministerin von der Leyen, lässt sich diese Präsenz noch einmal deutlich steigern. Alles was diese Personen dafür benötigen, ist ein omnipotentes Feindbild. Da kommt der Konflikt in der Ukraine und die daraus behauptete Aggression Russlands gerade recht. Um was geht es wirklich? Es geht darum, dass auch dieses Land seine Rüstungsausgaben steigert und in Zukunft 2% des Brutto-Sozial-Produktes in die Anschaffung neuer Waffensysteme investiert. So wünscht es sich die NATO. Deutschland steht Gewehr bei Fuß und verkauft das der eigenen Bevölkerung dann als „alternativlose friedenssichernde Maßnahme“.

Alles was man mit Gewalt erringt, kann man nur mit Gewalt behalten, und so muss man das größte Militärbündnis der Welt als ein unverzichtbares Werkzeug des Turbokapitalismus enttarnen. Diese Wirtschaftsform ist ohne Unterdrückung und damit ohne Gewalt nicht zu haben. Die Systemgewalt des Kapitalismus geht nahtlos über in den Faschismus.

Ein breites Friedensbündnis aus klassischer und neuer Friedensbewegung nutzte den 13.12., um gemeinsam auf diese aggressive Politik aufmerksam zu machen und für den Frieden in Europa zu demonstrieren. Der Demonstrationszug vom Berliner Hauptbahnhof zum Amtssitz von Gauck, Schloss Bellevue, verzeichnete über 4000 Teilnehmer. KenFM zeigt die ergreifende Abschlussrede von Eugen Drewermann, der sich genau wie Joachim Gauck dem Christentum verschrieben hat, nur dass er andere Akzente setzt, statt „Auge um Auge, Zahn um Zahn“: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ und „Du sollst nicht töten“.


Textquelle: KenFM das Politmagazin

Beitragsbild: „Warum gibt es eigentlich Kriege?“ – www.qpress.de

Der Pressespiegel

Wie die Medien für die Mächtigen zum Krieg trommelten

von Herbert Ludwig

Die gefährlichsten Massenvernichtungswaffen sind die Massenmedien.

(M.A. Verick)

Immer wieder wird behauptet, es sei ein Verdienst der EU und ihrer Vorgängerorganisationen, seit nunmehr siebzig Jahren verhindert zu haben, dass die Völker nach den zwei Weltkriegen des vorigen Jahrhunderts wieder übereinander herfallen konnten. Das ist eine Verschleierung der Wahrheit. Kriege gingen und gehen nie von den Völkern aus, sondern immer von den Herrschenden bzw. deren Fäden ziehenden Hintermännern, die mit Hilfe der von ihnen gelenkten Medien die Menschen täuschen, belügen und in den Krieg treiben.Und von den Herrschenden wird auch heute über die Köpfe der Menschen hinweg die diktatorische EU veranstaltet. In den modernen Machtstaaten, die mit Gesetzen den Willen der Menschen grundrechtswidrig von außen lenken (vgl. „Die Macht macht untertan“) – da besteht zwischen Diktaturen und „Demokratien“ kein Unterschied – sind die Medien Bestandteil der bestehenden Machtstrukturen. Denn durch nichts kann das Bewusstsein der gutgläubigen Menschen so total manipuliert werden. Über dieses Zusammenspiel sollen hier Schlaglichter auf drei am Ersten Weltkrieg beteiligte Länder geworfen werden.

Die Funktion der Presse in England vor dem Ersten Weltkrieg

In England hatte sich 1909 um Lord Alfred Milner ein elitärer Kreis einflussreicher Politiker und Gelehrter unter dem Namen  The Round Table mit dem Ziel gebildet, immer mehr Einfluss auf die britische Politik zu nehmen, um aus dem Anspruch gottgewollter Überlegenheit der englischen „Rasse“ intensiv für eine imperialistische Ausbreitung des Britischen Empire zu wirken. Dazu sahen sie einen Krieg mit Deutschland als unausweichlich an. Zum engeren Kreis der voll in die Ideen und Impulse Eingeweihten rechnet der amerikanische Historiker Carrol Quigley neben Lord Milner: Lord Esher, Earl Albert Grey, A.J. Balfour, W.T. Stead, Philip Kerr, Lionel Curtis und weitere 9 Mitglieder. Um sie herum bestand ein weiterer Kreis, der wohl nicht mit allen Aspekten der Sache vertraut war. Dann kam noch ein äußerer Kreis von Helfern hinzu, der eine relativ große Zahl von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens umfasste, zu denen auch der von 1905 – 1916 als Außenminister amtierende Edward Grey gehörte. Geistige Heimat des Kreises war die Universität Oxford, speziell die Colleges Balliol und New College sowie die beispiellose Einrichtung des All Souls College, das als geistiger Kern des Britischen Empire gilt. (Vgl.: „Wie einflussreiche Kreise“)

Britisches PropagandaplakatFrüh war man von der Notwendigkeit überzeugt, Zugang zu Einrichtungen des Bildungswesens und insbesondere der Presse zu erhalten, um Einfluss auf das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu gewinnen. Man erreichte, dass Geoffrey Dawson, Milners Privatsekretär in dessen Zeit in Südafrika, Herausgeber der Times und damit der führende Newspaperman in Großbritannien wurde. Andere Round Tablers wie Philip Kerr  [1] (unter dem Pseudonym „Voyageur“) veröffentlichten in der Times Artikel. „Kerr schrieb außerdem regelmäßige Kolumnen für den Christian Science Monitor, aber auch in The Spectator, Nation and Athenaeum sowie Contemporary Reviews.“  [2]  Kerr war zudem Chefredakteur der eigenen Hauszeitschrift The Round Table. Das Mitglied Edward Grigg  [3] publizierte in den eher rechten National und Fortnightly Reviews sowie in John Garvins Observer. „Die Zeitschrift International Conciliation, finanziert und herausgegeben von ( dem amerikanischen Bankier) J. P. Morgan, druckte ganze Artikel aus The Round Table nach, aber veröffentlichte auch neue von Kerr und Brand.  [4] (…) Zu den Direktoren der Nachrichtenagentur Reuters zählten Malcolm, Grigg, John Buchan und Sir Roderick Jones.“  [5]  Schließlich bildete der Historiker Reginald Coupland, Professor für die Geschichte des Britischen Empire und für Kolonialgeschichte in Oxford, nach eigenen Worten „ein Gefäß der Imperialen Arbeit“. [6]

Durch dieses Geflecht waren sozusagen konzertierte Aktionen möglich. Beispielsweise

verkündet ein Staatsmann (und Mitglied der Gruppe) eine politische Entscheidung. Ungefähr zur selben Zeit veröffentlicht das Royal Institute of International Affairs eine Studie über dasselbe Thema, und ein führender Akademiker aus Oxford, ein Fellow aus All Souls (und Mitglied der Gruppe) veröffentlicht ebenfalls einen Band über das Thema (…). Die politische Entscheidung des Staatsmanns wird in einem Leitartikel von ´The Times´ einer kritischen Analyse unterzogen und schließlich gutgeheißen, während die beiden Bücher in einer einzigen Rezension in ´The Times Literary Supplement´ besprochen werden. Sowohl der Leitartikel wie die Buchbesprechung sind anonym, aber von Mitgliedern der Gruppe verfasst. Und schließlich tritt, ungefähr gleichzeitig, ein anonymer Artikel in (der eigenen Hauszeitschrift)´The Round Table´ für die gleiche politische Entscheidung ein. [7]

Bereits in der ersten Nummer der Hauszeitschrift The Round Table im November 1910 lenkte Philip Kerr das Bewusstsein der Öffentlichkeit auf einen angeblichen Gegensatz zwischen England und Deutschland, wobei letzteres als kriegslüstern und England als friedliebend dargestellt wurden:

Der Gegensatz zwischen England und Deutschland bildet die zentrale Tatsache der heutigen internationalen Situation. Deutschland ist der Unruheherd, dessen Rüstung und Ehrgeiz die Welt in einem Krieg zu verschlingen drohen. England ist die Macht, deren höchstes Interesse in der Wahrung des Friedens liegt. (…) Hierin besteht ein ewiger Konflikt. Es ist kein bloßer Wettstreit der Rivalen über die Frage, wer der Größte sein soll. Es ist ein Konflikt zwischen den freiheitsliebenden Bürgern des Britischen Empire und den enthusiastischen Vertretern der nationalen Größe Deutschlands. [8]

Auf diese Weise wurde die Bevölkerung langsam für einen Krieg gegen Deutschland eingestimmt, dessen Ausbruch 1914 wesentlich von der englischen Regierung mitherbeigeführt wurde (Vgl.: „Wie einflussreiche Kreise“). – Die enge Verflechtung von führenden Kreisen, staatlichen Machtstrukturen und der Presse in England wird hier etwas minutiös geschildert, weil sie gewissermaßen exemplarische Bedeutung hat.

Die korrumpierte Presse in Frankreich vor dem Ersten Weltkrieg

Feldpostkarte von 1919 "Un gros bonjour de Bochie" (Viele Grüße aus Deutschland)

Feldpostkarte von 1919 „Un gros bonjour de Bochie“ (Viele Grüße aus Deutschland)

Seit der Niederlage von 1871 gegen Deutschland wuchs in elitären Kreisen Frankreichs der Wille nach Revanche, nahm in den Bündnisverträgen mit Russland und England konkrete Form an und erreichte Anfang des 20. Jahrhunderts einen Höhepunkt. Ein Hauptvertreter war Raymond Poincaré, der im Januar 1912 Ministerpräsident und Außenminister wurde und von 1913 bis 1922 als Staatspräsident die französische Politik prägte.

In einem kürzlich erschienen Essay „Die Schuld lag nicht bei Deutschland“ weist der Franzose Phillippe Simonnot darauf hin, dass es in Frankreich schon früh vereinzelte Stimmen gab, die Poincaré  als regelrechten Kriegstreiber entlarvten und resümiert dazu: „In der Tat handelte es sich weniger um Völker oder Nationen (als Kriegstreiber), sondern um die Fürsten, die regierten.“ So schrieb 1920 Fernand Gouttenoire de Toury: „Die Regierungen, allesamt in der Hand finanzieller Mächte, (…) bereiten permanent und entgegen ihrer Behauptungen derartige Kriege vor. Dies geschieht durch den Unterhalt von Armeen, und so kommt der Tag, dass die unglücklichen Völker gegeneinander in die Schlacht geworfen werden.“ „Der Präsident der Französischen Republik hat sich entschlossen, (…) Anhänger des zaristischen Panslawismus zu werden, um Frankreich einen Revanche-Krieg zu ermöglichen und so die verlorenen Provinzen Elsass und Lothringen wieder zu erlangen.“ [9]

Noch radikaler drückte sich 1933 Félicien Challaye aus: „So war nach dem Willen von Poincaré der Krieg niemals ein Verteidigungskrieg, der die Verteidigung der Grenze zum Ziel hatte. Er war vielmehr ein Revanche-Krieg, der die Rückeroberung von Elsass und Lothringen zum Gegenstand hatte. Im Bewusstsein mehrerer französischer und russischer Führer war dies sogar ein sehr viel weiter gehender Eroberungskrieg, bei dem es darum ging, das Saargebiet, die linksrheinischen Gebiete und Konstantinopel sowie die Dardanellen in den Griff zu bekommen.“ [10]

Die französische Presse galt von vor dem 1. Weltkrieg bis zum Beginn des 2. Weltkrieges als die bestechlichste der Welt. „Um die pazifistischen und antimilitaristischen Strömungen im Land vor 1914 zum Schweigen zu bringen, bediente sich die französische Regierung auf Anraten des Finanzministers Rouvier gern der Geldmittel aus Russland. Zeitungen wie Le Temps (Vorgänger von Le Mond), Le Figaro, Le Gaulois, Le Petit Parisien, Le Martin, Le Journal officiel  bekamen regelmäßige Zuwendungen aus einem Spezialfonds, der allein währen der Balkankriege 1912 und 1913 jeweils 300.000 Francs betrug und der von Poincaré abgesegnet und überwacht wurde, um die ihm feindlich gesonnenen Journalisten zu neutralisieren. (Der russische) Botschafter Izvol´skij, der persönlich Journalisten wie Jules Hedeman (London Korrespondent von Matin) und André Tardieu vom Temps (von 1926 bis 1932 mehrmals französischer Minister und Ministerpräsident) täglich aufsuchte und finanziell versorgte, zahlte allein 1913 eigenhändig 374.000 Francs. Dabei mahnte er seinen Vorgesetzten Sazonow im Dezember 1912, die Geldmittel nicht versiegen zu lassen. ´Jeden Tag bemühe ich mich, die wichtigsten Zeitungen persönlich zu beeinflussen`, hob er hervor.“ [11]

Die Verbindungen der französischen Presse „mit dem Außenministerium hatten etwas in Europa Einzigartiges“, schreibt Phillipp Simonnot. Sie gingen in beiderlei Richtung „und zwar in der Weise, dass niemand so recht wusste, in welcher Richtung der Transmissionsriemen nun wirklich funktionieren würde.“ Der Einfluss der Zeitungen wurde dadurch noch verstärkt, „dass die Hälfte der Minister der Dritten Republik irgendwann in ihrem Leben einmal eine literarisch-journalistische Laufbahn absolviert hatte. Der Journalismus wurde wie eine natürliche Vorstufe zur Politik angesehen, und Journalisten wurden sogar Abgeordnete. Viele behielten finanzielle Verbindungen mit ihren Zeitungen.“ [12]

Die abhängige Presse in den USA vor dem Ersten Weltkrieg

US-Plakat 1917Es ist kein Geheimnis, dass in den USA die eigentliche Macht in den Händen führender Finanzkreise liegt, aus denen die Politiker entweder hervorgehen oder von ihnen gesteuert werden. Einer der Politiker, der es wissen muss, Franklin D. Roosevelt, US-Präsident von 1933-1945, schrieb in einem vertraulichen Brief: „Die tatsächliche Wahrheit ist, dass seit den Tagen von Andrew Jackson (US-Präsident 1829-1837) gewisse Teile der großen Finanzzentren die Regierung beherrschen.“ [13]

Einen Höhepunkt hatte diese private Finanzmacht erreicht, als am 23. 12. 1913 Präsident Woodrow Wilson das vorher (in den Weihnachtsferien) vom Kongress beschlossenes Gesetz über das „Federal-Reserve-System“ (FED) in Kraft setzte, mit dem die Notenbank mit dem Geld- und Kreditsystem einem privaten Bankenkonsortium übertragen wurde. Woodrow Wilson wurde erst später bewusst, an was er mitgewirkt hatte: „Ich bin ein höchst unglücklicher Mann. Ich habe unbeabsichtigter Weise mein Land ruiniert. Eine große Industrienation wird nun von ihrem Kreditsystem beherrscht. Unser Kreditsystem liegt konzentriert in den Händen einiger Weniger. Wir sind zu einer (…) der am meist kontrollierten und dominierten Regierung der Welt geworden, (…) Unsere Regierung basiert nicht länger auf der freien Meinung, noch auf der Überzeugung und dem Mehrheitsbeschluss, es ist nun eine Regierung, welche der Überzeugung und dem Zwang einer kleinen Gruppe marktbeherrschender Männer unterworfen ist.“ [14]

Es versteht sich, dass diese Machtzirkel neben der Regierung auch die wichtigsten Medien in der Hand haben müssen, um das Bewusstsein der Menschen zu besetzen und öffentlichen Druck auf die Politik ausüben zu können. Der Bürgermeister von New York John Francis Hylan traute sich 1922 in einer Rede offen darauf hinzuweisen:

Die wahre Bedrohung unserer Republik ist diese unsichtbare Regierung, die wie ein Octopus ihre schleimigen Tentakeln über Stadt, Staat und Nation ausbreitet. Um nicht bei bloßen Generalisierungen zu bleiben, lassen Sie mich aussprechen, dass der Kopf dieses Octopus die Rockefeller Standard Oil Interessen und eine kleine Gruppe mächtiger Banken sind …. Diese kleine geschlossene Gesellschaft mächtiger internationaler Banker leitet praktisch die US-Regierung im Sinne ihrer eigenen selbstsüchtigen Interessen. Sie kontrollieren praktisch beide politischen Parteien, schreiben politische Programme, machen Parteiführer zu ihren Handlangern, benutzen die führenden Männer privater Organisationen und greifen auf jeden Trick zurück, um nur solche Kandidaten zur Nominierung für hohe politische Ämter zu platzieren, die sich dem Diktat des korrupten ‘big business’ fügsam zeigen. Diese internationalen Banker und Rockefeller-Standard Oil Interessen kontrollieren die Mehrheit der Zeitungen und die Kolumnen dieser Zeitungen, um diejenigen Inhaber öffentlicher Ämter in die Unterwerfung zu zwingen oder aus dem Amt zu drängen, die es ablehnen, den machtvollen, korrupten Cliquen zu dienen, aus denen die unsichtbare Regierung besteht. [15]

John Swinton, einer der bedeutendsten Journalisten New Yorks Ende des 19 Jahrhunderts, der auch zehn Jahre bei der New York Times gearbeitet hatte, brachte bereits 1880 die Abhängigkeit der Presse schonungslos auf den Punkt. Auf einem ihm zu Ehren gegebenen Bankett von Kollegen lobte jemand in einem Trinkspruch die Freiheit der Presse. Doch Swinton sprach zum Schock der anderen unverblümt die Wahrheit aus:

Es gibt hier und heute in Amerika nichts, was man als unabhängige Presse bezeichnen könnte. Sie, liebe Freunde wissen das, und ich weiß es gleichfalls. Es gibt keinen unter Ihnen, der es wagt, seine ehrliche Meinung zu schreiben, und wenn Sie sie schrieben, wüssten Sie im Voraus, dass sie niemals gedruckt würde. Ich werde wöchentlich dafür bezahlt, meine ehrliche Überzeugung aus der Zeitung, der ich verbunden bin, herauszuhalten. (…) Jeder von Ihnen, der so dumm wäre, seine ehrliche Meinung zu schreiben, stünde auf der Straße. (…) Das Gewerbe eines Publizisten ist es vielmehr, die Wahrheit zu zerstören, geradezu zu lügen, zu verdrehen, zu verleumden, die Füße des Mammon zu küssen und sich selbst und die Gesellschaft um des täglichen Brotes willen wieder und wieder zu verkaufen. (…) Wir sind die Werkzeuge und Vasallen reicher Finanzgewalten hinter der Szene. Wir sind die Marionetten, sie ziehen die Schnüre und wir tanzen. Unsere Talente, unsere Fähigkeiten und selbst unser Leben gehören diesen Männern. Wir sind intellektuelle Prostituierte. [16]

1912 schrieb der Abgeordnete Joseph Sibley, ein Vertreter der Rockefeller-Interessen im Parlament, an John D. Archbold von Standard Oil: “Wir benötigen ein effizientes Büro für Pressefragen, nicht für einen Tag oder für eine Krise, sondern für eine ständige gesunde Kontrolle der Associated Press (globale Nachrichtenagentur) und vergleichbarer Organisationen.“ So etwas realisierte sich einige Jahre später. Der Kongressabgeordnete Callaway stellte fest: “Im März 1915 hat sich eine Interessengemeinschaft bestehend aus Vertretern von J.P.Morgan, der Stahl-, Werft- und Munitionsindustrie und ihrer angeschlossenen Firmen gebildet, die 12 hochrangige Vertreter aus der Medienlandschaft auswählte und sie beschäftigte, um die einflussreichsten US Zeitungen auszuwählen und um eine Anzahl dieser in ihrer täglichen Berichterstattung zu kontrollieren.”  Der Medienkritiker Patrick S. J. Carmack bemerkt dazu: „Diese Interessengemeinschaft fand heraus, dass es lediglich notwendig war, die 25 größten Zeitungen aufzukaufen. Man traf eine Vereinbarung, und die Grundsätze und Ausrichtung dieser Zeitungen wurden sprichwörtlich aufgekauft, ein Editor wurde für jede Zeitung eingestellt, um vor allem die Themen der Kriegsvorbereitung für den Eintritt der USA in den ersten Weltkrieg sowie alle militärischen und finanziellen Fragen und anderen Themen mit nationalen und internationaler Bedeutung im Sinne der Käufer zu überblicken und notfalls zu editieren.“ [17]

Neunzig Prozent der amerikanischen Bevölkerung waren gegen jegliche Beteiligung der USA am Ersten Weltkrieg. Daher betonte die Regierung auch eine strikte Neutralität. Die stand allerdings nur auf dem Papier. Denn zwischen 1914 und 1917 vergaben die Wallstreet-Banken mehr als 1,5 Milliarden Dollar Kredit an die Gegner Deutschlands, und auch Waffen- und Munitionslieferungen nach England fanden statt. Es lag also im Interesse der führenden Kreise der USA, dass die Gegner Deutschlands den Krieg gewannen, und es war Englands Interesse in der Not des Krieges, die USA auch aktiv kämpfend an seine Seite zu ziehen. England benutzte gegen internationales Recht Passagierschiffe für versteckte Waffen- und Munitionstransporte aus den USA. Am 7.5.1915 versenkte deshalb ein deutsches U-Boot vor Irland – nach dem Kriegsrecht berechtigtermaßen – das Passagierschiff Lusitania, mit dem 1198 Menschen untergingen.

Die Nachricht löste ein politisches Erdbeben aus. Wütend empörten sich Londoner Zeitungen über die moralische Verkommenheit Deutschlands. Die Versenkung der Lusitania sei das gemeinste der vielen gemeinen Verbrechen, mit denen sich die deutschen Streitkräfte besudelt haben, das unheimlichste Verbrechen der Geschichte. Die weltpolitische Lage drohte zu eskalieren, als bekannt wurde, dass von den 159 US-Bürgern an Bord 128 starben. Der US-Botschafter in London empfahl nach Washington: “Die USA müssen den Krieg erklären, oder sie verlieren den Respekt der Europäer.” US-Präsident Woodrow Wilson nannte die Tat “den schlimmsten Akt von Seeräuberei in der Geschichte der Menschheit”. [18] Zudem gab die amerikanische Regierung die falsche Meldung heraus, dass deutsche Schulkinder am Tage des Unterganges der Lusitania schulfrei bekommen hätten, um dies zu feiern. [19] Eine entsprechende Hetze brach in der US-Presse los. Die New York Tribune schrieb: „Seit dem 7. Mai werden Millionen in diesem Land bedauern, daß in Flandern keine Amerikaner mitfechten gegen Hunnen und Vandalen.“ So wurde die öffentliche Meinung zum Umschwenken gebracht, und immer mehr Stimmen sprachen sich offen für einen Kriegseintritt der USA gegen das Deutsche Reich aus. Der Lusitania-Fall bereitete in Amerika das Klima, in dem US-Präsident Wilson dann zwei Jahre später auf Seiten der Westmächte in den Ersten Weltkrieg eintrat.

„Die gefährlichsten Massenvernichtungswaffen sind die Massenmedien“, schrieb M.A. Verick. [20] Sie müssen als solche entlarvt werden. Denn sie treiben auch heute im Auftrag der Mächtigen ihr explosives Spiel.

Herbert Ludwig


Autor Herbert Ludwig: Nach kaufmännischer Lehre Studium und Ausbildung zum Rechtspfleger, 4 Jahre Tätigkeit an hessischen Amtsgerichten. Danach Studium an der Pädagogischen Hochschule Reutlingen mit den Schwerpunkten Erziehungswissenschaften, Philosophie, Geschichte, Deutsch, sowie Waldorfpädagogik am Waldorflehrer-Seminar Stuttgart. 27 Jahre Lehrer an der “Goetheschule – Freie Waldorfschule – Pforzheim”. Ruhestand.

http://fassadenkratzer.wordpress.com

Bild- und Grafikquellen:

  1. Beitragsbild: „Der Pressespiegel“ – RainerSturm  / pixelio.de
  2. „Britisches Propagandaplakat“ – Wikipedia CC-Lizenz
  3. „Viele Grüße aus Deutschland“ – Wikipedia CC-Lizenz
  4. „US-Plakat 1917“ – Wikipedia CC-Lizenz

Fußnoten:

  1. Philip H. Kerr (Lord Lothian, 1882-1940), Privatsekretär von Premier Lloyd George 1916-21, Sekretär des Rhodes-Trust 1916-21, Unterstaatssekretär für Indien 1931-32, Botschafter in den USA 1939-40. Nach Markus Osterrieder: Welt im Umbruch, Stuttgart 2014, S. 885
  2. hier und im Folgenden a. a. O. S. 897
  3. Edward Grigg (Lord Altrincham, 1879-1955), Mitarbeiter von The Times 1903-13, Sekretär von Edward VIII. 1919-20, Privatsekretär von Lloyd George 1921/22, Parlamentsabgeordneter 1922-25 und 1933-45, Sekretär des Rhodes-Trust 1921-25, Gouverneur von Kenia 1925-31, diverse Regierungsposten 1939-45. Nach Osterrieder S. 886
  4. Robert H. Brand (Lord Brand 1878-1963), nach 1910 Geschäftsführer des Bankhauses Lazard Bros. & Co., Co- Direktor der Lloyd´s Bank und von The Times, Osterrieder S. 885
  5. (Sir) Dougal Malcolm (1877-1955), Privatsekretär von Lord Selborne (Hochkommissar) in Südafrika und Earl Grey in Kanada, seit 1913 Direktor und seit 1938 Präsident der Brirish South Africa Company. John Buchan (Lord Tweedsmuir, 1875-1940), Privatsekretär von Milner 1901-03, Director of Information for The War Office 1917/18, Korrespondent der Times, Kanzler der Universität Edinburgh, Generalgouverneur von Kanada 1935-40)
  6. Osterrieder a. a. O. S. 898
  7. Carrol Quigley, zitiert von Osterrieder, S. 896 f.
  8. Osterrieder a. a. O. S. 899-900
  9. Phillippe Simonnot „Die Schuld lag nicht bei Deutschland, Berlin o.J., S. 20-21
  10. a. a. O. S. 22, 23
  11. Markus Osterrieder: Welt im Umbruch, Stuttgart 2014, S. 434
  12. Phillipp Simonnot a. a. O. S. 52, 53
  13. Brief vom 21.11.1933 an Col. Edward Mandell House in: Seine persönlichen Briefe, 1928-1945, herausgegeben von Elliott Roosevelt, New York: Duell, Sloan und Pearce, 1950, S. 373.
  14. Wilson, Woodrow – “The New Freedom, A Call For the Emancipation of the Generous Energies of a People, Section VIII “Monopoly or Opportunity?” New York, Doubleday, Page & Co., 1913, S. 163 – 191
  15. John Francis Hylan (1868-1936), Bürgermeister von New York, Rede vom 26.3.1922 vor dem Kolumbus-Ritterorden. Zitat in: Almagamated Sheet Metal Worker’s Journal, Bd. 27-28, April 1922, S. 33.
  16. John Swinton, (1830-1901), unter anderem 10 Jahre bei der New York Times, vor Redakteuren im Jahr 1880; Quelle: Labor’s Untold Story, by Richard O. Boyer and Herbert M. Morais, published by United Electrical, Radio & Machine Workers of America, NY, 1955/1979
  17. “Moneychangers” von Patrick S. J. Carmack, freie Übersetzung von Dirk Gerhardt http://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=2&ved=0CCoQFjAB&url=http%3A%2F%2Fwww.911-archiv.net%2Fcategory%2F2-dokumente-allgemein.html%3Fdownload%3D7&ei=KOYjVK7TDOvg7QbRpYGQCA&usg=AFQjCNF2RZwLJquW74t17zfdJEFJLfCpew&sig2=tpUhSyceq0A1Y7sOLmIekA&bvm=bv.76247554,d.ZGU
  18. Spiegel-online 23.12.2008
  19. Kopp-online 26.1.2009
  20. in: Das Medienmonopol. Gedankenkontrolle und Manipulation, 2006
Kein Mensch ist illegal

Das verlogene Flüchtlingsdrama

von Zigorio Der Nachrichtenspiegel

In der ganzen Menschheitsgeschichte waren noch nie so viele Flüchtlinge unterwegs. Tägliche Meldungen in den Zeitungen über Flüchtende erreichen langsam einen Sättigungsgrad, der Mitleid leider in Fremdenhass mutieren lässt. Aufgrund der immer weiter wachsenden Zahl von fliehenden Menschen, wächst die Unsicherheit beim einheimischen Volk und sie wissen nicht, wie sie mit den ganzen Flüchtlingen umgehen sollen. Angeheizt wird die Diskussion mit aufreisserischen Schlagzeilen, welche die Flüchtlinge als Wirtschaftsschmarotzer, Kriminelle, Unruhestifter, Drogendealer, Ebola-Kuriere und Halsabschneider betiteln. Die Masse der Michels verlässt sich immer noch auf die Berichterstattung der Verblödungsblätter und sobald ein Text ihren inneren Frust beschreibt, wird gleichzeitig mit dem Finger auf die Schuldigen gezeigt, egal ob sie wirklich schuldig sind oder nicht. Aber in der Massenmeinung ist das Wort Flüchtling allmählich als Schimpfwort etabliert worden.

Flüchtlinge

Das haben wir den lieben Journalisten zu verdanken, die mit brauner Tinte ihr Gedankengut unters Volk verteilen, bis jeder nur noch in einem Ausländer einen Feind sieht. Das führt mitunter zu paradoxen Szenerien. Unlängst haben Rechtsextreme und Hooligans gegen Salafisten, im Grunde gegen jeden Muslim, demonstriert, wollen alle aus dem Land werfen und in einer Grölpause geht man schnell zur Frittenbude und lässt sich von einem solchen Ausländer den Magen füllen. Möglichst noch mit einem Döner, dem urtypisch deutschen Snack. Man stopft sich den Junk-Food in die Birne und bevor man runtergeschluckt hat wird schon wieder „Ausländer raus“ durch den vorgekauten Döner geschrien. Ist das Toleranz, Dummheit oder einfach nur kollektives Gejohle?

Um hier ein wenig Klarheit zu vermitteln, möchte ich die Geschichte der Flüchtlinge erläutern. Nicht Einzelschicksale, sondern generell dass Flüchtlings-Phänomen erörtern.

Seit es Menschen gibt, gibt es auch Flüchtlinge. Als wir noch mit Lendenschurz und Keule unterwegs waren, flüchteten wir, falls die Wunschhöhle schon von einem wilden Tier bewohnt oder wenn das Wasserloch von einer grösseren Sippe beansprucht wurde. Flucht ist also ein natürliches Verhalten, das einzig dem Lebenserhalt dient. Heute hat sich daran nichts geändert. Die Ursachen sind teils die Gleichen geblieben. Viele Menschen haben nach wie vor keinen Zutritt zu sauberem Wasser und nach drei Tagen ohne Flüssigkeit macht man den Schirm zu. Also flüchtet man zur nächsten Wasserstelle. Dasselbe mit der Nahrung. Millionen von Menschen flüchten von Essensration zu Essensration. Hier haben sie wenigstens drei Wochen Zeit, bis der Körper seinen Dienst versagt. Einzig die wilden Tiere sind verschwunden und machen Bomben und Sprengfallen Platz. Das Resultat ist ebenfalls das Gleiche. Die heimische „Höhle“ wird unbewohnbar was wiederum eine Flucht nach sich zieht.

Dann hören die Flüchtenden vom reichen Europa, wo es immer Geld hat, wo die Geschäfte so voll mit Konsumgütern sind, dass nicht einmal alle verkauft werden können und sogar weggeschmissen werden. Alle sind schön angezogen, die Autos glänzen , jeder ist satt und am Himmel fliegen grosse Vögel, die einen überall hinbringen wohin man will. Jetzt mal ehrlich, wenn ihre Heimat zerbombt wurde, die Familie kurz vor dem Verhungern ist und ihr ganzes Hab und Gut verloren haben, würden Sie nicht auch dorthin gehen, wo das Überleben ihrer Familie eine grössere Chance hätte. Oder würden Sie in ihrem zerstörten Haus bleiben mit der Gefahr, dass ihre Liebsten vergewaltigt, getötet, verschleppt oder gefoltert werden? Ich glaube es ist verständlich, wenn jeder versucht in dieser Situation sein Heil in der Flucht zu finden.

Dabei ist es ja nicht so, dass die Flüchtlinge einen Familienausflug machen mit anschliessender Kreuzfahrt über das Mittelmeer. In der Regel kratzen sie die letzten Groschen zusammen, um sie den mafiösen Schleppern zu geben, in der Hoffnung, dass ihre Familie überlebt. Dann beginnt die Reise in einem Schlauchboot, völlig überbelegt und mit ungewissem Ausgang. Mittlerweile arbeiten die Menschschlepper mit den europäischen Politikern zusammen und versenken die Flüchtlingsboote mitten auf dem Meer. Die Schlepper werden von Schnellbooten abgeholt und die Zurückgelassenen lässt man absaufen. Für die Politiker und Militär wäre es ein Einfaches, einen Korridor über das Mittelmeer zu errichten, um den Flüchtlingen eine sichere Überfahrt zu gewähren, aber das machen sie nicht. In ihren Augen ist jedes gesunkene Boot weniger Arbeit. Sonst müssten sie mal zu denken anfangen, wie man die vielen Flüchtlinge unterstützen kann, ohne das eigene Volk zu brüskieren. Aber eben, das mit dem Denken in den Führungsetagen ist so eine Sache.

Dabei sind viele Deutsche selber Flüchtlinge. Sie sind sogar in der Flüchtlingsgruppe vertreten, die am meisten verurteilt wird. Die sogenannten Wirtschafts-Flüchtlinge. Haben selber volle Supermärkte, bekommen vom Staat Gratis-Geld, haben ein Dach über dem Kopf. Sie sind aber immer noch unzufrieden und wollen mehr. Da kein Feind in der Nähe ist, die Wohnung bewohnbar, das Auto mit symbolischen Materialismus vollgestopft und die Kinder nach wie vor auf dem Handy daddeln können, muss man unbedingt seinen sich eigeredeten, mittellosen Standard verbessern und ins angrenzende Ausland flüchten. Ich habe es jetzt extra ein wenig überspitzt ausgedrückt, aber eines müssen wir Europäer uns gefallen lassen. Die grössten Wirtschaftsflüchtlinge sind wir selber. Nicht die, welche ums nackte Überleben kämpfen.

Früher prangerten wir die vielen Spanier, Italiener, Türken und sonstige Arbeiter aus dem Süden als Wirtschaftsflüchtlinge an. Dabei sind die wenigsten Einheimischen bereit, die Drecksarbeit zu machen, welche wir den Ausländischen Arbeitern gerne aufgetragen haben. In meiner Zeit auf dem Bau waren 8 von 10 Arbeitern Ausländer und machten sich wirklich schmutzig. Die Einheimischen sah man höchstens mit Krawatte oder im Bauwagen. Selten im Dreck. Mittlerweile geht es dem europäischen Volk so schlecht, aufgrund länderübergreifender, politischer Inkompetenz, dass sie selber zu den verhassten Flüchtlingen werden. Jetzt haben wir wieder die gleiche Situation wie vor tausenden von Jahren am Wasserloch. Die Sippe der einheimischen Flüchtlinge ist grösser als die Dazugekommenen. Also werden die neuen „Mundräuber“ verjagt, respektive durch die Medien denunziert.

Sind wir immer noch solche Barbaren? Da wird in verschiedenen, heilig gemachten Büchern die Nächstenliebe propagiert und in der Realität betrifft die Nächstenliebe nur die eigene Nasenspitze. Wir glauben immer noch, dass die Flüchtlingswelle ein Problem ist, übersehen aber, dass nur die Politiker ein Problem daraus machen. Würden sie nicht Milliarden an Steuergeldern zum Fenster rausschmeissen, alle hätten genug, sogar die neuen Flüchtlinge. Dasselbe mit dem Platz. Da stöhnen Gemeinden und Kommunen über die hohen Flüchtlingszahlen. Kein Wunder, wenn man alle auf kleinem Raum zusammenpfercht, sieht es schnell überbevölkert aus. Auch hier haben die Politiker versagt. Aber das hat System.

Die geschürte Unzufriedenheit des eigenen Volkes ermöglicht den Ausbau des Überwachungsstaates. Man hetzt jeden gegen jeden auf und darf dafür das Verteidigungs-Budget aufstocken. Sie wollen keinen sozialen Frieden. Denn wäre er da, könnten sich die Leute mit den kriminellen Machenschaften in Berlin und Brüssel auseinandersetzen. Aber so sind sie mit dem gezüchteten Feindbild „Ausländer“ vollends beschäftigt und werden erfolgreich von den politischen Kungeleien abgelenkt. Die HoGeSa-Fetischisten lassen sich so vor den politischen Dreckskarren spannen und merken es nicht.

Es würde mich interessieren, was passiert, wenn jeder Hooligan und Rechtsextreme sich plötzlich für die Flüchtlinge einsetzen würden? In Brüssel, Berlin, Paris und überall dort, wo die politische Elite den Fremdenhass für ihre Zwecke instrumentalisiert, bräche die Panik aus. Schnell organisierten sie verkleidete Geheimdienstler, die sich als Salafisten ausgeben und gezielt gegen das einheimische Volk vorgehen. Nur damit die Fremdenhass-Flamme nicht erlischt. Diese Strategie konnte man in der Ukraine, Türkei, Syrien, Hong Kong und Griechenland sehr gut beobachten. In diversen YouTube-Filmchen sieht man blonde Radikale, die viele Sprachen beherrschen, ausser arabisch.

Es wird Zeit, dass der Michel schnallt, dass die Flüchtlingswellen politisch gewollt sind um im eigenen Land eine Destabilisation zu erreichen. Einzig zum Zweck, die politische Führung zu schützen und von ihren unlauteren Methoden abzulenken. Ein perverses Treiben, dass bereits tausenden Unschuldiger das Leben gekostet hat. Ich gehe sogar soweit zu behaupten, dass zum Beispiel die italienische Regierung einen Deal mit den Schleppern hat, wieviele Boote nach Lampedusa kommen dürfen und wie viele versenkt werden. Sie haben ja bereits beste Verbindungen zur Mafia und helfen ihnen seit Jahrzehnten Industriemüll, radioaktiven Abfall und Gefahrengut im Meer zu versenken. Da liegt es auf der Hand, dass diese guten geschäftlichen Beziehungen gepflegt werden. Was versenkt wird ist schlussendlich egal, Hauptsache man kann seinen Ferienpalast in der Toscana mit vergoldeten WC-Deckeln verzieren oder mit Minderjährigen ausschweifende Partys feiern.

So gesehen sind Flüchtlinge kein Problem, sie werden zu einem gemacht. Solange wir das Gesülze von problematischen Immigranten den Zeitungen und ihren Diktierern abkaufen, solange wird weiter Hass geschürt und auf den Buckeln derer entladen, die eigentlich nur ums nackte Überleben kämpfen. So wie wir mittlerweile auch.


Passend zu diesem Thema lohnt es sich auf jeden Fall, die Anstalt vom 18.11.2014 anzuschauen:


Grafik- und Textquelle: Der Nachrichtenspiegel

Beitragsbild: „Kein Mensch ist illegal“ – Initiative Echte Soziale Marktwirtschaft (IESM)  / pixelio.de

Zivilcourage / Widerstand

Zivilcourage

Eine Chance für unsere bedrohte Gesellschaft

Der Münchner Psychologe und Psychotherapeut Prof. Dr. Kurt Singer zeigt in seinen Überlegungen zum Problem der Zivilcourage, wie der einzelne Staatsbürger durch sein Verhalten an der Entwicklung einer friedlichen Welt mitarbeiten und damit die Auslieferung an die so genannten Systemzwänge der Machtstrukturen der organisierten Gesellschaft verhindern helfen kann. Ungerechtigkeit und Unfriedlichkeit beginnen jedoch in kleinen zwischenmenschlichen Formen des Alltags und in kleinen Strukturen der Gesellschaft, in Familien, Schulen, am Arbeitsplatz, auf der Straße im Wohnumfeld, in der Öffentlichkeit. Hier ist der „soziale Mut der Bürger“ in Form von Zivilcourage nicht minder wichtig und ist Voraussetzung für ein soziales, gerechtes, demokratisches und friedliches Gemeinwesen. Die folgenden Ausführungen basieren im Wesentlichen auf den Darlegungen zur Thematik, die Prof. Dr. Kurt Singer in vielen Aufsätzen, Vorträgen und Buchveröffentlichungen über Zivilcourage sehr eindringlich und überzeugend formuliert hat. Wir danken ihm für die freundliche Überlassung seiner Texte als Hauptquelle dieses Denkanstoßes.

von Prof. Dr. Kurt Singer

1. Die wachsende Bedrohung der Lebensgrundlagen – die Zivilgesellschaft, Bürgerinnen und Bürger sind herausgefordert, sich verstärkt politisch einzumischen

Wir können und dürfen nicht mehr darauf warten, bis sich „von oben“ etwas verändert.

  • Solange wir am Prinzip der kriegerischen Gewalt und insbesondere an der atomaren Gewalt festhalten, ist kein wirklicher Friede möglich. Aus Abschreckung entsteht nur Schrecken – auf allen Ebenen des menschlichen Lebens. Nicht „Erschrecken“ (lat. Terror) vermindert letztendlich die Bedrohung, sondern Angstnehmen.
  • Das unaufhörliche Reden und Verhandeln über Abrüstung wird erst dann glaubhaft, wenn gleichzeitig damit aufgehört wird, immer noch schrecklichere atomare, chemische und biologische Menschenvernichtungsmittel zu bauen, zu erproben und mit ihrem Einsatz zu drohen.
  • Mit dem größenwahnsinnigen Entwickeln menschenschädigender Technologien kann das menschliche Fühlen und Denken nicht mehr Schritt halten. Der technische „Fortschritt“ muss auf den Menschen als Maßstab bezogen werden. Wir brauchen eine industrielle Abrüstung auf eine Technik, die dem Menschen dient und für die Biosphäre verträglich ist.
  • Die Zerstörungsprozesse, die unsere Umwelt und die ganze Biosphäre vergiften und ausbeuten, müssen durch eine radikale Umkehr aufgehalten werden. Das damit verbundene rücksichtsvollere Leben der Menschen muss nicht Lebenseinschränkung bedeuten, sondern kann Anstoß zu sinnvoller und nachhaltiger Lebensgestaltung sein.
  • Millionenfacher Hungertod und Elend, verbunden mit extremer sozialer Ungerechtigkeit, gehören in vielen Ländern zum Alltag. Das kann sich nur ändern, wenn wir unser am Profit und nicht am Menschen orientiertes Denken verändern und sich weltweit eine andere Bevölkerungspolitik sowie eine ökosoziale Wirtschaft durchsetzt.
  • Die organisierte Verantwortungslosigkeit gehört heute zum Alltag. Sie drückt sich z. B. aus in Atommüllskandalen und Schmiergeldaffären, im Bau von Atomreaktoren und Wiederaufarbeitungsanlagen, in politischen Skandalen und Wirtschaftskriminalität, in Waffenhandel und Nahrungsmittelskandalen und vielem Anderen. Ihr muss die verantwortliche demokratische Bürgereinmischung entgegentreten.
  • Unsere globalisierte Welt mit ihren vorherrschenden Formen von Produktion und Konsum verursacht Verwüstungen der Umwelt, Raubbau an den natürlichen Ressourcen und massives Artensterben, die Kluft zwischen Arm und Reich vertieft sich, Ungerechtigkeit, Armut, mangelhafte Bildung und gewalttätige Konflikte nehmen zu und verursachen große Leiden. Aber es gibt auch Möglichkeiten der Vernetzung, das Entstehen einer weltweiten Zivilgesellschaft eröffnet neue Chancen, eine demokratische, humane Weltordnung aufzubauen.

Mögliche Überlegungen, die sich für den Einzelnen ergeben können: Nehme ich die Bedrohungen wahr, obwohl sie mich zum Teil noch gar nicht unmittelbar berühren? Welche Gefahren ängstigen mich am meisten? Wo neige ich dazu, die Bedrohung zu verleugnen oder zu verdrängen? Lasse ich mich lähmen oder bin ich bereit, Gefahren entschlossen entgegenzutreten? Will ich Mitverantwortung in menschlicher Solidarität übernehmen und dies auch durch einen entsprechenden Lebensstil praktizieren?

2. Die „Ohne-mich-Gesellschaft“ – oder: Ist Zivilcourage eine selbstverständliche Tugend?

Da ist die Rede von der Spaßgesellschaft, vom verbreiteten Hedonismus, von Selbstverwirklichungstypen und „Ich-AG“, von zunehmender Singularisierung und Individualisierung in einer „Ohne-mich-Gesellschaft“. Undifferenzierte Schlagworte können sicher unsere Gesellschaft nicht zutreffend beschreiben. Aber werden mit solchen Charakterisierungen nicht Tendenzen deutlich, die zeigen, dass wir vom Leitbild des demokratischen Bürgers, der mündig und emanzipiert seine Rechte wahrnimmt und dabei verantwortlich und solidarisch für die Rechte seiner Mitmenschen eintritt, noch weit entfernt sind? Indizien dafür gibt es leider genug:

  • Die alltägliche Gewalt in Schulen und auf der Straße nimmt zu und trifft sowohl Fremde als auch Schwächere (Schüler, Frauen, Obdachlose, Ausländer), den Opfern wird dabei zu wenig, zu spät oder gar nicht geholfen.
  • Diskriminierung in Schulen, am Arbeitsplatz, in der Kaserne oder beim zwischenmenschlichen Umgang von Bürgern mit Behörden und Verwaltungen. „Mobbing“ funktioniert in einer „Ellenbogengesellschaft“ besonders gut, wenn die „anderen“ wegschauen oder gar mitmachen.
  • Der Schriftsteller Gert Heidenreich kommt in einem Essay über den Neid in unserer Gesellschaft zu folgender Feststellung: „Die Anfänge sind nicht spektakulär. Eine Emulsion aus Enttäuschung, Verbitterung und Resigniertheit gießt sich über das Land aus. Erlahmende Wahlbeteiligung, Ansehensverlust der Demokratie und ihrer Institutionen, fehlende Vorbildlichkeit nicht nur in der Politik, gesellschaftliche Abstinenz der jungen Generationen, Ellenbogenmentalität und Verachtung von Solidarität, propagierter Egoismus, wachsende Korruption und Schlamperei, stetige Verschlechterung öffentlicher Dienstleistungen bei steigenden Gebühren – und nicht zuletzt die Marginalisierung der Bildung. Eine Beschädigung folgt aus der anderen und wird zugleich Ursache oder Bedingung weiterer Risse im Gesellschaftskonzept des sozialen Friedens.“ Und an anderer Stelle weiter: „Mühelos könnte der Katalog erweitert und spezifiziert werden. Jeder von uns kann Belege beitragen. Untereinander erzählen wir uns empörende Erfahrungen. Doch der private Diskurs der Beschwerde zerrinnt am Ende zur Gleichgültigkeit. Man kann ja nichts machen. Es ist jetzt nun einmal so.“
  • Zahlreiche Bürgerinitiativen für „Toleranz und Zivilcourage“ wurden ins Leben gerufen, um zu versuchen den Bürgermut gegen Gewalt, Diskriminierung und Rechtsextremismus zu aktivieren. Auch von staatlichen Stellen werden Projektprogramme (Xenos, Entimon usw.) initiiert und Preisverleihungen für mutige Bürger ausgeschrieben; selbst die Regierung ruft zum „Aufstand der Anständigen“ auf, um Handeln gegen „Rechts“, gegen Gewalt und Ausländerfeindlichkeit zu fördern. In vielen Schulen entstehen Aktionen, Projekte, Arbeitsgruppen, Lernwerkstätten, Partnerschaften und Schülerinitiativen mit dem Ziel, Menschenrechtsverletzungen nicht tatenlos zuzusehen und eine zunehmende Sensibilität für Konflikte und sozial verantwortliches Handeln zu lernen.
  • Eine Untersuchung in Deutschland ergab: „Zwei Drittel aller Deutschen unter 30 Jahren erklären, dass ihnen eine hedonistische Lebensweise am wichtigsten sei und nicht, politisch aktiv zu werden.“
  • Der großen Mehrheit der jungen Menschen in diesem Alter des Entwerfens, der Pläne, Sehnsüchte und Ideen ist jede Möglichkeit verwehrt, sich zu erproben und eigene Lebensentwürfe zu versuchen. In dieser unerträglichen Situation bleibt ihnen nur die blanke Konkurrenz des „Jeder gegen Jeden“. Und so erwächst ein blindwütig am Eigennutz orientierter Kampf um die Zugehörigkeit zu einer Gesellschaft, die sie in ihrer hemmungslosen Vergötzung ökonomischen Profitdenkens als lästigen Kostenfaktor zurückweist und als lästige Mitesser an den immer kümmerlicher bestückten staatlichen Fresströgen gelten lässt. Die Jungen freilich, wenn sie zwitschern wie die Alten singen, schilt man „angepasst“ und „unsozial“.
  • Bezogen auf die beiden epochalen Prozesse Individualisierung und Globalisierung, die die Grundlagen des Zusammenlebens in allen gesellschaftlichen Handlungsfeldern elementar verändern, meint Ulrich Beck: „Sie sind nur vordergründig Bedrohung; sie erzwingen, aber erlauben auch, die Gesellschaft auf eine zweite Moderne vorzubereiten und umzugestalten. Die Lage ist nicht nur aussichtslos, sie ist auch offen wie nie.“

Wenn also die Situation wirklich offen wie nie ist und wir die Chance haben, eine zweite Moderne zu gestalten, die zu einer humaneren Gesellschaft wird, dann sicher nicht in der Rolle von „Wegguckern“ und „Feiglingen“. Als „eine Gesellschaft von Gaffern“, wie sie Renate Kingma in der Zeitschrift Psychologie heute erlebt, „die tatenlos einem Verbrechen zugucken, als wäre es ein Fernsehfilm“, werden die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts kaum zu bewältigen sein. Politik, Gerechtigkeit, sozialer Ausgleich, Friede und Ökologie lassen sich nur durch ein entsprechendes Denken und Handeln der Bürgerinnen und Bürger erreichen. Zivilcourage ist nötiger denn je!

Was geschieht

Es ist geschehen
und es geschieht nach wie vor
und wird weiter geschehen
wenn nichts dagegen geschieht

Die Unschuldigen wissen von nichts
weil sie zu unschuldig sind
und die Schuldigen wissen von nichts
weil sie zu schuldig sind

Die Armen merken es nicht
weil sie zu arm sind
und die Reichen merken es nicht
weil sie zu reich sind

Die Dummen zucken die Achseln
weil sie zu dumm sind
und die Klugen zucken die Achseln
weil sie zu klug sind

Die Jungen kümmert es nicht
weil sie zu jung sind
und die Alten kümmert es nicht
weil sie zu alt sind

Darum geschieht nichts dagegen
und darum ist es geschehen
und geschieht nach wie vor
und wird weiter geschehen

Erich Fried

3. Was ist Zivilcourage – Begriffsklärung

zivilcourage_diagramm

  • Zivilcourage ist der soziale Mut, die persönliche Meinung frei zu äußern und – wenn nötig – entsprechend zu handeln, auch gegenüber der Obrigkeit und Mehrheit. Die Einmischung bzw. das Eingreifen wird auch dann gewagt, wenn sie den Vorgesetzten, Regierenden oder der Umgebung missfällt.
  • Bürgermut beginnt damit, genau hinzusehen und wahrzunehmen, was wirklich ist: statt wegzuschauen und das Unrecht in Schweigen zu hüllen.
  • Menschen mit zivilem Mut stehen zu ihrer Überzeugung, auch wenn ihnen ihr Einspruch Nachteile bringen mag.
  • Sich zivilcouragiert einmischen geschieht nicht privat, sondern öffentlich. Es macht die Mitmenschen auf ein gesellschaftliches Problem aufmerksam.
  • Inhalte des sozialen Mutes sind Themen, die alle Bürger angehen; sie betreffen das Zusammenleben, deshalb sind sie politisch.
  • Zivilcourage ist gewaltfrei. Menschen mit sozialem Mut setzen sich „zivil“ mit anderen auseinander, gewaltlos und ohne Macht auszuüben.
  • Sozialer Mut zeigt sich im Eintreten für Humanität: dem Unrecht mit moralischem Einspruch begegnen, Mensch und Natur schützen, „Fremde“ und „Andere“ gelten lassen, die Würde des Menschen achten, Schwachen helfen oder Demokratie wagen.

Zivilcouragiertes Handeln – ein Prozess in mehreren Stadien

zivilcourage_diagramm_2Vor dem eigentlichen Handeln aus Zivilcourage laufen Wahrnehmungs-, Bewertungs- und Entscheidungsprozesse ab, die je nach Fall und Situation schwierig und langwierig sein können. Hierzu müssen eine Reihe von Bedingungen und Voraussetzungen erfüllt sein (siehe Punkt 4), vor allem bei den handelnden Menschen, damit sie den Mut und die Kraft für ihr Tun aufbringen. Auch wenn nicht immer unerschrockener Heldenmut gefordert ist und wir nicht unser Leben aufs Spiel setzen, in den seltensten Fällen müssen bei uns kriminelle Machenschaften aufgedeckt oder gegen diktatorische Unterdrückung Widerstand geleistet werden, so braucht auch der „kleine Mut“ im Alltag eine Reihe von Fähigkeiten, die leider nicht selbstverständlich sind.

Deshalb ist es richtiger vom „großen Mut zum kleinen Widerstand“ zu sprechen. Unsere Gesellschaft wäre sehr viel demokratischer, wenn der Bürgermut für die „einfachen“ Formen des Handelns ausreichen würde. Das bedeutet konkret: die eigene Meinung offen und frei zu äußern, bei Unrecht einzugreifen und sich gegen Ungerechtigkeit und die Verletzung von Menschenrechten zur Wehr zu setzen.

Die weitergehenden Formen des gewaltfreien Widerstandes oder gar des zivilen Ungehorsams sind nur in besonderen Situationen erforderlich. Sie sind hinsichtlich ihrer Voraussetzungen und Bedingungen, ihrer demokratischen Legitimität und ihrer juristischen Bewertung und des damit verbundenen persönlichen Risikos sehr viel schwieriger zu bewerten und zu praktizieren. Auf sie wird in diesem Denkanstoß deshalb nicht weiter eingegangen.

Wenn von Zivilcourage als dem „Widerstand der kleinen Münze“ oder der „Tapferkeit des Herzens“ gesprochen wird (Arthur Kaufmann), soll der alltäglich notwendige Bürgermut nicht kleingeredet werden, sondern vielmehr auf die Wichtigkeit des beständigen, unermüdlichen Bemühens, auch gegen die Anfänge des Unrechts im Kleinen anzugehen, hingewiesen werden. Die scheinbar so plausiblen Gründe, wie sie Erich Fried benennt, werden ja immer neu gerade vom eigenen Kleinmut, von der eigenen Trägheit des Denkens genährt.

Wenn der Bürgermut aber nicht bereit ist, im Kleinen Widerstand zu leisten auch gegen subtile Formen des Unrechts, dann besteht die Gefahr, dass vielleicht in nicht all zu ferner Zukunft ein viel größerer Widerstand mit größeren Opfern notwendig ist.

Bertold Brecht sieht diese Gefahr in seinem Theaterstück „Der gute Mensch von Sezuan“:

Oh, ihr Unglücklichen!

Euerm Bruder wird Gewalt angetan, und ihr kneift die Augen zu!
Der Getroffene schreit laut auf, und ihr schweigt?
Der Gewalttätige geht herum und wählt seine Opfer.
Und ihr sagt: Uns verschont er, denn wir zeigen kein Missfallen.
Was ist das für eine Stadt, was seid ihr für Menschen!
Wenn in einer Stadt ein Unrecht geschieht, muss ein Aufruhr sein.
Und wo kein Aufruhr ist, da ist es besser, dass die Stadt untergeht.
Durch ein Feuer, bevor es Nacht wird!

Bertolt Brecht

4. Voraussetzungen und Bedingungen für Zivilcourage

fried_erich_1Ziviler Mut braucht humane Überzeugungen – Welche Menschen wagen Bürgermut?

Man kann nicht festlegen, was eine zivilcouragierte Persönlichkeit kennzeichnet. Folgende Eigenschaften finden sich bei sozial mutigen Menschen häufig:

Überzeugt sein von moralischen Werten und humanen, demokratischen Tugenden

  • Einfühlung, Mitgefühl, Mitleid, Freude, Hoffnung
  • Hilfsbereitschaft, Sorge um andere und sich selbst, Nächstenliebe
  • Soziales Pflichtgefühl, Glaube an die Kraft des Guten, Toleranz, Widerspruchsmut
  • Ehrfurcht vor der Würde des Menschen, der Natur, Sinn für Gerechtigkeit, Freiheitsstreben
  • Bindung an humane Vorbilder, Übereinstimmung von Moralvorstellung und Handeln
  • Selbstkritik, Fähigkeit, sich zu schämen
  • Eigenständigkeit, Ich-Stärke, Vertrauen in die eigene Wirkungskraft
  • Sachverständnis, Argumentationsfähigkeit, Verantwortungsgefühl

Kindheitserfahrungen, die Zivilcourage fördern – Fürsorge, Eigen-Sinn, Toleranz

Folgende Kindheitserfahrungen ziehen sich als Leitmotiv durch das Leben sozial mutiger Menschen. Aber jede Entwicklung verläuft anders und manche Person konnte erst im Erwachsenenalter auf speziellen Wegen Bürgermut wagen.

  • Fürsorgliche Haltung in der Familie, sichere Führung, Interesse füreinander.
  • In der Familie werden humane Wertvorstellungen erfahren und Tugenden gelernt.
  • Eltern, Lehrer und Erzieher fordern nicht blinden, sondern einsichtigen Gehorsam. Gehorchen wird zur wertgerichteten Entscheidung.
  • Widerspruch, Eigen-Sinn und Ungehorsam werden ernst genommen.
  • Eltern und Lehrer argumentieren; sie erklären die Regeln, die sie aufstellen und setzen sich mit den Kindern über wertvolles Handeln auseinander.
  • Unabhängiges Denken und Selbständigkeit werden unterstützt, Kinder machen gute Erfahrungen mit dem Nein-Sagen und lernen, für sich selbst zu sorgen.
  • Familie und Schule unterstützen die Fähigkeit, sich in andere einzufühlen.
  • Eltern, Lehrer, Erwachsene leben partnerschaftliches Verhalten vor und halten dazu an, anderen zu helfen. Kinder können sich mit zivilcouragierten Bezugspersonen identifizieren.
  • Menschen, die „anders“ sind, wird mit Toleranz begegnet. Jugendliche werden ermutigt, nach moralischen Maßstäben zu entscheiden, ohne nur zu hören, was andere vorschreiben.
  • In Familie und Schule werden gesellschaftliche und politische Fragen diskutiert.
  • Entdeckendes Lernen in der Schule, Partner- und Gruppenarbeit, Kreisgespräch und Diskussion, Projektunterricht, freier Aufsatz und freie Rede machen eigenständig.
  • Mitbestimmung und Mitverantwortung der Schülerinnen und Schüler in Unterricht und Schulleben ist eine Vorbereitung auf demokratisches Handeln und politisches Mitgestalten

Sozialer Mut braucht Übung – Schritte zur Zivilcourage: großer Mut zu kleinen Taten

  • Die Angst annehmen – Angst ist eine Kraft Mutig handeln bedeutet nicht, furchtlos zu sein. Nur wer seine Ängste zulässt, kann Mut entwickeln, sich mit der Angst einmischen und für gesellschaftliche Veränderungen eintreten. Angst verweist uns auf die Gefahr, der wir begegnen und vor der wir uns schützen müssen. Deshalb ist es wichtig, angstfähig zu sein.
  • Sich Sachverständnis aneignen und den argumentativen Widerspruch üben Sachkenntnis macht mitsprachefähig. Wer sachkundig ist, kann argumentieren und stärkt sein Selbstbewusstsein. Fachliche Kompetenz ist eine Gegenkraft zur Angst und eine Voraussetzung dafür, soziale Anliegen durchzusetzen. Wir brauchen Sachkenntnis dort, wo wir von gesellschaftlichen Zuständen betroffen sind, an denen wir etwas verändern möchten. Natürlich kann bei der Komplexität mancher Probleme (Technik, Gesellschaft, Wirtschaft) nicht jeder absolute fachliche Kompetenz besitzen, was nicht heißt, unseren kritischen „Bürgerverstand“ auszuschalten. Wir müssen uns in vielen Fällen jedoch auf „Experten“ verlassen. Deren Seriosität und Vertrauenswürdigkeit zu prüfen, bleibt jedoch in einer Demokratie unerlässlich.
  • Rückhalt in der Gruppe suchen – Zusammenarbeit vermindert die Furcht Wer öffentlich widerspricht, kann von der Mehrheit isoliert werden. Deshalb ist es hilfreich, sich mit Gleichgesinnten zu solidarisieren. Die Zugehörigkeit erleichtert es, für demokratische Grundwerte einzutreten. Der Zusammenhalt in der Gruppe richtet sich nicht gegen „Feinde“, sondern dient menschlichen Grundwerten, tritt für Gerechtigkeit und menschliches Maß ein. Durch Kooperation wächst das Sachverständnis.
  • Sich mit Wertvorstellungen kenntlich machen – der ethisch begründete Einspruch Erkennen lassen, wie wir denken, für welche Werte wir uns einsetzen, statt anderen unsere Meinung aufzwingen zu wollen. Wir vertreten glaubwürdig die eigene Überzeugung und versuchen gleichzeitig, Andersdenkende zu verstehen. Dadurch gelingt es, Überzeugungsmachtkämpfe zu vermeiden und sich zu verständigen.
  • Persönliche Gefühle einbeziehen – Mitfühlfähigkeit und Mitleid Fürsorge und Verantwortungsgefühl für die Nächsten und für sich selbst, motivieren zu sozialem Mut. Aus dem Widerwillen, Mitmenschen leiden zu sehen, erwächst die Kraft, für humane Werte einzutreten. Es ist hilfreich, nicht nur sachlich zu argumentieren, sondern sich auch mit dem persönlichen emotionalen Engagement begreifen zu lassen.
  • Halt gebende Ideen und Überzeugungen festigen – moralische Gegenkräfte Zum Schwierigsten in Zivilcourage-Situationen gehört die Gefahr, allein zu stehen. Um die Angst auszuhalten, müssen wir erfüllt sein vom Sinn unseres Engagements. Wir brauchen ethische oder religiöse Wertvorstellungen, Vorbilder, denen wir folgen, Hoffnung und Zuversicht. Wie kann ich so handeln, dass ich mir selbst treu bleibe?
  • Sich gewaltlos auseinandersetzen – Bürgermut ist zivil Gewaltfreies Eingreifen vermindert die Gefahr, dass sich Konflikte durch Gegenaggression verschärfen. Der Widerspruch geschieht zunächst argumentativ, nicht aggressiv. Gegner werden nicht zu Feinden gemacht. Gewaltfreiheit bezieht sich auch auf Gewalt durch verletzende Worte. Aber auch weitergehendes couragiertes Handeln bis zum Widerstand kann nur dann glaubwürdig wirken und Unrecht verhindern, wenn es nicht neues Unrecht durch Gewalt erzeugt. Die Gewaltspirale kann nur durch gewaltfreies Eingreifen unterbrochen werden.
  • Kleine Schritte wagen – sozialen Mut einüben Wie jede Tugend erfordert Bürgermut fortgesetztes Üben: in der Familie, im Freundeskreis, der Schule, am Arbeitsplatz, der Öffentlichkeit. Mit kleinen Mutproben beginnen: sich mit der eigenen Meinung erkennen lassen, für die persönliche Überzeugung stehen, Einspruch erheben, wenn Unrecht geschieht. Kleine Schritte verhindern, dass wir uns überfordern. Wir sollten unser persönliches Maß an Bürgermut herausfinden und die Gegenkräfte zur Angst stärken.

Zivilcourage in der Schule – Eine demokratische Tugend lernen

Schule: Im Klima der Anpassung wächst keine Zivilcourage

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Für demokratisches Handeln ist Zivilcourage eine grundlegende Tugend. In der Schule können Kinder und Jugendliche besonders gut darauf vorbereitet werden. Hier verbringen sie einen großen Teil ihrer Lebenszeit und finden Bedingungen, unter denen sozialer Mut nicht nur gelernt, sondern praktisch angewandt werden kann. Leider führen die Erfahrungen zu folgenden Erkenntnissen: Bei allen an der Schule Beteiligten ist sehr wenig sozialer Mut zu beobachten. Die menschlich unzureichende Qualität der Schule wird in Schweigen gehüllt, abhängig machende Lehrmethoden werden beharrlich beibehalten. Die Tabus bei Macht missbrauchendem Lehrerhandeln halten den pädagogischen und psychologischen Erkenntnisstand niedrig, wie die praktizierte Schulpädagogik zeigt.

  • hierarchieSchülerinnen und Schüler trauen sich nicht aufzumucken, wenn sie mit Lehrern und Schule nicht einverstanden sind. Sie kennen das Machtungleichgewicht zwischen Lehrern und Schülern und befürchten, ihr Widerspruch könnte ihnen Nachteile bringen. Schüler sind abhängig, weil sie zensiert werden und weil Lehrer eine Fülle von Strafmaßnahmen besitzen: vom Verweis bis zum Schulausschluss, weil sie durch ängstigendes Abfragen Schüler in Schach halten, sie mit Extemporalien erschrecken können, ihr Vorrücken gefährden, die „Notenschraube anziehen“ können – ein Folterinstrument?
  • Eltern halten ihre Kritik zurück Sie sehen ihre Kinder als „Geiseln“ in der Hand der Lehrer: die Schüler müssten „büßen“, wenn sich Eltern kritisch äußerten. In Wirklichkeit ist es Autoritätsangst, die ihnen den Mund verschließt. Zivilcourage ist in der Schule selten, weil Schule der Ort ist, an dem durch autoritäres Lehrerverhalten ein Grund gelegt wurde für Autoritätshörigkeit. Die tief eingewurzelte Angst vor den als „mächtig“ erlebten Lehrern wird in den Eltern wieder belebt, wenn sie sich mit den Lehrern ihrer Kinder auseinandersetzen sollen. Manche Eltern nehmen die schützende Hand von den Kindern zurück, wenn sie diese als „Schüler“ an die Schule „abgeben“.
  • Lehrerinnen und Lehrer tun, was ihnen vorgeschrieben wird, auch wenn es unpädagogisch ist. Widerspruch kommt selten auf, er wird von den Behörden bürokratisch zurückgewiesen. Gehorsam gegenüber den „Dienstherren“ spielt in der Schule eine prägende Rolle. Lehrerinnen und Lehrer sind wenig offen für Kritik und Selbstkritik. Bereits vorsichtige Kritik wird als „Lehrerschelte“ zurückgewiesen – ohne dass deren Inhalt bedacht wird.
  • Politiker zeigen wenig Mut, sich für Schüler einzusetzen Sie sind bereit, bei Jugendlichen Reden über Zivilcourage zu halten, aber engagieren sich nicht für junge Menschen. Schüler sind keine Wähler, Lehrer schon; das ist einer der Gründe, weshalb es nur wenige Politiker wagen, pädagogisch sachkundige Kritik an Lehrern zu äußern. Auch in Politikern beobachtet man die tief sitzende Autoritätsangst und die fehlende Mitfühlfähigkeit mit Schülern, wenn es darum ginge, sich schützend vor die Kinder zu stellen.

Schulerfahrungen, die den Bürgermut der Jugendlichen fördern

  • Schüler in ihrem Selbstwertgefühl stärken Kinder sollten in ihrem Selbstwert bestärkt werden. Denn das Selbstwertgefühl ist eine wichtige Grundlage des Bürgermuts. Alle kleinmachenden Maßnahmen vermeiden, damit das Selbstwertgefühl nicht verletzt wird: auslachen, demütigen, bloßstellen, schlechte Noten öffentlich bekannt geben, Kinder mit ironischen Bemerkungen kränken… Schüler sollen ermutigt werden, das oft als „selbstverständlich“ geltende Unrecht des Lehrerhandelns als Unrecht wahrzunehmen.
  • Soziale Tugenden nicht nur lernen, sondern erfahren In der Schule werden humane Wertvorstellungen erfahren und Tugenden gelernt: achtsam miteinander umgehen, Rücksicht nehmen, die Meinung des anderen ernst nehmen, einander unterstützen. Kinder und Jugendliche werden ermutigt, nach moralischen Maßstäben zu entscheiden, ohne ausschließlich darauf zu schauen, was andere vorschreiben. Normen müssen nicht nur gelernt, sondern erfahren werden. Im Unterricht wird die Fähigkeit unterstützt, sich in andere einzufühlen. Das geschieht zum einen durch Unterweisung, zum Beispiel im Literaturunterricht, Ethikunterricht, Religionsunterricht, Sozialkundeunterricht und in anderen Fächern. Zum Unterricht in Ethik muss die angewandte Ethik kommen, durch die die Schüler praktisch handelnd erleben, wie man anderen zuhört, auf sie eingeht, ihnen hilft… Jugendliche sollten in der Schule erfahren: Menschen, die „anders“ sind, begegnen wir mit Toleranz. Die „Schwachen“ in der Klasse, Ausländer, Kinder mit Besonderheiten. Es wäre schön, wenn Lehrerinnen und Lehrer partnerschaftliches und zivilcouragiertes Verhalten vorlebten und Kinder die Möglichkeit hätten, sich mit ihnen zu identifizieren. Der pädagogische Takt des Lehrers schafft ein Klima der Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft.
  • Einsichtigen Gehorsam und sozialen Ungehorsam lernen Lehrerinnen und Lehrer fordern nicht blinden, sondern einsichtigen Gehorsam. Gehorchen wird zur wertgerichteten Entscheidung. Erkennender Gehorsam schließt ein, den Befehl zu verweigern, wenn er gegen Grundwerte verstößt. Lehrer argumentieren; sie erklären die Regeln, die sie aufstellen, und setzen sich mit den Kindern über wertvolles Handeln auseinander. Dabei lassen sie die Schüler erleben, wie sie selbst argumentieren können und wie daraus vernünftige Regelungen eines Arbeitsbündnisses erwachsen. Schüler sollten gute Erfahrungen mit dem Nein-Sagen machen, damit sie lernen, ein sich selbst bewahrendes Nein auszusprechen. Sie erfahren, wie Einspruch und Widerspruch vom Lehrer akzeptiert, nicht von vorn herein zurück gewiesen werden, sondern zu konstruktiver Auseinandersetzung führen.
  • Politik gehört in die Schule – als Fach und als Handlungsprinzip In der Schule sollten gesellschaftliche und politische Fragen diskutiert werden. Politik gehört in den Unterricht – nicht nur als Fach, sondern als Prinzip in allen Fächern. Zivilcourage und sozialer Ungehorsam sollten Unterrichtsthema sein: an geschichtlichen und aktuellen Ereignissen, in der Schulklasse und engeren Umgebung, durch Literatur- und Ethikunterricht, am Beispiel großer Vorbilder. Die Schüler sollen lernen, wie man sozialen Mut lernt, im Rollenspiel einüben, die eigene Meinung kund zu tun, gewaltfreies Verhalten ausprobieren, also nicht nur über Zivilcourage reden, sondern sie praktisch erfahren und über die Erfahrung gemeinsam nachdenken.
  • Die Schüler Mitbestimmung und Mitverantwortung erleben lassen Die Mitbestimmung der Schülerinnen und Schüler in Unterricht und Schulleben ist Vorbereitung auf demokratisches Handeln und politisches Mitgestalten. Überall dort, wo Schüler Betroffene sind, sollen sie zu Beteiligten werden, die die Ereignisse mitbestimmen können. Kinder sollten Kritik am Lehrer üben dürfen und dabei lernen, wie man Kritik taktvoll vorbringt. Kritik sollte nicht so ausschließlich nur vom Lehrer zu den Schülern führen wie bisher. Dabei erfahren die Schüler, wie Kritik oft Selbstkritik einschließt. Viele Schüler befürchten, bei Widerspruch von Lehrern bestraft zu werden. Diese Angst muss ernst genommen werden und immer wieder gemeinsames Thema sein. Für demokratische Opposition darf es keine Benachteiligung geben.
  • Unterricht muss die Schülerinnen und Schüler herausfordern, selbständig zu handeln Unabhängiges Denken und Selbständigkeit werden in freien Unterrichtsformen unterstützt. In Partner- und Gruppenarbeit erfahren die Jugendlichen, dass Kooperation nicht nur das humanere Prinzip ist, sondern auch das lernwirksamere.

5. Beispiele und Vorbilder von Zivilcourage im Alltag – Möglichkeiten und Grenzen des Handelns sind individuell

Wer Zivilcourage lernen will, kann sich durch Vorbilder bestärken lassen. Vorbilder gibt es genug. Leider auch für falschen Heldenmut. Denn in noch nicht weit zurück liegenden Zeiten galt als Held, wer sich auf dem Schlachtfeld des Krieges besonders erfolgreich hervor tat oder auf dem Feld der „Ehre“ sein Leben für das Vaterland „opferte“. Immerhin wird dem deutschen Reichskanzler Otto von Bismarck zugeschrieben, erstmalig den Begriff Zivilcourage verwendet zu haben, um darauf hinzuweisen, dass es neben dem militärischen Mut auch eine zivile Form des Mutes gibt, die aber nur selten anzutreffen ist: „Mut auf dem Schlachtfeld ist bei uns Gemeingut. Aber man wird es nicht selten finden, dass es ganz achtbaren Leuten an Zivilcourage fehlt.“

Der Held

bleibt den Kämpfen fern.
Der Schwache ist in die Feuerzone gerückt.
Die Uniform des Tages ist die Geduld,
die Auszeichnung der armselige Stern
der Hoffnung über dem Herzen.

Er wird verliehen
für die Flucht von den Fahnen,
für die Tapferkeit vor dem Freund,
für den Verrat unwürdiger Geheimnisse
und die Nichtbeachtung jeglichen Befehls.

Ingeborg Bachmann

Mut auf dem Schlachtfeld ist zerstörerisch und lebensfeindlich und muss dem Leben zuliebe ersetzt werden durch den Mut, gegen alle destruktiven Kräfte ein entschiedenes Nein zu sagen, damit es keine Schlachfelder mehr gibt. Das meinte Franca Magnani, die mutige ARD-Korrespondentin, als sie sagte: „Je mehr Bürger mit Zivilcourage ein Land hat, desto weniger Helden wird es einmal brauchen.“ Sofern überhaupt Bild (Vor-Bild) und Begriff des „Helden“ noch sinnvoll sind, dann sollte die Metapher neu gedacht werden im Sinne des „Anti-Helden“, des wahren Helden, der sich durch Tapferkeit vor dem Freund auszeichnet und Befehle missachtet, wie es Ingeborg Bachmann in ihrem Gedicht visionär formuliert. Nicht der Krieg ist der Ernstfall des Lebens, sondern der Friede (im Sinne eines Ausspruchs des früheren Bundespräsidenten Gustav Heinemann), der immer wieder neu den Bürgermut zu seiner Gestaltung braucht.

Bürgermut für den Frieden – Bedingung für das Überleben der Menschheit

Im atomaren Zeitalter ist Frieden eine Bedingung für das Überleben der Menschheit. Deshalb ist Friedlosigkeit eine seelische Krankheit, die es zu heilen gilt. Auch dafür brauchen wir „die Freiheit, den Mund aufzumachen“. Sie kann helfen, den Alltag menschlicher zu gestalten. Heute muss jedoch jede soziale Überlegung die Frage einschließen: Wie können wir Friedlosigkeit überwinden und das Leben auf der Erde bewahren? Die destruktiven Kräfte der Gegenwart sind so gefährlich, dass der notwendige Wandel des Bewusstseins nichts Geringeres als eine Neu-Erziehung der Menschheit erfordert. „Politik“ muss vor allem „Frieden machen“ bedeuten. Denn die Welt bedarf des Friedens, wenn sie sich nicht selbst zerstören soll. An diesem Bewusstseinswandel können wir mitarbeiten: die Bewegung auf die Katastrophe hin wahrnehmen, den Schrecken nicht verdrängen und sich mit sozialem Mut einmischen.

Ohne Widerspruchsmut und Ungehorsam gibt es keinen Fortschritt – Standhaftigkeit

Menschheit setzte voraus, standhaft zu bleiben gegenüber Autoritäten, die andere Ansichten und neue Ideen bekämpften. Geistiges Wachstum war nur möglich, weil Einzelne ihrem Gewissen und Wissen folgten und zu den Machthabern „Nein“ sagten. Philosophen, Religionsstifter, Naturwissenschaftler, Revolutionäre gewannen Erkenntnisse durch Akte des Ungehorsams. Sie folgten der Vernunft und verweigerten den Befehl. Denken ist nicht nur eine Sache des Intellektes; es braucht auch den Mut, sich gegen Autoritäten aufzulehnen. Um vom paradiesischen „Baum der Erkenntnis“ zu essen, war es notwendig, ungehorsam zu sein.

drei_affenDurch Ungehorsam und Widerspruchsmut wachsen geistige Fähigkeiten. Die Entwicklung der Menschheit setzte voraus, standhaft zu bleiben gegenüber Autoritäten, die andere Ansichten und neue Ideen bekämpften.

Auch wenn in Lehrbüchern immer noch die Feldherren vergangener Zeiten als Vorbilder gepriesen werden, kennen wir genügend Namen von Frauen und Männern, die ihrem Gewissen folgten und durch Akte des Ungehorsams uns Mut machen können: Bertha von Suttner, Sophie Scholl, Alva Myrdal, Mahatma Gandhi, Martin Luther King, Oscar Romero, Danilo Dolci…

Dennoch besteht die Gefahr, dass uns die „großen“ Vorbilder mit ihrem „großen“ Mut auch klein und mutlos erscheinen lassen. Nicht jeder von uns hat ja die Courage, die Kraft und den langen Atem für so große Taten, für den großen Widerstand, der ja auch oft das Leben kostete. Aber ist das überhaupt notwendig?

Wichtig ist das persönliche Maß an Bürgermut – kleine Schritte wagen!

Bürgermut ist nicht durch Vorschriften festzulegen. Jeder einzelne kann nur so viel Mut zu politischem Handeln entwickeln, wie es ihm möglich ist. Dazu ist es notwendig, die eigene Angst nicht zu überspringen, sondern zu spüren und anzunehmen. Erst aus dieser Selbstwahrnehmung heraus kann dann das persönliche Maß an Mut riskiert werden. Auch kleine Schritte sind wichtig, denn die Kraft des Lebens entwickelt sich besonders durch eigenes Handeln.

Auch große Persönlichkeiten wußten um die Bedeutung der kleinen Schritte, des alltäglichen couragierten Handelns auch im scheinbar Unbedeutenden der kleinen Lebensbezüge der Bürger. So erzählte Inge Aicher-Scholl über ihre Schwester Sophie Scholl: „Für Sophie war wichtig, auch im Kleinen zu helfen: ‚Man darf nicht nur dagegen sein, sondern muss etwas tun und an der Zementmauer der Unmöglichkeit versuchen, kleine Möglichkeiten heraus zu schlagen.‘ Eine Stelle aus dem Jakobus-Brief galt ihr als Maxime: ‚Seid Täter des Wortes – nicht Hörer allein.'“

Sophie war ein stilles, eher schüchternes Mädchen. Wie kam sie zu dieser Tapferkeit? Sie wuchs in einem toleranten Elternhaus auf. Die Meinung der Kinder wurde respektiert, auch wenn sie der elterlichen widersprach. Der Vater ermutigte dazu, nicht kritiklos hinzunehmen, was Erwachsene sagen. In der Familie wurde viel über Politik und Bücher gesprochen. „Die Gedanken sind frei!“ hörte Sophie vom Vater. Der verteidigte aufrecht seine kritische Meinung über die Nazis. Deshalb verhaftete ihn die Polizei mehrmals. Als er vier Monate eingesperrt wurde, stellte sich Sophie an Sommerabenden in die Nähe des Gefängnisses und spielte ihrem Vater auf der Flöte das Lied, das Symbol für beide war: „Die Gedanken sind frei.“

Mit zweiundzwanzig Jahren wurde Sophie hingerichtet. Sie hatte Flugblätter gegen den nationalsozialistischen Terror verteilt. Nach ihrer Verhaftung meinte sie, eine Gefängnisstrafe zu bekommen, aber der Gerichtshof verkündete das Todesurteil.

Heute setzen wir nicht unser Leben aufs Spiel, wenn wir politisch-moralischen Widerstand leisten, zum Beispiel gegen den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg auf den Irak protestierten. Oder wenn wir gegen eine „Sicherheitspolitik“ demonstrieren, die durch militärische Rüstung die Welt unsicher macht. Dass es auch gar nicht nur die „große“ Politik sein muss, die Widerstand gegen Unrecht braucht, zeigen andere Beispiele:

Die Angst, allein zu stehen

Frau W. schildert den Konflikt zwischen der Furcht, sich einzumischen, und dem Wunsch, ihrer moralischen Empfindsamkeit zu folgen. Sie erzählt: „Ich stand vor der Kasse des Einkaufsmarkts, vor mir warteten zwei Türkinnen. Eine Kundin begann laut über ‚die Ausländer‘ zu schimpfen: ‚Die Kanaken sollte man nach Hause schicken, sie nehmen uns die Arbeit weg, belagern unsere Wohnungen, und überhaupt, wie dreckig die sind…‘ Ein Schwall entwertender Vorurteile brach sich Bahn. Andere Kunden nickten beifällig oder schwiegen. Ich war innerlich empört, mir taten die Türkinnen leid. Aber die Angst, auch beschimpft zu werden, verschloss mir den Mund. Ich fürchtete, allein gegen alle dazustehen. Zudem erkannte ich unter den Frauen Nachbarn; das ängstigte mich besonders. Ich wollte es nicht mit Leuten verderben, mit denen ich täglich zu tun habe. Aufgeregt zögerte ich, hörte mein Herz klopfen und spürte meinen trockenen Mund. Da fasste ich doch Mut und redete zaghaft dazwischen: ‚Ich hab gute Erfahrungen mit Türken gemacht, das sind Menschen wie wir; ich finde es unrecht, sie zu beleidigen.‘ – Erstauntes Schweigen; zwei stimmten mir durch Kopfnicken zu. Ich war froh, mich zu den Widerworten durchgerungen zu haben.“

Bedrohlich fand Frau W., dass sie sich von ihr näher stehenden Menschen mit ihrer Haltung erkennen lassen musste; damit setzte sie ihre Zugehörigkeit aufs Spiel: „Verscherze ich mir womöglich Sympathien?“ Die Angst, allein zu stehen, ist ein harter Prüfstein auf dem Weg zu Zivilcourage. Sie kann durch haltgebende Gegenkräfte überwunden werden: durch das Erfülltsein von Menschenrechten, einen starken Glauben, durch die Bindung an Vorbilder und das Vertrauen in die eigene Wirkungskraft.

Ein Schüler verteidigt das Recht, vom Lehrer anständig behandelt zu werden

Meist können sich Kinder und Jugendliche nicht wehren, wenn ihre Persönlichkeitsrechte verletzt werden. Benno wagte zu widersprechen, als der Lehrer die Klasse beleidigte. Seine Eltern sahen Widerspruchsmut als Tugend an; sie unterstützten den Jungen, zum Unrecht Nein zu sagen. Mathematikstunde: Der Lehrer erklärt eine Aufgabe, den Schülern fällt es schwer, den Rechenweg zu begreifen. Ungeduldig schreit Herr H. die Klasse an: „Das ist ja furchtbar, wie begriffsstutzig ihr seid; sitzen denn lauter Hornochsen vor mir?“ – Stille in der Klasse. Dann nimmt sich Benno empört das Wort: „Wir sind nicht begriffsstutzig und keine Hornochsen; vielleicht erklären Sie zu unverständlich. Ich finde es taktlos, uns so runterzumachen.“ Verlegenes Staunen beim Lehrer, heimliche Zustimmung bei den Mitschülern. In allen wirkte die mutige Gegenrede des Jugendlichen nach; er zeigte sozialen Mut. Andere so zu beleidigen wie seine Schüler, würde sich der Lehrer gegenüber Erwachsenen nie erlauben. In der Schule muss er keine Konsequenz befürchten, wenn er sich taktlos verhält.

Schüler als ebenbürtig behandeln – auch ihre Würde ist unantastbar

Bennos Zivilcourage hatte ein Nachspiel: Der Lehrer fasste sich ein Herz und entschuldigte sich bei den Schülern wegen der Beleidigung. Es kam zum Gespräch zwischen ihm, Benno und der Klasse: über Unzufriedenheit, Wünsche und darüber, wie sie gemeinsam das Unterrichtsklima verbessern könnten. Der Jugendliche regte durch seinen Einspruch den Studienrat an, sich als Lehrer auch von den Schülern her zu sehen. Benno zeigte Konfliktfähigkeit, denn er schwieg nicht zur Untat, sondern setzte sich zur Wehr, für sich und die Mitschüler. Aus der verletzenden Situation wuchs Freundlichkeit, denn der Lehrer war bereit, den Kindern zuzuhören und sein niedermachendes Benehmen einzusehen. Er erwies sich als schlechtes Vorbild, weil er die Schüler würdelos behandelte. Er gab ein gutes Beispiel, denn er gestand die Achtlosigkeit ein und bat um Nachsicht. Dass er bereit zu Selbstkritik war, regte auch die Schüler zur Selbstkritik an. Sie erlebten, dass sie mit der Tugend der Zivilcourage etwas bewirkten. Der zivilcouragierte Jugendliche und sein zu Selbstreflexion bereiter Lehrer wagten den „Bruch mit der Gleichgültigkeit“, den jedes sozial mutige Handeln kennzeichnet.

Die Unfähigkeit, Widerstand zu leisten, macht dumm.
Sie führt dazu, die eigenen Fähigkeiten nicht zu nutzen.
Es geht darum, sich nicht von der Macht der anderen und
nicht von der eigenen Ohnmacht dumm machen zu lassen.

Oskar Negt

Der Weg von sozialem Mut zu „Politik als praktizierter Sittlichkeit“

Wer Zivilcourage wagt, erweitert seine persönliche Freiheit; er nimmt Chancen zu Selbstverantwortung und Mitmenschlichkeit wahr. Im Wissen um den Wert seines Eingreifens hält er der Furcht stand und wehrt sich gegen bürokratische Reglementierung. Bürgermut macht den Einzelnen aktiv, stärkt das Selbstwertgefühl und festigt das Gemeinschaftsgefühl. Zivilcouragierten Menschen liegt nicht nur daran, für die eigene Person etwas zu verändern; sie strebt auch gesellschaftliche Veränderungen an. Soziale Empfindsamkeit mündet in politisches Handeln.

Lebendigkeit und Freude – gegen die Zerstörung

Wer die zerstörerische Seite unserer Wirklichkeit in ihrem vollen Umfang wahrnimmt, kann leicht depressiv werden. Bei unserem eigenen Unzulänglichsein und dem, was uns täglich an schrecklichen Nachrichten erreicht, ist es oft schwierig, sich zwischen Hoffnung und bedrückender Realität in der seelischen Balance zu halten. Für diese Balance brauchen wir Freude am Leben: sich untereinander kennen lernen, sich aneinander freuen, einander zuhören, miteinander Freudemachendes und Schönes tun, Erfahrungen teilen – all dies gehört zum Eintreten für eine friedliche Welt.


Literatur- und Quellenangaben

Zur Vertiefung der Thematik werden folgende Quellen angegeben:

  • Auf der Internetseite von Prof. Dr. Kurt Singer werden eine Vielzahl von Texten zum Thema Zivilcourage angeboten: www.prof-kurt-singer.de

Bücher:

  • Kurt Singer, Zivilcourage wagen. Wie man lernt, sich einzumischen 204 Seiten, 3. neu bearbeitete Auflage 2003, Ernst Reinhardt Verlag, 14,90 Euro
  • Kurt Singer, Zivilcourage. Die Schülerbroschüre 50 Seiten DIN A4 mit 16 Karikaturen, Herausgeber und Bezug: Bündnis Ansbacher Schülerinnen und Schüler – BASS e.V., Telefon 0981 9776409, info@bass-ev.de, 3,00 Euro, Schüler 2,00 Euro, Sammel-bestellung ab 20 Stück 1,50 Euro
  • Gerd Meyer, Ulrich Dovermann, Siegfried Frech, Günther Gugel (Hrsg.), Zivilcourage lernen / Analysen – Modelle – Arbeitshilfen Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2004, Buchhandelsausgabe: Institut für Friedenspädagogik Tübingen e. V., Tübingen 2004, ISBN 3-932444-13-2, www.friedenspaedagogik.de
  • Till Bastian, Zivilcourage. Von der Banalität des Guten Hamburg 1996
  • Friedemann Schulz von Thun, Zur Psychologie der Zivilcourage – Ein TZI-Lehrversuch. Reflektionen zum Prozess und Erkenntnisse zum Thema in: Hochschule und Lebendiges Lernen. Beispiele für themenzentrierte Interaktion, hrsg. v. Gerhard Portele und Michael Heger, Weinheim 1995
  • Reiner und Anne Engelmann / Otto Herz (Hrsg.), Zivilcourage. Jetzt! Arena Verlag, Würzburg 2002

50 Jahre Denkanstöße für eine friedlichere Welt

Text- und Grafikquelle: Studiengesellschaft für Friedensforschung

Die Studiengesellschaft für Friedensforschung hat verschiedene Schriften in Form von «Denkanstößen» herausgebracht, welche auch in gedruckter Form erhältlich sind. Wer hier Interesse hat, kann diese gerne unter der u.a. Kontaktadresse beziehen.

Studiengesellschaft für Friedensforschung e.V.
Fritz-Baer-Straße 21
81476 München
Telefon/Fax (0 89) 724 471 43
E-Mail: info@studiengesellschaft-friedensforschung.de

Beitragsbild: „Zivilcourage / Widerstand“ – http://pixabay.com/de

Krieg ist keine Lösung

Die Militarisierung der Gesellschaft

von Rudolph Bauer

Bei der Militarisierung handelt es sich um einen gesamtgesellschaftlichen Prozeß, der teils schleichend und kaum wahrnehmbar, teils aber auch schnell beziehungsweise ganz plötzlich abläuft. Dabei nimmt das Zivile den Charakter des Militärischen an. Im Gegenzug anverwandelt das Militärische sich das Zivile – entweder in verdeckter Weise oder ganz offen, vor unser aller Augen.

Exemplarisch läßt sich dieser Prozeß im Sport aufzeigen, der ursprünglich zivil angelegt ist: als friedlicher Wettbewerb zur Gesunderhaltung und Zerstreuung. Im militärischen Kontext werden Formulierungen aus der Sportsprache übernommen. So heißt es wie beim Fußball, die Armee der Bundeswehr sei »gut aufgestellt«, Deutschland »spiele« wieder in der »Oberliga« der Weltmächte und dürfe militärisch nicht »im Abseits« stehen. Umgekehrt findet sich die militärische Semantik auch im Sport wieder. Da wird »verteidigt« und »angegriffen«, es gibt »Niederlagen« oder »Siege«. Obendrein beschäftigt die Bundeswehr mehr als 700 Spitzensportlerinnen und Spitzensportler in 15 Fördergruppen. Eine Bestleistung wird dann beispielsweise als die eines Bundeswehr-Obergefreiten gefeiert, erst in zweiter Linie als die eines Sportlers.

Wie beim Sport, so lassen sich auch auf weiteren Feldern Anzeichen der Militarisierung benennen. Grob können unter anderem folgende Bereiche unterschieden werden: der militärische und Sicherheitssektor, der industrielle und logistische Bereich, das ideologische und mediale Feld sowie die außenpolitische und die innenpolitische Arena.

Staatsbürger in UniformIn Schlagworten lassen sich die Prozesse im militärischen und Sicherheitssektor nachzeichnen als die einer Entwicklung von der allgemeinen Wehrpflicht zur Berufsarmee, »vom Staatsbürger in Uniform zum archaischen Kämpfer« (Jürgen Rose). Die Neomilitarisierung auf dem Feld der Industrie und Logistik erfolgte schrittweise von der Wiederbewaffnung für die Landesverteidigung hin zum aggressiven Export von Waffen, Rüstungsgütern und militärischem Know-how. Die Entwicklung im ideologischen und medialen Bereich führt von der kritischen Berichterstattung (Beispiel: Spiegel-Affäre des Jahres 1962) zum affirmativen »embedded journalism«, zur leitmedialen Kriegshetze und -propaganda. In der Innenpolitik läßt sich der Fortgang der Militarisierung im Paradigmenwechsel vom Datenschutz zur Totalüberwachung beobachten, bei der Außenpolitik im Wandel von der Diplomatie und Entwicklungshilfe hin zu »robusten« Militäreinsätzen im weltweiten Maßstab. Nicht zu vergessen: In Schule und Wissenschaft verbreitet sich der hegemoniale Habitus imperialer Normalität und militaristischer Forschungsgeilheit.

Die neuen Militarisierungsprozesse setzten unmittelbar mit dem Ende der Sowjetunion und des Warschauer Paktes ein. Zu diesem Zeitpunkt mußten die Militärspitzen und deren Bürokratieapparate ernsthaft befürchten, überflüssig zu werden, und die Rüstungsindustrie sah sich genötigt, Konversionsprojekten zuzustimmen. Es war aus militärischer Sicht höchste Zeit, neue Feindbilder zu schaffen, neue Strategien zu entwerfen und neue Waffen zu entwickeln.

Ein erstes Zeichen der Neomilitarisierung setzte 1992 der »Defence Planning Guidance« (Leitfaden zur Verteidigungsplanung) des Beraterstabes von Dick Cheney. Das entsprechende Papier des damaligen US-Verteidigungsministers wurde Washington Post und New York Times als Geheimdokument zugespielt und von ihnen veröffentlicht. Es enthielt drei zentrale Punkte. Erstens: Ziel US-amerikanischer Politik sollte es sein, zu verhindern, daß eine globale oder regionale Supermacht entsteht, die in der Lage ist, den Zielsetzungen der Vereinigten Staaten entgegenzutreten; zweitens die Forderung, den Zugang zu Rohstoffen zu sichern und die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen zu verhindern; drittens den Grundsatz, unilaterale Militäreinsätze zu billigen, um die genannten Ziele und Forderungen umzusetzen.

Etwa zeitgleich wurde in der Bundesrepublik ein Geheimpapier des Bundeswehr-Viersternegenerals und Generalinspekteurs Klaus Naumann bekannt. Naumann war bis 1999, dem Jahr der deutschen Beteiligung am Kosovokrieg, Vorsitzender des NATO-Militärausschusses und forderte eine Kompetenzerweiterung der NATO. Er empfahl einen »weiten Sicherheitsbegriff« zur Aufrechterhaltung des freien Welthandels und des Zugangs zu strategischen Rohstoffen. In diesem Sinne äußerten sich auch schon 1992 die Verteidigungspolitischen Richtlinien der deutschen Bundesregierung.

Seit dem Ende der 1990er Jahre vollzog sich ein weiterer Wandel hin zu einem umfassenden Sicherheitsbegriff, nach dem militärische und zivile Mittel gleichrangig und als miteinander verknüpft betrachtet werden. Im Gegensatz zum klassischen »erweiterten« Sicherheitsbegriff werden nun auch gesellschaftliche, ökonomische, ökologische und kulturelle Bedingungen als sicherheitsrelevant eingestuft.

1999 war es in der Bundesrepublik zur Gründung der Venusberg-Gruppe gekommen. Sie legte 2004 ihren ersten Bericht vor unter dem Titel »A European Defence Strategy« (Eine europäische Verteidigungsstrategie). Die Gruppe, benannt nach dem Ort ihres Treffens, dem Venusberg bei Bonn, entstand im Rahmen des vom Centrum für Angewandte Politikforschung (CAP) initiierten Projekts »Europas weltpolitische Verantwortung«. Ihre personelle Zusammensetzung mit Teilnehmern aus Ministerien, der Wissenschaft und militärnahen Institutionen erfolgte unter Leitung der Bertelmann-Stiftung und der »Bertelsmann-Forschungsgruppe Politik« des CAP.

2005 erschien ein zweiter Venusberg-Bericht: »Why the World needs a Strong Europe and Europe needs to be Strong. Ten Messages to the European Council« (Warum die Welt ein starkes Europa braucht und warum Europa stark sein muß. Zehn Botschaften an den Europäischen Rat). Hierauf folgte 2006 ein Dokument der Bertelsmann-Stiftung, überschrieben mit der Forderung »Deutschland braucht eine nationale Sicherheitsstrategie«. Zwei Jahre später erschien das dritte Venusberg-Papier: »Was folgt nach 2010? Leitlinien für die europäische Sicherheitspolitik im Zeitalter der Globalisierung«. Das Dokument enthielt Kapitel über Bedrohungsszenarien, die Fortschritte der Militarisierung sowie zur sicherheitspolitischen Strategieplanung. Es war im Jahr zuvor in englischer Sprache veröffentlicht worden.

Vor den Gefahren des Informationszeitalters warnte 2001 der US-Admiral a. D. Arthur K. Cebrowski in einem Interview. 2002 äußerte sich ähnlich Präsident George W. Bush im Vorwort zum Bericht der US-Regierung über die Nationale Sicherheitsstrategie: »Heutzutage können schattenhafte Netzwerke von Einzelpersonen großes Chaos und Leid über unser Land bringen – und es kostet sie weniger als ein einziger Panzer … Es ist eine Sache des gesunden Menschenverstandes, daß die Vereinigten Staaten gegen solche aufkommenden Bedrohungen vorgehen werden, bevor sie übermächtig werden.« Im Bericht selbst heißt es unmißverständlich: »Angesichts der Ziele von Schurkenstaaten und Terroristen können die Vereinigten Staaten nicht länger allein auf eine reaktive Haltung vertrauen … Wir dürfen unsere Feinde nicht zuerst zuschlagen lassen.«

An Stelle der Venusberg-Gruppe, deren letzter Bericht 2008 erschien, etablierte sich 2012 das Projekt »Elemente einer außenpolitischen Strategie für Deutschland«. Aus ihm ging 2013/14 eine Schrift hervor, auf die sich Bundespräsident Gauck und Ministerin von der Leyen bei der Münchner Sicherheitskonferenz 2014 bezogen: »Neue Macht. Neue Verantwortung. Elemente einer deutschen Außen- und Sicherheitspolitik für eine Welt im Umbruch«. Das zwischen November 2012 und September 2013 erarbeitete Papier fordert von der Bundesrepublik die Übernahme von mehr Verantwortung im Umgang mit »Störern der internationalen Ordnung«. Es plädiert für eine stärkere sicherheitspolitische Handlungsbereitschaft: »Europa und Deutschland müssen daher Formate für NATO-Operationen entwickeln, bei denen sie weniger auf US-Hilfe angewiesen sind. Das verlangt mehr militärischen Einsatz und mehr politische Führung. Vor allem muß Europa mehr Sicherheitsvorsorge in der eigenen Nachbarschaft betreiben; das ist Europas ureigene Verantwortung. Deutschland muß dazu einen seinem Gewicht angemessenen Beitrag leisten.«

Teilnehmer des Projekts, in dem »Neue Macht. Neue Verantwortung« konzipiert wurde, waren Vertreter aus Ministerien, Medien, Industrie, Parteien, Gewerkschaften, zivilgesellschaftlichen Organisationen und Stiftungen, darunter erneut die Bertelsmann-Stiftung. Gefördert wurde das Vorhaben durch den Planungsstab des Auswärtigen Amts der Bundesrepublik und initiiert durch den German Marshall Fund of the United States sowie die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Letztere wird unter anderem aus staatlichen Zuwendungen des Bundes gefördert. Im Bereich der Sicherheitspolitik arbeiten bei der SWP auch Offiziere der Bundeswehr.

I want youDie Aspekte des aktuellen Militarisierungsprozesses lassen sich wie folgt zusammenfassen: Die Neomilitarisierung verläuft nicht mehr allein im nationalen Maßstab, sondern im Zusammenhang transatlantischer Vasallenverpflichtung. In diesem Kontext beanspruchen die USA die Führungsrolle der exklusiven Supermacht. Ein erweiterter, umfassender Sicherheitsbegriff tritt an die Stelle des klassischen Verteidigungsmotivs. Als sicherheitsrelevant gilt der ungehinderte Zugang zu sämtlichen Rohstoffen außerhalb des eigenen Territoriums.

Ebenso wie die USA erachtet die BRD die Gefährdung des Welthandels und des Zugangs zu Rohstoffen als sicherheitsrelevant. Neben Rohstoffengpässen und Handelsrisiken gelten »Schurkenstaaten«, »Terroristen« und »Piraten« als Sicherheitsrisiken. Weitere neue Bedrohungen resultieren aus der informations-technologischen Entwicklung. Die USA beanspruchen für sich das Recht auf unilaterale militärische Erstschläge zur »Selbstverteidigung«. Gleicherweise ergeht sich die BRD aufgrund angeblich neuer Macht und Verantwortung in der Phantasie einer militärisch »neuen deutschen Rolle in der Welt«.

Gesamtgesellschaftliche Militarisierung bedeutet, daß die Gesellschaft ihr Objekt ist: Gesellschaft wird militarisiert. Militarisierung der Gesellschaft bedeutet aber auch, daß die Gesellschaft selbst der Akteur und das Subjekt der Militarisierung ist: Gesellschaft bewirkt Militarisierung. Anders formuliert: Es ist das gesellschaftliche System an und für sich, welches den Prozeß der Militarisierung hervorbringt und vorantreibt. Diese Seite der Militarisierung ist systemimmanent und läßt den prinzipiell kriegerischen Charakter der kapitalistischen Produktions- und Herrschaftsverhältnisse erkennen.

Meine Aussage deutet einerseits das Vergebliche des antimilitaristischen Kampfes an. In einem kapitalistischen System kann es keinen dauerhaften Frieden geben. Die Produktions- und Herrschaftsweise macht die Gesellschaft zum permanenten, offenen oder verdeckten Kriegsschauplatz. Andererseits aber enthebt die These vom kriegerischen Charakter des Gesellschaftssystems nicht der Notwendigkeit, über Militarisierung aufzuklären, daran entschiedene Kritik zu üben und der Furie des Krieges die Stirn zu bieten. Letzten Endes ist es aber eine Sache fundamental anderer politischer und ökonomischer Verhältnisse, die dazu beitragen werden, das kriegerische System abzuschaffen.

Dieser Beitrag basiert auf einer Rede, die Rudolph Bauer während der Ossietzky-Matinee gegen den Krieg am 3. Oktober in Berlin gehalten hat.


Quelle:  Erschienen in Ossietzky, der Zweiwochenschrift für Politik / Kultur / Wirtschaft – Heft 22/2014 > zum Artikel

Ossietzky, Zweiwochenschrift für Politik, Kultur, Wirtschaft, wurde 1997 von Publizisten gegründet, die zumeist Autoren der 1993 eingestellten Weltbühne gewesen waren – inzwischen sind viele jüngere hinzugekommen. Sie ist nach Carl von Ossietzky, dem Friedensnobelpreisträger des Jahres 1936, benannt, der 1938 nach jahrelanger KZ-Haft an deren Folgen gestorben ist. In den letzten Jahren der Weimarer Republik hatte er die Weltbühne als konsequent antimilitaristisches und antifaschistisches Blatt herausgegeben; das für Demokratie und Menschenrechte kämpfte, als viele Institutionen und Repräsentanten der Republik längst vor dem Terror von rechts weich geworden waren. Dieser publizistischen Tradition sieht sich die Zweiwochenschrift Ossietzky verpflichtet – damit die Berliner Republik nicht den gleichen Weg geht wie die Weimarer.

Wenn tonangebende Politiker und Publizisten die weltweite Verantwortung Deutschlands als einen militärischen Auftrag definieren, den die Bundeswehr zu erfüllen habe, dann widerspricht Ossietzky. Wenn sie Flüchtlinge als Kriminelle darstellen, die abgeschoben werden müßten, und zwar schnell, dann widerspricht Ossietzky. Wenn sie Demokratie, Menschenrechte, soziale Sicherungen und Umweltschutz für Standortnachteile ausgeben, die beseitigt werden müßten, dann widerspricht Ossietzky. Wenn sie behaupten, Löhne müßten gesenkt, Arbeitszeiten verlängert werden, damit die Unternehmen viele neue Arbeitsplätze schaffen, dann widerspricht Ossietzky – aus Gründen der Humanität, der Vernunft und der geschichtlichen Erfahrung.

Ossietzky erscheint alle zwei Wochen im Haus der Demokratie und Menschenrechte, Berlin – jedes Heft voller Widerspruch gegen angstmachende und verdummende Propaganda, gegen Sprachregelungen, gegen das Plattmachen der öffentlichen Meinung durch die Medienkonzerne, gegen die Gewöhnung an den Krieg und an das vermeintliche Recht des Stärkeren.

http://www.ossietzky.net/


Bild- und Grafikquellen:

  1. Beitragsbild: „Krieg ist keine Lösung“ – Dietmar Meinert  / pixelio.de
  2. »I want you« – http://pixabay.com/de
  3. »Staatsbürger in Uniform« – Wikipedia CC-Lizenz
Zustand des Wassers

Energetisiertes Wasser – Universität lüftet Geheimnisse um Wasser

Die Entdeckung des hexagonalen Wassers

von David Rotter

Hexagonales Wasser: An der Universität Washington wurde ein vierter Zustand des Wassers entdeckt, der nicht nur chemische Anomalien, sondern auch die Wirkung von energetisiertem Wässer erklären könnte.

Vierter Aggregatzustand des Wassers entdeckt

Ein Forschungsteam an der Universität Washington könnte das Geheimnis des Wassers gelüftet haben. Das Team um Gerald Pollack entdeckte einen vierten Aggregatzustand des Wassers: Neben fest, flüssig und gasförmig konnten die Forscher einen vierten Zustand identifizieren, in dem sich die Moleküle des flüssigen Wassers zu einem hexagonalen „Kristallgitter“ anordnen.

Dieser ‚EZ-Wasser‘ genannte Zustand zeigt einige erstaunliche Eigenschaften, der unser Bild vom Wasser auf den Kopf stellen und viele langjährige Rätsel lösen könnte.

Wasser – ein Mysterium

Moleküle WasserWasser ist ein mysteriöser Stoff – und das in ganz wissenschaftlicher Hinsicht. Trotz 200 Jahren Wasser-Forschung ist es der Wissenschaft bisher nicht gelungen, das allgegenwärtige Nass wirklich zu verstehen. Die offizielle Theorie zum Wasser ist voller Löcher – den so genannten ‚chemischen Anomalien‘, die sich mit der herkömmlichen Theorie nicht zufriedenstellend erklären lassen.

Gefrierpunkt, Siedepunkt, Dichte, Oberflächenspannung – selbst bei diesen grundsätzlichen Dingen verhält sich Wasser praktisch anders, als es sich der Theorie nach rechnerisch eigentlich verhalten sollte.

Aber auch abseits der Wissenschaft ist Wasser ein faszinierender Stoff. Es ist der Ursprung und das Elixir des Lebens, der Hauptbestandteil unserer Körper und unser wichtigstes Nahrungsmittel mit weitreichenden Auswirkungen auf unsere Gesundheit.

In den letzten Jahren beschäftigten sich darum immer mehr Alternativforscher mit dem Thema Wasser als einem der wichtigsten Mittel zur Heilung von Krankheiten und zur Erhaltung der Gesundheit, woraus unzählige Systeme zur Filterung, Verwirblung und Energetisierung von Wasser hervorgingen. Bisher allerdings standen diese Dinge auf wissenschaftlich recht dünnen Beinen, was es schwer machte, die verschiedenen Verfahren wirklich einzuschätzen.

Nun stellen Forscher aus den USA eine neue Theorie des Wasser vor, die möglicherweise nicht nur die Anomalien des Wassers erklären könnte, sondern auch eine schulwissenschaftliche Grundlage für die Trinkwasserveredlung bieten könnte.

EZ-Wasser

Bulk waterDie Forscher stellten fest, dass sich Wasser in der Nähe von hydrophilen Flächen – wie überall in unserem Körper – selbstständig zu ordnen beginnt. In der Nähe der Fläche teilt sich das Wasser in zwei Schichten, wobei sich eine Schicht in eine völlig neue Form von Wasser verwandelt, die sich von herkömmlichem H20 drastisch unterscheidet.

Diese nur etwa einen viertel Millimeter dicke Zone mit dem mysteriösen Wasser wurde „Exclusion Zone“ (EZ) getauft, weil sich das Wasser in dieser Zone nicht nur ordnet, sondern faszinierender Weise auch selbst reinigt: Die EZ enthält eine sehr reine Form von Wasser, die alle gelösten Stoffe aus der EZ-Zone verdrängt. In der Nähe der Fläche bildet sich also eine Schicht völlig reinen Wassers, während alle gelösten Stoffe in die andere Schicht verdrängt werden.

Dieses Phänomen ist schon länger bekannt und es gibt zahlreiche Versuche, es mit herkömmlichen Theorien zu erklären. Pollack konnte jedoch in fast zwei Jahren Arbeit mit seinem Team alle diese Theorien als Erklärung ausschließen.

Doch damit nicht genug: Das Wasser in der EZ zeigte völlig neue Eigenschaften, wie einen veränderten elektrischen Widerstand, eine höhere, fast gel-artige Viskosität, eine starke Absorption von Infrarotlicht, einen veränderten ph-Wert und eine deutliche negative Ladung.

Hexagonales Wasser – Ein flüssiger Kristall

Hexagonales WasserErstaunt untersuchten die Forscher das „EZ-Wasser“ und stellten fest, dass es sich dabei um eine Art flüssiges Eis handelt. Die Moleküle des Wasser gaben Protonen ab und ordneten sich in einem erstaunlich stabilen, hexagonalen Gitter – eine Struktur, die auch in Eis und einigen Kristallen vorkommt. Im Gegensatz zu Eis ist diese Kristallmatrix im EZ-Wasser nicht völlig fest, aber doch stabil genug, um ihre Form zu halten und alle gelösten Stoffe zu verdrängen.

Im Gegensatz zu gewönlichem Wasser, dass aus mehr oder weniger frei herumwirbelnden H20-Molkülen besteht, die nur für Sekundenbruchteile größere Cluster bilden, war das EZ-Wasser also eine Art flüssiger Kristall von höchster Ordnung.

EZ-Wasser ist aber nicht nur besonderes Wasser, eigentlich, so musste Pollack bei näherem Hinsehen feststellen, war das Wasser in der EZ-Zone streng genommen überhaupt kein Wasser mehr. Denn das Verhältnis von Sauerstoff zu Wasserstoff betrug nicht 1:2 (H2O), wie in normalem Wasser, sondern 2:3 (H3O2), womit das EZ-Wasser auch chemisch eine völlig andere Form von Wasser darstellt.

Neben flüssig, fest und gasförmig hatten die Forscher also einen neuen Aggregatzustand des Wassers entdeckt. Dieser kommt aber nicht nur im Inneren des Körpers vor, wie sich bald herausstellte, sondern er ist eine bisher unentdeckte Zwischenform zwischen flüssigem und gefrorenem Wasser: Wasser passiert diesen EZ-Zustand also immer dann, wenn es friert oder wenn Eis schmilzt. Frisches Gletscherwasser hat darum einen extrem hohen EZ-Gehalt und dürfte darum, wie sich weiter zeigte, für den Menschen besonders gesundheitsfördernd sein.

Lebendiges Wasser

lebendiges_WasserDie Ergebnisse verblüfften die Forscher und es war relativ schnell klar, dass EZ-Wasser besonders in lebenden Organismen eine große Rolle spielen könnte.

Zunächst aber war das Rätsel zu lösen, woher das Wasser überhaupt die Energie nahm, eine solche hoch geordnete Struktur aufrecht zu erhalten. Nach einigen Versuchen war die Lösung gefunden: Aus Licht, besonders dem unsichtbaren Infrarotlicht. Wurde der Versuchsaufbau gegen Licht Strahlungen abgeschirmt, konnte sich kein EZ-Wasser bilden, mit Sonnenlicht und Infrarotlicht konnte die Bildung hingegen sogar ausgeweitet werden: Eine Bestrahlung vergrößerte die EZ-Zone um das Dreifache.

Auch dies war eine faszinierende Erkenntnis: Das Wasser speichert die Energie des Sonnenlichts in Form einer geordneten, hexagonalen Kristallstruktur. Das Wasser war nicht esoterisch sondern ganz physikalisch tatsächlich „energetisiert“.

Der Potenzialunterschied zwischen EZ-Wasser und normalem Wasser ist sogar so groß, dass er elektrisch nutzbar ist wie Pollack inzwischen zeigen konnte. Der Ladungsunterschied zwischen den beiden Zonen ist groß genug, dass er wie eine winzige Batterie funktioniert – Energie direkt aus Sonnenlicht, mit nichts weiter als Wasser.

Für den Körper spielt nicht nur die elektrische Energie, sondern vor allem die Struktur selbst eine bedeutende Rolle.

Wasser im Körper

Weil die Abstände zwischen und in unseren Zellen so klein sind, besteht das interzelluläre und intrazelluläre Wasser zu großen Teilen aus EZ-Wasser. Allein das ist schon eine Erkenntnis, die zentraler nicht sein könnte: Wasser in lebenden Organismen unterscheidet sich chemisch, strukturell und funktional deutlich von dem, was wir gewöhnlich unter Wasser verstehen. Es ist kein H20, sondern ein hoch geordnetes, kristallartiges Medium.

Pollack konnte durch seine Forschungen zeigen, dass ein Verständnis des EZ-Wassers völlig neue Perspektiven auf die Abläufe in lebenden Zellen eröffnet. Vermeintlich komplexe Funktionen der Zelle lassen sich plötzlich sehr einfach erklären, wenn man das in den Zellen enthaltene Wasser mit in den Blick nimmt.

EZ-Wasser, so die These Pollacks, ist der Motor des Lebens, der besonders die Funktion von Kapillaren, Zellmembranen und Membran-Tunneln erklärt. Aber selbst die Funktion von Proteinen, wird erst durch das Vorhandensein von geordnetem Wasser überhaupt erst wirklich beschreibbar. Wasser ist damit weit mehr als nur der Hintergrund biologischer Abläufe oder ein reines Lösungsmittel – es ist selbst ein integraler Bestandteil dieser Funktionen.

Lebendiges Wasser interagiert strukturell mit den Proteinen und Zellkörperchen. Die Idee, dass Wasser nur ein generischer Stoff mit mehr oder weniger zufälliger Struktur ist, oder dass zwei Proben Wasser grundsätzlich in ihrer Struktur und Funktion identisch wären, ist damit widerlegt – eine Tatsache die unser Verständnis biologischer Abläufe deutlich verändern könnte.

Geordnetes Wasser – Grundlage der Gesundheit?

Wenn dies so ist, so lautet Pollacks These, muss die Erhaltung von geordnetem Wasser eine zentrale körperliche Funktion sein – mit weitreichenden Konsequenzen.

„Wir wissen heute, dass die meisten Makromoleküle ohne das EZ-Wasser zusammenbrechen und ausfällen würden – sie könnten nicht einwandfrei funktionieren. Nun beruhen viele Krankheiten anerkannter Weise auf Funktionsstörungen von Proteinen oder deren Regulierungssystemen. In einem solchen Protein-zentrierten Netzwerk, kann eine Funktionsstörung also durch zwei Komponenten entstehen: durch das Protein selbst oder das EZ Wasser, welches das Protein umhüllt.“

Die Forschungen hierzu haben gerade erst begonnen und doch schon einige erstaunliche Ergebnisse gezeitigt. Pollack konnte zeigen, wie verschiedene Substanzen die Bildung von EZ-Wasser verhinderten, während andere sie begünstigten.

Was, so fragte sich Pollack, wenn man die Funktion von Proteinen allein dadurch wieder herstellen könnte, dass man das Wasser um sie herum beeinflusst? Und wie könnte das erreicht werden? Infrarotlicht und bestimmte Elektromagnetische Impulse wären die ersten naheliegenden Kandidaten, deren Wirkung das Team untersuchen möchte. EZ-Wasser, so konnte Pollack zeigen bildet sich außerdem vermehrt durch eine Zufuhr von Sauerstoff und durch die Einnahme von Antioxidantien, welche die negative Ladung des EZ-Wassers erhalten.

Der wichtigste Kandidat für die nähere Forschung liegt aber noch viel näher: unser Trinkwasser.

Energetisierende Wirbel und Heilende Quellen

Auf der Suche nach heilendem Wasser untersuchten Pollack und seine Kollegen verschiedene Wässer, denen eine besondere gesundheitliche Wirkung zugeschrieben wurde.

Während bei einigen Heilquellen vor allem der Mineralgehalt eine Rolle zu spielen schien, zeigte sich auch, dass auch der Gehalt an EZ-Wasser durchaus an den Effekten beteiligt sein könnte. Sowohl sehr reine Gletscherquellen, als auch tiefe Quellen, als auch Wasser aus Verwirblern zeigten einen besonders hohen EZ-Anteil.

Pollack konnte auch zeigen, dass die Struktur des EZ-Wassers in Modellversuchen selbst bei den PH-Werten der Magensäure intakt blieb, und vermutlich auch in vivo in dieser Form von den Geweben aufgenommen wird. Dies hat positive Auswirkungen, wie Pollack weiter zeigen konnte, da das EZ-Wasser die Zellen aufgrund seiner Ladung sehr viel effektiver hydriert, als jedes gewöhnliche Wasser.

Paradigmenwechsel?

Die Forschungen Pollacks sind in vielfacher Hinsicht faszinierend. Wasser, so scheint es, ist mehr als nur dieser nebensächliche Stoff im Hintergrund unserer biologischen Abläufe. Es ist ein Teil davon.

Es scheint fast, als hätte die bisherige Forschung hier womöglich mal wieder den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen. Genau wie in der Physik, wo Physiker nun erst seit einigen Jahren die Hypothese aufstellen, der Raum selbst könnte ein geordnetes Energie-Medium sein, welches die Dinge darin beeinflusst, entdeckt Pollack das Wasser wieder als einen wesentlichen Bestandteil der Biochemie. Eine faszinierende Analogie, wo Antworten plötzlich im vermeintlich leeren Raum zwischen den Dingen auftauchen, die wir seit Jahren untersuchen.

Mehr noch: Pollack ist eine wichtige Stimme im immer lauter werdenden Chor von Forschern, die feststellen, dass Wasser weit mehr ist, als in den Schulbüchern steht: Wasser kann sehr unterschiedliche Qualitäten haben, die nicht nur von den darin gelösten Stoffen abhängt, sondern auch von der Struktur des Wassers selbst.

Seine Forschung zeigt, dass Wasser in lebenden Organismen grundsätzlich verschieden ist, von jenem Wasser, das aus unserer Leitung kommt: Lebendiges Wasser ist geordnet und interagiert strukturell mit den darin befindlichen Makro-Molekülen.

Vielleicht sind wir damit einen Schritt näher an der homöopathischen Sicht, dass Wasser Informationen speichert, vielleicht aber auch nicht und diese Forschung zeigt ganz neue Wirkmechanismen des Wassers auf, die sich weit bodenständiger erklären lassen.

Quellen für Hexagonales Wasser

Bisher ist laut Pollack außer dem Entsaften von Früchten kein Verfahren bekannt, dass größere Mengen EZ-Wasser erzeugt. Die beste natürliche Quelle ist Gletscher-Wasser. Bei der Wasseraufbereitung fehlt laut Pollacks Untersuchungen der entscheidene Schritt noch. Chemische Reinheit, wie sie durch Filterung erreicht wird, ist ein erster Schritt, tatsächlich legt seine Forschung aber nahe, dass es einen Zweiten Schritt zu geben scheint, der das reine Wasser strukturell neu ordnet und in hexagonales EZ-Wasser verwandelt.

Bisher konnte Pollack nur für die Verwirbelung einen kleinen Effekt nachweisen, als ebenso effektiv sieht er aber die Bestrahlung mit Sonnenlicht oder Infrarotlicht an. Wasser in einer Karaffe in die Sonne zu stellen, hat also tatsächlich bereits einen chemisch nachweisbaren Effekt und ist nicht nur esoterische Praxis. Auch EM-Keramik oder Steine im Wasser haben einen solchen Effekt, da sich an ihren Flächen EZ-Wasser bildet.

Vielleicht, so spekuliert Pollack, wird er sich in Zukunft auch mit einer Möglichkeit beschäftigen, reines EZ-Wasser aus Leitungswasser herzustellen. Momentan steht jedoch für die Uni Washington die Forschung über die biologische Wirkung im Vordergrund, die fast täglich neue, faszinierende Erkenntnisse offenbart.


Autor: David Rotter

Text- und Grafikquellen: http://www.sein.de – Illustrationen: Ethan Pollack / Ebner and Sons Publishers

Buch zum Beitrag:

Buch_Pollak_WasserWasser – viel mehr als H2O

Gerald H. Pollack

VAK Verlag

ISBN 978-3-86731-158-8
368 Seiten,
Klappenbroschur (21 x 25 cm),
400 Fotos und Illustrationen

Spinnenweb

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Ökonomisierung vor Kunst und Bildung

Die Ökonomisierung des Journalismus, die es schon seit Jahrzehnten gibt und die anfangs zu einem normalen Verdrängungswettbewerb geführt hat, hat sich radikal durch das Internet beschleunigt. Es geht um weit mehr als die Frage, wie zukünftig mit Bild und Text im Web Geld verdient werden kann und ob der uns bislang bekannte Journalismus diesen Umbruch überlebt. Es geht – wie so oft im Internet – vielmehr um die Frage, wem gehört etwas und wer darf es in welcher Form nutzen. Internetuser haben weitgehend unbegrenzten Zugang zu Millionen von Texten – zu Lexika wie Wikipedia, zu statistischem Hintergrundmaterial wie bei destatis.de, zu Büchern wie bei google.de und zu vielen Webseiten von einst reinen Printmedien. Die User haben Zugang zu vielen Videos und Blogs und sie sind einerseits auf der Suche nach Unterhaltung, andererseits auf der Suche nach Wahrheiten und Hintergründen. Viele Printmedien haben es verschlafen, diese Hintergründe und Zusammenhänge darzustellen und sich dadurch ein Alleinstellungsmerkmal zu verschaffen. Sie haben es verschlafen, ihre Art der Recherche und Wahrheitsfindung den Lesern plausibel und transparent zu machen. Schlimmer noch: Sie haben oftmals die Leser durch Weglassen oder Verzerren wichtiger Informationen vergrault. Dies taten sie in einer Zeit, in der ihre Thesen und Berichte für jedermann nachprüfbar wurden. Sie taten dies in einer Zeit, in der jedermann in Chats, Blogs, Foren und vor allem in den sozialen Medien andere Thesen aufstellen und die Nachhaltigkeit der einstigen Wortführer, der Printmedien, in Frage stellen konnte. Die Diskussionen waren zudem außerhalb der Kommentarwelten der Printmedien aussagekräftiger, kontroverser und sie waren erkenntnisreicher. Dabei darf nicht verschwiegen werden: So manche dort geführte Debatte glitt von einer qualitativ hochwertigen Diskussion ab in emotional-persönliche Angriffe und endete in anonym geposteter Vulgärsprache – das pure Gegenteil des Qualitätsjournalismus, wobei die jeweilige Diskussionsrunde auch diese meist anonym erstellten, verbalen Entgleisungen recht rasch in die Schranken verwies. Was bleibt, ist bei den Usern bzw. Lesern die Erkenntnis: Die Profi-Journalisten wissen es oft nicht anders und meist nicht besser als die vielen User im Netz.

Fließgleichgewicht von Inhalten und Meinungen

Birne, LampeEs kommt hinzu: Es gibt wohl nicht nur eine Meinung (Surprise! Surprise!), sondern man kann ein Thema unter verschiedensten Lebensauffassungen und ideologischen Färbungen dialektisch diskutieren. Das wiederum führt zur aufregendsten Erkenntnis: Alles ist in Bewegung, es gibt sie nicht, die eine, allheilbringende, richtige Meinung. Es gibt immer nur Momentbetrachtungen und alle Betrachtungen sind gefiltert durch die Denkweise des Schreibenden ebenso wie durch die Abstraktionen des Lesenden. Wenn doch aber alles im Fluss ist, wozu benötige ich dann noch gedruckte Buchstaben. Bis diese trocken sind und auf Papier ausgeliefert werden, ist die tagesaktuelle Diskussion längst ganz woanders angelangt. Und was es an grundsätzlichen Erkenntnissen in der Welt zu erforschen und zu erlesen gibt, findet sich von jeher besser in allerlei Klassikern wieder und davon wiederum befinden sich viele heute als gescannte Dateien in Onlinebibliotheken. Wozu also eine gedruckte Tageszeitung? Twitter ist schneller, Bücher sind nachhaltiger und intensiver, Blogs sind ebenfalls schneller, oftmals authentischer und eigentlich immer dialektischer in der Darstellung.

Es geht nicht nur ein Geschäftsmodell verloren

Was hier den Verlagen verloren geht, ist nicht nur einfach ein Geschäftsmodell. Hier geht die Hoheit der Verlage verloren, Meister des Inhaltes, Quelle der Meinungsbildung und Förderer der Wahrheit zu sein. Meint die Frankfurter Allgemeine Zeitung dazu: „Die Zukunft des Journalismus entscheidet sich hier und jetzt!“ Nur mit Größe und Qualität – so meinen die Verlage – und mit der ständigen Suche nach neuen Geschäftsmodellen, könnten sie noch überleben. Doch selbst wenn sie ein Geschäftsmodell finden: Sie werden nie wieder die Chefs des Inhalts, die „Master of Content“ sein. Dies liegt nicht nur an den Fehlern, die sie in der Vergangenheit gemacht haben, sondern hängt auch damit zusammen, dass durch das Internet das Wissen der Vielen strömt, gleichzeitig und im selben Raum. Das Internet ist angefüllt mit Experten, die an einem Thema zeitlich oder räumlich näher dran sind, die es kontinuierlicher bearbeiten und die es oftmals besser verstehen. Die Vermittlerfunktion von Journalisten – vor allem bei komplexen Themen – wird zunehmend und sehr rasch abgelöst durch einfache Bürger wie Dich und mich, die zu ihrem Hobby, Fachgebiet oder anderen sie bewegenden Themen, viel praxisnäher, verständlicher und lebhafter schreiben. Warum denn auch sollte der Trend zu „Prosumenten“ (Konsumenten, die gleichzeitig etwas produzieren) gerade vor dem Onlinejournalismus halt machen? Auf dem Weg vom Amateurjournalismus zum gestalteten Profijournalismus gibt es nur noch eine Barriere, die haben aber schreibende Leser wie bei Profijournalisten zu überwinden: Es ist die Barriere des Zugangs zu Primärdaten, zu den echten, unverfälschten und möglichst aktuellen Statistiken, die für die meiste Berichterstattung essenziell sind. Auch dies ist – von wenigen Ausnahmen abgesehen – im schnelllebigen Journalismus oft eher eine Schwachstelle, eher ein Minus als ein Plus der Profiautoren. Denn gerade für nachhaltige, aufwändige Recherchen fehlt auch ihnen die Zeit. Viele Zugänge zu unabhängigen, aktuellen Recherche-Datenbanken sind teuer, Suchanfragen sind zeitaufwändig wie auch die grafisch ansprechende Aufbereitung der Rohdaten. So werden letztlich gerne mit Handkuss gut aufbereitete Grafiken und Statistiken der PR- und Nachrichtenagenturen immer häufiger völlig unreflektiert und unbearbeitet an den Leser weitergegeben. Also sind die Redaktionen auch an dieser Stelle – unter Zeitdruck und ökonomischem Druck stehend – nicht besser dran als manche Freizeit-Blogger. Die statistischen Quellen und die Plausibilität der Daten kann der Leser im Printmedium fast nie nachvollziehen oder nachprüfen. Und so mancher Journalist schaut vielleicht neidisch auf den einen oder anderen Blog, weil dessen Autor den Blog als Hobby betreibt und einfach viel mehr Zeit und einen besseren Zugang zu Informationen hat. Hinzu kommt: In den Blogs tummeln sich immer mehr Gleichgesinnte und Experten. Dort werden Themen häufig völlig unabhängig von einer Tagesaktualität über Monate in einer unvorstellbaren Vielschichtigkeit und Tiefe diskutiert. Echte Bildung, echte Meinungsbildung ist dort möglich. Bildung entsteht ja gerade nicht durch das reine Lesen eines Inhaltes, sondern durch die Beschäftigung mit dem Gelesenen und durch das Nachdenken darüber. Der Erkenntnisgewinn hieraus ist durch keine Tagespresse der Welt zu ersetzen. Dies umso weniger als Zeitungen mit hohem dialektischem, meinungsbildendem Anspruch allesamt vom deutschen Markt verschwunden sind – allen voran „Die Woche“ und die „Financial Times Deutschland“. Stattdessen gibt es immer mehr kleine Fachmagazine, die günstig per PDF produzieren oder die auch im hochpreisigen Segment ihre Leser finden. Etablierte Redaktionen, die seit Jahren auf einen qualitativ hohen Anspruch und auch investigativen Journalismus setzen, haben auch in einer Onlinewelt als „Offline-Printmagazin“ weniger Probleme als andere Magazine. Die „Wirtschaftswoche“ und vor allem „Brand Eins“ sind sicherlich solche Ausnahmen, wobei „Brand Eins“ als gedrucktes Medium geradezu einen „haptischen Kultcharakter“ hat. Man kann hier die Textqualität riechen und fühlen und dies gehört eben zum Gesamterlebnis so wie das Knistern einer Langspielplatte eben ein besonderes Prädikat sein kann. Wir hatten es schon davon: Ein MP3-File knistert nicht und ein PDF raschelt nicht beim Umblättern.

Die Öffentlichkeit befindet sich im Strukturwandel

Das ist allerdings eine Nische, die dem Internet noch eine Weile verborgen bleiben dürfte. Internetseiten riechen nicht und lassen sich nicht anfassen. Ein Thema, das auch die TV-Macher immer wieder als Nachteil empfinden, wobei derzeit die haptische Interaktion zwischen dem Benutzer eines Smartphones und einer Website bei Weitem höher ist als die zwischen einer Fernbedienung eines Fernsehzuschauers und dem gezeigten Bild. Allein der Wischeffekt ist auf Seiten des Smartphones im Haben zu verbuchen. Doch bleiben wir mal nur beim Text, nur beim Content. „Es findet ein umfassender Strukturwandel der Öffentlichkeit statt, in dessen Verlauf die gedruckte Presse das Informationsmonopol und die Hoheit über die Meinungsbildung verloren hat“, schreibt Thorsten Hinz für das selbst recht junge Printmedium „Junge Freiheit“. Das Bemerkenswerte an diesem Zitat kann leicht überlesen werden: Nicht die Verlagswelt strukturiert sich um, sondern allem voran strukturiert sich die Öffentlichkeit um. Das Internet hat also zu einem Wandel der Struktur der Öffentlichkeit geführt und dies bedingt einen Strukturwandel der Verlage. Das Ansinnen, die Verlage zu einem Internetunternehmen zu wandeln, ist deswegen per se der falsche Ansatz, weil der Strukturwandel der Öffentlichkeit das Verlagswesen insgesamt in Frage stellt – jedenfalls auf die bisherige Vorherrschaft über den Content. Die Verlage sind jetzt Teil des Internets und somit Teil der Öffentlichkeit, sowie eben auch die Inhalte frei zugänglich sind.

Inhalte fließen zwischen Leser und Autor hin und her – die Rollen vermischen sich

Leser und AutorDie Macht über den Content ergießt sich vom Verlagswesen in die Onlinewelt zu den Internetprotagonisten und erstmalig erlebt auch die Meinungsbildung so etwas wie ein ökologisches Fließgleichgewicht. Es gibt keine statische Meinung, sondern sie wird ständig neu modelliert und dies im Kontext mit allen Usern des Internets. Das war schon immer so, wird aber jetzt mit atemberaubender Geschwindigkeit global transparent. An den Schnittstellen dieser meinungsbildenden Gruppen werden Konflikte über Ursachen, Wechselwirkungen und Zusammenhänge ausgetragen. Es wird gestritten, aber nicht gekämpft. Es werden richtige Wege gesucht und es werden viele neue Möglichkeiten gefunden, die ständig angerissen, sogleich wieder vom konservativen Mainstream in der Meinungsbildung zerrissen werden, um dann doch als neue Idee irgendwo in Nischen, kleinen „Foren-Biotopen“, geschützt vor dem Massenansturm der Mainstream-Meinungen und im kleinen Kreis weiter gedacht zu werden: Oft so lange, bis sie sich wieder als mehrheitsfähig erscheinende neue Vision und mit längerer Version im Web 2.0 festsetzen.

Evolution und Epigenetik von Inhalten

Es ist eine Art Evolution des Contents – eine Art Quantenphilosophie der Inhalte. Das Internet ist wie das „Meer der Inhalte“ – entsprechend dem „Meer der Möglichkeiten“ bzw. dem PSI-Feld des Universums in der Quantenphilosophie. Dort schöpft die Internetgemeinde ununterbrochen Teilaspekte ab, manifestiert Meinungen für eine gewisse Zeit mit ihren Gedanken und Diskussionen, materialisiert diese in Textbeiträgen in Blogs und Foren. Mal bildet sich dann ein Meinungsbild, das längere Zeit Bestand hat, mal verschwindet dieses materialisierte Bild wieder im Meer der Möglichkeiten – also im Internet. Dort ist immer alles vorhanden, aber wir sehen nicht immer alles, wir erkennen nicht immer alle Zusammenhänge und wir finden nur das, wonach wir suchen. Was wir finden hängt von der Frage ab, die wir uns und der Suchmaschine stellen. Je ungewöhnlicher, je seltener die Fragestellung, desto schwieriger wird es, die Antwort zu finden, aber desto spannender wird es auch, sie zu finden. Man könnte frei nach Saint-Exupéry „Man sieht nur mit dem Herzen gut“, für die Onlinewelt formulieren: „Man sieht nur mit der Suchmaschine gut.“ In beiden Fällen gilt. Man kann nur das sehen, was man auch sehen will. Das Internet fördert diese freie Suche und Sichtweise – Printmedien und TV hingegen fördern diese nicht. Im Gegenteil: sie lenken permanent auf die festgefahrenen Gedanken des Alltags und lenken permanent vom Hinterfragen des Gesehenen und Gelesenen ab.

Unsere Gedanken bestimmen die Inhalte

Für das Internet gilt das Gleiche wie für das „Meer der Möglichkeiten“, für die Interwelt der Quantenphilosophen: Alles ist möglich, alles ist immer irgendwie da, aber alles ist abhängig vom Betrachter. So wie er sucht, so findet er. So wie er die Beiträge im Web betrachtet, so wird er bestätigt oder widerlegt. Einst waren die Verlage die beständige Konstante, die Basis für alle Inhalte, die in verschiedenen Varianten aufbereitet wurden. Ob ein Inhalt dann als Bild-Reportage in einer Illustrierten, als Kurzmeldung in einer Tageszeitung, als Dossier in einer Wochenzeitung erschien oder dem Leser gar nicht vermittelt wurde, dies war alles eine Entscheidung von wenigen Redakteuren und Verlagen. Die Verlagswelt war die DNA der Meinungsbildung, die Medienformate waren nur die epigenetischen Schalter, die das eine Thema mehr, das andere weniger reißerisch aufbereitet und somit die Leser beeinflusst haben. Auch diese Hoheit über die Medienformate haben die Verlage weitgehend verloren. Im Internet finden sich praktisch alle Themen multikanalfähig. Ein Teil der Leser ist begeistert von den Videowelten, andere vertiefen sich in die sozialen Medien oder reine Blogs. Oftmals macht gerade die Kombination – möglichst interaktiv – gerade den besonderen Reiz aus.

„Video kills Print“

FilmstripDa sind wir bei einem weiteren Aspekt, der den Profijournalisten entglitten ist: Video kills Print. Kurze Bild- und Videobeiträge liegen im Trend. Neben Textbeiträgen und Fotostrecken sind es vor allem die zahlreichen, didaktisch oft hervorragend aufbereiteten Videos – allen voran die Erklär-Videos – die innerhalb kürzester Zeit komplexeste Inhalte verständlich und einprägsam aufbereiten können. Das Medium Video (Internetvideo) ist zurzeit auch dem Fernsehen bei Weitem überlegen, jedenfalls noch so lange, wie die Mehrzahl der User kein internetfähiges Fernsehgerät hat. Denn ohne Internet ist ein Fernsehbeitrag nicht viel mehr als eine kontinuierlich ablaufende Präsentation, die nicht mal eben gestoppt und bei der nicht mal eben zurückgespult werden kann, wenn man etwas nicht verstanden hat oder kurz in Gedanken gedöst hat. Es gibt viele mehrstündige Videos im Internet, die eine „Ansichtsquote“ von weit über 100 Prozent haben: Das Video wurde von demselben Benutzer mehrfach gesehen und/oder es wurden Teile des Videos mehrfach betrachtet. Messbar ist auch, wie viele User den Beitrag nicht zu Ende sehen und abbrechen. Die Fernsehgesellschaften sind hier immer noch weitgehend blind. Sie wissen aber nach wie vor nicht, welcher Zuschauer welchen TV-Beitrag gesehen hat. Die Einschaltquoten sind Hochrechnungen, deren Werthaltigkeit seit Jahren in der Diskussion steht. Die Printmedien hingegen wissen nur über Umfrage und Leserbriefe, wer sie liest und was gelesen wird. Nur das Web aber ist in der Lage eine Echtzeitmessung zu liefern. Eine Messung über Anzahl Klicks, die Verweildauer der Zuschauer oder gar eine Bewertung der Beiträge wie im Internet üblich, ist beim Fernsehen derzeit nur für wenige Zuschauer, die Internet und Fernsehen integriert haben, möglich.

Der Qualitätsjournalismus der Verlage wird grundsätzlich in Frage gestellt – ebenso wie der Aspekt der Bildung

Den Profis geht also nicht nur die Hoheit über den Content verloren, sie verlieren auch den Überblick über ihre Printleser. Zudem geraten sie in der Welt zwischen Print- und Onlinecontent auf einer Gratwanderung unterschiedlichster Erwartungen ins Schlittern. Derzeit erleben wir, wo diese Rutschpartie endet: Weder der Onlinecontent noch der Printcontent heben sich wirklich durch bessere Qualität, höheren Wahrheitsgehalt oder andere elementare Kriterien von dem ab, was die Internetgemeinschaft selbst produziert. Thorsten Hinz meint dazu: „Die als Agenturmeldungen getarnten, volkspädagogisch intendierten Einheitsartikel häufen sich.“ Damit sind wir beim nächsten Aspekt, den die Verlage nicht verstanden haben: Der Strukturwandel der Öffentlichkeit bezieht sich nicht nur auf die Meinungshoheit, sondern die Internetgemeinde ist längst bei den Wurzeln des Übels angelangt: Bei der Bildung. Hatten Printmedien und Fernsehen noch einen Anspruch auf Bildungsvermittlung, so wird ihnen dieser Anspruch inzwischen völlig aberkannt – jedenfalls bis auf wenige Sendeformate, die 3SAT, ARTE und sogenannte „Dritte Programme“ anbieten. Schlimmer noch: Fernsehen wird als Zeitfresser und ständige Verblödungsmaschinerie empfunden. Die Anzahl derjenigen, die keinen Fernseher mehr als Möbelstück in der Wohnung stehen haben, nimmt zu und folgt proportional dem Trend derjenigen Menschen, die ihre Ernährung umstellen und z. B. Vegetarier werden. Print und TV verlieren nicht nur die Meinungshoheit, sondern auch die Bildungshoheit. Die Veränderung ist aber noch tiefgreifender. Je weniger wahrheitsfördernd und unabhängig berichtend sich Print und TV darstellen, desto mehr werden sie als staatsnahe Organe empfunden. Da sind zum einen die Allianzen führender Journalisten mit staatlichen Organisationen wie die „Atlantik-Brücke“ zu nennen und zum anderen die fehlenden anderslautenden Meinungen. Man munkelt, dass bei heiklen Themen Journalisten erst einmal die führende Meinung einer Süddeutsche Zeitung oder Frankfurter Allgemeine Zeitung sondieren und sich dann – auch dies unter anderem aus Zeitgründen – sehr gut überlegen, ob sie sich die Mühe machen, eine andere Meinung mit viel Aufwand zu recherchieren, zu Papier zu bringen und dies letztlich auf die Gefahr hin, allein auf verlorenem Posten angegriffen zu werden. Auf der Suche nach Wahrheit und Erkenntnis – gerade zum Zwecke der Bildung – sind viele Mitglieder der Internetgemeinde abgewandert von Print und TV in das „Meer der Möglichkeiten“. Sie haben sich zum Beispiel die zahlreichen Youtube-Videos von Vera F. Birkenbihl, Professor Gerald Hüther, Professor Richard David Precht u. v. a. m. angesehen. Sie wissen: Es läuft in der Bildung etwas Grundlegendes verkehrt – sowohl bei den vermittelten Inhalten, als auch bei der Art der Vermittlung. Viele spüren auch, wie sehr in den Schulen Spiritualität und Empathie als Balance bzw. Förderer des Lernspaßes und der Erkenntnis fehlen. Lernen ist heute Stress. Mobbing und Prügeleien an Schulen sind die Regel – nicht die Ausnahme. Das Notensystem ist ein Auslesesystem – ein typisches System, mit dem die jungen Leute lernen, sich gegenseitig auszuspielen, gegenseitige Konkurrenz zu erleben, diese zu ertragen und letztlich zu leben. Doch die konkurrierende Gesellschaft ist angesichts übergreifender, weltweiter Probleme nicht mehr tragfähig. Sie hat zunehmend keine Akzeptanz mehr. Gleichzeitig bleiben bei dieser Art der Bildung Ethik und Moral auf der Strecke – mit fatalen Folgen für die junge Generation. Völlige Empathielosigkeit wird herangezogen, Egoismus ist ein Lernziel und Altruismus wird geradezu als Warmduscherei abgetan und aberzogen. Kein Wunder, dass viele Eltern auf der Suche nach Bildungseinrichtungen sind, die dieses Konkurrenzprinzip vermeiden und mehr Spiritualität, mehr Empathie, mehr moralische Werte und mehr Kooperation fördern.

Selbstbestimmte Gedanken anstelle vorgefertigter Meinung

Gleichzeitig erhalten die Leser immer mehr Erkenntnisse darüber, wie wichtig es ist, Herr seiner eigenen Gedanken zu sein. Die Dauerberieselung mit bedeutungslosen Themen, die gleichermaßen über das Fernsehen wie über die Printmedien erfolgt, lenkt häufig von eigenen guten Ideen, vom eigentlichen Sinn des Lebens und von einer selbstbestimmten Lebensführung ab. Damit sind wir beim letzten, einem sehr wichtigen Trend, den die einstigen Herren des Contents übersehen haben oder nicht sehen wollen? Die Zeiten der Bevormundung und Fremdbestimmung sind vorbei. Die Menschen bauen die Tomate wieder selbst im Garten an und für den Content gilt zunehmend das Gleiche: Auf gemeinsamen Informationsfeldern die Saat für Wahrheit und Freiheit zu säen. Es ist doch so: Für den Reifegrad einer selbst angebauten Tomate und für deren wunderbaren Geruch und Geschmack ist es völlig unerheblich, über welche EU-Tomatenverordnung die Tagesschau berichtet, was die Süddeutsche dazu kommentiert und was Frau Merkel und Herr Gabriel dazu zu sagen haben. Um im Bild zu bleiben: Was die Politiker mit ihren Tomaten auf den Augen zu verkünden haben, interessiert mehr als die Hälfte der Bevölkerung nicht mehr – siehe Wahlbeteiligungen. Und der Ifo-Geschäftsklimaindex ist vergleichsweise unbedeutend für unsere eigene kleine Tomatenzucht. Sie kennt den Index nicht, sie will nur ausreichend bewässert werden. Und ob das Bruttoinlandsprodukt wächst, ist für den Hobby-Tomatenbauer weniger aufregend wie die Ernte und der Genuss des eigenen Biogemüses. Keiner glaubt mehr an ein endloses Wirtschaftswachstum oder an eine Vollbeschäftigung, was Politik und Medien aber immer noch als Maxime predigen. Wenn Print und TV also verkünden, was die Regierung und irgendwelche Statistik-Apostel uns mitteilen möchten, so findet das keine Beachtung mehr. Ständig die gleichen, nicht nachvollziehbaren, häufig manipulierten Statistiken. Noch dazu zu Kennzahlen, deren Wert für den Sinn des Lebens eines einzelnen Bürgers völlig wertlos ist. Wie viel sinnvoller ist da das „Erklärvideo“ zum Thema „Mein erster Tomatenanbau“. Wie viel erkenntnisreicher ist da ein Buch zu dem Thema. Und wie viel spannender ist es, sich in Forum, Blog oder in den sozialen Medien praktische Tipps zu holen. Den Printmedien fehlt häufig der Tiefgang, die Individualität und die Ehrlichkeit. Gerade das aber fordert der Strukturwandel der Öffentlichkeit. Mit Tracking (siehe meinen Bericht „Spurenleser Web 2.0“) ist einem solchen Strukturwandel nicht zu begegnen.

Wie lange gibt es Print noch?

Wenn heute orakelt wird, dass herkömmliche Zeitschriften und Zeitungen bis 2017 in den USA und bis 2030 in Deutschland ganz verschwunden sein werden, so mag das so sein. Es spricht aber derzeit eigentlich nichts dafür, dass diese papierene Welt noch so lange erhalten bleiben sollte – außer eben dass Papier so gut riecht und sich so gut anfühlt. Bücher mögen noch viele Jahrzehnte nicht wegzudenken sein. So wie Langspielplatten auch heute noch einen ganz eigenen, besonderen Wert haben und nicht völlig verdrängt werden konnten. Eine Langspielplatte hat ja auch eine ganz eigene Qualität. „Bei diesem Knirschen und Hüpfen des Tonarms von Pink Floyds Song Money haben Papi und Mami Dich damals gezeugt …“ wird da dem Sprössling erklärt, der ungläubig die Augen rollt und sich entsetzt über die altertümlich wirkende Romantik seiner Erzeuger die Kopfhörer aufsetzt und den MP3-Player lauter dreht. Da knirscht und springt nichts – egal wie die Bude wackelt. Dass jemand mit einer gedruckten Ausgabe von „Die Bunte“ ein ähnlich nostalgisches Erlebnis verbindet, scheint eher selten der Fall zu sein. Eher bleibt da die Sehnsucht an die gute alte „Bunte“. Ein einst großformatiges, durchgängig mit Bildreportagen durchzogenes Magazin auf hohem Niveau. Anstelle von Königshäusern und Promitratsch, waren die Reporter dicht am Schah von Persien, standen hinter Adenauer oder fotografierten aus (!) der brennend abstürzenden Militärmaschine. Und was sonntags passierte, war auch spätestens Donnerstag im Heft. Heute wissen wir schon – noch während die Maschine fliegt – per Twitter, dass uns diese gleich auf den Kopf stürzen könnte. Bis wir zuhause angelangt sind, sehen wir schon die ersten Videos im Netz. Sicherlich auch kein Qualitätsjournalismus, zeigt aber: Zur verlorenen Meinungshoheit, Bildungshoheit und dem verloren gegangenen Wahrheitsanspruch gesellt sich auch noch die Tatsache, dass auch der Entertainmentaspekt der Printmedien vom Web 2.0 überholt wurde.

Ob denn die Leser bereit wären, für gute Inhalte und Qualitätsjournalismus zu bezahlen und wie man das gestalten könne. Darüber wird scheinbar endlos debattiert und diskutiert – mittlerweile sind weit mehr als 10 Jahre ins Land gegangen, seit der Strukturwandel begann. Wie mager sind die Ergebnisse. Dabei muss man sich nur mal ein einziges – nur eines von hunderten – Beispielen im Web ansehen, um zu begreifen, dass gute Inhalte bezahlt werden – und zwar freiwillig und auch nachträglich. KenFM TV wird von Ken Jebsen als youtube-Television quasi alleine gestaltet, hat hohen Zuspruch und wird eben von jenen finanziert, die keine Tomaten auf den Augen, aber mit Sicherheit im Garten haben, von den neuen Damen und Herren der Meinungs- und Bildungshoheit, von den „Masters of tomatoes and content“. Die Philosophie dahinter ist übrigens sehr ähnlich: Selbstgemachtes schmeckt besser und man weiß, was man isst, weil man sich selbst damit beschäftigt hat. Das gilt nun ebenso für Tomaten wie für Inhalte. Wenn ich auf die Entstehung der Inhalte vertrauen kann und mich damit wirklich auseinandersetzen kann, ist der Genuss ein ganz anderer, als wenn staatsnahe Verkündigungsorgane die immer gleichen Phrasen dreschen.

Zum Schluss etwas Salz in die Suppe dieser neuen, heilen und ach so freiheitlichen Content-Welt im Internet: So ganz frei von Macht und Bevormundung ist das Web 2.0 ja nun auch nicht mehr. Beherrschten einst Verlage das Meinungsbild in unterschiedlichen Printformaten, so haben wir es heute mit einer Marktmacht aus Suchmaschinen und Social-Media-Unternehmen zu tun. Hier wäre es nun an der Zeit, dass die neuen Damen und Herren des Contents und Tomatenanbaus prüfen, auf welchem Boden sie ihre Saat ausstreuen, mit welchem Wasser sie wässern und welchen Ursprungs Kompost oder Dünger sind, den sie einsetzen. Der nächste Strukturwandel – und der läuft bereits – wird nämlich vor allem zu einer Entscheidung darüber führen, ob das Web 2.0 so frei und offen bleibt wie es ist oder ob die ehemaligen Verbündeten der Meinungs- und Bildungshoheit zusammen mit den Newcomern des eCommerce wieder eine beherrschende Rolle einnehmen werden. Auch bei diesem Strukturwandel geht es um viel mehr als um Macht: Es geht um die Frage, ob das im Internet weit verbreitete Prinzip der offenen Kooperation wieder von einem übergestülpten konkurrierenden System manipuliert und womöglich wieder von einer herrschenden Klasse besessen wird. Ich glaube nicht an eine Rückkehr zu Fremdbestimmung und zu einer Herrschaft einzelner Firmen über Inhalte, Meinungen und Bildung. Die neuen Herren von Content und Tomaten haben jetzt Appetit auf eigene Bildung gefunden und lassen sich nicht mehr bedingungslos berieseln.

Andreas Müller-Alwart


Autor Andreas Müller-Alwart ist selbständiger Journalist, Coach sowie Requirement Engineering Manager und Mitglied des Reflektion-Teams.

Bild- und Grafikquellen:

  1. »Das Spinnenweb« – pepsprog  / pixelio.de
  2. »Buch mit Lampe« – http://pixabay.com/de
  3. »Birne, denken« – http://pixabay.com/de
  4. »Leser und Autor« – http://pixabay.com/de
  5. »Filmstrip« – http://pixabay.com/de

Zitat Karl Gutzkow - NEID

Nährstoff des Neides

Rede von Gert Heidenreich

In Zeiten, in denen ich als Bürger nachhaltig gedrängt werde, nach vorn zu sehen, blicke ich als Privatmann gern zurück. Gern auch sehr weit. Im vierten vorchristlichen Jahrhundert stoße ich auf den Satz: Man muss dafür sorgen, dass der Gegensatz der Reichen und Armen sich möglichst ausgleicht oder dass der Mittelstand wächst.

Die Forderung stammt aus der Staatslehre des Aristoteles von Stageira, einem Werk, dessen anhaltende Aktualität mich immer wieder fasziniert. Ihm zufolge kommt es in der Demokratie auf zwei wesentliche Elemente an: Freiheit (eleutheria) und Gleichheit (isonomia), wobei erstere auch Unabhängigkeit meint und letztere sowohl Rechtsgleichheit als auch Gleichberechtigung. Beide Grundelemente erst, meint Aristoteles, erlaubten dem Menschen, sein Leben so zu führen, wie es ihm angenehm ist.

Fügen wir der Vollständigkeit halber noch eine weitere aristotelische Forderung hinzu: Namentlich muss man bedacht sein, durch die Gesetze die Verhältnisse so zu regeln, dass niemand aufkommen kann, der allzu mächtig ist durch Anhang oder Reichtum.

Nun fällt auf, wie weit wir es gebracht haben: In nahezu jeder Hinsicht versagt die gegenwärtige Gesellschaft vor den fast zweieinhalbtausend Jahre alten demokratischen Grundforderungen. Ja, träte heute einer wie Aristoteles auf und würde die Einlösungen oder Einhaltung seiner Regeln fordern, er wäre sofort mit dem Vorwurf konfrontiert, dass er der Neidgesellschaft das Wort rede. Der Begriff des Neiders füllt exakt dieselbe rhetorische Rolle aus, die in der Adenauerzeit das Wort Kommunist inne hatte und, nicht weniger unbedenklich genutzt, das Wort Faschist in den Manifesten von ´68: Es geht darum, unerwünschte Kritik zu denunzieren und Nachdenklichkeit präventiv zu unterbinden. Im Vergleich zur Unterstellung ideologischer Voreingenommenheit ist freilich die jüngere Polemik raffinierter: Sie verfährt psychologisch und ordnet den als missgünstig abqualifizierten Kritiker in die Kartei der nicht ganz Zurechnungsfähigen ein ein politisch nicht nur bedenkliches, sondern gefährliches Verfahren.

managerMich erfüllt darum mit wachsender Unruhe, wie in unserer Republik reflexartig das Wort Neid ausgestoßen wird, wenn man auf den zerbrechenden, wenn nicht zerbrochenen sozialen Zusammenhang der Gesellschaft hinweist. Wenn man fragt, ob es eigentlich gerecht und nötig ist, Glücklosigkeit im öffentlichen Amte mit Abschiedssummen zu vergolden, die mancher Betriebskrankenkasse aus ihrer Zahlungsnot helfen würden. Denkt einer darüber nach, Vermögen zu besteuern, ruft es aus vermögenden Etagen herab: Neidsteuer! Werden in der Presse die astronomischen Abschlagszahlungen für entlassene Spitzenversager angeprangert, schreit sofort die Lobby der Vorstände: Neidgesellschaft!

Denn auch ihr Versagen könnte eines Tags zur Debatte stehen. Darum ist der Wille zur Solidarität heute in den Chefetagen höher als der Wille zur Konkurrenz.

Auch hinter einem solchen Satz wird gewiss Neid vermutet, so als würde ich das Geld denen neiden, die es verdienen. Ist das wahr? Leben wir in einer Neidgesellschaft, repräsentieren wir sie? Und was meint der Begriff eigentlich?

Ein gerichtetes, missgünstiges Gefühl gegenüber Einzelnen oder Gruppen wegen eines Wertes, dessen Besitz dem Neider nicht gegeben ist. So definiert der Brockhaus den Neid. Schenkt man dem Kirchenlehrer Johannes Chrysostomos Glauben, ist der Neid ein Übel, das die Seele martert, den Körper verdorren lässt, hohläugig macht, blass und dürr, und den Leib zerfrisst wie die Motte ein Kleid.

Traditionell gehört der Neid zu den sieben Todsünden. Für den Apostel Paulus ist er ein Werk des Fleisches. Laut Friedrich Schiller aber hat er scharfe Augen, und Bertrand Russell zufolge bildet der Neid gar die Grundlage der Demokratie. Doch Russell gilt als Anarchist. Immerhin wissen wir, welche Farben diese Variante der Missgunst trägt: Da erschrak die Königin und ward gelb und grün vor Neid, heißt es im Grimm´schen Märchen von Schneewittchens Stiefmutter. Die Dame wird aus Neid mehrere Mordanschläge unternehmen.

Und auch hier soll heute die Rede sein von dem Zusammenhang, dem möglichen, zwischen Neid und Gewalt.

Erschrecken Sie bitte nicht ich will nicht in die Fußstapfen des Kollegen Hochhut treten, der mit seinem McKinseyStück angeblich das Leben deutscher Banker bedroht; ich winke nicht mit der Idee des Tyrannenmords; aber ich will versuchen, öffentlich darüber nachzudenken, was mit unserer Gesellschaft geschieht, die meiner Beobachtung zufolge sehenden Auges und wissentlich auf ihren Zerfall zusteuert. Also spreche ich nicht aus Neid auf jene, die verdienter oder unverdientermaßen über großen Reichtum an Geld und Privilegien verfügen. Ich weiß auch nicht, ob es sich damit so verhält, wie Schopenhauer uns lehrt: Der Reichtum gleicht dem Seewasser – je mehr man davon trinkt, desto durstiger wird man. Mag sein, er hat recht; mir fehlt die Erfahrung; ihm fehlte sie übrigens auch.

Ich spreche aus Sorge. Aus Furcht. Denn ich kann, zumal mit Blick auf die Geschichte, nicht glauben, dass die weithin empfundene Unsicherheit und die verbreitete Fassungslosigkeit angesichts von unverhältnismäßig wachsenden Einkommensunterschieden auf Dauer von bürgerlicher Geduld begleitet oder durch Kontrolle ruhiggestellt werden kann jedenfalls durch keine Kontrolle, die sich noch mit den Prinzipien des Rechtsstaates vertrüge. Kein Staatswesen verträgt auf Dauer die Spaltung in Luxus und Verarmung.

Anders gesagt: Ich fürchte mich vor einer Akkumulation von Unzufriedenheit, durchwirkt und verstärkt von Existenzangst; vor dem Überschlag des gegenwärtig deutlich zu vernehmenden Zorns in besinnungslose Wut. Gegen wen die sich richten würde, ist geschichtlich bis in unsere Zeit hinein hinreichend belegt: gegen alle. Niemand hat je für irgendwen Sicherheit garantieren können, wenn erst Zerstörung als gerecht, Gewalt als hilfreich galten.

Da rettet dann keine Nachbarschaft. Wir haben sämtliche Bilder parat. Da wird nicht fein unterschieden zwischen politischen, sozialen, religiösen Motiven, zwischen Jungen und Alten, Kindern und Greisen. Ist erst einmal die Zivilisation entkräftet, erhebt sich Barbarei. Zerfällt das Regelwerk unseres Alltags, wird auch der Freund zum Feind. Nahezu jeder von uns ist derart gefährdet, nahezu jeder dafür talentiert. Auch Kultur schützt nicht. Denn das Hindernis für die Barbarei ist nicht die Kultur. Sondern die Zivilisation. Sind wir als zivilisierte Wesen nicht mehr gefordert, garantiere keiner für sich. In jedem, sieht er sich in die Enge getrieben, lauert ein Barbar.

Gewalt ist keine LösungDie Anfänge sind nicht spektakulär. Eine Emulsion aus Enttäuschung, Verbitterung und Resigniertheit gießt sich über das Land aus. Erlahmende Wahlbeteiligung, Ansehensverlust der Demokratie und ihrer Institutionen, fehlende Vorbildlichkeit nicht nur in der Politik, gesellschaftliche Abstinenz der jungen Generationen, Ellenbogenmentalität und Verachtung von Solidarität, propagierter Egoismus, wachsende Korruption und Schlamperei, stetige Verschlechterung öffentlicher Dienstleistungen bei steigenden Gebühren und nicht zuletzt die Marginalisierung der Bildung. Eine Beschädigung folgt aus der anderen und wird zugleich Ursache oder Bedingung weiterer Risse im Gesellschaftskonzept des sozialen Friedens.

Wie auf einem Barometer lässt sich das Klima ablesen. Noch scheint es einigermaßen gut zu sein. Solange keiner ans Deckglas des Messinstrumentes klopft und die Nadel in den UnruheBereich zuckt. Dass sie längst dorthin weist, belegen nicht so sehr die wilden Streiks bei Opel und die Demonstrationen gegen Hartz IV, als vielmehr die jüngsten Wahlergebnisse und die Einigung der beiden rechtsextremistischen Parteien auf eine geeinsame Strategie. Die Rückkehr der Nazis in Landesparlamente, wo seinerzeit auch die NSDAP ihre ersten Gewinne erzielte, geht mit einem öffentlichen Gleichmut einher, der als Souveränität missverstanden wird. Oder ist es bereits die Angst, die den Skandal als kindlichen Trotz der Wähler niederstuft und sich mit dieser lächerlichen Lüge beruhigt? Ein wenig tüchtig dargebotene Empörung, akkordiert mit etwas Entsetzen und geschenkten Paukenschlägen, war den Kameras und Mikrophonen geschuldet. Allenfalls zielen parteiinterne Überlegungen der Demokraten darauf, wie der so genannte Rechte Rand wieder mit der Mitte zu verkleben sei und wem man dies unappetitliche Geschäft überlassen soll.

Dabei ist offensichtlich, dass wir ein massives Gerechtigkeitsproblem haben, das die Nazis ausbeuten. Was da heranwächst und das ist nicht allein ein deutsches, nicht einmal nur ein europäisches Problem ist eine weitere Variante des Terrorismus; und sie wächst ebenso wie alle Hoffnung auf Gewalt aus dem Gefühl, zu kurz zu kommen, betrogen worden zu sein, kein lebenswertes Leben zu haben. Dass im Jahr 2004 vorwiegend junge Menschen Nazis gewählt haben, zeugt weniger von ihrer Unbildung als von ihrem Gefühl der Aussichtslosigkeit. Und diese Stimmung, sei sie nun durch die Verhältnisse gerechtfertigt oder nicht, kann sich kein Staat, der sich erhalten will, bei seiner Jugend leisten. Jugend kann aufmüpfig sein, verträumt, überkritisch, idealistisch, auch ungehörig und rücksichtslos – hoffnungslos darf sie nicht sein. Dann fällt sie in die Hand der Schwätzer, und die Republik fällt ihnen nach. Der Vorgang ist bekannt, er ist absehbar und doch neigen wir zu einer verblüffenden Unempfindlichkeit in dieser Überlebensfrage.

Hie und da hört man Ermahnungen, kleine Empörung muckt auf, und weil für alles, was nicht wunschgemäß verläuft, die Globalisierung verantwortlich gemacht wird, gibt es auch öffentlich Globalisierungsgegner.

Wo bleiben die Gegner unserer hausgemachten Selbstgefährdung? Welche aussichtsreiche Partei hat soziale Verhältnismäßigkeit und die Gleichheit der Chancen sich nicht nur auf die Fahne, sondern als zwingende Selbstverpflichtung in ihre Handlungsentwürfe geschrieben? Sich nur christlich zu nennen oder sozial oder demokratisch oder alles zugleich, kostet nichts und ist nicht mehr wert als des Kaisers neue Kleider.

Wer eigentlich verpflichtet den Staat, die Globalisierung und Öffnung der Märkte für unantastbar zu halten, die Existenz arbeitender Menschen aber damit jeder Verwerfung preiszugeben? Ist die offen vollzogene und sogar noch gepriesene Abwendung vom Primat der Humanität in der Politik etwa nicht skandalös? Reicht es, sie mit mehr oder minder großem Bedauern hinzunehmen?

Müssen die Kirchen mit christlich orientierten Kanzelreden eigentlich immer erst warten, bis keine andere öffentliche Stimme mehr Menschlichkeit predigt? Warum sind die Gewerkschaften in einem Augenblick verstörend hoher Arbeitslosigkeit von einer programmatischen und rhetorischen Schwäche befallen, die man nur mit Entsetzen betrachten kann? Warum gelingt es ihnen nicht, ihr altes Seit´anSeit´ mit der Sozialdemokratie aufzugeben, wenn das Traditionsbündnis offensichtlich nicht mehr die Arbeitnehmerinteressen schützt?

Was ist mit einer Verwaltung los, deren Dienstleistung zunehmend darin besteht, die Arbeit, für die sie entlohnt wird, auf Steuerkosten nach außen zu verlagern, und die dann Beratung nennt, was nichts anderes ist als Minderung der eigenen Verantwortung bei Vervielfachung der öffentlichen Ausgaben? Hier ist weder Dienst, noch Leistung, und die Bedeutung von dienen, nämlich behilflich und nützlich sein, scheint ebenso verloren wie der Inhalt des Wortes Dienst: Es meint die pflichtgemäße Ausübung einer Tätigkeit und nicht bloß die körperliche Anwesenheit am Arbeitsplatz.

Mühelos könnte der Katalog erweitert und spezifiziert werden. Jeder von uns kann Belege beitragen. Untereinander erzählen wir uns empörende Erfahrungen. Doch der private Diskurs der Beschwerde zerrinnt am Ende zur Gleichgültigkeit. Man kann ja nichts machen. Es ist jetzt nun einmal so. Und wer will schon als nöckernder Greis dastehen, der jammert, früher sei alles besser gewesen …

Was aber, wenn es stimmt? Wenn nicht nur der alte Aristoteles um vieles klarer gedacht hat als alle hochmögenden Kommissionen in Berlin? Wenn auch Verhältnisse, nicht alle freilich; wenn auch politische Reden, freilich nicht jede; wenn auch das Bildungsniveau, nicht bei allen freilich, mal besser waren, als sie heute sind? Muss man da nicht nöckern, auf die Gefahr hin, sich unbeliebt zu machen?

Hilft man der jungen Generation, wenn man sie erst um ihre Chancen bringt und dann auch noch über die Zeit belügt, in der sie lebt?

Du sollst keine Angst machen, lautet eine der Regeln, die wir aus den achtziger Jahren mitbekommen haben. Angst sei ein schlechter Ratgeber. Ja, als Ratgeber taugt sie nicht, aber als Anfang des Zweifels ist sie nicht schlecht. Im Übrigen wird derzeit so viel Angst gemacht wie noch nie.

Die Spezialisten für Angst-Schlagzeilen können die Lettern nicht groß genug wählen, wenn es um die Abschläge bei den Renten geht, um das Eintrittsgeld für Arztpraxen, das die Ärzte nicht wollen, um die Ausbildungsabgabe, die angeblich Kleinbetriebe in den Ruin stürze. Über die scheinbar gelähmte Konjunktur.

Über Geld wird andauernd geredet und geschrieben. Nur nicht über den Reichtum. Und seine politischen und gesellschaftlichen Folgen. Nicht darüber, dass 2003, als hier so viel geklagt wurde, für die Superreichen ein ausgezeichnetes Jahr war. Das private Gesamtvermögen aller, vom amerikanischen Wirtschaftsmagazin Forbes gezählten Milliardäre stieg im vergangenen Jahr von 1,4 auf 1,9 Billionen US$. Die Liste der Milliardäre es sind 587 wird angeführt von Bill Gates: Er gewann in diesem Jahr zu seinen 40,6 Milliarden US$ sechs weitere Milliarden hinzu. Unter den ersten zwanzig der Reichsten der Reichen wir sprechen da von einem persönlichen Vermögen zwischen 46,6 und 12,4 Milliarden US$, ist auch Europa vertreten: zwei aus Deutschland, einer aus Frankreich, einer aus Russland, einer aus Schweden. Also keiner aus Italien, Großbritannien, Spanien. Aus den USA sind es 11.

Werden unsere Top Two öffentlich mit Neid betrachtet? Offenbar nicht. Erfolgreich arbeitende Unternehmer sind nicht umstritten. Umstritten sind höchstens ihre Methoden der Angestellteneinschüchterung.

Es ist die Kaste der oberen Manager, die sich selbst in den letzten Jahren unbedenklich desavouiert hat. Korrupten Politikern und raffgierigen Gewerkschaftsbossen folgend, haben einige von ihnen dafür gesorgt, dass die Leitfiguren der Wirtschaft mit Scharlatanen gleichgesetzt werden, die mit einer Schamlosigkeit sondergleichen ihre luxemburgisierten Vermögen und Abfindungen vermehren und zugleich die Entlassung von Arbeitern und Angestellten als neue Freiheit zur Selbstverantwortung preisen …

Wie lange, frage ich mich, werden wir noch mit sardonischem Gelächter zusehen, wenn dem Topmanagement bei Karstadt erst bei einem Defizit von 13 Milliarden Euro auffällt, dass wohl irgendetwas nicht läuft wie es sollte? Dass die Spitzenverdiener im Weltkonzern General Motors ihre Kraftfahrzeuge mit feinster Technik ausrüsten lassen, wirtschaftlich aber offenbar bloß die Handbremse bedienen können?

Zynismus, SchattenspielIch erinnere mich gut an meine jugendliche Frage: Warum verdienen denn die Direktoren soviel? Nun, weil sie eine so große Verantwortung und das ganze Risiko tragen, lautete damals, Anfang der Sechziger, die Antwort. Da lacht die vereinte Republik. Wie lange noch? Der Spott ist die Brücke zur Wut. Sehen Sie in die Gesichter derer, die vor den Toren der Opelwerke und den Türen der Kaufhäuser stehen und nicht wissen, wie lange noch, ob überhaupt noch, dahinter Arbeit sein wird. Ratlosigkeit. Unsicherheit. Bitterkeit. Angst. Das genau sind die Ingredienzien, aus denen der Volkszorn gemischt wird. Es genügt eine KanzlerBemerkung gegen die Mitnahmementalität von Sozialleistungsempfängern, um die Mischung entflammbar zu machen. Unerheblich ist, ob Schröders Feststellung stimmt: Er hätte wissen müssen, von wem der eine oder andere Schnorrer seine Selbstbedienungshaltung abgeschaut hat von der Belletage misswirtschaftender Manager. Verstehen Sie mich recht: Mir liegt nichts an Feindbildern wie meine Generation sie ´68 ziemlich pauschal entworfen hat. Was ich sehe, ist schlimmer: eine Oligarchie der Zyniker, denen meines Wissens ein einziger deutscher Politiker eine schlüssige Argumentation entgegenstellte: Heiner Geißler in seinem 1983 veröffentlichten Buch Kritik der zynischen Vernunft. Bezeichnend, dass seine Argumentation ihn bereits vor zwei Jahrzehnten den Parteifreunden suspekt gemacht hat. Er ist in seinem Denken einfach nicht bestechlich genug und spricht inzwischen mit bemerkenswerter Deutlichkeit von einem McKinseyStalinismus in der Weltwirtschaft.

Die Oligarchie derer, die via Kapital und Marktsteuerung jederzeit die Zahl der Arbeitslosen erhöhen und mit Arbeitsverlagerung ins Ausland drohen können, haben längst mehr Einfluss auf die Politik, als der Demokratie gut tut. In Zeiten hoher Arbeitslosigkeit können große Konzerne fast jede Maßnahme zur Gewinnmaximierung durch Erpressung erzielen: Tarifverträge aushebeln, Massenentlassungen durchsetzen, mit denen die Produktionskosten gesenkt und die Sozialsysteme der Gesellschaft belastet werden. Die Schamlosigkeit, mit der selbst ein nicht eben regierungsferner Großkonzern wie Volkswagen auf diesen Zug der Zeit aufspringt, verschlägt einem die Sprache. Was euphemistisch „Verschlankung“ der Konzerne genannt wird, produziert vor allem eines: den Neid derer, die dem kaum mehr gebremsten Realkapitalismus schlichtweg geopfert werden. Diese Neidproduktion geschieht mit einer Bedenkenlosigkeit, die man entweder für Dummheit oder, dafür spricht vieles, für Zynismus halten muss.

Vermutlich wäre die Dominanz der Oligarchen wei terhin stillschweigend akzeptiert worden, hätten nicht zwei Faktoren die Lage geändert. Zum einen wurde die Erwartung an die rotgrüne Koalition in Berlin, bei notwendigen Reformen auf soziale Gerechtigkeit zu achten, enttäuscht. Zum andern haben die Oligarchen der Wirtschaft sich in einer Weise selbst bedient und über jede Kritik daran derart flegelhaft hinweggesetzt, dass sie inzwischen nur noch als gierig verschrien sind und zudem ihre Glaubwürdigkeit als Fachleute eingebüßt haben.

Die Selbstbeschädigung führender Personen in Wirtschaft und Politik ist von destruktiver Wirkung auf die gesamte Demokratie. Ich halte diese Zerstörung von oben für wesentlich gefährlicher als die Zerschlagungslust autonomer Gruppen an der Basis. Flächendeckende Politikverdrossenheit ist noch die mildeste unter den sozialpsychologisch erfassbaren Folgerungen. Wer sich und sein Amt der Lächerlichkeit preisgibt, wie dies beispiels weise Exbundeskanzler Kohl und Ministerpräsident Koch in ihren Spendenaffären getan haben, hat dem Ansehen unserer Demokratie und ihrer Institutionen vermutlich mehr geschadet als alle alten und jungen Nazis zwischen Eberswalde und Rosenheim. Von letzteren erwartet man nichts anderes als dummdreiste Demagogie. Von einem Kanzler oder Ministerpräsidenten jedoch muss das verlangt werden, was in der Staatslehre des Aristoteles Areté genannt wird. Ein Begriff, der Tugend und Tüchtigkeit, Können und Vortrefflichkeit verbindet, und zusammengefasst als Vorbildlichkeit übersetzt werden kann.

Wer als Staatsmann diese Areté durch Verlogenheit und windige Ausreden preisgibt, ja sich von ihr trennt, indem er Nebenverdienste oder Geldgeschäfte im Interesse der eigenen Partei falsch oder nicht angibt, der kann juristisch so unbelangbar sein wie ein Unschuldiger der Schaden, den er dem Ansehen der politisch verantwortlichen Klasse seines Landes zugefügt hat, überragt jede zivil oder strafrechtliche Dimension.

Darum fordert Aristoteles: Die Hauptsache aber ist in jeder Verfassung, dass durch Gesetze und die ganze übrige Staatseinrichtung die Verhältnisse so geordnet sind, dass man sich an den Staatsämtern nicht bereichern kann. Wenn nämlich die große Masse glaubt, dass die Regierenden sich am öffentlichen Gut vergreifen, dann schmerzt sie beides: sowohl von den Ehrenämtern ausgeschlossen zu sein als auch vom Gewinn.

Wenn heutzutage ein Lehrer seinen Schülern die Teilnahme an der Demokratie nicht mehr als erstrebens und erhaltenswert empfehlen kann, weil sie ihm mit sardonischem Gelächter die Namen Kohl und Koch entgegenrufen, dann ist diese Jugend in Gefahr, für ihre Begeisterungsfähigkeit und den altersgemäßen Hochmut andere Felder zu suchen, wo sie etwas oder jemanden findet, dem sie Achtung entgegenbringen kann. Ich bin überzeugt, dass jede Generation hinter ihrer natürlichen Ablehnung von Autorität nicht nur nach Identifikation mit selbst gewählten Leitfiguren strebt, sondern auch nach Persönlichkeiten in der politischen Klasse sucht, die achtbar wären. Findet sich die Areté aber nirgends, versagt Aristoteles zufolge auch die Erziehung. Und versage sie, so erwachse daraus ein Schaden für die Verfassung.

Wie eigentlich soll man einem jungen Menschen von Anfang Zwanzig, der nach Abschluss seiner Ausbildung keine sinnvolle Betätigung findet, beweisen, dass er in der bestmöglichen aller Staatsformen lebt? Und selbst wenn er das in Bezug auf die Freiheit noch glaubt,

  • was soll er in Bezug auf die zweite Säule der Demokratie, die Gleichheit, denken, wenn er sieht, wie Firmenvorstände, die aufgrund von Misswirtschaft oder Planungsunfähigkeit ihren Posten räumen müssen, dabei Abfindungen in einer Höhe mitgehen lassen, die er vermutlich bis zum Rentenalter nicht zusammenverdienen kann;
  • was schließlich von der dritten Säule der Demokratie, der Gerechtigkeit, wenn er doch weiß, dass Spendenvertuschung und Steuerhinterziehung geradezu sportlich betrieben werden, weil nur der geringste Teil je einer juristischen Ahndung anheimfällt;

und was von der charakterlichen Eignung von Politikern, wenn er hört, dass schwarze Gelder wahrheitswidrig als jüdische Vermächtnisse ausgegeben werden, in der Hoffnung, die Justiz werde dann nicht nachfragen. Diese abgefeimte Form des Antisemitismus, die den Holocaust als Tabuzone missbraucht, hat ihren hessischen Urheber nicht einmal die Wählbarkeit gekostet.

Wird ein junger Mensch mit diesen Erfahrungen nicht zu Recht fragen: Was bitte soll an dieser Demokratie frei, gleich und gerecht sein? Wo ist da noch Vorbildlichkeit? Warum soll das die beste gesellschaftliche Organisationsform sein? Und wofür soll ich mich engagieren, wenn die Werte der Demokratie ihren Repräsentanten so wenig bedeuten?

Wir müssten längst in breitem Maße diese Diskussion führen, die durchaus zum Vorteil der Demokratie zu bestehen ist, wenn wir die Schäden und die Schwächen benennen und öffentlich auf Abhilfe sinnen.

Doch was geschieht?

Wir diskutieren die Neidgesellschaft. Neid ist das SchlagWort, mit dem es gelingt, den Denkbann über die notwendigen Fragen zu verhängen. Auch in den nicht bibelfesten Zeitgenossen erhält sich geradezu archetypisch das Wissen vom Brudermord des Kain an Abel, der aus Neid darauf geschah, dass Gott Abels Opfer annahm, das von Kain aber nicht. Neid wird dadurch nicht nur als eine Schwäche unterstellt, die wir nicht eingestehen wollen: Wer möchte schon als missgünstig angesehen werden sondern der Neider gilt als gleichsam prädestiniert für Brudermord, den ersten und schlimmsten aller Morde.

Selbstverständlich wissen das diejenigen, die mit dem Wort Neid Erörterungen ersticken wollen, deren Ergebnisse für sie nicht erfreulich wären. Da sie die Information nicht kontrollieren können, streben sie nach Kontrolle über Schlussfolgerungen.

Die Zustände liegen in Form von Zahlenwerken auf dem Tisch man teilt uns ja die Abfindungssummen für Inkompetenz oder Käuflichkeit in der Presse mit. Wir erfahren genau, wie viele Angestellte von der Deutschen Bank im Jahr des Rekordgewinnes entlassen worden sind. Wer aber die Zahlen in einen argumentativen Zusammenhang bringt, wird bezichtigt, er schüre den Neid. Wo geschürt wird, muss Glut sein, und wo Glut ist, war zuvor ein Feuer. Wie wäre es denn, wenn man aus den Gewinnen des Geldinstituts, dividiert durch die gleichzeitigen Entlassungen seines Personals, einen Zynismusfaktor errechnete? Ich weiß, dass der sich eigentlich Dividende nennt. Aber der vorgeschlagene Begriff träfe die Sache doch besser.

Wer nährt den Neid? Wer spielt mit dem Feuer? Wer sind die Neidproduzenten? Jene, die wie ich hier darüber sprechen, dass der Titel Skandal für die uns allen bekannten Tatsachen eine Verharmlosung ist? Oder jene, die sich verschwenderische Apanagen und Abfindungen genehmigen oder genehmigen lassen und dann noch erklären, verglichen mit amerikanischen Managern seien sie arme Schlucker?

Wenn einige, weil sie zu tief in die Kasse gegriffen haben, dann doch wie aus Versehen vor einem Gericht erscheinen müssen, feixend und mit hochgestreckten VictoryFingern, habe ich den Wunsch, ihnen ein Gedicht von Erich Kästner vorzulesen; Ansprache an Millionäre heißt es, weil Milliardäre damals nicht vorstellbar waren. Ein Neidgedicht, in dem die Angesprochenen lesen:

Warum wollt ihr solange warten, / bis sie euren geschminkten Frauen / und euch und den Marmorpuppen im Garten / eins über den Schädel hauen? (…) Ihr seid die Herrn von Maschinen und Ländern. / Ihr habt das Geld und die Macht genommen. / Warum wollt ihr die Welt nicht ändern, / bevor sie kommen? (…) Der Mensch ist schlecht. Er bleibt es künftig. / Ihr sollt euch keine Flügel anheften. / Ihr sollt nicht gut sein, sondern vernünftig. / Wir sprechen von Geschäften. Das Gedicht, sehr viel länger und mit noch heftigeren strophischen Drohungen, stammt aus den frühen zwanziger Jahren.

Die politische These teilt Kästner mit Rolf Hochhuths McKinseyStück: Die Akkumulation von Geld und Einfluss in einer Oligarchie bei gleichzeitigen Einschnitten ins Volkseinkommen führt notwendig erst zum Bedürfnis nach einem Aufstand gegen die Oligarchen und schließlich zu kollektiver Gewalt.

Das will uns, vor allem in der Weise, wie Hochhuth es auf die Bühne gebracht hat, trotz Verständnis für den zugrunde liegenden Zorn etwas naiv vorkommen. In der Spaßgesellschaft ist weit und breit keine charismatische Person, kein revolutionärer Text, geschweige denn eine Bewegung sichtbar, die sich in der Lage sähe, das wachsende Potential an Zorn und Verbitterung zu einem Fanal zu bündeln. Auch sind die Institutionen des Rechts hierzulande so intakt, dass Jakob Burckhardts These vom Tyrannenmord nicht anwendbar ist. Dennoch stellt sich die Frage, wie lange das so bleibt, ob der unterstellte Neid sich nicht sehr rasch in konkreten und kollektiven Neid verwandeln kann, und was daraus folgen würde. Die Politologin Antje Schrupp stellt in ihrer Untersuchung des Neidgefühls fest: Neid, so wie er hierzulande kulturell verstanden wird, hat etwas mit Privilegien zu tun und mit der Vorstellung, dass den Menschen die Dinge, die sie haben dürfen, irgendwie zustehen müssen, dass sie ein Recht auf bestimmte Dinge haben und auf andere Dinge nicht. (…) Neid entsteht dann, wenn die Zuteilung der Privilegien mit diesen Rechten nicht übereinstimmt.

Was ist der rechte Weg?Das heißt: Der Neid erwischt uns an der Schaltstelle zwischen Recht und Unrecht in unserer Empfindung. Damit wäre er eine soziale Triebkraft auf dem Weg zur subjektiven Gerechtigkeit und genau so wird er in der linken Theorie auch gesehen. Alle politischen und sozialen Errungenschaften verdanken sich dem kreativen Potential des Neides. Nicht nur die Arbeiterbewegung auch der Kapitalismus, dessen Motor, der Wettbewerb, darauf beruht, dass jeder mindestens so viel haben will, wie der andere. Um zu sehen, wie gut das funktioniert, genügt es, einige Werbespots im Fernsehen auf ihre Wirkungsweise hin zu betrachten.

So weit, so gut. Jahrzehnte lang schien die Entwicklung abgeschlossen. Ein austariertes Gefüge von Maßnahmen sicherte eine gewisse soziale Balance, der Staat hatte ein Netz gespannt, für Erwerbslosigkeit, Krankheit, Arbeitsunfähigkeit waren Auffangsysteme eingerichtet, die dem Einzelnen das Gefühl gaben, ein so weit dies möglich ist gesichertes Leben zu führen. Jeder war nach Maßgabe seiner Fähigkeiten in die Pflicht für alle eingebunden jedenfalls gemäß der akzeptierten Theorie.

Dieses Gefühl verschwindet, seit der Schritt vom Kapitalismus zum Realkapitalismus vollzogen wurde. Plötzlich werden Verluste in einem Maße sozialisiert, das die Leistungsmöglichkeiten des Staates übersteigt. Einsparungen an den sozialen Gewährungen sind die Folge. Die Parolen wechseln von den Sachzwängen zur Globalisierung, und die Tatsache, dass die Schwächsten der Gesellschaft überhaupt keine Wahl haben, sich gegen die Beschneidung ihrer Interessen zu wehren, dass man ihnen gleichsam mitten in der Demokratie die Freiheit nimmt, wird mit der Formel bemäntelt: Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit. Kaum jemandem fällt auf, dass dies exakt der zynische Grundsatz des Realsozialismus gewesen ist, mit dem sich die DDR gegen den individuellen Freiheitsbegriff der westlichen Demokratien abgesetzt hatte.

Ist das nun bloß eine Verwirrung der Begriffe aufgrund einer verworrenen Vereinigung? Wohl kaum. Die Behauptung, man könne Sachzwängen nur folgen, ohne sie vorher interpretieren zu müssen; die Unterstellung, jeder Protest gegen das Verfahren der sogenannten Reformen entspringe dem Neid; die Preisgabe des Freiheitsbegriffs an eine, im übrigen interessengesteuerte Definition von unausweichlichen Maßnahmen all dies ist nicht nur ein philosophischer Verstoß gegen die DemokratieVoraussetzungen, wie Aristoteles sie erarbeitet hat.

Es ist zugleich die Bankrotterklärung sozialdemokratischer Politik. Man stelle sich nur einmal vor, die Sozialdemokraten hätten das Glück, in solcher Lage aus der Opposition heraus argumentieren zu können. Die gesamte gegenwärtige Rhetorik müsste ausgetauscht werden. Was nicht heißt, ich wünschte mir für die Reformen einen konservativen Vollzug. Er sähe vermutlich noch zynischer aus.

Ich nehme den üblichen Einwand vorweg und gebe zu: Nein, besser machen kann ich es freilich nicht. Ich habe mich wohlweislich niemals an eine solche Stelle wählen lassen. Das heißt nicht, Augen, Ohren und Mund zu verschließen. Vergessen wir nicht: Aristoteles war kein Staatsmann, er hielt Vorlesungen. Er dachte nach. Er beobachtete, zog Folgerungen. Und behielt stets die Zukunft, also die Jugend, folglich die Frage der Erziehung im Blick.

Die empfindlichste Stelle der Demokratie sind die Demokraten. Das heißt, die Demokratie bedarf einer Mehrheit von Menschen, die entscheidungsfähig sind. Das griechische Wort dafür heißt kritikós. Demokraten müssen kritisch sein können. Das bedeutet, sie bedürfen hinreichender Kenntnisse und der Fähigkeit, sie anzuwenden. Hierfür braucht es Geistesbildung. Demokratie ist durch Dummheit in Gefahr zu bringen. Mit Bildung meine ich nicht die Anhäufung von für kanonisch erklärten Kenntnissen die allerdings nicht schadet. In meinem Verständnis ist Bildung die Verwandlung von Wissen in Bewusstsein.

Rund hundert Jahre vor Aristoteles hat Demokrit von Abdera, der schöne Sätze über die Erziehung verfasst hat, gesagt: Bildung ist den Glücklichen Schmuck, den Unglücklichen Zuflucht. Er war es auch, der wusste: Es gibt gelegentlich Verstand bei den Jungen und Unverstand bei den Alten. Aber seinen unauffälligsten Satz Mehr Leute werden durch Übung tüchtig als durch Anlage greift Aristoteles in seiner Bildungstheorie auf, wo er sagt: Man muss in jeder Fähigkeit und Kunst zur Ausübung vorgebildet und vorher geübt worden sein, und so offenbar auch für das tugendhafte Verhalten.

Daraus leitet er das Schulmonopol des Staates in der Demokratie ab: Dass sich der Gesetzgeber in erster Linie um die Erziehung der Jungen kümmern muss, wird wohl niemand bestreiten. Wo es in den Staaten nicht geschieht, da erwächst auch ein Schaden für die Verfassung. Die Menschen müssen ja im Hinblick auf die jeweilige Verfassung erzogen werden.

Ich glaube, es ist nicht nötig, auszuführen, worin der Gegensatz zwischen unserer Lage im Bildungssystem und den genannten Grundforderungen besteht. Auch dass die Erziehungsaufgabe des Staates nicht den Vorrang hat, den sie haben müsste, weiß jeder. Ebenso, dass Schule nicht Ersatz bieten kann für das Gespräch am häuslichen Tisch, das vielerorts verstummt ist.

Doch eines will ich noch hinzufügen, das bei Aristoteles, vermutlich weil es so selbstverständlich war, nicht vorkommt: Demokraten bedürfen der Phantasie. Sie müssen nämlich in der Lage sein, Alternativen zum augenblicklichen Zustand zu erdenken, zu gestalten oder zu verwerfen. Von dieser Bewegung lebt Demokratie. Andernfalls verfällt sie zu einem bloßen Wettstreit um Besitzstandswahrung.

Die Phantasie nun, mit der jeder Mensch geboren wird, ist nicht beliebig verfügbar, sie muss trainiert werden wie ein Muskel. Neurophysiologen sagen: Das beste Training ist Lesen.

Auch hierzu muss ich keine weitere Beschwerde führen, jeder weiß, wie es darum steht und was die Folgen sind. Nur so viel an eigener Beobachtung: Lese ich an Schulen aus meinen Büchern, soll sich zumeist ein Gespräch anschließen, das ich gern führe. Zunehmend lästig wird, dass wir uns auf nichts mehr verständigen können: Ich will ja einen Austausch, greife nach Literaturkenntnissen, nach Geschichte, nach Kunst immer häufiger ist da nichts oder nur Nebelhaftes in diesen Leistungskursen vorhanden. Selbstverständlich ist das keine Frage der Intelligenz. Im Gegenteil, mir kommen die Schüler schneller, wendiger im Geist vor, als wir es waren. Was fehlt, sind Kenntnisse, auf deren Grundlage wir kommunizieren könnten. Nicht einmal die Geschichten des Alten und des Neuen Testaments lassen sich mehr voraussetzen. Komme ich auf Sagen, auf Märchen zu sprechen, rede ich in blanke Gesichter.

Man kann der Ansicht sein, dies sei nur ein Problem der Literatur, die sich ja, weil sie anders nicht kann, immer bezieht auf die Fülle der sprachlichen Kultur und ihre vorangegangenen Autoren. Wenn das nicht mehr verstanden wird, wenn also unser Schreiben auf keinen Kontext in den Köpfen der Leser mehr trifft nun, dann bleiben immer noch die Romane, die auf jeder beliebigen Tabula rasa ihre Trivialität ausbreiten; Zeitvertreibliteratur.

Es geht mir aber nicht um die Frage, ob wir vielleicht vor dem Ende der Literatur stehen, sondern darum, wovon das Gespräch zwischen den Generationen handeln kann. Ich bin kein Pädagoge, ich rede mich manchmal um Kopf und Kragen.

Regelmäßig frage ich Schüler, warum man eigentlich Literatur lesen sollte, und erhalte meist brave Antworten, Bücher gehörten nun mal zur Kultur. Wenn mich der Hafer sticht, entgegne ich: Literatur lesen wir, um zu erfahren, wie es anderen Menschen anderswo anderswann ergangen ist. Und zwar mit Kopf und Herz zu erfahren, nicht als Geschichtsbuchsatz, nicht als Statistik, sondern mitlebend, weinend, lachend, entsetzt oder voller Furcht. Wir lesen, weil wir wissen wollen, was das Leben sei. Das löst, weil ich nicht von Kunst spreche, immerhin zuweilen Protest aus und führt uns über kurz oder lang zur Frage nach dem persönlichen Glück.

Wenn wir dann alle materiellen Glücksattribute zurückgewiesen und abgelegt haben was ein schöner Grundkurs in Phantasie ist geraten wir oft in ein längeres Gespräch, das für mich die reine Freude ist. So offen und sanft über das Leben nachdenken konnten wir in diesem Alter nicht. Irgendwie kommen wir dann doch zurück auf die Frage der Bildung, und ich greife zu meinem Demokrit: Bildung ist den Glücklichen Schmuck, den Unglücklichen Zuflucht. Nun wissen vielleicht manche besser, wie hilfreich es sein kann, im Kopf Bücher mit sich herumzutragen, die bestehen, wenn alles andere sich als unbeständig erwies.

Es ist ein ebenso großes Verbrechen an den Jugendlichen, sie nicht an die Möglichkeiten ihrer Phantasie heranzuführen, wie ihnen keine Ausbildungsplätze anzubieten. Es ist ein Verbrechen, kein Versäumnis. Es ist, als ob man ihnen ein Bein oder einen Arm abschlüge. Und es ist für den Bestand der Demokratie geradezu grob fahrlässig, wenn wir Wähler heranwachsen lassen, die aufgrund mangelnder Bildung und mangelnder Phantasie ihre möglichen Fähigkeiten zur Entscheidung verfehlen.

Täuschen wir uns nicht: Je geringer die Lust an der Ausübung des Wahlrechts, umso stärker die mögliche Attraktion simpler, scheinbar griffiger Po litikmodelle. Ideologie und Gewalt profitieren stets von Ratlosigkeit, Neid, Verzweiflung, Bildungsmangel und ungerichteter Begeisterungsfähigkeit.

Es muss daraus keine Bewegung entstehen. Schon wachsende Unruhe kann eine Demokratie an den Rand ihrer Selbstzerstörung treiben, weil sie zum eigenen Schutz Methoden ergreift, die ihre Freiheitlichkeit beschädigen. Ich erinnere mich gut an die späten Siebziger, als die Bundesrepublik zur Bekämpfung der RAF sich fast in jenen Staat verwandelte, den die Terroristen sich als Feindbild erfunden hatten.

Auch heute gilt: Wirksame TerrorBekämpfung beschädigt immer zugleich die bürgerlichen Freiheiten. Also muss auch hier der vorauslaufenden politischen Vermeidung von Gewalt alle Priorität zukommen. Aber das ist ein anderes, weites Feld. Nur sollten wir uns von der weltideologischen Parole Kampf gegen den Internationalen Terrorismus nicht so viele Freiheitsbegrenzungen aufschwätzen lassen, dass wir uns am Ende fragen müssen, was an unserer Gesellschaft eigentlich noch die Verteidigung lohnt.

Nehme ich abschließend zusammen: den Übermut der Ämter mit dem Zynismus der Funktionäre; den Verlust von Vorbildlichkeit in der Politik mit der Schwäche der demokratischen Institutionen; die Bildungsmisere mit dem Chancenmangel der jungen Generation dann kann ich nicht anders: Ich muss daraus Alarmzeichen lesen und sie auch so benennen. Nicht aus Neid auf die Milliardäre. Nicht aus Nostalgie für die Revolte meiner Jugendzeit. Sondern aus Sorge. Ich möchte gern gewissenhaft und mit dem notwendigen Maß an Rechtssicherheit und Ruhe nachdenken dürfen und, auf der Kraft des Wortes insistierend, meinen Beruf ausüben. Ich bin nicht bereit, für ein paar Spitzenegoisten und die Laufruhe ihrer Zwölfzylinder das Feuer an meiner Haustür zu riskieren. Ich bin ein spießiger Demokrat. Nicht neidisch. Aber an Frieden interessiert.

Gert Heidenreich


50 Jahre Denkanstöße für eine friedlichere Welt

Quelle: Studiengesellschaft für Friedensforschung

Die Studiengesellschaft für Friedensforschung hat verschiedene Schriften in Form von «Denkanstößen» herausgebracht, welche auch in gedruckter Form erhältlich sind. Wer hier Interesse hat, kann diese gerne unter der u.a. Kontaktadresse beziehen.

Studiengesellschaft für Friedensforschung e.V.
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  3. »Gewalt ist keine Lösung« – moritz rothacker  / pixelio.de
  4. »Zynismus, Schattenspiel« – www.pixabay.com
  5. »Was ist der rechte Weg?« – www.pixabay.com