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Energetisiertes Wasser – Universität lüftet Geheimnisse um Wasser

Die Entdeckung des hexagonalen Wassers

von David Rotter

Hexagonales Wasser: An der Universität Washington wurde ein vierter Zustand des Wassers entdeckt, der nicht nur chemische Anomalien, sondern auch die Wirkung von energetisiertem Wässer erklären könnte.

Vierter Aggregatzustand des Wassers entdeckt

Ein Forschungsteam an der Universität Washington könnte das Geheimnis des Wassers gelüftet haben. Das Team um Gerald Pollack entdeckte einen vierten Aggregatzustand des Wassers: Neben fest, flüssig und gasförmig konnten die Forscher einen vierten Zustand identifizieren, in dem sich die Moleküle des flüssigen Wassers zu einem hexagonalen „Kristallgitter” anordnen.

Dieser ‘EZ-Wasser’ genannte Zustand zeigt einige erstaunliche Eigenschaften, der unser Bild vom Wasser auf den Kopf stellen und viele langjährige Rätsel lösen könnte.

Wasser – ein Mysterium

Moleküle WasserWasser ist ein mysteriöser Stoff – und das in ganz wissenschaftlicher Hinsicht. Trotz 200 Jahren Wasser-Forschung ist es der Wissenschaft bisher nicht gelungen, das allgegenwärtige Nass wirklich zu verstehen. Die offizielle Theorie zum Wasser ist voller Löcher – den so genannten ‘chemischen Anomalien’, die sich mit der herkömmlichen Theorie nicht zufriedenstellend erklären lassen.

Gefrierpunkt, Siedepunkt, Dichte, Oberflächenspannung – selbst bei diesen grundsätzlichen Dingen verhält sich Wasser praktisch anders, als es sich der Theorie nach rechnerisch eigentlich verhalten sollte.

Aber auch abseits der Wissenschaft ist Wasser ein faszinierender Stoff. Es ist der Ursprung und das Elixir des Lebens, der Hauptbestandteil unserer Körper und unser wichtigstes Nahrungsmittel mit weitreichenden Auswirkungen auf unsere Gesundheit.

In den letzten Jahren beschäftigten sich darum immer mehr Alternativforscher mit dem Thema Wasser als einem der wichtigsten Mittel zur Heilung von Krankheiten und zur Erhaltung der Gesundheit, woraus unzählige Systeme zur Filterung, Verwirblung und Energetisierung von Wasser hervorgingen. Bisher allerdings standen diese Dinge auf wissenschaftlich recht dünnen Beinen, was es schwer machte, die verschiedenen Verfahren wirklich einzuschätzen.

Nun stellen Forscher aus den USA eine neue Theorie des Wasser vor, die möglicherweise nicht nur die Anomalien des Wassers erklären könnte, sondern auch eine schulwissenschaftliche Grundlage für die Trinkwasserveredlung bieten könnte.

EZ-Wasser

Bulk waterDie Forscher stellten fest, dass sich Wasser in der Nähe von hydrophilen Flächen – wie überall in unserem Körper – selbstständig zu ordnen beginnt. In der Nähe der Fläche teilt sich das Wasser in zwei Schichten, wobei sich eine Schicht in eine völlig neue Form von Wasser verwandelt, die sich von herkömmlichem H20 drastisch unterscheidet.

Diese nur etwa einen viertel Millimeter dicke Zone mit dem mysteriösen Wasser wurde „Exclusion Zone” (EZ) getauft, weil sich das Wasser in dieser Zone nicht nur ordnet, sondern faszinierender Weise auch selbst reinigt: Die EZ enthält eine sehr reine Form von Wasser, die alle gelösten Stoffe aus der EZ-Zone verdrängt. In der Nähe der Fläche bildet sich also eine Schicht völlig reinen Wassers, während alle gelösten Stoffe in die andere Schicht verdrängt werden.

Dieses Phänomen ist schon länger bekannt und es gibt zahlreiche Versuche, es mit herkömmlichen Theorien zu erklären. Pollack konnte jedoch in fast zwei Jahren Arbeit mit seinem Team alle diese Theorien als Erklärung ausschließen.

Doch damit nicht genug: Das Wasser in der EZ zeigte völlig neue Eigenschaften, wie einen veränderten elektrischen Widerstand, eine höhere, fast gel-artige Viskosität, eine starke Absorption von Infrarotlicht, einen veränderten ph-Wert und eine deutliche negative Ladung.

Hexagonales Wasser – Ein flüssiger Kristall

Hexagonales WasserErstaunt untersuchten die Forscher das „EZ-Wasser” und stellten fest, dass es sich dabei um eine Art flüssiges Eis handelt. Die Moleküle des Wasser gaben Protonen ab und ordneten sich in einem erstaunlich stabilen, hexagonalen Gitter – eine Struktur, die auch in Eis und einigen Kristallen vorkommt. Im Gegensatz zu Eis ist diese Kristallmatrix im EZ-Wasser nicht völlig fest, aber doch stabil genug, um ihre Form zu halten und alle gelösten Stoffe zu verdrängen.

Im Gegensatz zu gewönlichem Wasser, dass aus mehr oder weniger frei herumwirbelnden H20-Molkülen besteht, die nur für Sekundenbruchteile größere Cluster bilden, war das EZ-Wasser also eine Art flüssiger Kristall von höchster Ordnung.

EZ-Wasser ist aber nicht nur besonderes Wasser, eigentlich, so musste Pollack bei näherem Hinsehen feststellen, war das Wasser in der EZ-Zone streng genommen überhaupt kein Wasser mehr. Denn das Verhältnis von Sauerstoff zu Wasserstoff betrug nicht 1:2 (H2O), wie in normalem Wasser, sondern 2:3 (H3O2), womit das EZ-Wasser auch chemisch eine völlig andere Form von Wasser darstellt.

Neben flüssig, fest und gasförmig hatten die Forscher also einen neuen Aggregatzustand des Wassers entdeckt. Dieser kommt aber nicht nur im Inneren des Körpers vor, wie sich bald herausstellte, sondern er ist eine bisher unentdeckte Zwischenform zwischen flüssigem und gefrorenem Wasser: Wasser passiert diesen EZ-Zustand also immer dann, wenn es friert oder wenn Eis schmilzt. Frisches Gletscherwasser hat darum einen extrem hohen EZ-Gehalt und dürfte darum, wie sich weiter zeigte, für den Menschen besonders gesundheitsfördernd sein.

Lebendiges Wasser

lebendiges_WasserDie Ergebnisse verblüfften die Forscher und es war relativ schnell klar, dass EZ-Wasser besonders in lebenden Organismen eine große Rolle spielen könnte.

Zunächst aber war das Rätsel zu lösen, woher das Wasser überhaupt die Energie nahm, eine solche hoch geordnete Struktur aufrecht zu erhalten. Nach einigen Versuchen war die Lösung gefunden: Aus Licht, besonders dem unsichtbaren Infrarotlicht. Wurde der Versuchsaufbau gegen Licht Strahlungen abgeschirmt, konnte sich kein EZ-Wasser bilden, mit Sonnenlicht und Infrarotlicht konnte die Bildung hingegen sogar ausgeweitet werden: Eine Bestrahlung vergrößerte die EZ-Zone um das Dreifache.

Auch dies war eine faszinierende Erkenntnis: Das Wasser speichert die Energie des Sonnenlichts in Form einer geordneten, hexagonalen Kristallstruktur. Das Wasser war nicht esoterisch sondern ganz physikalisch tatsächlich „energetisiert”.

Der Potenzialunterschied zwischen EZ-Wasser und normalem Wasser ist sogar so groß, dass er elektrisch nutzbar ist wie Pollack inzwischen zeigen konnte. Der Ladungsunterschied zwischen den beiden Zonen ist groß genug, dass er wie eine winzige Batterie funktioniert – Energie direkt aus Sonnenlicht, mit nichts weiter als Wasser.

Für den Körper spielt nicht nur die elektrische Energie, sondern vor allem die Struktur selbst eine bedeutende Rolle.

Wasser im Körper

Weil die Abstände zwischen und in unseren Zellen so klein sind, besteht das interzelluläre und intrazelluläre Wasser zu großen Teilen aus EZ-Wasser. Allein das ist schon eine Erkenntnis, die zentraler nicht sein könnte: Wasser in lebenden Organismen unterscheidet sich chemisch, strukturell und funktional deutlich von dem, was wir gewöhnlich unter Wasser verstehen. Es ist kein H20, sondern ein hoch geordnetes, kristallartiges Medium.

Pollack konnte durch seine Forschungen zeigen, dass ein Verständnis des EZ-Wassers völlig neue Perspektiven auf die Abläufe in lebenden Zellen eröffnet. Vermeintlich komplexe Funktionen der Zelle lassen sich plötzlich sehr einfach erklären, wenn man das in den Zellen enthaltene Wasser mit in den Blick nimmt.

EZ-Wasser, so die These Pollacks, ist der Motor des Lebens, der besonders die Funktion von Kapillaren, Zellmembranen und Membran-Tunneln erklärt. Aber selbst die Funktion von Proteinen, wird erst durch das Vorhandensein von geordnetem Wasser überhaupt erst wirklich beschreibbar. Wasser ist damit weit mehr als nur der Hintergrund biologischer Abläufe oder ein reines Lösungsmittel – es ist selbst ein integraler Bestandteil dieser Funktionen.

Lebendiges Wasser interagiert strukturell mit den Proteinen und Zellkörperchen. Die Idee, dass Wasser nur ein generischer Stoff mit mehr oder weniger zufälliger Struktur ist, oder dass zwei Proben Wasser grundsätzlich in ihrer Struktur und Funktion identisch wären, ist damit widerlegt – eine Tatsache die unser Verständnis biologischer Abläufe deutlich verändern könnte.

Geordnetes Wasser – Grundlage der Gesundheit?

Wenn dies so ist, so lautet Pollacks These, muss die Erhaltung von geordnetem Wasser eine zentrale körperliche Funktion sein – mit weitreichenden Konsequenzen.

„Wir wissen heute, dass die meisten Makromoleküle ohne das EZ-Wasser zusammenbrechen und ausfällen würden – sie könnten nicht einwandfrei funktionieren. Nun beruhen viele Krankheiten anerkannter Weise auf Funktionsstörungen von Proteinen oder deren Regulierungssystemen. In einem solchen Protein-zentrierten Netzwerk, kann eine Funktionsstörung also durch zwei Komponenten entstehen: durch das Protein selbst oder das EZ Wasser, welches das Protein umhüllt.”

Die Forschungen hierzu haben gerade erst begonnen und doch schon einige erstaunliche Ergebnisse gezeitigt. Pollack konnte zeigen, wie verschiedene Substanzen die Bildung von EZ-Wasser verhinderten, während andere sie begünstigten.

Was, so fragte sich Pollack, wenn man die Funktion von Proteinen allein dadurch wieder herstellen könnte, dass man das Wasser um sie herum beeinflusst? Und wie könnte das erreicht werden? Infrarotlicht und bestimmte Elektromagnetische Impulse wären die ersten naheliegenden Kandidaten, deren Wirkung das Team untersuchen möchte. EZ-Wasser, so konnte Pollack zeigen bildet sich außerdem vermehrt durch eine Zufuhr von Sauerstoff und durch die Einnahme von Antioxidantien, welche die negative Ladung des EZ-Wassers erhalten.

Der wichtigste Kandidat für die nähere Forschung liegt aber noch viel näher: unser Trinkwasser.

Energetisierende Wirbel und Heilende Quellen

Auf der Suche nach heilendem Wasser untersuchten Pollack und seine Kollegen verschiedene Wässer, denen eine besondere gesundheitliche Wirkung zugeschrieben wurde.

Während bei einigen Heilquellen vor allem der Mineralgehalt eine Rolle zu spielen schien, zeigte sich auch, dass auch der Gehalt an EZ-Wasser durchaus an den Effekten beteiligt sein könnte. Sowohl sehr reine Gletscherquellen, als auch tiefe Quellen, als auch Wasser aus Verwirblern zeigten einen besonders hohen EZ-Anteil.

Pollack konnte auch zeigen, dass die Struktur des EZ-Wassers in Modellversuchen selbst bei den PH-Werten der Magensäure intakt blieb, und vermutlich auch in vivo in dieser Form von den Geweben aufgenommen wird. Dies hat positive Auswirkungen, wie Pollack weiter zeigen konnte, da das EZ-Wasser die Zellen aufgrund seiner Ladung sehr viel effektiver hydriert, als jedes gewöhnliche Wasser.

Paradigmenwechsel?

Die Forschungen Pollacks sind in vielfacher Hinsicht faszinierend. Wasser, so scheint es, ist mehr als nur dieser nebensächliche Stoff im Hintergrund unserer biologischen Abläufe. Es ist ein Teil davon.

Es scheint fast, als hätte die bisherige Forschung hier womöglich mal wieder den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen. Genau wie in der Physik, wo Physiker nun erst seit einigen Jahren die Hypothese aufstellen, der Raum selbst könnte ein geordnetes Energie-Medium sein, welches die Dinge darin beeinflusst, entdeckt Pollack das Wasser wieder als einen wesentlichen Bestandteil der Biochemie. Eine faszinierende Analogie, wo Antworten plötzlich im vermeintlich leeren Raum zwischen den Dingen auftauchen, die wir seit Jahren untersuchen.

Mehr noch: Pollack ist eine wichtige Stimme im immer lauter werdenden Chor von Forschern, die feststellen, dass Wasser weit mehr ist, als in den Schulbüchern steht: Wasser kann sehr unterschiedliche Qualitäten haben, die nicht nur von den darin gelösten Stoffen abhängt, sondern auch von der Struktur des Wassers selbst.

Seine Forschung zeigt, dass Wasser in lebenden Organismen grundsätzlich verschieden ist, von jenem Wasser, das aus unserer Leitung kommt: Lebendiges Wasser ist geordnet und interagiert strukturell mit den darin befindlichen Makro-Molekülen.

Vielleicht sind wir damit einen Schritt näher an der homöopathischen Sicht, dass Wasser Informationen speichert, vielleicht aber auch nicht und diese Forschung zeigt ganz neue Wirkmechanismen des Wassers auf, die sich weit bodenständiger erklären lassen.

Quellen für Hexagonales Wasser

Bisher ist laut Pollack außer dem Entsaften von Früchten kein Verfahren bekannt, dass größere Mengen EZ-Wasser erzeugt. Die beste natürliche Quelle ist Gletscher-Wasser. Bei der Wasseraufbereitung fehlt laut Pollacks Untersuchungen der entscheidene Schritt noch. Chemische Reinheit, wie sie durch Filterung erreicht wird, ist ein erster Schritt, tatsächlich legt seine Forschung aber nahe, dass es einen Zweiten Schritt zu geben scheint, der das reine Wasser strukturell neu ordnet und in hexagonales EZ-Wasser verwandelt.

Bisher konnte Pollack nur für die Verwirbelung einen kleinen Effekt nachweisen, als ebenso effektiv sieht er aber die Bestrahlung mit Sonnenlicht oder Infrarotlicht an. Wasser in einer Karaffe in die Sonne zu stellen, hat also tatsächlich bereits einen chemisch nachweisbaren Effekt und ist nicht nur esoterische Praxis. Auch EM-Keramik oder Steine im Wasser haben einen solchen Effekt, da sich an ihren Flächen EZ-Wasser bildet.

Vielleicht, so spekuliert Pollack, wird er sich in Zukunft auch mit einer Möglichkeit beschäftigen, reines EZ-Wasser aus Leitungswasser herzustellen. Momentan steht jedoch für die Uni Washington die Forschung über die biologische Wirkung im Vordergrund, die fast täglich neue, faszinierende Erkenntnisse offenbart.


Autor: David Rotter

Text- und Grafikquellen: http://www.sein.de – Illustrationen: Ethan Pollack / Ebner and Sons Publishers

Buch zum Beitrag:

Buch_Pollak_WasserWasser – viel mehr als H2O

Gerald H. Pollack

VAK Verlag

ISBN 978-3-86731-158-8
368 Seiten,
Klappenbroschur (21 x 25 cm),
400 Fotos und Illustrationen

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Der Trend zum Selbstgemachten reicht vom Gartenbau bis zum Verlagswesen. Ein Einblick in die gravierenden, spannenden und insgesamt positiven Veränderungen. Freiheit für die Bio-Tomaten. Freiheit für die Gedanken, die Meinungsfindung und die Bildung.

von Andreas Müller-Alwart

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Ökonomisierung vor Kunst und Bildung

Die Ökonomisierung des Journalismus, die es schon seit Jahrzehnten gibt und die anfangs zu einem normalen Verdrängungswettbewerb geführt hat, hat sich radikal durch das Internet beschleunigt. Es geht um weit mehr als die Frage, wie zukünftig mit Bild und Text im Web Geld verdient werden kann und ob der uns bislang bekannte Journalismus diesen Umbruch überlebt. Es geht – wie so oft im Internet – vielmehr um die Frage, wem gehört etwas und wer darf es in welcher Form nutzen. Internetuser haben weitgehend unbegrenzten Zugang zu Millionen von Texten – zu Lexika wie Wikipedia, zu statistischem Hintergrundmaterial wie bei destatis.de, zu Büchern wie bei google.de und zu vielen Webseiten von einst reinen Printmedien. Die User haben Zugang zu vielen Videos und Blogs und sie sind einerseits auf der Suche nach Unterhaltung, andererseits auf der Suche nach Wahrheiten und Hintergründen. Viele Printmedien haben es verschlafen, diese Hintergründe und Zusammenhänge darzustellen und sich dadurch ein Alleinstellungsmerkmal zu verschaffen. Sie haben es verschlafen, ihre Art der Recherche und Wahrheitsfindung den Lesern plausibel und transparent zu machen. Schlimmer noch: Sie haben oftmals die Leser durch Weglassen oder Verzerren wichtiger Informationen vergrault. Dies taten sie in einer Zeit, in der ihre Thesen und Berichte für jedermann nachprüfbar wurden. Sie taten dies in einer Zeit, in der jedermann in Chats, Blogs, Foren und vor allem in den sozialen Medien andere Thesen aufstellen und die Nachhaltigkeit der einstigen Wortführer, der Printmedien, in Frage stellen konnte. Die Diskussionen waren zudem außerhalb der Kommentarwelten der Printmedien aussagekräftiger, kontroverser und sie waren erkenntnisreicher. Dabei darf nicht verschwiegen werden: So manche dort geführte Debatte glitt von einer qualitativ hochwertigen Diskussion ab in emotional-persönliche Angriffe und endete in anonym geposteter Vulgärsprache – das pure Gegenteil des Qualitätsjournalismus, wobei die jeweilige Diskussionsrunde auch diese meist anonym erstellten, verbalen Entgleisungen recht rasch in die Schranken verwies. Was bleibt, ist bei den Usern bzw. Lesern die Erkenntnis: Die Profi-Journalisten wissen es oft nicht anders und meist nicht besser als die vielen User im Netz.

Fließgleichgewicht von Inhalten und Meinungen

Birne, LampeEs kommt hinzu: Es gibt wohl nicht nur eine Meinung (Surprise! Surprise!), sondern man kann ein Thema unter verschiedensten Lebensauffassungen und ideologischen Färbungen dialektisch diskutieren. Das wiederum führt zur aufregendsten Erkenntnis: Alles ist in Bewegung, es gibt sie nicht, die eine, allheilbringende, richtige Meinung. Es gibt immer nur Momentbetrachtungen und alle Betrachtungen sind gefiltert durch die Denkweise des Schreibenden ebenso wie durch die Abstraktionen des Lesenden. Wenn doch aber alles im Fluss ist, wozu benötige ich dann noch gedruckte Buchstaben. Bis diese trocken sind und auf Papier ausgeliefert werden, ist die tagesaktuelle Diskussion längst ganz woanders angelangt. Und was es an grundsätzlichen Erkenntnissen in der Welt zu erforschen und zu erlesen gibt, findet sich von jeher besser in allerlei Klassikern wieder und davon wiederum befinden sich viele heute als gescannte Dateien in Onlinebibliotheken. Wozu also eine gedruckte Tageszeitung? Twitter ist schneller, Bücher sind nachhaltiger und intensiver, Blogs sind ebenfalls schneller, oftmals authentischer und eigentlich immer dialektischer in der Darstellung.

Es geht nicht nur ein Geschäftsmodell verloren

Was hier den Verlagen verloren geht, ist nicht nur einfach ein Geschäftsmodell. Hier geht die Hoheit der Verlage verloren, Meister des Inhaltes, Quelle der Meinungsbildung und Förderer der Wahrheit zu sein. Meint die Frankfurter Allgemeine Zeitung dazu: „Die Zukunft des Journalismus entscheidet sich hier und jetzt!“ Nur mit Größe und Qualität – so meinen die Verlage – und mit der ständigen Suche nach neuen Geschäftsmodellen, könnten sie noch überleben. Doch selbst wenn sie ein Geschäftsmodell finden: Sie werden nie wieder die Chefs des Inhalts, die „Master of Content“ sein. Dies liegt nicht nur an den Fehlern, die sie in der Vergangenheit gemacht haben, sondern hängt auch damit zusammen, dass durch das Internet das Wissen der Vielen strömt, gleichzeitig und im selben Raum. Das Internet ist angefüllt mit Experten, die an einem Thema zeitlich oder räumlich näher dran sind, die es kontinuierlicher bearbeiten und die es oftmals besser verstehen. Die Vermittlerfunktion von Journalisten – vor allem bei komplexen Themen – wird zunehmend und sehr rasch abgelöst durch einfache Bürger wie Dich und mich, die zu ihrem Hobby, Fachgebiet oder anderen sie bewegenden Themen, viel praxisnäher, verständlicher und lebhafter schreiben. Warum denn auch sollte der Trend zu „Prosumenten“ (Konsumenten, die gleichzeitig etwas produzieren) gerade vor dem Onlinejournalismus halt machen? Auf dem Weg vom Amateurjournalismus zum gestalteten Profijournalismus gibt es nur noch eine Barriere, die haben aber schreibende Leser wie bei Profijournalisten zu überwinden: Es ist die Barriere des Zugangs zu Primärdaten, zu den echten, unverfälschten und möglichst aktuellen Statistiken, die für die meiste Berichterstattung essenziell sind. Auch dies ist – von wenigen Ausnahmen abgesehen – im schnelllebigen Journalismus oft eher eine Schwachstelle, eher ein Minus als ein Plus der Profiautoren. Denn gerade für nachhaltige, aufwändige Recherchen fehlt auch ihnen die Zeit. Viele Zugänge zu unabhängigen, aktuellen Recherche-Datenbanken sind teuer, Suchanfragen sind zeitaufwändig wie auch die grafisch ansprechende Aufbereitung der Rohdaten. So werden letztlich gerne mit Handkuss gut aufbereitete Grafiken und Statistiken der PR- und Nachrichtenagenturen immer häufiger völlig unreflektiert und unbearbeitet an den Leser weitergegeben. Also sind die Redaktionen auch an dieser Stelle – unter Zeitdruck und ökonomischem Druck stehend – nicht besser dran als manche Freizeit-Blogger. Die statistischen Quellen und die Plausibilität der Daten kann der Leser im Printmedium fast nie nachvollziehen oder nachprüfen. Und so mancher Journalist schaut vielleicht neidisch auf den einen oder anderen Blog, weil dessen Autor den Blog als Hobby betreibt und einfach viel mehr Zeit und einen besseren Zugang zu Informationen hat. Hinzu kommt: In den Blogs tummeln sich immer mehr Gleichgesinnte und Experten. Dort werden Themen häufig völlig unabhängig von einer Tagesaktualität über Monate in einer unvorstellbaren Vielschichtigkeit und Tiefe diskutiert. Echte Bildung, echte Meinungsbildung ist dort möglich. Bildung entsteht ja gerade nicht durch das reine Lesen eines Inhaltes, sondern durch die Beschäftigung mit dem Gelesenen und durch das Nachdenken darüber. Der Erkenntnisgewinn hieraus ist durch keine Tagespresse der Welt zu ersetzen. Dies umso weniger als Zeitungen mit hohem dialektischem, meinungsbildendem Anspruch allesamt vom deutschen Markt verschwunden sind – allen voran „Die Woche“ und die „Financial Times Deutschland“. Stattdessen gibt es immer mehr kleine Fachmagazine, die günstig per PDF produzieren oder die auch im hochpreisigen Segment ihre Leser finden. Etablierte Redaktionen, die seit Jahren auf einen qualitativ hohen Anspruch und auch investigativen Journalismus setzen, haben auch in einer Onlinewelt als „Offline-Printmagazin“ weniger Probleme als andere Magazine. Die „Wirtschaftswoche“ und vor allem „Brand Eins“ sind sicherlich solche Ausnahmen, wobei „Brand Eins“ als gedrucktes Medium geradezu einen „haptischen Kultcharakter“ hat. Man kann hier die Textqualität riechen und fühlen und dies gehört eben zum Gesamterlebnis so wie das Knistern einer Langspielplatte eben ein besonderes Prädikat sein kann. Wir hatten es schon davon: Ein MP3-File knistert nicht und ein PDF raschelt nicht beim Umblättern.

Die Öffentlichkeit befindet sich im Strukturwandel

Das ist allerdings eine Nische, die dem Internet noch eine Weile verborgen bleiben dürfte. Internetseiten riechen nicht und lassen sich nicht anfassen. Ein Thema, das auch die TV-Macher immer wieder als Nachteil empfinden, wobei derzeit die haptische Interaktion zwischen dem Benutzer eines Smartphones und einer Website bei Weitem höher ist als die zwischen einer Fernbedienung eines Fernsehzuschauers und dem gezeigten Bild. Allein der Wischeffekt ist auf Seiten des Smartphones im Haben zu verbuchen. Doch bleiben wir mal nur beim Text, nur beim Content. „Es findet ein umfassender Strukturwandel der Öffentlichkeit statt, in dessen Verlauf die gedruckte Presse das Informationsmonopol und die Hoheit über die Meinungsbildung verloren hat“, schreibt Thorsten Hinz für das selbst recht junge Printmedium „Junge Freiheit“. Das Bemerkenswerte an diesem Zitat kann leicht überlesen werden: Nicht die Verlagswelt strukturiert sich um, sondern allem voran strukturiert sich die Öffentlichkeit um. Das Internet hat also zu einem Wandel der Struktur der Öffentlichkeit geführt und dies bedingt einen Strukturwandel der Verlage. Das Ansinnen, die Verlage zu einem Internetunternehmen zu wandeln, ist deswegen per se der falsche Ansatz, weil der Strukturwandel der Öffentlichkeit das Verlagswesen insgesamt in Frage stellt – jedenfalls auf die bisherige Vorherrschaft über den Content. Die Verlage sind jetzt Teil des Internets und somit Teil der Öffentlichkeit, sowie eben auch die Inhalte frei zugänglich sind.

Inhalte fließen zwischen Leser und Autor hin und her – die Rollen vermischen sich

Leser und AutorDie Macht über den Content ergießt sich vom Verlagswesen in die Onlinewelt zu den Internetprotagonisten und erstmalig erlebt auch die Meinungsbildung so etwas wie ein ökologisches Fließgleichgewicht. Es gibt keine statische Meinung, sondern sie wird ständig neu modelliert und dies im Kontext mit allen Usern des Internets. Das war schon immer so, wird aber jetzt mit atemberaubender Geschwindigkeit global transparent. An den Schnittstellen dieser meinungsbildenden Gruppen werden Konflikte über Ursachen, Wechselwirkungen und Zusammenhänge ausgetragen. Es wird gestritten, aber nicht gekämpft. Es werden richtige Wege gesucht und es werden viele neue Möglichkeiten gefunden, die ständig angerissen, sogleich wieder vom konservativen Mainstream in der Meinungsbildung zerrissen werden, um dann doch als neue Idee irgendwo in Nischen, kleinen „Foren-Biotopen“, geschützt vor dem Massenansturm der Mainstream-Meinungen und im kleinen Kreis weiter gedacht zu werden: Oft so lange, bis sie sich wieder als mehrheitsfähig erscheinende neue Vision und mit längerer Version im Web 2.0 festsetzen.

Evolution und Epigenetik von Inhalten

Es ist eine Art Evolution des Contents – eine Art Quantenphilosophie der Inhalte. Das Internet ist wie das „Meer der Inhalte“ – entsprechend dem „Meer der Möglichkeiten“ bzw. dem PSI-Feld des Universums in der Quantenphilosophie. Dort schöpft die Internetgemeinde ununterbrochen Teilaspekte ab, manifestiert Meinungen für eine gewisse Zeit mit ihren Gedanken und Diskussionen, materialisiert diese in Textbeiträgen in Blogs und Foren. Mal bildet sich dann ein Meinungsbild, das längere Zeit Bestand hat, mal verschwindet dieses materialisierte Bild wieder im Meer der Möglichkeiten – also im Internet. Dort ist immer alles vorhanden, aber wir sehen nicht immer alles, wir erkennen nicht immer alle Zusammenhänge und wir finden nur das, wonach wir suchen. Was wir finden hängt von der Frage ab, die wir uns und der Suchmaschine stellen. Je ungewöhnlicher, je seltener die Fragestellung, desto schwieriger wird es, die Antwort zu finden, aber desto spannender wird es auch, sie zu finden. Man könnte frei nach Saint-Exupéry „Man sieht nur mit dem Herzen gut“, für die Onlinewelt formulieren: „Man sieht nur mit der Suchmaschine gut.“ In beiden Fällen gilt. Man kann nur das sehen, was man auch sehen will. Das Internet fördert diese freie Suche und Sichtweise – Printmedien und TV hingegen fördern diese nicht. Im Gegenteil: sie lenken permanent auf die festgefahrenen Gedanken des Alltags und lenken permanent vom Hinterfragen des Gesehenen und Gelesenen ab.

Unsere Gedanken bestimmen die Inhalte

Für das Internet gilt das Gleiche wie für das „Meer der Möglichkeiten“, für die Interwelt der Quantenphilosophen: Alles ist möglich, alles ist immer irgendwie da, aber alles ist abhängig vom Betrachter. So wie er sucht, so findet er. So wie er die Beiträge im Web betrachtet, so wird er bestätigt oder widerlegt. Einst waren die Verlage die beständige Konstante, die Basis für alle Inhalte, die in verschiedenen Varianten aufbereitet wurden. Ob ein Inhalt dann als Bild-Reportage in einer Illustrierten, als Kurzmeldung in einer Tageszeitung, als Dossier in einer Wochenzeitung erschien oder dem Leser gar nicht vermittelt wurde, dies war alles eine Entscheidung von wenigen Redakteuren und Verlagen. Die Verlagswelt war die DNA der Meinungsbildung, die Medienformate waren nur die epigenetischen Schalter, die das eine Thema mehr, das andere weniger reißerisch aufbereitet und somit die Leser beeinflusst haben. Auch diese Hoheit über die Medienformate haben die Verlage weitgehend verloren. Im Internet finden sich praktisch alle Themen multikanalfähig. Ein Teil der Leser ist begeistert von den Videowelten, andere vertiefen sich in die sozialen Medien oder reine Blogs. Oftmals macht gerade die Kombination – möglichst interaktiv – gerade den besonderen Reiz aus.

„Video kills Print“

FilmstripDa sind wir bei einem weiteren Aspekt, der den Profijournalisten entglitten ist: Video kills Print. Kurze Bild- und Videobeiträge liegen im Trend. Neben Textbeiträgen und Fotostrecken sind es vor allem die zahlreichen, didaktisch oft hervorragend aufbereiteten Videos – allen voran die Erklär-Videos – die innerhalb kürzester Zeit komplexeste Inhalte verständlich und einprägsam aufbereiten können. Das Medium Video (Internetvideo) ist zurzeit auch dem Fernsehen bei Weitem überlegen, jedenfalls noch so lange, wie die Mehrzahl der User kein internetfähiges Fernsehgerät hat. Denn ohne Internet ist ein Fernsehbeitrag nicht viel mehr als eine kontinuierlich ablaufende Präsentation, die nicht mal eben gestoppt und bei der nicht mal eben zurückgespult werden kann, wenn man etwas nicht verstanden hat oder kurz in Gedanken gedöst hat. Es gibt viele mehrstündige Videos im Internet, die eine „Ansichtsquote“ von weit über 100 Prozent haben: Das Video wurde von demselben Benutzer mehrfach gesehen und/oder es wurden Teile des Videos mehrfach betrachtet. Messbar ist auch, wie viele User den Beitrag nicht zu Ende sehen und abbrechen. Die Fernsehgesellschaften sind hier immer noch weitgehend blind. Sie wissen aber nach wie vor nicht, welcher Zuschauer welchen TV-Beitrag gesehen hat. Die Einschaltquoten sind Hochrechnungen, deren Werthaltigkeit seit Jahren in der Diskussion steht. Die Printmedien hingegen wissen nur über Umfrage und Leserbriefe, wer sie liest und was gelesen wird. Nur das Web aber ist in der Lage eine Echtzeitmessung zu liefern. Eine Messung über Anzahl Klicks, die Verweildauer der Zuschauer oder gar eine Bewertung der Beiträge wie im Internet üblich, ist beim Fernsehen derzeit nur für wenige Zuschauer, die Internet und Fernsehen integriert haben, möglich.

Der Qualitätsjournalismus der Verlage wird grundsätzlich in Frage gestellt – ebenso wie der Aspekt der Bildung

Den Profis geht also nicht nur die Hoheit über den Content verloren, sie verlieren auch den Überblick über ihre Printleser. Zudem geraten sie in der Welt zwischen Print- und Onlinecontent auf einer Gratwanderung unterschiedlichster Erwartungen ins Schlittern. Derzeit erleben wir, wo diese Rutschpartie endet: Weder der Onlinecontent noch der Printcontent heben sich wirklich durch bessere Qualität, höheren Wahrheitsgehalt oder andere elementare Kriterien von dem ab, was die Internetgemeinschaft selbst produziert. Thorsten Hinz meint dazu: „Die als Agenturmeldungen getarnten, volkspädagogisch intendierten Einheitsartikel häufen sich.“ Damit sind wir beim nächsten Aspekt, den die Verlage nicht verstanden haben: Der Strukturwandel der Öffentlichkeit bezieht sich nicht nur auf die Meinungshoheit, sondern die Internetgemeinde ist längst bei den Wurzeln des Übels angelangt: Bei der Bildung. Hatten Printmedien und Fernsehen noch einen Anspruch auf Bildungsvermittlung, so wird ihnen dieser Anspruch inzwischen völlig aberkannt – jedenfalls bis auf wenige Sendeformate, die 3SAT, ARTE und sogenannte „Dritte Programme“ anbieten. Schlimmer noch: Fernsehen wird als Zeitfresser und ständige Verblödungsmaschinerie empfunden. Die Anzahl derjenigen, die keinen Fernseher mehr als Möbelstück in der Wohnung stehen haben, nimmt zu und folgt proportional dem Trend derjenigen Menschen, die ihre Ernährung umstellen und z. B. Vegetarier werden. Print und TV verlieren nicht nur die Meinungshoheit, sondern auch die Bildungshoheit. Die Veränderung ist aber noch tiefgreifender. Je weniger wahrheitsfördernd und unabhängig berichtend sich Print und TV darstellen, desto mehr werden sie als staatsnahe Organe empfunden. Da sind zum einen die Allianzen führender Journalisten mit staatlichen Organisationen wie die „Atlantik-Brücke“ zu nennen und zum anderen die fehlenden anderslautenden Meinungen. Man munkelt, dass bei heiklen Themen Journalisten erst einmal die führende Meinung einer Süddeutsche Zeitung oder Frankfurter Allgemeine Zeitung sondieren und sich dann – auch dies unter anderem aus Zeitgründen – sehr gut überlegen, ob sie sich die Mühe machen, eine andere Meinung mit viel Aufwand zu recherchieren, zu Papier zu bringen und dies letztlich auf die Gefahr hin, allein auf verlorenem Posten angegriffen zu werden. Auf der Suche nach Wahrheit und Erkenntnis – gerade zum Zwecke der Bildung – sind viele Mitglieder der Internetgemeinde abgewandert von Print und TV in das „Meer der Möglichkeiten“. Sie haben sich zum Beispiel die zahlreichen Youtube-Videos von Vera F. Birkenbihl, Professor Gerald Hüther, Professor Richard David Precht u. v. a. m. angesehen. Sie wissen: Es läuft in der Bildung etwas Grundlegendes verkehrt – sowohl bei den vermittelten Inhalten, als auch bei der Art der Vermittlung. Viele spüren auch, wie sehr in den Schulen Spiritualität und Empathie als Balance bzw. Förderer des Lernspaßes und der Erkenntnis fehlen. Lernen ist heute Stress. Mobbing und Prügeleien an Schulen sind die Regel – nicht die Ausnahme. Das Notensystem ist ein Auslesesystem – ein typisches System, mit dem die jungen Leute lernen, sich gegenseitig auszuspielen, gegenseitige Konkurrenz zu erleben, diese zu ertragen und letztlich zu leben. Doch die konkurrierende Gesellschaft ist angesichts übergreifender, weltweiter Probleme nicht mehr tragfähig. Sie hat zunehmend keine Akzeptanz mehr. Gleichzeitig bleiben bei dieser Art der Bildung Ethik und Moral auf der Strecke – mit fatalen Folgen für die junge Generation. Völlige Empathielosigkeit wird herangezogen, Egoismus ist ein Lernziel und Altruismus wird geradezu als Warmduscherei abgetan und aberzogen. Kein Wunder, dass viele Eltern auf der Suche nach Bildungseinrichtungen sind, die dieses Konkurrenzprinzip vermeiden und mehr Spiritualität, mehr Empathie, mehr moralische Werte und mehr Kooperation fördern.

Selbstbestimmte Gedanken anstelle vorgefertigter Meinung

Gleichzeitig erhalten die Leser immer mehr Erkenntnisse darüber, wie wichtig es ist, Herr seiner eigenen Gedanken zu sein. Die Dauerberieselung mit bedeutungslosen Themen, die gleichermaßen über das Fernsehen wie über die Printmedien erfolgt, lenkt häufig von eigenen guten Ideen, vom eigentlichen Sinn des Lebens und von einer selbstbestimmten Lebensführung ab. Damit sind wir beim letzten, einem sehr wichtigen Trend, den die einstigen Herren des Contents übersehen haben oder nicht sehen wollen? Die Zeiten der Bevormundung und Fremdbestimmung sind vorbei. Die Menschen bauen die Tomate wieder selbst im Garten an und für den Content gilt zunehmend das Gleiche: Auf gemeinsamen Informationsfeldern die Saat für Wahrheit und Freiheit zu säen. Es ist doch so: Für den Reifegrad einer selbst angebauten Tomate und für deren wunderbaren Geruch und Geschmack ist es völlig unerheblich, über welche EU-Tomatenverordnung die Tagesschau berichtet, was die Süddeutsche dazu kommentiert und was Frau Merkel und Herr Gabriel dazu zu sagen haben. Um im Bild zu bleiben: Was die Politiker mit ihren Tomaten auf den Augen zu verkünden haben, interessiert mehr als die Hälfte der Bevölkerung nicht mehr – siehe Wahlbeteiligungen. Und der Ifo-Geschäftsklimaindex ist vergleichsweise unbedeutend für unsere eigene kleine Tomatenzucht. Sie kennt den Index nicht, sie will nur ausreichend bewässert werden. Und ob das Bruttoinlandsprodukt wächst, ist für den Hobby-Tomatenbauer weniger aufregend wie die Ernte und der Genuss des eigenen Biogemüses. Keiner glaubt mehr an ein endloses Wirtschaftswachstum oder an eine Vollbeschäftigung, was Politik und Medien aber immer noch als Maxime predigen. Wenn Print und TV also verkünden, was die Regierung und irgendwelche Statistik-Apostel uns mitteilen möchten, so findet das keine Beachtung mehr. Ständig die gleichen, nicht nachvollziehbaren, häufig manipulierten Statistiken. Noch dazu zu Kennzahlen, deren Wert für den Sinn des Lebens eines einzelnen Bürgers völlig wertlos ist. Wie viel sinnvoller ist da das „Erklärvideo“ zum Thema „Mein erster Tomatenanbau“. Wie viel erkenntnisreicher ist da ein Buch zu dem Thema. Und wie viel spannender ist es, sich in Forum, Blog oder in den sozialen Medien praktische Tipps zu holen. Den Printmedien fehlt häufig der Tiefgang, die Individualität und die Ehrlichkeit. Gerade das aber fordert der Strukturwandel der Öffentlichkeit. Mit Tracking (siehe meinen Bericht „Spurenleser Web 2.0“) ist einem solchen Strukturwandel nicht zu begegnen.

Wie lange gibt es Print noch?

Wenn heute orakelt wird, dass herkömmliche Zeitschriften und Zeitungen bis 2017 in den USA und bis 2030 in Deutschland ganz verschwunden sein werden, so mag das so sein. Es spricht aber derzeit eigentlich nichts dafür, dass diese papierene Welt noch so lange erhalten bleiben sollte – außer eben dass Papier so gut riecht und sich so gut anfühlt. Bücher mögen noch viele Jahrzehnte nicht wegzudenken sein. So wie Langspielplatten auch heute noch einen ganz eigenen, besonderen Wert haben und nicht völlig verdrängt werden konnten. Eine Langspielplatte hat ja auch eine ganz eigene Qualität. „Bei diesem Knirschen und Hüpfen des Tonarms von Pink Floyds Song Money haben Papi und Mami Dich damals gezeugt …“ wird da dem Sprössling erklärt, der ungläubig die Augen rollt und sich entsetzt über die altertümlich wirkende Romantik seiner Erzeuger die Kopfhörer aufsetzt und den MP3-Player lauter dreht. Da knirscht und springt nichts – egal wie die Bude wackelt. Dass jemand mit einer gedruckten Ausgabe von „Die Bunte“ ein ähnlich nostalgisches Erlebnis verbindet, scheint eher selten der Fall zu sein. Eher bleibt da die Sehnsucht an die gute alte „Bunte“. Ein einst großformatiges, durchgängig mit Bildreportagen durchzogenes Magazin auf hohem Niveau. Anstelle von Königshäusern und Promitratsch, waren die Reporter dicht am Schah von Persien, standen hinter Adenauer oder fotografierten aus (!) der brennend abstürzenden Militärmaschine. Und was sonntags passierte, war auch spätestens Donnerstag im Heft. Heute wissen wir schon – noch während die Maschine fliegt – per Twitter, dass uns diese gleich auf den Kopf stürzen könnte. Bis wir zuhause angelangt sind, sehen wir schon die ersten Videos im Netz. Sicherlich auch kein Qualitätsjournalismus, zeigt aber: Zur verlorenen Meinungshoheit, Bildungshoheit und dem verloren gegangenen Wahrheitsanspruch gesellt sich auch noch die Tatsache, dass auch der Entertainmentaspekt der Printmedien vom Web 2.0 überholt wurde.

Ob denn die Leser bereit wären, für gute Inhalte und Qualitätsjournalismus zu bezahlen und wie man das gestalten könne. Darüber wird scheinbar endlos debattiert und diskutiert – mittlerweile sind weit mehr als 10 Jahre ins Land gegangen, seit der Strukturwandel begann. Wie mager sind die Ergebnisse. Dabei muss man sich nur mal ein einziges – nur eines von hunderten – Beispielen im Web ansehen, um zu begreifen, dass gute Inhalte bezahlt werden – und zwar freiwillig und auch nachträglich. KenFM TV wird von Ken Jebsen als youtube-Television quasi alleine gestaltet, hat hohen Zuspruch und wird eben von jenen finanziert, die keine Tomaten auf den Augen, aber mit Sicherheit im Garten haben, von den neuen Damen und Herren der Meinungs- und Bildungshoheit, von den „Masters of tomatoes and content“. Die Philosophie dahinter ist übrigens sehr ähnlich: Selbstgemachtes schmeckt besser und man weiß, was man isst, weil man sich selbst damit beschäftigt hat. Das gilt nun ebenso für Tomaten wie für Inhalte. Wenn ich auf die Entstehung der Inhalte vertrauen kann und mich damit wirklich auseinandersetzen kann, ist der Genuss ein ganz anderer, als wenn staatsnahe Verkündigungsorgane die immer gleichen Phrasen dreschen.

Zum Schluss etwas Salz in die Suppe dieser neuen, heilen und ach so freiheitlichen Content-Welt im Internet: So ganz frei von Macht und Bevormundung ist das Web 2.0 ja nun auch nicht mehr. Beherrschten einst Verlage das Meinungsbild in unterschiedlichen Printformaten, so haben wir es heute mit einer Marktmacht aus Suchmaschinen und Social-Media-Unternehmen zu tun. Hier wäre es nun an der Zeit, dass die neuen Damen und Herren des Contents und Tomatenanbaus prüfen, auf welchem Boden sie ihre Saat ausstreuen, mit welchem Wasser sie wässern und welchen Ursprungs Kompost oder Dünger sind, den sie einsetzen. Der nächste Strukturwandel – und der läuft bereits – wird nämlich vor allem zu einer Entscheidung darüber führen, ob das Web 2.0 so frei und offen bleibt wie es ist oder ob die ehemaligen Verbündeten der Meinungs- und Bildungshoheit zusammen mit den Newcomern des eCommerce wieder eine beherrschende Rolle einnehmen werden. Auch bei diesem Strukturwandel geht es um viel mehr als um Macht: Es geht um die Frage, ob das im Internet weit verbreitete Prinzip der offenen Kooperation wieder von einem übergestülpten konkurrierenden System manipuliert und womöglich wieder von einer herrschenden Klasse besessen wird. Ich glaube nicht an eine Rückkehr zu Fremdbestimmung und zu einer Herrschaft einzelner Firmen über Inhalte, Meinungen und Bildung. Die neuen Herren von Content und Tomaten haben jetzt Appetit auf eigene Bildung gefunden und lassen sich nicht mehr bedingungslos berieseln.

Andreas Müller-Alwart


Autor Andreas Müller-Alwart ist selbständiger Journalist, Coach sowie Requirement Engineering Manager und Mitglied des Reflektion-Teams.

Bild- und Grafikquellen:

  1. »Das Spinnenweb« – pepsprog  / pixelio.de
  2. »Buch mit Lampe« – http://pixabay.com/de
  3. »Birne, denken« – http://pixabay.com/de
  4. »Leser und Autor« – http://pixabay.com/de
  5. »Filmstrip« – http://pixabay.com/de

Nährstoff des Neides

Rede von Gert Heidenreich

In Zeiten, in denen ich als Bürger nachhaltig gedrängt werde, nach vorn zu sehen, blicke ich als Privatmann gern zurück. Gern auch sehr weit. Im vierten vorchristlichen Jahrhundert stoße ich auf den Satz: Man muss dafür sorgen, dass der Gegensatz der Reichen und Armen sich möglichst ausgleicht oder dass der Mittelstand wächst.

Die Forderung stammt aus der Staatslehre des Aristoteles von Stageira, einem Werk, dessen anhaltende Aktualität mich immer wieder fasziniert. Ihm zufolge kommt es in der Demokratie auf zwei wesentliche Elemente an: Freiheit (eleutheria) und Gleichheit (isonomia), wobei erstere auch Unabhängigkeit meint und letztere sowohl Rechtsgleichheit als auch Gleichberechtigung. Beide Grundelemente erst, meint Aristoteles, erlaubten dem Menschen, sein Leben so zu führen, wie es ihm angenehm ist.

Fügen wir der Vollständigkeit halber noch eine weitere aristotelische Forderung hinzu: Namentlich muss man bedacht sein, durch die Gesetze die Verhältnisse so zu regeln, dass niemand aufkommen kann, der allzu mächtig ist durch Anhang oder Reichtum.

Nun fällt auf, wie weit wir es gebracht haben: In nahezu jeder Hinsicht versagt die gegenwärtige Gesellschaft vor den fast zweieinhalbtausend Jahre alten demokratischen Grundforderungen. Ja, träte heute einer wie Aristoteles auf und würde die Einlösungen oder Einhaltung seiner Regeln fordern, er wäre sofort mit dem Vorwurf konfrontiert, dass er der Neidgesellschaft das Wort rede. Der Begriff des Neiders füllt exakt dieselbe rhetorische Rolle aus, die in der Adenauerzeit das Wort Kommunist inne hatte und, nicht weniger unbedenklich genutzt, das Wort Faschist in den Manifesten von ´68: Es geht darum, unerwünschte Kritik zu denunzieren und Nachdenklichkeit präventiv zu unterbinden. Im Vergleich zur Unterstellung ideologischer Voreingenommenheit ist freilich die jüngere Polemik raffinierter: Sie verfährt psychologisch und ordnet den als missgünstig abqualifizierten Kritiker in die Kartei der nicht ganz Zurechnungsfähigen ein ein politisch nicht nur bedenkliches, sondern gefährliches Verfahren.

managerMich erfüllt darum mit wachsender Unruhe, wie in unserer Republik reflexartig das Wort Neid ausgestoßen wird, wenn man auf den zerbrechenden, wenn nicht zerbrochenen sozialen Zusammenhang der Gesellschaft hinweist. Wenn man fragt, ob es eigentlich gerecht und nötig ist, Glücklosigkeit im öffentlichen Amte mit Abschiedssummen zu vergolden, die mancher Betriebskrankenkasse aus ihrer Zahlungsnot helfen würden. Denkt einer darüber nach, Vermögen zu besteuern, ruft es aus vermögenden Etagen herab: Neidsteuer! Werden in der Presse die astronomischen Abschlagszahlungen für entlassene Spitzenversager angeprangert, schreit sofort die Lobby der Vorstände: Neidgesellschaft!

Denn auch ihr Versagen könnte eines Tags zur Debatte stehen. Darum ist der Wille zur Solidarität heute in den Chefetagen höher als der Wille zur Konkurrenz.

Auch hinter einem solchen Satz wird gewiss Neid vermutet, so als würde ich das Geld denen neiden, die es verdienen. Ist das wahr? Leben wir in einer Neidgesellschaft, repräsentieren wir sie? Und was meint der Begriff eigentlich?

Ein gerichtetes, missgünstiges Gefühl gegenüber Einzelnen oder Gruppen wegen eines Wertes, dessen Besitz dem Neider nicht gegeben ist. So definiert der Brockhaus den Neid. Schenkt man dem Kirchenlehrer Johannes Chrysostomos Glauben, ist der Neid ein Übel, das die Seele martert, den Körper verdorren lässt, hohläugig macht, blass und dürr, und den Leib zerfrisst wie die Motte ein Kleid.

Traditionell gehört der Neid zu den sieben Todsünden. Für den Apostel Paulus ist er ein Werk des Fleisches. Laut Friedrich Schiller aber hat er scharfe Augen, und Bertrand Russell zufolge bildet der Neid gar die Grundlage der Demokratie. Doch Russell gilt als Anarchist. Immerhin wissen wir, welche Farben diese Variante der Missgunst trägt: Da erschrak die Königin und ward gelb und grün vor Neid, heißt es im Grimm´schen Märchen von Schneewittchens Stiefmutter. Die Dame wird aus Neid mehrere Mordanschläge unternehmen.

Und auch hier soll heute die Rede sein von dem Zusammenhang, dem möglichen, zwischen Neid und Gewalt.

Erschrecken Sie bitte nicht ich will nicht in die Fußstapfen des Kollegen Hochhut treten, der mit seinem McKinseyStück angeblich das Leben deutscher Banker bedroht; ich winke nicht mit der Idee des Tyrannenmords; aber ich will versuchen, öffentlich darüber nachzudenken, was mit unserer Gesellschaft geschieht, die meiner Beobachtung zufolge sehenden Auges und wissentlich auf ihren Zerfall zusteuert. Also spreche ich nicht aus Neid auf jene, die verdienter oder unverdientermaßen über großen Reichtum an Geld und Privilegien verfügen. Ich weiß auch nicht, ob es sich damit so verhält, wie Schopenhauer uns lehrt: Der Reichtum gleicht dem Seewasser – je mehr man davon trinkt, desto durstiger wird man. Mag sein, er hat recht; mir fehlt die Erfahrung; ihm fehlte sie übrigens auch.

Ich spreche aus Sorge. Aus Furcht. Denn ich kann, zumal mit Blick auf die Geschichte, nicht glauben, dass die weithin empfundene Unsicherheit und die verbreitete Fassungslosigkeit angesichts von unverhältnismäßig wachsenden Einkommensunterschieden auf Dauer von bürgerlicher Geduld begleitet oder durch Kontrolle ruhiggestellt werden kann jedenfalls durch keine Kontrolle, die sich noch mit den Prinzipien des Rechtsstaates vertrüge. Kein Staatswesen verträgt auf Dauer die Spaltung in Luxus und Verarmung.

Anders gesagt: Ich fürchte mich vor einer Akkumulation von Unzufriedenheit, durchwirkt und verstärkt von Existenzangst; vor dem Überschlag des gegenwärtig deutlich zu vernehmenden Zorns in besinnungslose Wut. Gegen wen die sich richten würde, ist geschichtlich bis in unsere Zeit hinein hinreichend belegt: gegen alle. Niemand hat je für irgendwen Sicherheit garantieren können, wenn erst Zerstörung als gerecht, Gewalt als hilfreich galten.

Da rettet dann keine Nachbarschaft. Wir haben sämtliche Bilder parat. Da wird nicht fein unterschieden zwischen politischen, sozialen, religiösen Motiven, zwischen Jungen und Alten, Kindern und Greisen. Ist erst einmal die Zivilisation entkräftet, erhebt sich Barbarei. Zerfällt das Regelwerk unseres Alltags, wird auch der Freund zum Feind. Nahezu jeder von uns ist derart gefährdet, nahezu jeder dafür talentiert. Auch Kultur schützt nicht. Denn das Hindernis für die Barbarei ist nicht die Kultur. Sondern die Zivilisation. Sind wir als zivilisierte Wesen nicht mehr gefordert, garantiere keiner für sich. In jedem, sieht er sich in die Enge getrieben, lauert ein Barbar.

Gewalt ist keine LösungDie Anfänge sind nicht spektakulär. Eine Emulsion aus Enttäuschung, Verbitterung und Resigniertheit gießt sich über das Land aus. Erlahmende Wahlbeteiligung, Ansehensverlust der Demokratie und ihrer Institutionen, fehlende Vorbildlichkeit nicht nur in der Politik, gesellschaftliche Abstinenz der jungen Generationen, Ellenbogenmentalität und Verachtung von Solidarität, propagierter Egoismus, wachsende Korruption und Schlamperei, stetige Verschlechterung öffentlicher Dienstleistungen bei steigenden Gebühren und nicht zuletzt die Marginalisierung der Bildung. Eine Beschädigung folgt aus der anderen und wird zugleich Ursache oder Bedingung weiterer Risse im Gesellschaftskonzept des sozialen Friedens.

Wie auf einem Barometer lässt sich das Klima ablesen. Noch scheint es einigermaßen gut zu sein. Solange keiner ans Deckglas des Messinstrumentes klopft und die Nadel in den UnruheBereich zuckt. Dass sie längst dorthin weist, belegen nicht so sehr die wilden Streiks bei Opel und die Demonstrationen gegen Hartz IV, als vielmehr die jüngsten Wahlergebnisse und die Einigung der beiden rechtsextremistischen Parteien auf eine geeinsame Strategie. Die Rückkehr der Nazis in Landesparlamente, wo seinerzeit auch die NSDAP ihre ersten Gewinne erzielte, geht mit einem öffentlichen Gleichmut einher, der als Souveränität missverstanden wird. Oder ist es bereits die Angst, die den Skandal als kindlichen Trotz der Wähler niederstuft und sich mit dieser lächerlichen Lüge beruhigt? Ein wenig tüchtig dargebotene Empörung, akkordiert mit etwas Entsetzen und geschenkten Paukenschlägen, war den Kameras und Mikrophonen geschuldet. Allenfalls zielen parteiinterne Überlegungen der Demokraten darauf, wie der so genannte Rechte Rand wieder mit der Mitte zu verkleben sei und wem man dies unappetitliche Geschäft überlassen soll.

Dabei ist offensichtlich, dass wir ein massives Gerechtigkeitsproblem haben, das die Nazis ausbeuten. Was da heranwächst und das ist nicht allein ein deutsches, nicht einmal nur ein europäisches Problem ist eine weitere Variante des Terrorismus; und sie wächst ebenso wie alle Hoffnung auf Gewalt aus dem Gefühl, zu kurz zu kommen, betrogen worden zu sein, kein lebenswertes Leben zu haben. Dass im Jahr 2004 vorwiegend junge Menschen Nazis gewählt haben, zeugt weniger von ihrer Unbildung als von ihrem Gefühl der Aussichtslosigkeit. Und diese Stimmung, sei sie nun durch die Verhältnisse gerechtfertigt oder nicht, kann sich kein Staat, der sich erhalten will, bei seiner Jugend leisten. Jugend kann aufmüpfig sein, verträumt, überkritisch, idealistisch, auch ungehörig und rücksichtslos – hoffnungslos darf sie nicht sein. Dann fällt sie in die Hand der Schwätzer, und die Republik fällt ihnen nach. Der Vorgang ist bekannt, er ist absehbar und doch neigen wir zu einer verblüffenden Unempfindlichkeit in dieser Überlebensfrage.

Hie und da hört man Ermahnungen, kleine Empörung muckt auf, und weil für alles, was nicht wunschgemäß verläuft, die Globalisierung verantwortlich gemacht wird, gibt es auch öffentlich Globalisierungsgegner.

Wo bleiben die Gegner unserer hausgemachten Selbstgefährdung? Welche aussichtsreiche Partei hat soziale Verhältnismäßigkeit und die Gleichheit der Chancen sich nicht nur auf die Fahne, sondern als zwingende Selbstverpflichtung in ihre Handlungsentwürfe geschrieben? Sich nur christlich zu nennen oder sozial oder demokratisch oder alles zugleich, kostet nichts und ist nicht mehr wert als des Kaisers neue Kleider.

Wer eigentlich verpflichtet den Staat, die Globalisierung und Öffnung der Märkte für unantastbar zu halten, die Existenz arbeitender Menschen aber damit jeder Verwerfung preiszugeben? Ist die offen vollzogene und sogar noch gepriesene Abwendung vom Primat der Humanität in der Politik etwa nicht skandalös? Reicht es, sie mit mehr oder minder großem Bedauern hinzunehmen?

Müssen die Kirchen mit christlich orientierten Kanzelreden eigentlich immer erst warten, bis keine andere öffentliche Stimme mehr Menschlichkeit predigt? Warum sind die Gewerkschaften in einem Augenblick verstörend hoher Arbeitslosigkeit von einer programmatischen und rhetorischen Schwäche befallen, die man nur mit Entsetzen betrachten kann? Warum gelingt es ihnen nicht, ihr altes Seit´anSeit´ mit der Sozialdemokratie aufzugeben, wenn das Traditionsbündnis offensichtlich nicht mehr die Arbeitnehmerinteressen schützt?

Was ist mit einer Verwaltung los, deren Dienstleistung zunehmend darin besteht, die Arbeit, für die sie entlohnt wird, auf Steuerkosten nach außen zu verlagern, und die dann Beratung nennt, was nichts anderes ist als Minderung der eigenen Verantwortung bei Vervielfachung der öffentlichen Ausgaben? Hier ist weder Dienst, noch Leistung, und die Bedeutung von dienen, nämlich behilflich und nützlich sein, scheint ebenso verloren wie der Inhalt des Wortes Dienst: Es meint die pflichtgemäße Ausübung einer Tätigkeit und nicht bloß die körperliche Anwesenheit am Arbeitsplatz.

Mühelos könnte der Katalog erweitert und spezifiziert werden. Jeder von uns kann Belege beitragen. Untereinander erzählen wir uns empörende Erfahrungen. Doch der private Diskurs der Beschwerde zerrinnt am Ende zur Gleichgültigkeit. Man kann ja nichts machen. Es ist jetzt nun einmal so. Und wer will schon als nöckernder Greis dastehen, der jammert, früher sei alles besser gewesen …

Was aber, wenn es stimmt? Wenn nicht nur der alte Aristoteles um vieles klarer gedacht hat als alle hochmögenden Kommissionen in Berlin? Wenn auch Verhältnisse, nicht alle freilich; wenn auch politische Reden, freilich nicht jede; wenn auch das Bildungsniveau, nicht bei allen freilich, mal besser waren, als sie heute sind? Muss man da nicht nöckern, auf die Gefahr hin, sich unbeliebt zu machen?

Hilft man der jungen Generation, wenn man sie erst um ihre Chancen bringt und dann auch noch über die Zeit belügt, in der sie lebt?

Du sollst keine Angst machen, lautet eine der Regeln, die wir aus den achtziger Jahren mitbekommen haben. Angst sei ein schlechter Ratgeber. Ja, als Ratgeber taugt sie nicht, aber als Anfang des Zweifels ist sie nicht schlecht. Im Übrigen wird derzeit so viel Angst gemacht wie noch nie.

Die Spezialisten für Angst-Schlagzeilen können die Lettern nicht groß genug wählen, wenn es um die Abschläge bei den Renten geht, um das Eintrittsgeld für Arztpraxen, das die Ärzte nicht wollen, um die Ausbildungsabgabe, die angeblich Kleinbetriebe in den Ruin stürze. Über die scheinbar gelähmte Konjunktur.

Über Geld wird andauernd geredet und geschrieben. Nur nicht über den Reichtum. Und seine politischen und gesellschaftlichen Folgen. Nicht darüber, dass 2003, als hier so viel geklagt wurde, für die Superreichen ein ausgezeichnetes Jahr war. Das private Gesamtvermögen aller, vom amerikanischen Wirtschaftsmagazin Forbes gezählten Milliardäre stieg im vergangenen Jahr von 1,4 auf 1,9 Billionen US$. Die Liste der Milliardäre es sind 587 wird angeführt von Bill Gates: Er gewann in diesem Jahr zu seinen 40,6 Milliarden US$ sechs weitere Milliarden hinzu. Unter den ersten zwanzig der Reichsten der Reichen wir sprechen da von einem persönlichen Vermögen zwischen 46,6 und 12,4 Milliarden US$, ist auch Europa vertreten: zwei aus Deutschland, einer aus Frankreich, einer aus Russland, einer aus Schweden. Also keiner aus Italien, Großbritannien, Spanien. Aus den USA sind es 11.

Werden unsere Top Two öffentlich mit Neid betrachtet? Offenbar nicht. Erfolgreich arbeitende Unternehmer sind nicht umstritten. Umstritten sind höchstens ihre Methoden der Angestellteneinschüchterung.

Es ist die Kaste der oberen Manager, die sich selbst in den letzten Jahren unbedenklich desavouiert hat. Korrupten Politikern und raffgierigen Gewerkschaftsbossen folgend, haben einige von ihnen dafür gesorgt, dass die Leitfiguren der Wirtschaft mit Scharlatanen gleichgesetzt werden, die mit einer Schamlosigkeit sondergleichen ihre luxemburgisierten Vermögen und Abfindungen vermehren und zugleich die Entlassung von Arbeitern und Angestellten als neue Freiheit zur Selbstverantwortung preisen …

Wie lange, frage ich mich, werden wir noch mit sardonischem Gelächter zusehen, wenn dem Topmanagement bei Karstadt erst bei einem Defizit von 13 Milliarden Euro auffällt, dass wohl irgendetwas nicht läuft wie es sollte? Dass die Spitzenverdiener im Weltkonzern General Motors ihre Kraftfahrzeuge mit feinster Technik ausrüsten lassen, wirtschaftlich aber offenbar bloß die Handbremse bedienen können?

Zynismus, SchattenspielIch erinnere mich gut an meine jugendliche Frage: Warum verdienen denn die Direktoren soviel? Nun, weil sie eine so große Verantwortung und das ganze Risiko tragen, lautete damals, Anfang der Sechziger, die Antwort. Da lacht die vereinte Republik. Wie lange noch? Der Spott ist die Brücke zur Wut. Sehen Sie in die Gesichter derer, die vor den Toren der Opelwerke und den Türen der Kaufhäuser stehen und nicht wissen, wie lange noch, ob überhaupt noch, dahinter Arbeit sein wird. Ratlosigkeit. Unsicherheit. Bitterkeit. Angst. Das genau sind die Ingredienzien, aus denen der Volkszorn gemischt wird. Es genügt eine KanzlerBemerkung gegen die Mitnahmementalität von Sozialleistungsempfängern, um die Mischung entflammbar zu machen. Unerheblich ist, ob Schröders Feststellung stimmt: Er hätte wissen müssen, von wem der eine oder andere Schnorrer seine Selbstbedienungshaltung abgeschaut hat von der Belletage misswirtschaftender Manager. Verstehen Sie mich recht: Mir liegt nichts an Feindbildern wie meine Generation sie ´68 ziemlich pauschal entworfen hat. Was ich sehe, ist schlimmer: eine Oligarchie der Zyniker, denen meines Wissens ein einziger deutscher Politiker eine schlüssige Argumentation entgegenstellte: Heiner Geißler in seinem 1983 veröffentlichten Buch Kritik der zynischen Vernunft. Bezeichnend, dass seine Argumentation ihn bereits vor zwei Jahrzehnten den Parteifreunden suspekt gemacht hat. Er ist in seinem Denken einfach nicht bestechlich genug und spricht inzwischen mit bemerkenswerter Deutlichkeit von einem McKinseyStalinismus in der Weltwirtschaft.

Die Oligarchie derer, die via Kapital und Marktsteuerung jederzeit die Zahl der Arbeitslosen erhöhen und mit Arbeitsverlagerung ins Ausland drohen können, haben längst mehr Einfluss auf die Politik, als der Demokratie gut tut. In Zeiten hoher Arbeitslosigkeit können große Konzerne fast jede Maßnahme zur Gewinnmaximierung durch Erpressung erzielen: Tarifverträge aushebeln, Massenentlassungen durchsetzen, mit denen die Produktionskosten gesenkt und die Sozialsysteme der Gesellschaft belastet werden. Die Schamlosigkeit, mit der selbst ein nicht eben regierungsferner Großkonzern wie Volkswagen auf diesen Zug der Zeit aufspringt, verschlägt einem die Sprache. Was euphemistisch “Verschlankung” der Konzerne genannt wird, produziert vor allem eines: den Neid derer, die dem kaum mehr gebremsten Realkapitalismus schlichtweg geopfert werden. Diese Neidproduktion geschieht mit einer Bedenkenlosigkeit, die man entweder für Dummheit oder, dafür spricht vieles, für Zynismus halten muss.

Vermutlich wäre die Dominanz der Oligarchen wei terhin stillschweigend akzeptiert worden, hätten nicht zwei Faktoren die Lage geändert. Zum einen wurde die Erwartung an die rotgrüne Koalition in Berlin, bei notwendigen Reformen auf soziale Gerechtigkeit zu achten, enttäuscht. Zum andern haben die Oligarchen der Wirtschaft sich in einer Weise selbst bedient und über jede Kritik daran derart flegelhaft hinweggesetzt, dass sie inzwischen nur noch als gierig verschrien sind und zudem ihre Glaubwürdigkeit als Fachleute eingebüßt haben.

Die Selbstbeschädigung führender Personen in Wirtschaft und Politik ist von destruktiver Wirkung auf die gesamte Demokratie. Ich halte diese Zerstörung von oben für wesentlich gefährlicher als die Zerschlagungslust autonomer Gruppen an der Basis. Flächendeckende Politikverdrossenheit ist noch die mildeste unter den sozialpsychologisch erfassbaren Folgerungen. Wer sich und sein Amt der Lächerlichkeit preisgibt, wie dies beispiels weise Exbundeskanzler Kohl und Ministerpräsident Koch in ihren Spendenaffären getan haben, hat dem Ansehen unserer Demokratie und ihrer Institutionen vermutlich mehr geschadet als alle alten und jungen Nazis zwischen Eberswalde und Rosenheim. Von letzteren erwartet man nichts anderes als dummdreiste Demagogie. Von einem Kanzler oder Ministerpräsidenten jedoch muss das verlangt werden, was in der Staatslehre des Aristoteles Areté genannt wird. Ein Begriff, der Tugend und Tüchtigkeit, Können und Vortrefflichkeit verbindet, und zusammengefasst als Vorbildlichkeit übersetzt werden kann.

Wer als Staatsmann diese Areté durch Verlogenheit und windige Ausreden preisgibt, ja sich von ihr trennt, indem er Nebenverdienste oder Geldgeschäfte im Interesse der eigenen Partei falsch oder nicht angibt, der kann juristisch so unbelangbar sein wie ein Unschuldiger der Schaden, den er dem Ansehen der politisch verantwortlichen Klasse seines Landes zugefügt hat, überragt jede zivil oder strafrechtliche Dimension.

Darum fordert Aristoteles: Die Hauptsache aber ist in jeder Verfassung, dass durch Gesetze und die ganze übrige Staatseinrichtung die Verhältnisse so geordnet sind, dass man sich an den Staatsämtern nicht bereichern kann. Wenn nämlich die große Masse glaubt, dass die Regierenden sich am öffentlichen Gut vergreifen, dann schmerzt sie beides: sowohl von den Ehrenämtern ausgeschlossen zu sein als auch vom Gewinn.

Wenn heutzutage ein Lehrer seinen Schülern die Teilnahme an der Demokratie nicht mehr als erstrebens und erhaltenswert empfehlen kann, weil sie ihm mit sardonischem Gelächter die Namen Kohl und Koch entgegenrufen, dann ist diese Jugend in Gefahr, für ihre Begeisterungsfähigkeit und den altersgemäßen Hochmut andere Felder zu suchen, wo sie etwas oder jemanden findet, dem sie Achtung entgegenbringen kann. Ich bin überzeugt, dass jede Generation hinter ihrer natürlichen Ablehnung von Autorität nicht nur nach Identifikation mit selbst gewählten Leitfiguren strebt, sondern auch nach Persönlichkeiten in der politischen Klasse sucht, die achtbar wären. Findet sich die Areté aber nirgends, versagt Aristoteles zufolge auch die Erziehung. Und versage sie, so erwachse daraus ein Schaden für die Verfassung.

Wie eigentlich soll man einem jungen Menschen von Anfang Zwanzig, der nach Abschluss seiner Ausbildung keine sinnvolle Betätigung findet, beweisen, dass er in der bestmöglichen aller Staatsformen lebt? Und selbst wenn er das in Bezug auf die Freiheit noch glaubt,

  • was soll er in Bezug auf die zweite Säule der Demokratie, die Gleichheit, denken, wenn er sieht, wie Firmenvorstände, die aufgrund von Misswirtschaft oder Planungsunfähigkeit ihren Posten räumen müssen, dabei Abfindungen in einer Höhe mitgehen lassen, die er vermutlich bis zum Rentenalter nicht zusammenverdienen kann;
  • was schließlich von der dritten Säule der Demokratie, der Gerechtigkeit, wenn er doch weiß, dass Spendenvertuschung und Steuerhinterziehung geradezu sportlich betrieben werden, weil nur der geringste Teil je einer juristischen Ahndung anheimfällt;

und was von der charakterlichen Eignung von Politikern, wenn er hört, dass schwarze Gelder wahrheitswidrig als jüdische Vermächtnisse ausgegeben werden, in der Hoffnung, die Justiz werde dann nicht nachfragen. Diese abgefeimte Form des Antisemitismus, die den Holocaust als Tabuzone missbraucht, hat ihren hessischen Urheber nicht einmal die Wählbarkeit gekostet.

Wird ein junger Mensch mit diesen Erfahrungen nicht zu Recht fragen: Was bitte soll an dieser Demokratie frei, gleich und gerecht sein? Wo ist da noch Vorbildlichkeit? Warum soll das die beste gesellschaftliche Organisationsform sein? Und wofür soll ich mich engagieren, wenn die Werte der Demokratie ihren Repräsentanten so wenig bedeuten?

Wir müssten längst in breitem Maße diese Diskussion führen, die durchaus zum Vorteil der Demokratie zu bestehen ist, wenn wir die Schäden und die Schwächen benennen und öffentlich auf Abhilfe sinnen.

Doch was geschieht?

Wir diskutieren die Neidgesellschaft. Neid ist das SchlagWort, mit dem es gelingt, den Denkbann über die notwendigen Fragen zu verhängen. Auch in den nicht bibelfesten Zeitgenossen erhält sich geradezu archetypisch das Wissen vom Brudermord des Kain an Abel, der aus Neid darauf geschah, dass Gott Abels Opfer annahm, das von Kain aber nicht. Neid wird dadurch nicht nur als eine Schwäche unterstellt, die wir nicht eingestehen wollen: Wer möchte schon als missgünstig angesehen werden sondern der Neider gilt als gleichsam prädestiniert für Brudermord, den ersten und schlimmsten aller Morde.

Selbstverständlich wissen das diejenigen, die mit dem Wort Neid Erörterungen ersticken wollen, deren Ergebnisse für sie nicht erfreulich wären. Da sie die Information nicht kontrollieren können, streben sie nach Kontrolle über Schlussfolgerungen.

Die Zustände liegen in Form von Zahlenwerken auf dem Tisch man teilt uns ja die Abfindungssummen für Inkompetenz oder Käuflichkeit in der Presse mit. Wir erfahren genau, wie viele Angestellte von der Deutschen Bank im Jahr des Rekordgewinnes entlassen worden sind. Wer aber die Zahlen in einen argumentativen Zusammenhang bringt, wird bezichtigt, er schüre den Neid. Wo geschürt wird, muss Glut sein, und wo Glut ist, war zuvor ein Feuer. Wie wäre es denn, wenn man aus den Gewinnen des Geldinstituts, dividiert durch die gleichzeitigen Entlassungen seines Personals, einen Zynismusfaktor errechnete? Ich weiß, dass der sich eigentlich Dividende nennt. Aber der vorgeschlagene Begriff träfe die Sache doch besser.

Wer nährt den Neid? Wer spielt mit dem Feuer? Wer sind die Neidproduzenten? Jene, die wie ich hier darüber sprechen, dass der Titel Skandal für die uns allen bekannten Tatsachen eine Verharmlosung ist? Oder jene, die sich verschwenderische Apanagen und Abfindungen genehmigen oder genehmigen lassen und dann noch erklären, verglichen mit amerikanischen Managern seien sie arme Schlucker?

Wenn einige, weil sie zu tief in die Kasse gegriffen haben, dann doch wie aus Versehen vor einem Gericht erscheinen müssen, feixend und mit hochgestreckten VictoryFingern, habe ich den Wunsch, ihnen ein Gedicht von Erich Kästner vorzulesen; Ansprache an Millionäre heißt es, weil Milliardäre damals nicht vorstellbar waren. Ein Neidgedicht, in dem die Angesprochenen lesen:

Warum wollt ihr solange warten, / bis sie euren geschminkten Frauen / und euch und den Marmorpuppen im Garten / eins über den Schädel hauen? (…) Ihr seid die Herrn von Maschinen und Ländern. / Ihr habt das Geld und die Macht genommen. / Warum wollt ihr die Welt nicht ändern, / bevor sie kommen? (…) Der Mensch ist schlecht. Er bleibt es künftig. / Ihr sollt euch keine Flügel anheften. / Ihr sollt nicht gut sein, sondern vernünftig. / Wir sprechen von Geschäften. Das Gedicht, sehr viel länger und mit noch heftigeren strophischen Drohungen, stammt aus den frühen zwanziger Jahren.

Die politische These teilt Kästner mit Rolf Hochhuths McKinseyStück: Die Akkumulation von Geld und Einfluss in einer Oligarchie bei gleichzeitigen Einschnitten ins Volkseinkommen führt notwendig erst zum Bedürfnis nach einem Aufstand gegen die Oligarchen und schließlich zu kollektiver Gewalt.

Das will uns, vor allem in der Weise, wie Hochhuth es auf die Bühne gebracht hat, trotz Verständnis für den zugrunde liegenden Zorn etwas naiv vorkommen. In der Spaßgesellschaft ist weit und breit keine charismatische Person, kein revolutionärer Text, geschweige denn eine Bewegung sichtbar, die sich in der Lage sähe, das wachsende Potential an Zorn und Verbitterung zu einem Fanal zu bündeln. Auch sind die Institutionen des Rechts hierzulande so intakt, dass Jakob Burckhardts These vom Tyrannenmord nicht anwendbar ist. Dennoch stellt sich die Frage, wie lange das so bleibt, ob der unterstellte Neid sich nicht sehr rasch in konkreten und kollektiven Neid verwandeln kann, und was daraus folgen würde. Die Politologin Antje Schrupp stellt in ihrer Untersuchung des Neidgefühls fest: Neid, so wie er hierzulande kulturell verstanden wird, hat etwas mit Privilegien zu tun und mit der Vorstellung, dass den Menschen die Dinge, die sie haben dürfen, irgendwie zustehen müssen, dass sie ein Recht auf bestimmte Dinge haben und auf andere Dinge nicht. (…) Neid entsteht dann, wenn die Zuteilung der Privilegien mit diesen Rechten nicht übereinstimmt.

Was ist der rechte Weg?Das heißt: Der Neid erwischt uns an der Schaltstelle zwischen Recht und Unrecht in unserer Empfindung. Damit wäre er eine soziale Triebkraft auf dem Weg zur subjektiven Gerechtigkeit und genau so wird er in der linken Theorie auch gesehen. Alle politischen und sozialen Errungenschaften verdanken sich dem kreativen Potential des Neides. Nicht nur die Arbeiterbewegung auch der Kapitalismus, dessen Motor, der Wettbewerb, darauf beruht, dass jeder mindestens so viel haben will, wie der andere. Um zu sehen, wie gut das funktioniert, genügt es, einige Werbespots im Fernsehen auf ihre Wirkungsweise hin zu betrachten.

So weit, so gut. Jahrzehnte lang schien die Entwicklung abgeschlossen. Ein austariertes Gefüge von Maßnahmen sicherte eine gewisse soziale Balance, der Staat hatte ein Netz gespannt, für Erwerbslosigkeit, Krankheit, Arbeitsunfähigkeit waren Auffangsysteme eingerichtet, die dem Einzelnen das Gefühl gaben, ein so weit dies möglich ist gesichertes Leben zu führen. Jeder war nach Maßgabe seiner Fähigkeiten in die Pflicht für alle eingebunden jedenfalls gemäß der akzeptierten Theorie.

Dieses Gefühl verschwindet, seit der Schritt vom Kapitalismus zum Realkapitalismus vollzogen wurde. Plötzlich werden Verluste in einem Maße sozialisiert, das die Leistungsmöglichkeiten des Staates übersteigt. Einsparungen an den sozialen Gewährungen sind die Folge. Die Parolen wechseln von den Sachzwängen zur Globalisierung, und die Tatsache, dass die Schwächsten der Gesellschaft überhaupt keine Wahl haben, sich gegen die Beschneidung ihrer Interessen zu wehren, dass man ihnen gleichsam mitten in der Demokratie die Freiheit nimmt, wird mit der Formel bemäntelt: Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit. Kaum jemandem fällt auf, dass dies exakt der zynische Grundsatz des Realsozialismus gewesen ist, mit dem sich die DDR gegen den individuellen Freiheitsbegriff der westlichen Demokratien abgesetzt hatte.

Ist das nun bloß eine Verwirrung der Begriffe aufgrund einer verworrenen Vereinigung? Wohl kaum. Die Behauptung, man könne Sachzwängen nur folgen, ohne sie vorher interpretieren zu müssen; die Unterstellung, jeder Protest gegen das Verfahren der sogenannten Reformen entspringe dem Neid; die Preisgabe des Freiheitsbegriffs an eine, im übrigen interessengesteuerte Definition von unausweichlichen Maßnahmen all dies ist nicht nur ein philosophischer Verstoß gegen die DemokratieVoraussetzungen, wie Aristoteles sie erarbeitet hat.

Es ist zugleich die Bankrotterklärung sozialdemokratischer Politik. Man stelle sich nur einmal vor, die Sozialdemokraten hätten das Glück, in solcher Lage aus der Opposition heraus argumentieren zu können. Die gesamte gegenwärtige Rhetorik müsste ausgetauscht werden. Was nicht heißt, ich wünschte mir für die Reformen einen konservativen Vollzug. Er sähe vermutlich noch zynischer aus.

Ich nehme den üblichen Einwand vorweg und gebe zu: Nein, besser machen kann ich es freilich nicht. Ich habe mich wohlweislich niemals an eine solche Stelle wählen lassen. Das heißt nicht, Augen, Ohren und Mund zu verschließen. Vergessen wir nicht: Aristoteles war kein Staatsmann, er hielt Vorlesungen. Er dachte nach. Er beobachtete, zog Folgerungen. Und behielt stets die Zukunft, also die Jugend, folglich die Frage der Erziehung im Blick.

Die empfindlichste Stelle der Demokratie sind die Demokraten. Das heißt, die Demokratie bedarf einer Mehrheit von Menschen, die entscheidungsfähig sind. Das griechische Wort dafür heißt kritikós. Demokraten müssen kritisch sein können. Das bedeutet, sie bedürfen hinreichender Kenntnisse und der Fähigkeit, sie anzuwenden. Hierfür braucht es Geistesbildung. Demokratie ist durch Dummheit in Gefahr zu bringen. Mit Bildung meine ich nicht die Anhäufung von für kanonisch erklärten Kenntnissen die allerdings nicht schadet. In meinem Verständnis ist Bildung die Verwandlung von Wissen in Bewusstsein.

Rund hundert Jahre vor Aristoteles hat Demokrit von Abdera, der schöne Sätze über die Erziehung verfasst hat, gesagt: Bildung ist den Glücklichen Schmuck, den Unglücklichen Zuflucht. Er war es auch, der wusste: Es gibt gelegentlich Verstand bei den Jungen und Unverstand bei den Alten. Aber seinen unauffälligsten Satz Mehr Leute werden durch Übung tüchtig als durch Anlage greift Aristoteles in seiner Bildungstheorie auf, wo er sagt: Man muss in jeder Fähigkeit und Kunst zur Ausübung vorgebildet und vorher geübt worden sein, und so offenbar auch für das tugendhafte Verhalten.

Daraus leitet er das Schulmonopol des Staates in der Demokratie ab: Dass sich der Gesetzgeber in erster Linie um die Erziehung der Jungen kümmern muss, wird wohl niemand bestreiten. Wo es in den Staaten nicht geschieht, da erwächst auch ein Schaden für die Verfassung. Die Menschen müssen ja im Hinblick auf die jeweilige Verfassung erzogen werden.

Ich glaube, es ist nicht nötig, auszuführen, worin der Gegensatz zwischen unserer Lage im Bildungssystem und den genannten Grundforderungen besteht. Auch dass die Erziehungsaufgabe des Staates nicht den Vorrang hat, den sie haben müsste, weiß jeder. Ebenso, dass Schule nicht Ersatz bieten kann für das Gespräch am häuslichen Tisch, das vielerorts verstummt ist.

Doch eines will ich noch hinzufügen, das bei Aristoteles, vermutlich weil es so selbstverständlich war, nicht vorkommt: Demokraten bedürfen der Phantasie. Sie müssen nämlich in der Lage sein, Alternativen zum augenblicklichen Zustand zu erdenken, zu gestalten oder zu verwerfen. Von dieser Bewegung lebt Demokratie. Andernfalls verfällt sie zu einem bloßen Wettstreit um Besitzstandswahrung.

Die Phantasie nun, mit der jeder Mensch geboren wird, ist nicht beliebig verfügbar, sie muss trainiert werden wie ein Muskel. Neurophysiologen sagen: Das beste Training ist Lesen.

Auch hierzu muss ich keine weitere Beschwerde führen, jeder weiß, wie es darum steht und was die Folgen sind. Nur so viel an eigener Beobachtung: Lese ich an Schulen aus meinen Büchern, soll sich zumeist ein Gespräch anschließen, das ich gern führe. Zunehmend lästig wird, dass wir uns auf nichts mehr verständigen können: Ich will ja einen Austausch, greife nach Literaturkenntnissen, nach Geschichte, nach Kunst immer häufiger ist da nichts oder nur Nebelhaftes in diesen Leistungskursen vorhanden. Selbstverständlich ist das keine Frage der Intelligenz. Im Gegenteil, mir kommen die Schüler schneller, wendiger im Geist vor, als wir es waren. Was fehlt, sind Kenntnisse, auf deren Grundlage wir kommunizieren könnten. Nicht einmal die Geschichten des Alten und des Neuen Testaments lassen sich mehr voraussetzen. Komme ich auf Sagen, auf Märchen zu sprechen, rede ich in blanke Gesichter.

Man kann der Ansicht sein, dies sei nur ein Problem der Literatur, die sich ja, weil sie anders nicht kann, immer bezieht auf die Fülle der sprachlichen Kultur und ihre vorangegangenen Autoren. Wenn das nicht mehr verstanden wird, wenn also unser Schreiben auf keinen Kontext in den Köpfen der Leser mehr trifft nun, dann bleiben immer noch die Romane, die auf jeder beliebigen Tabula rasa ihre Trivialität ausbreiten; Zeitvertreibliteratur.

Es geht mir aber nicht um die Frage, ob wir vielleicht vor dem Ende der Literatur stehen, sondern darum, wovon das Gespräch zwischen den Generationen handeln kann. Ich bin kein Pädagoge, ich rede mich manchmal um Kopf und Kragen.

Regelmäßig frage ich Schüler, warum man eigentlich Literatur lesen sollte, und erhalte meist brave Antworten, Bücher gehörten nun mal zur Kultur. Wenn mich der Hafer sticht, entgegne ich: Literatur lesen wir, um zu erfahren, wie es anderen Menschen anderswo anderswann ergangen ist. Und zwar mit Kopf und Herz zu erfahren, nicht als Geschichtsbuchsatz, nicht als Statistik, sondern mitlebend, weinend, lachend, entsetzt oder voller Furcht. Wir lesen, weil wir wissen wollen, was das Leben sei. Das löst, weil ich nicht von Kunst spreche, immerhin zuweilen Protest aus und führt uns über kurz oder lang zur Frage nach dem persönlichen Glück.

Wenn wir dann alle materiellen Glücksattribute zurückgewiesen und abgelegt haben was ein schöner Grundkurs in Phantasie ist geraten wir oft in ein längeres Gespräch, das für mich die reine Freude ist. So offen und sanft über das Leben nachdenken konnten wir in diesem Alter nicht. Irgendwie kommen wir dann doch zurück auf die Frage der Bildung, und ich greife zu meinem Demokrit: Bildung ist den Glücklichen Schmuck, den Unglücklichen Zuflucht. Nun wissen vielleicht manche besser, wie hilfreich es sein kann, im Kopf Bücher mit sich herumzutragen, die bestehen, wenn alles andere sich als unbeständig erwies.

Es ist ein ebenso großes Verbrechen an den Jugendlichen, sie nicht an die Möglichkeiten ihrer Phantasie heranzuführen, wie ihnen keine Ausbildungsplätze anzubieten. Es ist ein Verbrechen, kein Versäumnis. Es ist, als ob man ihnen ein Bein oder einen Arm abschlüge. Und es ist für den Bestand der Demokratie geradezu grob fahrlässig, wenn wir Wähler heranwachsen lassen, die aufgrund mangelnder Bildung und mangelnder Phantasie ihre möglichen Fähigkeiten zur Entscheidung verfehlen.

Täuschen wir uns nicht: Je geringer die Lust an der Ausübung des Wahlrechts, umso stärker die mögliche Attraktion simpler, scheinbar griffiger Po litikmodelle. Ideologie und Gewalt profitieren stets von Ratlosigkeit, Neid, Verzweiflung, Bildungsmangel und ungerichteter Begeisterungsfähigkeit.

Es muss daraus keine Bewegung entstehen. Schon wachsende Unruhe kann eine Demokratie an den Rand ihrer Selbstzerstörung treiben, weil sie zum eigenen Schutz Methoden ergreift, die ihre Freiheitlichkeit beschädigen. Ich erinnere mich gut an die späten Siebziger, als die Bundesrepublik zur Bekämpfung der RAF sich fast in jenen Staat verwandelte, den die Terroristen sich als Feindbild erfunden hatten.

Auch heute gilt: Wirksame TerrorBekämpfung beschädigt immer zugleich die bürgerlichen Freiheiten. Also muss auch hier der vorauslaufenden politischen Vermeidung von Gewalt alle Priorität zukommen. Aber das ist ein anderes, weites Feld. Nur sollten wir uns von der weltideologischen Parole Kampf gegen den Internationalen Terrorismus nicht so viele Freiheitsbegrenzungen aufschwätzen lassen, dass wir uns am Ende fragen müssen, was an unserer Gesellschaft eigentlich noch die Verteidigung lohnt.

Nehme ich abschließend zusammen: den Übermut der Ämter mit dem Zynismus der Funktionäre; den Verlust von Vorbildlichkeit in der Politik mit der Schwäche der demokratischen Institutionen; die Bildungsmisere mit dem Chancenmangel der jungen Generation dann kann ich nicht anders: Ich muss daraus Alarmzeichen lesen und sie auch so benennen. Nicht aus Neid auf die Milliardäre. Nicht aus Nostalgie für die Revolte meiner Jugendzeit. Sondern aus Sorge. Ich möchte gern gewissenhaft und mit dem notwendigen Maß an Rechtssicherheit und Ruhe nachdenken dürfen und, auf der Kraft des Wortes insistierend, meinen Beruf ausüben. Ich bin nicht bereit, für ein paar Spitzenegoisten und die Laufruhe ihrer Zwölfzylinder das Feuer an meiner Haustür zu riskieren. Ich bin ein spießiger Demokrat. Nicht neidisch. Aber an Frieden interessiert.

Gert Heidenreich


50 Jahre Denkanstöße für eine friedlichere Welt

Quelle: Studiengesellschaft für Friedensforschung

Die Studiengesellschaft für Friedensforschung hat verschiedene Schriften in Form von «Denkanstößen» herausgebracht, welche auch in gedruckter Form erhältlich sind. Wer hier Interesse hat, kann diese gerne unter der u.a. Kontaktadresse beziehen.

Studiengesellschaft für Friedensforschung e.V.
Fritz-Baer-Straße 21
81476 München
Telefon/Fax (0 89) 724 471 43
E-Mail: info@studiengesellschaft-friedensforschung.de

Bild- und Grafikquellen:

  1. Beitragsbild: »Zitat Karl Gutzkow« – http://gutezitate.com
  2. »Manager« – www.pixabay.com
  3. »Gewalt ist keine Lösung« – moritz rothacker  / pixelio.de
  4. »Zynismus, Schattenspiel« – www.pixabay.com
  5. »Was ist der rechte Weg?« – www.pixabay.com

Islam und Islamismus – Eine Herausforderung für Deutschland?

von Studiengesellschaft für Friedensforschung e.V.

Grundlegendes über den Islam

In der heutigen Zeit kann man von drei grundlegenden Tatbeständen ausgehen. Zum ersten ist der Islam eine ungemein dynamische Erscheinung. Sie kann nicht mehr einfach mit Rückständigkeit, Modernisierungsfeindlichkeit und “Mittelalter” gleichgesetzt werden. Der Islam als Faktor gesellschaftlicher und politischer Umgestaltung ist nicht mehr auszublenden. Er ist heute weithin die einzige Kraft, über die breitere Massen in islamischen Ländern mobilisiert werden können. Mit Ideologien vergangener Jahrzehnte wie Sozialismus, Nationalismus, Säkularismus oder etwa Kommunismus sind Massenmobilisierung und Legitimation nicht mehr zu erreichen.

Zum zweiten ist der Islam auch aus europäischen Gesellschaften nicht mehr wegzudenken. Während der letzten 40 Jahre hat hier eine fundamentale Entwicklung stattgefunden. Hat es um 1950 erst rund 900.000 muslimische Bewohner in Europa gegeben, so sind es zu Beginn des 21. Jahrhunderts bereits rund 17 Millionen. Waren es Anfang der sechziger Jahre in der alten Bundesrepublik Deutschland nur einige zehntausend Muslime, die etwa als Ärzte, Ingenieure oder Studenten hier lebten, einige zehntausend, die überhaupt nicht auffielen in der Gesellschaft, so liegt heute die Anzahl der Muslime in Deutschland bei etwa 3,5 Millionen mit steigender Tendenz. [1] Sie sind hier und werden hier bleiben, als Minderheit in einer christlich-säkularen Mehrheitsgesellschaft. Das bedeutet, dass künftig auch der Islam aus dem Erscheinungsbild der deutschen Gesellschaft nicht mehr wegzudenken ist. Er ist unter uns und Teil unserer Gesellschaft.

Zum dritten ist klar, dass Islam nicht gleich Islam ist. Er existiert in vielen verschiedenen Variationen. Ein Muslim in Europa muss sich mit anderen Gegebenheiten auseinandersetzen als ein Muslim in Indonesien oder im Jemen und wird sich entsprechend anders verhalten. “Der Islam ist”, so die Berliner Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer, “überspitzt ausgedrückt, weitgehend das, was Muslime an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit als islamisch definieren und praktizieren”. So umfaßt der Islam so konträre Auffassungen wie die der gemäßigten Aleviten oder der radikalen Schiiten. Insgesamt gibt es in der islamischen Welt 76 verschiedene religiöse Strömungen und Richtungen.

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Bild 1: Organisation der islamischen Konferenz

Im September 1969 beschloss eine Konferenz islamischer Staatsoberhäupter in Rabat/Marokko die Gründung einer Institution , die auf den Namen Organisation der Islamischen Konferenz getauft wurde. Die Ziele sind in der 1972 verfassten Charta u.a. wie folgt festgeschrieben: Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten auf den Gebieten Wirtschaft, Soziales, Kultur und Wissenschaft, Kampf gegen Rassismus (Zionismus) und Kolonialismus sowie der Schutz der Heiligen Stätten des Islam. Der Organisation gehören heute 57 Mitgliedsstaaten sowie drei Länder mit Beobachterstatus an.

Der Islam ist die heute wohl vitalste, vor allem aber die kämpferischste aller Weltreligionen. Eine zentrale Eigenart des Islam – vom aufgeklärten Abendland als besonders bedrohlich empfunden – hatte schon der französische Historiker Alexis de Tocqueville im 19. Jahrhundert erkannt: die Verschmelzung von geistlicher und weltlicher Autorität, von Religion und Politik. “Der Mohammedanismus”, schrieb Tocqueville, “ist diejenige Religion, welche die beiden Machtbereiche am vollständigsten miteinander vermengt und vermischt hat, so dass alles Handeln im bürgerlichen und politischen Leben mehr oder minder vom religiösen Gesetz geregelt wird”. Mohammeds Lehre fordert die totale Unterwerfung unter den allgewaltigen Gott. Sie ist einfacher und konkreter als die älteren Religionen von Hindus, Buddhisten, Juden und Christen. Sie kennt nicht so Geheimnisvolles wie Wiedergeburt, Dreifaltigkeit, Fleischwerdung und Erlösung. Im Islam gibt es keine zentrale Institution – wie für die Katholiken der Vatikan -, die verbindliche Anweisungen erteilt. Dennoch bleibt kein Bereich des menschlichen Daseins von seiner Durchdringungskraft ausgespart. “Der Islam”, so befand der englische Philosophieprofessor Ernest Gellner bündig, sei nicht weniger als “der Entwurf einer Gesellschaftsordnung”. [2]

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Bild 2: Bilderverbot

Allah bleibt unsichtbar: Er offenbarte sich lediglich durch einen Text, den Koran, in dem von einem Bilderverbot jedoch nicht ausdrücklich die Rede ist. Dieses wurde vielmehr aus den Aufzeichnungen über das Leben und Wirken des Propheten (Hadith) hergeleitet. Engel, so habe er gesagt, beträten kein Haus, in dem sich eine bildliche Darstellung von Mensch oder Tier befinde. Ferner habe Mohammed Berichten zufolge bebilderte Vorhangstoffe zerschneiden und zu Kissenbezügen umarbeiten lassen. Um 1400 kamen dennoch erste Bilder mit Darstellungen des Prophetenleben auf.

Die Entstehung des Islam

Allgemeine Aussagen über den Islam sind schwierig. Schon das Wort Islam selbst wird für gewöhnlich in zwei unterschiedlichen, wenngleich verwandten Bedeutungen verwendet. Zum einen steht der Begriff für eine Religion, ein System des Glaubens und der Verehrung, zum anderen für die Zivilisation, die unter dem Zeichen dieser Religion gewachsen und aufgeblüht ist. So gesehen bezeichnet das Wort Islam mehr als vierzehn Jahrhunderte Geschichte, 1,3 Milliarden Menschen und eine enorm vielfältige religiöse und kulturelle Tradition.

Islam wörtlich übersetzt meint “Hingabe”, “Unterwerfung” oder auch “Sich-Gott-Ergeben” und kommt von der Wurzel Salam, die u.a. “Frieden” und “Ergebung in Gottes Willen” bedeutet. Vom selben Wortstamm abgeleitet ist Muslim: “der sich Ergebende”. Islam heißt also Frieden halten mit Gott, eine Lebensweise des Einzelnen und der Gemeinschaft im Rahmen der von Gott offenbarten Regeln. Der Islam ist in seinen Idealen auch eine Religion des Friedens. Große Teile der Menschheit haben über die Jahrhunderte hinweg in ihr Orientierung für ihr Leben gefunden.

Der Islam ist eine monotheistische Weltreligion mit über 1,3 Mrd. Anhängern. [3] Er ist nach dem Christentum entstanden und versteht sich wie dieses als eine universale Religion mit einem Wahrheitsanspruch, der sich potentiell an jeden Menschen richtet. Ein Wesenszug des Monotheismus ist der Alleinvertretungsanspruch; Monotheisten erklären alle anderen – einschließlich anderer Monotheisten – zu Ungläubigen.

Die historischen Ursprünge des Islam finden sich im Leben eines Mannes mit dem Namen Mohammed, geboren um 570 n. Chr. in der Stadt Mekka im heutigen Saudi-Arabien und verstorben 632 n. Chr. in der nahe gelegenen Stadt Medina. Der Islam ist insofern ein Sonderfall in der Religionsgeschichte, als sein menschlicher Begründer, der Prophet Mohammed, gleichzeitig Staatsmann und als solcher auch Militärführer war. Buddha und Jesus waren umherziehende Wanderprediger, die selbst wenig oder keinerlei Bezug zur Politik ihrer Länder hatten. Auch die alttestamentlichen Propheten waren äußerstenfalls Berater von Königen und Heerführern, aber sie zogen in aller Regel nicht selbst in den Krieg.

Mohammed sah sich selbst als Fortsetzer und Vollender einer langen Reihe von monotheistischen Propheten, zu denen auch die jüdischen Propheten und Christus gehören. Dennoch wendet sich Mohammed in seiner Verkündung, wie sie der Koran überliefert, auch gegen Judentum und Christentum. Aus der Sicht des Koran haben beide, Juden und Christen, die auf Moses und Jesus von Gott (arabisch Allah) selbst herab gesandten Heiligen Schriften verfälscht, was den Text oder aber zumindest was dessen authentische Bedeutung angeht. Es gibt somit zwischen Islam, Christentum und Judentum sowohl Gemeinsamkeiten als auch Gegensätzliches.

Als Mohammed gegen 570 n. Chr. in Mekka im Klan der Haschim vom Stamm der Kuraischiten geboren wurde, siedelten auf der arabischen Halbinsel Nomaden, Halbnomaden und sesshaft gewordene arabische Stämme. Die Kuraischiten waren bereits um etwa 500 n. Chr. in Mekka sesshaft geworden. Mekka lag am Kreuzungspunkt mehrerer Karawanenstraßen und beherbergte offenbar schon sehr lange ein vorislamisches, polytheistisches Heiligtum: die Kaaba, einen Tempel, in dessen südwestlicher Außenwandecke ein Meteorit, der heilige schwarze Stein, eingemauert war und der den Mittelpunkt eine riesigen Wallfahrtsbewegung bildete. Diese zu bestimmten Zeiten abgehaltenen Wallfahrten brachten der reichen Handelsstadt Mekka durch Messen und Märkte wirtschaftliche Vorteile; hier trafen sich im Schutze der heiligen Monate, in denen Kampf und Mord verboten waren, Vertreter aller arabischen Stämme. Südarabien, durch seinen Reichtum berühmt, hatte zur Zeit, als Mohammed geboren wurde, seine Glanzperioden hinter sich. Es war noch ein Gebiet magisch-kultischer Stammesreligionen, in dem sich zahlreiche Heiligtümer befanden: Bäume, Grotten und vor allem Steine wurden für heilig und machtgeladen gehalten. Die arabische Gesellschaft setzte sich ursprünglich aus Nomadenstämmen zusammen, deren Stammesrivalitäten in altarabischer Zeit Blutrache und Überfälle in den großen Wüstengebieten nach sich gezogen hatten. Neben den heidnischen Arabern lebten zu dieser Zeit auch schon christliche arabische Stämme und jüdische Familien auf der Halbinsel.

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Bild 3: Die Weltreligionen

Die überkommene Gesellschaftsordnung der Stämme auf der arabischen Halbinsel war im 6. Jahrhundert in eine Krise geraten. Das Stammeseigentum ging immer mehr über in das Eigentum einzelner Sippen und Familien, wodurch soziale Unterschiede wuchsen. Diese fortschreitende soziale Differenzierung zerstörte die ursprünglichen Ideale des Beduinentums – Stammessolidarität, Freiheit, Tapferkeit. Proteste wurden laut gegen das wachsende Unrecht. Der weithin zur leeren Formel erstarrte Polytheismus verlor an Attraktivität, zumal jüdische und christliche Gemeinden mit ihrem Monotheismus dem Bedürfnis nach stammesübergreifenden Gemeinwesen ein positives Beispiel gaben. Hanifen (“Gottsucher”), die als asketische Einsiedler in der Wüste lebten, vertraten den Glauben an einen einzigen Gott.

Mohammeds Vater starb, als dieser noch nicht geboren war. Mohammed war gerade erst sechs, als auch seine Mutter verstarb. So wuchs Mohammed zunächst unter der Obhut seines Großvaters auf. Dieser starb, als der Junge acht Jahre alt war, und einer von Mohammeds beiden Onkel väterlicherseits, Abu Talib, übernahm seine Erziehung und nahm ihn auch immer wieder auf Geschäftsreisen mit. Mohammed lebte in Mekka, bis er nach dem 20. Lebensjahr für eine wohlhabende Witwe namens Hakhiga zu arbeiten begann, die ihn als Karawanenführer u.a. nach Syrien schickte. Mit 25 Jahren heiratete er die damals 40-jährige Witwe und bewahrte ihr immer eine tiefe Zuneigung: Solange sie lebte, nahm er keine andere Gattin. Sie schenkte ihm sieben Kinder, von denen nur eine Tochter, Fatima, überlebte und selbst Nachkommen hatte.

Als Karawanenführer dürfte Mohammed sowohl Juden als auch Christen kennen gelernt und somit Kenntnisse über ihren von den arabisch-vorislamischen Vorstellungen völlig abweichenden Glauben erworben haben. Mohammed begab sich schon früh auf die Suche nach Gott, zog sich in die Einsamkeit der Berge und der Wüste zurück, meditierte in Höhlen und mit 40 Jahren, also im Jahre 610 n. Chr., setzte seine prophetische Sendung – die Offenbarung des Koran – ein.

“Die Wahrheit” kam schmerzlich über ihn, der nach Ansicht vieler Islamforscher ein Analphabet war. Seine prophetische Sendung begann im Traum. Sie erging auf einer Berghöhe (Hira) in der Nähe von Mekka, wohin er sich zurückzuziehen pflegte, an ihn. In einer Höhle, so ist überliefert, stand eines Nachts plötzlich eine geheimnisvolle Gestalt bei ihm. Der Engel Gabriel, den er vor sich sah, packte ihn mit aller Kraft und schnürte ihm die Luft ab, als er auf dessen Worte nicht reagieret: “Trage vor im Namen deines Herrn!” Noch einmal würgte der Engel ihn und forderte: “Trag vor!”

Endlich glaubte Mohammed begriffen zu haben – er sollte die ihm vorgebeteten Worte rezitieren und sich für alle Zeiten merken: Die Lehre von Gott, der ihn als seinen Gesandten dazu bestimmt habe, die Mitmenschen von ihrem heidnischen, egoistischen und unbarmherzigen Leben abzubringen, damit ihnen nicht am Tage des Jüngsten Gerichts “eine auseinander klaffende Erde, lodernde Feuer” und weitere Höllenqualen drohten. Ein Gedanke beherrscht die ersten Verkündigungen Mohammeds: das nahende Endgericht. In jagenden kurzen Zeilen klingender Reimprosa, in sich überstürzenden Bildern wird das Hereinbrechen der Stunde, des Tages der Abrechnung, der Auferstehung angekündigt. Diese Offenbarung, die in Mekka begann und sich später in Medina fortsetzte, war die Geburtsstunde des Islam. Mohammed trat aus der Höhle und hörte, wie eine Stimme ihn als den Gesandten Allahs grüßte. Als er die Stimme Allahs zum erstenmal hörte, war er anfänglich in Sorge, das Opfer eines teuflischen Betruges zu sein; doch allmählich wuchs der Glaube an die Echtheit der Offenbarung.

Durch die Vermittlung des Erzengels Gabriel wurde also der Koran offenbart, wobei die Sure 96 als die erste der Offenbarungen gilt. Mohammed galt als Träumer. Seiner Sendung war er sich anfangs keinesfalls sicher. Nur seiner Frau und wenigen Vertrauten erzählte er von den Offenbarungen, die ihm fortan in unregelmäßigen Abständen zuteil wurden. Nach drei Jahren erhielt er vom Engel Gabriel den Befehl zur offenen Verkündung: “Wenn du es nicht verkündest, hast du deine Sendung nicht erfüllt.” Im Trancezustand empfing er weitere Fragmente des Korans.

Gegen 613 begann er zu predigen, in kurzen, angstvollen, erregten Sätzen, die ganz von dem Gedanken an den göttlichen Zorn und das nahe Gericht erfüllt waren. Er predigte gegen Diebstahl und Verleumdung, von der sozialen Verpflichtung des Eigentums, dem pfleglichen Umgang mit Frauen, gegen Wucherzins, Glücksspiel und Alkohol, gegen Ehebruch und Mord an Kindern, die man nicht ernähren zu können glaubte, und für das Körperwaschen nach dem Sex. Aber Mohammed war nicht nur der Androher und Ermahner, sondern auch der Verkünder froher Botschaft: Der Fromme, welcher Gottes Befehlen gemäß lebt, wird ins Paradies eingehen, wo Bäche von Milch und Honig in kühlen, duftenden Gärten fließen und jungfräuliche Geliebte ihn erwarten. Auch Frauen und Kinder haben an der Paradiesseligkeit teil.

Handelte es sich in Mekka zumeist um eschatologische Themen vom Jüngsten Gericht, so richteten sich die späteren Medina-Botschaften vor allem auf das diesseitige Leben. Oft bezogen sich Mohammeds vom Himmel diktierte Eingebungen auf tagespolitische Ereignisse. Er fand glühende Anhänger unter seinen nächsten Angehörigen, darunter seine Frau Hakhiga und seinen jungen Vetter Ali; dazu kamen Freigelassene fremder Herkunft, junge Leute und solche, die sich in schwierigen und bedrückenden Lebensumständen befanden.

Als Mohammed in der Folge in Mekka zu predigen begann, brachten ihm die Kuraischiten vorerst wohl Interesse entgegen, als er jedoch sein Volk zu warnen begann, zur “Umkehr” und der Aufgabe ihres Kultes aufrief und es zur bedingungslosen Unterwerfung unter den einen, einzigen Gott aufforderte, musste Mohammed zwangsläufig von den Kuraischiten als Feind betrachtet werden. Er stellte nicht nur die althergebrachten Stammes- und Familienstrukturen in Frage, sondern auch die Grundlagen des Kuraischitischen Wohlstandes.

Mohammed wurde also in seiner sehr oligarchisch geprägten Heimatstadt Mekka von seinem eigenen Stamm verspottet, bekämpft und verfolgt, weil er eine echte Revolution gegen die Interessen der Kuraischiten auf mehreren Gebieten entfachte: religiös, da er eine neue Religion verkündete, die alle heidnischen, polytheistischen Religionen ersetzen und die jüdische und christliche berichtigen sollte; politisch, weil eine neue Ordnung etabliert werden sollte, die den Stamm durch eine islamische Gemeinde ersetzen sollte, in der zunächst die Araber (also die Halbinsel) vereinigt werden sollten; wirtschaftlich, weil der Islam auch hier die staatliche und gesellschaftliche Entwicklung bestimmen wollte, wobei eine größere Gerechtigkeit als im alten System angestrebt wurde.

Nach dem Tod seines Ersatzvaters Abu Talib und seiner Frau Hakhiga im Jahr 619, entschloss sich Mohammed am 16. Juli 622, mit einer kleinen Schar von Anhängern und Getreuen aus Mekka zu fliehen und einem Ruf jüdischer und arabischer Stämme der Stadt (“medina”) Yathrib (später Medina) zu folgen, wo er als Friedensstifter agieren sollte (Hedschra, Beginn der islamischen Zeitrechnung). Mohammed war 52, als er seiner Stadt den Rücken kehrte: Ein Prophet, der in seiner Heimat nichts galt. Ein Gescheiterter, der zwei Drittel seines Lebens hinter sich hatte und nicht viel mehr als einige Dutzend Anhänger um sich scharen konnte, die an ihn glaubten. Dass er in dieser Situation nicht an seiner Botschaft verzweifelte und aufgab, grenzt für den Ungläubigen an ein Wunder.

In Medina gab es zu dieser Zeit nicht nur einen, sondern fünf Stämme, die sich gegenseitig befehdeten. Es gab deshalb auch keine oberste politische Instanz und keine Ratsversammlung der Oberen wie in Mekka. Das Erste, was Mohammed in Medina demonstrierte, war das Integrationspotential seiner Offenbarung, da er an Stelle genealogischer Gemeinschaften eine religiöse Vergemeinschaftung verkündete. Deren Nutzen wurde allmählich von den Medinensern erkannt, denn schon nach wenigen Jahren entstand ein Bündnisvertrag (die sogenannte “Konstitution von Medina”), der die Muslime Medinas und die Zuwanderer aus Mekka zu einer religiös begründeten Gemeinschaft, der “Umma”, zusammenschloss.

Bald aber ging Mohammed einen Schritt weiter, denn nun forderte er in Medina Gehorsam gegen Gott und seinen Gesandten: “Und gehorchet Gott und seinem Gesandten und streitet euch nicht” (Sure 8 Vers 46, 47, 33). Da die Medinenser dieser Aufforderung Folge leisteten, hatte Mohammed sein Ziel erreicht: Er hatte einen staatsbildenden, dritten Monotheismus begründet und eine welthistorische Revolution eingeleitet. Diese Revolution war alleine das Werk Mohammeds mit seiner großen Ausstrahlungskraft. Er konnte sie aber dennoch nur realisieren, weil seine Botschaft mit ihrem Friedensappell (“Streitet euch nicht”) Sinn stiftete in einer nicht funktionierenden Gesellschaft, die sich aus verschiedenen genealogischen Gemeinschaften zusammensetzte.

In dieser Phase entsprach die Umma, die islamische Gemeinde, durchaus einer Theokratie, einer Gottesherrschaft. Als Prophet Gottes sorgte Mohammed dafür, dass der göttliche Wille auf Erden befolgt wurde. Dennoch, oder gerade deswegen, finden sich im Koran keine klaren Aussagen darüber, wie die Umma politisch organisiert werden sollte. Er geht über vage Anweisungen nicht hinaus. So werden die Gläubigen etwa an einer Stelle dazu aufgerufen, sich vor wichtigen Entscheidungen untereinander zu beraten. Dieses Prinzip, auf arabisch schura, nehmen reformorientierte Muslime heute als Beleg dafür, dass demokratische Elemente bereits im Koran angelegt und deswegen mit dem Islam vereinbar seien.

Von nun an nahm Mohammed in Medina die Stellung eines Staatsoberhauptes im Kleinen ein. Für den Religions-Stifter begann eine Zeit des Aufbaus seines neuen Reiches. Es ging Mohammed neben der Erfüllung seiner religiösen Aufgabe vor allem darum, für seine Emigrationsgefährten, die Muhadschirun (die Auswanderer) und seine neuen Verbündeten von Yatrib, die Ansar, ein gemeinsames Leben in gutem Einverständnis zu sichern und eine Einheit des Glaubens zu schaffen: Er betrachtete die ihm zuteil gewordene Offenbarung als Vollendung derjenigen, mit der Gott einst Moses und vor ihm Abraham, den gemeinsamen Ahnherrn der Juden und Araber, begnadet hatte.

Nichtmuslime vermögen leicht einzusehen, dass die trotz aller Verschiedenheit bestehenden Gemeinsamkeiten zwischen dem Koran und dem Alten Testament auf die Gespräche zurückgehen, die Mohammed und seine Freunde mit den Juden Medinas geführt haben. Äußeres Zeichen für die zunächst bestehende Nähe dieser dritten “Buchreligion” zu ihren Vorgängern war die von Mohammed zu Anfang angeordnete Ausrichtung beim Gebet nach Jerusalem. Noch die erste Moschee in Medina war mit der Stirnseite nach Jerusalem ausgerichtet, wohin sich die Gläubigen auch verneigten. Aber weil Mohammed von den Juden nicht als Prophet anerkannt und seine Lehren nicht akzeptiert wurden, kam es zum Bruch. Mohammed unterstellte jedoch Juden und Christen eine Verfälschung der Heiligen Schriften durch spätere Generationen. Sie hätten dort nach eigenem Gutdünken Texte eingefügt oder entfernt. Er gab die koranische Version des biblischen Stoffes als allein authentisch aus, proklamierte eine neue, von ihren Vorläufern losgelöste, verselbstständigte Religion und veränderte die Gebetsrichtung in Richtung Mekka.

Den Juden warf Mohammed vor, Jesus als einen Propheten Gottes abzulehnen, damit würden sie einen gewichtigen Teil der Wahrheit unterschlagen. Die Christen wiederum würden Jesus zu einem “Sohn Gottes” machen und außerdem noch den “Heiligen Geist” zu einer dritten Erscheinungsform des Göttlichen erklären. Gott aber in drei Formen, dies sei der erste Schritt zur Vielgötterei.

Mohammed beanspruchte auch den Stammvater Abraham ganz für sich, indem er ihn zum Ur-Muslim erklärte. Er behauptete, Abraham habe einst den schwarzen Stein in die Kaaba von Mekka gebracht und dort gebetet. Abrahams Name wird in 25 der 114 Koran-Suren erwähnt. Der Koran gebietet den Muslimen, dem Glauben Abrahams zu folgen: “… Abraham war weder Jude noch Christ, doch er war fest im Glauben und er war kein Götzendiener.” Damit erhebt Mohammed den Islam nicht nur zur Vollendung, sondern zum Ursprung aller monotheistischen Religionen.

Eine weitere Aufgabe, die Mohammed zu lösen hatte, bestand darin, das materielle Leben der Gemeinschaft zu sichern und sie moralisch im Kampf zusammenzuschweißen. Auch galt es, den Kuraischiten, welche die Bildung der feindlichen Zelle in Medina beunruhigte, so lange Widerstand zu leisten, bis sie in den neuen Staat eingefügt werden konnten. Die kriegerischen Zwischenfälle, von denen die Überlieferung so gern eingehend berichtet, setzten einerseits die alte Gewohnheit der Stammeskämpfe und Beutezüge fort, leiteten aber zugleich den Dschihad, den “Heiligen Krieg” der kommenden Zeit ein. Im Jahre 630 schließlich konnte Mohammed nach Mekka zurückkehren. Der alte Kult wurde abgeschafft, die Götzen in der Kaaba zerstört, die Kuraischiten unterwarfen sich, aber es gab keine Vergeltungsmaßnahmen. In Mekka hielt er auch seine letzte Rede, denn, kaum nach Medina zurückgekommen, erkrankte er und starb (632 n. Chr.).

Solange Mohammed lebte, wurden die Probleme von ihm selbst gelöst, das betraf sowohl die Religion als auch die Politik, Gesellschaft usw. So waren bereits in dieser frühen Phase Religionsgemeinschaft (arab. umma) und Staat prinzipiell eins. Deshalb wurde keine gesonderte Institution, keine Kirche, gegründet und diese Umstände führten auch dazu, dass der Islam – wie das Judentum, aber im Unterschied zum Christentum – eine Gesetzesreligion wurde: Alle Regelungen, die der Prophet als Staatsoberhaupt zu treffen hatte, galten von Anfang an als heilig und wurden so zu ewig gültigen, unabänderlichen Normen.

Dadurch ist der Islam deutlich mehr als andere Religionen – er ist auch der Entwurf einer Gesellschaftsordnung. Im Islam fehlt die Trennung zwischen Religion und weltlicher Macht von Anbeginn: Während christliche Gesellschaften über Jahrhunderte hinweg ganz selbstverständlich akzeptierten, dass es zwei Autoritäten gab, Gottes Stellvertreter und den Kaiser, war Mohammed von Anafang an Interpret des wahren Glaubens und weltlicher Herrscher in einem. Eine Trennung von Staat und Kirche ist zumindest im Ur-Islam undenkbar.

Der Kaufmannssohn feierte bereits zu Lebzeiten große militärische und politische Erfolge. Er schuf in Medina ein neues Gemeinwesen und eroberte dann auch seine Heimatstadt Mekka, aus der er hatte fliehen müssen. Er kommandierte Armeen, erhob Steuern, übte Rechte aus. Als er 632 verstarb, umfasste seine Gemeinschaft rund 104.000 Mitglieder.

Der Werdegang des Propheten Mohammed vollzog sich also in zwei Phasen. In der ersten Phase, in den Jahren, die er in seiner Geburtsstadt Mekka (570-622 n. Chr.) verbrachte, stand er in Opposition zu den heidnischen Herrschern. In der zweiten Phase, nach seinem Umzug von Mekka nach Medina (622-632), war er der Herrscher der Gemeinschaft. Diese beiden Phasen, die des Widerstands und die der Herrschaft, spiegeln sich im Koran wieder, in dem die Gläubigen in unterschiedlichen Versen und Suren einmal dazu angehalten werden, Gottes Stellvertreter auf Erden zu gehorchen, und dann wieder dazu, dem Pharao – Sinnbild des ungerechten und tyrannischen Herrschers – den Gehorsam zu verweigern.

Es ist für uns heute schwierig, einen Mann richtig zu beurteilen, der Stifter einer großen Religion wurde und doch zugleich tief in seiner Zeit verwurzelt war. Für den wahrhaft gläubigen Muslim ist er der Prophet Allahs, der Mittler, der dazu ausersehen war, den Menschen die Offenbarung zu bringen. Auch als Nichtmuslim muss man in diesem Mann eine überragende Persönlichkeit sehen, die mit der Kraft der Leidenschaft und mit unbestreitbarer Aufrichtigkeit das moralische und geistige Niveau der Menschen seines Lebenskreises zu heben suchte und die es verstand, ihre Botschaft dem Charakter und den Überlieferungen dieser Menschen mit so viel Verständnis und politischem Talent anzupassen, dass sie Lebenskraft gewann.

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Bild 4: Das Reich des Islam

Im Islam sind die sogenannten “vier Rechtsquellen” maßgeblich: Koran, Sunna, übereinstimmende Meinung der Rechtsgelehrten (Konsens) und Analogieschluss.Der Koran

Der Koran ist das heilige Buch, Grundlage und Stiftungsurkunde des Islam. Das arabische Wort “Qu’ran” bedeutet etwa “Lesung/Rezitation/Vortragstext”. Der Koran ist also Vortrag, vorgetragene Lesung. Nach islamischer Vorstellung handelt es sich dabei um das dem Propheten Mohammed zwischen 610 und 632 teils in Mekka, teils in Medina offenbarte Wort Gottes, das durch den Erzengel Gabriel übermittelt wurde. Alljährlich rief sich der Prophet den Wortlaut und die Reihenfolge der offenbarten Verse im Monat Ramadan erneut ins Gedächtnis, indem er sie vor dem Engel Gabriel noch einmal rezitierte. In dem Jahr, in dem er starb, rezitierte Mohammed den gesamten Koran sogar zweimal.

Zu Lebzeiten Mohammeds pflegten seine Begleiter die verkündeten Offenbarungen auswendig zu lernen oder auch schriftlich festzuhalten. Ausnahmslos alle Gefährten des Propheten kannten zumindest Teile des Korans, da diese während der gemeinsamen Gebete ständig rezitiert wurden. Da Mohammed weder lesen noch schreiben konnte, diktierte er die Offenbarungen an insgesamt 43 Sekretäre, die teils auf Stein, teils auf Holz, auf Leder oder auch Papyrusblätter schrieben. Zur Zeit des ersten Kalifen Abu Bakr wurden die einzelnen Suren gesammelt, geordnet und in die abschließende Form eines Buches gebracht. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Suren an unterschiedlichen Orten untergebracht. Der dritte Kalif Otman ließ den Koran sieben Mal vervielfältigen und in die Zentren des Islam schicken. Zwei der Orginalausgaben befinden sich heute in Istanbul und in Taschkent.

Der Koran ist in arabischer Sprache verfasst und besteht aus 114 Suren. Die meisten Suren (92 von 114) wurden in Mekka geoffenbart. Sie sind kurz, scharfsinnig, ja feurig und voll prophetischen Gedankengutes, Ausdruck der kämpferischen Zeit Mohammeds in seiner Vaterstadt. Thematisch zielen sie in ihrer Mehrheit darauf, die Sendung des Propheten zu bestätigen und die Gegner durch Bilder der Furcht zu überzeugen: von der Einzigkeit Allahs, seinen Attributen oder Eigenschaften, den moralischen Pflichten des Menschen und schließlich der Belohnung oder Bestrafung am Jüngsten Tag. Die restlichen 22 Suren, in Medina unter anderen Verhältnissen geoffenbart, sind Ausdruck des Siegers und Gesetzgebers, daher ihre Länge, die ungefähr die Hälfte des Korans ausmacht. Sie enthalten die verschiedenen islamischen Gesetze (oder deren Grundlagen) über Gebete, Fasten und Wallfahrt sowie Gebote und Verbote für alle Bereiche des Erdenlebens, die von Bedeutung waren. Die Offenbarungen, die über einen Zeitraum von 22 Jahren erfolgten, lassen sich historisch gliedern, was manche Aussagen widersprüchlich erscheinen lässt aufgrund der divergierenden Schwerpunkte. Diese widersprüchliche Haltung ist vermutlich auf den Unterschied im Sozialgefüge zwischen Mekka und Medina zurückzuführen und sorgt bis heute für Dispute und voneinander abweichende Interpretationen.

Die Vielfalt möglicher Interpretationen wurde in der islamischen Theologiegeschichte zumeist als göttliche Gnade und Beleg für den inneren Reichtum der Offenbarung empfunden. Die Anordnung der Suren, mit Ausnahme der ersten Sure, erfolgt einfach nach ihrer Länge: Sure 2 ist die längste, Sure 114 die kürzeste [4]. Die Suren sind in Reimprosa abgefasst und stellen das älteste arabische Prosawerk dar. Sie decken den gesamten Lebensbereich im Islam ab und sind allein aus diesem Grund auch politisch zu verstehen. Von den 6.236 Versen (mit 77.437 Wörtern) des Korans beinhalten etwa 500 rechtliche Regelungen in den unterschiedlichsten Rechtsbereichen. Allah kommt im Koran 2.685 mal vor. Er besitzt 99 Eigenschaften, in der Theologie Attribute genannt, an die die 99 muslimischen Rosenkranzkügelchen erinnern.

Der Koran gilt als unnachahmliches, übermenschliches Meisterwerk. Als besondere Leistung gilt es, den Koran in Koranschulen auswendig zu lernen, wobei es weniger darauf ankommt, den Inhalt zu verstehen, als die arabischen Laute, die Gottes Wort sind, auswendig zu können. Übersetzungen gibt es lediglich als Verdeutlichung, da Arabisch als Gottes Sprache gilt, weil Gott sich Mohammed auf Arabisch offenbart hat. Der Koran existierte lange Zeit nur in Arabisch, wodurch die arabische Sprache erst ihre weltweite Verbreitung fand. Arabisch bietet aber auch einen politischen Sprachschatz, der zur Abgrenzung gegenüber westlichem Dominanzstreben genutzt werden kann.

Was zu Lebzeiten Mohammeds noch ständige Erklärung und Anpassung an die wechselnden äußeren Umstände erfahren konnte, wurde nach seinem Tod als unabänderlich anerkannt, seiner Auslegung nur ein begrenzter Spielraum zugestanden. Die wichtigste Konsequenz für einen Muslim aus dem Koran als Wort Gottes ist, dass Gott und nur er – nicht etwa Mohammed oder ein anderer – der eigentliche Gesetzgeber ist, der prinzipiell mit seinen Anweisungen nichts im Leben unbeeinflusst lässt. Dadurch ist eine Trennung von Religion und täglichem Leben nicht möglich, im Gegenteil zu westlichen Vorstellungen bilden im Islam Religion und Staat (“din wa daula”) eine feste Einheit. Hieraus ergibt sich heute für islamische Fundamentalisten die logische Konsequenz der Wiedereinführung der Scharia, des islamischen Rechts, das infolge der Kolonialisierung im 19. Jahrhundert weitgehend durch europäische Codici abgelöst worden war. Da der Islam der Ausdruck des Willen Gottes, also der einzigen Wahrheit ist, die nicht diskutiert werden kann, kann sich kein Muslim außerhalb dieser Wahrheit stellen. Wer vom Glauben abfällt oder sich als Atheist bekennt, liefert sich dem Prinzip des “ridat” aus, d. h. es ist nicht nur erlaubt, sondern geboten, denjenigen umzubringen. Die gegen Schriftsteller wie Salman Rushdie und Nagib Machfuz ausgesprochenen Todesurteile sind Konsequenzen solcher rigoroser Schriftauslegung.

Die Sunna / die Hadithe

Neben dem Koran sind die Hadithe der zweite Grundlagentext der islamischen Religion. Zwischen den beiden Schriften besteht insofern ein grundsätzlicher Unterschied, als der Koran laut der orthodoxen Glaubenslehre das authentische Gotteswort ist, das durch den Erzengel Gabriel dem Propheten offenbart wurde. Die Hadithe dagegen sind nicht Gottes, sondern Mohammeds Aussprüche und Taten. Da aber der Prophet nach Auffassung der Theologen in allem unfehlbar war, was seine religiöse Sendung betraf, konnte sein Reden und Tun als direkt von Gott geleitet gelten. Ein Hadith ist demzufolge der Ausdruck des göttlichen Willens, der sich entweder in einer Handlung oder einem Ausspruch des Propheten selbst manifestiert oder aber in einer Handlung oder Aussage, die seine Zustimmung fand. Weil die Hadithe nicht Gottes eigenes Wort repräsentieren, sind sie den Koranversen untergeordnet; doch gelten auch sie als eine Form der göttlichen Offenbarung und demzufolge als eine verbindliche Basis für die islamische Lehre und die Lebens- und Glaubenspraxis der Muslime. Tatsächlich ist der Großteil der diesbezüglichen Vorschriften aus den Hadithen und nicht aus dem Koran abgeleitet. Dieser vermittelt mehrheitlich die umfassenden Lehren über Gott, den Menschen und das Universum; deren detaillierte Übertragung auf die Lebenswelt jedoch findet sich in den Hadithen. So beschränkt sich der Koran auf die Erwähnung der Pflicht zum regelmäßigen Gebet; die Hadithe informieren über die genaue Art und Weise, wann und wie die Gebete zu verrichten sind.

Die in den Hadithen entworfenen Glaubens- und Verhaltensregeln werden kollektiv als Sunna bezeichnet. Wörtlich bedeutet das arabische Wort “Weg”, in übertragenem Sinn auch “Brauch”. Im ersten Jahrhundert islamischer Zeitrechnung bezeichnete der Begriff die richtige Lebenspraxis der gesamten muslimischen Gemeinde, doch nach und nach verengte sich seine Bedeutung allein auf die exemplarische Lebensführung des Propheten; in diesem Sinn wird er auch heute verstanden. Vom 8. Jahrhundert an wurden diese Traditionen in Büchern zusammengestellt, nachdem Stücke vor allem auf Papyrus in sehr begrenztem Umfang schriftlich fixiert worden waren. Bis zu einer Million Hadithe zirkulieren in sechs kanonischen Büchern [5]: ein Sammelsurium von teilweise dubiosen Erzählungen und durchsichtig parteilichen Auslegungen von Mohammeds Worten. [6] Rund 9.000 werden gemeinhin anerkannt, auch davon sind mit einiger Sicherheit viele Fälschungen und wurden in offen tendenziöser oder sektiererischer Absicht nachträglich verfasst. Doch als die Hadithe im 8. und 9. Jahrhundert niedergeschrieben wurden, war eine Unterscheidung in authentisches und untergeschobenes Material kaum mehr möglich. Deshalb versucht sich jeder Hadith selbst dadurch zu rechtfertigen, dass er die ganze Überlieferungskette (die Isnad) von Gewährsmännern bis zurück zum Propheten angibt. Dementsprechend besteht jeder einzelne Hadith aus zwei Teilen: der Überlieferungskette (A hörte von B, dieser von C, etc.) sowie dem eigentlichen Text. Die als echt anerkannten Überlieferungen der Sunna werden in drei Gruppen eingeteilt:

  • Die echten authentischen: ursprünglich in ununterbrochener Tradition weitergegebenen Überlieferungen. Sie begründen verbindliche Rechtsnormen, denn die Rechtsgutachten von Muslimen, die den Propheten Mohammed selber noch befragen konnten, sind besonders wertvoll.
  • Die schönen: zwar später allgemein bekannte, zunächst aber nicht in ununterbrochener Tradition weitergegebene Überlieferungen. Sie begründen wegen des Bruchs in der Tradition keine verbindlichen Rechtsnormen.
  • Die schwachen: nur von einzelnen Gewährsmännern weitergegebenen Überlieferungen. Sie begründen unter genereller Anerkennung als Auslegungsregel eine gegenüber der zweiten und erst recht der ersten Gruppe nur abgeschwächte gewisse Wahrscheinlichkeit.

Der Konsens

Der Konsens bezeichnet die Übereinstimmung der Rechtsgelehrten, die nach dem Tode von Mohammed bei der Feststellung einer bestimmten praktischen Rechtsvorschrift zum Tragen kommt. Die Mehrheit der sachkundigen und kompetenten Gelehrten schreibt der Übereinstimmung einen bindenden und verpflichtenden Charakter zu. Die Gelehrten berufen sich dabei auf die überlieferten Aussagen und Handlungen des Propheten. Auch der Koran (Sure 4,59-83) betont den hohen Stellenwert der Gemeinschaft und bestätigt somit die fundamentale Wichtigkeit der übereinstimmenden Meinung qualifizierter Gelehrter.

Der Analogieschluss

Der Analogieschluss ist das System analoger Deduktionen auf der Grundlage von Koran, Sunna und übereinstimmender Meinung der sachkundigen Rechtsgelehrten. Die Analogie führt dadurch zur Festlegung der anzuwendenden Rechtsnorm, dass sie in den Grundlagen des Gesetzes Vorschriften oder Entscheidungen ausfindig macht, die eine Ähnlichkeit mit dem vorliegenden Fall aufweisen und damit ihre Anwendbarkeit im vorliegenden Fall rechtfertigen.

Gebet

Vor dem rituellen Gebet reinigen sich die Muslime durch rituelle Waschungen. Zudem müssen sie dafür sorgen, dass ihre Kleider und der Ort, an dem sie beten, ebenfalls sauber sind. Der Gläubige wendet sich gen Mekka (1) und richtet seine Gedanken auf die nun erfolgende Zwiesprache mit Gott. Er hebt beide Hände neben den Kopf (2) und spricht “Allahu akbar” – Gott ist groß. Nun legt er die Hände vor dem Bauch zusammen (3) und rezitiert die erste Sure des Koran (die fatiha), die mit der basmala beginnt: “Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes”. Danach spricht er leise noch eine weitere Sure des Koran, zumeist die 112. Die Handhaltung der Frauen weicht bei (2) und (3) geringfügig von jener der Männer ab. Der Gläubige verneigt sich. Die Handflächen berühren dabei seine Beine etwas oberhalb der Knie (4) und er spricht abermals “Allahu akbar” sowie dreimal “Ruhm und Preis meinem Gott, dem Allmächtigen”. Danach richtet er sich wieder auf sagt: “Möge Gott den hören, der ihn preist. Dir, mein Herr, die Lobpreisungen”. Der Gläubige lässt sich mit einem erneuten “Allahu akbar” auf die Knie nieder (5), berührt mit der Stirn den Boden und spricht: “Ruhm sei Gott, dem Höchsten”. Er setzt sich auf der Fersen (6) und spricht abermals “Allahu akbar”, dann: “Mein Gott, vergib mir, erbarme dich meiner”. Dann berührt er wieder mit der Stirn den Boden. Damit ist ein Gebetsabschnitt (rakaa) abgeschlossen, und der Gläubige verharrt auf den Fersen sitzend. Bevor er eine zweite rakaa beginnt, zitiert er erneut die erste Sure. Je nach Tageszeit bestehen die Gebete aus zwei bis vier Abschnitten. Am Ende der Zwiesprache mit Gott spricht der Gläubige dass Bezeugungsgebet, das mit den Worten endet: “Es gibt keinen Gott außer Gott; und ich bezeuge, dass Mohammed der Gesandt Gottes ist”. Abschließend entbietet der Betende einen Gruß nach recht und links (7): “El-salam alleikum!” – Der Friede sei mit euch und die Barmherzigkeit Gottes. Mit dieser Geste zeigt der Gläubige, dass er Teil der muslimischen Gemeinde ist.

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Bild 5: Das Gebet

Die Scharia

Im Islam umfasst die Scharia die das Leben eines Gläubigen bestimmenden Gesetze und Regelungen. Da der Koran von den Gläubigen fordert, in allen Bereichen des Alltags dem Wort Gottes zu folgen, kennt der Islam keine Trennung zwischen religiösem und weltlichem Recht: Die Scharia umfasst über 52 Bereiche der unterschiedlichsten Art – von den Riten über Reiten und Bogenschießen zu den Rechtsgebieten u.a. des Familien-, Erbschafts-, Wirtschafts-, Verwaltungs-, Straf- oder Prozessrechts. Das Strafrecht bildet also nur einen dieser 52 Bereiche. Von daher kann man das Strafrecht der Scharia als gewichtigen, nicht aber als abschließenden Maßstab für die Bewertung der Scharia nehmen, obwohl vom Umfang der strafrechtlichen Regelungen her dieses Gebiet rund drei Fünftel des islamischen Gesetzes ausmacht.

Grundlage der Scharia sind zuvorderst der Koran und die Sunna, die Lebenspraxis des Propheten. In allen strittigen Fragen, in denen diese Quellen keine Lösung bieten, gilt die Übereinstimmung der Rechtsgelehrten (idschmâ) als maßgeblich. Als vierte Grundlage dient der Analogieschluss (qiyâs), der auf den ersten drei Grundlagen beruht.

Die Scharia ist das arabische Wort für “der deutliche, gebahnte Weg” (zur Tränke), ist der Sammelbegriff für islamische Lebensregeln, religiöse Pflichten und das religiös begründete, auf Offenbarung zurückgeführte Recht des Islam. Es regelt nicht nur Rechtsfragen, z. B. Ehe- oder Strafrecht, sondern beinhaltet auch Kultvorschriften, Normen der Sozialethik und stellt somit eine umfassende Lebensordnung dar. Strafmündig ist im Islam jeder, der geschlechtsreif ist: Mädchen sind es mit neun, Jungen mit 15 Jahren. Mit der Neugründung islamischer Nationalstaaten hat sich fast überall ein modernes Zivil- und Strafrecht gegenüber der Scharia durchgesetzt, jedoch wird sie in vielen Staaten auch heute noch in vielen Bereichen des öffentlichen Rechts angewandt. Neben dem Iran greifen unter anderem auch Mauretanien, Pakistan, der Sudan, Saudi-Arabien, der Jemen, Afghanistan und seit 1999 zwölf von 36 Provinzen Nigerias auf das islamische Rechtssystem zurück.

Was das islamische Recht im Einzelnen beinhaltet, haben die Rechtsgelehrten herausgearbeitet und in jeweils nach Möglichkeit zusammenhängende Systeme gefasst. Die fünf wichtigsten Kategorien, mit denen diese Systeme menschliche Handlungen einteilen, sind: das zwingend gebotene oder verpflichtende Handeln (wadschib, mitunter auch fard), deren Unterlassung gerügt bzw. Bestraft wird, und zwar in der Regel im Jenseits; das empfohlene oder lobenswerte Handeln (mandub), die besondere Frömmigkeit und Gehorsam gegen Gott erkennen lässt und im Jenseits belohnt wird; Handlungen, die erlaubt und im Hinblick auf die sittliche Bewertung indifferent sind (mubah), Handlungen, die missbilligt und verabscheuenswert , aber rechtlich nicht verboten sind (makruh) und schließlich Handlungen, die verboten sind (haram) und die zur Bestrafung im Diesseits oder/und Jenseits führt. Haram meint alles, was Gott absolut verboten hat. Hierzu gehören: Diebstahl, Ungehorsam gegenüber den Eltern, Angriffe auf das Leben, die Ehre und das Eigentum anderer, Lügen, Betrug, Glückspiel, Genuss von Schweinefleisch, Blut, Alkohol. Es zieht Gottes Strafe im Jenseits und die gesetzliche Strafe im Diesseits nach sich. Alles, was nicht verboten ist und daher einer der anderen vier Kategorien zuzuordnen ist, wird auch als “erlaubt” (halal) bezeichnet. Zu den zwingend gebotenen Handlungen zählt vor allem die Praktizierung der fünf kultischen Pflichten.

Die praktische Anwendung des islamischen Gesetzes im Leben obliegt den einzelnen Gläubigen und der Gemeinschaft. Von Amts wegen haben die Gesamtleiter der islamischen Gemeinschaft und die Richter die Aufgabe, das Gesetz zur Anwendung zu bringen. Ihnen steht als Beratungsinstanz der Rechtsgelehrte zur Seite.

Die Fatwa

Die Fatwa ist ein religiöses Rechtsgutachten, das auf Anfrage von einem islamischen Rechtsgelehrten ausgestellt wird und Antwort darauf geben soll, was im Islam Recht und was nicht Recht ist. Eine Fatwa kann nur abgeben, wer durch ein Studium in islamischer Theologie und Jurisprudenz qualifiziert ist. Diese so genannten Muftis sind hoch angesehen und gelten in der Bevölkerung als zuverlässige Gelehrte. Mehrheitlich sind sie Privatgelehrte, die unabhängig vom staatlichen Justizsystem wirken, deren Funktion aber vielfach eng mit dem staatlichen Justizsystem verknüpft ist. In der Theorie ist die Meinung der Muftis bindend, jedoch fehlen Institutionen, die diese Rechtsmeinung durchsetzen, weshalb sie des öfteren ignoriert werden. Für die Rechtssprechung hat eine Fatwa die Bedeutung eines Gesetzes, trägt allerdings nur empfehlenden Charakter, ist also nicht rechtsverbindlich und kann daher weder “verhängt” noch zwangsweise vollstreckt werden. Sie soll religiös relevantes Wissen vermitteln und in allen Lebenslagen Anleitung zu einer islamischen Lebensführung geben.

Eine der bekanntesten Fatwas stammt von dem iranischen Revolutionsführer Ajatollah Ali Chomeini. In ihr wurden am 14. Februar 1989 alle Muslime zur Ermordung des Schriftstellers Salman Rushdie aufgefordert, da Chomeini Rushdies Roman “Die satanischen Verse” für blasphemisch befand und nach islamischem Recht Abtrünnige vom muslimischen Glauben dem Tode verfallen.

Ein Beispiel ist die berüht/berüchtigte “Kamel- Fatwa” aus Hessen aus dem Jahr 2000 durch den Vorsitzenden der Islamischen Religionsgemeinschaft Hessen (IRH): Demnach sollen muslimische Mädchen und Frauen in Hessen nicht mehr an Klassen- oder Studienfahrten teilnehmen, die weiter als 81 Kilometer führen. “Eine mehrtägige Reise mit Übernachtung außerhalb der elterlichen/ehelichen Wohnung ist für muslimische Frauen ohne die Begleitung eines Mahram (enger männlicher Verwandter) nicht erlaubt und verstößt gegen islamisches Recht”, befand Amir Zaida. Dabei beruft er sich auf den Propheten Mohammed, der bestimmt habe, dass eine Frau eine “Tages- und Nachtreise” nicht ohne Mahram zurücklegen dürfe. “Die Entfernung schätzen die islamischen Gelehrten heute auf ca. 81 Kilometer”, heißt es in der Fatwa. Bei dieser Entfernungsangabe handelt es sich um die Strecke, die eine Kamel-Karawane zu Zeiten des Propheten innerhalb von 24 Stunden zurücklegen konnte. Konkret bedeutet dies aber auch, dass muslimische Frauen höchstens im näheren Umkreis arbeiten dürfen oder niemals allein Verwandte in einer entfernteren Stadt besuchen können.

Der Dschihad (Jihad)

Der Dschihad stellt einen im Koran und im Leben des Propheten unübersehbaren Auftrag dar. Gleichwohl bildet er, außer bei den Schiiten und einigen islamistischen Bewegungen, keine “sechste Säule des Islam”. Nach dem klaren Schriftbefund im Koran heißt Dschihad an mehr als 80% der Fundstellen “einen Krieg um des Glaubens willen führen”. Darüber hinaus rufen die Verse 5 und 29 der neunten Sure des Korans, die als zeitlich letzte und damit alle anderen interpretierende Sure gilt, dazu auf, die Ungläubigen aktiv zu bekämpfen und, falls sie sich nicht ergeben und Muslime werden, zu töten. Die Vorstellung, dass die im Glaubenskrieg Gefallenen – nach islamischer Terminologie Märtyrer – unmittelbar ins Paradies eingehen, ist schon im Koran enthalten (Sure 3, 169; 2, 14; 22,58).

Dschihad heißt wörtlich “Anstrengung bei der Abwehr von etwas/jemanden” und übertragen das “Streben, der Kampf auf dem Pfad Gottes” und ist eines der am meisten missgedeuteten und missverstandenen Konzepte des Islam. Es schließt alle Taten ein, die entweder der Verteidigung des Islam oder der Förderung seiner Sache dienen. Man unterscheidet zwei Formen des Dschihad: den “größeren” (al-jihad al-akbar) und den “kleineren” (al-jihad al-asghar). Der größere Dschihad heißt auch Jihad al-nafs und bezeichnet den inneren, geistigen Kampf des Einzelnen gegen die niedrigen Regungen der eigenen Seele, gegen Laster, Leidenschaft und Unwissenheit. Diese Ansicht stützt sich auf ein Hadith, das allerdings in die sechs gemeinhin als kanonisch bezeichnete Sammlungen der Sunniten, die als zuverlässig gelten, keinen Eingang gefunden hat. Die meisten Muslime verstehen unter Dschihad den Einsatz für eine gute Sache. Jede Anstrengung wird als Dschihad bezeichnet, vor allem wenn damit Entbehrungen verbunden sind, wie etwa beim Universitätsstudium.

Der kleinere Dschihad bezeichnet den “Heiligen Krieg” gegen Ungläubige. Voraussetzung für diesen Dschihad ist, dass Gläubige (das schließt Juden und Christen ein) an der Ausübung ihrer Religion gehindert werden. Also darf nicht jeder Krieg, nicht einmal jeder Verteidigungskrieg, als Dschihad bezeichnet werden. Da der Islam als die letzte, höchste und universalste der von Gott verliehenen Religionen gesehen wird, herrscht die Überzeugung vor, dass der Dschihad so lange geführt werden muss, bis sich alle Völker der Erde dem Islam unterwerfen. In der traditionellen Lehre lag die Verantwortung zur Führung eines Dschihad in den Händen der Obrigkeit. Untertanen mussten dieser folgen, hatten aber selbst kein Recht, einen Dschihad autonom zu führen. Heute wird der Islam von den Muslimen weitgehend als von Hause aus friedfertige Religion dargestellt und die meisten muslimischen Autoren der Gegenwart halten nur noch den defensiven Charakter des Dschihad für erlaubt. Freilich bleibt das Problem dann, wie eigentlich der Verteidigungsfall genau definiert wird.

Wurde also der Dschihad in den Zeiten der Expansion als Rechtfertigung verstanden ähnlich den Kreuzzügen der Christen, so deuten in der heutigen Zeit politische Extremisten alle möglichen bewaffneten Aktivitäten als Dschihad um, obwohl sie sich aus dem traditionellen Dschihadkonzept so nicht rechtfertigen lassen und auch die Mehrheit der muslimischen Gesellschaft ihr Handeln als ungerechtfertigt ansieht. Heute gibt es muslimische Gruppen, die politische Ziele tatsächlich mit gewaltsamen Mitteln anstreben, sich selbst dabei aber nicht primär als Politiker, Krieger oder Terroristen ansehen, sondern sich als konsequente Muslime, ja als die einzig Rechtgläubigen einschätzen und gebärden. Solche Gruppen entwickeln manchmal eine ausgesprochen sektiererische Mentalität. Dazu kommt ein gewisser Fanatismus, der bis zur Selbstaufopferung für die Ziele der Gruppen gehen kann. Freilich geht der Hass von Angehörigen solcher Gruppen wohl mindestens ebenso sehr auf politische und soziale Ursachen zurück wie auf religiöse. Tatsächlich herrschen in zahlreichen islamischen Ländern Massenarmut und andere gravierende soziale Missstände, verursacht durch den repressiven Regierungsstil, die Misswirtschaft und die Korruptheit örtlicher politischer Führungen, aber auch durch bis heute spürbare Folgewirkungen europäischer Kolonialherrschaft, durch eine die westlichen Industrienationen begünstigende Weltwirtschaftsordnung und durch ein Bevölkerungswachstum, mit dem die Entwicklung neuer ökonomischer Ressourcen nicht Schritt halten kann.

Ein Beispiel für dieses Denken ist Saiyid Qutb (1906-1966). Nach seiner Ansicht ist eine künftige Weltfriedensordnung nur dadurch zu erreichen, dass die Muslime zuerst einmal in einem groß angelegten Dschihad die ganze Welt erobern. Diesen Vorgang preist er als einen zum Wohl der ganzen Menschheit gebotenen revolutionären Befreiungsprozess. Aufbauend auf diesen Überlegungen geschah dann in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts etwas, das die meisten Muslime noch nicht recht begriffen haben. Es entstand eine neue “Schule”, die eine andere Sicht des Islam propagierte. In Ägypten verfasste ein blinder Student an der altehrwürdigen Al Azhar, einer der berühmtesten theologischen Hochschulen des Islam, eine zweitausend Seiten umfassende Dissertation über den Dschihad. Darin behauptet Omar Abdel Rahman, die Überlieferung vom “Kleinen” und “Großen Dschihad” sei erfunden, der Prophet habe so etwas nie gesagt. Dschihad bedeute nur eines, nämlich zur Waffe zu greifen und die Ungläubigen aufzufordern, den Glauben anzunehmen oder sich zu ergeben und muslimischer Herrschaft unterzuordnen. Alle anderen Interpretationen des Dschihads seien nichts als Apologetik und seien aus der Furcht vor übermächtigen Kolonialmächten geboren. Das Gerede von der Selbstläuterung als “Großem Dschihad” sei verwerflich, damit mache man sich nur lächerlich.

Vergleichbar ist die Idee des Dschihad generell mit der Theorie des gerechten Krieges im Westen. So wird das Töten des Feindes durch den Soldaten gerechtfertigt. Wäre dies nicht so, würde er einen Mord begehen, der im Islam als schwere Sünde gilt. Im Umkehrschluss wird natürlich derjenige, der in der gerechten Sache des Dschihad stirbt, zum Märtyrer, dem die Sünden vergeben werden.

Grundlegend weicht der heutige Begriff des Dschihad von den traditionellen Dschihad-Lehren ab in Bezug auf die Privatisierung des Kampfes, die Aggression gegen muslimische Mitbrüder, die nicht der eigenen Lehre folgten, sowie das Selbstmordattentat als Abkürzungsweg ins Paradies. Grundsätzlich können sich Einstellungen zum Dschihad relativ schnell ändern: Als Ajatollah Chomeini 1979 über Schah Reza Pahlevi gesiegt hatte und seinen schiitischen Gottesstaat aufzubauen begann, rückten der Dschihad, der Heilige Krieg und der Märtyrertod an die erste Stelle schiitischer islamischer Tugenden. Mit den Worten: “Je mehr Menschen, vor allem junge Menschen, für unsere Sache sterben, desto stärker werden wir. Die Moslems müssen die Todesfurcht bezwingen, damit sie die ganze Welt bezwingen können”, kündete Chomeini getreu den schiitischen Traditionen am Tage seiner Ankunft im Iran auf dem Teheraner Friedhof Behescht-e-Sahra den Beginn eines “Zeitalters des Märtyrertums” [7] an. Und an die Kinder und Jugendlichen – nach islamischem Gesetz gilt jeder mit Erreichen des zwölften Lebensjahres bereits als volljährig – seines Landes appellierte der unerbittliche Großayatollah: “Der Islam war tot oder starb doch vierzehn Jahrhunderte lang. Wir haben ihn mit dem Blut unserer Jugend belebt. Euer vergossenes Blut wird den Baum des Islam gedeihen lassen. … Bald werden wir Jerusalem befreien und dort beten”. Dies hatte die Konsequenz, dass im achtjährigen ersten Golfkrieg 1980-88 zwischen dem Irak und dem Iran von den ca. 150.000 an den Fronten eingesetzten Schülern Zehntausende von Kindern den Märtyrertod starben. Sie waren aus ihren Familien unter Druck rekrutiert worden. Die “Bassidschi” mussten durch ihren Opfertod auf den Schlachtfeldern u.a. feindliche Minen hochgehen lassen, um so den in ihrem Schutze nachrückenden regulären iranischen Truppen, die sich praktisch hinter den Kindern des Landes versteckt hatten, eine Schneise durch die irakischen Minenfelder zu bahnen. Ihren Leichen und denen der anderen Märtyrer zu Ehren wurde in Teheran der makabre Blutsbrunnen erbaut.

Gesetzblatt der Islamischen Republik Mauretanien

(aus dem Jahre 1984)Artikel 306:

“Jeder Muslim, der sich in Wort oder Tat des Verbrechens schuldig macht, vom Glauben abzufallen … wird aufgefordert, innerhalb von drei Tagen zu bereuen. Bereut er nicht innerhalb dieser Frist, so wird er als Abtrünniger zum Tode verurteilt. Sein Hab und Gut wird zugunsten der Staatskasse konfisziert. … Jeder Muslim, der das Gebet verweigert, wird aufgefordert, der Gebetspflicht innerhalb der vorgeschriebenen Zeit nachzukommen. … Bleibt er bei seiner Weigerung … so wird er mit dem Tode bestraft”. Artikel 307:

“Jeder volljährige Muslim, gleich welchen Geschlechtes, der sich des Ehebruchs schuldig macht, wird öffentlich bestraft, ist er ledig, mit hundert Peitschenschlägen und einem Jahr Gefängnis… Beim verheirateten oder geschiedenen Paar wird in jedem Fall die Todessstrafe durch Steinigung (Radschum) ausgesprochen. Ist die Frau schwanger, so wird die Steinigung oder Geißelung bis zur Niederkunft ausgesetzt”.Artikel 308:

“Jeder volljährige Muslim, der eine unkeusche oder widernatürliche Handlung mit einer Person seines eigenen Geschlechtes begangen hat, wird durch öffentliche Steinigung mit dem Tode bestraft”.Artikel 341:

“Jeder volljährige Muslim, der freiwillig und bewusst Alkohol trinkt, wird mit vierzehn Peitschenhieben bestraft.”Artikel 351:

“Wer in täuschender Absicht etwas nimmt, was ihm nicht gehört, ist des Diebstahls schuldig und wird zur Amputation der rechten Hand verurteilt. … Wird er zum zweiten Mal schuldig, so wird ihm der linke Fuß amputiert. … Begeht er den dritten Diebstahl, so wird ihm die linke Hand amputiert. … Begeht er den vierten Diebstahl, so wird ihm der rechte Fuß amputiert”.

Die Eckpfeiler des Glaubens

Jeder, der sich als Muslim bezeichnet, soll an sechs grundlegende Dinge glauben, nämlich die Einheit Gottes, die Macht der Engel, die Offenbarung, das Prophetentum, die Existenz des jenseitigen Lebens und den Glauben an die Vorherbestimmung. Diese sechs Glaubensgrundsätze sind von einer so zentralen Bedeutung, dass sie “Pfeiler des Glaubens” genannt werden.

1. Einheit Gottes

Die Muslime glauben an die Einheit und Einzigartigkeit Gottes. Der Koran bestätigt an vielen Stellen dieses Wesen Gottes. Exemplarisch soll hier nur die sehr kurze, vollständige Sure 112 mit dem Namen “Der aufrichtige Glaube” angeführt werden:“Sprich: Er ist Gott, ein Einziger, Gott, der Undurchdringliche, Er hat nicht gezeugt, und Er ist nicht gezeugt worden, und niemand ist ihm ebenbürtig.”Dieses Koranzitat zeigt, dass Allah einzig und ewig ist und dass die Menschen Gott zwar über seine Eigenschaften wie Gnade, Gerechtigkeit, Erbarmen, Zorn und dergleichen begreifen, aber sein Wesen letztlich nicht erfassen können. Im Koran wird mehrfach betont, dass Gott keine Gefährtin und keinen Sohn hat. Vielmehr ist er der Schöpfer der Söhne, und eine Gefährtin oder einen Sohn zu haben, stünde im Widerspruch zur Einzigartigkeit Gottes. Die koranische Lehre widerspricht der Auffassung, dass Jesus der Sohn Gottes sei. Vielmehr wird Jesus als einer der großen Propheten Gottes von den Muslimen besonders geehrt und geachtet. Auch der Begriff der Dreifaltigkeit ist mit der islamischen Lehre von der Einheit Gottes unvereinbar und wird im Koran kategorisch verneint. Der Islam weist auch die Vorstellung zurück, dass Gott selbst die Gestalt Jesus angenommen habe, damit die Menschen ihn, Gott, erkennen könnten. Auch widerspricht der Islam der Behauptung, dass Jesus für die Sünden der Menschen am Kreuz gestorben sei.

2. Die Macht der Engel

Engel sind hauptsächlich Wesen, die Gott loben und preisen. Im Auftrag Gottes bewachen und schützen sie die Menschen, verzeichnen deren Taten und sind für den Empfang der Seelen der Toten zuständig. Der berühmteste Engel ist Gabriel, der bei der Offenbarung als Mittler zwischen Gott und Mohammed diente. Eine weitere wichtige Gestalt ist Iblîs, der gefallene Engel (Satan, vgl. Sure 7, 11-18). Er wurde aus dem Paradies vertrieben, weil er Gott den Gehorsam verweigerte. Daraufhin wurde er zum Satan, zum Herrscher über die Hölle, der versucht, die Menschen auf die falsche Bahn zu leiten. Wie viele Engel es gibt, das weiß allein Allah.

Doch vier große Engel unter ihnen sind bekannt: Dschebrail (Gabriel): Ihm obliegt es, den Propheten die Offenbarungen Allahs zu überbringen. Er ist ein Mittler zwischen Allah und seinen Gesandten. Mikail (Michael): Er hat die Aufgabe, bestimmte Naturereignisse auszulösen, wie Wind, Regen und Pflanzenwachstum. Israfil (Raphael): Er ist mit Obliegenheiten betraut, welchen den Anbruch des Jüngsten Tages durch das Blasen der Posaune und die Auferstehung der Menschen am Jüngsten Tag betreffen.

Azrail (der Todesengel): Er ist beauftragt, die Seelen der sterbenden Menschen in Empfang zu nehmen. Außerdem existieren bei jedem Menschen 384 beauftragte Engel. Darunter befinden sich die Schreibengel, die alle Taten der Menschen aufzeichnen und die Schutzengel.

3. Die Offenbarung

Die Propheten offenbarten den Menschen die Worte Gottes in verschiedenen Schriften. Vor dem Koran gab es die Thora (die fünf Bücher Moses), die Psalmen Davids und das Neue Testament Jesu als Schriften echter Offenbarung. Differenzen unter diesen vier Schriften ergeben sich nach islamischer Auffassung dadurch, dass die Menschen nicht immer bereit waren für die vollkommene Offenbarung Gottes und deswegen den Inhalt verfälschten. So wurde Gottes Offenbarung immer vollständiger, bis sie schließlich im Koran gipfelte, der die unabänderliche Fassung der Botschaft Gottes darstellt und gültig ist bis zum Ende der Zivilisationen.

4. Das Prophetentum

Gott berief auserwählte Menschen zu seinen Gesandten und Propheten. Er betraute sie mit der Aufgabe, seine Offenbarungen, die er ihnen zuteil werden ließ, anderen Menschen weiterzuvermitteln und sie die Art und Weise der gottgewollten Lebensführung zu lehren. Nur durch die Gesandten konnten die Menschen Kenntnis über die Eigenschaften Gottes, über seinen Willen und über das Jenseits erhalten. Die Muslime kennen eine Reihe von Propheten, zu denen z.B. Abraham, Moses und Jesus gehören.

Mohammed wird dabei als letzter Prophet gesehen, als Ende, Bekräftigung und Höhepunkt in dieser Reihe. Durch ihn hat Gott die Lehre des Islam für die Menschen zum vollkommenen Abschluss gebracht.

5. Das jenseitige Leben

Nach muslimischem Glauben wird die Welt eines Tages an ihr Ende gelangen. Nach dem Volksglauben gibt es eine Reihe von Zeichen, die diesen Jüngsten Tag ankündigen. Allerdings wird die Erde nicht vollkommen vernichtet, sondern vielmehr gänzlich verwandelt. An diesem jüngsten Tag werden alle Menschen, die je gelebt haben, auferstehen und gerichtet werden. Wer frei von jeder Sünde ist, wird direkt ins Paradies eingehen.

Andere werden einige Zeit in der Hölle verbringen, bis ihre Schuld gesühnt ist. Die Höllenqualen für die Gottlosen und Ungläubigen sind fürchterlich. Das Paradies dagegen ist paradiesisch schön mit allem, was ein Menschenherz erfreut. Nach der Vorstellung der meisten Muslime wird aber keiner der Gläubigen ewig im Feuer verbleiben, sondern irgendwann aus den Höllenqualen errettet.

6. Die Vorherbestimmung

Allah kennt alle Dinge in seiner Schöpfung und er hat die Macht, die Beschlüsse, die er in diesem anfanglosen und endlosen Wissen umfasst und für gut befindet, auch zu verwirklichen. Es gibt keine Macht, die sich seinem Willen entziehen könnte. Deshalb kann nichts gegen seinen Willen geschehen, und alles, was geschieht, geschieht mit seiner Erlaubnis. Dem steht die Wahlfreiheit des Menschen nicht entgegen. Gott hat dem Menschen einen freien Willen gegeben und ihn befähigt, entsprechend zu wählen und zu handeln. Deshalb ist Gott gerecht, wenn er den Menschen am Jüngsten Tag zur Verantwortung zieht.

Die Pfeiler der religiösen Praxis – Die fünf Säulen des Islam

Parallel zu den Pfeilern des Glaubens gibt es gewisse Rituale, die allen Muslimen abverlangt werden:

  • das Glaubensbekenntnis, die shahâda
  • das fünfmal am Tag zu leistende Gebet, die salât
  • das Almosengeben, die zakât
  • das Fasten, die saum
  • die Pilgerfahrt, die hâdsch.

Viele Muslime erkennen zwar die Bedeutung dieser Rituale an, führen sie aber im täglichen Leben nicht oder nicht vollständig durch. Das islamische Recht regelt genau, wann eine solche Pflichtaufgabe entfallen darf, und sieht die Möglichkeit der Kompensation des Versäumten vor. Da diese fünf Pflichten den gläubigen Muslim erst ausmachen, werden sie auch als die “Fünf Säulen des Islam” bezeichnet und oftmals durch einen fünfzackigen Stern symbolisiert (vgl. z.B. die Flaggen von Jemen, Libyen, Marokko, Pakistan, Syrien, Tunesien und Türkei).

Das Glaubensbekenntnis, die Schahada

Nicht Gegenstand des islamischen Rechts, sondern vielmehr Voraussetzung für seine Anwendung auf den Muslim ist die shahâda, das “Zeugnis”. Durch Ablegen dieses Zeugnisses bestätigt der Muslim die Einheit und Einzigartigkeit Gottes und die Aufgabe Mohammeds als Propheten und Überbringer der göttlichen Offenbarung. Die shahâda lautet: “Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist sein Prophet.” Wer nicht schon in die Gemeinschaft der Muslime hineingeboren ist, tritt in sie ein, indem er diese Glaubensformel, die shahada, mit den Worten “Ich bezeuge” aufrichtig und vor Zeugen ausspricht.

Er akzeptiert damit zugleich den Glauben an den Koran als das Wort Gottes, den Glauben an die Engel als Boten und Werkzeuge Gottes sowie den Glauben an den Tag des Jüngsten Gerichts. Nach solchem Bekenntnis gibt es kein Zurück mehr; auf Glaubensverrat steht der Tod. Die schiitische Minderheit fügt dem Glaubensbekenntnis die Worte hinzu: “Ali ist der Freund Gottes”. Die shahada wird täglich mehrmals durch die Gebetsrufer (Muezzins) in den Moscheen verkündet.

Das tägliche Pflichtgebet, die Salat

Neben den Festgebeten und dem Freitagsgebet spielen für den gläubigen Muslim vor allem die alltäglichen fünf Pflichtgebete (salât) in arabischer Sprache eine bedeutende Rolle. Daneben gibt es das private, innerliche Gebet (Dua = Anrufung, Bittgebet). Die salât-Gebete werden unmittelbar vor Sonnenaufgang (in der Morgendämmerung) verrichtet, gleich nachdem die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hat (Mittag), in der Mitte des Nachmittags, gleich nach Sonnenuntergang und nach Einbruch der Dunkelheit..

Die Zeiten des Gebets werden durch den Muezzin ausgerufen. Diese Gebete sind nach Haltung und Inhalt streng ritualisiert. Vor dem Gebet muss sich der Muslim durch rituelle Waschung (wudu) in einen Zustand ritueller Reinheit versetzen. So heißt es in einem Hadith: “Wenn einer sich reinigt und dabei die Waschungen richtig vollzieht, verlassen die Sünden seinen Leib, bis sie schließlich unter seinen Fingernägeln hinausgespült werden”. Dann muss er sich nach Mekka wenden, der Kaaba wegen. Nun folgt eine fest vorgeschriebene Reihe von Gebetsrufen und Bewegungsabläufen, bei der die präzise Ausführung der Körperbewegung genauso wichtig ist wie die begleitend stattfindende geistige Aktivität. Durch das Sprechen der Formel “Allâhu akbar”, “Gott ist sehr groß”, wird jedes Gebet eingeleitet. Der Freitag ist der heilige Tag der Muslime, das sehr beeindruckende Freitagsgebet vermittelt ein Gefühl von Gleichheit und Verbundenheit zwischen allen Gläubigen, die zusammen aufstehen und sich niederwerfen und die gleichen Worte beten, indem sie auf den Vorsteher, den Imam, blicken, der anfangs ihr Kalif, Emir oder Anführer gewesen war. Das Freitagsgebet ist zweiteilig; es enthält eine Unterweisung und am Ende das Gebet für den Herrscher. Männer und Frauen bleiben für gewöhnlich getrennt; die Frauen nehmen hinter den Männern oder in einem abgeschirmten Teil der Moschee am Gottesdienst teil.

Das vorgeschriebene Almosen, die Zakat

Als dritte Säule tritt das Almosengeben hinzu, sei es freiwillig (Sadat), sei es als religiöse Pflicht (zakat) zur Unterstützung der Bedürftigen, Witwen, Waisen, zur Ausrüstung der Freiwilligen für den Heiligen Krieg (Dschihad), für Sklaven, die sich freikaufen wollen, für notleidende Reisende und für Schuldner, die durch Schulden für ein gutes Werk Not leiden. Auch ist die zakat (wie in Pakistan) zum Aufbau religiöser Schulen verwendet worden. Jeder Muslim ist einmal im Jahr verpflichtet, einen gewissen Prozentsatz seines Vermögens als Almosen zu geben. Ganz wie im Gebet muss auch hier eine spezielle Form eingehalten werden, um den rituellen Charakter des zakâts zu unterstreichen. Das Almosengeben soll also der Anbetung Gottes dienen und zugleich den Unterschied zwischen Arm und Reich verringern. Welche Summe zu zahlen ist und wer wie viel davon erhalten soll, ist aber ein ständiger Konfliktpunkt unter den Rechtsgelehrten, und so gibt es viele verschiedene Ausübungsformen dieses Rituals. Ursprünglich eine freie, fromme Übung, wurde sie allmählich zu einer regelrechten Steuer, die einmal pro Jahr von allen erwachsenen Muslimen zu zahlen ist. Ansätze dieser Entwicklung gehen schon auf die medinische Zeit des Propheten zurück, in der er eine Art Staatskasse benötigte. Im Allgemeinen beträgt das Almosen 2,5 Prozent des Einkommens pro Jahr und wird allen Arten von Vermögen auferlegt. Mit der Einziehung der Steuer sind Beamte beauftragt. Die zakat ist, wenn sie richtig durchgeführt wird, durch eine gerechte Besteuerung der Reichen und Fürsorge für die Armen ein Schutzmittel gegen Kapitalismus und Kommunismus.

Das Fasten im Monat Ramadan, der Saum

Der neunte Monat im islamischen Kalender ist der Fastenmonat Ramadân. Dieser richtet sich nach dem Mondjahr, das mit zwölf Monaten zu abwechselnd 29 und 30 Tagen, insgesamt nur 354 Tage hat. Dadurch verschiebt er sich gegenüber dem Sonnenkalender (365 Tage) jährlich um 11 Tage. Der Ramadan beginnt also jedes Jahr früher. Er wurde aus vielen Gründen zum Fastenmonat erkoren. Er erinnert an den Monat, in dem der Prophet zum erstenmal Offenbarungen erlebte und seine Anhänger ihren ersten Sieg über die Mekkaner errangen. In diesem Monat müssen sich alle Muslime den ganzen hellen Tag (von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang “bis man einen weißen Wollfaden nicht mehr von einem schwarzen unterscheiden kann”) des Essens, Trinkens, Rauchens und des Geschlechtsverkehrs enthalten. Entschuldigt sind Alte, Kranke, Schwangere und stillende Frauen, Reisende und Schwerarbeiter.

Dabei soll nicht nur auf die Handlungen an sich verzichtet werden, sondern auch auf die Gedanken daran. Wie das Gebet soll das Fasten den Gläubigen Gott näher bringen, ihn an sein geistiges Leben jenseits von Essen und Trinken erinnern; es soll ihn lehren, seinen Körper zu beherrschen und das Leiden der Armen zu verstehen. Durch das Fasten bezeugt der Muslim, dass Gottes Gesetze Vorrang vor unseren menschlichen Trieben haben. Der eigentliche Zweck des Fastens ist somit der Gehorsam Gott gegenüber. Es gilt als besonders verdienstvoll, während des heiligen Monats den gesamten Koran zu rezitieren. In der 27. Nacht wird die “Nacht der Bestimmung”, Mohammeds Offenbarung, gefeiert. In diesen dreißig Tagen des Fastens ändert sich für den Muslim der gesamte Tagesablauf. Meist wird vor Sonnenaufgang reichhaltig gefrühstückt und gebetet. Nach der asketischen Anspannung des Tages wird abends wieder ein Festmahl in feierlicher Stimmung abgehalten, es herrscht dann Ferien- und Feststimmung. Abgeschlossen wird das Fasten des Ramadân mit dem zweitwichtigsten islamischen Fest, dem dreitägigen “Fest des Fastenbrechens” beim Erscheinen des Neumonds.

Die Wallfahrt nach Mekka, die Hadsch

Die Hadsch ist, wie auch die anderen vier Säulen, keine islamische Neuerung. Schon in grauer Vorzeit pilgerten die Araber zur Kaaba, dem kubusförmigen Bau im Herzen Mekkas, dessen Äußeres seit islamischer Zeit eine mit Koranversen bestickte Brokatdecke umhüllt. Genaue Kenntnisse über die Entstehung der Kaaba fehlen. Nach dem Koran soll sie von Adam im Auftrag Gottes gebaut worden sein, überstand dann die Sintflut und wurde von Abraham, dem gemeinsamen Stammvater von Muslimen, Juden und Christen, für Allah erneuert.

Einmal im Leben ist jeder freie, volljährige Muslim, der im Besitz seiner geistigen Kräfte ist, aufgerufen, im 12. Monat des islamischen Mondjahres die Pilgerreise nach Mekka zu unternehmen. Bedingungen, Vorbereitung und Ausführung der Pilgerfahrt orientieren sich an der Reise des Propheten Mohammed im Jahr 632, die als “Abschiedswallfahrt” in die Tradition eingegangen ist. Für die Vollziehung der Pilgerfahrt gibt es fünf Bedingungen: Den Zustand des “ihram”, den Zustand der Weihe, in dem sich der Gläubige befindet, nachdem er die vorgeschriebene Pilgerkleidung angelegt hat, zwei meist weiße Tücher, die ungenäht sind und um den Körper geschlungen werden, seine Absicht zur Pilgerschaft bekundet hat, sich nicht mehr kämmt und rasiert sowie in sexueller Abstinenz lebt; das Verweilen an den Ritualen am Berg Arafat, die siebenmalige Umkreisung der Kaaba, der siebenmalige Lauf um die zwei Orte Safa und Marwa, die “Steinigung des Satans”, indem dreimal sieben Steinchen auf eine bestimmte Stelle geworfen werden und schließlich das Schneiden der Haare. Dazu kommen weitere pflichtmäßige Übungen.

Die Pilgerfahrt ist an eine ganz bestimmte Zeit des Jahres gebunden und kann zu einer anderen Zeit nicht unternommen werden. Eine verkürzte Form, “umra” genannt, ist zu jeder Jahreszeit möglich. Sie beschränkt sich aber auf die Zeremonien unmittelbar in Mekka. Die Pilgerfahrt wird mit einem riesigen Opferfest abgeschlossen, das in der gesamten islamischen Welt als höchstes Fest des islamischen Kalenders gefeiert wird. Wer die Pilgerfahrt unternommen hat, kann nun den hohen Ehrentitel “Haddschi” führen, den Gott am Tag des Jüngsten Gerichts zu Gunsten des Betreffenden anrechnen wird.

Islamischer Fundamentalismus

“Islamismus” oder “islamischer Fundamentalismus” ist ein Überbegriff für verschiedene ideologische Strömungen, Gruppen und Grüppchen, deren politische Vorstellungen und Methoden äußerst divergieren. Pazifistische, reformistische, modernistische Strömungen sind ebenso vertreten wie traditionalistische und schließlich auch gewalttätig aktivistische, wobei bezeichnenderweise den Letzteren das Hauptinteresse der Medien gilt. Oft wird “Islamismus” mit “Fundamentalismus” gleichgesetzt, wobei Letzteres eine christliche, nicht unbedingt übertragbare Definition ist.

Der Begriff leitet sich aus der nordamerikanischen Kirchengeschichte ab. “Fundamentalists” wurden jene protestantischen Sekten in den Vereinigten Staaten genannt, die sich auf Bibelkonferenzen gegen Ende des 19. Jahrhunderts von liberalen Tendenzen ihrer eigenen lutherischen oder calvinistischen Großkirche abgrenzten. Diese Sekten warfen den “Kirchenchristen” vor, sie ließen sich viel zu sehr von “modernen” Ideen beeinflussen und hätten sich vom “Fundament” des Glaubens entfernt. Mit der Heiligen Schrift als Waffe in der Hand kämpften die “fundamentalists” z. B. gegen Darwins Evolutionstheorie.

Von Fundamentalismus ist schriftlich zum ersten Mal in Amerika die Rede in der zwölfbändigen Streitschrift für die Unfehlbarkeit des biblischen Buchstabens und gegen die Anerkennung der Naturwissenschaften: “The Fundamentals – A Testimony to the Truth” (“Ein Zeugnis der Wahrheit”), zwischen 1909 und 1915 von 64 britischen und amerikanischen Gelehrten und Predigern geschrieben. Die Reihe, in millionenfacher Auflage verbreitet, diente der Mobilisierung der kirchlichen Öffentlichkeit. Diese “Fundamentalists” verstanden sich als offensive Gegenbewegung zu einem Modernismus, der auch die christlich-protestantische Welt ergriffen hatte. Insbesondere war es eine Gegenbewegung gegenüber einer historisch-kritisch sich ausrichtenden Theologie, die sich daran machte, die überlieferten Glaubensbestände, besonders die biblischen Texte, in einer historisch-kritischen Perspektive auszulegen – ein Ergebnis des Bündnisses mit der modernen Wissenschaft, das der Protestantismus einging.Dieser amerikanische Fundamentalismus bibeltreuer protestantischer Christen ist also denkbar ungeeignet, um den islamischen Fundamentalismus zu deuten, jedoch lässt sich ein Merkmal religiös-fundamentalistischer Bewegungen daraus ableiten: Der unmittelbare Geltungsanspruch der religiösen Wahrheit über das politische Handeln.Für die Öffentlichkeit im Westen begann im Jahre 1979 mit der Revolution im Iran “die fundamentalistische Herausforderung” zunächst als Medienspektakel: Endlose Reihen von Betenden, Frauen im schwarzen Tschador, fanatisierte Mullahs, dann das Geiseldrama in der amerikanischen Botschaft, der Terror der Revolutionswächter gegen politisch Andersdenkende wie gegen religiöse und soziale Minderheiten (z.B. Homosexuelle) und schließlich der grausame, in Blutmystik verklärte “Heilige Krieg” gegen den Irak ab 1980. Verstärkt wurde die Wirkung der Bilder noch durch die unverblümte Absicht des Regimes, seine islamische Revolution zu exportieren.

So kann es kaum überraschen, dass einigen Kommentatoren Fundamentalismus im Allgemeinen, und der islamische im Besonderen, zu einer neuen Bedrohung geriet, zumal in den folgenden Jahren mit der Auflösung des Warschauer Paktes und dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion die alte “Gefahr aus dem Osten” schwand. Der Orientalist Heinz Halm aus Tübingen hat unter der Überschrift “Die Panikmacher” Folgendes dazu ausgeführt:”Die hierzulande grassierenden Ängste vor einem vermeintlich gefährlichen Islam, der angeblich unsere Zivilisation bedroht, ist das Spiegelbild der Ängste viele Muslime vor den Schrecken der westlichen Welt. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Eiferer der einen Seite den Eiferern der anderen in die Hände spielen. Nüchterne Information tut Not, und nicht das Geraune von einem Gotteskrieg, der angeblich bis in die Nacht der Zeiten zurückreicht.” [8] Parallel dazu wurde der Begriff, der in der heutigen Zeit negativ besetzt ist (selber ist man nie Fundamentalist, Fundamentalisten sind immer die anderen, sie gelten gemeinhin als konservativ, wenn nicht gar reaktionär), auf eine immer größere Zahl von Haltungen und Bewegungen bezogen – religiöse wie politische, quietistische wie militante und terroristische -, so dass “Fundamentalismus” zur schwammigen Modebezeichnung wurde und zugleich zu einem Kampfbegriff gegen all jene, die “die Moderne” ablehnen oder doch zumindest ihre Probleme mit ihr haben. Von Fundamentalismus zu sprechen ist also nur sinnvoll, wenn wir ihn als moderne Erscheinungsform verstehen, die unter den Struktur- und Kulturbedingungen moderner Gesellschaften entsteht. Er ist ein moderner Antimodernismus.Allgemein gesprochen kann man all jene islamische Fundamentalisten nennen, die für die gegenwärtigen Probleme der islamischen Welt nicht eine versäumte oder unzureichende Modernisierung verantwortlich machen, sondern die Ursache vielmehr in einer exzessiven Modernisierung sehen, die in ihren Augen einem Verrat an den unverfälschten islamischen Werten gleichkommt.

Für die Fundamentalisten besteht die einzige Lösung in der Rückkehr zum wahren Islam. Das beinhaltet für sie auch die Aufhebung aller vom Westen entlehnten Gesetze und sozialen Institutionen und die Wiedereinsetzung des islamischen Gesetzes, also der Scharia, als alleiniges Regelwerk. Ihrer Auffassung zufolge richtet sich der eigentliche Kampf nicht gegen die westlichen Eindringlinge, sondern gegen die hinter der Verwestlichung stehenden Verräter im eigenen Land. Als ihre gefährlichsten Gegner betrachten sie die falschen und abtrünnigen Herrscher der islamischen Länder, die die Werte und Institutionen des Westens ins Land geholt und den Muslimen unter ihrer Herrschaft aufgezwungen haben.Unter Islamismus sind damit Bestrebungen im Namen der islamischen Glaubenslehre zu verstehen, bestehende Herrschaftsstrukturen oder gesellschaftliche Ordnungen zu legitimieren, zu verändern oder auch als unislamisch zu destabilisieren und schließlich zu beseitigen oder unter Berufung auf den Islam innenpolitische, soziale und außenpolitische Forderungen durchzusetzen. Es geht also nicht um Religion, sondern um Ideologie zum Erringen und zum Bewahren politischer Macht.Der französische Philosoph Bernard-Henry Levy nannte “den Islam in seiner fundamentalistischen Form in gewisser Weise” den dritten Faschismus, “nach dem braunen und dem roten”. Und weiter: “In den Zuckungen des Islamismus erleben wir die letzten Höhepunkte des Totalitarismus aus dem 20. Jahrhundert.” Es handelt sich um Gebrauch, ja sogar Missbrauch des Islam zu ideologischen und politischen Zwecken, der sich in ähnlicher Form auch in der Geschichte anderer Weltreligionen nachweisen lässt. Als die beständigste und gefährlichste Bedrohung des Islam empfinden die Islamisten die Demokratie, die auf von Menschen gemachten Gesetzen beruht.

Wer sind die Islamisten?

Der Typus des Islamisten ist folgendermaßen zu beschreiben: Oft verfügt er über ein staatliches Diplom einer wirtschaftswissenschaftlichen, technischen, medizinischen oder naturwissenschaftlichen Studienrichtung. Häufig ist er Betriebswirt, Arzt, Technokrat oder Ingenieur. Unter Umständen hat er zusätzlich oder auch im Hauptfach Philosophie studiert, nicht nur die islamische, sondern zumeist die europäische von Hegel bis Heidegger. Der Typ des Islamisten lässt aus westlicher Sicht drei Hauptgruppierungen zu: [9] Zur ersten Gruppe gehören im wesentlichen hochgebildete Intellektuelle, die sich durch eine plötzliche Konversion, oft verbunden mit persönlichen Krisen, von westlichen Ideologien und Systemtheorien abwenden. In dieser Gruppe sind häufig auch Frauen anzutreffen.Seit Mitte der siebziger Jahre rekrutiert sich die zweite Gruppe aus sehr jungen Leuten, deren Durchschnittsalter etwa 20 Jahre beträgt. Sie kommen aus eher ländlichen Gegenden, meist aus traditionellem Milieu. Diese jungen Leute tragen die Last der Veränderung und der Anpassung von ländlichen Gesellschaftsformen an eine urbane Lebenswelt. Oft sind sie Aufsteiger mit akademischem Hintergrund und einer hohen Leistungsmotivation. Sie sehen sich der ungeheuer großen Erwartungshaltung ihrer Eltern, die ihnen unter Verzicht auf eigene Karriere und Lebensqualität eine gute Ausbildung ermöglichten, gegenüber gestellt. Durch die schlechte Arbeitsmarktsituation in urbanen Gegenden werden diese Leute zu enttäuschten akademischen Proletariern.Die dritte Gruppierung setzt sich zusammen aus Freiwilligen – meist allerdings keine Intellektuellen -, die im Afghanistankrieg 1989 auf Seiten islamischer Gruppen gegen die sowjetischen Besatzer und die afghanischen Kommunisten gekämpft hatten und bei Kriegsende rücksichtslos nach Nordafrika und in den nahen Osten abgeschoben wurden. Diese Abgeschobenen, einst von den USA und Saudi-Arabien für den Partisanenkrieg finanziert, wurden in ihrer neuen Umgebung zum Rückgrat islamischer Terroraktionen. Sie sind hauptsächlich in Palästina, Jordanien, Ägypten, im Jemen, in Algerien, Tunesien, Tschetschenien und Marokko aktiv.Unter den Bewegungen mit religiösen Zielen sieht Dia Rashwan, führender ägyptischer Kenner des Islamismus aus Kairo, vor allem pazifistische Gruppen, die den Islam über das Wort verbreiten und sich an der Frühzeit des Islam in Mekka ausrichten. Einen Dschihad hatte es in jenen Jahren vor der Auswanderung des Propheten nach Medina noch nicht gegeben. Zu den religiösen Gruppen zählt er auch die Dschihadisten, die sich auf eine andere Phase des Frühislam berufen: auf die Zeit in Medina, in der Mohammed ein Gemeinwesen aufgebaut hat.

Erst in jenen Jahren entstand der Aufruf zum Dschihad, wurde das Kämpfen Pflicht und die Politik ein integraler Bestandteil des Islam. Dschihadisten sind zunächst in ihren eigenen Ländern tätig gewesen, wie der Dschihad al Islamia in Ägypten und die GIA in Algerien. Ihr Ziel war, die Regime zu stürzen sowie Gesellschaft und Staat zu islamisieren.Auf diese Dschihadisten berufen sich auch separatistische Unabhängigkeitsbewegungen, die ihre islamischen Enklaven von einer nichtmuslimischen Umwelt befreien wollen. In Kaschmir und Tschetschenien kämpfen sie für die Errichtung eines islamischen Staates, gehen dabei aber keine Bündnisse mit nichtislamischen Bewegungen ein. Erst als jüngste Gruppierung sind die internationalistischen Dschihadisten entstanden, die die “Umma”, die Gemeinschaft der Muslime im Auge haben. Sie kämpfen gegen ausländische Mächte, genauer: gegen die Vereinigten Staaten und Israel, denen sie vorwerfen, muslimischen Boden besetzt zu halten. Neben diesen “religiös” argumentierenden Islamisten verfolgen andere islamistische Bewegungen auch soziale und politische Programme. Sie streben nach der politischen Macht und wollen das islamische Gesetz, die Scharia, als verbindliches Rechtssystem einführen. Im Rahmen der bestehenden politischen Ordnung streben in Ägypten die Muslimbrüder an die Macht, in Algerien der FIS. Anders als sie kämpfen indes die Hamas, der Islamische Dschihad und die Hisbollah gegen Besatzer und für die Unabhängigkeit. Dazu sind sie, im Unterschied zu den “separatistischen” Dschihadisten, auch in den politischen Institutionen präsent und arbeiten mit nichtislamischen Gruppen zusammen, etwa mit der PLO.Bei all diesen Gruppierungen nimmt lediglich die Attraktivität der “lokalen Dschihadisten” ab, die der anderen aber zu. In Ägypten und Algerien kann man beobachten, dass sich die lokalen Dschihadisten in Bewegungen mit einem sozialpolitischen Programm umwandeln und sich den Muslimbrüdern annähern. Keiner der “lokalen Dschihadisten” zieht sich aber aus der Politik zurück oder stößt zur säkularen Linken. Ihren Überzeugungen bleiben sie treu.

Nach Ansicht von Dia Rashwan ist der 11. September 2001 die Geburtstunde des islamischen Nationalismus. Die These vom Niedergang des extremistischen Islam, wie sie der französische Islam-Experte Gilles Kepel [10] vertritt, sei falsch. Der 11. September hat die Transformation der extremistischen Islamisten beschleunigt. Wer zuvor das eigene Regime bekämpft hat, richtet seine Waffe jetzt gegen einen äußeren Feind.Die Feindbilder der Islamisten sind stereotyp: Die Regierungen sämtlicher islamischer Länder sind abzulehnen, sofern sie die Scharia nicht als ausschließliche Grundlage ihres Rechtssystems oder überhaupt gelten lassen. Selbst Saudi-Arabien, das über die Muslimische Weltliga auch die gewalttätigsten Islamisten unterstützt, wird wegen seiner absolutistischen Herrschaftsform von diesen nicht akzeptiert. [11] Ständig apostrophierte Feinde sind zudem der Welt-Zionismus und der Staat Israel, oft ganz allgemein “die Juden”. Feind ist auch der Westen mit seinen Unterdrückungsformen und dabei ganz besonders die USA; nach der Überwindung des Kolonialismus ist die Existenz des Staates Israel ein Symptom des anhaltenden Neokolonialismus, wobei die USA als dessen Hauptpfeiler gelten.Militante Islamisten verwerfen die historisch gewachsene Interpretation des Dschihad und nehmen ihn als Rechtfertigung für ihren Krieg gegen die Ungläubigen. Sie beziehen sich dabei besonders auf einen Koranvers, in dem es heißt: “Und wenn die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Heiden, wo immer ihr sie findet, greift sie, umzingelt sie und lauert ihnen überall auf.” (Sure 9, Vers 5) Sie reißen diese Stelle aus dem Zusammenhang und wenden sie eins-zu-eins auf die heutige Situation an. Das entspricht aber nicht der historisch üblichen Koranauslegung: Es gab immer die Überzeugung, dass Stellen wie “tötet die Heiden, wo immer ihr sie findet” auf eine ganz eng begrenzte Situation der Rückeroberung Mekkas zu beziehen sind. Mohammed war in Medina und ging daran, Mekka wieder für die Gläubigen zu erobern. Das war sozusagen der Offenbarungsanlass. Darüber hinaus hat danach diese Interpretation keine weitere Geltung mehr.Diese Rückbesinnung auf den frühen, vermeintlich reinen Islam, wird als Salafismus (von arabisch al-Salalf al-Saalih, “die frommen Vorväter) bezeichnet. Um den unverdorbenen Urzustand der Generation des Propheten wieder herzustellen, so sehen es die Salafiten, haben sie jenen muslimischen Herrschern den Krieg erklärt, die sich nicht buchstabengetreu an der Scharia orientieren. Osama Bin Ladin ist ebenso ein Anhänger dieser puritanischen Minderheitslehre wie sein ebenfalls flüchtiger Stellvertreter Ayman al-Sawahiri. “Die modernen Salafija-Bewegungen”, stellt der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz in einem Dossier über Al Qaida fest, “wenden sich gegen den westlichen Kolonialismus beziehungsweise das, was sie dafür halten”.

Muslime in Deutschland – geschichtlicher Rückblick

Die ersten Muslime sind schon vor Jahrhunderten nach Mitteleuropa gekommen. Man könnte die Spurensuche bis in das hohe Mittelalter zurückverfolgen, als manche der in den Orient aufgebrochenen Kreuzritter in Begleitung arabischer Schönheiten zurückkehrten. An die ersten Muslime, die in Deutschland gelebt haben und hier verstorben sind, erinnern Grabsteine aus dem späten 17. Jahrhundert in Brake bei Lemgo und in Hannover. Sie waren Kriegsgefangene aus dem Osmanischen Reich oder sonst im Zusammenhang mit den Türkenkriegen nach Deutschland gekommen. In fast allen Vers-Epen der klassischen mittelhochdeutschen Literatur begegnen uns männliche und weibliche Anhänger der Lehre des Propheten. Am bekanntesten ist der “edle Heide” Feirefiz aus Wolfram von Eschenbach’s “Parzifal”. Der “Muselman” lehrt Parzifal das wahre Rittertum. Er wirft sein Schwert fort, verzichtet auf den Sieg und reicht dem Gegner über alle religiösen und nationalen Schranken hinweg die Hand. Manche Religionshistoriker sehen in dem “urdeutschen” Mythos vom Gral die Variation eines muslimischen Grundmotivs.Nicht in das Reich der Dichtung und Deutung fällt dagegen ein historisches Ereignis aus dem Jahre 1731. Damals vermachte der Herzog von Kurland dem Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. (1713-1740) zwanzig “türkische Gardesoldaten”. Für sie ließ der König im folgenden Jahr am Langen Stall in Potsdam einen Gebetssaal herrichten: die erste deutsche Moschee – unmittelbar neben der Garnisionskirche, deren Glockenspiel als der “Herzschlag Preußens” galt. Der Monarch legte größten Wert darauf, dass “seine Mohammedaner” ihren religiösen Pflichten nachgingen. Die falsche Bezeichnung “Mohammedaner”, die zu jener Zeit zum erstenmal in deutscher Sprache auftauchte, war von den preußischen Behörden nicht diskriminierend gemeint. Im Gegenteil: Die amtliche Bezeichnung sollte die Gleichrangigkeit der Muslime mit den Christen kenntlich machen. Was die Deutschen damals und darüber hinaus mit den Türken verband, war allerdings überwiegend Kriegsgeschichte: Türken kannte man als Soldaten oder als Kriegsgefangene.Es blieb nicht bei den zwanzig türkischen Gardesoldaten. Die Zahl der muslimischen Söldner in der preußischen Armee stieg rasch auf über tausend Mann an.

Als Friedrich der Große 1740 den Thron bestieg, entschied er als eine seiner ersten Amtshandlungen über eine Anfrage aus Frankfurt an der Oder. Der Rat der Stadt wollte wissen, ob in einer evangelischen Stadt ein Katholik das Bürgerrecht erwerben könnte. Der König bejahte die Frage uneingeschränkt und ergänzte seinen Bescheid mit dem Zusatz:”Alle Religionen sind gleich und gut, wenn nur die Leute, die sich zu ihnen bekennen, ehrliche Leute sind. Und wenn die Türken kämen und wollten hier im Lande wohnen, dann würden wir ihnen Moscheen bauen”.Der Preußenkönig blieb dieser Devise während seiner gesamten Regierungszeit treu. Neben den alteingesessenen Glaubensgemeinschaften der Protestanten und Reformierten erhielten auch Katholiken, Mennoniten, Juden und Muslime das Recht auf freie Religionsausübung – dank des Grundsatzes, dass in seinem Reiche jeder nach seiner Facon selig werden dürfe. Am 22. Juni 1740, in den ersten Tagen seiner Regierungszeit, schrieb er auf ein Aktenstück eine der ersten seiner berühmten Randbemerkungen: “Die Religionen müssen alle toleriert werden, und muss der Fiskal nur das Auge darauf haben, dass keine der anderen Abbruch tue, denn hier muss jeder nach seiner Fasson (d.h. Konfession) selig werden”.Die Zahl der muslimischen Söldner im preußischen Heeresdienst erhöhte sich im Jahre 1745 um ein Mehrfaches, als der albanische Juwelenhändler Sarkis dem König von Preußen eine ganze Schwadron bosnischer Lanzenreiter anbot – als Gegengewicht gegen die tatarischen Reiter, die im vereinigten sächsischen und polnischen Heer dienten. Friedrich nahm das Angebot an, war mit der Einsatzbereitschaft seiner Bosniaken mehr als zufrieden und beschloss nach dem Friedensschluss mit Sachsen und Polen, den bosnischen Reitersoldaten in Ostpreußen feste Garnisonen zuzuweisen.

Im Jahre 1760 streute die preußische Armee das Gerücht, der Sultankalif plane den “Heiligen Krieg” gegen Russland. Zahlreiche muslimische Soldaten der russischen Armee liefen daraufhin zu den mit dem Kalifen verbündeten Preußen über, weil sie fürchteten, in einen Krieg gegen das Osmanische Reich gezwungen zu werden. Durch Kabinettsorder vom 20. Januar 1762 entstand aus den Überläufern ein selbständiges “Bosniakenkorps”: zehn Eskadronen, zusammen mehr als tausend Mann (nach 1763 das 9. Husarenregiment “Bosniaken”). In den Soldbüchern dieser Truppeneinheit taucht auch der Name eines preußischen “Heeres-Imams” auf. Es handelt sich um “Leutnant Osman, Prediger der preußischen Mohammedaner”. Die muslimischen Reiter nahmen an fast allen Gefechten des Siebenjährigen Krieges teil und wurden vom König mit hohen Auszeichnungen bedacht. “Preußens Gloria” war nicht zuletzt auch ein wenig der grünen Fahne des Propheten zu verdanken, mit der die bosnischen Bataillone in den Kampf zogen.Die Toleranz gegenüber den Muslimen im eigenen Land stand im Einklang mit der preußischen Außenpolitik, die sich seit dem 17. Jahrhundert von der antitürkischen Eindämmungspolitik Russlands und Österreichs abzugrenzen versuchte und um freundschaftliche Beziehungen zum Osmanischen Reich bemüht war. Aus dem Jahr 1777 stammt ein hoffnungsfroher Bericht des Gesandten der Hohen Pforte in Berlin an den damaligen Sultan Abdulhamid I.: “Die Bevölkerung Berlins erkennt den Propheten Muhammad an und scheut sich nicht zu bekennen, dass sie bereit wäre, den Islam anzunehmen”.Die türkische Kolonie in Potsdam und Berlin umfasste schon im 18. Jahrhundert an die hundert Personen. Viele von ihnen betrachteten Deutschland als ihre zweite Heimat – sogar über den Tod hinaus. 1798, nach dem Tod des türkischen Botschafters Ali Azis Effendi, erwarb das Osmanische Reich in der Berliner Hasenheide ein Friedhofsgelände, auf dem fortan die verstorbenen Muslime nach eigenem Ritus begraben wurden. Die preußischen Behörden verhielten sich damit dem fremden Glauben gegenüber großzügiger als die zuständigen deutschen Instanzen heutzutage.

Der “Türkische Friedhof”, der Mitte des 19. Jahrhunderts an den Columbiadamm verlegt wurde, ist bis heute erhalten geblieben (allerdings finden keine Bestattungen mehr statt). Inmitten des Gräberfeldes erhebt sich eine kulturhistorisch wertvolle “Türbe”: eine acht Meter hohe halbmondgekrönte Gedenksäule, ein Geschenk des Sultankalifen Abdul Hamid Khan. Auch außerhalb Preußens lassen sich Spuren einer frühen islamischen Präsenz ausfindig machen. So ist in Hamburg seit dem frühen 18. Jahrhundert die Anwesenheit persischer Kaufleute, Teppich- und Gewürzhändler bezeugt. Nach der Reichsgründung unterhielten sie in der Speicherstadt im Freihafen einen eigenen Gebets- und Versammlungsraum. Dagegen ist die bekannte “Rote Moschee” im Schlosspark von Schwetzingen kein Zeugnis für den Glauben an den Propheten. Sie war nicht als Sakralbau gedacht, sondern wurde vom pfälzischen Kurfürsten 1785 als Mittelpunkt eines “türkischen Gartens” errichtet. Zum Gebetsraum wurde die Moschee erst nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71, als sie einem Lazarett angegliedert wurde, in dem verwundete algerische Schützen aus der französischen Armee, die sogenannten Turkos, gesundgepflegt wurden.

Probleme im Umgang mit dem Islam in Deutschland

Wenn man deutsche Fernsehsendungen mit den Augen der strengen Islamisten betrachten wollte, wären wir ein Volk von Perversen, von Sadisten und Masochisten. Fast jede der die Zuschauer überflutenden Talkshows befasst sich mit Promiskuität, Vergewaltigung, Ehebruch als Mittel, die eigene Ehe wiederzubeleben, Prostitution, Kindersex und Kinderpornographie. Sex in allen Stellungen und Lagen, sich lasziv und brünstig gebende, ausziehende Frauen in diversen Video-Clips im Fernseh-Nachtprogramm, Triebtäter, Massenmörder und bestellte Killer – kein “Nervenkitzel” wird ausgelassen. Das Bild, das hier vermittelt und von den Muslimen meist als einziges wahrgenommen wird, muss als Spiegel unserer Gesellschaft gedeutet werden. Die Älteren unter den frommen Muslimen setzen sich daher mit ihrer ganzen Kraft dafür ein, die Kinder und Jugendlichen vor diesem moralischen Sumpf zu bewahren und ihre islamisch-religiöse Identität zu fördern.Angesichts der Vielzahl von Problemen sollen nur drei Dimensionen angedeutet werden:

  1. Nach muslimischer Verkündung muss sich der Muslim, der seine Religion in vollem Sinne ernst nimmt, als im Besitz der absolut vollkommenen Religion fühlen. “Ihr seid die beste Gemeinde”, so steht es im Koran. Das in der christlichen Gemeinschaft gelebte Christentum wird als eine Abweichung von diesem vollkommenen Gotteswort verstanden. Mehr noch, der Muslim ist nicht nur Angehöriger einer spirituellen und religiösen Gemeinde; er ist der Bürger einer konkreten gesellschaftlichen Gemeinschaft, der umma, in der die göttliche Offenbarung gesellschaftliche, ethische und rechtliche Weisung bedeutet. Wenn ein Muslim seinen Glauben also ganz ernst nimmt, sitzt in ihm ein Vorbehalt gegenüber dieser nichtmuslimischen Gesellschaft, der er sich im tiefsten Inneren letztendlich überlegen fühlen muss. Er sieht freilich die Realität seines Status, die seiner Vorstellung nicht entspricht; somit geht er zu seinem gesellschaftlichen Umfeld gewissermaßen auf Distanz.
  2. Der Islam ist eine in hohem Maße sichtbare Religion. Während der moderne Christ sich zum Gebet oder anderen frommen Verrichtungen eher etwa in die Abgeschiedenheit einer Kirche oder Kapelle zurückzieht, macht der Muslim seine Gläubigkeit der gesamten Gemeinde sichtbar. Man betet gemeinsam, verrichtet das jährliche Fasten zusammen und sucht in der Gemeinde die Pilgerfahrt zu machen. Auch an der Kleidung (z.B. Kopftuch) oder an physischen Kennzeichen (z.B. Bart) macht er sich kenntlich.
  3. Der Muslim kann, wenn er seine Religion in ihrer spirituellen wie gesellschaftlichen Dimension wirklich ernst nimmt, seinen Glauben von der gesellschaftlichen, von der politischen Erscheinungsform seiner Gemeinde nicht trennen. Glaube und gesellschaftliche Legitimation sind untrennbar verbunden. Das bedeutet, dass ein Muslim die Säkularität, den Laizismus, der für unsere Gesellschaft als eine der wesentlichen Errungenschaften der letzten Jahrhunderte gilt und Grundlage ihrer Stabilität ist, so ohne weiteres nicht akzeptiert. Zumindest sind sie ihm ein Problem. Er muss mithin seinem Handeln beständig die Maxime seiner Religion zugrunde legen, während er doch hier einem anderen, nicht religiösen Gesetz unterliegt, und im Rahmen einer Verfassung lebt, die laizistisch ist. So ist er ständig mit der Frage konfrontiert, wohin er eigentlich gehört; die Entscheidung zwischen seinem Glauben, der sich mit dem islamischen Gesetz, der Scharia, verbindet auf der einen und seinem Leben in einer dem Glauben entfremdeten Welt auf der anderen Seite ist ein schmaler Grat, auf dem er sich ständig bewegt. Wird er sich mehr der Religion zuwenden, ihr in den täglichen Entscheidungen seines Lebens den Vorrang einräumen, das islamische Gesetz zu seiner Richtschnur machen oder kann er sich – und wenn ja, in welchem Umfang – mit der Säkularität abfinden? Hier liegt das entscheidende Problem im Zusammenleben zwischen Muslimen und Nichtmuslimen.

Schon lange vor dem Eintreffen von Menschen mit fremder Kultur hat bei uns eine multikulturelle Entwicklung begonnen. Wir haben uns aufgespalten in christliche und atheistische, in unzählige philosophische und politische Strömungen, in verschiedenste teils gegensätzliche Lebensformen. Aber ein solcher Wandel hat sich eben nur gegen vielerlei Widerstände durchsetzen können; das Ergebnis ist ein erzwungener, keineswegs ein von allen anerkannter Pluralismus. Und so bilden sich auch jetzt die verschiedensten Bewegungen, wenn es darum geht, eine islamische Kultur, eine größere Zahl von Muslimen zu integrieren.Am 15. Juni 2003 verabschiedete die “Konferenz der Leiter islamischer Zentren und Imame in Europa” während einer Tagung in der österreichischen Universitätsstadt Graz eine Resolution mit der Kernbotschaft, dass sich die in Europa lebenden Muslime zu Demokratie, Pluralismus und den Menschenrechten bekennen. Rund hundert führende Repräsentanten islamischer Gemeinden gaben damit den Muslimen wie den Nichtmuslimen zu verstehen, islamische und europäische Identität würde keinen unauflösbaren Widerspruch bedeuten. Und an die Muslime wandten sie sich darüber hinaus mit dem Bescheid, in ihrer Religion sei keine Bestimmung vorhanden, die sie daran hindere, Bürger eines nichtislamischen Staates zu sein und die dortigen Gesetze loyal zu befolgen. Außerdem erteilten die Konferenzteilnehmer eine klare Absage an jede Form von Fanatismus und Extremismus.

Heutige Situation der Muslime in Deutschland

Tatsächlich fängt die Geschichte des Islam in der Bundesrepublik Deutschland erst mit den Gastarbeitern an, die seit den sechziger Jahren in die damalige Bundesrepublik Deutschland geholt worden waren. Sie kamen nicht nur aus den südosteuropäischen, sondern zunehmend auch aus muslimischen Ländern, vor allem aus der Türkei, aber auch aus Marokko und Tunesien. Dass auf diese Weise binnen nur dreier Jahrzehnte die zweitgrößte Glaubensgemeinschaft (nach den Christen) Deutschlands entstehen würde, ahnte damals niemand. Man rechnete mit einer ständigen Fluktuation von Arbeitskräften, die man nach Belieben einstellen oder wieder entlassen könnte; ein Daueraufenthalt war nicht eingeplant, weder von den Deutschen noch von den Muslimen selbst. Die Gastarbeiter lebten in Deutschland ein einsames und entsagungsvolles Leben. Eine Statistik aus dem Jahr 1972 besagt, dass 89 Prozent der damaligen Migranten Männer waren. Der Anwerbestopp 1973 und die danach ermöglichte Familienzusammenführung veränderten die Situation grundlegend; im Jahr 1992 waren bereits 45 Prozent der Migranten Frauen.Die Folge dieser Politik war, dass sich die Familien hierzulande einzurichten begannen, wenn auch meist noch mit dem Gedanken, sich von hier aus in der Heimat eine Zukunftsexistenz aufzubauen und dorthin zurückzukehren. Jedoch ergaben sich bald neue Lebensumstände, denen Rechnung getragen werden musste: Die Kinder wuchsen in Deutschland auf, mussten hier die Schule besuchen und deshalb Deutsch lernen. Hatten auch die Frauen Arbeitsplätze bekommen, waren zudem Kindergartenplätze gefragt. Räume, um sich mit Landsleuten zu treffen, wurden angemietet und Gebetsstätten eingerichtet, Läden mit dem aus der Heimat vertrauten Warenangeboten eröffnet und die ersten Handelsfirmen gegründet.Auf die deutschen Institutionen kamen nicht wenige bis dahin völlig unbekannte Probleme zu. Zunächst wurden Kirchenleute von Muslimen darum gebeten, ihnen Räumlichkeiten zum Freitagsgebet verfügbar zu machen; das führte bis zu einem islamischen Gebetsgottesdienst im Kölner Dom am 3. Februar 1965. Im Erzbistum erinnert man sich noch an Briefe von Muslimen, die der Fehleinschätzung unterlagen, der Ort, an dem Muslime beten, gehöre ihnen auch, und die deshalb den Kölner Dom als ihren Besitz betrachteten. Im Jahr 1992 verbot ein päpstliches Dekret die Vergabe gottesdienstlicher Räume an nicht-christliche Religionen.

Sodann waren die Pädagogen auf allen Ebenen gefordert. Mit deren seit ca. 1980 entstandenen Untersuchungen und Studien beginnt auch die Auseinandersetzung mit dem hiesigen Islam und seinem andersartigen Wertesystem, das vor allem die Kindergarten-Arbeit und den Schulunterricht, aber auch den Umgang mit dem anderen Geschlecht betrifft. Gleichzeitig mit den Pädagogen meldeten sich auch Kirchenleute zu Wort. Mit der Einrichtung der “Ausländerbeauftragten” folgten die Politiker. Am spätesten haben Islam-Fachleute wahrzunehmen begonnen, was sich ereignet hatte. Es hat lange gedauert, bis allgemein klar geworden ist: Der Islam ist da, die Muslime sind da, und wir müssen uns endlich mit dieser grundlegenden Neuerung vertraut machen.Eigentlich weiß man nur, dass man kaum etwas über sie weiß. Während der Verfassungsschutz die wenigen tausend radikalen Islamisten in Deutschland seit Jahren auf Schritt und Tritt überwacht, ist über die unauffällige Mehrheit der Muslime in Deutschland wenig bekannt – nicht einmal ihre genaue Zahl. Fachleute schätzen sie auf 2,8 bis 3,2 Millionen Menschen. Dies sind rund doppelt so viele wie 1987, als die Volkszählung die Zahl von 1,65 Millionen erbrachte. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag hervor. [12] Auch in dem mehr als neunzig Seiten langen Dokument gelingt es nicht, alle Wissenslücken zu schließen. Einem Anteil von 66,8 Prozent Christen in der deutschen Bevölkerung stehen demnach rund 3,1 Prozent Moslems gegenüber. In Großbritannien (4,4 Prozent) und Frankreich (8,6 Prozent) sind die Zahlen deutlich höher.Gegenwärtig machen die Sunniten rund 85 bis 90% aller Muslime weltweit aus. In Deutschland liegt ihr Anteil mit 75 bis 80% erkennbar niedriger. Der Anteil der Schiiten liegt weltweit bei etwa 10%, in Deutschland hingegen bei nicht mehr als 4 bis 5% aller Muslime. Diese Unterschiede liegen darin begründet, dass der Anteil der Aleviten, einer weiteren Gruppe, die sich selbst zum Islam zählt, deren Zugehörigkeit von Sunniten aber oft nicht anerkannt wird, in Deutschland besonders hoch ist, weltweit aber nicht ins Gewicht fällt. [13] In Deutschland ist die Sunna größtenteils türkisch geprägt, die Schia iranisch.Von den rund 7,3 Millionen Ausländern in der Bundesrepublik bekennen sich – nach einer Erhebung des Soester “Zentralinstituts Islam-Archiv Deutschland” (ZIA) – über drei Millionen zum Islam. Drei Viertel von ihnen kommen aus der Türkei. Nach Aussagen von Faruk Sen, Leiter des Zentrums für Türkeistudien, sind lediglich sieben Prozent der türkischen Muslime in Deutschland, der mit Abstand größten Gruppe, streng religiös. Zwei Drittel bezeichnen sich als “eher religiös”, ein Viertel als “eher nicht religiös” und drei Prozent lehnten den Islam rundherum ab. [14]

Während die christlichen Kirchen registriert haben, wie viele Deutsche ihrer Konfession angehören, ist man bei den Muslimen auf Schätzungen angewiesen: Die meisten (2,1 bis 2,4 Millionen) sind nach diesen Angaben wohl Sunniten. Die zweitgrößte Gruppe bilden die Aleviten mit 400.000 bis 600.000 Gläubigen. Ihr Anteil am Islam liegt damit bei knapp 20%, d.h. vier- bis fünfmal so hoch wie der Anteil der Schiiten. Zu den Schiiten in Deutschland lassen sich etwa 125.000 Personen rechnen. Wie viele Muslime deutsche Staatsbürger sind, ist nicht klar. Wurden in der letzten Volkszählung von 1987 noch 48.000 erfasst, sind es heute vielleicht knapp zehn mal so viele. Die Zahl von 370.000 bis 450.000 ergibt sich aus komplizierten Berechnungen über Einbürgerungen sowie Schätzungen zu Übertritten zum Islam.

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Die Muslime und das deutsche Rechtssystem

Die Frage nach dem Recht des Menschen in der Welt ist nicht nur die Frage nach universal geltenden Menschenrechten und damit nach einem Weltrecht. In Zeiten weltweiter Migration ist es auch die Frage nach dem Recht des Menschen in einer anderen lokalen Welt als derjenigen, aus der er stammt. Es ist die Frage nach seinem Recht, dort als Fremder weiter in denjenigen Formen zu leben, die ihm vertraut, vielleicht sogar heilig sind. Es ist damit zugleich aber auch die Frage nach dem Recht der Einheimischen, ihre Lebensweisen und Werthaltungen mitsamt den rechtlichen Normen, die darauf beruhen, von den Zugewanderten beachtet zu sehen.Die Konflikte, die sich aus dem Zusammentreffen unterschiedlicher Kulturen ergeben, münden immer häufiger in Rechtsstreitigkeiten. Im Recht stellt sich die Frage aber gewöhnlich nicht im Großformat, sondern punktuell als Kollision zwischen Ge- und Verboten des einheimischen Rechts und bestimmten religiös begründeten Verhaltensanforderungen oder kulturell eingeübten Gewohnheiten des Herkunftslandes. Kollisionen dieser Art sind nicht von vorneherein zugunsten der allgemein geltenden Rechtsordnung auflösbar, weil sich die Zuwanderer auf Grundrechte berufen können, bei deren Formulierung an den Konflikt zwischen Kulturen zwar noch nicht gedacht war, die aber in ihrer allgemeinen Fassung gleichwohl auch für ihn Maßstäbe setzen.Zur Verdeutlichung dieser Problematik einige Beispiele [15] aus der Rechtssprechung:

  • Kann ein Motorrad fahrender Sikh unter Berufung auf seine religiöse Pflicht, einen Turban zu tragen, Befreiung von der allgemein geltenden Helmpflicht verlangen?
  • Muss einem jüdischen Häftling koscheres Essen vorgesetzt werden?
  • Hat ein islamischer Arbeitnehmer das Recht, seine Arbeit kurzzeitig für Gebete zu unterbrechen?
  • Kann einem Arbeitnehmer wegen Nichterscheinens zur Arbeit an hohen Feiertagen seiner Religionsgemeinschaft gekündigt werden?
  • Verliert ein aus diesen Gründen entlassener Arbeitnehmer seinen Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung?
  • Muss jüdischen Kaufleuten die Geschäftsöffnung am Sonntag erlaubt werden, weil sie am Samstag aus religiösen Gründen keine Verkäufe tätigen dürfen?
  • Hat eine islamische Schülerin ein Anrecht darauf, vom Sportunterricht befreit zu werden, weil sie sich dem anderen Geschlecht nicht in Sportkleidung zeigen darf?
  • Dürfen islamische Schülerinnen in der Schule das Kopftuch tragen?
  • Wie verhält es sich, wenn es um Lehrerinnen einer öffentlichen Schule geht?
  • Gilt für Ordensschwestern etwas anderes als für islamische Lehrerinnen?
  • Können Zuwanderer verlangen, Verstorbene ohne Rücksicht auf die einheimischen Friedhofsordnungen zu bestatten?
  • Dürfen die deutschen Behörden von einer Ausländerin, die in ihr Heimatland abgeschoben werden soll, verlangen, dass sie für ein Foto den Schleier anlegt, weil das Aufnahmeland nur Passfotos mit Schleier anerkennt?
  • Muss in deutschen Städten der mit Lautsprecher übertragene Ruf des Muezzin genauso zugelassen werden wie das Glockengeläut der Kirchen?
  • Muss Fremden das Schächten erlaubt werden, obwohl es den einheimischen Tierschutzregeln widerspricht?
  • Können ausländische Eltern ihre Töchter von höherer Bildung ausschließen oder ohne ihr Einverständnis verheiraten?
  • Ist eine Befreiung von der Schulpflicht nötig, wenn die Schule Erziehungsziele verfolgt, die den Werten einer fremdkulturellen Gruppe widersprechen?
  • Muss Mormonen die Polygamie hier gestattet werden, wenn sie ihnen im Herkunftsland erlaubt ist?
  • Darf ein “in heimatlichen Sitten und Rechtsvorstellungen verhafteter Türke” seine Ehefrau in Deutschland einsperren, weil er die Tat nach türkischem Recht für erlaubt hält?
  • Ist eine in Teheran durchgeführte Privatscheidung in Deutschland gültig?

Zweierlei wird aus dieser sicher nicht vollständigen Liste deutlich. Zum einen handelt es sich bei dem Grundrecht, auf das sich die Zuwanderer berufen können, besonders häufig um die Religionsfreiheit, die dadurch eine ganz neue Aktualität gewinnt. Daneben spielt das Elternrecht eine erhebliche Rolle. Zum anderen spitzen sich die Konflikte besonders häufig im so genannten besonderen Gewaltverhältnis, allem voran in der Schule, daneben in Arbeitsverhältnissen und in der Familie, zu.Unverzichtbar für den deutschen Staat ist und bleibt die Akzeptanz seiner Verfassung und seiner Gesetze durch jeden Einwohner, welche Religions- und Staatsangehörigkeit er auch immer ansonsten haben mag. Dieser Rechtsstaat kann nicht zweierlei Recht dulden und partiell die Scharia akzeptieren. Denn dies würde unweigerlich endgültig auf einen “Staat im Staate” hinauslaufen. Man muss aber leider davon ausgehen, dass unser Grundgesetz den meisten der hiesigen Muslime überhaupt nicht bekannt ist, weshalb dieser Staat dringendst Aufklärungsarbeit leisten muss.Alle islamischen Organisationen in Deutschland wird man vor allem an der Frage der Menschenrechte zu messen haben, insbesondere auch hinsichtlich der Stellung der Frau, der grundgesetzwidrigen rigiden Geschlechtertrennung, der Religionsfreiheit, ob z. B. Muslime zu einer anderen Religion konvertieren dürfen, und an deren Umgang z. B. mit den missionarischen Versuchen diverser Gruppierungen.Muslime, die in westlichen Demokratien leben, können sich der ihnen hier gewährten Religionsfreiheit erfreuen, und sie machen davon auch durchweg Gebrauch. Allerdings stößt hierzulande die vom Gesetz geforderte Toleranz gegenüber Muslimen gerade in einem Punkt immer wieder auf Kritik. Eine Reihe von muslimischen Ländern bietet nämlich Christen keine fairen Lebensmöglichkeiten und diskriminiert sie in kaum zu tolerierender Weise. Daher, so eine immer wieder zu hörende Meinung, dürfe man im Gegenzug den hier lebenden Muslimen nicht auch noch Toleranz bieten. Aber es ist aus gutem Grund nicht im Sinne unserer Verfassung, die Gewährung von Religionsfreiheiten an Bedingungen zu knüpfen – zumal an Bedingungen gegenüber anderen Staaten. Allerdings wäre viel gewonnen, wenn die hier lebenden Muslime sich in größerem Umfang dafür einsetzen würden, dass auch in islamischen Ländern volle Religionsfreiheit gewährt wird.Man darf wohl nicht erwarten, dass sich sämtliche Kultur- oder Religionskonflikte unter Rekurs auf die Grundrechte harmonisch lösen lassen. Gesellschaften, in denen schwer überbrückbare Gegensätze nicht zwischen Einheimischen und Migranten auftreten, sondern die Stammbevölkerung selbst durchziehen, wie in Israel, kann das zerreißen. In Gesellschaften, wo die Konfliktlinie zwischen der Stammbevölkerung und den Zuwanderern verläuft, bleibt im Kernbereich der einheimischen Verfassungsordnung für Angehörige der Minderheitenkultur eigentlich nur die Alternative von Anpassung oder Wegzug.

Zusammenprall der Zivilisationen?

Es scheint ein Phänomen unserer Zeit zu sein, in immer kürzeren Dimensionen zu denken. Der Blick auf die 1400 Jahre währende gemeinsame Geschichte beider Kulturen macht aber klar, wie sich immer und immer wieder die Perspektiven verschoben haben. Die gleiche hohe und moderne Zivilisation, welche heute der Westen für sich in Anspruch nimmt, hatten einst Araber oder Osmanen gegenüber dem mittelalterlichen Europa eingenommen; inklusive dem Anspruch auf moderne Staatsformen und wirtschaftlichem wie technischem Vorsprung. Nicht von ungefähr blickte einst Karl der Große neidvoll von Aachen nach Bagdad, wo die großen Wissenschaften jener Zeit betrieben wurden und die Menschen gebildeter waren. Eine der Erklärungen für die “Wut” der Araber, sich heute in umgekehrter Situation wiederzufinden. Keiner der beiden Protagonisten will sich unterordnen, weil beide eben als einzige große Weltkulturen praktikable Lebensmodelle für Staaten und Gesellschaften sowie universelle Ansprüche entwickelt haben. Notwendig ist daher, den alles entscheidenden Unterschied, der für den Konflikt zwischen beiden Kulturen verantwortlich ist, herauszuarbeiten. Es ist der Unterschied zweier Modelle, zwischen dem Islam einerseits, wo die Religion Sinn stiftender Wertüberbau für eine Gesellschaft ist, und andererseits dem Westen, für den Religion “nur” ein untergeordneter persönlicher Wertekodex ohne größere Bedeutung ist.Wie soll man dann mit dem Konfliktstoff umgehen, der sich aus dem Zusammentreffen von Einheimischen und Zuwanderern einer fremden, islamischen Kultur ergibt? Die öffentliche Debatte schwankt zwischen den Polen von Assimilationszwang [16] und Kulturfreiheit. Dahinter verbirgt sich einerseits die Furcht vor Überfremdung: Man kann sich im eigenen Land nicht mehr zu Hause fühlen. Andererseits die Furcht vor einem Kulturimperialismus: Zwingt man anderen nicht Wertvorstellungen und Verhaltensformen auf, die sie freiwillig nicht akzeptieren würden?Ohne Kenntnis der Ursachen ist keine Konfliktlösung möglich. Gefordert ist daher ein intensiver Dialog mit der islamischen Welt, vor allem mit den Vertretern der Zivilgesellschaft, die oftmals unter Lebensgefahr Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in ihrer Heimat einfordern, was in der Regel kaum jemand im Westen wahrnimmt, weil dieser Kampf ohne Fernsehbilder ausgetragen wird und den gängigen Klischees nicht entspricht.

Beispiele für das Aufeinanderprallen der Zivilisationen in Deutschland

Die Ungleichbehandlung von Mann und Frau

Die Stellung der Frau [17] gehört zu den wesentlichen Kritikpunkten der westlichen Welt an den islamischen Rechtsvorstellungen. Es gilt heute als großes Hindernis bei der Durchsetzung von Menschenrechten im Islam, dass die Frau – nach Auslegung der Vorschriften durch die Rechtsgelehrten – dem Mann untergeordnet ist.Im Koran, Sure 4, Vers 34 ff ist zu lesen:”Die Männer stehen über den Frauen, weil Gott sie von Natur vor diesen ausgezeichnet hat und wegen der Ausgaben, die sie von ihrem Vermögen gemacht haben … Und wenn ihr fürchtet, dass irgendwelche Frauen sich auflehnen, dann vermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie!”Der Mann ist in der patriarchalischen Struktur, die im religiösen Familienrecht festgeschrieben ist, das Oberhaupt der Familie, die Ehefrau schuldet ihm Gehorsam im Haus und in der Öffentlichkeit. Das islamische Recht billigt dem Mann zu, in gewissen Fällen seiner Frau den Unterhalt zu entziehen, auch wenn er im Prinzip dazu verpflichtet ist. Er darf sie auch schlagen und kann sie ohne Angabe von Gründen verstoßen.Die Ausnahmen, in denen eine Frau ihrerseits die Scheidung beantragen kann, sind beschränkt auf sexuelle Impotenz, unberechtigte Nichtgewähr von Unterhalt und unheilbare Erkrankung. Frauen besitzen gegenüber Männern auch unterschiedliche Rechtspositionen.

So zählt beispielsweise ihr Zeugnis vor Gericht nur die Hälfte (und das auch nur im Zivilrecht, im Strafrecht haben sie gar keine Zeugenqualität), das Erbrecht ist vermindert, bei Schließung einer Ehe müssen Frauen sich in der Regel durch einen männlichen Ehevormund vertreten lassen. [18] Männer sind berechtigt, bis zu vier Frauen gleichzeitig zu heiraten, während Frauen dies unter Androhung drastischer Strafen verboten ist. [19] Die Polygamieerlaubnis des islamischen Rechts beruht auf Sure 4, Vers 4. Sie ist dort allerdings an die Bedingung geknüpft, dass der Mann in der Lage ist, sich gegenüber seinen verschiedenen Ehefrauen gleichermaßen gerecht zu verhalten. In der heutigen Praxis etlicher islamischer Länder, die noch kein Polygamieverbot kennen (wie dies bereits in der Türkei und Tunesien der Fall ist), ist die Mehrehe selten geworden; so liegt ihr Anteil beispielsweise in Ägypten bei ca. 3,5 Prozent. Das hat zum Teil wirtschaftliche Gründe, beruht aber auch auf dem Wandel des Partnerschafts- und Familienideals, der sich in der Moderne vollzogen hat.

Die Geschlechtertrennung ist der Grundpfeiler der muslimischen Gesellschaftsordnung. Diese Praxis macht den häuslichen Bereich zum Territorium der Frau und die öffentliche Sphäre zur Domäne des Mannes. Jede Überschreitung seitens der Frauen wird von den Männern als Provokation empfunden. Weder der Koran noch die Überlieferungen verbieten es den Frauen, berufstätig zu sein. Aber das Festhalten an ihrer traditionellen Rolle im Haus setzt der Erwerbsarbeit enge Grenzen. Eine Frau braucht die Genehmigung des Mannes oder des Vormundes für die Arbeit außer Haus. Für die Lebenswirklichkeit der Frau im Islam ist bis heute das Recht des Mannes von Bedeutung, den Aufenthaltsort der Frau zu bestimmen. Er kann ihr z. B. das Verlassen der ehelichen Wohnung verbieten, mit der Folge, dass der Frau wesentliche Rechte wie Ausbildung oder Berufstätigkeit vorenthalten bleiben, die ein Verlassen der Wohnung erfordern. Eine Frau soll möglichst nur mit Frauen zusammenarbeiten und darf keine Stellung einnehmen, in der sie Männern Weisungen erteilt. Nur wirtschaftliche Not gilt als ausreichender Grund für Erwerbstätigkeit.

Es ist Frauen nicht gestattet, als religiöse Instanz zu wirken, zu richten oder eine politische Führungsposition zu übernehmen. Das “Blutgeld” für eine Frau beträgt halb so viel wie das eines Mannes, vor Gericht hat ihre Aussage weniger, in gewissen Fällen gar kein Gewicht. Das Erbteil der Töchter ist nur halb so groß wie dasjenige der Söhne – wobei freilich die Tatsache, dass überhaupt ein Erbrecht für Frauen festgeschrieben wurde, zur Entstehungszeit des Korans einen beträchtlichen Fortschritt darstellt. Aus heutiger Sicht bleibt festzuhalten, Frauen werden in Bezug auf Familienrecht, Zivilrecht und Strafrecht auch nach 1400 Jahren immer noch als Menschen zweiter Klasse behandelt.Seit sich die Frauen den Zugang zu formalem Wissen und zur Berufstätigkeit erobern, sind sie in den öffentlichen Raum vorgestoßen. Bis heute haben sich die Männer von diesem Schock nicht erholt. Die Regelverletzung hat ihre Identität ins Mark getroffen: Kämpferische islamische Frauen sehen in der Akzeptanz der von Islamisten propagierten “islamischen Kleiderordnung” einen gangbaren Weg, ihren Ehemann zur Zustimmung zum Verlassen der Wohnung und zu einer Teilnahme am öffentlichen Leben einschließlich z. B. einer eigenen Berufstätigkeit zu bewegen.

Die männlichen Mitglieder der islamischen Glaubensgemeinschaft, der umma, werden anhand ihres öffentlichen Ranges definiert. Die Mitgestaltung des öffentlichen Lebens und die Teilhabe an der politischen Macht verleihen ihnen Autorität. Die Ehre des Mannes hängt von der Kontrolle ab, die er über die Sexualität seiner Ehefrau(en) ausübt, sowie davon wie viele (vor allem männliche) Kinder sie ihm schenkt. Frauen in der Öffentlichkeit bedrohen die Familienehre und stellen die männliche Autorität und Kontrolle in Frage.Auch im Paradies werden Männer und Frauen nicht gleich behandelt, es wird nach den Worten des Propheten unterschiedliche Freuden geben:”Ich stand am Tor des Paradieses. Da waren die meisten, die eintraten, Männer. Und ich stand am Tor zur Hölle. Da waren die meisten, die eintraten, Frauen.”

Muslimische Mädchen und Schule: Koedukativer Unterricht

Muslimischen Schülerinnen verbietet ihr Glaube am gemischten Schulsportunterricht, wie er in vielen Bundesländern stattfindet, teilzunehmen, weil sie sich verhüllen sollen vor Männern und andererseits Männer in knapper Sportbekleidung nicht betrachten sollen. Nicht selten kam es in der Vergangenheit zu Klagen von Eltern muslimischer Schülerinnen. Die Gerichte haben die widersprüchlichsten Urteile gefällt. [20] Die betroffenen Schülerinnen und deren Eltern führen an, dass ein Zwang zum gemischten Schulsport gegen den Koran verstoße. Kritiker argumentieren dagegen, dass die Mädchen sich faktisch aus dem öffentlichen Leben zurückziehen müssten und dies widerspräche dem Grundsatz der Gleichstellung von Mann und Frau. Weiter wird angeführt, dass die Befreiung vom Sportunterricht ein Schritt hin zur Ausgrenzung der betroffenen Schülerinnen sei. Es sei den Mitschülern auch nicht zu vermitteln, warum Muslime eine Sonderstellung genössen und vom Sportunterricht befreit würden.

Schwierig ist bei diesem Thema auch, dass sich gerichtliche Beschlüsse zum gemischten Schulsport auch auf andere Fächer ausdehnen. Wie ist es zu beurteilen, wenn muslimische Eltern wünschen, dass ihre Töchter vom Sexualkundeunterricht befreit werden sollen oder am Aufklärungsunterricht zum Thema Aids oder Schwangerschaftsverhütung nicht teilnehmen sollen? Auch sind Klassenfahrten für muslimische Schülerinnen praktisch nicht möglich, da der Islam es für Frauen nicht vorsieht, ohne einen männlichen Begleiter zu verreisen (siehe “Kamelfatwa”).

Kopftuch

Der Koran schreibt keineswegs eindeutig das Tragen eines Kopftuches vor. In Sure 33, Vers 59 heißt es:”Prophet, sag deinen Gattinnen und Töchtern und den Frauen der Gläubigen, sie sollen sich etwas von ihrem Gewand über den Kopf ziehen. So ist es am ehesten gewährleistet, dass sie als ehrbare Frauen erkannt und daraufhin nicht behelligt werden. Gott aber ist barmherzig und bereit zu vergeben”.Es handelt sich hierbei um unterschiedliche Interpretationen, die nicht von allen Muslimen geteilt werden. Beispielsweise herrscht in Ländern wie Iran oder Saudi-Arabien strenger Kopftuchzwang, während dies in Syrien oder Ägypten nicht der Fall ist. Und ausgerechnet die Türkei, aus der die meisten der in Deutschland lebenden 3,2 Millionen Muslime stammen, praktiziert als streng laizistische Republik ein generelles Kopftuchverbot in allen staatlichen Stellen.In Deutschland hat die Kopftuchdebatte vor allem durch die muslimische Lehramtskandidatin Fereshta Ludin, deutsche Staatsbürgerin afghanischer Herkunft, für Schlagzeilen gesorgt. Sie klagte bereits in mehreren Instanzen um die Erlaubnis, während des Schulunterrichts im staatlichen Schuldienst das Kopftuch tragen zu dürfen.Die Lehrerin beruft sich auf ihr Recht auf Glaubensfreiheit und freie Berufswahl, während die baden-württembergische Kultusministerin Schavan dem das strikte Neutralitätsgebot des Staates sowie das demokratische Grundprinzip der Trennung von Staat und Religion entgegenhält. Dieser Fall ist nicht einmalig, sondern es sind in der Bundesrepublik rund 15 derartige Fälle bekannt geworden.Der Konflikt um die Einstellung von Fershta Ludin mit islamischem Kopftuch in den staatlichen Schuldienst hat das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil vom 24. September 2003 zumindest vorläufig zugunsten der Trägerin des Kopftuchs entschieden. Die Entscheidung verdient Respekt, aber nicht unbedingt große Zustimmung. Kritikwürdig ist insbesondere, dass das Verfassungsgericht der Frage nach dem Sinngehalt des islamischen Kopftuches nicht nachgegangen ist. Diese Zurückhaltung lässt sich nicht mit der Annahme rechtfertigen, dem Staat sei es verwehrt, den Gehalt des Kopftuches zu bewerten, da ihm wegen seiner religiös-weltanschaulichen Neutralität eine solche Wertung nicht zustehe. Eine solche Enthaltsamkeit würde dem Staat die Möglichkeit nehmen, die persönliche Eignung der sich um ein öffentliches Lehramt bewerbenden Personen umfassend zu ermitteln. Gerade hierzu ist der Staat aber verpflichtet, nicht zuletzt im Interesse der eigenen Funktionsfähigkeit und der Erhaltung der grundgesetzlichen Ordnung.

Das islamische Kopftuch ist Ausdruck einer minderen Stellung der Frau, so eine weitverbreitete Meinung. Allerdings wird von Verfechtern des religiösen Kopftuchgebots das Gegenteil behauptet: Während Frauen “im Westen” in Werbung, Fernsehshows, Geschäften oder Filmen zur Schau gestellt würden, symbolisiere das Kopftuch Befreiung aus der Sklaverei, Befreiung von Unterdrückung und Schutz der Menschenwürde.

Das islamische Kopftuch wird überdies in der Islam-Diaspora zunehmend als ein Mittel zur zivilisatorischen Abgrenzung zwischen Muslimen und Nichtmuslimen eingesetzt; es wird so Ausdruck der Distanz zum Westen, damit aber auch zum westlichen demokratischen System und zu seinen Werten. Wenn allerdings muslimische Frauen, die mit dem Tragen des Kopftuchs ja keineswegs durchweg ein fundamentalistisches Weltbild ausdrücken wollen, vom Schuldienst ausgeschlossen werden, nimmt sich die Gesellschaft selber die Möglichkeit, sie als Bürgerinnen beim Wort zu nehmen. Die autoritären Strukturen, in denen Mädchen oft zum Tragen des Kopftuches gezwungen werden, bleiben durch das Verbot unverändert; nur die Integrationsmöglichkeiten dieser Mädchen in die deutsche Gesellschaft würden verringert.Weil sich die Verfassungsrichter geweigert haben, das zu tun, was ihre Aufgabe ist, nämlich die Grundrechte auszulegen, wird nun also in jedem Bundesland das Grundrecht auf Religionsfreiheit anders gedeutet – so nämlich, wie es der jeweiligen Landesregierung passt. Und es wird eine fatale Diskussion weitergehen, die in das Kopftuch alles hineinwickelt, was es überhaupt an Bedrohlichem über den Islam zu sagen gibt – Scharia, Fundamentalismus und Terrorismus. Das Kopftuch wird zur Chiffre für alles Gefährliche. Das geht bis hin zu dem bösen Satz, das Kopftuch sei das “Hakenkreuz der Islamisten”. In solcher Maßlosigkeit entlädt sich weniger die Sorge um die Unterdrückung der Frau als Fremdenfeindlichkeit.Auch in privatwirtschaftlichen Bereichen gab es bereits ähnliche Fälle, wie zum Beispiel den von Fadime C., einer Kaufhausverkäuferin, der von ihrem Arbeitgeber im hessischen Schlüchtern gekündigt wurde, als sie nach ihrem zweiten Erziehungsurlaub verkündete, ihre religiösen Vorstellungen hätten sich geändert und sie wolle sich nicht mehr ohne Kopftuch zeigen. Der Arbeitgeber argumentierte, die Kopfbedeckung schrecke die Kundschaft ab und dies führe zu Umsatzeinbußen. Das Bundesarbeitsgericht in Erfurt hielt die Kündigung für rechtswidrig. Als der Kaufhausbetreiber vor das Bundesverfassungsgericht zog, nahm dieses die Beschwerde nicht an, da sie keine Aussicht auf Erfolg habe. Zur Urteilsbegründung des BAG hieß es, dass die Glaubensfreiheit der Arbeitnehmerin nicht auf einen bloßen Verdacht hin “beiseite gestellt” werde. [21]

Benutzung öffentlicher Bäder

Die Einrichtung eines eigenen “Frauenbadetags” in öffentlichen Bädern steht auf der Wunschliste verschiedener islamischer Frauengruppen ganz obenan. Die große rituelle Waschung, die den ganzen Körper einschließlich der Haare umfasst, ist nach dem Beischlaf und anderen “Verunreinigungen” – insbesonders durch Körpersekrete – eine religiöse Pflicht, die unbedingt eingehalten werden muss. Die üblichen Hallen- und Freibäder in Deutschland können von frommen Muslimen nicht besucht werden, weil der Islam auf Geschlechtertrennung besteht, ein gemeinsames Baden von Frauen und Männern also verboten ist. Gescheitert sind solche “Frauenbadetage” verschiedentlich an dem Verlangen der Musliminnen, die Bademeister müssten weiblich sein. Eigentlich müsste es auch einen islamischen “Männerbadetag” geben; denn wo sich Frauen im hautengen Badeanzug oder gar Bikini tummeln, sollte ein frommer Muslim doch nicht zugegen sein; aber seltsamerweise wird ein solcher “Männerbadetag” bisher nirgends verlangt.

Beschneidung

Männliche Muslime werden bereits im Kindesalter beschnitten. Der Zeitpunkt dieses Eingriffs variiert von Region zu Region zwischen wenigen Tagen nach der Geburt und dem Alter von etwa 13 Jahren. In den Ländern des arabischen Nahen Ostens, der Türkei und Iran liegt das traditionelle Beschneidungsalter meist zwischen fünf und sieben Jahren. Die Praxis der Beschneidung männlicher Nachkommen war bereits im vorislamischen Arabien verbreitet. Im Koran ist sie nicht erwähnt. Verschiedene überlieferte Aussprüche des Propheten Mohammed und sein persönliches Vorbild werden jedoch von Muslimen als Begründung dafür angeführt, dass man die Beschneidung von Alters her als löblichen Brauch betrachtet, dem die Gläubigen zu folgen haben. Beschnitten zu sein gilt gemeinhin als für Männer unverzichtbares Zeichen der Zugehörigkeit zur islamischen (aber auch zur mosaischen) Religion.In einer Reihe von Ländern vor allem Afrikas und Vorderasiens, darunter solchen, die größtenteils von Muslimen bewohnt sind oder in denen diese einen erheblichen Teil der Bevölkerung stellen, werden auch Frauen “beschnitten”. Dabei geht es aber um einen sehr viel drastischeren Eingriff als bei dem, was man bei Männern Beschneidung nennt: Es geht um eine brutale Verstümmelung in verschiedener Weise, die durchaus einer Folter gleichkommt und z.T. lebenslange körperliche und psychische Traumata und Folgen auslöst, ja in vielen Fällen durch die schlechten hygienischen Verhältnisse sogar zum Tode führt. [22]

Nach Schätzungen der WHO leben gegenwärtig auf der Erde etwa 135 Millionen Frauen, die diese verstümmelnden Prozeduren bereits über sich haben ergehen lassen müssen, und jeden Tag kommen etwa 6.000 dazu. In Somalia sind z.B. nach begründeten Schätzungen zur Zeit noch fast 100 Prozent der Frauen “beschnitten”, in Ägypten deutlich mehr als 90 Prozent, im Sudan, in Äthiopien, Eritrea und Mali etwa 90 Prozent, in Kenia, der Zentralafrikanischen Republik, Nigeria und Liberia ca. 50 Prozent. In Deutschland ist der Eingriff ein strafbares Offizialdelikt, und dass es hier vor Ort vorgenommen wird, scheint selten zu sein.Muslime, die die Genitalverstümmelung von Mädchen praktizieren, bekunden häufig, diese sei von ihrer Religion geboten. Das ist jedoch falsch: Im Koran kommt sie nicht vor. In einigen überlieferten Aussprüchen, die dem Propheten zugeschrieben werden, ist zwar von ihr die Rede. Aber erstens ist die Echtheit gerade dieser Aussprüche bereits nach traditionellen islamischen Kriterien fraglich, und zweitens erklärt kein einziger von ihnen diese Praxis zur Pflicht.

Sexualität

Für viele in Deutschland lebende Muslime mag der Umgang mit Sexualität hierzulande, besonders in den Medien und der Werbung, und das Tolerieren von sexuellen Neigungen, die im Islam als Tabu gelten, befremdlich sein, obwohl der Islam ausdrücklich die menschliche Sexualität ohne jeglichen Vorbehalt bejaht. So wurde der Prophet Mohammed zu Lebzeiten von Christen für sein unverkrampftes Verhältnis zur Sexualität kritisiert. Jedoch ist im Islam Heirat eine religiöse Regel und das islamische Recht sieht Homosexualität, Ehebruch, Unzucht und Prostitution als Sünden an, die schwer bestraft werden sollen. Was die Ehe und die Bestrafung von Verfehlungen betrifft, so sind die islamischen Vorschriften für Frauen sehr viel strenger als die für Männer. Mit diesem kulturellen Hintergrund kommen viele Muslime nach Deutschland und erleben den offenen Umgang mit Sexualität als moralisch verwerflich und unsittlich, besonders in seiner Wirkung auf ihre Kinder.

Rechtliche Stellung von muslimischen Vereinigungen

In Deutschland gibt es derzeit eine Vielzahl von Vereinen, welche die Muslime vertreten. Diese unterscheiden sich häufig nach nationaler Herkunft und kultureller Tradition, zumeist aber nicht – abgesehen allerdings zumindest von den Aleviten – nach den Besonderheiten einer bestimmten religiösen Richtung oder Schule. Deshalb können sie zwar mit einem gewissen Recht in Anspruch nehmen, für alle Muslime offen und für die Wahrnehmung von deren religiösen Interessen da zu sein. Zugleich aber haben die Moscheevereine in der Regel nur sehr begrenzte Mitgliederzahlen, da für die Teilnahme an dem in der Moschee zu verrichtenden Freitagsgebet die Vereinszugehörigkeit keine Relevanz hat.Im Unterschied zu den christlichen und jüdischen Gemeinden in Deutschland sind aber die muslimischen Glaubensgemeinschaften nicht einheitlich und bundesweit organisiert. Dies wäre Voraussetzung, dafür, als “Körperschaft des öffentlichen Rechts” anerkannt zu werden und somit wichtige Rechte und Vorteile zu erhalten: das Recht, Steuern zu erheben; das Recht, Dienstverhältnisse öffentlich-rechtlicher Art zu begründen; das Recht, als Träger der freien Wohlfahrtspflege und der freien Jugendhilfe zu wirken; das Recht auf bestimmte steuerliche Vergünstigungen und Befreiungen; das Recht auf einen erleichterten Zugang zur Seelsorge in öffentlichen Anstalten und Einrichtungen (z.B. Justizvollzug, Bundeswehr, Krankenhäuser, Heime); das Recht auf Entsendung von Vertretern in die Rundfunkräte und schließlich die vereinfachte Berücksichtigung von Bauvorhaben für Gottesdienste und Seelsorge in den Bauleitplänen.Natürlich haben auch die in Deutschland lebenden Muslime die Notwendigkeit erkannt, sich zu organisieren, was jedoch nur schwer gelingt, weil die Gräben zwischen den einzelnen Glaubensrichtungen zu tief sind, ebenso wie sich auch das sehr heterogene Spektrum von Weltanschauungen des Islams schwer in einer Instanz bündeln und repräsentieren lässt. Um in Deutschland eine einheitliche Repräsentanz zu etablieren, wäre es vordergründig von Wichtigkeit, dass der Islam in Deutschland sich zum Grundgesetz bekennt und dies auch lebt, indem sich Repräsentanten nicht nur öffentlich von jeglichem Fundamentalismus distanzieren, sondern auch gegen solche Strömungen innerhalb ihren Glaubensgemeinden wirken.

Moscheen/ Muezzin

Die Muslime müssen auch in Deutschland ihren Glauben in rechter Weise praktizieren können. Dies ist ein vom Grundgesetz garantiertes Recht. Schwerpunkt islamischer Glaubenspraxis ist das täglich fünfmal zu verrichtende rituelle Gebet das an jedem beliebigen Ort verrichtet werden kann. Nur muss der Boden, auf dem man betet, rein und als – aus dem profanen Bereich ausgegrenzte – Gebetsstelle gekennzeichnet sein. Der Gebetsteppich erfüllt diese Kriterien; notfalls reicht aber eine ausgebreitete Zeitung oder ein Tuch aus, um einen reinen Gebetsplatz zu markieren. Das rituelle Gebet ist Pflicht für Männer wie für Frauen. Die Musliminnen dürfen jedoch während der Menstruation und 40 Tage lang nach der Geburt eines Kindes das rituelle Gebet nicht durchführen. Ansonsten mag jeder Muslim im freien Gebet zu Gott beten, wann immer er will.Im Gegensatz zu den täglichen Gebeten ist das Freitagsgebet nur für die Männer obligatorisch; es wird anstelle des rituellen Mittagsgebets verrichtet und gilt als besonders heilbringend. Das gemeinsame Gebet hat einen höheren Wert als das Gebet des einzelnen. Ein Wort des Propheten Mohammed besagt: “Das Gebet der Gemeinschaft ist besser als das Gebet des einzelnen, und zwar siebenundzwanzigmal besser”. [23]

Die Moschee stellt das wohl markanteste Element islamischen Lebens dar. [24] Als Ort, an dem der erwachsene männliche Muslim am Freitagmittag das rituelle Pflichtgebet möglichst in Gemeinschaft zu verrichten hat, hat die Moschee neben ihrer kultischen weitere, zentrale Funktionen für das religiöse, soziale und politische Leben der islamischen Gemeinschaft. Dies gilt inzwischen für Westeuropa bzw. Deutschland ebenso wie für die islamischen Herkunftsländer. In nichtislamischer Umgebung kommt der Moschee, der häufig eine Koranschule angegliedert ist, als wichtigstem Faktor islamischer Sozialisation neben der Familie noch größere Bedeutung zu als in der jeweiligen Heimat. Deshalb sind Bau, Betrieb und Unterhaltung einer Moschee bis heute das erste und wichtigste Anliegen, zu dessen Verwirklichung Muslime in Deutschland sich in der Rechtsform des eingetragenen Vereins zusammenschließen.Die Diskussion um den Bau von Moscheen mit Minaretten sorgt regelmäßig für Zündstoff unter Kritikern und Befürwortern. Das Minarett, von dem früher der Muezzin die gläubigen Muslime zum Gebet rief, wird heute in der Regel mit Lautsprechern bestückt, die die Aufgabe des Gebetsrufers erfüllen. Vor allem dieser Ruf des Muezzins ist christlichen Kritikern ein Dorn im Auge. Während die Muslime den Vergleich mit dem Glockenläuten christlicher Kirchen heranziehen und sich auf Artikel 4 des Grundgesetzes berufen, der Religionsfreiheit garantiert, widersprechen christliche Kritiker dem und betonen, der Ruf des Muezzins habe missionarischen Charakter, da der Gebetsruf auch das Glaubensbekenntnis des Islam enthalte. [25]

Schächten

Hinsichtlich der Erlaubtheit des Verzehrs von Schlachtprodukten enthält der Koran vier Einschränkungen, die verhältnismäßig leicht einzuhalten sind: Unrein und damit verboten ist für Muslime 1. Aas, also Fleisch von Tieren, die schon vor der Schlachtung verendet waren, 2. Blut (in ausgeflossener Form oder in unausgeblutetem Fleisch), 3. Schweinefleisch und 4. Fleisch, über dem ein anderes Wesen als Gott angerufen worden ist, das also Götzen geopfert worden ist (Sure 2,173; Sure 5,3; Sure 6,145; Sure 16,115).Das Schächten ist die im Judentum und Islam vorgeschriebene Form des Schlachtens, bei der das Tier unbetäubt mit einem Schnitt durch Halsschlagader, Luft- und Speiseröhre getötet wird. Sinn ist es, dass das Tier vollständig ausblutet, da der Genuss von Blut sowohl im Judentum als auch im Islam verboten ist. Hintergrund für das rituelle Schächten ist auch, dass in den sehr heißen Ländern des Islams das Fleisch durch das vollständige Ausbluten haltbarer gemacht werden kann, was wiederum potentiellen Gesundheitsrisiken entgegenwirkt. Gegen das Betäuben der Tiere vor dem Töten spräche, so Befürworter der Schächtmethode, dass das Tier verkrampfen könnte und somit das vollständige Ausbluten verhindert werde.

In Deutschland kollidierte das betäubungslose Schächten bis zum Januar 2002, als das Bundesverfassungsgericht der Klage eines muslimischen Metzgers nachgab und das betäubungslose Schächten in Ausnahmefällen erlaubte, mit dem Tierschutzgesetz, welches untersagt, warmblütige Tiere ohne Betäubung zu töten. Das Bundesverfassungsgericht erlaubt Muslimen nun auch, was Juden schon lange dürfen. Wer eine Ausnahmegenehmigung beantragen will, muss nun “substantiiert und nachvollziehbar” darlegen, dass nach der Glaubensüberzeugung seiner Gruppe der Verzehr von Fleisch zwingend eine Schlachtung ohne Betäubung erfordert.Aber genau das ist der Grund, weshalb die Praxis anders aussieht: Vor dem muslimischen Opferfest gingen beispielsweise beim Land Hessen im Jahr 2002 ca. 600 Anträge auf Erlaubnis zum betäubungslosen Schächten ein, die allesamt abgelehnt wurden, weil die vom Verfassungsgericht “zwingenden religiösen Gründe” nicht schlüssig dargelegt wurden. Auch wenn es um das rücksichtsvolle Töten der Tiere, wie der Koran es vorschreibt, geht, sieht die Realität anders aus. Im städtischen Schlachthof von Karlsruhe bestand keiner der muslimischen Metzger die praktische Prüfung des Sachkundenachweises, der Voraussetzung für die Erlaubnis zum Schächten von Tieren ist, weil erhebliche Defizite in der Handhabung der Schächtmethode gegeben waren. Da auch der Tierschutz nun als Staatsziel in die Verfassung aufgenommen wurde, relativiert sich das Karlsruher Urteil, und somit ist das rituelle Schächten keineswegs in den deutschen Schlachthofalltag eingezogen. Bis heute ist dieses rituelle Schlachten von Tieren sehr umstritten. Tierschützer sehen darin ebenso eine Tierquälerei wie in der traditionellen deutschen Methode.

Bestattungen im Islam

Wenn ein Muslim stirbt, wird sein Leichnam nach islamischer Tradition durch einen Muslim gleichen Geschlechts gewaschen und von Kopf bis Fuß in weiße Baumwolltücher gewickelt – Frauen in fünf, Männer in drei Tücher. Der Imam verliest das Totengebet (dies ist eine Gemeinschaftspflicht der Männer), woraufhin die männlichen Angehörigen den Trauerzug möglichst schnell zur Grabstätte geleiten, um den Verstorbenen der Erde zu übergeben. Man wirft dreimal Staub auf den Toten. Das Grab soll auf einem muslimischen Friedhof oder einem ausgewiesenen Areal liegen. Der Leichnam wird so gebettet, dass er, auf der rechten Seite liegend, mit dem Gesicht nach Mekka blickt. So ruht der Verstorbene und darf nicht mehr gestört werden. Im Gegensatz zur christlichen Tradition ist es nicht üblich, dass Angehörige die Gräber ihrer Verstorbenen aufwändig schmücken. Grundsätzlich abgelehnt wird von Muslimen aus religiösen Gründen die Feuerbestattung; sie gilt als Hindernis für die leibliche Auferstehung der Toten.

Diese rituellen Vorschriften passen jedoch nicht zu der deutschen Rechtswirklichkeit. Zum einen tauchen auch hier wieder die Schwierigkeiten auf, dass in Deutschland Träger von Friedhöfen nur Körperschaften öffentlichen Rechts sein können, was für islamische Verbände in Deutschland derzeit nicht gilt. Daher gibt es auch als einzigen muslimischen Friedhof in Deutschland den Berliner Friedhof, der bereits belegt ist. Die Alternative dazu sind Gräberfelder, die in circa 70 deutschen Städten in reguläre Friedhöfe integriert sind. Des weiteren sind die deutschen Hygienegesetze nicht mit der Beerdigung ohne Sarg vereinbar [26] und auch die gesetzlich vorgeschriebene Mindestzeit von 48 Stunden vom Eintritt des Todes bis zu Beerdigung lässt sich nur schlecht damit vereinbaren, dass ein Leichnam im Islam möglichst noch am Todestag zu Grabe getragen werden soll. Außerdem ist die ewige Grabesruhe nicht gewährleistet, da die Liegezeiten auf deutschen Friedhöfen begrenzt sind, auch das Liegen des Leichnams Richtung Mekka ist nicht auf allen Friedhöfen möglich, weil die Friedhofsanlage dies nicht zulässt. Das Land Nordrhein-Westfalen hat hier einen ersten Schritt getan: Seit 1. September 2003 gilt hier für Muslime kein Sargzwang mehr und auch die Ruhefristen werden flexibler gehandhabt.

Tatsächlich werden von den in Deutschland lebenden Muslimen nach deren Tod etwa 90 Prozent in ihre Heimat überführt. Das Essener Zentrum für Türkeistudien hat in einer Umfrage herausgefunden, dass sich nur etwa 5 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime vorstellen können, hier begraben zu werden. Hinzu kommt, dass die Überführung in die Heimat nur etwa halb soviel kostet wie eine Bestattung in Deutschland.

Islamischer Religionsunterricht an deutschen Schulen

Für die etwa 700.000 muslimischen Schüler in Deutschland gibt es nach wie vor keine einheitlichen Bestimmungen, wenn es um islamischen Religionsunterricht geht. Auch hier ist eines der Hauptprobleme die uneinheitlich organisierten Strukturen der in Deutschland lebenden Muslime und die Tatsache, dass der Islam innerhalb seiner Glaubensgemeinschaften zu zerstritten ist, als dass man einen einzigen Ansprechpartner finden könnte, mit dem man gemeinsam die Inhalte für einen regulären islamischen Religionsunterricht festlegen könnte, denn Religionsunterricht ist Sache der Kirchen oder Religionsgesellschaften.

Wenn es zu einem islamischen Religionsunterricht in Deutschland kommt, gibt es einige Punkte, über deren Beachtung von deutscher Seite aus Einigkeit herrscht: der Unterricht muss in deutscher Sprache erfolgen, die Lehrer sollen nach deutschen Standards ausgebildet werden, die Lehrinhalte müssen mit dem Grundgesetz in Einklang stehen und der Religionsunterricht darf nicht den Maßstäben einer einzigen islamischen Glaubensrichtung entsprechen, sondern muss vielmehr universell für alle Muslime in Deutschland gestaltet sein.Der Nachbar Österreich hat es bereits geschafft, hier einheitliche Standards zu schaffen. Die Lehrer werden im eigenen Land ausgebildet, was eine gewisse staatliche Kontrolle ermöglicht. Jedoch gibt es von islamischer Seite dort einen einzigen Ansprechpartner, die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ), während in Deutschland zahlreiche Organisationen und Verbände die Muslime repräsentieren.Bisher gibt es in Deutschland lediglich Modellversuche, die über die “islamische Unterweisung” in Türkisch, Arabisch und Bosnisch religiöses Wissen über den Islam vermitteln, jedoch ausdrücklich nicht den Glauben verkünden oder dazu erziehen sollen. An der Universität im nordrhein-westfälischen Münster werden seit dem Herbst 2002 Lehrer für Islamkunde ausgebildet. Außerdem soll die Universität einen Lehrstuhl für Islamische Theologie erhalten. Ein günstiger Aspekt dieser Ausbildung ist, dass es in Zukunft möglich sein wird, Kenntnisse über den Islam unter staatlicher Kontrolle in deutsche Schulen zu bringen und somit verhindert werden kann, dass islamisch-fundamentalistische Inhalte vermittelt werden können.

In Nordrhein-Westfalen wird seit 1999 an mehreren Schulen Islamkunde als freiwilliges Fach in deutscher Sprache angeboten. Unterrichtsinhalte sind Geschichte, Ethik und Religion des Islam. Ziel der Regierung in NRW ist es, den islamischen Religionsunterricht in deutscher Sprache als reguläres Schulfach einzuführen.In Bayern wird derzeit in einem Pilotprojekt an einigen bayrischen Grundschulen erstmals islamischer Religionsunterricht angeboten. Die Unterrichtsrichtlinien für den auf Deutsch stattfindenden islamischen Religionsunterricht wurden vom bayerischen Kultusministerium und dem türkischen Schulministerium festgelegt. Gerade hierin sehen Kritiker Probleme: Es sei unverantwortlich, dass Institutionen aus anderen Ländern ein Mitspracherecht bei der Lehrplangestaltung eingeräumt werde, da diese Lehrinhalte erzkonservativen Werten entsprächen. Diese Kritiker fordern einen “deutschen Islam”, der modern und deutschen Verhältnissen entsprechend ist. Des weiteren verlangen sie eine länderübergreifende Regelung, die es ermöglicht, Mitglieder der verschiedenen Gruppierungen in die Lehrplangestaltung mit einzubeziehen. Gesellschaftlich ist der islamische Religionsunterricht unter Schirmherrschaft einer muslimischen Zentralinstanz und einer Staatsinstanz von Wichtigkeit, weil der jungen muslimischen Generation in Deutschland so die Möglichkeit gegeben werden kann, einen eigenen Standpunkt zu beziehen. Außerdem könnte man jungen Muslimen so das Finden einer eigenen religiösen Identität ermöglichen, um eigenverantwortlich am Gestaltungsprozess der Gesellschaft, in der sie leben, teilzunehmen. Der Spagat zwischen traditioneller islamischer Erziehung und dem westlichen Lebensstil in Deutschland könnte dieser Generation leichter fallen.

Medizin und Ärzte

Wenn Muslime in Deutschland krank werden, können sie auf eine Fülle von Unannehmlichkeiten stoßen. Da sind einerseits Sprachprobleme, die es vielen Muslimen schwer machen, einem Arzt mitzuteilen, welches gesundheitliche Problem sie haben. Es kommen aber auch kulturelle Schwierigkeiten hinzu. Viele Dinge, die für einen deutschen Patienten völlig selbstverständlich sind, wie zum Beispiel der Handschlag zur Begrüßung, das Entkleiden bei der Untersuchung oder die Behandlung einer Frau durch einen männlichen Arzt, können die Schamgefühle von Muslimen verletzen.

Medikamente mit Alkohol, die hierzulande ohne weiteres verordnet werden, kommen für einen Muslimen nicht in Frage. Herzklappen und gelatinehaltige Produkte sind tabu. Besonders schwierig ist eine Therapie während des Fastenmonats Ramadan. Während dieser Zeit sind nach islamischem Recht Injektionen, Infusionen, künstliche Ernährung und Nasen- oder Ohrentropfen nicht gestattet, was den Genesungsprozess eines Patienten beeinträchtigen kann.Das muslimische Verständnis von Kranksein ist ein anderes als das unserer westlichen Kultur. Es wird als Prüfung Gottes empfunden, welche helfen soll, den Glauben zu festigen. Außerdem sieht ein Muslim den Körper als von Gott geliehen. In islamischen Ländern wird ein Gebrechen erst als echte Krankheit angesehen, wenn es Schmerzen bereitet. Daher meiden viele Muslime in Deutschland Impfungen, routinemäßige Kinderuntersuchungen oder Vorsorgeuntersuchungen wie etwa beim Frauenarzt, Urologen oder Zahnarzt. Für viele Ärzte mag es befremdlich sein, wenn Muslime Rat bei einem Imam suchen, um den Konflikt zwischen der Wahrung der Gesundheit und den islamischen Pflichten zu bewältigen. Wenn der Imam sich nach dem Gesundheitszustand des Patienten beim Facharzt erkundigt, was für Muslime nichts Außergewöhnliches ist, kollidiert dies mit der ärztlichen Schweigepflicht.

Alternde Muslime

Viele Muslime in Deutschland gehören der Einwanderergeneration an, die zwischen 1963 und 1970 als Gastarbeiter nach Deutschland kamen. Fast 700.000 Einwanderer, darunter rund 200.000 Türken, werden in diesem Jahrzehnt ihren 60. Geburtstag feiern. Deshalb rechnen Experten mit einem ansteigenden Bedarf an Alten- und Pflegeheimplätzen, um die älter werdenden Muslime betreuen zu können.Der größte Anteil der ehemaligen Gastarbeiter hatte ursprünglich geplant, in die Heimat zurückzukehren. Dass dies nicht geschehen ist, bedeutet für viele von ihnen, dass sich ihre Lebensträume nicht erfüllt haben. Förderer von Alten- und Pflegeheimen, die Muslime integrieren wollen, halten es für sinnvoll, den Muslimen Zugeständnisse zu machen, wenn es darum geht, wie sie ihren Lebensabend verbringen sollen. Sie sollen ihre Muttersprache, ihr Essen, ihre Tradition und ihre Religion nicht aufgeben müssen. Dies setzt voraus, dass die Heime spezielle Einrichtungen für Gebetszeiten sowie die dazugehörigen Waschungen anbieten oder dass in den Küchen darauf geachtet wird, was nach islamischer Tradition gegessen wird und was nicht. Dazu gehört auch, dass ein strenggläubiger Muslim nichts von einem Teller essen wird, auf dem einmal ein Stück Schwein lag. Mitarbeiter müssten speziell diesen Bedürfnissen entsprechend geschult werden. Hinzu kommt beispielsweise auch der Umgang zwischen den Geschlechtern. Strenggläubige Musliminnen werden sich nicht von Männern pflegen lassen wollen. Dazu muss in der Organisation und Pflegepraxis der Heime vieles verändert werden.

Islamische Feste

Während für alle Einwohner Deutschlands – einschließlich der Nicht-Christen – die hohen christlichen Feste offizielle Feiertage sind, haben die Muslime hierzulande kein Anrecht auf Freistellung von der Arbeit anlässlich ihrer eigenen religiösen Feiern. Insbesondere gilt dies für das Fest des Fastenbrechens (iftar) am Ende des heiligen Monats Ramadan und für das Opferfest zur Zeit der Pilgerfahrt. Beides sind mehrtägige Feste. Das Problem dieser zeitlich “wandernden” islamischen Feste ist bei uns noch ungelöst. Muslimische Kinder bekommen z. B. in Hessen und auch in Bayern auf Antrag schulfrei, Erwachsene mitunter bezahlten Urlaub; doch lassen sich solche Sonderregelungen z. B. in Fabriken mit vielen muslimischen Mitarbeitern nur begrenzt praktizieren.

Haft und Strafvollzug

Die Anzahl muslimischer Inhaftierter in Deutschland ist aus einer Reihe von Gründen überproportional groß. So gehörten etwa im Jahr 2001 in Baden-Württemberg – bei steigender Tendenz – 21 Prozent der Insassen von Justizvollzugsanstalten muslimischen Glaubensgemeinschaften an. Viele von ihnen sind Ausländer in Untersuchungshaft, Menschen in der Fremde, die plötzlich hilflos einer fremden Behörde ausgeliefert sind. Dem Betreuungspersonal gelingt es aufgrund von Sprachschwierigkeiten auch bei gutem Willen kaum, sich mit den Inhaftierten angemessen zu verständigen. Diese ihrerseits zögern – auch aus Angst falsch verstanden zu werden – sich über ihre Bedürfnisse und Gefühle zu äußern. Somit leben sie sozusagen in “doppelter Isolation”, weil die traditionell starken familiären Bindungen oft nicht mehr greifen und die Schande oft nicht zu ertragen ist. Die Angst, abgeschoben zu werden, ist eine zusätzliche Belastung.Viele Muslime, Männer wie Frauen, empfinden das Ertragen der Haftsituation in den ersten Tagen nach der Inhaftierung als besonders schwer. Sie erleben es als noch demütigender und schwerer als andere Gefangene, wenn sie umgekleidet werden und ihnen die Privatsachen genommen werden. Das negativ Erfahrene führen sie leicht auf antiislamische Ressentiments der Beamten zurück. Die angestauten Aggressionen sind, wenn sie sich entladen, meist sehr massiv. Christlich-seelsorgerliche Bemühungen um islamische Gefängnisinsassen werden oft als Missionierungsversuche missverstanden. Muslimische Eigeninitiative gibt es jedoch nur ganz sporadisch. Mittlerweile kommen die Justizvollzugsanstalten muslimischen Inhaftierten in ihren religiösen Bedürfnissen wenigstens beim Befolgen der wichtigsten Glaubensvorschriften entgegen.

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Bild 6: Die Welt des Islam

Theorie und Praxis im Islam

Alle großen religiösen und ideologischen Bewegungen – besonders jene, die, inspiriert von heiligen Schriften, versuchen, diese zu verstehen und nach ihnen zu leben – vereinen zwei Ebenen in sich: auf der einen Seite die Ebene der Reflexion, der Theorie, und auf der anderen Seite die des Handelns und der Praxis. Dies gilt für jüdische, christliche und muslimische Bewegungen durch die Jahrhunderte ihrer Geschichte hindurch. Während in bestimmten Strömungen und Bewegungen hauptsächlich das Studium der Quellen der Inspiration hervorgehoben wird – was man durchaus als “Fundamentalismus” bezeichnen kann – , wird in anderen dagegen vor allem die Notwendigkeit der Praxis und des Handelns – sprich “Aktivismus” – betont. Beide Strömungen ergänzen einander und beherrschen die Diskussion.Die in der öffentlichen Diskussion gerne gemachte Grenzziehung zwischen Islam als Religion und Islam als Ideologie trägt die Gefahr in sich, dass wieder einmal irgendwelche Menschen im Westen darüber befinden, was der Islam wirklich ist. Das läuft auf eine neue Form dessen hinaus, was der bekannte palästinensische Islamwissenschaftler Edward Said als Orientalismus [27] beschrieb: Die Zunft der Wissenschaft der Orientalisten habe das Idealbild des “Orients” geschaffen, damit es als Gegensatz und Folie eines “Westens” diene, der sich positiv von den “Orientalen” abheben wolle. Die “Orientalen” erhalten daher alle Wesenszüge, von denen “der Westen” sich freisprechen möchte: Sie werden als irrational, emotional, unbeständig und unzuverlässig, unlogisch, naiv und grausam geschildert. Dies werde als ihre angebliche Essenz dargestellt. Das “westliche” Gegenbild wolle sich davon als im Wesentlichen rational, objektiv, effizient, logisch, wissenschaftlich und doch human abheben. Der künstlich erzeugte Gegensatz diene Machtzwecken. Er erlaube und rechtfertige koloniale und neokoloniale Machtanwendungen gegenüber den so konstruierten “unmündigen Orientalen”.

Das gegenwärtig in Europa vorherrschende Orientbild wird stark vom Nahost-Konflikt und den daraus folgenden politischen Entwicklungen beeinflusst. Durch den so heraufbeschworenen politischen jüdisch-islamischen Antagonismus werden andere wichtige Elemente dieses Bildes verdrängt. In Wirklichkeit aber ist der Orient ethnisch und religiös vielfältiger, als er in einem so polarisierten Bild erscheint. Die in ihrer Ursprungsregion koexistierenden Religionsgemeinschaften befinden sich in einem langen Prozess von Austausch und gegenseitiger Beeinflussung, dessen kulturelle Dimensionen deutlich spürbar sind. Theologisch behält der andere zwar sein Anderssein, er ist jedoch nicht der Fremde, sondern der andere, mit dem man vertraut ist. Diese Einstellung prägt insbesondere die Haltung des orientalischen Christentums zum Islam. Spätestens seit dem neunten Jahrhundert ist die arabische Sprache auch die Sprache der christlichen Liturgie und Theologie. Man verwendet in Gebet und Theologie dieselben Begriffe wie die Muslime. Arabische Angehörige beider Religionen nennen Gott Allah. Sie drücken ihren Glauben mit den gleichen Worten aus.Der Orient ist heterogen. Seine Heterogenität prägt Alltagsleben und Kultur, aber auch den religiösen Bereich. Die dort vorhandene Vielfalt von Religionen und Kulturen führt unvermeidlich dazu, dass die Einzelsphären im Laufe der langen Geschichte ihrer Koexistenz in ein Verhältnis zueinander treten. Dementsprechend lässt sich in verschiedenen Kulturbereichen sowie auf der Alltagebene beobachten, dass religiöse Gehalte unterschiedlichen Ursprungs ineinander übergehen und bei Angehörigen anderer Religionsgemeinschaften Geltung gewinnen. Insofern erscheint der geläufige Vergleich dieser Vielfalt mit einem Mosaikbild als nicht angemessen. Anders als in einem Mosaik sind es hier keine Steine, die starr nebeneinander gesetzt werden und sich deshalb nur in äußerlicher Berührung befinden. Es sind vielmehr Menschen unterschiedlicher religiöser Hintergründe, die zusammenleben und miteinander kommunizieren. Die alltägliche Kommunikation bringt Austauschstrukturen zustande, die kulturelle Formen gemischter religiöser Färbung produzieren. In Literatur, bildender und darstellender Kunst tritt dies deutlich zutage. So sehen moderne muslimische Dichter im Leiden des gekreuzigten Christus den Inbegriff menschlichen Leidens und beziehen es auf die Situation ihrer Völker – obwohl der Koran eindeutig verneint, dass Jesus am Kreuz starb. Im Geiste der Vielfalt gehört auch der Davidsstern zu den Abbildungen im Palast eines Drusenherrschers ebenso wie islamische Motive an den Häusern christlicher Familien.

Es spricht viel dafür, dass der Islam in der westlichen Gesellschaft als Projektionsfläche für eine dunkle Seite der Religion dient, die es, obgleich in unterschiedlichen Formen, auch in der christlichen und in anderen Religionen gibt. Man will sie aber in der eigenen Religion jeweils nicht wahrhaben. Aus diesem Grund fällt es schwer, dem Islam positive Seiten abzugewinnen und ihn in seiner kulturprägenden Wirkungsmacht zu würdigen, die kaum weniger Menschen geprägt hat als das Christentum.Die Debatte um Friedfertigkeit und Gewalt spielt in vielen Religionen eine zentrale Rolle. Dabei gibt es starke Verdrängungsmechanismen. Um das Friedensideal der eigenen Religion hochhalten zu können, wird die Gewaltseite jeweils der anderen zugeschoben. So wurde etwa die Wortverbindung “Heiliger Krieg”, die heute jeder mit dem Islam verbindet, nicht von Muslimen, sondern von den christlichen Ideologen der Kreuzzüge geprägt. Es war Papst Urban II., der am 27. November 1095 in Clermont mit seinem Befehl zum “Heiligen Krieg im Heiligen Land” die Geburtsstunde der Kreuzzüge einleitete. [28] Erst 1187, als Reaktion darauf finden sich Quellen, die den “Heiligen Krieg” in Verbindung mit dem Islam bringen, als nämlich der islamische Feldherr Saladin während der Befreiungskämpfe um Jerusalem einen “Heiligen Krieg” ausrief. Doch auch dieser islamische “Heilige Krieg” war noch ein Verteidigungskampf der Muslime zum Schutz der “Umma”, der islamischen Gemeinde, gegen die Kreuzritter. Das Problem ist also grundsätzlicherer Art.

Das Prinzip der Täuschung “taqiya”im Feindesland

Aufgrund einer muslimischen Besonderheit kommt es immer wieder zu der Frage: Kann man den Aussagen von Muslimen trauen? Genauso wie im Christentum ist es im Islam verboten zu lügen. Trotzdem lügen natürlich Christen wie Muslime bei allen möglichen Gelegenheiten; sie sind nun einmal Menschen. Dennoch haben die Orientalen unter bestimmten Umständen ein anderes “Wahrheitsverständnis” als wir Westler. Zwei völlig unterschiedliche Aspekte führen zu dieser Einschätzung: Der erste Aspekt ist kultureller, der zweite religiöser Art. Peter Heine hat in seinem Buch “Kulturknigge für Nichtmuslime” ein Kapitel überschrieben mit “Was ist Wahrheit?” und darin sehr anschaulich sowohl die Höflichkeit der Orientalen beschrieben als auch deren “andere Realitätssicht”. Orientalen wollen beispielsweise einem Gast keinen Wunsch abschlagen, auch wenn er unerfüllbar oder gar peinlich ist.

Doch es gibt über die kulturelle Besonderheit hinaus auch einen religiös bedingte Ausnahmesituation, die einen Muslim geradezu verpflichtet, unter ganz bestimmten Lebensumständen nicht die Wahrheit zu sagen, sondern “taqiya” zu üben. Dieser Begriff lässt sich kaum ins Deutsche übersetzen. Der Islam-Experte Heinz Halm hat ihn zunächst mit “Vorsicht” später jedoch mit “Verstellung” wieder gegeben. Bassam Tibi verwendet den Ausdruck “Täuschung der Ungläubigen”. Hans-Peter Raddatz beschreibt “taqiya” als “die islamische Praxis, die Glaubensverleugnung als Nutzenkalkül und pragmatisches Alternativkonzept zum Märtyrertum betreibt”. “Taqiya” bedeutet, dass ein Muslim seine religiöse Identität oder seine wahren Absichten im Fall einer Bedrohung zu verschweigen hat. Für die Schiiten ist “taqiya” vor allem dann geboten, wenn das eigene Leben oder das eines anderen Schiiten in Gefahr ist, aber auch, wenn sein Eigentum oder das Eigentum eines anderen Schiiten gefährdet ist. Obgleich “taqiya” nur für Schiiten obligatorisch ist und die Sunniten die Schiiten deshalb immer wieder wegen ihrer “Falschheit” anprangern, wird sie auch bei den Sunniten angewandt. Im nicht-muslimischen Umfeld ist eine solche Haltung also auch Sunniten nicht verboten und gegebenenfalls sogar religiös legitimiert, für die Schiiten aber ist sie religiöse Pflicht. Für den Dialog mit dem Islam bedeutet diese Doppelbödigkeit eines der Hauptprobleme. Gegenüber den Deutschen und in deutscher Sprache betont man unablässig auf dem Boden des Grundgesetzes zu stehen und den Dialog zu wollen. Gegenüber Muslimen und in türkischer oder arabischer Sprache überwiegen Hetzparolen gegen die deutsche Demokratie, den Pluralismus und die angeblich “sittlich verrottete” deutsche Gesellschaft.

Islamkritik in Deutschland

Der Islam weckt Emotionen. Spätestens seit der iranische Revolutionsführer Ajatollah Chomeini und die Mullahs 1979 im Iran gewaltsam die Macht übernommen und 1989 eine Todes-Fatwa gegen den Schriftsteller Salman Rushdie verhängt haben. Denn mit dem Erstarken radikal-islamistischer Strömungen keimen auch in Europa vielerorts Ängste, ob diese totalitäre Bewegung oder gar der Islam selbst zu einer Gefahr für den Westen werden könnte. Das Unbehagen wurde durch die Herrschaft der Taliban in Afghanistan und die Terroranschläge vom 11. September 2001 nicht weniger. Es besteht die Gefahr, dass Vertreter eines fundamentalistischen Islam und die von ihnen vertretene Auslegung des islamischen Glaubens verabsolutiert und als der Islam schlechthin angesehen werden.Bei der Bekämpfung des muslimischen Extremismus aber steht die deutsche Gesellschaft an einer Wegmarke Sie muss sich zwischen Abgrenzung und Offenheit, Naivität und Auseinandersetzung mit islamistischen Tendenzen entscheiden, muss deutliche Grenzen setzen gegenüber all denen, die die Rechte anderer einschränken wollen. Leider hat sich die Gesellschaft, anders als bei der Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus, bei der Beschäftigung mit islamistischen Organisationen, religiösem Fundamentalismus und den entsprechenden Funktionären noch nicht auf gemeinsame Grundlagen einigen können.

Auch wenn Rechtsextremismus und Islamismus nicht gleichgesetzt werden können, da die einen ihre Ungleichheitsideologien völkisch, die anderen hingegen religiös begründen, die einen sich auf das Blut, die anderen auf den Glauben berufen, gibt es Parallelen in der Ablehnung universeller Werte: Beide sind totalitäre Ideologien. Umso verwunderlicher ist es daher, dass bei den Reaktionen auf sie unterschiedliche Standards gelten.Es ist nicht zu leugnen, dass sowohl gewisse Aussagen des Propheten wie auch bestimmte Stellen im Koran eindeutig im Widerspruch zu den Grundsätzen der Menschenrechte stehen. Dies ist jedoch nicht das Entscheidende. Das Hauptproblem liegt darin, dass nach Auffassung der Islamisten nicht die Individuen im Mittelpunkt der Diskussion stehen, sondern Gott und der Glaube. Dementsprechend richtet sich die Aufmerksamkeit der Gelehrten nicht auf die Rechte und Freiheiten der Menschen, sondern auf die Pflichten, die Gläubige Gott gegenüber zu erfüllen haben. Damit wird der Glaube von ihnen auf einen Gesetzesdogmatismus verengt und die Einhaltung von Vorschriften und Erfüllung von Pflichten über die geistige und spirituelle Substanz der Religion gestellt. Dass dieses Problem nicht nur in einem konservativen Islam auftaucht, wissen wir aus der Bibel, wo die Haltung der Pharisäer der Haltung Jesu gegenübersteht.

Angesichts der Menschenrechte und des Grundgesetzes ergeben sich schwerwiegende Probleme für die Integration traditioneller Muslime in einen modernen demokratischen Staat. Die Ungleichheit der Menschen spiegelt sich nicht nur bei der fehlenden Gleichstellung der Geschlechter, sondern auch in anderen Bereichen der islamischen Gesellschaft wider. So genießen Geistliche gewisse Privilegien, nach der strikten schiitischen Auslegung bleibt ihnen sogar die Führung des Staates vorbehalten. Auch bezüglich der Meinungsäußerung verordnet der traditionelle Islam starke Einschränkungen, die dem in der Konvention der Menschenrechte verankerten Recht auf freie Meinungsäußerung konträr entgegenstehen. Einem Muslim ist es nicht gestattet, die Grundsätze der eigenen Religion in Frage zu stellen oder gar zu einer andere Religion überzutreten. Ein solches Vergehen wird mit dem Tode bestraft. In einem islamischen Staat, der von Islamisten regiert wird, sind Menschenrechte wie Freiheit der Meinungsäußerung, der Schrift, der Wahl des Glaubens praktisch außer Kraft gesetzt.Angeblich verlang Allah ebenso Strafen wie das abhacken der Hand bei Dieben, das Töten von Homosexuellen oder die Frauenbeschneidung in muslimischen Ländern Afrikas. All das wollen angeblich der Koran und das islamische Rechtssystem, die Scharia. Doch das, was viele islamische Schriftgelehrte als unumstößliche Glaubenssätze ausgeben, ist oft nur eine Mischung aus Tradition und Männermacht – mit dem eigentlichen islamischen Glauben hat es nur noch wenig zu tun. Es geht vor allem um den Einfluss extrem ausgerichtete Muslime – vor allem aus Saudi-Arabien, dem Land der Wahabiten.

Wie können nun die Reformer innerhalb der islamischen Welt, die für die Einhaltung der Menschenrechte eintreten, sich gegen diese konservative, islamistische Sichtweise zur Wehr setzen oder, noch wichtiger, wie sollen sie mit dem Koran und den Hadith verfahren, um den Islam mit den Menschenrechten und modernen Auffassungen von Politik und Gesellschaft in Einklang zu bringen?Bisherige Versuche, die betreffenden Passagen im Koran als sekundär zu betrachten oder sie forciert so zu interpretieren, dass der Widerspruch zu den Menschenrechten, wenn auch nur scheinbar, aufgehoben wird, sind abzulehnen. Die Lösung liegt auch nicht darin, dass man Strafmassnahmen wie Steinigen oder Abhacken von Händen aussetzt oder Frauen gegenüber gewisse rechtliche Zugeständnisse macht. Dies alles ist nichts als Synkretismus [29]. Bei den notwendigen Reformen geht es nicht um Einzelfragen, sondern um die gründliche Auseinandersetzung zwischen zwei unversöhnlichen Sichtweisen, zwischen einer modernen, an den Menschenrechten orientierten und einer traditionellen Auffassung vom Islam, vom Individuum und Glauben.

Die Lehre des Islam umfasst im Grunde vier Bereiche, den Bereich des Glaubens, den Bereich der Moral, den Bereich des Gebets und schließlich den Bereich der Anweisungen und Bestimmungen, die das Individualrecht, Handelsrecht, Strafrecht und dergleichen betreffen. Diese Bereiche, vor allem Glauben und Moral, sind natürlich eng verflochten, doch weisen mehr als 98 Prozent der Verse des Korans keinen Widerspruch zu den Menschenrechten auf. Unter den restlichen zwei Prozent, die vor allem den vierten Bereich betreffen, gibt es jedoch Bestimmungen und Gesetze, die an eine historische Epoche oder einen bestimmten kulturellen Raum, also an der Veränderung unterworfene Umstände, gebunden sind. Das im Islam vorgesehene Recht, die Verse des Korans und die Hadithe zu interpretieren und neue Anweisungen zu erteilen, was mit dem Begriff “Idjtihad” umschrieben wird, dient gerade dazu, zwischen dem ewig Gültigen und dem sich ständig Verändernden zu unterscheiden. Hier muss ein ernsthafter Reformversuch ansetzen, mit dem Ziel, die Vorschriften überall dort, wo sie im Widerspruch zu den Menschenrechten stehen, durch neue Regelungen zu ersetzen. Das betrifft auch Vorschriften, die im Koran stehen bzw. vom Propheten aus Sicht der damaligen geschichtlichen Situation überliefert sind. Nur so lässt sich die Religion lebendig erhalten und den Erfordernissen der Zeit anpassen.

Allzu oft tappt der Westen in die Kultur-Falle: Statt klar auf der Einhaltung universeller Menschenrechte für Männer, Frauen und Kinder zu bestehen, wird Verständnis auch noch für die spitzfindigsten Vorschriften gezeigt – etwa für die so genannte “Kamel-Fatwa”, wonach eine Frau nur 81 Kilometer unbegleitet reisen darf – so weit, wie eine Kamelkarawane in 24 Stunden zurücklegt. Auch Muslimen dürfen die allgemeinen Menschenrechte nicht vorenthalten werden. Wir müssen uns überall an den internationalen Standards orientieren und dürfen die Menschenrechte für islamische Länder nicht auf einem niedrigeren Level neu definieren. Maßstab muss weltweit die UN-Charta sein! Das, was in Deutschland derzeit in der Debatte um das Kopftuch deutlich wird, ist der weltweite Kampf um die Auslegung des Islam. Von Malaysia bis Saudi-Arabien, von Tunesien bis in den Iran kämpfen liberale gegen konservative Muslime. In Zukunft verläuft die Kluft nicht mehr zwischen dem Westen und der islamischen Welt, sondern innerhalb des Islam – soweit klafft die Auslegung des gemeinsamen Glaubens bereits auseinander. In gewisser Hinsicht muss die muslimische Welt in möglichst kurzer Zeit einen Entwicklungsprozess vollziehen, für den die christlich-westliche Welt seit der Aufklärung Zeit hatte.

Der Vorwurf, Deutschland und seine Bürger pflegen ein “Feindbild” Islam kann daher auch ein ideologisches Konstrukt sein, das in erster Linie den Interessen islamistischer Verbände und Gruppierung zuarbeitet. Denn ist der Konsens erst einmal hergestellt, die Islamfeindlichkeit sei das eigentlich dringliche Problem, dann stellen sich andere, unbequeme Fragen zum Beispiel nach der demokratischen Struktur muslimischer Verbände, deren Verhältnis zum Grundgesetz und zu der universellen Gültigkeit von Menschenrechten erst gar nicht. Tatsächlich bestimmen islamistische Gruppen seit Jahren, was in Deutschland im Kontext mit dem Thema Islam diskutiert wird und was nicht. So beklagt Johannes Kandel, im interreligiösen Dialog gäbe es eine ganze Reihe von Themen, die unerledigt bleiben: Menschenrechte, Religionsfreiheit, die Trennung von Staat und Religion, Frauen, koranische Hermeneutik und eben die These vom “Feindbild Islam”. [30]

Wer den Islamismus bekämpfen will, muss den Islamismus bekämpfen. Will sagen, es dürfen dann nicht über arbeits- und vereinsrechtliche Spitzfindigkeiten Scheingefechte geführt werden. Denn bislang können sich islamistische Organisationen in Deutschland recht ungestört entfalten, so lange sie nicht gravierende “Fehler”, beispielsweise Mord begehen, wie die Kaplan-Gruppe. Auch die Kopftuchfrage muss in diesem Zusammenhang gesehen werden. Hier wurden enorme Informationsdefizite über den Islamismus und seine undemokratischen Existenzbedingungen zutage gefördert.

Es kommt darauf an, was in den Köpfen der Lehrerinnen vorgeht und nicht vordergründig auf deren Bedeckung. Im Falle des Kopftuches wird aber teilweise sicher berechtigt befürchtet, dass es als Symbol des Islamismus benutzt werden könnte, und somit einen Hinweis auf die Einstellung der Frauen gibt, die es tragen. Wenn das Kopftuch in Deutschland als “Signal der Religionsfreiheit” gilt, als Freiheit für eine “Religion” also, die selbst die Religionsfreiheit gewaltsam verhindert und das Rechtssystem, das ihr die Freiheit dazu einräumt, bekämpfen muss, ist das ein Zeichen umfassender Inkompetenz. Die simple Schlussfolgerung jedoch: Kopftuch ist gleich Islamistin, ist realitätsfremd. Nicht jeder Islamist trägt ein Kopftuch. Allein schon deswegen, weil die meisten Islamisten in entscheidenden Positionen Männer sind. Auch bei der Suche nach Islamisten sollten Frauen nicht benachteiligt werden. Schließlich gibt es durchaus Frauen, die ein Kopftuch aus rein religiösen Gründen tragen. Pauschale Diffamierung führen hier zu ungewollten Solidaritätseffekten.

Anders als beim Rechtsextremismus wird bei Gruppen des politischen Islam seit Jahren der Diskurs mit den Verbandsfunktionären gesucht, die Basis hingegen weitgehend ignoriert. Das Fehlen von Standards im Dialog mit dem Islam ist Ergebnis der Tabus, die sich die Öffentlichkeit bei diesem Thema auferlegt. In der Vergangenheit wurden Religionswissenschaftler/innen, die über das schillernde Universum des politischen Islam aufklären wollten, in den Debatten marginalisiert. Bereits das öffentlich formulierte Erkenntnisinteresse geriet in den Verdacht, Islamfeindlichkeit zu befördern. Und Versuche, die Instrumentarien der Rechtsextremismusforschung auf das Untersuchungsfeld Islamismus anzuwenden, wurden jahrelang bekämpft.

Es gibt durchaus beunruhigende Anzeichen dafür, dass radikale Islamisten auf Medien und Wissenschaftler Druck ausüben, der über die Grenzen legitimer Interessenwahrnehmung hinausgeht und der mittlerweile mancherorts erhebliche Verunsicherung ausgelöst hat. Wie soll man sich sonst erklären, dass der Autor der historisch-philologischen Studie “Die syro-aramäische Lesart des Korans. Ein Beitrag zur Entschlüsselung der Koransprache” es vorzog, nicht unter seinem Namen, sondern nur unter dem Pseudonym Christoph Luxenberg zu publizieren. [31] Er diskutiert darin die Frage, ob der Koran wirklich ganz auf den Propheten Mohammed zurückzuführen ist, und zeigt das Fortwirken christlich-jüdischer Traditionen im Offenbarungstext der Muslime auf – gewiss eine Provokation für die Orthodoxie.

Die Folgen der Versäumnisse sind dramatisch: Die Öffentlichkeit weiß heute viel zu wenig über Inhalte, Struktur, Organisation und Differenzen innerhalb des politischen Islam, seine Nähe, Distanz und Abgrenzung zum Terrorismus. Ein idealer Nährboden für Ängste und Vorurteile. Nur wenn es gelingt, in der deutschen Gesellschaft die friedensstiftenden und gemäßigten Kräfte im Islam zu aktivieren, gibt es Hoffnung auf eine Lösung der Probleme.Dabei gilt es zu differenzieren zwischen dem Islam als religiösem Glauben und dem Islamismus als politische Ordnungsvorstellung; es ist ferner notwendig, innerhalb des Islamismus zu unterscheiden zwischen friedlichen und gewaltbereiten Islamisten. Die Ersteren lehnen Gewalt ab, sind dazu bereit, in demokratischen Institutionen zu arbeiten, jedoch mit dem langfristigen Ziel im Hinterkopf, ihren undemokratischen Staat mit friedlichen Mitteln durchzusetzen. Die gewaltbereiten Islamisten bekennen sich zum Dschihad in der neuen Bedeutung von irregulärem Krieg, also dem Terrorismus, um ihre Ordnungsvorstellungen voranzutreiben. Heute ist der politische Islam mit seiner Ordnungsvorstellung des Gottesstaates sowie seinen Kampfmethoden des Dschihadismus die neueste Spielart des Totalitarismus. Das Emblem des Islamismus kann das Kopftuch als Instrument und Uniform der zivilisatorischen Abgrenzung sein. In unserer Zeit entsteht damit ein Bündnis zwischen salafistisch-orthodoxen Wahabiten und halb modernen Islamisten als Einsatz für eine Gottesherrschaft, die weniger mit Religion als mit dem neuen Totalitarismus zu tun hat. Doch sind beide Feinde der offenen Gesellschaft im Sinne Karl Poppers. Das Problem scheint zu sein, dass die Europäer – darunter an vorderster Front die Deutschen – verlernt haben, sich offen mit strittigen Fragen auseinander zu setzen, Probleme klar zu benennen und Konsequenzen für die demokratische Verfasstheit der Gesellschaft im Sinne der wehrhaften Demokratie zu ziehen: nämlich einer klaren Abgrenzung gegenüber verfassungsfeindlichen Kräften.


50 Jahre Denkanstöße für eine friedlichere Welt

Text- und Grafikquelle: Studiengesellschaft für Friedensforschung

Die Studiengesellschaft für Friedensforschung hat verschiedene Schriften in Form von «Denkanstößen» herausgebracht, welche auch in gedruckter Form erhältlich sind. Wer hier Interesse hat, kann diese gerne unter der u.a. Kontaktadresse beziehen.

Studiengesellschaft für Friedensforschung e.V.
Fritz-Baer-Straße 21
81476 München
Telefon/Fax (0 89) 724 471 43
E-Mail: info@studiengesellschaft-friedensforschung.de

Fußnoten:

  1. In Europa leben zwischen 14 und 17 Millionen Muslime, überwiegend in Frankreich, Großbritannien und Deutschland. Nach Hochrechnungen wird ihre Zahl um das Jahr 2025 auf ca. 30 bis 40 Millionen angewachsen sein. Ihre Verteilung ist ethnisch: in Deutschland und Österreich überwiegend Türken, in Frankreich in der Mehrzahl Maghrebiner und in Großbritannien vorwiegend Südasiaten (Inder, Pakistani, Bangladescher).
  2. Vgl. Ernest Gellner, Leben im Islam. Religion als Gesellschaftsordnung, Stuttgart 1981
  3. Eine Lehre gilt dann als Weltreligion, wenn sie die Menschheitsgeschichte beeinflusst, aktuell von Bedeutung ist und prinzipiell jedem unabhängig von sozialer Herkunft, Rasse, Nationalität und Geschlecht offen steht. Durch Migration (wie z. B. beim Judentum) oder Mission (wie z. B. beim Christentum) entfernten sich die Glaubensbekenntnisse von ihrem Ursprungsland – und im Laufe der Zeit auch oft von den Ideen ihrer Gründer. Die drei abrahamitischen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam treffen sich in ihrem Monotheismus; sie sind jeweils exklusiv. Die in Indien und China entstandenen Heilslehren Hinduismus, Buddhismus, Taoismus und Konfuzianismus sind dagegen durch theologische Offenheit charakterisiert, die dem Gläubigen viele Freiheiten lässt.
  4. Vgl. Christoph Auffarth, Irdische Wege und himmlischer Lohn. Kreuzzug, Jerusalem und Fegefeuer in religionswissenschaftlicher Perspektive, Göttingen 2002; Christoph Reuter, Mein Leben ist eine Waffe. Selbstmordattentäter. Psychogramm eines Phänomens, München 2002; Joseph Croitoru, Der Märtyrer als Waffe. Die historischen Wurzeln des Selbstmordattentats. München 2003
  5. Der Koran entspricht in seiner Länge ungefähr dem Neuen Testament. Der Umfang der Hadith-Literatur dagegen ist wahrhaft enorm: Die Hadithe sind in rund 200 großen klassischen Sammlungen aufgezeichnet und damit sind sie das größte literarische Korpus, das eine prämoderne Zivilisation hervorgebracht hat.
  6. Die sechs kanonischen Bücher lauten wie folget: Bukhari vom Imam Bukhari (810-877); Muslim vom Imam Muslim (817-875); Abu Daud vom Imam Abu Daud (817-888); Tarmazi vom Imam Tarmazi (815-892); Ibn Majah vom Imam Ibn Majah (824-886); Nisa-ee vom Imam Nisa-ee (830-915).
  7. Allerdings ist die Sure 108 insgesamt die kürzeste des Koran.
  8. vgl. Heinz Halm, Die Panikmacher. Wie im Westen der Islam zum neuen Feindbild aufgebaut wird, in: SZ vom 16./17.2.1991
  9. vgl. Angelika Hartmann, Der islamische „Fundamentalismus“. Wahrnehmungen und Realität einer neuen Entwicklung im Islam, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, B 28/97 vom 4. Juli 1997
  10. vgl. Giles Kepel, Das Schwarzbuch des Dschihad. Aufstieg und Niedergang des Islamismus, München/Zürich 2002
  11. Die Beteiligung der Muslimbrüder an der blutigen Besetzung der Heiligen Moschee von Mekka im Jahre 1979 ist ein deutlicher Hinweis auf die islamistische Ablehnung des saudischen Königshauses.
  12. vgl. Deutscher Bundestag, 14. Wahlperiode, Drucksache 14/4530 vom 8.11.2000
  13. Die Selbstbezeichnung Alevi ist mit „Anhänger Alis“ zu übersetzen. Die Aleviten, die nicht mit den syrischen Alawiten (Nusairier) zu verwechseln sind, weisen sich somit als Muslime aus, die im Konflikt zwischen Ali und Muawiya mit den Schiiten Partei für Ali ergriffen haben. Mit Ausnahme der Pflicht zum Glaubensbekenntnis lehnen Aleviten die in Koran und Sunna begründeten religiös-rituellen Pflichten und auch das übrige aus Koran und Sunna entwickelte islamische Recht ab. Der Grund dafür ist, dass sie den Koran, wie er heute vorliegt, nicht als göttlich akzeptieren. Außerhalb der Türkei und der türkischen Diaspora gibt es nur wenige Aleviten. In der Türkei aber machen sie 20 bis 30% der Bevölkerung aus.
  14. Vgl. Muslime als „EU-citoyens“, in: Das Parlament, Nr. 9 vom 24. 2. 2003
  15. In der Datenbank „Juris“ gibt es momentan 51 Urteile, die sich allein mit dem Islam in Deutschland beschäftigen.
  16. „Ich sage Ihnen ganz offen: Die beste Form der Integration ist Assimilierung“, vgl. Otto Schily, „Ich möchte keine zweisprachigen Ortsschilder haben“, in: SZ vom 27.Juni 2002, S. 9
  17. Eine ihren islamischen Glauben bekennende Frau bezeichnet sich als „Muslima“. Manche sprechen von „muslimischen Frauen“ oder gebrauchen den ebenfalls neutralen Terminus „Muslimin“.
  18. Das schiitische Recht kennt neben der üblichen Ehe auch noch die zeitlich befristete Ehe, in der ein Mann und eine Frau vor dem Mullah eine Ehe eingehen, deren Dauer sie von vornherein befristen. Die Frist kann zwischen einer Stunde und 99 Jahren liegen.
  19. Das islamische Recht erlaubt es muslimischen Männern, eine Frau aus der Gruppe der Schutzbefohlenen (dhimmi) zu heiraten. Das sind Bekenner der zugelassenen und anerkannten Schrift- oder Buchreligionen. Eine Konversion der Frau, Christin oder Jüdin, zum Islam ist nicht notwendig. Umgekehrt kann ein „dhimmi“ eine Muslimin nur heiraten, wenn er seine Religion aufgibt und zum Islam übertritt. Das heißt, der Islam gibt seine Töchter nicht an Männer, deren Glauben er zwar achtet und schützt, jedoch nicht als von gleichem Rang ansieht. Eine islamische Ehe muss geschieden werden, wenn der muslimische Partner vom Islam abfällt, zum Beispiel zum Christentum konvertiert.
  20. Einen Erfolg im Kampf um die Befreiung vom koedukativen Unterricht sieht die „Deutschsprachige Islamische Frauengemeinschaft“ (DIF) darin, dass das Bundesverwaltungsgericht in einem Urteil am 25. August 1993 die beklagte Schule dazu verpflichtet habe, „die Schülerin vom koedukativ erteilten Unterricht zu befreien“. Die Schulen bestünden zwar meist auf der allgemeinen Schulpflicht und stellten Schüler nur aufgrund eines gesundheitlichen Attests vom Sportunterricht frei; juristisch sei aber klar, dass die Schule keinen Anspruch auf die Durchsetzung von koedukativen Sportunterricht habe, genauso wenig darauf, dass Schülerinnen das Kopftuch im Unterricht abnehmen müssen.
  21. Az. BAG 2 AZR 472/01 vom 10. Oktober 2002
  22. vgl. Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen (Hrsg.), Eine–Welt-Presse, N. 1/2000, Schwerpunkt Frauen. Dort findet man auch eine Reihe von Links mit sehr qualifizierten Dokumentationen.
  23. vgl. So sprach der Prophet. Worte aus der islamischen Überlieferung. Ausgewählt und übersetzt von Adel Theodor Khoury, Gütersloh 1988, S. 159. Eine andere Tradition bewertet das Gemeinschaftsgebet 55mal so hoch wie das Einzelgebet, ebd.
  24. Nach Angaben des Zentral-Instituts Islam-Archiv in Soest gibt es in Deutschland derzeit rund 70 klassische Moscheen und über 2.200 Gebetshäuser.
  25. Der Gebetsruf verkündet in islamischen Ländern den Beginn der Zeitspannen, innerhalb derer der Vollzug des täglich fünfmal zu verrichtenden rituellen Gebetes vom islamischen Recht her vorgeschrieben und gültig ist. Diese Zeitspannen richten sich nach dem Stand der Sonne und sind genauestens festgelegt. Für jeden Ort der Welt kann der Muslim sie auf die Minute genau auch aus Tabellen ersehen. Der Ruf erfolgt immer in der arabischen Sprache. Er hat folgenden Wortlaut: 1. „Gott ist größer“. 2. „Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer Gott“. 3. „Ich bezeuge, dass Mohammed Gottes Gesandter ist“. 4. „Auf zum Gebet“. 5. „Auf zum Heil“. 6. „Gott ist größer“. 7. „Es gibt keinen Gott außer Gott“. Ausschließlich von den Schiiten wird zwischen dem fünften und sechsten Element folgender Zusatz eingefügt: „Auf zum besten Werke“.
  26. Es gibt allerdings eine Fatwa, die Beerdigungen in Holzsärgen gestattet. Vgl. Muhammad Salim Abdullah, Islam für das Gespräch mit Christen, Gütersloh 1995, S. 98
  27. Vgl. Edward Said, Orientalismus, Frankfurt am Main 1981, Ullstein-Verlag
  28. „Der Soldat Christi, sage ich, tötet unbekümmert, noch sicherer stirbt er. Wenn er stirbt und wenn er tötet, überstellt er sich Christus. Denn nicht ohne Grund trägt er das Schwert: Er steht im Dienst Gottes, um den zu bestrafen, der Böses tut.“ So lesen wir in einem der Predigttexte Bernhards von Clairvaux, einem charismatischen Mystiker, der im Gedächtnis der Nachwelt als Heiliger, aber auch als namhafter Ideologe eines überaus aggressiven Kreuzzugsfanatismus weiterlebt. „Wenn der Soldat Christi den Übeltäter erschlägt, ist er gewiss kein Menschentöter, sondern ein Übeltäter…. Durch den Tod des Heiden wird der Christ verherrlicht. Die sind keine Mörder, die mit Eifer gegen die Feinde der Kirche kämpfen“. Vgl. Hartmut Sippel, Die Templer. Geschichte und Geheimnis, Wien 1996, S. 58 und 60
  29. Vermischung verschiedener Religionen, Konfessionen oder philosophischer Lehren, meist ohne innere Einheit
  30. vgl. Johannes Kandel, Lieber „blauäugig“ als blind? Anmerkungen zum „Dialog“ mit dem Islam, in: Integrieren statt ignorieren, Broschüre zur Woche der ausländischen Mitbürger, Frankfurt am Main 2003, S. 29
  31. Luxenberg zeigt in seinem im Jahr 2000 in Berlin erschienen Werk auf, dass der Koran an vielen Stellen von den arabischen Kommentartoren fehlgelesen und missdeutet wurde. Viele dunkle Stellen, die in über 1000 Jahren der Arbeit am heiligen Text selbst für arabische „native speakers“ rätselhaft blieben, kann er erhellen. Der Clou seiner Arbeit: Der Text des Korans zeigt sich in ungeahntem Maße von syrisch-christlichen Elementen durchwebt. Einige Neudeutungen Luxenbergs haben auch für den Laien sofort erkennbare ungeheure Brisanz. So klärt er zum Beispiel das Rätsel der Paradiesjungfrauen auf, der „großäugigen Huris“, die vermeintlich auf die Gottesfürchtigen im Paradies warten. Über die Sinnlichkeit der jenseitigen Männerfantasien haben sich schon seit je die Kommentatoren gewundert. Keine Religion des vorderasiatischen Raumes wusste ihren Gläubigen Derartiges zu versprechen, wie es etwa die Suren 44 und 52 tun. Für die christliche Polemik gegen den Islam waren die entsprechenden Stellen immer willkommen. Nach Luxenbergs Erkenntnissen laufen diese Angriffe ins Leere. Der Koran spricht nämlich gar nicht von Jungfrauen. Luxenberg zeigt, dass die Huris in Wirklichkeit nichts anderes sind als „weiße, kristallklare Trauben“. Früchte, die in den Paradiesvorstellungen des Orients von alters her als Sinnbild von Wohlleben und Behaglichkeit gelten.

Ausstieg aus der Apokalypse

von Fabian Scheidler

Einer der markantesten Züge dessen, was wir die „westliche Zivilisation“ nennen, ist ihre Apokalyptik. Ein Blick in die nächste Videothek genügt, um festzustellen, dass das Kino von der Idee der Weltzerstörung geradezu besessen ist. Apokalypsen endeten jedoch ursprünglich nicht mit dem Weltuntergang, sondern mit der Schaffung einer Neuen Welt, eines Himmlischen Jerusalems. Die Utopien der frühen Neuzeit – Thomas Morus’ Utopia, der Sonnenstaat von Campanella, das Nova Atlantis von Bacon – waren ebenso apokalyptisch inspiriert wie die Bewegungen der Reformation und der Täufer. Im 20. Jahrhundert trugen die futuristischen Stadtentwürfe eines Le Corbusier oder das Projekt der Erschaffung eines Neuen Menschen in der frühen Sowjetunion – auch wenn ihre Schöpfer jeden religiösen Zusammenhang weit von sich gewiesen hätten – Züge eines apokalyptischen Programms, das mehr als 2000 Jahre alt ist. Die rechtwinkligen Straßenmuster moderner Finanzdistrikte und ihre Glasfassaden, in denen sich der Himmel spiegelt, erinnern nicht zufällig an die Beschreibung des Neuen Jerusalems in der Offenbarung des Johannes. Die Apokalyptik erweist sich in der Geschichte als ausgesprochen hartnäckig und in erstaunlicher Weise systemübergreifend. Sie ist im Christentum ebenso zuhause wie im atheistischen Fortschrittskult. Sie findet sich in den Hoffnungen auf einen Neubeginn der Menschheit im Kommunismus und in der Vision vom Triumph des Kapitalismus als „Ende der Geschichte“, wie er Francis Fukuyama vorschwebte.

abgezirkelt und ausgerichtet

Abgezirkelt und ausgerichtet: Die Vision des Neuen Jerusalem (16. Jh.) und Le Corbusiers Neues Paris.

Doch nicht nur das Imaginäre ist apokalyptisch besetzt. Keine andere Zivilisation der Geschichte hat es bisher geschafft, mehrere reale Weltuntergangsoptionen zu produzieren, vom Atomkrieg bis zum globalen Umweltgau. Diese realen Szenarien sind auf eigenartige Weise an die imaginären gekoppelt: Es scheint fast so, als würde die jahrtausendelange Suche nach dem Neuen Jerusalem genau die Zerstörungspotentiale hervorbringen, die heute unsere Zukunft bedrohen. Denn die Kehrseite der Schönen Neuen Welt, die uns die entfesselte Produktion und Konsumption beschert, ist ein geplünderter, ausgebrannter Planet; die Kehrseite der Beherrschung der Atomkräfte – an die sich seit den 50er Jahren die kühnsten Utopien knüpften – ist die Möglichkeit eines allesvernichtenden Krieges. Was aber sind die Ursprünge der für unsere Zivilisation so eigentümlichen Suche nach einer ganz anderen, neuen Welt, die die alte, korrumpierte ersetzt? Und wie ist es möglich, dass radikal entgegengesetzte Gesellschaftsentwürfe gleichermaßen von der Apokalyptik inspiriert wurden?

Apokalypsen als Antwort auf das Trauma der Macht

Apokalypsen sind Visionen einer totalen Verzweiflung. Sie entstehen in den Verwüstungsspuren der Imperien, wo die Welt so tief korrumpiert erscheint, dass Rettung nur noch in der totalen Vernichtung und Neuschöpfung des Kosmos vorstellbar ist. Das apokalyptische Denken hat die Verwüstung immer schon hinter sich. Nicht zufällig entsteht die früheste apokalyptische Literatur an einem Ort und in einer Zeit, die von massiver ökonomischer und physischer Gewalt geprägt waren: Palästina in der Epoche, die auf die Eroberungskriege Alexanders des Großen folgte.

Die griechische Militärmaschinerie hatte ein System in den Nahen Osten gebracht, das David Graeber in seinem Buch Schulden. Die ersten 5000 Jahre als ein Dreieck von Geldwirtschaft, Krieg und Sklaverei beschrieben hat: Die Erfindung des Münzgeldes erlaubte es erstmals in der Geschichte, ein dauerhaftes Söldnerheer zu unterhalten; das Silber dafür wurde von Sklaven – die meisten davon Kriegsgefangene – in gewaltigen Bergwerken gefördert. Damit die Söldner für das Silber, mit dem sie bezahlt wurden, auch etwas kaufen konnten, musste die Gesellschaft einer radikalen Kommerzialisierung unterworfen werden. Das wichtigste Mittel dazu waren die Steuern: Bauern und Handwerker wurden durch die Umstellung des Steuerwesens von Naturalien auf Münzgeld gezwungen, für den Markt zu produzieren statt für die Selbstversorgung. Viele gerieten dadurch in einen Verschuldungskreislauf, der Landbesitz konzentrierte sich zunehmend in den Händen von Großgrundbesitzern. Der Widerstand gegen dieses System konnte wiederum mit den neu geschaffenen Söldnerheeren unterdrückt werden. Die Ausweitung von Markt- und Staatsmacht gingen Hand in Hand. Die Kehrseite dieser extremen Machterweiterung auf Seiten der Eliten waren ebenso extreme Ohnmachtserfahrungen auf Seiten der Bevölkerung, besonders an den Rändern des Empires – und genau dort entstand die apokalyptische Literatur.

Eine der ersten uns überlieferten Apokalypsen findet sich im biblischen Buch Daniel, entstanden um das Jahr 164 v. u. Z. unter der Herrschaft des Antiochos Epiphanes, der mit den Mitteln des neuen ökonomisch-militärischen Systems über den Nahen Osten herrschte. Das siebte Kapitel des Buches erzählt von einer Abfolge von vier Imperien, die durch verschiedene Tiere symbolisiert werden. Das vierte Tier war „anders als alle anderen, ganz furchtbar anzusehen, mit Zähnen aus Eisen und mit Klauen aus Bronze, das alles fraß und zermalmte und, was übrig blieb, mit den Füßen zertrat“. Dieses letzte Tier – Antiochos – wird schließlich von einem Strafgericht, dessen Vorsitz eine göttliche Gestalt führt, dem Feuer übergeben und vernichtet.

Anders als in späteren Offenbarungen wird hier noch nicht das gesamte Universum der Vernichtung anheim gegeben, sondern nur der Übeltäter selbst. Doch auch schon bei Daniel wird in der Imagination die Erfahrung von Ohnmacht und Erniedrigung durch das Aufgebot gewaltiger himmlischer Heerscharen kompensiert. Die Allmacht des sie anführenden Gottes spiegelt die Macht irdischer Herrscher und überbietet sie. Und genau an diesem Punkt kippt die Apokalyptik von der Hoffnung auf Rettung und Wiedergutmachung in eine Spiegelung der traumatisierenden Erfahrung: Was man selbst erfuhr, wird nun am anderen vollstreckt, und zwar mit noch massiverer Gewalt. Die Apokalyptik bricht nicht mit dem Prinzip der Macht, sondern multipliziert es. Am Ende steht keine Befreiung, sondern ein neues Reich, das Reich des „Höchsten, dem alle Mächte dienen und gehorchen“. Mit dem Wort gehorchen endet die Vision. Doch fügt der Autor noch hinzu: „Mich, Daniel, erschreckten meine Gedanken sehr, und ich erbleichte.“

Die Vernichtung von Himmel und Erde

Ein solches Erschrecken und Erbleichen fehlt dagegen in dem mit Abstand einflussreichsten apokalyptischen Text: der Offenbarung des Johannes, geschrieben etwa um das Jahr 90 n. Chr. Der Autor ist mit der Logik der Vernichtung vollkommen im Einvernehmen. Zur Disposition stehen nicht nur ein paar Tyrannen und ihre Handlanger, sondern der gesamte Kosmos soll ausgelöscht und neu geschaffen werden.

Diese Radikalisierung der apokalyptischen Vision antwortete auf eine Radikalisierung der Herrschaft: Das Römische Imperium hatte das System aus Geldwirtschaft und Krieg perfektioniert und erzeugte damit, vor allem an den Rändern seines Herrschaftsgebietes, kollektive traumatische Ohnmachtserfahrungen. Exemplarisch dafür steht der vierjährige Vernichtungskrieg Roms gegen die Erhebung jüdischer Rebellen in Palästina, der im Jahr 70 mit der Zerstörung Jerusalems und des jüdischen Tempels endete. Die Zahl der Toten soll eine Million überstiegen haben, Tausende wurden gekreuzigt. Die alptraumhaften Ereignisse waren im kollektiven Gedächtnis der Zeitgenossen tief verankert. Die Bösartigkeit der Welt schien so überwältigend und die Ohnmacht so total, dass als Ausweg nur eine Vernichtung der gesamten Erde und eine vollständige Neuschöpfung durch himmlisches Eingreifen möglich erschien: „Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, auch das Meer ist nicht mehr. Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem von Gott her aus dem Himmel herabkommen.“

Das Himmlische Jerusalem und der Schwefelsee

Das Neue Jerusalem ist kein Ort für alle Menschen. Es ist keine Utopie einer friedlichen, gerechten und versöhnten Welt, wie man sie in den Evangelien in der Rede vom „Himmelreich“ oder bei den Propheten des Alten Testaments findet. Es ist ein Ort der radikalen Spaltung der Menschheit in Auserwählte und Verworfene. Auf der einen Seite gibt es diejenigen, die in das Buch des Lebens eingetragen sind: Für sie wird die Himmlische Stadt, das Neue Jerusalem erschaffen, „bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat“. Auf der anderen Seite stehen die Aussortierten, Unbrauchbaren, Verworfenen: Wer nicht im Buch des Lebens verzeichnet ist, wird für alle Ewigkeit in einen See aus brennendem Schwefel geworfen.

Diese Vision ist bis heute – durch alle Säkularisierungen hindurch – prägend für die westliche Zivilisation geblieben. Mit der Entstehung einer kapitalistischen Weltwirtschaft seit dem 16. Jahrhundert erfuhr sie zugleich eine Renaissance und eine Umdeutung, vor allem durch die Lehren der Calvinisten und Puritaner, die in den kapitalistischen Zentren der Niederlande, Großbritanniens und später der USA sehr einflussreich wurden.

Nach den Lehren des Johannes Calvin aus Genf waren die Menschen von Gott noch vor der Erschaffung der Welt in Auserwählte und ewig Verdammte geschieden. An diesem vorbestimmten Schicksal könne kein Mensch etwas ändern, weder durch gute Taten noch durch Glauben. Allerdings könne er auch nie mit Sicherheit wissen, zu welcher Gruppe er gehört. Daher sei er auf Zeichen angewiesen – und das deutlichste Zeichen dafür, zu den Auserwählten zu gehören, ist laut Calvin unermüdlicher Arbeitseifer und wirtschaftlicher Erfolg.
In der calvinistischen Ideologie verbindet sich die apokalyptische Tradition mit dem kapitalistischen Projekt. Die Spaltung der Menschheit in Auserwählte und Verdammte, wie sie die Johannes-Offenbarung verkündet, wird auf das Wirtschaftsgeschehen projiziert, göttliche Ordnung und Marktlogik werden eins. Den Armen gehört nicht das Himmelreich, sie erscheinen vielmehr als von Gott Verworfene, die unrettbar der Hölle bestimmt sind, während die Reichen in die Rolle der Auserwählten schlüpfen. Keine irdische Macht ist für diese Segregation verantwortlich, sondern Gottes unhinterfragbarer Ratschluss vor Anbeginn der Zeit. Dass sich diese Lehre in den Zentren des wirtschaftlichen Umbruchs so rasant ausbreitete, lag zweifellos daran, dass sie einen wichtigen Zweck erfüllte: Sie legitimierte die soziale Spaltung und entzog sie der Debatte.

Die Puritaner trugen diese Lehre in die nordamerikanischen Kolonien. Erfüllt von der Vorstellung, das Ende der Zeiten sei nahe, war Amerika für sie der Ort, wo das Neue Jerusalem entstehen würde: die „City upon a Hill“. Und wie das Neue Jerusalem so sollte auch Neu-England kein Ort für alle Menschen sein. Die dort lebenden Pequot etwa wurden innerhalb von wenigen Jahren fast vollständig ausgelöscht.

Die Siedler verbanden ihre apokalyptische Mission mit wirtschaftlichen Ambitionen. Die Kolonisierung wurde von Aktiengesellschaften – nach dem Muster der holländischen und englischen Ostindien-Kompanien – vorangetrieben, denen die englische Krone die Verfügungsgewalt über bestimmte Territorien verliehen hatte. Die ärmeren Kolonialisten verkauften sich an diese Kompanien für sieben Jahre als Leibeigene. Ihr Auftrag war es, in der Neuen Welt Profite für die Shareholder in London zu erwirtschaften, egal mit welchen Mitteln.

Die Verbindung von Eschatologie und ökonomischer Expansion verlieh dem Projekt eine utopische Aura, die über die harte Realität in den frühen Kolonien hinwegstrahlte. Die Himmlische Stadt würde nicht vom Himmel kommen, sondern sie konnte nun hergestellt werden. Die Kolonisierung Amerikas war der erste Schritt. Um die Neue Welt zu bauen, musste die alte, vorgefundene Welt zerstört werden. An ihre Stelle sollte eine Schöpfung aus der Hand des neuen Meisters der Erde treten: des weißen Mannes, der selbst Werkzeug eines weißen, männlichen, autoritären Gottes war.

Green Zones und die Unsichtbare Hand des Marktes

Die von Calvinisten und Puritanern in die Logik des Kapitalismus übersetzte Vorstellung einer radikalen Spaltung der Menschheit in Auserwählte und Verdammte ist heute von geradezu unheimlicher Aktualität. Himmlisches Jerusalem und Schwefelsee liegen in den modernen Global Cities häufig nah beieinander. Während die Auserwählten in gläsernen Türmen Zahlen, Buchstaben und Bilder über ihre Bildschirme laufen sehen, versinken wenige Straßenecken weiter die vom globalen Markt Verworfenen in Fäkalien- und Müllbergen, die von den Himmlischen produziert werden. Was Slumbewohner und Aufsteiger voneinander scheidet, sind Ziffern, die in der zeitgenössischen Variante des Lebensbuches verzeichnet sind: dem Konto. Wer nicht in das Buch der Bank eingetragen ist, für den ist im 21. Jahrhundert nur der Schwefelsee vorgesehen.

Hand am Puls

Die Hand am Puls des Gelds… …oder am qualmenden Schwefel

Auf dem Thron sitzt kein Gott mehr, sondern die Unsichtbare Hand des Marktes, die Gewinner- und Verliererlose verteilt. Sie spaltet den Raum in zwei radikal getrennte Sphären. Deren Bruchstellen sind an den Stacheldrahtzäunen, die Europa und die USA zu Festungen machen, ebenso zu sehen wie an den Mauern, die Israel und Palästina trennen. Auf der ganzen Welt entstehen Netzwerke von Gated Communities, von Green Zones, verbunden durch Hochsicherheitskorridore. Die Highways, auf denen die Erwählten in klimatisierten SUVs mit getönten Scheiben fahren, durchschneiden das Land der Verlierer, denen nur der Staub und der aus dem Fenster geworfene Müll bleibt. Das Himmlische Jerusalem unserer Zeit wird von Polizeirobotern und Drohnen gegen diejenigen, die dem Schwefelsee zu entkommen versuchen, geschützt.

Wie in der Offenbarung verläuft die Spaltung der Welt heute entlang einer Linie der Abstraktion: Die irdische, konkrete, naturgegebene Welt wird verworfen, sie mutiert zum Feuersee; vom Himmel dagegen kommt eine vollständig abstrakte, rechtwinklige Stadt, die „aus reinem Gold, wie aus reinem Glas ist“ und mit einem goldenen Maßstab vermessen wird. Auf unheimliche Weise ist die Phantasie des Johannes heute in den Downtowns von São Paulo, Singapur, Dubai, Houston usw. Wirklichkeit geworden. An die Stelle Gottes sind die Ingenieure und Baumeister der modernen Welt getreten, die an einer zweiten, künstlichen Schöpfung arbeiten. In dieser Welt soll „der Tod nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal.“ Doch der Preis für dieses hybride Projekt ist die Zerstörung der ersten Schöpfung. Es ist eine bittere Pointe der Geschichte, dass die Vision totaler Macht über die Schöpfung ursprünglich einem Impuls der Revolte gegen die Macht entsprang.

Die andere Apokalyptik

Die dualistische, autoritäre Apokalyptik war jedoch nicht die einzige Spielart des radikalen Traums von einer Neuen Welt. Gegen den sich im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit erneut formierenden Geld-Krieg-Komplex, erhoben sich vom 13. bis 16. Jahrhundert massive soziale Bewegungen, die von der Vision einer egalitären Gesellschaft inspiriert waren. Ähnlich wie in der Antike ging mit dem Aufstieg von Geldwirtschaft und Militarisierung eine zunehmende Kommerzialisierung und soziale Polarisierung einher. Die kapitalistische Weltwirtschaft war im Entstehen begriffen – und mit ihr eine neue Welle der Apokalyptik. Je massiver sich die neuen ökonomischen und militärischen Mächte formierten, je größer die Ohnmacht der Bevölkerung war, desto lauter wurden die apokalyptischen Töne in den sozialen Bewegungen.

Die Reihe von solchen apokalyptisch inspirierten egalitären Bewegungen reicht von den Armutsbewegungen des 13. Jahrhunderts über die böhmischen Hussiten des 15. Jahrhunderts bis zu den deutschen Bauernkriegen und der Täuferbewegung des 16. Jahrhunderts. Thomas Müntzer, der die Bauernbewegung in der Reformation – gegen Martin Luther – unterstützte, sah in den Auseinandersetzungen einen endzeitlichen Kampf, der in der Schlacht bei Frankenhausen (1525) gipfeln würde. Doch die mit Heugabeln und Dreschflegeln bewaffneten Bauern warteten dort vergeblich auf den Beistand des Heiligen Geistes: Mehr als 5000 von ihnen wurden in einem regelrechten Massaker von einer erdrückend überlegenen Armee niedergemacht, die selbst nicht einmal ein Dutzend Soldaten verlor.

Nicht einmal zehn Jahre später riefen in Münster die sogenannten Täufer eine Gütergemeinschaft nach dem Vorbild der Jerusalemer Urgemeinde aus und verbrannten die Schuldenregister des Stadtarchivs. Während sich um die Stadt bereits die kaiserlich-bischöflichen Truppen zusammenzogen, schwangen sich apokalyptische Propheten als Führer der Bewegung auf und verkündigten das bevorstehende Erscheinen Christi. Der Heiland aber erschien nicht, stattdessen wurde die Stadt im Jahr 1535 von den übermächtigen Truppen erobert. Die Führer der Bewegung wurden öffentlich gefoltert und hingerichtet, ihre Leichen am Kirchturm aufgehängt und zur Schau gestellt, damit „sie allen unruhigen Geistern zur Warnung und zum Schrecken dienten, dass sie nicht etwas Ähnliches in Zukunft versuchten oder wagten“.

Die apokalyptische Wendung der Bauernrevolte und das Ende des Münsteraner Täuferreichs zeigen die Tragik der egalitären Bewegungen, die angesichts ihrer Ohnmacht gegenüber dem erstarkten Geld-Militär-Komplex in apokalyptische Phantasmen entglitten – ähnlich wie bereits die antiken Apokalyptiker angesichts der Übermacht römischer Legionen.

In der Französischen Revolution tauchten einige Züge der egalitären Apokalyptik wieder auf; der Beginn einer neuen Zeitrechnung in Form des Revolutionskalenders steht symbolisch für diese Tradition. Auch einige Strömungen der sozialistischen und kommunistischen Bewegungen im 19. und 20. Jahrhundert trugen, bewusst oder unbewusst, die Erbschaft der egalitären Apokalyptik aus der frühen Neuzeit weiter. Die Vorstellung von einem vorgezeichneten historischen Prozess, der in einen ewigen Endzustand – den Kommunismus – mündet, ist z.B. eindeutig apokalyptischen Ursprungs.

Doch die sozialen Bewegungen der letzten Jahrzehnte haben aus der Geschichte gelernt. Der berühmt gewordene zapatistische Slogan „Fragend gehen wir voran“ etwa gibt die Vorstellung eines vorgezeichneten geschichtlichen Pfads, der in einen ebenso vorgezeichneten Endzustand mündet, auf. Der Glaube an eine revolutionäre Elite, die ein esoterisches Wissen über den Lauf der Geschichte besitzt, ist in den neueren sozialen Bewegungen ebenso verschwunden wie die Vorstellung, dass es einen Dies irae, einen endzeitlichen „Tag des Zorns“ geben wird, an dem alles umgeworfen wird und eine neue Epoche beginnt. Es hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass ein Ausstieg aus der tödlichen Logik der Kapitalakkumulation nur als Prozess und nicht als Ereignis vorstellbar ist – und zwar als ein Prozess mit vollkommen offenem Ausgang.

Der Ausstieg aus dem apokalyptischen Denken bedeutet dabei keineswegs das Ende aller Utopien. Wie der Weltsystemtheoretiker Immanuel Wallerstein es formuliert hat, hängt in der derzeitigen instabilen Phase des Weltsystems die Zukunft von einer beinahe unendlichen Anzahl von Entscheidungen einer beinahe unendlichen Anzahl von Menschen ab. Ob daraus tatsächlich etwas Neues hervorgeht, wie dieses Neue aussehen wird, ob es besser oder – was durchaus möglich ist – schlechter als die Gegenwart sein wird, all das ist weder vorhersehbar noch planbar. Die gute Nachricht ist: Es kommt auf uns alle an. Wir müssen nicht auf ein Zeichen von oben warten, um uns auf den Weg zu machen.

Der Artikel basiert auf einem Kapitel des voraussichtlich im Frühjahr 2015 erscheinenden Buches „Zivilisationswende“.

Fabian Scheidler


Text- und Grafikquellen: Streifzuege-Team– Heft 61/2014 – zum Artikel

Beitragsbild: «Zusammenbruch» – www.pixabay.com/de

Der Staat als Instrument der Machtsucht Einzelner

von Herbert Ludwig

Es ist der Fluch der Zeit, dass Tolle Blinde führen!  (Shakespeare)

Psychologie der Macht

Psychologie der MachtEs gibt viele Formen, Macht über andere Menschen auszuüben. In jedem Fall dient sie dazu, den Willen anderer zu unterdrücken oder zu überwältigen, sie dem eigenen Willen zu unterwerfen und ihre Freiheit damit auszuschalten. Die primitivste Form der Macht wird durch die größere physische Stärke ausgeübt, wie sie im Tierreich dominiert. Der dem Tierreich scheinbar entwachsene Mensch verstärkt sie mit Hilfe seines verschlagenen Verstandes noch durch physische Waffen. Oft genügt es schon, ihren schrecklichen Einsatz anzudrohen, um die zu Beherrschenden gefügig zu machen, sie entweder zu murrenden Gefolgsleuten oder devoten Sklaven  zu erniedrigen. Oder eben es kommt zum Kampf bzw. zum Krieg.

Der aggressive persönliche Kampf dient dazu, den Anderen durch körperliche Schmerzen zur Aufgabe seines eigenen Willens zu zwingen, ihn also als eigenständige Person mit freiem Willen seelisch auszuschalten und – fügt er sich nicht, ihn auch physisch zu eliminieren. Der Angriffskrieg hat das Ziel, viele Menschen physisch zu vernichten oder mindestens zu verstümmeln und Zerstörung, Leid und Not zu verbreiten, damit die Überlebenden ihren eigenen Willen aufgeben und sich der seelischen Unterwerfung fügen. Mit dieser Machtausübung der physischen Vernichtung und seelischen Ausschaltung anderer Menschen ist in der Reihe des Lebendigen die eigentliche Menschenstufe natürlich noch nicht erreicht.  Der Mensch gebraucht das Himmelslicht der Vernunft, seine Anlage zur Menschwerdung, „nur tierischer als jedes Tier zu sein“ (Goethe: Faust I, Prolog).

Dem Machtstreben liegt die eigensüchtige und zugleich hasserfüllte Ausdehnung des eigenen Ego über andere Menschen und ihre Güter zugrunde. In gesteigertem Selbstgefühl maßlos aufgeblasen, sucht es nach einem weiteren Anwachsen seiner selbst, indem es sich Andere untertan macht. Es erlebt sich in der Macht über die Erniedrigten verstärkt und erhöht, und diesen narzisstischen Rausch möchte es nicht mehr missen. Daher ist es ständig von Argwohn und Furcht erfüllt, seine Macht wieder an einen Stärkeren zu verlieren. Denn es empfindet unbewusst die Hohlheit und Hybris des eigenen Machtanspruchs. Das  Streben nach Macht steigt aus innerer geistiger Schwäche auf und lebt in ständiger Furcht, die sich in Hass Luft macht, der sich in Gewalt austobt.

Geschichtliche Entwicklung der Macht

Machtausübung einzelner über die anderen hat es in der Menschheitsgeschichte natürlich immer gegeben. Sie hat in der Geschichte der Menschheit im wesentlichen drei Entwicklungsphasen durchlaufen. [1]  In den orientalischen Reichen der Assyrer, Babylonier oder Ägypter des 3., 2. Jahrtausends v. Chr. erlebten die Menschen die Macht des Herrschers als eine göttliche Macht. Der Priesterkönig oder Pharao war ihnen ein auf Erden erschienener Gott, ein Sohn des Himmels, dessen Macht keine äußere Gewalt bedeutete, sondern in der überlegenen göttlichen Weisheit und Güte bestand, aus der heraus er das Leben der Menschen zu ihrem Heile ordnete und leitete, wozu sie selbst noch nicht imstande waren. Der Herrscher und seine Minister wurden als etwas Höheres als gewöhnliche Menschen erlebt; Götter und Untergötter sprachen und wirkten in ihnen. Eroberungen anderer Länder bedeuteten eine Ausdehnung des Gottesreiches.

In der weiteren Entwicklung, die in Griechenland und Rom begann und durch ein Erwachen des begrifflichen Denkens und die damit verbundene stärkere Selbständigkeit des Einzelnen gekennzeichnet ist (siehe Aufgabe Europas), zogen sich sozusagen die Götter etwas zurück. Es trat eine Spaltung in eine mehr weltliche und eine kirchliche Macht ein. Der Herrschende wurde nicht mehr als der Gott selbst, sondern als der von Gott Beauftragte und Inspirierte erlebt, als der Herrscher von Gottes Gnaden. Er war ein Mensch wie alle anderen, aber aus ihnen herausgehoben durch den Adel seiner Seele, der es dem Gotte ermöglichte, ihn für seine leitenden Aufgaben zu inspirieren, derer die Menschen in einer gewissen Weise noch immer bedurften. Der Herrscher war ein Symbol, ein Bild dessen, was nicht mehr in der irdischen Welt da war. Er war mit seinen Taten nicht mehr der Gott selbst, sondern nur noch der Ausdruck von dessen machtvoller Weisheit, Güte und Gerechtigkeit, die sich durch ihn in die irdische Welt ergießen und realisieren sollten. Jetzt konnte eigentlich erst das Diskutieren über öffentliche Angelegenheiten entstehen, da sich unterschiedliche Auffassungen darüber bilden konnten, ob das, was sich im Physischen abspielte, ein wirkliches Abbild des Göttlichen war.

Mit der Neuzeit setzte wieder eine gewaltige Bewusstseinsveränderung ein, in der sich der einzelne Mensch immer mehr auf die Spitze der eigenen Persönlichkeit zu stellen begann, um aus eigener Erkenntnis sein Leben selbst zu gestalten. Luthers Worte auf dem Reichstag zu Worms: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir!“, die er Kaiser, Fürsten und kirchlichen Würdenträgern entgegenschleuderte, sind für die innerlich zur Unabhängigkeit erwachte Persönlichkeit besonders kennzeichnend. Der Herrscher wurde nicht mehr als Gottgesandter erlebt, der durch höhere Erkenntnis andere zu lenken berechtigt wäre. Jeder fühlte sich selbst in der Lage und berechtigt, zu den benötigten Erkenntnissen zu kommen. Der Anspruch des „Gottesgnadentums“ war hohl geworden, hielt sich aber noch lange auf dem Thron. Seine Macht  war jedoch vollkommen entgeistigt und veräußerlicht. Was vorher Symbol war, das noch mit einer Wirklichkeit in Verbindung stand, wurde zur Phrase, die pompös vortäuscht, was nicht mehr vorhanden ist. Was als innere Macht in selbstverständlicher Autorität gewirkt hatte, wurde nun, geistig entleert, zur äußeren Macht, die sich nur als Gewalt durchsetzen und behaupten konnte.

Machiavellismus

Niccolò Machiavelli, Detail aus dem Bildnis von Santi di Tito

Niccolò Machiavelli, Detail aus dem Bildnis von Santi di Tito

Die Macht, die im Geistigen ihren Ursprung und ihre Legitimation hatte, war im Interesse der menschlichen Freiheit versiegt. Aber an ihre Stelle setzte sich die äußere Gewalt, die aus dem nackten Egoismus der irdischen Persönlichkeit aufstieg und sich den Staat als Instrument gestaltete. Auf den Egoismus hat Machiavelli (1469 – 1527) seine Theorie vom Staat gegründet, die ungeheuren Einfluss auf die Entwicklung des modernen Staates genommen hat. Er ging dabei von der Voraussetzung aus, dass die Menschen von Natur aus schlecht seien und es auch unveränderlich blieben, da es keine fortschreitende Entwicklung in der Menschheitsgeschichte gebe, sondern nur einen ewig sich wiederholenden Kreislauf. Die Konsequenz daraus war für ihn der zum Prinzip erhobene Egoismus, der notwendig das Regieren des Fürsten bestimme. Das egoistisch-kluge politische Handeln unterscheide prinzipiell nicht zwischen guten und üblen Mitteln, sondern setze beide ein, je nach ihrer Zweckmäßigkeit für den erstrebten Erfolg, die Sicherung und Erweiterung der äußeren Macht. [2]

„Sein Staats-„Zweck“ ist Macht um ihrer selbst willen. Das äußere Ziel der staatlichen Entwicklung war Machiavelli die Bildung eines starken, geschlossenen, wohlgeordneten Staates, beruhend auf Zentralisation, vor allem aber der Nationalstaat. Das Schwergewicht liegt aber bei Machiavelli nicht auf diesen Zielen, sondern auf den Mitteln des politischen Handelns. Gerade hier zeigt sich der „Machiavellismus“ am unverfälschtesten, und gerade hiermit hat Machiavelli (die damalige politische Wirklichkeit theoretisierend) Schule gemacht. Verbrechen aller Art spielen hier gleichsam ihre „legitime“ Rolle. Machiavellis Schriften sind erfüllt von Schilderung und Empfehlung von Lüge, Betrug, List, Täuschung, Verrat, Treubruch, Gewalttätigkeit jeder Art, Vernichtung anderer Menschen, Mord und Grausamkeit. (…) Auch die „guten“ Mittel werden nur aus Egoismus angewandt: z. B. fördert der Fürst die Untertanen nicht um ihrer selbst willen, sondern weil er an ihrer Wohlfahrt, ihrer Zufriedenheit usw. ein egoistisches Interesse hat.” [3]

Der Machiavellismus hat im politisch-sozialen Leben bis heute seine starken Wirkungen entfaltet. Jeder kann sie am Verhalten und Handeln der meisten führenden Politiker beobachten. Und auch im System des modernen Staates sind sie deutlich wahrnehmbar:

„Wer von dem Misstrauen gegen die menschliche Natur ausgeht, muss allen Nachdruck darauf legen, dass der Mensch durch äußeren Zwang zu einem einigermaßen sozialen Verhalten gezwungen werden muss. Dazu muss sich der Staat zu einem Machtstaat ausbilden, der auch wirklich die umfassende Gewalt hat, um den Zwang durchzuführen. Mit der immer stärkeren Ausschaltung der Sittlichkeit in der Politik wird das eigentlich Menschliche ausgeschaltet, dasjenige, das den Menschen vom Tier und von den leblos-mechanischen Kräften unterscheidet. An die Stelle des menschlich-sittlichen Handelns wird daher ein mechanisches Spiel der Interessen, eine Abwägung und Ausbalancierung der Machtfaktoren treten; die Politik wird etwas wie ein Schachspiel werden, der Staat sich zu einem Unpersönlich-Maschinellen entwickeln.” [4]

Der absolutistische Einheitsstaat

Was in Italien in der Renaissancezeit mehr punktuell begonnen hatte, wurde in Frankreich in systematischer und planmäßiger Weise auf breiterem Boden ausgebaut und weitergeführt. Es erreichte einen Höhepunkt im Absolutismus Ludwig IV. (1643-1715). Dessen Egoismus steigerte sich in einem solchen Maße, dass sich sein Ich gleichsam zu einer eingebildeten „Sonne“ aufblähte, die alles im Staate beschien, das gesamte Leben des Volkes, die Kultur und das merkantilistische Wirtschaftsleben umschloss, für die eigene Macht instrumentalisierte und zentral lenkte. In größenwahnsinniger Maßlosigkeit fühlte sich das Ego des Herrschers ausgeweitet zum alles umfassenden Staate  – „L´État c´est moi“ (Der Staat bin ich). Der „Sonnen-König“ sah sich mit dem Ganzen des Staates identisch, ordnete alles nach seinem Willen. Alle hatten ihm zu gehorchen und zu dienen, denn sie dienten damit dem Staate, von dem sie ein funktionierendes Teilchen waren. Karl Heyer schreibt dazu:

„So werden vom staatlichen Zentrum aus alle drei sozialen Lebensgebiete ergriffen und zu einer straffen, militanten Einheit zusammengeschweißt, die von einem Geist beherrscht wird: das politisch-verwaltungsmäßig-militärische Gebiet, das wirtschaftliche und das kulturelle. Und alles dient dem Könige.“ [5]

Es wurde so eine hierarchisch aufgebaute bürokratische Staatsmaschinerie geschaffen, in die der einzelne Mensch hilflos eingegliedert war. Der König an der Spitze und seine Beamten saßen an den Schaltstellen dieses riesigen Herrschaftsapparates, der ein perfektes Instrument für ihn war, alle anderen Menschen mit unausweichlicher Gewalt seiner persönlichen Machtsucht zu unterwerfen.

„Aber die Staatsentwicklung bei Ludwig XIV. ist wirklich nur ein besonders signifikantes Beispiel und das größte und imposanteste der Zeit für die Entwicklungsdynamik, die damals in allen Staaten des Fürstenabsolutismus überhaupt herrschte.“ [6]

Dieser absolutistische Einheitsstaat wurde prägend für die ganze neuere Zeit.

Der liberal-demokratische Einheitsstaat

Sturm auf die BastilleMit Empörung stemmten sich immer mehr die Kräfte des Individuums gegen diese unzeitgemäße, entwicklungsfeindliche Dynamik unberechtigter Machtausübung. Sie fegten in der Französischen Revolution von 1789 die hohl gewordene Monarchie Frankreichs grausam hinweg. Von England, in dem schon hundert Jahre zuvor in der Glorious Revolution die Monarchie zu einem nur noch geduldeten Schattendasein verurteilt worden war, übernahm man die Ideen des Liberalismus und der parlamentarischen Demokratie, durch welche die Macht auf die ganze Bevölkerung, repräsentiert durch ihre gewählten Vertreter, übergehen sollte. Aber die Problematik des Einheitsstaates wurde nicht durchschaut. Der vom Absolutismus übernommene Machtapparat blieb nicht nur bestehen, sondern wurde noch weiter ausgebaut und perfektioniert. So suchte der liberale Freiheitsimpuls gegen den omnipotenten Einheitsstaat nur einen persönlichen Freiheitsraum für den Einzelnen geltend zu machen, der aber nur sehr begrenzt durchdrang und in der Wirtschaft als wirtschaftlicher Liberalismus zum Egoismus-Exzess des Kapitalismus führte.

Mit der Demokratie machte sich die berechtigte Forderung der Individualität geltend, die Gesetze sich nicht von oben diktieren zu lassen, sondern bei der Entstehung des Rechts mitzuwirken. In dem Maße aber, wie die Rechtsorganisation, der Staat, eine Allzuständigkeit für jedes Lebensgebiet in Anspruch nahm und durch Gesetze reglementierte, wurden in das Recht, das nur die Beziehungen zwischen den einander gleichberechtigten Menschen zu regeln hat, inhaltliche Gestaltungen des Lebens aufgenommen, die Angelegenheit der sachkundig im Wirtschafts- und Kulturleben wirkenden Menschen selbst sind. Das führte dazu, dass der Impuls der Selbstbestimmung sich noch in der Debatte artikulieren kann, im Moment der Abstimmung aber ausgeschaltet wird, denn damit sind alle gleichermaßen an die daraus folgenden inhaltlichen Regelungen gebunden und müssen – von außen bestimmt – nach ihnen handeln. Aus dem Streben des Individuums nach Selbst- und Mitbestimmung entstanden, führt der Parlamentarismus in der Abstimmung zu ihrer Vernichtung. Er „geht hervor aus der Geltendmachung der Persönlichkeit und endet mit der Auslöschung der Persönlichkeit.“ [7]  Im Geistes- und im Wirtschaftsleben kann es keine gesetzgebenden Körperschaften geben, die „von oben“ reglementieren, sondern nur horizontale Beratungs- und Kooperationsorgane freier und solidarisch einander zugewandter Bürger.

Nur auf dem Gebiete des Rechts selbst ist der Parlamentarismus berechtigt, denn Fragen des gerechten Verhaltens untereinander, des Schutzes des inneren und äußeren Friedens, können nicht vom Einzelnen, sondern nur durch gemeinsam vereinbarte Regeln aller gelöst werden. Sie sind es, welche die Bildung ei­ner Gemeinschaft als Staat erst nötig machen und ihm konstitutiv zugrunde liegen. Hier ist auch jeder Mündige urteilsfähig. Die Abstimmung führt zwar auch hier zu einem gewissen Nivellement der Persönlichkeit, doch hat sie ihre relative Berechtigung, denn das für alle gleichermaßen geltende Gesetz ist gerade das angestrebte Ziel. Wenn sich die Gesetze darauf beschränken, den rechtlichen Rahmen für die inhaltliche Tätigkeit der Menschen im Kultur- und im Wirtschaftsleben zu bilden, wird durch sie die Freiheit und Selbstbestimmung nicht ausgeschaltet, sondern gerade ermöglicht. Und das Justiz und Polizei verliehene Gewaltmonopol dient nicht der Macht über Menschen, sondern ihrem Schutz vor denen, die in die körperliche oder seelische Integrität anderer gewaltsam eingreifen.

Der demokratische Einheitsstaat als Instrument der Gewalt

BedrohungWir sahen: Die Macht hat seit Beginn der Neuzeit, mit dem Erwachen der freien Individualität, ihren geistigen Inhalt verloren. Damit ist prinzipiell jede Herrschaft von Menschen über Menschen innerlich unberechtigt geworden. Sie ist eine Anmaßung, eine Usurpation. Goethe formulierte daher, dass die Regierung die beste sei, die uns lehre, uns selbst zu regieren. Macht ist heute mehr oder weniger offene oder versteckte Gewalt, die den anderen überwältigt, ihm einen fremden Willen aufzwingt und ihn dessen beraubt, was ihn erst zum Menschen macht: der Freiheit seines eigenen Erkennens und Wollens.

Die Geschichte der Neuzeit ist gekennzeichnet durch den Kampf der Kräfte des Egoismus um den Staat als Instrument der Gewalt. Ob absoluter Fürstenstaat, konstitutionelle Monarchie oder demokratische Republik – der Staat wächst als zentralistisches, bürokratisches Riesengebilde, als hierarchischer Befehlsmechanismus, der sich über alle Lebensgebiete legt, immer mehr ins Gigantische, nimmt immer gewaltigere, erdrückendere Ausmaße an. Hand in Hand damit geht „die Atomisierung der Untertanen oder Staatsbürger zu einer homogenen Masse von Individuen, die man (…) von außen her durch abstrakte Gesetze zusammenhält.“ [8]  Der Einheitsstaat wird ein immer perfekteres Instrument in den Händen derjenigen, die an den Schaltstellen sitzen – gleichgültig wie „demokratisch“ sie sich zu legitimieren suchen -, um die Masse der Menschen mit direkter oder indirekter Gewalt nach ihrem Willen zu formen und zu lenken.

Mit der Gewalt, die den Mitmenschen überwältigt, handelt noch nicht der Mensch, sondern das Tier in ihm. Das wird schon im innenpolitischen Kampf um die Macht sichtbar. Der peruanische Nobelpreisträger für Literatur Mario Vargas Llosa, der 1987 als Präsidentschaftskandidat für drei Jahre in die Politik ging, schilderte seine Erfahrungen so:

„Sie können die hehrsten Ideen haben, aber sobald es an deren Verwirklichung geht, sind Sie Intrigen, Verschwörungen, Paranoia, Verrat und Abgründen an Schmutz und Niedertracht ausgesetzt. Wenn ich eins über den Morbus der Politik gelernt habe, dann dies: Der Kampf um die Macht lockt die Bestie in uns hervor. Was den Berufspolitiker wirklich erregt und antreibt, ist das maßlose Verlangen nach Macht. Wer diese Obsession nicht hat, wird der kleinlichen und trivialen Praxis der Politik angeekelt den Rücken zukehren.“ [9]

Die Möglichkeit der Machtausübung zieht die egoistischen Machtnaturen an, und so sorgt der „demokratische“ Einheitsstaat für die Auslese der Schlechtesten. Haben sie die Herrschaft über den Staatsapparat errungen, weitet sich ihr Ego ebenso besitzergreifend wie bei Ludwig IV. über den Staat aus. Der Staat gehört ihnen. Die Rekrutierungsorganisationen dieses Menschenschlages werden zu „staatstragenden Parteien“, die sich den Staat zur Beute gemacht haben.

Noch offener tritt das Tier auf die Bühne in der Außenpolitik, in der angeblich Völker miteinander in Beziehung treten, in Wahrheit aber kleine Cliquen mit dem Instrument des Einheitsstaates in der Hand gegeneinander um die Erhaltung und Ausdehnung ihrer Macht kämpfen. Mit dem ganzen Arsenal des höheren Tieres, mit Täuschung, Lüge und Drohung, Intrigen, Verschwörungen und Sanktionen, versteckten Terrorunternehmungen und Regierungsumstürzen bis zur primitivsten Form der offenen Gewalt, dem Krieg, wird in der internationalen Machtpolitik unentwegt versucht, die andern zurückzudrängen, zu schwächen und sie schließlich samt ihrer hilflosen Völker mit brutalster Waffengewalt physisch zu überwältigen und dem eigenen Willen zu unterwerfen. Insbesondere das 20. und das begonnene 21. Jahrhundert sind von diesen Kämpfen der menschlichen Bestien gegeneinander gekennzeichnet. Wir leben mitten darin.

Man muss sich endlich klar werden, dass diesem sozialpathologischen Wahnsinn nur Einhalt geboten werden kann, wenn die Allmacht des Staates aufgelöst, er auf das reine Rechtsleben beschränkt wird und das Wirtschafts- und Geistesleben in die horizontal koordinierende Selbstverwaltung der dort tätigen sachkundigen Menschen entlassen werden. Die herrschenden Egomanen können nur entmachtet werden, indem ihnen ihr staatliches Machtinstrument aus der Hand genommen wird (vgl. Die Überwucherung). Sonst wird die Selbstzerstörung der Menschheit weiter fortschreiten.

Herbert Ludwig


Autor Herbert Ludwig: Nach kaufmännischer Lehre Studium und Ausbildung zum Rechtspfleger, 4 Jahre Tätigkeit an hessischen Amtsgerichten. Danach Studium an der Pädagogischen Hochschule Reutlingen mit den Schwerpunkten Erziehungswissenschaften, Philosophie, Geschichte, Deutsch, sowie Waldorfpädagogik am Waldorflehrer-Seminar Stuttgart. 27 Jahre Lehrer an der “Goetheschule – Freie Waldorfschule – Pforzheim”. Ruhestand.

Textquelle: FASSADENKRATZER, zum Artikel

Bild- und Grafikquellen:

  1. Beitragsbild: «Herrscher im Orbit» – Didi01  / pixelio.de
  2. «Psychologie der Macht» – www.pixabay.com
  3. «Niccolò Machiavelli» – http://de.wikipedia.org/wiki/Niccol%C3%B2_Machiavelli
  4. «Sturm auf die Bastille» – http://www.franzoesische-revolution.com/
  5. «Bedrohung» – Marion Beßler / pixelio.de

 

 

Fußnoten:

  1. Sie sind besonders treffend von Rudolf Steiner in drei Vorträgen skizziert worden unter dem Titel  “Die geschichtliche  Entwicklung des Imperialismus”, Vorträge 20.-22. Febr. 1920, im Band 196 der Gesamtausgabe
  2. Karl Heyer: Machiavelli und Ludwig XIV., Stuttgart 1964, S. 226
  3. Karl Heyer a. a. O. S. 227
  4. Vgl. Karl Heyer a. a. O. S. 93, 94
  5. Karl Heyer a. a. O. S. 95, 96
  6. Karl Heyer a. a. O. S. 99, 100
  7. Rudolf Steiner, zitiert nach Karl Heyer a. a. O. S. 218
  8. Karl Heyer a. a. O. S. 224
  9. Zitiert nach André F. Lichtschlag in „eigentümlich frei“ Aug./Sept. 2013, S. 40

Einladung zu verantwortlicher Menschlichkeit

von Rudolf Kuhr

Nachdem das Christentum und andere Heilslehren oder Ideologien unserer Welt bisher nicht das Heil – eher das Gegenteil – gebracht haben, wäre es da nicht höchste Zeit für eine neue Orientierung? Was fehlt denn unserer Welt? Fehlt es an Wissen? Fehlt es an Geld? – Es fehlt wohl vor allem an verantwortlicher Menschlichkeit!

Auf den Gebieten der Naturwissenschaften, der Medizin, der Technik, der Wirtschaft sind enorme Fortschritte erzielt worden. Im menschlichen Bereich dagegen scheinen wir stehengeblieben zu sein oder gar zurückzufallen. Wir zerstören unaufhaltsam unsere Natur und damit die Lebensgrundlagen unserer Kinder. Die Kluft zwischen Arm und Reich nimmt zu, entsprechend die Gewalt, bereits unter Kindern. Die Menschheit scheint trotz aller Fortschritte immer unmenschlicher zu werden.

Wäre es da nicht logisch und sinnvoll, sich direkt an dem, was fehlt und was für ein sinnvolles Leben am wichtigsten ist, nämlich an verantwortlicher Menschlichkeit zu orientieren, anstatt an fragwürdigen religiösen oder ideologischen Wegen, die immer wieder in Sackgassen und zum Verlust an Menschlichkeit führen?

Wer den Hafen nicht kennt, in den er segeln möchte, für den ist kein Wind ein günstiger.

Seneca, Philosoph (* etwa im Jahre 1 in Córdoba; † 65 n. u. Z. in der Nähe Roms)

Seit Jahrtausenden sind die verschiedensten Segelboote in Form von sogenannten Religionen und Ideologien mit den schönsten Namen unterwegs. Sie fahren emsig umher, offenbar ohne den Hafen zu kennen. Sie dienen nicht dem Heil der Menschheit, wie sie vorgeben, sondern der Mensch dient ihnen, er instrumentalisiert sie und macht sie zum Selbstzweck. Sie konkurrieren miteinander oder bekämpfen sich gar. Und die Gefahr der Zerstörung unserer Welt wird immer größer.

“Ist denn so groß das Geheimnis, was Gott und die Welt und der Mensch sei? Nein, doch niemand hört’s gerne – da bleibt es geheim”, sagte Goethe. Warum hört’s niemand gerne? Wahrscheinlich weil es unbequem ist. Weil es den Menschen auf sich selbst zurückverweisen, weil es zur Arbeit an der eigenen Person führen würde. Darum machte man das Boot und den Weg zum Ziel, zum Fetisch und zur Droge, an die man beispielsweise durch die Kindes-Taufe bereits Säuglinge gewöhnt. Darum reduzierte die Kirche den Begriff Religion, der ja im Grunde Achtsamkeit und eher ein Hinterfragen als ein Glauben, gar an etwas Zweifelhaftes bedeutet, bequemerweise zur Konfession. Solch grundlegende Verfälschungen, die Gewöhnung an sie und deren Weitergabe sind Ursache für Selbsttäuschung, innere Unsicherheit, Zwiespältigkeit, Unwahrhaftigkeit und nicht selten auch für psychische und physische Gewalt.

“Der Mensch echt religiöser Kulturen könnte vielleicht mit einem Kind von acht Jahren verglichen werden, das einen Vater als Retter braucht, das jedoch angefangen hat, die Lehren und Prinzipien des Vaters in sein Leben zu übernehmen. Der zeitgenössische Mensch ähnelt jedoch einem Kind von drei Jahren, das nach dem Vater ruft, wenn es ihn braucht, und sonst zufrieden ist, wenn es spielen kann”, sagte Erich Fromm. Wenn wir die Zukunft unserer Kinder und der Welt nicht weiter aufs Spiel setzen wollen, dann bleibt uns nichts anderes übrig, als uns erwachsener, mündiger als bisher zu verhalten. So wie sich manche Verantwortlichen, manche Menschengruppen und die Menschheit insgesamt verhalten, kann man sie kaum als mündig bezeichnen. Die meisten Politiker fügen ihrem Amts-Eid noch immer die Formel “so wahr mir Gott helfe” hinzu! Sie und viele Intellektuelle sind oft nicht fähig, ihr eigenes Verhalten zu beobachten, sie verhalten sich mitunter kindlich, pubertär, narzißtisch und nicht selten fast autistisch.

Mündigkeit bedeuet mehr als nur Volljährigkeit.   Mündigkeit heißt, eine kritische

Distanz nicht nur zu seiner Mitwelt sondern auch zu sich selbst zu haben, für sich

selbst voll- und für seine Mitwelt mitverantwortlich sein zu können und zu wollen.

Rudolf Kuhr

“Suchst du das Höchste, das Größte? Die Pflanze kann es dich lehren. Was sie willenlos ist, sei du es wollend; – das ist’s”, sagte Friedrich Schiller. Die Pflanze kommt je nach Anlage und Umweltbedingungen zu größtmöglicher Entfaltung. Und für den Mensch gilt im Grunde auch nicht mehr, sondern im Prinzip dasselbe. Der Mensch ist ein vergängliches Lebewesen wie die Pflanze und entfaltet sich je nach Fähigkeit und Umweltbedingungen zu größtmöglicher Vollkommenheit. Das Mindeste ist im Normalfall Selbständigkeit, Unabhängigkeit und Mündigkeit in aktiver Verbundenheit zu seiner Mitwelt, deren Teil er ist.

In der Beschränkung zeigt sich der Meister,

Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.

Johann Wolfgang von Goethe

Wer sich wie ein erwachsener, mündiger, verantwortungsbewußter, redlicher Mensch guten Willens verhalten will, der kommt nicht daran vorbei, Abschied zu nehmen von bequemen aber unrealistischen Wunschvorstellungen wie einer Vorrangstellung gegenüber anderen Lebewesen, einer außerirdischen Hilfe oder gar einer Unsterblichkeit. Der muß sich verantwortliche Menschlichkeit zu seiner übergeordneten Orientierung wählen, sich öffentlich dazu bekennen und über die Gefahren geistiger Drogen aufklären. Orientierung am Humanismus oder Menschentum führt den Menschen zu sich selbst als Teil seiner Mitwelt und gibt ihm Sinn und Aufgabe, so daß man sagen kann:

Humanismus – die neue frohe Botschaft! 

Humanismus, bisher allgemein lediglich als schulische Bildungsrichtung oder als geschichtliche Epoche der Aufklärung bekannt, kann uns heute als ein Ideal vom universellen Menschentum zur allem anderen übergeordneten ethischen Orientierung dienen, die alle Menschen dieser einen Welt vereint. Das geringste, was ein mündiger Mensch konkret zur Verbesserung der Menschlichkeit beitragen kann und sollte, wenn er diese Bezeichnung für sich in Anspruch nehmen will, ist, mit der eigenen, geistigen Auseinandersetzung mit diesem Ideal des neu und ganzheitlich verstandenen Humanismus zu beginnen, soweit noch nicht geschehen. Weitere mögliche Schritte sind:

  • Sich selbst in seinem Denken und Handeln an diesem Ideal zu orientieren und von kindlichen, unrealistischen Wunschvorstellungen zu verabschieden.
  • Sich öffentlich bei allen passenden Gelegenheiten persönlich zu diesem Ideal mündlich und schriftlich zu bekennen, (man kann beispielsweise, nach der weltanschaulichen Orientierung gefragt, anstatt Christentum, Atheismus, Liberalismus usw. den Humanismus nennen).
  • Verbreiten von Informationen über dieses Ideal vom Humanismus (z.B. durch Beilegen entsprechender Schriften zur Korrespondenz, durch Schreiben eigener Beiträge zu diesem Thema, durch Leser-, Hörer- und Zuschauerbriefe an Multiplikatoren in den Medien, durch Denkanstöße an Politiker, Schriftsteller, Künstler und andere Persönlichkeiten.
  • Förderung humanistischer Bestrebungen durch Mitarbeit und finanzielle Unterstützung.
  • Gründung eigener Initiativen.

Und obwohl uns Goethe gemahnt: “Alles opponierende Wirken geht auf das Negative hinaus und das Negative ist nichts. Wenn ich das Schlechte nenne, was ist da viel gewonnen? Nenne ich aber das Gute schlecht, so ist viel geschadet. Wer recht wirken will, muß nie schelten, sich um das Verkehrte gar nicht kümmern, sondern nur immer das Gute tun. Denn es kommt nicht darauf an, daß eingerissen, sondern daß etwas aufgebaut werde”, obwohl uns Goethe also damit mahnt, so ist es doch nötig, über das Aufbauende hinaus Aufklärung und auch Kritik da zu betreiben, wo man sich andernfalls einer unterlassenen Hilfeleistung schuldig machen würde. Zum Beispiel, wenn Kinder an der freien Entfaltung ihrer Persönlichkeit gehindert werden, wie dies durch Kirchen und auch Schulen geschieht. Oder wenn Medien wie das Fernsehen die Zuschauer durch anspruchslose Unterhaltung und Gewinnspiele zur Abhängigkeit verführen.

Menschen, die sich mündig, und Regierungen, die sich demokratisch nennen, sollten Einmischung nicht nur erdulden, sondern sich wünschen. Ein Glaube wird ja nicht dadurch gefestigt, daß man den Zweifel verhindert, sondern dadurch, daß man ihn zuläßt. “Der Zweifel ist kein angenehmer Zustand. Gewißheit jedoch ist ein lächerlicher Zustand, und Es gibt ein Recht auf Blasphemie, sonst gibt es keine Freiheit”, sagte Voltaire. Aber “Es ist nicht genug, zu wissen, man muß auch anwenden; es ist nicht genug zu wollen, man muß auch tun, sagte Goethe. Denn: Ich habe Leute gekannt von schwerer Gelehrsamkeit, in deren Kopf die wichtigsten Sätze zu Tausenden selbst in guter Ordnung beysammen lagen, aber ich weiß nicht, wie es zuging, ob die Begriffe lauter Männchen oder lauter Weibchen waren, es kam nichts heraus. In einem Winkel ihres Kopfes lag Schwefel, im anderen Kohlenstaub, im dritten Salpeter genug, aber das Pulver hatten sie nicht erfunden”, so Georg Christoph Lichtenberg.

Darum: “Wer weiterlebt wie bisher, hat nicht begriffen, was droht; es nur intellektuell zu denken, bedeutet nicht, es auch in die Wirklichkeit seines Lebens aufzunehmen”, so Karl Jaspers. Und Voltaire: “Ich werde mich solange wiederholen, bis man mich verstanden hat.” Diese Gedanken sollten wir beherzigen, wenn es um die Verbreitung des Ideals vom Humanismus als ganzheitliche Orientierung geht.

Wenn es heute einen Glauben gibt, der vertretbar ist, dann ist es

der Glaube an die Bildungsfähigkeit des Menschen zu einem sozial

und ökologisch handelnden, mündigen Gemeinschaftswesen und daran,

daß die Natur den Menschen nicht braucht, wohl aber der Mensch die Natur.

Rudolf Kuhr

Unser grundlegendes Problem und seine Lösung ist der Mensch. Nicht Ausbildung, sondern Menschenbildung ist vorrangig erforderlich. Dazu braucht es eine entsprechende Orientierung.

Humanismus – ethische Orientierung mündiger Menschen!

Nehmen Sie die Einladung an?

Rudolf Kuhr


Quelle: Humanistische AKTION für verantwortliche Menschlichkeit > Webseite > Artikel

Buchtitel: «Wachstum an Menschlichkeit. Humanismus als Grundlage» > zur Vorstellung meines Buches

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Beitragsbild: Rudolf Kuhr

 

Abenteuer Menschsein: Worum es mir wirklich geht im Leben

von Rudolf Kuhr

Zur Einstimmung in das Thema ein Zitat von Johann Wolfgang von Goethe: “Hierbei bekenn’ ich, daß mir von jeher die große und so bedeutend klingende Aufgabe:”erkenne dich selbst!” immer verdächtig vorkam, als eine List geheim verbündeter Priester, die den Menschen durch unerreichbare Forderungen verwirren… wollten. Der Mensch kennt nur sich selbst, insofern er die Welt kennt, die er nur in sich und sich nur in ihr gewahr wird. Jeder neue Gegenstand, wohl beschaut, schließt ein neues Organ in uns auf. Am allerfördersamsten sind aber unsere Nebenmenschen, welche den Vorteil haben, uns mit der Welt aus ihrem Standpunkt zu vergleichen und daher nähere Kenntnis von uns erlangen, als wir selbst gewinnen mögen. Ich habe daher in reiferen Jahren große Aufmerksamkeit gehegt, inwiefern andere mich wohl erkennen möchten, damit ich in und an ihnen, wie an so viel Spiegeln, über mich selbst und über mein Inneres deutlicher werden könnte… Von Freunden… lasse ich mich ebenso gern bedingen als ins Unendliche hinweisen, stets merke ich auf sie mit reinem Zutrauen zu wahrhafter Erbauung”.

Aber dann ging ihm plötzlich ein Licht auf.

Angeregt durch wiederholte Enttäuschungen in einem Gesprächskreis, der sich zu dem überaus bedeutsamen Thema “Worauf es wirklich ankommt” zusammenfand, und der anfangs ziemlich unstrukturiert über Gott und die Welt diskutierte, entstand in mir die Frage nach den hintergründigen Bedürfnissen der Teilnehmer. Ich hatte den Eindruck, daß diese den meisten gar nicht bewußt waren, so daß es mir oft so erschien, als ginge es eigentlich mehr um die Lust am Reden, am Streiten, um Unterhaltung und Geselligkeit als um das Thema selbst.

Unsere Hauptaufgabe ist nicht zu erkennen, was unklar in

weiter Ferne liegt, sondern das zu tun, was klar vor uns liegt.

Thomas Carlyle

Erst als ich mich bereits zurückgezogen hatte, fiel mir ein, was ich übersehen hatte: In dem Motto des Kreises ‘Worauf es wirklich ankommt’ fehlte das Wörtchen mir sowie das allgemeine Bewußtsein von dessen Bedeutung. Und deshalb fehlte es mir im Umgang miteinander an Echtheit und Einfühlung, wie dieses nur ganz selten anzutreffen ist, wenn Menschen zusammen kommen, die dann entweder über diese Zusammenhänge wissen und sich grundsätzlich oder zufällig entsprechend einfühlend verhalten.

Unser Ziel ist, einander zu erkennen und einer im anderen das zu sehen

und ehren zu lernen, was er ist; – des andern Gegenstück und Ergänzung!

Hermann Hesse

Um es nicht beim kritisieren zu belassen, möchte ich, gewissermaßen in einem Selbstversuch, meine eigenen hintergründigen Bedürfnisse offenlegen. – Das, worum es mir wirklich geht, wenn ich mich z.B. in meiner Freizeit mit anderen Menschen zu tiefergehenden Gesprächen treffe, das kann ich eigentlich nur mit Hilfe von einfühlsamen Mitmenschen herausfinden, weil auch das Unbewußte eine Rolle spielt, und ich dieses Unbewußte nur sehr subjektiv bewußt machen kann. Unangenehmes wird da wohl nur zu leicht verdrängt. Wer vermag schon ohne fremde Hilfe die egoistischen Anteile an seinen altruistischen Handlungen einigermaßen genau einzuschätzen? Ich denke hier an das Sprichwort Die schlimmste Form des Egoismus ist der Altruismus.

Um fremden Wert willig und frei anzuerkennen, muß man eigenen haben.

Arthur Schopenhauer

Wenn ich vom Verstand her an die Frage herangehe, dann geht es mir vor allem um Authentizität, um Echtheit, – ich möchte mich möglichst wenig in mir selber täuschen und andere selbstverständlich auch nicht. Außerdem geht es mir um eine sinnvolle Lebensgestaltung. Hierzu brauche und suche ich gleichgesinnte Menschen zur gegenseitigen Unterstützung in diesen Zielen. Mit diesen gleichgesinnten – möglichst einfühlsamen – Mitmenschen möchte ich mich in offener und wohlwollender Weise mit möglichst wenig Einschränkungen austauschen, um mehr über mich zu erfahren, um mich weiterzuentwickeln und den anderen in gegenseitigem Austausch ebenso dabei zu helfen. Ich möchte, daß ich ohne Scheu und Tabus in allen möglichen Bereichen hinterfragt und auf mögliche Fehler aufmerksam gemacht werde, ich bitte ausdrücklich um Einmischung, auch in persönliche Angelegenheiten. Es gibt für mich in dieser Konstellation keine indiskreten Fragen, allenfalls indiskrete Antworten.

Was ist am schwersten zu erreichen? –

Daß man sich selber hinter die Schliche kommt.

Wilhelm Busch

Ich kann nicht garantieren, daß ich mich zu allem äußern und gegebenenfalls ändern werde, wohl aber verspreche ich, für jeden aufrichtig gemeinten Hinweis dankbar zu sein und darüber nachzudenken. Ebenso verspreche ich, daß ich mich bemerkbar machen werde, wenn mir etwas zuviel wird. Dasselbe wünsche ich mir auch von meinen Gesprächs-Partnern.

Es ist so angenehm, zugleich die Natur und sich selbst zu erforschen,

weder ihr noch dem eigenen Geist Gewalt anzutun, sondern beide

in sanfter Wechselwirkung miteinander ins Gleichgewicht zu bringen.

Johann Wolfgang von Goethe

Ich sehe den von der Natur her gegebenen Sinn jedes Lebewesens darin, daß es sich je nach Anlage und Mitweltbedingungen bestmöglich entwickelt. Für den Menschen allgemein und damit auch für mich bedeutet dies: Menschsein ist nicht nur ein gegebener Zustand, sondern eine ständige Aufgabe. Da der Mensch ein Teil der Natur und der menschlichen Gesellschaft ist, ohne die er nicht lebensfähig geworden wäre, schließt die Aufgabe Menschsein folgerichtig einen Dienst an Gesellschaft und Natur mit ein.

Sich selber erforschen, um sich selbst zu erkennen, ist das erste Studium.

J. M. Sailer

Erst ein mündiger Mensch, der eine kritische Distanz zu sich selbst und eine bewußte Verbundenheit zu seiner Mitwelt hat, kann für sich selbst voll- und für seine Mitwelt mitverantwortlich sein. Deshalb ist Mündigkeit ein wichtiges Ziel, das es zu erreichen und zu erhalten gilt. Einen Menschen in Unmündigkeit zu bringen oder zu halten, verstößt gegen die in den Menschenrechten verankerte freie Entfaltung der Persönlichkeit. Einem Menschen nicht zu helfen, der in Gefahr ist in Unmündigkeit zu geraten, kommt demnach einer unterlassenen Hilfeleistung gleich. Deshalb ist Aufklärung – auch über mich selbst – für mich Pflicht. Ich halte es mit Mahatma Gandhi, der sagte:

Wir selbst müssen die Veränderung sein, die wir in der Welt sehen wollen.

Ich wünsche mir Einmischung zur Aufklärung über Möglichkeiten und Gefahren, die ich noch nicht erkenne, und ich wünsche mir Mitmenschen, die das gleiche wollen. Meine, allem anderen übergeordnete Orientierung, ist der ganzheitlich verstandene Humanismus, das Ideal vom verantwortlichen Menschentum. Mir geht es um Menschlichkeit durch Wahrhaftigkeit. Mensch, lerne dich selbst erkennen, das ist der Mittelpunkt aller Weisheit! so Gotthold Ephraim Lessing.

Ich lade ein zum Abenteuer Menschsein!

Einander aufrichtig begegnen  

   

Ich wünsche mir Mitmenschen,
bei denen ich ohne Herzklopfen und innere Anspannung anklopfen kann,
denen mein Erscheinen nicht von vornherein lästig ist,
die mich nicht an der Türe abfertigen,
sondern herein bitten und in Ruhe zuhören.

 

Ich wünsche mir Mitmenschen,
die gern einmal wohlwollend oder aufmerksam über den Zaun schauen,
bei denen man eine Nachricht für mich hinterlassen kann,
die sich Sorgen machen und fragen, was los ist,
wenn sie mich länger nicht gesehen haben.

 

Ich wünsche mir Mitmenschen,
die ich in der Not nicht anbetteln muss,
bei denen Freundschaft und Nächstenliebe nicht eine leere Floskel,
sondern eine Selbstverständlichkeit ist.

 

Ich wünsche mir Mitmenschen,
denen ich so viel wert bin, dass sie mir nicht nach dem Munde reden,
sondern mich aufmerksam machen,
auf Fehler, Spinnereien, Risiken, Gefahren.
Ich wünsche mir aufrichtige Gegenüber, die nicht mit zwei Zungen reden,
freundlich und anerkennend mir ins Gesicht,
aber geringschätzig und abfällig  – hinter meinem Rücken.

 

Ich wünsche mir Mitmenschen,
die bei Gegensätzen meinen Standpunkt achten
und nach seiner Begründung fragen, wenn sie ihn nicht verstehen,
die meinen Stolz nicht demütigen und meine Gefühle achten.

 

Ich wünsche mir Mitmenschen,
die bei Schicksalsschlägen und in Traurigkeiten
mir Mut machen, mich niemals aufzugeben.

 

Ich wünsche mir Mitmenschen,
mit denen ich lachen kann,
die Worte nicht auf die Goldwaage legen,
die sich auch einmal auf den Arm nehmen lassen
und Spaß verstehen, die nicht gleich oder für alle Ewigkeit
eingeschnappt sind, die es mit einer Entschuldigung
bewendet sein lassen und mich nicht um Abbitte
auf die Knie zwingen.

 

Ich wünsche mir von Herzen,
ein solcher Nächster meinem Nächsten sein zu können.

Rudolf Kuhr


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Bild- und Grafikquelle: Jan Gropp, Jena / www.Bildreflex.de – Quelle: Pixelio.de

Warum Veränderung Wahnsinn braucht

von Nicolas Schrode

Ein Manifest zwischen Wissenschaft und Politik

„Die wenig erprobte Alternative in dunklen Zeiten: der helle Wahnsinn.“ (Brigitte Fuchs, Lyrikerin)

In der heutigen Zeit zu erklären, es bräuchte mehr Wahnsinn, erscheint sicherlich vielen BetrachterInnen als wahnsinnig: Die Menschen sind umgeben von Dingen, die sie für „Wahnsinn“ halten. Seien es platzende Milliardenluftblasen und zur Rettung eilende StaatspolitikerInnen in Europa und den USA, in Gleichzeitigkeit zu den andauernden humanitären Katastrophen in Indien, Afrika oder Asien. Seien es die Millionen Liter Öl, die Monate lang ungestoppt ins Meer sprudeln und die gleichzeitige politische Forderung von umweltbewussten BürgerInnen.

Viel plaktativer können die Beispiele eigentlich nicht sein, gleichwohl jedoch kaum die Wahrnehmung lebensweltlich gewordener Absurditäten vieler Individuen tief ins Mark treffend.

Diese Perzeptionen von Widersprüchlichkeit, für deren Einordnung Menschen oft schlicht keine anderen sinnvollen Kategorien mehr finden als jene des Wahnsinns oder der absoluten Unvernunft, unterscheiden sich vom (zugeschriebenen) Wahnsinn einer Einzelperson: Sie sind Nebenfolgen kollektiven menschlichen Handelns, welches höchst sinnvoll (rational) begründet verfolgt wurde (vgl. dazu: Beck 1986 und 2007). Auf solchen „Wahnsinn der Zeit“ wird viel geschimpft – aus ihm werden hingegen wenige Lehren gezogen. Auch wird kaum reflektiert, was man „Wahnsinn“ entgegensetzen kann (egal, wie man ihn nun genau definiert; es geht um die menschliche Perzeption von Phänomenen und Personen als „wahnsinnig“).

Dieses Essay, ein „Manifest für den Wahn-Sinn“, will „Wahnsinn“ grundsätzlich als soziales Konstrukt begreifen, das mit bestimmten Politiken der Herstellung, in Diskursen und Dispositiven der Macht immer neu erschaffen wird (Abschnitt 1). Unter diesen Bedingungen sollen die Chancen, die in der Moderne der Nebenfolgen („Zweite Moderne“; vgl. Beck 1986) liegen, erörtert werden (Abschnitt 2), um daraufhin nach den notwendigen Grundsätzen für den einzelnen Menschen zu fragen, die nötig sind, um eine Welt zu schaffen, die für ihn besser, weniger „wahnsinnig“, dafür jedoch „richtiger“ ist (Abschnitt 3).

Dabei sollte das Essay grundlegend als solches gelesen werden: Es handelt sich weder um einen klassischen wissenschaftlichen Artikel, noch um ein Manifest im streng politischen Sinne, sondern vielmehr um ein Gedankenexperiment, das den LeserInnen Argumente anbietet und zur weiteren Diskussion anregen soll.

Es geht daher auch nicht darum, einen Beitrag zur Findung eines „korrekten“ oder „besten“ theoretischen Begriffs von „Wahnsinn“ oder „Vernunft“ und „Normalität“ zu leisten – diese sind historisch wandelbar und ihre Reflexion von kaum überschätzbarem Wert. Jedoch sollten sie an anderer Stelle als in diesem Essay ausgehandelt werden. Vielleicht erscheint es in diesem Sinne gewissermaßen wahnsinnig, einzelne Begrifflichkeiten völlig offen zu lassen; doch auch das ist, wo es geschieht, so gewollt. Der Argumentation dürfte gefolgt werden können, egal ob man es beim „sozialen Handeln“ eher mit Max Weber oder mit Erving Goffman hält.

Und noch eine letzte Vorbemerkung sei gestattet: Das Essay soll die wissenschaftliche Diskussion in diesem Band einleiten, nicht führen. Es ist (selbstverständlich) subjektiv und normativ, verlässt stellenweise die klassisch-wissenschaftliche Argumentationslogik. Es mag, dem Thema entsprechend, auch verrückt erscheinen. Es soll bereits in seiner Struktur dazu anregen, die gewohnten Denkschemata zu verlassen und sich Neuem zu öffnen.

1. Wahnsinn – die Kontingenz des Anderen der Vernunft

Steigen wir bei Foucault ein, der die philosophische, psychiatrische und soziologische Diskussion mit seinem Werk „Wahnsinn und Gesellschaft“ (Foucault 1993) nachhaltig bereichert hat. Foucault zeichnet darin die sich historisch wandelnden Formen der Pathologisierung und Stigmatisierung bestimmter Formen sozialen Handelns als „Wahnsinn“ nach – welche stets dem Schutz des ‚Normalen‘, des Common Sense über das gesellschaftlich Erwünschte und Unerwünschte dien(t)en. Dies gilt, ganz gleich, ob man den Wahnsinn als solchen ausstellt – wie bis ins 19. Jahrhundert geschehen (vgl. ebd.: 139), oder ob man ihn wegsperrt – wie bis heute. Nur in einem vorwissenschaftlichen Raum könne aus Foucaults Blickwinkel die Trennung zwischen Normalität und Wahnsinn als beliebig, ihre Verfasstheit als eine Machtfrage erkannt werden. Die wissenschaftliche Sprache der Psychiatrie dagegen ist nach Foucault eine „Archäologie des Schweigens“ (ebd.: 7) und macht diese ursprüngliche Kontingenz unsagbar, da sie selbst bereits in der Sprache dieser Vernunft verfasst ist (vgl. ebd.: 246).

Letztlich besteht Foucaults Leistung in „Wahnsinn und Gesellschaft“ also unter anderem im Aufzeigen der Tatsache, dass auch Vernunft von jeher ein historisch wandelbares Konstrukt ist. Dieser Gedanke wiederum muss für ‚den Vernünftigen‘ (purer) Wahnsinn sein, da er die Vernunft in Frage stellt und so – nimmt man dieses Infragestellen ernst – dem Wahnsinn Tür und Tor öffnet.

Im Folgenden soll die These skizziert werden, dass es in den heutigen Zeiten des stetigen Wandels gerade der Wahnsinn ist, der uns für einen „Wahn-Sinn“ öffnen kann. Der Prozess, der beschrieben wird, zeichnet eine radikale Abwendung von gewohnten Dispositiven in Form eines individuell wie kollektiv schmerzhaften Dekonstruktivismus vor, der uns über die Öffnung unserer Sinne zur Frage bringt, inwieweit der bestehende gesellschaftliche Wahn-Sinn macht und uns anregt, Gesellschaft in neuen Rahmen und Möglichkeiten zu denken.

2. Die „Zweite Moderne“ als Chance für Neues

Doch wie werden solche „Rahmen, in denen man denkt“ überhaupt zu denselben? Eine mögliche Antwort liefern Peter Berger und Thomas Luckmann (Berger/Luckmann 1969): Den dialektischen Prozess, in dem das Bestehende von uns Menschen geschaffen wird, sich als objektive Realität manifestiert und schließlich wieder auf uns Menschen wirkt und uns formt, nennen die beiden Autoren „die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ (vgl. ebd.). Ihre Anschauung zeigt, dass Strukturen, gesellschaftliche Unterscheidungen (und somit auch Machtverhältnisse) grundsätzlich immer auch anders möglich wären, als sie es sind. Die menschlichen Konstrukte werden ihrer Theorie nach von ihren SchöpferInnen internalisiert – werden in ihrer Wahrnehmung zu objektiven Gegebenheiten, zu unhinterfragten Basisselbstverständlichkeiten, an welchen sie ihr Handeln ausrichten (ebd.: 148ff.). Bestimmte Handlungsweisen werden somit für je bestimmte Kontexte normal, werden das Normale („Internalisierung“, vgl. ebd.).

In diesem epistemologisch gefassten Verständnis von Normalität kann der vernünftige Mensch, für den immer ein bestimmter Begriff von Vernunft gilt, diese also selbst eine solche Normalität ist, nicht aus dieser Dialektik entfliehen: Das Bestehende wird von ihm geschaffen und formt dann sein Handeln, dieses schafft wieder das daraufhin Bestehende, welches wiederum sein zukünftiges Handeln formt – und so weiter.

An diesem Punkt stellt sich die hoch interessante Frage nach dem „Wie“, also über welche konkreten Praktiken die Herstellung von Normalität geschieht. Oftmals unhinterfragt wurde die These der Normalität als konstruierte soziale Wirklichkeit übernommen, ohne sie hierin weiterzudenken (vgl. Link 2009: 38ff.). Foucault hat mit seinem Abstellen auf Diskurse, sprachliche und institutionalisierte Praktiken, Regeln und Maßgaben wesentlich dazu beigetragen, von einer allzu unreflektierten Übernahme eines rein epistemologischen Normalitätsbegriffes wie ihn, so zeigt Link (2009), beispielsweise Niklas Luhmann verwendet (vgl. hierzu ebd.: 158f.), zu einem eher konkret praxelogischen Verständnis der Normalität zu gelangen. Als Beispiel für ein solches Verständnis sei wiederum auf Link (2009) verwiesen, welcher im „Protonormalismus“ und im „Flexibilitätsnormalismus“ normalistische Strategien moderner Gesellschaften erkennt (vgl. zur Übersicht: ebd.: 57f.).

Doch selbst bevor man die Black Box öffnet und die Praktiken der sozialen Konstruktion realer „Objektivitäten“ betrachtet, wird klar, dass „das Normale“ nicht ‚von heute auf morgen‘ das ist, was es ist. Vielmehr liegt dem ein langer, höchst voraussetzungsreicher Prozess zugrunde, der bestimmte Handlungs- und Sichtweisen sozial aus ihrer Kontingenz entbindet, indem sie über Institutionalisierung (bindende Festlegung auf bestimmte Formen) und Legitimierung (empirische Untermauerung ihrer Notwendigkeit) letztlich internalisiert werden (vgl. hierzu Berger/Luckmann 1969: 49ff., 148f.).

Hierin liegt auch der Grund, warum gesamtgesellschaftliche Innovationen selten und bahnbrechende soziale Neuerungen die Ausnahme sind: Dieser Modus bringt seiner Logik nach nur sehr langsam Neues in den die Gesellschaft konstituierenden Kreislauf, da die lebensweltlichen Basisselbstverständlichkeiten den Menschen in seine gewohnten Bahnen leiten. Diese verlassen seine Gedanken meist nicht – was nicht zuletzt funktional ist, da der Mensch ohne Komplexitätsreduktionen dieser Art nicht handlungsfähig wäre.

Enge - NormalitätSein Denken stößt dann allerdings deswegen an seine Grenzen, weil keine Loslösung vom Gewohnten mehr passiert (Verharrung). Auf diese Art und Weise werden viele Gedanken gar nicht erst denkbar. Vielmehr geschieht dann das typische, so genannte „Schubladen-Denken“, bei dem neue Informationen schlicht in ein vorgefertigtes (und imaginäres) Schubfach des Gehirns eingeordnet werden (und dort nur schwer wieder herauskommen) und zur Reproduktion immer gleicher Denk- und Handlungsmuster führen. So entstehen Vor-Urteile, da man in seinem Kopf von vornherein zu wissen glaubt, wie die Welt ist. Hier begegnen wir den Basisselbstverständlichkeiten und einem starren, vermeintlichen Abbild der Welt im kognitiven System. Bei diesem Modus handelt es sich um eine humane Reduktion von Komplexität einer gänzlich unübersichtlichen Sozialwelt: Diese wird letztlich ganz ökonomisch – nämlich so einfach wie möglich und so komplex wie nötig – wahrgenommen.

In diesem Modus war und ist es möglich, ein normales Leben zu führen. Doch wird dies zunehmend schwerer. Einerseits ist der Mensch nicht frei, sich zu individualisieren, sondern ist zur Individualisierung gezwungen: Er kann sich nicht, sondern er muss sich, seine Handlungen und Einstellungen, seine Verortung im Sozialen reflektieren (vgl. Beck 1993: 152). Andererseits sind die Basisselbstverständlichkeiten, die der Mensch sich selbst geschaffen hat, sichtbar am Zerbröckeln: Das gilt beispielsweise für den Lebensberuf, die Ehe, die moderne Kernfamilie und anderes mehr (vgl. Beck 1986).

Ulrich Beck fand hierfür den Terminus einer „geteilten Moderne“, in der die Errungenschaften der Ersten Moderne auf eine Zweite zurückwirken – teils mit katastrophalen Folgen (z.B. Umweltkatastrophen durch rücksichtsloses Wirtschaften), also die reflexive Modernisierung (vgl. ebd.). Doch wie kann dies, insbesondere aus dem hier eingenommenen konstruktivistischen Blickwinkel, verstanden werden?

Der Mensch ist in diesem Prozess ja sozusagen von sich selbst überrascht. Denn schließlich ist es gerade er, der diese Wandlungen der Institutionen vollbringt, und nicht etwa eine extrapolierte unsichtbare Hand. Und dennoch steht er einigermaßen erstaunt bis gelähmt vor diesem rapiden Wandel – eben weil ihm diese Schaffungen als objektive Realitäten erscheinen und der Wandel sein komplettes sozialisiertes Weltbild ins Wanken bringt.

Gleichsam begegnet er so jedoch einem Wandel, dessen Chance darin gesehen werden kann, sich der Tatsache dieser eigenen sozialen Welt-Konstruktionsleistung bewusster zu werden. Geschieht dies, so muss sich der einzelne Mensch unweigerlich auch seiner Gestaltungsfähigkeit bewusst werden: dass er die Welt ist, in der er lebt.

3. Stirb und Werde

Was sich daraus ergibt, hat Goethe prominent in seiner „Selige[n] Sehnsucht“ (vgl. Richter 1996: 21) zugespitzt: Nur wenn wir mit dem Bestehenden brechen, können wir wirklich Neues in die Welt bringen („Stirb und Werde“).

Man denke beispielhaft an prominente, kreative Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kunst und Politik wie Nikolaus Kopernikus, Galileo Galilei, Leonardo da Vinci, Mahatma Gandhi oder Martin Luther (King). Diese haben das Bestehende angezweifelt und Gegenentwürfe erdacht, gelebt und verfolgt. Dafür mussten sie aber, wie oft vermutet wird, nicht nur den radikalen Bruch mit dem common sense wagen, den manifestierten Bildern von Welt ihrer Zeit. Diese Bilder ihrer Zeit waren anfänglich genauso ihre Bilder, die sie so vermittelt bekommen und internalisiert hatten. Der erste Schritt bestand also darin, ihren Geist in dem Sinne zu öffnen, dass sie das, was auch sie zunächst für selbstverständlich und gegeben hielten, überwinden konnten. Eine solche Einstellung wird oft als „über den eigenen Tellerrand schauen können“ beschrieben, und birgt doch in gewisser Weise mehr: Denn man erweitert seinen Horizont nicht nur an Horizonten Anderer, sondern bricht völlig mit dem Bestehenden, man denkt und sagt das Undenkbare und Unsagbare. Als Galilei das geozentrische Weltbild überwand, da Vinci Anatomie an Leichen studierte, King die Rassentrennung anprangerte, taten sie genau dies: Sie dachten das anscheinend Undenkbare und sprachen das damals Unsagbare aus, kurz: Sie begingen Tabu-Brüche.

Die der Macht inhärente Disziplinierungsfunktion (vgl. Foucault 2000 und 2008), die sich im gesellschaftlichen Konstruktionsprozess in ihr manifestiert hat, wirkte dahingehend, all die aufgezählten Wegbereiter mundtot zu machen und sie vom Bruch mit den bestehenden Vorstellungen abzubringen. Sie wurden als Ketzer, Verrückte oder Wahnsinnige bezeichnet. Und da die Macht durch ihre Disziplinierung immer Definitionsmacht ist, waren sie auch objektiv wahnsinnig (zu Foucaults Machtbegriff vgl. ders. 1983: 113 – „Nicht weil sie alles umfaßt, sondern weil sie von überall kommt, ist Macht überall“).

Allerdings waren diese Denker nicht nur wahnsinnig, sondern gleichsam Wahn-sinnig. Denn sie hatten den Sinn dafür, dass es vielmehr wahnsinnig sei, dauerhaft vorgefertigten Gedankengebäuden zu gehorchen, als ihren eigenen Sinnen. Ihre Antwort auf die Frage: „Macht dieser Wahn Sinn?“ war ein klares „Nein“. Sie erteilten als Avantgardisten kritischen Denkens dem unhinterfragten Glauben an menschlich geschaffene Basisselbstverständlichkeiten eine Absage, drehten eine Logik um, indem sie den herrschenden Vernunftbegriff als Wahnsystem geißelten. Oder: Sie wiesen durch ihre andere Sichtweise auf dessen grundsätzliche Kontingenz hin. Somit waren sie durch ihre Wahn-Sinnigkeit wahnsinnig.

Zwei Thesen lassen sich aus diesen Überlegungen ableiten:

Erstens waren es also Wahnsinnige – und somit Menschen, die über sozial gewachsene Disziplinerungsmechanismen exkludiert werden sollten –, die soziale Wirklichkeiten nachhaltig verändert haben. Zweitens hatten diese Menschen eine Art „Fühler“ für den herrschenden Wahn, die Fehlerhaftigkeit des dogmatischen Festhaltens am Alten: einen Wahn-Sinn.

Was bedeutet das für uns? Was können wir von diesen Weltveränderern lernen?

Zum einen meint es, dass wir mit den gängigen Vorstellungen von Welt brechen müssen, um offen sehen zu können. Dies ist ein Prozess, der schmerzhaft ist, da wir uns von einer bequemen Haltung des „Es ist nun einmal so“, von den Idealisierungen des Schützschen „Und so weiter…“ und des „Ich kann immer wieder…“ (Schütz/ Luckmann 1994: 42) – einem bloß gewohnheitsmäßigen Handeln also – verabschieden müssen, und stattdessen die Unsicherheit suchen und Realitäten erkennen, die uns oftmals verletzen. Dieser Prozess wird so zu einem Dekonstruktivismus doloris, da wir uns dabei unserer eigenen Schwächen und Verwundbarkeiten bewusst werden.

Eine solche Haltung birgt die Chance, in der Konsequenz verändernd zu wirken. Erst dadurch nämlich wird es möglich, die Kontingenz dessen, was wir wahrnehmen und was wir vorfinden, zu erkennen. Der nächste Schritt ist, dies in einen neuen Rahmen bringen zu können; es anders, aus anderen Blickwinkeln denken zu können. Letztlich kann es möglich werden, dem stetig gewordenen Wandel vorausblickend zu begegnen und von der im Entstehen begriffenen Zukunft aus zu handeln, also einen Prozess anzustoßen, wie ihn zum Beispiel C. Otto Scharmer (Scharmer 2009) in seiner „Theorie U“ beschreibt. Das beinhaltet einerseits die vollkommene Überwindung der Basisselbstverständlichkeiten, und andererseits über das In-einen-neuen-Kontext-Stellen hinaus nicht nur Anderes denkbar zu machen, sondern es erfolgreich und antizipativ in die Welt zu bringen. Ähnlich, wie es die hier genannten historischen Persönlichkeiten, die gesellschaftlich tiefgreifende Veränderungen provozierten, getan haben.

4. Die Reintegration des Anderen der Vernunft

694857_web_R_B_by_Bernd Wachtmeister_pixelio.de„Wahnsinn“ meinte also ‚von je her‘, aus dem gesellschaftlichen Rahmen zu fallen und als normal definierte Handlungsmuster aufzusprengen. Das stiftete Unverständnis, Verwirrung, Unmut, offenbarte einen Mangel an zurechtgelegten Umgangsmodi mit dem Neu- und Andersartigen, daraus resultierende Ängste und Protektionismen. Nicht wenige wurden daher, je nach historischem Zeitpunkt, auf verschiedene Weisen mundtot (oder tot) gemacht, für verrückt erklärt, weggesperrt oder anderweitig gesellschaftlich exkludiert (vgl. Foucault 1993). Viele, die ebenso in einer ersten Reaktion, im Reflex als wahnsinnig abgetan wurden, waren aber genau diejenigen, die in größtem Maße Neues und die bis dato tiefgreifendste Veränderung in die Welt brachten. Um in ihrem Sinne wahnsinnig zu sein, mussten sie auch einen Sinn für den herrschenden Wahn – der von der Fehlmeinung einer einzigen objektiven Wahrheit ausging – haben und gleichzeitig so wahnsinnig sein, diesen anzuprangern und das Neue in die Welt zu bringen, das sie dem Alten entgegensetzen wollen.

Sowohl dieser (zugeschriebene) Wahnsinn historischer weltverändernder Persönlichkeiten, als auch deren Wahn-Sinn bleiben nicht bloße Hypothesen, sondern lassen sich aus einem historisch-empirischen Blickwinkel durchaus nachweisen. Das Gros der Genies wurde in unterschiedlicher Art und Deutlichkeit zuallererst für wahnsinnig erklärt und ihre Gedanken und Werke abgetan oder gar verteufelt. Dies brachte sie jedoch nicht davon ab, einen speziellen Sinn weiterzuentwickeln, einen Sinn dafür, den Wahn der Verharrung zu bekämpfen und das Neuartige und völlig anders Gedachte protektionistischen Angstreaktionen zum Trotz in die Welt zu bringen.

Die Forderung, die daraus folgt, liegt nun auf der Hand: Wir brauchen mehr wahnsinnige Wahn-Sinnige für eine schöpferische Zerstörung unserer Gesellschaft! Gesellschaftliche Innovation braucht Wahnsinn und Wahn-Sinn: Abweichung von der gesellschaftlich definierten Normalität ebenso, wie die Wahrnehmung der Konservierungen gewisser Normalitätsvorstellungen und den Mut, diese aufzubrechen.

Ja, so lässt sich im Bezug auf die Einleitung abschließen, wir müssen in der Tat dem „Wahnsinn“ Tür und Tor öffnen, um eine bessere Gesellschaft zu ermöglichen. Vor allem aber sollten wir uns davor hüten, jemanden für wahnsinnig und seine Gedanken für absurd zu erklären, und stattdessen versuchen, selbst wahn-sinnig zu werden, um unsere Ideen und Überzeugungen auch gegen große Widerstände in die Welt bringen zu können.


Autor: Nicolas Schrode, studierte bis zum Dezember 2009 Soziologie (Diplom) an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Ab 2010 beschäftigt er sich als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Gesellschaft für Ausbildungsforschung und Berufsentwicklung GAB München mbH mit berufspädagogischen und -soziologischen Themenkomplexen wie dem Kompetenzerwerb in Netzwerken, im Arbeitsprozess und am eigenen Problem, der praktischen Umsetzung erfahrungsgeleiteten Arbeitens und Lernens sowie verschiedenen Facetten europäischer Berufsbildungsforschung. Des Weiteren arbeitet er an neuen Konzepten wissenschaftlicher Begleitung und Evaluation von Berufsbildungsprojekten und -programmen sowie an Grundlagen der Qualitätssicherung in der interdisziplinären Begleitforschung mit.

Beitragsbild: Markus Wegner  / pixelio.de

Bild “Enge-Normalität”: Etienne Rheindahlen / pixelio.de

Bild “Verzicht”: Bernd Wachtmeister  / pixelio.de

Literaturverzeichnis:

Beck, Ulrich (1986): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Modern. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Beck, Ulrich ( 1993): Die Erfindung des Politischen. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Beck, Ulrich (2007): Weltrisikogesellschaft. Auf der Suche nach der verlorenen Sicherheit. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Berger, Peter L. / Luckmann, Thomas (1969): Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Stuttgart: Fischer.

Foucault, Michel (1983): Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Foucault, Michel (1993): Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Foucault, Michel (2000): Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit. Berlin: Merve (Original: 1978).

Foucault, Michel (2008): Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. 9. Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Link, Jürgen (2009): Versuch über den Normalismus: wie Normalität produziert wird. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Richter, Karl (Hrsg. – 1998): Johann Wolfgang Goethe. Sämtliche Werke nach Epochen seines Schaffens. Münchner Ausgabe, Bd. 11,1,2. München: Carl Hanser.

Scharmer, Otto C. (2009): Theorie U. Von der Zukunft her führen. Presencing als soziale Technik. Heidelberg: Carl Auer.

Schütz, Alfred / Luckmann, Thomas (1994): Strukturen der Lebenswelt. Bd. 2. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Strategien der Manipulation

von Caillea

Ein Beitrag auf Freiwillig-Frei hat mich dazu veranlasst, hier noch einmal auf das Thema Manipulation, gerade in Bezug auf die gestrige Europawahl und deren Ergebnisse, einzugehen. Der Autor nimmt hier Bezug auf einen Text von Sylvain Timsit  “10 Strategien der Manipulation”. Gemeint sind Strategien zur Lenkung ganzer Bevölkerungen. Bezüglich dieser “Strategien” kursieren noch weitere Namen von Urhebern dieses Textes im Internet. Unsere eigenen Recherchen haben alle anderen genannten Autoren als definitive Falschmeldungen eingestuft. Alle weiteren Texte auf der Webseite des Autors sind bezüglich der Bilder und Fakten schwer nachprüfbar, daher distanzieren wir uns erst einmal davon, da wir Wert auf Qualität legen.

Diese Strategien, aus 2011 stammend, sind relativ schlicht, plausibel und gut beobachtet und haben von ihrer Präsenz nichts verloren. Hier dürfte jeder zustimmen, der sich auch außerhalb der Mainstream-Medien informiert, welche mit ihren fragmentierten, verkürzten, häufig rahmenlosen und teilweise fragwürdigen Themen aufwarten und keine wirkliche Grundlage für Wissensbildung im Weltgeschehen darstellen.

Menschen, welche glauben, dass es in der Gesellschaft kein Machtzentrum, keine Elite, keine Herrschaft gibt, sondern viele unterschiedliche Gruppierungen, welche die grundlegenden Interessen der Mehrheit darstellen, werden diese voraussichtlich ablehnen. Weiterhin möchte ich in diesem Beitrag auf das Buch von Wolfgang R. Grunewald “Die erfolgreichsten Gehirnwäschetechniken der Globalisierungs-Fanatiker – Ein Psychogramm der Westlichen-Werte-Demokratie” eingehen, der eindrucksvoll beschrieben hat, wie wir alle dem Einfluss von Suggestionen unterliegen und die “10 Strategien der Manipulation” mit Beispielen ergänzen.

Beide Autoren zeigen auf, wie die Gesellschaft beeinflusst wird und welche Informationen für relevant gehalten werden. Da Information immer zu Wahrnehmung führen und Wahrnehmung die Grundlage jedes Handelns ist, begründet Information letztendlich auch die soziale Realität. Ebenso den Wandel dieser.

1. Kehre die Aufmerksamkeit um

600992_web_R_by_Helene Souza_pixelio.deDas Schlüsselelement zur Kontrolle der Gesellschaft ist es, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf unwesentliche Ereignisse umzulenken, um sie von wichtigen Informationen über tatsächliche Änderungen durch die politischen und wirtschaftlichen Führungsorgane abzulenken. Jene Strategie ist der Grundstein, der das Basisinteresse an den Bereichen Bildung, Wirtschaft, Psychologie, Neurobiologie und Kybernetik verhindert. Somit kehrt die öffentliche Meinung dem wirklichen gesellschaftlichen Problemen den Rücken zu, berieselt und abgelenkt durch unwichtige Angelegenheiten. Schaffe es, dass die Gesellschaft beschäftigt ist, beschäftige sie, beschäftige sie so, damit sie keine Zeit hat über etwas nachzudenken, entsprechend dem Level eines Tieres.

Sonderangebote im Supermarkt, wie hat die Fußballmanschaft meiner Wahl gespielt, Liebesaffären von Promis, Big Brother, Deutschlands Top-Modell und Dschungelcamp u.v.a.m. spielen im Leben von vielen Menschen eine wichtige Rolle. Nehmen wir mal bewusst wahr, was in unserem Umfeld für eine Themenauswahl stattfindet in Bezug auf TV, Radio, Zeitung (Papier oder digital), Facebook und anderen “sozialen” Netzwerken oder auch Gesprächen mit Menschen die wir kennen. Spätestens dann sollte uns auffallen, dass man hier von einer “Verkehrung” der Dinge sprechen kann, vor allen Dingen, wenn wir mal die letzten 10 bis 15 Jahres unseres Lebens Revue passieren lassen. 

Durch diese Ablenkung kann die Demontage der Bürgerrechte erfolgen und Folter, Drohnenmassenmorde und Geheimkriege, fortschreitende Verankerung von Krieg, Rassismus, Prekarisierung in die Normalität übernommen werden.

2.  Erzeuge Probleme und liefere die Lösung

Diese Methode wird die „Problem-Reaktion-Lösung-Methode“, oder in Fachkreisen auch “Framing” genannt. Es wird ein Problem bzw. eine Situation geschaffen, um eine Reaktion bei den Empfängern auszulösen, die danach eine präventive Vorgehensweise erwarten. Verbreite Gewalt oder zettle blutige Angriffe an, damit die Gesellschaft eine Verschärfung der Rechtsnormen und Gesetze auf Kosten der eigenen Freiheit akzeptiert. Oder kreiere eine Wirtschaftskrise um eine radikale Beschneidung der Grundrechte und die Demontierung der Sozialdienstleistungen zu rechtfertigen.

Es werden Gesellschaftsprobleme geradezu fabriziert, um in der Bevölkerung ein spezifisches Orientierungsbedürfnis hervorzurufen, welches dann eine Lösung in die von Anfang an gewünschte Richtung ermöglicht. Die Finanzierungsbasis der meisten Staaten, die zunehmend durch die Finanzeliten zerstört wurde, wodurch die öffentlichen Schulden in die Höhe schnellten, wurden unter Schützenhilfe der Medien und der Unternehmerlobbies dazu genutzt, die nötige Angst zu erzeugen, um falsche Lösungen in Form von z.B. Schuldenbremsen durchzusetzen. Diese Lösungen führen dann zu neuen Problemen, wie z.B. Finanzierungsengpass, Wirtschaftsstagnation, weiterer Staatsschuldenanstieg. Diese Folgen werden dann wiederum durch Privatisierungskonzepte gelöst, um das Einflussfeld des Privatkapitals zu erhöhen.

3. Stufe Änderungen ab

Verschiebe die Grenzen von Änderungen stufenweise, Schritt für Schritt, Jahr für Jahr. Auf diese Weise setzte man in den Jahren 1980 und 1990 die neuen radikalen sozio-ökonomischen Vorraussetzungen durch (Neoliberalismus): Ein Minimum an Zeugnissen, Privatisierung, Unsicherheit, und was der nächste Tag bringt, ist Elastizität, Massenarbeitslosigkeit, Einfluss auf die Höhe der Einkünfte, das Fehlen von Garantie auf gerechte Lohnarbeit.

Die Wahrnehmbarkeit politischer Veränderungsprozesse hängt von deren Abstufung ab. Die Ökonomisierung aller Lebensbereiche wurde und wird nicht von heute auf morgen, sondern schrittweise eingeführt, damit die einflussreichen Institutionen über Generationen hinweg kulturell sedimentiert werden, wenn schließlich das Kosten-Nutzen-, Markt- und Managementmodell zum totalen Gesellschaftsprinzip werden soll. Im kleineren Maßstab kommen Inflationstricks durch Nicht-Steigerung von Nominalbeträgen z.B. des Rentenniveaus und Löhnen zur schleichenden Anwendung.

4. Aufschub von Änderungen

454392_web_R_K_by_Marco Barnebeck_pixelio.deDie folgende Möglichkeit auf Akzeptanz einer von der Gesellschaft ungewollten Änderung ist es, sie als „schmerzhaftes Muss“ vorzustellen, damit die Gesellschaft es erlaubt, sie in Zukunft einzuführen. Es ist einfacher zukünftige Opfer zu akzeptieren, als sich ihnen sofort auszusetzen. Zudem hat die Gesellschaft die naive Tendenz negative Veränderungen mit einem „alles wird gut“ zu umschreiben. Diese Strategie gibt den Bürgern mehr Zeit sich der Änderung bewusst zu werden und die Akzeptanz in eine Art der Resignation umzuwandeln.

Sollen Verschlechterungen der Bedingungen für einen Großteil der Bevölkerung eingeführt werden, müssen die dazu nötigen Faktoren frühzeitig bekannt gemacht werden. Solange es noch nicht akut ist, wird die Zivilgesellschaft kaum reagieren, um die Behauptungen zu überprüfen. Werden dann Verschlechterungen eingeführt, gelten diese als “alternativlos”. Dies führt wiederum dazu, dass die Bevölkerung dies nicht als Demokratieabbau empfindet, sondern im Vertrauen auf “Mutti” verharrt und die menschliche Tendenz “Sie passt schon auf uns auf.” zum Tragen kommt.

5. Sprich zur Masse wie zu kleinen Kindern

672943_web_R_K_by_Stefan Bayer_pixelio.deDie Mehrheit der Inhalte, die an die Öffentlichkeit gerichtet werden, wird durch Art und Weise der Verkündung mißbraucht; sie sind manipuliert durch Argumente oder sogar durch einen gönnerhaften Ton, den man normalerweise in einer Unterhaltung mit Kindern oder geistig behinderten Menschen verwendet. Je mehr man seinem Gesprächspartner das Bild vor den Augen vernebeln will, umso lieber greift man auf diese Technik zurück. Warum? Wenn du zu einer Person sprichst, als ob sie 12 Jahre alt wäre, dann weil du ihr genau das suggerieren möchtest. Sie wird mit höchster Wahrscheinlichkeit kritiklos reagieren oder antworten, als ob sie tatsächlich 12 Jahre alt wäre.

Unangenehme Inhalte werden gerne von der Politik als “Nullbotschaft” verkündet. Es wird verklausuliert, fehlbetont, so dass jeder Beliebiges in das Gesagte hineininterpretieren kann. In der Regel werden diese Botschaften nicht hinterfragt. Muss die Bevölkerung allerdings direkt angesprochen werden, so wird häufig eine schlichte Sprache, die auf relevante Details verzichtet und in gönnerhaftem Ton, verwendet. Das Ergebnis ist dann die Nicht-Hinterfragung und vertrauensselige Hinnahme.

6. Konzentriere dich auf Emotionen und nicht auf Reflexion

Der Missbrauch des emotionalen Aspektes ist eine klassische Technik um eine rationale Analyse und den gesunden Menschenverstand eines Individuums zu umgehen. Darüber hinaus öffnet eine emotionale Rede Tür und Tor Ideologien, Bedürfnisse, Ängste und Unruhen, Impulse und bestimmte Verhaltensweisen im Unterbewusstsein hervorzurufen.

Inszenierungen einer heilen Welt werden kunstvoll drapiert. Pflichtbewusste Ausstrahlung der z.B. mütterlichen Physiognomie von Frau Merkel, welche die Labels “Modernität”, “Nachhaltigkeit” und “Verantwortung” assoziiert, führen dazu, dass sie trotz langfristiger und systematischer Verprellung der Mehrheit leider weiterhin von der Mehrheit gewählt wird. Wettbewerbsfähigkeit und Bevölkerungskonkurrenz werden zum obersten Leitmotiv der Menschheit und ebenso werden deutsche Panzerlieferungen an Diktaturen zwecks Aufstandsunterdrückung zum Normalfall deklariert.

7. Versuche die Ignoranz der Gesellschaft aufrechtzuerhalten

448212_web_R_by_TiM Caspary_pixelio.deDie Masse soll nicht fähig sein, die Methoden und Kontrolltechniken zu erkennen. Bildung, die der gesellschaftlichen Unterschicht angeboten wird, soll so einfach wie möglich sein, damit das akademische Wissen für diese nicht begreifbar ist.

Ignoranz kann sowohl das Nicht-Wissen, als auch das Nicht-Wissen-Wollen umfassen. Gerade das Nicht-Wissen-Wollen führt dazu, dass sich ein Großteil der Bevölkerung komplett aus den Umfeldern fernhält. Um sich selbst in einer gewissen “Sicherheit” zu halten, werden Formeln wie “Es bringt doch eh nichts!”, “Was kann man hier schon tun?”, benutzt. So wird das vermeintlich sichere Umfeld geschützt, so dass beunruhigende Veränderungen, “außen” gelassen werden können. Dies sind durchaus menschliche Verhaltensmuster, die gerne von staatlicher und kapitalistischer Seite zum Nachteil der Bevölkerungsmehrheit ausgenutzt werden.

Ein weiterer Punkt sind die enormen Wissenslücken in ökonomischen Belangen. Was ist Geld und wie funktioniert der Geldkreislauf? Wie hängen Löhne und Produktivität in einer Volkswirtschaft zusammen? Warum gibt es Massenarbeitslosigkeit und wie wirkt sich diese innerhalb einer Gesellschaft aus? Diese Unwissenheit wird gerade von der Politik extrem ausgenutzt, um einschneidende Veränderungen von gesamtgesellschaftlicher Tragweite einzuführen – “Das kostet Arbeitsplätze.”, “Wir können uns den Sozialstaat nicht mehr leisten.”, “Die Wettbewerbsfähigkeit muss gesteigert werden!” usw.

Systematische  Ignoranz wird durch privatwirtschaftlichen Lobbyismus, durch mediale Verblödung oder auch durch zunehmende Einkommenskonkurrenz und Statusängste gefördert.

8. Entfache in der Bevölkerung den Gedanken, dass sie durchschnittlich sei

Erreiche, dass die Bürger zu glauben beginnen, dass es normal und zeitgemäß sei dumm, vulgär und ungebildet zu sein.

Die Eliten haben immer Angst, dass trotz ablenkender und verschleiernder Techniken dennoch ein Teil der Menschen sich für gesamtgesellschaftliche, politische und machtbezogene Entwicklungen interessiert und vor allen Dingen informiert, um andere auf Systemverbrechen aufmerksam machen zu können. Also wird versucht, den Menschen die “richtige” Haltung beizubringen, um die brisanten Informationen auf unfruchtbaren Boden fallen zu lassen.

Arbeiten, konsumieren, massengefertigte Waren und Unterhaltungsangebote sind wahrzunehmen um sich im kleinen ein einfaches und doch schönes Leben leisten zu können. Daraus besteht die genormte Realität, die die Menschen anzunehmen haben. Es wird suggeriert: “Kümmert Euch nicht um derart gehobene Probleme! Wir haben dafür Experten, welche das entsprechende Wissen haben! Es hat nichts mit eurem Leben zu tun!”

9. Wandle Widerstand in das Gefühl schlechten Gewissens um

Erlaube es, dass die Gesellschaft denkt, dass sie aufgrund von zu wenig Intelligenz, Kompetenz oder Bemühungen die einzig Schuldigen ihres Nicht-Erfolges sind. Das „System“ wirkt also einer Rebellion der Bevölkerung entgegen, indem dem Bürger suggeriert wird, dass er an allem Übel schuld sei und mindert damit dessen Selbstwertgefühl. Dies führt zur Depression und Blockade weiteren Handelns. Ohne Handeln gibt es nämlich keine Revolution!

Stéphan Hessel, der berühmte Kämpfer der Résistance und Mitverfasser der Menschenrechtserklärung forderte in einem kleinen Buch auf: “Empört Euch!” Er zielte auf die diskriminierenden, antisozialen und machtkonzentrierenden Verhältnisse unserer Zeit ab, wie sie die Zivilisation tiefgreifend bedrohen, und plädierte hierbei für eine engagierte und informierte Lebenshaltung, die auch auf Mittel des zivilen Ungehorsams zurückgreift.

Um diese Haltung zu sabotieren wird das Mittel eingesetzt, den Menschen ein schlechtes Gewissen einzureden und sie dadurch zu lähmen. So werden “Gutmenschen” geschaffen. Diese Botschaft lässt sich in den TV-Formaten beobachten, Slogans wie “Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt.” oder die Etablierung von abwertenden, strafenden und künstlich verknappenden Sozialsystemen, wie z.B. Hartz IV. Solche Botschaften werden immer von einer öffentlichen Hetzerei gegen die sozial Benachteiligten begleitet und haben somit auf große Teile der Bevölkerungen Einfluss. Diese Atmosphäre entsolidarisiert, indem jede oder jeder in Bezug auf sich selbst oder seine Mitmenschen zum schlechten Gewissen aufgerufen wird. Lieber sollten sich alle in ihr Nahumfeld zurückziehen und “anständig” leben und seine Leistung bringen.

10. Lerne Menschen besser kennen, als sie sich selbst es tun

Foto: pepsprog  / pixelio.deIn den letzten 50 Jahren entstand durch den wissenschaftlichen Fortschritt eine Schlucht zwischen dem Wissen, welches der breiten Masse zur Verfügung steht und jenem, das für die schmale Elite reserviert ist. Dank der Biologie, Neurobiologie und der angewandten Psychologie erreichte das „System“ das Wissen über die menschliche Realität im physischen als auch psychischen Bereich. Gegenwärtig kennt das „System“ den Menschen, den einzelnen Bürger, besser als dieser sich selbst und verfügt somit über eine größere Kontrolle des Einzelnen.

“Wissen ist Macht” und während die Bevölkerung im Unwissen gehalten wird, streben die Eliten danach so viel wie möglich an Wissen anzuhäufen, denn sie haben auch die entsprechenden finanziellen Ressourcen dazu. Über jeden Menschen auf der Welt werden Daten über sein Verhalten in jeglichen Situationen gesammelt, um Situationen und Verhaltensweisen voraussagen zu können, die Kontrolle wird dadurch noch größer. Edward Snowden hat hier große Dienste geleistet und zumindest Diskussionen angestoßen.

Diese 10 Punkte sind Bestandteil eines Programms welches man NLP – Neuro-Linguistisches Programmieren – nennt. Dieses wird eingesetzt, um möglichst große Teile von Bevölkerungen der ganzen Welt, in die von den Eliten gewünschte Richtung zu manipulieren. Denkmuster und Wahrnehmungen werden so verändert und somit ist man sicher, dass Systemkritiker und Menschen, welche sich umfassend informieren, nur in kleinen “Mengen” auftreten. Auch sie sind einkalkuliert und somit auch Bestandteil des Systems. Dies ist nur wenigen klar.

Das Buch von Wolfgang R. Grunewald gibt Aufschluss darüber, wie NLP funktioniert und was man dagegen tun kann. Das Buch liest sich wie ein Horror-Roman. Man kann sich kaum vorstellen, dass so etwas möglich ist und doch kommen einem viele Situationen bemerkenswert bekannt vor.

Er schreibt selbst: Warum dieses Buch? Und – für wen?

Die erfolgreichsten Gehirnwäsche-Techniken

Die Abschöpfung von Steuermitteln in vierstelliger Milliardenhöhe zur Fütterung von Spekulanten, der Angriff auf die Sparergroschen und die Orwellschen-Polizeistaat-Aktivitäten der totalen Überwachung führen zu Fragen.

Der Glaube der Deutschen und Europäer in die Kompetenz und den Willen des politischen Systems, Probleme lösen zu wollen und zu können, schwindet von Jahr zu Jahr. Manch einer glaubt daher:

„Das System hat keine Fehler – sondern ist der Fehler!“

Dieses Buch wendet sich an Menschen, die die psychologischen und insbesondere die Strategien von NLP (= Neuro-linguistische Programmierung) kennen lernen möchten – und zwar aus einer völlig neuen Perspektive. Mit Fragen, die so noch niemals gestellt wurden. In der Regel werden NLP-Methoden eingesetzt, um die eigenen Wahrnehmungs- und Kommunikations-Fähigkeiten, den eigenen Zustand und die Gefühlslage zu verbessern oder auch den kommunikativen Umgang mit anderen. Z.B. im Verkauf oder der Mitarbeiterentwicklung.

In diesem Buch werden folgende Fragen beantwortet:

„Welches Bild von der Welt habe ich eigentlich? Und warum?“

Warum werden Meta-Glaubenssätze als Naturereignis betrachtet und kaum hinterfragt?

In NLP ist die Arbeit mit Glaubenssätzen, Glaubenssystemen und Werten also „Überzeugungen“ ein wichtiger Bereich. Glaubenssätze, die „von außen“ kommen, werden als gegeben – als Naturereignis betrachtet und kaum hinterfragt. Diese Meta-Glaubenssätze stammen – jenseits der persönlich-familiär-beruflich erlebbaren Ebene – aus Medien, Politik und Wirtschaft.

Beispiele: „Die Westliche-Werte-Demokratie und das Finanz-System sind großartig – und vorbildhaft für die ganze Welt“ oder „Das Mullah-Regime in Iran ist irre“.

Diese Meta-Glaubenssätze haben die Eigenart, daß sie der einzelne aus seiner Erlebniswelt mit seinen Wahrnehmungskanälen in der Regel in ihrem inneren Wahrheitsgehalt nicht überprüfen kann. Wer saß schon auf dem Schoß von Angala Merkel oder Hussein Obama? Sie werden so kaum reflektiert – aber dennoch integriert in das eigene Denken und Fühlen. Und das hat erhebliche Auswirkungen auf die Denk-, Werte- und Gefühlswelt eines jeden einzelnen von uns. So schafft und suggeriert damit das bestehende politische System im Ergebnis erst eine bestimmte Vorstellung von der Welt (Modell von Welt) – von dem dann der Bürger glaubt, diese Vorstellung sei seine ureigene. Dieses Modell von Welt produziert gleichzeitig „Gefühls-Zustände“ im einzelnen Bürger, die dann die Medien uns als „Zeitgeist“ verkaufen.

Viele gingen bisher davon aus, daß dieses demokratische System die Lebensinteressen der Menschen und Völker und der Unternehmen vertritt, die reale Güter schaffen.

Die Desillusionierung – ausgelöst durch Bürgschaften des Parlaments, der Bundesbank u.a. für ausländische Finanzkreise in Höhe von mehr 1.100 Milliarden Euro und die Orwellsche Überwachung greift aber immer mehr um sich. Und so fragt sich mancher:

WER hat dieses politisch-wirtschaftliche System eigentlich geschaffen, das uns sein Glaubens-System einpflanzt?
WER hat es installiert?
WER hat es legitimiert?
WESSEN Interessen verfolgt das System?
Für welche Ziele?
Welche psychologischen Methoden setzt die Finanz-, Polit- und Medien-Elite eigentlich ein?

Die bisher in der NLP-Literatur unter diesen Gesichtspunkten nicht behandelten Kommunikations-Techniken und Strategien zur Fremd-Steuerung und Fremd-Bestimmung der Bürger und Mittelständler stehen somit im Zentrum dieses Buches.

Beispiel: Eine sehr beliebte und wirksame NLP-Technik der Medien und Politiker in ihrer Propaganda ist das vorherrschende Rezept der „Verknüpfung von Tatsachen und Suggestionen“. Nehme 3 Teile:

ein Element Wahrheit = Tatsache
plus eine neugedeutete Halbwahrheit = Suggestion
plus eine fette Lüge = Super-Suggestion
Und gelegentlich – in Abhängigkeit vom zu erreichenden Ziel: füge ein Schuldgefühl hinzu

Und schon ist eine neu-demokratische Realität geschaffen – und die Medienkonsumenten genießen wohlig die positiven oder negativen Gefühle – ausgelöst durch die Schöpfer dieser Wirklichkeit.

Warum ist das so?

Unser Unterbewußtsein folgert aus diesem einen wahren Teil und der Fülle an Details, daß eine präsentierte „Information“ insgesamt richtig ist – ja wahr sein muß. Wie wir aus der Hypnose wissen, wird dann am kritischen Bewußtsein vorbei das Gesamtpaket von Tatsachen, Suggestionen und Schuldgefühl im Unterbewußtsein als Wirklichkeit geankert. Aber nur wenn es emotional “aufgeblasen” ist. Das kritische Bewußtsein, das Dinge hinterfragen könnte, ist ausgeschaltet. Diese und viele andere Techniken werden im Detail vorgestellt – mit Beispielen aus der demokratischen Praxis.

Warum will die „Elite“ unser Denken und Fühlen konditionieren und steuern?

Wurde der Begriff „Neue Welt-Ordnung“ (NWO) uns bis vor kurzem noch als ein Begriff aus der Kiste der „Verschwörungstheorie“ verkauft, geht dieser heute den Politikern und Bankiers locker über die Lippen. Sind es diese globalistischen Interessen der Elite, die sie antreiben, um uns als brave Schafe in die (NWO) zu (ver-) führen?

Darauf gibt das Buch Antworten – und ist damit auch ein Psychogramm der Westlichen-Werte-Demokratie – und der Schauspieler, die hier die Demokraten und „freien“ Medien-Journalisten mimen, die uns täglich ihre Deutung der Welt-Ereignisse einpflanzen. Es wird zum ersten Mal der Versuch unternommen, dieses politische System psychologisch im Zusammenhang mit dem Globalismus-Wahn auszuleuchten: die Akteure, ihre Motive, Ziele und das politisch-wirtschaftliche Programm der Internationalisten.

Außerdem lernen wir Überzeugungen kennen, die uns von dem politischen System eingepflanzt werden. Diese Gedankenviren (z.B. Globalismus, Schuld und Sühne) sind lebensgefährlich, denn sie umgehen das Bewußtsein bzw. schalten das Selbstdenken aus und setzen damit die uns von der Evolution mitgegebenen Überlebensmechanismen außer Kraft – und können somit tödlich wirken.

Im letzten Teil schließlich gibt es zahlreiche Anregungen, um uns aus dem Nasenring der Globalisten zu befreien. Wer Lösungsideen für eine De-Programmierung sucht, kann sie hier finden. Der Leser möge meine Ausführungen als Impulse betrachten – die er annehmen mag oder auch nicht. Das Buffet ist gerichtet.


Autor der 10 Strategien der Manipulation: Sylvain Timsit

Buch von Autor Wolfgang R. Grunwald: “Die erfolgreichsten Gehirnwäsche-Techniken von Wolfgang”

Bild 1: “Sale – Sale – Sale” – Helene Souza / pixelio.de

Bild 2: “Steine und verlorene Zeit” – Marco Barnebeck  / pixelio.de

Bild 3: “Kindergeburtstag” – Stefan Bayer / pixelio.de

Bild 4: “Times Square und Broadway in New York” –  TiM Caspary / pixelio.de

Bild 5: “Datenspinne” – pepsprog / pixelio.de

Beitragsbild: Jim Fischer, “Parasite Brain” Some rights reserved. Bildquelle: www.piqs.de