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Weltkrieg, “Urkatastrophe” und linke Scheidewege

von Stefan Bollinger

Mit dem Niedergang von Realsozialismus und Ostblock wird Geschichte neu geschrieben. Lückenlos. Verorteten einst Marxisten-Leninisten in der Oktoberrevolution einen Epochenanfang, dem nachhaltigsten und gewaltsamstem Ausbruch aus dem 1. Weltkrieg – was unter je eigenen Vorzeichen als Beginn eines Weltbürgerkriegs bis in die Rechte hinein akzeptiert wurde –, so wird nun die “große Unübersichtlichkeit” der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart weit in die Vergangenheit transferiert. Zugleich wird Eric Hobsbawms Diktum vom “Zeitalter der Extreme” [1] in diesem ideologischen Kampf um Geschichtsdeutung und Sicherung der heutigen kapitalistischen Politik verfälscht: Es sei ja eine von linken wie rechten Totalitarismen geprägte Zeit, die erst mit der assistierten “Selbstbefreiung” des Ostblocks 1989/91 glücklich zu Ende ging.

Das Jubel- und Erinnerungsjahr 2014 wird so zur glücklichen Fügung, in der die Jahrestage von 1914, 1939 und 1989, dazu noch 2004 (EU-Osterweiterung) zusammenfließen. Die “Stiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur” kann so das Konzept dieser Erinnerungspolitik rechtzeitig festschreiben:

“2014 lässt sich somit aufzeigen, wie die Geschichte von Demokratie und Diktatur im Europa des 20. Jahrhunderts miteinander verflochten sind. Der Blick auf die europäische Zeitgeschichte vermag das Verständnis dafür zu schärfen, dass die ökonomischen Probleme der europäischen Gegenwart vor dem Hintergrund der unseligen gemeinsamen Vergangenheit lösbar sind und gemeinsam gelöst werden müssen […]. Eine Perspektive auf die europäische Zeitgeschichte, die die Jahre 1914/1939/1989 verbindet, kann dazu beitragen, die europäische Erinnerungskultur zusammen zu führen, in der die Teilung Europas vor 1989 bis heute fortbesteht.” [2]

Die Stiftung scheut keine Kosten und Mühen, das Jahr 2014 mit einer Wanderausstellung und reichlichem Druckmaterial zu begleiten. Gemeinsam mit dem Münchener “Institut für Zeitgeschichte” wird versprochen zu “zeigen, wie die ‘Urkatastrophe’ des 1. Weltkriegs mit ihrer Gewalterfahrung den Aufstieg der totalitären Bewegungen im 20. Jahrhundert begünstigt” habe. Letztlich erzählt die Ausstellung “Diktatur und Demokratie im Zeitalter der Extreme” “Europas 20. Jahrhundert als dramatische Geschichte zwischen Freiheit und Tyrannei, zwischen Demokratie und Diktatur” [3].

Dieser Weg des Triumphs der Demokratie muss kritisch unter die Lupe genommen werden, wozu sich das Jubiläum 1. Weltkrieg zwangsläufig anbietet. Dabei werden 2014 die Erinnerungen und (Neu-)Bewertungen des ersten großen Krieges des 20. Jahrhunderts zentral sein. Wobei ein nahtloser Übergang auch zu einer Erinnerung an den folgenden Weltkrieg Nummer Zwei als Revanche-Krieg des Verlierers wesentlich sein wird. Letzterer wird dabei zweifelsohne als ein Krieg beschrieben werden, der von zwei Paria der Weltgemeinschaft, von Hitlers Deutschland im Bündnis mit Stalins Sowjetunion verursacht wurde – gegen die Demokratien Europas. Beide Diktatoren werden als Produkt dieser Urkatastrophe deklariert. Nicht untypisch, wenn auch etwas grotesk ist das anekdotenhafte Beschreiben einer möglichen Begegnung des Bildermalers Adolf Hitler und des Berufsrevolutionärs Josef Stalin im Park des Wiener Schlosses Schönbrunn. Dank des hochgelobten Bestseller-Autor Florian Illies wird die sonst noch heile, obschon fragile Welt des Jahres 1913 zum Panoptikum glücklicher wie unglücklicher Intellektueller am Ende der Belle Époque, wird die totalitarismusschwangere, natürlich unbelegte Begegnung der künftigen Diktatoren zur ernst gemeinten Farce. So liefert auch das Feuilleton zeit- und termingerecht das Gewünschte. [4]

Streit um Geschichte ist Streit um Gegenwart

Jean_Jaures_Reformsozialismus_SozialismusDiverse Historiker, eher Männer als Frauen, und Organisationen erinnern sich jener Ereignisse vor 100 Jahren, die damals und für die Zwischenkriegszeit, aber auch noch für die Auseinandersetzungen im und nach dem 2. Weltkrieg relevant schienen. Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks sind die erledigt geglaubten Nationalismen wieder aufgetaut und schaffen neue Feindschaften. Gleichzeitig sucht eine künstlich belebte Europa-Euphorie einstige Gräben zuzuschütten, während dank Weltwirtschafts- und Euro-Krise teilweise genau in den damals als Pulverfass wirkenden Regionen diese Gräben und das Ringen um zumindest europäische Vormacht neu aufbrechen. Dabei zeichnen sich einige zentrale Verständnislinien ab, die für eine kritische, emanzipatorische Theorie, Geschichtspolitik und Politik eigentlich Anlass zum Gegenhalten sein müssten. Dies zumal, weil Anlässe und faktische Auslöser des Krieges – Stichwort Attentat von Sarajewo am 28. Juni 1914 – wenig mit den tieferen Ursachen von Krieg und imperialistischer Konkurrenz zu tun haben. Nicht zuletzt auch deshalb, weil selbst diese Attentats-Auswahl selektiv ist und zum Verständnis jener Konstellation von 1914 zumindest für die Linke ein zweites Attentat, jenes auf den französischen Sozialistenführer Jean Jaurès [s. Foto] am 31. Juli in Paris, hinzugezogen werden müsste. Der vehemente Kriegsgegner wurde von einem Nationalisten [Raoul Villain] – natürlich ungesühnt – ermordet, der Linken wie den Pazifisten ihre Grenzen gewiesen. “Kaltes Blut tut not”, Jaurès Aufmacher für die “L’Humanité” von diesem Tage verhallte ungehört. [5]

In heutigen Sichtweisen auf den 1. Weltkrieg ist es schwierig, die wirklichen sozialen, ökonomischen, ideologischen und machtpolitischen Konstellationen zu erfassen, gar Grundmechanismen von Kapitalismus und Imperialismus. Einstige marxistische Darstellungen sind verdrängt und vergessen. Selbst ihre Autoren erinnern vor allem der Grenzen und Einseitigkeiten parteipolitischer Korrektheit. [6] Dadurch ging manch komplexerer Zug von Ereignissen, Organisationen und Personen verloren, weniger die klare sozioökonomische Verordnung des Krieges, seiner Anstifter und Profiteure. [7] Es gibt gute neuere Gesamtdarstellungen mit dem besonderem Schwerpunkt auf die politischen und militärpolitischen Aspekte, [8] es greifen konzentrierte Gesamtdarstellungen nicht zuletzt auch aus deutscher Sicht, [9] es gibt gar kritische Versuche linksliberaler Suche nach den Kriegsursachen [10], die aber schon jenseits des Mainstreams ihre Leser finden müssen. Neuerdings überlagert eine gesteuerte Bestsellermanie um Christopher Clarks “Schlafwandler”  [11] alle Diskussion jenseits einer historisch-kritisch, sozial-ökonomisch fundierten, geschweige denn marxistischen Analyse. Dagegen finden sich bei manchen Autoren, die die Kriegs- und Gewaltprozesse des 20. Jahrhunderts kritisch analysieren durchaus bedenkenswerte Einsichten  [12] und der Blick auch auf die Kriegsgegner [13]. Hier können die für die politische und theoretische Auseinandersetzung mit dem Krieg relevanten Verständnislinien nur skizziert werden:

Erstens wird der Krieg von 1914 als Bruch in einer eigentlich friedlichen, demokratischen, sich gar sozialistisch-sozialdemokratisch entwickelnden europäischen Welt eines langen Friedens mindestens seit 1871 interpretiert. Ein genauerer Blick lässt erkennen, dass selbst diese eurozentristische Sicht bewusst in die Irre leitet. Der Focus richtet sich vor allem auf das Neben- und Zusammenleben dreier zivilisierter Mächte – Deutsches Reich, Frankreich, Großbritannien, dazu einige zentraleuropäischer Staaten. Da interessieren die permanenten Kriege an der Peripherie Europas, insbesondere auf dem Balkan nur insofern, als ihr erneutes Aufflackern 1911-1913 den Glutfunken für die Zündschnur zum großen Knall lieferte. Der Balkan und speziell die serbische Frage werden zum Nabel der Welt. In dieser Region trafen die unterschiedlichen Interessen der Großmächte aufeinander, insofern wirkte sie als Katalysator [14], aber eben nicht als Ursache dieser imperialistischen Konflikte. Dabei wird ausgeblendet, dass vermeintlich so zivilisierten Länder weltweit, mitunter gemeinsam, gelegentlich in Wettbewerb und Konfrontation Kriege in und um Kolonien und abhängige Gebiete führten.

Jede der 1914 beteiligten Armeen, vom British Empire bis zum heimtückisch überfallenen neutralen Belgien, hatte Blut sehr ungleicher Kampfhandlungen in der später so apostrophierten 3. Welt an den Händen zu kleben. Es waren Kriege, die, wenn auch oft etwas verstiegen, für ökonomische Ziele, um Rohstoffe und Märkte geführt wurden. Die heute beschworene Friedensordnung der Vorkriegszeit ist die einer bis dato mehr oder minder austarierten Ordnung der Großmächte, die den langen Frieden vor allem als eine langfristige Vorbereitung auf einen künftigen Waffengang zur eigenen Expansion betrieben. Dafür rüsteten sie zu Lande und zur See, bald auch in der Luft und schmiedeten oft brüchige Allianzen – zwischen Dreibund (Deutschland, Österreich-Ungarn, Italien) und Triple Entente (Frankreich, Russland, Großbritannien). Diese Bündnisse erwiesen sich im Ernstfall als nicht unbedingt zuverlässig (Italien schwenkt nach kurzer Neutralität 1915 zur Entente). Ausschlaggebend waren machtpolitische und wirtschaftliche Interessenlagen und vor allem Möglichkeiten. Die “Völkergefängnisse” Österreich-Ungarn, Osmanisches Reiches und Russisches Reich waren mit nationalen und sozialen Konflikten geschlagen. Sie suchten, ihre Einflusszonen zu behaupten, was sie speziell am Balkan aufeinandertreffen ließ – mit oft fragilen, aber reinweg kampfeslüsternen Verbündeten. Die zaristische Selbstherrschaft war zudem nach dem Krieg mit Japan und der Revolution von 1905 in ihren Grundfesten erschüttert. Andere einstige Großmächte in Europa (Spanien) oder in Asien (China) waren lange ausgeschaltet, hatten nach Niederlagen gegenüber den USA bzw. Japan kaum Spielräume. Mit beiden letzteren Mächten, vor allem der “virtuellen Großmacht” USA [15], deutete sich eine in Europa nur vage, vielleicht als “gelbe Gefahr” erahnte grundsätzliche Machtverschiebung zu Lasten des alten Kontinents an. Frankreichs (trotz der Niederlage 1870) und Großbritanniens Macht und Kolonialreiche waren unumstritten. Ihre Probleme lagen in den Kolonien, für die Briten selbst am anderen Ufer der Irish Sea.

Bündnissysteme vor dem Ersten Weltkrieg:

Dreibund (Deutschland, Österreich-Ungarn, Italien*).

Triple Entente (Frankreich, Russland bis nach der Oktoberrevolution 1917, Vereinigtes Königreich Großbritannien und Irland)

Neutrale

* Das Königreich Italien gehörte bis 1915 zum Dreibund, trat aber 1914 nicht in den Krieg ein. Stattdessen erklärte Italien 1915 seinem vormaligen Bündnispartner Österreich-Ungarn den Krieg.

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Indes trat seit 1871 das Deutsche Kaiserreich mit “Blut und Eisen” als neue Großmacht mit dem damals dynamischsten Wirtschaftswachstum, wachsendem Wohlstand und unbändigem Expansionsdrang auf die Tagesordnung. Was 1887 noch vage Zukunftsmusik schien, als der spätere Reichskanzler Bernhard von Bülow unter Bravo-Rufen der Reichstagsabgeordneten verkündete, “wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne” [16], war bald Realität – in den deutschen Rüstungsschmieden, die weltweit verkauften, in den deutschen Kasernen und nun auch auf den Ozeanen. Nach des Kaisers Palästinareise (1898) und vor allem dem Bau der Bagdad-Bahn (ab 1903), dem deutschen Engagement bei der Niederwerfung des Boxeraufstands 1900, der “Pazifizierung” der wenigen deutschen Kolonien, dem “Panthersprung” nach Agadir (1911) halfen auch die vermeintlich guten Verwandtschaftsbeziehungen der Herrschaftshäuser und die intellektuelle Freizügigkeit wenig. Der Kuchen musste neu verteilt werden. Ein russischer Revolutionär schrieb später:

“Für den Imperialismus ist gerade das Bestreben charakteristisch, nicht nur agrarische Gebiete, sondern sogar höchst entwickelte Industriegebiete zu annektieren (Deutschlands Gelüste auf Belgien, Frankreichs auf Lothringen), denn erstens zwingt die abgeschlossene Aufteilung der Erde, bei einer Neuaufteilung die Hand nach jedem beliebigen Land auszustrecken, und zweitens ist für den Imperialismus wesentlich der Wettkampf einiger Großmächte in ihrem Streben nach Hegemonie, d.h. nach der Eroberung von Ländern, nicht so sehr direkt für sich als vielmehr zur Schwächung des Gegners und Untergrabung seiner Hegemonie (für Deutschland ist Belgien von besonderer Wichtigkeit als Stützpunkt gegen England; für England Bagdad als Stützpunkt gegen Deutschland usw.).” [17]

Berlin war eine akute politische Bedrohung für die anderen Mächte. Trotz einer achtbaren pazifistischen Friedensbewegung mit Bertha von Suttner, Norman Angell und anderen bürgerlichen Aktivisten, trotz einer sich antimilitaristisch und internationalistisch erklärenden ArbeiterInnenbewegung, trotz der Versuche, dem Krieg seine Schrecken durch internationale Verträge zu nehmen: Es war nur ein langer Frieden, in dem sich die Herrschenden, die Unternehmer, vor allem die Militärs und nicht wenige Intellektuelle auf einen neuen Krieg vorbereiteten. Zudem ist nicht zu übersehen, dass diese Friedensordnung zumindest im Herzen Europas mit dem Tod von zehntausenden Männern und Frauen der Kommune in Paris 1871 eingeleitet wurde. Über alle nationalistischen Dünkel hinweg wussten deutsche Autokraten wie französische Demokraten, dass der wirkliche Feind im Zweifel im eigenen Land gegen sie stehen wird. Die Kommunarden waren Opfer eines Klassenkrieges, der nun in neuer Weise neben die Kriege und Metzeleien der nationalistisch drapierten Eroberungskriege trat.

Pyramide-des-kapitalistisches-Systems_Kapitalismuskritik_Klassenkampf-Kritisches-NetzwerkZweitens ist das expansive Bestreben der meisten der Großmächte mit veränderten innenpolitischen Bedingungen verbunden. Starke ArbeiterInnenbewegungen und linke Parteien suchten Einfluss und Macht zu gewinnen. Sie taten dies mit unterschiedlicher Radikalität und waren mit differenzierten Gegenstrategien der Herrschenden konfrontiert. Zwischen der Russischen Revolution von 1905 und dem Millerandismus  [18] des Klassenkompromisses lagen Welten. Beide Prozesse verweisen aber auch auf die Schwierigkeiten des Übergangs zum Monopolkapitalismus und den Konflikt zwischen revolutionärem oder reformistischem Strategien gegen den Kapitalismus wie den Gegenstrategien der Herrschenden. Noch schien die Sozialdemokratie entschlossen, die Verhältnisse umzustürzen und sah die Gefahr eines großen Krieges, der all ihre Fortschritte zunichtemachen würde. Dagegen waren sie grenzüberschreitend bereit zu kämpfen, wie der Stuttgarter Sozialistenkongress 1907 als Grundsatz festschrieb:

“Droht der Ausbruch eines Krieges, so sind die arbeitenden Klassen und deren parlamentarische Vertretungen in den beteiligten Ländern verpflichtet …, alles aufzubieten, um durch die Anwendung der ihnen am wirksamsten erscheinenden Mittel den Ausbruch des Krieges zu verhindern, die sich je nach der Verschärfung des Klassenkampfes und der Verschärfung der allgemeinen politischen Situation naturgemäß ändern. Falls der Krieg dennoch ausbrechen sollte, ist es die Pflicht, für dessen rasche Beendigung einzutreten und mit allen Kräften dahin zu streben, die durch den Krieg herbeigeführte wirtschaftliche und politische Krise zur Aufrüttelung des Volkes auszunutzen und dadurch die Beseitigung der kapitalistischen Klassenherrschaft zu beschleunigen.” [19]

Dennoch war dieser Resolutionstext nicht unumstritten und vorsätzlich so vage gefasst. Sowohl die russischen Sozialdemokraten wollten Verschärfungen als auch die französischen. Letztere wollten die Kampfmethoden klar benannt haben. August Bebel wandte sich gegen “Uniformregeln”. Wortreich wurde vor den Delegierten betont, dass die deutschen Sozialdemokratie dies “nicht aus Furcht vor Verfolgungen getan hätten”. Vielmehr waren es “die Bedürfnisse der Partei […], die uns veranlassten, eine andere Form zu wählen, die unseren Notwendigkeiten entsprach”. [20] Sieben Jahre später wurde manches klarer, auch die Folgen des unabgeschlossenen Ringens mit revisionistischen und überzogen reformistischen Positionen. Die SPD war wie die Genossen in den meisten europäischen Staaten von den Aussichten des Parlamentarismus beeindruckt, begriff sich in weiten Teilen mehr und mehr als staatstragend. Dies, obwohl trotz erheblicher Stimmgewinne der Zugang zur Macht bis zum Kriegsende verwehrt bleiben sollte. Trotzdem wurden die Klassenkämpfe auch in den scheinbar zivilisierten europäischen Staaten oft hart ausgetragen, war der Einsatz der repressiven Gewalt schnell zur Hand. Nicht nur in Russland, auch in Deutschland schwebte ständig die Gefahr einer gewaltsamen Unterdrückung über der Linken.

Konkretheit der Analyse

Herrschaft_Macht_Widerstand_Tyrannei_Diktatur_UnterdrueckungDrittens verschwimmt dank vielfältiger Forschungen und dem Streben, eine andere Geschichtsinterpretation durchzusetzen wieder die Schärfe der Analyse zu Ursachen, Interessenlagen und Strategien, die schließlich zum großen Krieg führten. Bezeichnend ist die Einsicht Clarks, den nicht das “Warum”, sondern nur noch das “Wie des Weges” in den Krieg interessiert. [21] Letztlich dürfte seine aktuell hochgekochte “Schlafwandler”-These dominieren. Sie entspricht dem positivistischen Zeitgeist, bedient das Personalisieren von Geschichte, scheint Parallelen zu heutiger Politikinterpretation zu bieten – und wird massiv medial verbreitet. Überforderte Politiker (und heute auch Politikerinnen) schlittern in einen Krieg, in dem Sachzwänge alle Schritte bis hin zum großen Kladderadatsch vorbestimmen. Was bewegt da die lange Vorbereitung auf den Krieg, die Interessen der Rüstungsindustrie, was bedeutet da die militärstrategische, materielle, ideologische Zurichtung der Gesellschaften in allen Großmächten. [22] Wozu bedarf es da einer kritischen Hinterfragung des Chauvinismus und Militarismus, die keineswegs nur deutsche Spezifika waren. Da braucht es dann keiner Imperialismustheorien, keines John A. Hobson, keiner Rosa Luxemburg oder gar eines Wladimir Iljitsch Lenins – wobei letzterer im Krieg selbst dessen sozialökonomische Logik sezierte und beschrieb. [23]

So bleibt kein Platz für die sozialökonomische Logik, die sich aus der imperialistischen Entwicklung, hier der großen Staaten, und ihren Interessenlagen ergab – die Expansion notwendig machte zumal für die, die zu spät gekommen waren. Dabei dominierte damals der offene militärische Einsatz, weniger das Setzen auf die ökonomischen Argumente eines stealth imperialism [24], wobei dessen Methoden, wie der Bau der Bagdad-Bahn zeigte, durchaus bekannt und zielführend sein konnten. Allerdings auch mit der Sonderheit, dass das Deutsche Reich mit seinem Engagement im Nahen und Mittleren Osten sowie auf dem Balkan überfordert war. Indirekt stellt sich naturgemäß auch die Frage, ob 1918 die Phase des Imperialismus beendete, was heute Gemeinplatz ist, oder ob genau diese imperialistische, expansive Profitmacherei zum Wesensmerkmal kapitalistischer Politik und Wirtschaft gehört. Auf jeden Fall ging es nicht um das Retten der Demokratie und Verhindern despotischer Diktatur. Abgesehen davon, dass alle Kriegsparteien sich wahlweise jeweils der Demokratiefeindschaft bezichtigten – der Kaiser den Zaren, Paris und London den Kaiser usw. usf. machten alle Kriegsbeteiligten selbst den Weg zur faktischen Militärdiktatur durch.

Viertens stellt sich in diesem Kontext die Frage nach der Kriegsschuld. Im Zuge des Neuschreibens der Geschichte, zumal der deutschen, bahnt sich eine Entschuldung des Deutschen Reiches wie ihrer politisch und wirtschaftlich herrschenden Klassen an. Dabei steht die Frage nach der besonderen Verantwortung jener Mächte, die jenseits der zwar tödlichen, aber doch sekundären Konflikte auf dem Balkan tatsächlich Expansionsbedingungen global suchten. Das betraf zuerst jene, die zu spät gekommen waren, um ihren “Platz an der Sonne” zu gewinnen. Logischerweise war dies für das Deutsche Reich von zentraler Bedeutung und erst nach Jahrzehnten der Verharmlosung und Schuldleugnung mit Fritz Fischers “Griff nach der Weltmacht” [25] endlich geschichtsnotorisch gemacht. Genau dies wird heute in multikausalen Ansätzen aufgelöst. Der Versuch einer Neuaufteilung der Welt durch das zu spät gekommene Deutsche Reich entfesselte einen Weltkrieg, indem die anderen imperialistischen Mächte begierig und mit eigenen Interessen eingriffen. Darum standen Wilhelm II. und die Militärs der K.u.k.-Monarchie bei.

Theobald_von_Bethmann_Hollweg_Erster_Weltkrieg_1914_1918_Kaiserreich_Sozialdemokratie_Konservatismus_Imperialismus_Reichskanzler_Wilhelm_II_Bundesarchiv_Bild_146-1970-023-03Das keiner der Beteiligten den Krieg bekam, den er wollte und den bald jubelnde Massen erhofften, lag in der Logik der Sache. Verständlich ist auch, dass diese Logik unter dem Eindruck der Nachgeschichte des 1. Weltkriegs und des Weges in den 2. zumindest für Deutsche kaum zu verdrängen sein sollte. Das allerdings ist eine zusätzlich Bürde, die dem Wunsch und der Realität deutscher nationaler Normalität und Hegemonie in der Gegenwart im Wege steht. Wer will schon immer die Pickelhaube und das Hakenkreuz vorgehalten bekommen, wenn deutsche Euros und Rettungsrezepte für Ordnung und Abhängigkeit sorgen. Immerhin könnte sich eine solche Sicht auf Normalität auf die weitsichtigen Europa-Ideen der Reichsleitung berufen. In seinen im September 1914 aufgeschriebenen Kriegszielen warb Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg [s. Foto] “Es ist zu erreichen die Gründung eines mitteleuropäischen Wirtschaftsverbandes durch gemeinsame Zollabmachungen, unter Einschluss von Frankreich, Belgien, Holland, Dänemark, Österreich-Ungarn, Polen und eventl. Italien, Schweden und Norwegen. Dieser Verband, wohl ohne gemeinsame konstitutionelle Spitze, unter äußerlicher Gleichberechtigung seiner Mitglieder, aber tatsächlich unter deutscher Führung, muss die wirtschaftliche Vorherrschaft Deutschlands über Mitteleuropa stabilisieren.” [26] Davor stehe allerdings die dauerhafte Niederwerfung und Ausplünderung Frankreichs, das Herausdrängen Russlands einschließlich des Brechens der russischen “Herrschaft über die nichtrussischen Vasallenvölker”, die Verwandlung Belgien in einen “Vasallenstaat”, Annexionen in Frankreich (Erzbecken von Briey) und Belgien (Lüttich und Verviers), der Anschluss Luxemburgs usw. [27] Später machte Friedrich Naumann  [28] diese Europa-Idee weiter hoffähig. Es schert heute wenig, dass sie bis 1945 zur deutschen Vorherrschaft und nach 1945 zur antikommunistischen Blockbildung gebraucht wurde, ohne das Linke wirklich dieses Europa zu prägen vermochten.

Freilich steht ein solches Betonen einer deutschen Kriegsschuld oder zumindest einer hervorgehobenen Mit-Schuld im Kontrast zu linker Politik. Für die war diese Frage im Unterschied zu den Konfliktgegnern sekundär – auch im Blick auf die Friedensbewegung und die Linke. Sie machten hier keine großen Unterschiede, trieben doch alle Mächte, ihre Unternehmer, ihre Intellektuellen zum Krieg. Für die Kriegspropaganda war die Schuldfrage relevant, gab sie doch Argumente für die Vaterlandsverteidigung für alle Kriegsbeteiligte. Insofern war sie auch für die SPD wichtig, die nun alle Marx-Zitate zum russischen Despotismus hervorkramte. Die Schuldfrage wurde mit der Frage von Despotie und Unterdrückung noch verstärkt – ob gegen Russland oder Deutschland gerichtet. Nicht zuletzt wurde die Schuldfrage durch die einseitige Belastung Deutschlands die Grundlage für den Friedensvertrag von Versailles 1919, der die Gründe für neue Konflikte und Vertreibungen bot, vor allem aber für den Revanchekrieg eines deutschen Faschismus ebnete.

Unbenommen von diesen Einschränkungen ist jedoch die besonders aggressive deutsche Kriegsführung: Mit dem Brechen der Neutralität von Belgien und Luxemburg, Kriegsverbrechen gegen vermeintliche Franc-tireurs, mit frühzeitigen Luftbombardements, der aktiven Hinnahme des Völkermordes an Armeniern durch die verbündeten Osmanen, den Abnutzungsschlachten á la Verdun [s. Schlacht um Verdun], dem Ersteinsatz von Chemiewaffen und dem uneingeschränkten U-Boot-Krieg schrieb Deutschland Kriegsgeschichte und beschleunigte den Weg der Massenvernichtung für das 20. Jahrhundert. Nicht zuletzt erprobte Deutschland im Osten ein perfektes System der Unterwerfung “neuen Lebensraumes” gegenüber den eroberten Slawen wie der bolschewistischen Gefahr. [29]

Gegen den Krieg, gegen den Kapitalismus

Oktoberrevolution_Bolschewiken_Bolschewistische_Revolution_Lenin_UdSSR_Sozialismus_Kommunismus_Imperialismus_NeokolonialismusDas große Verhängnis des Krieges, das Zerplatzen aller Illusionen vom friedvollen Zusammenleben, aber auch von den Möglichkeiten einer organisierten proletarischen Bewegung war das Scheitern der Antikriegsbewegung(en) im August 1914. Es gab Resolutionen, Protestkundgebungen. Dann aber triumphierten Kriegspropaganda, Chauvinismus und Militarismus allerorten – auch unter Arbeitern und Arbeiterinnen, Parteimitgliedern und ihren Funktionären wie Intellektuellen – gleichwohl in Berlin, Wien, London, Paris oder St. Petersburg. Das Schicksal der bürgerlichen, pazifistischen Bewegung gehört dazu, aber noch mehr das Scheitern der Sozialdemokratie und der II. Internationalen. Sie ergriffen mit ihren Mitgliedern und Anhängern angesichts der Kriegsgefahr die Gelegenheit beim Schopfe, nun national und “staatstragend” werden zu können. Das galt für alle Linken mit der Ausnahme der Bolschewiki und der Bulgarischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (Engsozialisten).

Die erfolgreiche Manipulation der Gesellschaften und die nationalistische wie militaristische Verblendung wirkten in allen europäischen Ländern, aber eben auch in dem Land mit der stärksten Linken. Um den Preis der politischen Anerkennung durch die Herrschenden war hier die SPD in ihrer Mehrheit bereit, die Anti-Kriegspolitik auf dem “Feld der Ehre” zu opfern. Typisch ist jene Erklärung von Hugo Haase, dem Parteivorsitzenden, am 4. August 1914 bei der Zustimmung zu den Kriegskrediten:

“Wir lassen in der Stunde der Gefahr das eigene Vaterland nicht im Stich. Wir fühlen uns dabei im Einklang mit der Internationale, die das Recht jedes Volkes auf nationale Selbständigkeit und Selbstverteidigung jederzeit anerkannt hat, wie wir auch in Übereinstimmung mit ihr jeden Eroberungskrieg verurteilen […]. Wir hoffen, dass die grausame Schule der Kriegsleiden in neuen Millionen den Abscheu vor dem Kriege wecken und sie für das Ideal des Sozialismus und des Völkerfriedens gewinnen wird.” Davon “geleitet, bewilligen wir die geforderten Kriegskredite”. [30]

In Deutschland fand sich hierfür der Begriff der “Burgfriedenspolitik“, der aber nicht abdeckt, dass einflussreiche Sozialdemokraten sich längst in der Verantwortung für die bestehende Ordnung und längerfristige Reformen in ihr sahen. Wilhelm II. kannte nun sowieso keine Parteien mehr, sondern nur noch Deutsche. [31]

Allerdings bewegte die Kriegsgegner, zumal die Linke, die Kriegsschuld weniger, wenn man die Positionen der radikalen Kräfte rekapituliert. Sie waren überzeugt, dass allein der Kampf gegen die jeweiligen nationalen Kriegstreiber Frieden bringen konnte. Dass hier die radikale Linke Lenins vorpreschte und die letzte Konsequenz der Umwandlung der imperialistischen Krieges in eine Revolution beschritt, war eine Option, die dann tatsächlich eine neue historische Situation mit Chancen wie Risiken eröffnete. In Konfrontation mit den anderen linken Parteien und im Bruch mit erheblichen Teilen der sich zur “Vaterlandsverteidigung” bekennenden Sozialdemokratie in Russland ließ Lenin keinen Zweifel, dass der reaktionäre Charakter des Krieges und seine sozialen Folgen die Stimmung anheizen würden.

“Es ist unsere Pflicht, diese Stimmungen bewusst zu machen, zu vertiefen und ihnen Gestalt zu geben. Diese Aufgabe findet ihren richtigen Ausdruck nur in der Losung: Umwandlung des imperialistischen Kriegs in den Bürgerkrieg, und jeder konsequente Klassenkampf während des Krieges, jede ernsthaft durchgeführte Taktik von ‘Massenaktionen’ muss unvermeidlich dazu führen. Man kann nicht wissen, ob eine starke revolutionäre Bewegung im Zusammenhang mit dem ersten oder mit dem zweiten imperialistischen Krieg der Großmächte, ob sie während des Krieges oder nach dem Kriege auf flammen wird, jedenfalls aber ist es unsere unbedingte Pflicht, systematisch und unentwegt in eben dieser Richtung zu wirken.” [32]

Karl_Liebknecht_Marxist_Antimilitarist_Deutsches_Kaiserreich_Reichstag_SPD_Karl_Marx_Erster_Weltkrieg_Imperilismus_Internationale_Spartakusbund_Attentat_1919_Rosa_Luxemburg_SozialdemokratieIn der Konsequenz unterschiedlich wird das Umfallen der Sozialdemokratie im Sommer 1914 zum Ausgangspunkt für eine dauerhafte Spaltung der organisierten ArbeiterIinnenbewegung und zum Bruch zwischen reform- und revolutionsorientierten Linken, zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten, wie sie bald heißen sollten. Mit den Konferenzen in Zimmerwald und Kienwald 1915 bzw. 1916 formierte sich mühsam eine internationale linke Zusammenarbeit gegen den Krieg und das Preisgeben der linken Friedensziele. In Deutschland war dies der Weg über die Gruppe Internationale, den Spartakusbund und die USPD bis hin zur Gründung der KPD. Karl Liebknecht, dessen Ablehnung der Kriegskredite am 2. Dezember 1914 endlich auch im Reichstag den offenen Bruch mit der Kriegspolitik und der SPD-Politik demonstrierte und Rosa Luxemburg wurden in Deutschland zu den herausragenden, aber auch verfolgten Führern einer Antikriegsbewegung und einer Neuformierung der Linken. Haase brach schließlich auch mit der SPD, wurde Mitbegründer der USPD und wie die beiden anderen 1919 Opfer eines Mordanschlages.

Zu den wichtigsten Erfahrungen dieser sich reorganisierenden antimilitaristischen, internationalistischen ArbeiterIinnenbewegung wie auch pazifistischer Kräfte und vieler einfacher Soldaten, Bürger und Bürgerinnen, insbesondere der Arbeiterfrauen gehörte, dass Widerstand schwierig, aber möglich war. Das belegt nicht allein das private Ausbrechen von tausenden Soldaten Weihnachten 1914 [33] oder das Handeln anarchistischer Arbeiter [34] und die vielfältigen Protest- und Widerstandshandlungen desillusionierter, oft schlich hungernder Frauen und Jugendliche. Dazu gehörten in deutscher Perspektive die Streiks 1916, 1917, der Munitionsarbeiterstreik 1918, der Aufstandsversuch in der Hochseeflotte 1917. In Österreich kam es 1918 zum Jännerstreik, hinter den französischen Linien wurde 1917 gemeutert und gestreikt, selbst im fernen Australien gab es im gleichen Jahr einen Generalstreik. Nicht zuletzt erwiesen sich die russischen Revolutionen 1917, vor allem die Oktoberrevolution mit ihrem “Dekret über den Frieden”, als wichtige Katalysatoren von Antikriegsbewegung wie sozialem Umbruch.

Urkatastrophe als Zäsur und Katalysator

Set drei Jahrzehnten macht der Begriff “Urkatastrophe” als Synonym für den 1. Weltkrieg seine Runde. Georg F. Kennan, einst einer der “Erfinder” des Kalten Krieges, kam in seinem späteren Leben zu Einsichten, die nicht nur die Blockkonfrontation als Irrweg ansahen. Er untersuchte auch den Zusammenbruch jener feingestrickten, auf Ausgleich bedachten Sicherheitsarchitektur des alternden Reichskanzlers Otto von Bismarck, die seine Nachfolger angesichts der sich neu eröffnenden globalen Perspektiven so leichtfertig zerstörten. In diesem Kontext schrieb er:

“Viel später, nach Jahren im kommunistischen Russland und nationalsozialistischen Deutschland und angesichts des Phänomens des Zweiten Weltkrieges, wurde mir klar, in welch überwältigendem Maß die entscheidenden Zeiterscheinungen der Spanne zwischen den beiden Kriegen – der russische Kommunismus und der deutsche Nationalsozialismus – wie auch der Zweite Weltkrieg selbst das Resultat jener ersten großen Vernichtungskatastrophe von 1914/1918 waren: Die Rache der Natur, wenn man so will, für das entsetzliche Verbrechen am Ablauf des menschlichen Lebens, das jene Massenvernichtung dargestellt hatte; jedoch, wie das offenbar in der Natur liegt, eine Rache an einer späteren, unschuldigen Generation. So kam ich dazu, den Ersten Weltkrieg so zu betrachten, wie ihn viele denkenden Menschen zu sehen gelernt haben: als die Ur-Katastrophe dieses Jahrhunderts, das Ereignis, in dem stärker als in irgendeinem anderen – mit Ausnahme der Entdeckung von Kernwaffen und der Entwicklung der Bevölkerungs- und Umweltkrise – Versagen und Niedergang unserer westlichen Zivilisation begründet liegen.” [35]

Auch wenn diese Ereignisse nicht als Naturprozesse, sondern als in der Natur einer profitdominierten Gesellschaft gesehen werden, in denen jedoch die politischen und sozialen Akteure ihre eigenen Entscheidungsspielräume haben, bleibt dieser besondere Charakter des Einschnitts von 1914/18 und seiner revolutionären wie konterrevolutionären Nachwehen. Dass dieser Krieg nur Teil einer Gesamtgeschichte, einer globalen Durchsetzung des Kapitalismus war, könnte unstrittig sein. [36] Hilfreich ist allerdings, genauer Einschnitte und neuen Qualitäten zu benennen, die diesen Krieg so prägend für die imperialistischen Rivalitäten und Klassenkämpfe einschließlich der alsbaldigen Systemauseinandersetzung mit den kommunistischen Ausbrechern machen sollte. Der Weltkrieg wirkte tatsächlich als “Urkatastrophe” des 20. Jahrhunderts. Und dies in mehrfach:

Zunächst war er der Beginn eines ungeheuren Zivilisationsbruchs, in dem Massenarmeen Krieg führten und in hoch industrialisierten, vermeintlich zivilisierten Ländern Verfahren der industrialisierten Massentötung – noch vor allem als Kriegsinstrument – praktizierten. Gewalt wurde Alltag für Millionen Männer und Frauen in Europa und zeitgleich in weiten Teilen der Welt. Die mühsam in den vorhergehenden Jahrzehnten gewachsene zivilisatorische Kruste zerbrach, Gewalt wurde selbstverständlich und so wurden alle anderen Konflikte in der Folge offen oder verdeckt ausgetragen oder drohten ausgetragen zu werden.

Gleichzeitig brachte dieser Krieg und das Verhalten der Linken ein verhängnisvolles, dauerhaftes, bis heute wirkendes Schisma zwischen vermeintlich staatstragend-reformorientierten, aber eben “vaterlandsverteidigenden” Linken und jenen hervor, die keine Alternative zum revolutionären Beenden von Krieg und Kapitalismus mehr sahen. Darüber hinaus ist festzustellen, so bedeutsam die Antikriegsaktivitäten während des Krieges waren, ihre Zuspitzung fanden sie regelmäßig und letztendlich im Versuch, bei teilweisem Erfolg einer gewaltsamen Antikriegspolitik durch Aufstände und schließlich Revolutionen. Vor allem brachte der Krieg den zumindest versuchten radikalen Bruch mit jenen, die für ihn verantwortlich gemacht wurden. Tatsächlich rollten die Kronen über das Pflaster und eine ganze Periode revolutionärer Aufbrüche und ihrer konterrevolutionären Niederschlagung durchzogen Europa, aber auch Kolonien und abhängige Länder. [37] Schließlich formierte sich in diesem gewaltsamen Ringen der extremste politische Ausdruck diese Urkatastrophe, faschistischer Bewegungen und Diktaturen, die den Weg in Richtung Sozialismus und umfassenderer Demokratisierung aufhalten wollten. Schlussendlich. Die Fortsetzung dieses Krieges und seines ungerechten Friedens von Versailles war in diesem Gemisch von Bekämpfung der Linken, neuem Nationalismus und Revanche die konsequente Folge. Dazu kann der Zusammenhang zu dem Revanchekrieg von 1939 hergestellt werden, in dem nun ein faschistisches Deutschland mit seinen Verbündeten die Folgen von Versailles und Russischem Oktober korrigieren wollte und gleichzeitig seinen Chauvinismus und Antisemitismus tödlich über Europa, Nordafrika und Asien zu stülpen suchte. Das wäre allerdings ein neues Kapitel, das vielleicht mit dem Ende des Kalten Krieges und der staatlich organisierten radikalen Linken geendet haben könnte.

Jupp Schleifstein hatte kurz nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus auf die Gemeinsamkeiten der Krisen der Linken ab 1914 und ab 1989 verwiesen. [38] Dieser Ansatz ist anregend. Denn von der radikalen Linken damals im harten Ringen in Gestalt kommunistischer Parteien und sich sozialistisch verstehender Revolutionen gefundene Lösungen haben sich als so problematisch erwiesen, dass sie das Material für den Zusammenbruch 1989/91 lieferten. Unverkennbar ist allerdings, dass der Rückblick auf das linke Versagen 1914 vor allem hochaktuelle Fragen offenbart, auf die es wieder keine einfachen Antworten – zumal nach den anderen Ereignissen des 20. Jahrhunderts – gibt: Wie “staatstragend” darf linke Politik im Kapitalismus sein, wieweit kann sie mit den Herrschenden zusammengehen, ohne sich zu verbiegen? Kann im Interesse eines gesicherten Platzes in Gesellschaft und politischem System die Analyse der kapitalistischen Ordnung, ihres Profitprinzips wie ihres Expansionismus, ihres Imperialismus abgeschwächt werden? Bedeutet das Verlagern der expansiven Züge der Profitrealisierung weg von offener militärischer Gewalt zu den Formen struktureller, nicht zuletzt ökonomischer Gewalt ein Ende des Imperialismus? Wie ernst muss linke Politik ihren antimilitaristischen, friedensorientierten Anspruch nehmen, wo sind mögliche Zugeständnisse zu machen? Wie muss linke Politik zu jenen Begründungen für militärische Mittel stehen, in denen es um die Verteidigung von Demokratie, Menschenrechten oder um die Beseitigung der Unterdrückung anderer Völker und Gruppen geht? Kann Europa bei einem gegebenen Kräfteverhältnis ein linkes Projekt sein?

Die Ursachen und Kämpfe des 1. Weltkrieges harren ihrer (Wieder-)Aneignung durch emanzipatorische Bewegungen. Manch gesicherte antiimperialistische Erkenntnis ist mit dem Zusammenbruch des Realsozialismus leichtfertig begraben worden. Es ist eine Zeit des Kampfes um Frieden und eines Kampfes um das politische Profil einer Linken. Es ist aber auch die Zeit der verhängnisvollen Entwicklung von Fortschritts- und Demokratiefeindlichkeit, von Konterrevolution und Terror.

Stefan Bollinger


Quelle:  Grundrisse – Zeitschrift für linke Theorie & Debatte > Artikel

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Bild- und Grafikquellen:

1. Beitragsbild “Warum gibt es eigentlich Kriege?” Grafikbearbeitung: Wilfried Kahrs / QPress

2. Jean Jaurès (* 3. September 1859 in Castres, Tarn, Frankreich; † 31. Juli 1914 in Paris) war ein französischer Historiker und sozialistischer Politiker sowie in seinem Heimatland einer der bekanntesten Vertreter des Reformsozialismus am Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts.

Als einer der profiliertesten Verfechter des Reformsozialismus auf humanistisch-pazifistischer Grundlage setzte sich Jaurès am Vorabend des Ersten Weltkrieges leidenschaftlich für die Sache des Pazifismus und gegen den drohenden Krieg ein. Bei Friedensdemonstrationen und im Parlament trat er für eine politische Verständigung mit Deutschland ein. Dafür war er bei der politischen Rechten verhasst. Sein Denken wurde von so unterschiedlichen Personen wie Pierre J. Proudhon, Auguste Blanqui, Karl Marx, Henri de Saint-Simon, Auguste Comte, Immanuel Kant, Johann Gottlieb Fichte, Ferdinand Lassalle oder Pjotr Alexejewitsch Kropotkin geprägt.

Unmittelbar vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde Jean Jaurès am 31. Juli 1914 in einem Pariser Café bei einem Attentat von dem französischen Nationalisten Raoul Villain ermordet. Nach dem siegreichen Krieg und entsprechend langer Untersuchungshaft wurde der Mörder des Kriegsgegners am 29. März 1919 von einem Geschworenengericht freigesprochen. Zudem wurden die Kosten der Witwe Jaurès’ aufgebürdet.

Foto: Nadar (* 6. April 1820 in Paris; † 21. März 1910 ebenda; eigentlich Gaspard-Félix Tournachon). Quelle: Wikimedia Commons. Dieses Werk ist gemeinfrei, weil seine urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist.

3. Europakarte: Bündnissysteme vor dem Ersten Weltkrieg. Bearbeitete Version: Wiki-User Furfur. Unbearbeitete Karte: Wiki-User Alphathon. Quelle: Wikimedia Commons. Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“ lizenziert.

4. Pyramide des kapitalistischen Systems. Eine Publikation des Industrie-Arbeiters (IWW) von 1911, die für die Organisation der Arbeiter wirbt. Sie zeigt eine der Kritiken am Kapitalismus. Sie basiert auf dem Flugblatt der „Union Russischer Sozialisten“, das 1900 und 1901 verteilt wurde. Autor / Künstler: nicht benannt. Veröffentlicht durch International Pub. Co., Cleveland, Ohio. Quelle: Wikimedia Commons.

5. “Die Grenzen des Tyrannen werden bestimmt durch die Leidensfähigkeit der Unterdrueckten”. Grafik: Wilfried Kahrs / QPress.de

6. Porträt Theobald von Bethmann Hollweg (* 29. November 1856 in Hohenfinow, Provinz Brandenburg; † 2. Januar 1921 ebenda) war ein deutscher Politiker in der Zeit des Kaiserreichs. Seine Karriere begann als Verwaltungsbeamter und gipfelte in der Amtszeit als Reichskanzler von 1909 bis 1917. Foto: Nicola Perscheid Dieses Bild wurde im Rahmen einer Kooperation zwischen dem Bundesarchiv und Wikimedia Deutschland aus dem Bundesarchiv für Wikimedia Commons zur Verfügung gestellt. Inventarnummer: Bild 146-1970-023-03. Quelle: Wikimedia Commons. Dieses Werk ist gemeinfrei, weil seine urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist.

7. Oktoberrevolution 1917: Der Bolschewik (Ölgemälde von Boris Kustodijew; 1920). Foto: Russian Avant-gard Gallery. Quelle: Wikimedia Commons. Dieses Werk ist gemeinfrei, weil seine urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist. Dies gilt für die Europäische Union und alle weiteren Staaten mit einer gesetzlichen Schutzfrist von 80 oder weniger Jahren nach dem Tod des Urhebers.

8. Briefmarke der Deutsche Post (Sowjetische Besatzungszone, 1949) zum 30. Todestag von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, Erstausgabetag: 15. Januar 1949. Quelle: Wikimedia Commons.

Fußnoten:

  1. Siehe Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts. München-Wien 1995.
  2. Wanda Ott/Ulrich Mählert: Editorial, in: Aufarbeitung aktuell. Ein Newsletter der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Berlin 2012, H. 2, S.1.
  3. Diktatur und Demokratie im Zeitalter der Extreme. Streiflichter auf die Geschichte Europas im 20. Jahrhundert. Eine Ausstellung des Münchner Instituts für Zeitgeschichte und der Bundesstiftung Aufarbeitung. o.O. o.J. (Berlin-München 2013), S.2 – http://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/uploads/2014-ausstellung/werbeflyer_web.pdf [09.11.2013 17:46].
  4. Siehe Florian Illies: 1913. Der Sommer des Jahrhunderts. Frankfurt/M. 2012.
  5. Siehe Volker Ullrich: Krieg dem Krieg. Ein Leben lang kämpfte Frankreichs Sozialistenführer Jean Jaurés gegen das große Morden – am Vorabend des Ersten Weltkriegs wurde er in Paris erschossen, in: Die Zeit. Hamburg 2009, H. 37, S.88.
  6. Siehe Fritz Klein: Die Weltkriegsforschung der DDR, in: Gerhard Hirschfeld/ Gerd Krumeich Irina Renz, (Hrsg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg. Paderborn-München-Wien-Zürich 2009, akt. u. erw. Studienausgabe, S.315-319.
  7. Siehe umfassend Fritz Klein: Deutschland im Ersten Weltkrieg. 3 Bd. Von einem Autorenkollektiv unter Leitung von Fritz Klein. Berlin 1970/71; Neuausgabe Leipzig 2004.
  8. Siehe u.a. Gerhard Hirschfeld/ Gerd Krumeich Irina Renz, (Hrsg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg. A.a.O.; Stephan Burgdorff/Klaus Wiegrefe (Hg.): Der Erste Weltkrieg. Die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. München 2004; Sönke Neitzel: Weltkrieg und Revolution 1914-1918/19. Berlin 2008; Oliver Janz: Der Große Krieg. Frankfurt/M.-New York 2013.
  9. Siehe z.B. Wolfgang J. Mommsen: Die Urkatastrophe Deutschlands. Der Erste Weltkrieg 1914-1918. Stuttgart 2002, 10., völlig neu bearb. A.; Jürgen Angelow: Der Weg in die Urkatastrophe. Der Zerfall des alten Europas 1900-1914. Berlin-Brandenburg 2010.
  10. Siehe Luciano Canfora: August 1914. Oder: Macht man Krieg wegen eines Attentats? Köln 2010.
  11. Siehe Christopher M. Clark: Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog. München 2013.
  12. Siehe z.B. Michael Howard: Der Krieg in der europäischen Geschichte. Vom Mittelalter bis zu den neuen Kriegen der Gegenwart. Bonn 2010, 2., akt. A.; James J. Sheehan: Kontinent der Gewalt. Europas langer Weg zum Frieden. Bonn 2008.
  13. Siehe Adam Hochschild: Der Große Krieg. Der Untergang des alten Europa im Ersten Weltkrieg 1914-1918 [Originaltitel: To End all Wars. A Story of Loyalty and Rebellion]. Stuttgart 2013.
  14. So die durchgängige Argumentation Christopher M. Clarks: Die Schlafwandler. A.a.O., z.B. S.703.
  15. Eric Hobsbawm: The Age of Empire. 1875–1914. London 1989, S.23.
  16. Bülow, Bernhard von: Deutschland und Haiti – Kiautschou. Sitzung des Reichstages vom 6. Dezember 1897, in: Fürst Bülows Reden nebst urkundlichen Beiträgen zu seiner Politik. Mit Erlaubnis des Reichskanzlers gesammelt und hrsg. von Johannes Penzler. 1. Bd. 1897-1903. Berlin 1907, S.8.
  17. Wladimir Iljitsch Lenin: Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus. Gemeinverständlicher Abriss, in: ders.: Werke. Bd. 22, Berlin 1960, S.273.
  18. Der Sozialist Alexandre Millerand trat 1899 in eine bürgerliche Regierung als Minister ein, fünf Jahre später trennte sich seine Partei von ihm. Seine Person und der Millerandismus standen um die Jahrhundertwende im Zentrum innerlinker Auseinandersetzungen nicht nur in Frankreich. 1914/15 war er französischer Kriegsminister. Der Millerandismus beschreibt die Einordnung sozialdemokratischer Politiker in die bürgerliche Politik (meistens eine Republik oder Demokratie) und in den kapitalistischen Staat. Das Aufkommen des Millerandismus rief starke Auseinandersetzungen zwischen den marxistischen Kräften und den Opportunisten in der französischen und in der internationalen Arbeiterbewegung hervor. Vor allem Rosa Luxemburg, die den Marxisten zuzuordnen ist, hatte eine starke Abneigung gegen den Millerandismus.
  19. Internationaler Sozialisten-Kongreß zu Stuttgart, 18. bis 24. August 1907. Berlin 1907, S.66.
  20. Ebd., S.67.
  21. Siehe Christopher M. Clark: Die Schlafwandler. A.a.O., S.17.
  22. Siehe exemplarisch zur Wirkungsweise dieser Nationalismen u.a. Volker Ullrich: Die nervöse Großmacht. Aufstieg und Untergang des deutschen Kaiserreichs 1871-1918. Frankfurt/M. 1997; Jakob Vogel: Nationen im Gleichschritt. Der Kult der “Nation in Waffen” in Deutschland und Frankreich 1871-1914. Göttingen 1997; Sabine Grabowski: Deutscher und polnischer Nationalismus. Der Deutsche Ostmarken-Verein und die polnische Straz 1894-1914. Marburg 1998; Andreas Wirsching: Vom Weltkrieg zum Bürgerkrieg? Politischer Extremismus in Deutschland und Frankreich 1918-1933/39. Berlin und Paris im Vergleich. München 1999.
  23. Siehe Stefan Bollinger (Hrsg.): Imperialismustheorien. Historische Grundlagen für eine aktuelle Kritik. Wien 2004.
  24. Chalmers Johnson: Blowback. The Costs and Consequences of American Empire. New York 2001, S.65.
  25. Siehe Fritz Fischer: Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18. Königstein/Ts. 1979, 2. A. [1967, 1. A.].
  26. Aus den ganz geheimen Richtlinien Theobald v. Bethmann Hollwegs vom 9. September 1914 über die Kriegszielpolitik und dem Begleitschreiben des Reichskanzlers an Staatssekretär Clemens Delbrück, in: Dokumente zur deutschen Geschichte 1914-1917. Hrsg. vom Dieter Fricke. Bearbeitet von Willibald Gutsche. Berlin 1976, S.44.
  27. Ebd., S.43/44.
  28. Siehe Friedrich Naumann: Mitteleuropa. Berlin 1916.
  29. Siehe Vejas Gabriel Liulevicus: Kriegsland im Osten. Eroberung, Kolonialisierung und Militärherrschaft im Ersten Weltkrieg. Hamburg 2002; Carola Sachse (Hrsg.): “Mitteleuropa” und “Südosteuropa” als Planungsraum. Wirtschafts- und kulturpolitische Expertisen im Zeitalter der Weltkriege. Göttingen 2010.
  30. Aus der Erklärung des Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Hugo Haase, im Namen der sozialdemokratischen Fraktion zur Bewilligung der Kriegskredite im Reichstag am 4. August 1914. In: Dokumente zur deutschen Geschichte 1914-1917. A.a.O., S.30. Erklärung und Person stehen aber auch für die Zwiespältigkeit der Situation, dann Haase hatte sich vehement gegen die sozialdemokratische Unterstützung des Krieges gewandt. Die Führungsgremien votierten anders und der Ko-Vorsitzende (neben Friedrich Ebert) exekutierte die Beschlusslage.
  31. Siehe mit unterschiedlichen Bewertungen u.a. Jürgen Kuczynski: Der Ausbruch des ersten Weltkrieges und die deutsche Sozialdemokratie. Chronik und Analyse. Berlin 1957; Susanne Miller: Burgfrieden und Klassenkampf. Die deutsche Sozialdemokratie im Ersten Weltkrieg. Düsseldorf 1974; Heinz Niemann: Geschichte der deutschen Sozialdemokratie 1914-1945. Berlin 2008.
  32. Wladimir Iljitsch Lenin: Sozialismus und Krieg (Die Stellung der SDAPR zum Krieg), in: A.a.O. Bd. 21. Berlin 1960, S.314.
  33. Siehe Michael Jürgs: Der kleine Frieden im Großen Krieg. Westfront 1914: Als Deutsche, Franzosen und Briten gemeinsam Weihnachten feierten. München 2003.
  34. Siehe z.B. Helge Döhring: Syndikalismus in Deutschland 1914 -1918. “Im Herzen der Bestie”. Lich/Hessen 2013.
  35. George F. Kennan: Bismarcks europäisches System in der Auflösung. Die französisch-russische Annäherung 1875 bis 1890. Frankfurt/M.-Berlin-Wien 1981, S. 11f.
  36. Siehe kritisch Aribert Reimann: Der Erste Weltkrieg – Urkatastrophe oder Katalysator?, in: Aus Politik und Zeitgeschichte – Beilage zu Das Parlament. Bonn. 2004. H. B 29-30, S.30-38.
  37. Das hatte schon 27 Jahre zuvor Friedrich Engels prophezeit: ders.: Einleitung [zu Sigismund Borkheims Broschüre “Zur Erinnerung für die deutschen Mordspatrioten. 1806-1807”], in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke. Bd. 21. Berlin 1975, bes. S.350f.
  38. Siehe Josef Schleifstein: Historische Krisen und ihre Verarbeitung. Das Beispiel des August 1914 [Erstdruck 1990], in: Z – Zeitschrift Marxistische Erneuerung. Essen. 2012, H. 91, S.126-131.

Euro lebt – Inflation gering – Wirtschaft wächst – Kein Staat ist pleite:

Aber was spielt sich eigentlich hinter der Bühne dieses scheinbar erfolgreichen Theaterstückes ab?

von Andreas Müller-Alwart

Der Euro lebt weiter, kein Staat ist Pleite gegangen, die Inflation ist so niedrig wie nie zuvor, die Wirtschaft wächst bescheiden … Auf den ersten Blick muss man Angela Merkel auf die Schulter klopfen und zustimmen: Deutschland geht es gut. Doch die Europäische Zentralbank (EZB) druckt und sammelt unvorstellbare Geldmengen ein, die wie ein Damoklesschwert die Vermögen der Bürger und die Realwirtschaft bedrohen. Mit Kunstkniffen in den Staatshaushalten und hoher Verdrängungskunst lässt sich die Misere nicht bewerkstelligen. Der Ankauf von Asset Backed Securities (ABS) durch die EZB verschärft die Situation nochmals gravierend.

„Am Ende ist alles gut. Und wenn es nicht gut ist, ist es nicht das Ende.“ (Oscar Wilde)

ZukunftBei einem zweiten Blick bleibt von der positiven Selbsteinschätzung der Bundeskanzlerin und ihrer Politik wenig bestehen – jedenfalls wenn man die gesamten aufgestauten Reformen und Projekte betrachtet, die die Regierung vor sich herschiebt – wie schon viele andere Regierungen zuvor auch. 40 Prozent der zukünftigen Rentner werden eine Grundrente erhalten und werden potenzielle Kandidaten einer latenten Armut sein. Das ist keine Schätzung oder Prognose, sondern diese Rentner sind heute schon vorhanden und werden exakt mit diesen niedrigen Renten ihren Lebensabend bestreiten müssen. Den heutigen 1-Euro-Jobbern, Geringverdienern, Aufstockern und in einer „Schulungsmaßnahme“ befindlichen Mitbürgern wird es nicht besser ergehen, sofern sich nicht radikal etwas verändert. Und es ist nicht absehbar, dass sich für diese Personen etwas zum Besseren wendet. Nichts ist gut und noch weniger als Nichts ist besser geworden, also ist wohl nicht das Ende der Reformen erreicht. Die grundlegenden Probleme im Bildungswesen, Gesundheitswesen und im Investitionsbereich sind ebenfalls seit Jahrzehnten trotz Reformversuchen nicht gelöst worden. Sie verschärfen sich, je länger sie andauern. „Deutschland steht gut da“, meint Frau Merkel. Die Betonung liegt auf „steht“ – die Motivation für grundlegende Veränderungen ist über eine endlose Debatte zur PKW-Maut und über Sprüche zum militärischen Wiedererwachen Deutschlands nicht hinausgekommen.

Schuldenbremse oder Investitionen?

Nach der Idee von Keynes fordern nun wieder Politiker, die europäischen Staaten sollten die Konjunktur ankurbeln und Investitionen anstoßen bzw. selbst mehr investieren. Aber einige europäische Staaten wie Italien, Portugal, Spanien und Griechenland sind noch lange nicht über dem Berg, sondern immer noch verstrickt in der laufenden Krise, die mittlerweile auch einst robuste Nachbarstaaten wie Frankreich voll erfasst hat. Und einerseits müssen Rettungsschirme finanziert werden, während andererseits Schulden abzutragen sind. Die sogenannte Schuldenbremse soll ja nicht nur pro forma wirksam sein, sondern de facto. Dies ist noch alles business as usual – also das typische neoliberale Handeln mit der Intention, dass endloses Wirtschaftswachstum möglich sei, dass unbegrenzte Ressourcen vorhanden wären, Vollbeschäftigung ein erreichbares Ziel sei und dass man nichts Grundlegendes ändern müsse. Doch nichts von dem ist wahr, also müssten doch grundlegende Reformen längst begonnen worden sein. Sind sie aber nicht – nichts ist davon zu erkennen. Auf der Habenseite mag man lediglich das EEG (Erneuerbare-Energien-Gesetz), die fortschrittliche und wegweisende Energiewende, erwähnen, für die die Regierung nun allerdings auch eine Notbremsung aktiviert hat.

Im Finanzmarkt hat sich nichts wirklich verändert

FinanzmarktWas ist mit den Geldwerten, die auf die bad banks gebucht wurden? Was ist mit den gewährten Kreditvolumina? Wie hat sich der Wert des Euro während der fortlaufenden Erhöhung der Geldmenge verändert? Hierzu findet sich wenig Verständliches und Erhellendes in der allgemeinen Medienlandschaft. Insbesondere wird eine Thematik völlig tabuisiert, die zu Beginn der Finanzkrise noch eine große Bedeutung hatte: Der Markt der Finanzwetten – der Derivatemarkt und dort vor allem der Zertifikatehandel. Obwohl mittlerweile bekannt ist, dass es sich um reine Wettgeschäfte handelt und nur die Banken ihre eigenen Zertifikate-Konstruktionen überhaupt verstehen und – manchmal – auch erklären können, steigen immer mehr renditesuchende Anleger in diesen Markt ein, der von einem Tag auf den anderen völlig in sich zusammenbrechen kann. Die Anzahl unterschiedlicher Zertifikate soll zwischenzeitlich auf über 1 Mio. Produkte angestiegen sein. Hier blickt wirklich keiner mehr durch und alleine diese Intransparenz – noch verbunden mit der fehlenden Sachwertdeckung dieser „Wettvermögen“ – sollte Anleger eigentlich eine Warnung sein und sie vor diesem Markt zurückschrecken lassen. Dies ist aber nicht der Fall: Der gemeine Anleger kennt zwar Anlegerskandale mit geschlossenen Fonds, mit Immobilienfonds, er kennt Ausfälle von Aktieninvestments und bei vielen anderen Assets, aber bei Zertifikaten ging doch bisher immer alles gut, oder? Dies ist zum einen nicht richtig, denn es gab reihenweise Ausfälle bei diesen Wettgeschäften (Beispiel: Lehman-Zertifikate), zum anderen ist die Historie von Finanzprodukten leider vor allem eines: Sie ist keine Prognose für das, was zukünftig passieren wird. Im Gegenteil: Oftmals wird die Historie widerlegt und was einst gut lief und worin nun die Masse finanziert, wird gerade deswegen gefährlich.

Der einst angestrebte Euro ist längst nicht mehr vorhanden

Zurück zum Anfang – zum Blick auf „unser Geld“: Der Euro lebt weiter, kein Staat ist Pleite gegangen, die Inflation ist so niedrig wie nie zuvor, die Wirtschaft wächst bescheiden … Wagen wir noch einen anderen zweiten Blick, so stellen wir fest: Der eigentlich angestrebte Euro existiert schon lange nicht mehr. Wir haben heute eine Währung innerhalb einer Transferunion und außerhalb des bei der Einführung angedachten Stabilitätspaktes. Was wir jetzt Euro nennen, ist eine Währung, die sich im freien Fall befindet, die sich selbst entwertet. Wir merken es nur deswegen nicht, weil alle Währungen dieser Welt sich im freien Fall befinden und gleichzeitig abgewertet werden. Es werden ja nicht nur tonnenweise Euro sondern auch palettenweise Dollar gedruckt. Will man den Werteverfall des Euro betrachten, muss man ihn mit dem Goldpreis vergleichen und muss dabei zugleich berücksichtigen: Dieser Goldpreis wird zum einen durch Spekulationsgeschäfte beeinflusst und die Fixierung des Goldpreises findet in einem einfachen Telefonat zwischen ein paar Handelsbanken statt, die sich gegenseitig auf einen passenden Goldtageskurs einigen, der der aktuellen Nachfrage entsprechen soll. Soweit zum Wert der Währung und zu dem, was vom Euro heute noch übrig ist. Wenn also vom Wert einer Währung wie dem Euro die Rede ist, so stellt sich immer die Frage: Welcher Wert? In welcher Relation, in welchem Vergleich steht dieser Wert? Rasch wird der Wert des Euro – wie bei jeder anderen Geldwährung – als reiner Vertrauenswert entlarvt: Mit der Euro-Papiernote kann der Verbraucher einkaufen und das offensichtlich noch ganz gut. Das ist der aktuelle Wert. Er sagt nichts über den zukünftigen Wert aus.

Die wahre Inflationsrate lauert im Verborgenen

HyperinflationSofern man erfreut auf die niedrige (offizielle) Inflationsrate blickt, so ist es richtig: Das Aufschwemmen der Geldmenge kommt bislang nicht als erhöhte Inflationsrate beim Konsumenten an. Die Kaufkraft sinkt derzeit nicht dort, wo der Kunde es beim Einkaufen spürt, sie sinkt nicht im Heute. Stattdessen findet die Inflation versteckt auf den Vermögenswerten statt und dort wird insbesondere von den Konten des Mittelstandes munter umverteilt – vor allem in Richtung der oberen Vermögenden. So stehen zwar bei einer Kapitalanlage von 10.000 Euro und einer Verzinsung von 4 Prozent pro Jahr am Ende eines Anlagejahres 10.400 Euro (eventuell plus Zinseszins) auf dem Kontoauszug, die nach Abzug der Inflationsrate immerhin noch eine Kaufkraft von etwa 10.250 Euro haben. Dies gilt aber eben nur, wenn der Sparer dieses Geld nun verkonsumiert, denn buchhalterisch ist sein Vermögen schon heute betrachtet weniger Wert, da sich der Staat zu Negativzinsen bzw. Minizinsen refinanziert und somit der Geldwert fortlaufend sinkt. Was also sinkt, ist das Vermögen auf den Konten und zwar im zukünftigen Wert. Das klingt sehr abstrakt, das Prinzip lässt sich an einem Beispiel verdeutlichen: Wer vor 15 Jahren eine Immobilie für 250.000 DM an einem lukrativen Standort gekauft und sie regelmäßig instand gesetzt hat, der würde heute wohl über 350.000 Euro beim Verkauf erzielen. Doch dieser Zuwachs wird erst erzielt, wenn die Immobilie verkauft wird. Stellt sich ein Jahr später heraus, dass das Grundstück dioxinverseucht ist, so hat die Immobilie keinen realisierbaren Verkaufswert mehr. Entscheidend ist also immer, welcher Erlös dann erzielt werden kann, wenn Kauf oder Verkauf stattfinden. Erst der dann entstandene Erlös oder Verlust sagt etwas über den Wert einer Währung in der Zukunft aus: Reine Buchwerte auf den Konten können hingegen täuschen. Jeder der Betroffenen, denen eine Schrottimmobilie angedreht wurde, kennt das Prinzip aus bitterer Erfahrung. Während die Immobilie für 300.000 Euro gekauft und finanziert wurde, was so auch in den Finanzbüchern dokumentiert wurde, kann sich beim Immobilienverkauf der Wert der Immobilie als deutlich niedriger herausstellen. Dieser Verlust fällt erst auf, wenn der Immobilieneigentümer den Wert der Immobilie im freien Markt realisiert. Das permanente Drucken des Geldes durch die Staatengemeinschaft ist gewissermaßen die schleichende Dioxinvergiftung der Gelddepots. Die Kauf- und Verkaufspreise , solange die Geldmenge nicht den Verkäufer-Käufer-Markt erreicht.

Vermögensinflation gut versteckt

Während eine Konsumenten-Inflationsrate von mehr als 5 Prozent schon längst zu Schlagzeilen und Protesten geführt hätte, da dies der Konsument ja täglich beim Einkaufen spüren würde, ist die Vermögenswerteinflation ein gut versteckter Weg für den Staat, die Privatvermögen langsam in den Abbau der Staatsschulden zu überführen: Schwer zu erklären, schwer zu verstehen und schwer zu glauben für den Otto-Normal-Verbraucher. Ob deswegen die Mehrzahl der Medien erst gar nicht den Versuch unternimmt, diese Thematik anzusprechen? Und ob es auch daran liegt, dass die ABS so selten erklärt werden? ABS – kennen Sie nicht? Nein – nicht das Anti-Blockier-System im Auto. Dagegen spricht ja nun gar nichts. Asset Backed Securities sind gemeint. Herr Draghi, in seiner Funktion als Master der EZB, hat gerade einen groß angelegten Angriff auf die Vermögenswerte gestartet, indem er den Ankauf von ABS in einem sogenannten QE-Programm forciert. Worum geht es hier?

ABS wie Waffen im Finanzmarkt

Europaabgeordneter Sven von Storch erklärt dazu: „Hinter diesen kryptischen Abkürzungen stecken faktisch die Atomwaffen der EZB, die letzten und äußersten Mittel mit unbegrenzter Zerstörungskraft. ABS- und QE-Programme bedeuten nichts anderes, als dass die EZB Staaten und Banken direkt und faktisch ohne Hinterlegung irgendeiner wertigen Sicherheit oder Gegenleistung Kredit gewährt, also Geld druckt. … Es gibt keine Maßnahmen, die schneller und direkter in die Inflation führen, als die hier angesprochenen. Genauer: Es ist nachgerade ausgeschlossen, dass sich eine massive Inflation vermeiden lässt, wenn die Programme umgesetzt werden.“

Wenn der Geldsee auf die Staumauer drückt

Man muss sich das so vorstellen, dass diese gedruckten Geldmengen von der EZB wie von einer Staumauer angestaut werden. Sie schwappen nicht auf den Markt, sind aber vorhanden und – das ist eben das Schlimmste – es gibt keine wirkliche Lösung, was mit dem aufgestauten Geldsee passieren soll. Der Druck auf die Staumauer wird immer größer – der Zulauf des Geldes wird weiter erhöht. Je mehr das Problem in die Zukunft verlagert wird, desto mehr verdrängt die Bevölkerung –und wohl auch die Politik? – dass es weiterhin besteht. Es potenziert sich sogar und die Gefahr einer unkontrolliert brechenden oder überlaufenden Staumauer wird immer größer. Was bisher unternommen wurde, war die Installation mehrerer Erhöhungen dieser Staumauer. Man hat weitere Staubecken – Rettungsschirme genannt – geschaffen, gleichzeitig aber immer mehr Flüsse in diese Staubecken umgeleitet. Das Gelddrucken – vergleichbar mit den Wasserzuläufen in die Staubecken – wird sogar noch forciert. Es ist, als ob jemand angesichts einer überlaufenden Badewanne noch den Wasserhahn aufdrehen würde, anstatt den Stöpsel zu ziehen.

Eine giftige, intransparente Brühe ergießt sich in den Geldsee

Fluss stinkende BrüheEs kommt noch schlimmer: Diese Asset Backed Securities, die hier angekauft und im Staubecken der EZB eingelagert werden, sind kein reines Wasser, sondern eine giftige, schlammige Substanz, von der niemand exakt weiß, woraus sie besteht. „ABS, das sind jene zu undurchsichtigen Paketen zusammengeschnürten Schrott-Kredite, die maßgeblich die große Krise von 2008 ausgelöst haben“, erklärt EU-Abgeordneter von Storch. Diese risikoreichen Papiere kauft die EZB von den Privatbanken zurück, in der Hoffnung, dass diese Liquidität freibekommen, um mehr Kredite für die Realwirtschaft zu vergeben. Die Risikopapiere wandern zur EZB – die Privatbanken erhalten Anleihen, die weniger risikoträchtig sind. Weniger Risiko, bedeutet für die Banken auch weniger Rückstellungen, also mehr freie Mittel für die Investition in Unternehmen und Kreditvergabe für Unternehmen. Zur giftigen, schlammigen Masse, die hier aus dem Privatvermögen auf den Steuerzahler übertragen wird, kommt noch das unheilige Management. Black Rock, einer der größten Privatinvestoren, der gerade medienwirksam vorgibt, sich aus Russland zurückzuziehen, soll durch Draghi von der EZB damit beauftragt worden sein, diese ABS anzukaufen. Das muss man sich nochmal einmal auf der Zunge zergehen lassen: Die EZB kauft Giftpapier von den Privatbanken zurück, damit diese mehr in private Unternehmen investieren können und diese Rückkäufe soll federführend einer der Hauptinvestoren der Privatwirtschaft durchführen. Wer hier nicht die Glocke der Interessenskonflikte scheppernd hört …

Solange die Staumauer hält, ist alles gut …

So wie sich das Wasser seinen Weg zum Meer beziehungsweise immer zur tiefsten Stelle sucht, so sucht sich auch das Geld seinen Weg in den Markt. Wenn es dort angelangt ist, wird es Einfluss auf die reale Wirtschaft haben und es wird als deutliche Inflation wahrgenommen werden. Ist der Staudamm erst einmal gebrochen und ergießt sich die Geldmenge, so ist diese kaum mehr zu steuern. Professor Dr. Serge Ragotzky* fasst es so zusammen: „Wenn die Menge eines Tauschgutes, in diesem Fall des Geldes, erhöht wird, ändern sich entsprechend alle Tauschverhältnisse. Darum ist auch ein Liter Wasser in Mitteleuropa nicht so teuer wie in der Sahara. Ökonomen wie Ludwig von Mises gaben deswegen bereits die Geldmengenausweitung und nicht erst den später folgenden Verbraucherpreisanstieg als die eigentliche Inflation bezeichnet. Es ist durchaus zu befürchten, dass die bereits stattgefundene und zusätzlich geplante Geldmengenerhöhung in der Eurozone zeitverzögert zu erheblichen Preissteigerungen führen wird. Unsichere Konjunkturaussichten können zwar das Ausgabeverhalten der Bürger über eine sinkende Umlaufgeschwindigkeit des Geldes bremsen und damit den Geldmengenausweitungseffekt auf die Verbraucherpreisinflation temporär kompensieren. Die historische Erfahrung zeigt aber, dass die proportional zu erwartende Verbraucherpreisinflation mittel- bis langfristig in der Regel nachgeholt wird.“

Eine Flutwelle wird vor allem den „kleinen Sparer“ überrollen

Geld entsorgtEines ist in jedem Fall sicher: Die Staatengemeinschaft wie auch die privaten Investoren werden ihre Vermögenswerte längst in sicheren Häfen haben, wenn die Staumauer bricht und sich die Geldmenge in den Markt ergießt. Vor allem die in Geldwerte investierten Altersvorsorgesparer wird es nasskalt erwischen. Investoren wie Black Rock, die an der Quelle zusammen mit der EZB die Prozesse lenken, werden schön im Trockenen bleiben. Ein direktes Investment in Black Rock ist da sicherlich nachhaltig-renditereicher als in eine gesetzliche Riester- oder Rürup-Rente. Das mit dem „nachhaltig-renditereich“ sei besser gleich zurückgenommen. Nachhaltig? Ob und inwieweit die Investments von Black Rock nachhaltige Investments sind, darf bezweifelt werden. Doch das wäre mal ein ganz eigenes Thema. Wir merken uns nur: Die Krise ist nicht weg – sie staut sich nur unsichtbar hinter einer Mauer an.

Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen sie die EZB oder die amtierende Bundesregierung.

Andreas Müller-Alwart


Autor Andreas Müller-Alwart ist selbständiger Journalist, Coach sowie Requirement Engineering Manager und Mitglied des Reflektion-Teams.

Bild- und Grafikquellen:

  1. Beitragsbild: «Heile Welt» – http://pixabay.com/de
  2. «Zukunft» – Kasper – www.pixelio.de
  3. «Finanzmarkt» – http://pixabay.com/de
  4. «Hyperinflation» – Rolf Handke  / www.pixelio.de
  5. «stinkende Brühe (Fluss)» – Lu Guang/Greenpeace
  6. «Geldentsorgung» – http://pixabay.com/de

Die USA und ihre Verbündeten berufen sich auf Artikel 51 der UN Charta

von Andreas Müller-Alwart

Gegen die IS ist nun jedes Mittel recht. Die westlichen Staaten haben in der betroffenen Region so ziemlich alles falsch gemacht, was man nur falsch machen kann. Sie sind verantwortlich für die Destabilisierung und auch für das jetzige Aufkeimen der Gewalt durch sogenannte Terrorgruppen, die auf – ebenfalls sogenannte – autonome kurdische Bürger treffen. Letztlich geht es nicht um den Schutz der Kurden, sondern um den Schutz des Zugangs zum Erdöl, das sich in den Kurdengebieten befindet. Die Verbrechen an der Zivilbevölkerung – so grausam und unvorstellbar sie sind – haben alleine noch niemals die Staatengemeinschaft zum Eingreifen bewogen. Erst geostrategische Überlegungen sind der Trigger, der die Truppen und Aktionen startet. Auch Deutschland liefert nun Waffen – die Flugzeuge sind jetzt am 24.09. – unterwegs. Ein völkerrechtliches Mandat für das Eingreifen gibt es nicht. Im Gegenteil.

Artikel 51 lässt sich nicht beliebig interpretieren

Die USA berufen sich nun auf Artikel 51 der UN Charta. Dieser besagt sinngemäß, dass sich ein Mitgliedsland der UN, das angegriffen wird (!), auch dann gegen diesen Angriff verteidigen darf, wenn der Weltsicherheitsrat noch keine Entscheidung getroffen und noch keine Maßnahmen beschlossen hat.

Artikel 51

Diese Charta beeinträchtigt im Falle eines bewaffneten Angriffs gegen ein Mitglied der Vereinten Nationen keineswegs das naturgegebene Recht zur individuellen oder kollektiven Selbstverteidigung, bis der Sicherheitsrat die zur Wahrung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit erforderlichen Maßnahmen getroffen hat. Maßnahmen, die ein Mitglied in Ausübung dieses Selbstverteidigungsrechts trifft, sind dem Sicherheitsrat sofort anzuzeigen; sie berühren in keiner Weise dessen auf dieser Charta beruhende Befugnis und Pflicht, jederzeit die Maßnahmen zu treffen, die er zur Wahrung oder Wiederherstellung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit für erforderlich hält.

Es geht hier nicht um die Nato. Es geht hier nicht um einen Bündnisfall, bei dem ein UN-Land den Angriff auf ein anderes UN-Land ohne Beschluss des Weltsicherheitsrates gegen einen Angriff verteidigen soll. Insofern fordert Russland völlig zu Recht erst einen Beschluss des Weltsicherheitsrates an, bevor de facto militärisch eingegriffen wird. Alles andere missachtet den Weltsicherheitsrat als Gremium. Dann könnte die Völkergemeinschaft ja gleich hingehen und so vorgehen, dass die USA immer gleich eingreifen sollen und gar nicht auf den Weltsicherheitsrat warten müssen. Es gab in der Tat Fälle in Afrika, bei denen überhaupt keine Truppen gegen einen Genozid aufmarschiert sind und man sich gewünscht hätte, dass ein schnelles Eingreifen das Morden gestoppt und das Leid der Bevölkerung gelindert hätte. Diese Länder hatten allerdings keine nennenswerten Rohstoffe und so wundert es wenig, wenn sich kein UN-Land auf Artikel 51 berufen und den Verteidigungsfall erkannt hat. Im Übrigen stelle man sich mal vor, Russland würde die Geschehnisse um die Ukraine als Angriff auf sein Land bezeichnen und losmarschieren, ohne sich an den Weltsicherheitsrat zu wenden. Da wäre die Propaganda gegen diese Aggression natürlich evident. Den hierzu passenden Spiegel-Aufmacher „Stoppt Putin“ hatten wir ja bereits.

Beliebige Auslegung der UN-Charta schadet dem Gremium Weltsicherheitsrat

Der Weltsicherheitsrat hat jetzt die unangenehme und zweifelhafte Aufgabe, das geltend gemachte Selbstverteidigungsrecht nun im Nachhinein in einer Resolution anzunehmen oder abzulehnen wie z. B. seinerzeit 1990 im Fall von Kuwait. Sofern der Weltsicherheitsrat dieses Recht ablehnen würde, wäre das Vorgehen völkerrechtswidrig und wir Deutschen wären mit unseren Waffenlieferungen mittendrin. Die unfruchtbaren Diskussionen, ob Deutschland souverän ist und wir eine echte Verfassung und einen Friedensvertrag haben, sind dann obsolet.

UN-Charta beinhaltet eine Präventivdoktrin und eine Gewaltverbot

Zwei Rafales und eine Mirage (Mitte) der französischen Luftwaffe

Zwei Rafales und eine Mirage (Mitte) der französischen Luftwaffe

Wer sich allerdings auf die UN-Charta beruft, sollte die Prämissen und eigentliche Intention der UN-Charta kennen und berücksichtigen. Die Vorgehensweise der USA und ihrer Verbündeten widerspricht nämlich auch der Präventivdoktrin der UN-Charta und dem Gewaltverbot. Dieses Gewaltverbot ist eine ganz wesentliche Prämisse der UN-Charta – es ist glasklar in Artikel 2 der UN-Charta geregelt:

„Alle Mitglieder unterlassen in ihren internationalen Beziehungen jede gegen die territoriale Unversehrtheit oder die politische Unabhängigkeit eines Staates gerichtete oder sonst mit den Zielen der Vereinten Nationen unvereinbare Androhung oder Anwendung von Gewalt.“ (Quelle : Charta der Vereinten Nationen und Statut des Internationalen Gerichtshofs, Kapitel 1, Artikel 2 Absatz 4: Regionales Informationszentrum der Vereinten Nationen für Westeuropa)

Im Grunde genommen müssten UN-Mitgliedsländer, die fortlaufend gegen dieses Gewaltverbot verstoßen, abgemahnt, mit Sanktionen belegt und gegebenenfalls konsequenterweise ausgeschlossen werden. Noch unerträglicher wird das Ganze, wenn die betroffenen UN-Mitgliedsländer auch noch einen festen Sitz im Weltsicherheitsrat haben.

Völkerrecht muss für alle Völker gelten – der Kerngedanke der UN-Charta muss erhalten bleiben

Völkerrecht kann nur wirksam sein und eine Akzeptanz haben, wenn sich alle Völker daran halten. Die UN-Charta und ihr grundlegender Gedanke auf ein friedliches Zusammenleben der Völker über die Kontinente, Religionen und Lebensweisen hinweg, kann nur Bestand haben, wenn sie nicht durch Einzelne ausgehöhlt wird. Auch der Einsatz eines NATO-Landes,  einer USA-Weltpolizei, selbst ein akut kritischer Zustand in einem Land, muss unter der Maxime eines Weltsicherheitsrates besprochen und Maßnahmen müssen in diesem Gremium beschlossen werden. Wenn die Beschlussfassung des Weltsicherheitsrates zu lange andauert, so kann und darf dies nicht regelmäßig ein Grund dafür sein, dass eine NATO oder eine Weltpolizei in andere Länder einmarschiert oder dorthin Waffen liefert. Der Weltsicherheitsrat hat gerade auch die Aufgabe die langfristigen Folgen von Waffenlieferungen und Eingriffen in die Staatengemeinschaft im Auge zu behalten. Dabei darf er sich nicht unter dem Deckmantel des akuten Schutzes der Zivilbevölkerung davon blenden lassen, dass geostrategische Ziele eine bedeutende Rolle spielen können und dass das jeweilige – als humanitäre und die Demokratie stabilisierende Hilfe getarnte – Eingreifen zum Aushebeln des Artikels 2 der UN-Charta führt. Im Falle der IS ist die Lage besonders prekär, da die USA letztlich – ausgehend von Kuwait und ausgehend vom 11. September 2001 den Irak selbst destabilisiert haben. Weder der 11. September noch Kuwait waren ein legitimer, völkerrechtlicher Grund für die Angriffe auf den Irak. So kommt ein Unrecht zum anderen und anstatt die Bundesregierung hier klare Position für die UN-Charta und zu diesen völkerrechtswidrigen Maßnahmen bezieht, steigt sie in diese Spirale der Gewalt bedingungslos ein. Im Irak versuchen die USA seit Jahrzehnten nur eines zu sichern: Den Zugang zum Erdöl.

Andreas Müller-Alwart


Autor Andreas Müller-Alwart ist selbständiger Journalist, Coach sowie Requirement Engineering Manager und Mitglied des Reflektion-Teams.

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  1. Beitragsbild: «Generalversammlung der Vereinten Nationen» – Rainer Sturm  / pixelio.de

Kalter Krieg – Wirtschaftskrieg – heißer Krieg?

von Winfried Wolk

Am 14. August 2014 meldeten laut Spiegel online zwei britische Journalisten auf ihren Twitter-Profilen, daß eine Kolonne von 23 gepanzerten Fahrzeugen im Schutze der Dunkelheit die russisch-ukrainische Grenze überquert haben soll. Sie soll dafür ein Loch im Drahtzaun genutzt haben. Die Fahrzeuge sollen »offen als russisches Militär« gekennzeichnet gewesen sein.

Sinn oder UnsinnIch lese diese Meldung und mache mir Gedanken. Nicht das ukrainische Militär oder deren Geheimdienste hatten diese die westlichen Politiker in höchste Aufregung versetzende Information in die Öffentlichkeit gebracht. Es war eine Kurzmitteilung zweier Journalisten, die zwar twittern konnten, aber nicht fotografieren, um die gemeldeten Beobachtungen zu dokumentieren. Auch wenn in der durch keine Beweise unterfütterten Nachricht erstaunlich oft das vage Wort »sollen« verwendet wird, nehmen NATO und Bundesregierung die Twitter-Meldung umgehend zum Anlaß, Rußland eine gefährliche Eskalation im Ukraine-Konflikt vorzuwerfen, wie ich einen Tag später an gleicher Stelle lesen kann. Der russische Inlandsgeheimdienst, später auch der russische Grenzschutz bestreiten die Richtigkeit der Meldung. Die UNO konnte den Vorfall ebensowenig bestätigen wie die einschlägigen Behörden der USA, die mit ihren Spionagesatelliten sonst so präzise Fotos machen können, daß Autokennzeichen gut zu entziffern sind.

Trotzdem sprach etwas später auch das ukrainische Militär von einer Grenzverletzung, ja mehr noch, der Armeesprecher Alexej Dmitraschkiwski erklärte, daß eine solche Aktion keine Ausnahme sei, denn »diese Bewegungen auf ukrainischem Gebiet passieren praktisch jeden Tag, um die ukrainische Seite zu provozieren«. Kurz darauf lese ich, daß nach Angaben des Büros von Präsident Poroschenko die meisten der Fahrzeuge des Konvois zerstört worden seien. Von all dem gibt es weder Fotos noch andere vorzeigbare Beweise. Eine nicht nachprüfbare unpräzise Twitter-Meldung genügt, um die westlichen Regierungen und auch die Medien auf klaren Kriegskurs zu bringen. Kurze Zeit später fordert die ukrainische Regierung militärische Unterstützung von NATO und EU. Der ukrainische Außenminister Pawlo Klimkin macht die Bitte am 17. August in einem Interview im Deutschlandfunk öffentlich, er spricht eine deutliche Sprache.

Was mag hinter solchen Berichten stecken? Der Wahrheitsgehalt der Meldung ist nicht nachprüfbar. Nicht existierende Massenvernichtungswaffen, die den zweiten Irakkrieg auslösten, gab es bereits. Falls also die Twitter-Meldung der Journalisten kein übler Joke oder eine mit deutlicher Absicht verbreitete Lüge war, bleibt für mich die Frage unbeantwortet, welchen militärischen Sinn eine Invasion mit 23 Fahrzeugen für Rußland haben könnte, die durch ein Loch im Drahtzaun und bei Dunkelheit, aber mit deutlich erkennbaren russischen Kennzeichen erfolgt sein soll? Welchen politischen Zweck würde eine solche Aktion erfüllen? Wem würde sie nützen?

Die Meldung ergibt dann einen Sinn, wenn man sie mit der unmittelbar folgenden Forderung der ukrainischen Führung nach militärischer Unterstützung an das westliche Militärbündnis verbindet. Schon seit Wochen gibt es ein stetig wachsendes, politisches und mediales Bemühen, die Ukraine-Krise nicht nur immer weiter zu verschärfen, sondern sie als einen ukrainisch-russischen Konflikt darzustellen. Und seit langem agieren Akteure von jenseits des Atlantiks, um mit allen Mitteln die Ukraine aus ihren Bindungen zu Rußland zu lösen. Da verkündete beispielsweise der US-Botschafter Geoffrey Pyatt auf einer Veranstaltung im Oktober 2013 in Kiew, daß die Ukraine »keinen besseren Freund als die Vereinigten Staaten« hätte, und versprach den Ukrainern, an der Seite der Amerikaner eröffneten sich ihnen »Myriaden von Möglichkeiten«. Auch US-Senator John McCain verkündete im Dezember auf dem Maidan »Amerika ist mit euch!«

Nun ist nichts Verwerfliches daran, daß die USA der beste Freund der Ukraine sein möchten. Betrachtet man allerdings die Theorien des US-Geopolitikers Zbigniew Brzezinski, die er bereits 1997 in seinem Buch »The Grand Chessboard« als strategisches Programm für die US-Politik formuliert hat, bekommen diese netten Worte einen seltsamen Beigeschmack (Titel der von Angelika Beck übersetzten deutschen Ausgabe: »Die einzige Weltmacht«). Nach Brzezinskis Einschätzung gehört die Ukraine zu den fünf Ländern, die als geopolitisch bedeutsame Dreh- und Angelpunkte für die USA von außerordentlichem Interesse sind. Die Bedeutung leite sich nicht nur aus den umfangreichen Ressourcen ab, sondern auch von der Tatsache, daß die Ablösung der Ukraine von Rußland ein entscheidender Faktor wäre, um Rußland als Konkurrent auf der globalen Bühne ausschalten zu können. Dieses Ziel verfolgt die US-amerikanische Strategie seit Jahren, die Ukraine ist dabei nur Mittel zum Zweck.

Das Auftreten John McCains und vieler anderer US- und europäischer Politiker bis hin zum US-Außenminister auf dem Maidan verdeutlicht diese Strategie.

Mittlerweile wurde ein rußlandfreundlicher Oligarch und Präsident durch einen dem Westen verbundenen Oligarchen und Präsidenten ersetzt, ebenso die führenden Politiker. Die Lage ist zu einem Bürgerkrieg eskaliert, der im Osten des Landes tobt, dort, wo sich die großen Unternehmen der Ukraine befinden, Stahlwerke, Schiffs- und Turbinenbau, deren Markt bisher ausschließlich in Rußland lag. Seit Monaten werden uns immerzu Untaten und Grenzverletzungen vermeldet, deren Verursacher immer »die Russen« sind, allen voran Putin. Beweise müssen nicht erbracht werden, denn alle wissen es doch längst, daß dort »die Bösen« sitzen. Sanktionen werden verhängt und verschärft. Der Wirtschaftskrieg ist in vollem Gange.

Die Medien berichten nahezu einhellig in fast gleichem Wortlaut. Und nicht nur das. Manche, sogar die einst als seriös bezeichneten, machen jetzt richtig scharf und fordern mit Nachdruck eine harte Bestrafung des ausgemacht Schuldigen. Wer zweifelt, stellt sich selbst ins Abseits.

Hatten wir Ostdeutschen nicht vor genau 25 Jahren die Herrschaft einer Partei abgeschafft, die von sich behauptete, im Besitz der alleingültigen, historischen Wahrheit zu sein, und die Zweifel daran bereits als Feindschaft wertete? Wollten wir damals nicht endlich Medien haben, die uns tatsächlich wahrheitsgemäß über alles Wissenswerte auf der Welt berichten, ohne Lügen, ohne Schönfärberei und ohne Hetze? Und war es nicht auch unser Ziel, einem allmächtigen staatlichen Überwachungsapparat zu entkommen und nie mehr in eine solche angstmachende und das eigene Denken und Verhalten so negativ prägende Situation zu geraten?

nato_logo_nord_atlantische_terror_organisation_qpressHätte jetzt nicht endlich Frieden sein können, nachdem das »Reich des Bösen«, wie ein US-Präsident die Sowjetunion einmal bezeichnet hatte, nicht mehr existierte? Auch die unglaubliche, ressourcenverschlingende Hochrüstung wäre nicht mehr vonnöten, da der stets dafür angeführte Grund einer übermäßigen potentiellen Bedrohung durch das östliche Militärbündnis nicht mehr vorhanden ist.

Der alte Feind des Westens ist entschwunden. Aber fast umgehend hat sich die als Sieger gebärdende Supermacht wieder ein neues Feindbild geschaffen, eine neue »Achse des Bösen« konstruiert und damit neue Begründungen geliefert, die Rüstungsetats wieder anschwellen zu lassen. Wir alle haben erlebt, wie schnell es ging, daß lokale Konflikte durch hochgeputschte nationalistische und religiöse Differenzen sich zu Kriegen ausweiteten, auch mitten in Europa, wobei dann auch deutsche Soldaten erstmalig nach dem Zweiten Weltkrieg beteiligt waren. Deutschland sei erwachsen geworden, meinen führende deutsche Politiker, deshalb müsse nicht nur fremdes, sondern auch wieder deutsches Blut vergossen werden. Und das nicht nur in Jugoslawien, wo die von den USA geführte NATO ohne Mandat der UNO eingriff, sondern auch am Hindukusch. Dort verteidigen nun seit über zehn Jahren deutsche Soldaten unsere Freiheit.

Der offensichtlich auch durch Vetos der UNO nicht zu bremsende Griff der USA nach Ressourcen anderer Länder wie im Irak brachte dort nie die propagierte Freiheit und Demokratie, sondern Hundertausenden unschuldigen Zivilisten den Tod, schuf unvorstellbares menschliches Elend, zerstörte unwiederbringliche Zeugnisse menschlicher Kultur und ist verantwortlich für Destabilisierung und Chaos. Allerdings ist das die Voraussetzung dafür, dort Militärstützpunkte zu errichten und den großen, multinationalen Konzernen die Möglichkeit zu schaffen, auf die dortigen Ressourcen zugreifen zu können. Auch die deutsche Rüstungsindustrie ist mit im Boot und verdient prächtig daran, daß deutsche Waffen trotz aller Verbote über Umwege dennoch in die Krisenregionen gelangen.

Als die Sowjetunion als eine der ehemaligen Siegermächte des Zweiten Weltkrieges den von ihr besetzten Teil Deutschlands freigab und sich einverstanden erklärte, daß auch das geeinte Deutschland Mitglied der NATO sein könnte, war das eine Voraussetzung für die deutsche Einheit. Die westlichen Politiker sicherten Rußland zu, daß es keine weitere Ausweitung des NATO-Gebietes nach Osten geben würde. Doch mittlerweile hat sich dieses Militärbündnis bis an die Grenzen Rußlands ausgedehnt. Nach der Integration fast aller ehemaligen Staaten des Warschauer Paktes in die NATO erweckt nun der Griff nach der Ukraine den totgesagten Kalten Krieg wieder zu neuem Leben. Die Ausführung des langfristig angelegten Plans ist weit fortgeschritten. »Regime change«, die Strategie US-amerikanischer Politik, ist dort vollzogen und ein der USA-Politik freundlich gesonnenes Regime etabliert. Dafür wurden lange schon mehrere Milliarden Dollar investiert. Auch Armenien, Aserbaidschan und die Republik Moldau stehen ganz aktuell auf der Agenda der US-geführten NATO. Diese Länder sollen nun durch geeignete Maßnahmen ermutigt werden, die »Interoperabilität« ihrer Armeen mit denen der Allianz zu steigern. Dazu gehören gemeinsame Manöver, wie das in einem vertraulichen Dokument zu lesen ist, über das Spiegel online im April dieses Jahres berichtete. Das Signal, das die NATO hier aussendet, ist eindeutig. Es ist keines, das auf Frieden ausgerichtet ist, 100 Jahre nach Beginn des Ersten und 75 nach Beginn des Zweiten Weltkrieges.

Winfried Wolk


Buch: Vom Verhalten in GrenzgebietenAutor Winfried Wolk gehört zur ersten Schülergeneration der „Leipziger Schule”. Seine Lehrer waren die Professoren Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer und Werner Tübke, bei denen er freie Graphik und Malerei an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig studierte. Wolks künstlerisches Werk ist durch Ausstellungen im In- und Ausland bekannt und wurde mit einer Reihe von Preisen ausgezeichnet.

Technischen Experimenten zugetan, ist Wolk nicht nur ein brillanter Zeichner und Maler, er beherrscht meisterlich unterschiedliche grafische Techniken wie Radierung, Lithografie und Siebdruck. Er illustrierte und gestaltete Bücher, schuf darüber hinaus großformatige Farbglasgestaltungen und mehrere Keramikreliefs für öffentliche Räume. Seit 1992 beschäftigt sich Winfried Wolk kreativ mit den digitalen Medien. Mit den Display-Paintings gelang ihm die Verbindung des in der traditionellen Malerei üblichen flächigen Nebeneinander der Bildelemente mit der Möglichkeit eines zeitlichen Nacheinanders der heutigen Medienkunst.

Von Winfried Wolk erschien soeben im Kerber Verlag das Buch »Vom Verhalten in Grenzgebieten. Zwischen Erfolgen und Niederlagen«, 208 Seiten, 29,90 € – siehe auch auf unserer Webseite «Lesetipps»

Quelle:  Erschienen in Ossietzky, der Zweiwochenschrift für Politik / Kultur / Wirtschaft – Heft 18/2014 > zum Artikel

Ossietzky, Zweiwochenschrift für Politik, Kultur, Wirtschaft, wurde 1997 von Publizisten gegründet, die zumeist Autoren der 1993 eingestellten Weltbühne gewesen waren – inzwischen sind viele jüngere hinzugekommen. Sie ist nach Carl von Ossietzky, dem Friedensnobelpreisträger des Jahres 1936, benannt, der 1938 nach jahrelanger KZ-Haft an deren Folgen gestorben ist. In den letzten Jahren der Weimarer Republik hatte er die Weltbühne als konsequent antimilitaristisches und antifaschistisches Blatt herausgegeben; das für Demokratie und Menschenrechte kämpfte, als viele Institutionen und Repräsentanten der Republik längst vor dem Terror von rechts weich geworden waren. Dieser publizistischen Tradition sieht sich die Zweiwochenschrift Ossietzky verpflichtet – damit die Berliner Republik nicht den gleichen Weg geht wie die Weimarer.

Wenn tonangebende Politiker und Publizisten die weltweite Verantwortung Deutschlands als einen militärischen Auftrag definieren, den die Bundeswehr zu erfüllen habe, dann widerspricht Ossietzky. Wenn sie Flüchtlinge als Kriminelle darstellen, die abgeschoben werden müßten, und zwar schnell, dann widerspricht Ossietzky. Wenn sie Demokratie, Menschenrechte, soziale Sicherungen und Umweltschutz für Standortnachteile ausgeben, die beseitigt werden müßten, dann widerspricht Ossietzky. Wenn sie behaupten, Löhne müßten gesenkt, Arbeitszeiten verlängert werden, damit die Unternehmen viele neue Arbeitsplätze schaffen, dann widerspricht Ossietzky – aus Gründen der Humanität, der Vernunft und der geschichtlichen Erfahrung.

Ossietzky erscheint alle zwei Wochen im Haus der Demokratie und Menschenrechte, Berlin – jedes Heft voller Widerspruch gegen angstmachende und verdummende Propaganda, gegen Sprachregelungen, gegen das Plattmachen der öffentlichen Meinung durch die Medienkonzerne, gegen die Gewöhnung an den Krieg und an das vermeintliche Recht des Stärkeren.

http://www.ossietzky.net/

Bild- und Grafikquellen:

  1. «Fuer das Leben der Menschen und ihr Glueck zu sorgen» – Wilfried Kahrs  www.qpress.de
  2. «Sinn oder Unsinn» – www.pixabay.com
  3. «North Atlantic Terror Organ.» – Wilfried Kahrs  www.qpress.de

Die Geschichte der „Neuen Weltordnung“

von Pierre Hillard

Pierre Hillard schildert die Geschichte einer ideologischen Strömung, die ihren Stempel auf die aktuellen Versuche der Gruppierung von Staaten zu regionalen Blöcken aufdrückt und die versucht, sie in Richtung einer Weltordnungspolitik zu bewegen. Ihr Ziel ist nicht, Konflikte zu vermeiden, sondern um die finanzielle und kommerzielle Macht der angelsächsischen Welt zu erweitern. Sie theoretisiert und beschreibt das Projekt einer auf den Ruinen der Nationalstaaten errichteten “Neuen Weltordnung”. Natürlich geht es nicht darum, alle Anstrengungen die versuchen, nationalen Streitigkeiten ein Ende zu setzen, als Wille zur Dominanz auszulegen. Aber es ist unerlässlich, dieses Projekt der politischen Globalisierung zu studieren, damit es nicht das Ideal der menschlichen Einheit in einen totalitären Alptraum verwandelt.

Die Staatsoberhäupter und Regierungschefs der 20 Großmächte der Welt, haben in London am 2. April 2009, um Königin Elizabeth II. herum versammelt, in Erwägung gezogen, eine weltweite wirtschaftliche Direktion zu erstellen.

Die Staatsoberhäupter und Regierungschefs der 20 Großmächte der Welt, haben in London am 2. April 2009, um Königin Elizabeth II. herum versammelt, in Erwägung gezogen, eine weltweite wirtschaftliche Direktion zu erstellen.

Mit der Ratifizierung des Vertrags von Lissabon durch die 27 europäischen Staaten markiert die Wahl von Herman van Rompuy zum Präsidenten des Europäischen Rates und die von Catherine Ashton zur hohen Vertreterin der Union für Außen- und Sicherheitspolitik am 19. November 2009 einen Wendepunkt in den globalen Ambitionen. Die Europäische Union (EU) wird schrittweise mit einem politischen Gesicht und einer “Telefonnummer”, mit Worten von Henry Kissinger, ausgestattet. Sicherlich, neue Einstellungen – eine Art von einfahren – sind erforderlich, um diese regionale Union wirklich flott zu machen. In der Tat bleiben Rivalitäten zwischen dem Präsidenten des Europäischen Rates, dem Präsidenten der Europäischen Kommission und dem turnusmäßigen Vorsitz von sechs Monaten bestehen. Diese Situation verärgert zutiefst die Obama-Administration  [1]. Jedoch mit der Rechtspersönlichkeit und dem vollen Vorrang des Gemeinschaftsrechts vor dem nationalen Recht, kann die Europäische Union beanspruchen (durchsetzen?), ein Schauspieler auf der internationalen Bühne zu werden. Es wäre falsch zu behaupten, dass diese neue Berufung in völliger Unabhängigkeit vom Rest der Welt wäre. In Wirklichkeit gehen die durch die finanzielle Oligarchie unterstützten pro-europäischen Eliten, in Verbindung und in Geistesgemeinschaft mit allen anderen auf dem Planeten in Entwicklung stehenden Formen der regionalen Zusammenschlüsse, voran.

In der Tat ist die Europäische Union nur eine Komponente eines umfassenden Programms, das zur Entstehung von Kontinentalblöcken mit jeweils seiner Währung, seiner Staatsbürgerschaft, seinem gemeinsamen Parlament usw. führt. Alle diese Blöcke zusammen sollen eine globale Gouvernanz darstellen. Wir können bereits die folgenden in Ausbildung befindlichen regionalen Ableger erkennen:

Eurasec Emblem Die Eurasiatische Wirtschaftsgemeinschaft Communauté Economique Eurasiatique (CEEA oder Eurasec für Eurasian Economic Community[2] : im Oktober 2000 gegründet und mehrere ehemalige Ostblock-Länder versammelnd (Russland, Kasachstan, Belarus,…), ist ihr Ziel die Schaffung einer Zollunion  [3] ab 2010, mit der Idee einer gemeinsamen, mit “Evraz” bezeichneten Währung,  [4] oder “Euras” oder sogar “Eurasien” (der Name dieser Währung kann sich noch ändern) [5].

Union der südamerikanischen Nationen (UNASUR)  [6] : erstellt im Mai 2008, soll sie von einer subregionalen Logik in eine regionale Identität gleiten, indem sie den Mercosur und die Andengemeinschaft in eine einzige Organisation verschmilzt, d.h. durch die Zusammenführung aller Staaten des südamerikanischen Kontinents (mit Ausnahme von Französisch-Guayana und den britischen Sandwich- und Falklandinseln [Malvinas]). Das angestrebte Ideal ist die Einrichtung eines Parlaments, eine einheitliche Währung zu erreichen  [7] und eine gemeinsame Staatsbürgerschaft. Die UNASUR unterhält privilegierte Beziehungen zu ihrem europäischen Modell im Rahmen einer euro-lateinamerikanischen parlamentarischen Versammlung, genannt EUROLAT [8].

Cliché 2010-02-21 12-53-45

Das zentralamerikanische Integrationssystem (SICA)  [9] : Die im Dezember 1991 gegründete Gruppe von mittelamerikanischen Ländern verfolgen die gleichen, oben genannten Ziele, insbesondere die Schaffung einer einheitlichen Währung nach dem 33. Kongress in San Pedro Sula (Honduras) im Dezember 2008.

 

 

logo Die Einführung der “Organisation für afrikanische Einheit” (OAU)  [10] 1963, ermöglichte ab den Jahren 1999-2000, mit der Schaffung der Afrikanischen Union Union Africaine (die UA, in Durban im Juli 2002) und der „neuen Partnerschaft für die Entwicklung Afrikas”(NEPAD) gut vorwärts zu kommen [11]. Die Ziele (Kommission, Pan-Afrikanisches Parlament, afrikanischer Gerichtshof der Menschenrechte, usw.) sind gut auf dem europäischen Modell verankert [12].

 

Cliché 2010-02-21 13-29-02 Der Rat der Kooperation des Golfes (Golf Cooperation Council, GCC)  [13] : 1981 gegründet, neigt er zu einer immer engeren Union zwischen den Golfstaaten (Bahrain, Kuwait, Oman, Qatar, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten). Eine gemeinsame Währung ist für 2010-2011 geplant. Der von einigen vorgelegte Name heiße “Chalidschi”. Jedoch, selbst wenn das Prinzip der Währung akzeptiert ist, ist der Name dieser Währung nicht gewährleistet [14].

 

asean Eine asiatische Union nimmt Form unter der Schirmherrschaft der drei Hauptakteure an: Japan (CEAT Council on East Asian Community), China (NEAT, the Network of East Asian Think Tank) und Südkorea (FAE, the East Asia Forum). Seit dem 1. Januar 2010 starteten China und die ASEAN (englische Abkürzung für Association of Southeast Asian Nations) die größte Freihandelszone der Welt, der sich Korea, Japan, Australien und Neuseeland angeschlossen hatten. Sie sollte ” diesen Prozess der Regionalisierung beschleunigen” wie Xu Ningning, Generalsekretär des wirtschaftlichen Rates Asean-China, sich ausdrückte [15].

 

spp_200 Eine nordamerikanische Union wurde im März 2005 in Texas (Waco) zwischen amerikanischen, kanadischen und mexikanischen Staatsmännern im Rahmen der PSP (Partnerschaft, Sicherheit und Wohlstand) gestartet. [16]. Das erklärte Ziel ist theoretisch im Laufe des Jahres 2010, die Schaffung eines politischen, wirtschaftlichen und militärischen vereinten Perimeters zwischen den drei Staaten zu erreichen [17]. Eine Währungseinheit “Amero” oder “North American Dollar” genannt (die Bezeichnung dieser neuen Währung ist nicht gewährleistet) sollte den US- und kanadischen Dollar sowie den mexikanische Peso ersetzen [18]. Diese Mutation geht über den Zusammenbruch des Dollars und des Welt-Finanz und Währungssystems. Die globale Systemkrise (politische, Finanz-, Währungs- und geopolitische) wird akuter zu Beginn des Jahres 2010, um die Ankunft dieser, von den Ministranten des Systems gewünschten, „Neuen Weltordnung“ zu fördern.

Schließlich wäre theoretisch für 2015 die Schaffung eines einheitlichen politischen, wirtschaftlichen und militärischen Euro-Atlantischen Block vorgesehen [19]. Wir können erwähnen, dass das Europäische Parlament eine Resolution am 26. März 2009 adoptierte, die „den Stand der transatlantischen Beziehungen nach den Wahlen in den Vereinigten Staaten“ betraf. Diese Entschließung hat das Verdienst an alle politischen, wirtschaftlichen und militärischen Abkommen zu erinnern, auf beiden Seiten des Atlantiks, um zu einer transatlantischen Union zu führen [20].

arton160992-fe40dDiese Liste wäre nicht vollständig, ohne ein wichtiges Ereignis zu erwähnen, das von der französischen Presse übersehen wurde. In der Tat haben am Gipfel von Aquila in Italien (8 – 10 Juli 2009) die Staatschefs verschiedene Fragen (Wirtschaftskrise, Klima,…) bearbeitet. Der russische Präsident Medwedew hat jedoch bei einem Treffen mit Journalisten einen Prototyp der Weltwährung in Form einer in Belgien gemachten Münze gezeigt, auf der auf Englisch “in Vielfalt geeint” eingraviert war. [21]. Diese Präsentation ist ein wichtiger Wendepunkt. Zum ersten Mal präsentierte ein Staatsoberhaupt ein Exemplar einer Währung, die in der Lage ist, die einmalige Referenz für die gesamte Menschheit zu werden [22]. Diese Geste vervollständigt die Worte von Herman van Rompuy, der in seiner Dankrede nach seiner Berufung in das Amt des Präsidenten des Rates der Europäischen Union nicht gezögert hat, diese schweren bedeutungsvollen Worte auszusprechen: „2009 ist auch das erste Jahr der globalen Governance [Steuerungssystem] mit der Einführung des G20-Gipfels mitten in der finanziellen Krise.“ [23].

Diese Aussage – seitens eines Anhängers der globalen Governance – soll uns zum Nachdenken bringen und uns selbst die Frage stellen: wie sind wir dazu gekommen? Und zwar die Beschreibung dieser verschiedenen Zusammenschlüsse, im Rahmen einer einzigen Behörde – zugleich mit der internen Zersplitterung der Staaten, die sie bilden  [24] – ist nicht das Ergebnis des Zufalls. In der Tat ist diese Mutation das Ergebnis einer sehr langen, gründlichen Arbeit seitens der finanziellen Oligarchien  [25] und politischen Eliten im Rahmen der Think Tanks und Stiftungen.


 

Die Angelsächsische Oligarchie und ihre Fürsten

Die französische Öffentlichkeit ist leider unwissend über die eigentlichen Akteure der Weltpolitik, die ihrer Talente mehr hinter den Kulissen als auf der politischen Bühne ausüben. Zum besseren Verständnis der katastrophalen Situation, in der sich die nationalen Befürworter zu Beginn des 21. Jahrhunderts befinden, ist es notwendig, die eminent wichtige Rolle der angelsächsischen aristokratischen Finanzmacht in groben Zügen darzustellen. Sie war schon immer ein Staat im Staat. Man kann ihre Machtannahme auf die Einführung der “Magna Charta” vom 15. Juni 1215 festlegen. Nach der Niederlage von König Johann-Ohneland von England gegen König Philippe Auguste am 27. Juli 1214 bei Bouvines, haben die englischen Barone politische und finanzielle Privilegien an sich gerissen. Von nun an ist die britische Krone verpflichtet, mit einer Kaste, die Stärke, Finanzkraft und kommerzielle Ambitionen besitzt, zu komponieren und zu kooperieren. Von diesem Zeitpunkt an war eine gierige, fordernde und stolze Elite geboren. Sie ist die Ursache für die Existenz dieser druckausübenden Gruppen (oder Lobbys), die über so verschiedene Kanäle, wie Finanz, Auskunft oder Medien, Druck auf die politische Macht ausüben. Da Letztere in starker Abhängigkeit von Unterstützung und Bargeld steht, um ihr Dasein zu sichern, ist sie absolut verpflichtet, die Meinungen und Ratschläge dieser Kaste zu berücksichtigen. Die Think-Tanks (“Forschungseinrichtungen”; aber die Übersetzung ist unsachgemäß), Stiftungen und elitäre Gruppen sind die logische Fortsetzung einer elitären und merkantilen Denkweise. Diese Kreise wurden die unumgänglichen Zentren einer aktiven Minderheit, welche die Zukunft der angelsächsischen Welt, und dann langsam von einem zum anderen Land fortschreitend, das ganze Universum bestimmen. Im Gegensatz zum französischen politischen Design, das jede Aktivität dem Staat unterstellt, hängen diese wirtschaftspolitischen Organisationen nicht mehr von der nationalen Autorität ab. Sie haben sehr früh ihre Talente entwickelt. Seit dem Mittelalter waren Firmen wie das London Staplers, die London Mercers Company oder sogar die britische Ostindien-Kompanie (die British East India Company (BEIC) im 17. Jahrhundert) die Speerspitzen des britischen Imperialismus. So übergab sich die kommerzielle Aristokratie die Fackel der Eroberung und Kontrolle des Reichtums von Generation zu Generation. “Toujours plus“ [Immer mehr], in Worten von François de Closets [franz. Journalist AdÜ].

Die französische Niederlage in Nordamerika führt zu dem Vertrag vom 10. Februar 1763, der als Geburtsakt für den Aufstieg der britischen Oligarchie gelten kann. Der Verlust von Neu-Frankreich bietet der britischen Krone einen ganzen Kontinent voller Reichtum und mit wenigen Einwohnern. Die Unfähigkeit der französischen Monarchie, diese riesigen Gebiete zu bevölkern und sie in die Sphäre der griechisch-römischen Zivilisation einzugliedern, überlässt diesen Raum der angelsächsischen Macht. Mit einem Schuss messianischen Geistes erobern die amerikanischen Eliten in Zusammenarbeit mit den britischen Kollegen das Gebiet und sind bereit, ihr Modell der ganzen Welt aufzuzwingen. Nach den Kriegen der Revolution und der Niederlage Napoleons 1815 hat die angelsächsische Macht keine weiteren Rivalen auf der See. Demographische Macht, Besiedlung großer Gebiete in Nord-Amerika, Süd-Afrika, Australien und Neuseeland, Kontrolle über strategische Punkte überall auf der Welt (Gibraltar, Hongkong,…), Kontrolle der Territorien auf fast allen Kontinenten, fortschrittliche Technik und effizienter Bankensektor ermöglichen dieser kommerziellen Aristokratie von London und New York, von einer Kontrolle über die Welt unter der Schirmherrschaft der City und der Wall Street zu träumen. Ein Mann war die führende Figur dieses Ideals: Cecil Rhodes.


 

Cecil Rhodes (1853-1902) [26]

Dieser große Verteidiger des britischen Empires emigrierte nach Südafrika, wo seine Persönlichkeit und seine geistigen übergroßen Qualitäten ihm erlauben, ein Vermögen mit Diamanten zu machen. Er ist am Ursprung der De Beers Diamond Industrie zusammen mit Nathaniel Mayer Rothschild (1840-1915). Sein kolossales Vermögen öffnet ihm die Türen der britischen Kolonie, Cecil Rhodes legt den Grundstein für den Südafrikanischen Staat (Dominion of the British Empire), der ein paar Jahre nach seinem Tod im Jahre 1910 Form annimmt. Sein finanzieller und politischer Einfluss lässt ihn Gebiete kontrollieren, denen er seinen Namen gibt: Rhodesien. Später in Nordrhodesien und Südrhodesien aufgeteilt, wurden diese Staaten Simbabwe und Sambia. Allerdings ist seine große koloniale Idee, eine große Eisenbahn von Kapstadt nach Kairo zu bauen. In seiner Verteidigung des britischen Empires haben die Verbindungswege eine grundlegende Bedeutung für die Entwicklung von Ressourcen jeglicher Art. Die Entwicklung der Wege (in allen diesen Formen [27]) ist die obligatorische Passage für das reibungslose Funktionieren von jedem Reich. Dieses Gebot ist sehr aktuell am Anfang des 21. Jahrhunderts [28]. Diese Verbindungen sind die Arterien der Versorgung des kommerziellen und politischen Imperiums.

Cecil Rhodes (1853-1902)

Cecil Rhodes (1853-1902)

Über das reibungslose Funktionieren des britischen Empire hinaus hat Cecil Rhodes noch ein höheres Ideal. In der Tat, von der Überlegenheit der angelsächsischen “Rasse” überzeugt, entwarf er eine Politik um diesen Vorrang zu sichern: die Vereinigung von allen angelsächsischen Ländern oder genauer gesagt, die Einführung eines Blocks zwischen dem britischen Empire und den Vereinigten Staaten von Amerika. Das Ganze müsste für ihn die Basis der Geburt eines Staates der Welt erlauben, das von den Prinzipien und der Philosophie des angelsächsischen Unternehmer-Adels belebt wird. Um dies zu erreichen, hält er es für notwendig, höhere Persönlichkeiten innerhalb der Universitäten zu rekrutieren, die von dem gleichen Ideal animiert sind, und die unterstützt werden, um so vielfältige Schlüssel-Positionen wie in Wirtschaft, Finanz, Militär, Bildung, Nachrichtendienst oder sogar Journalismus einzunehmen. So werden, ähnlich einem Armeekorps, diese verschiedenen Menschen echte Jesuiten der Globalisierung für das gleiche Ziel, um in ihren jeweiligen Ländern Köpfe zu trainieren, zugleich mit der Entwicklung der politischen Strukturen, die zur Entstehung von diesem globalen wirtschaftlichen Staat beitragen. In seinem Kopf geht dieser titanische und sehr zeitaufwendige Ehrgeiz über die Schaffung von “Cecil Rhodes-Stipendien” (Rhodes Scholarships). Cecil Rhodes hatte nicht die Genugtuung, die Verwirklichung dieses Ideals in seinem Leben zu sehen. Erst 1904 starten seine engsten Berater die ersten Stipendien, die seinen Namen tragen, an der Universität von Oxford. Der französische Soziologe, Auguste Comte, sagte, dass „die Toten die Lebenden regieren“. Diese Formel kann weitgehend auf Cecil Rhodes angewendet werden. Seine Konzepte haben die Welt des 20. Jahrhunderts und des frühen 21. Jahrhundert geschmiedet. Ohne sie alle zu zitieren, haben wir bei den Empfängern von Cecil Rhodes-Stipendien: den Premierminister von Australien Bob Hawke (1981/1993); James Wolsey, Direktor der CIA (1993/1995); Wesley Clarke, Patron der NATO in den 1990er Jahren und einer der Hauptakteure in der Zerstörung von Jugoslawien im März 1999; den Präsidenten Bill Clinton (Klasse 1968) und James William Fullbright (Senator von Arkansas und wichtige Figur in der amerikanischen Politik) [29].

Die Politik von Cecil Rhodes hätte nicht ohne die Aktion von seinen engsten Beratern ihre Größe erreichen können. Hier können wir auch nicht die sehr umfangreiche Liste der anglo-amerikanischen Gründung (Anglo-American Etablishment) von Carroll Quigley zitieren. Die Männer rund um Cecil Rhodes zeichnen sich durch eine wichtige Tatsache aus; Sie besetzen die Schlüsselsektoren der britischen Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts [30]. Sie haben die Zukunft der Welt auf unbarmherzige Weise bestimmt. Von dieser langen Liste behalten wir drei Nahmen.

Alfred Milner (1854-1925)

Alfred Milner (1854-1925)

Eine der Galionsfiguren, Nachfolger und spiritueller Sohn von Cecil Rhodes, war Alfred Milner (1854-1925, auch Lord Milner genannt). Unter seinen vielen Aktivitäten wie zum Beispiel Direktor der Londoner Aktien Bank (London Joint Stock Bank), leitete er das Kriegskabinett von Premierminister Lloyd George während des Konflikts 1914-1918. In diesem Krieg spielte sich ein für die künftigen Generationen entscheidendes Ereignis im November 1917 ab. In der Tat, behauptete die “Balfour-Deklaration” (Arthur James Balfour, britischer Politiker) unter der Schirmherrschaft der britischen Regierung die Anerkennung eines jüdischen Heimes in Palästina. Diese Deklaration wurde durch einen Brief an Walther Rotschild, der Vermittler der Zionistischen Bewegung in Großbritannien war, direkt offiziell. In Wirklichkeit war der echte Herausgeber dieser Erklärung Alfred Milner. Wie Carroll Quigley erklärt, sollte die “Balfour-Deklaration” in Wirklichkeit die „Milner-Deklaration“ heißen [31].

Philipp Kerr (1882 – 1940, jetzt lord Lothian) war Privatsekretär von Lloyd George. Es genügt um zu zeigen, dass er im Mittelpunkt der politischen Verhandlungen des englischen Premierministers und ein Förderband für die gesamte „Milner-Gruppe“ war. [32]. Anschließend war er Botschafter des Vereinigten Königreichs in Washington.

Schließlich können wir Lionel Curtis (1872-1955) erwähnen. Neben seiner Beteiligung an der Arbeit des Versailler Vertrages ist er Autor des Begriffs „Commonwealth of Nations“ dessen Anwendung aus 1948 stammt. Wie Carroll Quigley offenbart, ist dieser Ausdruck das Ergebnis der Arbeit, deren Ziel es war, das britische Empire auf die politischen Veränderungen einer weltweiten Organisation vorzubereiten. Diese Arbeit beruft sich auf ein Commonwealth von 1916 [33]. Man beachte abschließend, dass Lionel Curtis im Jahre 1919, bei der Erstellung des englischen Think-Tank, des Royal Institute of International Affairs (RIIA auch bekannt als Chatham House) eine entscheidende Rolle gespielt hatte.

Das Verständnis der globalistischen Mechanik muss wie ein riesiges Puzzle behandelt werden. Jedes Stück dieses Rätsels muss geprüft und dann zusammengestellt werden, um einen Überblick zu bekommen. Aus diesem Grund wenden wir uns zu einem anderen Teil des Systems, um den Leser daran zu erinnern, dass er diese verschiedenen Elemente im Hinterkopf behalten muss, um dann alles zusammen zu stellen. Dies ist die einzige Möglichkeit, um das „Biest“ zu verstehen.


 

Die Fabian Gesellschaft (Fabian society) [34]

Die Fabian Gesellschaft  [35] ist ein Institut, das 1884 unter der Leitung von Englischen Politikern wie Sydney Webb (1859 – 1947) und seiner Frau, Béatrice Webb, oder des irischen Schriftstellers Shaw (1856-1950) in London gegründet wurde. Die Vorhut dieser Gesellschaft stand unter dem Einfluss von Promotoren des Sozialismus wie Robert Owen (1771-1858) [36], der seine Ideen an John Ruskin (1819-1900, Professor an der Universität Oxford übertrug  [37] und der Cecil Rhodes beeinflusste) [38]. Andere mit christlichen, sozialistischen Idealen durchtränkte Personen wie Frederik Derrison Maurice (1805-1872) haben während des neunzehnten Jahrhunderts den Weg für die Gründung der Fabian Gesellschaft geebnet. Die Wahl des Wortes „Fabian“ wird erklärt, weil sie sich auf den römischen General zur Zeit der Punischen Kriege (ca. 200 vor JC), Fabius Kunktator (d.h. “Zögerer”) bezieht. Gegen den Karthager General Hannibal praktiziert das Römische Militär Guerilla-Politik, die darin bestand, um ihr Ziel zu erreichen, Dinge nicht vom Zaun zu brechen. Es ist diese Methode die sanft aber unerbittlich vorgeht, die das Markenzeichen der Fabian-Firma ist. Sie verteidigt das Prinzip einer Gesellschaft ohne Klassen, die zur Synthese von Sozialismus (Wohlfahrtsstaat) und Kapitalismus (die Gesetze des Marktes) führt, die zur Formatierung einer Monopol-Wirtschaft im Rahmen des globalen Staates führen soll. Um den Ambitionen des Unternehmens gerecht zu werden, denken seine Führer Schritt für Schritt fortzuschreiten, oder laut ihrem Ausdruck, „allmählich, graduell“. Der Einfluss dieses Unternehmens ist enorm, weil viele englische Politiker Mitglieder der Fabian Gesellschaft waren. [39]. Dieser Einfluss war jedoch umso wichtiger, weil diese Gesellschaft den Anstoß zur Schaffung von der London School of Economics (LES) im Jahre 1895 unter der Leitung von Sydney Webb gab. Diese renommierte, wirtschaftliche Ausbildungsstätte, die sich anschließend diversifizierte, hat Generationen von englischen Führern im Geiste Fabians ausgebildet, aber auch viele Studenten auf der ganzen Welt. Oft wurden sie anschließend Hauptakteure in dem politischen und wirtschaftlichen Leben ihrer Länder. So, der ehemalige Präsident der Europäischen Kommission, Romano Prodi; Präsident John Kennedy; die Königin von Dänemark Margarethe II; Pierre Trudeau (kanadische Premierminister); der Lobbyist und Mitglied von mehreren Think Tanks Richard Perle (“der Fürst der Finsternis”); der Finanzier George Soros (Gründer der Open Society Institutes); der ehemalige Berater von François Mitterrand, Erik Orsenna und sogar der Rolling-Stones-Sänger Mike Jagger (er hat nur ein Jahr mitgemacht! [40]), besuchten diese Schulbänke. Letztere, Dank der Wirkung der Fabian-Gesellschaft haben zur Formatierung von vielen Geistern der Welt beigetragen. Jedoch war der Einfluss dieser Gesellschaft vielfältig, unter anderem durch die Tätigkeit eines ihrer Mitglieder, des Schriftstellers Herbert George Wells (1866-1946).

H.G. Wells (1866-1946)

H.G. Wells (1866-1946)

Von Fabian-Idealen überzeugt, entwickelte H.G Wells seine Ansichten in vielen Büchern. Erfolgsautor von „Der unsichtbare Mann“, „Die Zeitmaschine“ oder auch „Der Krieg der Welten“, ist es diesem englischen Schriftsteller gelungen, seinen Glauben in einem Buch „Open conspiracy“ (“offene Verschwörung”)  [41] zu verbreiten, das 1928 veröffentlicht wurde, indem er für einen globalen Staat ohne Klassen eintrat, alles kontrollierte (’eine neue menschliche Gemeinschaft’ nach seinem Ausdruck), und eine drastische Reduzierung der Weltbevölkerung und die Praxis der Eugenik fordert. In der Tat hat H.G Wells von Anfang an seine Theorien in einem wenig bekannten Buch präsentiert und dessen Titel genau der freimaurerischen Formel Ordo Ab Chao entspricht: „die befreiende Zerstörung“. Veröffentlicht in 1914, erzählt dieses Buch die Geschichte eines allgemeinen Krieges, der zur Gründung eines aus 10 Blöcken bestehenden Weltstaates führt (10 Wahlkreise nach der Formel des Autors) [42]). Es ist in diesem Buch – erinnern wir uns an das Veröffentlichungsdatum 1914 – wo man den Begriff “neue Weltordnung” findet. [43]. Anschließend hat H.G Wells durch die Veröffentlichung eines Buches im Jahre 1940 mit dem Titel ohne möglichen Irrtum „die neue Weltordnung“ wiedergebracht [44].

Alle diese Fabian-Vertreter besuchten und arbeiteten eng oder aus der Ferne mit dem Team von Cecil Rhodes und Lord Milner zusammen. Ein wahrer Gemeinschaftsgeist für ein gemeinsames Ziel, einen globalen Staat, animierte diese verschiedenen Menschen. Diese angelsächsischen Eliten, die nur die logische Fortsetzung des kommerziellen Adels des Mittelalters sind, haben weiterhin ihre Kräfte in anderen Vereinen wie z. B. in der Pilgrim Society (Pilger-Gesellschaft) im Jahre 1902 in London und New York zusammen gebracht [45]. Die Höchstgeschwindigkeit wurde 1910 mit der Einrichtung der Round Table (Runder Tisch) erreicht.


 

Round Table und seine „Kinder“ [46]

Die Kreierung des Round Table [47], der letztlich nur der Erbe einer vielen jahrhundertelangen vergangenen mystischen, finanziellen und elitären Tradition ist, war ein entscheidender Schritt bei der Vorbereitung zu einem globalen Staat. Tatsächlich wurde dieses hochwertige Institut in Verbindung mit den US-Finanz-Eliten unter der Führung von Lord Milner und seinen Nahstehenden geschaffen, um das Primat der angelsächsischen Welt, das zur Schaffung eines Welt-Staates führen sollte, sicherzustellen. Andere Round Table entstanden in allen Dominien des Britischen Empire, aber auch in den Vereinigten Staaten. Die Ambitionen von Cecil Rhodes wurden übernommen, renommierte Finanziers leiteten das Team von Lord Milner, wie Alfred Beit (1853 – 1906), Sir Abe Bailey (1864 – 1940) und die Astor-Familie. Andere Gruppen kamen zur Wiege des Globalismus hinzu, der vom Round Table geführt wurde: J.P Morgan [48], die Lazard Bank oder sogar die Familien Rockefeller und Whitney [49].

Bevor wir die Studie der “guten Werke” des Round Table fortsetzen, erscheint es notwendig, folgende Punkte sicher zu stellen. Diese großen Familien der Globalisierung, selbst von einem gemeinsamen Ziel animiert, sind nicht weniger von internen Spaltungen zerrissen. Wir können im Wesentlichen zwei herausheben. Die erste ist so alt wie die Welt; sie heißt interne Rivalitäten. Rivalitäten und Ambitionen der ehrgeizigen Suche nach mehr Leistung, mehr Einfluss und mehr Reichtum, um die besten Plätze zu besetzen, haben die Geschichte dieser kommerziellen Aristokratie geschmückt. Dieses Phänomen ist genauso alt wie die Geschichte des Menschen. Auf der anderen Seite ist der zweite Punkt spezifisch für den Round Table. In der Tat verstecken sich unter der scheinbaren Meinungseinheit zwei Strömungen des Denkens. In beiden Fällen verfolgen diese Strömungen das gleiche Ziel: den Weltstaat. Jedoch in einem Fall verteidigt ein Flügel das Prinzip der Verfassung eines einheitlichen angelsächsischen Blocks (British Empire verbunden mit den Vereinigten Staaten). Diese angloamerikanische Basis sei die Wirbelsäule, auf der der Rest der Welt sich aufbauen soll. Im zweiten Fall hält der andere Flügel es nicht für notwendig, die Geburt eines angelsächsischen Reiches als Anker zu einer einheitlichen Welt zu bevorzugen. Er vertritt stattdessen die Variante einer Welt, wo kein Land einem anderen seine Rechtsvorschriften oder politische Philosophie aufdrängen könnte. Es gilt den Befürwortern des zweiten Weges, eine Art von einem allgemeinen „Püree“ zu schaffen, welche die Vereinigung der Menschheit in einem Block und ohne Unterscheidung darstellt. Wir haben hier die Opposition zwischen Befürwortern der angelsächsischen Globalisierung und Befürwortern der weltweiten Globalisierung.

Der erste Weltkrieg war ein Umschwung von einer Welt zur anderen. Auch wenn es nicht möglich ist, die wesentliche Rolle der anglo-amerikanischen Eliten während dieses Konflikts im Detail zu diskutieren [50], können wir die entscheidende Aufgabe des Schweden Olof Aschberg (1877 – 1960) an der Spitze der Bank Nya Banken in Stockholm erwähnen. Er war der große finanzielle Vermittler zwischen den Eliten von Wall Street und der City einerseits und den bolschewistischen Führern andererseits. Sein Spitzname war “Banker der Welt- Revolution.” Wie Anthony Sutton daran erinnert, hatte die Bank von Olof Aschberg eine Tochtergesellschaft in London, die Bank of North Commerce, dessen Präsident Earl Grey einfach zu dem Team von Cecil Rhodes und Lord Milner gehörte [51]. Letzterer spielte auch eine entscheidende Rolle innerhalb der angelsächsischen Oligarchie. In der Tat, neben seiner vorgenannten Tätigkeit war es Lord Milner, der wusste, wie man Premierminister Lloyd George überzeugen konnte, die Oktoberrevolution wirksam zu unterstützen. Diese kapitale Entwicklung für die Zukunft der Welt folgte dem Besuch in London, am Ende des Jahres 1917, von William Boyce Thompson (1869 – 1930) in Begleitung von einem Vertreter von JP Morgan, Thomas W. Lamont (1870-1948) [52]. Mitglied des Lenkungsausschusses der US-Federal Bank (FED), war W.B Thompson 1917 ein Offizier im Dienst der Oligarchie innerhalb des amerikanischen Roten Kreuzes in St. Petersburg. Diese Abdeckung erlaubte ihm unter anderem, den Bolschewiken die für diese Zeit riesige Summe von 1 Million Dollar zu überreichen [53]. Auf dem Weg zurück nach New York machte er einen Zwischenstopp in London, um Lloyd George ein Memorandum vorzulegen, in dem er die Unterstützung der Oktoberrevolution forderte. Lord Milner, großer Bewunderer von Karl Marx, unterstützte nur William Boyce Thompson in seinem Ansatz, um Lloyd George zu überzeugen. Die bolschewistische Revolution hätte ohne das entschiedene Handeln der anglo-amerikanischen kommerziellen Oligarchie nicht stattfinden können [54].

Das Ende des ersten Weltkrieges öffnete sich unter den Auspizien der angelsächsischen, kommerziellen Siegermächte und eines menschlich und finanziell verbluteten Frankreichs. Der Vertrag von Versailles gab Frankreich keine Sicherheit gegenüber einem verminderten und weitgehend von angelsächsischen Krediten an die Wirtschaft abhängigen Deutschland. Die Lähmung Frankreichs angesichts der großen angelsächsischen Silberschmiede verschlechterte sich, als Letztere Darlehen mit den Dawes- (1924) und Young-Plänen gewährten (1928), die trotz der in Abhängigkeit der Banken von London und New York gestellten deutschen Wirtschaft [55]], für die Stärkung der deutschen Industriemacht ausschlaggebend waren. In der Tat entstanden im 1920er Jahrzehnt gigantische, für den Krieg unentbehrliche Kombinate für die Verarbeitung von Stahl und Chemie, (I.G. Farben und Vereinigte Stahlwerke). Die französische Niederlage von 1940 beruhte teilweise auf der Aktion der angelsächsischen Finanziere, zu Gunsten der wirtschaftlichen und technischen Erholung Deutschlands (vor allem durch Stahl, synthetisches- Benzin und Buna-Gummi) [56].

Oberst Edward Mandell House (1854-1938)

Oberst Edward Mandell House (1854-1938)

Zusätzlich zu dieser Politik beschlossen die anglo-amerikanischen Eliten, ab den Jahren 1918-1919 eine Mutation des Round Table. In der Tat, aus Gründen für mehr Effizienz wurde beschlossen, zwei think tanks [Denkfabriken] auf beiden Seiten des Atlantiks zu erstellen, die die Außenpolitik der beiden Länder bestimmen sollten. Auf Englands Seite war es die Gründung 1919 unter der Ägide von Lionel Curtis, Mitarbeiter von Lord Milner, des Royal Institute of International Affairs (RIIA, auch bekannt als Chatham House) [57]. Es ist dieser selbe Lionel Curtis, der für ein föderales Commonwealth war, das fähig sei, allmählich verschiedene Länder rund um den Globus zur Integration zu bewegen [58]. Diese Ziele wurden von Clarence Streit (1896 – 1986) in den Vereinigten Staaten verteidigt,  [59] Korrespondent der New York Times im Völkerbund (Cecil Rhodes Stipendium, Jahrgang 1920-) und dem Vertreter der amerikanischen „Milner-Gruppe“, Frank Aydelotte [60]. Seitens der Amerikaner wurde der Council on Foreign Relations (CFR) [61]] im Jahr 1921 unter der Ägide der Hauptfigur, Colonel Edward Mandell House (1854-1938) erstellt. Als Vertrauens-Berater von Präsident Wilson  [62] war House die Drehscheibe zwischen der „Milner-Gruppe“ und den “Großen” von Wall Street (Vanderlip, Rockefeller, JP Morgan, Warburg,…). Wir erkennen in dieser unvollständigen Liste den wichtigen Namen von Paul Warburg, der an der Spitze der US-Notenbank (Fed) seit ihrer Gründung im Jahr 1913 war. Diese private Bank, von der zentralen Macht unabhängig und zuständig für die Geldprägung [63], ist ein Staat im Staat. Es ist derselbe Paul Warburg, der den CFR von Anfang an leitete. Wir haben mit einem Gewirr von Verantwortlichkeiten erster Ordnung innerhalb der angelsächsischen Oligarchie zu tun, umso mehr als wir verpflichtet sind, im nächsten dem Pan-Europa gewidmeten Abschnitt noch einmal Paul Warburg zu erwähnen.

Die Aktion von Colonel House muss durch Berufung auf ein Meisterwerk der globalistischen Mystiker, sein Buch mit dem Titel Philip Dru, Administrator  [64] ergänzt werden. 1912 geschrieben, spricht dieses Buch von einem Staatsstreich von einem West Point-Offizier (Philip Dru), der den Vereinigten Staaten eine Diktatur auferlegt und die Verfassung des Landes aufhebt. Wie Lord Milner, so zögerte auch Oberst House nicht, seine tiefe Überzeugung zu evozieren, indem er behauptet, dass sein Held “Sozialismus implementiert wie Karl Marx ihn geträumt haben würde“. Er spricht auch im Kapitel 52 von dem Ideal der Vereinigung des ganzen nordamerikanischen Blocks. Dies ist Tatsache geworden seit dem offiziellen Start des Projekts von Waco, Texas, im März 2005, wie wir es am Anfang dieses Textes bemerkt haben. Es ist klar, dass diese Eliten schon vor mehr als hundert Jahren Farbe angesagt haben. Dem globalistischen Netzwerk ist es gelungen, seinen Einfluss durch die Geburt eines Instituts zu stärken, um eine führende Rolle in der europäischen Konstruktion zu spielen: das Pan-Europa.


 

Pan-Europa, Sprungbrett des Globalismus

Die Schaffung von Pan-Europa geht auf die Aktion von einem österreichischen Aristokraten, Richard von Coudenhove-Kalergi (1894-1972), zurück, der Kind einer japanischen Mutter war. Das erklärte Ziel von Coudenhove war zu verhindern, die Schrecken des ersten Weltkrieges zu reproduzieren. Diese lobenswerte Absicht war nur der Baum, der den Wald versteckte. In der Tat gab Coudenhove sehr früh und eindeutig die Richtung seiner Bewegung an, als er einen Bericht im Völkerbund im Jahre 1925 einreichte. Sein Ziel war, Europa zu vereinheitlichen, um es als Teil einer einheitlichen, globalen politischen Organisation zu integrieren. Dazu, sagte er in seinem Bericht, bestünde die Notwendigkeit ’politische Kontinente’ schaffen zu müssen, die einen Verband von Verbänden bilden müsse [65]. Seine föderalistischen Forderungen schließen gut an jene der Fabian-Gesellschaft an. Weiter in seinem Schwung organisiert Coudenhove 1926 die erste Pan-europäische Konferenz in Wien unter der Ägide von seinem Ehrenpräsident, dem Präsidenten des Rates Aristide Briand (1862 – 1932) [66]. Es ist während dieses Kongresses, der mehrerer Nationalitäten zusammenführte,  [67] dass beschlossen wurde, eine europäische Hymne, die „Ode an die Freude“ von Beethoven zu wählen [68], die später die Hymne der Europäischen Union wurde. Die Ziele Pan-Europas sind im Rahmen der “Grundlegenden Prinzipien” deutlich gezeigt, die unter anderem fordern: „(…) Die europaweite Union erklärt sich dem europäischen Patriotismus, Krönung der nationalen Identität aller Europäer, verbunden. Zur Zeit der Interdependenz und der globalen Herausforderungen kann nur ein starkes und politisch geeintes Europa die Zukunft seiner Völker und ethnischen Entitäten garantieren. Die Pan-europäische Union anerkennt die Selbstbestimmung der Völker und das Recht der ethnischen Gruppen zur kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Entwicklung (…)“ [69].

Richard von Coudenhove-Kalergi (1894-1972)

Richard von Coudenhove-Kalergi (1894-1972)

Während des zweiten Weltkrieges floh R. Coudenhove-Kalergi in die Vereinigten Staaten, und konnte im Rahmen eines Seminars – Research for a postwar european federation (Forschung für eine Europäische Nachkriegszeit-Föderation) –für einen europäischen Föderalismus an der New York University lehren. 1946 kehrte er nach Europa zurück, trug weitgehend zur Schaffung der Europäischen Parlamentarischen Union bei, die anschließend die Erstellung im Jahre 1949 vom Europarat  [70] ermöglichte. Diese Europäische Organisation verstärkt ihren Einfluss auf alle Staaten und wacht auf die nationalen Vertreter, die die Ideale des Gründers verbreiten sollen [71]. Nach Erhalt im Jahr 1950 des Karl-der-Große-preises, der höchsten Europäischen Auszeichnung [72], hat sie 1972 das Ruder an Otto von Habsburg weitergegeben und dann an Alain Terrenoire.

Man kann die Auswirkungen von Pan-Europa besser verstehen, wenn man sich auf das Wesentliche konzentriert: das Geld. Die Quellen der Finanzierung dieses Instituts erklären die Tiefe Absprache ihres Führers mit anderen Akteuren des Globalismus. In der Tat, neben industriellen und finanziellen Förderern, profitierte R. Coudenhove-Kalergi von der Unterstützung des Bankiers Max Warburg, Vertreter der deutschen Bank in Hamburg. Wie wir oben gesehen haben, war sein Bruder Paul (US-Niederlassung) der Leiter der Fed und des CFR. Wir verstehen sofort, dass R. Coudenhove-Kalergi grünes Licht bekam, um mit der Finanzwelt von Wall Street und seinen Londoner Kollegen zu kooperieren. Diese Komplizenschaft zwischen dem Gründer von Pan-Europa und anderen Globalisten-Milieus war umso größer, als Max Warburg Ausschuss-Mitglied der I.G. Farben-Deutschland war, während sein Bruder, Paul Warburg, dem der amerikanischen I.G. Farben angehörte [73].

Die Machtannahme von Adolf Hitler wird durch die von angelsächsischen Industriellen und Finanzieren über ihre deutschen Kollegen gegebene Unterstützung erklärt, wie Anthony Sutton schreibt. In diesem Fall war der Direktor der Reichsbank, Hjalmar Schacht (1877 – 1970) ein Zwischenhändler erster Klasse. Sein Handeln war umso tiefgreifender, da er Minister für Wirtschaft des Dritten Reiches von 1934 bis 1939 war. Die wirtschaftliche Erholung Deutschlands aufgrund seiner Wirkungsweise erlaubte Hitler eine Politik zu verfolgen, die er nie ohne diesen Wiederaufbau auf Länderebene ausüben hätte können. Solche Taten hätten Hjalmar Schacht während der Nürnberger Prozesse die Todesstrafe einbringen müssen. Es war dem nicht so, da er freigesprochen wurde. Hjalmar Schacht war in der Tat stark mit der angelsächsischen kommerziellen Aristokratie verbunden. Sein Vater, der US-Amerikaner Wilhelm Schacht hatte 30 Jahre in der Tochtergesellschaft der Equitable Life Versicherung in Berlin gearbeitet [74]. Sein Sohn war also von Geburt an in dem Serail des globalistischen Systems. Dies wird noch stärker, wenn wir wissen, dass Hjalmar Schacht seit 1918 im Führungs-Komitee von der Nationalbank Für Deutschland (“National Bank of Germany”), an der Seite des Bankiers Emil Wittenberg war, der gleichzeitig Mitglied des Lenkungsausschusses der ersten sowjetischen Bank, der 1922 gegründeten Ruskombank war [75]. Diese wurde von dem schwedischen Bankier… Olof Aschberg geführt,  [76] dem wir schon vorher begegnet sind. Um mit dem Wirbel fortzufahren, können wir angeben, dass der Direktor der ausländischen Sektion der Ruskombank, der US-amerikanische Max May [77], der Vizepräsident der Guaranty Trust Company, eine Tochtergesellschaft einer der Pfeiler der Wall Street, JP Morgan war [78]. In diesem Fall arbeitete also ein hoher Vertreter der US-amerikanischen Wall-Street in der sowjetischen Bank-Elite. Um das Maß voll zu machen, war die Zusammenarbeit von Hjalmar Schacht mit diesem Milieu durch Freundschafts-Bande mit dem Chef der Bank of England Montagu Norman gesichert. Wir verstehen besser, warum Hjalmar Schacht  [79] am Morgen des zweiten Weltkrieges nicht wirklich um sich besorgt sein musste.

Die Unterstützung durch diese kommerzielle, angelsächsische, staatenlose Aristokratie für Kommunismus, Nationalsozialismus und auch bei der Machtübernahme durch Franklin d. Roosevelt [80], wurde in der Wall Street Trilogie von Anthony Sutton beschrieben, und war auch ein Labor-Experiment, das in einem lokalen Kontext erfolgte (Sowjetunion, Nazi-Deutschland und USA [81]). Unter einer anderen Bezeichnung hat Anthony Sutton geschlossen, dass diese verschiedentlich genannten Ideologien, “Sowjetischer Sozialismus”, “kollektiver Sozialismus” (Nationalsozialismus) und “der neue Sozialismus ” (New Deal), nur die Formatierungen von einem monopolistischen Sozialismus waren; ein Ideal der Organisation, die jetzt als Teil der “neuen Weltordnung” rund um den Globus entstehen soll. Der Krieg von 1939-1945, der infolge dieser Hintergrund-Arbeit entstand, erlaubte die Kippe in eine andere Welt; die Einführung von zwei scheinbar gegensätzlichen Blöcken, die dem hegelianischen Prinzip der These und Antithese voll gehorchen. Jedoch wurden diese beiden Welten, die von den gleichen finanziellen Quellen bewässert wurden, die Grundlagen zur Verwirklichung des globalen Staates.


 

Nach 1945, eine glückliche Zukunft

Nach dem zweiten Weltkrieg können wir drei wesentliche Daten in der unmittelbaren Nachkriegszeit erkennen: 1946; 1947 und 1948. Es ist der britische Premierminister Winston Churchill, der die Idee der Einigung Europas in einer Rede in Zürich am 19. September 1946 wiederbelebt. Tatsächlich zögerte er nicht zu sagen: “Wir müssen eine Art Vereinigte Staaten von Europa bauen”. [82]. Solche Kommentare erfreuen Richard von Coudenhove-Kalergi, der von Churchill unterstützt wurde. Der Gründer von Pan-Europa belebte seinerseits die Idee des Europäischen Gedankens und stellte die Geschichte seiner Arbeit und Projekte in einem Buch vor, mit dem Titel „Ich habe Europa gewählt“. In diesem Buch profitierte Coudenhove von dem Vorwort von… Winston Churchill.

Winston Churchill (1874-1965)

Winston Churchill (1874-1965)

Die zweite Etappe bildet mit der Sitzung im August 1947 in Montreux in der Schweiz eine entscheidende Passage zur Stärkung der Grundlagen des in Vorbereitung stehenden Welt-Staates. In der Tat haben sich verschiedene europäische  [83] und amerikanische  [84] dem Welt-Föderalismusprinzip ergebene Vertreter unter der Schirmherrschaft des Schweizer Juristen Max Habicht  [85] geeinigt, um zwei Institute ins Leben zu rufen, deren Wirksamkeit weithin spürbar wird: die „Föderalistische Weltbewegung“ (World federalist Movement, WFM) und die „Union der Europäischen Föderalisten“ (Union of European Federalists, UEF).

Die WFM hat am Treffen von Montreux ihre Magna Charta vorgestellt, welche die Einrichtung von zentralen Grundsätzen zur Errichtung eines globalen Staates auf föderativer Basis befürwortet. Es ist klar, dass, 63 Jahre nach der Formulierung, ihre Wünsche weitgehend erfüllt sind. Es wird in der Tat behauptet, dass „Wir Welt-Föderalisten sind überzeugt, dass die Schaffung des Weltverbandes das wichtige Problem unserer Zeit ist.“ Solange sie nicht eingetreten ist, bleiben alle anderen Fragen – nationale und internationale – ohne gültige Antworten. Man soll nicht zwischen freiem Unternehmertum oder gesteuerter Wirtschaft, Kapitalismus oder Kommunismus wählen, sondern zwischen Föderalismus oder Imperialismus. Anschließend schlägt diese Erklärung unter anderem folgende Grundsätze vor: « Einschränkung der nationalen Souveränität“ mit „Transfer der Legislative, Exekutive und richterlicher Gewalt zum Bund“, „Schaffung einer supranationalen Streitkraft“. Insbesondere mit Angabe dieser zu Beginn des 21. Jahrhunderts hochaktuellen Tatsache, dass „eine gerechte föderalistische Perspektive die Anstrengungen sowohl auf regionaler als auch auf funktionaler Ebene integrieren muss. Die Bildung von regionalen Bünden(Anmerkung des Herausgebers: Hervorhebung von mir) – soweit sie kein Ziel für sich selbst bilden und nicht riskieren sich in Blöcke zu kristallisieren – muss und soll sie zum ordnungsgemäßen Funktionieren des Welt-Bundes beitragen. Am Ende dieser Erklärung wird betont, die Entstehung einer „verfassungsgebenden Welt-Versammlung“ zu fördern. [86].

Neben der Erstellung von der WFM entstand die Union europäischer Föderalisten (UEF) in Montreux. Eine avantgardistische Arbeit hatte jedoch bereits das Terrain vorbereitet. In der Tat wurde unter dem Einfluss von Pan-Europa von R. von Coudenhove-Kalergi 1934 Europa Union gegründet, welche das Ideal von einem geeinten Europa verteidigte, nach dem föderalen Prinzip und dem Schweizer Modell [87]. Vier Jahre später, im November 1938, entstand unter dem Einfluss der Fabianer Lord Lothian und Lionel Curtis, die Federal Union [88]. Letztere ist ein Zweig der UEF in gleicher Weise wie es die verschiedenen französischen (UEF Frankreich), deutschen (Europa-Union Deutschland), italienischen (UEF Italien) usw., “Tochterunternehmen” sind. Es sei darauf hingewiesen, dass die UEF, gleich den russischen Puppen, ein Zweig des World Federalist Movement (WFM) ist [89]. Infolgedessen haben wir hier ein europäisches Institut, das für Föderalismus arbeitet und das gleichzeitig die Arbeit von der WFM übernimmt, aber auf Weltniveau. Warum ist es so wichtig, die UEF-Mission zu erwähnen? Dieses föderalistische Institut wird von dem Engländer Andrew Duff geleitet, Mitglied des Europäischen Parlaments, unter dem Label “Liberal Democrats”. [90]. Er ist auch Mitglied des European Council on Foreign Relations (ECFR),  [91] 2007 gegründet [92], das europäische Schwestermodell des 1921 gegründeten US-CFR. Andrew Duff ist auch derjenige, der in enger Zusammenarbeit mit der Bertelsmann-Stiftung und dem österreichischen EP-Abgeordneten Johannes Voggenhuber die Wiederbelebung des Entwurfs einer Europäischen Verfassung nach dem Scheitern der französischen und niederländischen Referenden im Jahr 2005 erlaubte [93]. Der Vertrag von Lissabon hätte nicht – oder zumindest nur weniger leicht – ohne die Unterstützung und die Überzeugungen von Andrew Duff entstehen können. Darüber hinaus ist klar, dass der über das Grab hinaus reichende Einfluss von einem Cecil Rhodes und einem Lord Milner auf die Ausarbeitung der Europäischen Verfassung (die so genannte “Verfassung Giscard”, Vorspiel für den Vertrag von Lissabon) 2003-2004 wirkte. Tatsächlich waren die Milner-Gruppe und die Fabianer immer schon für die Einigung Europas, vorausgesetzt, dass dies unter angelsächsischer Führung erfolgte. Während den beiden Weltkriegen konnten die Versuche für eine europäische Einheit unter deutscher Führung, einer kontinentalen Macht, von London und Washington nicht akzeptiert werden, weil die angelsächsische Überseemacht aus dem Geschäft des alten Kontinents ausgeschlossen worden wäre. Richard Coudenhove – Kalergi hatte das perfekt verstanden, wie seine Rede von 1950 zeigt. Daher ist es sinnvoll, sich für den Generalsekretär der “Giscard-Verfassung”, den englischen John Kerr, der beauftragt war die Arbeiten fernzusteuern, zu interessieren. Sein Lebenslauf zeigt, dass er an der Spitze einer Ölfirma Royal Dutch Shell steht und britischer Botschafter in den Vereinigten Staaten war. Seine Verbindungen mit der angelsächsischen kommerziellen Aristokratie zeigen auch, dass er Mitglied des Lenkungsausschusses, für die Rekrutierung der Eliten im Rahmen der “Cecil Rhodes Stipendien» verantwortlich ist [94]. Wie man sehen kann, ist der globalistische Erfolg nur eine Frage der Zeit.

Schließlich hat der Kongress von Den Haag (7. -10. Mai 1948) unter dem Ehrenmitglieds-Vorsitz von Winston Churchill und fast 800 proeuropäischen Aktivisten  [95] die ersten Grundsteine für ein geeintes Europa gelegt. Die Hauptfigur dieses Kongresses war der General-Sekretär Joseph Retinger (1888 – 1960). Die eigentlichen Akteure der Geschichte sind oft hinter den Kulissen. Dies ist der Fall bei Retinger, im Dienst des CFR und der RIIA, dessen Handlung bei der Entwicklung der globalistischen Strukturen entscheidend war [96].

Réunion du Groupe de Bilderberg (Bruxelles, juin 2000) TV auf Französisch (Anm.d.Red.: Dieser Film wurde entfernt.)


 

Bilderberg, das New-Age und die Trilaterale

Die erste Versammlung vom Bilderberg fand in den Niederlanden in Oosterbeck im Mai 1954 statt. Man vereinbarte, dass der Name dieser elitären Gruppe den Namen des Hotels führe, in dem die Beteiligten wohnten. Es bestehen jedoch Zweifel. Dennoch geht seine Schöpfung weitgehend auf die Aktion von Joseph Retinger zurück, selbst wenn man noch “hohe Tiere” des Globalismus dazuzählen muss, wie den unumgänglichen David Rockefeller (Vorsitzender des CFR, der Chase Manhattan Bank,…). Die Bilderberger sind „la crème de la crème“ der politischen, wirtschaftlichen und finanziellen Welt des Atlantiker-Serails. Die westlichen Medien folgen nur sehr selten ihren Sitzungen und geben noch seltener Nachrichten [97]. Die Regeln der Organisation und der Intervention der Teilnehmer sind direkt auf jene des Royal Institute of International Affairs (RIIA, “Chatham House Rule” Prinzip genannt) aufgebaut. Auch hier haben die Rhodes und Milner Familien ihre Spuren hinterlassen. In der Tat prägen diese Eliten innerhalb des Bilderberg weitgehend den Gang der politischen, wirtschaftlichen und finanziellen Angelegenheiten. Der Fall des belgischen Etienne Davignon ist besonders bemerkenswert. Vizepräsident der Europäischen Kommission von 1981 bis 1985, ist er der große Pascha dieser elitären Gruppe. Er war es, der den belgischen Politiker Herman van Rompuy eingeladen hat, um eine mündliche Prüfung vor den Vertretern des Bilderberg für den Posten des Präsidenten des Europäischen Rates am 12. November 2009, insbesondere vor dem ehemaligen US-Außenminister Henry Kissinger, in Val Duchesse am Stadtrand von Brüssel abzulegen [98]. Einfach ausgedrückt, man wollte sehen, ob Herman van Rompuy dem System nützlich sein konnte. Die mündliche Prüfung musste sicher gut abgelaufen sein, da er akzeptiert wurde… als gut für den Dienst befunden.

Prinz Bernhard van Lippe-Biesterfeld (1911-2004)

Prinz Bernhard van Lippe-Biesterfeld (1911-2004)

Die Wahl des ersten Präsidenten des Bilderberg von Prinz Bernhard (1911 – 2004) durch Joseph Retinger und Mitarbeiter, ist kein Zufall. Tatsächlich war dieser deutsche Prinz in den frühen 1930er Jahren Mitglied der SS, insbesondere des Reiterkorps SS (Kavallerie) und Mitglied der Farben Bilder, einer Tochtergesellschaft der IG-Farben. Er heiratete 1937 die Thronfolgerin der Niederlande, Prinzessin Juliana, seine Tochter die Königin Beatrix ist eine aktive Teilnehmerin der Bilderberg-Treffen. Die mehr als trübe Vergangenheit von Prinz Bernhard für seine Berufung als Leiter des Bilderberg war ein gutes Mittel, ihn „in der Hand zu haben“. In der Tat ist es einfacher, eine Person auf klar definierte Ziele zu steuern, wenn sie solch eine unangenehme Vergangenheit besitzt. Die Wahl dieses niederländisch eingebürgerten deutschen Prinzen war sicherlich von großer Bedeutung, weil er in einem anderen Sektor verwendet wurde. Wir müssen uns mit einem Thema befassen, das den Theoretikern des Globalismus am Herzen liegt: die Ökologie.

Der legitime Schutz der Fauna und Flora hat einen baufälligen Bestand unter der Einwirkung von den Anhängern der neuen Weltordnung. Tatsächlich führt die Ideenbewegung zu einer Vergöttlichung der Natur, der New-Age Bewegung entsprechend. Es ist das Prinzip der “Gaia”, als “Muttererde” gekennzeichnet [99]. Viele Institute verbreiten diesen Zug des philosophischen Geistes, insbesondere der WWF (World Wild Fund for Nature), Institute, die den Schutz der Natur predigen. Ihrer Gründung in 1961 ist der Arbeit von Mitgliedern des globalistischen Serails zuzuschreiben.

In der Tat müssen wir die Brüder Aldous und Julian Huxley erwähnen. Aldous Huxley ist der Autor eines 1931 veröffentlichten prophetischen Buches, „Schöne neue Welt“, das ein echtes internationalistisches politisches Programm unter der Tarnung eines Fiktions-Romans ist. Unter Bezugnahme auf einen globalen Staat, dessen Menschheit nach genetischen Manipulationen, unterworfen und hierarchisch eingeteilt ist, verbrachte der Autor sein ganzes Leben mit vielen Drogen, um eine “Form der Mystik“ zu erreichen. Diese Wahnvorstellungen charakterisieren dieses Milieu und waren auch auf seinen Bruder Julian Huxley übergegangen, der ein Befürworter der Eugenik war und der der erste Präsident der UNESCO (Bildung, Wissenschaft und Kultur) im Jahre 1946 wurde. Dieser Geist der Huxley-Brüder kommt von dem Einfluss des Großvaters, Thomas Huxley (1825-1895). Biologe und leidenschaftlicher Verfechter der darwinistischen Prinzipien [100], übertrug er diese Konzepte seinen Enkeln, die sie der ganzen Welt einflössten. Man füge hinzu, dass das Netzwerk der globalistischen Familienbande ganz eng ist, weil einer der Schüler von Thomas Huxley… H.G Wells war [101].

Diese von Generation zu Generation übertragene Nachfolge erlaubt, diese Dauerhaftigkeit des Globalismus und seinen Aufstieg besser zu verstehen. Jetzt können wir die vergangene Aktion dieser Männer der Gründung des WWF 1961 anschließen. Tatsächlich geht seine Schöpfung auf Julian Huxley zurück [102]. Der WWF hilft mit, dieses pantheistische Ideal zu verbreiten und gehört einem der Zweige der Aktion des Globalismus an. Ist es reiner Zufall, dass der erste Präsident des WWF der Präsident des Bilderberg, Prinz Bernhard war  [103] (von 1962 à 1976)? Andere Präsidenten sind an die Spitze des WWF gekommen und wieder gegangen, wie John Loudon, der wie John Kerr, Präsident des Ölkonzerns Royal Dutch Shell war. Dieses englisch-niederländische Öl-Konglomerat ist eine der Krippen der neuen Weltordnung. Außerdem ist darauf hinzuweisen, dass Prinz Philippe, Ehemann der Königin von England Elisabeth II., den WWF von 1981 bis 1996 leitete.

David Rockefeller Senior (1915-…)

David Rockefeller Senior (1915-…)

Wir können dieser Akteuren-Liste, die einer langen politischen, kommerziellen Tradition entsprungen ist, die Rolle der Trilaterale hinzufügen. Sie wird 1973 von David Rockefeller und Zbigniew Brzezinski (Mitglieder des CFR) gegründet. Letzterer ist der Mentor von Präsident Obama. Das Institut umfasst drei wirtschaftlich entwickelte Gebiete: Nordamerika, Europa und Japan. Wir erinnern an die Unterstützung von Franzosen wie Simone Veil, Robert Marjolin, Raymond Barre und auch Hubert Védrine. Brzezinski fügte hinzu, dass die Staaten „mehr und mehr gemeinsamen Problemen ausgesetzt sind – finanziellen, wirtschaftlichen und strategischen – und immer weniger in der Lage sind, sie zu beheben, wenn sie sich nicht enger zusammenschließen, in ihrem eigenen und dem Interesse des Restes der Welt“. Um diese Herausforderungen zu bewältigen, gibt der Autor selbst zu, dass die Trilaterale Kommission am Ursprung der Schöpfung des G7 Gipfel war [104]. Die Nähe zwischen der Trilateralen und der industriellen Welt und der Welt der Think Tanks ist erwiesen, vor allem mit dem Transatlantic Policy Network (TPN) [105]. Der Vorsitzende der europäischen Filiale der Trilateralen Kommission, Peter Sutherland, ist auch Präsident des europäischen Zweigs des TPN. Dieser Ire war auch der Chef von Goldman Sachs, der auch heimlich die Wirtschaftspolitik von Präsident Obama regelt und unter anderem EU-Wettbewerbs-Kommissar von 1985 bis 1989 unter dem Vorsitz von Jacques Delors  [106] war. Jetzt die kleine Kirsche auf dem Kuchen: Peter Sutherland ist auch der Direktor der Fabian-Schule, der London School of Economics [107]. Der Besitzerrundgang wird abgeschlossen sein, wenn man hinzufügt, dass John Kerr – wie wir oben gesehen haben – auch ein Mitglied der europäischen Trilaterale ist [108].

Wie wir sehen, konvergieren die politischen und wirtschaftlichen Eliten seit langer Zeit zu dem Bau einer einheitlichen Weltordnung [109]. Diese Tour wäre allerdings nicht vollständig, wenn man nicht die Anweisungen der Behörden der katholischen Kirche erwähnte.


 

Eine katholische Kirche im Dienst der neuen Weltordnung

Ob man gläubig ist oder nicht, muss das Studium der Grundsätze, die eine Kirche animieren, mit Objektivität getan werden. Man muss die Lehren studieren, die sie verteidigt und beobachten, ob die Worte und ihre Handlungen mit ihrem Lehrkörper in Übereinstimmung stehen. Bei der katholischen Kirche basiert das seit 2000 Jahren befürwortete Konzept auf dem Primat des Gottes über den Menschen. Bibel und Tradition sind unantastbare Grundlage, das Fundament des Glaubens laut der geweihten Worte, durch die Nachfolger von heiligen Petrus, dem Papst, definiert. Der von der Erbsünde markierte Mensch muss einer höheren Autorität entsprechen und alle Vorschriften befolgen, die von der katholischen Kirche befürwortet werden. Diese Grundsätze sind unantastbar. Wenn man mit diesen Prinzipien nicht in Übereinstimmung ist, verlässt man die katholische Kirche. Dies ist der Fall von mehreren protestantischen Kirchen. Eine grundlegende Änderung ist jedoch mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) eingetreten. Dieses Konzil ist das Ergebnis eines langen Stroms von Reflexionen, welche viele Kirchenmänner, aber auch außerhalb der Kirche bereits im 19. Jahrhundert animierten. Nach einem langen Kampf zwischen den Verteidigern der Tradition und den Progressisten waren letztere in der Lage, ihre Vision einer großen Reform im Zweiten Vatikanischen Konzil durchzusetzen. Für diese Anhänger gilt es, die Kirche den politischen, technischen und sozialen Innovationen, die die Entwicklung der Welt kennzeichnen, anzupassen. Für die Verteidiger der Tradition gilt das Gegenteil. Es muss sich die Welt den Grundsätzen der Kirche anpassen. Diese Humanisierung der Kirche durch die Förderung der Menschenrechte und die Zusammenarbeit mit internationalen Gremien, wurde 1963 in der Enzyklika von Papst Jean XXIII, Pacem in Terris übersichtlich dargestellt [110]. Unter Hinweis auf den Fortschritt der Wissenschaft und Technik geht es innerhalb der menschlichen Rasse zu ” intensiverer Zusammenarbeit und stärkerer Union”; Es geht darum, das „gemeinsame universale Gut“ zur stärken, das die Staaten nicht mehr laut der Enzyklika gewährleisten können. Daher fügt das Dokument logisch hinzu, „heute stellt das gemeinsame universelle Gut Probleme globaler Dimensionen dar. Sie können nicht von einer öffentlichen Behörde gelöst werden, deren Macht, Verfassung und Handlungsmöglichkeiten auch globale Dimensionen annehmen, und die ihre Wirkung auf die gesamte Erde ausüben kann. Daher ist es die moralische Ordnung selbst, die die Einrichtung einer Behörde des Weltrechtsprinzips erfordert“.

Die Enzyklika wünscht, dass diese “supranationale oder globale Macht” nicht gewaltsam aufgestellt werde und stimmt der Deklaration der Menschenrechte von 1948, außerhalb weniger Einwände, zu. Sie fügt hinzu, “wir betrachten diese Deklaration als einen Schritt zur Schaffung der rechtlichen und politischen Organisation der Weltgemeinschaft“. [111].

Diese Richtungsänderung der katholischen Kirche ist das Markenzeichen aller Päpste seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Während seiner Weihnachts-Botschaft von 2005 hat Benedikt XVI. die Menschen aufgefordert, “die Errichtung einer neuen Weltordnung” voranzutreiben.  [112] .

Daher ist es vollkommen logisch, dass Benedikt XVI. für die Einrichtung einer “Weltpolitischen Behörde” in seiner Enzyklika Veritas in Caritate  [113] im Juli 2009 aufgerufen hat. Unter Hinweis auf die globale Interdependenz, erinnert der Papst “an die Dringlichkeit der Reform der Vereinten Nationen sowie die der Wirtschafts- und Finanzkrisen-Architektur”, um dem Konzept der Familie der Nationen eine internationale Realität zu geben. (…)“ [114].


 

Für eine parlamentarische Welt-Versammlung

Die Schaffung großer politischer, regionaler Bünde, die von gemeinsamen Gesetzen regiert werden, und die Bestandteile des Welt-Staats sind, müssen in einer einzigartigen Versammlung vertreten werden. Dies ist die große Herausforderung der “parlamentarischen Versammlung der Vereinten Nationen” (UNPA) [115]. Dieses Streben ist die logische Fortsetzung der Weltvereinigungs-Träume der federführenden Theoretiker des Globalismus (Fabian und Anhänger). Nichts ist zufällig. Die Ereignisse, die Personen und die Institute der Vergangenheit produzieren ihre Früchte, um das Babel-Gebäude zuvollenden. Deshalb verfolgt die Aktion der WFM (World Federalist Movement), deren Gründung wir im Jahr 1947 in Montreux sahen, ganz logisch die Arbeit, welche die Ihre ist. Daher ist es ursprünglich die WFM in 1992, die die Entwicklung des ersten großen Dokuments zur Einrichtung einer globalen Parlamentarischen Versammlung innerhalb der Vereinten Nationen vorantreibt: „The case for a United Nations Parliamentary Assembly“ (“der Fall einer Parlamentarischen Versammlung der Vereinten Nationen”) von dem kanadischen Dieter Heinrich [116]. Viele Arbeiten und Besprechungen fanden anschließend in dem kanadischen Senat, im Europäischen Parlament, auf dem Forum der Jahrtausendwende im Jahr 2000 in New York, am 12. Kongress der sozialistischen Internationale usw. statt, um schließlich im September 2003 zum “Komitee für eine demokratische UNO“ zu führen. Wir müssen die deutsche Version geben, weil, wie wir sehen werden, die deutschen politischen Behörden eine führende Rolle spielen: „Komitee Für Eine Demokratische UNO“ (KDUN) [117].

Das KDUN ist das Aushängeschild innerhalb eines Executive Komitees [118], das für ein Welt-Parlament arbeitet. Tatsächlich werden seine Werke von einem anderen bereits erwähnten Institut, der WFM unterstützt. Hierzu muss man noch hinzufügen, „die Gesellschaft für bedrohte Völker“, ein deutsches Institut, das zu Gunsten der Emanzipierung von ethnischen Gruppen arbeitet und das Hand in Hand mit der UFCE (der Union föderalistischer ethnischer Gemeinschaften)  [119] und mit einer englischen NGO, der 2020 Vision Ltd. arbeitet [120].

Das KDUN mit Sitz in Berlin sagt die Trumpffarbe an, mit ihrer Satzung, ihr Engagement, den Aufbau einer weltoffenen Gesellschaft und kontinentale Integration zu fördern [121]. In dem Direktions-Komitee gibt es Vertreter aus Politik und Wissenschaft. Es ist interessant festzustellen, dass alle deutschen politischen Strömungen mit Ausnahme von den ehemaligen Kommunisten (Die Linke) vorhanden sind [122]. Im Schosse dieses Ausschusses finden wir eine Schlüsselfigur, Armin Laschet. Dieser Politiker ist der Urheber des Berichts von 2003, in dem gefordert wird, der Europäischen Union einen ständigen Sitz  [123] nach der Verabschiedung des ” Giscard-Vertrags ” (von nun an “Lissabon-Vertrag” genannt) [in der UNO AdÜ] zu geben. Sein Einfluss ist entscheidend, da man ihn auch an der Spitze des Lenkungsausschusses des Karl-der-Große-preises findet [124]. Darüber hinaus ist die Anwesenheit von dem deutschen Mitglied des Europäischen Parlaments, Jo Leinen, in der KDUN-Direktion besonders bedeutsam, weil er eine Schlüsselrolle bei der Verabschiedung des Lissabon-Vertrags spielte [125].

Im April 2007 startete das KDUN seine Kampagne für ein Welt-Parlament unter der Führung des Vorsitzenden Andreas Bummel. Autor eines Buches mit dem Titel « Internationale Demokratie Entwickeln » [126], ist er ein ehemaliges Mitglied der Liberalen Partei, dem FDP, dessen Chef Guido Westerwelle, seit September 2009 Außenminister der Regierung Merkel wurde. Er ist auch Mitarbeiter der „Gesellschaft für bedrohte Völker“ unter der Leitung von Tilman Zülch (Mitglied des Lenkungsausschusses des KDUN) und der World Federalist Movement (WFM) von New York [127].

Alle diese Akteure handeln, um die Geburt dieses neuen Welt-Gremiums voranzubringen. Wie in den offiziellen Texten erwähnt: „(…) Die „Parlamentarische Versammlung der Vereinten Nationen” (UNPA) könnte zunächst Delegierte aus nationalen und regionalen Parlamenten haben, die ihre politische Zusammensetzung reflektieren. Eine UNPA würde daher Minderheitsparteien enthalten, die nicht der Regierung angehören. Zu einem späteren Zeitpunkt könnte die UNPA direkt gewählt werden. Eine UNPA wäre daher ein eindeutiger und rechtmäßiger Körper, der die Stimmen der Bürger über Fragen der internationalen Ordnung darstellt. Teilnehmer an der Kampagne denken, dass eine UNPA, einmal erstellt, von einem bloßen Beratungsgremium sich zu einem Welt-Parlament mit echtem Recht auf Information, Beteiligung und Kontrolle entwickeln würde“ (…) [128].

Diese ohne Komplexe verkündeten Ambitionen der „Parlamentarischen Versammlung der Vereinten Nationen” (UNPA) gedeihen noch mehr, wenn man an die Unterstützung von Benedikt XVI. zur Errichtung einer “Weltpolitischen Behörde” erinnert. Es ist selbstverständlich, dass die UNPA-Führer mit Begeisterung die Enzyklika des Papstes begrüßen [129].


 

Schlussfolgerung

Diese kurze Beschreibung der Geschichte der Befürworter des Globalismus vom Mittelalter bis Anfang des 21. Jahrhunderts zeigt, dass dieser Trend sehr alt ist. Er basiert auf einer grenzenlosen Gier und der Verfolgung eines Ideals der vollständigen Kontrolle der planetarischen Ressourcen. Diese Entwicklung hat schrittweise an Geschwindigkeit gewonnen und es ist ihr gelungen, weil der globalistische Klerus, Nachfolger von Nimrod, seine Denkweise für die Neue Weltordnung aufdrängen konnte. Seit dem Fall der Berliner Mauer beschleunigen sich die Ereignisse; die Krise auch. Die Dekade 2010 wird entscheidend für die Menschheit sein, weil der Globalismus, nach der Lehre von diesen Eliten, ein übereilter Messianismus ist.

Pierre Hillard

Weiterführende Dokumente:

WALL STREET AND THE RISE OF HITLER by Antony C. Sutton

WALL STREET AND THE BOLSHEVIK REVOLUTION by Antony C. Sutton

Wall Street and FDR by Antony C. Sutton

THE NEW WORLD ORDER by H. G. WELLS

UNION NOW by Clarence K. Streit

The History of the Fabian Society by Edward R. Pease

Philip Dru: Administrator by Edward Mandell

The Anglo-American Establishment by Carroll Quigley

Internationale Demokratie entwickeln by Andreas Bummel

THE OPEN CONSPIRACY by H. G. Wells


Autor Pierre Hillard ist Doktor der politischen Wissenschaften und Professor der Internationalen Beziehungen. Seine Forschung betrifft hauptsächlich die Handhabung der Europäischen Union im Hinblick auf die Errichtung eines euro-atlantischen Blockes. Letztes veröffentlichte Werk : Bertelsmann : Un empire des médias et une fondation au service du mondialisme (François-Xavier de Guibert éd., 2009)

Text- und Grafikquellen: «Die Geschichte der „Neuen Weltordnung“», von Pierre Hillard, Übersetzung Horst Frohlich, Voltaire Netzwerk, 24. Mai 2013, www.voltairenet.org

Fußnoten:

  1. « [U.S move sows confusion in EU », par Charles Forelle, The Wall Street Journal, 2 février 2010.
  2. Offizielle Website von Eurasec.
  3. « L’Union douanière, créée par la Russie, le Kazakhstan et la Biélorussie », dossier de Ria Novosti.
  4. « Eurasie : le président kazakh prône la création d’une monnaie unique, l’evraz », Ria Novosti, 11 mars 2009.
  5. « CEEA : la création d’une monnaie unique au menu d’entretiens russo-kazakhs », Ria Novosti, 14 mars 2009.
  6. Offizielle Website von UNASUR.
  7. Am 26. November 2008 haben bei einem Treffen in Caracas einige Länder Südamerikas beschlossen, das Terrain vorzubereiten, indem sie den “Stabilisierungs- und Reserve Fonds” erstellen; Das ist eine Recheneinheit, genannt “SUCRE” (Système Unitaire de Compensation Régionale) [Systemeinheit für regionalen Ausgleich]. Diese Rechnungseinheit ist auch Antonio José de Sucre (1795-1830) gewidmet, der Leutnant im Dienste von Simon Bolivar war.
  8. Offizielle Website von Assemblée Parlementaire Euro-Latino Américaine.
  9. Offizielle Website von SICA.
  10. Offizielle Website von Union africaine.
  11. Offizielle Website von NEPAD.
  12. Beschreibung der Union africaine auf der Website des französischen Ministeriums für auswärtige Angelegenheiten.
  13. Offizielle Website vom GCC.
  14. « Proposed GCC currency name ‘too general’ », Trade Arabia, 16 décembre 2009.
  15. « La Chine espère populariser le yuan au sein de l’Asean » [“China hofft die Yuan im Schoss der ASEAN-Staaten zu popularisieren”] Les Echos, 31 décembre 2009.
  16. Offizielle Website von PSP.
  17. La marche irrésistible du nouvel ordre mondial, [Der unaufhaltbare Marsch der Neuen Weltordnung] par Pierre Hillard (Editions François-Xavier de Guibert, 2007), p. 21.
  18. Ibid., pp. 86-87
  19. La décomposition des nations Européennes : De l’union euro-Atlantique à l’Etat mondial, [Der Zerfall der europäischen Nationen : Von der euro-atlantischen Union zum Weltstaat] von Pierre Hillard (Editions François-Xavier de Guibert, 2005), p. 137 et La marche irrésistible du nouvel ordre mondial, op. cit, p. 79.
  20. « Résolution du Parlement européen sur l’état des relations transatlantiques après les élections qui ont eu lieu aux États-Unis » (2008/2199(INI)), Réseau Voltaire, 23 mars 2009.
  21. « La Russie et la Chine proposent une monnaie commune globale », Réseau Voltaire, 11 juillet 2009.
  22. Die Revue The Economist kündigte Januar 1988 die Einführung einer Weltwährung namens “Phoenix” für 2018 an. Es ist noch Zeit.
  23. « Discours d’acceptation », par Herman von Rompuy, Réseau Voltaire, 19 novembre 2009.
  24. Ethnische und religiöse Forderungen sowie die Opposition zwischen reichen und armen Regionen werden die Zersetzung der Staaten in der Welt beschleunigen. Dieses Phänomen kann insbesondere durch die Übertragung der obersten Autorität auf politische Zusammenschlüsse, auf Kosten der Staaten, erklärt werden, die nicht mehr ihre Daseinsberechtigung haben. Das Auseinanderbrechen der Staaten wird global sein. Einige Führer der US-Föderativen Staaten von Texas und Vermont wollen sich bereits abspalten. In Bezug auf Europa ist Belgien mit Flandern oder Spanien mit Katalonien in großer Gefahr. Solche regionalistische Ansprüche, die zur Zersplitterung von Staaten führen, sind nötig, um die Realisierung der neuen Weltordnung zu erreichen.
  25. Bis Anfang Januar 1973 teilte Frankreich mit den Privatbanken das Recht, Geld zu erstellen. Für den Bau von Sozialwohnungen z.B., entlehnte der Staat bei der Zentralbank, die das Geld für diesen Fall schuf. Anschließend wurde das Darlehen vom Staat zurückgezahlt, während die Bank dieses Geld vernichtete; also ein Kapital, praktisch ohne Zinsen. Jedoch hat sich der Staat selbst mit dem Artikel 25 des Gesetzes Pompidou-Giscard d’Estaings vom 3. Januar 1973 verboten, bei der Zentralbank Anleihen zu machen. Er nimmt sich daher die Geldschöpfungsmöglichkeit, es sei denn, er frage bei privaten Akteuren an, denen er Zinsen zahlen muss, und zu einem harten Preis. Diese Richtlinie verhindert demzufolge wirkliche soziale Politikgestaltung, die öffentliche Investitionen zu teuer machen und was gleichzeitig den Anstieg der Staatsverschuldung verursacht. Dieses Prinzip ist im Vertrag von Maastricht (1992) in Artikel 104A verankert und wurde in Artikel 123 des Lissabon-Vertrags umgesetzt. Die EU-Staaten sind daher von der finanziellen Oligarchie völlig abhängig.
  26. Ein großer Teil dieses Kapitels basiert auf der Arbeit des amerikanischen Historikers Carroll Quigley (1910 – 1977) Professor auch an der Georgetown University: The anglo-american Etablishment, GSG § Associates, 1981. Insbesondere war er Professor für… Bill Clinton.
  27. Der Start im Juli 2009 eines Projektes der Solar-Panels in Nordafrika und im Nahen Osten, um Europa mit Energie zu versorgen wird im Rahmen von « Desertec » getan. Die deutsche Niederlassung des Club of Rome, das Deutsche Luftfahrt und Luftraum- Zentrum und Prinz Hassan bin Talal von Jordanien, haben stark zum Projekt beigetragen. Indirekt hilft diese Energiepolitik, die südlichen Mittelmeer-Staaten zur Europäischen Union und in der Folge auch zu der Euro-Atlantischen Achse im Rahmen der Interdependenz noch stärker zu integrieren.
  28. Dies ist der Fall von « Corridor de Nasco » mit dem Aufkommen eines nordamerikanischen Blocks.
  29. Empfänger von Cecil Rhodes Stipendien in den Vereinigten Staaten, im Vereinigten Königreich, in Australien, in Südafrika usw. werden auf den Websites der verschiedenen Schulen vorgestellt.
  30. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kontrollierte das Cecil Rhodes-Team den Times von London, die für politische und wirtschaftliche Eliten reservierte Zeitung, die auch vor allem dieser großen kommerziellen Aristokratie angehörten. Das nennt man im geschlossenen Kreislauf arbeiten.
  31. Anglo-american Etablishment, op. cit, p. 169.
  32. Der Ausdruck “Milner-Gruppe” wird verwendet, um politische, wirtschaftliche, militärische und journalistische Personen zu bezeichnen, die den Idealen von Alfred Milner und seinem Mentor, Cecil Rhodes nahestanden.
  33. Ibid., p. 133.
  34. Wir stützen uns auf die Arbeit von Edward R. Pease, The History of the Fabian Society (EP Dutton and Company, 1916), oft veröffentlichtes Buch.
  35. Offizielle Website von Fabian Society.
  36. Robert Owen basierte auf den Grundsätzen des Philosophen Platon, insbesondere sein Buch die Republik, in der er das Ideal einer aristokratischen von der Elite geführten Gesellschaft verteidigte, in der er die Ehe beseitigte, sowie die Reproduktion der Besten förderte. Diese Theorie bekam Anhänger. Man findet diese Konzepte in Brave new World von Aldous Huxley, in 1984 von Orwell oder in manchen Werken von Herbert George Wells, führendes Mitglied der Fabian-Gesellschaft.
  37. Die Universität von Oxford wurde zu einem der Zentren der Rekrutierung der Eliten dank der “Cecil Rhodes-Stipendien” für Großbritannien.
  38. Denken wir daran, dass alles zusammenhängt.
  39. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts gehören 200 britische Parlamentarier der Fabian Gesellschaft an, wie der ehemalige Premierminister Tony Blair (Förderer der als “dritter Weg” bezeichneten Wirtschaftspolitik, schlechthin ein Fabian-Prinzip) oder Gordon Brown.
  40. Er scheint nicht Zufriedenheit gefunden zu haben.
  41. Werk 1928 erschienen, Neuauflage in 1931 unter dem Titel What are we to do with our Lives ?.
  42. The War That Will End War, von H. G. Wells. Version française : La destruction libératrice, réédité aux Editions Le passé du futur, Grama, Bruxelles, 1995, p. 214.
  43. Ibid., p. 134: « Es war in einer etwas ungläubigen Atmosphäre, als das Treffen begann, um die neue Weltordnung zu etablieren”.
  44. The New World Order, von H.G Wells, Neuauflage von Filiquarian Publishing, LLC, 2007.
  45. Die meisten der Wirtschaftsmanager der Obama-Administration kommen von der Pilger-Gesellschaft.
  46. Siehe The Anglo-American Etablishment, op. cit, Seite 82 und 117 u.f..
  47. Offizielle Website von Round Table.
  48. Die Firma JP Morgan, Pfeiler der angelsächsischen Finanz, wurde von John Pierpont Morgan (1837 – 1913) gegründet.
  49. Siehe die Werke vom außergewöhnlichen Anthony Sutton (1925 – 2002), wissenschaftlicher Mitarbeiter der Hoover Institution, Stanford University, die die Unterstützung der Wall Street auf die drei folgenden Elemente beschreiben: Wall Street and the bolshevik revolution, [Wall Street und der Oktoberrevolution], Arlington House, 1974; Wall Street and FDR (Anmerkung des Herausgebers: Franklin Delano Roosevelt) und Wall Street and the rise of Hitler [Wall Street und der Aufstieg Hitlers]. Man muss auch diese dreibändige Reihe hinzufügen: Western Technology and Soviet economic Development 1917-1930; Western Technology and Soviet economic Development 1930-1945 und Western Technology and Soviet economic Development 1945 bis 1965, das aus Erster-Hand Dokumentation die wirtschaftliche und finanzielle Unterstützung des Westens für die Sowjetunion und ihre Spießgesellen beweisen.
  50. Wir laden den Leser ein, sich für Basil Zaharoff (1850-1936) zu interessieren, der ein Vermögen mit dem Verkauf von Waffen an die Akteure des Konflikts 1914-1918 machte.
  51. Wall Street and the bolshevik revolution, op. cit, p. 57.
  52. Ibid., pp. 83.
  53. Ibid., p. 82. Es ist interessant festzustellen, dass Harry Hopkins (1890 – 1946), der später die graue Eminenz des Präsidenten Roosevelt wurde, der Vermittler zwischen dem amerikanischen Roten Kreuz, unter der Leitung von William Boyce Thompson in St. Petersburg 1917, und seiner Vertretung in Washington war in Ibid., p. 72.
  54. Ibid., pp. 89-100. Das dem Lloyd George präsentierte William Boyce Thompson-Memorandum ist in seiner Gesamtheit auf Seite 197 ff. bis zum Absatz mit dem Titel “Dokument 4” nachzulesen.
  55. Pétrole, une guerre d’un siècle, von William Engdahl (Editions Jean-Cyrille Godefroy, 2007), S. 94 ff. [A Century of War ; anglo-american Politics and the new world order. Pluto-press, 2004. “Mit der Ölwaffe zur Weltmacht” Jochen Koop Verlag 2006
  56. Wall Street and the rise of Hitler, op. cit, Kapitel 1 bis 5 und besonders S. 47.
  57. The anglo-american Etablishment, op. cit, S. 182.
  58. Neben Großbritannien und seinen Dominien zögerte Lionel Curtis nicht hinzuzufügen: Frankreich, die skandinavischen Länder, Irland, Ägypten, Indien, Belgien, die Niederlande, Kanada und die Vereinigten Staaten. Diese Projekte wurden in seinem Buch in einer einzigen Ausgabe 1938 veröffentlicht: The Commonwealth of God in The Anglo-American Etablishment, op. cit pp. 282-283.
  59. Union Now: A Proposal for a Federal Union of the Democracies of the North Atlantic, von Clarence Streit (Harper & Brothers Publishers, 1939).
  60. The Anglo-American Etablishment, op. cit, p. 283.
  61. « Comment le Conseil des relations étrangères détermine la diplomatie US », Réseau Voltaire, 25 juin 2004. [Wie das CFR die US-Außenpolitik bestimmt. Auch auf Russisch, Italienisch und Spanisch
  62. Präsident Wilson nannte ihn sein « alter ego ».
  63. Wall Street and FDR, op.cit, S. 92 ff.
  64. Siehe unser Buch : La Marche irrésistible du nouvel ordre mondial, op.cit, p. 14 et pp. 80-81. [Der unwiderstehliche Gang der neuen Weltordnung] Philip Dru, Administrator von Edward Mandell House, Wiederauflage Robert Welch University Press, 1998.
  65. La Paneurope, [Pan-Europa] von Anne-Marie Saint Gille (Presses de l’université de Paris Sorbonne, 2003), pp. 130-131.
  66. Das Engagement von Aristide Briand auf Seiten der Paneurope, den föderalistischen und regionalistischen Grundsätzen in einem einheitlichen globalen politischen Rahmen ergeben, gestattet ein besseres Verständnis der Rede des Vertreters der Franzosen bei der Versammlung des Völkerbundes, am 5. September 1929, als er ein Bindeglied für den Bund zwischen europäischen Staaten forderte.
  67. Der englische Vertreter in dem Pan-europäischen Kongress von 1926, A. Watts, war Mitglied des Royal Institute of International Affairs von der Milner-Gruppe; in Paneurope, Op. cit, s. 148.
  68. « Richard de Coudenhove-Kalergi (1894 -1972) », Website der Association PanEurope-France.
  69. Die Paneurope spielte eine Schlüsselrolle bei der Ausarbeitung von allen Texten für den Schutz der ethnischen Gruppen. Siehe in unserer Arbeit Minorités et régionalismes dans l’Europe Fédérale des Régions [Minoritäten und Regionalismen im föderalen Europa der Regionen] (Editions François-Xavier de Guibert, 4è édition, 2004) und in diesem Buch mit dem Titel des Kapitels « L’union Charlemagne » S. 75 ff.
  70. « Richard Coudenhove-Kalergi » Website der European Society Coudenhove-Kalergi.
  71. Offizielle Website der Association Paneuropa.
  72. Siehe seine prophetische Rede in Anhang 11 von „der Zersetzung der europäischen Nationen“; vor allem die Passage, wo Coudenhove die Einrichtung einer “Atlantic Union ” fordert, eine “Föderation zu dritt” in seinem Wort, und “England wird die Brücke zwischen Europa und Amerika“. Das ist genau das, was von den Instanzen von Brüssel und Washington in einer beschleunigten Weise seit 1990 verfolgt wird. Siehe die vollständige Liste der Empfänger des Karl-der-Grosse-preises auf der Website des Comité.
  73. Wall Street and the rise of Hiter, op. cit, Kapitel 2 « The Empire of IG Farben », p. 33.
  74. Wall Street and the bolshevik revolution, op. cit, pp. 125-126.
  75. Ibid., p. 126.
  76. Ibid., p. 60.
  77. bid., pp. 61-62
  78. Ibid., p. 50.
  79. Wir müssen auch hinzufügen, dass Hjalmar Schacht für die Existenz der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (Bank of International Settlements) verantwortlich ist. Anthony Sutton erzählt auch die entscheidende Sitzung vom 20. Februar 1933 in der Residenz von Hermann Goering die ermöglichte, in Anwesenheit von Adolf Hitler, um Mittel für die Finanzierung der NSDAP zu erhalten. Die größten deutschen Industrie-Bosse waren anwesend und boten das nötige Geld an (Albert Voegler, Krupp, von Bohlen, von Loewenfeld,…); alles geschah unter der Leitung von Hjalmar Schacht in Wall Street and the rise of Hitler, op. cit, S.108.
  80. Anthony Sutton beschreibt unter anderem den starken Einfluss von Gerard Swope (1872 – 1957), Präsident von General Electric Company, der die sozialisierende Politik des Präsident Roosevelt erlaubte in Wall Street and FDR, op.cit, S. 86.
  81. Carroll Quigley erklärt unter anderem die Infiltration innerhalb des amerikanischen politischen Systems seitens JP Morgan in Tragedy and Hope. A History of the World in Our Time (GSG and Associates, 1966), S. 938.
  82. Der Englische Premierminister hat in seiner Rede in Zürich, in der richtigen Art des Globalismus, Bemerkungen gemacht, wie eine Beurteilung dieser Auszüge zulässt: «(…)» Die Europäische Union hat viel getan, um an dieses Ziel zu gelangen und diese Bewegung verdankt viel Graf Coudenhove-Kalergi und dem großen Patrioten und französischen Politiker, Aristide Briand (…). Wir Briten haben das Commonwealth. Die Organisation der Welt wird dadurch nicht geschwächt, sondern eher gestärkt und sie findet in der Tat darin ihre Meister-Pfeiler. Und warum gäbe es keinen Europäischen Verbund, der fernen, voneinander getrennten Völkern den Sinn eines größeren Patriotismus und eine Art von gemeinsamer Staatsangehörigkeit geben würde? Und warum sollte nicht eine europäische Gruppierung den Platz einnehmen, den sie verdient, in Mitten der anderen Gruppierungen und dazu beitragen, das Boot der Menschheit zu steuern? (…).Für eine deutsch-französische Aussöhnung aufrufend, fügt Churchill nun ganz im Fabian-Geiste hinzu: “Unser ständiges Ziel muss die Macht der Vereinten Nationen stärken. Wir müssen die europäische Familie erstellen, indem wir sie mit einer regionalen Struktur ausstatten, die dieser Welt-Organisation untersteht, und diese Familie kann dann Vereinigte Staaten von Europa genannt werden“, (…) in George C. Marshall, Points de repère, Lausanne, 1973
  83. Der föderalistische Einfluss wurde durch überzeugte Europäer wie Denis de Rougemont, Henri Brugmans und Alexandre Marc spürbar.
  84. Auf Seiten der USA organisierten bereits 1924 Rosika Schwimmer und Lola M. Lloyd, um die Frauensachen (Abstimmung, usw.) zu verteidigen, die erste Weltverfassungsgebende Versammlung, die von den Bevölkerungen gewählt werden sollte, um eine Welt-Verfassung auszuarbeiten. Diese Initiative wurde im Jahr 1937 in Chicago mit einer Kampagne für eine Weltregierung wiederbelebt. Es wäre sehr interessant zu wissen, wer solche Projekte finanzierte. In der Folge bereiteten andere Amerikaner die Köpfe für eine vereinte Welt vor: Emery Reves, Autor von „Anatomy of Peace“ [Anatomie des Friedens] verteidigt die Idee einer Welt-Regierung (er war auch der Literaturagent von Winston Churchill); der Politiker Wendell Wilkie mit seinem Buch „One World“; der Rechtsanwalt Clark Grenville Autor des „World Peace through World Law“ [Weltfriedens durch Weltgesetz]. Der Journalist Norman Cousins; der Journalist und demokratische Senator Alan Cranston und der Philosoph Robert Hutchins.
  85. Présentation du World Federalist Movement auf seiner Website.
  86. Deklaration von Montreux vom 23. August 1947.
  87. Siehe in unserem Buch La Fondation Bertelsmann et la gouvernance mondiale (Editions François-Xavier de Guibert, 2009), pp. 95-96 et « Geschichte der Europa-Union Deutschland auf der Website von Europa Union Deutschland.
  88. « The history of Federal Union » auf der Website des Vereins.
  89. « Regional Federalism » auf der Website des World Federalist Movement.
  90. Offizielle Website von Andrew Duff.
  91. « ECFR’s Board and Council » auf der Website von dem European Council on Foreign Relations.
  92. « Création accélérée d’un Conseil européen des relations étrangères » [Beschleunigte Schaffung eines europäischen CFR], Réseau Voltaire, 3 octobre 2007.
  93. La Fondation Bertelsamann et la gouvernance mondiale, op. cit, S. 92 ff.
  94. « Trustees » auf der Website des Rhodes Trust.
  95. Unter den vielen Teilnehmern erkennen wir Richard de Coudenhove-Kalergi, Konrad Adenauer, Denis de Rougemont, Alcide de Gasperi, François Mitterrand, u.v.m.
  96. « Histoire secrète de l’Union européenne », [Geheime Geschichte der EU] von Thierry Meyssan, Réseau Voltaire, 28 juin 2004.
  97. Jedoch eine Ausnahme: RTL Belgien hat während seiner Nachrichtensendung außerhalb der Bilderberg-Sitzung im Juni 2000 auf seiner Tagung in Genval in Wallonisch-Brabant aufgenommen und gesendet. Man kann Dominique Strauß-Kahn und Königin Beatrix der Niederlande erkennen.
  98. « Top candidate debates EU tax at elite dinner », von Andrew Rettman, EU Observer, 16 novembre 2001.
  99. James Camerons Avatar Film vom Dezember 2009 ist der Prototyp des Geistes “Gaia”. Ein Stamm mit vielen Qualitäten im Vergleich zu den Menschen, der kam, um ihren Planeten auszubeuten, zieht seine Stärke aus der Natur, spezieller gesagt, von einem Baum, einem wahren Gott, der Energie gibt, der sie aber auch wieder nimmt.
  100. Thomas Huxley hieß “Darwins Bulldogge ».
  101. « H.G. Wells : Darwin’s disciple and eugenicist extraordinaire », von Jerry Bergman, in Journal of Creation, December 2004.
  102. « WWF in the 60’s » auf der Website des World Wild Fund.
  103. « Presidents – past and present » auf der Website des World Wild Fund.
  104. Le Figaro, 25 janvier 1999.
  105. Voir p. 137 (chapitre 28).
  106. « Peter Sutherland, Directeur général du GATT et de l’OMC de 1993 à 1995 », auf der Website der WTO (Organisation mondiale du Commerce).
  107. « Peter Sutherland », auf der Website der Trilateral-Commission.
  108. « Membership », auf der Website der Trilateral-Commission.
  109. Unter den vielen Feldern, die an dem Bau der neuen Weltordnung beteiligt sind, können wir den Fall von der Codex-Alimentarius-Kommission erwähnen, deren Ziel es ist, für Änderungen oder Verbote von Produkten aufzurufen, die in die Zusammensetzung von Lebensmitteln (Vitamine, Mineralien,…) eingehen.
  110. Texte intégral auf der Website des Vaticans.
  111. Ibid., siehe die § 130 à 145.
  112. « Message Urbi et Orbi du Saint-Père Benoît XVI », 25 décembre 2005, Vatican.
  113. Texte intégral auf der Website des Vaticans.
  114. Ibid., paragraphe 67.
  115. Offizielle Website der Campagne pour la création d’une Assemblée parlementaire des Nations Unies.
  116. The case for a United Nations Parliamentary Assembly, von Dieter Heinrich, World Federalist Movement, octobre 1992
  117. Offizielle Website des Komitee für eine Demokratische UNO.
  118. « Comité exécutif » der Kampagne für die Schaffung einer Parlamentarischen Versammlung der Vereinten Nationen.
  119. Dieses deutsche Institut ist Urheber der Schlüssel-Texte zu Gunsten ethnischer Gruppen in Europa; die Charta der Regional-oder Minderheitensprachen und das Rahmenübereinkommen zum Schutz von Minderheiten. Siehe in unserem Buch Minderheiten und Regionalismen, Op. CIT. s. 142 ff..
  120. Offizielle Website von 2020 Vision.
  121. « Satzung für das Komitee für eine demokratische UNO ». Ladbares Document téléchargeable.
  122. « Associates des KDUN », auf der Website des Komitee für eine Demokratische UNO.
  123. Rapport sur les relations entre l’Union européenne et l’organisation des Nations Unies [2003/2049 (INI)], Rapporteur Armin Laschet, 16 décembre 2003.
  124. Beachten wir auch die Anwesenheit von Hans-Gert Pöttering im Lenkungs-Committee des Charlemagne Preises, Präsident der Konrad-Adenauer-Stiftung, ehemaliger Präsident des Europäischen Parlaments, aber auch ehemaliger Vorsitzender der Europa Union Deutschland, einer Tochtergesellschaft der Union der Europäischen Föderalisten (die in Montreux 1947 erstellte UEF), welche im Jahr 2010 von dem englischen Parlamentarier in dem Europäischen Parlament Andrew Duff geführt wird.
  125. Siehe La Fondation Bertelsmann et la gouvernance mondiale, op. cit, p. 93 ff.
  126. Internationale Demokratie entwickeln, von Andreas Bummel, Horizonte Verlag, 2005.
  127. « Andreas Bummel Der Vorsitzende des Komitees für eine demokratische UNO », par Gerrit Wustmann, 11. Februar 2008.
  128. « A propos du projet APNU », auf der Website der Kampagne für die Einrichtung einer Parlamentarischen Versammlung der Vereinten Nationen.
  129. « Etude : la création d’un Parlement mondial serait « pleinement en harmonie avec la doctrine papale » , [Studie : Die Schaffung eines Weltparlaments wäre « voll in Harmonie mit der päbstlichen Doktrrin] 28 juillet 2009, Kampagne für die Einrichtung einer Parlamentarischen Versammlung der Vereinten Nationen.

Sklavenarbeit vor der Haustüre

von Andreas Müller-Alwart

Sie leben ohne Strom, ohne Wasser, ohne Papiere. „Hier ist es immer noch besser als bei uns zu Hause“, sagt einer der Arbeiter, der hier in der Landwirtschaft schuftet – nicht selten in Gewächshäusern oder unter Plastikplanen bei über 60 Grad. Hier – das ist nicht Afrika oder Asien. Hier – das ist Europa. Südeuropa. Es ist in Griechenland. Wenn in Europa bzw. in einem europäischen Land die Wirtschaft ganz oder teilweise am Boden liegt, wenn die Löhne sinken und die Preise steigen, dann gibt es immer noch Einwanderer, für die es sich lohnt hierher zu kommen. Einwanderer aus Bangladesch beispielsweise. Aus einem der ärmsten Länder der Welt. Wer aus Bangladesch auswandert, der findet fast überall auf der Welt bessere Lebensbedingungen, er wird aber auch überall auf der Welt wie ein Sklave, wie ein Leibeigener behandelt.

Besser als schlecht zu leben, ist nicht gleichbedeutend mit gutem und freiem Leben

 Ein Arbeiter transportiert auf einer Plantage im indischen Uttar Pradesh geschnittenes Zuckerrohr ab.

Ein Arbeiter transportiert auf einer Plantage im indischen Uttar Pradesh geschnittenes Zuckerrohr ab.

Überall auf der Welt gibt es diese Art der Leibeigenschaft. Wer seinen Urlaub in der Dominikanischen Republik verbringt und per Bus oder auf eigene Faust über die Insel fährt, sieht die endlosen Zuckerrohrfelder. Jene Felder, die als Symbol für den Ursprung der Sklavenarbeit stehen, die in keinem US-Film zu diesem Thema fehlen dürfen. Zwischen meterhohen Zuckerrohrpflanzen sind die Arbeiter eingeschlossen, ohne auch nur mehr als fünf Meter in die Ferne blicken zu können. Von der Landstraße aus – eingebettet zwischen den riesigen Feldern – sind mächtige Villen zu erkennen, in die sich die Feudalherren wie in eine Festung zurückgezogen haben. Nicht selten – so erfährt man bei einer geführten Tour über die  DominikanischeRepublik – sind die prächtigen Herrensitze in der Dominikanischen Republik ein Rückzugsgebiet für Drogenbarone, die ihre Gewinne aus dem Zuckerrohrgeschäft in das noch lukrativere Drogengeschäft investiert haben. Sie können hier nicht belangt werden.

Illegalität – eine ganz wichtige Basis für moderne Sklaverei

Obgleich die Dominikanische Republik einerseits zu den aufsteigenden Ländern gehört, ist die Armut andererseits immer noch hoch. Denn an der Tourismusindustrie verdienen überwiegend jene, die schon immer verdient haben – nämlich nur die, die Kapital für Investitionen haben und das sind die internationalen Konzerne und Vermögenden. Es sind eben nicht die einfachen einheimischen Dominikaner, die vom aufstrebenden Tourismusleben profitieren. Und doch gibt es auch hier noch Ärmere: Die Haitianer, die vor Armut, Erdbeben und aus politischen Gründen aus Haiti geflüchtet sind und die lieber auf den Zuckerrohrfeldern der dominikanischen Herren leben, als in der noch unerträglicheren Armut. Sie verdienen schlecht, werden schlecht behandelt und sind de facto vogelfrei. Sie sind meistens illegal, also ohne Papiere, eingereist und das heißt eben auch immer hier zu leben ohne Rechte und ohne die Möglichkeit, für sich Grundlegendes wie ein menschenwürdiges Leben einzufordern. Diese Illegalität ist die Basis für jede moderne Sklaverei. Wer sich auf einem Territorium illegal aufhält, ist dort auf rechtsfreiem Gebiet. Er kann weder auf die Rechte pochen, die ihm in seinem Herkunftsland zustehen, noch auf die Rechte die die Menschen üblicherweise in dem Land haben, in das er eingewandert ist. Dieser rechtsfreie Raum ist der Nährboden der Sklaverei, er ermöglicht es, dass die Menschen auf menschenunwürdige Weise gehalten und erniedrigt werden können.

Saisonarbeit muss keine Sklavenarbeit sein

Gemüseernte SaisonarbeiterHinter den Kulissen der Tourismus-Idyllen und vor allem unter dem Deckmantel der Effizienz in der Produktion unserer Marktwirtschaft geht die Sklaverei weiter – sie ist nicht überwunden, wie uns die Filmindustrie oft Glauben machen möchte, wenn sie vor allem die amerikanische Sklavengeschichte aufzubereiten versucht. Der Konkurrenzkampf ist enorm – weltweit –, aber eben auch und gerade in Griechenland. Viele Straßen zu den produzierten Betrieben sind in Griechenland nicht ausgebaut und viele Bahnstrecken werden nicht mehr oder nicht ausreichend bedient. Dadurch sind die Transportwege oftmals zu langsam. Wenn Früchte wie z. B. Erdbeeren erntereif sind, müssen diese logistischen Transportprobleme überwunden werden und – wie in Deutschland auch – werden sehr viele saisonale Arbeiter benötigt, um diese Ernte möglichst rasch und vollständig einzubringen und auszuliefern. Und so machen die Griechen letztlich nichts anderes, als die Deutschen: Sie setzen saisonale Arbeiter ein. Es gibt allerdings einen gravierenden Unterschied: Saisonarbeiter können in Deutschland sozialversicherungsrechtlich als befristete Arbeiter eingestellt und versichert werden. Sie können legal einreisen und sie haben zumindest gewisse Rechte.

Mit der Schrotflinte gegen Arbeiter, die ihren Lohn einfordern

Anders in Griechenland: Angesichts der Marktlage und Arbeitslosigkeit gibt es einen Einreisestopp. Die Menschen aus fernen Ländern halten sich deswegen überwiegend illegal auf, die Polizeibehörden der Kommunen müssten sie eigentlich in Gewahrsam nehmen und ausliefern. Doch die Vetternwirtschaft funktioniert weiterhin und die Solidarität in den Kommunen gilt natürlich in erster Linie den Griechen. Wer wollte es ihnen verdenken. Die illegalen Arbeiter haben deswegen – ohne Papiere und ohne Rechte – einen sehr schweren Stand. Oftmals arbeiten sie als Tagelöhner und müssen letztlich zu jedem Stundenlohn arbeiten, den man ihnen anbietet. 1-2 Euro sind üblicher Durchschnitt, wobei schon alle froh sind, wenn sie wenigstens diesen Lohn am Ende ihrer Arbeit tatsächlich erhalten. Leider kommt es immer wieder vor, dass noch weniger ausbezahlt wird oder Mitarbeiter monatelang gar keinen Lohn erhalten. Wenn sich dann die so geprellten Arbeiter zusammenfinden und gegen diese Unterschlagung aufbegehren, kommt es immer wieder zu dramatischen Ereignissen. Erst jüngst wurde beispielsweise ein Vorarbeiter wegen mehrfacher, schwerer Körperverletzung verurteilt, weil er auf mehrere protestierende Mitarbeiter mit der Schrotflinte geschossen hatte. Über 100.000 Euro Lohnschulden hatten sich angesammelt, bis die saisonal Beschäftigten sich gegen den Arbeitgeber auflehnten. Solche Extreme sind glücklicherweise Ausnahmen, zeigen aber nur zu deutlich, wie blank die Nerven liegen.

Gut gemeint und falsch gemacht?

Wer Trauben, Spargel und Erdbeeren aus Griechenland kauft, der unternimmt dies sicherlich auch mit der Intention, dass er etwas bei Menschen kauft, die er im geliebten Urlaubsland kennen und schätzen gelernt hat. Aus der gleichen Liebe zur Heimat kauft der gleiche Verbraucher ja auch lokal angebauten Spargel oder einheimischen Wein. Wer denkt schon daran, dass er beim Kauf der griechischen Agrarprodukte ein System unterstützt, das asiatische Mitbürger so unwürdig behandelt? Und was wäre die Konsequenz, wenn ihm dies bewusst wäre? Griechische Spargel, Erdbeeren und Weintrauben nicht mehr kaufen? Nur noch einheimische Produkte auf dem Regionalmarkt erwerben? Dieser Weg scheint insofern richtiger zu sein, als der regionale Markt überschaubarer ist. Wir würden es wohl wissen und einschätzen können, wenn Mitarbeiter aus östlichen Ländern bei uns völlig unwürdig und illegal am Rande der Spargelfelder gehalten werden würden. Vielen von uns würde dabei der Appetit vergehen. Wir würden nach alternativen Einkaufsmöglichkeiten forschen oder vielleicht gäbe es sogar Proteste gegen den Umgang mit diesen Mitbürgern. Deswegen gilt: Gut gemeint und falsch gemacht, ist letztlich eben falsch gemacht. Die Marktwirtschaft versteht nur das Gesetz von Preis und Nachfrage. Emotionale Liebhabereien sind hier nicht vorgesehen …

Das System der Sklaverei ist weitgehend resistent

Krabben ThailandWir müssen erneut erkennen: Am eigentlichen System ändert dies nichts. Wo immer es Ungleichheiten zwischen den Produktionsbedingungen verschiedener Länder gibt, wo immer die Umverteilung nicht funktioniert, werden Menschen auf davon profitieren, während auf der anderen Seite die Sklavenhaltung nie aussterben wird. Mal ist es die Kinderarbeit – wie bei den Kindern im Steinbruch von Burkina Faso oder bei der Kakaoernte in der Elfenbeinküste. Mal ist es die Prostitution, die das Wirtschaftsgefälle zwischen West und Ost sowie zwischen Nord und Süd gleichermaßen anzieht. Immer findet sich ein Weg, mit den Menschen wirtschaftlich ärmerer Länder Geld zu verdienen, um den Konsumbedarf der wirtschaftlich reicheren Länder zu decken. Der deutsche Steuerzahler subventioniert dies noch alles: Einmal indem seine Steuern in die Infrastruktur einfließen, die dieses Wachstum und diesen übersättigten Konsum hier bei uns überhaupt erst ermöglicht. Andererseits dadurch, dass er die angebotenen Produkte ohne Kenntnis der Produktionsbedingungen dem Markt abnimmt. Dabei wissen wir alle: Wenn wir über die Produktionsbedingungen nichts wissen und die Ware über den globalisierten Markt zu uns kommt, ist immer irgendwo der Wurm in der Produktionskette. Im günstigsten Fall ist es einfach klimaschädlich, ein Produkt aus der Ferne einzufliegen. So bleibt wirklich nur der Weg, Produkte aus intransparenten Produktions- und Transportketten nicht mehr zu kaufen. Der globalisierte Markt hat immer trübe Untiefen, nur der regionale Markt bietet die Möglichkeit weitgehend im klaren Wasser nach Produkten aus wirklich sozialer, nachhaltiger Herstellung auszuwählen.

Sklavenarbeit gibt es so lange wie es Nachfrage nach den so erzeugten Produkten gibt

Für die von der Sklavenarbeit betroffenen Menschen ist es kaum ein Unterschied, ob sie in der Dominikanischen Republik, in Griechenland oder andernorts ausgebeutet werden. Wenn eine deutsche Erdbeere besser schmeckt als eine aus entlegeneren Ländern, so mag dies auch mit dem fahlen Beigeschmack zu tun haben, der entsteht, wenn man sich ansieht, wie andere Erdbeeren hochgepäppelt und geerntet wurden. Weder den Griechen noch den Einwanderern ist langfristig geholfen, wenn die so hergestellten Produkte weiterhin Absatz finden. Wer Sklavenarbeit und vergleichbare Auswüchse des globalisierten, freien Marktes verhindern oder zumindest reduzieren möchte, der muss das Prinzip der Beweislast umkehren. Sollen doch Hersteller und Verkäufer lückenlos nachweisen, unter welchen ökologischen und sozialen Bedingungen sie produziert haben. Wenn dies der angelieferten Erdbeere oder Traube nicht nachprüfbar bescheinigt werden kann, möge sie doch im Laden verfaulen, denn faule Geschäfte wollen wir uns nicht mehr auf der Zunge zergehen lassen. Faules gehört auf den Kompost. Solidarität mit Griechenland und mit Bangladesch hin oder her – das System der globalen Marktwirtschaft lernt nur über die Nachfrage. Nur über diesen Weg lässt es sich in ein kooperatives System transformieren und nur in der Kooperation lassen sich die Ungleichheiten überwinden, die das System der Sklaverei ermöglichen.

©Andreas Müller-Alwart


Autor Andreas Müller-Alwart ist selbständiger Journalist, Coach sowie Requirement Engineering Manager und Mitglied des Reflektion-Teams.

Bild- und Grafikquellen:

  1. Beitragsbild: «Skavenarbeit in Deutschland» –  http://www.atelier-behr.de/
  2. «Zuckerrohrernte» – (Bild: PRASHANTH VISHWANATHAN / BLOOMBERG)
  3. «Saisonarbeiter» – (Bild: dpa)
  4. «Arbeiter auf einem Fischkutter» – (Bild: dpa)

Die Lügen-Spirale: Warum Krisen stets wiederkehren und uns immer “überraschen”

von Markus Gärtner

Warum werden die BIP-Zahlen ständig deutlich nachgebessert? Warum ist die Inflation auf unseren Kassenzetteln höher als das, was die Notenbanker uns weißmachen wollen? Und warum räumen deutsche Statistiker mit eineinhalbjähriger Verspätung ein, dass die Republik Ende 2012, Anfang 2013 doch in einer Rezession war?

Weil Ökonomen bekloppt sind und nicht wissen, welche Zahlen sie da eigentlich auf ihren Taschenrechnern jonglieren?

Mir war diese Antwort immer zu einfach. Vielleicht weil ich selbst zu dieser Spezies gehöre. Ich bin nicht gerne Mitglied in einem bekloppten Dilettanten-Verein. Vielleicht ist es auch nur fortschreitende Korruption unserer Zunft, denke ich mir manches Mal.

Warum nicht, wenn die Finanz-Mafia sowieso alle Bereiche unserer Gesellschaften vereinnahmt und beherrscht. Allein die Notenbanken in den USA und Europa beschäftigen Tausende von Ökonomen, von den Banken ganz zu schweigen.

Vielleicht gibt es mehr Ökonomen als katholische Beichtstühle oder Zigarettenautomaten. Und wenn der Anteil der Notenbanken an deren Beschäftigung so hoch ist, dann kann auf diese Zunft mit der Macht der Jobvergabe großer Einfluss ausgeübt werden. Wenn die bestbezahlten Arbeitsplätze auf der anderen Seite lauern, werden eben manche weich und lassen sich massieren.

Auch das schien mir aber als Erklärung zu einfach. Bis gestern Abend.

Da fiel mir eine Studie von Luigi Zingales und Robert Mc Cormack von der Booth School of Business an der University of Chicago in die Hände. Allein der Titel spricht Bände, denn er klingt wie ein Pamphlet: “Die Vereinnahmung der Ökonomen verhindern”, heißt das lesenswerte, wirklich witzige und schroff ehrliche Papier. Es geht, um es ganz simpel zu sagen, um die Ökonomie der Ökonomen-Meinungen.

Um die Antwort von Zingales und Mc Cormack vorweg zu nehmen: Ja, Ökonomen sind auch keine besseren Menschen als Totengräber, Aktuare, oder Tankstellenpächter. Sie sind käuflich. Und je näher ihre Jobs am großen Strom des Geldes angesiedelt sind, desto beweglicher scheinen ihre Gedanken und Analysen. Völlig normale Typen halt.

Damit ich nicht lange das Papier wiedergeben muss, hier der Link zum Blog des Harvard Business Review, wo das zusammengefasst wird.

Wenn man sich diese Zeilen zu Gemüte geführt hat, wird deutlich, warum in der wirtschaftlichen Analyse angeblich immer alles so “überraschend” ist. Es war überraschend, dass Apple das neue Smartphone ohne diesen oder jenen Knopf brachte, dass Japans Wirtschaft im zweiten Quartal so drastisch einknickte, oder dass die Euro-Krise doch noch nicht vorbei ist.

Ganz klar, je systematischer man vorher wegschaut, desto größer sieht das Gespenst, das nicht verschwinden will, irgendwann einmal aus, wenn man doch genauer hinschaut, oder die Rechnung auf den Tisch kommt und die Zahlen schwarz auf weiß belegen, welche horrende Wirklichkeit zuvor wegmanipuliert oder in den Zahlenwerken wegmassiert wurde.

In der Politik beobachten wir das ganz genauso.

So kommt es, dass plötzlich alle überrascht sind, dass die Schotten DOCH unabhängig werden wollen, oder dass Frankreich DOCH den Bach runtergeht, dass in Deutschland DOCH nur die Fassaden glitzern während das Fundament bröckelt, oder dass die Fed im kommenden Jahr doch nicht an der Zinsschraube drehen wird. Ein 10jähriger hätte das besser vorhergesehen als viele Star-Analysten der Wall Street, weil denen die Seite des Gehirns amputiert wurde, die für Wahrhaftigkeit zuständig ist.

Mit der selben Logik sitzen jetzt viele vor den Ifo-Kurven und staunen Bauklötze darüber, wie die schöne, sichere, solide Bundesrepublik in so kurzer Zeit wirtschaftlich solche Risse bekommen konnte. Oder, warum der Euro am Ende DOCH mit einem galaktischen Knall auseinander fliegen wird.

Das schlimmste an diesen Lügengebilden, die alle irgendwann implodieren, ist aber nicht die Lüge selbst. Die ist ja meist durchschaubar und leicht zu entlarven. Das wirklich Schlimme ist, dass wir die Lügen trotzdem meist willig schlucken oder nicht widersprechen, weil sie eine angenehme, anästhesierende Erklärung für unsere Beobachtungen (und Befürchtungen) liefern.

Doch je länger dieses Spiel gespielt wird, desto teurer und schmerzhafter wird das späte Erwachen. – Die Ökonomen halten das dann brav als überraschendes Ereignis in den Geschichtsbüchern fest und setzen über Jahrzehnte hinweg hunderte von Doktoranden daran, die steile Kehrtwende der Ereignisse, die nie hätte eintreten sollen, doch noch befriedigend zu erklären.

Und weil alle 80 Jahre die Zeitzeugen der jeweils letzten Katastrophe aussterben, geht dann alles wieder von vorne los. Die Instrumente im Koffer der Ökonomen – und aller anderen Berufe – mögen dann neu oder gar verbessert sein. Der Lügen-Mechanismus bleibt immer gleich.

Und genau deshalb gibt es kein kollektives Lernen. Nur dieses zyklisch wiederholte Leiden und Bluten.

Markus Gärtner


Textquelle: Gärtners Blog – «Die Weltwirtschaft vom Pacific aus»

Bild- und Grafikquelle:

  • Beitragsbild: Fibonacci Blue, Flickr CC

Collapse – Über den Zusammenbruch der Wirtschaft

Michael C. Ruppert hat im September 2009 seinen aufrüttelnden Dokumentarfilm „Collapse“ vorgestellt, der beim “Toronto International Film Festival 2009” Premiere feierte und dort bereits überaus positive Kritiken erhielt. Regisseur ist Chris Smith, Buch und Darsteller Michael (kurz Mike) Ruppert, der sein Weltbild dokumentiert. Der Film wurde erstmals in Deutschland auf der 60. Berlinale im Februar 2010 gezeigt.

Michael_C_Ruppert_Collapse_From_The_Wilderness_Peak_Oil_Oelfoerdermaximum_fossile_Energien_Derivate_Zineszins_Wachstumsparadigma_Nachhaltigkeit_bumpy_plateau_Elisabeth_Kuebler_RossMichael C. Ruppert (auch Mike Ruppert; * 3. Februar 1951 in Washington, D.C.), ist ein ehemaliger LAPD Police officer (Drogenfahnder). Den Dienst quittierte er 1978 nach Schikanen und Todesdrohungen, als er den Drogenschmuggel durch die CIA aufdeckte und sich konsequent weigerte, Teil dieser kriminellen Machenschaften zu werden. Seine Erkenntnisse und Vorwürfe sollten sich erst viele Jahre später durch offizielle Regierungsunterlagen bestätigten. Ruppert arbeitete weiter als freier investigativer Journalist, whistleblower, Buchautor, Gründer und Chefredakteur von “From The Wilderness”, einer bekannten politischen Internetseite in den USA. Die Webpräsenz und der zugehörige Newsletter beschäftigten sich von 1988 bis Ende 2006 vor allem mit der journalistischen Aufdeckung von staatlichen verdeckten Operationen und der Hintergrundanalyse politischer Ereignisse.

Was 2006 geschah und warum Michael Ruppert mit seiner Webseite ‘From the Wilderness’ aufhörte, war ein Skandal und bezeichnend für das korrupte, bösartige US-amerikanische politische System und dem Geheimdienst CIA. Über Nacht war die CIA in sein Office eingedrungen und hatte alles kurz und klein geschlagen, natürlich in erster Linie alle Computer, aus denen sie sicherheitshalber auch noch die Harddisks rausgerissen hatten. Das Büro wurde förmlich wie nach einem Bombeneinschlag verwüstet.  Michael wusste, was die Uhr geschlagen hatte und rannte um sein Leben. Sein Freund Stan Goff gab ihm 1000 Dollar und Michael bestieg das nächste Flugzeug nach Venezuela.

Dies ist wohl der erste Beweis dafür, dass Michael nicht über ‘lächerliche Konspirationstheorien’ schrieb. Und der zweite ist, dass er mit Stan Goff befreundet war, der in der US-Armee diente und zuletzt an Westpoint (die Spitzen-Militärakademie der USA) ‘Strategie und Taktik’ unterrichtete, bevor er die Brocken hinschmiss, als er sich zu einem glänzenden Marxisten entwickelt hatte. Stan Goff hat schon wenige Wochen nach 9/11 die offizielle Story von Washington als kompletten Unsinn entlarvt. Eine Auffassung, der sich inzwischen tausende und aber tausende von Experten, Wissenschaftlern jeder Art bis hin zu den Spitzenkräften für Demolierung von Hochhäusern angeschlossen haben. Von wegen Konspiration!

Die einzigen, die ständig und immer Konspirationen gegen das Volk ausbrüten sind die Regierungen. Und die einfach in ihre Trickkiste greifen, um gegen jene, von denen die Wahrheit enthüllt wird, den Bann ‘Konspirationstheoretiker’ schleudern.

In Venezuela fand sich Ruppert nicht zurecht, zumal er die Sprache nicht konnte, fiel in eine tiefe Depression und wurde krank. Zog dann nach Kanada, wo er nach Jahren endlich genas. Obwohl er 2006 gesagt hatte, er werde sich nie mehr mit Politik beschäftigen, konnte er es halt doch nicht lassen. Aber was er um sich herum sah und hörte, trug nicht gerade dazu bei, Lebensfreude zu wecken. Das wissen wir alle, die wir uns mit dem gegenwärtigen Zustand der Dinge beschäftigen.

Lest, was Michael Ruppert gesagt und geschrieben hat und urteilt selbst. Es hat sich doch alles als wahr herausgestellt.

Ruppert zog sich aus dem öffentlichen Leben und von den meisten Freunde zurück, zahlte seine offenen Rechnungen, gab weg was er hatte und verließ die “saubere Welt” Kaliforniens vor er zwischenzeitlich wohnte. Er konnte und wollte nicht mehr länger “funktionieren” und publizistisch auf die Probleme dieser Welt hinweisen. Ihm war kalt, er fühlte sich krank, resigniert, depressiv, “all messed up” und “facing to death”. Seit August 2012 lebt Ruppert mit seinem Hund Rags in bescheidenen Verhältnissen in Moffat / CO, wird aber lt. einer Aussage vom 2.2.2014 in Kürze ein paar Meilen weiter nach Crestone im San Luis Valley, 4-5 Meilen vom “Great Sand Dunes National Park and Preserve” im Süden Colorados, ziehen. Dort unterhält er einen innigen Kontakt zu einer Gruppe spiritueller Menschen namens “The Singing Stone“, die für ihn Freunde und Familie sind und Inspiration und Energie geben.

Mike macht als Singer/Songwriter mit der Band “New White Trash” Musik, moderiert einmal die Woche eine 1-stündige Radioshow “Lifeboat Hour radio show” und hat weiterhin den Blick auf die irrationalen, selbstzerstörerischen Verhaltensweisen der Spezies homo sapiens und die wirklichen Bedrohungen der Menschheit gerichtet, die er dank klaren Verstandes und fundiertem Wissen analysiert und erschreckend eindeutig benennt.

Ruppert beschäftigt sich in einem aufrüttelnden und nicht ganz emotionsfreien 80-minütigen Interview mit einer Vielzahl von Themen, die ich für Euch zunächst in Schlagworten mitgeschrieben habe. Diese sollen Euch aber nur als Einstieg dienen und auf das vorbereiten, was ihr in der großartigen Doku erwarten dürft.

Thomas Jefferson: „In jeder der Generation ist eine Revolution nötig“. Wir sind faul geworden. Eine Revolution ist unserem Denken ist längst überfällig. Sie muß in Geist und Seele stattfinden.

Collapse_Michael_Mike_C_Ruppert_Steht_unsere_Welt_kurz_vor_dem_Kollaps_Peak_Oil_fossile_Energien_The_Singing_Stone_Crossing_the_Rubicon_Energieprobleme, globales Ölfördermaximum (Peak-Oil), fossile Energie, Projektsgruppe zur nationalen Energiepolitik unter Vize Dick Cheney, Saudi-Arabien besitzt 25% der bekannten Ölvorkommen, Irak und die Okkupation zur Kontrolle des Öls, dort größtes US-Botschaftsgelände der Welt ..

Arktis und die Polarkappen, verschiedene Bilanzierungsbegriffe, Energie effizienter nutze, Wachstum, Konsum der 70er und 80er, Ethanol ist ein Witz, Nettoenergiekonzept, Strom ist keine Energiequelle, Strom entsteht durch Verbrennen oder nutzen anderer Energiequellen, Elektrizität, Windparkprobleme, lächerliche Werbespots

Nährstoffe im Boden, Fruchtwechsel, Gleichgewicht, Spezies Mensch hat sich von der Erde entfremdet, Kunstdünger, Bewässerungsanlagen, Pestizide, Nahrungsmittel sind sehr kohlenwasserstoffintensiv ..

über 109 mysteriöse Todesfälle oder Selbstmorde beim US-Militär, Enthüllungen der CIA-Verstrickungen und Drogenhandel, CNN hat gelogen, ..

Raus aus den Schulden, weg von Kreditkartenbelastungen, Derivate, Hokuspokus um das heilige Geld, Geldschöpfung, Zinseszins, Wachstumsparadigma, Schneeballsystem, Darwinismus ..

Volkswirtschaften brechen zusammen, Vorhang der Verzweiflung, ein Paradigma ist das was man von etwas denkt bevor man darüber nachdenkt, Weltbevölkerungswachstum, Insolvenz des Einlagensicherungsfonds, „bumpy plateau“, Paradigmenwechsel solange Infrastruktur noch besteht, Überleben in der Übergangsphase, Situationsanalyse vor Ort, neues Denkmuster, das größte Hindernis des kritischen Denkens ist das Ernstnehmen von Massenmedien ..

Elisabeth Kübler-Ross (schweizerisch-US-amerikanische Psychiaterin), 5 Trauerphasen nach einer überwältigenden lebensverändernden Situation: das Nichtwahrhabenwollen,  Zorn (Menschen haben die Schwelle zur Zornphase gerade erst überschritten, nur destruktiver Zorn möglich), Verhandeln, Depression (das Bewußtwerden) und die Akzeptanz ..

Alle Aspekte menschlicher Existenz liegen offen auf dem Tisch. Sämtliche Parteien sind nicht mehr zeitgemäß. Sie alle sind Produkte vergangener Jahrhunderte. Die Menschheit braucht sich nicht mehr um Ideologien zu sorgen, nur noch darum wie sie überlebt. Kapitalismus, Sozialismus und Kommunismus sind alles Begriffe die direkt in die Tonne getreten werden können, da sie alle basierend auf der Annahme unendlicher Ressourcen entstanden. Nicht eine einzige dieser Ideologien, die nichts als tote Dinosaurier, archaische Fossilien und deshalb irrelevant für unsere Lebensform sind, berücksichtigen, daß  Wachstum, Ressourcen und Planet im Gleichgewicht sein müssen.

Nichts wächst ewig. Unendliches Wachstum gibt es nicht, der Mensch muß sich weiterentwickeln. Die Liebe zum Geld ist die Wurzel allen Übels. Das ist die fundamentale Wahrheit.

Mike Ruppert erschoss sich Sonntag Nacht, 13. April 2014, nachdem er seine “Lifeboat Hour radio show” aufgenommen hatte. Sein Tod wurde am Montag abend auf Facebook von seiner Mitarbeiterin und Autorin Carolyn Baker bekannt gegeben, die ihren Anhängern versicherte, dass Rupperts Tod kein “Schein-Selbstmord” war.

“Er war sehr gut von Mike geplant, der uns nur wenige Hinweise gab, aber genaue Anweisungen, wie wir ohne ihn weitermachen sollten,” sagte Baker, die beim letzten Programm zu Gast war und die Rupperts kommende Radio Show in Memoriam moderieren wird.


Link zur Doku mit deutscher Übersetzung – weiter

Link zur engl.-sprachigen Originalversion des Interviewsweiter

Elisabeth Kübler-Ross (schweizerisch-US-amerikanische Psychiaterin) bei Wikipedia – weiter

Beitragsbild: «Zusammenbruch» – www.pixabay.com

Dieser Beitrag wurde uns zur Verfügung gestellt von Kritisches Netzwerk

 

 

 

NATO, die globale Offensive

von Manlio Dinucci 

Mitgliedsländer der NATO

Mitgliedsländer der NATO

Die NATO, die geschaffen wurde, um die Sowjetunion einzudämmen, ist nicht nur nicht mit ihr verschwunden, sondern hat sich in ein globales Organ der US Kolonisation verwandelt. Manlio Dinucci berichtet über ihre aktuellen Aktivitäten außerhalb ihrer ursprünglichen Zuständigkeitszone: in der Levante, in Afrika, Lateinamerika, und im Pazifischen Ozean.

Keinen Urlaub, sondern eine super-Sommerarbeit für die NATO. Man bereitete den Gipfel der Staats- und Regierungschefs vor, der am 4. und 5. September in Newport, Wales, die Linien der anti-russischen “strategischen Anpassung” festlegen sollte. Wie der amerikanische General Philip Breedlove, Oberbefehlshaber in Europa, bereits gesagt hatte, wird das “Geld, Zeit und Mühe kosten“. Die Arbeit hat bereits begonnen.

In Georgien, wo eine Delegation der parlamentarischen Versammlung der NATO eingetroffen ist, um zu seinen Eintritt in die Allianz zu beschleunigen, wurden die aus Afghanistan zurückgekehrten Truppen von US-Ausbildnern neu geschult, um im Kaukasus zu operieren. In Aserbaidschan, Tadschikistan und Armenien werden ausgewählte Kräfte ausgebildet, um unter NATO-Kommando zu kämpfen, dessen Sitz bereits Offiziere aus diesen Ländern integriert hat. In Afghanistan versucht die NATO den Krieg neu zu gestalten, durch seine Umwandlung in eine Reihe von “verdeckten Operationen”. Die „Organisation des Nordatlantikvertrags“ zielt jetzt, nach ihrer Ausweitung nach Osteuropa (bis in das Innere der ehemaligen UdSSR) und Zentralasien, auf andere Regionen.

In der Levante führt die NATO, ohne offiziell zu erscheinen, durch infiltrierte Kräfte eine verdeckte Militäroperation gegen Syrien und bereitet sich für andere Operationen vor, wie die Reise von dem LandCom, dem Kommando aller Boden-Truppen der Allianz, nach Izmir (Türkei) zeigt.

In Afrika hat die NATO, nachdem sie Libyen in 2011 durch einen Krieg zerstört hatte, im letzten Mai in Addis Abeba eine Vereinbarung festgelegt, die die militärische Unterstützung der Afrikanischen Union aufbaut, vor allem für die Aus- und Weiterbildung der Brigaden der African Standby Force, welcher sie auch “Planung und flug-maritimen Transport” bietet. Sie hat somit eine entscheidende Stimme in Entscheidungen darüber, wo und wie man sie benutzt. Ein weiteres seiner Instrumente ist die “anti-Piraten” Ocean Shield Operation im indischen Ozean und in dem strategisch wichtigen Golf von Aden. An der in Verbindung mit dem AfriCom durchgeführten Operation beteiligen sich italienische Kriegsschiffe, einschließlich mit der Mission, Beziehungen mit den Streitkräften der Anrainerstaaten aufzunehmen: zu diesem Zweck macht der Raketen-Zerstörer Mimbelli in Dar Es Salam in Tansania vom 13. bis zum 17. Juli Halt.

In Lateinamerika hat die NATO im Jahr 2013 ein Sicherheitsabkommen mit Kolumbien vereinbart, das bereits in militärischen Partnerschaftsprogrammen eingegliedert ist, und das schnell ein Partner werden kann. In diesem Rahmen führt das SouthCom derzeit in Kolumbien ein Manöver der Special Forces South und North America aus, mit der Teilnahme von 700 Kommandos.

Im Pazifik ist das Rimpac-2014 im Gange, das größte maritime Manöver der Welt, gegen China und Russland zugleich: unter US-Kommando nehmen 25000 Soldaten aus 22 Ländern mit 55 Schiffen und 200 Kampfflugzeugen teil. Die NATO ist mit der Marine-Infanterie von den USA, Kanada, Großbritannien, Frankreich, Holland und Norwegen präsent und mit Italien, Deutschland und Dänemark als Beobachter.

Die „Organisation des Nordatlantikvertrags“ erstreckt sich bis zum Pazifik.

Manlio Dinucci


Die richtigen Worte dazu von Ken JebsenGEISTIGE GENERALMOBILMACHUNG!


Textquelle:

„NATO, die globale Offensive“, von Manlio Dinucci – Geograph und Geopolitiker, Übersetzung Horst Frohlich, Il Manifesto (Italien), Voltaire Netzwerkwww.voltairenet.org

Bild- und Grafikquellen:

  1. “Mitgliedsländer der Nato” – www.voltairenet.org
  2. Beitragsbild: “Im Fadenkreuz der NATO” – arkadius neumann / pixelio.de

Tschüss BIP

von Andreas Müller-Alwart

Jedes Quartal und natürlich einmal am Ende eines Jahres blickt die wirtschaftsorientierte Klientel Deutschlands auf das BIP. Das Bruttoinlandsprodukt. Mit viel Akribie und auf zwei Nachkommastellen exakt berechnet, werden die Werte verkündet – wobei der Blick von Jahr zu Jahr mehr auf die Nachkommastellen fokussiert werden muss, denn vor dem Komma will das BIP nicht mehr so viel wachsen. Jedenfalls nicht im Vergleich zu China: Hier hat ein großer Nachholbedarf in Sachen Konsum und Produktion zu viel ansehnlicheren Wachstumsraten geführt. Diese Zeiten sind aber inzwischen auch vorbei und der chinesischen Statistik hat ohnehin kaum jemand so ganz getraut. Zweierlei muss allerdings gleich geklärt werden.

Dreimal bereinigte Werte

BIP Brutto Inlandsprodukt QuartalWährend die deutschen BIP-Werte dreimal gereinigt werden, sind die chinesischen eher weniger porentief vorbehandelt. Damit nämlich die BIP-Werte in Deutschland überhaupt vergleichbar sind, werden sie preis-, saison- und kalenderbereinigt und dann wird noch hier und da verkettet, wie der Statistiker das nennt. Warum diese Reinheit ohnehin bald überflüssig sein dürfte, folgt gleich. Der Vergleich mit Wachstumsraten anderer Länder muss jedenfalls immer in Relation zu den nominalen Zahlen gesehen werden. Ein Wachstum von 7 Prozent kann 107 Euro gegenüber 100 Euro des Vorjahres bedeuten. Wenn also jemand von 50 Prozent redet, die er verspricht, sollte die Rückfrage immer lauten: 50 Prozent wovon? Und als Antwort sollte man keinesfalls gelten lassen: „von 100 Prozent“; die korrekte Antwort muss immer den Bezugswert enthalten und z. B. lauten: „von einer oder von zehn Millionen Euro“.

Kein Profit? Schade für das BIP

Wir wollen uns hier gar nicht lange damit aufhalten, dass es seit Jahren vielerlei Kritikpunkte an der Sinnhaftigkeit des BIP gibt: Ist es für eine Volkswirtschaft wirklich so wertvoll, wenn eine Kennzahl auch wertvoller wird, je mehr Blechschäden und Verletzte wir haben oder je mehr Operationen wir durchführen mussten? Dazu wurde alles schon mal irgendwo geschrieben. Das BIP kann sich als Kennzahl der volkswirtschaftlichen Leistung einer Gesellschaft schon ohne dies Fachdebatte und aus einem anderen Grunde verabschieden: In einer Welt, in der immer mehr gemeinnützige Organisationen, Stiftungen und Vereine weitgehend in Kooperation und unentgeltlich, Leistungen erbringen und Mehrwerte schaffen, die in keiner Statistik als monetäre Zuwächse vermerkt werden, drückt das BIP nicht mehr das aus, was den Wert einer Gesellschaft darstellt. Der Wechsel zu einer kooperierenden Gesellschaft– zu einer Gesellschaft, die nicht mehr monetären Profit als Hauptziel vor Augen hat – ist in vollem Gange. Und die Volkswirtschaftler und ihre Statistiker haben das BIP dieser Veränderung niemals angepasst. Fatal, denn soziale Gemeinschaften sind alles andere als eine kleine, am Markt teilnehmende Gruppe. „Nichtsdestoweniger ist diese soziale Ökonomie eine beeindruckende Kraft“, weiß auch Jeremy Rifkin in seinem neuen Buch („XERO“). Er verweist dabei auf eine Studie des Center for Civil Society Studies der Johns Hopkins University, die sich 40 Länder angesehen hat. Ergebnis: „Die Betriebsaufwendungen der Non-Profit-Commons belaufen sich auf 2,2 Billionen Dollar.“ In acht der untersuchten Länder, nämlich USA, Kanada, Japan, Frankreich, Belgien, Australien, Tschechien und Neuseeland „macht der Non-Profit-Sektor im Durchschnitt 5 Prozent des BIP aus. Sein Anteil übersteigt den Anteil aller Versorgungsunternehmen zusammengenommen, ist gleich dem des Bausektors und fast so groß wie der Anteil von Banken, Versicherungen und Finanzdienstleistern.“ Wir wissen alle schon lange, dass ohne diese sozialen, caritativen und unentgeltlichen Leistungen unsere Gesellschaft nicht funktionieren würde. Was sollen, was wollen wir also weiterhin mit einer Kennzahl anfangen, die diese elementare Basis unserer Gesellschaft einfach ignoriert? Sie ist nicht mehr zeitgemäß.

Kooperation statt Konkurrenz? Schade für das BIP

Das BIP wird weiterhin an Sinn und Wert verlieren, wenn die Entwicklung zur kooperierenden statt konkurrierenden Gesellschaft weiter anhält. Rein volkswirtschaftlich betrachtet ist es heute schon schwer herauszurechnen, was eigentlich im Inland produziert und was im Ausland produziert und dann im Inland weiterverarbeitet wurde. In einem globalen Markt verliert das BIP an vergleichendem Wert, weil der Handel sich immer mehr internationalisiert. Überhaupt misst das BIP nur die Werte, die gehandelt und fakturiert werden. Kooperationsgeschäfte ohne Handel und ohne Fakturierung, erscheinen im BIP nicht. Wenn zwei Familien sich gegenseitig beim Umzug helfen und so gegenseitig ein paar Tausend Euro Umzugskosten sparen, guckt das BIP in die Röhre. Den angemieteten Umzugs-LKW kann es noch verbuchen – das war‘s dann aber schon.

„Kost nix – ist nix!“ – Das gilt so nicht mehr.

Es hat eine Weile gedauert, bis die unentgeltlichen Nachbarschaftsleistungen aus der örtlichen Nähe in das globale Web gewandert sind. Doch es ist nicht mehr umkehrbar: Wir haben riesige Peer-To-Peer-Netzwerke, in denen sich Menschen gegenseitig helfen. Menschen mit gleichen Problemen, Menschen mit gleichen Hobbys und natürlich auch viele Menschen mit wirtschaftlichen Anliegen. Wenn ich eine Rechtsberatung benötige, kenne ich einen Anwalt, von dem ich diese erhalte. Wenn der Anwalt einen Pressetext für seine PR benötigt, kennt er mich. Sein und mein Netzwerk sind so angelegt, Kosten und Steuern zu vermeiden: WIN-WIN statt BIP. Ich stelle Dir nichts in Rechnung und Du stellst mir nichts in Rechnung. Dennoch entsteht ein Mehrwert für die Gesellschaft – aber eben nur für die soziale Gesellschaft: Gehandelt wurde ja nichts.

Qualität entsteht? Ist dem BIP egal …



Die Rollen der Menschen im Wirtschaftsalltag sind heute vielfältig – sie verändern sich teilweise binnen Tagen oder sogar Minuten: Tagsüber bin ich vielleicht jemand, der mit Kunden spricht und ihnen etwas verkauft. Abends bin ich vielleicht selbst ein Konsument, der aber einer Firma kostenfrei Ideen und Produkttipps liefert. Dafür erhalte ich vielleicht vorrangige Informationen oder es macht mir einfach Spaß, an einer Qualitätsverbesserung mitzuarbeiten. „Eigennutz wird gemildert durch kollaborative Interessen, und der traditionelle Traum, es vom armen Schlucker zum Millionär zu bringen, wird ersetzt durch den neuen Traum von einer nachhaltigen Lebensqualität.“ (Rifkin) Wir sind nicht mehr fest in einer Rolle verankert, wir wollen nicht mehr abhängig sein in einer reinen geldorientierten, wachstumsbezogenen Gesellschaft, sondern verlassen den Hafen und gehen auf die Reise im Internet – wann immer wir das wollen. Wir haben verstanden, dass die Lebensqualität sich nicht in Besitztümern und Geld ausdrückt, sondern in der Qualität des jeweiligen Momentes, den es zu nutzen gilt. Nun könnte man meinen: Ok – dann werden wir halt doch so etwas wie ein Glücks-BIP haben, das misst wie glücklich die Menschen sind. Man kann darüber diskutieren, man kann sich aber auch fragen, wozu eine solche Messung gut sein soll. Heute stellen wir dem BIP oft andere statistische Werte gegenüber und prangern damit Missstände an: Anzahl misshandelter Kinder, Anzahl Operationen, Gesundheitsaufwendungen, Unfalltote usw. Das zeigt doch: Was offensichtlich nicht gut läuft, wird durch ständiges Messen auch nicht besser, sondern nur durch Handeln. Soziale Gemeinschaften können Handeln, aber brauchen dazu den Messwert nicht.

Beim BIP wird jedes Jahr ermittelt, welche Beiträge private Konsumenten oder staatliche Investitionen beitragen. Was interessiert denn noch das Zustandekommen einer Kennzahl, wenn die Kennzahl selbst nicht mehr relevant ist. Auch das können wir uns zukünftig sparen. Die Staatsquote oder Investitionsquote kann ja weiterhin separat gemessen werden. Warum aber in einer Gesellschaft, in der immer weniger Menschen Arbeit finden, in der immer mehr Schulden bei privaten wie auch staatlichen Haushalten angehäuft werden und in der ein wachsender Anteil des Einkommens (somit auch des BIP) in die Taschen der Reichen wandert, warum in dieser Zeit sich noch mit dem BIP beschäftigen?

Niedrige Grenzkosten mindern das BIP fortlaufend

Kommt hinzu: Wir werden immer günstiger produzieren, weil es heute oft möglich ist, kleine Mengen in entfernteste Gegenden zu liefern. Es ist für mich als Autor kein Problem, einem deutschen Leser mein Buch als PDF nach Indonesien zu schicken und den Betrag per Kreditkarte zu erhalten. Ich brauche keine Druckerei, keine Setzerei. Layout und das Buch (PDF) mache ich selber – das Lektorat bekommt einen Teil des Autorenhonorars ab. Fertig. Die Marge ist gering – das BIP wird dadurch kaum erfreut. Das ist die Geschäftswelt, in der wir schon leben und dieser Trend wird sich zügig verstärken. „Und je mehr Güter und Dienstleistungen so gut wie umsonst zu haben sind, desto weniger wird auf dem Marktplatz gekauft – auch das mit negativen Folgen für das BIP“ (Jeremy Rifkin). Die ganzen Zwischenhändlermargen (z. B. von Groß- und Einzelhändler, Transporteur, Lagerist …) fallen alle weg.

Statt Handel und Kauf – Tausch und Teilhabe


Es kommt der Trend zur Tausch- und Teilwirtschaft hinzu. Musik wird nicht mehr als Tonträger gekauft und ins Regal gestellt. Immer mehr Menschen hören Musik in der Cloud oder streamen. Bei Videos/Filmen der gleiche Trend. Einen größeren Aufsitz-Rasenmäher teilen sich zukünftig vielleicht mehrere Leute in einer Siedlung, die qualitativ gute Bohrmaschine darf zukünftig teurer sein, gehört aber der ganzen Hausgemeinschaft. Zugang geht vor Besitz, wie der Bestsellautor Jeremy Rifkins übrigens schon zum Ende des letzten Jahrhunderts in „Access“ plausibel erklärte und vorhergesehen hatte. Und ist es nicht zusätzlich widersinnig, eine nachhaltige Wirtschaftspolitik anstreben zu wollen, gleichzeitig aber sowohl umweltschonende wie auch umweltschädliche Methoden gleichermaßen in einer Kennzahl einzurechnen? Das BIP interessiert sich nicht dafür, zu welchem Zweck etwas produziert und gehandelt wird. Ob ein Messer für Köche oder die Militärjunta produziert wird, ist dem BIP egal.

Tschüss BIP!

Es ist wahrscheinlich tief gestapelt, wenn Rifkin meint: „Das BIP als Indikator wirtschaftlicher Leistung wird wahrscheinlich in den kommenden Jahrzehnten mit dem Rückgang der Marktwirtschaft an Bedeutung verlieren.“ Das ist so seine Art uns zu sagen: Verabschiedet Euch schnell, solange es noch lebt … Sagt: „Tschüss BIP!“.

Zum Schluss ein Blick zum Anfang

Kaum jemand erinnert sich, wann und warum überhaupt das BIP seinerzeit in Deutschland eingeführt wurde. Die Wirtschaftswoche schrieb es einst knapp so: „Die Entscheidung zugunsten des BIP als entscheidendem Parameter der Wohlstandsmessung fällt erst in den zwanzig Krisenjahren von 1930 bis 1950 – die wichtigen Stichworte lauten: New Deal, Zweiter Weltkrieg, Marshallplan.“ Die etwas ausführlichere, aber sicherlich deswegen streitbare Fassung: Eigentlich sollte ja Deutschland nach zwei Kriegen nicht mehr auf die Füße kommen. Strafe muss sein. Dann aber stellte sich heraus, dass ein starkes Deutschland als kapitalistischer Block gegenüber den kommunistischen Oststaaten strategisch bedeutsam sein könnte. So führten die Alliierten, vor allem natürlich die USA, das BIP in Deutschland ein, um sich einen Überblick zu verschaffen wie es um die deutsche Wirtschaft steht. Für den Marshallplan waren diese Kennzahlen seinerzeit von großem Wert. Uns zeigt dies heute: Der einst historische Anlass zur Einführung des BIP ist aus heutiger Sicht überholt. Die Skeptiker unter Ihnen werden gerade dies als Steilvorlage nehmen, um dem BIP weitere bedeutsame Jahre zu wünschen – nach dem Motto: Mal sehen wie nahe uns die Ostländer in den nächsten Monaten wieder kommen und ob wir dann nicht wieder einen Überblick à la BIP brauchen. Ganz ehrlich: Wenn sich diese Krise weiter zuspitzt, dürfte die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung unser geringstes Problem sein, oder?

Andreas Müller-Alwart


Autor Andreas Müller-Alwart ist selbständiger Journalist, Coach sowie Requirement Engineering Manager und Mitglied des Reflektion-Teams.

Bild- und Grafikquellen:

  1. Beitragsbild: “Das Mikado der Staatshilfen” – Dr. Klaus-Uwe Gerhardt  / pixelio.de
  2. “BIP preisbereinigt” – Statistisches Bundesamt