image_pdfimage_print

Ist ein Leben ohne Vorurteile und Feindbilder möglich?

Wie können wir sinnvoll mit ihnen umgehen?

von der Studiengesellschaft für Friedensforschung

Kinder, Jugendliche, alte Menschen, Frauen, Männer, Juden, Iraker, Schweizer, Russen, Prostituierte, Türken, Homosexuelle, Amerikaner, Christen usw. – es gibt keine Gruppe von Menschen, keine Nationalität, keine Religion für die es keine Klischees gäbe und die nicht mit bestimmten Eigenschaften besetzt wären. Wir können uns leider dem Phänomen nicht entziehen, dass wir in Stereotypen denken.

Karrikatur Frieden 1“Der Begriff Stereotype bezieht sich auf eine Reihe gleicher Eigenschaften, die Gruppen zugeschrieben werden. Bei der Wahrnehmung von Gruppen bedienen wir uns einiger typischer Eigenschaften, um Mitglieder dieser Gruppe zu kennzeichnen.” (Norbert Kühne u. a., S. 23)

Das ist problematisch, weil dadurch Schubladen entstehen, die für Individualität, kritisches Hinterfragen, Verstehen anderer Personen oder Gruppen wenig Raum lassen. Zu leicht entstehen aus solchen Schubladen Vorurteile und Feindbilder. Deshalb drängen sich einige fundamentale Fragen auf:

Ist ein Leben ohne Vorurteile und Feindbilder für uns Menschen möglich? Kann der Mensch überhaupt die Realität als solche wahrnehmen? Ist er zu objektiver und aggressionsfreier Wahrnehmung fähig? Kann er wahrnehmen, ohne gleich zu interpretieren?

Normalerweise eher nicht. Denn wir haben als Menschen bereits sehr früh die Tendenz, die Wirklichkeit, das, was wir erleben und was uns begegnet, zu kategorisieren: in gut und böse, in richtig und falsch. Damit geben wir unserem eigenen Weltbild die Struktur, die wir zur Orientierung in unserem Leben brauchen. Auch wenn Vorurteile und Feindbilder vom Inhalt her austauschbar sind, ohne sie wird kaum ein Mensch leben können. Die entscheidende Frage muss deshalb lauten: Wie können wir konstruktiv damit umgehen?

1. Begriffliche Bestimmungen

Schauen wir uns zum besseren Verständnis zuerst einmal die beiden Begriffe “Vorurteile” und “Feindbilder” genauer an.

Wenn wir von einem Gespräch mit dem neuen Lehrer unseres Kindes zurückkommen und sagen: “Ich hätte nicht gedacht, dass der Neue so aufgeschlossen ist”, dann haben wir ein ganz harmloses Vorurteil korrigiert. Bei “wirklichen” Vorurteilen, die tief sitzen, ist das anders.

1.1 Was sind Vorurteile?

Vorurteile sind – als vorgefasste Meinungen und ungeprüfte Ablehnungen – soziale Einstellungen, die sich auf soziale Gruppen bzw. Individuen beziehen. Sie sind oft aus Vorausurteilen entstanden, die ohne eingehendere Prüfung zu falschen Verallgemeinerungen werden. “Ein Vorurteil ist eine dem Stereotyp nahestehende Einstellung (Meinungsbildung), die kaum auf Erfahrung (Information, Sachkenntnis), um so mehr auf subjektiver Eigenbildung bzw. Generalisierung von Ansichten usw. beruht. Kennzeichnend für das Vorurteil ist auch die zähe, unflexible, unreflektierte Fortdauer und die meist zerstörerische (selten förderliche) Wirkung, die es im Gemeinschaftsleben entfalten kann.” (F. Dorsch, S. 741)

Haben Vorurteile auch einen Nutzen und wenn ja welchen? Vorurteile erleichtern uns das Leben ähnlich einem Reiseführer durch eine uns fremde Region. Sie können in Gruppen einen gewissen Zusammenhalt schaffen und verstärken die Bereitschaft zu gemeinsamen Aktivitäten. Dieser soziale Vorteil kann sich sowohl auf den privaten wie auf den öffentlichen Bereich beziehen.

Man unterscheidet negative und positive Vorurteile. Beide basieren kaum auf objektiv gesicherten Informationen, sondern vor allem auf subjektiven Einstellungen, Gefühlen und Wertungen (s. Arthur S. Reber, S. 590).

Positive Vorurteile entstehen z. B. schnell in der Phase der Verliebtheit zwischen zwei Menschen. Als Beispiel für negative Vorurteile seien hier die ethnischen Gruppen der “Sinti und Roma” genannt. Ihnen werden häufig folgende Charakteristika zugeschrieben: “Ihre moralischen Eigenschaften zeigen eine sonderbare Mischung von Eitelkeit und Gemeinheit, Ziererei, Ernst und wirklicher Leichtfertigkeit, fast einen gänzlichen Mangel männlichen Urteils und Verstandes, welcher von harmloser List und Verschlagenheit, den gewöhnlichen Beigaben gemeiner Unwissenheit, begleitet ist; dabei zeigen sie noch entwürdigende Kriecherei in Tun und Wesen, darauf berechnet, andere durch List zu übervorteilen; sie haben nicht die geringste Rücksicht auf Wahrheit und behaupten und lügen mit einer nie errötenden Frechheit …” (Benz, S. 175)

Fragen Sie sich selbst: Was verbinden Sie mit “Zigeunern”? Was fällt Ihnen spontan und als erstes ein? Sind Sie nicht auch in irgendeiner Weise von solchen Vorurteilen geprägt?

Vorurteile werden, abhängig vom Inhalt, mitunter auch als “interessenbestimmte Lügen” definiert (Werner Bergmann, S. 5). Wir Menschen haben die Tendenz, das herauszugreifen, was wir sehen wollen und blenden das aus, was uns nicht gefällt. Damit belügen wir – bewusst oder unbewusst – uns selbst und andere. In der Regel werden Vorurteile anderer schneller erkannt als die eigenen. Wie auch immer: Der Kontakt mit Menschen, gegen die wir Vorurteile hegen, wird gemieden, die Kommunikation mit ihnen reduziert.

Vorurteile und diskriminierendes Verhalten stehen oft in engem Zusammenhang. Ist beispielsweise der Personalchef einer Firma der Ansicht, dass Frauen “an den Küchenherd” gehören, so wird er Frau P., die sich um eine hausinterne Führungsposition bewirbt, bei der Vergabe der Stelle übergehen (aus: HansWerner Bierhoff, S. 265).

Diskriminierendes Verhalten als Folge von Vorurteilen ist auch sonst in unserem Alltag sehr häufig zu beobachten, z. B. auf Spielplätzen, wenn Eltern bewusst ihre Kinder von bestimmten Ausländergruppen fernhalten, oder bei der Wohnungssuche, wo eine leerstehende Wohnung nicht an Personengruppen bestimmter Nationalitäten vermietet wird (nationale Vorurteile).

Kölner Schüler haben folgendes Experiment durchgeführt:

“,Heh, Ali, du nix anfasse’, sagt die deutsche Verkäuferin im Spielwarengeschäft in der Kölner Innenstadt barsch zu dem Jungen und zieht den Stecker zu den Telespielen heraus, die dort zum Ausprobieren aufgestellt sind. Der Junge hat schwarze Haare, trägt einen abgewetzten Parka und spricht das gebrochene Deutsch der Türken. Vor der Ladentür sagt der 13jährige in akzentfreiem Deutsch: ‚Unverschämt! Die deutschen Kinder durften an den Vorführgeräten rumfummeln. Ich aber nicht – nur weil mich die Verkäuferin für einen Türken gehalten hat.’ Der schwarzhaarige Junge ist in Wirklichkeit blond. Sein Name ist nicht Ali, sondern Jan. Und er ist kein Türke, sondern ein Deutscher. Zusammen mit anderen Schülern aus der siebten Klasse der integrierten Gesamtschule Köln Holweide hatte sich Jan als Türke verkleidet. … ,Dieser Anschauungsunterricht’, so sagt Jan, ‚ist allen in der Klasse unheimlich unter die Haut gegangen, weil die Deutschen plötzlich anders zu einem sind.'” (ART, Heigl 2000)

1.2 Zum Begriff “Feindbild”

Vorurteile können unabhängig von Feindbildern wie auch zusammen mit ihnen existieren. Das heißt, man kann ein Vorurteil über eine bestimmte Gruppe von Menschen haben, aber daraus muss sich noch nicht zwangsläufig ein Feindbild ergeben. Feindbilder hingegen basieren fast immer auf Vorurteilen, denn Vorurteile und Stereotypen dienen meist als Reservoir für Feindschaft (s. Brehl/Platt, S. 29). Feindbilder leiten sich oft aus politischen und sozialen Vorurteilen ab.

Karrikatur Frieden 2Feinde im Sinne von Widersachern und Gegnern hat es schon immer gegeben, seit Menschengedenken. Sie sind Teil der Menschheitsgeschichte. Feindbilder spiegeln wider, was wir zu diesem Feind/zu diesen Feinden denken, empfinden, vermuten und erwarten. Sie sind die krasseste Form geschürter Vorurteile als konsistent negative Einstellung gegenüber einzelnen Menschen oder Gruppen von Menschen. Feindbilder sind stereotyper und negativer als Vorurteile und deshalb auch nur schwer zu korrigieren. Wer zum Feind deklariert wird, kann darauf kaum Einfluss nehmen.

Feinde sind damit abgestempelte Menschen. Im Ersten Weltkrieg etwa galten folgende Feindbilder: Engländer wurden als hinterlistig, Franzosen als atheistisch, schlampig und arrogant, Italiener als feige und treulos und Russen als Barbaren gesehen (s. Benz S. 9 – 10).

Feinde dienen dazu, die eigene Identität zu definieren, Macht und Herrschaft zu erlangen, unangenehme eigene Auseinandersetzungen abzuwehren und die Projektion unverarbeiteter Ängste und Wünsche zu ermöglichen (s. Brehl/Platt, S. 13). Der Feind ist damit ein Resultat aus diesen vorausgegangenen Prozessen und ein typisches Phänomen im politischen Kontext.

Neben privaten Feindbildern gibt es auch kollektive Feindbilder, die mit Gleichgesinnten bis hin zur Gesellschaft, in der man lebt, geteilt werden. Sie werden wie ein Schema gespeichert, das von nun an jederzeit abrufbar ist.

“Der politische Sinn der Feindschaft liegt in der Verschiebung interner Rivalitäten einer Gemeinschaft nach außen. Mittels einer nach außen gerichteten Feindschaft erweist sich die Möglichkeitsbedingung von Freundschaft und Solidarität in einem politischen Gemeinwesen. Damit mittels politischer Feindschaften interne Spannungen und Rivalitäten erfolgreich nach außen verlagert werden können, bedarf es einer gewissen Verkennung des Sinns der Feindschaft. Wo das Problem als internes bekannt ist, kann der äußere Feind nicht mehr als Blitzableiter dienen.” (Brehl/Platt, S. 73) Feindschaft kann also auch interne Bürgerkriege verhindern.

Feinde schaffen Konflikte. Sie widersetzen sich dem, was wir vorhaben, wollen, für wichtig finden usw. Deshalb stellt ein Feind sowohl in unserem Bewusstsein wie in der faktischen Realität für uns immer eine Gefahr oder ein Risiko dar. Und deshalb reagieren wir auch einem Feind gegenüber meist so aggressiv. Das aggressive Verhalten, das sich gegen einen anderen oder eine ganze Gruppe richten kann, hat das Ziel, den einzelnen Feind oder die feindliche Gruppe zu vertreiben oder zu unterdrücken (s. F. Dorsch).

Dazu folgendes Beispiel aus dem Ersten Weltkrieg:

Die Serben sind alle Verbrecher, ihr Land ist ein dreckiges Loch. Die Russen, die sind nicht viel besser, und Keile kriegen sie doch.”
(Zitat nach Ernst Johann, S. 20)

Feindbilder gehen, wie auch dieses Beispiel zeigt, mit negativen Emotionen einher. Feinde lösen Angst aus, denn durch Feinde fühlen wir uns im tiefsten Inneren bedroht. Diese Bedrohung kann sehr weitreichend sein und uns physisch, emotional und/oder intellektuell belasten. In letzter Konsequenz kann dadurch der ganz starke Wunsch und Drang entstehen, den Feind zu vernichten.

Verena Kast sagt das so: “Wir werden auch immer wieder aus Angst um unsere Lebensgrundlagen Feindbilder entwerfen. Wir werden unser schlechtes Selbstwertgefühl, als einzelner oder auch als Volk, rasch durch Feindbilder konsolidieren wollen … Aber Feindbilder sind abstrakt, klischeehaft, ungerecht. Feindbilder … verdecken die Realität mehr, als dass sie sie enthüllen.” (Verena Kast, S. 163)

Werden Angst und Aggression in einem fortlaufenden Prozess auf unser Gegenüber projiziert, wundert es letztendlich nicht, dass der andere beginnt, sich gemäß dem projizierten Bild zu verhalten (selffulfilling prophecy).

Feindbilder haben – zusammengefasst – also drei Wirkungszusammenhänge:

  1. Selbstbestätigung und Ausgrenzung (im Sinne von: “Ich bin/Wir sind richtig und entsprechen der Norm.”)
  2. Schuldzuweisung und Sinnstiftung (im Sinne von: “Ich bin/Wir sind die Guten, moralisch Überlegeneren.”)
  3. Angst und Realitätsverweigerung (im Sinne von: “Ich muss mich/Wir müssen uns schützen.”) (s. Wolfgang Benz, S. 9)

Mit Feinden will man nichts zu tun haben. Man spricht sie noch weniger an als Menschen, gegen die man Vorurteile hegt. Feindbilder schaffen deshalb in ihrer weiteren Konsequenz Ungerechtigkeit, Unmenschlichkeit und Voraussetzungen für Aggressionen, für gewaltsame Konfliktlösung und für Krieg. Sie haben Hochkonjunktur in Zeiten von Bedrohung, Sinnkrisen und Stress, in Phasen des Umbruches und der Angst, weil der Mensch dann ein besonderes Bedürfnis nach Sicherheit, Orientierung und Ausgrenzung hat.

Was begünstigt die Entstehung von Vorurteilen und Feindbildern? Dazu zunächst einige grundsätzliche Anmerkungen zur menschlichen Wahrnehmung. Dieses Wissen über unsere Wahrnehmung ist notwendig, um die Phänomene “Vorurteile” und “Feindbilder” besser zu verstehen.

2. Menschliche Wahrnehmung

Unsere Wahrnehmung ist von Natur aus über unsere Sinne begrenzt. Wir können über Augen, Nase, Ohren, Mund und unsere Haut immer nur einen kleinen Teil unserer Umwelt wahrnehmen. Wir können über Objektivität sprechen, aber wir können die Sachverhalte nicht absolut objektiv wahrnehmen oder erkennen. Hier haben wir als Menschen unsere Grenzen. Es bleibt immer eine Subjektivität, die Ausgangsbasis unserer Wahrnehmung und der mit ihr einhergehenden Prozesse ist.

Darüber hinaus wird unsere Wahrnehmung von bestimmten Gesetzmäßigkeiten bestimmt, die zum Teil angeboren sind und zum Teil anerzogen werden. Im positiven Sinne helfen sie uns, damit wir uns im Leben trotz unserer Begrenztheit zurechtfinden und zwar von klein an.

Unsere Wahrnehmung ist zudem durch unsere jeweiligen Bedürfnisse und Gefühle geprägt: Wenn z. B. physiologische Bedürfnisse wie Hunger oder Durst sehr stark sind, dann sind sie normalerweise weitgehend darauf begrenzt, wo es etwas zu essen oder zu trinken gibt. Neben Gefühlen und Bedürfnissen haben auch Erfahrungen, Motive, Erwartungen und Einstellungen einen ganz erheblichen Anteil daran, was und wie wahrgenommen wird.

Ein weiteres Merkmal unserer Wahrnehmung: Wir neigen dazu, zu vereinfachen und die Informationsfülle der sehr komplexen Realität zu reduzieren. Jeder Mensch, egal wo auf der Welt, unabhängig von Status, beruflicher Aufgabe, persönlicher Situation usw. hat nur eine eingeschränkte, ausschnitthafte Sichtweise der Dinge. Das ist von Natur aus so angelegt und trägt positiv, wie bereits erwähnt, zum Überleben bei. Aus Sicht der Evolution ist dies höchst sinnvoll, denn blitzschnell können wir so in Notsituationen aufgrund der uns vorliegenden Informationen Entscheidungen treffen, die unser Überleben sichern. Das geht dann reflexartig.

Die negative Seite allerdings ist, dass wir aufgrund dieser Begrenzung, nach den Erkenntnissen der Gestaltpsychologie einem automatisch ablaufenden Gliederungsprozess in unserer Wahrnehmung unterliegen. Wir blenden dabei wichtige Informationen aus, die sonst ein vollständigeres Bild ergeben würden.

Von klein an haben wir gelernt, das, was uns umgibt, sofort einzustufen und zu bewerten. Sobald wir sehen, interpretieren wir auch. Schlüsselreize genügen dazu bereits. So machen wir uns innerhalb weniger Augenblicke von einem fremden Menschen oder von Menschengruppen ein eigenes Bild. Es ist uns angeboren, Mimik und Gestik des anderen zu lesen. Eine halbe Sekunde genügt, um anhand des Gesichts des Gegenübers Alter, Intelligenz, ja sogar Charaktereigenschaften einer Person einzuschätzen. Das kann eine Überlebensstrategie sein. Gleichzeitig sind aber auch Vorurteile und Feindbilder ein – negatives – Ergebnis dieser sehr begrenzten und selektiven Wahrnehmung der Wirklichkeit.

Dieser erste Eindruck lässt sich nur schwer revidieren, obwohl es erwiesen ist, dass der Mensch mit seinen ersten, blitzschnellen Eindrücken oft sehr daneben liegen kann.

“Wir beobachten ständig andere Menschen oder Gruppen von Menschen und machen uns von ihnen ein mehr oder weniger zutreffendes Bild. Aus der Fülle der wahrgenommenen Daten wählen wir uns die passenden aus. Wir ziehen Schlüsse über Motive, Absichten und Eigenschaften anderer Menschen.” (Norbert Kühne, S. 20 – 21)

Wir entwickeln aber auch Abwehrmechanismen, die mit daran beteiligt sind, dass wir manches, z. B. Unangenehmes, aus der Wahrnehmung ausblenden. Dadurch entsteht eine Reduktion des Informationsflusses, die eine nicht zu unterschätzende Wirkung auf das Verhalten von uns Menschen hat. Wir sind weniger offen und agieren möglicherweise aufgrund von starren, normativen Einstellungen, die Vorurteile und Feindbilder weiter schüren. So ist die Wirkung unserer begrenzten Wahrnehmung, die bei jedem individuell unterschiedlich ist, auf die Begünstigung von Vorurteilen und Feindbildern nicht zu unterschätzen.

Zur Erkenntnis dieser durch verschiedene Faktoren begrenzten menschlichen Wahrnehmung gehört auch das Wissen um damit einhergehende Wahrnehmungsfehler.

Einige Wahrnehmungsfehler, die sehr häufig auftreten und denen wir alle unterliegen, sind:

HaloEffekt: Ein dominantes Merkmal, das wir beobachten, überstrahlt die ganze wahrgenommene Person und wird mit weiteren Merkmalen kombiniert: Hat z. B. ein Mensch einmal einen klugen Beitrag geleistet, so wird er von jetzt an in jeder Situation als klug gesehen. Dieses Merkmal wird unter Umständen mit weiteren Merkmalen wie Freundlichkeit, hohem persönlichen Einsatz usw. gekoppelt.

Logischer Fehler: Er besagt, dass in unserer Vorstellung bestimmte Eigenschaften immer zusammen auftreten, z. B.: Ein starker Junge ist auch aggressiv und aktiv (Norbert Kühne, S. 22).

Projektionen: Eigene Erwartungen, Bedürfnisse, Hoffnungen, Annahmen, Befürchtungen, Probleme etc. werden auf eine Person bzw. andere Personen übertragen. Wenn ich z. B. selbst Probleme habe, besteht die Tendenz, diese auch anderen zu unterstellen.

Verallgemeinerungen: Wir neigen dazu, durch den Gebrauch von Worten wie “immer, alle, keiner” usw. Verallgemeinerungen herzustellen. Sie sind wenig nützliche Wahrnehmungsfilter, denn sie stellen kognitiv etwas her, das wir im Grunde nie überprüfen können. Hier haben Aussagen wie “Wer lügt, stiehlt auch.” oder “Alle Dicken sind auch gemütlich.” ihren Ursprung.

Was kann die Folge dieser Wahrnehmungsfehler sein, die uns täglich widerfahren? Ein bekanntes Phänomen ist der RosenthalEffekt. Der Amerikaner Rosenthal hat deutlich gemacht, dass Menschen, insbesondere junge Menschen, eine Tendenz haben, sich so zu verhalten, wie es auf Grund von Vorurteilen erwartet wird (selffulfilling prophecy). Damit werden sie unter Umständen in negative Rollen und Verhaltensweisen gedrängt.

3. Entstehung von Vorurteilen und Feindbildern

3.1 Psychologische Betrachtungsweisen

Vorurteile sind nicht rational geprägt. Sie gehen oft mit Emotionen einher, insbesondere mit Sympathien oder Antipathien. Wir empfinden Sympathie für Menschen, die uns ähnlich sind, die ähnlich denken, ähnlich kommunizieren, ähnliche Interessen und Bedürfnisse haben wie wir.

Die Emotionen und inneren Bilder, die wir in uns tragen, basieren aus tiefenpsychologischer Sicht sehr häufig auf frühkindlichen Erlebnissen und Erfahrungen, die, wie wir wissen, unser ganzes weiteres Leben wesentlich beeinflussen.

In der Phase, in der ein Kind sein ÜberIch, also die Instanz für Werte und Normen entwickelt, werden Einstellungen und Vorurteile der Bezugspersonen mittels Identifikation übernommen.

Menschen mit niedrigem Selbstwertgefühl, starken Minderwertigkeitsgefühlen, mit ungelösten Autoritäts oder Vaterproblemen, Menschen, die in ihrer frühen Kindheit zu wenig Liebe und positive Zuwendung erfahren haben oder die aus einem sehr strengen und autoritären Elternhaus oder Erziehungsumfeld stammen, tendieren in der Regel stärker dazu, aufgrund ihrer normativen Prägung ihr Leben auf festgefügten Beurteilungen und Vorurteilen aufzubauen.

Vorurteile und Feindbilder entstehen zunächst in uns und werden dann im Außen auf verschiedene Menschen, Gruppen, Nationalitäten etc. übertragen, die diesen Bildern entsprechen. Sie kommen in Projektionen zum Tragen. Projektionen sind das Hinausverlegen von Innenvorgängen nach außen (s. Dorsch, S. 508).

“Immer und überall, wo wir Menschen begegnen, erstellt unsere Psyche autonom ein ihr gemäßes Bild vom anderen. Dieses Bild vom anderen beruht zwar sicherlich auf bestimmten, möglicherweise rudimentären Erfahrungen und entspricht damit freilich zu einem gewissen Teil der Wirklichkeit dieses anderen Menschen. Auf jeden Fall aber entspricht es unseren zunächst sicherlich unbewussten Bedürfnissen. Wir projizieren also. Und wir projizieren immer.” (Peter Michael Pflüger, S. 10)

Nun gibt es zwei Arten von Projektionen, die als Ursache für Vorurteile und im zweiten Fall auch für Feindbilder in Frage kommen:

  • Wir projizieren auf einen Menschen, dessen Begegnung in uns besonders angenehme Gefühle erweckt, unsere Ideale. Und er wird uns zum Freund, zum Vertrauten, zum Geliebten. Wir blenden unbewusst seine dunklen Züge, seine Mängel, seine Schattenseiten aus: “Er hat sie nicht oder doch nur in einem ganz geringem Maß. Und so vermögen wir ihm in Offenheit und ohne Angst zu begegnen.” (Peter Michael Pflüger, S. 10)
  • Und wir projizieren auf einen anderen Menschen, dessen Wesen oder Verhalten einen gewissen “Aufhänger” für das zu bieten scheint, was wir selbst an negativen Gedanken und “Unrat” in uns tragen – oft ohne uns dessen wirklich bewusst zu sein. “Wir können dann unsere Ablehnung, Abneigung, unser moralisches Verurteilen dieses Bösen an ihm ausleben und brauchen ihm nicht anders denn als Feind zu begegnen.” (Peter Michael Pflüger, S. 10). Vorurteile und Feindbilder sind, so verstanden, Ausdruck der Abwertung eigener persönlicher Schattenseiten, die auf andere übertragen werden. Diese Schatten sind Aspekte in uns, die wir verdrängen, nicht wahrhaben wollen, negieren und die uns “helfen”, Sündenböcke zu finden. Schatten sind in uns vernachlässigte Eigenschaften, die sich zusammensetzen können aus teils nicht gelebten und teils verdrängten psychischen Zügen. Aus sozialen, erzieherischen oder sonstigen Gründen war diese Verdrängung notwendig (Dorsch, S. 582).

Vorurteile und Feindbilder können auch Ausdruck eigener ungelöster Konflikte sein und darin ihre Entstehung haben. Der Mensch “verschiebt seine Aggression auf Ersatzobjekte … oder sieht seine eigenen negativen Züge vornehmlich in anderen (Projektion).” (Werner Bergmann, S. 6). Wie stark und intensiv dieser Prozess bei jedem Menschen abläuft, ist sehr unterschiedlich.

Vorurteile helfen uns, Emotionen wie Angst zu vermeiden, denn: “Wer sich mit fremden Meinungen einlässt, muss befürchten, dass seine eigenen, altvertrauten dazu in Widerspruch stehen. Es kann sich, bei genauer Prüfung, herausstellen, dass manches von dem uns Selbstverständlichen und uns lieb Gewordenen ziemlich unbedacht übernommen wurde und nun sich auflöst. Den Verlust gewohnter Normen, die ja nicht nur Einhalt, sondern auch Rückhalt, also Sicherheit geben, erlebt der Mensch immer mit Angst.” (s. Kögl)

Feindbilder, als Ausdruck höchster Antipathie, sind mit zutiefst ablehnenden Gefühlen bis hin zum Hass verbunden. Diese Gefühle sind auch die Antriebsfeder für destruktives Verhalten. Das Bewusstsein oder die Tatsache, von Feinden umgeben zu sein, erzeugt Angst. Angst begünstigt unangemessenes Verhalten, weil Angst wiederum unsere Wahrnehmung sehr einschränkt.

Aus psychologischer Sicht muss außerdem folgendes berücksichtigt werden: Es gilt nicht nur für einzelne Menschen, sondern auch für Gesellschaften, dass bestimmte triebhafte Bedürfnisse (z. B. Aggressionen) aufgrund bestehender Normen unterdrückt werden müssen. Diese Unterdrückung führt zu einem Triebüberschuss, der dann nach außen auf Ersatzobjekte verlagert wird. Durch diese Verlagerung ist es möglich, die triebhaften Bedürfnisse so auszuleben, dass es nicht zu Gewissenskonflikten kommt. So können aus ungelebten Triebwünschen Hassobjekte entstehen, die mit sehr negativen Attributen besetzt werden (s. dazu Alexander Mitscherlich). Das kann eine Ursache für rassistisches Denken sein.

Wer in sich selbst Misstrauen, Aggression, Hass und Wut trägt, wird unwillkürlich die Welt, in der er lebt, dieser Emotionen wegen beschuldigen (s. Josef Rattner).

Feindbilder sind damit Ausdruck destruktiver Projektionen, d. h. negativer Anteile von uns selbst, die wir auf andere übertragen. Es gilt nicht, sie zu bekämpfen, sondern sich diese Anteile zunächst einmal bewusst zu machen.

Durch das Erkennen bisher unbewusster Anteile in sich, so C. G. Jung, wird der Mensch ganzheitlicher. Das ist eine gute Basis dafür, unseren Schatten “mitleben” zu lassen, ohne auf die dennoch unumgänglichen moralischen Entscheidungen im eigenen Leben zu verzichten. Nur wer sich seiner eigenen Minderwertigkeit bewusst ist, hat die Chance, sie anzunehmen und positiv zu verarbeiten im Wissen um die eigenen Grenzen.

Aus psychologischer Sicht ist der Feind ein Feind auf Zeit. “Feindschaft als Ergebnis eines Konflikts wäre allein auf den Fall und die Dauer eines aktuellen Konfliktes begrenzt. … Aus psychologischer Sicht bliebe Feindschaft also (auf) lösbar …” (Brehl/Platt, S. 8)

Aber reicht das schon, um zu verstehen, warum Menschen von tiefer gegenseitiger Missachtung getrieben sind, einander ablehnen und den anderen im Extremfall sogar vernichten wollen? Es gibt weitere Erklärungsansätze, die in Betracht zu ziehen sind.

3.2 Sozialpsychologische und soziologische Betrachtungsweisen

Ehe wir den Einfluss von Umwelt und Gesellschaft auf unsere Prägung betrachten, soll folgender Aspekt thematisiert werden:

Es gibt Einflussfaktoren, die weiter zurückreichen können als frühkindliche, erzieherische und aktuell soziologische Einflüsse.

Harald Welzer beschreibt in seinem Buch “Das Soziale Gedächtnis” die unterschiedlichen Formen des Gedächtnisses: das individuelle, das kollektive, das bewusste und unbewusste, das traumatische, das alltägliche, das kommunikative und das kulturelle. Sie sind letztendlich alle Bestandteil des sozialen Gedächtnisses. Wir wissen, “dass unsere eigene Erinnerung sich nicht abkoppeln lässt von den sozialen und historischen Rahmenvorgaben, die unseren Wahrnehmungen und Erinnerungen erst eine Form geben, dass viele Aspekte der Vergangenheit bis in unsere gegenwärtigen Gefühle und Entscheidungen hineinwirken, dass es transgenerationelle Weitergaben von Erfahrungen gibt, die bis in die Biochemie der neuronalen Verarbeitungsprozesse der Kinder und Enkel reichen, und dass uneingelöste Zukunftshoffnungen aus vergangenen Zeiten plötzlich und unerwartet handlungsleitend und geschichtsmächtig werden können.” (Welzer, S. 11/12)

Das würde erklären, dass wir bewusst oder unbewusst Erfahrungen und Erinnerungen in uns tragen, die unser aktuelles Wahrnehmen und Verhalten aus einer anderen Perspektive heraus verursachen, mitbestimmen und mit beeinflussen. Dass wir etwas im weitesten Sinne bereits Vorprogrammiertes mitbringen, das sich in unserer Sichtweise der Welt manifestiert, gilt für alle Menschen. Die aus der Vergangenheit gespeicherten Wahrnehmungen kommen in unserem persönlichen Lebensprogramm zum Tragen. Dieses kulturelle Gedächtnis wird definiert als “Sammelbegriff für alles Wissen, das im spezifischen Interaktionsrahmen einer Gesellschaft Handeln und Erleben steuert und von Generation zu Generation zur wiederholten Einübung und Einweisung ansteht.” (Jan Assmann, S. 9). So wird Erlebtes und Erfahrenes aus der Vergangenheit weitertransportiert in die Gegenwart und bestimmt hier unser Handeln mit. Diese Erinnerungen sind allerdings sehr subjektiv, sehr ausschnitthaft, niemals vollständig. Schon das alleine birgt die Möglichkeit in sich, schnell und spontan in der Gegenwart etwas zu interpretieren und in einer Richtung zu verstehen, die, gespeist aus diesen “Erinnerungen” der Vergangenheit, zu Vorurteilen und Feindbildern führen kann.

Als zusätzliche Faktoren für die Entstehung von Vorurteilen und Feindbildern sind in diesem Zusammenhang noch zu nennen:

  1. Geschichtliche Überlieferungen und Ereignisse, insbesondere hoch eskalierte Konfliktsituationen wie z. B. Kriege. Je verheerender Kriege sind oder waren, desto stärker sind die Feindbilder, die auch nach einem Krieg noch lange andauern können. Vorurteile und Feindbilder werden so von Generation zu Generation weitergegeben.
  2. Faktoren, die einen ideologischen Charakter haben (z. B. religiös motivierter Fanatismus)
  3. Systembedingte soziale Entwicklungstendenzen
  4. Nationale Begebenheiten und konkrete Situationen
  5. Die reale Politik der Staaten und ihre Wechselwirkung (nach Pflüger, S. 91)

Unsere Sicht der Realität wird weiter gefiltert durch unsere einzigartigen Erfahrungen, durch Kultur, Glaubenssätze, Einstellungen, Werte, Interessen und Annahmen. Jeder Mensch lebt in seiner jeweils eigenen Welt, die auf seinen Sinneseindrücken und individuellen Lebenserfahrungen begründet ist, und wir handeln auf der Basis dessen, was wir wahrnehmen: Das ist unser “Modell der Welt” (s. Joseph O’Connor, John Seymour). Dabei schauen wir in der Regel in dieser Welt bevorzugt auf das, was uns interessiert. Anderes lassen wir eher beiseite.

Elternhaus, Schule und wichtige Bezugspersonen sind entscheidende Einflussfaktoren, da sie Werte, Grundhaltungen, Ansichten vermitteln, verstärken und auf Kinder und Jugendliche übertragen. Daraus entstehen Lebenserfahrungen für junge Menschen. Sie zeigen sich etwa darin, wen man mag und wen nicht, wer einem sympathisch ist oder nicht, wer zu einem gehört und wer nicht. Damit entsteht ein Ordnungsprinzip, das Orientierung und Sicherheit gibt. Das bedeutet auch: Wir bringen Vorurteile nicht mit – sie werden uns anerzogen. Wenn Eltern, Lehrer und wichtige Bezugspersonen durch starke Vorurteile und Feindbilder geprägt sind, ist es schwer, sich als junger Mensch davon unabhängig zu machen. Hört man abwertende Bemerkungen immer und immer wieder, so verinnerlicht man diese leicht als Norm oder “Wahrheit”. Kinder, die erfahrungsgemäß leichter zu beeinflussen sind als Erwachsene, übernehmen viel schneller Stereotypen und Urteile. Insbesondere solche, die von ihren Bezugspersonen vorgelebt werden.

Kinder, bei denen jede Form von Aggression in der Kindheit unterdrückt bzw. bestraft wurde, suchen im Jugend und Erwachsenenalter nach Ventilen für die aufgestaute Wut und den aufgestauten Hass. Feindliches Verhalten hat darin oft seinen Grund. Denn Vorurteile und Feindbilder nehmen zu, je autoritärer ein Mensch geprägt bzw. erzogen worden ist; aber auch je begrenzter der Erkenntnis und Wahrnehmungshorizont ist, je weniger internationale Erfahrungen vorliegen, je weniger positive persönliche Berührungspunkte mit anderen Nationalitäten, Religionen und andersdenkenden Gruppen bestehen. Denn je fremder uns Menschen sind durch ihr Verhalten, durch das Leben, das sie führen, desto leichter besteht die Gefahr, dass sie uns feindlich erscheinen können (s. Verena Kast).

Zuletzt muss erwähnt werden, dass auch eine negative Grundeinstellung zum Leben, stark negatives Denken verbunden mit pessimistischen Sichtweisen und Lebenshaltungen Vorurteile und Abwertungen gegenüber anderen Menschen, Nationalitäten und Religionen schüren können.

3.3 Grenzen unserer sprachlichen Verständigung

Da wir nicht nur in unserer Wahrnehmung, Konfliktfähigkeit und Erziehung, sondern auch in unserer Kommunikation Grenzen unterliegen, können Vorurteile und Feindbilder auch hier ihre Wurzeln haben: “Wollten wir uns in jedem Gespräch sicher sein, dass andere Menschen genau das verstehen, was wir meinen – wir kämen zu keinem Ende. Uns bleibt also nichts anderes übrig, als zu akzeptieren, dass unsere Verständigung nur eine ungefähre ist und dieses Ungefähre in vielen Situationen ausreicht. Aber nicht in allen …” (Georg Harald ZawadzkyKrasnopolsky, S. 33)

Es ist für uns oft eine große Überraschung, was Menschen an Informationen aufnehmen und wie sie diese dann weitergeben. Was ist aus der ursprünglichen Botschaft geworden? Sie ist manchmal kaum wiederzuerkennen, weil sie mit der Subjektivität jedes einzelnen, der am Kommunikationsprozess beteiligt war, vermischt wurde. Durch solchermaßen fehlende und verfälschte Kommunikation werden Vorurteile und Feindbilder aufgebaut und geschürt.

3.4 Vorurteile und Feindbilder propagiert durch Medien

Die öffentliche Meinung wird durch Medien täglich und situativ beeinflusst und in ungünstigen Fällen durch ausschnitthafte und einseitige Informationen gezielt manipuliert. Was “böse” ist, wer Schuld hat, wer versagt hat, wer dazugehört und wer nicht, wer schlecht ist – hier ist die “Logik” der Massenmedien aktiv.

“Feindbilder können allerdings nicht völlig ,aus der Luft’ gegriffen werden.” (Das Bild vom Feind, S. 8). Es muss zumindest der Anschein bestehen, und darauf wird viel Wert gelegt, dass es sich bei diesen Informationen um realistische Beschreibungen des Feindes handelt. Auch wenn das in Wirklichkeit nicht so ist.

“Voraussetzung für den Aufbau und die Instrumentalisierung von Feindbildern ist immer ein Kristallisationskern von Realität oder von auf allgemeinem Konsens beruhender Überzeugung als Pseudorealität; ein Körnchen solcher Wahrheit muss dem Vorurteil zugrunde liegen, damit es breite Wirksamkeit entfalten kann.” (Benz, S. 11 – 12)

Medien sind deshalb ebenso und in großem Ausmaß Quelle und Ursache von Vorurteilen und Feindbildern. Besonders skandalöse Situationen werden gezielt “verkauft”. Die Fernseh-, Film- und Eventkultur lebt davon und wir, wenn wir ehrlich sind, hören viel zu sehr darauf. Der “Erlebnischarakter” von Film und Fernsehen hat dabei nachweislich eine größere und nachhaltigere Wirkung als der geschriebene Beitrag einer einzelnen Person und wird viel schneller als “Wahrheit” vom Zuschauer gedanklich aufgenommen.

In Krisenzeiten haben Vorurteile und Feindbilder besonders gute Konjunktur in den Medien. Denn meist resultieren – als Konsequenz aus den Ängsten der Menschen – daraus Aggressionen, die in extrem belastenden politischen, wirtschaftlichen oder sozialen Situationen auf fruchtbaren Boden fallen. “Der Fremde wird als böswilliger Verursacher eines konkreten Übelstandes denunziert, dann generell als Feind markiert, und weit über den konstruierten Anlass hinaus wird der Kampf gegen ihn als sinnvoll propagiert.” (Benz, S. 16)

So kann, wie es im Nationalsozialismus geschah, die Feindschaft gegen eine Minderheit zum zentralen Aspekt einer Ideologie werden. Auf diese Minderheit werden dann alle Unzulänglichkeiten projiziert. Durch gezielte Propaganda werden so Ängste mobilisiert und in entsprechende Feindbilder umgesetzt.

“Es lassen sich auch Vorurteile gegen Minderheiten und Randgruppen innerhalb der eigenen Gesellschaft sensibilisieren und zum Feindbild verdichten. Marxisten, Freimaurer, Juden (um drei wichtige Gruppen zu nennen) wurden zu unterschiedlichen Zeiten, im 19. Jahrhundert und wieder nach dem Ersten Weltkrieg, instrumentalisiert … Z. B. die Juden wurden wie die Freimaurer als fremd und als verschwörend, als den Staat und die Gesellschaft unterwühlend, Sitte und Ordnung “zersetzend” diffamiert.” (Benz, S. 13 14)

Besonders empfänglich sind dabei wiederum Kinder und Jugendliche: Nach fortlaufenden Wiederholungen einseitig selektierter Informationen glauben viele am Ende, dass dies, was ihnen eingeflößt wird, tatsächlich so ist, und lassen sich davon in ihrem Verhalten leiten. Ein erschreckendes Beispiel aus dem Schulalltag für das Verhalten von in dieser Weise irregeleiteten Jugendlichen ist es etwa, wenn nach dem Unterricht deutsche Jugendliche, die einer bestimmten “Szene” angehören, ohne ersichtlichen Grund einen ausländischen Mitschüler treten, bis dieser schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert werden muss.

3.5 Vorurteile und Feindbilder als Ausdruck ungelöster, eskalierter Konflikte

Konflikte haben unterschiedliche Anteile: intrapersonale und extrapersonale. Nicht gelöste Konflikte mit anderen bzw. Erfahrungen aus diesen übertragen wir schnell auf ähnliche Personengruppen. Wenn uns etwa ein Arzt nicht gut behandelt hat, sind wir schnell geneigt, diese Erfahrung auf andere Ärzte zu übertragen, insbesondere wenn ein klärendes Gespräch mit dem betreffenden Arzt wegen der “schlechten Behandlung” nicht möglich war oder von ihm abgelehnt wurde.

Frieden Tabelle 1Frieden Tabelle 2Frieden Tabelle 3Frieden Tabelle 4

(aus: Petra Coleman, S. 85ff.)

Unter der Belastung von andauernden, zunehmend weiter eskalierenden und sich verhärtenden Konfliktsituationen können Vorurteile und Feindbilder entstehen und sich immer mehr verfestigen.

F. Glasl hat die Entwicklung und Eskalation von Konflikten untersucht und dabei 9 Eskalationsstufen herausgearbeitet, die im folgenden im Überblick dargestellt werden.

Vorab sei bereits gesagt: Ab der Stufe 3 verengt sich die Wahrnehmung zunehmend. Diese verengte Wahrnehmung ist der Nährboden für Vorurteile und spätere Feindbilder. Ab der Stufe 4 steuern Vorurteile und Feindbilder die Konfliktdynamik bereits in aller Deutlichkeit.

Fassen wir die wichtigsten Aspekte für unser Thema aus diesen Eskalationsstufen für Konflikte zusammen: Eine hohe Stufe der Konflikteskalation ist bereits bei Stufe 4 erreicht, da feindselige Haltungen auf beiden Seiten sichtbar sind und in jeder Handlung bestätigt werden. Die Einstellungen der Konfliktparteien werden damit zunehmend starrer und aggressiver, was die Kommunikation erheblich erschwert.

“Es ist ein stereotypes Bild, das nicht mehr durch andere Erfahrungen korrigiert werden kann, sondern fixiert ist. … Zwischen dem strahlenden Selbstbild und dem schmutzigen Feindbild gibt es kaum Zwischentöne. Die Stereotypen sind stark polarisiert und soziale Antipoden.” (Fritz Glasl, S. 239). Diese Feindbilder sind projektiv entstanden. Indem der Feind abgewertet wird, wird man selbst aufgewertet. “Im Eskalationsgeschehen laden sich die polarisierten, antithetischen Stereotypen noch weiter auf und bewirken einen Spannungsstau, der sich in den Interaktionen kräftig entladen kann.” (Glasl, S. 240)

Karrikatur Frieden 3Diese fixierten Bilder, die nicht mehr durch andere Erfahrungen korrigiert werden können, stehen ab jetzt und für alle weiteren Eskalationsstufen zwischen den Konfliktpartnern. Es findet nur mehr ein Denken in Dualitäten, also reine SchwarzWeißMalerei statt. Die Abwertung des anderen gilt der eigenen Aufwertung. Es gibt ein positives Selbstbild und ein negatives Feindbild. Das drückt sich auch in der Kommunikation aus. Auf der Stufe 4 werden keinerlei positive Eigenschaften des Feindes mehr gesehen. Einzig und allein stereotype Bilder bestimmen das Handeln.

Um so wichtiger ist es, Konflikte bereits in einem sehr viel früheren Stadium zu thematisieren und aufzuarbeiten, damit es mit Hilfe von professionellem Konfliktmanagement bzw. durch Mediation nicht zu weiteren Eskalationen kommt. Gelingt dies vor der Stufe 4, so bestehen gute Aussichten, dass keine nachhaltig wirkenden Vorurteile und Feindbilder entwickelt werden.

Auf der Stufe 5 nimmt die Eskalation nochmals gewaltig zu. Die Polarität verschärft sich von “Über/Untermensch” (Stufe 4) zu “Himmel/Hölle” bzw. “Engel/Teufel” auf der Stufe 5. Durch alle möglichen Provokationen und Handlungen wird versucht, den Gegner zur besinnungslosen Raserei zu bringen. Dieses provozierte Verhalten des Gegners wird dann als Beweis für die Richtigkeit des eigenen Schattenbildes von ihm betrachtet.

Mit noch weiter zunehmender Eskalationsstufe (Stufe 6 – 9) regredieren dann die am Konflikt Beteiligten auf niedrigere Stufen menschlichen und ethischen Verhaltens. Dazu folgende Situation:

1945 wurden in Mähren Menschen “zu Paketen zusammengeschnürt, kreuzweise verknotet und so auf die Balustrade der Brücke über die March gehoben. Ein einbeiniger Greis stößt die Aufgereihten, ruhig und langsam, ganz systematisch arbeitend, mit seiner Krücke in den Fluss. Wenn eine Reihe fertig ist, werden die nächsten Menschenbündel auf das Geländer gepackt. Manche Pakete baten um Gnade. Andere schwiegen verbissen. Die Pakete winselten … beteten auch.” (Benz, S. 48)

Wie viel Schreckliches, wie viel Verletzendes, welcher Hass, geschürt durch Vorurteile und Feindbilder, mag hier vorausgegangen sein, bevor Menschen zu so etwas fähig sind?

4. Konsequenzen und Schlüsse daraus: Umgang mit Vorurteilen und Feindbildern

“Feindbilder gehören offensichtlich zum Leben
und die Problematik besteht damit nicht
in deren Abbau, sondern im Umgang mit ihnen.”

(Peter Michael Pflüger, S. 7)

Wir selbst stehen in einer hohen Verantwortung den Bildern gegenüber, die wir uns von Menschen machen und die in Vorurteilen und Feindbildern münden können. Auf Grund unserer menschlichen wie politischen Verantwortung ist es notwendig, dass wir uns mit diesen Bildern viel stärker auseinandersetzen, als wir es normalerweise tun. Dies ist unsere eigene persönliche Aufgabe, nicht die anderer. Hier lässt sich nichts delegieren.

Was können wir als Personen, als Mitbeteiligte am Weltgeschehen, als Mitgestalter für ein friedvolleres Miteinander auf dieser Welt konkret und bewusst tun, um dem Prozess der Bildung und Entstehung von Vorurteilen und Feindbildern konstruktiv zu begegnen und ihm entgegenzuwirken?

  • Es gilt, uns jeden Tag aufs Neue der begrenzten Wahrnehmungsmöglichkeit, der wir selbst und andere Menschen unterliegen, bewusst zu werden und zu versuchen, Wünsche nach Erfüllung eigener Erwartungen, nach Allmächtigkeit oder Perfektionismus zu minimieren.
  • Als verantwortungsbewusste Menschen haben wir die Aufgabe, unsere eigenen Urteile und Vorurteile ständig zu hinterfragen und ganz bewusst zu akzeptieren, dass jeder Mensch auf dieser Welt zunächst die gleiche Berechtigung hat wie wir. VorUrteile dürfen keine EndUrteile werden, sondern sollten ein Anlass sein, uns dem Fremden und Neuen zunächst einmal offen zu stellen (s. Walter Kögl).
  • Wir müssen uns intensiv darum bemühen, vorschnelles oder zu spontanes Urteilen beim Denken wie beim Sprechen zu vermeiden im Sinne von: Das ist richtig, das ist falsch. Denn wir neigen dazu, viel zu schnell alles und jedes zu bewerten. Hier etwas zu verändern ist wichtig, vor allem auch in unserer Kommunikation nach außen.

Karrikatur Frieden 4

  • Jeder von uns kann – wenn auch in einem längeren und manchmal mühevollen Prozess – an seinen eigenen Blockaden arbeiten, seine eigenen “Schatten” und “Projektionen” erkennen lernen, beleuchten und transformieren in eine Haltung, die von Akzeptanz und Wertschätzung geprägt ist. Zunächst einmal für sich selbst und im zweiten Schritt auch für alle anderen Menschen, denen er in diesem Leben direkt oder indirekt begegnet. “Schattenakzeptanz bedeutet zu sehen, dass der Schatten zu uns gehört und damit zu vermeiden, dass wir ihn projizieren, oder zumindest die Bereitschaft, die Projektionen auch immer wieder zu hinterfragen. Das bedeutet aber Konflikt, Kränkung unseres Selbstwertgefühls, einmal akzeptiert dann aber auch Entlastung, Freiheit und Stärkung unseres Selbstwertgefühls. … Die Akzeptanz des Schattens hat weitreichende Konsequenzen. Wenn wir unseren Schatten kennen, seine Existenz akzeptieren und verantwortlich damit umgehen, dann rechnen wir auch mit dem Vorhandensein von Schatten in anderen Menschen. Wir gehen wohlwollender mit Schwächen und Fehlern um, werden toleranter.” (Verena Kast, S. 159/160)
  • Einmal gemachte Erfahrungen (Vorausurteile) mit einzelnen Menschen oder Menschengruppen dürfen nicht verallgemeinert werden.
  • Es ist gefährlich und wenig hilfreich, andere mit unseren eigenen Maßstäben zu messen. Jede SchwarzWeißMalerei im Sinne von: “Das, was in der eigenen Gruppe, in der eigenen Kultur usw. geschieht, ist richtig, normal, angebracht und das, was fremde Kulturen oder Gruppen leben oder wie sie handeln, ist falsch”, muss vermieden werden.
  • Wir brauchen den echten Dialog und geduldiges Zuhören. Wir brauchen mehr interkulturelle Begegnungen für uns selbst, aber besonders auch unter Kindern und Jugendlichen, um hier persönliche Erfahrungen zu schaffen. Das bewirkt mehr Aufklärung und bessere Information, um die Unterschiedlichkeit, die verschiedenen Kulturen, Religionen und Nationalitäten besser verstehen zu können. Insbesondere rechtzeitig dort, wo sich Konflikte anbahnen.
  • Viele Menschen tun sich schwer, ihre Meinung und ihre Standpunkte zu revidieren, selbst wenn sie diese als falsch oder unzutreffend erkannt haben. Die Angst, eigene Fehler einzugestehen, ist groß. Um dem inneren Konflikt zu entrinnen, werden Indizien gesucht, die doch für die eigenen Behauptungen sprechen – selbst wenn man weiß, dass diese letztendlich vorschnell und falsch sind. Das verlangt von uns die Bereitschaft, selbstkritischer mit uns zu werden und umzulernen, gerade dann, wenn wir Irrtümer in unserer eigenen Argumentation erkennen. Dadurch hören wir auf, Vorurteile und Feindbilder weiter zu schüren. Das gelingt, wenn wir Argumente einsetzen, die einen konstruktiven Weg zueinander ebnen.
  • “Ein großes Wissen, aber vor allem intellektuelle Flexibilität, die Bereitschaft, neue Erfahrungen zu machen, Kritik zu verarbeiten und andere Standpunkte einzunehmen, gehen mit einer geringeren Vorurteilsneigung einher.” (W. Bergmann, S. 7)
  • Menschen, denen wir in unserem Leben begegnen, haben ein Recht darauf, dass wir ihnen offener gegenübertreten, ihnen wenigstens eine realistische Chance geben und ihnen nicht gleich unterstellen, was in unseren Köpfen oder Herzen bereits im Sinne des kollektiven Gedächtnisses vorprogrammiert ist.
  • Es ist notwendig, dass wir lernen, unsere Wahrnehmungen zu differenzieren und zu hinterfragen, so dass es höchstens zu Vorausurteilen, aber nicht zu Vorurteilen und Feindbildern kommen kann. Wir haben durchaus die Möglichkeit, diese Bilder in uns zu revidieren, zu relativieren und im günstigsten Fall zu überwinden.

Für die eigene Reflexion können dazu folgende Fragen helfen:

  • Was deute und interpretiere ich in andere hinein?
  • Wo und wie stelle ich Ansprüche und Forderungen an andere, die sie gar nicht erfüllen können?
  • Wo habe ich meine blinden Flecke und projiziere meine eigenen Unzulänglichkeiten auf andere?
  • Wie kann ich Menschen, die mich umgeben, auch denen, die andere Lebensvorstellungen haben, konstruktiv und wertschätzend gegenübertreten?
  • Wo kann ich verzeihen, meine Aggression und Wut zurücknehmen?
  • Wie kann ich Probleme thematisieren, ohne andere mental in Schubladen zu stecken?
  • Wie kann ich mehr Empathie entwickeln, mich in andere hineinversetzen, ihre Perspektive besser verstehen?
  • Wie kann ich selbst Achtung und Respekt anderen Menschen gegenüber verstärkt vorleben?
  • Es ist notwendig, uns bewusst zu machen, dass Menschen, die andere Werte, andere, konträre Lebens und Grundeinstellungen haben als wir, nicht unbedingt unsere Feinde sein müssen.
  • Es ist wichtig, uns selbst die Zeit zu nehmen, Informationen zu hinterfragen bzw. die Mühe und Anstrengung zu unternehmen, eigene Informationen zu wichtigen Themen einzuholen.
  • Alle Menschen verdienen Gleichbehandlung, Mitmenschlichkeit, Empathie (= Einfühlungsvermögen) und Respekt (s. Werner Bergmann, S. 3). Vorurteile und Feindbilder verstoßen durch vorschnelles Urteilen gegen diese Grundsätze der Menschenrechte, gegen die Normen der Rationalität und die Gerechtigkeit. Auch aus diesem Grund gilt es, sie abzubauen.
  • Jede Politik und jeder politisch Verantwortliche hat deshalb die Aufgabe, Feindschaften möglichst gewaltarm zu kanalisieren. Unsere Aufgabe ist es, eine Politik zu fordern und zu unterstützen, die das zu ihrem Prinzip gemacht hat.
  • Der konstruktive Abbau von Vorurteilen und Feindbildern ist eine zentrale Aufgabe besonders der Medien. Hier finden wir einen Bereich, auf den wir durch Auswahl, Resonanz und Kritik besonderen Einfluss haben.

Es ist nicht leicht, aber wir können es schaffen, uns zugefügte Verletzungen, erlebte Herabsetzung, persönliche Erniedrigungen usw., die wir durch andere Menschen erfahren haben, anzunehmen, negative Emotionen aufzuarbeiten und zu transformieren – zu unserem eigenen Besten und damit wir innerlich in uns wieder Ruhe und Frieden erfahren können. Es ist wichtig, Menschen, die uns verletzt haben, nicht als Feinde zu deklarieren, auch wenn unsere negativen Emotionen für sie sehr tief gehen. Die Tiefe der Emotionen zeigt die Tiefe des Schmerzes, den wir erlebt haben.

Dennoch: Nur, wenn wir uns von diesen tiefen, schmerzhaften Emotionen lösen und wieder frei machen können, ist ein neuer Weg möglich.

Ganz besonders gilt – das soll abschließend an dieser Stelle bewusst noch einmal hervorgehoben werden – sich dem Prozess der eigenen Projektionen offen zu stellen. Ohne das ist kaum ein konstruktiver Weg für die Zukunft möglich. Es ist unsere Aufgabe, unsere eigenen inneren Bilder, die wir auf andere übertragen, genauer anzuschauen und uns dabei zu fragen: Was hat das mit mir selbst zu tun? Welchen Teil von mir sehe ich in dem anderen? Nur so kann es gelingen, die Überzeugungen, die wir über andere Menschen gewonnen haben, in Frage zu stellen, zu überprüfen und zu korrigieren.

Es geht darum, differenzierter hinzusehen: Was entspricht der Wirklichkeit und was übertrage ich, ohne mir dessen bewusst zu sein? Hier liegt eine ganz große Chance für notwendige Veränderungen, auch wenn wir uns der Tatsache bewusst sein müssen, dass uns die Rücknahme von Projektionen immer nur in Teilen gelingen wird und wir wohl nie dahin kommen werden, anderen Menschen vollkommen vorurteilsfrei begegnen zu können.

Vorurteile und Feindbilder verhindern die Unvoreingenommenheit, die in unserer Zeit und Welt der Globalisierung so wichtig ist. Sie verhindern Toleranz, die eine tragende Säule eines weltweiten, konstruktiven Miteinanders in Gegenwart und Zukunft ist.

Karrikatur Frieden 5

5. Toleranz – eine Vorstufe zum Frieden

“Feind wie Freundbilder verdecken, wenn sie auf Völker oder sonstige Gruppen angewandt werden, die komplexe Realität. Sie verstellen den Zugang zum einzelnen Menschen, sie verhindern die Analyse der sozialen und politischen Bedingungen, die die Menschen geprägt haben … wer aber seiner eigenen Identität sicher ist und zugleich genügend Distanz zu ihren kollektiven Komponenten hat, der braucht nicht die Abwertung des anderen, kann das Anderssein des anderen tolerieren …”
(Peter Michael Pflüger, S. 65/66)

Toleranz verstanden als Einbindung und nicht Ausgrenzung, als Respekt vor den unterschiedlichen Kulturen auf dieser Welt, als Anerkennung unterschiedlicher Identitäten kann nur da entstehen, wo man bereit ist, sich selbst zu hinterfragen und seine eigenen unterdrückten Gefühle und Konflikte aufzuarbeiten.

Wir versagen als Menschen, wenn wir den Dialog miteinander nicht fortführen, auch wenn das eigene Überwindung, das Springen über den eigenen Schatten bedeutet, insbesondere in bereits angespannten, konfliktgeladenen Situationen. Wir müssen stärker an uns arbeiten, uns unsere Wahrnehmungen, Gefühle, Phantasien, Absichten, Bewertungen, Gedanken usw. schneller bewusst machen und überprüfen. Das ist Toleranz und Friedensarbeit uns selbst gegenüber.

Diese praktisch gelebte Toleranz – im Unterschied zur repressiven Toleranz – bedeutet weder das Tolerieren von sozialem Unrecht, noch die Schwächung eigener Überzeugungen, sondern, dass jedem einzelnen Menschen auf dieser Welt die Freiheit auf die Wahl seiner Überzeugungen zugestanden wird, sofern er die Rechte anderer anerkennt.

Um Vorurteile und Feindbilder zu überwinden, bedarf es zwischen Gruppen, Nationen und Völkern viel Zeit, Geduld und guten Willen. Dabei ist eine günstige Atmosphäre wichtig, damit wieder Vertrauen aufgebaut werden kann. Auch das ist Toleranzarbeit. Wir können diesem Phänomen “Vorurteile und Feindbilder” nur konstruktiv begegnen, wenn wir eine positive, entwicklungsfördernde Wertebasis in uns tragen bzw. immer wieder von neuem aufzubauen und zu stärken suchen. Der Wert “Toleranz” spielt dabei eine besondere Rolle.

Wo Toleranz, Respekt, gegenseitige Wertschätzung fehlen, entstehen Vorurteile und Feindbilder häufiger, schneller, unkontrollierter. Ohne positive, entwicklungsfördernde Wertebasis führen menschliche Erfahrungen wie Abwertung und Geringschätzung vor allem in Verbindung mit Emotionen wie Aggression, Hass und Wut leicht zu Feindbildern.

Wenn wir lernen, Andersartigkeit zu akzeptieren, wenn wir der Vielfalt in dieser Welt eine Chance geben und daran glauben, dass es genügend Raum für alle Unterschiedlichkeiten gibt, wenn wir erneut beginnen, miteinander zu reden, und Konflikte frühzeitig gemeinsam und miteinander konstruktiv bearbeiten, dann kann eine Neuentwicklung angebahnt und verwirklicht werden.

Toleranz ist gerade dort gefordert, wo uns Fremdes begegnet. Sie ist keine einmalige Errungenschaft, sondern braucht jeden Tag neue Zeichen. Tolerant sein heißt aktiv sein, bedeutet aktives Verstehen, aktives Aufeinanderzugehen, aktive Wertschätzung. Nur so kann es uns bei allen ethischen, kulturellen, politischen und religiösen Unterschieden gelingen, das Gegeneinander, das Ab und Ausgrenzen abzubauen und ein sinnerfülltes Miteinander und Füreinander aufzubauen. Ein langer Weg, eine tägliche Herausforderung!

Was uns im ersten Anlauf so schwierig erscheint: Es hängt von uns selbst und unserer inneren Bereitschaft ab, zu lernen in großzügigeren Dimensionen zu denken, unser Lösungsrepertoire zu erweitern und nicht zu schnell zu urteilen und zu verurteilen. Aber auch davon, dass wir gedanklich Lösungsmöglichkeiten zulassen, an die wir bisher noch gar nicht gedacht haben oder von denen wir nicht geglaubt hätten, dass es sie gibt. Toleranz erfordert letztendlich vor allem Geduld: uns und anderen gegenüber.

Karrikatur Frieden 6Karrikatur Frieden 7


Text- und Grafikquelle: Studiengesellschaft für Friedensforschung

Die Studiengesellschaft für Friedensforschung hat verschiedene Schriften in Form von «Denkanstößen» herausgebracht, welche auch in gedruckter Form erhältlich sind. Wer hier Interesse hat, kann diese gerne unter der u.a. Kontaktadresse beziehen.

Studiengesellschaft für Friedensforschung e.V.
Fritz-Baer-Straße 21
81476 München
Telefon/Fax (0 89) 724 471 43
E-Mail: info@studiengesellschaft-friedensforschung.de


Beitragsbild: «Frieden» – www.pixabay.com/de

Literaturverzeichnis

ART, Antirassismustraining für Jugendliche – ein Baustein zum Projekt ‚Miteinander leben’, Heigl, 2000
Jan Assmann, Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität, in: Jan Assmann und Tonio Hölscher (Hrsg.), Kultur und Gedächtnis, Frankfurt am Main 1988
Wolfgang Benz, Feindbild und Vorurteil, München 1996
Werner Bergmann, Was sind Vorurteile? in: Informationen zur politischen Bildung, Vorurteile – Stereotype – Feindbilder, Nr. 271/2001
Medardus Brehl, Kristin Platt (Hrsg.), Feindschaft, München 2003
HansWerner Bierhoff, Michael Jürgen Herner, Begriffswörterbuch Sozialpsychologie, Stuttgart 2002
Petra Coleman, The Way of Change – 7 Basics für erfolgreiche Veränderungsprozesse in Unternehmen, München 2002
Das Bild vom Feind, Arbeitsgemeinschaft Friedenspädagogik, München 1983
F. Dorsch, Psychologisches Wörterbuch, 10. Auflage, Bern Stuttgart Wien 1982
Fritz Glasl, Konfliktmanagement, Stuttgart 1999
Bert Hellinger, Der Friede beginnt in den Seelen, Heidelberg 2003
Ernst Johann (Hrsg.), Innenansicht eines Krieges. Bilder, Briefe, Dokumente 1914 – 1918, Frankfurt a. M. 1968
Verena Kast, Sich wandeln und sich neu entdecken, Freiburg 2000
Norbert Kühne u. a., Psychologie für Fachschulen und Fachoberschulen, Köln München 2001
Walter Kögl, Vortrag an der Stiftungsfachhochschule für Sozialwesen, München
Alexander Mitscherlich, Vorurteile – ihre Erforschung und Bekämpfung, Frankfurt am Main 1957
Joseph O’Connor, John Seymour, Neurolinguistisches Programmieren – Gelungene Kommunikation und persönliche Entfaltung, Freiburg im Breisgau 1997
Peter Michael Pflüger, Freund und Feindbilder, Olten 1986
Josef Rattner, Aggression und menschliche Natur, Frankfurt am Main 1973
Arthur S. Reber, Dictionary of Psychology, 2. Auflage, London 1995
Harald Welzer, Das Soziale Gedächtnis, Hamburg 2001
Georg Harald ZawadzkyKrasnopolsky, Leadership ohne Vorurteile, Beobachten statt Behaupten, München 2002

Die einzig wahre Geschichte und der geistige Ursprung aller Probleme

von Guido Vobig

Geschichte wird allgemeinhin als Abfolge von vergangenen Ereignisse, bis in die Gegenwart hinein, angesehen, doch kommt es immer wieder vor, dass Ereignisse hinterfragt und der Lauf der Geschichte angezweifelt wird. Oft ist von einer Verfälschung der Geschichte die Rede und allerhand Verschwörungstheorien machen die Runde.

Da Geschichte herangezogen wird, um, aus der Gegenwart heraus, Rückschlüsse aus der Vergangenheit zu ziehen und so Voraussagen für die Zukunft zu treffen, werden große Anstrengungen unsererseits unternommen ein möglichst lückenloses Bild der Vergangenheit zu realisieren. Dieses Unterfangen gelingt dabei umso weniger, je mehr an Vergangenem gezweifelt wird und bewusste Fälschungen gewissen Kreisen nachgesagt werden. Inzwischen ist es gar so weit gekommen, dass es kaum ein bedeutendes Ereignis gibt, welches heutzutage nicht mit mindestens einer Gegentheorie bzw. Alternativinterpretation bedacht werden kann … und sei es nur die zeitliche Festlegung des Ereignisses, bezogen auf den Lauf der Geschichte im Ganzen, mittels einer Datierung.

Was aber, wenn Geschichte gar nicht fälschbar ist, sie sogar das Fälschungssicherste überhaupt ist, was der Mensch je ersonnen hat? Aus dem einfachen Grund ihrer Unbeständigkeit und ihrer Unmöglichkeit sie wahrhaftig rekonstruieren zu können, denn am ehesten kann gefälscht werden, was beständig ist, also möglichst lange immer gleich interpretiert werden kann … zumindest so lange, bis die erste Fälschung auftaucht bzw. der erste Zweifel ausgesprochen wird.

Manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht und den Mond nicht vor lauter Mondphasen, dabei, so sagt aktuell die Wissenschaft, hat der Mond noch nicht einmal Auswirkungen auf das Leben, schließlich sei die Datenlage diesbezüglich eindeutig, wie der hier verlinkte Text es verdeutlicht:

… ”Für die im Journal Current Biology präsentierte Untersuchung analysierten die Forscher große, bereits vorhandene Datensätze über den Schlaf von insgesamt 1265 Teilnehmern aus 2097 Nächten. „Nachdem wir diese große Anzahl von Daten ausgewertet hatten, konnten wir frühere Ergebnisse aus anderen Studien nicht bestätigen“, sagt Mitautor und Neurowissenschaftler Martin Dresler.” …

Quelle: Augsburger Allgemeine vom 22.Juni 2014 Online-Fassung

Wissenschaftler handhaben das Schaffen von Wissen immer mehr wie jemand der über Geschichte schreibt, denn so, wie der Geschichtsschreiber nicht der ist, der Geschichte schrieb, sprich, das erlebt hat, was letztendlich Geschichte schreibt, so ist auch ein Wissenschaftler jemand, der zunehmend Daten benutzt, um einem Kontext, der nicht mehr in der Form existiert, in der alle möglichen Informationen zugegen waren, eben jene Informationen zu entlocken, die nicht mehr zugänglich sind. In beiden Fällen führt der Verlust von direkten Beziehungen zu einem gegenwärtigen Bild, welches weder falsch, noch verfälscht, sondern möglich ist, denn vergangen ist einzig, was in der Gegenwart noch immer Bedeutung hat … ohne dass es weder die Vergangenheit, als Ansammlung von zurückliegenden Ereignissen, noch die Zukunft, als Erwartung wahrscheinlicher Ereignisse, in Wirklichkeit gibt, wohl aber als Interpretation eines, somit realisierten, Zeitraums, Universum genannt. Ermöglicht, von Anbeginn des sogenannten Urknalls, bis heute, 13,7 Mrd. Lichtjahre später, durch das verkörperte Bewusstsein der Menschheit.

Doch der Schein trügt gewaltig, nicht, weil Außerirdische ihre Hände im Spiel haben, oder weil ägyptische Hohenpriester eine Verschwörung vor Tausenden von Jahren anzettelten, oder Forscher weltweit vergangene Kulturen verheimlichen, nein, nein, und nochmals nein. Das GANZE verhält sich ganz ANDERS … und doch ist (noch) nötig, was wir EINEN diesbezüglich meinen, wenn wir von einer Fälschung, oder aber einer Verschwörung, sprechen.

Wir Menschen sehen den Lauf der Geschichte als eine Gerade, eine lineare Entwicklung, eine Aneinanderreihung von Zeitpunkten, die im Nachhinein einzeln betrachtet werden können, um so eine Vorstellung von Vergangenem zu erhalten … oder aber um Schülern mit vermeintlichem Allgemeinwissen zu füttern, ohne das der wesentliche HUNGER damit je befriedigt werden kann.

Der Bildhaftigkeit wegen benutze ich im Folgenden, nicht ohne Grund, Kreise. Zu den Zahlen komme ich im weiteren Verlauf.

Die Lösung

Die Lösung (3)

Fügt man in der Art weitere, immer größer werdende Kreise hinzu, gelangt man schließlich in die aktuelle Gegenwart. Stellt man sich nun alle Kreise miteinander verbunden vor und schwenkt das Gebilde etwas nach Links, so dass der Urknall letztendlich in der Mitte aller Kreise liegt, offenbart sich einem der Blick durchs Universum zurück bis zum Urknall, ermöglicht durch die immer größer werdende Menge an Daten, die uns Menschen mit jedem weiteren Kreis mehr zur Verfügung steht, um unser fortschreitendes Bild von der Vergangenheit immer auf dem Laufenden zu halten.

Unser Weltbild wird im Laufe der Zeit somit immer größer, was wir als technologischen Fortschritt bezeichnen und als enorme Leistung der Menschheit ansehen. Je größer der Flächeninhalt eines Kreises, desto größer die Leinwand, auf die wir EINEN die Realität, immer komplexer werdend, malen können.
Man könnte nun dahergehen und das Ausmaß des technologischen Fortschritts mit PI (π) bezeichnen, ganz im Sinne des gleichnamigen Films, zumal PI den Flächeninhalt eines Kreises mit dem Radius r=1 beschreibt und der Fortschritt so mit der Größe des Kreises fortschreitet, um nicht zu sagen, sich vom Mittelpunkt, dem Kern des Kreises, entfernt. Nun, der Wahnsinn wäre wahrscheinlich ”vorprogrammiert”, ließe man einzig als Menschheit verkörpertes Bewusstsein walten und alles Mögliche anstellen, gäbe es nicht die ANDEREN, die stets zu HARMONISIEREN vermögen, was wir EINEN für möglich halten. Und wo wäre diese HARMONISIERUNG besser aufgehoben, wenn nicht inmitten unseres technologischen Fortschritts und damit inmitten von PI? Was daraus folgt ist PHI.

Unzählige Bücher wurden über PHI, den Goldenen Schnitt, geschrieben, manches Projekt verfasst, und ein, nicht für jedermann, schmackhaftes Menue in sechs Gängen dargeboten, aber es scheint, als sei bisher noch niemand auf die Idee gekommen, die Geschichte des GANZEN aus Sicht von PHI genauer zu betrachten. Offensichtlich ist die Zeit nun reif … und die Offensichtlichkeit noch immer das beste Versteck für das Wesen(tliche) dieser einen Geschichte, welches zugleich das eigentliche PROBLEM der Realität offenbart.

Die Lösung (x)

Die Lösung (4)

ALLES ist EINS … und ALLES ist in EINEM, inklusive der Lösungen, samt LÖSUNG, des PROBLEMS, immerzu Teil des GANZEN und in Beziehung zu ALLEM stehend, egal, wie groß der Kreis um das PROBLEM von uns EINEN auch gezogen wird, egal, wie weit der Bogen, den wir EINEN versuchen um das PROBLEM zu machen, auch ausfallen mag, egal, wie weit das Pendel somit ausschlagen kann. Das Leben muss sich diesen Teufelskreisen stellen … um letztendlich wirklich erwachsen werden zu können, sich nach und nach vom unordentlichen Ballast der Wachstumsphase befreiend, jenseits der Pubertät, jenseits des Zenits der Geradlinigkeit, auf dem Weg ins Tal

Somit sei erneut gefragt: Kann eine Geschichte gefälscht werden, die sich selbst einzig als Dynamik im Gegenwärtigen darlegt, oder ist der Eindruck der Fälschung nicht eher der Dynamik verschiedener Möglichkeiten zuzuordnen, die noch keine gemeinsame Basis bzw. Talsohle gefunden haben?
Die Vorstellung, der Kosmos breitet sich aus der Vergangenheit immer weiter aus, ist dermaßen zur Gewohnheit geworden, dass die Vorstellung, die Ausbreitung des Kosmos geschieht einzig als Realisierung aus dem Gegenwärtigen heraus, völlig übersehen wird. Je mehr Möglichkeiten, desto mehr Ausbreitung. Je weiter eine Möglichkeit in die so entstehende (!) Vergangenheit ”zurück”geschoben wird und in den Kontext des ”bisherigen” Vergangenen passt, desto näher kommt diese realisierte Bildvokabel der Kohärenz und damit der Bedeutung für das GANZE, sprich, für den Kosmos als Ganzes, der nichts anderes ist, als die Problematisierung des PROBLEMS mitsamt Lösungsweg.

Aus der Gegenwart, dem Hier und Jetzt, heraus sammelt eine Möglichkeit auf dem Weg zurück weitere Möglichkeiten an, um so mehr und mehr als Tatsächlichkeit im Nachhinein zu erscheinen. So wie aus einem Knochen ein Dino wird, wird aus einem Artefakt die Geschichte eines Volkes. Aus einem Schneeball, der von der Spitze eines Berges ins Tal rollt, wird eine verheerende Lawine … allerdings nur, wenn zuvor auch ausreichend Schnee gefallen ist. Sprich, der Schnee von Gestern ermöglicht erst die Lawine von Heute. Jede Schneeflocke auf dem Boden der Realität wird somit zur Möglichkeit Teil der Lawine zu werden. Schneeflocken werden zu Daten, gleichsam fragil. Je mehr Daten zur Verfügung stehen, desto größer die Schneekugel bzw. der Kreis, der den Fortschritt symbolisiert und desto verheerender die Auswirkungen auf die Geschichte der Vergangenheit, wenn die Kugel ins Tal rollt. Daher werden Bezichtigungen der Fälschung und Verschwörungen notwendig, um die Schneekugel möglichst lange in der Nähe der Bergspitze verweilen zu lassen.

Dass wir EINEN immer mehr das Wesen des Lebens aus den Augen verlieren, liegt in unserer Vorstellung begründet das Leben sei erst sehr viel später, lange nach dem Urknall, entstanden, nicht in Erwägung ziehend, dass der Kosmos fortwährend nur einen Augenblick währt … und stets ein unterbewusstes Werk ist, ein Open-Source-Projekt allen Lebens, alle Möglichkeiten zum Ausdruck bringend, die notwendig sind, um den Lösungsweg für das PROBLEM zu realisieren. Dieses PROBLEM wurde erst zur Problematisierung mittlerweile kosmischen Ausmaßes, als die Einheit sich entzweite ( wir EINEN und die ANDEREN ) und seitdem eine Dynamik in Gang setzte, um der Einheit wieder näher zu kommen, jedoch nicht ohne aus der Not(wendigkeit) der Trennung eine Tugend zu machen. So gestaltet sich das Leben seitdem als offener Schlagabtausch, zwischen Yin und Yang, dem weiblichen und dem männlichen Prinzip, zwischen PHI-Male und Male  😉, zwischen dem Mond und der Sonne, zwischen Licht und Schatten und dem Tag und der Nacht … und zwischen den Möglichkeiten der Vergangenheit und der zukünftigen Notwendigkeit im Rahmen des GANZEN, verkörpert durch die ANDEREN und uns EINEN.

Die Kreise werden daher seit der Trennung immer größer. Es bedarf immer größerer Handlungs- bzw. Spielräume, damit die HARMONIE gewahrt bleiben kann, während wir EINEN Dekohärenz säen und die ANDEREN Kohärenz ernten müssen, weshalb die realisierte Evolution der Verkörperungen von Bewusstsein alle Quellen des Open-Source-Projekts, namens Leben, zu nutzen weiß.

Die einzig wahre Geschichte erzählt PHI. Sie erzählt vom Wirken der HARMONIE aus dem geistreichen Chaos der Entfremdung heraus. Ihre Beständigkeit bringt diese eine Geschichte durch die Zahlenfolge all der Kreise zum Ausdruck, die es bedarf, um all das bzw. das All als das zu sehen, was es in Wirklichkeit ist, nämlich, keineswegs eine endlose Verkettung von immer mehr Möglichkeiten, sondern die Bewahrung des Wesens im Zentrum allen Seins und Teil eines jeden Augenblicks. Es ist die einzig mögliche Beständigkeit, die sich jedem Versuch der Fälschung zu entziehen vermag, egal, wie sehr wir EINEN auch versuchen Daten anzusammeln, um die Welt einzig nach unseren Vorstellungen zu realisieren, Vergangenheit und Zukunft inklusive.

Die Gegenwart ist immer das Notwendigste aller vergangenen Gegenwärtigkeiten und das Möglichste aus vergangenen Erwartungen. Sie geht aus der Schnittmenge zweier Kreise hervor und wächst mit der Not, die wir EINEN mit der Gemeinschaft des Lebens haben, und der Tugend der ANDEREN ihrem Wesen treu zu bleiben. Dabei verkörpern wir EINEN die Rollen, die die ANDEREN nicht spielen können, da sie ihrem Wesen treu bleiben müssen, um auszugleichen, was der Mensch bewirkt, indem er selbst seine Rolle als Wesentlich ansieht und den ANDEREN Rollen zuordnet, die sie aber gar nicht verkörpern können. So sehen wir Geschichte als Versuch die Welt heute so zu sehen, wie man sie in der Vergangenheit mit den Augen der Gegenwart gesehen hätte, doch in der LIEBE zum GANZEN, und damit zur ganzen Wahrheit, lässt sich nur die Gegenwart klären … um Platz zu schaffen für einen neuen Augenblick.

In der Änderung des Kontextes der jeweiligen Gegenwart ändert sich auch die Emotionalität der Betrachtung und damit das vergangene Bild. Erst im aufrichtigen Gefühl ehrlich zu sich selbst zu sein verschwindet die beziehungskappende Emotion und das Bild kommt dem Wesentlichen näher. Die Gemeinschaft der Menschen wird zunehmend zu Gesellschaften mit immer mehr verschiedenen Blickwinkeln. Die Problematisierung wird immer verfahrener, immer mehr entfremdet vom Wesentlichen, vom eigentlichen PROBLEM … und so wie jedes Problem im Laufe der Problematisierung die Energie realisiert, die zu seiner Lösung führt, so realisiert auch das PROBLEM die Energie, aus der die Problematisierung genährt wird, inklusive der Bewusstwerdung des PROBLEMS und des Lösungsweges … so wie jede Krankheit auch das Potenzial zur Heilung in sich trägt, solange das Wesen des Lebens Teil jeder Gegenwart bleiben kann. PHI eben. Woher sonst kommt die Energie mit der wir EINEN emsig eine immer größer werdende Schneekugel einen uns immer höher erscheinenden Berg hinaufrollen …

Gruß Guido

Mein Dank geht erneut an Andreas OttigerAmmann für die Bereitstellung der Originalgrafiken, die ich an das Thema angepasst habe.


Autor: Guido Vobig – Initiator der Projekte:

http://www.gold-dna.de
http://www.gold-dna.de/phi.html
http://www.gemeinsaminstal.de

Einen Dank an Guido und Martin: FaszinationMensch

Beigragsbild: Geschichte schreiben – http://pixabay.com/

Warum Demokratie in diesem System nur eine Worthülse ist…

von Alexander Berg

Nicht selten wird man irgendwann mit den verschiedenen Ideologien konfrontiert und man beginnt sich mit ihnen zu beschäftigen. Dabei fällt dann auf, dass sie sich nur scheinbar voneinander unterscheiden. Denn es sind nur unterschiedliche Etiketten ein und desselben Weines. Und dieser Wein heißt Hierarchie, deren Ursache in der Verschiebung der Verantwortung, als wesentlicher Impuls liegt. Aus diesem (konditionierten) Verhalten, heraus erkiert, akzeptiert der Mensch andere, die die wahrgenommenen Probleme lösen sollen: “An der Wahlurne! gibt der Mensch die Stimme ab und hat fortan nichts mehr zu sagen.”

SONY DSCAn dieser Stelle erkennen wir das “System”. Wo Menschen ihre Verantwortung abgeben und in jene Hände legen, die sich hinter den dargebotenen Schaustellern bewegen – letztlich den Kaufleuten.

“Der Mensch macht sich durch Verschiebung der Verantwortung selbst zum Sklaven und schafft sich so seine Herren, die ihm sagen, was er zu tun hat.”

Das ist der ungeschriebene Gesellschaftsvertrag.

Und was wir “Staat” nennen, ist lediglich die Art und Weise, wie sich Menschen zueinander organisieren. Und bei Verschiebung der Verantwortung, ist es die Hierarchie (Anmerkung: und damit auch der Prozess der eigenen Abschaffung, Selbstausbeutung, Selbstentmachtung und Selbsttäuschung).

Das liegt unter anderem da dran, weil die Mehrheit in der Kindheit mit einem Elternteil einen bedingten Vertrag eingegangen ist, nach dem Prinzip: „Solange Du Deine Füße unter meinen Tisch stellst…“ oder auf eine andere subtile Art und Weise.

Fortan wird der junge Mensch alle Verhaltensmuster selbst entwickeln, um bedingte Anerkennung, Liebe, Aufmerksamkeit und Zugehörigkeit er erlangen. Dabei überlässt er dem Elternteil zum Teil die Entscheidung, was für ihn fortan an „gut“ sein soll. Das geht im Extremfall, wenn man immer Belohnung erhält und brav ist soweit, dass man alle Informationen, die das System verändern könnten kategorisch ablehnt wie auch ihre „Überbringer“, die dann stigmatisiert und verfolgt werden (Erinnere mich an das Zitat von Napoleon über die Deutschen.).

Die abgegebene Verantwortung enthält zwei wesentliche Bestandteile zur Entwickelung des Menschen: der Lernprozess im Umgang mit der Vernunft sowie die Bewusstwerdung. Denn diese ist das einzig unbegrenzte Wachstum.

All dies abgegeben zugunsten eines Geschäftsmodells, wo Belohnung und Bestrafung fortan die Methode ist, um „Gefügige“ im Griff halten zu wollen. Dies wird im Kindergarten, in der Schule durch „gute Noten“ und im Beruf durch „Lohn“ von Belohnung weitergeführt. Auf dem Bankkonto nennt man dies „Soll und Haben“. Selten, dass der Mensch das nahezu perfekt ausgeklügelte System hinterfragt, in dem er aufwächst, wo Wachstum, Zinseszins und Schulden sich hierbei ein Stelldichein geben und letztlich nur ein gesamtgesellschaftlicher Ausdruck gelebter Gier(Unvernunft) darstellt.

Deshalb benötigen “Gierige” auch eine “Re-Gierung”. Denn Unvernunft braucht Kontrolle. Und wenn man den Menschen einfach nur davon abhält, dass er diesen Prozess entwickelt, macht man ihn sich gefügig. Dies durch die Belohnung für “gutes Verhalten”. Und man erzählt ihm einfach nicht, dass er sich die ganze Zeit bereits wie ein Sklave verhält.

Und mit diesen Gedanken steht der Mensch am Scheideweg zwischen dem System, was er kennt, mit all seinen Unzulänglichkeiten, die wir tagtäglich als Symptome präsentiert bekommen oder er sich selbst zur Verantwortung entscheidet, und begibt sich auf einen neuen Kurs. Denn andere gibt es nicht, die es erst tun müssen. Auch dies ist ein falsch gelerntes Verhalten.

Dies ist nun der Punkt, zu dem er sich selbst entscheiden mag – oder im Alten bleibt, was gerade „untergeht“ – beginnend in den Köpfen Das Alte wird auch nicht verschwinden, sondern lediglich eine neue Bedeutung bekommen.

Wer sich zur Verantwortung entschließt wird erkennen, dass die bestehenden Regeln – in Form künstlich geschaffener Gesetzen – nur ein Mittel waren, um Macht- und Gewohnheitsstrukturen aufrechterhalten und die Symptome der Systemauswirkungen regeln zu wollen und wenn man sich mit ihnen beschäftigt, sind sie nur Gebilde auf denen sich Schein und Trug ihr geschäftliches Stelldichein geben (Wer darin eine Lösung finden mag, beschäftigt sich sehr lange, denn es ergibt sich am Ende nur eine Erkenntnis: Die Täuschung ist der beste Lehrer.).

Blaise Pascal schrieb um 1640 dazu:

“Das Rechts ist fragwürdig, die Macht ist unverkennbar und fraglos. So konnte man die Macht nicht mit dem Recht verleihen, weil die Macht dem Recht widersprach und behauptete, es sei ungerecht und sie wäre es, die das Recht sei. Und da man nicht machen konnte, daß das, was recht ist, mächtig sei, macht man das, was mächtig ist, zum Recht.”

(Blaise Pascal, 1623-1662, Fragment Nr.298) Zitat aus “Der verborgene Pascal” von Theophil Spoerri, Seite 132)

“Es ist gefährlich dem Volke zu sagen, daß die Gesetze nicht gerecht sind, denn es gehorcht ihnen nur, weil es glaubt, daß sie gerecht sind. Deshalb muß man ihm gleichzeitig sagen, daß man ihm gehorchen muß, weil sie Gesetze sind, wie man den Vorgesetzten gehorchen muß, nicht weil sie gerechte Leute, sondern weil sie Vorgesetzte sind. Wenn es gelingt, dies verständlich zu machen und daß hierin die eigentliche Definition der Gerechtigkeit besteht, dann ist man jeder Auflehnung zuvorgekommen.”

(Blaise Pascal, 1623-1662, Fragment Nr.326) Zitat aus “Der verborgene Pascal” von Theophil Spoerri, Seite 133)

Welche Prinzipien sind dann gültig, wenn künstliche ihre Dienst versagen und nur mit Macht, Gewalt und Willkür „durchgesetzt“ werden können?

Was passiert gerade?

Ein Paradigmenwechsel findet statt, der Bestehendes in Frage stellt, sich aus dem Verhaltensmuster verschobener Verantwortung geschaffene hierarchische Strukturen befinden sich in Auflösung und die Masse in ihrer konditionierten Gewohnheit gegen ihrer Erkorenen durch Demonstrationen vorzugehen mag. Auch ein Verhaltensmuster des alten Systems – gewollt, das gegen etwas sein.

Denn mit der Abgabe der Verantwortung, gab man einst ja seinen Bewusstwerdungsprozess nahezu ab, um sich fortan ausschließlich noch im Haben und Besitzstand zu bewegen und in konventionell-traditioneller Polarisierung. Die auf der „falsch“ gelehrten und gelernten Vorstellung von „Gut und Böse“ basiert – die beiden Seiten der Medaille der „Bewusstwerdung“, wenn man dies erkannt hat.

Was mag sich ändern?

214614_web_R_K_B_by_L. Hofschlaeger_pixelio.deNun, mit der Entscheidung zur Verantwortung bewegt sich der Mensch alsdann auf einem neuen Terrain, bei dem ihm andere Regelprinzipien im Umgang mit seiner Welt sich ihm langsam offenbaren – die natürlichen Regelprinzipien, die es ihm erlauben, mit ganz anderem Sachverstand an die Dinge (Gesellschaft, Ökonomie, Ökologie und Natur) heranzugehen.

Denn das alte System lehrte uns eine Welt der Dinge und Teile, Schuld und der Vorstellung von Objektivität zu seinem Umfeld – ein Irrglauben.

Jedoch haben wir es mit einer Welt der Zusammenhänge und Wechselwirkungen zu tun – offene, dynamische System, vernetzte Beziehungsmuster, kybernetische, symbiotische, synergetische, energetische und kausale Wirkmechanismen und wir stehen mit ihnen in Verbindung.

Dies zu erkennen, ist jedermanns eigener Lernprozess. Und die Neue Zeit fragt nur zwei Fragen: Kennst Du das Wesen des alten Systems (polarisationsfrei, also der Sinn) und welche wahre Bedeutung hat die Verantwortung für die Neue Zeit?

Und Demokratie? Sie bekommt so eine Neue Bedeutung. – Auf geht’s. Hinüber in die Neue Zeit.


Autor: Alexander Berg – http://blog.berg-kommunikation.de/

Seit 1989 ist Alexander Berg in der (Unternehmens-)Kommunikation und Medienentwicklung tätig und wirkt seit 2005 an dem Modell zur ganzheitlichen Neuorientierung ökonomischer Systeme mit. Es heißt Schubäus Modell. Die vorliegenden Erkenntnisse basieren auf 40 Jahren Praxis und über 20 Jahren wissenschaftlich-bestätigender Recherchen des Namensgebers dieses Modell, K. H. Schubäus.

Vortrag von Alexander Berg: Hinüber in die Neue Zeit – Verantwortung als Schlüssel zur neuen Gesellschaft

Bild 1: “Die Zukunft” – Bernd Kasper  / pixelio.de

Bild 2: “Netzwerk” – L. Hofschlaeger / pixelio.de

Beitragsbild: http://blog.berg-kommunikation.de/

Finstere Gedanken aus Mittelerde – Teil 3

von Guido Vobig

Was unterscheidet Geld vom Sonnenschein ? Was unterscheidet Gräber von Wiegen ? Wie äußerst sich wahrer Fortschritt, im Gegensatz zum technologischen Fortschritt des geistreich verkörperten Bewusstseins in menschlicher Darreichungsform ? Welches Muster schlängelt sich als roter Faden einer längst entzündeten Lunte durch die gewohnte, und mit Jahreszahlen belegte, Geschichte der Menschheit, nachdem ihr Fall aus der Gemeinschaft des Lebens bühnenreif wurde ? Woher nimmt die Menschheit seitdem die Energie, um auf die Spitze zu treiben, was ihr durch diese Energie ermöglicht wird ? Und wie kann die Menschheit an einem Energiedefizit leiden, während ihr zugleich immer mehr Energie zur Auslebung ihres Fortschritts zur Verfügung gestellt wird, dem Wahn eines Geistes folgend, der Robustheit anpreist, aber selbst Ausdruck von Fragilität ist ?

Lebewesen, Pflanzen voran, nehmen Sonnenlicht direkt auf, können es jedoch nicht auf die lange Bank schieben. Ein Photon kommt und würde wieder gehen, wenn die Pflanze nicht in der Lage wäre es unmittelbar einzufangen und in Zucker umzuwandeln, um so Energie vorübergehend auf dem eigenen Konto anzulegen. Es besteht immer eine direkte Beziehung zwischen dem Licht, der Pflanze und dem Ordnungsvermögen der Pflanze, woraus letztendlich wohlinformiert der Zucker hervorgeht. Dabei wandelt die Pflanze einzig so viel Licht in Zucker um, wie es ihr möglich ist und wie notwendig es für die Pflanze ist, damit sie in ihrem unmittelbaren Umfeld weiter bestehen kann.

Diese Beziehung geht einher mit Feedbacks und Wechselwirkungen, welche die Qualität der Umwandlung an Veränderungen anpassen und, auf lange Sicht, stets ein möglichst optimales Zusammenspiel verschiedenster Faktoren gewährleisten … im Einklang mit allen anderen Beziehungen und Feedbacks anderer Lebewesen, trotz zunehmender Störungen durch menschliche Lebensformen und ihres Schaffens. Wie der natürlichen Ordnung diese philharmonische Meisterleistung, zur Aufrechterhaltung der HARMONIE, noch immer gelingen kann, trotz all unserer geistigen Ausgeburten, wird Thema eines anderen Artikels, außerhalb dieses schwarzmalenden Vierteilers, sein …

Ganz anders sieht es dagegen beim Geld aus, wobei Geld an sich ist ja nicht das eigentliche Problem ist. Probleme ergeben sich erst aus den Möglichkeiten, die Geld realisieren kann, weil es Währungen darstellt, die eine Spezies ersonnen hat, während Sonnenlicht der Bewahrung aller notwendigen, und somit möglich werdenden, Spezies dient. Zudem hat sich Sonnenlicht im Laufe der realisierten Zeit für das Leben bewährt, was man vom Geld nicht gerade behaupten kann, bedenkt man den nicht enden wollenden Appetit des Kaputtalismus und anderer Experimente. Dieses geschieht vornehmlich dadurch, dass, im Gegensatz zum Sonnenlicht, Feedbacks und Beziehungen verschwinden und Geld, jederzeit und anderswo, von irgendwem eingesetzt werden kann, während das Sonnenlicht das Leben über unmittelbare Zusammenhänge informiert, Stichwort Biophotonen und morphogenetisches Feld. Sonnenlicht kann somit niemals angemessen mit Geld aufgewogen werden, auch nicht als sogenannte Energiealternative mittels Solarzellen oder Solarthermie.

Was für das Verhältnis von Pflanze und Sonne ganz natürlich ist, wird beim Geld zunehmend künstlich. Künstlich bedeutet diesbezüglich nichts anderes, als dass neue Probleme ohne Lösung der vorherigen Probleme auftauchen und diese daher längere Zeit bestehen bleiben und sich, mitunter als Normalität, ansammeln können, während von Natur aus das Problem bereits Teil der Lösung ist und es so nie zur Normalität kommen kann. Daher kann auch keine Digitalwährung die Probleme lösen, welche durch das Geld an sich erst ermöglicht wurden, im Gegenteil, verstärken Digitalwährungen, wie z.B. Bitcoin, das Ausmaß der Beziehungslosigkeit und mangelnder Feedbacks noch zusätzlich. Aus gleichem Grund kann ein Militärbündnis, wie z. B. die NATO, im Versuch für Ordnung zu sorgen, der Gemeinschaft der NATürlichen Ordnung nie das Wasser reichen. Die Kosten (Energiebedarf) übersteigen daher den Einsatz (zur Verfügung stehende Energie), bezogen auf die Verkettungen, die sich, im Versuch Probleme zu lösen, an anderer Stelle bzw. anders geartet, ergeben. Es kommt zur Entwurzelung der Ursprünge im Kontext jener Geschichte, die über lange Zeit ansonsten hätte wachsen können, so eine energetische und energetisierende Tradition darstellend. Stattdessen entwickelt sich zunehmend eine Lügengeschichte voller Wahrheiten, die jedoch nur zwischen den Zeilen zu spüren sind. Wachstum bezeichnet dabei keine, nach menschlichem Ermessen, zunehmende Größerwerdung bzw. Expansion, sondern die sich verstärkende Dichte von sich aufeinander einschwingenden Zusammenspielen und Wechselwirkungen, woraus Kohärenz hervorzugehen vermag.

Was ist mit Entwurzelung gemeint ? Geld ermöglicht mir Tätigkeiten in Anspruch zu nehmen, die ich nicht tätigen kann, z. B. aus Zeitmangel, oder weil mir die körperliche Fähigkeit, derart tätig zu werden, fehlt, oder weil ich an einem anderen Ort bin, als an jenem, wo etwas getätigt werden müsste. Also gebe ich jemandem Geld, der tätigen soll, was ich selbst nicht tätigen kann. Meine Fähigkeiten und Möglichkeiten sind somit vom Ursprung der Notwendigkeit des direkten Tätigwerdens entwurzelt, sei es zeitlich, örtlich, oder physisch. Um diese Entwurzelung auszugleichen kommt das Geld ins Spiel, mitsamt verschiedenster Ungleichgewichte als Reaktion, unter anderem dadurch bedingt, dass Geld und Energie in ihrer Wertigkeit gleichgesetzt werden. Doch allein schon der Blick auf eine Tankstelle verdeutlicht, dass ein Liter Kraftstoff für moderne Motoren in keinem verwurzelten Verhältnis zum Energieeinsatz steht, der den Kraftstoff derart für mich verfügbar werden ließ, bezieht man alle Aufwendungen mit ein, die vom Ursprung des Öls zum Kraftstoff an der Tankstelle führten. In Teil 2 kamen diese Zusammenhänge bereits ausführlicher zur Sprache.

Das Problem des Geldes ist mehr und mehr, dass damit immer mehr geistreich und systematisch möglich wird, was immer weniger systemisch notwendig scheint, damit eine Ausgewogenheit für das Leben als Ganzes überhaupt beibehalten werden kann. Die zwangsläufige Folge ist Dekohärenz, weil der Mensch eigenen Wohlstand anstrebt, anstatt zum Wohle des Lebens eigene körperliche Fähigkeiten auszuschöpfen. Geld versucht so in Gesellschaften das zu ersetzen, was in Gemeinschaften von Natur aus ohne Kosten für andere zugegen ist, nämlich die Beibehaltung und Wertschätzung von Hörensagen und Traditionen, um die Erinnerung an das Ursprüngliche bzw. die Ursprünge lebendig zu halten.

Tradition ist nicht das Halten der Asche,
sondern das Weitergeben der Flamme.
Thomas Morus

Bei einer Pflanze läuft das mittels Photosynthese ebenfalls ganz in der Tradition der HARMONIE, und damit in der Bewahrung der Ausgewogenheit, ausgelebt durch eigenes Vermögen und der eventuellen Erschöpfung der eigenen Fähigkeiten. Stellt sie ihren Zucker einem anden Lebewesen zwecks Nahrung zur Verfügung, indem sie z. B. direkt an Ort und Stelle gefressen wird, geschieht dieses auf ”Kosten” der Pflanze selbst, Kosten, die jedoch niemandem in Rechnung gestellt werden, weil der Sinn dieser Weitergabe von Zucker, als Energie, in der Bewahrung des Lebens als Ganzes liegt und nicht der Vermögensbildung einer einzigen Spezies dient, damit diese Dinge tun könnte, die sie im Rahmen wahren Fortschritts ansonsten nicht realisieren kann. Keine Pflanze kann somit in Anspruch nehmen, was sie selbst nicht imstande ist zu leisten, und wenn sie etwas leistet, wofür sie doch die Hilfe anderer Lebewesen benötigt, z. B. zur Samenverbreitung, dann geschieht dieses im Rahmen von Ausgewogenheit, sprich, soweit möglich, wie notwendig für das Ganze. Ungleichgewichte in der Verteilung von sich ansammelndem Vermögen werden daher wieder ausgeglichen, aufgrund bestehender Feedbacks und Beziehungen, die über lange Zeit gewachsen sind, womit jene ins Spiel kämen, die wir Menschen voreingenommen als Parasiten bezeichnen … und mit viel Energieeinsatz bekämpfen oder zumindest unter Kontrolle zu bringen versuchen.

Beim Geld jedoch geht all das zunehmend verloren, weil der Sinn für Kohärenz in keiner Währung ausgedrückt werden kann, während es immer eher zu immer ausgeprägteren Ungleichgewichten kommt, ohne dass sie wieder, zum Wohle des Lebens auf lange Sicht, ausgeglichen werden. Zumal wir Menschen, zunehmend motivierter und geistreicher, daran arbeiten, dass das Ungleichgewicht weiter bestehen kann bzw. noch verstärkt wird, indem wir Probleme in einem immer komplexeren Muster miteinander verketten, anstatt den Ursprung der Kette in Erinnerung zu behalten. So werden zwar Lösungen gefordert, mitunter unter Einsatz von Geld und Experten, die mit der Lösung beauftragt werden, nur richten sich diese kurzgeschichtlichen Kurzsichtigkeiten, aufgrund von Entwurzelungen, längst verspätet noch dazu, an die falschen Stellen. Derjenige, der Lösungen fordert, braucht dabei nicht selbst aktiv zu werden. So vermag niemand die durch Geld ermöglichten Probleme zu lösen, schon gar nicht durch den Einsatz von mehr Geld, kommt doch erschwerend hinzu, dass wir Menschen meinen die Sonne scheinen lassen zu können, obwohl Nacht ist, oder aber der Himmel voller Wolken hängt. Unser Geldsystem verspricht obendrein ewigen Sonnenschein mittels Krediten und mästet sich mittels Zins am Sonnenlicht, obwohl die Sonne anderswo scheint. Es entstehen künstliche Gräber und Wiegen voller Asche, undenkbar in der natürlichen Ordnung, wo Ungleichgewichte konsequent dynamisch ausgewogen werden, ohne dass Probleme zu lange überwiegen können, da jedes Problem bereits Teil des Lösungsweges ist und Wurzeln bestehen bleiben, ganz in der Tradition von Gemeinschaften und dem Feuereifer für das Wesentliche. Hörensagen, anstelle von Lug, Trug und Eigennutz, von Angesicht zu Angesicht, ganz konsequent, und in direktem Kontakt mit dem Leben.

Nachdem der Mensch das Absägen des eigenen Astes vom Weltenbaum, welches gegen Ende des zweiten Teils der Schwarzmalerei zur Sprache kam, vollzogen hatte, zeigt sich dieses offensichtliche Muster des Gräberschaufelns seitdem vielgestaltig im Verlauf entwurzelter Kurzgeschichten, welche unsere Geschichtsbücher füllen. Zum Beispiel im Wandel von Sprachen und menschlicher Kommunikation im Allgemeinen, was besonders deutlich wird, wenn man indigene Völker zu Wort kommen und sie beschreiben lässt, was uns fortschrittlichen Menschen längst im digitalisierten Schriftverkehr abhanden gekommen ist:

”Once a language is written down, its speakers suffer immediate consequences. One of the first casualities is memory – as soon as you can write something down, the power to remember goes quickly. Also lost is much of the richness and expressivness of language. [ … ] The spoken word is the realm of storytellers, poets, and visionaries, it is a plastic and infinitely expandable medium, an art form. Written language crosses into the domain of word-accountants, ”experts” who spend their lives compiling catalogues of words, immense dictionaries trying to affix an exact, almost numerical value to every utterance and human emotion. Certainly this can be a fascinating pursuit, but it’s the antithesis of creative process, which is what speaking in a free language used to be all about.

Ironically, not only does creativity and expressivness suffer once a language becomes a written language – it also becomes easier to lie. When a story or account is written down, history for example, it becomes the accepted version of truth no matter how false the information, or how biased the source. People who live in the oral tradition, however, have to be able to remember what they said. The only way to be sure of this is to tell the truth.”

Russell Means & Bayard Johnson – If you’ve forgotten the names of the clouds, you’ve lost your way – S. 4

Auch anderswo wird das Wesentliche lebendiger Kommunikation, das Weiterreichen wahrer Informationen, offensichtlich:

”Deklarative Äußerungen in Piraha enthalten nur Aussagen, die unmittelbar mit dem Augenblick des Sprechens zu tun haben, weil sie entweder vom Sprecher selbst erlebt wurden oder weil jemand, der zu Lebzeiten des Sprechers gelebt hat, ihr Zeuge war.

Mit anderen Worten: Alle Aussagen der Piranha sind unmittelbar im Augenblick des Sprechens verankert und nicht in irgendeinem anderen Zeitpunkt.”

Daniel Everett – Das glücklichste Volk – S. 199

Diese zwei Beispiele verdeutlichen, was es mit weiteren Formen von Entwurzelungen auf sich hat und wie Dekohärenz ihren Auftritt auf der Bühne realisiert. Gesprochene, unmittelbare Worte, als Hörensagen, entsprechen demnach dem Sonnenlicht, geschriebene Worte dagegen, erst recht gedruckt, sind dem Geld von Heute nicht unähnlich, von der digitalisierten Variante ganz zu schweigen. Es ist selbiger Weg, den Informationen gezwungenermaßen gehen (müssen), um zu Daten zu werden, die immer wieder kopiert und jederzeit anderswohin verschickt werden können, losgelöst vom ursprünglichen Kontext und der eigentlichen Quelle, ihrer Verankerung beraubt, rastlos seitdem und ohne eigenes Ziel. Ebenfalls undenkbar in Gemeinschaften, wo jedes Mitglied alle anderen Mitglieder kennt und die Verkettung nur so lang werden kann, wie es der Gemeinschaft möglich ist die wesentliche Verankerung in Erinnerung zu behalten. Inflation, als Entwertung von etwas Grundlegendem, etwas Ursprünglichem, verstanden, ist dahingehend immer ein deutliches Zeichen von Dekohärenz und eine Begleiterscheinung von Gesellschaften bzw. Größenwahn. Doch nur so konnte die Verkettung von Problemen gesellschaftstauglich zum roten Faden werden, der sich als brennende Lunte durch die Geschichte der Menschheit frisst, Erinnerungen auslöschend, Beziehungen vernichtend, was wahrlich nicht gleichbedeutend ist mit jener traditionsreichen Flamme, die dem Feuer der Kohärenz des Gesamtbewusstseins entsprang und seitdem als Funken jedem Lebewesen von der HARMONIE erzählt, seit Generationen und interpretierten Jahrmillionen, während das Feuer selbst, fern geistigen Zugriffes und Einflusses, dem Leben die Energie zur Verfügung stellt, die es bedarf, um den Zenit der Entwurzelung zu erreichen … und darüber hinaus (wieder) zusammenzuwachsen, nicht an messbarer Größe gewinnend, sondern, in der Umsetzung von verschiedenen (Grenz)Erfahrungen, vermögender werdend an Kohärenz, als jemals zuvor.

Und damit komme ich wieder auf das eigentliche Thema zurück, zur Energie … obwohl ich das Thema in Wirklichkeit gar nicht verlassen habe.

Ich möchte an dieser Stelle Thomas Gold zu Wort kommen lassen, der im Folgenden reichlich Licht in jene Schwärze bringt, aus der das Öl emporquillt, welches die Entwurzelungen der Menschheit erst zum expansiven Flächenbrand werden ließ, indem es, als Kettenreaktion, Geld, Daten, und indirekte Kommunikation immer notwendiger für den Lauf der menschlichen Geschichten machte, bis zum heutigen Tag …

”First, the energy required to run cellular metabolisms must be available in increments no more than a tenth as powerful as that supplied by even a single solar photon. Expecting a cell to use a photon directly to synthesize a sugar would be more ludicrous than expecting a baseball player to field bullets from a machine gun. Rather, life has devised an extremely sophisticated apparatus to perform the initial task of catching the bullets.

Second, a photon has no patience. Make use of it now or lose it forever. Sunlight cannot be captured in a jar and stored on a shelf. But its energy can be used to set up molecules such as sugars, that will deliver energy on combining with atmosheric oxygen. [ … ] Chemical energy thus carries the advantage of availability, offering an adjusted amount where and when it is needed.”

Thomas Gold – The deep hot biosphere – S. 13

Besagte chemische Energie ist mit den Problemen des Geldes, der Daten, und der Schrift(en) gleichzusetzen, sitzen sie doch allesamt im selben Boot, welches seinen Anker längst verloren hat, beziehungslos und ohne Feedbacks zu den Ursprüngen der Probleme und des PROBLEMS an sich, und zum Kontext der Ursprünge im dynamischen Gefüge des GANZEN. Aus diesen Gründen konnte der technologische Fortschritt der Menschheit zu dem werden, was er ist, seinen Imperativ geistreich in Szene setzend, denn seine Möglichkeiten scheinen inzwischen transhumanistisch endlos und somit verlockend, sich so mehr und mehr Hauptrollen auf der Bühne des Lebens an Land ziehend, der Verkettungen von immer weiteren Problemen wegen, die immer weiterer neuer Kostümierungen, Updates und Designs bedürfen, besagter energetischer Kettenreaktion gleich, die uns Menschen immer mehr Objekte bzw. Vokabeln der realen Bildersprache hervorbringen lässt, allesamt aufbauend auf entwurzelter Energie, den Anschein (noch) wahrend ein währender Phönix aus der Asche unzähliger Gräber zu sein.

Im obigen Zitat von Thomas Gold steckt der Teufel indes im Detail, genauer, im unscheinbaren Wort ”adjusted’‘, welches anmerkt, woher der Mensch seine Probleme bezieht, verhält er sich doch keineswegs seinen Fähigkeiten und seinem Umfeld angemessen, ohne jedoch Konsequenzen für sich selbst fürchten zu müssen, solange seine Spur sich durch das Kappen von Beziehungen und Feedbacks in der Normalität verliert.

Dass wir Menschen die uns zur Verfügung stehende chemische Energie längst nicht mehr in Ausgewogenheit mit dem Leben als Ganzes nutzen, wie es in der natürlichen Ordnung allgegenwärtig und fortwährend geschieht, sondern, immer härter umkämpft, immer häufiger einzig zu unserem eigenen Vorteil (aus)nutzend, wird deutlicher, wenn man eine kleine Zeitreise zurück zum Ursprung des fortschreitenden Menschen macht, dorthin, wo, paradoxerweise, seine Sesshaftigkeit konkreter wurde, denn je weniger der Mensch selbst innerhalb seiner Möglichkeiten und Fähigkeiten aktiv zur Ausgewogenheit des GANZEN beitragen will, desto mehr greift er auf entwurzelte Energie zurück, um den Fortschritt fortschreiten zu lassen, während er selbst im Wesentlichen immer träger wird, sich selbst in einem Dickicht von Sicherheiten und Gewohntem an die Kette legend.

In einer fortschrittlichen verkehrten Welt ist Fortschritt Rückschritt,
es sei denn der Fortschritt geht der Wirklichkeit entgegen
bzw. er dient dem Wohle des Lebens als Ganzes.

So nutzte der Mensch zu Beginn seiner Entfremdung von der Gemeinschaft des Lebens immer mehr Holz von der Oberfläche der Erde, über das Maß hinaus, welches den menschlichen Gemeinschaften bis dahin zum (Über)Leben genügte, damit beginnend dem direkten Umfeld die Möglichkeit der notwendigen Regeneration zu rauben. Sesshaftigkeit ließ Gemeinschaften wachsen und zwangsläufig zu Gesellschaften werden. Handel entstand, die Schrift wurde notwendig, ein Geldsystem ebenfalls, wesentliche Beziehungen gingen verloren, genau wie Feedbacks … und mit ihnen Informationen, derer es jedoch bedarf, um das GANZE, trotz zunehmender Herausforderungen, möglichst ausgewogen ”am Laufen zu halten”, Dynamik genannt, Konsequenzen inklusive. Der Fortschritt der Menschen nahm damit seinen ganz eigenen Lauf, im Versuch der Ausgewogenheit seitdem immer schneller davon zu eilen, in Form von Wettläufen und Wettkämpfen.

Viele Generationen später genügte den Menschen das Holz, und dessen gewachsene chemische Energie, längst nicht mehr und sie gruben unter der Oberfläche der Erde nach Kohle, ganz neue Möglichkeiten für sich entdeckend und auf der Oberfläche zum Ausdruck bringend, auf der zunehmend Platz benötigt wurde, damit die Entwurzelung der eigenen Spezies vom Leben als Ganzes gesellschaftsfähig als Notwendigkeit verkauft werden konnte. Die Wurzeln, die gekappt werden konnten, wurden im Rahmen der Industrialisierung bedeutender und weitreichender, die Folgen der Entwurzelung, durch den Einsatz der Kohle, komplexer und länger andauernd, die Dekohärenz fördernd, nicht aber den Gemeinschaftssinn des Lebens.

Doch all das war noch nichts gegen das, was, wieder Generationen später, das Erdöl ermöglichte, gewonnen aus noch tieferen Schichten der Erde, dort bohrend, wo die Folgen für das Leben um ein weiteres Vielfaches weitreichender wurden, jene Komplexität hervorbringend, die uns heute immer lauter nach immer mehr Sicherheitsvorkehrungen und Gesetzen, nach Schranken und Grenzen, um Hilfe rufen lässt.

Je mehr Möglichkeiten wir aus der Tiefe hoben, desto weiter und schneller schritten verschiedenste Techniken und Technologien voran, desto mehr Hauptrollen rissen das Geld, die indirekte Kommunikation und Daten an sich, desto größer und weitreichender wurde das Energiedefizit, welches wir schufen, obwohl wir immer mehr chemische Energie für unsere Zwecke einsetzen … auf Kosten allen Lebens, uns selbst inbegriffen, es aber nicht wahrnehmend bzw. wahr haben wollend, und so mit immer mehr Einsatz von Energie immer heftiger das bekämpfend, woran wir selbst immer mehr leiden … wobei dieser Kampf von den menschlichen Gesellschaften inzwischen als Normalität empfunden wird.

energie

Sklaverei ist längst nicht mehr gesellschaftsfähig und doch ist sie auch in modernen Zeiten allgegenwärtig. Zwar sind wir Sklaven ohne offensichtliche Ketten, weil die immer länger werdende Verkettung von Problemen nicht als zunehmend schwerer wiegende Kette wahrgenommen wird, welche uns modernen Menschen mit dem eigentlichen PROBLEM der Menschheit verankert. Die wesentlichen Beziehungen und Feedbacks, die verloren gegangen sind, lassen so die einzelnen (Mit)Glieder der Verkettung aus der Erinnerung Einzelner und ganzer Gesellschaften nach und nach verschwinden. Die Geschichte, welche die Verkettung als GANZES erzählt, verändert sich fortwährend, Unmittelbarkeit durch Infrastrukturen, Wesentliches durch Künstliches, und Wahrheit durch Lügen ersetzend, Lügen, die nichts anderes sind, als reaktive Möglichkeiten, die sich erst durch das Nutzen von entwurzelter Energie ergeben, wodurch das verkörperte Potenzial Einzelner den Rahmen sprengt, in welchem Einzelne ansonsten wirken würden, wenn sie direkt im Sinne des Lebens tätig wären und selbst Konsequenzen zu tragen hätten.

Globalisierung ist demnach ein sich beschleunigender Prozess die Erde komplett in Ketten und Asche zu legen und obendrein in weiteren Verkettungen von Problemen zu verwickeln, zu erkennen an den asphaltierten Straßen, die wir mit Produkten aus Erdöl befahren und begehen, den Kondensstreifen unserer kerosinbetriebenen Flugzeuge, und den gewellten Spuren unserer diesel- und altölbetriebenen Schiffe auf den Weltmeeren. Ganz zu schweigen von den Datenleitungen und -übertragungen, die sich unseren Blicken entziehen, und all den Gewohnheiten, Erwartungen, Zwängen und Normen, die wir inzwischen zur Bewahrung unserer fortgeschrittenen Normalität, auf Öl gebaut, benötigen, nicht aber zur Bewahrung der HARMONIE.

So leben in modernen Gesellschaften immer mehr Energiesklaven in einer Umgebung des Raubbaus … doch der Schein unseres unkontrollierbaren Appetits auf Energie mag trügen und das Unkontrollierbare in der Tat ganz natürlich sein, bedenkt man, woher die Energierohstoffe kommen, die all das erst möglich werden ließen und (Mit)Glieder von Gemeinschaften folgenschwer in eine Agenda verwickelten, aus der es keinen Ausweg zu geben scheint, geheimnisvolle dunkle Gesellschaften ins Leben rufend, die ihrerseits Ausdruck für unser Unverständnis sind die Wahrheit im GANZEN zu fühlen bzw. für unser Unvermögen, dem Wesen des Lebens direkt in die Augen zu blicken und die real(isiert)e Komplexität zu durchschauen. Bedenkt man zudem, dass die Energiegewinnung aus der Tiefe umso mehr Energie freizusetzen vermag, je mehr dieses auf Kosten allen Lebens geschieht … zum scheinbaren Wohle von uns EINEN, den Menschen … dann mag man sich fragen, wer oder was den technologischen Fortschritt, mitsamt seinem folgenreichen Imperativ ”Zum Wohle Einzelner, auf Kosten Aller”, ursprünglich ersonnen hat.

Die Macher von NextNature mögen mit ihrer Aussage, dass alles Natürlich ist, was von Menschen nicht kontrollierbar ist, auch wenn es von uns Menschen geschaffen wurde, sei es ein Atomunfall oder ein Waldbrand durch Brandstiftung, durchaus den Erwartungen des modernen Zeitgeistes entsprechen. Doch bringt man jenes biozentrische Geheimnis mit ins Spiel, von dem hier bereits ausführlich die Rede war, dann offenbart sich ein ganz anderes Bild, nämlich das Bild von einer natürlichen Ordnung, die Natur inbegriffen, die den unkontrollierbaren Geist, der menschliches Bewusstsein fortschreitend Gräber ausheben lässt und Asche über verkörperte Häupter bringt, stets gut im Griff hat … und damit jederzeit unter Kontrolle. Jedoch nicht des eigenen Sicherheitsbedürfnisses und der Planungssicherheit für die eigene Zukunft wegen, sondern sich der eigenen Fähigkeiten stets bewusst und somit bis zur Erschöpfung dieser an jene Grenze gehend, welche die HARMONIE des GANZEN zu bewahren vermag.

Des Menschens Wille ist dabei so frei, wie er auf lange Sicht im Sinne des GANZEN ist, ist er es jedoch kurzfristig nicht, erfährt es der Mensch unmittelbar, es für gewöhnlich jedoch gänzlich missverstehend, so den Fortschritt weiter anfeuernd, in der Bekämpfung der vermeintlichen Aggression all der ANDEREN und all der Andersartigen, ohne jemals selbst in direktem Kontakt mit ihnen eigene, im Wesen verwurzelte, Fähigkeiten konsequent einbringen zu müssen. Kein Wunder, dass Hörensagen in fragilen Gesellschaften inzwischen eine ganz andere Bedeutung hat, als in antifragilen Gemeinschaften. Woraus diese Verkettungen ersichtlich werden ? Nun, vielleicht aus den finsteren Gedanken, die uns aus Mittelerde entgegenfließen … dort, wo mächtige Ringe geschmiedet werden.

Oil is the shadow of the Sun, its unconscious manifestation.
It is ancient sunlight and, it follows, that all nutrition,
photosynthesis and the majority of energy originate in space.
While all previous civilisations relied on the white sun,
the black fossil sun dominates our thoroughly modern western existence.
Antti Salminen

Wie lange werden wir Menschen noch die Möglichkeit haben der Natur jenes Geschenk mit folgenreicher Gewalt zu entreißen, welches uns von ihr dargeboten wird, freiwillig, aber nicht ohne Ziel, schließlich können die Auswirkungen unseres Fortschritts nicht endlos von der natürlichen Ordnung im Einklang mit der HARMONIE des GANZEN gehalten werden, aus dem einfachen Grund, dass unser Fortschritt auf der fortschreitenden Vernichtung der Lebensgemeinschaft aufbaut, zu welcher wir selbst gehören, es aber mehr und mehr leugnen. Das bedeutet, dass wir nur so weit mit Hilfe des Geschenks aus der Tiefe der Erde fortschreiten können, wie alle anderen Lebewesen ihrem Wesen treu bleiben können und somit in der Lage sind den goldenen Mittelweg der Ausgewogenheit zu bewahren, sind wir Alle doch Eins, auch wenn die Stimme eines Geistes uns Menschen unentwegt etwas anderes ins kollektive Gehör flüstert.

Da können wir eigentlich nur dankbar sein, dass fossile Energieträger endlich sind und ihren, wenn auch völlig unangemessenen, Preis haben, nicht auszudenken, wenn sie nicht endlich … und obendrein nicht fossilen Ursprungs … wären. Doch genau das behauptete Thomas Gold bereits gegen Ende des letzten Jahrtausends in seinem Buch THE DEEP HOT BIOSPHERE, dessen, bis heute, kontroversen Aussagen Sie unter folgenden Links nachlesen können:

Ist Erdöl wirklich endlich Teil 1

Ist Erdöl wirklich endlich Teil 2

Von Knappheit keine Spur – das Geheimnis des Erdöls

Die abiotische Theorie und Peak Oil

Öl-Entstehungstheorie: Entsteht Öl abiotisch am/im Erdmantel?

The ‘Abiotic Oil’ Controversy

The abiotic origin of petroleum

Wäre das Ende der weiteren Verkettung all unserer Probleme endlich in Sicht, wenn tatsächlich viel, viel mehr Öl viel, viel länger zur Verfügung stünde, als angenommen, als gemeinhin erwartet ? Wäre das Ende der Kriege in Sicht, die einzig gefochten werden, um Energiequellen zu sichern und in deren Verlauf weitere Wurzeln ihres Ursprungs beraubt werden ? Wäre es nicht ein Segen für die Wirtschaft, den Wohlstand, und für die Menschheit selbst ? Bekäme der technologische Fortschritt nicht einen gewaltigen Schub an dem alle Menschen teilhaben könnten, bedenkt man, was er bisher erschaffen hat, in der Annahme Öl sei endlich … und in der Annahme er diene der Lösung der Probleme, die der Mensch mit dem Leben hat ?

Die Antwort auf all diese Fragen lautet ganz klar NEIN, denn das einzige, was uns bisher davon abgehalten hat den technologischen Super-GAU, mit all seinen Konsequenzen für das Leben als Ganzes, zu realisieren, ist die allgemeine Erwartung, dass Öl endlich ist und die weitere Gewinnung immer aufwendiger und kostspieliger wird, in jeglicher Hinsicht. Peak Oil als Rettungsanker ?

Nun, Theorien, graue, wie farbenfroh ausgeschmückte, entstehen, weil direkte, unmittelbare Zusammenhänge, sprich, Beziehungen und Feedbacks im Wesentlichen verloren gegangen sind, oder anders ausgedrückt: je mehr Entwurzelungen, in Form von Geld, Daten und indirekter Kommunikation bzw. schriftlicher Aufzeichnungen eine Rolle spielen, desto mehr verschiedene, und verschieden motivierte, Weltbilder bestimmen das Gesamtbild der Realität. Die Allgegenwärtigkeit entwurzelter Energie bildet da keine Ausnahme, ermöglicht diese doch erst Einzelbilder des Gesamtbildes, ohne auf Stimmigkeit, sprich, Kohärenz, Rücksicht nehmen zu müssen. Dabei ist es im Grunde aus Sicht des GANZEN egal, welche Theorie nun richtig ist, weil erst alle möglichen Theorien das Bild des GANZEN ergeben und in ihrer Verschiedenheit und wechselnden Popularität für die notwendige Dynamik sorgen, um die Entwicklung problematischer Verkettungen solange voranzutreiben, bis die Kette letztendlich zu bersten droht bzw. bis der Geist den Zenit seiner Einflussnahme auf menschliches Bewusstsein überschritten hat, womit die Problematisierung des PROBLEMS ihren Höhepunkt erreicht hätte, nicht aber die Bewusstwerdung des Lösungsweges.

Dabei ist die Frage, ob Öl biotisch oder abiotisch entstand bzw. entsteht, gar nicht vordergründig. Ebensowenig spielt das Ausmaß der Ölvorkommen die erste Geige in der Betrachtung des real(isiert)en Gesamtbildes. Entscheidend ist, dass die Diversität an Theorien einen wesentlich tiefgründigeren Blick in das Wesen des Lebens bietet, als jede einzelne Theorie an sich. Das Öl ist somit auch hier nur Mittel zum Zweck und der Zweck ist die Bewusstwerdung der eigentlichen Rolle von Energie, für das Leben allgemein und für uns Menschen im Speziellen. So haben Holz und Kohle ihren Ursprung im Sonnenlicht und damit im Leben auf der Erde. Das Öl jedoch ist die Manifestierung der finsteren Gedanken der Sonne, jene Gedanken, die sich ihrem Einfluss auf das Leben entziehen und so eine Altlast darstellen, die uns ein kosmisches Erbe vermacht hat und zudem nicht von dieser Welt ist. Es ist der dunkle Schatten, der noch nicht von seinem Potenzial an Unordnung erlöst werden konnte, einem dunklen Familiengeheimnis ähnlich, welches noch Generationen später für allerhand Schicksalsschläge sorgt. Doch der Reihe nach …
So schreibt Thomas Gold:

”The earth supports not one but two large realms of life: surface life fed by photosynthesis, which is familiar to us all, and deep life, fed by chemical energy that has penetrated up from below. We have only just begun to explore the inhabitants and the reach of the deep realm. I suspect that until microbes drawn up from the deep are perceived as representatives of a wholly distinctive biosphere, rather than as isolated and ingenious adaptions of surface life pushing back the frontiers of habitability, research on deep life will remain sparse and largely unheralded. If the shift in perspective does take place, however, a veritable explosion of new ideas will surely permeate two of the most speculative yet philosophically engaging issues in science: the origin of life and the prospects for extraterrestrial life.”

Thomas Gold – The deep hot biosphere – S. 165

Und weiter:

”There is (as yet) no evidence on the nature of that sequence or on the relationship these two realms have had with each other over time. They may be essentially independent of one another at present. If all the photosynthetic surface life were to disappear, for example, the deep subsurface life might continue essentially as before. Similarly, if for some reason deep life were to disappear, we know of no reason why this would have much impact on the photosynthetic surface life – at least in the short term. (It might make a difference in the long term, because there may occasionally be beneficial exchanges of genetic material between the microbial life at depth and the surface life.)”

Thomas Gold – The deep hot biosphere – S. 165

Wie diese beiden Lebensräume gemeinsam an der Bühne des Lebens mitwirken beschreibt der hier verlinkte Text näher, aus Sicht derer, die sich nicht scheuen, den Rahmen der Betrachtung der Realität mal ein wenig über das sonst übliche Maß hinaus zu spannen. Doch auch wenn diese Betrachtungen das Wesentliche, nämlich das Bewusstsein und die Bewusstwerdung der HARMONIE im GANZEN, außer Acht lassen, so vermögen diese Theorien im Laufe der Zeit wie Wasser zu werden und uns die Büchse der Pandora, die mit dem Öl gefüllt ist, welches wir Menschen aus der Tiefe der Erde ans Tageslicht befördern, als das Geschenk anzunehmen, welches die vermeintliche Büchse wirklich ist, schließlich dürfte es keineswegs Zufall sein, dass wir Menschen tiefer bohren müssen, um unseren Fortschritt voranzutreiben und dabei für immer mehr Entwurzelungen sorgen, auf zunehmende Kosten derer, die jedoch zwingend notwendig sind, um die HARMONIE des GANZEN biozentrisch bewahren zu können. Hier treffen offensichtlich mehrere Notwendigkeiten aufeinander, damit etwas Einmaliges ermöglicht werden kann. Der Zufall zeigt sich somit höchstens in dem Sinne, dass der Fall, den die Menschheit als Verkörperung von Bewusstsein, vollzogen hat, zu dem führen muss, was unmittelbar vor uns liegt, sich in der Masse als maximal möglich werdende Versklavung der Menschheit, in Gestalt von Energiesklaven, offenbarend.

Wie man in das Bohrloch hineinruft,
so schallt es von überall her.

Ohne die Möglichkeiten des Öls hätten wir die vermeintliche Grenze unseres Universums nie als solche interpretieren können, denn all die modernen Gerätschaften, Bauteile, Teleskope, Computer und dergleichen, wären ohne das Öl aus der Tiefe der Erde nicht realisierbar gewesen. Umso mehr mag es da verwundern, dass wir dem eigentlichen Kern der Erde selbst, von der aus wir die Grenze des Universums ersonnen haben, noch so fern sind, wie hier anschaulich beschrieben wird.Umso weniger verwundert es dagegen, dass umso mehr Theorien im Umlauf sind, je größer das Universum durch Beobachtungen und Interpretationen wird und je tiefer wir in die Erde hineinrufen bzw. hinabschauen, ohne das Offensichtliche in Erwägung zu ziehen.

Übertragen auf das Gesamtbewusstsein, welches alles Leben in immer mehr fragmentierten Formen verkörpert, stellt sich die Weite des Universums, bis hin zum Kern der Erde, als biozentrischer Prozess der Bewusstwerdung all der Möglichkeiten dar, die das Gesamtbewusstsein bedarf, um die Notwendigkeit der Optimierung dieses Prozesses zu erreichen, wobei die Optimierung im Sinne von Intensivierung, von Vertiefung, des Gemeinschaftsgefühls zu verstehen ist, zu welcher das Leben als Ganzes im Laufe dieses Prozesses fähig sein wird.

Öl, als schwarzes flüssiges Gold, ist im Grunde die Reinkarnation all der Möglichkeiten, die in ”vorherigen” Bewusstwerdungsprozessen für derart reichlich Unordnung gesorgt hatten, dass es weiterer Prozesse bedarf, um sie in wahres Gold, sprich Kohärenz, überführen zu können. Öl ist die bereits angedeutete Altlast, mit der wir, als kosmische Nachfolgegeneration bzw. Nachfolgeinterpretation von verkörpertem Leben, nur unseren Fortschritt nähren, um unseren unstillbar scheinenden Appetit nach Mehr als den eigentlichen HUNGER auf das Wesentliche zu erleben. Dass wir im Laufe dieses Prozesses vor HUNGER dem Wahn der Entwurzelungen verfallen und uns selbst in der Komplexität der Realität als Energiesklaven verketten, ist notwendig. Dabei verhalten sich unser Fortschritt und unser Appetit nach Mehr, im Gegensatz zum wahren Fortschritt und dem Stillen des HUNGERS, wie bunte Verpackungen voller Süßigkeiten zu Wildkräutern in, von Menschen, unberührter Natur.

Es ist tatsächlich wie im ”richtigen” Leben: Probleme lassen sich nicht lösen, indem man einem Appetit folgt und unablässig weit mehr in sich hineinstopft, als man, energetisch angemessen, in der körperlichen und geistigen Lage ist umzusetzen. Den HUNGER dagegen angemessen zu stillen und Probleme gar nicht erst zu einer Verkettung weiterer Probleme werden zu lassen, bedarf weit mehr als mehr Energie aufzunehmen, als notwendig ist. Dessen ist sich jede Pflanze bewusst … und all die Erscheinungsbilder indigener Gemeinschaften, sowie alle Lebewesen in freier Wildbahn, sprechen diesbezüglich eine deutliche Sprache, ganz direkt und fest verankert in der Tradition der Lebensgemeinschaft, von der sich die Menschen mehr und mehr entwurzeln.

Wahn ist eine Geisteskrankheit, die sich im Lebendigsein heilt.
Wolfgang Jensen

Teil 4 dieses schwarztragenden Trauerspiels wird versuchen jenem Wesen auf die Spur zu kommen, welches sich im Laufe der bisherigen Problematisierung, mittels reichlich Energie, verpackt als immer süßer schmeckende Appetithäppchen, geschickt aus dem Rampenlicht der Öffentlichkeit bzw. Offensichtlichkeit heraushalten konnte, jedoch nur, weil der technologische Fortschritt sich nach wie vor mit all seinen Versprechen und Annehmlichkeiten als Wesentlich für das Leben zu verkaufen weiß und sich immer geistreicher in Szene zu setzen vermag.
Teil 4 beantwortet somit die Frage, was die äußere Grenze des Universums mit dem Kern der Erde verbindet, so, wie das Leben auf der Erde mit dem Leben in der Erde in Verbindung steht … und das Unterbewusstsein allen Lebens mit dem wahren Wesen des Lebens, über den Weg der Bewusstwerdung …

Muss man wirklich immer tiefer bohren, um letztendlich zur Wahrheit zu gelangen … oder genügt es zu erkennen, woraus die Ketten beschaffen sind mit denen die Probleme der Menschheit in der Wirklichkeit verankert sind, während die Menschen, als bereitwillige Energiesklaven, sich dessen in der Masse jedoch noch unbewusst, weit über ihre Verhältnisse zum Leben als Ganzes leben ?

Ein Ring sie zu knechten,
Ein Ring sie zu finden,
Ein Ring sie ins Dunkel zu treiben
und ewig zu binden.

Zum Abschluss von Teil 3 kommt noch einmal Thomas Gold zu Wort. Er greift auf, womit Teil 3 begann. So schließt sich, einem Ring gleich, ein weiteres Kettenglied und wird Teil der 13,7 Mrd. Lichtjahre langen Verkettung des eigentlichen PROBLEMS …

”The present viewpoint, popular in Western countries, is that earthquakes are of purely tectonic origin, caused by an increase of stresses in the rock. But this viewpoint came into being only around the start of twentieth century. At about that time, the seismograph was invented and put into use. Its availability meant that earthquakes could be investigated in fine detail from the seismic records obtained. Data could now be collected by seismographs installed in places far removed from an earthquake event, and those data would be utterly quantitative and untainted by subjective interpretation. The invention of the seismograph meant that it was no longer necessary to experience an earthquake directly, or to interview someone who had, in order to assemble data on the event. The opportunities offered by this new technology were rarely supplemented by eyewitness reports. Such reports, which were inevitably qualitative and tarnished by subjectivity, unfortunately were no longer believed to hold any value for the scientific venture. But there is much that can still be learned from them.”

Thomas Gold – The deep hot biosphere – S. 145

Ein Stich mitten ins Herz jenes Geistes, der weiterhin sein Un-Wesen treiben kann ? Nein, dieser Geist ist herzlos, ohne Mitleid, und frei von Empathie, doch es ist nicht hoffnungslos, dass mancher Stich das wachzurütteln vermag, was im Kern, still und verborgen, vor sich hinzurosten scheint …

Sting – We work the black seam

The seam lies underground
Three million years of pressure packed it down
We walk through ancient forest lands
And light a thousand cities with our hands
Your dark satanic mills
Have made redundant all our mining skills
You can’t exchange a six inch band
For all the poisoned streams in Cumberland
Your economic theory makes no sense

Teil 1 und 2:

Teil 1 … Schwarze Pflanzen als Zeichen des Fortschritts

Teil 2 … Schwarzes Gold als Zeichen der Verbundenheit

Teil 4 … Schwarzmalerei, denn Geist ist böse und Energie hat Schuld daran


Quelle: faszinationmensch.com

Autor: Guido Vobig

Beitragsbild: Didi01 / pixelio.de

Schwarzes Gold als Zeichen der Verbundenheit – Teil 2

von Guido Vobig

New wooden wall at our officeUm der eigentlichen Agenda des technologischen Fortschritts auf die Spur zu kommen und um seine scheinheilige Kostümierung der maskenhaften Robustheit zu durchschauen, sich so der darunterliegenden Fragilität bewusst werdend, folgen wir neben Tere Vadén zwei weiteren Autoren, die gemeinsam enthüllen, woraus der technologische Fortschritt der Menschheit gestrickt ist.

Anbei ihre Darlegungen, ausgeführt in meinen Worten … und auch wenn nun viele schwarze Punkte folgen, welche einen roten Faden zur Lunte werden lassen, sollte der lange Weg zum energetischen Knallbonbon letztendlich ein lohnender sein, denn die Offensichtlichkeit allgegenwärtiger Schwarzmalerei ist in der Tat das perfekte Versteck, welches ein Geist ersonnen hat, der sein Handwerk versteht …

Tere Vadén – One step further

  • Indigene Kulturen liefern die weitreichenste und ausführlichste Dokumentation von Nachhaltigkeit, sprich, Cradle-to-Cradle.
  • Die Menschheit ist heutzutage so zahlreich vertreten und die Zerstörung der Umwelt so fortgeschritten, dass es unmöglich ist, ohne weitere Gräber zu schaufeln, einem indigenen Lebensstil nachzugehen und sich wie gewohnt in Sicherheit zu wiegen.
  • Der Mainstream sieht die Menschheit als unabhängig von der Natur an, er spricht gar von einem Sieg über sie, der bereits errungen scheint.
  • Dieser vermeintliche Sieg konnte aber nur durch den Einsatz hochwertiger Ölvorkommen realisiert werden.
  • Technologischer Fortschritt macht Rückschritte, in Abhängigkeit von den ihn ermöglichenden Energieträgern, jederzeit möglich.
  • Der technologische Fortschritt ist so einmalig wie der Energieträger, der ihn nährt.
  • Alles Plastik dieser Welt ist in den letzten knapp 100 Jahren entstanden.
  • Der gesamte menschgemachte Fortschritt basiert auf nicht-menschgemachten Energieträgern, die nicht erneuerbar, und damit einmalig, sind.
  • Ohne diese Energie bewegt sich der gesamte technologische Fortschritt kein bisschen (weiter fort).
  • So gesehen hätte NextNature Recht mit der Behauptung, dass etwas umso natürlicher ist bzw. wird, je unkontrollierbarer es von Menschen ist bzw. wird, denn die zukünftige Energieversorgung des Fortschritts ist alles andere als unter Kontrolle.
  • Was wir, bezogen auf das moderne Leben, als ‘gegeben’, als ‘selbstverständlich’ ansehen, ist in der Tat einmalig.
  • Die natürliche Ordnung kann nicht perfektioniert werden, auch nicht prinzipiell, schon gar nicht von Menschen, egal, wie geistreich zu Werke gegangen wird.
  • Der Mensch kann höchstens danach streben die natürliche Ordnung, und die Natur insbesondere, nicht zu un-perfektionieren, wobei der technologische Fortschritt genau das nicht ermöglicht.
  • Unser modernes ”Verständniss” von Design und Verbesserung schafft eher Gräber, aber keine Wiegen … von Nachhaltigkeit keine Spur, da längst natürliche Feedbacks und Erfahrungen von Generationen dem kurzfristigen Profit zum Opfer gefallen sind.
  • Was indigenen Hütern von Wiegen heilig war, sprich, dem wahren Wesen des GANZEN entsprach, ist längst der Effizienz von Produktionsprozessen gewichen … Trennung, statt Vereinigung … Entfremdung, statt Gemeinschaft … Expansion, statt Ausgewogenheit.
  • Indigene Erfahrungungsschätze und gewachsene Erkenntnis, direkt weitergegeben durch Bräuche, Riten und orale Erzählungen (nicht durch Niederschriften !) sind in ihrem wahren Wert für die Nachhaltigkeit nicht wissenschaftlich erfassbar, das Vermögen der Wiegen verschwindet in den Gräbern modernen Unvermögens.
  • Technologischer Fortschritt, in Form der Industrialisierung jedweder Art, zerstört die materiellen Bedingungen nachhaltiger Erkenntnisse und die Erkenntnisse selbst, wodurch der weitverbreitete Eindruck entsteht, dass der Fortschritt im Grunde gar nichts zerstört hat, weil ja scheinbar nichts vorhanden war, was zerstört werden hätte können … Leugnung der Kohärenz, der Verbundenheit allen Lebens miteinander.
  • Die Nutzung von Energieträgern, die ein hohes Maß an Überproduktion ermöglichen, versperren die Möglichkeiten Kohärenz erfahrbar, spürbar, zu machen, weil die Feedbacks und zyklischen Kreisläufe zwischen Produktion und Verbrauch, zwischen eigentlichem Rohstoff und Abfällen, durchtrennt werden.
  • Cradle-to-Grave ist der Verlust natürlicher Feedbacks und zyklischer Kreisläufe, die über viele Generationen dynamisch, und damit auf lange Sicht ausgewogen, mit den Anforderungen gewachsen sind.
  • Unser technologischer Fortschritt ist Ausdruck unserer Selbstüberschätzung und zugleich Verkennung unserer wahren Rolle für das GANZE.
  • Um nachhaltige Lebensstile zu realisieren, im Sinne von Cradle-to-Cradle, bedarf es der fortwährenden Kooperation mit jener nicht-menschlichen Umgebung, die unsererseits nicht unter Kontrolle zu bringen ist, unter Einsatz benötigter Energie, die nicht entwurzelt ist, sprich, direkt vor Ort des Bedarfs ausreichend zur Verfügung steht, ohne, immer beziehungsloser zum eigentlichen Ursprung, von A nach Z, über B bis Y, geleitet und umgewandelt zu werden … Informationsverlust.
  • Die Konsequenzen, die sich dadurch für das Leben am Ursprung A ergeben, dass in Z mit der ursprünglichen Energie etwas gebaut bzw. produziert werden kann, gehen nicht in die Erfahrungen ein, die die Produktion mit sich bringen, auch Feedbacks finden keine Berücksichtigung … ölreiche Gegenden verkommen auf Kosten der Prosperität anderswo, wobei diese Prosperität ihrerseits seltsame Blüten treibt, in Form schwarzer Blätter, als Ausdruck von Entfremdung, Künstlichkeit, Raubbau und Dekohärenz, denn die Masse der Menschen zieht es dorthin, wo der technologische Fortschritt zu verführen weiß.

 Tere Vadén – Oil and the Regime of Capitalism

  • Kapitalismus ist ein sehr fragiles System.
  • Umweltprobleme haben kein Limit jenseits welchem sie uns als intolerabel erscheinen, denn solange es langsam genug geschieht können sie immer schlimmer werden.
  • Solange Veränderungen langsam genug geschehen erscheinen sie den Menschen nicht negativ genug, um sich weiter ihrem (kapitalistischen) Schicksal zu ergeben.
  • Nichts läuft ohne günstiges Öl.
  • Unsere Gesellschaft baut komplett auf natürlichen Rohstoffen auf, die endlich und einzigartig sind.
  • Öl ist konserviertes Sonnenlicht.
  • Technologischer Fortschritt bringt Ölsklaven hervor.
  • Wenn EROEI, “Energy Return on Energy Invested” , auf Deutsch ”Energieerntefaktor”, für eine Lebensform negativ ist, rückt ihr Lebensende umso eher näher, je länger / ausgeprägter EROEI negativ bleibt.
  • Technologischer Fortschritt ist abhängig von dem hohen EROEI hochwertiger Ölquellen.
  • Um die Produktivität und Effizienz des Fortschritt am Laufen zu halten bedarf es immer mehr Menschen, die, um leben zu können, einer bezahlten Arbeit nachgehen müssen, anstatt einfach leben zu können, genannt Wirtschaftswachstum … Expansion.
  • Es gibt immer weniger hochwertige Ölquellen.
  • Die solare Energie, die über sehr lange Zeiträume im Öl gespeichert wurde, wird durch uns Menschen in einem Bruchteil dieser Zeit umgewandelt (in reaktive Unordnung).
  • Das kapitalistische und sozialistische Wirtschaftssystem des letzten Jahrhunderts basierte auf einem einmaligen Geschenk, einmalig, weil unwiderbringlich, und einmalig, weil inzwischen nahezu verbraucht.
  • Insbesondere die moderne Landwirtschaft benötigt hochwertiges Öl mit hohem EROEI … immer mehr Menschen essen dadurch bedingt Tonnen hochwertiges Öl (statt natürlicher und naturbelassener Nahrung).
  • Basiert (insbesondere) die Hegemonie westlicher Staaten nicht weniger auf moderner Naturwissenschaft und Technologie, und nicht weniger auf den Früchten des Zeitalters der Aufklärung und der Individualität, als vielmehr auf dem natürlichen Geschenk aus Kohle, Gas, Öl … und Uran ?
  • Ohne hochwertiges Öl keine auf Dauer brauchbaren Energiealternativen, weder nuklearer, noch ”grüner” Art, denn deren EROEI sinkt, des energetischen Raubbaus wegen.
  • Der Fluch des technologischen Fortschritts ist, dass immer weniger Energie letztendlich genutzt werden kann, obwohl immer mehr Energie bis zur Nutzung aufgebracht wird bzw. aufgebracht werden muss.
  • Der Höhepunkt globaler Ölproduktion war im Sommer 2005 … und damit einhergehend der Höhepunkt des industriellen Wirtschaftswachstums und des günstigsten Öls.
  • Ist die verbreitete Annahme, dass moderner Wohlstand Folge verbesserter Technologien und Spezialisierung ist, noch länger haltbar?
  • Eine ideologische Blindheit, bezüglich der Quelle des Wirtschaftswachstums, scheint allgegenwärtig.
  • Eine Kultur, die sich der eigentlichen Grundvoraussetzung dieser Kultur selbst nicht bewusst ist, kann gar als nihilistisch veranlagt angesehen werden.

Lasse Nordlund – Foundations of our life

  • Fundamentale alltägliche Erfahrungen schwinden, wissenschaftliche Erkenntnisse gewinnen an Bedeutung.
  • Der Einsatz von Rohstoffen ändert sich dramatisch, wenn sie von Hand herangeschaft werden müssen.
  • Der ausgeglichene Austausch von Energie ermöglicht Selbstversorgung, woraus eine Beziehung zwischen Mensch und Rohstoff hervorgeht.
  • Die ausgewogene Beziehung zwischen unserer Arbeit und angesammelter Energie kollabierte mit Beginn der Industrialisierung.
  • Wir verzerren diese Beziehung umso mehr, je mehr fremde, sprich, entwurzelte, Energie wir in Prozesse investieren, die nicht einzig durch den Menschen an sich, durch seine körperliche Arbeit, bewerkstelligt werden können.
  • Je technologisch fortgeschrittener eine Maschine ist, desto mehr Energie benötigt ihre Herstellung, weil die Maschinen zur Herstellung der Maschine ebenfalls Energie verbrauchten, genauso wie jene Maschinen, die benötigt wurden um die Maschinen zu bauen, die unsere moderne Maschine bauen, usw. …
  • Das technologische Knowhow wird immer energielastiger, während Knowhow, welches über Generationen weitergegeben und erweitert wird, keinen derartigen Energiezuwachs verzeichnet … wenn die Ausgewogenheit mit der Umwelt erhalten bleiben kann.
  • Trotz der modernen Energiesparmentalität und der Effektivität von Produkten bezüglich Verbrauch, nimmt der Energiebedarf in der Produktion insgesamt zu.
  • Jedes technologische Versprechen, bezüglich Energieeinsparung, ermöglicht neue Wege zunehmenden Energieverbrauchs … bestes Beispiel ist die ”digitale Revolution”.
  • Der Energieverbrauch eines Produkts im unmittelbaren Einsatz verschleiert sämtlichen Energieverbrauch, der nötig war, damit das Produkt derart ”sparsam” zum Einsatz kommen kann, z. B. der Verbrauch durch Rohstoffgewinnung, Planung, Entwicklung, Forschung, Infrastruktur, Marketing, Vertrieb, Wartung, Entsorgung von Abfällen, Produktionsstätten, Firmengebäude, …
  • Eine Lebensform für sich betrachtet, wie in der ”freien Wildbahn” bzw. in der ”freien Natur”, setzt Energie bei weitem direkter und ökonomischer um, als sämtliche Errungenschaften des technologischen Fortschritts.
  • Ein finnischer Farmer mit Traktor unterstützt 50 Menschen, aber mit dem Energieeinsatz von 1500 Menschen, um ein Feld zu bewirtschaften (Stand 1987).
  • Effizienz bezieht sich im Laufe des Fortschritts immer mehr auf die Zeit, die ”eingespart” werden kann.
  • Je einfacher, sprich, direkter das genutzte Werkzeug die eingesetzte Energie in ein Produkt umsetzt, desto eher entspricht dieses ”wahrer” Effizienz, je weniger Hightech-Material zum Einsatz kommt, desto weniger Energie führt zum Produkt der Arbeit.
  • Die Sparsamkeit einer LED-Leuchte ist nur Schein, im Vergleich zu einer einfachen Glühbirne (erst recht, wenn nicht noch künstlich ihre eigentliche Lebensdauer herabgesetzt wird).
  • Tiere, die ihren Energiehaushalt auf den unausgewogenen Energiehaushaltes unseres Fortschritts umstellen würden, könnten nicht lange überleben.
  • Der Austausch von Beziehungen, zwecks Bewahrung der Ausgewogenheit, weicht mehr und mehr der Bedeutung wirtschaftlicher Profitabilität und Interessen … Geld, statt Nachhaltigkeit … Gräber, statt Wiegen.
  • Nachhaltiger Austausch, zwecks eines Handels, gelingt am besten zwischen zwei Parteien, Geld dagegen ermöglicht es unzähligen Parteien an diesem Austausch teilzunehmen, auf Kosten der Nachhaltigkeit und natürlich gewachsener und gefestigter Beziehungen.
  • Geld zerstört die Informationen bezüglich des wahren Energieeinsatzes, der Preis bestimmt die Tragweite der Wandlung von Informationen in Daten.
  • Der Preis für ein Produkt fällt umso mehr, je mehr der gesamte Energieeinsatz für das Produkt auf Kosten menschlicher Arbeit geht … je technologisch fortgeschrittener ein Produkt ist, desto teurer müsste es werden.
  • Das Defizit an Energie schreitet mit dem Fortschritt selbst immer weiter voran.
  • Wir verbrauchen mehrere hundert Male mehr Energie pro Nahrungseinheit als ein Steinzeitmensch.
  • Was wirtschaftlich rentabel ist, ist ökologisch gesehen eine Katastrophe.
  • Eines unserer Hauptprobleme ist nicht der Mangel an Energie, sondern unser Unvermögen, als Gesellschaft, mit unseren Rohstoffen ausgewogen umzugehen, unser Problem ist somit vielmehr ein Zuviel an Energie.
  • Es gibt keinen umweltfreundlichen ”Fair-Trade”  … außer, ohne Geld, über kurze Distanzen zu handeln.
  • Biodiesel ist offensichtlich ein Widerspruch in sich.
  • Tiergemeinschaften setzen Energie so ausgewogen wie möglich ein und um.
  • Es ist wahrscheinlich, dass auch Menschen in ihrem Genom populationsregulierendes Verhalten inne haben.
  • Gemeinschaften wachsen, von Natur aus, wenn sie zu klein sind und sie teilen sich, wenn sie zu groß werden.
  • Aggressionen dienen dem Ausgleich derartiger Unausgewogenheiten.
  • Die notwendig werdende Infrastruktur einer Gesellschaft, jenseits der Gemeinschaft, erhöht das Energiedefizit, weshalb immer mehr Energie von außerhalb der Gesellschaft (Staat) benötigt wird … inklusive des Ausbaus der dazu benötigten Infrastruktur.
  • Ein derartiges Defizit an Energie führt zu einer Form von Aggression, die sich grundlegend von jener in der Natur unterscheidet.
  • Menschen verändern die natürliche Ordnung in Richtung Schwächung … Raubbau durch Grabräuber.
  • Wir leben zunehmend in einer Gesellschaft der ”Gelegenheiten”, ohne Intuition dahingehend, ob der Weg, den wir gehen, gefährlich ist … oder nicht.
  • Der Konflikt zwischen den unbekannten Pfaden unserer Gesellschaften und den bewährten Wegen ausgewogener Gemeinschaften ist offensichtlich … Spannungspotenzial entsteht.

The Barbarian – Philosophers of the future

  • Was, wenn alle bedeutenden Dynamiken der Menschheitsgeschichte … Kriege, Machtspielereien und Erfindungsreichtum … einzig auf Energie, und den Technologien, deren Nutzung diese ermöglichen, beruhen?
  • Wie können subjektive und von einander getrennte Erfahrungen ein Einssein hervorbringen?
  • Die aktuell energielastigste Technologie ist die Digitalisierung der Welt.
  • Das gesamte westliche Konstrukt der Welt basiert einzig und allein auf der indoktrinierten naturalistischen Idee unendlicher Gelegenheiten durch nicht minder unendliche fossile Energieträger, allen voran Erdöl.
  • Jeder Mensch hat das Recht arm zu sein, ”arm” im Sinne, der Gesellschaft den Rücken zukehren zu dürfen, um einem indianischen ”Gesetz” zu folgen, nämlich das Recht zu haben, die Natur zu nutzen, ohne sie jedoch je zu besitzen.
  • Verschiedener Meinung zu sein bewahrt die natürliche Ausgewogenheit, denn Menschen, die in unterschiedliche Richtungen unterwegs sind, können die Natur nicht derart umwälzen, wie Menschen, die beim Bau gewaltiger Mauern und gigantischer Stauseen miteinander kooperieren.

Aus dieser Entknäuelung des energiereichen roten Fadens, der sich mehr und mehr als jahrmillionenlange Lunte offenbart, folgt aus Sicht des GANZEN Folgendes:

  • Die Komplexität der Realität nimmt zu, weil immer mehr entwurzelte Energie benötigt wird, um den technologischen Fortschritt weiter voranzutreiben.
  • Sicherheitsvorkehrungen müssen weiter erhöht werden, um die Nachfrage nach Energie zu erfüllen.
  • Komplikationen in der Anwendung neuer Technologien werden langwieriger und weitreichender.
  • Bedingt durch den Einsatz entwurzelter Energien versiegt der natürliche Informationsfluss, es kommt zu Datenkanälen und Daten(um)leitungen.
  • Zyklen der natürlichen Ordnung werden durch den technologischen Fortschritt recycelt und so, den Energieträgern gleich, entwurzelt … starre Rhythmen, statt fließender Dynamik.
  • Dadurch beschleunigt sich die Übertragung von Dekohärenz auf die natürliche Ordnung, was zu Gegenregulationen seitens der natürlichen Ordnung, der Natur inklusive, führen muss, um die HARMONIE des GANZEN bewahren zu können.
  • Technologischer Fortschritt trennt und nimmt gefangen, die Folge ist Dekohärenz und das Unvermögen, seitens der Menschen, im Einklang mit dem Leben als Ganzes zu sein.
  • Es mangelt zunehmend an bewussten Grenzerfahrungen bezüglich eigener Möglichkeiten, geschöpft aus eigener Kraft, und es mangelt zudem an Feedbacks und Generationen übergreifenden Erfahrungen.
  • Wahrer Fortschritt vereint und befreit, die Folge ist Kohärenz, die sich als Vermögen äußert den Einklang zu bewahren und zu fördern, woraus sich Grenzerfahrungen ergeben, die zu Feedbacks führen und Erfahrungen über Generationen hervorbringen, mittels Hörensagen, statt energielastiger Kommunikation mittels Apparaturen.
  • Technologischer Fortschritt hat wenige, vermeintliche, Gewinner zur Folge, auf Kosten Aller, weil die eingesetzte Energie nicht direkt mit ihrem Ursprung verwurzelt ist, sondern entwurzelt vom Ursprung anderswo zum Einsatz kommt, mitunter Millionen Jahre später.
  • Wahrer Fortschritt erbringt Gewinn für Alle, weil die Beziehung zwischen dem Ursprung der Energie und dem Einsatz dieser Energie Wurzeln auszubilden vermag, und so manchem Sturm der Unordnung gewachsen ist.
  • Der Einsatz entwurzelter Energie geschieht in der Gegenwart durch das Zurückgreifen auf die Vergangenheit, um Probleme für die Zukunft zu schaffen.
  • Die direkte, wie indirekte Nutzung des Sonnenlichts durch das Leben ist in selbigem tief verwurzelt, so unmittelbar Lösungen hervorbringend.
  • Kriege und andere Aggressionen im Namen der Energiebeschaffung und -sicherung werden geführt, um Robustheit vorzugeben und sich als robust zu verkaufen, weil die zugrundeliegende Fragilität, deren Ausdruck der technologische Fortschritt ist, nicht akzeptiert werden kann.
  • Je größer der Energiebedarf, desto ausgeprägter die bereits geschaffene Dekohärenz.
  • Sonnenlicht erfüllt Lebewesen mit gefühlter Energie, um dem Kohärenzgefühl treu bleiben zu können.
  • Entwurzelte Energie treibt einzig die Emotionalisierung der Realität voran.
  • Je entwurzelter die Energie, desto seltener geschieht direkte Kommunikation von Angesicht zu Angesicht, desto eher brechen Gemeinschaften auseinander, und desto größer und zahlreicher werden verschiedene Gesellschaftsformen, desto schneller gehen wahre Erfahrungsschätze verloren.
  • Je mehr Produkte mit Hilfe entwurzelter Energie exportiert werden können, desto größer die Abhängigkeit von immer mehr Energie, desto größer das Aggressionspotenzial im Falle sinkender Energieversorgung, und desto mehr Gesellschaftsprobleme treten in den Vordergrund.
  • Ängste, und alle anderen Schatten und dunklen Gestalt(ung)en, haben ihren Ursprung in der Entwurzelung von Energie.
  • Ängste nehmen zu, Schatten werden bedrohlicher und die dunklen Gestalt(ung)en mehr, indem Energie geraubt oder die Absicht von Raub offensichtlich wird.
  • Fragilität baut aufeinander auf, somit bewirkt ein moderner Computer mehr Fragilität, als es die erste Dampfmaschine tat, weil der Computer alle verlorenen Feedbacks … und damit Gräber … in sich vereint, die zu seiner Entwicklung, von der Dampfmaschine an, geführt haben, daher muss immer tiefer, und weitreichender an Auswirkungen, gegraben werden, um die jeweils aktuelle Fragilität vergraben zu können (atomares Endlager, …).
  • So geht technologischer Fortschritt mit der Expansion von Daten einher, auf Kosten wesentlicher Informationsflüsse, sind Daten doch der Ausdruck von Dekohärenz und Überbringer der Kunde von zunehmender Komplexität.
  • Daten sind entwurzelte Informationen, deren Speicherung mehr Energie bedarf, als das Verbreiten der Information benötigt, aus denen die Daten letztendlich als Vereinfachung, zwecks Verallgemeinerung, hervorgehen.
  • Kooperation, zur Sicherung der eigenen Existenz, ermöglicht Raubbau und Energiedefizite, während die indigene Kooperation mit der Umwelt nachhaltig und energetisch ausgewogen ist … sie dient dem Leben als Ganzes, statt nur die Existenz Einzelner zu gewährleisten.

wenn_krieg_die_antwort_istWozu werden Kriege seit Jahrtausenden im Namen der Energiesicherung, direkt, wie indirekt, materiell, wie bildhaft, geführt? Um Stärke zu beweisen? Um zu demonstrieren, welche Macht man hat? Um klar zu machen, dass Angst vor Konsequenzen keine Option darstellt? Oder aber, um die zunehmende Schwächung in den eigenen Reihen möglichst lange zu verbergen? Denn um nichts anderes geht es beim technologischen Fortschritt, als um die Kostümierung von Fragilität als Robustheit, indem vorgegeben wird man könne jederzeit Berge versetzen. Doch werden Berge eher abgetragen, um jene Energie zu rauben, die zur Aufrechterhaltung der geschminkten Fassade immer dringlicher benötigt wird. Aus dieser Bedrängnis geht jene Aggression hervor, die typisch ist für gesellschaftfähige, aber gemeinschaftsunfähige Menschen, jene Aggression, die es in dieser Form nicht in der Natur gibt, zumindest nicht, solange der Mensch seine Finger nicht im Spiel hat und, für sich gewinnbringend, manipuliert … anstatt mit seinen eigenen Händen die energetische Ausgewogenheit für das Leben als Ganzes zu bewahren.

Der Unterschied dieser beiden Ausdrucksformen von Aggression ist folgender: Was in der Natur als aggressiv, von uns Menschen, gedeutet wird, ist die Begegnung der unmittelbaren Anwendung der Möglichkeiten derer, die aufeinander treffen. Dabei geht es um das eigene Vermögen eines Lebewesens bewusst an Grenzen zu stoßen, der Grenzerfahrungen wegen, der Erzeugung, des Erhalts und der Erweiterung des Lebens als Ganzes wegen. Aggressive Menschen dagegen haben nur den Schutz des eigenen Lebens im Sinn und bezeugen durch ihr Verhalten eher das Unvermögen, bewusst an ihre eigene Grenze gelangen zu wollen, um Grenzerfahrungen zu machen, die dem Leben als Ganzes zugute kommen können. Dass der Schutz des eigenen Lebens dabei mit ”fortschrittlichen Dingen” einhergeht, bestärkt das Unvermögen und läuft dem Vermögen des Lebens zuwider, wodurch sich zuvor erwähnter Raubbau, als Energiedefizit, manifestiert. Somit lebt der Mensch seine Aggressionen nicht als eigene Grenzerfahrung der direkten Begegnung, als ein Aufeinanderzugehen, aus, sondern vielmehr als Vertrauensbeweis der Grenzen, die seine ”fortschrittlichen” Werkzeuge und andere geistreiche Produkte  ihm setzen. Unser Unvermögen versuchen wir durch Fortschritt zu vertuschen, ohne uns selbst dabei wirklich kennenlernen zu können. Somit berauben wir uns, unterm Strich, selbst. Wir schaufeln unsere eigenen Gräber, nicht mit Holzschaufeln, sondern mit riesigen Baggern und reichlich Sprengstoff.

Und all das nahm seinen Lauf, als wir den ersten Ast von einem Baum absägten, auf dem wir selber saßen … nur weil wir uns von dem Gedanken trennen wollten immerzu nur gemeinsame Sache mit der Gemeinschaft des Lebens zu machen. Doch, erstens, kam es ANDERS, und, zweitens, als wir EINEN dachten … und so denken wir größtenteils noch heute … die Konsequenzen dieses Falls möglichst profitabel als Fortschritt verkaufend.

Das Leben ist die Kettenreaktion der Bewusstwerdung … und so lässt es die versteckte Energie im Innern der Erde im dritten Teil der Schwarzmalerei mal so richtig krachen, die Offensichtlichkeit preisgebend, zu welcher der rote Faden der realisierten Erdgeschichte führt, der die Lunte ist, die mit jenem Ast entzündet wurde, auf dem der Mensch saß, bevor er vom Weltenbaum herunterfiel, um sein eigenes Ding bzw. immer mehr Dinge zu machen …

So ist nicht alles Gold was glänzt und nicht alles fossil, was schwarz ist. Es ist auch nicht alles geschenkt, was kostenlos ist, so wie manches Geschenk mit hohen Kosten verbunden ist. Manches Trojanische Pferd erscheint auch nur als solches, nur um sich im Nachhinein doch als wahrhaftiges Wildpferd herauszustellen, als Geschenk der Natur, schwarz wie Kohle und Öl zusammen, und obendrein mehr wert als alles Gold der Welt. Dass mag verrückt klingen, ist aber der ganz normale Wahnsinn, wenn Geist gewillt ist das Systematisieren des Systemischen zu maximieren, woraus Geist letztendlich seine Energie bezieht, entwurzelt, egozentrisch und immer selbstbewusster werdend. Kein Wunder, das Pflanzen kein Exportweltmeister in Sachen Energie werden können und der moderne, selbstbewusste Mensch trotz Überproduktion von Energie an Energie im Wesentlichen verarmt …

Fortsetzung folgt!

Teil 1Schwarze Pflanzen als Zeichen des Fortschritts

Teil 3 – Finstere Gedanken aus Mittelerde

Teil 4 – Schwarzmalerei, denn Geist ist böse und Energie hat Schuld daran


Quelle: faszinationmensch.com

Autor: Guido Vobig

Foto 1: “New wooden wall at our office” – CC piqs.de

Beitragsbild: EnergyBandgap.com

Tere Vadén: Professor, Department of Art, School of Arts, Design and Architecture, Aalto University
Lasse Nordlund ist ein finnischer sozialer Denker, der u.a. Experimente in der finnischen Landschaft durchführt, die den Zweck haben völlig autark im Einklang mit der Natur zu leben. 

Die Grenzen des Wachstums – Teil 1

von Caillea

Seit geraumer Zeit beschäftige ich mich mit diesem Thema sehr intensiv und möchte nun in mehreren Teilen einige interessante Thesen aufgreifen.

Die Zukunftsforschung wurde durch Professor Jay W. Forrester ganz erheblich beeinflusst. Durch die Entwicklung seiner Methode “System Dynamics” und das damit erstellte erste “Weltmodell”, bildete diese die wissenschaftlichen Grundlage für das MIT-Team (Massachusetts Institute of Technology), welches aus 17 Wissenschaftlern bestand. Diese 17 Wissenschaftler versuchten auf Initiative und mit Unterstützung des Club of Rome sowie der Stiftung Volkswagenwerk, das zukünftige Schicksal der Menschheit, in Bezug auf die wichtigsten und langfristigsten Probleme – Wettrüsten, Umweltverschmutzung, Bevölkerungsexplosion und wirtschaftliche Stagnation – zu ergründen. Diese Wissenschaftler, deren Umfeld und auch viele andere Menschen sind heute noch der Ansicht, dass das künftige Schicksal der Menschheit, vielleicht sogar das Überleben der Menschheit selbst davon abhängt, wie rasch und wie wirksam weltweit diese Probleme gelöst werden können. Meiner Meinung nach können diese Themen nicht aktueller sein.

Der Club of Rome, ein informeller Zusammenschluss von Wissenschaftlern der verschiedensten Provenienz, Industrielle, Wirtschaftler, Humanisten aus 32 über die ganze Welt verteilten Staaten, wurde 1968 in Accademia dei Lincei in Rom gegründet, um die Ursachen und inneren Zusammenhänge der sich immer stärker abzeichnenden kritischen Menschheitsprobleme zu ergründen. Mit seiner öffentlichen Tätigkeit verfolgt der Club of Rome die Absicht, die politischen Entscheidungsträger in aller Welt zur Reflexion über die globale Problematik der Menschheit anzuregen. Der Veröffentlichung des Buches “Grenzen des Wachstums” aus 1972 folgten bisher weitere 30 Berichte zu unterschiedlichen Zukunftsfragen der Menschheit.

Der Club of Rome steht immer wieder mal in der Kritik. Besonders das viel kritisierte Ziel der Geburtenkontrolle haben den Club of Rome in Verruf gebracht. Da es, mit wenigen Ausnahmen, nie zu einer Kontrolle des Bevölkerungswachstums gekommen ist, gibt es zahlreiche Spekulationen ob man diese nicht mit ethisch unvertretbaren Mitteln durchzusetzten versuchte. Weiterhin wird unterstellt an der Zerstörung der westlichen Wirtschaft, insbesondere der USA, zu arbeiten. Ob diese Behauptungen wahr sind oder nicht ist zu hinterfragen und skeptisch zu betrachten.

Die Grenzen des Wachstums – Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit, 1972

430957_web_R_by_Dieter Schütz_pixelio.deIm Frühling 1972 erschien ein kleines Buch, welches es in sich hatte. Die Menschheit, hieß es, arbeite direkt auf ihren eigenen Untergang hin.

Dieses Buch erschien in zwölf Sprachen, und es gab kaum eine namhafte Zeitung, die es nicht ausführlich besprach. Die “Grenzen des Wachstums”, seine Autoren und der Club of Rome waren bald in aller Munde.

Die Reaktionen fielen äußerst kontrovers aus. Das Spektrum reichte von tiefer Betroffenheit bis zu unverhohlener Ablehnung, wobei die kritischen Stimmen überwogen. Viele Ökonomen gingen mit der Studie scharf ins Gericht. So warf der Nobelpreisträger Paul A. Samuelson den Autoren vor, die Fehler von Thomas R. Malthus zu wiederholen, indem sie den Preismechanismus und die technische Innovationsfähigkeit unterbelichtet ließen. Der politischen Linken waren die Hintermänner des Berichtes suspekt. Der Club of Rome, 1968 vom italienischen Industriellen Aurelio Peccei und dem schottischen OECD-Direktor Alexander King ins Leben gerufen, um der Menschheit ihre “mißliche Lage” bewußt zu machen, war ein hochelitärer und männerdominierter Zirkel. Seine Mitglieder waren handverlesen und auf dem internationalen Parkett bestens vernetzt. Für die Linke war es daher symptomatisch, daß die politischen und sozialen Dimensionen des Wachstums von Meadows Team weitgehend ausgespart worden waren. In eine ähnliche Richtung zielten auch Kritiker aus der sogenannten Dritten Welt, die monierten, der ökologische Knappheitsdiskurs diene dazu, ihre Entwicklungschancen zu beschneiden.

Das Buch wurde trotzdem zu einem weltweiten Erfolg. Es wurde in 37 Sprachen übersetzt und nach Angaben des Club of Rome über zwölf Millionen Mal verkauft. Die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1973 an den Club of Rome verschaffte dem Bericht im deutschen Sprachraum zusätzliches Gehör. Seine eingängigen Formulierungen und plastischen Visualisierungen blieben hängen. Die Weltmodelle, die exponentiellen und logistischen Wachstumskurven und die Gleichgewichtsszenarien gehörten bald zum bildungsbürgerlichen Grundwissen. Und selbst wer die kybernetische Wachstumsanalyse in rückgekoppelten Regelkreisen nicht nachzuvollziehen vermochte, verstand die Dynamik des Prozesses dank Meadows berühmt gewordener Metapher vom Lilienteich, der noch am neunundzwanzigsten Tag des Wachstums halbleer, am dreißigsten aber bereits vollständig überwuchert ist. “In einem Gartenteich wächst eine Lilie, die jeden Tag auf die doppelte Größe wächst. Innerhalb von dreißig Tagen kann die Lilie den ganzen Teich bedecken und alles andere Leben in dem Wasser ersticken. Aber ehe sie nicht mindestens die Hälfte der Wasseroberfläche einnimmt, erscheint ihr Wachstum nicht beängstigend; es gibt ja noch genügend Platz, und niemand denkt daran, sie zurückzuschneiden, auch nicht am 29. Tag; noch ist ja die Hälfte des Teiches frei. Aber schon am nächsten Tag ist kein Wasser mehr zu sehen.” [Ebd., S. 19-21.]

Das Buch “Die Grenzen des Wachstums” gehört zu den ganz seltenen Texten, denen globales Interesse zuteil wurde. “Grenzen des Wachstums” wurden zu einem stehenden Begriff, die Publikation im Rückblick oft mit der umweltpolitischen Wende der 1970er Jahre gleichgesetzt. Diese Zuschreibung übertreibt zweifellos die historische Bedeutung des Buches, unterstreicht aber seine wesentliche Qualität als diskursiver Kristallisationspunkt in einer gesellschaftlichen Umbruchszeit. Der Bericht trug dazu bei, den in den 1950er und 1960er Jahren kaum hinterfragten Glauben an wirtschaftliches Wachstum und technischen Fortschritt nachhaltig zu erschüttern. Selbst profilierte Kritiker des Berichts mahnten, die “Grenzen des Wachstums” nicht einfach beiseite zu schieben, sondern als Warnung zu verstehen, vor dem, was vielleicht in einer anderen Art und zu einem anderen Zeitpunkt auf die Menschheit zukommen könnte. In diesem Sinne schärfte der Bericht das Bewußtsein für die Endlichkeit der natürlichen Ressourcen, unterminierte ironischerweise aber zugleich das Vertrauen in die Macht und Möglichkeit allgemeingültiger Rezepte. Die im Bericht geforderten Wachstumsbeschränkungen fanden wenig Anklang, nicht zuletzt, weil die Konjunktur kurz darauf weltweit einbrach, bevor politische Dämpfungsmaßnahmen ergriffen worden waren. In all ihren Unzulänglichkeiten leisteten die “Grenzen des Wachstums” einer globalen Umweltpolitik dennoch Vorschub. Die Diskussionen um das Wie und Wozu des Wachstums brachen nicht mehr ab und führten in den 1980er Jahren zur international anerkannten Leitkategorie der nachhaltigen Entwicklung. (Quelle: 100(0) Schlüsseldokumente)

Einführung – Auszüge aus “Grenzen des Wachstums”

“Ich will die Zustände nicht dramatisieren. Aber nach den Informationen, die mir als Generalsekretär der Vereinten Nationen zugehen, haben nach meiner Schätzung die Mitglieder dieses Gremiums noch etwa ein Jahrzehnt zur Verfügung, ihre alten Streitigkeiten zu vergessen und eine weltweite Zusammenarbeit zu beginnen, um das Wettrüsten zu stoppen, den menschlichen Lebensraum zu verbessern, die Bevölkerungsexplosion niedrig zu halten und den notwendigen Impuls zur Entwicklung zu geben. Wenn eine solch weltweite Partnerschaft innerhalb der nächsten zehn Jahre nicht zustande kommt, so werden, fürchte ich, die erwähnten Probleme derartige Ausmaße erreicht haben, daß ihre Bewältigung menschliche Fähigkeiten übersteigt.” U Thant, 1969

Die von U Thant genannten Probleme – Wettrüsten, Umweltverschmutzung, Bevölkerungsexplosion und wirtschaftliche Stagnation – gelten vielfach als die wichtigsten und langfristigsten, die die Menschheit heute zu lösen hat. Viele sind der Ansicht, daß das künftige Schicksal der Menschheit, vielleicht sogar das Überleben der Menschheit selbst, davon abhängt, wie rasch und wie wirksam weltweit diese Probleme gelöst werden. Dennoch ist nur ein winziger Teil der Menschheit aktiv darum bemüht, diese Probleme überhaupt erst zu verstehen und nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen.

Aussichten für die Menschheit

Jeder Mensch hat bestimmte Belastungen zu ertragen und seine Probleme. Sie beanspruchen seine Aufmerksamkeit und seine Fähigkeiten. Und sie wirken auf den verschiedensten Ebenen. Viele sind gezwungen, all ihre Fähigkeiten aufzuwenden, um ihrer Familie und sich die Nahrung für den nächsten Tag zu beschaffen. Andere kämpfen um persönliche Macht oder um das Ansehen der Nation, der sie angehören. Man kann sich Sorgen machen über einen Weltkrieg – oder über eine Fehde, die nächste Woche mit einem benachbarten rivalisierenden Stamm droht.

Die verschiedenen Ebenen menschlicher Belastungen lassen sich grafisch wie in Abbildung 1 aufzeichnen. Die Darstellung hat zwei Dimensionen, Raum und Zeit. Der Zentralpunkt jeder menschlichen Sorge kann in dieses Koordinatensystem eingetragen werden, der Ort des betreffenden Punktes ist davon abhängig, auf welchen räumlichen Bereich und auf welche Zeitspannen sich die Sorgen erstrecken. Die Sorgen der meisten Menschen konzentrieren sich in der linken unteren Ecke; dieser Teil der Menschheit hat ein schweres Leben; er hat sich fast ausschließlich darum zu bemühen, sich und seine Familie über den nächsten Tag zu bringen. Andere wieder können über den Tag hinaus denken und handeln. Sie empfinden nicht nur eigene, sondern auch Lasten der Gemeinschaft, mit der sie sich identifizieren. Ihre Handlungsziele erstrecken sich über Monate und Jahre.

Die räumlichen und zeitlichen Gesichtspunkte, nach denen ein Mensch handelt, sind abhängig von der Dringlichkeit der Probleme, mit denen er sich konfrontiert sieht, von seiner persönlichen Erfahrung und von seiner Bildung. Die meisten Menschen haben ihre Probleme in einem ihnen naheliegenden Bereich gemeistert, ehe sie sich entfernten Fragen zuwenden. Je größer der mit einem Problem verknüpfte räumliche und zeitliche Bereich ist, um so weniger Menschen befassen sich mit der Lösung eines solchen Problems.

Eine zu starke Begrenzung des Problemkreises nach Raum und Zeit kann gefährlich sein und zu Enttäuschungen führen. Es gibt genügend Beispiele dafür, daß ein Mensch sich mit all seiner Kraft um die Lösung eines ihm naheliegenden Problems bemüht und dennoch alle seine Anstrengungen durch Ereignisse in größeren Dimensionen zunichte gemacht werden. Die sorgfältig bearbeiteten Felder eines Bauern können durch Krieg verwüstet, die Vorhaben eines Bürgermeisters durch Maßnahmen der nationalen Politik erdrückt werden. Die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes kann durch mangelnde Nachfrage auf dem Weltmarkt verkümmern. Es zeigt sich gegenwärtig wachsende Besorgnis, daß die meisten persönlichen Ziele und nationalen Anstrengungen schließlich durch langfristige Trends auf globaler Basis, wie sie U Thant erwähnte, vereitelt werden können.

Abb1

Obwohl die Aussichten der Weltbevölkerung in Zeit und Raum sehr unterschiedlich sind, hat jede menschliche Sorge in diesem Koordinatensystem einen Platz. Die meisten Menschen können sich nur um Dinge kümmern, die ihre Familie und ihre unmittelbaren Freunde in naher Zukunft betreffen. Nur wenige denken weit voraus in die Zukunft von einem globalen Gesichtspunkt aus.

Aber sind U Thants Befürchtungen tatsächlich so aktuell?

Bleibt uns wirklich nur noch ein Jahrzehnt?

Was geschieht, wenn diese Probleme nicht gelöst werden?

Welche Mittel besitzt die Menschheit überhaupt, solch globale Probleme zu lösen? Was kostet ihre Anwendung? Das sind die Fragen, die in der ersten Arbeitsphase des Forschungsprojekts des Club of Rome über die mißliche Lage der Menschheit (The Predicament of Mankind) behandelt wurden. Sie gehören in die obere rechte Ecke des Koordinatensystems von Abbildung 1.

Probleme und Modelle

Jeder Mensch behandelt seine Probleme mit Hilfe von Modellen. Ein Modell ist nichts weiter als eine möglichst systematische Reihe möglichst realer Annahmen über ein wirkendes System, das Ergebnis des Versuchs, durch Wahrnehmung und mit Hilfe vorhandener Erfahrung eine von vielen Beobachtungen auszuwählen, die auf das betreffende Problem anwendbar sind, und so einen Ausschnitt aus der sinnverwirrend komplizierten Wirklichkeit zu verstehen. Wenn ein Bauer sich seine Äcker vorstellt, seine Marktaussichten, sich vergangener Witterungsereignisse entsinnt, um über die Art des jährlichen Anbaus zu entscheiden, benutzt er Gedankenmodelle in seinem Kopf. Ein Geometer macht sich ein greifbares Modell des Geländes, er zeichnet eine Karte, um den Verlauf einer Straße festzulegen. Wirtschaftler benutzen mathematische Modelle, um den Ablauf des internationalen Handels zu erfassen und seine weitere Entwicklung vorherzusagen. Für jede Entscheidung, gleichgültig auf welcher Ebene, werden unbewußt Modelle benutzt, um diejenigen Handlungsweisen auszuwählen, die den zukünftigen Gang der Ereignisse nach unserem Wunsch beeinflussen. Diese Denkmodelle sind sehr vereinfacht im Vergleich zu der Realität, von der sie nur Abstraktionen darstellen. Das menschliche Gehirn ist zwar ein bewundernswertes biologisches Organ, es kann aber nur eine sehr beschränkte Zahl der außerordentlich komplizierten und miteinander in Wechselwirkung stehenden Vorgänge verfolgen, die das tatsächliche Geschehen bestimmen.

Auch wir haben ein Modell für unsere Untersuchungen benutzt, ein systematisch aufgestelltes und klar definiertes Modell, das von Professor Jay W. Forrester, Massachusetts Institute of Technology (MIT) erarbeitet wurde und in seinem Buch “Der teuflische Regelkreis” beschrieben ist. Dieses Modell ist ein erster Versuch, unsere Denkmodelle von den langfristigen weltweiten Problemen durch die Kombination großer Informationsmengen, die längst im Besitz der Menschheit sind, mit Hilfe der neuartigen Techniken der wissenschaftlichen Systemanalyse und der Datenverarbeitung entscheidend zu verbessern.

Unser benutztes Weltmodell dient speziell der Untersuchung von fünf wichtigen Trends mit weltweiter Wirkung: der beschleunigten Industrialisierung; dem rapiden Bevölkerungswachstum; der weltweiten Unterernährung; der Ausbeutung der Rohstoffreserven und der Zerstörung des Lebensraumes. Zwischen diesen Erscheinungen bestehen vielfältige Wechselwirkungen. Ihre Entwicklung wird in Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten gemessen. Wir versuchen mit Hilfe dieses Modells, die Ursachen der Entwicklungsrichtungen, ihre Wechselwirkungen und die sich ergebenden Folgen für den Zeitraum eines Jahrhunderts zu erfassen.

Wie jedes Modell ist auch unser Modell unvollständig, stark vereinfacht und verbesserungsfähig. Dieser Mängel sind wir uns bewußt. Dennoch glauben wir, daß es das gegenwärtig nützlichste Modell ist, um Probleme zu behandeln, die im Zeit-Raum-Koordinatensystem weit rechts oben liegen. Soweit wir wissen, ist es das einzige existierende Modell, das wirklich weltweite Bedeutung hat, sich über mehr als drei Jahrzehnte erstreckt und solche wichtigen variablen Größen wie Bevölkerungszahl, Nahrungsmittelproduktion und Umweltverschmutzung nicht als isolierte, sondern als dynamisch miteinander in Wechselwirkung stehende Erscheinungen behandelt, was sie ja in Wirklichkeit auch sind.

Da unser Modell formaler und mathematischer Art ist, besitzt es gegenüber Denkmodellen zwei bedeutende Vorteile: Jede Annahme ist in präziser Form niedergeschrieben und ist deshalb der Nachprüfung und der Kritik durch jedermann zugänglich. Weiterhin werden Auswirkungen der Annahmen, die nach Überprüfung, Diskussion und Revision entsprechend dem bestmöglichen Wissen getroffen wurden, exakt mit Hilfe eines Computers verfolgt und ihre Bedeutung für das Gesamtverhalten des Weltsystems jeweils genau erfaßt, gleichgültig, welche komplizierten Kombinationen sich dabei auch ergeben.

Das ist zwar einzigartig bei einem Modell. Dennoch gibt es keine Veranlassung, mit dem Modell in der jetzigen Form schon zufrieden zu sein. Wir möchten es verändern, erweitern und verbessern, jeweils nach dem Stand unserer Kenntnisse und den zur Verfügung stehenden Daten.

Unsere Arbeit ist noch nicht abgeschlossen. Dennoch erscheint es uns wichtig, die vorliegenden Ergebnisse zu veröffentlichen. In jedem Teil der Welt werden täglich Entscheidungen getroffen, welche die physikalischen, wirtschaftlichen und sozialen Zustände für Jahrzehnte beeinflussen können. Wir können deshalb nicht warten, bis perfekte Modelle vorliegen und ein umfassendes Verständnis möglich ist. Wir entscheiden uns ohnehin nur aufgrund von Modellen. Unserer Ansicht nach genügt das vorliegende Modell bereits als Grundlage für Entscheidungen. Außerdem scheinen die grundsätzlichen Verhaltensweisen, die sich aus dem Modell ergaben, so wesentlich zu sein, daß nicht zu erwarten ist, sie könnten sich bei weiteren Untersuchungen noch entscheidend ändern.

Es ist nicht Aufgabe dieses Buches, alle Daten und mathematischen Gleichungen innerhalb unseres Weltmodells wissenschaftlich und vollständig zu beschreiben. Das ist Gegenstand des technischen Schlußberichtes über unser Projekt. In diesem Werk werden die Grundzüge des Modells und unsere Ergebnisse allgemeinverständlich dargestellt und zusammengefaßt, also das, was das Modell über unsere Welt aussagt. Wir haben zwar einen Computer benutzt als Hilfsmittel für unser eigenes Verständnis der Ursachen und Folgerungen aus den Wachstumstrends, die die moderne Entwicklung bestimmen, aber man muß sich nicht mit Elektronenrechnern auskennen, um die Ergebnisse zu verstehen und zu diskutieren. Die Folgen dieser beschleunigenden Wachstumstendenzen werfen Fragen auf, die weit über den Inhalt einer rein wissenschaftlichen Schrift hinausreichen. Sie müssen daher auch von einer breiteren Öffentlichkeit als nur von Wissenschaftlern besprochen werden.

Bis jetzt ergaben sich bei unserer Arbeit die nachstehenden Schlußfolgerungen. Sie sind keineswegs neu. Schon vor Jahrzehnten haben Menschen, die unsere Erde von einem globalen, zeitlich weitreichenden Gesichtspunkt aus beurteilten, ähnliche Schlüsse gezogen. Dennoch verfolgt die große Mehrzahl der Politiker Ziele, die mit diesen Aussagen unvereinbar sind.

Unsere Schlußfolgerungen lauten:

1. Wenn die gegenwärtige Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen unverändert anhält, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht. Mit großer Wahrscheinlichkeit führt dies zu einem ziemlichen raschen und nicht aufhaltbaren Absinken der Bevölkerungszahl und der industriellen Kapazität.

2. Es erscheint möglich, die Wachstumstendenzen zu ändern und einen ökologischen und wirtschaftlichen Gleichgewichtszustand herbeizuführen, der auch in weiterer Zukunft aufrechterhalten werden kann. Er könnte so erreicht werden, daß die materiellen Lebensgrundlagen für jeden Menschen auf der Erde sichergestellt sind und noch immer Spielraum bleibt, individuelle menschliche Fähigkeiten zu nutzen und persönliche Ziele zu erreichen.

3.  Je eher die Menschheit sich entschließt, diesen Gleichgewichtszustand herzustellen, und je rascher sie damit beginnt, um so größer sind die Chancen, daß sie ihn auch erreicht.

Diese knappen Schlußfolgerungen sind derart weitreichend und werfen so viele Fragen für künftige Forschungen auf, daß auch wir selbst uns von der Größe dieser gigantischen Aufgabe, die hier erledigt werden muß, nahezu überfordert fühlen. Wir hoffen, daß dieses Buch das Interesse der Menschen auf allen Gebieten der Forschung und in allen Ländern der Erde erweckt und das Verständnis für die riesige Aufgabe fördert: den Übergang vom Wachstum zum Gleichgewicht.


Autoren: Dennis Meadows, Donella Meadows, Erich Zahn, Peter Milling, “Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit”, Stuttgart 1972.


Quellen- und Literaturhinweise

Brüggemeier, F.-J., Engels, J. I. (Hg.), Konflikte, Konzepte, Kompetenzen. Beiträge zur Geschichte des Natur- und Umweltschutzes seit 1945, Frankfurt a. M. 2005. Engels, J. I., Naturpolitik in der Bundesrepublik. Ideenwelt und politische Verhaltensstile in Naturschutz und Umweltbewegung 1950-1980, Paderborn 2006. Freytag, N., “Eine Bombe im Taschenbuchformat”? Die “Grenzen des Wachstums” und die öffentliche Resonanz, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, 3/2006, Online-Ausgabe, URL: http://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Freytag-3-2006.

Hünemörder, K. F., Die Frühgeschichte der globalen Umweltkrise und die Formierung der deutschen Umweltpolitik (1950 – 1973), Stuttgart 2004.

Kupper, P., Die “1970er Diagnose”. Grundsätzliche Überlegungen zu einem Wendepunkt der Umweltgeschichte, in: Archiv für Sozialgeschichte, 43/2003, S. 325-348.

Kupper, P., “Weltuntergangs-Vision aus dem Computer”. Zur Geschichte der Studie “Die Grenzen des Wachstums” von 1972, in: F. Uekötter, J. Hohensee (Hg.), Wird Kassandra heiser? Die Geschichte falscher Ökoalarme, Stuttgart 2004, S. 98-111. McNeill, J. R., Blue planet. Die Geschichte der Umwelt im 20. Jahrhundert, Frankfurt 2003.

Meadows, D. u.a., Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit, Stuttgart 1972.

Moll, P., From scarcity to sustainability: Futures studies and the environment: The role of the Club of Rome, Frankfurt a.M. u.a. 1991.

Nowotny, H., Vergangene Zukunft. Ein Blick zurück auf die “Grenzen des Wachstums”, in: VolkswagenStiftung (Hg.), Impulse geben – Wissen stiften. 40 Jahre VolkswagenStiftung, Göttingen 2002, S. 655-694.


Foto 1: “Wachstum” – Dieter Schütz  / pixelio.de

Foto 2: Abb. 1 aus dem Buch “Grenzen des Wachstums”

Beitragsbild: Buchcover “Grenzen des Wachstums”

Schwarze Pflanzen als Zeichen des Fortschritts – Teil 1

von Guido Vobig

Weltkugel auf einer TastaturMan könnte meinen ich sehe Schwarz für die Zukunft, liest man, wie ich bisher den technologischen Fortschritt der Menschheit behandelte. Dabei dürften es viele Menschen genau anders herum sehen, die Meinung vertretend, dass es eben des technologischen Fortschritts bedarf, um uns Menschen eine bessere Zukunft zu bescheren, und, dass er es bereits ermöglicht hat viel Leid von der Bühne des Lebens zu verbannen. Doch folgt man dem Fortschritt mal auf Schritt und Tritt und kratzt ein bisschen kräftiger an seiner robusten Oberfläche, kommt, ehe man sich versieht, jene Fragilität zum Vorschein, die es geistreich versteht, sich allzu neugieriger Blicke geschickt zu entziehen bzw. sich als etwas darzustellen, was sie unverhüllt gar nicht ist. So leben wir inzwischen in einer Zeit, in der man grundlegende Probleme immer besser und länger verbergen kann, indem immer weniger unmittelbare Beziehungen zwischen Mehreren, die unter dem gleichen Problem zu leiden haben, vorhanden sind. Was wie eine technologische Errungenschaft aussieht, ist jedoch nur Schein, denn durch den Sieg, der errungen scheint, ist der Verlust von vielem Anderen umso weniger offensichtlich, je mehr sich auf den einen Sieg konzentriert wird. Dieser wesentliche Verlust indes ist der künstliche Nährboden für neue Probleme ganz anderer Art …

Ginge es einzig nach uns Menschen und könnten wir wahnhaftig, äh, wahrhaftig unseren Willen für Innovationen frei ausleben, wäre es allerdings an der Zeit, im wahrsten Sinne des Wortes, Schwarz zu sehen, äh, wahnsinnig zu werden, schließlich stünde dann vorwiegend Egozentrik, statt Biozentrik, auf dem Programm … und unzählige weitere Probleme hätten ihre Geburtsstunde. Massengräber, statt einem Meer aus Wiegen:

Chlorophyll

The molecule that absorbs sunlight for photosynthesis. Plants and photosynthetic bacteria survive by converting water and carbon dioxide into sugar, and energy is needed to catalyze the reaction. Chlorophyll captures energetic photons. Nevertheless, chlorophyll is not ideal. The two versions of the molecule absorb light most efficiently at the red and blue ends of the visible spectrum. The reflected wavelengths in between make leaves appear green, and mark a missed opportunity. Any sensible engineer would color plants and cyanobacteria black in order to absorb all the sunlight. Natural selection is less fastidious, and chlorophyll is a good enough molecule to feed the whole planet, engineers included.

Quelle: Nautil.us

So mag Chlorophyll aus Sicht des Menschen zwar nicht ideal erscheinen, obwohl es aus Sicht des Lebens als Ganzes ideal ist, während eine schwarze Pflanzenwelt zwar aus unserer technologischen Sicht besser wäre, aber für das Leben als Ganzes eine einzige Katastrophe darstellen würde. Warum wir Menschen allerdings mehr und mehr versuchen die Nacht zum Tage zu machen, und obendrein sogar auf die Idee kommen die Dächer der Welt weiß zu streichen, um Unheil abzuwenden, sei dahingestellt. Doch kratzen wir mal etwas intensiver an jener besagten Oberfläche, auf der sich ein freier Wille in Gestalt des Menschen selbstverliebt zu spiegeln scheint, ein Wille jedoch, der in Wirklichkeit fest verwurzelt ist in und abhängig ist von einem Geschenk der ganz besonderen Art. Gehen wir also einen Schritt weiter …

… und schauen, wo der wesentliche Unterschied zwischen dem natürlich allgegenwärtigen Cradle-to-Cradle und dem künstlich immer allgegenwärtiger werdenden Cradle-to-Grave liegt. Der finnische Autor und Philosoph Tere Vadén hat diesbezüglich einen hervorragenden Artikel mit dem Titel One step further geschrieben, aus dem ich im Rahmen meines schwarzen Dreiteilers mehrfach zitieren werde, bringt er doch zum Ausdruck, was nur allzu gerne von uns Menschen übersehen wird, obwohl es im Laufe der Entwicklung des technologischen Fortschritts immer weniger zu übersehen ist.

Vadén nimmt in seinem Text Stellung zur Ansicht von NextNature, dass Alles letztendlich natürlich ist, was von uns Menschen nicht (mehr) kontrollierbar sei … selbst wenn es von uns Menschen geschaffene Prozesse bzw. Produkte sind. One step further finden Sie hier … und man sollte sich diesen Text wirklich einmal aufmerksam zu Gemüte führen …

Dass die Geschichte des menschlichen Fortschritts von Grabmälern begleitet wird ist offensichtlich. Vadén schreibt:

It is a simple empirical fact that there has never existed a modern industrial society that has been ecologically sustainable. All known examples of industrial societies have relied on non-sustainable use of (mostly non-renewable) natural resources (timber, coal, natural gas, oil, minerals).

Das zeigt sich umso mehr, je moderner die Zeiten werden und je mehr moderne Menschen zugegen sind, wird technologischer Fortschritt doch zunehmend zum Kunstgriff seitens der Menschen sich der natürlichen Ordnung zu entziehen, indem unsere Technologien werden, was Cradle-to-Cradle von Natur aus nicht ist. Da mag es verführerisch sein die Verantwortung für unser Treiben abzugeben und so als Natürlich anzusehen, was jenseits menschlicher Kontrolle geschieht, auch wenn es zuvor kontrolliert werden konnte … oder zumindest vom Konsens so wahrgenommen wurde … man denke nur an Tschernobyl und Fukushima. Offensichtlich verhält es sich mit der Einordnung von was kontrollierbar ist und was außer Kontrolle geraten ist wie mit der eingangs erwähnten Schwarz- bzw. Weißmalerei.

All culture is not technology, but technology can be seen ubiquitously as the culprit of destruction and doom only through defining technology through its negative side.

Kann somit auch als technologischer Fortschritt angesehen werden, was indigene Völker im Einklang mit natürlichen Kreisläufen, und somit unter Achtung von Wiegen, zur Wahrung ihrer Kultur imstande waren zu leisten ? Begann technologischer Fortschritt so gesehen nicht bereits mit der Beherrschung des Feuers und der Hervorbringung menschlicher Sprache ? Ist dieser Fortschritt nicht die Bildwerdung der Entfremdung von uns EINEN von den ANDEREN, die Wandlung von Wiegen zu Gräbern ?

Cradle-to-Cradle bedeutet, dass jedes Problem zugleich Teil der Lösung ist, während Cradle-to-Grave impliziert, dass jedes Problem weitere, neue Probleme mit sich bringt, weil Beziehungen auf der Strecke bleiben, die jedoch für Wiegen notwendig sind. Versucht der Mensch nun mittels technologischem Fortschritt, im Rahmen seiner Kultur, Cradle-to-Cradle näherzukommen, dann bleibt es jedoch immer einzig bei der Quadratur jener Kreisläufe, die für Cradle-to-Cradle wesentlich sind. Zudem wird aus einem informativen Feedback ein folgenreiches Verlustgeschäft, auf Kosten der Wiegen, was als Sieg für die Grabschaufler angesehen wird … doch dazu mehr im vierten Teil dieses Schwarzmal(ex)kurses.

Natürliche Kreisläufe und Feedbacks sind die Basis für Antifragilität, die Cradle-to-Cradle mit in jede Wiege gelegt wird, während unser Versuch, es den Wiegen gleichzutun, immer nur robust erscheint, aber nie wahrhaftig die Kurve bekommt, so unter der Oberfläche die eigentliche Fragilität unseres Fortschritts zu verbergen verstehend. Ein Unterfangen, welches seinerseits die Basis für Cradle-to-Grave darstellt.

Antifragilität bedarf es, um die HARMONIE eines GANZEN bewahren zu können, durch alle interpretierten Zeiten hindurch, erst recht, wenn eine Spezies der Fragilität verfallen ist und obendrein immer mehr Gefallen an ihr findet. Allerdings bedarf es auch der Fragilität, und des damit einhergehenden verführerischen Scheins von Robustheit, damit, bedingt durch den technologischen Fortschritt einer Spezies, alle Spezies den wahren Fortschritt voranbringen können, dessen es wiederum bedarf, um den technologischen Fortschritt unnötig werden zu lassen, nachdem dieser sich maximal austoben durfte, ist dieser doch stets nur interpretatorisches Mittel zum Zweck der Problematisierung des eigentlichen PROBLEMS des verkörperten Lebens als Ganzes … während der wahre Fortschritt der informierte Lösungsweg dieses besagten PROBLEMS ist. Wahrer Fortschritt, mit dem Ziel der Kohärenz, kennt dabei kein Zurück. Technologischer Fortschritt dagegen ist gepflastert mit Rückschritten, Rücktritten, und Rückschlägen, großen, wie kleinen. One step further beschreibt warum.

Die Idee der Verkörperung von Bewusstsein in Form von Ameisen brachte eine Vorahnung des Ameisenbären mit sich … ganz im Sinne von Cradle-to-Cradle. Aus Sicht technologischen Fortschritts sieht es dagegen anders aus, denn, wie es Vadén ausdrückt, der Mensch, welcher das Schiff erfand, erfand auch die Möglichkeiten des Schiffunglücks. Je größer unsererseits die Sicherheitsvorkehrungen ausfallen, um die Kontrolle über unsere Technologien und all ihrer Möglichkeiten zu bewahren, desto robuster erscheint diese Technologie, desto eher wird sie als Errungenschaft gutgeheißen und in den Alltag aufgenommen, desto ausgeprägter jedoch ist ihr Potenzial zur Realisierung von Fragilität, wenn die Kontrolle nicht mehr gewährleistet werden kann.

Welt der ComputerWas in der Natur dem Ameisenbären entspricht, überträgt der Mensch nunmehr auf Computersysteme. Oder anders ausgedrückt: Die natürliche Diversität von Wiegen, die wieder zu Wiegen werden, versucht der Mensch auf ein System zu übertragen, um autonom ablaufen zu lassen, was von Natur aus allerdings dynamisch in unmittelbarer Verbindung mit etwas steht, worauf das künstliche System keinen Zugriff hat. Dieses System, man mag es als Black Box bezeichnen, hat keine Beziehung zur HARMONIE, weil das Gespür für selbige nicht Teil einer Black Box sein kann. Oder allgemeiner formuliert: Egal, in welcher Umhüllung technologischer Fortschritt daherkommt, sei es Hitze (Lagerfeuer), ein Wort (Sprache), oder eine Kiste (Computer), technologischer Fortschritt bringt immer die Schaufel (Trennung) mit, mit der er, zum einen, sein eigenes Grab schaufelt, und, zum anderen, nach dem sucht, was er zum weiteren Fortbestehen immer dringender nötig hat. Und damit gehen wir einen weiteren Schritt weiter … ganz im Sinne von Tere Vadén … und zwar im nächsten Teil dieses schwarzen Vierteilers … in Kürze …

Teil 2Schwarzes Gold als Zeichen der Verbundenheit

Teil 3 – Finstere Gedanken aus Mittelerde

Teil 4 – Schwarzmalerei, denn Geist ist böse und Energie hat Schuld daran


Quelle: faszinationmensch.com

Autor: Guido Vobig

Foto 1: “Weltkugel auf einer Tastatur” – Thorben Wengert  / pixelio.de

Foto 2: “Computer” – escapechen / pixelio.de

Beitragsbild: “Schwarze Schönheit” – Dickimatz /pixelio.de

Tere Vadén: Professor, Department of Art, School of Arts, Design and Architecture, Aalto University

Abkehr von Konsumismus – hin zu mehr Lebensqualität

Kritik der Unersättlichkeit und Lob des guten Lebens III

von Peter Weber

Zygmunt_Bauman_Leben_als_KonsumDie Wege, die uns ein „gutes Leben”, oder wenn man es utopistischer formulieren will, eine „bessere Welt“ bescheren sollen, führen unabdinglich über die Realisierung der von den britischen Wirtschaftsteoretikern und Ökonomen Robert und Edward Skidelsky als Basisgüter bezeichneten Grundbedürfnisse. Als damit korrespondierende Eckziele sind zu berücksichtigen:

  • Die Verwirklichung der Grundbedürfnisse in Verbindung mit einem angemessenen Lebensstandard.
  • Die Reduzierung der Arbeitszeit zur Erlangung von Einkommen.
  • Die gleichmäßigere und gerechtere Verteilung der Vermögen und Einkommen.
  • Einführung von Regionalisierung und Dezentralisierung auf allen Ebenen von Wirtschaft und Gesellschaft nach dem Motto: „Lokal vor global!“

Der Soziologe und Philosoph Zygmunt Bauman untersucht in seinem Buch “Leben als Konsum” die Auswirkungen der vom Konsum bestimmten Haltungen und Verhaltensmuster auf verschiedene, scheinbar nicht miteinander verbundene Aspekte des sozialen Lebens: auf Politik und Demokratie, soziale Spaltungen und Schichtungen, auf Gemeinschaften und Partnerschaften, Identitätsbildung und die Produktion sowie den Gebrauch von Wissen und Wertorientierungen.

Mit dem Schwinden der moralischen Integration in Gruppen und Familien mindert sich auch die Bereitschaft, im Kleinen Verantwortung für andere zu übernehmen und im Großen einen Sozialstaat einzufordern. Und die Armen erscheinen nicht mehr als (potentielle) Arbeitskräfte oder Objekte des Sozialstaates, sondern als gescheiterte Verbraucher, als nicht brauchbare Güter.

Da sie in einer solchen Gesellschaft völlig nutzlos sind, sind sie »menschlicher Abfall«, für den im Zeichen der Deregulierung niemand Verantwortung zu übernehmen hat. Die Invasion und Kolonisierung des Geflechts menschlicher Beziehungen durch marktinspirierte und -geformte Weltanschauungen und Verhaltensmuster sind neben den Quellen des Unmuts, des Dissens und des gelegentlichen Widerstands gegen diese »Besatzungsmächte« die zentralen Themen dieses neuen Buches von einem sozialwissenschaftlichen Denker, der zu den originellsten und weitsichtigsten unserer Zeit zählt. Weitere Möglichkeiten und Hindernisse auf dem Weg zu einem gesellschaftlich-wirtschaftlichen Umdenken werden in den folgenden Abschnitten andiskutiert.

1. Paternalismus ohne Zwang?

Robert u. Edwart SkidelskyDie Frage, ob und in wie weit der Staat in wirtschaftliche Angelegenheiten eingreifen soll und bis zu welchem Grad er eine soziale Fürsorgepflicht besitzt, ist je nach politischer Gesinnung umstritten. Die marktradikale Ideologie steht für eine Deregulierung ein und will den Staat zurückdrängen. In einem Staat allerdings, wie er von den Skidelskys und auch in meinem Sinne erstrebenswert ist, darf er nicht neutral bleiben, und es sind ihm ethische Pflichten auferlegt. Grundsätzlich soll zwar das Prinzip der Zwanglosigkeit gelten, aber bei unüberwindlichem Widerstand und eklatanter Ungerechtigkeit darf es auch ein wenig Nachdruck sein, den man als legitimes Mittel zum Zweck deklarieren könnte.

Das heißt im Klartext, daß der Staat die Aufgabe besitzt, die Voraussetzungen zu schaffen, damit der ungehinderte Zugriff der Menschen auf die Basisgüter gewährleistet ist. Die Eingriffe des Staates müssen allerdings einen Rahmen wahren, der sicherstellt, daß keine Persönlichkeitsrechte geschädigt werden. Der Maßstab muß der sein, daß Bevormundungen und Zwangsmaßnahmen möglichst vermieden werden. Die Grenze der Zumutbarkeit ist allerdings dort angesiedelt, wo die Prinzipien der Gerechtigkeit verletzt werden. Der Eingriff der staatlichen Macht als Regulator ist geboten, weil die neoliberalen Marktmechanismen eine einseitige Anhäufung von Kapital und Besitz implizieren und eine ausgewogene Verteilung der Vermögenswerte verhindern.

Der Staat hat eine Reihe von Alternativen und Mitteln in der Hand, in welcher Form er seinen Einfluß geltend machen kann, um eine homogenen Gesellschaftsstruktur  zu fördern und sich die Einnahmequellen zu besorgen, die für diese Sisyphusaufgabe notwendig sind. Grundsätzlich stehen ihm vier Variationen zur Verfügung:

  • Die Leistung von sozialen Transferzahlungen.

Dieser erstgenannte Ansatzpunkt, die Transferaktionen oder Sozialleistungen beinhalten die gesamte bekannte Palette von Unterstützungen für hilfebedürftige Bürger, ob sie nun arm, alt, krank oder arbeitslos sind. Dazu gehört auch das Thema Grundeinkommen, das ich später noch behandeln werde. Ein Staat ist ein Gemeinwesen – und in einer Gemeinschaft ist die Existenz von Solidarität unabdinglich für dessen Funktionieren. Wenn der Starke nicht mehr für den Schwächeren einstehen will, dann entlarvt sich die demokratische Vorgabe als Illusion und Fassade.

  • Die Förderung von Bildung und Kultur

Die Förderung von Bildung und Kultur stellt ebenfalls hinsichtlich der Bewilligung von Basisgütern eine Bedingung dar. Die Gewährung und Teilhabe daran innerhalb einer Gemeinschaft – gerade für den Personenkreis, für den diese Ziele nicht erschwinglich sind – haben ebenfalls eine fundamentale Funktion für ein gutes und menschenwürdiges Leben. Eine Chancengerechtigkeit ohne Aneignung von umfassender Bildung ist nicht zu verwirklichen.

  • Die Besteuerung von Einkommen und Ausgaben

Die Steuerpolitik (der Begriff der Steuer ist auf das Verb „steuern“ zurückzuführen) sollte ebenfalls von einer sozialen Komponente dominiert werden. Nicht nur die Finanzierung der Kosten für die nationale Infrastruktur müssen durch das Steueraufkommen abgedeckt werden sondern auch die für Aufrechterhaltung eines sozialen Gefüges, ohne das die staatliche Gemeinschaft auf die Dauer auseinander bricht.

Unterschieden werden muß zwischen der Besteuerung von Einkommen und Ausgaben. Zu den Abarten der Einkommensbesteuerung zählen die Einkommenssteuer, die Gewerbesteuern, die Kapitalertragssteuern aller Art und die Vermögenssteuer. Ob sie überhaupt erhoben werden oder in welcher Art und Weise bzw. wie die Progression geregelt ist, entscheidet über die Fähigkeit des Staates, seinen Aufgaben nachzukommen. So ist es bemerkenswert, daß in Deutschland die Vermögenssteuer abgeschafft und eine Finanzmarkt-Transaktionssteuer  (Tobinsteuer) bis trotz vollmundiger Bekundungen der Politiker aller Couleur noch nicht eingeführt wurde. Und gerade die beiden letztgenannten Variationen bieten ungeheure Potenziale, die Schulden- und Finanzierungsprobleme des Staates zu lösen, ohne daß irgend jemandem ernstlich wehgetan werden müßte.

Thomas_Jefferson_by_Rembrandt fuer das Leben der Menschen und ihr Glueck zu sorgen 420Eine Ausgabenbesteuerung ist in unserem konsumgeilen Gesellschaftsklima noch unbeliebter als die einkommensabhängigen Abgaben. Die bekanntesten Modelle von Verbrauchssteuern  sind die Mehrwertsteuer und andere Verbrauchssteuern wie Alkohol- oder Tabaksteuer. Wir sollten uns bewußt machen, daß diese Art von Konsumsteuern Einkommensschwache proportional viel stärker belastet als die Besserverdiener und aus diesem Grunde eine unsoziale fiskalische Maßnahme bilden, jedenfalls in ihrer aktuellen Erscheinungsform. Dem müßte mit der Einführung von zusätzlichen ausgabenorientierten Steuern entgegnet werden – und zwar nicht nur aus sozialen sondern auch aus ökologischen Erfordernissen heraus.

Im speziellen meine ich das dringende Gebot, eine Besteuerung zu installieren, die die für Mensch und Umwelt schädlichen Konsumexzesse auf ein menschliches Maß reduziert. Dieses Vorhaben ist zu bewerkstelligen durch die Festlegung einer weit gefächerten Luxus- oder Ökosteuer. Beides hat den gleichen Effekt, nur bei der Motivation zur Festsetzung sind Unterschiede vorhanden. Ein Luxusgut ist eine Ware, die eigentlich zur Bestreitung des Lebens nicht erforderlich, das überteuert ist und die Ressourcen der Welt sowie die Umwelt unnötig belastet. Das ist ein unschlagbares Argument für die Einführung einer Luxussteuer.

Ökosteuern haben nur einen Sinn, wenn sie flächendeckend zum Einsatz kommen bei allen Waren, die bezüglich Gesundheit, eingesetzter Rohstoffe, der Produktionsverfahren, der Arbeitsbedingungen und der Entsorgung schädliche Wirkungen zeigen. Es ergibt sich hinsichtlich der Preisentwicklung eine ausgleichende Tendenz dadurch, daß die Hersteller dann gezwungen wären, ihre Produktionsschwerpunkte hin zu ökologisch einwandfreien Gütern zu ändern, die nicht mit der Ökosteuer belastet sind, um ihre Absatzchancen nicht zu verschlechtern. Insofern ist es wesentlich günstiger, ökologische Strategien durch fiskalische Regulierungen anzuregen, als sie unter Androhung von Strafe gesetzlich zu erzwingen.

Werbung ist als Einpeitscher des Konsums eine äußerst negative Wirkungsfolge zuzurechnen. Auch in diesem Falle verfügt der Staat über eine effektive Möglichkeit, die Werbung kurzfristig und erheblich zu bremsen. Er braucht nur den steuerlichen Abzug von Werbekosten als Betriebsausgaben zu streichen oder stark zu reglementieren. Werbung ist nicht nur dafür verantwortlich, daß überflüssige Ersatzbedürfnisse regeneriert werden sondern auch für eine unannehmbare Verteuerung der Waren  Den Aufschrei der Lobby möchte ich erleben, wenn derartige Absichten von der Politik avisiert würden. Das würde nach deren Ansicht bestimmt Millionen von Arbeitsplätzen kosten und die Wirtschaft in den Ruin treiben. Sie würden uns nur nicht verraten, daß die in Verbindung mit Werbung und Marketing für Nonsens verschleuderte Manpower der damit betrauten hochqualifizierten Fachleute dann für sinnvolle und menschendienliche Aufgaben frei wäre.

  • Gesetzliche Restriktionen zur Eindämmung unerwünschter Entwicklungen / Kanalisierung von gesellschaftspolitisch angestrebten Projekten 

Im öffentlichen Raum - Werner RuegemerSowohl die Staatseinnahmen als auch die Leistungen der Sozial- und Rentenversicherungen könnten erheblich aufgepeppt werden, wenn weitere sinnvolle und gerechte Verbesserungsmaßnahmen ergriffen würden. Um bei den Staatseinnahmen zu bleiben, genügt es, lediglich zwei Schwerpunkte zu nennen, die realistische Zusatzeinnahmen in Billionenhöhe versprechen würden. Da hätten wir zum einen die vielfältigen und undurchsichtigen Wirtschaftssubventionen und ungerechtfertigten Steuervorteile, die die Lobbyisten alleine aufgrund ihres Einflusses auf die Politik und zum Schaden der Allgemeinheit durchgesetzt haben. Diese werden absichtlich verdeckt oder indirekt gezahlt, so daß sie der Öffentlichkeit nicht auffallen. Bankenschutzschirme oder die Rettung von angeblich systemrelevanten Gebilden sind ein typisches Beispiel dafür. Dazu ist unbedingt auch die Privatisierungstendenz zu zählen, die mit aller Macht bekämpft werden muß, weil sie bürgerfeindlich ist und eine verheimlichte Schuldenquelle ist. Auch die Installierung einer ökologisch effektiv wirksamen Gewährungspraxis von CO²-Zertifikaten ist ein Mittel, mit dem hunderte von Milliarden an Staatseinnahmen erzielt werden könnten. Diese Gelder wären dann frei für diverse gemeinschaftsdienliche Aufgaben.

Schließlich und endlich darf eine weitere Einnahmequelle nicht vernachlässigt werden, die bisher nicht ausreichend ausgeschöpft wird. Es handelt sich zwar nicht um Staatsmittel – aber um Gelder, die uns eine auskömmliche Altersrente trotz der vielbeschworenen und überschätzten demographischen Entwicklung sichern könnten. Was ich damit meine, das ist die Verbesserung der Einnahmesituation der Sozial- und Rentenkassen. Es handelt sich um rein politische Richtungsentscheidungen, die bei vorhandenem Willen kurzfristig getroffen werden könnten und die wie kaum andere dem Gemeinwohl dienten und einen Beitrag zum Abbau von Perspektivlosigkeit einbringen können.

Die Festlegung einer einzigen für alle Beschäftigten und Einkommensempfänger verbindlichen Rentenversicherung, in der sämtliche Einkommensarten erfaßt und mit Abgabe von Beiträgen zur Rentenversicherung belegt würden, hätte einen durchschlagenden Erfolg für das Wohl der Allgemeinheit. Das gleiche Verfahren muß beim Inkasso der Krankenversicherung zum Ansatz kommen. Um der Gerechtigkeits- und Sozialkomponente zu genügen, wäre zusätzlich eine erhebliche Anhebung der entsprechenden Beitragsbemessungsgrenzen erforderlich. Es ist nämlich nicht einzusehen, daß die Besserverdiener einen relativ geringeren Anteil leisten als die unteren Chargen. Wenn schon Leistungsgerechtigkeit, wie es die Neoliberalen stets einfordern, dann auch hier: und zwar analog des Leistungsvermögens!

2. Stolpersteine und Hindernisse

Unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem ist so angelegt, daß die vom System und seinen Normen eingeforderten Aufwendungen in Form von Zeit und Geld zu Lasten der Muße gehen, die lt. Robert und Edward Skidelsky zu den wesentlichen und unentbehrlichen Grundgütern des Menschen zu zählen ist. Diese zum größten Teil ungeschriebenen Verhaltensregeln sind als Weltbild und Lebenskonzept in unser Denken und unsere Gewohnheiten eingedrungen, so daß es schwer fällt, sich davon zu verabschieden. Abgesehen von unserem persönlichen gewohnheitsabhängigem Verhalten, unseren Ängsten und psychologischen Bedingungen sind es die politischen Widerstände und die Gegenmacht der Kapitalbesitzer, die den Weg zu einem guten Leben im Sinne dieses Essays blockieren. Hier sind einige davon aufgeführt:

a.  Verhinderung des Anstiegs des Medianeinkommens

Das Medianeinkommen sagt über die Einkommensverhältnisse und deren Verteilung mehr aus als das Durchschnittseinkommen, mit dem wir stets in die Irre geführt werden sollen. Eine Erhöhung des Medianeinkommens bei gleichzeitiger Progression des Spitzeneinkommens wäre ein Teil der konzertierten Aktion zu mehr Teilhabe der Bevölkerungsmehrheit am „guten“ Leben. Damit ist wieder einmal das Grundproblem der ungerechten Einkommens- und Vermögensverteilung angesprochen, das in anderen Zusammenhängen mehrmals in diesem Beitrag zur Sprache kommt.

b.  Nichtberücksichtigung der steigenden Produktivität

ArmutsschereEin bisher noch nicht erwähntes Potenzial liegt in der Produktivität der deutschen Wirtschaft verborgen. Seit Kriegsende hat sich die Produktivitätsrate der Wirtschaft Jahr für Jahr erhöht. Anfangs bis in die 1980er Jahre hinein hat die arbeitende Bevölkerung noch relativ gut von dieser Entwicklung profitiert. Später driftete die Schere immer weiter auseinander, weil die wegen Arbeitsplatzabbau und technischer Innovationen kletternden Gewinne einseitig in die Taschen der Anteilseigner wanderten. Wenn in diesem Punkt nicht eine gerechtere und angemessene Aufteilung des erwirtschafteten Erfolgs unter allen Beteiligten umgesetzt wird, dann spitzt sich Lage zu und das gesellschaftliche Klima droht umzukippen.

c.  Konsumdruck angestachelt durch die Werbung

Selbst wenn das Ziel einer gerechteren Einkommensverteilung und der Erhöhung des Medianeinkommens bzw. des konkreten verfügbaren Einkommens erreicht würde, bleibt trotzdem noch ein gravierendes Hindernis auf dem Weg zum Glück. Es ist der durch Unterbewußtsein, Umfeld und allgegenwärtiger den Kaufreiz anstachelnder Werbung verursachte Konsumzwang. Wenn objektiv ausreichend Mittel zur Gestaltung eines qualitativ wertvollen Lebensstandards vorhanden sind, verstärkt sich der psychische Druck für den einzelnen, die Konsumausgaben zu erhöhen. Dieses Verhalten wiederum zwingt den Betreffenden zu Mehrarbeit und Verringerung der Freizeit, was gleichzeitig auf Kosten der Muße und Lebensqualität geht. Ein Teufelskreis, der durch die Werbung systematisch aufrecht erhalten wird.

d.  Widerstände seitens der Etablierten und Profiteure

Wer Realist ist, wird anzweifeln, ob eine staatliche Regulation im vorgeschlagenen Umfang in einem ausgefeilten marktwirtschaftlichen System wie dem unseren überhaupt praktisch durchführbar ist. Denn die der radikalen Marktwirtschaft zugrunde liegende Ideologie beruht auf dem Prinzip der staatlichen Deregulierung, weshalb eine Einverständniserklärung des Systems mit einer einschneidenden Regulierung ein Widerspruch in sich wäre und weshalb auch eine Realisierung unwahrscheinlich ist. Die zugrunde liegende Doktrin werden die Entscheidungsträger nicht fallen lassen.

Unfairteilung_Armut_Altersarmut_Generationengerechtigkeit_Kinderarmut_Geldflut_innerer_Notstand_soziale_Gerechtigkeit_BankenrettungDie für die Profiteure anfallenden Vorteile an Profiten und Macht sind so erheblich, daß sie dieses Faustpfand niemals freiwillig oder durch Bitten und Betteln aufgeben werden. Die Politik ist derartig mit dem Kapital verfilzt, wird korrumpiert und befindet sich in einer Abhängigkeitsposition, daß wir auch aus dieser Richtung mit keiner Unterstützung rechnen können. Was übrigbleibt, ist nur noch die Alternative zu einem Systemwechsel. Da es sich dabei nicht nur um eine rein politische Umwälzung handeln würde sondern auch um eine grundlegende Reformierung des Eigentumsrechtes, der Einkommens- und Vermögensverhältnisse sowie der Praxis der Zinserhebung incl. der Infragestellung von leistungslosen und nicht aquädaten Einkommen, ist mit heftigstem Widerstand zu rechnen. Ohne eine Revolution, in welcher Form auch immer, ist dieses bahnbrechende Projekt nicht in die Tat umzusetzen.

e.  weitere Lösungsansätze

Mögliche  Lösungsansätze  durch Erhöhung der unteren und mittleren Einkommen gekoppelt mit einer Reduzierung der Wochenarbeitszeit sind bereits in den Diskurs eingeflossen. In dieser Hinsicht sind in der Vergangenheit Vorbilder zu verzeichnen: in den 1930er Jahren in den USA mit Ford, der die 30-Stundenwoche in seinen Werken realisiert hatte. Oder mit VW, die in den 1980er Jahren sich auf eine Wochenarbeitszeit von 36 hinunter auf 28,8 Stunden geeinigt hatten – der Produktivität des Unternehmens tat das keinen Abbruch, im Gegenteil: sie stieg noch an!

Wie weit die Parteien, die den Anspruch einer Interessenvertretung der Bürger erheben, schon ins Abseits gerutscht sind, zeigt beispielsweise die Einstellung von Sigmar Gabriel, dem Vorsitzenden der „Arbeiterpartei“ SPD und jetzigen Umweltminister.  In der Sache eines und gerechten Subventionsabbaus in Form der Beteiligung der Industrie an der EEG-Umlage, die bisher von den Bürgern alleine geschultert werden muß, malt Gabriel die Gefahr einer drohenden „Deindustrialisierung“ Deutschlands an die Wand und plappert damit die hohlen und unverantwortlichen Phrasen der Wirtschaftsvertreter nach. Man kann sich lebhaft vorstellen, welche reflexartigen Reaktionen aus Politik und Wirtschaft erschallen würden, wenn eine drastische Arbeitszeitverkürzung mit gleichzeitigem Lohnanstieg – gekoppelt mit einer radikalen Umkehr im Eigentumsrecht – auf der Agenda stünde. Uns würde mindestens der Weltuntergang, wenn nicht der Zusammenbruch des Universums, profezeiht.

f.  Grundeinkommen

Die Einführung eines Grundeinkommens ist ein immerwährendes Thema, das je nach Intentionen und Ausgestaltung von den verschiedensten Gruppierungen von links bis rechts aufgetischt wird. Eigentlich sollte der Anreiz für den Diskurs in der Umsetzung die Auflösung der Klassengesellschaft, der Zusicherung der beschriebenen Grundgüter und dem Zugeständnis des individuellen existenziell notwendigen Grundbesitzes zu suchen sein. Darauf ist ein menschenrechtlicher Anspruch begründet, der durch die Geburt  in Kraft tritt. Aber in der Praxis kochen die einzelnen Interessenverbände jedoch mit dem Thema ihr eigenes Süppchen.

Deshalb ist der Weg zum Grundeinkommen, geschweige denn zu einem “bedingungslosen” und dann auch noch in einer existenzsichernden Höhe, mit schweren Felsbrocken gepflastert. Man braucht sich nur einmal anzuschauen, auf wie viel Gegenwehr die Einführung eines lachhaften Mindestlohns von 8,50 € für 2017 – gespickt mit Ausnahmeregelungen – gestoßen ist. Welchen sog. (Experten-)Aufstand wir zu erwarten haben, wenn ein Grundeinkommen zur Debatte steht, das seinen Namen verdient hat, brauche ich nicht im Detail auszuführen. Die Gegenargumente sind immer die gleichen und werden unermüdlich wie ein Mantra wiederholt, obwohl die Wiederholungen sie nicht schlüssiger gestalten:

Arbeitsanreiz geht verloren und Faulheit obsiegt

Das ist das erste Holzhammer-Argument, das sich durch die Grundeinsichten der Psychologie und wissenschaftliche Erkenntnisse von der Natur des Menschen spielend widerlegen läßt. Ein psychisch gesunder Mensch weist ausreichend natürliche Motivation auf, um sein Leben mit Hilfe von sinnvoller (bezahlter) oder (unbezahlter) Betätigung zu gestalten. Wer sich die Mühe macht, den Urinstinkt von kleinen Kindern in ihrem Betätigungsdrang zu beobachten und die Menschen berücksichtigt, die ehrenamtliche Aufgaben erledigen oder anderen unbezahlten Beschäftigungen nachgehen (z. B. wir im Kritischen Netzwerk), der hat für die diskriminierenden Scheinbehauptungen (siehe Menschenfreund Franz Müntefering von der SPD mit seinem „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“) von der angeborenen Faulheit des Menschen nur noch ein mitleidiges Lächeln übrig.

Commerzbank_Kommunisten_Kontovollmacht_Geldhahn_abdrehen_Kundenkonto_kuendigen_Sippenhaft_Kapitalismuskritk_Kontrahierungszwang_Kuendigungsgrund_Kontosperre_0Es ist unbenommen, daß es auch faule Menschen gibt. Solche, die aus Prinzip faul sind, solche, die einfach nur genügsam sind (siehe: Skidelsky: „Wie viel ist genug“) und solche, die durch ihre Sozialisation psychisch deformiert sind, so daß sie die natürliche Motivation zum Arbeiten verloren haben. Andererseits gibt ein Millionenheer Arbeitswilliger, die entweder keine Arbeit oder keinen gerechten Lohn erhalten, von dem sie leben können. Angenommen, die verteufelten Faulen streiten sich auch noch um verfügbaren Arbeitsplätze, dann würde die Erpreßbarkeit der Arbeitswilligen noch weiter erhöht und die Löhne noch mehr unter Druck geraten. Diese Leute sollten also in ihrem eigenen Interesse heilfroh sein, daß es noch ein paar Faule gibt.

Finanzierbarkeit

Die Finanzierbarkeit eines Grundeinkommens ist der zweite Hauptstreitpunkt. Alle, die eine Finanzierbarkeit in Abrede stellen, verschließen die Augen vor der Realität der bestehenden Einkommens-, Vermögens- und Kapitalverhältnisse. Allenfalls läßt sich bezeugen, daß die fehlenden Mittel für ein Grundeinkommen an Stellen gebunkert sind, wo sie gierig umklammert werden und somit der Gemeinschaft entzogen werden, die zumindest auf einen Teil davon einen Anspruch besäße. Die Banken dienen dabei als abgeschottete Kapitalbunker und ihre Manager als Handlanger der Kapitaleigner, um das Volk um seine Anteile zu betrügen.

In anderen Artikel wurden bereits die unterschiedlichsten Reserven angesprochen, die angezapft werden könnten, um allen Menschen ein gutes und finanziell abgesichertes Leben zu gewährleisten. (siehe hier und hier) Hier nochmal einige Exempel, wie die sozialere Verteilung des Produktivitätszuwachses einschließlich der von Eigentum und Einkünften, der ungerechten Steuerpolitik, der Verschwendung von Billionen an Euro zugunsten der Finanzwirtschaft sowie die teilweise haarsträubende Subventionierung der Wirtschaft betrieben wird.. Alles dies zusammen bietet reichlich Einsparpotenzial, um ein “gutes Leben” für alle anzubieten.

Woran es mangelt, sind nicht die finanziellen Mittel, sondern ganz eindeutig der Wille. Weder in Politik und schon recht nicht in Wirtschaft oder in den Kapitalbesitzerkreisen ist Hilfe für uns zu erwarten. Dabei scheint die Dummheit zu regieren, weil sie sich selbst den Ast absägen, auf dem sie sitzen. Wenn bei den weniger Betuchten das verfügbare Einkommen angehoben wird, findet diese Maßnahme einen direkten Widerhall im Konsum, der wiederum die Wirtschaft ankurbelt und damit die Steuereinnahmen sprudeln läßt. Ein idealeres und effektiveres Konjunkturpaket könnte man nicht schnüren.

Außer dem fehlenden Willen steht auch die Angst, die Thematik ernsthaft zu diskutieren und endlich einmal einen Anfang zu machen, als Hemmnis im Weg. Dabei gibt es schon Beispiele aus der Praxis, wo – zwar mit Einschränkungen – das Modell eines Grundeinkommens angeboten wird: in Alaska, Brasilien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Auch kann das Nichtvorhandensein von entsprechenden Konzepten eines Grundeinkommens mit Ausführungsvorschlägen nicht der Grund für fehlende Bereitschaft einer Einführung sein. Dann diese Konzepte gibt es reichlich wie z. B. das von mir favorisierte „Wahlfreie Grundeinkommen“ von Egon W. Kreutzer, das mit Vorschlägen zur Reform des Eigentumsrecht und der Handhabung des Zins gekoppelt ist. Im Kritischen Netzwerk sind eine Reihe guter Beiträgen zu Thema enthalten, auf die jeder nach Eingabe des Schlagwortes “Grundeinkommen” in die Suchfunktion zugreifen kann.

g.  gesellschaftlich-politische und individuelle Organisation

Zu einer Verwirklichung der vorgetragenen Ideen gibt es eine Grundbedingung, die leicht zu sein scheint, die jedoch in der Praxis nicht vorankommt und vielleicht Generationen braucht:  Es ist die Herstellung eines neuen Paradigma, einer neuen persönlichen Lebenseinstellung verbunden mit einem gesellschaftlichen Sinneswandels. Zur Umsetzung unserer definierten Ziele ist eine Neuorientierung der rein ökonomisch definierten Sichtweise erforderlich.

Marianne_Gronemeyer_Wer_arbeitet, suendigtDringend ist das Stecken anders gearteter Wege, Leitbilder und Endpunkte, die den Menschen und die Natur in den Vordergrund stellen. Auch die Neudefinition von Arbeit und Beschäftigung ist unverzichtbar, wenn wir auf diesem Pfad weiter voran kommen wollen. Die Anreize und der Inhalt von Arbeit/Tätigkeit sollten neu ausgerichtet  und auf die dem Menschen innewohnenden natürlichen Bedürfnisse abgestimmt werden. Eine Intention der Befreiung von der Diktatur der Zwangsbeschäftigung ist ebenfalls unvermeidlich, die entgegen anderslautender Beteuerungen in der modernen Arbeitswelt vorherrscht.

Wir unterliegen dem verhängnisvollen Irrtum, daß wir in einer freiheitlichen Gesellschaft leben und unsere Wahlfreit unbegrenzt sei. Deshalb sind wir dazu aufgefordert, hinter den Vorhang zu blicken und die wahren Beweggründe aufzudecken – und zwar unsere persönlichen als auch die unserer Animateure. Erst dann sind wir in der Lage, Verhaltensweisen zu fördern, die zu mehr statt zu weniger Wahlfreiheiten führen. Deshalb versuche ich an dieser Stelle nochmals einige Prinzipien für eine neue Orientierung heraus zu kristallisieren:

  • Aufbau einer gesellschaftlichen und ökonomischen Organisation, die Rückgang der unersättlichen materiellen Triebbefriedigung auslöst,
  • Verabschiedung von der Perspektive der Knappheit als Idee der Effizienz,
  • stattdessen Bildung einer Gesellschaft, die Saturierung und Zufriedenheit zuläßt,
  • Problemsuche  nicht  mehr im Mangel sondern im Überfluß,
  • Einführung der Muße als gesellschaftlich anerkanntes Leitbild.

Nur wenn wir auf dieser Marschroute ein gutes Stück vorankommen, erhalten wir eine Perspektive von der eigenen Zukunft, der der Gesellschaft sowie der der Menschheit. Vor die Schlußbetrachtung füge ich noch ein Zitat ein aus „Grundlagen für eine soziale Umgestaltung“ des englischen Philosophen und Mathematikers Bertrand RussellDieses hätte ich auch in jedem anderen Kapitel meines Beitrags unterbringen können, denn es enthält eine universelle Botschaft:

„Sowohl im politischen als im privaten Leben sollte es der erste Grundsatz sein, alles, was schöpferisch ist, zu fördern und somit die Wünsche und Impulse, die sich auf Besitz konzentrieren zu verringern.

Die heute am meisten verbreitete Lebensanschauung ist die, daß das Glück eines Menschen in erster Linie durch sein Einkommen bedingt ist. Abgesehen von andern Mängeln ist diese Anschauung deshalb schädlich, weil sie die Menschen dahin führt, ein Resultat mehr zu erstreben als eine Tätigkeit, einen Genuß materieller Güter, in dem sich die Menschen alle gleich sind, mehr, als den schöpferischen Impuls, der die Individualität eines jeden Menschen verkörpert.“

3. Schlußbetrachtung

Bei diesem Punkt möchte ich nochmals auf Robert und Edward Skidelsky und auf deren Buch „Wie viel ist genug“ zurückkommen. Mein heutiger Beitrag baut auf der Idee der Skidelskys von einem Wandel des individuellen und gesellschaftlichen Denkens auf, weshalb er auch eine Rezension beinhaltet. In diese Vorstellungen hinein und darüber hinaus habe ich meine eigenen Gedanken ausgebaut und der Thematik noch eine etwas radikalere Komponente hinzugefügt. Das Buch kann ich uneingeschränkt empfehlen – ich kenne kein besseres bezüglich der vorliegenden Themenstellung. Die Autoren gehen ideologie- und vorurteilsfrei an die Hintergründe, die aktuelle Bestandslage und die Zielformulierung heran.

Zurecht besteht Skepsis, daß sich aufgrund von Einsichten und verbalem Gegenwind eine neue Weltanschauung  sowie ein grundlegender Sinneswandel erreichen läßt – weder beim einzelnen noch bei den Eliten. Bei einem Weiterso in den eingefahrenen Bahnen bleibt die Vormachtstellung der Herrschenden bestehen – und wir müssen mit der Verliererstraße vorliebnehmen. Auf die Frage nach einem tragfähigen Konzept, was man anstelle der aufgelösten Strukturen oder während des Prozesses eines Systemwandels positionieren soll, sind weiter oben bereits Ansätze hinsichtlich eines empfehlenswerten individuellen Verhaltens sowie der staatlichen Einflußnahme diskutiert worden.

Beim Resümee ihres eigenen Buches bleiben allerdings auch die Skidelskys „nur“ bei relativ pauschalen Antworten hängen. Ihre wesentlichen Intentionen sind folgende:

  • Organisierung von Wegen aus der Tretmühle.
  • Förderung von Eigeninitiative und Lebensweisen, in denen das Geldverdienen nicht mehr im Vordergrund steht.
  • Formung eines Staates, der sich nicht als neutraler Beobachter sondern als ethisch Eingreifender und Regulator versteht.
  • Wünschenswert sei – meinen sie – eine Autorität und Inspiration von Seiten der Religion, wobei dies mit einem Fragezeichen versehen wurde.

Dies alles ist nichts wirklich Neues. Denn bei der Ausformulierung von Lösungsvorschlägen haben wir es mit einem Manko zu tun, das kaum ein Autor füllen kann. Das Ei des Kolumbus hat noch keiner gefunden – und Vorschriften oder konkrete Anleitungen sind aufgrund der individuellen Voraussetzungen des Menschen bei den meisten sowieso nicht willkommen. Als Hauptübel bezeichnen die Autoren richtigerweise nicht die Verschwendung von Geldmitteln sondern die Verschwendung der Möglichkeiten der Menschen. Diese Ansicht befindet sich übrigens ganz auf meiner sowie der Linie des Psycho-Soziologen Erich Fromm, der sich einmal in dem Sinne geäußert hat, daß die größte Sünde des Menschen ein nicht gelebtes Leben sei.

Albert_Einstein_Probleme_kann_man_Denkweise_by_Initiative Echte Soziale Marktwirtschaft IESM_pixelio.de_Um es nochmals zu bilanzieren: Konkrete individuelle Alternativen zur Verhaltensänderung sind ausgeblieben, was auch nicht erwartet werden konnte. Im Unterkapitel Konsumismus, in der Abhandlung der Frage „Wie viel ist genug“ sowie der Begriffe „Glück“, „Wohlstand“ und „Zufriedenheit“ sind allerdings eine Fülle von Anregungen enthalten, die auf persönlicher Ebene aufgegriffen werden können. Ich für meinen Teil bin überzeugt davon, daß all die angestrebten Ziele, die sehr flüchtig und schwer greifbar sind, immer wieder aufs neue erkämpft werden müssen, wenn sie von Dauer sein sollen.

Eine traditionell weniger vorhandene Stärke der meisten Autoren, die einen Systemwandel einfordern,  ist die Rezeptur zur Herangehensweise an die Repressionsmittel der Herrschenden sowie die Nennung von Roß und Reiter. Die etablierten Mechanismen der Macht und die möglichen Verfahrensweisen zu deren Überwindung werden meistens ausgeklammert, wie auch in diesem Buch. Allerdings muß ich den Autoren zugute halten, daß dies von vorne herein in ihrer Konzeption nicht als Aufgabe ausgewiesen wurde, denn ihnen lag vor allem der Gefühlszustand  Glück sowie der Seinszustand Muße am Herzen, deren Erfüllung jedoch der Existenz der Grundgüter bedarf.

Am besten können diese unter dem Organisationsprinzip von dezentralen Strukturen erreicht werden – also unter Mithilfe des bereits genannten Leitsatzes:  „Lokal statt global.“ Ich möchte keine Mißverständnisse aufkommen lassen und mich nicht als reiner Lokalpatriot outen. Denn ich hasse Kirchturmdenken und plädiere nicht für eine regionale, nationale oder persönliche Abschottung. Es gibt Problemstellungen, die nur auf supranationaler Ebene gelöst werden können – und es gibt sinnvolle Produkte, die regional nicht anzubauen oder zu produzieren sind. Und da soll es auch noch Aufgabenstellungen geben, habe ich flüstern gehört, die man nur in Gemeinschaft lösen kann. Diese Unterscheidungen müssen getroffen werden, um nicht die eine Ideologie durch eine neue zu ersetzen.

MfG Peter A. Weber


Textquelle:  Kritisches Netzwerk , welches ich sehr schätze und unterstütze.

Bild- und Grafikquellen:

1. Zygmunt Bauman untersucht in seinem Buch “Leben als Konsum” die Auswirkungen der vom Konsum bestimmten Haltungen und Verhaltensmuster auf verschiedene, scheinbar nicht miteinander verbundene Aspekte des sozialen Lebens: auf Politik und Demokratie, soziale Spaltungen und Schichtungen, auf Gemeinschaften und Partnerschaften, Identitätsbildung und die Produktion sowie den Gebrauch von Wissen und Wertorientierungen.

2. Buchcover “Wie viel ist Genug”, von Robert und Edward Skidelsky.

3. Thomas Jefferson, 3. US-Präsident. Grafikbearbeitung: Wilfried Kahrs / QPress.de

4. Buchtitel: “Heuschrecken im öffentlichen Raum”, von Dr. Werner Rügemer – zur Buchvorstellung

5. “Kluft zwischen Arm und reich” wird immer größer und führt bereits zu einer deutlich spürbaren Spaltung der Gesellschaft. Geschönte Zahlen geben nicht die Realität und das Ausmaß tatsächlich von Arbeitslosigkeit, Hartz-IV und der Grundsicherung-Empfänger wieder – nicht zu vergessen Kinderarmut, Menschen in prekeren Beschäftigungen und millionen anderer Lohnsklaven. Foto: Bernd Kasper. Quelle: Pixelio.de

6. UNFAIRTEILUNG. Grafikbearbeitung:Wilfried Kahrs / QPress.de

7. Plakat “Der Terror sitzt in Banken und in Berlin. Eure Lügen wollen eine ganze Nation verarschen – Schluss jetzt!” Occupy Frankfurt Germany Footage. Autor: Gessinger.bildwerk Quelle: Wikimedia Commons. Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“ lizenziert.

8. Buchtitel: “Wer arbeitet, sündigt. Ein Plädoyer für gute Arbeit.”, von Prof. Marianne Gronemeyer – zur Buchvorstellung

9. Zitat v. Albert Einstein: “Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.” Foto: Initiative Echte Soziale Marktwirtschaft, IESM. Quelle: Pixelio.de

10. Beitragsbild: Thorben Wengert / pixelio.de

Marktwirtschaft und ihre Begleiterscheinungen

von Peter Weber

Kritik der Unersättlichkeit und Lob des guten Lebens!

1. Historischer Rückblick

Adam Smith (1787)

Adam Smith (1787)

Eine Rückschau über die Entwicklung der Prozesse um den Sinngehalt und die Begriffe wie Glück, Wohlstand, Besitz und Kapital soll an dieser Stelle nicht erfolgen. Man möge mir verzeihen, daß ich dabei sogar Karl Marx vernachlässige – es würde sonst zu umfangreich. Einige Zeilen sollen aber dem schottischen Moralphilosoph, Aufklärer und Begründer der klassischen Nationalökonomie namens Adam Smith gewidmet werden, bevor der Einstieg in die „in medias res“ (mitten in die Dinge) des 20. Jahrhunders erfolgt. Mit mit seinem Hauptwerk „Wohlstand der Nationen – Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen“ hat uns Smith eine Basis hinterlassen, auf dem seine Nachfolger bis hin zur Moderne aufbauen konnten. Eine essenzielle Frage hat sich Smith gestellt:

„Was ist bedeutsamer: das allgemeine, gesellschaftliche Glück oder das persönliche, individuelle Glück?“.

Seine Theorien führten ihn jedoch zu einer Erkenntnis, bei der es sich erübrigte, die o. a. Frage definitiv zu beantworten. Es handelt sich um die Offenbarung der berühmten „unsichtbaren Hand“, die offensichtlich auf einer religiösen Basis gedeihte und als eine Assoziation zur „Hand Gottes“ verstanden werden kann. Denn durch die unsichtbare Hand, die mittels der Funktion des Marktes den gesellschaftlichen Reichtum erhöhe, werde gleichzeitig auch das allgemeine, gesellschaftliche Glück gefördert. Dies sei zwar keine direkt beabsichtigte Wirkung des Wirtschaftsgeschehens, aber trotzdem sei der mehr oder weniger zufällige Effekt ein stichhaltiger Grund, die Marktwirtschaft zu unterstützen, denn das Florieren des Marktes sei daher im allgemeinen Interesse.

John Meynard Keynes

John Meynard Keynes

Die in diesem Beitrag gestellte Aufgabe führt uns zu den menschlichen Begierden und den zu erfüllenden Bedürfnissen. John Maynard Keyneseiner der bedeutendsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts und Begründer des „Keynianismus“ hatte seine eigenen Vorstellungen vom Wirken der Begierde. Wie Adam Smith ging er von den angeblich wohltätigen Ergebnissen des Marktes aus. Er behauptete, daß der Mensch nur eine begrenzte Anzahl von Begierden habe und nahm an, daß 

  • der Kapitalismus die Liebe zum Erzielen von Gewinn freisetze,
  • dieser wiederum durch die Fülle seines Angebotes den Menschen befriedigen könne,
  • sich daraus die Freiheit der Menschen entwickele, der sich in einem zivilisierten Leben der Früchte  seiner Arbeit erfreuen könne, und
  • sich als Endeffekt ein Zustand einer Befriedigung und allgemeiner Zufriedenheit herauskristallisiere.

Jedem von uns ist klar, daß sich Keynes geirrt hat, wenn wir unseren derzeitigen Daseinszustand betrachten, der weit davon entfernt ist, uns zu den beschriebenen paradiesischen Verhältnissen zu bringen. Das hat natürlich etwas mit dem schwer faßbaren Begriff des Glücks zu tun.

Je intensiver und schneller die Befriedigung von Bedürfnissen – meist materieller Art – abläuft, um so eher könnten die Arbeitsstunden verringert werden und der Arbeitnehmer wäre in der Lage, sich seinen Lebensunterhalt mit weniger Arbeitsaufwand  verdienen. Dies wäre möglich ohne Glücksverluste und verbunden mit einer höheren Lebensqualität sowie der Chance, die Freizeit sinnvoll zu nutzen – bei gleichzeitigem uneingeschränktem Genuß des Lebens.

Keynes hat allerdings dabei entscheidende Hindernisse übersehen, die bei der Entfaltung des Kapitalismus auftreten. Als erstes hat er den Umfang des Machtkomplexes unterschätzt, der durch die potenzierende Arbeitsweise des Kapitals ins Maßlose anwächst sowie die Tatsache, daß der Kapitalismus auf ungehemmtem Konsum gegründet ist. Ohne ständiges Wirtschaftswachstum und Anstachelung des Konsums wäre der Kapitalismus zum Scheitern verurteilt. Daraus folgt eine Unersättlichkeit der Gier nach Geld, Besitz, Macht und Gütern. Der Kapitalismus feuert damit eine immanente Jagd nach Reichtum an.

Wachstum ist als neutrales und natürliches Phänomen nicht zu verdammen, sondern Wachstum ist der Motor der Natur und wie der Tod Bestandteil eines sich selbst regulierenden Systems. In diesem Sinne  ist er als ein Antidepressivum für Volkswirtschaften geeignet, die schwächeln, um sich wieder aufzurappeln, aber nicht als Dauerdroge, die süchtig macht und die die gesunden Steuerungsmechanismen ausschaltet.

2. Umschwenken in neues Paradigma

Margaret Thatcher und Ronald Reagon

Margaret Thatcher und Ronald Reagon

Nach dem langsamen Ableben des Keynesianismus trat die Welt in den 70er-80er Jahren in eine neue Phase ein. Es entwickelte sich auf dem Fundament des Neodarwinismus unter den Regenten Margaret Thatcher und Ronald Reagan eine Zeitrechnung der Technokraten, Imperialisten und Wirtschaftsverherrlicher.

Margaret Thatcher, bekannt als „Eiserne Lady“ war von 1979 bis 1990 Premierministerin von Großbritannien. Als Vorreiterin der auf der neoliberalen Doktrin basierenden Forderung nach Deregulierung des Staates hat sie immenses Unheil angerichtet, das bis heute weiter wuchert und unermeßliche Schäden zu Lasten der Allgemeinheit anrichtet. Die berühmt-berüchtigte TINA („There Is No Alternative“) – Ausrede, wenn es um den Schutz des Kapitals, der Banken und der Konzerne (Systemrelevanz!!!) geht, ist noch heute das Lieblingslied unserer Thatcher-Nachgeburt Angela Merkel. Thatcher war nicht nur mit Haaren auf den Zähnen bewaffnet, sondern sie unterstützte die US-Hardliner-Politik in vollem Umfang und war sich nicht zu schade, um im Falklandkrieg 1000 Menschenleben wegen einer Prestigeangelegenheit wegen ein paar Felseninselchen zu opfern.

Ronald Reagan, Schauspieler und Cowboydarsteller, war von 1981 bis 1989 der 40. US-Präsident. Er war ein Verfechter der angebotsorientierten Wirtschaftspolitik und damit ganz auf der Linie von Hayek und Friedman, auf die wir unten noch zu sprechen kommen. Seine von ihm propagierte „Trickle-down-Theorie“ ist nichts anderes als eine Kopie der „unsichtbaren Hand“ von Smith. Reagans außenpolitischer Kurs war nationalistisch dominiert – in seiner Sicht der USA als von Gott auserwählte Nation war der Rest der Welt nur ein auszubeutendes Anhängsel. Insofern war seine Inszenierung einer Wiederauferstehung des Kalten Krieges und der Beschimpfung der UdSSR als „Achse des Bösen“ nur konsequent.

Unterstützt von den namhaften Exponenten Thatcher und Reagan entfaltete sich ein neues wirtschaftliches Paradigma. Dieses färbte langsam aber sicher auch auf das gesellschaftliche Weltbild ab und ist bis heute dabei, die gesamte Welt zu erobern. Die neue Mode ist auch bekannt als Marktfundamentalismus. Da kam Adam Smith mit seiner „unsichtbaren Hand“ gerade recht, der damit eine Wiederauferstehung erleben durfte. Vernachlässigt wurden dabei aber die Verdienste Smiths als Moralphilosoph, der soziale Gesichtspunkte vertrat und eine ethische Haltung einforderte. Friedrich August von Hayek und Milton Friedman, um nur zwei der hauptsächlichen Vertreter zu nennen, waren die Apologeten des neuen Zeitgeistes, der Wachstum und Freihandel als oberste Maxime postulierte.
Friedrich August von Hayek (1981)

Friedrich August von Hayek (1981)

Die immateriellen Bedürfnisse des Menschen gerieten zunehmend ins Hintertreffen zugunsten eines Kapital- und Profitrausches. In der Zeit des Wirtschaftswunders der 60er und 70er Jahre kaschierte das Wachstum die Wahrnehmung der Bürger bezüglich der real-existierenden Interessens- und Besitzverhältnisse. Sie ließen sich von ihrem bescheidenen Wohlstand und den für sie anfallenden Brotkrumen blenden, die man ihnen großzügig überließ.

Der durch den Krieg und die anschließenden Mangelverhältnisse anschwellende Nachholbedarf, der von einem sehr niedrigen Niveau aus startete, erfuhr eine relative Befriedigung. Er ließ die Menschen den mächtiger und immer hungriger werdenden Kapitalismus-Tiger aus dem Blick verlieren. Die durch die neoliberalen Heilsversprechungen und den gewährten ungewohnten Einkommenszuwachs naiv geglaubte Rechtfertigung von Einkommens-Ungleichheiten hatte eine Sedierung und kritiklos-gleichgültige Einstellung der Bevölkerung zur Folge. Die traditionelle Religion war im Niedergang begriffen – an ihre Stelle mußte ein Lückenfüller treten: der pseudo-religiöse Glaube an den Markt, der sich als „Hand Gottes“  profilieren konnte und dem man nun Unterwerfung zollte.

Im Gefolge des neuen Glaubensbekenntnisses, das sich als Selbstrechtfertigung genügte, war zu beobachten, daß die Ignorierung der sozialen und ökologischen Folgen dramatische Ausmaße annahm. Die besonders in Deutschland gepriesene sog. „soziale Marktwirtschaft“ geriet durch die zunehmende Deregulierung immer mehr unter die Räder. Deregulierung heißt Entmachtung des Staates durch drastische Kürzung der Steuereinnahmen und Privatisierung aller Bereiche, auch von Einrichtungen der menschlichen Existenzsicherung. Im Klartext wird eine Sozialisierung der Kosten der angerichteten Schäden bei gleichzeitiger Privatisierung der Gewinne praktiziert. Eine Bevölkerung, die das schluckt, muß zwangsläufig unter dem Einfluß von Drogen stehen.

Wenn der Staat sich  aus möglichst allem heraushält und Neutralität des Staates als oberste neoliberale Strategie gilt, dann ist die unweigerliche Folge davon, daß die Macht von der Politik auf das Kapital verlagert wird. Diese Entwicklung ist gleichbedeutend mit einer Entdemokratisierung und Entmachtung des eigentlichen Souveräns, des Volkes. Genau genommen handelt es sich um eine kalte Revolution, um einen Umsturz und einen Systemwechsel zum Wirtschaftsfeudalismus – also um eine Untergrabung des im Grundgesetz festgeschriebenen Fundaments der Republik.

Es soll vorkommen, daß kritische Mitbürger angeklagt werden, weil sie angeblich „gegen nationale Interessen“ verstoßen. Welche Strafe hätten denn in diesem Zusammenhang die Deregulierer aus den Reihen des Kapitals und ihre politischen Helfershelfer verdient?

Sogar die katholische Kirche hat dem gegenüber mit ihrer Soziallehre die Interessen der Arbeitnehmer und Bürger vertreten – zumindest theoretisch. So ließ schon Papst Leo XIII. in seiner Enzyklika „Rerum Novarum“ im Jahre 1891 verlauten:

„[So] geschah es, daß die Arbeiter allmählich der Herzlosigkeit  reicher Besitzer  und der ungezügelten Habgier der Konkurrenz isoliert und schutzlos überantwortet wurden. Ein gieriger Wucher kam hinzu, um das Übel zu vergrößern […] Produktion und Handel sind fast zum Monopol von wenigen geworden, und so konnten wenige übermäßig Reiche einer Masse von Besitzlosen ein nahezu sklavisches Joch auflegen.“

Papst Franziskus

Papst Franziskus

Der seit 2013 neue Papst Franziskus outete sich als ein Papst der Armen und Kapitalismuskritiker. In seinem apostolischen Schreiben vom 24.11.2013 ließ er sich zu dieser folgenschweren Aussage verleiten: „Diese Wirtschaft tötet.” Und weiter:

„Die Mechanismen der augenblicklichen Wirtschaft fördern eine Anheizung des Konsums, aber es stellt sich heraus, daß der zügellose Konsumismus, gepaart mit der sozialen Ungleichheit, das soziale Gefüge doppelt schädigt.
 
Das geschieht nicht nur, weil die soziale Ungleichheit gewaltsame Reaktionen derer provoziert, die vom System ausgeschlossen sind, sondern weil das gesellschaftliche und wirtschaftliche System an der Wurzel ungerecht ist.“

Das alles hindert die offiziell soziale Einstellung der Kirche nicht daran, vorherrschende Eigentums- und Besitzverhältnisse zu verteidigen. Schließlich hat sie ihren Reichtum begründet auf feudalistischen Praktiken der Vergangenheit.

Als praktisches Beispiel dafür, wie ein Staat sich ethisch engagieren kann und Möglichkeiten besitzt, ein gutes und zufriedenes Leben seiner Bürger ohne den Zwang zum Konsumrausch zu initiieren, ist Bhutan, ein Land im Himalaya. Hierüber hat unser Autorenkollege im Kritischen Netzwerk, der Kölner Ökonom Saral Sakar, einen aufschlußreichen Artikel mit dem Titel „Bhutan ist keine Insel – Die Zukunft des Bruttoinlandsglücks“ geschrieben, den es sich nachzulesen lohnt.

3. Gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Bezugsrahmen

Nun sind wir in der Gegenwart angekommen, die uns das marktwirtschaftliche Paradies auf Erden anbietet bzw. verspricht. Die Marktwirtschaft hat die Weltherrschaft übernommen in einem Ausmaß, wie es der viel geschmähte Kommunismus und Sozialismus niemals vermochte. Sie dringt in sämtliche Ritzen unseres Lebens und Bewußtseins ein, bestimmt unseren Alltag und hält uns gefangen.

Die extra dafür erfundene soziale Marktwirtschaft, um uns von der Radikalität und Unbarmherzigkeit des kapitalistischen Systems abzulenken, dient uns als Rettungsanker oder letzten Halm, an den wir uns klammern können. Für die Herrschenden bildet sie das ideale Alibi und einen kaschierenden Lendenschurz: der Wolf tritt im Schafspelz der sozialen Marktwirtschaft auf und hat Kreide gefressen. Der Tenor lautet allenthalben: „das beste Deutschland, das wir je hatten“, „uns geht es doch allen gut“,  oder im Falle von kritischen Bemerkungen „dann wander‘ doch aus“. Die Pauschalempfehlung „dann hau‘ doch nach drüben“ hat sich erübrigt. Der Selbstbetrug, daß wir in der besten aller denkbaren Welten leben und uns auf unseren Lorbeeren ausruhen könnten, wird als Schutzschild und Entschuldigung für konformes Verhalten als Fahne voran getragen.

Kapitalismus-Umfrage-Kapitalismuskritik-freie-Marktwirtschaft-Kommunismus-Planwirtschaft-Monopolkapitalismus-Imperialismus-Geostrategie-Sozialismus

Die Wirtschafts- Energiekrise in den 70er Jahren und der Fall des Kommunismus 1989 haben einen entscheidenden Teil dazu beigetragen, daß die radikale Marktwirtschaft so rasant Fuß fassen konnte. Die Freiheitsparolen, das vermeintliche Gefühl der individuellen Freiheit sowie die des Freihandels in Verbindung mit der Lust auf Besitzvermehrung bescherte uns eine ungehemmte Ausbreitung der Raffmentalität und eines Lebens auf Kosten anderer und im besonderen auch der Natur. Es formierte sich eine sich aufblähende Dienstleistungs-Gesellschaft, die Serviceleistungen anbietet, die zu einem wesentlichen Teil niemand wirklich braucht und die den Menschen zur Bequemlichkeit verführt. Letztendlich erfüllt die Dienstleistungswirtschaft die Funktion, den Reichen zu dienen. Die Wohlhabenderen können sich jeden Wunsch leisten – die ausführenden Kräfte entstammen dem Prekariat und müssen sich mit Hungerlöhnen zufrieden geben.

4. Soziopsychologische Auswirkungen und Phänomene

Nicht nur das Erdklima, sondern auch das gesellschaftliche Klima hat sich gewandelt – fast könnte man annehmen, es bestünde ein Zusammenhang. Parallel zur Klimaerwärmung wird nun auch das Konkurrenz- und Leistungsstreben angeheizt.  Die neue Lebensregel hat das Mitgefühl ad acta gelegt und unterliegt dem Prinzip jeder gegen jeden – nur der bessere und stärkere gewinnt. Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott, ist zwar ein guter Motivationsschlüssel, aber wo kein Gott mehr existiert, da hat man eben Pech gehabt und bleibt sich selbst überlassen.

Armut-Armutsschere-Kapitalismuskritik-Sozialstaat-Verarmung-Depression_by_Dr. Klaus-Uwe Gerhardt_pixelio.de_Die Mode des gesellschaftlichen Interagierens wird bestimmt von Slogans wie „jeder ist seines Glückes Schmied“, „Arbeit ist die erste Bürgerpflicht“, „wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ oder „wer keinen Erfolg hat, ist selber schuld“. Stillstand, Ruhepausen und Muße sind verpönt, denn das Hamsterrad muß sich drehen. Streßsymptome bleiben nicht aus und die Auszeiten wegen psychischer und depressiver Erkrankungen nehmen deutlich zu. Kaum einer macht sich die Mühe, über den Sinn von Arbeit bzw. sinnvoller Tätigkeit und deren Neudefinition nachzudenken.

Egoismus, Narzißmus und Rücksichtslosigkeit treiben ihre Blüten. Die Solidarität, die der Kern jeglichen Zusammenhaltes in der Familie, in Gruppen, der Gesamtgesellschaft sowie der Menschheit insgesamt bildet, zerbröselt wie ein Keks. Es kommt zu einer Fetischisierungswelle des Individuums, bei der der Begriff Freiheit deformiert wird: die Freiheit endet nicht mehr dort, wo andere in Mitleidenschaft gezogen werden, sondern sie ist entgrenzt und wuchert wie eine Krebszelle auf Kosten der gesunden Zellen.

Auf diesem Nährboden sprießt eine habgierige Plutokratie in die Höhe, die nur noch eines kennt: Abkassieren durch die Methode des modernen Raubrittertums. Dieses hat die Eisenrüstung abgelegt und das Schwert durch Manipulation und die Macht des Kapitals ersetzt. Die Speerspitze wird in der fortgeschrittenen Zivilisation durch eine Deformierung der Sprache und Euphemisierung der Wortbegriffe gebildet, die sich als Waffe gegen die Menschen und zu deren Schaden richtet. Im Namen von Freiheit und Demokratie, Gummiformulierungen, die in ihrer Bedeutung völlig umgedreht wurden, wird das üble Treiben legitimiert und exkulpiert.

Die Instrumente der Herrschaft des Kapitals sind Freihandel und Globalisierung – sie werden als ideologisches Faustpfand  und Totschlaghammer bei jeder Gelegenheit mißbraucht. Die Auswirkung einer habsüchtigen Denkweise und destruktiven Handelns ist das Aufkommen von moralischer Fäulnis, der man nur noch durch ein rigoroses Ausmisten dieses stinkenden Augiasstalles beikommen kann. Das Wachstum, wie es in diesen pathologischen Strukturen definiert und verstanden wird, kann man als Ziel ohne Ziel disqualifizieren. Jedenfalls dann, wenn man Ziel mit einer Intention zu evolutionärem geistigen Wachstum und Schaffung von lebensfördernden Bedingungen versteht.

5. Wachstumskritik

Trotz oder gerade wegen der Dominanz des Wachstums als Rechtfertigung zur Fortführung des eingeschlagenen Kurses greift eine Wachstumskritik um sich. Diese zeichnet sich jedoch oft durch eine mangelhafte Differenzierung aus. Nach Ansicht der Skidelskys ist sie bei vielen Verkündern nicht ausreichend wissenschaftlich abgesichert. Basis dieser Schelte an der Wachstumskritik sind die Einschätzungen über die Auswirkung der C0²-Emissionen auf den Klimawandel. Die Politik der Grünen sei nicht auf Wissenschaft aufgebaut, sondern ihre Motivation beruhe ausschließlich auf Gefühl.

Allerdings bin ich der Ansicht, daß sich die Skidelskys in ihrer Argumentation zu sehr auf die Faktoren C0² und Klimawandel an und für sich fixiert haben. Sie haben dabei andere ebenso gewichtige Faktoren ausgeblendet. Die Gefahren des unregulierten und hemmungslosen Wachstums sind auf zwei Ebenen anzusiedeln. Erstens auf der Ebene des Individuums, das zum einen psychisch und charakterliche Beschädigungen davontragen und zum anderen physische Defekte erleiden kann. Zweitens – und nur darauf stützen sich die Skidelskys – müssen wir uns mit der Handlungsplattform der globalen Natur und deren Funktionieren auseinandersetzen. In diesem Bereich sollten uns nicht nur die C0²-Emissionen Sorgen bereiten – Methangas z. B. ist wegen seiner Effizienz wesentlich gefährlicher.DruckHiereine Auflistung von weiteren relevanten Faktoren vornehmen, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit besitzt:
  • Vergiftung von Böden, Wasser, Luft und Lebensmitteln
  • Trinkwasserknappheit und Absenken der Grundwasserspiegel
  • Anstieg von Radioaktivität und Elektrosmog
  • Smogphänomene mittels der Luft
  • Abholzung der Wälder, Erosion und Desertifikation
  • Dürre und Hungersnöte
  • Vermüllung von Land und Meer
  • Artensterben und Störung der natürlichen Kreisläufe
  • Abschmelzung von Gletschern und Polarzonen
  • Zunahme von Naturkatastrophen
  • Flüchtlingsproblematik
  • Verschlechterung der menschlichen Existenzbedingungen mit der Folge einer Forcierung von Krieg, Gewalt, Terror, Rassismus und Fundamentalismus

All diese gravierenden Konsequenzen, die die Zukunft der Menschheit betreffen, sind ja wohl von niemandem zu bestreiten. Um zu erkennen, daß es fünf vor zwölf oder schon später ist, braucht man keine wissenschaftlichen Erkenntnisse – da genügen offene Augen, Erfahrungswerte und ein Schlußfolgern aus der Verkettung der Ereignisse.

Kapitalismus_Konsum_Wachstumswahn_Ausbeutung_Natur_Umweltzerstoerung_Resourcenverschwendung_Klimawandel_Wirtschaftssystem_Systemfrage_ImperialimusWas die Natur und die Erde als Ganzes angeht, so ist die Gaia-Hypothese der Mikrobiologin Lynn Margulis und dem Chemiker, Biophysiker und Mediziner James Lovelock ein bemerkenswertes Thema. Diese These wurde zwar von den Skidelskys ebenfalls verworfen, aber der dahinter verborgene Gedanke ist m. E. nicht von der Hand zu weisen. Die Erde wird aus der Sichtweise Lovelocks in weitestem Sinne als ein lebendiges Wesen betrachtet, das mit einer evolutionären Dynamik arbeitet und sich selbstregulierend organisiert. Das untermauert die Vorstellung, die auch von Biologie und Quantenphysik bestätigt wird, daß kein Ereignis isoliert betrachtet werden darf, sondern daß jede Bewegung und jeder Anstoß zuzusagen Wellen erzeugt, die Auswirkungen auf andere Teile des Ganzen haben. Es existiert genau genommen also kein Schritt, der nicht irgendeine Konsequenz besitzt.

In diesem Zusammenhang wird oft vorausgesagt, daß die Erde bzw. die Natur sich für ihr angetane Verunstaltung und Ausbeutung rächen wird. Diese „Rache“ kann nun als Reaktion eines Lebewesens und/oder als instinktive Selbstregulation oder einfach nur als biologisch-physikalische Resonanz betrachtet werden. Wie dem auch sei: sie ist Realität! Wir sollten uns darüber bewußt werden, daß unsere Sicht der Natur zwangsläufig anthropozentrisch ist – nämlich auf unsere menschlichen Interessen und unseren Nutzen bezogen. Der Wert der Natur wird daher meist nicht als intrinsisch und für sich selbst begreifend, sondern als utilaristisch taxiert. Aber nur, wenn man die Natur als einen Teil seiner selbst empfindet, sie achtet und ihre Verletzung als eine Selbstverstümmelung bemißt, hat man die Chance, mit ihr in Harmonie zu leben. Wie schon weiter oben analysiert, gehört ein Harmoniebewußtsein unweigerlich zum Bestandteil eines guten menschlichen Lebens, sowohl im Sinne dieses Essays als auch des Buches von Robert und Edward Skidelsky.

Eine Wachstumskritik und eine entsprechende Änderung unseres Verhaltens ist aus den geschilderten Gründen unvermeidlich, wenn wir für uns und unsere Nachkommen ein lebenswertes Spiel- und Lebensumfeld gestalten wollen.

6. Konsumismus

Der Konsumismus, also die Gier und der Zwang zum Konsum um des Konsums willen, ist zu einer globalen Pathologie ausgeartet. Der Konsum hat sich zu einem Placebo für eine „biophil-produktive“ Lebensweise im Sinne von Erich Fromm  und  eine sinnvoll-gesunde Betätigung ausgebildet. Als Ersatzmittel wirkt der Konsum in übersteigerter Form nach Fromm „negrophil-destruktiv“, also als Sedativum und lebenserstickend. In seiner Verlaufsform besteht die Gefahr, daß der Konsum sich zu einer Sucht ausbaut, da er einer Teufelsspirale folgt. Man kann verschiedene Abarten des extensiven Konsums erkennen. Ich versuche einmal eine Unterscheidung:

  • Konsum als automatische Zwangshandlung zum Füllen von innerer Leere und Vermeidung von Langeweile
  • Konsum als Ersatz für eigenes Selbstbewußtsein, sozusagen als Ich-Krücke
  • Konsum infolgedessen als Umsetzung eines Geltungsbedürfnisses und zugunsten von Imageaufbau
  • Konsum als nachahmender Konsum mit Vorbildwirkung, der dem nachahmenden Verhalten von kleinen Kindern ähnelt

Über den Konsumismus zu schreiben, heißt auch, konsequent seine negativen Wirkungen anzuprangern. Grundsätzlich lassen sich die Folgen des unmäßigen Konsums in drei Wirkfelder gruppieren: Gesundheit, Finanzielles und Ökologie.

Wie bei der Kritik des Wachstums gilt auch im Falle des Konsummißbrauchs die Aussage, daß sowohl die psychische als auch die physische Gesundheit Opfer der einseitigen Leidenschaft sein kann. Weiterhin ist nicht zu leugnen, daß die durch einen über das gesunde Maß hinausgehenden Konsum die damit verbundenen Ausgaben für Status und Image zu Lasten von Arbeitszeit, Grundgütern und Muße gehen. In der Konsequenz drückt sich das in längeren Arbeitszeiten, Verzicht auf Ausübung von Grundbedürfnissen und Reduzierung von Zeiten der Muße aus.
Der Konsumwahn hat obendrein noch einen preistreibenden Effekt, denn die durch einen unnötigen Konsum angeheizte Nachfrage sorgt nach den Regeln der Marktwirtschaft für Preissteigerungen. Damit müssen einkommensschwache Bevölkerungsschichten für die Exzesse der Wohlhabenderen oder ihrer eigenen Schicht, die auf Kredite setzt, büssen. Konsum in der Ausprägung von Konsumwahn hat immer eine eskalierende Tendenz, der keine natürlichen Grenzen entgegen stehen. Die Motivation zur Unersättlichkeit ist unverkennbar – wir müssen aufpassen, uns nicht in eine Raupe Nimmersatt zu verwandeln.

Tom_Hodgkinson_Anleitung_zum_Müssiggang_Kontemplation_Recht_auf_Faulheit_Harmonie_Glueck_Musse_Unabhaengigkeit_Freiheit_Selbstbestimmung_Notwendigkeit_SkidelskyKonsumismus als krankhaftes Phänomen beinhaltet nicht nur eine gesellschaftliche Nutzlosigkeit, nein, viel schlimmer ist der dadurch angerichtete Schaden für den einzelnen, die Volkswirtschaft sowie die Umwelt. Das als Selbstzweck verinnerlichte Konsumdenken verkörpert den eigentlichen Motor und das Mittel zur Bereicherung der Finanzdienstleistungs-Industrie, die in ihrer giergesteuerten Selbstherrlichkeit ganze Staaten in Krisen schleudert und verantwortlich ist für die Not und den Hunger von Abermillionen.

Nicht zuletzt verursacht der ziellose Konsum, der ausschließlich dem Ansinnen der Profit-eure dient, die Bilanz einer irrsinnigen Verschwendung von Ressourcen sowie von menschlichem Potenzial und Knowhow, was wir uns einfach auf Dauer nicht leisten können. Wenn man auch noch die damit verbunden menschlichen Tragödien anschaut, die aus sich bildenden Anomalien des menschlichen Charakters ergeben, dann ist es Zeit dafür, die Reißleine zu ziehen, wenn wir jemals wieder auf einen grünen Zweig gelangen wollen.

Denn die uns durch das Kapital und den Markt aufgezwungenen Pathologien und Normen formen sowohl unseren individuellen als auch den Gesellschaftscharakter auf Generationen hin um. Persönlich gesehen mutieren wir zu einem Marketingcharakter, der nicht nur jedes Gut als Ware abqualifiziert sondern sich selbst als Mensch und Arbeitnehmer als Handelsgut verhökert und degradiert. Der individuelle Charakter steht dabei in Wechselwirkung zum Gesellschaftscharakter (siehe Erich Fromm), die sich gegenseitig bedingen und formt daraus eine charakterlose und fremdgesteuerte Masse, die als Herde willfährig auf ausgetretenen Pfaden trottet.

7. Werbung

Der Werbung wiederum muß man das Gewicht eines Motors und Antriebskraft des Konsumismus zuerkennen. Sie ist heutzutage allgegenwärtig, auf der Straße, in den Medien, im TV, im Internet – und stets präsent in den Smartphones. Man kann der Werbung kaum entrinnen, denn sie verfolgt uns überall hin. Sie hat sich uniformiert und tritt global im gleichen Kleid auf – in einer „Corporate Identity“: eine universelle Gleichmacherei, die die dem Kommunismus zugeschriebene Wirkung bei weitem übertrifft. Sie zerstört damit auch die kulturelle Vielfalt internationaler traditioneller Angebote und Rituale.

Die Werbung ist das mit gewaltigem finanziellem Aufwand propagierte Manipulationsmittel, da als wirkungsvolle Allzweckwaffe eingesetzt wird, um die Menschen einer Gehirnwäsche zu unterziehen. Das üble daran ist, daß die meisten Leute sich dessen nicht bewußt sind und sie auf diese Weise ihr Unterbewußtsein fremdbesetzen lassen. Die Psychologie beweist (eine Entdeckung von Freud), daß der Mensch wesentlich stärker von seinem Unterbewußtsein gesteuert wird als vom rationalen Willen. Aus diesem Blickwinkel heraus ist die schleichende Gefährlichkeit der Werbung einzuordnen.

Bei der Kritik der Werbung verwenden die Verfechter stets die gleichen untauglichen Argumente, mit denen sie den Sinn und Nutzen der Werbung rechtfertigen wollen. Sie geben die Devise aus, daß

  • die Leute das bekommen sollen, was sie wollen –
  • richtig ist vielmehr, daß sie bekommen sollen, was sie brauchen.

Sie beruht mithin auf einem Paralogismus oder Fehlschluß. Der durch`s Leben hetzende gleichgültige und unkritische Konsument denkt tatsächlich, er hätte die Freiheit der Wahl. Ihm fällt nicht auf, daß die Kaufentscheidungen unbewußt aufgedrängt werden. Mit anderen Worten ausgedrückt: Der eigene Wille ist fremdbestimmt. Die Freiheit der Wahl ist darüber hinaus dadurch eingeschränkt, daß der Hersteller natürlich nur diejenigen Waren auf den Markt bringt, die von ihm lanciert sind und die den höchstmöglichen Profit erbringen.

Die große infame Werbelüge besteht darin, daß die Werbebranche und natürlich ihre Auftraggeber behaupten, daß die Werbung nur als objektive Information zur Verfügung gestellt und vom Verbraucher aufgenommen werde. Diese Doktrin vom Märchen des mündigen und souveränen Verbrauchers wird bis zur Besinnungslosigkeit wiederholt, bis die letzten es glauben. Werbung ist kaum noch von Fakten diktiert, sondern sie dient zur Erschaffung von künstlichen Bedürfnissen und Ersatzbefriedigungen. Nicht der Verbraucher prägt den Markt und das Angebot an Waren – es verhält sich genau umgekehrt: der Markt und seine verlängerte Hand, das Instrumentarium von Marketing und Werbung diktieren die Präferenzen und damit den Geschmack des Konsumenten.

Um es nochmals ganz explizit zu formulieren: Die Bedürfnisse der Verbraucher werden durch die Gehirnwäsche der Werbung gezielt manipuliert und in die vom Produzenten gewollte Richtung gebracht. Anschließend wird dann der „Kundenwunsch“ als Rechtfertigung für Produktion und Angebotsunterbreitung mißbraucht. Diese Spirale geht eindeutig vom Produzenten oder Anbieter aus – und nicht von den echten Bedürfnissen der Menschen!


Leseempfehlung: ♦ Alternativen menschlichen Verhaltens zw. Haben und Sein / Glück und Basisgüterweiter

► Bildquellen:

1.  Adam Smith (getauft am 5. Junijul./ 16. Juni 1723greg. in Kirkcaldy, Grafschaft Fife, Schottland; † 17. Juli 1790 in Edinburgh) war ein schottischer Moralphilosoph, Aufklärer und gilt als Begründer der klassischen Nationalökonomie. Autor: Etching created by Cadell and Davies (1811), John Horsburgh (1828) or R.C. Bell (1872). The original depiction of Smith was created in 1787 by James Tassie. Quelle: Wikimedia Commons.

2.  John Maynard Keynes, Baron Keynes (* 5. Juni 1883 in Cambridge; † 21. April 1946 in Tilton, Firle, East Sussex) war ein britischer Ökonom, Politiker und Mathematiker. Er zählt zu den bedeutendsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts und ist Namensgeber des Keynesianismus. Seine Ideen haben bis heute Einfluss auf ökonomische und politische Theorien. Foto: IMF. 1. Quelle: This file from http://www.imf.org/ is in the public domain and can be used for any purpose, including commercial use. 2. Quelle: Wikimedia Commons. Diese Bild- oder Mediendatei ist gemeinfrei, weil ihre urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist. Dies gilt für alle Staaten mit einer gesetzlichen Schutzfrist von 100 Jahren oder weniger nach dem Tod des Urhebers.

3. Premierministerin Margaret Thatcher und US-Präsident Ronald Reagan, 1981. Quellen: Ronald Reagan Presidential Library / Wikimedia Commons. Dieses Bild ist gemeinfrei, weil All the photographs from the Reagan Library Archives are in the public domain and may be credited “Courtesy Ronald Reagan Library.”

4. Friedrich August von Hayek (* 8. Mai 1899 in Wien; † 23. März 1992 in Freiburg im Breisgau) war ein österreichischer Ökonom und Sozialphilosoph. Neben Ludwig von Mises war er einer der bedeutendsten Vertreter der Österreichischen Schule der Nationalökonomie. Hayek zählt zu den wichtigsten Denkern des Liberalismus im 20. Jahrhundert und gilt manchen Interpreten als wichtigster Vertreter des Neoliberalismus, auch wenn er sich selbst nie so bezeichnete. Foto: LSE Library. Quelle: Wikimedia Commons. This image was taken from Flickr‘s The Commons. The uploading organization may have various reasons for determining that no known copyright restrictions exist

5. Franziskus (lateinisch Franciscus PP.; bürgerlicher Name Jorge Mario Bergoglio SJ ,(* 17. Dezember 1936 in Buenos Aires, Argentinien) ist seit dem 13. März 2013 der 266. Papst der römisch-katholischen Kirche. Er ist der erste Lateinamerikaner und der erste Jesuit in diesem Amt. Seit 1958 ist Bergoglio Jesuit. 1969 wurde er Priester, 1998 Erzbischof von Buenos Aires und 2001 Kardinal. Foto: Gabriel Andrés Trujillo Escobedo, Quelle: Flickr / Wikipedia, Wiki Commons, Weitergabe mit CC-Lizenz

6.  Grafik Kapitalismus-Umfrage, Quelle: Wikipedia, Dieses Werk wurde (oder wird hiermit) durch den Autor, Ökologix auf Wikipedia auf Deutsch, in die Gemeinfreiheit übergeben. Dies gilt weltweit.

7. Streßsymptome, psychische und depressive Erkrankungen bis hin zum totalen Kollaps (Burnout, Freitod) nehmen auch in Deutschland erhebliche Ausmaße an. Foto: Dr. Klaus-Uwe Gerhardt. Quelle: Pixelio.de

8. Energiewende – Sofort! Grafik: Bernd Wachtmeister. Quelle: Pixelio.de

9. “Der Untergang der Menschheit begann als er anfing Dinge zu verkaufen, die ihm gar nicht gehörten.” Grafik: Wilfried Kahrs / QPress.de

10. Buchcover “Überdruss im Überfluss. Vom Ende der Konsumgesellschaft.” Autor: Peter Marwitz – Konsumpf.de

11. Buchcover “Anleitung zum Müßiggang”, von Tom Hodgkinson. Das Buch erschien erstmals 2004, wurde mehrmals aufgelegt und inhaltlich erweitert weshalb man auf die Tb-Version des Suhrkamp / Insel Verlages greifen sollte. ISBN: 978-3-458-35977-7. Preis [D] 8,99 €


MfG Peter A. Weber      

Kritisches Netzwerk

Die Kontrolle der Zukunft

von Caillea

Als Edward Snowden vor knapp einem Jahr die Machenschaften der NSA und GCHQ veröffentlichte wurde eine weltweite Debatte entfacht. Es kam heraus, dass die USA, Großbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland die Bürgerinnen und Bürger in aller Welt in einem gigantischen Maße ausspionieren. Dieses Ausmaß können sich viele Menschen immer noch nicht vorstellen und das ist mehr als erklärlich. (siehe hierzu mein Artikel Big brother is watching us)

Wir hören mitJeder einzelne von uns ist in seiner Privatheit bedroht, die nach Art. 12 der Menschenrechtscharta der Vereinten Nationen geschützt ist. Meinungsfreiheit wird zerstört und Widerstand gegen die herrschende Kaste wird mit Drohungen, Diffamierungen und Einordnung in die Ecke der “Verschwörungstheoretiker”, “rechten Szene” und/oder der “Antisemiten” bestraft. Demokratie ist somit nur noch ein Schlagwort.

Die gemeingefährlichen Machenschaften der Geheimdienste und somit der Regierungen und die im Hintergrund stehenden Machthaber rechtfertigen “BigData” mit dem fadenscheinigen Argument, es ginge um Früherkennung terroristischer Aktivitäten und diene damit dem Schutz der öffentlichen Ordnung und Sicherheit.

Zu diesem Thema habe ich einen sehr lesenswerten Artikel gefunden.

Elmar Altvater,  Autor für “Blätter für deutsche und internationale Politik”  schreib in seinem Artikel:

“… die Bespitzelung der Welt ist mehr als ein gigantischer Datenfischzug im „World Wide Web“ im Dienste der „Sicherheit“. Sie passt nämlich exakt zu den Denk- und Handlungsmustern, die das Geo-Engineering einer neuen Menschheitsepoche bestimmen. Mit sophistischen technischen Mitteln wird eine „planetary stewardship” [1] ein effizientes Management mit Prokura für den Planeten Erde eingerichtet, um nicht nur den Informationsfluss, sondern die vielfältigen sonstigen Krisenprozesse unserer Zeit zu steuern – bei Aufrechterhaltung des herrschenden kapitalistischen Systems.

Dass der Datenklau überall dort auf dem Planeten Erde systematisch organisiert worden ist, wo Zugang zu Festplatten und zur Cloud möglich ist, hat die US-Regierung mittlerweile eingeräumt. Das allerdings war relativ ungefährlich, denn alle Welt wusste inzwischen davon und wartete nur noch auf die offizielle Bestätigung. Dass Obama die deutsche Kanzlerin zukünftig nicht weiter heimlich, still und leise belauschen wird und dass der globale Datendiebstahl stattdessen rationalisiert, verfeinert und verschlankt werden soll, kann man ihm sogar glauben. Die Angelegenheit ist damit aber keineswegs abgehakt. Sie passt viel zu gut zu anderen Projekten „planetarischer Ingenieurskunst“, die insgesamt als „Geo-Engineering“ bezeichnet werden. Das ist nicht mehr die lineare Fortentwicklung von Wissenschaft und Technik, welche die Bedingung für die in Deutschland sogar gesetzlich verordnete „Wachstumsbeschleunigung“ ist. …”

Am 18. Januar 2014 sagte Präsident Obama in einen ZDF-Interview: Wir müssen “rauskriegen, was die Leute denken und tun”. Warum ist dies vonnöten? Der ganze Aufwand wird betrieben damit man die Weltbevölkerung besser unter Kontrolle halten und Gegenmaßnahmen in Bezug auf politischen Widerstand ergreifen kann. Ziel ist es diesen durch gezielte Manipulation zu unterbinden, wie es heute schon praktiziert wird. Elmar Altvater schreibt weiter:

“… Warum aber dieser immense Aufwand, einen großen Teil der Weltbevölkerung auszuspähen? Damit man diese besser unter Kontrolle halten, damit man jedes Pflänzchen politischen Widerstands rechtzeitig austreten kann, damit die Informationen nicht nur abgegriffen, sondern auch – sozusagen „interaktiv“ – manipuliert werden können, wie es bereits heute mit Hilfe von ausgetüftelten Algorithmen im Internet geschieht. …”

global warmingDas alles ist kein “Spiel” und ebensowenig ein Theater, auch wenn dies eine ganze Menge von Menschen so sehen. Dies ist ein Teil des globalen “Geo-Engineering” und diese Pläne, die auch zur Überwachung und Kontrolle dienen, liegen schon längst in den Schubladen und eben nicht nur zur Bewältigung von planetaren Krisen, wie Energiekrise, Klimawandel oder drohenden Nahrungsmangel. All diese Krisen wären auch ohne “Geo-Engineering” zu stoppen und zu bewältigen, wenn es nicht um den Machterhalt des kapitalistischen Systems ginge.

Der Begriff Geoengineering (auch Geo-Engineering oder Climate Engineering) bezeichnet vorsätzliche und großräumige Eingriffe mit technologischen Mitteln in geochemische oder biogeochemische Kreisläufe der Erde. Als Ziele derartiger Eingriffe werden hauptsächlich das Stoppen der Klimaerwärmung, der Abbau der CO2-Konzentration in der Atmosphäre oder die Verhinderung einer Versauerung der Meere genannt.

Der Klimawissenschaftler Alan Robock hat im Jahr 2008 eine aus 20 Punkten bestehende Liste (20 reasons why geoengineering may be a bad idea) möglicher Gefahren beim Einsatz von Geoengineering zusammengestellt und veröffentlicht. Er stellt abschließend fest, dass mindestens 13 der 20 Punkte Nebenwirkungen und Gefahren für Klimasystem und Umwelt darstellen.

Auch eine von der deutschen Bundesregierung in Auftrag gegebene Studie des Kiel Earth Institute kommt zu dem Schluss, dass der Einsatz von Geoengineering „mit beträchtlichen Nebenwirkungen, deren Ausmaß aber noch weitgehend unbekannt ist“ einhergehen könne. (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Geoengineering).

Was hat Geo-Engineering nun mit der Datensammelwut der Fünf zu tun? Elmar Altvater:

“… Die Begrenztheit der Ressourcen, von Richard Heinberg als „Peak everything“ bezeichnet [2], kann man, so die Überzeugung der Geo-Ingenieure, überwinden – wenn auch zu einem hohen Preis: einem immer größer werdenden „ökologischen Fußabdruck“, der degradierte Ökosysteme hinterlässt und sämtliche „planetary boundaries” [3] reißt – mit unabsehbaren Folgen für die Menschen und die Natur des Planeten. Daher ist eines bei diesem Geschäft – in das längst zahlreiche große Konzerne und Staaten verwickelt sind – unverzichtbar: die Kontrolle der Informationen und damit der Menschen. …”

“… Der „Weltorganismus“ knirscht unter den global immer weiter ausgreifenden Zwängen der Kapitalverwertung immer größer und mächtiger werdender globaler Konzerne; die Folge ist die immer umfassendere Sicherung von Herrschaft über die Armen und Ausgebeuteten in der Welt zur Festigung der kapitalistischen Strukturen durch die privaten und öffentlichen Sicherheitsdienste.

In diesem planetarischen Zusammenhang ist der Datenklau von NSA und der „fünf Augen“ tatsächlich ein Anschlag auf die Bürger- und Menschenrechte, zumal wenn der Präsident der (heute) „einzigen Supermacht“ ankündigt, dass das Sammeln von Informationen und deren Nutzung zur Wahrung der US-Sicherheitsinteressen weitergehen wird. Wer hätte realistischerweise anderes von ihm erwartet? Denn auch der mächtigste Mann des Kapitalozän [des neuen Erdzeitalters] ist ein von der kapitalistischen Inwertsetzungs- und Verwertungsdynamik Getriebener, allein den Interessen seines Landes verpflichtet. Dieses Streben nach möglichst grenzenloser Bereicherung – in materieller wie informationeller Hinsicht – widerspricht jedoch der fundamentalen Begrenztheit allen Lebens auf der Erde. …”

Elmar Altvater bezieht sich an einer Stelle in seinem Beitrag auf Kants Schrift “Zum ewigen Frieden – aus dem Jahr 1795” [4] in der Kant ausführt: “Oberfläche der Erde, auf der als Kugelfläche [die Menschen] sich nicht ins Unendliche zerstreuen können, sondern endlich sich doch nebeneinander dulden müssen […] haben sie ein Besuchsrecht, welches allen Menschen zusteht, sich zur Gesellschaft anzubieten vermöge des Rechts auf gemeinschaftlichen Besitzes” an der Erde. Die Menschen sollten also die Erde nicht als Eigentum betrachten, sondern sie mit ihren begrenzten Ressourcen akzeptieren und mit ihr leben.

Genau dies ist der Punkt. Diese moralische Verpflichtung wird nicht erfüllt und die Beschränkungen werden nicht akzeptiert. Staats-, völker- und menschenrechtlichen Grenzen sowie auch Grenzen der informationellen Kommunikation werden immerwährend überschritten. Es folgt ein ständiger Kampf um Ressourcen und möglichst viele Länder, die “noch” zu vermarktende Ressourcen besitzen, werden durch Kriege und Destabilisierung assimiliert und ausgebeutet.

“Die Logik der kapitalistischen Akkumulation verträgt sich einfach nicht mit der Kantschen Moral der sich aus irdischen Grenzen ergebenden Regelwerke, sie widerspricht der Vision eines “Ewigen Friedens”.”

ZerstörungSnowden hat uns immer wieder darauf aufmerksam gemacht, wie NSA und die „Five Eyes“ alle Erdbürger ausspionieren. Richtig gefährlich für unser aller Überleben wird es dann, wenn Geo-Engineering weitreichend zum Tragen kommt. Wie schon zuvor geschrieben haben diese “Stabilisierungsmaßnahmen” erhebliche Auswirkungen auf unseren Planeten und führen in einen Kataklysmus, wenn an den herrschenden Systemen und deren Verhaltensweisen nichts geändert wird. Aber auch jeder einzelne von uns sollte sein Leben überdenken, denn in Zukunft wird das Leben nicht so weitergehen, wie bisher und wir alle müssen uns Veränderungen stellen. Bequemlichkeit, Verantwortungslosigkeit und Ignoranz haben auch ihren Teil zu dem System beigetragen, was die meisten von uns verurteilen.

Um mit Herrn Altvaters Worten zu sprechen:

“Noch haben wir ein gewisses Zeitfenster, um das globale Geo-Engineering zu verhindern – durch wirksame Aufklärung über dessen Folgen und den gebotenen politischen Widerstand. Um diesen zu organisieren, brauchen wir viel Wissen und vor allem informationelle Autonomie und Freiheit, also eine Welt ohne planetarischen Datenklau durch die fünf Geheimdienste. Was die sechs Geheimdienste der lateinamerikanischen Militärdiktaturen gemeinsam mit der CIA in den 1960er und 1970er Jahren mit ihrem „Kampf gegen den Terror“ an Menschenrechtsverletzungen angerichtet haben, sollte uns ein halbes Jahrhundert später eine Lehre sein.”


Zitate aus dem Artikel von Elmar Altvater

Foto 1: Uwe Schlick  / pixelio.de

Foto 2: http://prospect.rsc.org

Foto 3: VeitD / pixelio.de

Beitragsbild: Peter Bohot  / pixelio.de

Alan Robock: 20 Punkte zum Geo-Engineering

Kiel Earth Institute: Studie zum Geo-Engineering

Fußnoten:

  1. Vgl. Will Steffen u.a., The Anthropocene: From Global Change to Planetary Stewardship, in: „AMBIO“, 40/2011, S. 739-761, Royal Swedish Academy of Sciences 2011 (www.kva.se/en).
  2. Richard Heinberg, Peak Everything: Waking Up to the Century of Declines, Island 2007
  3. Vgl. dazu: Johan Rockström u.a., Planetary Boundaries: Exploring the Safe Operating Space for Humanity, in: „Ecology and Society“, 2/2009, www.ecologyandsociety.org.
  4. Immanuel Kant, Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf, Stuttgart 1984, S. 21