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Das wandernde Auge

4 Jahre nach Fukushima: Frauen sind Japans Hoffnung

von Andreas Müller-Alwart

Aus Fukushima haben die Menschen gelernt, aber nicht der Betreiber der Anlage und leider auch nicht die Regierung. Dennoch gibt es Hoffnung für eine andere Energiepolitik. Mehr noch: Es gibt Gemeinden wie Yusuhara, die einhundertprozentig alternative Energiequellen einsetzen und autark von ortsfremden Energielieferanten geworden sind.

Am 11.03. ist der vierte Jahrestag der Fukushima-Reaktorkatastrophe. Für die im Umgang mit Erdbeben- und Tsunamikatastrophen erfahrenen Japaner war der anschließende Super-GAU im Atomkraftwerk zu viel des Schlechten. Noch immer glühen die durchgegangenen Reaktoren im Erdboden vor sich hin, müssen ständig mit frischem Meerwasser gekühlt werden und auch die fortlaufende Verseuchung des Erdreiches und vor allem des Pazifiks konnte bisher nicht gestoppt werden. Versuche, das Gelände um die havarierten Reaktoren einzufrieren, mit dem Ziel den Schadwasserabfluss zu unterbinden, waren gescheitert. Und bis heute gibt es keine Kühltürme oder andere Kühlsysteme, die in einem geschlossenen Wasserkreislauf die Reaktorkerne kühlen und gleichzeitig das aufgeheizte Kühlwasser wieder kühlen und rückführen könnten. Und bis heute haben weder TEPCO, die Betreiberfirma der Reaktoren, noch die Regierung wirklich etwas aus der Katastrophe gelernt. Wie leben die Menschen heute? Wird offen diskutiert? Welche positiven Beispiele gibt es in Japan, die aufzeigen, dass eine Trendwende in der Energiewirtschaft ohne Atomstrom nicht nur möglich, sondern geradezu ideal wäre?

Wyhl als Vorbild für eine atomfreie Welt

Es ist für uns Europäer, die wir selten in Asien waren und noch seltener die asiatische Kultur verstehen gelernt haben, sehr schwierig, die Situation vor Ort zu verstehen. Einblicke gewährt uns deswegen Erhard Schulz, der regelmäßig nach Japan reist und der fortlaufend Besuchergruppen aus Japan in seiner Innovation Academie e. V. in Freiburg empfängt. Schulz war 25 Jahre lang Geschäftsführer des Bund für Umwelt- und Naturschutz, Baden-Württemberg, war dessen Mitgründer und ist bis heute Sprecher der Bürgerinitiativen Umweltschutz. Er gehört quasi zu den Begründern der Pro-Alternative-Energien-Bewegung. Und Schulz wird vor allem deswegen gerne in Japan empfangen und gehört, weil er den Widerstand gegen das Atomkraftwerk Wyhl, das einzige, das je in Deutschland verhindert werden konnte, live begleitet hat. Man kann ein AKW verhindern? Das interessiert viele Japaner sehr. Schulz, der auch stellvertretender Landesvorsitzender des Bundesverband Windenergie (BWE) ist und in seiner Innovation Academie die Themen der alternativen Energieerzeugung darstellt, empfängt im Jahr 6.000 Besucher aus 45 Ländern.

In Japan ist sind vor allem Frauen sehr aktiv. ©Erhard Schulz, Innovation Akademie e. V.

In Japan ist sind vor allem Frauen sehr aktiv. ©Erhard Schulz, Innovation Akademie e. V.

Bürger und Gouverneure sind gedanklich weiter als die Regierung

In Japan, so berichtet er, gäbe es vor allem einen hohen Anteil sehr gebildeter Frauen, die auch sehr engagiert seien. Dass Frauen so herausragend aktiv sind, hat damit zu, dass asiatische Männer gegen die traditionell geprägte Angst kämpfen, sie könnten ihr Gesicht verlieren. „Diskussionen finden Sie im japanischen Fernsehen und bei regionalen Veranstaltungen kaum – schon gar nicht live.“ Aus demselben Grund: Es könnten ja kompromittierende Fragen gestellt werden, es könnte der Organisator oder der eingeladene Gast verletzt werden. Von den 128 Millionen Einwohnern Japans, sind 75 Prozent aller Frauen und 60 Prozent aller Männer gegen den weiteren Einsatz von Atomkraft. Sie haben die Gouverneure auf Ihrer Seite – Gouverneure entsprechen in etwa den bei uns bekannten Regierungspräsidenten. In Japan müssen diese Gouverneure die Atomkraftwerke genehmigen, was sie spätestens seit Fukushima nicht mehr tun. Die Zentralregierung hingegen hält weiterhin stoisch an dieser Technologie fest. Es gibt allerlei Indizien, die Mafia-ähnliche Strukturen zwischen Beamten und Energiebetreibern nahelegen.

Konsequenzen der Katastrophe bis heute nicht abschließend überschaubar

Um das Ausmaß der Katastrophe und den heutigen Status richtig einordnen zu können, muss man Land und Leute begreifen. Man muss wissen, dass Japan aus 6.000 Inseln besteht: Es wird kaum Fleisch gegessen, sondern überwiegend Gemüse und natürlich Fisch. Dort, wo die Flutwelle seinerzeit die Landstriche überschwemmt hat, wurden die Gärten und die Landwirtschaft vernichtet. Nach vier Jahren wird dort allerdings wieder angepflanzt. Nicht so natürlich im Sperrgebiet: Diese Anbauflächen sind auf Jahrzehnte verseucht. Niemand weiß genau für welchen  Zeitraum – zumal das Grundwasser weiter durch das Kühlwasser verseucht wird. Die Mehrzahl der Anwohner lebt im Küstenraum, ernährt sich nicht nur von Fisch, sondern Fischfang ist natürlich für viele Japaner auch eine wichtige Einnahmequelle.  So sind auch Fischer die einige Hundert Kilometer von der Katastrophe entfernt leben, in ihrer Existenz bedroht. Wenn die einst beliebten Muscheln der Muschelbänke und der Fischfang nicht mehr verkauft werden können.

Egal ob Friedhof, Gebäude oder Gemüseanbaufläche – der Tsunami hat kaum etwas stehen lassen und viele Böden im Umfeld der Reaktoranlage sind zusätzlich verseucht.
©Erhard Schulz, Innovation Akademie e. V.

Egal ob Friedhof, Gebäude oder Gemüseanbaufläche – der Tsunami hat kaum etwas stehen lassen und viele Böden im Umfeld der Reaktoranlage sind zusätzlich verseucht.
 ©Erhard Schulz, Innovation Akademie e. V.

Glück im Unglück: Die Windrichtung

Als die Reaktoren explodierten, trieb glücklicherweise eine frische Brise die radioaktive Wolke aufs Meer und nicht in Richtung der Millionenmetropole Tokio. Auf dem Meer kondensierte die radioaktive Last und wurde wieder landeinwärts getrieben, wo sie in den Tausend Meter hohen Bergen abregnete. Glücklicherweise leben dort nur wenige Menschen. Bis heute ist die Strahlung an diesen Hotspots noch so stark, dass die Zeiger der Messgeräte bis über den Anschlag hinauspendeln. Eine Messung ist somit unmöglich. Dennoch leben in einigen Regionen noch Farmer und ältere Menschen: Wo sollen sie auch hin? Ihre Heimat ist hier – ihre Existenz war hier. „Weder die Regierung noch die Betreiberfirma haben die Menschen über Radioaktivität und ihre Langzeitbelastung aufgeklärt, sondern diese Aufgabe haben engagierte Ärzte übernommen“, erklärt Schulz in einem Vortrag. Die Zuhörer schütteln fassungslos die Köpfe.

Die Reaktor-Havarie wird bis heute nicht wirklich aufgearbeitet

Auch sonst liegt in der Aufarbeitung der Katastrophe einiges im Argen. Offizielle Gedenktage befassen sich beispielsweise nur mit den Opfern, die der Tsunami gefordert hat. Dank ausgeprägter Frühwarnsysteme, konnten sich viele Menschen in den drei bis vier verbleibenden Stunden noch retten und so verursachte der Tsunami relativ wenige Opfer. Und die Situation auf den 6.000 Inseln? „Niemand kam ums Leben, alle gingen in die Berge“, berichtet Schulz. „Die Japaner sind sehr versiert im Umgang mit diesen Naturkatastrophen – sie sind sie ja gewohnt, aber die Reaktorkatastrophe waren sie nicht gewohnt.“ In Folge der Reaktorkatastrophe mussten jedoch 200.000 Menschen ihre Heimat verlassen. „Es ist ein Heimatverlust, der so gewaltig ist, dass viele Ehen daran zerbrochen sind. Die Selbstmordrate ist hoch. Darüber wird in den Medien nichts berichtet.“

Container-Auffang-Stätten anstatt Heimat

Viele Menschen wurden in einfache Noteinrichtungen – im Regelfall Container – umgesiedelt. Wie lange sie dort leben müssen? 10 Jahre, 20 Jahre – 40 Jahre? Japaner geben nicht auf, wollen nicht ihr Gesicht verlieren. Es gibt keine exakte Statistik darüber, wie viele Ehen zerstört wurden: Die Frauen zogen weg, die Männer versuchten die Existenz zu retten und blieben, aber nach vier Jahren hatten sie dann auch noch die Partnerin verloren. Die Ehefrauen hingegen reagierten flexibler und – so muss man wohl feststellen – pragmatischer.

Entrissen aus der Heimat, losgelöst vom gemütlichen, privaten Heim und in der Existenz entwurzelt: Die Containersiedlungen erinnern an Migrantenheime oder Auffanglager von Kriegsflüchtlingen. ©Erhard Schulz, Innovation Akademie e. V.

Entrissen aus der Heimat, losgelöst vom gemütlichen, privaten Heim und in der Existenz entwurzelt: Die Containersiedlungen erinnern an Migrantenheime oder Auffanglager von Kriegsflüchtlingen. ©Erhard Schulz, Innovation Akademie e. V.

Kein Atomstrom für Veranstaltung gegen Atomstrom: TEPCO veralbert sich selbst

Wie unbelehrbar und herzlos die Betreibergesellschaft TEPCO vorgeht und wie sehr sie sich dabei der Gunst der Regierung offensichtlich sicher sein kann, zeigt auch der erste Jahrestag von Fukushima. In Tokio wurde zu einer Großveranstaltung in einem sehr hübschen Park eingeladen – viele Tausende sind gekommen und wieder überwiegend Frauen. Den Strom für die Veranstaltung musste man aus Dieselgeneratoren erzeugen, weil die örtliche Strombetreibergesellschaft, eben jene TEPCO, nicht bereit war, für diese Veranstaltung Strom zu liefern. Auf der nach oben offenen Skala von mangelnder Ethik und Moral scheint TEPCO neue Höhen anstreben zu wollen. Oder man könnte es auch belustigt so betrachten: TEPCO veralbert sich geradewegs selbst mit solchen Aktionen.

Erhard Schulz war am ersten Jahrestag dabei und erzählt, er habe eine Atmosphäre wie in Wyhl vorgefunden. Es gab folkloristische Einlagen, Fachbeiträge, Musik und jede Menge andere Kultur, eben wie damals am Kaiserstuhl: „Der Widerstand, der aus der Kraft der Kultur kommt. Dieser Widerstand ist stark verankert.“ An diesem Jahrestag war sogar das Fernsehen präsent – interessant deswegen, weil die Berichterstattung in Japan immer noch sehr, sehr spärlich ist. „Doch der Deutsche, der da spricht, sei ja nur kurz zu Besuch, da könne man ruhig darüber berichten, der ist ja bald wieder weg“, so die Einschätzung vor Ort. Die Polizeipräsenz war hoch an diesem Tag, da man die Sorge hatte, die Menschen würden zum Parlament weiterziehen, um dort zu protestieren.


„Der Widerstand ist  tief mit der Kultur verankert!“ Einladungsplakat zur damaligen Veranstaltung – ein Jahr nach dem Unglück von Fukushima. ©Erhard Schulz, Innovation Akademie e. V.

„Der Widerstand ist tief mit der Kultur verankert!“ Einladungsplakat zur damaligen Veranstaltung – ein Jahr nach dem Unglück von Fukushima. ©Erhard Schulz, Innovation Akademie e. V.

Später dann zogen tatsächlich 30.000 Menschen vor das Parlament – für die Offiziellen überraschenderweise. „Es hilft nichts, dass man in einem schönen Park demonstriert“, meint Schulz. „Man muss dorthin, wo die Politik gemacht wird.“ Während die berufstätigen Männer aufgrund der drohenden Gefahr eines Gesichtsverlustes die Proteste kaum vorantreiben, sind es vor allem die engagierten und gebildeten Frauen, die nicht nachlassen, eine andere Energiepolitik einzufordern.


Ein engagierter Bürger klärt über Fukushima und die Folgen auf. Nur selten sind die Männer so aktiv – meistens sind es die Frauen. ©Erhard Schulz, Innovation Akademie e. V.

Ein engagierter Bürger klärt über Fukushima und die Folgen auf. Nur selten sind die Männer so aktiv – meistens sind es die Frauen. ©Erhard Schulz, Innovation Akademie e. V.

Yusuhara – atomfreie Gemeinde

Während auch vier Jahre nach der Katastrophe die Regierung weiterhin jegliche Aufklärung verweigert, sich jeglichem Lernprozess widersetzt und offensichtlich in Strukturen gefangen ist, die keinerlei Umdenken erlauben, sind viele Gemeinden, die Bürger und eben auch die genannten Gouverneure viel weiter. Der Jahrestag ist deswegen ein guter Zeitpunkt, um auch mal positive Beispiele zu betrachten. Die gibt es und es sind oft kleine Gemeinden, die besonders aktiv sind, zum Beispiel Yusuhara. Die Gemeinde verfügt über einen Waldanteil von 93 Prozent, die Siedlung liegt am bzw. im Gebirge und erstreckt sich über einen Höhenunterschied von fast 1.000 Metern. Bekannt ist die Siedlung weit über Japan hinaus wegen ihres Goldenen Tempels, der jedes Jahr 1,5 Millionen Touristen in den Ort lockt – überwiegend Chinesen.

100 % autarke Energieversorgung

Obwohl der Ort sehr viele denkmalgeschützte Gebäude umfasst, sind überall auf den Dächern Photovoltaik-Anlagen zu finden, die Strom für die Selbstversorgung liefern. Die Gemeinde nutzt in gesundem Maße alles, was sie an Ressourcen hat. Durch den Höhenunterschied können im Gebirge Windkraftanlagen betrieben werden, die das Zehnfache an Strom erwirtschaften wie beispielsweise eine Anlage auf dem höchsten Berg des Schwarzwaldes, dem Feldberg, einfahren würde. Gleichzeitig kann hier – wie überall in Japan – gut Erdwärme per Geothermie erzeugt werden – natürlich wird das Wasser im regionalen Schwimmbad damit erwärmt. Und natürlich werden auch Bergbäche und Flüsse für Wasserkraftwerke eingesetzt. Eine wichtige Rolle spielt in Yusuhara auch das Holz. Es finden sich viele Holzhäuser und viele davon mit reisstrohgedeckten Dächern. Umfangreiche Wälder, vor allem mit schönen Zedernhölzern, werden für den Hausbau genutzt: Besonders das große, fünfstöckige (!) Rathaus ist komplett aus Zedernholz gestaltet und die Atmosphäre im Gebäude ist demensprechend natürlich und heimelig. Übrigens: Der gemeindeeigene Fuhrpark besteht überwiegend aus Solarfahrzeugen und natürlich gibt es überall ausreichend Solarstrom-Tankstellen.

Das positive Beispiel findet langsam Nachahmer

Holz von mittelmäßiger Qualität wird für die Aufzucht der traditionell sehr beliebten Shiitake-Pilze verwendet. Und was dann noch an Holzabfall übrig bleibt, wird als Pellets aufbereitet. In großen Säcken abgefüllt wird es den Hausbesitzern zum Verheizen als saubere Energie angeliefert. Yusuhara hat nicht nur eine hundertprozentige Autarkie bei der Energieversorgung erreicht, sondern plant auch Überschüsse dieser nachhaltigen Energie zukünftig an Nachbargemeinden abzugeben. Erfreulicherweise haben die bereits begonnen, von Yusuhara zu lernen und planen ihr eigenes Konzept der nachhaltigen und autarken Energieversorgung.

Kurzum: Es stellt sich schon die Frage, warum japanische Delegationen nach Freiburg kommen, um sich über den Widerstand gegen das Atomkraftwerk Wyhl zu informieren und über alternative Möglichkeiten der Energieerzeugung zu informieren, wenn doch perfekte Beispiele quasi vor der eigenen Haustüre zu besichtigen sind.

Dafür wiederum weiß Erhard Schulz eine Erklärung. Es sei in Japan nicht üblich, sich an Vorbildern kleinerer Gemeinden zu orientieren. Eine große Stadt verlöre quasi ihr Gesicht, wenn sie zugeben müsste, gute Beispiele von einer kleinen Nachbargemeinde abzukupfern. Ein Gesinnungswandel hat sicherlich eingesetzt, dauere aber eben seine Zeit.

Und was wäre, wenn die Bürger die Energieumstellung über eine Eigenfinanzierung, also eine Bürgerbeteiligung, anstoßen würden? Das wiederum – hat Schulz erfahren müssen – sei ein No-Go, da Japaner vom Staat erwarten, dass dieser sich um alles kümmere.

Deutsche Energiewende als Vorbild

Bleibt also die Erkenntnis: Vielleicht, ja sogar sicher, hat Fukushima die Energiewende eingeläutet. Vielleicht ist das das einzige Gute an diesem GAU. Die Energiewende wird von ein paar kleinen Gemeinden und vor allem von gebildeten, engagierten Frauen in Japan unaufhaltsam weiter vorangetrieben. Dieses Engagement ist tief mit der Kultur der Japaner verbunden, muss teilweise traditionelle Sichtweisen überwinden, wird aber am Ende zu einer atomstromfreien Gesellschaft führen. Daran werden weder Mafiastrukturen, noch Energieversorger und schon gar nicht die Regierung auf Dauer etwas ändern. Der Transformationsprozess beschleunigt sich. Es ist erfreulich, wenn die Deutsche Energiewende – mit allen Problemen, die wir diskutieren und lösen müssen – ein Vorbild für den asiatischen Raum ist.

Andreas Müller-Alwart


Autor Andreas Müller-Alwart ist selbständiger Journalist, Coach sowie Requirement Engineering Manager und er ist Mitglied in unserem Redaktions-Team. Hier geht es zu seiner Webseite 02-08-2014 10-40-44 als LOGO ohne Untertext.

Weiterführende/Ergänzende Links:


Yusuhara Wooden Bridge Museum (zeigt eindrucksvoll die Zedernholz-Baukunst)

Das fünfstöckiges Rathaus aus Zedernholz (Website ProHolz, Österreich)


Die Innovation Academy (Projekt von Erhard Schulz) in Freiburg

Bundesverband Windenergie

Bildquelle: ©Erhard Schulz, Innovation Akademie e. V. – http://www.innovation-academy.de/ 

Beitragsbild: „Die Welt sehen“ – http://pixabay.com

Cailleas Auge

Der Bond-Markt, 9/11 und die Plünderung Russlands

In seinem Buch-Auszug erklärt Lars Schall eine besondere Theorie zu 9/11, derzufolge das Verbrechen durchgeführt wurde, um die Hintergründe eines Leveraged buyout Russlands in den 1990er Jahren zu kaschieren. In den Mittelpunkt stellt Schall ferner eine wichtige Aussage der Autorin Anne Williamson vor dem US-Repräsentantenhaus vom September 1999.

Von Lars Schall

Zusätzlich zu diesem Ausschnitt aus dem Buch “Tiefenpolitik, Methodischer Wahnsinn und 9/11: Eine Spurensuche zu Terror, Geld, Öl und Drogen“ (Arbeitstitel) empfiehlt es sich, weitere ergänzende Ausschnitte zu lesen: “GROUND ZERO REVISITED: DAS VIERMALIGE “VERSAGEN“ DER US-LUFTABWEHR AN 9/11″ – aufzufinden hier, und “NSA, PROMIS, Ptech und 9/11“ – aufzufinden hier. Das erste Kapitel des Buches, “Wem gehört und dient die Fed?”, finden Sie hier.

In die besagte Kategorie von Leuten, die aus 9/11 Nutzen zogen, gehört der Waffenhersteller Raytheon, dessen Aktienkurs unmittelbar von den 9/11-Angriffen profitierte. Der Handel der Aktienanteile von Raytheon, dem Produzenten von Tomahawk- und Patriot-Raketen (und Mutterkonzern von E-Systems, zu deren Stammkunden u.a. die NSA und CIA zählen), erlebte eine abrupte sechsfache Zunahme von Call-Optionskäufen am Tag direkt vor dem 11. September. [1]Bei Call-Optionen liegt die Erwartung vor, dass eine Aktie im Preis steigen wird. In der ersten Woche nach 9/11, als die New Yorker Börse wieder öffnete, legte der Wert der Raytheon-Aktie tatsächlich immens zu. Das Bild beim Betrachten des Kursverlaufs ist eine sehr schwache Performance vor den Anschlägen – und daraufhin, nach Wiederaufnahme des Handels, ein „Gap“ (bei mächtigem Volumen) nach oben. Anders ausgedruckt: von knapp unter $25 am 10. September, dem Tiefststand der Periode zwischen dem 20. August bis 28. September 2001, auf $31,50 am 17. September und bis zu $34,80 am 27. September.

Der Bond-Markt, 9/11 und die Plünderung Russlands

Weitere Gewinner durch 9/11 waren Käufer von US-Staatsanleihen mit einer Laufzeit von fünf Jahren. Diese Papiere wurden in ungewöhnlich großem Umfang kurz vor den Angriffen gehandelt. Jedenfalls berichtete das „Wall Street Journal” Anfang Oktober 2001, dass der Secret Service (der dem US-Finanzministerium zugehört) eine Ermittlung zu verdächtig hohen Volumen von US-Staatsanleihekäufen vor den Anschlägen aufgenommen habe. Eine einzige Transaktion bezüglich der fünfjährigen US-Schatzanweisungen habe allein schon den Wert von $5 Millionen beinhaltet. Ferner stieg der Wert dieser Papiere in den Tagen nach 9/11. Dazu hieß es seitens des „Wall Street Journal”:

„Fünfjährige Schatzanweisungen gehören zu den besten Investitionen im Fall einer weltweiten Krise, insbesondere bei einer solchen, die die USA trifft. Die Papiere sind geschätzt aufgrund ihrer Sicherheit und weil sie von der US-Regierung gedeckt werden, und für gewöhnlich ziehen ihre Preise an, wenn Anleger aus riskanteren Investitionen, wie beispielsweise Aktien, flüchten.“ [2]

Zu dieser Erscheinung muss hinzuaddiert werden, dass die US-Regierung über solche Staatsanleihen, die als eine Grundlage der Geldschöpfung dienen, einen Krieg wie den alsbald erklärten „Krieg gegen den Terror“ finanziert, der unter anderem mit Tomahawks der Firma Raytheon geführt wird – und hier gilt abermals ein geschwinder Blick auf dieses Cui-Bono-Verhältnis zu werfen:

„Die US-Notenbank erschafft Geld, um den Krieg zu finanzieren, und verleiht es an die amerikanische Regierung. Die amerikanische Regierung wiederum muss auf das Geld, das sie sich von der Zentralbank ausgeliehen hat, um den Krieg zu finanzieren, Zinsen zahlen. Je größer die Aufwendungen für den Krieg sind, desto größer fallen die Gewinne für die Banker aus.“ [3]

Eine vielschichtige Mengenlage, will man meinen.

Das meiste Geld, das es in gewisser Weise an 9/11 zu machen gab, lag ohnehin auf dem Markt für Staatsanleihen; der Handel in den USA lief in den Minuten, da die WTC-Türme attackiert wurden (im Gegensatz zur New Yorker Börse, die an 9/11 nicht öffnete). Bis zum Zeitpunkt der Angriffe waren bereits Wertpapiere im Wert von 600 Milliarden US-Dollar gehandelt worden. Als in den letzten Handelsminuten die Kurse hin und hergingen, wurde der Handel ausgesetzt. Nachdem der Handel Tage später wieder einsetzte, stiegen die Kurse um 5 Prozent. Wer immer in den letzten Minuten des Handels an 9/11 auf diesen Kursschwung setzte, wird eigentlich große Kasse gemacht haben.

Eigentlich. Denn die Dinge werden nun kompliziert. Eine Theorie, die 2008 von einem Autor namens E.P. Heidner unter dem Titel “Collateral Demage“ ausgebreitet wurde, besagt, dass die 9/11-Anschläge insonderheit fabriziert worden seien, um einen Akt von Finanzkriminalität zu vertuschen, der im Zusammenhang mit Staatsanleihen gestanden habe. Demnach seien die 9/11-Angriffe inszeniert worden, auf dass sämtliche Aufzeichnungen einer verdeckten wirtschaftlichen Übernahme bzw. eines Leveraged buyout der Sowjetunion zerstört und / oder diskret abgewickelt werden würden; eine Operation, die angeblich von George H.W. Bush veranlasst worden sei, um Russland als Rivalen ein für alle Mal auszuschalten, und zwar unter Verwendung einer schwarzen Kasse namens “Black Eagle Fund”. Der “Black Eagle Fund“ wiederum soll aus dem beschlagnahmten Gold bestehen, das Japan vor und während des Zweiten Weltkriegs in Asien geplündert und später auf den Philippinen versteckt gehabt hatte („Yamashitas Gold“). Diese liquiden Mittel, so Heidner, wurden von den USA als geheimes System für verdeckte Finanzierungen verwendet, in Verbindung mit geheimen Anleihen. Offiziell bestünde das Gold überhaupt nicht. [4]

Die Wirtschaftsübernahme der UdSSR (Codename: „Operation Hammer“) habe am 11. September 1991 begonnen, und die dazugehörigen Anleihen seien am 11./12. September 2001 zahlungsfällig gewesen. Eine ordnungsgemäße Abwicklung, die unter anderem über Cantor Fitzgerald und Eurobrokers gelaufen wäre, galt es unter allen Umständen zu verhindern – so jedenfalls die Theorie von E.P. Heidner.  [5] In seinem Scenario ist 9/11 weniger ein Akt zur Verbreitung von Terror, sondern zuvorderst ein Finanzverbrechen. Jenseits des Schreckens und der tiefenpsychologischen Indienstnahme des Geschehens an 9/11, sollte es einen weit darüberhinausgehenden Zweck erfüllen.

Die Anleihen seien nicht in den offenen Markt gelangt, sondern verdeckt zur Refinanzierung von privaten und öffentlichen Schulden Russlands eingesetzt worden. Weiters sollen sie benutzt worden sein, um sich in lukrative Schlüsselunternehmen einzukaufen. Nach dem Kollaps der Sowjetunion und dem Untergang von Mikhail Gorbatschow sprudelte das Geld unter anderem zur Familie von Boris Jelzin und zu Mikhail Chodorkowskis Bank Menatep, die eng mit der Valmet Group in Genf zusammenarbeitete. Die Valmet Group gehörte zur Riggs Bank, die zum CIA-Kosmos zählte und der Bush-Familie nahestand (beispielsweise über Jonathan Bush, ein Onkel des ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush und Bruder des früheren US-Präsidenten George H. W. Bush). Valmet war später an der Privatisierung von Yukos und Sibneft prominent beteiligt.

Heidner verweist darauf, dass Cantor Fitzgerald (CF) sowohl 1997 wie auch ein Jahr vor 9/11 Teilnehmer und Gastgeber von Economic Wargames / Wirtschaftskriegsspielen gewesen war, die von US-Geheimdiensten und dem Council on Foreign Relations initiiert worden seien. Die Handelsaktivitäten, die bei diesen Kriegsspielen analysiert wurden, betrafen die Märkte für Staatsanleihen, Öl und Gold. [6]

Die Transfers im Handel von Staatsanleihen liefen nach Angaben von Dino Kos, zum Zeitpunkt von 9/11 Vorstandsmitglied der New Yorker Federal Reserve Bank, via JP Morgan Chase und der Bank of New York (BONY) über Fedwire, dem Knotenpunkt für die Banken, der zur Abwicklung ihrer Staatsanleihegeschäfte benutzt wird. Betreiber von Fedwire ist die NY Fed. Am 11. September, so Kos, kappten die Leitungen der Banken zu Fedwire. [7]

Ein umfangreiches Textdokument namens „September 11 Commission Report Revised“ bringt hingegen vor, dass bis auf die Telekommunikationsmöglichkeiten bei BONY alle relevanten Systeme zur Abwicklung von Anleihegeschäften intakt blieben – nicht nur Fedwire, sondern auch Cantor Fitzgeralds eSpeed-System, das CF mit der Deutschen Bank verband (und gewiss interessant ist für das, was immer Convar herausfand). Jamie B. Stewart, der damalige Vizepräsident der New York Fed, wird dahingehend zitiert, dass die Fedwire-Operationen über eine Backup-Einrichtung außerhalb Manhattans liefen und deswegen nicht kappten.  [8] Reibungslos funktionierte auch die Transaktionsfähigkeit über CHIPS (das Clearing House Interbank Payments System); gleiches galt für das Bankensystem insgesamt. [9]

Cantor Fitzgerald wiederum bewegte rund 50 Prozent aller Staatsanleihen der USA. Nicht Computerdaten seien durch die 9/11-Angriffe zerstört worden, denn die gingen nicht einmal im Fall von CF verloren – da es ein funktionierendes Backup gab [10]; sehr wohl aber seien alte Zertifikate von Staatsanleihen vernichtet worden, die CF offensichtlich – wie auch Garbon Inter-Capital und Eurobrokers – in Tresoren im WTC aufbewahrte.  [11] Hierzu hätten Staatsanleihen aus dem Jahre 1991 mit einer 10-jährigen Laufzeit und einem Wert von bis zu 240 Milliarden US-Dollar gehört, die von dubiosen Gold-Wertpapieren und Schweizer Goldbarren gedeckt gewesen seien – sogenannte „Durham / Brady Bonds“.

Wie bereits erwähnt worden war, verlor Cantor Fitzgerald viele Makler im Nordturm des WTC. Insgesamt waren 41 Prozent aller Toten auf dem WTC-Gelände Wertpapiermakler. Dadurch wurde laut Heidners Annahme genug Chaos im Bond-Markt angerichtet, um eine Situation hervorzurufen, in der verdeckte Staatsanleihen im Wert von 240 Milliarden US-Dollar „elektronisch ,abgewickelt‘ werden konnten, ohne dass jemand zu viele Fragen stellte.“ [12]

„Brady Bonds“ wiederum sind Schuldverschreibungen bzw. Verbriefungen von Krediten, die zuerst Ende der 1980er Jahre emittiert wurden. Mit den „Brady Bonds“ wurden die nicht-bedienbaren Schulden lateinamerikanischer Länder in handelbare Schuldverschreibungen umgewandelt. Diese Kreditverbriefungen waren durch Null-Kupon-Anleihen des US-Finanzministeriums gedeckt. Zum Erwerb dieser Schuldverschreibungen waren Kredite vom IWF und der Weltbank nötig.

Im Sinne des Scenarios à la Heidner wurden nicht-legal besicherte „Brady Bonds“ in Russland später zur Schuldenrestrukturierung eingesetzt – im Zusammenhang, so wird vermutet, mit der versuchten wirtschaftlichen Übernahme der Sowjetunion. Ohne die Brady-Tarnung der nicht mit legaler Besicherung gedeckten Anleihebriefe für die Eindeckung der künftigen Oligarchen (die ja Stand nach dem Putsch August 1991 nichts als unbemittelte Mafiosi und KGB-Günstlinge waren) mit kaufkräftigem Vermögen, wäre wohl in der Tat nicht zu bewerkstelligen gewesen, was Anne Williamson im September 1999 exemplarisch vor dem US-Repräsentantenhaus beschrieb. Williamson, die unter anderem für das Wall Street Journal und The New Yorker arbeitete und Autorin des Buches Contagion: The Betrayal of Liberty – Russia and the United States in the 1990s ist, zeigte in ihrer Aussage auf, wie die historische Chance, die den USA gegeben war, um zur Umwandlung Russlands in ein freies, friedliches, pro-westliches Land beizutragen, verschwendet wurde zugunsten einer wirtschaftlichen Vergewaltigung, die von korrupten russischen Politikern und Geschäftsleuten durchgeführt und von den Bush- und (insbesondere) Clinton-Regierungen unterstützt wurde. Wesentliche Akteure: Wall Street, das US-Finanzministerium, das Harvard Institute for International Development, die Nordex-Bank, der IWF, die Weltbank sowie die Federal Reserve.

Williamson zufolge plünderten die aufkommenden russischen Oligarchen, viele davon der ehemaligen kommunistischen Nomenklatura zugehörig, das russische Reich mit Hilfe der USA; anschließend wurde dieses Geld in den Aktien- und Immobilienmärkten in den Vereinigten Staaten investiert. Williamson sagte vor dem US-Repräsentantenhaus aus:

„In der Sache, die vor uns steht – die Frage nach den vielen Milliarden an Kapital, das aus Russland über die Bank of New York und andere westliche Banken an westliche Ufer floh –, hatten wir ein Fenster geöffnet, wie die finanziellen Angelegenheiten eines Landes aussehen, das ohne Eigentumsrechte, ohne Banken, ohne Vertragssicherheit, ohne eine verantwortliche Regierung oder eine Führung ist, welche Anstand genug hat, um sich ums nationale Interesse oder Wohlergehen seiner eigenen Bürger zu scheren. Es ist kein schönes Bild, oder? Aber lassen Sie keine Fehlannahmen aufkommen: in Russland ist der Westen der Autor seines eigenen Elends gewesen. Und es gibt keine Fehlannahme, wer die Opfer sind, d. h. westliche Steuerzahler, hauptsächlich die der USA, und die russischen Bürger, deren nationales Erbe gestohlen wurde, nur um verschleudert und / oder in den westlichen Immobilien- und Aktienmärkten investiert zu werden.“

Die entstehende Oligarchen-Klasse Russlands wurde von westlichen Finanzinstituten gekauft, und Jelzin hatte man bei der Schaffung der oligarchischen Klasse, die die Basis seiner politischen Macht darstellte, unterstützt:

„Westliche Hilfe, IWF-Kreditvergaben und die gezielte Aufteilung der nationalen Vermögenswerte sind das, was Boris Jelzin mit dem anfänglich nötigen Kleingeld für seinen Wahlkreis aus Ex-Komsomol [Kommunistische Jugendliga] Bankchefs versorgte, denen die Freiheit und die Mechanismen gegeben wurden, ihr eigenes Land im Tandem mit einer wiedererstarkenden und wirtschaftlich kompetenteren Verbrecher-Klasse zu plündern. Die neue Elite lernte alles über die Beschlagnahme von Vermögen, aber nichts von seiner Schöpfung. Schlimmer noch, diese neue Elite gedeiht in den Bedingungen des Chaos und meidet genau die Stabilität, auf die die USA so inbrünstig hoffen, wohlwissend, dass die Stabilität ihre Fähigkeit, unverschämte Gewinne zu erzielen, kräftig einschränkt. Folglich war und ist Jelzins ,Reform‘-Regierung dazu verurteilt, diese parasitäre politische Basis, die aus der Bankenoligarchie besteht, aufrecht zu erhalten. (…) Und erst jetzt, fast auf den Tag acht Jahre später, erfahren US-Steuerzahler, dass die ,eifrigen, jungen Reformer‘, denen ihre Mittel zum Zwecke des Aufbaus eines neuen Russland gegeben wurde, vom ersten Tag an mit der erschöpften sowjetischen Nomenklatura in ein System verbündet waren, um Russlands Reichtum zu plündern und im Westen zu parken.”

Williamson beschreibt einen zum Teil mörderischen Wettkampf um die Kontrolle der neuen Unternehmen, die in Russland privatisiert wurden; die profitabelsten davon: Ölunternehmen, Stahlwerke und der Telekommunikationsbereich. Sie wurden an bestimmte Oligarchen „auf Insider-Auktionen“ vergeben, „deren Ergebnisse vorher vereinbart wurden.“

Der Fluss zusätzlichen Kapitals führte ab dem Frühjahr 1995 zu einem Wertanstieg der US-Aktienunternehmen. Der IWF und die Weltbank übernahmen die Rolle von „800 Pfund schweren Gorillas der wirtschaftlichen Verzerrung und im Laufe der Zeit der Plünderung“. Das Schema, nach dem vorgegangen wurde, ist eigentlich recht gut bekannt:

Man „verkaufe Hilfsprogramme auf einer angeblichen Basis ,freier Märkte‘ und der ,Humanität‘“ durch Akademiker, die ihre Fähigkeiten zur intellektuellen Camouflage beibringen, während IWF und Weltbank in den Zielländern wie Russland die Steuern anheben und Zentralbankengeschäfte abstimmen, Kreditaufnahmen ermutigen und Privatisierungen anschieben, um Hochrisiko-Investoren anzuziehen. Sobald die Regierung der Zielnation schwankt, trete man zurück und schaue zu, wie Spekulanten die Disziplin durch einen Angriff auf die Währung des Ziellandes behaupten. Die anschließende Abwertung liefert wiederum eine Flut von Billigimporten an amerikanische Hersteller und Produzenten.“

Sodann können „westliche Neo-Kolonialisten“ die Zielnation mit den stets größer werdenden Schulden schikanieren, um noch mehr Eigentum herauszupressen. „Einmal erfolgreich, können die Insider der Welt sich dann umdrehen und billige Anteile aus Privatisierungen und Börsengänge in den Schlund von US-Investmentfonds und Portfolio-Investoren“ werfen. „Die großen Gewinner sind die weltweit zunehmend korrupten und bequemen herrschenden Klassen, die internationalen Bürokratien und die globalen Banken.“

Das Fazit von Frau Williamson: „Was die US-Politik in weiten Teilen der Landschaft nach dem Kalten Krieg geschmiedet hat, ist ein moralischer, politischer und finanzieller Greuel auf Basis von Betrug, Diebstahl und Schwindel.“ [13]

Es ist hervorzuheben, dass Williamsons Buch Contagion, welches den umrissenen Sachverhalt en Detail behandelte, trotz bestehenden Vertrags nicht verlegt wurde, als es 1997 fertiggestellt wurde. [14]

Die „Brady Bonds“ sind in Sachen Schuldenrestrukturierung im Grunde der Gegenentwurf zu jenem Modell, das von Blessing und Herrhausen stammte und bereits 1986/87 von der Deutschen Bank als Vorschlag in Umlauf gebracht worden war. Werner Blessing, Sohn des ehemaligen Adjutanten von Schacht und Bundesbankpräsidenten sowie Bruder des Verlegers Karl Blessing und Vater des Commerzbank-Vorsitzenden, war damals für die internationalen Finanzgeschäfte der DB verantwortlich.

Die nicht-legal besicherten „Brady Bonds“, die für einen fremdfinanzierten Aufkauf Russlands verwendet worden sein sollen, mussten jedenfalls, so ist die Grundannahme des Scenarios, einerseits weitgehend zerstört, andererseits – was den übrigen Rest anging – klandestin „umgetauscht“ werden.

Zerstört werden mussten ebenso die Aufzeichnungen, die der Marinenachrichtendienst der USA, das ONI, angeblich zu diesen Aktivitäten ansammelte. Diese befanden sich in dem Pentagon-Abschnitt, der an 9/11 direkt attackiert wurde – ja, der Umzug in den äußeren E-Ring des Pentagon fand erst einen Monat vor 9/11 statt. Durch den Angriff wurden 39 von 40 ONI-Mitarbeitern getötet, die gesamte Kommandokette wurde ausgelöscht.  [15] Ferner habe das ONI an den besagten Kriegsspielen teilgenommen, an denen auch Cantor Fitzgerald beteiligt gewesen war.  [16] Ein Grund, warum das ONI mit dem Sachverhalt der zwielichtigen „Durham / Brady Bonds“ befasste, könnte sein, da ihr Fälligkeitsdatum ein eindeutiges Sicherheitsrisiko für die USA darstellte. Zuletzt: drei Monate vor 9/11 wurde von der Bush-Regierung ein neuer General Counsel für das ONI bestimmt, und zwar von der mit der Bush-Familie eng verbundenen Kanzlei Greenberg Traurig kommend. [17]

Dadurch, dass an 9/11 der nationale Notstand ausgerufen wurde, konnten die normalen Regularien der US-Börsenaufsicht SEC zur Abwicklung von Staatsanleihen von der Federal Reserve außer Kraft gesetzt werden.  [18] So wurde beispielsweise die SEC-Regel „15c3-3“ suspendiert, die unter anderem den „physischen Besitz oder Kontrolle von Wertpapieren“ festlegt. Außerdem schickte die Government Securities Clearing Corporation (GSCC) ein Memo an verschiedene Bankhäuser, welches den Umtausch von Wertpapieren betraf, die unmittelbar fällig wurden – was auf die „Durham / Brady Bonds“ zutreffen würde, wenn das hier vorgestellte Scenario denn der Wahrheit entspräche. Weiters ermöglichte die GSCC die Praxis der “Blind Broker“-Abwicklung von Wertpapieren, bei der beide Seiten des Handels anonym bleiben.  [19] Durch eine spezielle Staatsanleihe-Auktion, an deren tatsächlichen Auftreten keinerlei Zweifel besteht, brachten die US-Organe Treasury und Fed anschließend neue Anleihen auf den Bond-Markt und versorgten die Banken mit zusätzlicher Liquidität (mehr als 100 Milliarden US-Dollar).

US-Staatsanleihen werden hauptsächlich von der New York Fed gehandhabt. Laut dem US-Nationalökonom Edward Flaherty hießen die acht größten Mitgliederbanken der New York Fed im Jahre 1997 wie folgt:

Chase Manhatten Bank,
Citibank,
Morgan Guaranty Trust Company,
Fleet Bank,
Bankers Trust (im Juni 1999 durch die Deutsche Bank übernommen),
Bank of New York (BONY),
Marine Midland Bank und
Summit Bank. [20]

Die Chase Manhatten Bank und die Morgan Guaranty Trust Company schlossen sich hernach zu JP Morgan Chase zusammen (im Jahre 2000) – und wie gesehen, waren Chase und BONY die Banken, über die die NY Fed ihren Fedwire laufen ließ, um den Staatsanleihehandel zu organisieren. Die Clearingstellen, um die zwielichtigen Anleihen diskret zu behandeln, wären BONY und GSCC gewesen. BONY soll zudem bei verdeckten Destabilisierungsmaßnahmen vis-à-vis dem Rubel die Finger im Spiel gehabt haben und massiv in Geldwäschegeschäften verwickelt gewesen sein, die in Verbindung mit russischen Banken am Ende der Sowjet-Ära auftraten.  [21] BONY ließ sich in diesen Fragen von Sullivan & Cromwell vertreten.

Offiziell begründet wurde die außerordentliche Auktion von 10-Jahres-Staatsanleihen mit fehlgeschlagenen Transaktionen (sogenannten „Fails“), bei denen die Verkäufer die Papiere nicht fristgerecht bereitstellen können. Nach 9/11 sprang die Anzahl der „Fails“ an einzelnen Tagen auf Werte von über 190 Milliarden US-Dollar. Auffällig: die „Fails“ sollen nur bei BONY stattgefunden haben; bei Chase kam nichts Vergleichbares vor. BONY war zu Zeiten von 9/11 für das Clearing von ungefähr 50 Prozent aller in den USA gehandelten Wertpapieren verantwortlich. Die „Fails“ sollen bei BONY aufgrund von Kommunikationsproblemen zutage getreten sein. Dies darf jedoch in Zweifel gezogen werden, vermochte BONY doch sämtliche Operationen über eine Backup-Einrichtung in Utica, New York aufrecht zu halten. [22]

Lars Schall


Autor Lars Schall wurde am 31. August 1974 in Herdecke an der Ruhr geboren. Er studierte an den Universitäten Dortmund und Knoxville, Tennessee in den USA unter anderem Journalistik. Er ist freier Finanzjournalist mit den Schwerpunkten Energie, Edelmetalle, Geldsystem und Geopolitik. Er veröffentlicht u. a. auf ASIA TIMES ONLINE. Darüber hinaus arbeitet er als Übersetzer von Finanz- und Wirtschaftstexten.

Bild- und Grafikquellen:

  1. Beitragsbild: „Auge“ – pixabay.com

Fußnoten:

  1. Vgl. “Bank of America among 38 stocks in SEC’s attack probe”, veröffentlicht auf Bloomberg News am 3. Oktober 2001, archiviert unter: http://911research.wtc7.net/cache/sept11/bloombberg_BAamong38.html. Darin hieß es: “A Raytheon option that makes money if shares are more than $25 each had 232 options contracts traded on the day before the attacks, almost six times the total number of trades that had occurred before that day. A contract represents options on 100 shares. Raytheon shares soared almost 37 percent to $34.04 during the first week of post-attack U.S. trading.”
  2. Barry Grey: “Suspicious trading points to advance knowledge by big investors of September 11 attacks”, veröffentlicht auf World Socialist Web Site am 5. Oktober 2001 unter: http://www.wsws.org/articles/2001/oct2001/bond-o05.shtml. Zum Zusammenhang von 9/11 und dem Handel von US-Staatsanleihen siehe auch Mark H. Gaffney: „Black 9/11“, a.a.O., Seiten 73 – 89 und 125 – 143.
  3. J.S. Kim: „Im Innern des illusorischen Reiches des Banken- und Waren-Schwindels“, veröffentlicht auf LarsSchall.com am 28. November 2010 unter: http://www.larsschall.com/2010/11/28/im-innern-des-illusorischen-reiches-des-banken-undwaren-schwindels/
  4. Zur Geschichte von Yamashitas Gold siehe insbesondere Sterling und Peggy Seagrave: “Gold Warriors: America’s Secret Recovery of Yamashita’s Gold“, Verso, New York, 2003. Besprechungen des Buches erschienen u. a. von Chalmers Johnson: “The Looting of Asia“, London Review of Books, 20 November 2003, unter: http://www.lrb.co.uk/v25/n22/chalmers-johnson/the-looting-of-asia, und von Henry C. K. Liu: “Realpolitik Of Democratic Revolution, Part 1: The Philippines revisited“, Asia Times Online, 19. November 2003, unter: http://www.atimes.com/atimes/Southeast_Asia/EK19Ae03.html.
  5. Vgl. E.P. Heidner: “Collateral Damage: U.S. Covert Operations and the Terrorist Attacks on September 11, 2001”, a.a.O.
  6. Vgl. ebd., Seite 43, Quellenangabe 8. Siehe auch „September 11 Commission Report Revised December 2008“, Seite 184, veröffentlicht auf Scribd unter: http://de.scribd.com/doc/16970135/September-11-Commission-Report-Revised-December-2008
  7. Vgl. “National Commission on Terrorist Attacks Upon the United States: Memorandum for the Record (MFR) of the Briefing by Dino Kos of the Federal Reserve Bank of New York Conducted by Team 8, 01/09/2004”, veröffentlicht auf Online Public Access unter: http://research.archives.gov/description/2610129. Bei der Gelegenheit sprach Kos über Probleme, die an 9/11 zutage traten:

    In the case of the Fedwire operating system, it is fine if everyone can make and received payments. If someone can make, or receive payments, but not the reverse, the balances get out of wack. Some bank can have a huge overdraft and they won’t know if it will be covered. In the case of Government securities, there is no central clearing corporation. … Each broker-dealer has a bank they use. When BONY was disrupted on 9-11, the dealers did not know if their positions were covered. They wired payments to BONY but did not know if they were received. BONY did not know what funds they had received. Dino showed me data that indicated that BONY had a huge surplus and the rest of the banks in the system were in a huge deficit. Furthermore, a number of trades were “lost” in the morning when the Broker-dealers were lost in the WTC.

    Zu Problemen im Staatsanleihebereich nach 9/11 heißt es:

    He spoke about the securities “fails”, when the two sides of a trade could not be reconciled. He said that this was “huge”. He said that even once the immediate disruptions normalized, the volume of “fails” increased through the end of September. … Because of the number of “fails”, the Treasury had to issue an unscheduled auction of 10 year bonds. In Dino’s view, the “fails” did not really having any adverse effect on the market, but it was an issue that had to be dealt with and was cleared up with the Treasury auction.

    Ferner wird angemerkt, dass die Federal Reserve massiv liquide Mittel in die Märkte pumpte.

  8. Vgl. ”September 11 Commission Report Revised December 2008“, a.a.O., Seite 186.
  9. vgl. ebd., Seite 187. CHIPS wurde übrigens, wie noch in Sachen PROMIS-Software bewiesen werden soll, seit den 1980er Jahren von der NSA im Zuge der “Follow the Money”-Initiative überwacht.
  10. Vgl. ebd.
  11. Vgl. Mark H. Gaffney: „Black 9/11“, a.a.O., Seite 77, 85.
  12. Ebd., Seite 77.
  13. “Testimony of Anne Williamson Before the Committee on Banking and Financial Services of the United States House of Representatives September 21, 1999“, veröffentlicht unter: http://www.thebirdman.org/Index/Others/Others-Doc-Economics&Finance/+Doc-Economics&Finance-GovernmentInfluence&Meddling/BankstersInRussiaAndGlobalEconomy.htm.

    Dieser Plünderung wurde dann unter Wladimir Putin zunehmend ein Riegel vorgeschoben, indem er besonders den immensen Energie- und allgemeinen Ressourcenreichtum der Russischen Föderation unter die Kontrolle des Staats stellte.

    Im Zusammenhang mit den Auswirkungen auf den Aktien- und Immobilienmarkt in den USA mag auch interessant sein, was Catherine Austin Fitts 2009 unter der Überschrift “Financial Coup d’Etat” (“Ein finanzieller Staatsstreich”) festhielt – siehe Solari.com unter: https://solari.com/blog/financial-coup-d%E2%80%99etat/. Ich übersetzte:

    Im Herbst 2001 besuchte ich eine private Investment-Konferenz in London, um einen Vortrag mit dem Titel “The Myth of the Rule of Law or How the Money Works: The Destruction of Hamilton Securities Group“ zu geben.

    Die Präsentation dokumentiert meine Erfahrungen mit einer Partnerschaft zwischen Washington und Wall Street, die folgende Punkte zu verantworten hatte:

    • Die Durchführung einer betrügerischen Immobilien- und Schuldenblase;
    • Die illegale Verschiebung riesiger Mengen an Kapital aus den USA hinaus;
    • Den Gebrauch der „Privatisierung“ als eine Form der Piraterie – ein Vorwand, um Vermögenswerte des Staates an private Investoren unterhalb marktüblicher Preise zu bewegen, und dann die Verschiebung privater Verbindlichkeiten zurück an den Staat ohne jedwede Kosten für den Inhaber der privaten Verbindlichkeiten.

    Weitere Referenten auf der Konferenz, der namhafte Reporter angehörten, berichteten von der Privatisierung in Osteuropa und Russland. Während die Porträts britischer Vorfahren auf uns herab starrten, hörten wir eine Geschichte nach der anderen von der globalen Privatisierung, die in den 1990er Jahren auf dem amerikanischen Kontinent, in Europa und Asien stattgefunden hatte.

    Langsam, als sich die Teile zusammen fügten, teilten wir eine erschreckende Offenbarung: die Banken, Unternehmen und Investoren, die in jeder Weltregion agierten, waren genau die gleichen Akteure. Sie waren eine relativ kleine Gruppe, die wieder und wieder in Russland, Osteuropa und Asien auftauchte, dabei begleitet von den gleichen namhaften Wirtschaftsprüfungsgesellschaften und Anwaltskanzleien.

    Offensichtlich war ein globaler finanzieller Staatsstreich im Gange.

    Das Ausmaß dessen, was geschah, war überwältigend. In den 1990er Jahren waren Millionen von Menschen in Russland aufgewacht, um festzustellen, dass ihre Bankkonten und Pensionsmittel einfach weg waren – ausgelöscht durch eine fallende Währung oder von Gangstern gestohlen, die die Gelder zurück in die großen Mitgliedsbanken der New Yorker Fed wuschen, damit sie dort zur Anheizung der Schuldenblase reinvestiert wurden.

    Berichte über Politiker, Regierungsbeamte, Akademiker und Geheimdienste, die die Erpressung und den Diebstahl erleichterten, waren zwingend. Ein Anwalt aus Russland, der ohne Strom lebte und gezwungen war, Nahrungsmitteln anzubauen, um nicht zu hungern, wurde mit den Worten zitiert: „Wir werden de-modernisiert.“

    Einige Jahre zuvor hörte ich drei Bäuerinnen zu, wie sie den Kampf gegen Drogen in ihren jeweiligen Ländern beschrieben: Kolumbien, Peru und Bolivien. Ich fragte sie: „Nachdem man Sie in Lager gepfercht hat, wer bekommt dann Ihr Land und zu welchem Preis?” Meine Frage öffnete eine magische Tür. Aus ihr strömte hinaus, wie die reale Wirtschaft mit dem Krieg gegen Drogen zusammenarbeitet, einschließlich des Diebstahls von Land und den öffentlichen Aufträgen, um Wohnraum für die Menschen zu errichten, die vertriebenen worden waren.

    An einer Stelle, von meinem Verständnis davon, wie dieses Spiel funktioniert, beunruhigt, sagte eine der Frauen zu mir: „Sie sagen, Sie waren nie in einem unserer Länder, und doch verstehen Sie genau, wie das Geld arbeitet. Wie kann das sein?” Ich antwortete, dass ich als Staatssekretärin für den Wohnungsbau des US-Ministeriums für Wohnungsbau und Stadtentwicklung (Housing and Urban Development, HUD) in den Vereinigten Staaten gearbeitete hatte, wo ich Milliarden von staatlichen Investitionen in US-Gemeinden beaufsichtigt hatte. Offenbar arbeitete die Sache auf die gleiche Weise in ihren Ländern, wie in meinem.

    Später fand ich heraus, dass der Auftragnehmer der Regierung, der die Strategie für den Krieg gegen Drogen und die damit verbundene US-Hilfe für Peru, Kolumbien und Bolivien anführte, der gleiche Auftragnehmer war, der auch für das Wissensmanagement für die Durchsetzung von HUD-Maßnahmen verantwortlich war. Dieses Washington-Wall-Street-Spiel war ein globales Spiel. Die Bäuerinnen Lateinamerikas hatten gegen die gleichen finanziellen Piraten und Geschäftsmodelle zu kämpfen, wie die Menschen in South Central Los Angeles, West Philadelphia, Baltimore und der South Bronx.

    Später bestätigte die mutige Berichterstattung von Naomi Klein und Greg Palast im Detail, dass die Privatisierung und das Modell wirtschaftlicher Kriegsführung, das ich in London diskutiert hatte, tiefe Wurzeln in Lateinamerika besaßen.

    Wir erlebten einen globalen „Raubüberfall”: aus einem Land nach dem anderen wurde Kapital gesaugt. Die Präsentation, die ich in London gab, offenbarte einen Teil des Puzzles, der schwer für das Publikum zu begreifen war. Dies geschah nicht einfach nur in den Schwellenländern. Es geschah auch in Amerika.

    Ich beschrieb ein Treffen, das im April 1997 stattfand, mehr als vier Jahre vor diesem Tag in London. Ich hatte eine Präsentation vor einer erlesenen Gruppe von US-Pensionsfonds-Leitern bezüglich der außerordentlichen Möglichkeit gegeben, den US-Bundeshaushalt zu überarbeiten. Ich stellte unsere Schätzung dar, dass die staatlichen Investitionen im Gebiet von Philadelphia, Pennsylvania eine negative Rendite hatten.

    Wir präsentierten, dass es möglich war, Gebiete mit Privatvermögen zu finanzieren und die öffentlichen Investitionen so umzustrukturieren, dass eine positive Rendite dabei herum kommen würde. Als Folge dessen könnten signifikante Kapitalsteigerungen erreicht werden. Also war es möglich, US-Pensionsfonds zu nutzen, um die Ruhestandsicherheit von Rentnern dadurch zu erhöhen, indem man erfolgreiche Investitionen in amerikanischen Gemeinden, kleine Unternehmen und Farmen betrieb – alle in einer Weise, die die Verschuldung reduzieren, die Qualifikationen verbessern und Arbeitsplätze schaffen würde.

    Die Resonanz der Investoren der Pensionskassen gegenüber dieser Analyse war recht positiv, bis der Präsident des CalPERS-Rentenfonds – dem größten des Landes – sagte: „Sie verstehen das nicht. Es ist zu spät. Sie haben das Land aufgegeben. Sie ziehen das ganze Geld im Herbst [1997] ab. Sie bewegen es nach Asien.”

    Als der Herbst dann kam, begannen auch tatsächlich erhebliche Mengen an Geldern die USA zu verlassen, einschließlich illegale. Über 4 Billionen US-Dollar gingen der US-Regierung verloren. Niemand schien davon Notiz zu nehmen. Von einer betrügerischen Schuldenblase, die mit der Kraft und Intention der höchsten Ebenen des Finanzsystems angetrieben wurde, zu der falschen Annahme verleitet, dass wir in einer Boom-Wirtschaft lebten, beteiligten sich die Amerikaner an einer Orgie des Konsums, die das reale finanzielle Vermögen liquidierte, das wir dringend benötigten, um uns für die zukünftigen Zeiten zu repositionieren.

    Die Stimmung an diesem Nachmittag in London war recht nüchtern. Die Frage, die unausgesprochen in der Luft hing, lautete: wenn die Blase einmal vorbei sein würde, war dann die Zeit gekommen, wo auch wir „de-modernisiert” werden würden? Im Jahr 2009 – mehr als sieben Jahre später – ist das eine Frage, die sich viele von uns fragen.

  14. Vgl. Michael C. Ruppert: “Crossing the Rubicon”, a.a.O., Seite 88.
  15. Vgl. Mark H. Gaffney: „Black 9/11“, a.a.O., Seite 76.
  16. Vgl. „September 11 Commission Report Revised December 2008“, a.a.O., Seite 189-191.
  17. Vgl. ebd., Seite 205 – 206. Greenberg Traurig soll an fünf Aspekten der Bush-Amtszeit beteiligt gewesen sein: [1] represented President Bush in the Bush-Gore 2000 Florida election vote recount, — [2] personally represents Governor Jeb Bush, — [3] hired son of Supreme Court Justice Antonin Scalia on election day 2000–after which Justice Scalia cast one of the 5 to 4 deciding votes which placed Bush in presidency, — [4] Miami-headquartered firm partially funded/sponsored delegation to Israel by House-Senate Armed Services Committee members and government contractors to witness and be briefed on interrogation resistance procedures and torture techniques….One of lobbyists joining them to Israel included Jack London, CEO, CACI Int’l Inc., firm implicated in outsourced Iraqi torture at Abu Ghraib prison, — [5] firm has prominent administrative positions in Massachusetts 9/11 Fund which also involves Bush family banking house Brown Brothers Harriman, — [6] one appointed as General Counsel of the Department of the Navy and its Office of Naval Intelligence just 90 days before the attacks.”
  18. Vgl. ebd., Seite 196. In dem Text wird vorgebracht, dass neben George H. W. Bush auch Alan Greenspan, der damalige Fed-Vorsitzende, an der Herausgabe und Verwendung der besagten „Durham / Brady Bonds“ im Jahre 1991 maßgeblich beteiligt gewesen sei.
  19. Vgl. ebd., Seite 197.
  20. Vgl. Edward Flaherty: “Debunking the Federal Reserve Conspiracy Theories“, Abschnitt “Myth #5: The Federal Reserve is owned and controlled by foreigners“, veröffentlicht auf PublicEye.org unter: http://www.publiceye.org/conspire/flaherty/Federal_Reserve.html, bzw.: http://www.publiceye.org/conspire/flaherty/flaherty5.html
  21. Vgl. ”September 11 Commission Report Revised December 2008“, a.a.O., Seite 195 – 197. Genannt werden im Zusammenhang mit Geldwäscheaktivitäten die European Union Bank, Menatep und Nordex.
  22. Vgl. Mark H. Gaffney: „Black 9/11“, a.a.O., Seite 132. Gaffney bezieht sich auf Aussagen von Thomas Gibbons, leitender Angestellter im Risk Management bei BONY.
Halluzination_Psychose_Illusion_Fata_Morgana_Einbildung_Erscheinung_Sinnestaeuschung_Taeuschung_Trugbild_Wahnbild_Wahnvorstellung_Kapitalismus_Neoliberalismus_by_Uta_Herbert_pixel

Von Zeit zu Zeit: Überforderung

von Stephan Krull

Viele Menschen leiden an zu viel Arbeit. Andere leiden daran, ihren Lebensunterhalt nicht selbst verdienen zu können, nicht gebraucht zu werden.

Von den gut 80 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern unseres Landes gehören etwas mehr als die Hälfte zur Altersgruppe der 20- bis 60jährigen, also zu den potentiell Erwerbsfähigen – einige steigen schon etwas früher in das Berufsleben ein, einige später aus; Summa etwa 45 Millionen. Laut Bundesregierung sind 42 Millionen Personen erwerbstätig, die Zunahme der Erwerbsbevölkerung zwischen 1991 und 2013 um gut drei Millionen Personen beruht auf der drastischen Zunahme prekärer Arbeit und unfreiwilliger Teilzeitarbeit sowie der Zuwanderung aus Südeuropa in den zurückliegenden zwei Jahren von fast einer Million Menschen. Drei Millionen sind erwerbslos, davon erhalten nach einer aktuellen DGB-Studie rund 750.000 Menschen kein Arbeitslosengeld, weil sie die Wartezeit nicht erfüllen oder keinen Anspruch auf »Hartz-IV«-Leistungen haben.

Und wo bleiben dabei diejenigen, die aus der offiziellen Statistik gefallen sind: 190.000 über 58jährige Arbeitslosengeldempfänger, 100.000 Ein-Euro-Jobber, 300.000 Menschen, die sich in beruflicher Eingliederung oder Weiterbildung befinden und 80.000 kranke Erwerbslose? Wo bleibt die »stille Reserve«? Stimmt mit der Statistik etwas nicht? Das Statistische Bundesamt rechnet anders als die Agentur für Arbeit, dazwischen klafft eine Lücke von zwei Millionen Erwerbstätigen. Wenn wir über diese Ungenauigkeit hinwegsehen, sind dennoch einige Zahlen aufschlußreich:

Von den angenommenen 42 Millionen Erwerbstätigen sind 37 Millionen Arbeiter, Angestellte oder Beamte, davon unterliegen 29 Millionen der Sozialversicherungspflicht, davon wiederum arbeiten 24 Millionen in Vollzeit. Das heißt, 13 Millionen Beschäftigte arbeiten in unterschiedlichen Teilzeitverhältnissen, acht Millionen davon außerhalb der Sozialversicherungspflicht. 2,5 Millionen Menschen sind Solo-Selbständige ohne Beschäftigte, knapp zwei Millionen sind Selbständige mit Beschäftigten.

Angesichts der stetig wachsenden Anzahl von Erwerbspersonen sollte man davon ausgehen, daß auch die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden wächst – das Gegenteil ist jedoch längerfristig der Fall, weil die Produktivität schneller steigt als das Wirtschaftswachstum. Und genau hier eröffnet sich die Möglichkeit und vor allem die Notwendigkeit, die Arbeitszeit radikal zu verkürzen (Quelle der nachfolgenden Zahlen: Statistisches Bundesamt und eigene Berechnungen):

geleistete Arbeitsstunden und Anzahl der Erwerbspersonen von 1960 bis 2013
Jahr Erwerbstätige (Anzahl Personen) Arbeitsvolumen (Mrd. Stunden)
1960 26.618.000 56.382
1990 30.276.000 47.412
1991 38.868.000 60.082
2013 41.841.000 58.072

Quelle: statistisches Bundesamt und eigene Berechnungen

Layout 1Während also die Anzahl der Beschäftigten enorm steigt, sinkt das Arbeitsvolumen der Lohnerwerbsarbeit, gleichzeitig steigt der Reichtum unseres Landes seit Jahrzehnten. Das Arbeitsvolumen sank durch Arbeitszeitverkürzung von der 48- auf die 40-Stunden-Woche, durch höhere Urlaubsansprüche und in den letzten zehn Jahren vor allem durch oft unfreiwillige Teilzeitarbeit.

»Noch nie ging es uns so gut – noch nie haben wir uns so schlecht gefühlt. Ist die steigende Zahl seelischer Krankheiten, sind Burnout, Depressionen und Versagensängste der Preis einer immer hektischeren Jagd nach Erfolg und Wachstum?« schreibt und fragt der Psychologe und Psychoanalytiker Paul Verhaeghe in seinem Buch »Und ich? Identität in einer durchökonomisierten Gesellschaft«. [Anm. Admin: bitte die 4 PdF-Anhänge beachten]

Arbeit macht krank – zu viel Arbeit und zu wenig. Meine Kolleginnen und Kollegen aus der VW-Fabrik berichten so: »Nervenzusammenbruch im Vertrieb, Wutanfall bei einem Fahrer, viele kranke Kollegen im Zentrallager, Morddrohungen eines Stapler-Fahrers …, und dies nur in meiner unmittelbaren Arbeitsumgebung … Pauschal kein Urlaub, freie Tage sollen ›verkauft‹ werden, weil zu wenig Personal verfügbar ist. Umstrukturierung und noch mehr Bürokratie; mit zwei Personen pro Schicht, die nicht mehr ihrer alten Arbeit nachgehen sollen, sondern die Schnittstelle zwischen VW und der Personal-Verleihfirma. 1050 Euro ausgezahlt für drei Schichten mit Zuschlägen und Wochenendarbeit im Bereich der Logistik, zu 100 Prozent integriert mitten in der Wertschöpfungskette, Lohndumping erster Klasse mitten im Werk.«

Armut-Armutsschere-Kapitalismuskritik-Sozialstaat-Verarmung-Depression_by_Dr. Klaus-Uwe Gerhardt_pixelio.de_Rund zwei Millionen Beschäftigte in Deutschland sind mindestens einmal im Jahr krank, durchschnittlich zehn Arbeitstage oder 160 Millionen Arbeitsstunden fallen dadurch aus. Andererseits werden trotz Flexibilisierung und Arbeitszeitkonten immer noch etwa 1,5 Milliarden Überstunden gemacht – das entspricht etwa einer Million Vollzeitarbeitsplätzen oder durchschnittlich 50 Stunden pro Person und Jahr.

Alles zusammengenommen, Minijobs, Teilzeitbeschäftigte und Vollzeitbeschäftigte, beträgt die durchschnittlich Jahresarbeitszeit aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer etwa 1.300 Stunden an 220 Arbeitstagen. Diese tatsächliche Arbeitszeit entspricht genau der 30-Stunden-Woche, nur ist die Arbeitszeit sehr ungleich verteilt in Überforderung einerseits und Unterbeschäftigung andererseits, beides macht die Individuen und die Gesellschaft krank.

Eine radikale Arbeitszeitverkürzung mit vollem Lohn- und Personalausgleich ist aktueller denn je, sie ist möglich, nötig und bezahlbar. Wie in den zurückliegenden 100 Jahren wettern Kapital und Kabinett, bis vor 100 Jahren im Verein mit Krone und Kirche, gegen jede Arbeitszeitverkürzung und erklären sie zum Untergang unseres Landes, zum Verlust der Wettbewerbsfähigkeit. Karl Marx wies nach, daß sich in der Ökonomie der Zeit schließlich alle Ökonomie auflöst. Für die Kapitaleigentümer und ihre Manager ergibt sich daraus zwecks Profitsteigerung der Zwang, den Arbeitstag der abhängig Beschäftigten extensiv auszuweiten. Eine Begrenzung des Arbeitstages und eine Reduzierung der Arbeitszeit hingegen ist eine Begrenzung der Macht und des Profites, eine Rückgewinnung von Autonomie für die lohnabhängig Beschäftigten.

Stephan Krull


Quelle:  Kritisches Netzwerk

Erschienen in Ossietzky, der Zweiwochenschrift für Politik / Kultur / Wirtschaft – Heft 24/2014 > zum Artikel

Ossietzky, Zweiwochenschrift für Politik, Kultur, Wirtschaft, wurde 1997 von Publizisten gegründet, die zumeist Autoren der 1993 eingestellten Weltbühne gewesen waren – inzwischen sind viele jüngere hinzugekommen. Sie ist nach Carl von Ossietzky, dem Friedensnobelpreisträger des Jahres 1936, benannt, der 1938 nach jahrelanger KZ-Haft an deren Folgen gestorben ist. In den letzten Jahren der Weimarer Republik hatte er die Weltbühne als konsequent antimilitaristisches und antifaschistisches Blatt herausgegeben; das für Demokratie und Menschenrechte kämpfte, als viele Institutionen und Repräsentanten der Republik längst vor dem Terror von rechts weich geworden waren. Dieser publizistischen Tradition sieht sich die Zweiwochenschrift Ossietzky verpflichtet – damit die Berliner Republik nicht den gleichen Weg geht wie die Weimarer.

Wenn tonangebende Politiker und Publizisten die weltweite Verantwortung Deutschlands als einen militärischen Auftrag definieren, den die Bundeswehr zu erfüllen habe, dann widerspricht Ossietzky. Wenn sie Flüchtlinge als Kriminelle darstellen, die abgeschoben werden müßten, und zwar schnell, dann widerspricht Ossietzky. Wenn sie Demokratie, Menschenrechte, soziale Sicherungen und Umweltschutz für Standortnachteile ausgeben, die beseitigt werden müßten, dann widerspricht Ossietzky. Wenn sie behaupten, Löhne müßten gesenkt, Arbeitszeiten verlängert werden, damit die Unternehmen viele neue Arbeitsplätze schaffen, dann widerspricht Ossietzky – aus Gründen der Humanität, der Vernunft und der geschichtlichen Erfahrung.

Ossietzky erscheint alle zwei Wochen im Haus der Demokratie und Menschenrechte, Berlin – jedes Heft voller Widerspruch gegen angstmachende und verdummende Propaganda, gegen Sprachregelungen, gegen das Plattmachen der öffentlichen Meinung durch die Medienkonzerne, gegen die Gewöhnung an den Krieg und an das vermeintliche Recht des Stärkeren.

http://www.ossietzky.net/

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1. Krankheit und Depression: Viele Menschen leiden an zu viel Arbeit. Andere leiden daran, ihren Lebensunterhalt nicht selbst verdienen zu können, nicht gebraucht zu werden. Foto: Uta Herbert. Quelle: Pixelio.de

2. Cover des Buches »Und ich? Identität in einer durchökonomisierten Gesellschaft«. Autor ist der belg. Psychologe, Psychoanalytiker Paul Verhaeghe , ordentlicher Universitätsprofessor an der Universität Gent. Aufgrund der Forschung mit seiner Fachgruppe zum Thema Burnout-Syndrom und Depression richtete sich seine Aufmerksamkeit immer mehr auf die kombinierten Auswirkungen gesellschaftlicher Veränderungen und Arbeitsorganisation.

Die weitere Vertiefung davon brachte ihn zur These, dass die gegenwärtige Identität auf einer zwingenden neoliberalen Ideologie basiert ist, und dass eine derartige Identitätsbildung gegen unsere evolutionär eingefleischte soziale Art geht. Ende Januar 2012 hielt Verhaeghe an einem belgischen nationalen Streiktag einen scharfen Vortrag im Kunstzentrum Vooruit Gent, in dem er die Bankenkrise als Bestätigung der neoliberalen Ideologie betrachtet. Die Ausarbeitung davon beim Paul Verbraeke-Vortrag in Antwerpen und die daran anschließende Veröffentlichung des Textes stieß in Flandern auf sehr breites Interesse. Dieser Vortrag basierte auf zwei Kapiteln von „Identiteit“, einem Buch, das im Herbst 2012 erschien und in deutscher Übersetzung vom Verlag Antje Kunstmann im August 2013 veröffentlicht wurde. ISBN 978-3-88897-869-2, Preis 19.95 € (D)

Im ersten Teil von „Identiteit“ argumentiert Verhaeghe, dass unsere psychologische Identität eine Konstruktion auf einem evolutionär begründeten Unterbau ist. Evolutionär betrachtet ist der Mensch eine soziale Tierart, in der zwei entgegengesetzte Verhaltenstendenzen wirken: einerseits die Ausrichtung auf Gemeinschaft und Teilen, andererseits die Ausrichtung auf Individualismus und Nehmen. Welche der beiden Tendenzen die Oberhand bei der Konstruktion der Identität bekommt, wird durch das Gesellschaftsmodell bestimmt. Im zweiten Teil beschreibt er die heutige Gesellschaft als neuliberal, wobei er den Neoliberalismus als neue Version des Sozialdarwinismus auffasst. Die dadurch bestimmte Identitätsentwicklung ist ihm zufolge sehr negativ, weil sie gegen die soziale Art des Menschen angeht. Die negativen Auswirkungen des Neoliberalismus findet er auch in der Organisation des Unterrichts, der wissenschaftlichen Forschung und der Gesundheitsfürsorge. Im letzten Kapitel erklärt er, dass Veränderung von unten ausgehend erfolgen muss, da die neoliberale Ideologie mittlerweile Bestandteil unserer Identität ist.

3. Überforderung einerseits und Unterbeschäftigung andererseits, beides macht die Individuen und die Gesellschaft krank. Foto: Dr. Klaus-Uwe Gerhardt. Quelle: Pixelio.de

Anhang Größe
Vortrag von Paul Verhaeghe – Mehr Verantwortung oder Disziplinierung – zu seinem Buch – Und ich, Identität in einer durchökonomisierten Gesellschaft 164.45 KB
Interview mit Paul Verhaeghe – Sinngebung ist ein kollektives Geschehen – Neoliberalismus schadet der psychosozialen Gesundheit von Menschen 330.44 KB
Interview mit Paul Verhaeghe – Dieses Wirtschaftssystem zerstört unsere Menschlichkeit – Die krankhafte Profitgier der Aktionäre und die Idee vom survival of the fittest führen in die Irre und mache 137.87 KB
Rezension von Manfred Baberg zu Paul Verhaeghes Buch – UND ICH Identität in einer durchökonomisierten Gesellschaft 27.27 KB
Armutsschere

Hartz IV und andere Sündenfälle

von Heinz Sauren

Es hätte alles so schön werden können, damals zu den Millennium-Feiern, als das neue Jahrtausend begann. Das 20.te Jahrhundert verabschiedete sich mit Erwartungen, die lange Zeit, während seines Verlaufes nicht zu erhoffen waren. Die große Errungenschaft des ausgehenden Jahrhunderts ist historisch gesehen der Friede, für die Menschen jedoch zuerst Wohlstand und soziale Sicherheit. Daraus begründeten sich die freudigen Erwartungen an das neue Jahrtausend. Die gefühlten Lebensumständen, die in dem gerade vergangenen Jahrzehnt, immer besser geworden schienen, ließen verheißungsvoll auf das neue Jahrtausend blicken.

Es war ein Trugschluss, wie wir heute wissen. Am Neujahrsmorgen des neuen Millenniums blickte nicht nur mancher Bürger, sondern auch die Bundesregierung verkatert in die Zukunft. Im politischen Berlin hatte es sich längst herum gesprochen, das die Weichenstellungen, die zehn Jahre zuvor vorgenommen wurden, nicht in die blühenden Landschaften, sondern auf das wirtschaftliche Abstellgleis führten. Hätte Herr Kohl seinerzeit den Mahnern zugehört, hätte er das wissen können, aber er ahnte wohl auch, das er das Ende des toten Gleises als politischer Zugführer nicht mehr erleben würde und zog es vor, seine historische Rolle als Wiedervereinigungskanzler, nicht mit dem unschönen Aspekt des wirtschaftlichen Niedergangs zu beflecken. Obwohl er dieses seinem politischen Widersacher und Nachfolger überließ, ist es doch das eigentliche Erbe, welches er diesem Land hinterließ.

Der zu Beginn der 1990er Jahre, zerfallende Kommunismus war das Gegengewicht zum Kapitalismus und zwang diesen nicht nur in eine räumliche Beschränkung, sondern auch zur Aufrechterhaltung sozialer Standards, zur Erhaltung der Attraktivität als politisches Gegenmodell. Der Wegfall dieses Gegengewichtes entfesselte den ungehemmten und unbegrenzten Kapitalismus, den wir heute Globalisierung nennen. Dies war der Zug auf den Herr Kohl dieses Land, ohne die geringsten Bedenken aufspringen ließ und er führte auf ein totes Gleis, da er auf unbegrenztes Wirtschaftswachstum setzte und dabei ignorierte, das eine unbegrenzte Expansion in einem geschlossenen System nicht möglich ist. Kurzfristig und so dachte Herr Kohl wohl, befreite dieser Weg ihn aber, eine Lüge einzugestehen. Versprach er doch den Deutschen, um die Zustimmung zur Wiedervereinigung zu erhalten, die damals nicht so selbstverständlich war wie sie heute zu sein scheint, nicht nur blühende Landschaften, sondern auch das Unmögliche. Die Wiedervereinigung werde niemanden auch nur einen Pfennig kosten. Kohl brauchte Geld und konnte es durch sein eigenes Versprechen, nicht von den Bürgern fordern. Der Export sollte es richten, das Geld sollte von außen kommen und so wurde der Einstieg in die Globalisierung kritiklos und ohne regulierende Maßnahmen, von der Politik forciert.

Young Mill WorkerEs war nicht so, das niemand erkannte, welch fatale Folgen dieser Weg haben würde, doch die, die ihre Stimme erhoben fanden kein Gehör. Zu weit links schienen die Bedenken und links galt als das überwundene, das falsche Wirtschaftssystem. Dabei konnte jeder Student der Wirtschaftswissenschaften bereits im ersten Semester erahnen, dass die freie Konkurrenz der Märkte weltweit, nicht nur die Waren in Konkurrenz zueinander stellt, sondern auch die Löhne und Sozialsysteme. Ein Umstand der zwingend die Angleichung aller Systeme fordert und nur für die Länder positiv sein kann, die aus einem geringeren Level nach oben angleichen, während alle Länder mit gehobenen Standards, nach unten abgleichen müssen. Dieser Umstand wurde in den 1990er Jahren durch indirekte Subventionierung der Löhne und direkte Subventionierung der Sozialsysteme kompensiert, bis zu Beginn des neuen Jahrtausends dies, aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr möglich war.

Mit Beginn des neuen Millenniums war der gefeierte Wohlstand und die beruhigende soziale Sicherheit, die Kernpunkte des wiedervereinigten Deutschlands, eine gewaltige Subventionsblase, die nun zu platzen drohte. So sah sich Bundeskanzler Schröder 2001 genötigt, in einer Rede vor dem Bundestag die Wohlfühlrepublik aufzulösen, indem er mehr Eigenverantwortung forderte und damit sagte, das der Staat in Zukunft nicht mehr, seiner bis dahin selbstverständlichen Verantwortung gegenüber seinen Bürgern, nachkommen werde. Es war das Ende der sozialen und der Beginn der freien Marktwirtschaft, die bald die Hartz Gesetze zur Folge haben sollte.

Peter Hartz der Namensgeber, eines im globalen Kontext zu verstehenden Sozialsystems, profilierte sich gegenüber seinem, nun als Wirtschaftskanzler gelten wollendem Herrn Schröder und Busenfreund, als Wegbereiter eines neoliberalen Wirtschaftssystems nach amerikanischem Vorbild und bewies seine mangelnde soziale Kompetenz nicht nur in einem bisher nicht dagewesenem Gesetzbuch der sozialen Rücksichtslosigkeit, sondern auch durch seine Griffe in die Sozialkassen seines Arbeitgebers, der VW AG, für die er dann später gerichtlich zur Rechenschaft gezogen wurde. Das erste Jahrzehnt des Neuen Jahrtausends wurde zur Dekade der sozialen Entrechtung, begleitet durch den vierstufigen Vollzug eines neuen Sozialgesetzbuches, das in seiner Vollendung als Hartz IV bekannt wurde und bis heute höchst umstritten ist.

Die Lektüre dieser Sozialgesetzbücher offenbart einen völlig neuen Gebrauch von gesetzlichen Normen und erklärt die mangelnde Akzeptanz in großen Teilen der Bevölkerung. Im allgemeinen Verständnis, sind Gesetze kein Verhaltenskodex aus denen zu entnehmen wäre, wie man sich korrekt zu verhalten habe, sondern Negativabgrenzungen die bestimmen, welches Verhalten nicht geduldet wird. Sie erhalten somit einen Rechtsraum der Eigenverantwortung in dem sich die Menschen frei bewegen und nur bei Ausbrüchen daraus, sich zu verantworten haben. Diesen Grundsatz stellen die Hartz Gesetze auf den Kopf, in dem sie einen zuvor generell und in allen anderen Gesetzen gegebenen Rechtsgrundsatz außer Kraft setzen und die Beweisumkehr einführen. Nunmehr ist es nicht der Staat der eine Behauptung des Bürgers als unrichtig zu beweisen hat, sondern der Bürger dem die Beweispflicht obliegt und damit die Richtigkeit seiner Behauptung zu belegen hat. Der elementare Rechtsgrundsatz der Unschuldsvermutung ist damit aufgehoben. Im weiteren wird die Vertraulichkeit des Rechtsverhältnisses gegenüber dem Staat aufgehoben. Mag man noch verstehen das jemand, der Hartz IV beantragt, seine wirtschaftlichen Verhältnisse offen legen muss, um Mißbrauch zu vermeiden, lässt sich jedoch im allgemeinen Rechtsverständnis nicht begründen, warum auch unbeteiligte Dritte, zum Beispiel in einem verwandtschaftlichen Verhältnis Stehende, ihre wirtschaftlichen Verhältnisse minutiös erklären müssen. Es war einmal eine gefeierte Errungenschaft freiheitlichen Rechtes, die Sippenhaft abgeschafft zu haben. Auch andere Rechtsgrundsätze, die die Grundsätzlichkeit eines Rechtsstaates begründen, wurden über Bord geworfen. Es galt zuvor das Zeugnisverweigerungsrecht, welches Verwandte ersten Grades und Ehepartner haben, um nicht gegen diese Aussagen zu müssen, insbesondere auch und gerade dann, wenn diese Straftaten begangen haben. Eine Leistungserschleichung von Hartz IV Bezügen wäre auch eine Straftat, jedoch gilt dieses Zeugnisverweigerungsrecht dann nicht mehr. Ehepartner und Verwandte ersten Grades sind gezwungen auszusagen mit katastrophalen Folgen für innerfamiliäre Beziehungen. Bei einem Vorwurf wegen Mordes müssten sie das nicht, weil der grundgesetzlich verankerte Schutz der Familie höherrangig ist. Dies führt zu dem irrwitzigen Rechtsstatus, das zwar jeder massenmordende Terrorist das Recht auf den Schutz seiner Familie genießt, nicht jedoch der Antragsteller sozialer Leistungen, der noch nicht einmal eine Straftat begangen haben muss.

Die Botschaft des Staates ist eindeutig. Das wirtschaftliche Interesse des Staates, die Durchführung der Globalisierung und die marktkonforme Gesellschaft, sind höherrangig zu bewerten, als etwaige Rechte des Bürgers, unabhängig ob diese allgemeine Rechtsgrundsätze oder grundgesetzlich verankert sind. Heute leben mehr als 6 Millionen Menschen ganz oder teilweise von Hartz IV, davon 1,6 Millionen Kinder. Seitens der Politik wird vehement verneint, das diese 8,5 % der gesamten Bevölkerung, Menschen zweiter Klasse sind. Dieses einzuräumen würde den sozialen Frieden gefährden. Doch Hartz IV Bezieher sind Menschen zweiter Klasse, allein schon weil allein für sie, ein Teil der allgemeinen Rechtsgrundsätze nicht gilt und ihnen gegenüber einige Grundrechte nicht zugestanden werden. Mit deutscher Gründlichkeit wurden zwei Rechtssysteme innerhalb dieses Landes etabliert, eines für die wirtschaftlich Unabhängigen und eines für die wirtschaftlich vom Staat Abhängigen. Ein System, welches weltweit in dieser Deutlichkeit einmalig ist und in jedem anderen Land, von der Regierung öffentlich gegeißelt werden würde.

Deutschland beansprucht innerhalb der Staatengemeinschaft eine führende Rolle als zivilisiertes Land. Internationaler Standard bei der Beurteilung des Grades der Zivilisation eines Landes, sind das Rechtssystem und die Kultur. Das Rechtssystem offenbart seine Qualität, durch den Umgang mit den schwächsten der Gesellschaft und die Kultur durch das Maß der Teilhabe an ihr, dabei auch hier insbesondere des schwächsten Anteils der Gesellschaft. Bei Betrachtung der gewährten finanziellen Mittel von Hartz IV Beziehern, offenbart sich auch im Bereich der Kultur ein düsteres Bild, obwohl die Teilnahme an Kultur ausdrücklich, defacto aber als Alibi, unterstützt wird. Gemäß den gültigen Regelsätzen stehen 43,17 Euro monatlich zur Verfügung für die drei Bereiche, Freizeit Kultur und Unterhaltung. Gedrittel verbleiben demnach für die kulturelle Teilnahme etwas mehr als 14 Euro. Entweder hat sich in den Reihen der Politik noch nicht herum gesprochen, das auch die Teilnahme an Kultur, durch Fahrtwege oder Eintrittsgelder nicht umsonst ist, oder man ist dort der Meinung, das ein Kino-Besuch pro Monat genug Kultur für einen Hartz IV Bezieher zu sein hat. Dies folgt dann dem allgemeinen Klischee, dass diese Menschen doch eher bildungsfremd und mit einem kulturresistentem Gemüt beschlagen sind. Dem müsste ein zivilisierter Staat dann, nach eigenem Verständnis, mit der Möglichkeit zur Bildung entgegen wirken, aber auch in diesem Bereich ist das Statement der Regierung eindeutig. 1,50 Euro müssen für die Bildung im Monat reichen. Das sich davon nur an einem Tag im Monat eine Tageszeitung, oder bei fleißigem Sparen, einmal im Jahr ein Billig-Roman beschaffen lässt, zeigt deutlich wie wenig Bildung einem Hartz IV Bezieher zugestanden wird. Diese Summe ist nicht einmal ausreichend, einen bestehenden Bildungsstand zu erhalten. Die Bundesregierung verweist gerne auf das Angebot von Weiterbildungsmaßnahmen, die sie bezuschusst. Spätestens hier wird es perfide, erklärt die Bundesregierung doch somit öffentlich, nicht nur das Bildung unerwünscht ist, sondern auch das sie gerne bestimmen möchte, was zu lernen ist, wenn Bildung eingefordert wird. Es wäre wohl zu ärgerlich wenn sich die Alimentierten wohlmöglich kritikfähiges Wissen aneignen würden. Dummheit zu unterstützen, war schon immer der effektivste Weg, sich Kritik zu ersparen.

Durch die offiziell propagierten Begründungen, lässt sich die reglementierende Alimentierung, des wirtschaftlich schwachen Bevölkerungsanteils nicht begründen. Sie dienen augenscheinlich der Argumentation derer, die sie nicht begründen wollen, gegenüber denen, die als ihre Empfänger scheinbar auch das Recht verwirkt haben, sie begründet zu bekommen. Im Grunde handelt es sich bei der Hartz IV Gesetzgebung nicht um Sozialrecht, sondern um erweitertes Wirtschaftsrecht. Alle rechtlichen Widersprüche und widersprüchliche Begründungen lösen sich auf, sobald die Seite des Betrachters gewechselt wird. Aus Sicht der Wirtschaft ist diese Gesetzgebung nicht nur logisch konsequent sondern auch zielführend.

Gemäß den Angaben der Bundesanstalt für Arbeit waren 2012, 1,2 Millionen Hartz IV Bezieher erwerbstätig, die sogenannten Aufstocker. Es ist dramatisch genug, das sich in diesem Land ein Wirtschaftssystem etabliert hat das 1,2 Millionen Menschen zur Arbeit zwingt, ohne das sie davon leben könnten. Es ist ein Skandal, das Arbeitgeber 1,2 Millionen Menschen mit einem Hungerlohn abspeisen und der Staat diesen Unternehmen die Sklavenarbeit, nichts anderes ist Arbeit ohne überlebensfähigen Lohn, subventioniert, um diesen damit entgegen den marktwirtschaftlichen Gesetzen, nach denen sie eigentlich pleite gehen müssten, einen höheren Gewinn zu verschaffen. Für die Arbeitnehmer ist es Zwang, da sie sich mit Beantragung der Leistung verpflichten, unter Androhung des Wegfalls des wirtschaftlichen Existenzminimums, diese Arbeit nicht aufzugeben, auch wenn sie geltenden arbeitsrechtlichen Normen nicht entspricht. Einzig und allein zumutbar muss diese Arbeit sein und was darunter zu verstehen ist, hat nicht der zu beurteilen, der sie zu ertragen hat, sondern ein Fallmanager, dessen Aufgabe es offiziell ist, möglichst viele Menschen aus dem Bezug von Leistungen und in Arbeit zu halten. Hier ergibt sich schon aus der Interessenlage des weisungsgebundenen Fallmanagers die Unmöglichkeit, einer sachlich richtigen Beurteilung eines Arbeitsplatzes, geschweige denn der Einbeziehung etwaiger Interessen des Leistungsempfängers. Aber auch die nicht erwerbstätigen Hartz IV Bezieher erfüllen einen marktwirtschaftlichen Zweck, der sich im Sinne der Wirtschaft, analog der Verschlechterung ihrer wirtschaftlichen Situation erhöht.

Die marktwirtschaftliche Anpassung der Sozialsystem bis hin zu Hartz IV, ist schon lange zu einem wirtschaftspolitischen Regulativ geworden und wie wirkungsvoll dieses ist, lässt sich an den Reallöhnen in Deutschland ablesen, die seit dem Jahr 2000 bis zum Jahr 2013 nicht gestiegen, sogar leicht gefallen sind. 13 Jahre in denen die Lebenshaltungskosten inflationsbedingt um 40% anstiegen, sich die Gewinne der Unternehmen, ebenso wie die Anzahl der Millionäre in diesem Land vervielfachten, brachten den Arbeitnehmern nichts außer einem Verlust der eigenen Kaufkraft um 40 %. Dieser auch dem Bürger bewusst gewordene Umstand, wird gerne auf die Umstellung auf den Euro abgewälzt, ist aber nichts anderes als die Folge der heimlichen Einführung einer marktkonformen Gesellschaft, die mit den Hartz IV Gesetzen eine Drohkulisse unterhält, die insbesondere Arbeitnehmer der unteren Lohngruppen permanent bangen lässt, schon morgen selbst von der staatlichen Entrechtung betroffen zu sein. So ließ und lässt sich wirkungsvoll die Forderung nach Lohnerhöhung unterdrücken, unbezahlte Mehrarbeit fordern und tarifliche Standards aushebeln, da die Unternehmer, wissend um das Hartz IV Drohpotential, immer und sofort den Verlust von Arbeitsplätzen androhen.

Hartz IV war der Sündenfall, der dieses Land aus dem Paradies der sozialen Marktwirtschaft verbannte und ist doch nur der erste Schritt in die vermeintliche Glückseeligkeit der unbegrenzten Marktwirtschaft. Durch soziale Entrechtung und permanente Verängstigung wurde ein neues Bild der Arbeit geschaffen. Arbeit ist nicht mehr das Mittel zur Erfüllung einer eigenen Lebensgestaltung und somit zweitrangig. Sie ist zum zentralen Mittel der Existenzerhaltung geworden. Allein ihren Sinn in Bezug auf das eigene Leben zu hinterfragen, scheint absurd geworden zu sein. Sie allein ist der Erfüllungsmaßstab zur Teilnahme an der Gesellschaft geworden und jeder der sich ihr entzieht ein Sozialschmarotzer. Dies ist jemand der die Sozialsysteme zu seiner eigenen Bereicherung ausnutzt, ohne bedürftig zu sein und unterstellt es denen, die anstatt jede noch so prekäre Arbeit auszuführen, im Bezug von Hartz IV stehen. Kaum eine Unterstellung ist so böswillig und inhaltlich falsch, wie diese. Schließlich sind es die Unternehmer die unterstützt, von einer ihnen wohlwollenden Gesetzgebung, sich ihrer sozialen Verantwortung entziehen, in dem sie im Verhältnis zu den Arbeitnehmern, unverschämt geringe steuerliche Abgaben, ihrer im weiter steigenden Gewinne genießen. Es sind die Unternehmer, die dreist genug sind ihre Gewinne zu realisieren, in dem sie die Lohnkosten für ihre Arbeitnehmer aus den Sozialkassen mitfinanzieren lassen. Es sind die Unternehmer, die die Infrastrukturen dieses Landes nutzen um ihre Waren und Dienstleistungen zu produzieren und zu verkaufen. Einer Infrastruktur, deren Errichtung und Unterhaltung sie den Steuerzahlern überlassen, während sie sich diesen Steuern zunehmend durch Steuerspar- und Vermeidungsmodelle entziehen. Wenn es Sozialschmarotzer gibt, dann sitzen sie in den Chefsesseln dieser Republik und freuen sich über die tatkräftige Unterstützung der Politik, die sie erpresserisch genötigt haben, für ihre Wunschvorstellung der unbegrenzten Märkte und Gewinne, die Bevölkerung zu verarmen und zu entrechten. Man mag diese Ansicht für hetzerisch halten, doch ist sie es nur, wenn man sie aus einem dieser Chefsessel und nicht aus Sicht der breiten Bevölkerung betrachtet.

Der nächsten Schritt wird nun TTIP sein. Zur Durchsetzung dieses Abkommens werden wieder die Rechte der Bürger eingeschränkt werden müssen, zur Erfüllung der höheren Ziele der Wirtschaft. TTIP ist nur durch massive Veränderungen im Grundgesetz möglich und da auch hier seitens der Regierung der Unmut des Volkes erwartet wird, wird die Grundgesetzänderung erst thematisiert werden, wenn das TTIP-Abkommen bereits unterzeichnet ist. Dann wird auch diese Entrechtung, im sprachlichen Habitus der Kanzlerin, alternativlos sein, da sich die Regierung dann bereits vertraglich dazu verpflichtet hat. Wieder werden es die Rechte der Wirtschaft sein, für die der Einzelne seine, ein weiteres mal ein Stück weit aufgeben muss und es wird wieder die Sozialgesetzgebung sein, der es obliegen wird, diese neuen wirtschaftlichen Rechte, als Arbeitnehmerpflichten umzusetzen. Spätestens seit dem Jahr 2000 und jedem Schritt der aktuellen Sozialgesetzgebung lässt sich sagen. Wer glaubt es geht nicht tiefer, wird schon bald eines besseren belehrt werden. Das Ende dieser Entwicklung wird erst gekommen sein, wenn für jeden Lebensumstand und jedes Leben selbst, nur noch die wirtschaftliche Begründung ausschlaggebend sein wird. Wer glaubte das die moderne Gesellschaft den Manchester-Kapitalismus überwunden hätte, muss zu Kenntnis nehmen, das dieser als Gedanke und wirtschaftliche Forderung,bereits wieder zurück gekehrt und zu einem pseudo-religiösen Anspruch in den Chefetagen geworden ist, der sich heute nur anderer Mittel bedient.

Ich verbleibe in diesem Sinne

Heinz Sauren


Autor Heinz Sauren befasst sich auf seinem Blog mit Ideologie- und Gesellschaftskritik. Seine bevorzugte literarische Form des Ausdrucks ist das Essay, aber auch den kleinen Bruder des Essays, den Aphorismus sowie Prosa, Lyrik und Satire.

Anm. d. Red.: Wir danken Heinz Sauren, dass er uns die Erlaubnis erteilt hat, seine Texte veröffentlichen zu dürfen.

Text- und Grafikquelle:

Freigeist BLOG – Gesellschaftskritik – Artikel

Beitragsbild: Bernd Kasper / pixelio.de

Analyse

Die FAZ und der “Verschwörungsjournalismus”

von Jens Berger

Am 09.12.2014 wollte es die FAZ offenbar allen Kritikern an ihrer Ukraine-/Russland-Berichterstattung so richtig zeigen. Im Artikel „Ist halt so, ist die Wahrheit!“ versucht sich FAZ-Autorin Anna Prizkau in einer Art Reportage über die neue Friedensbewegung. Was dabei herausgekommen ist, ist jedoch ein Pamphlet, dem man förmlich anmerkt, das es hier um weit mehr geht als „nur“ um eine Reportage über eine neue Bewegung. Prizkau geht es auch um die Ehre der FAZ und des „Qualitätsjournalismus“. Doch diesen Kampf um die Ehre verliert Frau Prizkau – sie macht die Sache nur noch schlimmer.

Man kann der neuen Friedensbewegung ja durchaus einige – meist in der Vergangenheit liegende – Fehler vorwerfen. Aber das, was Anna Prizkau in der FAZ macht, hat mit Journalismus nun wirklich nicht das Geringste zu tun. Da wird alles aus dem erweiterten Umfeld der Friedensbewegung in einen Topf geschmissen und ohne Sinn und Verstand zu einem boshaften Brei vermischt, der reaktionär und fad schmeckt. Wie man sieht, liegt Pedram Shahyar mit seinem „McCarthy-Vergleich“ goldrichtig.

Wäre Frau Prizkau in den späten Sechzigern aktiv gewesen, hätte sie sicher auch über die „langhaarigen Gammler“ gezetert, die auf ihren „Klampfen“ Liedgut zum Besten geben, das dem feingeistigen Geschmack der FAZ-Schreiberin nicht mundet. Anders ist die reaktionäre Passage über den „Info-Rapper“ nicht zu deuten. Man kann solche Musik mögen oder auch nicht – ich mag sie beispielsweise nicht. Die Häme, die hier jedoch aus jeder Zeile tropft, ist peinlich und fällt auch auf die Autorin zurück. Die Montagsdemos haben ja in der Tat ihre Probleme, sich glaubhaft von rechter Unterwanderung zu distanzieren. Sie sind aber – und das liest man in FAZ und Co. nie – links. Das ist ja eigentlich auch logisch – wie sollte eine rechte Bewegung von rechts unterwandert werden?

Wer seine Informationen über die Montagsdemos und die neue Friedensbewegung aber ausschließlich von FAZ und Co. bekommt, könnte glatt glauben, dass es sich hier tatsächlich um eine rechte demokratiefeindliche Bewegung handelt. Das ist Unsinn. Richtig ist jedoch, dass es auf den zahlreichen dezentralen Veranstaltungen durchaus einzelne Auftritte gibt, die man aus diesem Grund kritisieren muss. Eine konstruktive Debatte und auch eine konstruktive Kritik ist jedoch auf der Basis, die sie FAZ und Co. liefern, kaum mehr möglich. Was die versammelte Medienschar da abzieht, ist eine lupenreine Schmutzkampagne.

Doch diese Kampagne greift nicht und daran sind die Medien selbst schuld. Ihre Einseitigkeit – gerade beim Themenfeld Ukraine/Russland – ist mittlerweile den meisten Lesern bekannt und jede noch so angestrengte Vorwärtsverteidigung nach dem Motto „Haltet den Dieb“ wird von vielen Lesern als Meinungsmache erkannt. Wäre das Thema nicht so traurig, man könnte glatt lachen – durch ihre übertriebene Einseitigkeit haben die Meinungsbildner von einst ihre Deutungshoheit verspielt. Und anstatt sich seriös und konstruktiv diesem Problem zu stellen, überzieht man lieber komplett und verspielt damit auch noch den letzten Rest an Glaubwürdigkeit.

p.s.: Wenn Ihnen nach (unfreiwilliger) Satire ist, dann lesen Sie sich doch bitte (noch) einmal den letzten Absatz von Pritzkaus Text durch.

Jens Berger


Textquelle: Nachdenkseiten zum Artikel

Beitragsbild: „Analyse“ – pixabay.com

Generation_Y_by_Pete_Ashton

Generation Y

von Dr. Manfred Sohn

Eine junge Kollegin von mir sitzt gerade an ihrer Bachelor-Arbeit, die sich mit der „Generation Y“ befaßt – ihrer Generation, deren Mitglieder im Zeitraum von etwa 2000 bis 2015 zu den Teenagern zählte.

Der Begriff mag wieder so ein Kunstprodukt der Soziologie sein. In der 80er Jahren löste der damalige Professor Thomas Ziehe eine Welle von Büchern und gut dotierten Stellen im akademischen Betrieb aus, die sich fortan intensiv mit dem von ihm deklarierten „Narziß – ein neuer Sozialisations-Typus“ befaßten. Der akademische Betrieb ist in unserer Phase des Kapitalismus zunehmend in der Lage, sich selbst tragende Selbstbeschäftigungs-Themen zu erzeugen, die in abnehmenden Maße für die nichtakademische Welt noch interessant oder gar nützlich sind. Die gegenwärtig viel diskutierte „Generation Y“ jedenfalls sei, – so lernte ich durch die junge Kollegin – (wie es Wikipedia ausdrückt) „vergleichsweise gut ausgebildet, oft mit Fachhochschul- oder Universtitätsabschluß“ ausgestattet und im Internet zu Hause. Die ihr angehörigen Menschen seien aber in hohem Maße illusionslos gegenüber ihren eigenen Zukunftsperspektiven, die sie als von zunehmender Unsicherheit geprägt empfinden. Hohe Qualifikationen, die früher Garant für gesichertes Einkommen galten, koppeln sich von der Frage des späteren materiellen Lebensstandards ab.

Das ist eine interessante Entwickelung, die ein Schlaglicht auf den gegenwärtigen Stand des Kapitalismus wirft. Der ist zunehmend durch zwei gegenläufige Tendenzen gekennzeichnet.

Zum einen ist er so produktiv, daß die erwachsenen Menschen weltweit im Durchschnitt nur 20 bis höchstens 30 Wochenstunden tätig sein müßten, um sich selbst und alle auf dem Globus lebenden Kinder und Alten mit Wohnraum, Kleidung, Nahrung, Fortbewegungsmitteln und Kulturgütern zu versorgen. Die überschießende Produktivität, die aber eben durch allgemeine Arbeitszeitverkürzung auf alle verteilt wird, fließt so ökonomisch gesprochen in Blasen aller Art. Das sind die Spekulationsblasen, in denen Vermögen als Anspruch auf spätere Leistungen gebildet werden. Das sind auch die akademischen Blasen, in denen, wie erwähnt, Wissenschaftler aller Kategorien aufgeregt, aber zweckfrei in Büchern und Kongressen irrelevante Frage eifrig debattieren.

ZukunftDie andere Tendenz aber bleibt unverändert: Kapitalismus kann diese Blasen nur erzeugen, indem er Profit bildet, von denen ein Teil durch den Staat via Steuern abgeschöpft wird. Profit – sein inneres Treibmittel – läßt sich durch die einzelnen Unternehmen nur erzielen, wenn die einzig mehrwertbildende Ware, die Ware Arbeitskraft, so lange wie möglich im kapitalistischen Produktionsprozess vernutzt wird. Also gibt es für diejenigen, die Arbeit finden, die ständige Anforderung, möglichst lange Arbeitstage abzuliefern. Teilzeitarbeit ist tendenziell daher im Kapitalismus immer prekär und längere Auszeiten – zum Beispiel zur Kindererziehung – sind dem Kapital nur über gesetzlichen Zwang abzutrotzen. Diese Aufspaltung in einen Bevölkerungsteil, der sich überarbeitet und einen anderen, der von Arbeit freigesetzt wird, wie es so schön heißt, ist also systemimmanent. Diese Tendenz ist in unseren Zeiten dank der Fortschritte durch die Mikroelektronik so ausgeprägt, daß vor allem Jugendliche in wachsender Zahl vom Kapital nicht mehr benötigt werden. Also steigen in allen kapitalistischen Ländern die Zahlen der dauerhaft Arbeitslosen und hier vor allem der jungen Arbeitslosen an. Das ist die Grundströmung, die sich im Bewußtsein der erwähnten „Generation Y“ als Zukunftsunsicherheit widerspiegelt.

Die wohlhabenden Länder, zu denen die Bundesrepublik Deutschland gehört, entwickeln verschiedene Programme, um diesen Widerspruch wenn nicht zu lösen, so doch politisch zu entschärfen.

In einer Wohngemeinschaft vorwiegend junger Menschen, der ich kürzlich eine Weile angehören durfte, gab es zwei hochintelligente Mitglieder dieser „Generation Y“, die staatliche Gelder dafür bekommen, Forschungsprojekte mit dem Ziel durchzuführen, am Schluß einen Doktortitel vor ihren Namen hängen zu können. Der eine erforscht Urwälder in der Slowakei, die andere das Verhalten von Fledermäusen in Weißrußland. Kapitalistisch verwertbar wird beides vermutlich nicht sein. Aber beide arbeiten – nachdem sie die Hürden der oft unsinnigen, manchmal kleinlich-unwürdigen Bewerbung um die Dissertationsstipendien genommen hatten – begeistert an ihren Forschungen. Ihre Themen, vor allem aber die Tatsache, daß sie nach dem Hürdenlauf mit schmalen Budget ihre Arbeitskraft für zwei bis drei Jahre nicht mehr woanders verkaufen müssen,  erinnern an einen verkrampften Vorgriff auf Marx‘ Traum von einer Zukunft, in der jeder unabhängig von äußeren ökonomischen Zwängen den Tätigkeiten nachgehen könne, nach denen ihm oder ihr gerade der Sinn steht. Die staatlich dafür aufgewendeten Gelder sind so gewaltig nicht. Sie entsprechen ungefähr dem, was jemand an Steuern abzuführen hat, der in unterer leitender Funktion in einem der großen Konzerne lohnabhängig tätig ist. Aus „Ver-wertungs-Sicht“ sind sie dennoch Bestandteil der sich zunehmenden bildenden Blasenökonomie. In diese Forschungen fließen Gelder, die produktiv innerhalb dieses Systems aller Voraussicht nach nicht mehr so angewendet werden können, daß sie eines Tages Profit erzeugen. Aber es sind, wenn wir so wollen, gute Blasen.

Why_Army_Soldier_VietnamkriegEs besteht die Gefahr, daß sie demnächst zerplatzen. Sigmar Gabriel und Frank-Walter Steinmeier schrieben am 1. September – welches Datum! – im „Handelsblatt“ unter dem Titel „Nicht abseits stehen“, die Welt sei „aus den Fugen geraten“ und müsse – auch mit „militärischer Unterstützung“ wieder in die Fugen gebracht werden. In den Wochen danach ist eine wohl abgestimmte Kampagne angelaufen, um den deutschen Rüstungsetat auf zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts anzuheben. Dies entspricht den Forderungen der USA und Großbritanniens, den bisher einzigen Staaten der NATO, deren Rüstungsetat diese Größenordnung aufweist. Bestandteil dieser Kampagne ist das Wehklagen über die sich häufenden Unzulänglichkeiten am militärischen Gerät, der den Hauptzweck hat, dieser Kampagne die scheinbare Gründe für die bevorstehende Aufrüstung zu liefern.

Über welche Größenordnungen reden wir hier? Unser Bruttoinlandsprodukt betrug 2013 rund 3,7 Billionen US-Dollar. Davon flossen rund 50 Milliarden in den offiziellen Rüstungsetat, mithin knapp 1,4 Prozent. Sollen es, wie Merkel und von der Leyen im Gefolge von Obama wünschen, bald 2 Prozent sein, wären das gut 73 Milliarden Dollar. Bei zur Zeit weitgehend stagnierender ökonomischer Leistungskraft müsste ein erheblicher Teil der Differenz von 23 Milliarden Dollar aus anderen Bereichen staatlicher Mittelaufwendung umgeleitet werden. Geld für Fledermausforschung gibt es dann wahrscheinlich nur noch beim Nachweis militärischer Nutzbarkeit. So wie die politischen Kräfteverhältnisse sind, wird die Umschichtung der Etats kommen. Dem diese Umverteilung vorbereitenden Trommelfeuer aus Tränen (wegen der IS-Barbarei) und Panik (weil wir nicht genug gerüstet sind für diese schreckliche Welt) gegenüber werden die parlamentarischen Parteien mehr oder weniger bereitwillig die Köpfe einziehen.

„Generation Y“ wird, wie das heute auch üblich ist, natürlich englisch ausgesprochen – das „Y“ also wie „why“. Das hat, wahrscheinlich unfreiwillig, einen tiefen Sinn. Die Namensprägung „Generation why“ erinnert angesichts der kriegerischen Zeiten, die kommen werden, an ein altes Antikriegsplakat, das einen Soldaten zeigt, der, gerade von einer Kugel getroffen, Arme und Gewehr in der letzten Bewegung seines jungen Lebens nach oben wirft. Überschrieben ist das Plakat mit einem einzigen Wort: „Why?“. Das ist, wenn nicht gewaltige Veränderungen geschehen, die wahre Perspektive dieser Generation.

Manfred Sohn


Textquelle: Kritisches Netzwerk  Vielen Dank Helmut!

Bild- und Grafikquellen:

  1. Generation Y.  Foto: Pete Ashton. Quelle: Flickr. > Foto. Creative Commons. Attribution-NonCommercial 2.0 Generic (CC BY-NC 2.0)
  2. Mann auf Karton sitzend, über die Zukunft nachdenkend. Foto: Bernd Kasper. Quelle: Pixelio.de
  3. „WHY?“ Quelle: Internetfund. Ursprünglich ein Plakat der Antikriegsbewegung gegen den Koreakrieg(?)

Der Pressespiegel

Wie die Medien für die Mächtigen zum Krieg trommelten

von Herbert Ludwig

Die gefährlichsten Massenvernichtungswaffen sind die Massenmedien.

(M.A. Verick)

Immer wieder wird behauptet, es sei ein Verdienst der EU und ihrer Vorgängerorganisationen, seit nunmehr siebzig Jahren verhindert zu haben, dass die Völker nach den zwei Weltkriegen des vorigen Jahrhunderts wieder übereinander herfallen konnten. Das ist eine Verschleierung der Wahrheit. Kriege gingen und gehen nie von den Völkern aus, sondern immer von den Herrschenden bzw. deren Fäden ziehenden Hintermännern, die mit Hilfe der von ihnen gelenkten Medien die Menschen täuschen, belügen und in den Krieg treiben.Und von den Herrschenden wird auch heute über die Köpfe der Menschen hinweg die diktatorische EU veranstaltet. In den modernen Machtstaaten, die mit Gesetzen den Willen der Menschen grundrechtswidrig von außen lenken (vgl. „Die Macht macht untertan“) – da besteht zwischen Diktaturen und „Demokratien“ kein Unterschied – sind die Medien Bestandteil der bestehenden Machtstrukturen. Denn durch nichts kann das Bewusstsein der gutgläubigen Menschen so total manipuliert werden. Über dieses Zusammenspiel sollen hier Schlaglichter auf drei am Ersten Weltkrieg beteiligte Länder geworfen werden.

Die Funktion der Presse in England vor dem Ersten Weltkrieg

In England hatte sich 1909 um Lord Alfred Milner ein elitärer Kreis einflussreicher Politiker und Gelehrter unter dem Namen  The Round Table mit dem Ziel gebildet, immer mehr Einfluss auf die britische Politik zu nehmen, um aus dem Anspruch gottgewollter Überlegenheit der englischen „Rasse“ intensiv für eine imperialistische Ausbreitung des Britischen Empire zu wirken. Dazu sahen sie einen Krieg mit Deutschland als unausweichlich an. Zum engeren Kreis der voll in die Ideen und Impulse Eingeweihten rechnet der amerikanische Historiker Carrol Quigley neben Lord Milner: Lord Esher, Earl Albert Grey, A.J. Balfour, W.T. Stead, Philip Kerr, Lionel Curtis und weitere 9 Mitglieder. Um sie herum bestand ein weiterer Kreis, der wohl nicht mit allen Aspekten der Sache vertraut war. Dann kam noch ein äußerer Kreis von Helfern hinzu, der eine relativ große Zahl von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens umfasste, zu denen auch der von 1905 – 1916 als Außenminister amtierende Edward Grey gehörte. Geistige Heimat des Kreises war die Universität Oxford, speziell die Colleges Balliol und New College sowie die beispiellose Einrichtung des All Souls College, das als geistiger Kern des Britischen Empire gilt. (Vgl.: „Wie einflussreiche Kreise“)

Britisches PropagandaplakatFrüh war man von der Notwendigkeit überzeugt, Zugang zu Einrichtungen des Bildungswesens und insbesondere der Presse zu erhalten, um Einfluss auf das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu gewinnen. Man erreichte, dass Geoffrey Dawson, Milners Privatsekretär in dessen Zeit in Südafrika, Herausgeber der Times und damit der führende Newspaperman in Großbritannien wurde. Andere Round Tablers wie Philip Kerr  [1] (unter dem Pseudonym „Voyageur“) veröffentlichten in der Times Artikel. „Kerr schrieb außerdem regelmäßige Kolumnen für den Christian Science Monitor, aber auch in The Spectator, Nation and Athenaeum sowie Contemporary Reviews.“  [2]  Kerr war zudem Chefredakteur der eigenen Hauszeitschrift The Round Table. Das Mitglied Edward Grigg  [3] publizierte in den eher rechten National und Fortnightly Reviews sowie in John Garvins Observer. „Die Zeitschrift International Conciliation, finanziert und herausgegeben von ( dem amerikanischen Bankier) J. P. Morgan, druckte ganze Artikel aus The Round Table nach, aber veröffentlichte auch neue von Kerr und Brand.  [4] (…) Zu den Direktoren der Nachrichtenagentur Reuters zählten Malcolm, Grigg, John Buchan und Sir Roderick Jones.“  [5]  Schließlich bildete der Historiker Reginald Coupland, Professor für die Geschichte des Britischen Empire und für Kolonialgeschichte in Oxford, nach eigenen Worten „ein Gefäß der Imperialen Arbeit“. [6]

Durch dieses Geflecht waren sozusagen konzertierte Aktionen möglich. Beispielsweise

verkündet ein Staatsmann (und Mitglied der Gruppe) eine politische Entscheidung. Ungefähr zur selben Zeit veröffentlicht das Royal Institute of International Affairs eine Studie über dasselbe Thema, und ein führender Akademiker aus Oxford, ein Fellow aus All Souls (und Mitglied der Gruppe) veröffentlicht ebenfalls einen Band über das Thema (…). Die politische Entscheidung des Staatsmanns wird in einem Leitartikel von ´The Times´ einer kritischen Analyse unterzogen und schließlich gutgeheißen, während die beiden Bücher in einer einzigen Rezension in ´The Times Literary Supplement´ besprochen werden. Sowohl der Leitartikel wie die Buchbesprechung sind anonym, aber von Mitgliedern der Gruppe verfasst. Und schließlich tritt, ungefähr gleichzeitig, ein anonymer Artikel in (der eigenen Hauszeitschrift)´The Round Table´ für die gleiche politische Entscheidung ein. [7]

Bereits in der ersten Nummer der Hauszeitschrift The Round Table im November 1910 lenkte Philip Kerr das Bewusstsein der Öffentlichkeit auf einen angeblichen Gegensatz zwischen England und Deutschland, wobei letzteres als kriegslüstern und England als friedliebend dargestellt wurden:

Der Gegensatz zwischen England und Deutschland bildet die zentrale Tatsache der heutigen internationalen Situation. Deutschland ist der Unruheherd, dessen Rüstung und Ehrgeiz die Welt in einem Krieg zu verschlingen drohen. England ist die Macht, deren höchstes Interesse in der Wahrung des Friedens liegt. (…) Hierin besteht ein ewiger Konflikt. Es ist kein bloßer Wettstreit der Rivalen über die Frage, wer der Größte sein soll. Es ist ein Konflikt zwischen den freiheitsliebenden Bürgern des Britischen Empire und den enthusiastischen Vertretern der nationalen Größe Deutschlands. [8]

Auf diese Weise wurde die Bevölkerung langsam für einen Krieg gegen Deutschland eingestimmt, dessen Ausbruch 1914 wesentlich von der englischen Regierung mitherbeigeführt wurde (Vgl.: „Wie einflussreiche Kreise“). – Die enge Verflechtung von führenden Kreisen, staatlichen Machtstrukturen und der Presse in England wird hier etwas minutiös geschildert, weil sie gewissermaßen exemplarische Bedeutung hat.

Die korrumpierte Presse in Frankreich vor dem Ersten Weltkrieg

Feldpostkarte von 1919 "Un gros bonjour de Bochie" (Viele Grüße aus Deutschland)

Feldpostkarte von 1919 „Un gros bonjour de Bochie“ (Viele Grüße aus Deutschland)

Seit der Niederlage von 1871 gegen Deutschland wuchs in elitären Kreisen Frankreichs der Wille nach Revanche, nahm in den Bündnisverträgen mit Russland und England konkrete Form an und erreichte Anfang des 20. Jahrhunderts einen Höhepunkt. Ein Hauptvertreter war Raymond Poincaré, der im Januar 1912 Ministerpräsident und Außenminister wurde und von 1913 bis 1922 als Staatspräsident die französische Politik prägte.

In einem kürzlich erschienen Essay „Die Schuld lag nicht bei Deutschland“ weist der Franzose Phillippe Simonnot darauf hin, dass es in Frankreich schon früh vereinzelte Stimmen gab, die Poincaré  als regelrechten Kriegstreiber entlarvten und resümiert dazu: „In der Tat handelte es sich weniger um Völker oder Nationen (als Kriegstreiber), sondern um die Fürsten, die regierten.“ So schrieb 1920 Fernand Gouttenoire de Toury: „Die Regierungen, allesamt in der Hand finanzieller Mächte, (…) bereiten permanent und entgegen ihrer Behauptungen derartige Kriege vor. Dies geschieht durch den Unterhalt von Armeen, und so kommt der Tag, dass die unglücklichen Völker gegeneinander in die Schlacht geworfen werden.“ „Der Präsident der Französischen Republik hat sich entschlossen, (…) Anhänger des zaristischen Panslawismus zu werden, um Frankreich einen Revanche-Krieg zu ermöglichen und so die verlorenen Provinzen Elsass und Lothringen wieder zu erlangen.“ [9]

Noch radikaler drückte sich 1933 Félicien Challaye aus: „So war nach dem Willen von Poincaré der Krieg niemals ein Verteidigungskrieg, der die Verteidigung der Grenze zum Ziel hatte. Er war vielmehr ein Revanche-Krieg, der die Rückeroberung von Elsass und Lothringen zum Gegenstand hatte. Im Bewusstsein mehrerer französischer und russischer Führer war dies sogar ein sehr viel weiter gehender Eroberungskrieg, bei dem es darum ging, das Saargebiet, die linksrheinischen Gebiete und Konstantinopel sowie die Dardanellen in den Griff zu bekommen.“ [10]

Die französische Presse galt von vor dem 1. Weltkrieg bis zum Beginn des 2. Weltkrieges als die bestechlichste der Welt. „Um die pazifistischen und antimilitaristischen Strömungen im Land vor 1914 zum Schweigen zu bringen, bediente sich die französische Regierung auf Anraten des Finanzministers Rouvier gern der Geldmittel aus Russland. Zeitungen wie Le Temps (Vorgänger von Le Mond), Le Figaro, Le Gaulois, Le Petit Parisien, Le Martin, Le Journal officiel  bekamen regelmäßige Zuwendungen aus einem Spezialfonds, der allein währen der Balkankriege 1912 und 1913 jeweils 300.000 Francs betrug und der von Poincaré abgesegnet und überwacht wurde, um die ihm feindlich gesonnenen Journalisten zu neutralisieren. (Der russische) Botschafter Izvol´skij, der persönlich Journalisten wie Jules Hedeman (London Korrespondent von Matin) und André Tardieu vom Temps (von 1926 bis 1932 mehrmals französischer Minister und Ministerpräsident) täglich aufsuchte und finanziell versorgte, zahlte allein 1913 eigenhändig 374.000 Francs. Dabei mahnte er seinen Vorgesetzten Sazonow im Dezember 1912, die Geldmittel nicht versiegen zu lassen. ´Jeden Tag bemühe ich mich, die wichtigsten Zeitungen persönlich zu beeinflussen`, hob er hervor.“ [11]

Die Verbindungen der französischen Presse „mit dem Außenministerium hatten etwas in Europa Einzigartiges“, schreibt Phillipp Simonnot. Sie gingen in beiderlei Richtung „und zwar in der Weise, dass niemand so recht wusste, in welcher Richtung der Transmissionsriemen nun wirklich funktionieren würde.“ Der Einfluss der Zeitungen wurde dadurch noch verstärkt, „dass die Hälfte der Minister der Dritten Republik irgendwann in ihrem Leben einmal eine literarisch-journalistische Laufbahn absolviert hatte. Der Journalismus wurde wie eine natürliche Vorstufe zur Politik angesehen, und Journalisten wurden sogar Abgeordnete. Viele behielten finanzielle Verbindungen mit ihren Zeitungen.“ [12]

Die abhängige Presse in den USA vor dem Ersten Weltkrieg

US-Plakat 1917Es ist kein Geheimnis, dass in den USA die eigentliche Macht in den Händen führender Finanzkreise liegt, aus denen die Politiker entweder hervorgehen oder von ihnen gesteuert werden. Einer der Politiker, der es wissen muss, Franklin D. Roosevelt, US-Präsident von 1933-1945, schrieb in einem vertraulichen Brief: „Die tatsächliche Wahrheit ist, dass seit den Tagen von Andrew Jackson (US-Präsident 1829-1837) gewisse Teile der großen Finanzzentren die Regierung beherrschen.“ [13]

Einen Höhepunkt hatte diese private Finanzmacht erreicht, als am 23. 12. 1913 Präsident Woodrow Wilson das vorher (in den Weihnachtsferien) vom Kongress beschlossenes Gesetz über das „Federal-Reserve-System“ (FED) in Kraft setzte, mit dem die Notenbank mit dem Geld- und Kreditsystem einem privaten Bankenkonsortium übertragen wurde. Woodrow Wilson wurde erst später bewusst, an was er mitgewirkt hatte: „Ich bin ein höchst unglücklicher Mann. Ich habe unbeabsichtigter Weise mein Land ruiniert. Eine große Industrienation wird nun von ihrem Kreditsystem beherrscht. Unser Kreditsystem liegt konzentriert in den Händen einiger Weniger. Wir sind zu einer (…) der am meist kontrollierten und dominierten Regierung der Welt geworden, (…) Unsere Regierung basiert nicht länger auf der freien Meinung, noch auf der Überzeugung und dem Mehrheitsbeschluss, es ist nun eine Regierung, welche der Überzeugung und dem Zwang einer kleinen Gruppe marktbeherrschender Männer unterworfen ist.“ [14]

Es versteht sich, dass diese Machtzirkel neben der Regierung auch die wichtigsten Medien in der Hand haben müssen, um das Bewusstsein der Menschen zu besetzen und öffentlichen Druck auf die Politik ausüben zu können. Der Bürgermeister von New York John Francis Hylan traute sich 1922 in einer Rede offen darauf hinzuweisen:

Die wahre Bedrohung unserer Republik ist diese unsichtbare Regierung, die wie ein Octopus ihre schleimigen Tentakeln über Stadt, Staat und Nation ausbreitet. Um nicht bei bloßen Generalisierungen zu bleiben, lassen Sie mich aussprechen, dass der Kopf dieses Octopus die Rockefeller Standard Oil Interessen und eine kleine Gruppe mächtiger Banken sind …. Diese kleine geschlossene Gesellschaft mächtiger internationaler Banker leitet praktisch die US-Regierung im Sinne ihrer eigenen selbstsüchtigen Interessen. Sie kontrollieren praktisch beide politischen Parteien, schreiben politische Programme, machen Parteiführer zu ihren Handlangern, benutzen die führenden Männer privater Organisationen und greifen auf jeden Trick zurück, um nur solche Kandidaten zur Nominierung für hohe politische Ämter zu platzieren, die sich dem Diktat des korrupten ‘big business’ fügsam zeigen. Diese internationalen Banker und Rockefeller-Standard Oil Interessen kontrollieren die Mehrheit der Zeitungen und die Kolumnen dieser Zeitungen, um diejenigen Inhaber öffentlicher Ämter in die Unterwerfung zu zwingen oder aus dem Amt zu drängen, die es ablehnen, den machtvollen, korrupten Cliquen zu dienen, aus denen die unsichtbare Regierung besteht. [15]

John Swinton, einer der bedeutendsten Journalisten New Yorks Ende des 19 Jahrhunderts, der auch zehn Jahre bei der New York Times gearbeitet hatte, brachte bereits 1880 die Abhängigkeit der Presse schonungslos auf den Punkt. Auf einem ihm zu Ehren gegebenen Bankett von Kollegen lobte jemand in einem Trinkspruch die Freiheit der Presse. Doch Swinton sprach zum Schock der anderen unverblümt die Wahrheit aus:

Es gibt hier und heute in Amerika nichts, was man als unabhängige Presse bezeichnen könnte. Sie, liebe Freunde wissen das, und ich weiß es gleichfalls. Es gibt keinen unter Ihnen, der es wagt, seine ehrliche Meinung zu schreiben, und wenn Sie sie schrieben, wüssten Sie im Voraus, dass sie niemals gedruckt würde. Ich werde wöchentlich dafür bezahlt, meine ehrliche Überzeugung aus der Zeitung, der ich verbunden bin, herauszuhalten. (…) Jeder von Ihnen, der so dumm wäre, seine ehrliche Meinung zu schreiben, stünde auf der Straße. (…) Das Gewerbe eines Publizisten ist es vielmehr, die Wahrheit zu zerstören, geradezu zu lügen, zu verdrehen, zu verleumden, die Füße des Mammon zu küssen und sich selbst und die Gesellschaft um des täglichen Brotes willen wieder und wieder zu verkaufen. (…) Wir sind die Werkzeuge und Vasallen reicher Finanzgewalten hinter der Szene. Wir sind die Marionetten, sie ziehen die Schnüre und wir tanzen. Unsere Talente, unsere Fähigkeiten und selbst unser Leben gehören diesen Männern. Wir sind intellektuelle Prostituierte. [16]

1912 schrieb der Abgeordnete Joseph Sibley, ein Vertreter der Rockefeller-Interessen im Parlament, an John D. Archbold von Standard Oil: “Wir benötigen ein effizientes Büro für Pressefragen, nicht für einen Tag oder für eine Krise, sondern für eine ständige gesunde Kontrolle der Associated Press (globale Nachrichtenagentur) und vergleichbarer Organisationen.“ So etwas realisierte sich einige Jahre später. Der Kongressabgeordnete Callaway stellte fest: “Im März 1915 hat sich eine Interessengemeinschaft bestehend aus Vertretern von J.P.Morgan, der Stahl-, Werft- und Munitionsindustrie und ihrer angeschlossenen Firmen gebildet, die 12 hochrangige Vertreter aus der Medienlandschaft auswählte und sie beschäftigte, um die einflussreichsten US Zeitungen auszuwählen und um eine Anzahl dieser in ihrer täglichen Berichterstattung zu kontrollieren.”  Der Medienkritiker Patrick S. J. Carmack bemerkt dazu: „Diese Interessengemeinschaft fand heraus, dass es lediglich notwendig war, die 25 größten Zeitungen aufzukaufen. Man traf eine Vereinbarung, und die Grundsätze und Ausrichtung dieser Zeitungen wurden sprichwörtlich aufgekauft, ein Editor wurde für jede Zeitung eingestellt, um vor allem die Themen der Kriegsvorbereitung für den Eintritt der USA in den ersten Weltkrieg sowie alle militärischen und finanziellen Fragen und anderen Themen mit nationalen und internationaler Bedeutung im Sinne der Käufer zu überblicken und notfalls zu editieren.“ [17]

Neunzig Prozent der amerikanischen Bevölkerung waren gegen jegliche Beteiligung der USA am Ersten Weltkrieg. Daher betonte die Regierung auch eine strikte Neutralität. Die stand allerdings nur auf dem Papier. Denn zwischen 1914 und 1917 vergaben die Wallstreet-Banken mehr als 1,5 Milliarden Dollar Kredit an die Gegner Deutschlands, und auch Waffen- und Munitionslieferungen nach England fanden statt. Es lag also im Interesse der führenden Kreise der USA, dass die Gegner Deutschlands den Krieg gewannen, und es war Englands Interesse in der Not des Krieges, die USA auch aktiv kämpfend an seine Seite zu ziehen. England benutzte gegen internationales Recht Passagierschiffe für versteckte Waffen- und Munitionstransporte aus den USA. Am 7.5.1915 versenkte deshalb ein deutsches U-Boot vor Irland – nach dem Kriegsrecht berechtigtermaßen – das Passagierschiff Lusitania, mit dem 1198 Menschen untergingen.

Die Nachricht löste ein politisches Erdbeben aus. Wütend empörten sich Londoner Zeitungen über die moralische Verkommenheit Deutschlands. Die Versenkung der Lusitania sei das gemeinste der vielen gemeinen Verbrechen, mit denen sich die deutschen Streitkräfte besudelt haben, das unheimlichste Verbrechen der Geschichte. Die weltpolitische Lage drohte zu eskalieren, als bekannt wurde, dass von den 159 US-Bürgern an Bord 128 starben. Der US-Botschafter in London empfahl nach Washington: “Die USA müssen den Krieg erklären, oder sie verlieren den Respekt der Europäer.” US-Präsident Woodrow Wilson nannte die Tat “den schlimmsten Akt von Seeräuberei in der Geschichte der Menschheit”. [18] Zudem gab die amerikanische Regierung die falsche Meldung heraus, dass deutsche Schulkinder am Tage des Unterganges der Lusitania schulfrei bekommen hätten, um dies zu feiern. [19] Eine entsprechende Hetze brach in der US-Presse los. Die New York Tribune schrieb: „Seit dem 7. Mai werden Millionen in diesem Land bedauern, daß in Flandern keine Amerikaner mitfechten gegen Hunnen und Vandalen.“ So wurde die öffentliche Meinung zum Umschwenken gebracht, und immer mehr Stimmen sprachen sich offen für einen Kriegseintritt der USA gegen das Deutsche Reich aus. Der Lusitania-Fall bereitete in Amerika das Klima, in dem US-Präsident Wilson dann zwei Jahre später auf Seiten der Westmächte in den Ersten Weltkrieg eintrat.

„Die gefährlichsten Massenvernichtungswaffen sind die Massenmedien“, schrieb M.A. Verick. [20] Sie müssen als solche entlarvt werden. Denn sie treiben auch heute im Auftrag der Mächtigen ihr explosives Spiel.

Herbert Ludwig


Autor Herbert Ludwig: Nach kaufmännischer Lehre Studium und Ausbildung zum Rechtspfleger, 4 Jahre Tätigkeit an hessischen Amtsgerichten. Danach Studium an der Pädagogischen Hochschule Reutlingen mit den Schwerpunkten Erziehungswissenschaften, Philosophie, Geschichte, Deutsch, sowie Waldorfpädagogik am Waldorflehrer-Seminar Stuttgart. 27 Jahre Lehrer an der “Goetheschule – Freie Waldorfschule – Pforzheim”. Ruhestand.

http://fassadenkratzer.wordpress.com

Bild- und Grafikquellen:

  1. Beitragsbild: „Der Pressespiegel“ – RainerSturm  / pixelio.de
  2. „Britisches Propagandaplakat“ – Wikipedia CC-Lizenz
  3. „Viele Grüße aus Deutschland“ – Wikipedia CC-Lizenz
  4. „US-Plakat 1917“ – Wikipedia CC-Lizenz

Fußnoten:

  1. Philip H. Kerr (Lord Lothian, 1882-1940), Privatsekretär von Premier Lloyd George 1916-21, Sekretär des Rhodes-Trust 1916-21, Unterstaatssekretär für Indien 1931-32, Botschafter in den USA 1939-40. Nach Markus Osterrieder: Welt im Umbruch, Stuttgart 2014, S. 885
  2. hier und im Folgenden a. a. O. S. 897
  3. Edward Grigg (Lord Altrincham, 1879-1955), Mitarbeiter von The Times 1903-13, Sekretär von Edward VIII. 1919-20, Privatsekretär von Lloyd George 1921/22, Parlamentsabgeordneter 1922-25 und 1933-45, Sekretär des Rhodes-Trust 1921-25, Gouverneur von Kenia 1925-31, diverse Regierungsposten 1939-45. Nach Osterrieder S. 886
  4. Robert H. Brand (Lord Brand 1878-1963), nach 1910 Geschäftsführer des Bankhauses Lazard Bros. & Co., Co- Direktor der Lloyd´s Bank und von The Times, Osterrieder S. 885
  5. (Sir) Dougal Malcolm (1877-1955), Privatsekretär von Lord Selborne (Hochkommissar) in Südafrika und Earl Grey in Kanada, seit 1913 Direktor und seit 1938 Präsident der Brirish South Africa Company. John Buchan (Lord Tweedsmuir, 1875-1940), Privatsekretär von Milner 1901-03, Director of Information for The War Office 1917/18, Korrespondent der Times, Kanzler der Universität Edinburgh, Generalgouverneur von Kanada 1935-40)
  6. Osterrieder a. a. O. S. 898
  7. Carrol Quigley, zitiert von Osterrieder, S. 896 f.
  8. Osterrieder a. a. O. S. 899-900
  9. Phillippe Simonnot „Die Schuld lag nicht bei Deutschland, Berlin o.J., S. 20-21
  10. a. a. O. S. 22, 23
  11. Markus Osterrieder: Welt im Umbruch, Stuttgart 2014, S. 434
  12. Phillipp Simonnot a. a. O. S. 52, 53
  13. Brief vom 21.11.1933 an Col. Edward Mandell House in: Seine persönlichen Briefe, 1928-1945, herausgegeben von Elliott Roosevelt, New York: Duell, Sloan und Pearce, 1950, S. 373.
  14. Wilson, Woodrow – “The New Freedom, A Call For the Emancipation of the Generous Energies of a People, Section VIII “Monopoly or Opportunity?” New York, Doubleday, Page & Co., 1913, S. 163 – 191
  15. John Francis Hylan (1868-1936), Bürgermeister von New York, Rede vom 26.3.1922 vor dem Kolumbus-Ritterorden. Zitat in: Almagamated Sheet Metal Worker’s Journal, Bd. 27-28, April 1922, S. 33.
  16. John Swinton, (1830-1901), unter anderem 10 Jahre bei der New York Times, vor Redakteuren im Jahr 1880; Quelle: Labor’s Untold Story, by Richard O. Boyer and Herbert M. Morais, published by United Electrical, Radio & Machine Workers of America, NY, 1955/1979
  17. “Moneychangers” von Patrick S. J. Carmack, freie Übersetzung von Dirk Gerhardt http://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=2&ved=0CCoQFjAB&url=http%3A%2F%2Fwww.911-archiv.net%2Fcategory%2F2-dokumente-allgemein.html%3Fdownload%3D7&ei=KOYjVK7TDOvg7QbRpYGQCA&usg=AFQjCNF2RZwLJquW74t17zfdJEFJLfCpew&sig2=tpUhSyceq0A1Y7sOLmIekA&bvm=bv.76247554,d.ZGU
  18. Spiegel-online 23.12.2008
  19. Kopp-online 26.1.2009
  20. in: Das Medienmonopol. Gedankenkontrolle und Manipulation, 2006
Kein Mensch ist illegal

Das verlogene Flüchtlingsdrama

von Zigorio Der Nachrichtenspiegel

In der ganzen Menschheitsgeschichte waren noch nie so viele Flüchtlinge unterwegs. Tägliche Meldungen in den Zeitungen über Flüchtende erreichen langsam einen Sättigungsgrad, der Mitleid leider in Fremdenhass mutieren lässt. Aufgrund der immer weiter wachsenden Zahl von fliehenden Menschen, wächst die Unsicherheit beim einheimischen Volk und sie wissen nicht, wie sie mit den ganzen Flüchtlingen umgehen sollen. Angeheizt wird die Diskussion mit aufreisserischen Schlagzeilen, welche die Flüchtlinge als Wirtschaftsschmarotzer, Kriminelle, Unruhestifter, Drogendealer, Ebola-Kuriere und Halsabschneider betiteln. Die Masse der Michels verlässt sich immer noch auf die Berichterstattung der Verblödungsblätter und sobald ein Text ihren inneren Frust beschreibt, wird gleichzeitig mit dem Finger auf die Schuldigen gezeigt, egal ob sie wirklich schuldig sind oder nicht. Aber in der Massenmeinung ist das Wort Flüchtling allmählich als Schimpfwort etabliert worden.

Flüchtlinge

Das haben wir den lieben Journalisten zu verdanken, die mit brauner Tinte ihr Gedankengut unters Volk verteilen, bis jeder nur noch in einem Ausländer einen Feind sieht. Das führt mitunter zu paradoxen Szenerien. Unlängst haben Rechtsextreme und Hooligans gegen Salafisten, im Grunde gegen jeden Muslim, demonstriert, wollen alle aus dem Land werfen und in einer Grölpause geht man schnell zur Frittenbude und lässt sich von einem solchen Ausländer den Magen füllen. Möglichst noch mit einem Döner, dem urtypisch deutschen Snack. Man stopft sich den Junk-Food in die Birne und bevor man runtergeschluckt hat wird schon wieder „Ausländer raus“ durch den vorgekauten Döner geschrien. Ist das Toleranz, Dummheit oder einfach nur kollektives Gejohle?

Um hier ein wenig Klarheit zu vermitteln, möchte ich die Geschichte der Flüchtlinge erläutern. Nicht Einzelschicksale, sondern generell dass Flüchtlings-Phänomen erörtern.

Seit es Menschen gibt, gibt es auch Flüchtlinge. Als wir noch mit Lendenschurz und Keule unterwegs waren, flüchteten wir, falls die Wunschhöhle schon von einem wilden Tier bewohnt oder wenn das Wasserloch von einer grösseren Sippe beansprucht wurde. Flucht ist also ein natürliches Verhalten, das einzig dem Lebenserhalt dient. Heute hat sich daran nichts geändert. Die Ursachen sind teils die Gleichen geblieben. Viele Menschen haben nach wie vor keinen Zutritt zu sauberem Wasser und nach drei Tagen ohne Flüssigkeit macht man den Schirm zu. Also flüchtet man zur nächsten Wasserstelle. Dasselbe mit der Nahrung. Millionen von Menschen flüchten von Essensration zu Essensration. Hier haben sie wenigstens drei Wochen Zeit, bis der Körper seinen Dienst versagt. Einzig die wilden Tiere sind verschwunden und machen Bomben und Sprengfallen Platz. Das Resultat ist ebenfalls das Gleiche. Die heimische „Höhle“ wird unbewohnbar was wiederum eine Flucht nach sich zieht.

Dann hören die Flüchtenden vom reichen Europa, wo es immer Geld hat, wo die Geschäfte so voll mit Konsumgütern sind, dass nicht einmal alle verkauft werden können und sogar weggeschmissen werden. Alle sind schön angezogen, die Autos glänzen , jeder ist satt und am Himmel fliegen grosse Vögel, die einen überall hinbringen wohin man will. Jetzt mal ehrlich, wenn ihre Heimat zerbombt wurde, die Familie kurz vor dem Verhungern ist und ihr ganzes Hab und Gut verloren haben, würden Sie nicht auch dorthin gehen, wo das Überleben ihrer Familie eine grössere Chance hätte. Oder würden Sie in ihrem zerstörten Haus bleiben mit der Gefahr, dass ihre Liebsten vergewaltigt, getötet, verschleppt oder gefoltert werden? Ich glaube es ist verständlich, wenn jeder versucht in dieser Situation sein Heil in der Flucht zu finden.

Dabei ist es ja nicht so, dass die Flüchtlinge einen Familienausflug machen mit anschliessender Kreuzfahrt über das Mittelmeer. In der Regel kratzen sie die letzten Groschen zusammen, um sie den mafiösen Schleppern zu geben, in der Hoffnung, dass ihre Familie überlebt. Dann beginnt die Reise in einem Schlauchboot, völlig überbelegt und mit ungewissem Ausgang. Mittlerweile arbeiten die Menschschlepper mit den europäischen Politikern zusammen und versenken die Flüchtlingsboote mitten auf dem Meer. Die Schlepper werden von Schnellbooten abgeholt und die Zurückgelassenen lässt man absaufen. Für die Politiker und Militär wäre es ein Einfaches, einen Korridor über das Mittelmeer zu errichten, um den Flüchtlingen eine sichere Überfahrt zu gewähren, aber das machen sie nicht. In ihren Augen ist jedes gesunkene Boot weniger Arbeit. Sonst müssten sie mal zu denken anfangen, wie man die vielen Flüchtlinge unterstützen kann, ohne das eigene Volk zu brüskieren. Aber eben, das mit dem Denken in den Führungsetagen ist so eine Sache.

Dabei sind viele Deutsche selber Flüchtlinge. Sie sind sogar in der Flüchtlingsgruppe vertreten, die am meisten verurteilt wird. Die sogenannten Wirtschafts-Flüchtlinge. Haben selber volle Supermärkte, bekommen vom Staat Gratis-Geld, haben ein Dach über dem Kopf. Sie sind aber immer noch unzufrieden und wollen mehr. Da kein Feind in der Nähe ist, die Wohnung bewohnbar, das Auto mit symbolischen Materialismus vollgestopft und die Kinder nach wie vor auf dem Handy daddeln können, muss man unbedingt seinen sich eigeredeten, mittellosen Standard verbessern und ins angrenzende Ausland flüchten. Ich habe es jetzt extra ein wenig überspitzt ausgedrückt, aber eines müssen wir Europäer uns gefallen lassen. Die grössten Wirtschaftsflüchtlinge sind wir selber. Nicht die, welche ums nackte Überleben kämpfen.

Früher prangerten wir die vielen Spanier, Italiener, Türken und sonstige Arbeiter aus dem Süden als Wirtschaftsflüchtlinge an. Dabei sind die wenigsten Einheimischen bereit, die Drecksarbeit zu machen, welche wir den Ausländischen Arbeitern gerne aufgetragen haben. In meiner Zeit auf dem Bau waren 8 von 10 Arbeitern Ausländer und machten sich wirklich schmutzig. Die Einheimischen sah man höchstens mit Krawatte oder im Bauwagen. Selten im Dreck. Mittlerweile geht es dem europäischen Volk so schlecht, aufgrund länderübergreifender, politischer Inkompetenz, dass sie selber zu den verhassten Flüchtlingen werden. Jetzt haben wir wieder die gleiche Situation wie vor tausenden von Jahren am Wasserloch. Die Sippe der einheimischen Flüchtlinge ist grösser als die Dazugekommenen. Also werden die neuen „Mundräuber“ verjagt, respektive durch die Medien denunziert.

Sind wir immer noch solche Barbaren? Da wird in verschiedenen, heilig gemachten Büchern die Nächstenliebe propagiert und in der Realität betrifft die Nächstenliebe nur die eigene Nasenspitze. Wir glauben immer noch, dass die Flüchtlingswelle ein Problem ist, übersehen aber, dass nur die Politiker ein Problem daraus machen. Würden sie nicht Milliarden an Steuergeldern zum Fenster rausschmeissen, alle hätten genug, sogar die neuen Flüchtlinge. Dasselbe mit dem Platz. Da stöhnen Gemeinden und Kommunen über die hohen Flüchtlingszahlen. Kein Wunder, wenn man alle auf kleinem Raum zusammenpfercht, sieht es schnell überbevölkert aus. Auch hier haben die Politiker versagt. Aber das hat System.

Die geschürte Unzufriedenheit des eigenen Volkes ermöglicht den Ausbau des Überwachungsstaates. Man hetzt jeden gegen jeden auf und darf dafür das Verteidigungs-Budget aufstocken. Sie wollen keinen sozialen Frieden. Denn wäre er da, könnten sich die Leute mit den kriminellen Machenschaften in Berlin und Brüssel auseinandersetzen. Aber so sind sie mit dem gezüchteten Feindbild „Ausländer“ vollends beschäftigt und werden erfolgreich von den politischen Kungeleien abgelenkt. Die HoGeSa-Fetischisten lassen sich so vor den politischen Dreckskarren spannen und merken es nicht.

Es würde mich interessieren, was passiert, wenn jeder Hooligan und Rechtsextreme sich plötzlich für die Flüchtlinge einsetzen würden? In Brüssel, Berlin, Paris und überall dort, wo die politische Elite den Fremdenhass für ihre Zwecke instrumentalisiert, bräche die Panik aus. Schnell organisierten sie verkleidete Geheimdienstler, die sich als Salafisten ausgeben und gezielt gegen das einheimische Volk vorgehen. Nur damit die Fremdenhass-Flamme nicht erlischt. Diese Strategie konnte man in der Ukraine, Türkei, Syrien, Hong Kong und Griechenland sehr gut beobachten. In diversen YouTube-Filmchen sieht man blonde Radikale, die viele Sprachen beherrschen, ausser arabisch.

Es wird Zeit, dass der Michel schnallt, dass die Flüchtlingswellen politisch gewollt sind um im eigenen Land eine Destabilisation zu erreichen. Einzig zum Zweck, die politische Führung zu schützen und von ihren unlauteren Methoden abzulenken. Ein perverses Treiben, dass bereits tausenden Unschuldiger das Leben gekostet hat. Ich gehe sogar soweit zu behaupten, dass zum Beispiel die italienische Regierung einen Deal mit den Schleppern hat, wieviele Boote nach Lampedusa kommen dürfen und wie viele versenkt werden. Sie haben ja bereits beste Verbindungen zur Mafia und helfen ihnen seit Jahrzehnten Industriemüll, radioaktiven Abfall und Gefahrengut im Meer zu versenken. Da liegt es auf der Hand, dass diese guten geschäftlichen Beziehungen gepflegt werden. Was versenkt wird ist schlussendlich egal, Hauptsache man kann seinen Ferienpalast in der Toscana mit vergoldeten WC-Deckeln verzieren oder mit Minderjährigen ausschweifende Partys feiern.

So gesehen sind Flüchtlinge kein Problem, sie werden zu einem gemacht. Solange wir das Gesülze von problematischen Immigranten den Zeitungen und ihren Diktierern abkaufen, solange wird weiter Hass geschürt und auf den Buckeln derer entladen, die eigentlich nur ums nackte Überleben kämpfen. So wie wir mittlerweile auch.


Passend zu diesem Thema lohnt es sich auf jeden Fall, die Anstalt vom 18.11.2014 anzuschauen:


Grafik- und Textquelle: Der Nachrichtenspiegel

Beitragsbild: „Kein Mensch ist illegal“ – Initiative Echte Soziale Marktwirtschaft (IESM)  / pixelio.de

Schlammschlacht

Politik im Netz: Wie wir alle zu „Schmuddelkindern“ (gemacht) werden können

Anm.d.Red.: Wir danken Jörg Wellbrock alias Tom W. Wolf  für diese ehrlichen und mutigen Worte. Wir wünschen uns, dass jeder mal über diesen Artikel gebührend nachdenkt!

Von Jörg Wellbrock alias Tom W. Wolf

Wer sind sie, die politischen „Schmuddelkinder“ im Netz? Wie erkennt man sie? Und machen wir es uns vielleicht zu einfach, wenn wir sie voreilig beim Namen nennen? Ich bin in den letzten Monaten ins Grübeln gekommen. Und zu neuen Erkenntnissen.

Ich habe Fehler gemacht. Immer schon. Mein Leben lang. Erfreulicherweise konnte ich einige im Vorfeld verhindern, andere musste ich erst machen, bevor ich zur Einsicht kam, sie begangen zu haben. Etwas Besonderes bin ich dadurch nicht. Jeder macht Fehler, (fast) jeder ist in der Lage, sie zu erkennen und es dann besser zu machen. Wenn schon nicht gestern oder heute, dann doch wenigstens morgen und übermorgen.

Einfluss nehmen können wir naturgemäß nur auf die Gegenwart und die Zukunft. Für das Netz aber gilt: Was war, ist, daran kann man nichts ändern. Denn schnell wird man eingeholt durch eine Vergangenheit, von der man im schlimmsten Fall nicht einmal viel weiß. Und plötzlich wird sie zur Gegenwart, selbst wenn es sich um Dinge handelt, die lange her sind und die heute womöglich gar nicht mehr zutreffen oder die wir mit dem heutigen Wissen anders beurteilen. Wir müssen damit vorsichtig sein, denn ein kurzer Blick in die Suchmaschine unserer Wahl verschafft uns zwar Informationen in Sekundenbruchteilen. Eine vernünftige oder gar differenzierte Bewertung nimmt sie aber nicht vor.

Was einmal war, wird immer sein

Auch wenn Google-Einträge inzwischen gelöscht werden können (was einen gewissen Aufwand darstellt, aber lohnenswert sein kann), die Suchmaschine ist nicht alles im Netz. Wenn wir auf Foren oder Plattformen agieren, Bücher in Verlagen anbieten oder Artikel von uns woanders publiziert werden, ist es nicht leicht, das rückgängig zu machen. Gleiches gilt für Videos, Interviews, Gespräche, die auf YouTube zu finden sind. Handelt es sich dabei nicht um unseren eigenen Kanal, ist die Handlungsvielfalt übersichtlich, wir sind auf Kooperation angewiesen. Weigert sich beispielsweise der Inhaber eines Youtube-Kanals, ein Video, in dem wir vorkommen, zu löschen, sind wir weitgehend machtlos, es sei denn, wir bestreiten den juristischen Weg, der jedoch auch keine Garantie auf Erfolg bietet.

Gefahren lauern für uns nicht nur durch die eigenen Fehler, die wir einmal gemacht haben. Auch die Fehler anderer können auf uns zurückfallen. Wobei schon der Begriff „Fehler“ nicht recht passen mag, denn nicht selten gelangen wir durch Unwissenheit oder Naivität in Verbindung mit Seiten, Bewegungen oder Verlagen, denen wir im Grunde thematisch nicht nur nicht nahestehen, sondern von denen wir uns inhaltlich möglichst weit entfernen wollen. Doch ist das Kind erst einmal in den Brunnen gefallen, wird es schwer, es dort wieder heraus zu holen.

Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Oder?

Wir wollen uns informieren. Aber wir wollen dabei andere Pfade einschlagen als die Wege, die uns die Mainstream-Medien vorgeben. Denn die sind uns – völlig nachvollziehbar – suspekt. Daher suchen wir im Netz nach Informationen. Und fündig werden wir eigentlich immer. Doch bieten uns Google, Wikipedia und die sozialen Medien konkrete Hilfe bei der Wahrheitsfindung? Eher nicht oder nur eingeschränkt, denn sie liefern uns allenfalls Anhaltspunkte, an denen wir uns orientieren können. Nur weil etwas im Netz zu finden ist, bedeutet es noch lange nicht, dass es wahr ist oder umfassend genug, um den Anspruch auf Vollständigkeit erheben zu können. Dennoch neigen wir seltsamerweise dazu, bestimmte Quellen reflexartig als seriös einzuordnen.

Ein Beispiel:

Diether Dehm hat Wolf Biermann ausspioniert. Oder doch nicht?

Erika Steinbach von der CDU war schon 1990 der Meinung, Dehm sei ein Stasi-Mitarbeiter gewesen, der unter dem Namen „IM Willy“ den Liedermacher überwacht haben soll. Biermann selbst bestätigte Steinbachs Aussage durch eine eidesstattliche Erklärung. Dehm habe Biermann diesen Umstand am 29. Mai 1988 gestanden. In einem Vier-Augen-Gespräch.

Nachzulesen ist das auf Wikipedia. Also muss es stimmen. Oder doch nicht?

Diether Dehm selbst unternahm unzählige Versuche, den Eintrag im Online-Lexikon zu korrigieren. Doch Tage, manchmal sogar nur Stunden später war seine Korrektur verschwunden. Was bleibt, ist die Aussage einer Politikerin, die Diether Dehm gegenüber ganz sicher nicht wohlgesonnen ist und es nie war. Und die eines Liedermachers, der zuletzt durch einen kunstvoll durchgeknallten Auftritt im Bundestag auffiel.

Bleibt eine Frage offen: Was stimmt denn nun?

Beim Kinder-Quiz „1 – 2 – oder 3“ heißt es in einem solchen Fall von Unklarheit: „Ob Ihr recht habt oder nicht, sagt Euch gleich das Licht.

Bei Diether Dehm ist die Sache umständlicher. Er steht als Stasi-Mitarbeiter da. Und in einem schlechten Licht. Und das, obwohl eigentlich nur Aussage gegen Aussage steht. Der Makel haftet an Dehm, nicht an Steinbach oder Biermann, selbst wenn die die Unwahrheit sagen sollten.

Ein weiteres Beispiel:

Lars Schall wird – durchaus mit Recht – die Zusammenarbeit mit dem Schild-Verlag vorgeworfen. Als es zu der kam, war wahrscheinlich eine gewisse Naivität auf der Seite Lars Schalls im Spiel, über die er selbst sich heute noch ärgert. Michael Vogt (vom Schild-Verlag) hatte Schall schon damals als eher „schräg“ wahrgenommen, wie schräg, wurde ihm allerdings erst klar, als die Zusammenarbeit längst Geschichte war. Die Wege der beiden trennten sich zuvor alles andere als einvernehmlich und das während dieser Zeit entstandene Interviewmaterial mit Finanzanalysten wie Ambrose Evans-Pritchard, Nomi Prins, Jim Sinclair, Eric Sprott, James Rickards (immerhin rund 25 Stunden Gesamtlänge) wurde nie gesendet (was Lars Schall als vielleicht einzigen Glücksfall in dieser unsäglichen Geschichte bezeichnet, obwohl er gleichzeitig um das viele Material trauert, das für ein breites Publikum höchst interessant gewesen wäre).

Seine Vergangenheit hat Lars Schall wieder eingeholt, als er ein Interview über die Historie und die Bedeutung der „Fed“ gab. Das Gespräch (mit mir) dauerte 62 Minuten, aber bereits 20 Minuten nach der Veröffentlichung (die übliche Länge für eine Google-Recherche der ersten drei Seiten) war er als vermeintlicher Verschwörungstheoretiker, Gold-Lobbyist und Neurechter „entlarvt“ worden.

Hilfreich könnte theoretisch die zusätzliche Information sein, dass Lars Schall mit einer Halb-Türkin zusammen ist, leidenschaftlich dem Jazz frönt (er hat eine Plattensammlung, die jedem John Coltrane-Fan zur Ehre gereicht) und seit seiner Jugend Konstantin Wecker schätzt. Wobei das irgendwie doch wieder keine Begründung dafür sein kann, dass Lars Schall nicht in die Ecke gehört, in die er nun gestellt wird, weil Wecker inzwischen auch eine „verdächtige“ Person geworden ist.

Daher hier also das letzte Beispiel:

Konstantin Wecker ist seit Jahrzehnten ein Linker. Einer, der Höhen und Tiefen durchlebt hat. Einer, der Fehler gemacht hat und gleichsam gerade deshalb authentisch war. Eigentlich ist er das noch immer, am Menschen und Künstler Wecker hat sich nichts geändert (sieht man einmal von den Veränderungen ab, die einen Konstantin Wecker immer schon ausgezeichnet haben).

Konstantin Wecker ist ein Linker? Nein, inzwischen nicht mehr. So sieht es jedenfalls eine ziemlich große Gemeinde im Netz. Für sie hat sich Wecker selbst demontiert, als er sich zu den Mahnwachen geäußert hat, die für zahlreiche Debatten gesorgt haben. Man könnte meinen, Wecker hat alles richtig gemacht und ein ausgewogenes Verhältnis zu den viel kritisierten Montagsdemos gefunden. Er hat nämlich nicht an den Mahnwachen teilgenommen, weil ihm zahlreiche Teilnehmer suspekt erschienen. Er hat sich aber auch nicht an der Dämonisierung der Bewegung beteiligt, weil ihm andere Teilnehmer sympathisch waren. Statt dessen hat er ein Statement verfasst, das im wesentlichen die Kernaussage hatte, Wecker war, ist und bleibt ein Anti-Faschist und ein Pazifist.

Genutzt hat es wenig, für die Mahnwachen-Kritiker gehört Wecker ins Reich der Neurechten und Verschwörungstheoretiker. Die Mahnwachen-Teilnehmer fühlen sich von ihm ausgegrenzt und missverstanden.

Der Feind an meinem Brett: Die Deutschen Wirtschafts Nachrichten

Eine Statusmeldung an der Pinwand eines User auf Facebook:

An meine Facebook-Freunde!
Wer die Deutschen Wirtschafts Nachrichten (DWN) geliked hat, fliegt unverzüglich aus meinem Netzwerk. Ich warte noch 30 Minuten, dann check ich das und entferne jeden, die bis dahin nicht reagiert hat“

Klare Worte. Da hat sich einer positioniert. Und sich offenbar mit den DWN befasst. Das ist löblich, denn die Website ist durchaus eine kritische Beschäftigung mit ihr wert. Alleine die Radikalität, mit der der Facebook-User hier auftritt, verwundert. Da wird nicht erklärt, warum er die DWN kritisiert. Da wird auch kein Angebot gemacht, damit sich der Freundeskreis konstruktiv mit der Website auseinandersetzen kann. Die FB-Kontakte des Users werden vor vollendete Tatsachen gestellt und schlicht aufgefordert: Friss oder stirb!

Warum ist das so?

Zum einen wohl, weil es die weit verbreitete Meinung gibt, dass jeder, der online unterwegs ist, in der Lage sein muss, sich über eine Website zu informieren. Da ist etwas dran, keine Frage. Aber während Person A als Informationsquelle die Seite X benutzt, landet Person B bei seiner Suche vielleicht auf Seite Y, die etwas ganz anderes vertritt als Seite X. Beide Quellen wirken seriös und scheinen keinen manipulativen Anstrich zu haben, kommen aber zu unterschiedlichen Schlüssen.

Es ist nicht so einfach, sich ein umfassendes und seriöses Bild über eine Website wie der namens DWN zu machen. Alleine die Google-Suche ist verwirrend. Gibt man „Deutsche Wirtschafts Nachrichten“ in die Suchmaschine ein, werden automatisiert gleich zahlreiche Zusätze für die Suche angeboten, zum Beispiel „Deutsche Wirtschafts Nachrichten Wikipedia“ oder „ … app“, „ …saatgut“, „ … unseriös“ und „ … glaubwürdig“. Je nachdem, für welche Suche man sich entscheidet, gelangt man also zu entsprechenden Seiten, auf denen man mehr nachlesen kann. Wie eingefärbt das ist, merkt man nicht immer, manchmal ist es nahezu unmöglich, sich ein vernünftiges Bild zu machen. Unter der Überschrift „Nischenmedien punkten mit Euro-Angst“ kann man beispielsweise auf dem ZDF-Blog nachlesen, was die DWN so machen und wie sie ihre Leserzahl steigern. Für mehr reicht die Lektüre aber nicht. Auf anderen Websites wird man Worte des Lobes für die DWN finden oder vernichtende Urteile.

Die Freunde unseres oben zitierten Facebook-Users werden also entweder eine umfangreiche Recherche durchführen müssen, die nicht zwingend die gleichen Ergebnisse liefert wie das von ihnen erwartet wird. Oder sie richten sich nach ihren Kontakt, der schon wissen wird, worüber er schreibt. Im Dunkeln bleibt dabei, wie sich der Statusmeldungsschreiber seine Meinung gebildet hat. Insgesamt also eine eher vage Form der Meinungsbildung.

Gute Websites, böse Websites

Fingerzeig_Zeigefinger_Verantwortung_Schuldzuweisung_by_Lupo_pixelio.de_Es versteht sich von selbst, dass jemand, der „die Linke“ wählt, auf Facebook der Seite der NPD kein Like spendiert. Umgekehrt ist das selbstredend ebenso. Derlei klare Abgrenzungen sind allerdings nicht immer so leicht wie in diesem Fall. Es gibt Seiten, die auf den ersten Blick nicht richtig eingeordnet werden können, manchmal auch nicht auf den zweiten. Und es gibt Seiten, die der eigene Meinung zu einem Thema nicht entsprechen, zu einem anderen aber schon. Wer als Leser nicht sicher ist, wie er mit einer Website umgehen soll, ist gut beraten, einfach still für sich darüber nachzudenken oder sich mit guten Freunden auszutauschen. Die Netzgemeinde verzeiht vermeintlich „falsche“ Sympathien in aller Regel nicht und geht mit den Betroffenen nicht selten hart ins Gericht. Aber wer sich unauffällig verhält, ist auf der sicheren Seite (das mag traurig klingen, ist aber leider so).

Problematischer wird es, wenn man selbst etwas publiziert, wenn man schreibt, Interviews gibt oder selbst welche führt. Es gibt mehr als eine Tendenz, die besagt, dass man vor einem Interview nicht nur darüber nachdenken muss, ob der oder die Gesprächspartner/in kompetent ist und sich zum Thema äußern kann. Man muss darüber hinaus ausgiebig googeln, um sicherzustellen, dass sich der Interviewpartner nicht mit „Schmuddelkindern“ verbrüdert hat oder auch nur Kontakt mit ihnen hatte. Was man im Netz findet, hat dann allgemeine Gültigkeit, selbst wenn es sich um Fundstücke handelt, die schon sehr alt sind und über deren Zustandekommen man nichts oder nur sehr wenig weiß. In der Konsequenz bedeutet dies, das bestimmte Gesprächspartner – will man konsequent themenfremde Kritik vermeiden – nicht befragt werden dürfen. Weil sie – in welcher Form auch immer – mit „bösen“ Websites assoziiert werden.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Es gibt Gesprächspartner, die man nicht einmal mit einer Kneifzange anfassen sollte, geschweige denn ihnen eine Plattform zu bieten, auf der sie ihre Meinung oder Thesen kundtun können. Es gibt aber andere, für die das nicht gilt, und es wird immer schwieriger, diese zu befragen, ohne dass ein Höllenfeuer über die Beteiligten hereinbricht. Wohlgemerkt eines, das mit dem eigentlichen Thema nichts zu tun hat. Und eines, das womöglich dem Kritisierten nicht gerecht wird.

Ein bisschen Frieden

Aktuell formiert sich eine Bewegung mit dem Namen „Friedenswinter 2014/2015“, die auf die Grausamkeiten des Krieges hinweist und tendenziöse Berichterstattung der Medien erkennen will. Die Bewegung kritisiert Konfrontation und Gewalt und fordert einen friedlichen Umgang miteinander sowie weltweite Abrüstung.

Eigentlich, so sollte man meinen, ist der „Friedenswinter 2014/2015“ somit eine Sache, die man nur bekräfigen kann. Unterstützer wie Sahra Wagenknecht, Reinhard Mey oder Peter Sodann scheinen (bei den meisten Leuten) ebenso unverdächtig wie Organisationen wie die Linkspartei, Attac und ver.di. Brisant wird es, wenn die Namen Lars Mährholz, Ken Jebsen und der eigentlich nicht sehr bekannte Mahnwachen-Redner Peter Juriens (um nur ein Beispiel zu nennen) auftauchen. Das ruft dann nämlich unzählige Kritiker auf den Plan, die unter diesen Umständen keinesfalls an einer Friedens-Demo teilnehmen würden, und sei sie noch so wichtig und richtig. Wo Mährholz oder Jebsen dabei sind, können nur Antisemiten und Verschwörungstheoretiker am Werk sein. Punkt. Aus. Ende.

Die Tatsache, dass rund 50 Organisationen und weit über 100 Einzelpersonen den Aufruf unterzeichnet haben, nehmen all jene, die bereits die eigentliche verwerfliche Motivation der Veranstaltung ausgemacht haben wollen, bestenfalls zur Kenntnis, mehr aber auch nicht. Anders herum wird ein Schuh draus, jeder, der sich ebenfalls beteiligen will, der mit demonstrieren möchte oder für den „Friedenswinter 2014/2015“ wirbt, wird als Feind entlarvt, der offenbar ebenfalls ein potenzieller Faschist und Verschwörungstheoretiker sein muss.

Das war schon immer so …

Sätze, die mit „Das war schon immer so …“ beginnen, enden meist mit platten, rückwärtsgewandten Plattitüden. Trotzdem beginne ich diesen Abschnitt mit diesem Satz. Ich meine damit „Schmuddelkinder“, Spinner, Verschwörungstheoretiker, Nazis, Konservative, aber auch Träumer, Esoteriker oder Einsiedler. Sie haben sich immer schon unters Volk der Demonstrierenden gemischt. Die Friedensbewegung in den 1980er Jahren hätte sicher nicht die Massen mobilisieren können, die mobilisiert werden konnten, wenn zunächst eine genaue Selektion derer stattgefunden hätte, die daran teilnehmen durften oder ausgeschlossen wurden. Im Herbst 1983 brachte die Bundestagsdebatte zur Stationierung von US-Raketen in Deutschland ein knappe Million Menschen auf die Straße, die sich – verteilt auf vier Städte – lautstark gegen die Aufrüstung aussprachen. Im Laufe der Jahre nahm die Friedensbewegung weiter Fahrt auf und es ist nicht die pure Verklärung, wenn man sagt, dass es Verdienst dieser Bewegung war, die Zahl der Atomwaffen nach und nach immer weiter zu reduzieren und nach langen Jahren der Proteste und der Demonstrationen im Jahr 1996 ein Atomwaffentest-Stopp-Vertrag erwirken zu können.

Wir sind von Kundgebungen mit einer Million Menschen Lichtjahre entfernt. Doch wir entfernen uns auch von einer weitaus bescheideneren Anzahl von Demonstrationen, wenn wir unser Augenmerk ausschließlich darauf richten, wer in den erlauchten Kreis der tapferen Kämpfer aufgenommen wird und wer nicht. Dabei geht es nicht um Toleranz von Faschisten oder anderen radikalen Kräften, die gänzlich andere Ziele als den Frieden verfolgen. Eine solche Toleranz kann und darf es nicht geben. Derzeit allerdings wirkt es so, als müssten Teilnehmer einer Friedensdemonstration zunächst einmal einen umfassenden Lebenslauf vorlegen, um glaubhaft machen zu können, dass sie es ernst meinen und wirklich für den Frieden sind. Es scheint nicht um den kleinsten gemeinsamen Nennen zu gehen, sondern um den größten. So wird jede Bewegung mit Potenzial im Keime erstickt. All jene, die sich 1983 unter die friedlichen Demonstranten gemischt haben, wurden früher oder später erkannt und ausgegrenzt. Oder sie blieben unerkannt und liefen mit. Auf die Sache und auf das, was erreicht wurde, konnte das keinen wesentlichen Einfluss nehmen.

Vom Kritiker zum Heiligen?

Nun werden aufmerksame Leser einwenden: „Ach, der hat gut Reden! Als die Mahnwachen anfingen, war er doch einer der Ersten, der sich die Initiatoren und Teilnehmer angesehen hat und sofort kritisches Zeug über die schrieb. Und jetzt ist er geläutert, oder was?

Geläutert trifft es zwar nicht ganz, aber ich habe meine Haltung in den letzten Monaten überdacht. Nach wie vor bin ich bestimmten Personen oder Websites gegenüber kritisch. Ich versuche aber, die Ausschnitte, die ich betrachte, zu vergrößern (und mehr als Ausschnitte kann niemand sehen, dazu ist die Welt zu schnelllebig und zu komplex geworden). Gewissermaßen habe ich den Versuch unternommen, mich den Themen, die derzeit viele Menschen beschäftigen, aus einer größeren Distanz zu nähern, um ein kompletteres Bild zu erhalten, ohne den Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben.

Geläutert bin ich also nicht, ich werde (natürlich) weiterhin meine Meinung äußern in dem Wissen, dass ich damit anecke und meine Widersacher im Netz provoziere, die dann ihrerseits mich provozieren. So ist das eben, und das ist auch in Ordnung so. Auch dieser Artikel wird dafür sorgen, dass einiges über mich hereinbricht, davon gehe ich aus.

Ich bin dann (teilweise) mal weg

Ich habe Fehler gemacht. Immer schon. Mein Leben lang.

So begann dieser Text. Es passt gut, dass er auch so endet. Einer der Fehler, die ich gemacht habe, war das Kommentieren nach von mir publizierten Artikeln. Sei es hier, beim Spiegelfechter, sei es auf Facebook, auf Google+ und wo ich sonst noch kommentiert habe. Oft waren es meine Kommentare selbst, die ich rückblickend als Fehler betrachten muss. Wenn ich mich in die Ecke gedrängt gefühlt habe, schoss ich zurück, mit Kommentaren, die teils unsachlich, teils (zu) emotional, teil unfair und teils (ja, auch das!) völlig gerechtfertigt waren. Jeder hat wohl einen Knopf, den andere nicht drücken sollten, weil man dann an einem wunden Punkt getroffen wird. Aber selbstverständlich wird gerade deshalb dieser Knopf von Leuten gedrückt, die sich davon etwas erhoffen. Eine unangemessene Reaktion, vielleicht eine Behauptung, die nicht belegbar ist oder einfach einen Gefühlsausbruch, den man später bereut.

Das ist aber gar nicht der Punkt. Was ich kritisiere, ist das mehr oder weniger wahllose „Knipsen“ von Kommentaren, um sie dann gegen jemanden zu verwenden. Diese Unart der Screenshots hat (meiner Wahrnehmung nach) in der letzten Zeit arg zugenommen. Das Problem daran: Wenn unter einem Artikel 100 oder 200 oder noch mehr Kommentare zu finden sind, aber nur einer oder zwei als Screenshot verwendet werden, um die Argumentation von wem auch auch immer zu entkräften oder den Kommentator bloßzustellen, entsteht ein Bild, das der Sache nicht gerecht wird. Für die Leser ist es nicht schwer, einen Artikel zu lesen und sich ein Bild zu machen, nachdem sie den ganzen Text gelesen haben. Der Screenshot eines Kommentars dagegen ist schwerer nachzuvollziehen und womöglich nur mit Mühe im Original wiederzufinden. So entstehen scheinbare Aussagen, die unter Umständen völlig aus dem Zusammenhang gerissen dargestellt werden. Vermutlich kennen das Leser dieses Artikels auch.

Für mich habe ich daraus eine Konsequenz gezogen. Ich werde künftig nicht mehr kommentieren. Das mag man als Feigheit interpretieren. Vielleicht auch als Bequemlichkeit. Andere vermuten womöglich sogar Arroganz dahinter. Doch darum geht es mir nicht. Ich möchte kritisiert werden, auf konstruktive, von mir aus auch auf destruktive Art. aber ich möchte nicht (mehr), dass das geschieht, in dem kleine Schnipsel von mir abgelichtet und dann aus dem Zusammenhang gerissen dargestellt werden. Also kommentiere ich nicht mehr (auch wenn es schwer fällt, da bin ich sicher).

Und was ist jetzt mit den „Schmuddelkindern“?

Gute Frage, die wohl eher lauten müsste: Wer sind eigentlich die Schmuddelkinder?

Es ist klar, dass wir in einem Zeitalter leben, in dem man Informationen in Sekundenschnelle einholen kann. Es ist klar, dass niemand davor gefeit ist, sich irgendwie, irgendwann, irgendwo mit den falschen Leuten einzulassen. Und es ist ebenso eindeutig, dass all das heute bis auf den i-Punkt dokumentiert wird.

Letztlich ist das auch gut so.

Allerdings werden Beurteilungen zu früh und zu schnell abgegeben und oft, ohne sich mit einem Thema oder einem Menschen weiterführend zu beschäftigen. Nicht alles, was wir bei Google oder auf Wikipedia finden, ist in Stein gemeißelt, auch wenn es den Eindruck macht. Und nicht jeder Mensch, der auf den ersten Blick eine bestimmte politische Richtung vorzugeben scheint, ist tatsächlich dieser Mensch, als der er erscheint. Mein frommer Wunsch ist letztlich, dass wir ein wenig vorsichtiger miteinander umgehen, nicht sofort eine Keule aus der Tasche ziehen, wenn bestimmte Alarmglocken erklingen.

Manchmal prügeln wir im Netz auf die ein, die selbst nicht fassen können, wie sie zu etwas gemacht werden, das sie gar nicht sind. Und manchmal verlieren wir dabei die aus den Augen, die genau davon profitieren.

P.S. Allen interessierten Lesern sei noch zugerufen, dass ich mit der Beendigung dieses Artikels eine kleinen Schaffenspause einlege. Lediglich ein Podcast, der bereits länger in Planung war, wird diese Woche noch realisiert. Danach gehe ich in die Phase der Besinnung.


Textquelle: http://www.spiegelfechter.com zum Artikel

Bild- und Grafikquellen:

  1.  Beitragsbild: „Schlammschlacht“ – Janusz Klosowski  / pixelio.de
  2. „Ein kleiner Weg in die Freiheit“ – sokaeiko  / pixelio.de
  3. „Schuldzuweisung“ – Lupo / pixelio.de
Zivilcourage / Widerstand

Zivilcourage

Eine Chance für unsere bedrohte Gesellschaft

Der Münchner Psychologe und Psychotherapeut Prof. Dr. Kurt Singer zeigt in seinen Überlegungen zum Problem der Zivilcourage, wie der einzelne Staatsbürger durch sein Verhalten an der Entwicklung einer friedlichen Welt mitarbeiten und damit die Auslieferung an die so genannten Systemzwänge der Machtstrukturen der organisierten Gesellschaft verhindern helfen kann. Ungerechtigkeit und Unfriedlichkeit beginnen jedoch in kleinen zwischenmenschlichen Formen des Alltags und in kleinen Strukturen der Gesellschaft, in Familien, Schulen, am Arbeitsplatz, auf der Straße im Wohnumfeld, in der Öffentlichkeit. Hier ist der „soziale Mut der Bürger“ in Form von Zivilcourage nicht minder wichtig und ist Voraussetzung für ein soziales, gerechtes, demokratisches und friedliches Gemeinwesen. Die folgenden Ausführungen basieren im Wesentlichen auf den Darlegungen zur Thematik, die Prof. Dr. Kurt Singer in vielen Aufsätzen, Vorträgen und Buchveröffentlichungen über Zivilcourage sehr eindringlich und überzeugend formuliert hat. Wir danken ihm für die freundliche Überlassung seiner Texte als Hauptquelle dieses Denkanstoßes.

von Prof. Dr. Kurt Singer

1. Die wachsende Bedrohung der Lebensgrundlagen – die Zivilgesellschaft, Bürgerinnen und Bürger sind herausgefordert, sich verstärkt politisch einzumischen

Wir können und dürfen nicht mehr darauf warten, bis sich „von oben“ etwas verändert.

  • Solange wir am Prinzip der kriegerischen Gewalt und insbesondere an der atomaren Gewalt festhalten, ist kein wirklicher Friede möglich. Aus Abschreckung entsteht nur Schrecken – auf allen Ebenen des menschlichen Lebens. Nicht „Erschrecken“ (lat. Terror) vermindert letztendlich die Bedrohung, sondern Angstnehmen.
  • Das unaufhörliche Reden und Verhandeln über Abrüstung wird erst dann glaubhaft, wenn gleichzeitig damit aufgehört wird, immer noch schrecklichere atomare, chemische und biologische Menschenvernichtungsmittel zu bauen, zu erproben und mit ihrem Einsatz zu drohen.
  • Mit dem größenwahnsinnigen Entwickeln menschenschädigender Technologien kann das menschliche Fühlen und Denken nicht mehr Schritt halten. Der technische „Fortschritt“ muss auf den Menschen als Maßstab bezogen werden. Wir brauchen eine industrielle Abrüstung auf eine Technik, die dem Menschen dient und für die Biosphäre verträglich ist.
  • Die Zerstörungsprozesse, die unsere Umwelt und die ganze Biosphäre vergiften und ausbeuten, müssen durch eine radikale Umkehr aufgehalten werden. Das damit verbundene rücksichtsvollere Leben der Menschen muss nicht Lebenseinschränkung bedeuten, sondern kann Anstoß zu sinnvoller und nachhaltiger Lebensgestaltung sein.
  • Millionenfacher Hungertod und Elend, verbunden mit extremer sozialer Ungerechtigkeit, gehören in vielen Ländern zum Alltag. Das kann sich nur ändern, wenn wir unser am Profit und nicht am Menschen orientiertes Denken verändern und sich weltweit eine andere Bevölkerungspolitik sowie eine ökosoziale Wirtschaft durchsetzt.
  • Die organisierte Verantwortungslosigkeit gehört heute zum Alltag. Sie drückt sich z. B. aus in Atommüllskandalen und Schmiergeldaffären, im Bau von Atomreaktoren und Wiederaufarbeitungsanlagen, in politischen Skandalen und Wirtschaftskriminalität, in Waffenhandel und Nahrungsmittelskandalen und vielem Anderen. Ihr muss die verantwortliche demokratische Bürgereinmischung entgegentreten.
  • Unsere globalisierte Welt mit ihren vorherrschenden Formen von Produktion und Konsum verursacht Verwüstungen der Umwelt, Raubbau an den natürlichen Ressourcen und massives Artensterben, die Kluft zwischen Arm und Reich vertieft sich, Ungerechtigkeit, Armut, mangelhafte Bildung und gewalttätige Konflikte nehmen zu und verursachen große Leiden. Aber es gibt auch Möglichkeiten der Vernetzung, das Entstehen einer weltweiten Zivilgesellschaft eröffnet neue Chancen, eine demokratische, humane Weltordnung aufzubauen.

Mögliche Überlegungen, die sich für den Einzelnen ergeben können: Nehme ich die Bedrohungen wahr, obwohl sie mich zum Teil noch gar nicht unmittelbar berühren? Welche Gefahren ängstigen mich am meisten? Wo neige ich dazu, die Bedrohung zu verleugnen oder zu verdrängen? Lasse ich mich lähmen oder bin ich bereit, Gefahren entschlossen entgegenzutreten? Will ich Mitverantwortung in menschlicher Solidarität übernehmen und dies auch durch einen entsprechenden Lebensstil praktizieren?

2. Die „Ohne-mich-Gesellschaft“ – oder: Ist Zivilcourage eine selbstverständliche Tugend?

Da ist die Rede von der Spaßgesellschaft, vom verbreiteten Hedonismus, von Selbstverwirklichungstypen und „Ich-AG“, von zunehmender Singularisierung und Individualisierung in einer „Ohne-mich-Gesellschaft“. Undifferenzierte Schlagworte können sicher unsere Gesellschaft nicht zutreffend beschreiben. Aber werden mit solchen Charakterisierungen nicht Tendenzen deutlich, die zeigen, dass wir vom Leitbild des demokratischen Bürgers, der mündig und emanzipiert seine Rechte wahrnimmt und dabei verantwortlich und solidarisch für die Rechte seiner Mitmenschen eintritt, noch weit entfernt sind? Indizien dafür gibt es leider genug:

  • Die alltägliche Gewalt in Schulen und auf der Straße nimmt zu und trifft sowohl Fremde als auch Schwächere (Schüler, Frauen, Obdachlose, Ausländer), den Opfern wird dabei zu wenig, zu spät oder gar nicht geholfen.
  • Diskriminierung in Schulen, am Arbeitsplatz, in der Kaserne oder beim zwischenmenschlichen Umgang von Bürgern mit Behörden und Verwaltungen. „Mobbing“ funktioniert in einer „Ellenbogengesellschaft“ besonders gut, wenn die „anderen“ wegschauen oder gar mitmachen.
  • Der Schriftsteller Gert Heidenreich kommt in einem Essay über den Neid in unserer Gesellschaft zu folgender Feststellung: „Die Anfänge sind nicht spektakulär. Eine Emulsion aus Enttäuschung, Verbitterung und Resigniertheit gießt sich über das Land aus. Erlahmende Wahlbeteiligung, Ansehensverlust der Demokratie und ihrer Institutionen, fehlende Vorbildlichkeit nicht nur in der Politik, gesellschaftliche Abstinenz der jungen Generationen, Ellenbogenmentalität und Verachtung von Solidarität, propagierter Egoismus, wachsende Korruption und Schlamperei, stetige Verschlechterung öffentlicher Dienstleistungen bei steigenden Gebühren – und nicht zuletzt die Marginalisierung der Bildung. Eine Beschädigung folgt aus der anderen und wird zugleich Ursache oder Bedingung weiterer Risse im Gesellschaftskonzept des sozialen Friedens.“ Und an anderer Stelle weiter: „Mühelos könnte der Katalog erweitert und spezifiziert werden. Jeder von uns kann Belege beitragen. Untereinander erzählen wir uns empörende Erfahrungen. Doch der private Diskurs der Beschwerde zerrinnt am Ende zur Gleichgültigkeit. Man kann ja nichts machen. Es ist jetzt nun einmal so.“
  • Zahlreiche Bürgerinitiativen für „Toleranz und Zivilcourage“ wurden ins Leben gerufen, um zu versuchen den Bürgermut gegen Gewalt, Diskriminierung und Rechtsextremismus zu aktivieren. Auch von staatlichen Stellen werden Projektprogramme (Xenos, Entimon usw.) initiiert und Preisverleihungen für mutige Bürger ausgeschrieben; selbst die Regierung ruft zum „Aufstand der Anständigen“ auf, um Handeln gegen „Rechts“, gegen Gewalt und Ausländerfeindlichkeit zu fördern. In vielen Schulen entstehen Aktionen, Projekte, Arbeitsgruppen, Lernwerkstätten, Partnerschaften und Schülerinitiativen mit dem Ziel, Menschenrechtsverletzungen nicht tatenlos zuzusehen und eine zunehmende Sensibilität für Konflikte und sozial verantwortliches Handeln zu lernen.
  • Eine Untersuchung in Deutschland ergab: „Zwei Drittel aller Deutschen unter 30 Jahren erklären, dass ihnen eine hedonistische Lebensweise am wichtigsten sei und nicht, politisch aktiv zu werden.“
  • Der großen Mehrheit der jungen Menschen in diesem Alter des Entwerfens, der Pläne, Sehnsüchte und Ideen ist jede Möglichkeit verwehrt, sich zu erproben und eigene Lebensentwürfe zu versuchen. In dieser unerträglichen Situation bleibt ihnen nur die blanke Konkurrenz des „Jeder gegen Jeden“. Und so erwächst ein blindwütig am Eigennutz orientierter Kampf um die Zugehörigkeit zu einer Gesellschaft, die sie in ihrer hemmungslosen Vergötzung ökonomischen Profitdenkens als lästigen Kostenfaktor zurückweist und als lästige Mitesser an den immer kümmerlicher bestückten staatlichen Fresströgen gelten lässt. Die Jungen freilich, wenn sie zwitschern wie die Alten singen, schilt man „angepasst“ und „unsozial“.
  • Bezogen auf die beiden epochalen Prozesse Individualisierung und Globalisierung, die die Grundlagen des Zusammenlebens in allen gesellschaftlichen Handlungsfeldern elementar verändern, meint Ulrich Beck: „Sie sind nur vordergründig Bedrohung; sie erzwingen, aber erlauben auch, die Gesellschaft auf eine zweite Moderne vorzubereiten und umzugestalten. Die Lage ist nicht nur aussichtslos, sie ist auch offen wie nie.“

Wenn also die Situation wirklich offen wie nie ist und wir die Chance haben, eine zweite Moderne zu gestalten, die zu einer humaneren Gesellschaft wird, dann sicher nicht in der Rolle von „Wegguckern“ und „Feiglingen“. Als „eine Gesellschaft von Gaffern“, wie sie Renate Kingma in der Zeitschrift Psychologie heute erlebt, „die tatenlos einem Verbrechen zugucken, als wäre es ein Fernsehfilm“, werden die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts kaum zu bewältigen sein. Politik, Gerechtigkeit, sozialer Ausgleich, Friede und Ökologie lassen sich nur durch ein entsprechendes Denken und Handeln der Bürgerinnen und Bürger erreichen. Zivilcourage ist nötiger denn je!

Was geschieht

Es ist geschehen
und es geschieht nach wie vor
und wird weiter geschehen
wenn nichts dagegen geschieht

Die Unschuldigen wissen von nichts
weil sie zu unschuldig sind
und die Schuldigen wissen von nichts
weil sie zu schuldig sind

Die Armen merken es nicht
weil sie zu arm sind
und die Reichen merken es nicht
weil sie zu reich sind

Die Dummen zucken die Achseln
weil sie zu dumm sind
und die Klugen zucken die Achseln
weil sie zu klug sind

Die Jungen kümmert es nicht
weil sie zu jung sind
und die Alten kümmert es nicht
weil sie zu alt sind

Darum geschieht nichts dagegen
und darum ist es geschehen
und geschieht nach wie vor
und wird weiter geschehen

Erich Fried

3. Was ist Zivilcourage – Begriffsklärung

zivilcourage_diagramm

  • Zivilcourage ist der soziale Mut, die persönliche Meinung frei zu äußern und – wenn nötig – entsprechend zu handeln, auch gegenüber der Obrigkeit und Mehrheit. Die Einmischung bzw. das Eingreifen wird auch dann gewagt, wenn sie den Vorgesetzten, Regierenden oder der Umgebung missfällt.
  • Bürgermut beginnt damit, genau hinzusehen und wahrzunehmen, was wirklich ist: statt wegzuschauen und das Unrecht in Schweigen zu hüllen.
  • Menschen mit zivilem Mut stehen zu ihrer Überzeugung, auch wenn ihnen ihr Einspruch Nachteile bringen mag.
  • Sich zivilcouragiert einmischen geschieht nicht privat, sondern öffentlich. Es macht die Mitmenschen auf ein gesellschaftliches Problem aufmerksam.
  • Inhalte des sozialen Mutes sind Themen, die alle Bürger angehen; sie betreffen das Zusammenleben, deshalb sind sie politisch.
  • Zivilcourage ist gewaltfrei. Menschen mit sozialem Mut setzen sich „zivil“ mit anderen auseinander, gewaltlos und ohne Macht auszuüben.
  • Sozialer Mut zeigt sich im Eintreten für Humanität: dem Unrecht mit moralischem Einspruch begegnen, Mensch und Natur schützen, „Fremde“ und „Andere“ gelten lassen, die Würde des Menschen achten, Schwachen helfen oder Demokratie wagen.

Zivilcouragiertes Handeln – ein Prozess in mehreren Stadien

zivilcourage_diagramm_2Vor dem eigentlichen Handeln aus Zivilcourage laufen Wahrnehmungs-, Bewertungs- und Entscheidungsprozesse ab, die je nach Fall und Situation schwierig und langwierig sein können. Hierzu müssen eine Reihe von Bedingungen und Voraussetzungen erfüllt sein (siehe Punkt 4), vor allem bei den handelnden Menschen, damit sie den Mut und die Kraft für ihr Tun aufbringen. Auch wenn nicht immer unerschrockener Heldenmut gefordert ist und wir nicht unser Leben aufs Spiel setzen, in den seltensten Fällen müssen bei uns kriminelle Machenschaften aufgedeckt oder gegen diktatorische Unterdrückung Widerstand geleistet werden, so braucht auch der „kleine Mut“ im Alltag eine Reihe von Fähigkeiten, die leider nicht selbstverständlich sind.

Deshalb ist es richtiger vom „großen Mut zum kleinen Widerstand“ zu sprechen. Unsere Gesellschaft wäre sehr viel demokratischer, wenn der Bürgermut für die „einfachen“ Formen des Handelns ausreichen würde. Das bedeutet konkret: die eigene Meinung offen und frei zu äußern, bei Unrecht einzugreifen und sich gegen Ungerechtigkeit und die Verletzung von Menschenrechten zur Wehr zu setzen.

Die weitergehenden Formen des gewaltfreien Widerstandes oder gar des zivilen Ungehorsams sind nur in besonderen Situationen erforderlich. Sie sind hinsichtlich ihrer Voraussetzungen und Bedingungen, ihrer demokratischen Legitimität und ihrer juristischen Bewertung und des damit verbundenen persönlichen Risikos sehr viel schwieriger zu bewerten und zu praktizieren. Auf sie wird in diesem Denkanstoß deshalb nicht weiter eingegangen.

Wenn von Zivilcourage als dem „Widerstand der kleinen Münze“ oder der „Tapferkeit des Herzens“ gesprochen wird (Arthur Kaufmann), soll der alltäglich notwendige Bürgermut nicht kleingeredet werden, sondern vielmehr auf die Wichtigkeit des beständigen, unermüdlichen Bemühens, auch gegen die Anfänge des Unrechts im Kleinen anzugehen, hingewiesen werden. Die scheinbar so plausiblen Gründe, wie sie Erich Fried benennt, werden ja immer neu gerade vom eigenen Kleinmut, von der eigenen Trägheit des Denkens genährt.

Wenn der Bürgermut aber nicht bereit ist, im Kleinen Widerstand zu leisten auch gegen subtile Formen des Unrechts, dann besteht die Gefahr, dass vielleicht in nicht all zu ferner Zukunft ein viel größerer Widerstand mit größeren Opfern notwendig ist.

Bertold Brecht sieht diese Gefahr in seinem Theaterstück „Der gute Mensch von Sezuan“:

Oh, ihr Unglücklichen!

Euerm Bruder wird Gewalt angetan, und ihr kneift die Augen zu!
Der Getroffene schreit laut auf, und ihr schweigt?
Der Gewalttätige geht herum und wählt seine Opfer.
Und ihr sagt: Uns verschont er, denn wir zeigen kein Missfallen.
Was ist das für eine Stadt, was seid ihr für Menschen!
Wenn in einer Stadt ein Unrecht geschieht, muss ein Aufruhr sein.
Und wo kein Aufruhr ist, da ist es besser, dass die Stadt untergeht.
Durch ein Feuer, bevor es Nacht wird!

Bertolt Brecht

4. Voraussetzungen und Bedingungen für Zivilcourage

fried_erich_1Ziviler Mut braucht humane Überzeugungen – Welche Menschen wagen Bürgermut?

Man kann nicht festlegen, was eine zivilcouragierte Persönlichkeit kennzeichnet. Folgende Eigenschaften finden sich bei sozial mutigen Menschen häufig:

Überzeugt sein von moralischen Werten und humanen, demokratischen Tugenden

  • Einfühlung, Mitgefühl, Mitleid, Freude, Hoffnung
  • Hilfsbereitschaft, Sorge um andere und sich selbst, Nächstenliebe
  • Soziales Pflichtgefühl, Glaube an die Kraft des Guten, Toleranz, Widerspruchsmut
  • Ehrfurcht vor der Würde des Menschen, der Natur, Sinn für Gerechtigkeit, Freiheitsstreben
  • Bindung an humane Vorbilder, Übereinstimmung von Moralvorstellung und Handeln
  • Selbstkritik, Fähigkeit, sich zu schämen
  • Eigenständigkeit, Ich-Stärke, Vertrauen in die eigene Wirkungskraft
  • Sachverständnis, Argumentationsfähigkeit, Verantwortungsgefühl

Kindheitserfahrungen, die Zivilcourage fördern – Fürsorge, Eigen-Sinn, Toleranz

Folgende Kindheitserfahrungen ziehen sich als Leitmotiv durch das Leben sozial mutiger Menschen. Aber jede Entwicklung verläuft anders und manche Person konnte erst im Erwachsenenalter auf speziellen Wegen Bürgermut wagen.

  • Fürsorgliche Haltung in der Familie, sichere Führung, Interesse füreinander.
  • In der Familie werden humane Wertvorstellungen erfahren und Tugenden gelernt.
  • Eltern, Lehrer und Erzieher fordern nicht blinden, sondern einsichtigen Gehorsam. Gehorchen wird zur wertgerichteten Entscheidung.
  • Widerspruch, Eigen-Sinn und Ungehorsam werden ernst genommen.
  • Eltern und Lehrer argumentieren; sie erklären die Regeln, die sie aufstellen und setzen sich mit den Kindern über wertvolles Handeln auseinander.
  • Unabhängiges Denken und Selbständigkeit werden unterstützt, Kinder machen gute Erfahrungen mit dem Nein-Sagen und lernen, für sich selbst zu sorgen.
  • Familie und Schule unterstützen die Fähigkeit, sich in andere einzufühlen.
  • Eltern, Lehrer, Erwachsene leben partnerschaftliches Verhalten vor und halten dazu an, anderen zu helfen. Kinder können sich mit zivilcouragierten Bezugspersonen identifizieren.
  • Menschen, die „anders“ sind, wird mit Toleranz begegnet. Jugendliche werden ermutigt, nach moralischen Maßstäben zu entscheiden, ohne nur zu hören, was andere vorschreiben.
  • In Familie und Schule werden gesellschaftliche und politische Fragen diskutiert.
  • Entdeckendes Lernen in der Schule, Partner- und Gruppenarbeit, Kreisgespräch und Diskussion, Projektunterricht, freier Aufsatz und freie Rede machen eigenständig.
  • Mitbestimmung und Mitverantwortung der Schülerinnen und Schüler in Unterricht und Schulleben ist eine Vorbereitung auf demokratisches Handeln und politisches Mitgestalten

Sozialer Mut braucht Übung – Schritte zur Zivilcourage: großer Mut zu kleinen Taten

  • Die Angst annehmen – Angst ist eine Kraft Mutig handeln bedeutet nicht, furchtlos zu sein. Nur wer seine Ängste zulässt, kann Mut entwickeln, sich mit der Angst einmischen und für gesellschaftliche Veränderungen eintreten. Angst verweist uns auf die Gefahr, der wir begegnen und vor der wir uns schützen müssen. Deshalb ist es wichtig, angstfähig zu sein.
  • Sich Sachverständnis aneignen und den argumentativen Widerspruch üben Sachkenntnis macht mitsprachefähig. Wer sachkundig ist, kann argumentieren und stärkt sein Selbstbewusstsein. Fachliche Kompetenz ist eine Gegenkraft zur Angst und eine Voraussetzung dafür, soziale Anliegen durchzusetzen. Wir brauchen Sachkenntnis dort, wo wir von gesellschaftlichen Zuständen betroffen sind, an denen wir etwas verändern möchten. Natürlich kann bei der Komplexität mancher Probleme (Technik, Gesellschaft, Wirtschaft) nicht jeder absolute fachliche Kompetenz besitzen, was nicht heißt, unseren kritischen „Bürgerverstand“ auszuschalten. Wir müssen uns in vielen Fällen jedoch auf „Experten“ verlassen. Deren Seriosität und Vertrauenswürdigkeit zu prüfen, bleibt jedoch in einer Demokratie unerlässlich.
  • Rückhalt in der Gruppe suchen – Zusammenarbeit vermindert die Furcht Wer öffentlich widerspricht, kann von der Mehrheit isoliert werden. Deshalb ist es hilfreich, sich mit Gleichgesinnten zu solidarisieren. Die Zugehörigkeit erleichtert es, für demokratische Grundwerte einzutreten. Der Zusammenhalt in der Gruppe richtet sich nicht gegen „Feinde“, sondern dient menschlichen Grundwerten, tritt für Gerechtigkeit und menschliches Maß ein. Durch Kooperation wächst das Sachverständnis.
  • Sich mit Wertvorstellungen kenntlich machen – der ethisch begründete Einspruch Erkennen lassen, wie wir denken, für welche Werte wir uns einsetzen, statt anderen unsere Meinung aufzwingen zu wollen. Wir vertreten glaubwürdig die eigene Überzeugung und versuchen gleichzeitig, Andersdenkende zu verstehen. Dadurch gelingt es, Überzeugungsmachtkämpfe zu vermeiden und sich zu verständigen.
  • Persönliche Gefühle einbeziehen – Mitfühlfähigkeit und Mitleid Fürsorge und Verantwortungsgefühl für die Nächsten und für sich selbst, motivieren zu sozialem Mut. Aus dem Widerwillen, Mitmenschen leiden zu sehen, erwächst die Kraft, für humane Werte einzutreten. Es ist hilfreich, nicht nur sachlich zu argumentieren, sondern sich auch mit dem persönlichen emotionalen Engagement begreifen zu lassen.
  • Halt gebende Ideen und Überzeugungen festigen – moralische Gegenkräfte Zum Schwierigsten in Zivilcourage-Situationen gehört die Gefahr, allein zu stehen. Um die Angst auszuhalten, müssen wir erfüllt sein vom Sinn unseres Engagements. Wir brauchen ethische oder religiöse Wertvorstellungen, Vorbilder, denen wir folgen, Hoffnung und Zuversicht. Wie kann ich so handeln, dass ich mir selbst treu bleibe?
  • Sich gewaltlos auseinandersetzen – Bürgermut ist zivil Gewaltfreies Eingreifen vermindert die Gefahr, dass sich Konflikte durch Gegenaggression verschärfen. Der Widerspruch geschieht zunächst argumentativ, nicht aggressiv. Gegner werden nicht zu Feinden gemacht. Gewaltfreiheit bezieht sich auch auf Gewalt durch verletzende Worte. Aber auch weitergehendes couragiertes Handeln bis zum Widerstand kann nur dann glaubwürdig wirken und Unrecht verhindern, wenn es nicht neues Unrecht durch Gewalt erzeugt. Die Gewaltspirale kann nur durch gewaltfreies Eingreifen unterbrochen werden.
  • Kleine Schritte wagen – sozialen Mut einüben Wie jede Tugend erfordert Bürgermut fortgesetztes Üben: in der Familie, im Freundeskreis, der Schule, am Arbeitsplatz, der Öffentlichkeit. Mit kleinen Mutproben beginnen: sich mit der eigenen Meinung erkennen lassen, für die persönliche Überzeugung stehen, Einspruch erheben, wenn Unrecht geschieht. Kleine Schritte verhindern, dass wir uns überfordern. Wir sollten unser persönliches Maß an Bürgermut herausfinden und die Gegenkräfte zur Angst stärken.

Zivilcourage in der Schule – Eine demokratische Tugend lernen

Schule: Im Klima der Anpassung wächst keine Zivilcourage

susanna_tamaro

Für demokratisches Handeln ist Zivilcourage eine grundlegende Tugend. In der Schule können Kinder und Jugendliche besonders gut darauf vorbereitet werden. Hier verbringen sie einen großen Teil ihrer Lebenszeit und finden Bedingungen, unter denen sozialer Mut nicht nur gelernt, sondern praktisch angewandt werden kann. Leider führen die Erfahrungen zu folgenden Erkenntnissen: Bei allen an der Schule Beteiligten ist sehr wenig sozialer Mut zu beobachten. Die menschlich unzureichende Qualität der Schule wird in Schweigen gehüllt, abhängig machende Lehrmethoden werden beharrlich beibehalten. Die Tabus bei Macht missbrauchendem Lehrerhandeln halten den pädagogischen und psychologischen Erkenntnisstand niedrig, wie die praktizierte Schulpädagogik zeigt.

  • hierarchieSchülerinnen und Schüler trauen sich nicht aufzumucken, wenn sie mit Lehrern und Schule nicht einverstanden sind. Sie kennen das Machtungleichgewicht zwischen Lehrern und Schülern und befürchten, ihr Widerspruch könnte ihnen Nachteile bringen. Schüler sind abhängig, weil sie zensiert werden und weil Lehrer eine Fülle von Strafmaßnahmen besitzen: vom Verweis bis zum Schulausschluss, weil sie durch ängstigendes Abfragen Schüler in Schach halten, sie mit Extemporalien erschrecken können, ihr Vorrücken gefährden, die „Notenschraube anziehen“ können – ein Folterinstrument?
  • Eltern halten ihre Kritik zurück Sie sehen ihre Kinder als „Geiseln“ in der Hand der Lehrer: die Schüler müssten „büßen“, wenn sich Eltern kritisch äußerten. In Wirklichkeit ist es Autoritätsangst, die ihnen den Mund verschließt. Zivilcourage ist in der Schule selten, weil Schule der Ort ist, an dem durch autoritäres Lehrerverhalten ein Grund gelegt wurde für Autoritätshörigkeit. Die tief eingewurzelte Angst vor den als „mächtig“ erlebten Lehrern wird in den Eltern wieder belebt, wenn sie sich mit den Lehrern ihrer Kinder auseinandersetzen sollen. Manche Eltern nehmen die schützende Hand von den Kindern zurück, wenn sie diese als „Schüler“ an die Schule „abgeben“.
  • Lehrerinnen und Lehrer tun, was ihnen vorgeschrieben wird, auch wenn es unpädagogisch ist. Widerspruch kommt selten auf, er wird von den Behörden bürokratisch zurückgewiesen. Gehorsam gegenüber den „Dienstherren“ spielt in der Schule eine prägende Rolle. Lehrerinnen und Lehrer sind wenig offen für Kritik und Selbstkritik. Bereits vorsichtige Kritik wird als „Lehrerschelte“ zurückgewiesen – ohne dass deren Inhalt bedacht wird.
  • Politiker zeigen wenig Mut, sich für Schüler einzusetzen Sie sind bereit, bei Jugendlichen Reden über Zivilcourage zu halten, aber engagieren sich nicht für junge Menschen. Schüler sind keine Wähler, Lehrer schon; das ist einer der Gründe, weshalb es nur wenige Politiker wagen, pädagogisch sachkundige Kritik an Lehrern zu äußern. Auch in Politikern beobachtet man die tief sitzende Autoritätsangst und die fehlende Mitfühlfähigkeit mit Schülern, wenn es darum ginge, sich schützend vor die Kinder zu stellen.

Schulerfahrungen, die den Bürgermut der Jugendlichen fördern

  • Schüler in ihrem Selbstwertgefühl stärken Kinder sollten in ihrem Selbstwert bestärkt werden. Denn das Selbstwertgefühl ist eine wichtige Grundlage des Bürgermuts. Alle kleinmachenden Maßnahmen vermeiden, damit das Selbstwertgefühl nicht verletzt wird: auslachen, demütigen, bloßstellen, schlechte Noten öffentlich bekannt geben, Kinder mit ironischen Bemerkungen kränken… Schüler sollen ermutigt werden, das oft als „selbstverständlich“ geltende Unrecht des Lehrerhandelns als Unrecht wahrzunehmen.
  • Soziale Tugenden nicht nur lernen, sondern erfahren In der Schule werden humane Wertvorstellungen erfahren und Tugenden gelernt: achtsam miteinander umgehen, Rücksicht nehmen, die Meinung des anderen ernst nehmen, einander unterstützen. Kinder und Jugendliche werden ermutigt, nach moralischen Maßstäben zu entscheiden, ohne ausschließlich darauf zu schauen, was andere vorschreiben. Normen müssen nicht nur gelernt, sondern erfahren werden. Im Unterricht wird die Fähigkeit unterstützt, sich in andere einzufühlen. Das geschieht zum einen durch Unterweisung, zum Beispiel im Literaturunterricht, Ethikunterricht, Religionsunterricht, Sozialkundeunterricht und in anderen Fächern. Zum Unterricht in Ethik muss die angewandte Ethik kommen, durch die die Schüler praktisch handelnd erleben, wie man anderen zuhört, auf sie eingeht, ihnen hilft… Jugendliche sollten in der Schule erfahren: Menschen, die „anders“ sind, begegnen wir mit Toleranz. Die „Schwachen“ in der Klasse, Ausländer, Kinder mit Besonderheiten. Es wäre schön, wenn Lehrerinnen und Lehrer partnerschaftliches und zivilcouragiertes Verhalten vorlebten und Kinder die Möglichkeit hätten, sich mit ihnen zu identifizieren. Der pädagogische Takt des Lehrers schafft ein Klima der Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft.
  • Einsichtigen Gehorsam und sozialen Ungehorsam lernen Lehrerinnen und Lehrer fordern nicht blinden, sondern einsichtigen Gehorsam. Gehorchen wird zur wertgerichteten Entscheidung. Erkennender Gehorsam schließt ein, den Befehl zu verweigern, wenn er gegen Grundwerte verstößt. Lehrer argumentieren; sie erklären die Regeln, die sie aufstellen, und setzen sich mit den Kindern über wertvolles Handeln auseinander. Dabei lassen sie die Schüler erleben, wie sie selbst argumentieren können und wie daraus vernünftige Regelungen eines Arbeitsbündnisses erwachsen. Schüler sollten gute Erfahrungen mit dem Nein-Sagen machen, damit sie lernen, ein sich selbst bewahrendes Nein auszusprechen. Sie erfahren, wie Einspruch und Widerspruch vom Lehrer akzeptiert, nicht von vorn herein zurück gewiesen werden, sondern zu konstruktiver Auseinandersetzung führen.
  • Politik gehört in die Schule – als Fach und als Handlungsprinzip In der Schule sollten gesellschaftliche und politische Fragen diskutiert werden. Politik gehört in den Unterricht – nicht nur als Fach, sondern als Prinzip in allen Fächern. Zivilcourage und sozialer Ungehorsam sollten Unterrichtsthema sein: an geschichtlichen und aktuellen Ereignissen, in der Schulklasse und engeren Umgebung, durch Literatur- und Ethikunterricht, am Beispiel großer Vorbilder. Die Schüler sollen lernen, wie man sozialen Mut lernt, im Rollenspiel einüben, die eigene Meinung kund zu tun, gewaltfreies Verhalten ausprobieren, also nicht nur über Zivilcourage reden, sondern sie praktisch erfahren und über die Erfahrung gemeinsam nachdenken.
  • Die Schüler Mitbestimmung und Mitverantwortung erleben lassen Die Mitbestimmung der Schülerinnen und Schüler in Unterricht und Schulleben ist Vorbereitung auf demokratisches Handeln und politisches Mitgestalten. Überall dort, wo Schüler Betroffene sind, sollen sie zu Beteiligten werden, die die Ereignisse mitbestimmen können. Kinder sollten Kritik am Lehrer üben dürfen und dabei lernen, wie man Kritik taktvoll vorbringt. Kritik sollte nicht so ausschließlich nur vom Lehrer zu den Schülern führen wie bisher. Dabei erfahren die Schüler, wie Kritik oft Selbstkritik einschließt. Viele Schüler befürchten, bei Widerspruch von Lehrern bestraft zu werden. Diese Angst muss ernst genommen werden und immer wieder gemeinsames Thema sein. Für demokratische Opposition darf es keine Benachteiligung geben.
  • Unterricht muss die Schülerinnen und Schüler herausfordern, selbständig zu handeln Unabhängiges Denken und Selbständigkeit werden in freien Unterrichtsformen unterstützt. In Partner- und Gruppenarbeit erfahren die Jugendlichen, dass Kooperation nicht nur das humanere Prinzip ist, sondern auch das lernwirksamere.

5. Beispiele und Vorbilder von Zivilcourage im Alltag – Möglichkeiten und Grenzen des Handelns sind individuell

Wer Zivilcourage lernen will, kann sich durch Vorbilder bestärken lassen. Vorbilder gibt es genug. Leider auch für falschen Heldenmut. Denn in noch nicht weit zurück liegenden Zeiten galt als Held, wer sich auf dem Schlachtfeld des Krieges besonders erfolgreich hervor tat oder auf dem Feld der „Ehre“ sein Leben für das Vaterland „opferte“. Immerhin wird dem deutschen Reichskanzler Otto von Bismarck zugeschrieben, erstmalig den Begriff Zivilcourage verwendet zu haben, um darauf hinzuweisen, dass es neben dem militärischen Mut auch eine zivile Form des Mutes gibt, die aber nur selten anzutreffen ist: „Mut auf dem Schlachtfeld ist bei uns Gemeingut. Aber man wird es nicht selten finden, dass es ganz achtbaren Leuten an Zivilcourage fehlt.“

Der Held

bleibt den Kämpfen fern.
Der Schwache ist in die Feuerzone gerückt.
Die Uniform des Tages ist die Geduld,
die Auszeichnung der armselige Stern
der Hoffnung über dem Herzen.

Er wird verliehen
für die Flucht von den Fahnen,
für die Tapferkeit vor dem Freund,
für den Verrat unwürdiger Geheimnisse
und die Nichtbeachtung jeglichen Befehls.

Ingeborg Bachmann

Mut auf dem Schlachtfeld ist zerstörerisch und lebensfeindlich und muss dem Leben zuliebe ersetzt werden durch den Mut, gegen alle destruktiven Kräfte ein entschiedenes Nein zu sagen, damit es keine Schlachfelder mehr gibt. Das meinte Franca Magnani, die mutige ARD-Korrespondentin, als sie sagte: „Je mehr Bürger mit Zivilcourage ein Land hat, desto weniger Helden wird es einmal brauchen.“ Sofern überhaupt Bild (Vor-Bild) und Begriff des „Helden“ noch sinnvoll sind, dann sollte die Metapher neu gedacht werden im Sinne des „Anti-Helden“, des wahren Helden, der sich durch Tapferkeit vor dem Freund auszeichnet und Befehle missachtet, wie es Ingeborg Bachmann in ihrem Gedicht visionär formuliert. Nicht der Krieg ist der Ernstfall des Lebens, sondern der Friede (im Sinne eines Ausspruchs des früheren Bundespräsidenten Gustav Heinemann), der immer wieder neu den Bürgermut zu seiner Gestaltung braucht.

Bürgermut für den Frieden – Bedingung für das Überleben der Menschheit

Im atomaren Zeitalter ist Frieden eine Bedingung für das Überleben der Menschheit. Deshalb ist Friedlosigkeit eine seelische Krankheit, die es zu heilen gilt. Auch dafür brauchen wir „die Freiheit, den Mund aufzumachen“. Sie kann helfen, den Alltag menschlicher zu gestalten. Heute muss jedoch jede soziale Überlegung die Frage einschließen: Wie können wir Friedlosigkeit überwinden und das Leben auf der Erde bewahren? Die destruktiven Kräfte der Gegenwart sind so gefährlich, dass der notwendige Wandel des Bewusstseins nichts Geringeres als eine Neu-Erziehung der Menschheit erfordert. „Politik“ muss vor allem „Frieden machen“ bedeuten. Denn die Welt bedarf des Friedens, wenn sie sich nicht selbst zerstören soll. An diesem Bewusstseinswandel können wir mitarbeiten: die Bewegung auf die Katastrophe hin wahrnehmen, den Schrecken nicht verdrängen und sich mit sozialem Mut einmischen.

Ohne Widerspruchsmut und Ungehorsam gibt es keinen Fortschritt – Standhaftigkeit

Menschheit setzte voraus, standhaft zu bleiben gegenüber Autoritäten, die andere Ansichten und neue Ideen bekämpften. Geistiges Wachstum war nur möglich, weil Einzelne ihrem Gewissen und Wissen folgten und zu den Machthabern „Nein“ sagten. Philosophen, Religionsstifter, Naturwissenschaftler, Revolutionäre gewannen Erkenntnisse durch Akte des Ungehorsams. Sie folgten der Vernunft und verweigerten den Befehl. Denken ist nicht nur eine Sache des Intellektes; es braucht auch den Mut, sich gegen Autoritäten aufzulehnen. Um vom paradiesischen „Baum der Erkenntnis“ zu essen, war es notwendig, ungehorsam zu sein.

drei_affenDurch Ungehorsam und Widerspruchsmut wachsen geistige Fähigkeiten. Die Entwicklung der Menschheit setzte voraus, standhaft zu bleiben gegenüber Autoritäten, die andere Ansichten und neue Ideen bekämpften.

Auch wenn in Lehrbüchern immer noch die Feldherren vergangener Zeiten als Vorbilder gepriesen werden, kennen wir genügend Namen von Frauen und Männern, die ihrem Gewissen folgten und durch Akte des Ungehorsams uns Mut machen können: Bertha von Suttner, Sophie Scholl, Alva Myrdal, Mahatma Gandhi, Martin Luther King, Oscar Romero, Danilo Dolci…

Dennoch besteht die Gefahr, dass uns die „großen“ Vorbilder mit ihrem „großen“ Mut auch klein und mutlos erscheinen lassen. Nicht jeder von uns hat ja die Courage, die Kraft und den langen Atem für so große Taten, für den großen Widerstand, der ja auch oft das Leben kostete. Aber ist das überhaupt notwendig?

Wichtig ist das persönliche Maß an Bürgermut – kleine Schritte wagen!

Bürgermut ist nicht durch Vorschriften festzulegen. Jeder einzelne kann nur so viel Mut zu politischem Handeln entwickeln, wie es ihm möglich ist. Dazu ist es notwendig, die eigene Angst nicht zu überspringen, sondern zu spüren und anzunehmen. Erst aus dieser Selbstwahrnehmung heraus kann dann das persönliche Maß an Mut riskiert werden. Auch kleine Schritte sind wichtig, denn die Kraft des Lebens entwickelt sich besonders durch eigenes Handeln.

Auch große Persönlichkeiten wußten um die Bedeutung der kleinen Schritte, des alltäglichen couragierten Handelns auch im scheinbar Unbedeutenden der kleinen Lebensbezüge der Bürger. So erzählte Inge Aicher-Scholl über ihre Schwester Sophie Scholl: „Für Sophie war wichtig, auch im Kleinen zu helfen: ‚Man darf nicht nur dagegen sein, sondern muss etwas tun und an der Zementmauer der Unmöglichkeit versuchen, kleine Möglichkeiten heraus zu schlagen.‘ Eine Stelle aus dem Jakobus-Brief galt ihr als Maxime: ‚Seid Täter des Wortes – nicht Hörer allein.'“

Sophie war ein stilles, eher schüchternes Mädchen. Wie kam sie zu dieser Tapferkeit? Sie wuchs in einem toleranten Elternhaus auf. Die Meinung der Kinder wurde respektiert, auch wenn sie der elterlichen widersprach. Der Vater ermutigte dazu, nicht kritiklos hinzunehmen, was Erwachsene sagen. In der Familie wurde viel über Politik und Bücher gesprochen. „Die Gedanken sind frei!“ hörte Sophie vom Vater. Der verteidigte aufrecht seine kritische Meinung über die Nazis. Deshalb verhaftete ihn die Polizei mehrmals. Als er vier Monate eingesperrt wurde, stellte sich Sophie an Sommerabenden in die Nähe des Gefängnisses und spielte ihrem Vater auf der Flöte das Lied, das Symbol für beide war: „Die Gedanken sind frei.“

Mit zweiundzwanzig Jahren wurde Sophie hingerichtet. Sie hatte Flugblätter gegen den nationalsozialistischen Terror verteilt. Nach ihrer Verhaftung meinte sie, eine Gefängnisstrafe zu bekommen, aber der Gerichtshof verkündete das Todesurteil.

Heute setzen wir nicht unser Leben aufs Spiel, wenn wir politisch-moralischen Widerstand leisten, zum Beispiel gegen den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg auf den Irak protestierten. Oder wenn wir gegen eine „Sicherheitspolitik“ demonstrieren, die durch militärische Rüstung die Welt unsicher macht. Dass es auch gar nicht nur die „große“ Politik sein muss, die Widerstand gegen Unrecht braucht, zeigen andere Beispiele:

Die Angst, allein zu stehen

Frau W. schildert den Konflikt zwischen der Furcht, sich einzumischen, und dem Wunsch, ihrer moralischen Empfindsamkeit zu folgen. Sie erzählt: „Ich stand vor der Kasse des Einkaufsmarkts, vor mir warteten zwei Türkinnen. Eine Kundin begann laut über ‚die Ausländer‘ zu schimpfen: ‚Die Kanaken sollte man nach Hause schicken, sie nehmen uns die Arbeit weg, belagern unsere Wohnungen, und überhaupt, wie dreckig die sind…‘ Ein Schwall entwertender Vorurteile brach sich Bahn. Andere Kunden nickten beifällig oder schwiegen. Ich war innerlich empört, mir taten die Türkinnen leid. Aber die Angst, auch beschimpft zu werden, verschloss mir den Mund. Ich fürchtete, allein gegen alle dazustehen. Zudem erkannte ich unter den Frauen Nachbarn; das ängstigte mich besonders. Ich wollte es nicht mit Leuten verderben, mit denen ich täglich zu tun habe. Aufgeregt zögerte ich, hörte mein Herz klopfen und spürte meinen trockenen Mund. Da fasste ich doch Mut und redete zaghaft dazwischen: ‚Ich hab gute Erfahrungen mit Türken gemacht, das sind Menschen wie wir; ich finde es unrecht, sie zu beleidigen.‘ – Erstauntes Schweigen; zwei stimmten mir durch Kopfnicken zu. Ich war froh, mich zu den Widerworten durchgerungen zu haben.“

Bedrohlich fand Frau W., dass sie sich von ihr näher stehenden Menschen mit ihrer Haltung erkennen lassen musste; damit setzte sie ihre Zugehörigkeit aufs Spiel: „Verscherze ich mir womöglich Sympathien?“ Die Angst, allein zu stehen, ist ein harter Prüfstein auf dem Weg zu Zivilcourage. Sie kann durch haltgebende Gegenkräfte überwunden werden: durch das Erfülltsein von Menschenrechten, einen starken Glauben, durch die Bindung an Vorbilder und das Vertrauen in die eigene Wirkungskraft.

Ein Schüler verteidigt das Recht, vom Lehrer anständig behandelt zu werden

Meist können sich Kinder und Jugendliche nicht wehren, wenn ihre Persönlichkeitsrechte verletzt werden. Benno wagte zu widersprechen, als der Lehrer die Klasse beleidigte. Seine Eltern sahen Widerspruchsmut als Tugend an; sie unterstützten den Jungen, zum Unrecht Nein zu sagen. Mathematikstunde: Der Lehrer erklärt eine Aufgabe, den Schülern fällt es schwer, den Rechenweg zu begreifen. Ungeduldig schreit Herr H. die Klasse an: „Das ist ja furchtbar, wie begriffsstutzig ihr seid; sitzen denn lauter Hornochsen vor mir?“ – Stille in der Klasse. Dann nimmt sich Benno empört das Wort: „Wir sind nicht begriffsstutzig und keine Hornochsen; vielleicht erklären Sie zu unverständlich. Ich finde es taktlos, uns so runterzumachen.“ Verlegenes Staunen beim Lehrer, heimliche Zustimmung bei den Mitschülern. In allen wirkte die mutige Gegenrede des Jugendlichen nach; er zeigte sozialen Mut. Andere so zu beleidigen wie seine Schüler, würde sich der Lehrer gegenüber Erwachsenen nie erlauben. In der Schule muss er keine Konsequenz befürchten, wenn er sich taktlos verhält.

Schüler als ebenbürtig behandeln – auch ihre Würde ist unantastbar

Bennos Zivilcourage hatte ein Nachspiel: Der Lehrer fasste sich ein Herz und entschuldigte sich bei den Schülern wegen der Beleidigung. Es kam zum Gespräch zwischen ihm, Benno und der Klasse: über Unzufriedenheit, Wünsche und darüber, wie sie gemeinsam das Unterrichtsklima verbessern könnten. Der Jugendliche regte durch seinen Einspruch den Studienrat an, sich als Lehrer auch von den Schülern her zu sehen. Benno zeigte Konfliktfähigkeit, denn er schwieg nicht zur Untat, sondern setzte sich zur Wehr, für sich und die Mitschüler. Aus der verletzenden Situation wuchs Freundlichkeit, denn der Lehrer war bereit, den Kindern zuzuhören und sein niedermachendes Benehmen einzusehen. Er erwies sich als schlechtes Vorbild, weil er die Schüler würdelos behandelte. Er gab ein gutes Beispiel, denn er gestand die Achtlosigkeit ein und bat um Nachsicht. Dass er bereit zu Selbstkritik war, regte auch die Schüler zur Selbstkritik an. Sie erlebten, dass sie mit der Tugend der Zivilcourage etwas bewirkten. Der zivilcouragierte Jugendliche und sein zu Selbstreflexion bereiter Lehrer wagten den „Bruch mit der Gleichgültigkeit“, den jedes sozial mutige Handeln kennzeichnet.

Die Unfähigkeit, Widerstand zu leisten, macht dumm.
Sie führt dazu, die eigenen Fähigkeiten nicht zu nutzen.
Es geht darum, sich nicht von der Macht der anderen und
nicht von der eigenen Ohnmacht dumm machen zu lassen.

Oskar Negt

Der Weg von sozialem Mut zu „Politik als praktizierter Sittlichkeit“

Wer Zivilcourage wagt, erweitert seine persönliche Freiheit; er nimmt Chancen zu Selbstverantwortung und Mitmenschlichkeit wahr. Im Wissen um den Wert seines Eingreifens hält er der Furcht stand und wehrt sich gegen bürokratische Reglementierung. Bürgermut macht den Einzelnen aktiv, stärkt das Selbstwertgefühl und festigt das Gemeinschaftsgefühl. Zivilcouragierten Menschen liegt nicht nur daran, für die eigene Person etwas zu verändern; sie strebt auch gesellschaftliche Veränderungen an. Soziale Empfindsamkeit mündet in politisches Handeln.

Lebendigkeit und Freude – gegen die Zerstörung

Wer die zerstörerische Seite unserer Wirklichkeit in ihrem vollen Umfang wahrnimmt, kann leicht depressiv werden. Bei unserem eigenen Unzulänglichsein und dem, was uns täglich an schrecklichen Nachrichten erreicht, ist es oft schwierig, sich zwischen Hoffnung und bedrückender Realität in der seelischen Balance zu halten. Für diese Balance brauchen wir Freude am Leben: sich untereinander kennen lernen, sich aneinander freuen, einander zuhören, miteinander Freudemachendes und Schönes tun, Erfahrungen teilen – all dies gehört zum Eintreten für eine friedliche Welt.


Literatur- und Quellenangaben

Zur Vertiefung der Thematik werden folgende Quellen angegeben:

  • Auf der Internetseite von Prof. Dr. Kurt Singer werden eine Vielzahl von Texten zum Thema Zivilcourage angeboten: www.prof-kurt-singer.de

Bücher:

  • Kurt Singer, Zivilcourage wagen. Wie man lernt, sich einzumischen 204 Seiten, 3. neu bearbeitete Auflage 2003, Ernst Reinhardt Verlag, 14,90 Euro
  • Kurt Singer, Zivilcourage. Die Schülerbroschüre 50 Seiten DIN A4 mit 16 Karikaturen, Herausgeber und Bezug: Bündnis Ansbacher Schülerinnen und Schüler – BASS e.V., Telefon 0981 9776409, info@bass-ev.de, 3,00 Euro, Schüler 2,00 Euro, Sammel-bestellung ab 20 Stück 1,50 Euro
  • Gerd Meyer, Ulrich Dovermann, Siegfried Frech, Günther Gugel (Hrsg.), Zivilcourage lernen / Analysen – Modelle – Arbeitshilfen Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2004, Buchhandelsausgabe: Institut für Friedenspädagogik Tübingen e. V., Tübingen 2004, ISBN 3-932444-13-2, www.friedenspaedagogik.de
  • Till Bastian, Zivilcourage. Von der Banalität des Guten Hamburg 1996
  • Friedemann Schulz von Thun, Zur Psychologie der Zivilcourage – Ein TZI-Lehrversuch. Reflektionen zum Prozess und Erkenntnisse zum Thema in: Hochschule und Lebendiges Lernen. Beispiele für themenzentrierte Interaktion, hrsg. v. Gerhard Portele und Michael Heger, Weinheim 1995
  • Reiner und Anne Engelmann / Otto Herz (Hrsg.), Zivilcourage. Jetzt! Arena Verlag, Würzburg 2002

50 Jahre Denkanstöße für eine friedlichere Welt

Text- und Grafikquelle: Studiengesellschaft für Friedensforschung

Die Studiengesellschaft für Friedensforschung hat verschiedene Schriften in Form von «Denkanstößen» herausgebracht, welche auch in gedruckter Form erhältlich sind. Wer hier Interesse hat, kann diese gerne unter der u.a. Kontaktadresse beziehen.

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