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Cailleas Auge

Der Bond-Markt, 9/11 und die Plünderung Russlands

In seinem Buch-Auszug erklärt Lars Schall eine besondere Theorie zu 9/11, derzufolge das Verbrechen durchgeführt wurde, um die Hintergründe eines Leveraged buyout Russlands in den 1990er Jahren zu kaschieren. In den Mittelpunkt stellt Schall ferner eine wichtige Aussage der Autorin Anne Williamson vor dem US-Repräsentantenhaus vom September 1999.

Von Lars Schall

Zusätzlich zu diesem Ausschnitt aus dem Buch “Tiefenpolitik, Methodischer Wahnsinn und 9/11: Eine Spurensuche zu Terror, Geld, Öl und Drogen“ (Arbeitstitel) empfiehlt es sich, weitere ergänzende Ausschnitte zu lesen: “GROUND ZERO REVISITED: DAS VIERMALIGE “VERSAGEN“ DER US-LUFTABWEHR AN 9/11″ – aufzufinden hier, und “NSA, PROMIS, Ptech und 9/11“ – aufzufinden hier. Das erste Kapitel des Buches, “Wem gehört und dient die Fed?”, finden Sie hier.

In die besagte Kategorie von Leuten, die aus 9/11 Nutzen zogen, gehört der Waffenhersteller Raytheon, dessen Aktienkurs unmittelbar von den 9/11-Angriffen profitierte. Der Handel der Aktienanteile von Raytheon, dem Produzenten von Tomahawk- und Patriot-Raketen (und Mutterkonzern von E-Systems, zu deren Stammkunden u.a. die NSA und CIA zählen), erlebte eine abrupte sechsfache Zunahme von Call-Optionskäufen am Tag direkt vor dem 11. September. [1]Bei Call-Optionen liegt die Erwartung vor, dass eine Aktie im Preis steigen wird. In der ersten Woche nach 9/11, als die New Yorker Börse wieder öffnete, legte der Wert der Raytheon-Aktie tatsächlich immens zu. Das Bild beim Betrachten des Kursverlaufs ist eine sehr schwache Performance vor den Anschlägen – und daraufhin, nach Wiederaufnahme des Handels, ein „Gap“ (bei mächtigem Volumen) nach oben. Anders ausgedruckt: von knapp unter $25 am 10. September, dem Tiefststand der Periode zwischen dem 20. August bis 28. September 2001, auf $31,50 am 17. September und bis zu $34,80 am 27. September.

Der Bond-Markt, 9/11 und die Plünderung Russlands

Weitere Gewinner durch 9/11 waren Käufer von US-Staatsanleihen mit einer Laufzeit von fünf Jahren. Diese Papiere wurden in ungewöhnlich großem Umfang kurz vor den Angriffen gehandelt. Jedenfalls berichtete das „Wall Street Journal” Anfang Oktober 2001, dass der Secret Service (der dem US-Finanzministerium zugehört) eine Ermittlung zu verdächtig hohen Volumen von US-Staatsanleihekäufen vor den Anschlägen aufgenommen habe. Eine einzige Transaktion bezüglich der fünfjährigen US-Schatzanweisungen habe allein schon den Wert von $5 Millionen beinhaltet. Ferner stieg der Wert dieser Papiere in den Tagen nach 9/11. Dazu hieß es seitens des „Wall Street Journal”:

„Fünfjährige Schatzanweisungen gehören zu den besten Investitionen im Fall einer weltweiten Krise, insbesondere bei einer solchen, die die USA trifft. Die Papiere sind geschätzt aufgrund ihrer Sicherheit und weil sie von der US-Regierung gedeckt werden, und für gewöhnlich ziehen ihre Preise an, wenn Anleger aus riskanteren Investitionen, wie beispielsweise Aktien, flüchten.“ [2]

Zu dieser Erscheinung muss hinzuaddiert werden, dass die US-Regierung über solche Staatsanleihen, die als eine Grundlage der Geldschöpfung dienen, einen Krieg wie den alsbald erklärten „Krieg gegen den Terror“ finanziert, der unter anderem mit Tomahawks der Firma Raytheon geführt wird – und hier gilt abermals ein geschwinder Blick auf dieses Cui-Bono-Verhältnis zu werfen:

„Die US-Notenbank erschafft Geld, um den Krieg zu finanzieren, und verleiht es an die amerikanische Regierung. Die amerikanische Regierung wiederum muss auf das Geld, das sie sich von der Zentralbank ausgeliehen hat, um den Krieg zu finanzieren, Zinsen zahlen. Je größer die Aufwendungen für den Krieg sind, desto größer fallen die Gewinne für die Banker aus.“ [3]

Eine vielschichtige Mengenlage, will man meinen.

Das meiste Geld, das es in gewisser Weise an 9/11 zu machen gab, lag ohnehin auf dem Markt für Staatsanleihen; der Handel in den USA lief in den Minuten, da die WTC-Türme attackiert wurden (im Gegensatz zur New Yorker Börse, die an 9/11 nicht öffnete). Bis zum Zeitpunkt der Angriffe waren bereits Wertpapiere im Wert von 600 Milliarden US-Dollar gehandelt worden. Als in den letzten Handelsminuten die Kurse hin und hergingen, wurde der Handel ausgesetzt. Nachdem der Handel Tage später wieder einsetzte, stiegen die Kurse um 5 Prozent. Wer immer in den letzten Minuten des Handels an 9/11 auf diesen Kursschwung setzte, wird eigentlich große Kasse gemacht haben.

Eigentlich. Denn die Dinge werden nun kompliziert. Eine Theorie, die 2008 von einem Autor namens E.P. Heidner unter dem Titel “Collateral Demage“ ausgebreitet wurde, besagt, dass die 9/11-Anschläge insonderheit fabriziert worden seien, um einen Akt von Finanzkriminalität zu vertuschen, der im Zusammenhang mit Staatsanleihen gestanden habe. Demnach seien die 9/11-Angriffe inszeniert worden, auf dass sämtliche Aufzeichnungen einer verdeckten wirtschaftlichen Übernahme bzw. eines Leveraged buyout der Sowjetunion zerstört und / oder diskret abgewickelt werden würden; eine Operation, die angeblich von George H.W. Bush veranlasst worden sei, um Russland als Rivalen ein für alle Mal auszuschalten, und zwar unter Verwendung einer schwarzen Kasse namens “Black Eagle Fund”. Der “Black Eagle Fund“ wiederum soll aus dem beschlagnahmten Gold bestehen, das Japan vor und während des Zweiten Weltkriegs in Asien geplündert und später auf den Philippinen versteckt gehabt hatte („Yamashitas Gold“). Diese liquiden Mittel, so Heidner, wurden von den USA als geheimes System für verdeckte Finanzierungen verwendet, in Verbindung mit geheimen Anleihen. Offiziell bestünde das Gold überhaupt nicht. [4]

Die Wirtschaftsübernahme der UdSSR (Codename: „Operation Hammer“) habe am 11. September 1991 begonnen, und die dazugehörigen Anleihen seien am 11./12. September 2001 zahlungsfällig gewesen. Eine ordnungsgemäße Abwicklung, die unter anderem über Cantor Fitzgerald und Eurobrokers gelaufen wäre, galt es unter allen Umständen zu verhindern – so jedenfalls die Theorie von E.P. Heidner.  [5] In seinem Scenario ist 9/11 weniger ein Akt zur Verbreitung von Terror, sondern zuvorderst ein Finanzverbrechen. Jenseits des Schreckens und der tiefenpsychologischen Indienstnahme des Geschehens an 9/11, sollte es einen weit darüberhinausgehenden Zweck erfüllen.

Die Anleihen seien nicht in den offenen Markt gelangt, sondern verdeckt zur Refinanzierung von privaten und öffentlichen Schulden Russlands eingesetzt worden. Weiters sollen sie benutzt worden sein, um sich in lukrative Schlüsselunternehmen einzukaufen. Nach dem Kollaps der Sowjetunion und dem Untergang von Mikhail Gorbatschow sprudelte das Geld unter anderem zur Familie von Boris Jelzin und zu Mikhail Chodorkowskis Bank Menatep, die eng mit der Valmet Group in Genf zusammenarbeitete. Die Valmet Group gehörte zur Riggs Bank, die zum CIA-Kosmos zählte und der Bush-Familie nahestand (beispielsweise über Jonathan Bush, ein Onkel des ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush und Bruder des früheren US-Präsidenten George H. W. Bush). Valmet war später an der Privatisierung von Yukos und Sibneft prominent beteiligt.

Heidner verweist darauf, dass Cantor Fitzgerald (CF) sowohl 1997 wie auch ein Jahr vor 9/11 Teilnehmer und Gastgeber von Economic Wargames / Wirtschaftskriegsspielen gewesen war, die von US-Geheimdiensten und dem Council on Foreign Relations initiiert worden seien. Die Handelsaktivitäten, die bei diesen Kriegsspielen analysiert wurden, betrafen die Märkte für Staatsanleihen, Öl und Gold. [6]

Die Transfers im Handel von Staatsanleihen liefen nach Angaben von Dino Kos, zum Zeitpunkt von 9/11 Vorstandsmitglied der New Yorker Federal Reserve Bank, via JP Morgan Chase und der Bank of New York (BONY) über Fedwire, dem Knotenpunkt für die Banken, der zur Abwicklung ihrer Staatsanleihegeschäfte benutzt wird. Betreiber von Fedwire ist die NY Fed. Am 11. September, so Kos, kappten die Leitungen der Banken zu Fedwire. [7]

Ein umfangreiches Textdokument namens „September 11 Commission Report Revised“ bringt hingegen vor, dass bis auf die Telekommunikationsmöglichkeiten bei BONY alle relevanten Systeme zur Abwicklung von Anleihegeschäften intakt blieben – nicht nur Fedwire, sondern auch Cantor Fitzgeralds eSpeed-System, das CF mit der Deutschen Bank verband (und gewiss interessant ist für das, was immer Convar herausfand). Jamie B. Stewart, der damalige Vizepräsident der New York Fed, wird dahingehend zitiert, dass die Fedwire-Operationen über eine Backup-Einrichtung außerhalb Manhattans liefen und deswegen nicht kappten.  [8] Reibungslos funktionierte auch die Transaktionsfähigkeit über CHIPS (das Clearing House Interbank Payments System); gleiches galt für das Bankensystem insgesamt. [9]

Cantor Fitzgerald wiederum bewegte rund 50 Prozent aller Staatsanleihen der USA. Nicht Computerdaten seien durch die 9/11-Angriffe zerstört worden, denn die gingen nicht einmal im Fall von CF verloren – da es ein funktionierendes Backup gab [10]; sehr wohl aber seien alte Zertifikate von Staatsanleihen vernichtet worden, die CF offensichtlich – wie auch Garbon Inter-Capital und Eurobrokers – in Tresoren im WTC aufbewahrte.  [11] Hierzu hätten Staatsanleihen aus dem Jahre 1991 mit einer 10-jährigen Laufzeit und einem Wert von bis zu 240 Milliarden US-Dollar gehört, die von dubiosen Gold-Wertpapieren und Schweizer Goldbarren gedeckt gewesen seien – sogenannte „Durham / Brady Bonds“.

Wie bereits erwähnt worden war, verlor Cantor Fitzgerald viele Makler im Nordturm des WTC. Insgesamt waren 41 Prozent aller Toten auf dem WTC-Gelände Wertpapiermakler. Dadurch wurde laut Heidners Annahme genug Chaos im Bond-Markt angerichtet, um eine Situation hervorzurufen, in der verdeckte Staatsanleihen im Wert von 240 Milliarden US-Dollar „elektronisch ,abgewickelt‘ werden konnten, ohne dass jemand zu viele Fragen stellte.“ [12]

„Brady Bonds“ wiederum sind Schuldverschreibungen bzw. Verbriefungen von Krediten, die zuerst Ende der 1980er Jahre emittiert wurden. Mit den „Brady Bonds“ wurden die nicht-bedienbaren Schulden lateinamerikanischer Länder in handelbare Schuldverschreibungen umgewandelt. Diese Kreditverbriefungen waren durch Null-Kupon-Anleihen des US-Finanzministeriums gedeckt. Zum Erwerb dieser Schuldverschreibungen waren Kredite vom IWF und der Weltbank nötig.

Im Sinne des Scenarios à la Heidner wurden nicht-legal besicherte „Brady Bonds“ in Russland später zur Schuldenrestrukturierung eingesetzt – im Zusammenhang, so wird vermutet, mit der versuchten wirtschaftlichen Übernahme der Sowjetunion. Ohne die Brady-Tarnung der nicht mit legaler Besicherung gedeckten Anleihebriefe für die Eindeckung der künftigen Oligarchen (die ja Stand nach dem Putsch August 1991 nichts als unbemittelte Mafiosi und KGB-Günstlinge waren) mit kaufkräftigem Vermögen, wäre wohl in der Tat nicht zu bewerkstelligen gewesen, was Anne Williamson im September 1999 exemplarisch vor dem US-Repräsentantenhaus beschrieb. Williamson, die unter anderem für das Wall Street Journal und The New Yorker arbeitete und Autorin des Buches Contagion: The Betrayal of Liberty – Russia and the United States in the 1990s ist, zeigte in ihrer Aussage auf, wie die historische Chance, die den USA gegeben war, um zur Umwandlung Russlands in ein freies, friedliches, pro-westliches Land beizutragen, verschwendet wurde zugunsten einer wirtschaftlichen Vergewaltigung, die von korrupten russischen Politikern und Geschäftsleuten durchgeführt und von den Bush- und (insbesondere) Clinton-Regierungen unterstützt wurde. Wesentliche Akteure: Wall Street, das US-Finanzministerium, das Harvard Institute for International Development, die Nordex-Bank, der IWF, die Weltbank sowie die Federal Reserve.

Williamson zufolge plünderten die aufkommenden russischen Oligarchen, viele davon der ehemaligen kommunistischen Nomenklatura zugehörig, das russische Reich mit Hilfe der USA; anschließend wurde dieses Geld in den Aktien- und Immobilienmärkten in den Vereinigten Staaten investiert. Williamson sagte vor dem US-Repräsentantenhaus aus:

„In der Sache, die vor uns steht – die Frage nach den vielen Milliarden an Kapital, das aus Russland über die Bank of New York und andere westliche Banken an westliche Ufer floh –, hatten wir ein Fenster geöffnet, wie die finanziellen Angelegenheiten eines Landes aussehen, das ohne Eigentumsrechte, ohne Banken, ohne Vertragssicherheit, ohne eine verantwortliche Regierung oder eine Führung ist, welche Anstand genug hat, um sich ums nationale Interesse oder Wohlergehen seiner eigenen Bürger zu scheren. Es ist kein schönes Bild, oder? Aber lassen Sie keine Fehlannahmen aufkommen: in Russland ist der Westen der Autor seines eigenen Elends gewesen. Und es gibt keine Fehlannahme, wer die Opfer sind, d. h. westliche Steuerzahler, hauptsächlich die der USA, und die russischen Bürger, deren nationales Erbe gestohlen wurde, nur um verschleudert und / oder in den westlichen Immobilien- und Aktienmärkten investiert zu werden.“

Die entstehende Oligarchen-Klasse Russlands wurde von westlichen Finanzinstituten gekauft, und Jelzin hatte man bei der Schaffung der oligarchischen Klasse, die die Basis seiner politischen Macht darstellte, unterstützt:

„Westliche Hilfe, IWF-Kreditvergaben und die gezielte Aufteilung der nationalen Vermögenswerte sind das, was Boris Jelzin mit dem anfänglich nötigen Kleingeld für seinen Wahlkreis aus Ex-Komsomol [Kommunistische Jugendliga] Bankchefs versorgte, denen die Freiheit und die Mechanismen gegeben wurden, ihr eigenes Land im Tandem mit einer wiedererstarkenden und wirtschaftlich kompetenteren Verbrecher-Klasse zu plündern. Die neue Elite lernte alles über die Beschlagnahme von Vermögen, aber nichts von seiner Schöpfung. Schlimmer noch, diese neue Elite gedeiht in den Bedingungen des Chaos und meidet genau die Stabilität, auf die die USA so inbrünstig hoffen, wohlwissend, dass die Stabilität ihre Fähigkeit, unverschämte Gewinne zu erzielen, kräftig einschränkt. Folglich war und ist Jelzins ,Reform‘-Regierung dazu verurteilt, diese parasitäre politische Basis, die aus der Bankenoligarchie besteht, aufrecht zu erhalten. (…) Und erst jetzt, fast auf den Tag acht Jahre später, erfahren US-Steuerzahler, dass die ,eifrigen, jungen Reformer‘, denen ihre Mittel zum Zwecke des Aufbaus eines neuen Russland gegeben wurde, vom ersten Tag an mit der erschöpften sowjetischen Nomenklatura in ein System verbündet waren, um Russlands Reichtum zu plündern und im Westen zu parken.”

Williamson beschreibt einen zum Teil mörderischen Wettkampf um die Kontrolle der neuen Unternehmen, die in Russland privatisiert wurden; die profitabelsten davon: Ölunternehmen, Stahlwerke und der Telekommunikationsbereich. Sie wurden an bestimmte Oligarchen „auf Insider-Auktionen“ vergeben, „deren Ergebnisse vorher vereinbart wurden.“

Der Fluss zusätzlichen Kapitals führte ab dem Frühjahr 1995 zu einem Wertanstieg der US-Aktienunternehmen. Der IWF und die Weltbank übernahmen die Rolle von „800 Pfund schweren Gorillas der wirtschaftlichen Verzerrung und im Laufe der Zeit der Plünderung“. Das Schema, nach dem vorgegangen wurde, ist eigentlich recht gut bekannt:

Man „verkaufe Hilfsprogramme auf einer angeblichen Basis ,freier Märkte‘ und der ,Humanität‘“ durch Akademiker, die ihre Fähigkeiten zur intellektuellen Camouflage beibringen, während IWF und Weltbank in den Zielländern wie Russland die Steuern anheben und Zentralbankengeschäfte abstimmen, Kreditaufnahmen ermutigen und Privatisierungen anschieben, um Hochrisiko-Investoren anzuziehen. Sobald die Regierung der Zielnation schwankt, trete man zurück und schaue zu, wie Spekulanten die Disziplin durch einen Angriff auf die Währung des Ziellandes behaupten. Die anschließende Abwertung liefert wiederum eine Flut von Billigimporten an amerikanische Hersteller und Produzenten.“

Sodann können „westliche Neo-Kolonialisten“ die Zielnation mit den stets größer werdenden Schulden schikanieren, um noch mehr Eigentum herauszupressen. „Einmal erfolgreich, können die Insider der Welt sich dann umdrehen und billige Anteile aus Privatisierungen und Börsengänge in den Schlund von US-Investmentfonds und Portfolio-Investoren“ werfen. „Die großen Gewinner sind die weltweit zunehmend korrupten und bequemen herrschenden Klassen, die internationalen Bürokratien und die globalen Banken.“

Das Fazit von Frau Williamson: „Was die US-Politik in weiten Teilen der Landschaft nach dem Kalten Krieg geschmiedet hat, ist ein moralischer, politischer und finanzieller Greuel auf Basis von Betrug, Diebstahl und Schwindel.“ [13]

Es ist hervorzuheben, dass Williamsons Buch Contagion, welches den umrissenen Sachverhalt en Detail behandelte, trotz bestehenden Vertrags nicht verlegt wurde, als es 1997 fertiggestellt wurde. [14]

Die „Brady Bonds“ sind in Sachen Schuldenrestrukturierung im Grunde der Gegenentwurf zu jenem Modell, das von Blessing und Herrhausen stammte und bereits 1986/87 von der Deutschen Bank als Vorschlag in Umlauf gebracht worden war. Werner Blessing, Sohn des ehemaligen Adjutanten von Schacht und Bundesbankpräsidenten sowie Bruder des Verlegers Karl Blessing und Vater des Commerzbank-Vorsitzenden, war damals für die internationalen Finanzgeschäfte der DB verantwortlich.

Die nicht-legal besicherten „Brady Bonds“, die für einen fremdfinanzierten Aufkauf Russlands verwendet worden sein sollen, mussten jedenfalls, so ist die Grundannahme des Scenarios, einerseits weitgehend zerstört, andererseits – was den übrigen Rest anging – klandestin „umgetauscht“ werden.

Zerstört werden mussten ebenso die Aufzeichnungen, die der Marinenachrichtendienst der USA, das ONI, angeblich zu diesen Aktivitäten ansammelte. Diese befanden sich in dem Pentagon-Abschnitt, der an 9/11 direkt attackiert wurde – ja, der Umzug in den äußeren E-Ring des Pentagon fand erst einen Monat vor 9/11 statt. Durch den Angriff wurden 39 von 40 ONI-Mitarbeitern getötet, die gesamte Kommandokette wurde ausgelöscht.  [15] Ferner habe das ONI an den besagten Kriegsspielen teilgenommen, an denen auch Cantor Fitzgerald beteiligt gewesen war.  [16] Ein Grund, warum das ONI mit dem Sachverhalt der zwielichtigen „Durham / Brady Bonds“ befasste, könnte sein, da ihr Fälligkeitsdatum ein eindeutiges Sicherheitsrisiko für die USA darstellte. Zuletzt: drei Monate vor 9/11 wurde von der Bush-Regierung ein neuer General Counsel für das ONI bestimmt, und zwar von der mit der Bush-Familie eng verbundenen Kanzlei Greenberg Traurig kommend. [17]

Dadurch, dass an 9/11 der nationale Notstand ausgerufen wurde, konnten die normalen Regularien der US-Börsenaufsicht SEC zur Abwicklung von Staatsanleihen von der Federal Reserve außer Kraft gesetzt werden.  [18] So wurde beispielsweise die SEC-Regel „15c3-3“ suspendiert, die unter anderem den „physischen Besitz oder Kontrolle von Wertpapieren“ festlegt. Außerdem schickte die Government Securities Clearing Corporation (GSCC) ein Memo an verschiedene Bankhäuser, welches den Umtausch von Wertpapieren betraf, die unmittelbar fällig wurden – was auf die „Durham / Brady Bonds“ zutreffen würde, wenn das hier vorgestellte Scenario denn der Wahrheit entspräche. Weiters ermöglichte die GSCC die Praxis der “Blind Broker“-Abwicklung von Wertpapieren, bei der beide Seiten des Handels anonym bleiben.  [19] Durch eine spezielle Staatsanleihe-Auktion, an deren tatsächlichen Auftreten keinerlei Zweifel besteht, brachten die US-Organe Treasury und Fed anschließend neue Anleihen auf den Bond-Markt und versorgten die Banken mit zusätzlicher Liquidität (mehr als 100 Milliarden US-Dollar).

US-Staatsanleihen werden hauptsächlich von der New York Fed gehandhabt. Laut dem US-Nationalökonom Edward Flaherty hießen die acht größten Mitgliederbanken der New York Fed im Jahre 1997 wie folgt:

Chase Manhatten Bank,
Citibank,
Morgan Guaranty Trust Company,
Fleet Bank,
Bankers Trust (im Juni 1999 durch die Deutsche Bank übernommen),
Bank of New York (BONY),
Marine Midland Bank und
Summit Bank. [20]

Die Chase Manhatten Bank und die Morgan Guaranty Trust Company schlossen sich hernach zu JP Morgan Chase zusammen (im Jahre 2000) – und wie gesehen, waren Chase und BONY die Banken, über die die NY Fed ihren Fedwire laufen ließ, um den Staatsanleihehandel zu organisieren. Die Clearingstellen, um die zwielichtigen Anleihen diskret zu behandeln, wären BONY und GSCC gewesen. BONY soll zudem bei verdeckten Destabilisierungsmaßnahmen vis-à-vis dem Rubel die Finger im Spiel gehabt haben und massiv in Geldwäschegeschäften verwickelt gewesen sein, die in Verbindung mit russischen Banken am Ende der Sowjet-Ära auftraten.  [21] BONY ließ sich in diesen Fragen von Sullivan & Cromwell vertreten.

Offiziell begründet wurde die außerordentliche Auktion von 10-Jahres-Staatsanleihen mit fehlgeschlagenen Transaktionen (sogenannten „Fails“), bei denen die Verkäufer die Papiere nicht fristgerecht bereitstellen können. Nach 9/11 sprang die Anzahl der „Fails“ an einzelnen Tagen auf Werte von über 190 Milliarden US-Dollar. Auffällig: die „Fails“ sollen nur bei BONY stattgefunden haben; bei Chase kam nichts Vergleichbares vor. BONY war zu Zeiten von 9/11 für das Clearing von ungefähr 50 Prozent aller in den USA gehandelten Wertpapieren verantwortlich. Die „Fails“ sollen bei BONY aufgrund von Kommunikationsproblemen zutage getreten sein. Dies darf jedoch in Zweifel gezogen werden, vermochte BONY doch sämtliche Operationen über eine Backup-Einrichtung in Utica, New York aufrecht zu halten. [22]

Lars Schall


Autor Lars Schall wurde am 31. August 1974 in Herdecke an der Ruhr geboren. Er studierte an den Universitäten Dortmund und Knoxville, Tennessee in den USA unter anderem Journalistik. Er ist freier Finanzjournalist mit den Schwerpunkten Energie, Edelmetalle, Geldsystem und Geopolitik. Er veröffentlicht u. a. auf ASIA TIMES ONLINE. Darüber hinaus arbeitet er als Übersetzer von Finanz- und Wirtschaftstexten.

Bild- und Grafikquellen:

  1. Beitragsbild: „Auge“ – pixabay.com

Fußnoten:

  1. Vgl. “Bank of America among 38 stocks in SEC’s attack probe”, veröffentlicht auf Bloomberg News am 3. Oktober 2001, archiviert unter: http://911research.wtc7.net/cache/sept11/bloombberg_BAamong38.html. Darin hieß es: “A Raytheon option that makes money if shares are more than $25 each had 232 options contracts traded on the day before the attacks, almost six times the total number of trades that had occurred before that day. A contract represents options on 100 shares. Raytheon shares soared almost 37 percent to $34.04 during the first week of post-attack U.S. trading.”
  2. Barry Grey: “Suspicious trading points to advance knowledge by big investors of September 11 attacks”, veröffentlicht auf World Socialist Web Site am 5. Oktober 2001 unter: http://www.wsws.org/articles/2001/oct2001/bond-o05.shtml. Zum Zusammenhang von 9/11 und dem Handel von US-Staatsanleihen siehe auch Mark H. Gaffney: „Black 9/11“, a.a.O., Seiten 73 – 89 und 125 – 143.
  3. J.S. Kim: „Im Innern des illusorischen Reiches des Banken- und Waren-Schwindels“, veröffentlicht auf LarsSchall.com am 28. November 2010 unter: http://www.larsschall.com/2010/11/28/im-innern-des-illusorischen-reiches-des-banken-undwaren-schwindels/
  4. Zur Geschichte von Yamashitas Gold siehe insbesondere Sterling und Peggy Seagrave: “Gold Warriors: America’s Secret Recovery of Yamashita’s Gold“, Verso, New York, 2003. Besprechungen des Buches erschienen u. a. von Chalmers Johnson: “The Looting of Asia“, London Review of Books, 20 November 2003, unter: http://www.lrb.co.uk/v25/n22/chalmers-johnson/the-looting-of-asia, und von Henry C. K. Liu: “Realpolitik Of Democratic Revolution, Part 1: The Philippines revisited“, Asia Times Online, 19. November 2003, unter: http://www.atimes.com/atimes/Southeast_Asia/EK19Ae03.html.
  5. Vgl. E.P. Heidner: “Collateral Damage: U.S. Covert Operations and the Terrorist Attacks on September 11, 2001”, a.a.O.
  6. Vgl. ebd., Seite 43, Quellenangabe 8. Siehe auch „September 11 Commission Report Revised December 2008“, Seite 184, veröffentlicht auf Scribd unter: http://de.scribd.com/doc/16970135/September-11-Commission-Report-Revised-December-2008
  7. Vgl. “National Commission on Terrorist Attacks Upon the United States: Memorandum for the Record (MFR) of the Briefing by Dino Kos of the Federal Reserve Bank of New York Conducted by Team 8, 01/09/2004”, veröffentlicht auf Online Public Access unter: http://research.archives.gov/description/2610129. Bei der Gelegenheit sprach Kos über Probleme, die an 9/11 zutage traten:

    In the case of the Fedwire operating system, it is fine if everyone can make and received payments. If someone can make, or receive payments, but not the reverse, the balances get out of wack. Some bank can have a huge overdraft and they won’t know if it will be covered. In the case of Government securities, there is no central clearing corporation. … Each broker-dealer has a bank they use. When BONY was disrupted on 9-11, the dealers did not know if their positions were covered. They wired payments to BONY but did not know if they were received. BONY did not know what funds they had received. Dino showed me data that indicated that BONY had a huge surplus and the rest of the banks in the system were in a huge deficit. Furthermore, a number of trades were “lost” in the morning when the Broker-dealers were lost in the WTC.

    Zu Problemen im Staatsanleihebereich nach 9/11 heißt es:

    He spoke about the securities “fails”, when the two sides of a trade could not be reconciled. He said that this was “huge”. He said that even once the immediate disruptions normalized, the volume of “fails” increased through the end of September. … Because of the number of “fails”, the Treasury had to issue an unscheduled auction of 10 year bonds. In Dino’s view, the “fails” did not really having any adverse effect on the market, but it was an issue that had to be dealt with and was cleared up with the Treasury auction.

    Ferner wird angemerkt, dass die Federal Reserve massiv liquide Mittel in die Märkte pumpte.

  8. Vgl. ”September 11 Commission Report Revised December 2008“, a.a.O., Seite 186.
  9. vgl. ebd., Seite 187. CHIPS wurde übrigens, wie noch in Sachen PROMIS-Software bewiesen werden soll, seit den 1980er Jahren von der NSA im Zuge der “Follow the Money”-Initiative überwacht.
  10. Vgl. ebd.
  11. Vgl. Mark H. Gaffney: „Black 9/11“, a.a.O., Seite 77, 85.
  12. Ebd., Seite 77.
  13. “Testimony of Anne Williamson Before the Committee on Banking and Financial Services of the United States House of Representatives September 21, 1999“, veröffentlicht unter: http://www.thebirdman.org/Index/Others/Others-Doc-Economics&Finance/+Doc-Economics&Finance-GovernmentInfluence&Meddling/BankstersInRussiaAndGlobalEconomy.htm.

    Dieser Plünderung wurde dann unter Wladimir Putin zunehmend ein Riegel vorgeschoben, indem er besonders den immensen Energie- und allgemeinen Ressourcenreichtum der Russischen Föderation unter die Kontrolle des Staats stellte.

    Im Zusammenhang mit den Auswirkungen auf den Aktien- und Immobilienmarkt in den USA mag auch interessant sein, was Catherine Austin Fitts 2009 unter der Überschrift “Financial Coup d’Etat” (“Ein finanzieller Staatsstreich”) festhielt – siehe Solari.com unter: https://solari.com/blog/financial-coup-d%E2%80%99etat/. Ich übersetzte:

    Im Herbst 2001 besuchte ich eine private Investment-Konferenz in London, um einen Vortrag mit dem Titel “The Myth of the Rule of Law or How the Money Works: The Destruction of Hamilton Securities Group“ zu geben.

    Die Präsentation dokumentiert meine Erfahrungen mit einer Partnerschaft zwischen Washington und Wall Street, die folgende Punkte zu verantworten hatte:

    • Die Durchführung einer betrügerischen Immobilien- und Schuldenblase;
    • Die illegale Verschiebung riesiger Mengen an Kapital aus den USA hinaus;
    • Den Gebrauch der „Privatisierung“ als eine Form der Piraterie – ein Vorwand, um Vermögenswerte des Staates an private Investoren unterhalb marktüblicher Preise zu bewegen, und dann die Verschiebung privater Verbindlichkeiten zurück an den Staat ohne jedwede Kosten für den Inhaber der privaten Verbindlichkeiten.

    Weitere Referenten auf der Konferenz, der namhafte Reporter angehörten, berichteten von der Privatisierung in Osteuropa und Russland. Während die Porträts britischer Vorfahren auf uns herab starrten, hörten wir eine Geschichte nach der anderen von der globalen Privatisierung, die in den 1990er Jahren auf dem amerikanischen Kontinent, in Europa und Asien stattgefunden hatte.

    Langsam, als sich die Teile zusammen fügten, teilten wir eine erschreckende Offenbarung: die Banken, Unternehmen und Investoren, die in jeder Weltregion agierten, waren genau die gleichen Akteure. Sie waren eine relativ kleine Gruppe, die wieder und wieder in Russland, Osteuropa und Asien auftauchte, dabei begleitet von den gleichen namhaften Wirtschaftsprüfungsgesellschaften und Anwaltskanzleien.

    Offensichtlich war ein globaler finanzieller Staatsstreich im Gange.

    Das Ausmaß dessen, was geschah, war überwältigend. In den 1990er Jahren waren Millionen von Menschen in Russland aufgewacht, um festzustellen, dass ihre Bankkonten und Pensionsmittel einfach weg waren – ausgelöscht durch eine fallende Währung oder von Gangstern gestohlen, die die Gelder zurück in die großen Mitgliedsbanken der New Yorker Fed wuschen, damit sie dort zur Anheizung der Schuldenblase reinvestiert wurden.

    Berichte über Politiker, Regierungsbeamte, Akademiker und Geheimdienste, die die Erpressung und den Diebstahl erleichterten, waren zwingend. Ein Anwalt aus Russland, der ohne Strom lebte und gezwungen war, Nahrungsmitteln anzubauen, um nicht zu hungern, wurde mit den Worten zitiert: „Wir werden de-modernisiert.“

    Einige Jahre zuvor hörte ich drei Bäuerinnen zu, wie sie den Kampf gegen Drogen in ihren jeweiligen Ländern beschrieben: Kolumbien, Peru und Bolivien. Ich fragte sie: „Nachdem man Sie in Lager gepfercht hat, wer bekommt dann Ihr Land und zu welchem Preis?” Meine Frage öffnete eine magische Tür. Aus ihr strömte hinaus, wie die reale Wirtschaft mit dem Krieg gegen Drogen zusammenarbeitet, einschließlich des Diebstahls von Land und den öffentlichen Aufträgen, um Wohnraum für die Menschen zu errichten, die vertriebenen worden waren.

    An einer Stelle, von meinem Verständnis davon, wie dieses Spiel funktioniert, beunruhigt, sagte eine der Frauen zu mir: „Sie sagen, Sie waren nie in einem unserer Länder, und doch verstehen Sie genau, wie das Geld arbeitet. Wie kann das sein?” Ich antwortete, dass ich als Staatssekretärin für den Wohnungsbau des US-Ministeriums für Wohnungsbau und Stadtentwicklung (Housing and Urban Development, HUD) in den Vereinigten Staaten gearbeitete hatte, wo ich Milliarden von staatlichen Investitionen in US-Gemeinden beaufsichtigt hatte. Offenbar arbeitete die Sache auf die gleiche Weise in ihren Ländern, wie in meinem.

    Später fand ich heraus, dass der Auftragnehmer der Regierung, der die Strategie für den Krieg gegen Drogen und die damit verbundene US-Hilfe für Peru, Kolumbien und Bolivien anführte, der gleiche Auftragnehmer war, der auch für das Wissensmanagement für die Durchsetzung von HUD-Maßnahmen verantwortlich war. Dieses Washington-Wall-Street-Spiel war ein globales Spiel. Die Bäuerinnen Lateinamerikas hatten gegen die gleichen finanziellen Piraten und Geschäftsmodelle zu kämpfen, wie die Menschen in South Central Los Angeles, West Philadelphia, Baltimore und der South Bronx.

    Später bestätigte die mutige Berichterstattung von Naomi Klein und Greg Palast im Detail, dass die Privatisierung und das Modell wirtschaftlicher Kriegsführung, das ich in London diskutiert hatte, tiefe Wurzeln in Lateinamerika besaßen.

    Wir erlebten einen globalen „Raubüberfall”: aus einem Land nach dem anderen wurde Kapital gesaugt. Die Präsentation, die ich in London gab, offenbarte einen Teil des Puzzles, der schwer für das Publikum zu begreifen war. Dies geschah nicht einfach nur in den Schwellenländern. Es geschah auch in Amerika.

    Ich beschrieb ein Treffen, das im April 1997 stattfand, mehr als vier Jahre vor diesem Tag in London. Ich hatte eine Präsentation vor einer erlesenen Gruppe von US-Pensionsfonds-Leitern bezüglich der außerordentlichen Möglichkeit gegeben, den US-Bundeshaushalt zu überarbeiten. Ich stellte unsere Schätzung dar, dass die staatlichen Investitionen im Gebiet von Philadelphia, Pennsylvania eine negative Rendite hatten.

    Wir präsentierten, dass es möglich war, Gebiete mit Privatvermögen zu finanzieren und die öffentlichen Investitionen so umzustrukturieren, dass eine positive Rendite dabei herum kommen würde. Als Folge dessen könnten signifikante Kapitalsteigerungen erreicht werden. Also war es möglich, US-Pensionsfonds zu nutzen, um die Ruhestandsicherheit von Rentnern dadurch zu erhöhen, indem man erfolgreiche Investitionen in amerikanischen Gemeinden, kleine Unternehmen und Farmen betrieb – alle in einer Weise, die die Verschuldung reduzieren, die Qualifikationen verbessern und Arbeitsplätze schaffen würde.

    Die Resonanz der Investoren der Pensionskassen gegenüber dieser Analyse war recht positiv, bis der Präsident des CalPERS-Rentenfonds – dem größten des Landes – sagte: „Sie verstehen das nicht. Es ist zu spät. Sie haben das Land aufgegeben. Sie ziehen das ganze Geld im Herbst [1997] ab. Sie bewegen es nach Asien.”

    Als der Herbst dann kam, begannen auch tatsächlich erhebliche Mengen an Geldern die USA zu verlassen, einschließlich illegale. Über 4 Billionen US-Dollar gingen der US-Regierung verloren. Niemand schien davon Notiz zu nehmen. Von einer betrügerischen Schuldenblase, die mit der Kraft und Intention der höchsten Ebenen des Finanzsystems angetrieben wurde, zu der falschen Annahme verleitet, dass wir in einer Boom-Wirtschaft lebten, beteiligten sich die Amerikaner an einer Orgie des Konsums, die das reale finanzielle Vermögen liquidierte, das wir dringend benötigten, um uns für die zukünftigen Zeiten zu repositionieren.

    Die Stimmung an diesem Nachmittag in London war recht nüchtern. Die Frage, die unausgesprochen in der Luft hing, lautete: wenn die Blase einmal vorbei sein würde, war dann die Zeit gekommen, wo auch wir „de-modernisiert” werden würden? Im Jahr 2009 – mehr als sieben Jahre später – ist das eine Frage, die sich viele von uns fragen.

  14. Vgl. Michael C. Ruppert: “Crossing the Rubicon”, a.a.O., Seite 88.
  15. Vgl. Mark H. Gaffney: „Black 9/11“, a.a.O., Seite 76.
  16. Vgl. „September 11 Commission Report Revised December 2008“, a.a.O., Seite 189-191.
  17. Vgl. ebd., Seite 205 – 206. Greenberg Traurig soll an fünf Aspekten der Bush-Amtszeit beteiligt gewesen sein: [1] represented President Bush in the Bush-Gore 2000 Florida election vote recount, — [2] personally represents Governor Jeb Bush, — [3] hired son of Supreme Court Justice Antonin Scalia on election day 2000–after which Justice Scalia cast one of the 5 to 4 deciding votes which placed Bush in presidency, — [4] Miami-headquartered firm partially funded/sponsored delegation to Israel by House-Senate Armed Services Committee members and government contractors to witness and be briefed on interrogation resistance procedures and torture techniques….One of lobbyists joining them to Israel included Jack London, CEO, CACI Int’l Inc., firm implicated in outsourced Iraqi torture at Abu Ghraib prison, — [5] firm has prominent administrative positions in Massachusetts 9/11 Fund which also involves Bush family banking house Brown Brothers Harriman, — [6] one appointed as General Counsel of the Department of the Navy and its Office of Naval Intelligence just 90 days before the attacks.”
  18. Vgl. ebd., Seite 196. In dem Text wird vorgebracht, dass neben George H. W. Bush auch Alan Greenspan, der damalige Fed-Vorsitzende, an der Herausgabe und Verwendung der besagten „Durham / Brady Bonds“ im Jahre 1991 maßgeblich beteiligt gewesen sei.
  19. Vgl. ebd., Seite 197.
  20. Vgl. Edward Flaherty: “Debunking the Federal Reserve Conspiracy Theories“, Abschnitt “Myth #5: The Federal Reserve is owned and controlled by foreigners“, veröffentlicht auf PublicEye.org unter: http://www.publiceye.org/conspire/flaherty/Federal_Reserve.html, bzw.: http://www.publiceye.org/conspire/flaherty/flaherty5.html
  21. Vgl. ”September 11 Commission Report Revised December 2008“, a.a.O., Seite 195 – 197. Genannt werden im Zusammenhang mit Geldwäscheaktivitäten die European Union Bank, Menatep und Nordex.
  22. Vgl. Mark H. Gaffney: „Black 9/11“, a.a.O., Seite 132. Gaffney bezieht sich auf Aussagen von Thomas Gibbons, leitender Angestellter im Risk Management bei BONY.
Leser und Autor

Interview mit Finanzwelt über Zentralbanken und Geldsozialismus

Finanzwelt: Die so genannte „nicht-konventionelle“ Geldpolitik der Zentralbanken steuert seit einigen Jahren die Preise von Anleihen, von Aktien wie auch die Geldmenge und die Zinsen. Welche Absichten verfolgen die Zentralbanker und wie wird sich dies Ihrer Meinung nach auf die Mitte unserer Gesellschaft, auf die Mitbürgerinnen und Mitbürger auswirken?

Frank Schäffler: Die Notenbanken wollen die Konjunktur steuern und damit beleben. Dies haben sie historisch immer über ihre Zinspolitik versucht, doch jetzt sind die Möglichkeiten der Zinspolitik ausgereizt und dennoch springt die Konjunktur nicht richtig an. Deshalb kaufen die wichtigsten Notenbanken Schulden von Unternehmen, Banken und den eigenen Staaten an, um den Langfristzins zu drücken und neuen „Spielraum“ in den Staatshaushalten und Bilanzen zu schaffen. Alle Hyperinflationen in der Geschichte haben damit begonnen, dass Notenbanken die Schulden der Staaten durch Gelddrucken finanziert haben. Das geht nicht lange gut.

Finanzwelt: Worauf gründet sich die Auffassung der Zentralbanker, das, kaum vorstellbar große, Aufkäufe von Staatsanleihen, von Aktien (z.B. durch die SNB und BoJ) und von Asset-Backed-Securities eine Stimulation der Realwirtschaft ergeben könnte? Wer verkauft eigentlich diese Finanzprodukte an die Zentralbanken und was geschieht damit?

Frank Schäffler: Es gründet sich aus der Vergangenheit. Schauen Sie nach Spanien. Dort ist durch die billigen Zinsen in den 2000er Jahren ein Immobilienboom erzeugt worden, der das ganze Land mitzog. Nicht nur die Bauindustrie profitierte, sondern auch die Nebengewerbe, der Konsum. Und selbst der Staat profitierte vom Wachstum durch höhere Steuereinnahmen und niedrigere Sozialausgaben. Doch dieser Boom war auf Sand gebaut, es bildete sich eine Blase, die platzte, als die Investoren nicht mehr an die weiter steigenden Immobilienpreise glaubten. Am Ende blieben die Banken auf den faulen Krediten sitzen und wandten sich an den spanischen Staat und der an den europäischen Steuerzahler und Sparer. Jetzt will die EZB diese faulen Kredite den Banken abkaufen, damit die Party wieder von vorne los gehen kann.

Finanzwelt: Die meisten Länder leiden unter sinkenden Realeinkommen der breiten Bevölkerungsschicht. Wie ist der logische Argumentationsweg des Zentralbankers, durch Geldmengenausweitung eine Realwirtschaft, die zwischen 60-70 % von Konsum abhängig ist aber unter sinkenden Realeinkommen leidet, überhaupt stimulieren zu können?

Frank Schäffler: Die Zentralbanken können nur zwischen Pest und Cholera wählen. Würden sie die Insolvenz von Staaten und Banken zulassen, hätte dies eine Schrumpfung der Kredit- und damit der Geldmenge zur Folge. Dies wollen die Zentralbanker auf jeden Fall verhindern, daher wollen sie Inflation und damit die Enteignung der Sparer befördern und noch mehr Geld ins System pumpen. Damit dreht sich das „Hamsterrad“ immer schneller bis breite Bevölkerungsschichten nicht mehr an die Werthaltigkeit dieses Geldes glauben. Dann kann es sehr schnell gehen.

Finanzwelt: Janet Yellen, die Vorsitzende der amerikanischen Fed, war Studentin und Doktorantin von James Tobin, nach dem die „Tobin-Steuer“ benannt wurde, einem Etatisten und Keynesianer. Frau Yellens Sprache ist geprägt vom Keynsianismus alter Schule: Mit Begriffen wie „Slack“ (Schlaffheit) des Arbeitsmarktes, „potential GDP“ (potentiellem BSP) und dem Modell der Badewanne des BSP, die es durch keynesianische Steuerung stets bis an den Rand aufzufüllen gilt, ist eine strenggläubige Keynesianerin im Zentrum des Kapitalismus angekommen. Wie sehen Sie die langfristigen Folgen eines solchen ideologischen Wandels?

Frank Schäffler: Es ist nur konsequent, dass Yellen an die Spitze der FED gerückt ist, denn alle Regierungen und alle Notenbanken auf dieser Welt sind sich über den geldpolitischen Kurs weitgehend einig. Doch ich will Ihnen an anderer Stelle widersprechen. Yellen ist nicht im Zentrum des Kapitalismus, sondern im Epizentrum des Geldsozialismus angekommen. Wir befinden uns in einer Geldplanwirtschaft, die vom Staat geschaffen und verteidigt wird. In einem kapitalistischen Wirtschaftssystem würde sich nicht dauerhaft ein Geldmonopol bilden, sondern es würde Wettbewerb herrschen und sich das beste Geld durchsetzen.

Finanzwelt: Was sind die Folgen der Politik des billigen Geldes auf politischer, auf realwirtschaftlicher – insbesondere der Mitbürger und Mitbürgerinnen die früher „Mittelstand“ heute vom Finanzminister schon „Gutverdiener“ genannt werden – und gesellschaftlicher Ebene?

Frank Schäffler: Sie führt zu immer mehr Staat, mehr Überwachung, mehr Steuern und mehr Schulden. Immer dann, wenn die nächste Blase noch viel stärker platzt als die davor, dann reagiert der Staat mit noch mehr Gesetzen, Willkür und Bürokratie. Am Ende leidet die Marktwirtschaft, das Recht und die Freiheit aller.

Finanzwelt: Noch vor wenigen Jahren hat die Politik die private Vorsorge, nicht zuletzt für das Alter, lautstark angemahnt. Heute sieht es so aus, als werde der vorsichtige Sparer und Vorsorger bestraft. Wie sehen Sie diesen plötzlichen Stimmungswandel in der Politik?

Frank Schäffler: Einen Stimmungswandel kann ich nicht feststellen. Die Politik duckt sich weg. Es ist eine stillschweigende Übereinkunft aller, dass die Sparer still und heimlich enteignet werden sollen. Denn wenn der Zins abgeschafft wird, damit der Staat seine Ausgaben dauerhaft finanzieren kann, dann können diejenigen, die in die Schulden des Staates ihr Geld anlegen auch keine Rendite erwirtschaften. Das betrifft mehr oder weniger alle Bürger, den fast jeder hat Produkte wie Lebensversicherungen, Riester-Verträge, betriebliche Altersvorsorge, private Krankenversicherungen oder zahlt in ein Versorgungswerk ein.

Finanzwelt: Herr Asoka Wöhrmann, Chefanlagestratege der Deutschen Asset & Wealth Management, wurde kürzlich in der “Welt am Sonntag” wie folgt zitiert: “Statt sich arm zu sparen, müssen wir Deutschen wieder mehr konsumieren und gleichzeitig vernünftig investieren”. Würden Sie dem folgen?

Frank Schäffler: Keine Gesellschaft auf dieser Welt ist dauerhaft zu Wohlstand gekommen, indem es möglichst viel konsumiert hat. Das ist doch kein Selbstzweck! Konsum- und Investitionsentscheidungen sind individuelle Prozesse, die nicht vom Staat gelenkt werden dürfen, das ist doch gerade unser heutiges Problem.

Finanzwelt: Herr Wöhrmann spricht im zitierten Artikel vom „vernünftig investieren“, was durchaus differenziert und in sich richtig ist. Was bleibt in einer Welt, die für Preisbildungen zunehmend auf die Handlungen der Zentralbanken schaut, für den Berater und den Anleger als vernünftigen Orientierungsmaßstab seiner Entscheidungen übrig?

Frank Schäffler: Wer soll das „vernünftige investieren“ denn entscheiden? Frau Merkel wie bei der Energiewende? Oder Herr Wowereit wie beim Berliner Flughafen? Nein, vernünftig investieren können nur Unternehmer und Bürger, die selbst ihre Entscheidungen planen und das Risiko dafür tragen. Sich diesem System dienlich zu machen, versaut eine ganze Gesellschaft und macht den Geldsozialismus nur noch schlimmer.

Finanzwelt: Ist das Risiko derzeit noch Entscheidungskriterium mancher institutioneller Anleger?

Frank Schäffler: Denn das Subprime-Segment boomt scheinbar wieder. Nein wir sind wieder da, wo wir 2000 und 2007 waren. Es sind die gleichen Signale der Übertreibung an den Immobilien- und Aktienmärkte. Wir sind jetzt nur einige Jahre weiter und die Verschuldung hat weiter zugenommen.

Finanzwelt: Die Inflation wird von den Zentralbanken ohne jede wissenschaftliche Grundlage als positiv, ja begrüßenswert, angepriesen, es werden Inflationsziele gesetzt, die Deflation als Gefahr deklariert. Wäre dies korrekt, so müsste Gideon Gono, Präsident der Zentralbank von Zimbabwe der es auf rund 200 % jährlicher Inflation bringt, bald Rockstar-Status haben. Wem nützt Inflation, wem schadet sie, Ihrer Ansicht nach?

Frank Schäffler: Die Ausweitung der Geld- und Kreditmenge führt aktuell nicht in erster Linie zur Steigerungen der Konsumgüterpreise, sondern zu einer Steigerung der Vermögensgüterpreise bei Aktien und Immobilien. Davon profitieren sehr viele. Die Banken, die mit Aktien handeln und Immobilien finanzieren; der Staat der mehr Steuereinnahmen und geringere Zinsausgaben hat; die Exportindustrie, die ihre Produkte billiger ins Ausland liefern kann; und der Häuslebauer, der sich viel mehr Immobilie bei 2 Prozent Hypothekenzinsen leisten kann als bei 5 oder 6 Prozent. Dauerhaft zurückgehende Preise würde dagegen all diese Gruppe hart treffen, deshalb wehren sie sich dagegen.

Finanzwelt: Als einer der wenigen deutschen Politiker besitzen Sie persönlich Erfahrung was das System der unabhängigen Beratung von Vorsorgern, Sparern und Anlegern betrifft. Was können Sie unseren Lesern, den unabhängigen Maklern, Beratern und Vermittlern in dieser zunehmend absurd erscheinenden Zeit für Ihre Arbeit auf den Weg geben?

Frank Schäffler: Gute Beratung ist so wichtig, aber wahrscheinlich auch so schwierig wie noch nie. Es gelten jedoch die klassischen Tugenden nach wie vor: Ehrlichkeit, Verlässlichkeit für den Aufbau einer langfristigen Kundenbeziehung. Das erfordert, dass man die Zusammenhänge versteht und daraus die richtigen Lehren für sich uns seine Kunden zieht. Staatsanleihen und Produkte die darin investieren sind dabei ein absolutes No-Go.


Das Interview erschien in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift “Finanzwelt”, Ausgabe 6/2014. Das Interview führte Christoph Sieciechowicz.

Textquelle: http://www.frank-schaeffler.de

Beitragsbild: «Interview» – pixabay.com

Krieg_Erster_Zweiter_Weltkrieg_Imperialismus_Kapitalismus_NATO_Propaganga_Faschismus_Voelkermord_Voelkerrecht_1984

Friedensappell von Eugen Drewermann in Berlin, 13.12.2014

von Ken Jebsen

Stellen Sie sich vor es ist Krieg, und nur Gauck geht hin.

Die Bundesrepublik hat sich 25 Jahre nach Mauerfall zum drittgrößten Rüstungsexporteur der Welt hochgearbeitet. Der Tod ist erneut ein Meister aus Deutschland. Aktuell „verteidigen“ deutsche Bundeswehr-Soldaten an 17 Standorten außerhalb der Republik „unsere Werte“. Geht es nach Bundespräsident Gauck, Kanzlerin Merkel und Kriegsministerin von der Leyen, lässt sich diese Präsenz noch einmal deutlich steigern. Alles was diese Personen dafür benötigen, ist ein omnipotentes Feindbild. Da kommt der Konflikt in der Ukraine und die daraus behauptete Aggression Russlands gerade recht. Um was geht es wirklich? Es geht darum, dass auch dieses Land seine Rüstungsausgaben steigert und in Zukunft 2% des Brutto-Sozial-Produktes in die Anschaffung neuer Waffensysteme investiert. So wünscht es sich die NATO. Deutschland steht Gewehr bei Fuß und verkauft das der eigenen Bevölkerung dann als „alternativlose friedenssichernde Maßnahme“.

Alles was man mit Gewalt erringt, kann man nur mit Gewalt behalten, und so muss man das größte Militärbündnis der Welt als ein unverzichtbares Werkzeug des Turbokapitalismus enttarnen. Diese Wirtschaftsform ist ohne Unterdrückung und damit ohne Gewalt nicht zu haben. Die Systemgewalt des Kapitalismus geht nahtlos über in den Faschismus.

Ein breites Friedensbündnis aus klassischer und neuer Friedensbewegung nutzte den 13.12., um gemeinsam auf diese aggressive Politik aufmerksam zu machen und für den Frieden in Europa zu demonstrieren. Der Demonstrationszug vom Berliner Hauptbahnhof zum Amtssitz von Gauck, Schloss Bellevue, verzeichnete über 4000 Teilnehmer. KenFM zeigt die ergreifende Abschlussrede von Eugen Drewermann, der sich genau wie Joachim Gauck dem Christentum verschrieben hat, nur dass er andere Akzente setzt, statt „Auge um Auge, Zahn um Zahn“: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ und „Du sollst nicht töten“.


Textquelle: KenFM das Politmagazin

Beitragsbild: „Warum gibt es eigentlich Kriege?“ – www.qpress.de

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Generation Y

von Dr. Manfred Sohn

Eine junge Kollegin von mir sitzt gerade an ihrer Bachelor-Arbeit, die sich mit der „Generation Y“ befaßt – ihrer Generation, deren Mitglieder im Zeitraum von etwa 2000 bis 2015 zu den Teenagern zählte.

Der Begriff mag wieder so ein Kunstprodukt der Soziologie sein. In der 80er Jahren löste der damalige Professor Thomas Ziehe eine Welle von Büchern und gut dotierten Stellen im akademischen Betrieb aus, die sich fortan intensiv mit dem von ihm deklarierten „Narziß – ein neuer Sozialisations-Typus“ befaßten. Der akademische Betrieb ist in unserer Phase des Kapitalismus zunehmend in der Lage, sich selbst tragende Selbstbeschäftigungs-Themen zu erzeugen, die in abnehmenden Maße für die nichtakademische Welt noch interessant oder gar nützlich sind. Die gegenwärtig viel diskutierte „Generation Y“ jedenfalls sei, – so lernte ich durch die junge Kollegin – (wie es Wikipedia ausdrückt) „vergleichsweise gut ausgebildet, oft mit Fachhochschul- oder Universtitätsabschluß“ ausgestattet und im Internet zu Hause. Die ihr angehörigen Menschen seien aber in hohem Maße illusionslos gegenüber ihren eigenen Zukunftsperspektiven, die sie als von zunehmender Unsicherheit geprägt empfinden. Hohe Qualifikationen, die früher Garant für gesichertes Einkommen galten, koppeln sich von der Frage des späteren materiellen Lebensstandards ab.

Das ist eine interessante Entwickelung, die ein Schlaglicht auf den gegenwärtigen Stand des Kapitalismus wirft. Der ist zunehmend durch zwei gegenläufige Tendenzen gekennzeichnet.

Zum einen ist er so produktiv, daß die erwachsenen Menschen weltweit im Durchschnitt nur 20 bis höchstens 30 Wochenstunden tätig sein müßten, um sich selbst und alle auf dem Globus lebenden Kinder und Alten mit Wohnraum, Kleidung, Nahrung, Fortbewegungsmitteln und Kulturgütern zu versorgen. Die überschießende Produktivität, die aber eben durch allgemeine Arbeitszeitverkürzung auf alle verteilt wird, fließt so ökonomisch gesprochen in Blasen aller Art. Das sind die Spekulationsblasen, in denen Vermögen als Anspruch auf spätere Leistungen gebildet werden. Das sind auch die akademischen Blasen, in denen, wie erwähnt, Wissenschaftler aller Kategorien aufgeregt, aber zweckfrei in Büchern und Kongressen irrelevante Frage eifrig debattieren.

ZukunftDie andere Tendenz aber bleibt unverändert: Kapitalismus kann diese Blasen nur erzeugen, indem er Profit bildet, von denen ein Teil durch den Staat via Steuern abgeschöpft wird. Profit – sein inneres Treibmittel – läßt sich durch die einzelnen Unternehmen nur erzielen, wenn die einzig mehrwertbildende Ware, die Ware Arbeitskraft, so lange wie möglich im kapitalistischen Produktionsprozess vernutzt wird. Also gibt es für diejenigen, die Arbeit finden, die ständige Anforderung, möglichst lange Arbeitstage abzuliefern. Teilzeitarbeit ist tendenziell daher im Kapitalismus immer prekär und längere Auszeiten – zum Beispiel zur Kindererziehung – sind dem Kapital nur über gesetzlichen Zwang abzutrotzen. Diese Aufspaltung in einen Bevölkerungsteil, der sich überarbeitet und einen anderen, der von Arbeit freigesetzt wird, wie es so schön heißt, ist also systemimmanent. Diese Tendenz ist in unseren Zeiten dank der Fortschritte durch die Mikroelektronik so ausgeprägt, daß vor allem Jugendliche in wachsender Zahl vom Kapital nicht mehr benötigt werden. Also steigen in allen kapitalistischen Ländern die Zahlen der dauerhaft Arbeitslosen und hier vor allem der jungen Arbeitslosen an. Das ist die Grundströmung, die sich im Bewußtsein der erwähnten „Generation Y“ als Zukunftsunsicherheit widerspiegelt.

Die wohlhabenden Länder, zu denen die Bundesrepublik Deutschland gehört, entwickeln verschiedene Programme, um diesen Widerspruch wenn nicht zu lösen, so doch politisch zu entschärfen.

In einer Wohngemeinschaft vorwiegend junger Menschen, der ich kürzlich eine Weile angehören durfte, gab es zwei hochintelligente Mitglieder dieser „Generation Y“, die staatliche Gelder dafür bekommen, Forschungsprojekte mit dem Ziel durchzuführen, am Schluß einen Doktortitel vor ihren Namen hängen zu können. Der eine erforscht Urwälder in der Slowakei, die andere das Verhalten von Fledermäusen in Weißrußland. Kapitalistisch verwertbar wird beides vermutlich nicht sein. Aber beide arbeiten – nachdem sie die Hürden der oft unsinnigen, manchmal kleinlich-unwürdigen Bewerbung um die Dissertationsstipendien genommen hatten – begeistert an ihren Forschungen. Ihre Themen, vor allem aber die Tatsache, daß sie nach dem Hürdenlauf mit schmalen Budget ihre Arbeitskraft für zwei bis drei Jahre nicht mehr woanders verkaufen müssen,  erinnern an einen verkrampften Vorgriff auf Marx‘ Traum von einer Zukunft, in der jeder unabhängig von äußeren ökonomischen Zwängen den Tätigkeiten nachgehen könne, nach denen ihm oder ihr gerade der Sinn steht. Die staatlich dafür aufgewendeten Gelder sind so gewaltig nicht. Sie entsprechen ungefähr dem, was jemand an Steuern abzuführen hat, der in unterer leitender Funktion in einem der großen Konzerne lohnabhängig tätig ist. Aus „Ver-wertungs-Sicht“ sind sie dennoch Bestandteil der sich zunehmenden bildenden Blasenökonomie. In diese Forschungen fließen Gelder, die produktiv innerhalb dieses Systems aller Voraussicht nach nicht mehr so angewendet werden können, daß sie eines Tages Profit erzeugen. Aber es sind, wenn wir so wollen, gute Blasen.

Why_Army_Soldier_VietnamkriegEs besteht die Gefahr, daß sie demnächst zerplatzen. Sigmar Gabriel und Frank-Walter Steinmeier schrieben am 1. September – welches Datum! – im „Handelsblatt“ unter dem Titel „Nicht abseits stehen“, die Welt sei „aus den Fugen geraten“ und müsse – auch mit „militärischer Unterstützung“ wieder in die Fugen gebracht werden. In den Wochen danach ist eine wohl abgestimmte Kampagne angelaufen, um den deutschen Rüstungsetat auf zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts anzuheben. Dies entspricht den Forderungen der USA und Großbritanniens, den bisher einzigen Staaten der NATO, deren Rüstungsetat diese Größenordnung aufweist. Bestandteil dieser Kampagne ist das Wehklagen über die sich häufenden Unzulänglichkeiten am militärischen Gerät, der den Hauptzweck hat, dieser Kampagne die scheinbare Gründe für die bevorstehende Aufrüstung zu liefern.

Über welche Größenordnungen reden wir hier? Unser Bruttoinlandsprodukt betrug 2013 rund 3,7 Billionen US-Dollar. Davon flossen rund 50 Milliarden in den offiziellen Rüstungsetat, mithin knapp 1,4 Prozent. Sollen es, wie Merkel und von der Leyen im Gefolge von Obama wünschen, bald 2 Prozent sein, wären das gut 73 Milliarden Dollar. Bei zur Zeit weitgehend stagnierender ökonomischer Leistungskraft müsste ein erheblicher Teil der Differenz von 23 Milliarden Dollar aus anderen Bereichen staatlicher Mittelaufwendung umgeleitet werden. Geld für Fledermausforschung gibt es dann wahrscheinlich nur noch beim Nachweis militärischer Nutzbarkeit. So wie die politischen Kräfteverhältnisse sind, wird die Umschichtung der Etats kommen. Dem diese Umverteilung vorbereitenden Trommelfeuer aus Tränen (wegen der IS-Barbarei) und Panik (weil wir nicht genug gerüstet sind für diese schreckliche Welt) gegenüber werden die parlamentarischen Parteien mehr oder weniger bereitwillig die Köpfe einziehen.

„Generation Y“ wird, wie das heute auch üblich ist, natürlich englisch ausgesprochen – das „Y“ also wie „why“. Das hat, wahrscheinlich unfreiwillig, einen tiefen Sinn. Die Namensprägung „Generation why“ erinnert angesichts der kriegerischen Zeiten, die kommen werden, an ein altes Antikriegsplakat, das einen Soldaten zeigt, der, gerade von einer Kugel getroffen, Arme und Gewehr in der letzten Bewegung seines jungen Lebens nach oben wirft. Überschrieben ist das Plakat mit einem einzigen Wort: „Why?“. Das ist, wenn nicht gewaltige Veränderungen geschehen, die wahre Perspektive dieser Generation.

Manfred Sohn


Textquelle: Kritisches Netzwerk  Vielen Dank Helmut!

Bild- und Grafikquellen:

  1. Generation Y.  Foto: Pete Ashton. Quelle: Flickr. > Foto. Creative Commons. Attribution-NonCommercial 2.0 Generic (CC BY-NC 2.0)
  2. Mann auf Karton sitzend, über die Zukunft nachdenkend. Foto: Bernd Kasper. Quelle: Pixelio.de
  3. „WHY?“ Quelle: Internetfund. Ursprünglich ein Plakat der Antikriegsbewegung gegen den Koreakrieg(?)

Papst Franziskus - Europaparlament 25.11.2014

Ansprache von Papst Franziskus an das Europarlament

von Papst Franziskus

Herr Präsident,
meine Damen und Herren Vizepräsidenten,
verehrte Europaabgeordnete
und alle, die in den verschiedenen Arbeitsbereichen dieser Einrichtung tätig sind,
liebe Freunde,

ich danke Ihnen für die Einladung, vor dieser Institution, die für das Leben der Europäischen Union grundlegend ist, das Wort zu ergreifen, und für die Gelegenheit, die Sie mir bieten, mich über Sie an die über fünfhundert Millionen Bürger zu wenden, die Sie in den 28 Mitgliedsstaaten vertreten. Meinen besonderen Dank möchte ich Ihnen, Herr Parlamentspräsident, ausdrücken für die freundlichen Worte, mit denen Sie mich im Namen aller Mitglieder der Versammlung willkommen geheißen haben.

Mein Besuch findet in einem zeitlichen Abstand von mehr als einem viertel Jahrhundert nach dem von Papst Johannes Paul II. statt. Vieles hat sich seit jenen Tagen in Europa und in der ganzen Welt verändert. Es existieren nicht mehr die gegensätzlichen Blöcke, die damals den Kontinent in zwei Teile teilten, und langsam erfüllt sich der Wunsch, dass »Europa sich souverän freie Institutionen gibt und eines Tages sich in die Dimensionen entfalten kann, die die Geografie und mehr noch die Geschichte ihm gegeben haben«[1]

Neben einer weiträumigeren Europäischen Union gibt es auch eine Welt, die komplexer geworden und stark in Bewegung ist. Eine Welt, die immer stärker vernetzt und global und daher auch immer weniger „eurozentrisch“ ist. Einer ausgedehnteren, einflussreicheren Union scheint sich jedoch das Bild eines etwas gealterten und erdrückten Europas zuzugesellen, das dazu neigt, sich in einem Kontext, der es oft nüchtern, misstrauisch und manchmal sogar argwöhnisch betrachtet, weniger als Protagonist zu fühlen.

Indem ich mich heute an Sie wende, möchte ich aufgrund meiner Berufung zum Hirten an alle europäischen Bürger eine Botschaft der Hoffnung und der Ermutigung richten.

Eine Botschaft der Hoffnung, die auf der Zuversicht beruht, dass die Schwierigkeiten zu machtvollen Förderern der Einheit werden können, um alle Ängste zu überwinden, die Europa – gemeinsam mit der ganzen Welt – durchlebt. Eine Hoffnung auf den Herrn, der das Böse in Gutes und den Tod in Leben verwandelt.

Eine Ermutigung, zur festen Überzeugung der Gründungsväter der europäischen Union zurückzukehren, die sich eine Zukunft wünschten, die auf der Fähigkeit basiert, gemeinsam zu arbeiten, um die Teilungen zu überwinden und den Frieden und die Gemeinschaft unter allen Völkern des Kontinentes zu fördern. Im Mittelpunkt dieses ehrgeizigen politischen Planes stand das Vertrauen auf den Menschen, und zwar weniger als Bürger und auch nicht als wirtschaftliches Subjekt, sondern auf den Menschen als eine mit transzendenter Würde begabte Person.

Es liegt mir vor allem daran, die enge Verbindung hervorzuheben, die zwischen diesen beiden Worten besteht: „Würde“ und „transzendent“.

Die „Würde“ ist ein Schlüsselwort, das den Aufschwung der zweiten Nachkriegszeit charakterisiert hat. Unsere jüngere Geschichte zeichnet sich dadurch aus, dass die Förderung der Menschenwürde zweifellos ein zentrales Anliegen war gegen die vielfältige Gewalt und die Diskriminierungen, an denen es im Laufe der Jahrhunderte auch in Europa nicht gefehlt hat. Das Wahrnehmungsvermögen für die Bedeutung der Menschenrechte entsteht gerade als Ergebnis eines langen, auch aus mannigfachen Leiden und Opfern bestehenden Weges, der dazu beigetragen hat, das Bewusstsein für die Kostbarkeit, Einzigkeit und Unwiederholbarkeit jedes einzelnen Menschen heranzubilden. Dieses kulturelle Bewusstsein hat seine Grundlage nicht nur in den Ereignissen der Geschichte, sondern vor allem im europäischen Denken, das gekennzeichnet ist durch ein reichhaltiges Zusammenfließen, dessen vielfältige, weit zurückliegende Quellgründe »aus Griechenland und aus Rom, aus keltischem, germanischem und slawischem Boden und aus dem Christentum [stammen], das sie tief geprägt hat«  [2] und so zu der Idee der „Person“ führte.

© APA/EPA/Maurizio Brambatti

© APA/EPA/Maurizio Brambatti

Heute spielt die Förderung der Menschenrechte eine zentrale Rolle im Engagement der Europäischen Union, mit dem Ziel, die Würde der Person zu stützen, sowohl innerhalb Europas als auch in der Beziehung zu den anderen Ländern. Es handelt sich um ein wichtiges und bewundernswertes Engagement, denn es bestehen immer noch zu viele Situationen, in denen Menschen wie Objekte behandelt werden, deren Empfängnis, Gestaltung und Brauchbarkeit man programmieren und sie dann wegwerfen kann, wenn sie nicht mehr nützlich sind, weil sie schwach, krank oder alt geworden sind.

In der Tat, welche Würde besteht, wenn die Möglichkeit fehlt, frei die eigene Meinung zu äußern oder ohne Zwang den eigenen Glauben zu bekennen? Welche Würde ist möglich ohne einen klaren juristischen Rahmen, der die Gewaltherrschaft begrenzt und das Gesetz über die Tyrannei der Macht siegen lässt? Welche Würde kann jemals ein Mensch haben, der zum Gegenstand von Diskriminierung aller Art gemacht wird? Welche Würde soll jemals einer finden, der keine Nahrung bzw. das Allernotwendigste zum Leben hat und – schlimmer noch – dem die Arbeit fehlt, die ihm Würde verleiht?

Die Würde des Menschen zu fördern, bedeutet anzuerkennen, dass er unveräußerliche Rechte besitzt, deren er nicht nach Belieben und noch weniger zugunsten wirtschaftlicher Interessen von irgendjemandem beraubt werden kann.

Man muss aber Acht geben, nicht Missverständnissen zu verfallen, die aus einem falschen Verständnis des Begriffes Menschenrechte und deren widersinnigem Gebrauch hervorgehen. Es gibt nämlich heute die Tendenz zu einer immer weiter reichenden Beanspruchung der individuellen – ich bin versucht zu sagen: individualistischen – Rechte, hinter der sich ein aus jedem sozialen und anthropologischen Zusammenhang herausgelöstes Bild des Menschen verbirgt, der gleichsam als „Monade“ (μονάς) zunehmend unsensibel wird für die anderen „Monaden“ in seiner Umgebung. Mit der Vorstellung des Rechtes scheint die ebenso wesentliche und ergänzende der Pflicht nicht mehr verbunden zu sein, so dass man schließlich die Rechte des Einzelnen behauptet, ohne zu berücksichtigen, dass jeder Mensch in einen sozialen Kontext eingebunden ist, in dem seine Rechte und Pflichten mit denen der anderen und zum Gemeinwohl der Gesellschaft selbst verknüpft sind.

Ich meine daher, dass es überaus wichtig ist, heute eine Kultur der Menschenrechte zu vertiefen, die weise die individuelle, oder besser die persönliche Dimension mit der des Gemeinwohls – mit jenem » „Wir alle“, das aus Einzelnen, Familien und kleineren Gruppen gebildet wird, die sich zu einer sozialen Gemeinschaft zusammenschließen«  [3] – zu verbinden versteht. Wenn nämlich das Recht eines jeden nicht harmonisch auf das größere Wohl hin ausgerichtet ist, wird es schließlich als unbegrenzt aufgefasst und damit zur Quelle von Konflikten und Gewalt.

Von der transzendenten Würde des Menschen zu sprechen, bedeutet also, sich auf seine Natur zu berufen, auf seine angeborene Fähigkeit, Gut und Böse zu unterscheiden, auf jenen „Kompass“, der in unsere Herzen eingeschrieben ist und den Gott dem geschaffenen Universum eingeprägt hat.  [4] Vor allem bedeutet es, den Menschen nicht als ein Absolutes zu betrachten, sondern als ein relationales Wesen. Eine der Krankheiten, die ich heute in Europa am meisten verbreitet sehe, ist die besondere Einsamkeit dessen, der keine Bindungen hat. Das wird speziell sichtbar bei den alten Menschen, die oft ihrem Schicksal überlassen sind, wie auch bei den Jugendlichen, die keine Bezugspunkte und keine Zukunfts-Chancen haben; es wird sichtbar bei den vielen Armen, die unsere Städte bevölkern; es wird sichtbar in dem verlorenen Blick der Migranten, die hierhergekommen sind, auf der Suche nach einer besseren Zukunft.

Diese Einsamkeit ist dann durch die Wirtschaftskrise verschärft worden, deren Wirkungen noch andauern mit Konsequenzen, die unter gesellschaftlichem Gesichtspunkt dramatisch sind. Zudem kann man feststellen, dass im Laufe der letzten Jahre mit dem Prozess der Erweiterung der Europäischen Union eine Steigerung des Misstrauens der Bürger gegenüber Institutionen einhergeht, die als fern betrachtet werden, damit beschäftigt, Regeln aufzustellen, die als weitab von der Sensibilität der einzelnen Völker, wenn nicht sogar als schädlich wahrgenommen werden. Von mehreren Seiten aus gewinnt man den Gesamteindruck der Müdigkeit, der Alterung, die Impression eines Europas, das Großmutter und nicht mehr fruchtbar und lebendig ist. Demnach scheinen die großen Ideale, die Europa inspiriert haben, ihre Anziehungskraft verloren zu haben zugunsten von bürokratischen Verwaltungsapparaten seiner Institutionen.

Dazu kommen einige etwas egoistische Lebensstile, die durch einen mittlerweile unhaltbaren Überfluss gekennzeichnet und oft ihrer Umgebung, vor allem den Ärmsten gegenüber gleichgültig sind. Mit Bedauern ist festzustellen, dass im Mittelpunkt der politischen Debatte technische und wirtschaftliche Fragen vorherrschen auf Kosten einer authentischen anthropologischen Orientierung.  [5] Der Mensch ist in Gefahr, zu einem bloßen Räderwerk in einem Mechanismus herabgewürdigt zu werden, der ihn nach dem Maß eines zu gebrauchenden Konsumgutes behandelt, so dass er – wie wir leider oft beobachten – wenn das Leben diesem Mechanismus nicht mehr zweckdienlich ist, ohne viel Bedenken ausgesondert wird, wie im Fall der Kranken, der Kranken im Endstadium, der verlassenen Alten ohne Pflege oder der Kinder, die vor der Geburt getötet werden.

Es ist das große Missverständnis, das geschieht, »wenn sich die Verabsolutierung der Technik durchsetzt«,  [6] die schließlich zu einer »Verwechslung von Zielen und Mitteln«  [7] führt. Das ist ein unvermeidliches Ergebnis der „Wegwerf-Kultur“ und des „hemmungslosen Konsumismus“. Dagegen bedeutet die Menschenwürde zu behaupten, die Kostbarkeit des menschlichen Lebens zu erkennen, das uns unentgeltlich geschenkt ist und deshalb nicht Gegenstand von Tausch oder Verkauf sein kann. Sie sind in Ihrer Berufung als Parlamentarier auch zu einer großen Aufgabe ausersehen, die vielleicht unnütz erscheinen mag: sich der Gebrechlichkeit anzunehmen, der Gebrechlichkeit der Völker und der einzelnen Menschen. Sich der Gebrechlichkeit anzunehmen bedeutet Kraft und Zärtlichkeit, bedeutet Kampf und Fruchtbarkeit inmitten eines funktionellen und privatistischen Modells, das unweigerlich zur „Wegwerf-Kultur“ führt. Sich der Gebrechlichkeit der Menschen und der Völker anzunehmen bedeutet, das Gedächtnis und die Hoffnung zu bewahren; es bedeutet, die Gegenwart in ihrer nebensächlichsten und am meisten beängstigenden Situation auf sich zu nehmen und fähig zu sein, sie mit Würde zu salben.  [8]

Wie kann man also der Zukunft wieder Hoffnung verleihen, so dass – angefangen bei den jungen Generationen – das Vertrauen wiedergewonnen wird, das große Ideal eines vereinten und friedvollen, kreativen und unternehmungsfreudigen Europas zu verfolgen, das die Rechte achtet und sich der eigenen Pflichten bewusst ist?

Um diese Frage zu beantworten, gestatten Sie mir, auf ein Bild zurückzugreifen. Eine der berühmtesten Fresken Raffaels im Vatikan stellt die sogenannte Schule von Athen dar. In ihrem Mittelpunkt stehen Platon und Aristoteles. Der erste deutet mit dem Finger nach oben, zur Welt der Ideen, zum Himmel, könnten wir sagen; der zweite streckt die Hand nach vorne, auf den Betrachter zu, zur Erde, der konkreten Wirklichkeit. Das scheint mir ein Bild zu sein, das Europa und seine Geschichte gut beschreibt, die aus der fortwährenden Begegnung zwischen Himmel und Erde besteht, wobei der Himmel die Öffnung zum Transzendenten, zu Gott beschreibt, die den europäischen Menschen immer gekennzeichnet hat, und die Erde seine praktische und konkrete Fähigkeit darstellt, die Situationen und Probleme anzugehen.

Die Zukunft Europas hängt von der Wiederentdeckung der lebendigen und untrennbaren Verknüpfung dieser beiden Elemente ab. Ein Europa, das nicht mehr fähig ist, sich der transzendenten Dimension des Lebens zu öffnen, ist ein Europa, das in Gefahr gerät, allmählich seine Seele zu verlieren und auch jenen „humanistischen Geist“, den es doch liebt und verteidigt.

Gerade ausgehend von der Notwendigkeit einer Öffnung zum Transzendenten möchte ich die Zentralität des Menschen bekräftigen, der andernfalls zum Spielball der Moden und der jeweiligen Mächte wird. In diesem Sinne halte ich nicht nur das Erbe, welches das Christentum in der Vergangenheit der soziokulturellen Gestaltung des Kontinentes überlassen hat, für grundlegend, sondern vor allem den Beitrag, den es heute und in der Zukunft zu dessen Wachstum zu leisten gedenkt. Dieser Beitrag stellt nicht eine Gefahr für die Laizität der Staaten und für die Unabhängigkeit der Einrichtungen der Union dar, sondern eine Bereicherung. Das zeigen uns die Ideale, die Europa von Anfang an geformt haben, wie der Friede, die Subsidiarität und die wechselseitige Solidarität – ein Humanismus, in dessen Zentrum die Achtung der Würde der Person steht.

Darum möchte ich erneut die Bereitschaft des Heiligen Stuhls und der katholischen Kirche betonen, durch die Kommission der Europäischen Bischofskonferenzen (COMECE) einen gewinnbringenden, offenen und transparenten Dialog mit den Institutionen der Europäischen Union zu pflegen. Ebenso bin ich überzeugt, dass ein Europa, das fähig ist, sich die eigenen religiösen Wurzeln zunutze zu machen, indem es ihren Reichtum und ihre inneren Möglichkeiten zu ergreifen versteht, auch leichter immun sein kann gegen die vielen Extremismen, die sich in der heutigen Welt verbreiten – auch aufgrund des großen ideellen Vakuums, das wir im sogenannten Westen erleben, denn »es ist gerade die Gottvergessenheit und nicht seine Verherrlichung, die Gewalt erzeugt«[9]

Wir können hier die zahlreichen Ungerechtigkeiten und Verfolgungen nicht unerwähnt lassen, die täglich die religiösen und besonders die christlichen Minderheiten in verschiedenen Teilen der Welt treffen. Gemeinschaften und Einzelne, die sich barbarischer Gewalt ausgesetzt sehen: aus ihren Häusern und ihrer Heimat vertrieben; als Sklaven verkauft; getötet, enthauptet, gekreuzigt und lebendig verbrannt – unter dem beschämenden und begünstigenden Schweigen vieler.

Das Motto der Europäischen Union ist Einheit in der Verschiedenheit, doch Einheit bedeutet nicht politische, wirtschaftliche, kulturelle oder gedankliche Uniformität. In Wirklichkeit lebt jede authentische Einheit vom Reichtum der Verschiedenheiten, die sie bilden: wie eine Familie, die umso einiger ist, je mehr jedes ihrer Mitglieder ohne Furcht bis zum Grund es selbst sein kann. In diesem Sinn meine ich, dass Europa eine Familie von Völkern ist, welche die Institutionen der Union als nah empfinden können, falls diese es verstehen, das ersehnte Ideal der Einheit weise mit der je verschiedenen Eigenart eines jeden zu verbinden, indem sie die einzelnen Traditionen zur Geltung bringen, sich der Geschichte und der Wurzeln dieses Kontinents bewusst werden und sich von vielen Manipulationen und Ängsten befreien. Den Menschen ins Zentrum zu setzen bedeutet vor allem zuzulassen, dass er frei sein eigenes Gesicht und seine eigene Kreativität ausdrückt, sowohl auf der Ebene des Einzelnen als auch auf der des Volkes.

Andererseits bilden die Eigenarten eines jeden in dem Maß, wie sie in den Dienst aller gestellt werden, einen echten Reichtum. Man muss sich immer an die besondere Struktur der Europäischen Union erinnern, die auf den Prinzipien der Solidarität und der Subsidiarität gründet, so dass die gegenseitige Hilfe vorherrscht und man, beseelt von gegenseitigem Vertrauen, vorangehen kann.

In dieser Dynamik von Einheit und Eigenart ist Ihnen, meine Damen und Herren Europaabgeordnete, auch die Verantwortung übertragen, die Demokratie lebendig zu erhalten, die Demokratie der Völker Europas. Es ist kein Geheimnis, dass eine vereinheitlichende Auffassung der Globalität der Vitalität des demokratischen Systems schadet, indem es dem reichen fruchtbaren und konstruktiven Gegensatz der Organisationen und der politischen Parteien untereinander seine Kraft nimmt. So läuft man Gefahr, im Reich der Idee, des bloßem Wortes, des Bildes, des Sophismus zu leben… und schließlich die Wirklichkeit der Demokratie mit einem neuen politischen Nominalismus zu verwechseln. Die Demokratie in Europa lebendig zu erhalten erfordert, viele „Globalisierungsarten“ zu vermeiden, die die Wirklichkeit verwässern: die engelhaften Purismen, die Totalitarismen des Relativen, die geschichtswidrigen Fundamentalismen, die Ethizismen ohne Güte, die Intellektualismen ohne Weisheit.  [10]

Die Wirklichkeit der Demokratien lebendig zu erhalten ist eine Herausforderung dieses geschichtlichen Momentes: zu vermeiden, dass ihre reale Kraft – die politische Ausdruckskraft der Völker – verdrängt wird angesichts des Drucks multinationaler nicht universaler Interessen, die sie schwächen und in vereinheitlichende Systeme finanzieller Macht im Dienst von unbekannten Imperien verwandeln. Das ist eine Herausforderung, die Ihnen die Geschichte heute stellt.

Europa Hoffnung geben bedeutet nicht nur die Zentralität des Menschen anzuerkennen, sondern schließt auch ein, seine Begabungen zu fördern. Es geht deshalb darum, in ihn und in die Bereiche zu investieren, in denen seine Talente sich entwickeln und Frucht bringen. Der erste Bereich ist gewiss der der Erziehung, angefangen von der Familie, welche die grundlegende Zelle und ein kostbarer Bestandteil jeder Gesellschaft ist. Die geeinte, fruchtbare und unauflösliche Familie bringt die fundamentalen Elemente mit sich, um Zukunftshoffnung zu geben. Ohne diese Festigkeit baut man letztlich auf Sand, mit schweren gesellschaftlichen Folgen. Andererseits dient die Betonung der Bedeutung der Familie nicht nur dazu, den neuen Generationen Aussichten und Hoffnung zu vermitteln, sondern auch den zahlreichen alten Menschen, die oft gezwungen sind, in Situationen der Einsamkeit und der Verlassenheit zu leben, weil es nicht mehr die Wärme einer häuslichen Gemeinschaft gibt, die imstande ist, sie zu begleiten und zu unterstützen.

Neben der Familie gibt es das Erziehungswesen: Schulen und Universitäten. Die Erziehung darf sich nicht darauf beschränken, eine Ansammlung von technischen Kenntnissen zu vermitteln, sondern muss den äußerst komplexen Wachstumsprozess des Menschen in seiner Ganzheit fördern. Die Jugendlichen von heute verlangen, eine angemessene und vollständige Ausbildung erhalten zu können, um mit Hoffnung in die Zukunft zu schauen und nicht mit Enttäuschung. Zahlreich sind zudem die kreativen Möglichkeiten Europas auf verschiedenen Gebieten der wissenschaftlichen Forschung, von denen einige noch nicht ganz erkundet sind. Man denke beispielsweise nur an die alternativen Energiequellen, deren Entwicklung dem Umweltschutz von großem Nutzen wäre.

Europa hat in einem lobenswerten Einsatz zugunsten der Ökologie immer in der vordersten Reihe gestanden. Diese unsere Erde braucht tatsächlich eine ständige Pflege und Aufmerksamkeit, und jeder trägt eine persönliche Verantwortung in der Bewahrung der Schöpfung, dieses kostbaren Geschenkes, das Gott in die Hände der Menschen gelegt hat. Das bedeutet einerseits, dass die Natur uns zur Verfügung steht, wir uns an ihr freuen und sie in rechter Weise gebrauchen können. Andererseits bedeutet es jedoch, dass wir nicht ihre Herren sind. Hüter, aber nicht Herren. Wir müssen sie deshalb lieben und achten, stattdessen sind wir »oft vom Hochmut des Herrschens, des Besitzens, des Manipulierens, des Ausbeutens geleitet; wir „hüten“ sie nicht, wir achten sie nicht, wir betrachten sie nicht als unentgeltliches Geschenk, für das wir Sorge tragen müssen.«  [11] Die Umwelt achten bedeutet aber nicht nur, sich darauf zu beschränken, sie nicht zu verderben, sondern auch, sie für das Gute zu nutzen. Ich denke vor allem an den landwirtschaftlichen Sektor, der berufen ist, dem Menschen Unterstützung und Nahrung zu liefern. Es ist nicht tolerierbar, dass Millionen von Menschen in der Welt den Hungertod sterben, während jeden Tag Tonnen von Lebensmitteln von unseren Tischen weggeworfen werden. Außerdem erinnert uns die Achtung gegenüber der Natur daran, dass der Mensch selbst ein grundlegender Teil von ihr ist. Neben der Ökologie der Umwelt bedarf es daher jener Ökologie des Menschen, die in der Achtung der Person besteht, die ich heute in meinen Worten an Sie ins Gedächtnis rufen wollte.

Der zweite Bereich, in dem die Talente des Menschen zur Blüte kommen, ist die Arbeit. Es ist Zeit, die Beschäftigungspolitik zu fördern, vor allem aber ist es notwendig, der Arbeit wieder Würde zu verleihen, indem man auch angemessene Bedingungen für ihre Ausübung gewährleistet. Das schließt einerseits ein, neue Methoden zu finden, um die Flexibilität des Marktes mit der Notwendigkeit von Stabilität und Sicherheit der Arbeitsperspektiven zu verbinden, die für die menschliche Entwicklung der Arbeiter unerlässlich sind. Andererseits bedeutet es, einen angemessenen sozialen Kontext zu begünstigen, der nicht auf die Ausbeutung der Menschen ausgerichtet ist, sondern darauf, durch die Arbeit die Möglichkeit zu garantieren, eine Familie aufzubauen und die Kinder zu erziehen.

Gleichermaßen ist es notwendig, gemeinsam das Migrationsproblem anzugehen. Man kann nicht hinnehmen, dass das Mittelmeer zu einem großen Friedhof wird! Auf den Kähnen, die täglich an den europäischen Küsten landen, sind Männer und Frauen, die Aufnahme und Hilfe brauchen. Das Fehlen gegenseitiger Unterstützung innerhalb der Europäischen Union läuft Gefahr, partikularistische Lösungen des Problems anzuregen, welche die Menschenwürde der Einwanderer nicht berücksichtigen und Sklavenarbeit sowie ständige soziale Spannungen begünstigen. Europa wird imstande sein, die mit der Einwanderung verbundenen Problemkreise zu bewältigen, wenn es versteht, in aller Klarheit die eigene kulturelle Identität vorzulegen und geeignete Gesetze in die Tat umzusetzen, die fähig sind, die Rechte der europäischen Bürger zu schützen und zugleich die Aufnahme der Migranten zu garantieren; wenn es korrekte, mutige und konkrete politische Maßnahmen zu ergreifen versteht, die den Herkunftsländern der Migranten bei der sozio-politischen Entwicklung und bei der Überwindung der internen Konflikte – dem Hauptgrund dieses Phänomens – helfen, anstatt Politik der Eigeninteressen zu betreiben, die diese Konflikte steigert und nährt. Es ist notwendig, auf die Ursachen einzuwirken und nicht nur auf die Folgen.

Herr Präsident,
Exzellenzen,
meine Damen und Herren Abgeordnete,

das Bewusstsein der eigenen Identität ist auch notwendig, um konstruktiv mit den Staaten zu verhandeln, die gebeten haben, in Zukunft der Union beizutreten. Ich denke vor allem an jene aus dem balkanischen Raum, für die der Eintritt in die Europäische Union dem Friedensideal entsprechen kann, in einer Region, die unter den Konflikten der Vergangenheit so sehr gelitten hat. Und schließlich ist das Bewusstsein der eigenen Identität unerlässlich in den Beziehungen zu den anderen Nachbarländern, besonders zu denen, die ans Mittelmeer grenzen, von denen viele aufgrund innerer Konflikte und unter dem Druck des religiösen Fundamentalismus und des internationalen Terrorismus leiden.

Ihnen, verehrte Mitglieder des Parlaments, kommt als gesetzgebende Instanz die Aufgabe zu, die europäische Identität zu bewahren und wachsen zu lassen, damit die Bürger wieder Vertrauen in die Institutionen der Union und in den Plan des Friedens und der Freundschaft gewinnen, der das Fundament der Union ist. »Je mehr […] die Macht der Menschen wächst, desto mehr weitet sich ihre Verantwortung, sowohl die der Einzelnen wie die der Gemeinschaften.«  [12] In diesem Wissen appelliere ich daher an Sie, daran zu arbeiten, dass Europa seine gute Seele wiederentdeckt.

Ein anonymer Autor des 2. Jahrhunderts schrieb, dass »die Christen in der Welt das sind, was die Seele im Leib ist«[13] Die Aufgabe der Seele ist es, den Leib aufrecht zu erhalten, sein Gewissen und sein geschichtliches Gedächtnis zu sein. Und eine zweitausendjährige Geschichte verbindet Europa mit dem Christentum. Eine Geschichte, die nicht frei von Konflikten und Fehlern – auch von Sünden –, immer aber beseelt war von dem Wunsch, am Guten zu bauen. Das sehen wir an der Schönheit unserer Städte und mehr noch an der Schönheit der vielfältigen Werke der Liebe und des gemeinschaftlichen menschlichen Aufbaus, die den Kontinent überziehen. Diese Geschichte ist zum großen Teil erst noch zu schreiben. Sie ist unsere Gegenwart und auch unsere Zukunft. Sie ist unsere Identität. Und Europa hat es dringend nötig, sein Gesicht wiederzuentdecken, um – nach dem Geist seiner Gründungsväter – im Frieden und in der Eintracht zu wachsen, denn es selbst ist noch nicht frei von Konflikten.

Liebe Europaabgeordnete, die Stunde ist gekommen, gemeinsam das Europa aufzubauen, das sich nicht um die Wirtschaft dreht, sondern um die Heiligkeit der menschlichen Person, der unveräußerlichen Werte; das Europa, das mutig seine Vergangenheit umfasst und vertrauensvoll in die Zukunft blickt, um in Fülle und voll Hoffnung seine Gegenwart zu leben. Es ist der Moment gekommen, den Gedanken eines verängstigten und in sich selbst verkrümmten Europas fallen zu lassen, um ein Europa zu erwecken und zu fördern, das ein Protagonist ist und Träger von Wissenschaft, Kunst, Musik, menschlichen Werten und auch Träger des Glaubens ist. Das Europa, das den Himmel betrachtet und Ideale verfolgt; das Europa, das auf den Menschen schaut, ihn verteidigt und schützt; das Europa, das auf sicherem, festem Boden voranschreitet, ein kostbarer Bezugspunkt für die gesamte Menschheit!

Danke.

Papst Franziskus


 

Textquelle: „Ansprache von Papst Franziskus an das Europarlament“, von Papst Franziskus, Voltaire Netzwerk, 25. November 2014, www.voltairenet.org

Bild- und Grafikquellen:

  1.  „Rede von Papst Franziscus vor dem Europaparlament 25.11.2014“ – APA/EPA/Maurizio Brambatti
  2. Beitragsbild: „Rede von Papst Franziscus vor dem Europaparlament 25.11.2014“ – http://blog.zdf.de/papstgefluester/2014/11/25/papst-macht-grossmutter-europa-mut/#more-3854

Fußnoten:

  1. Johannes Paul II., Ansprache an das Europaparlament, 11. Oktober 1988, 5.
  2. Johannes Paul II., Ansprache an die Parlamentarische Versammlung des Europarates, Straßburg, 8. Oktober 1988, 3.
  3. Benedikt XVI., Enzyklika Caritas in veritate, 7; vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Past. Konst. Gaudium et spes, 26.
  4. Vgl. Kompendium der Soziallehre der Kirche, 37.
  5. Vgl. Evangelii gaudium, 55.
  6. Benedikt XVI., Caritas in veritate, 71.
  7. Ebd.
  8. Vgl. Evangelii gaudium, 209.
  9. Benedikt XVI., Ansprache an die Mitglieder des Diplomatischen Korps, 7. Januar 2013.
  10. Vgl. Evangelii gaudium, 231.
  11. Papst Franziskus, Generalaudienz, 5. Juni 2013.
  12. Zweites Vatikanisches Konzil, Past. Konst. Gaudium et spes, 34.
  13. Vgl. Brief an Diognet, 6.
Psychologie der Macht

Macht macht untertan – Die Unvereinbarkeit von staatlicher Macht und Demokratie

von Herbert Ludwig

Die Macht über Menschen ist allen bisherigen Herrschaftsformen des Staates immanent. Die umfassendste Ausprägung uneingeschränkter Herrschaft Einzelner über alle anderen finden wir geschichtlich in den vorderasiatischen Theokratien und im späteren Gottesgnadentum der Monarchien (s. Der Staat als Instrument). In ihnen erlebte sich der einzelne Mensch noch als ein unselbständiges Glied der Gemeinschaft des Stammes oder Volkes, die vom Herrscher repräsentiert wurde. Das von diesem gelenkte soziale Ganze war Selbstzweck und Rechtfertigung in sich. Es umhüllte und versorgte kulturell, wirtschaftlich und durch die Sicherheit der staatlichen Ordnung den Einzelnen, der dem gleichsam übermenschlichen Herrscher dafür Dankbarkeit und selbstverständlichen Gehorsam entgegenbrachte. Dieser hierarchische Staat „setzte ein kindhaftes unmündiges Volk von Untertanen voraus. Die Überlegenheit staatlicher Autorität über den Einzelnen entsprach durchaus dem väterlichen Willen auf Gehorsam von Seiten des Kindes.“ [1]

Die Emanzipation der Persönlichkeit

FreiheitAus dieser Unmündigkeit hat sich die Menschheit allmählich herausentwickelt. Mit der in Griechenland entstehenden Fähigkeit des begrifflichen Denkens erwachte in den Menschen ein wachsendes Selbstbewusstsein, das sich darauf stützte, die Wahrheit im eigenen Denken selbst erkennen und danach handeln zu können, ohne auf die Autorität von Herrschern und Priestern angewiesen zu sein (s. Die Aufgabe Europas). Darin wurden alle Menschen gleich: aus eigener Erkenntnis ihr Handeln selbst bestimmen und darin ihre Persönlichkeit frei entfalten zu können. Das macht letztlich die Würde des Menschen aus.  [2] Jeder Anspruch eines der Gleichen, den anderen ihr Denken und Handeln inhaltlich vorzuschreiben, ist die hohle Anmaßung, ihnen nicht gleich zu sein, sondern höher zu stehen. Es ist der Rückgriff in überwundene Zeiten, das egoistische Festkrampfen an hierarchischen Machtstrukturen, das sich feindlich der Entwicklung des Menschen entgegenstellt. Es ist die fundamentale Verletzung der Gleichheit und Freiheit, der Würde des anderen Menschen.

Es war ein langer Weg, die Usurpatoren der Macht vom angemaßten Thron zu stoßen, der in der Französischen Revolution eine Kulmination erreichte. Aber Freiheit wurde nur als Freiheit vom Joch der Königs- und Adelsherrschaft verstanden, und an deren Stelle trat die „Herrschaft des Volkes“ bzw. die Herrschaft einer gewählten Mehrheit von Volksvertretern. Damit ist die Befreiung des Menschen auf halbem Wege stecken geblieben, bis heute. Denn es geht doch darum, „die Alleinherrschaft eines Einzelnen in eine Herrschaft aller Einzelnen umzuwandeln, d. h., das Selbstbestimmungsrecht des einzelnen Bürgers sollte den absoluten Herrschaftsanspruch überhaupt ablösen.“ Es kommt nicht darauf an, „den Machtstaat in den Händen eines Einzelnen und einer gesellschaftlichen Oberschicht durch den Machtstaat in den Händen einer ´demokratischen´ Mehrheit abzulösen, sondern die Macht von Menschen über Menschen überhaupt zu beseitigen.“ [3]

Unterdrückung der Persönlichkeit

Die in alter Zeit dem Einzelnen übergeordnete Gemeinschaft, die ihn unter der Führung des Herrschers umfassend wirtschaftlich versorgte, geistig leitete und staatlich schützte, hat mit der Emanzipation der Persönlichkeit ihre omnipotente Berechtigung verloren. Sie wird aber heute auch in der „Demokratie“ weitgehend in bürokratisch perfektionierter Form fortgeführt. Die organisierte Gemeinschaft kann als Staat jedoch heute nur die Aufgabe haben, die auf der Gleichheit ruhende Freiheit und Selbstbestimmung der Menschen zu ermöglichen und zu schützen. Es ist nicht mehr ihre Angelegenheit, die wirtschaftliche Versorgung und die geistig-kulturelle Entwicklung der Menschen irgendwie inhaltlich zu lenken oder zu bestimmen, da unter der Führung der jetzt „demokratisch“ Herrschenden dadurch „von oben“ die Freiheit und Selbstbestimmung der Menschen ausgeschaltet wird. Ein „Oben“ kann es in der Gleichheit überhaupt nicht mehr geben. Es bringt immer ein „Unten“ mit sich, das ihm untergeben, untertan ist, in dem die Gleichheit aufgehoben ist.

UnterdrückungWilhelm von Humboldt wies bereits 1792 in einer wenig beachteten genialen Jugendschrift darauf hin, dass dem Staat nicht mehr „die Sorgfalt für das positive Wohl der Bürger“, d. h. für die bestmögliche Entwicklung ihres physischen und moralisch-geistigen Lebens zustehe, sondern nur noch die Sorgfalt für das „negative Wohl“ der Bürger, für ihre Sicherheit; also die Sorge  vor der Gefährdung ihres Wohlergehens, die ihnen durch äußere Feinde und Naturkatastrophen, im Inneren durch Störungen des Rechtsfriedens drohen. Es sei „das Prinzip, dass die Regierung für das Glück und das Wohl, das physische und das mo­ralische (geistige), der Nation sorgen muss, der ärgste und drückendste Despotis­mus.“  [4]  Für das physische Wohl wird im Wirtschaftsleben, für das geistig-moralische Wohl im Geistesleben gesorgt, das im Bildungsleben veranlagt wird. Beide Bereiche der Gesellschaft liegen daher außerhalb der Zuständigkeit des Staates. In ihnen hat allein die sich in Freiheit und Selbstbestimmung entfaltende Persönlichkeit des Menschen zu wirken. Gesetze des Staates, die das Handeln der Menschen inhaltlich diktieren, und wären es die bestmöglichen, bedeuten hier nichts anderes als eben Diktatur.

Ein Staat, in welchem die Bürger … genötigt oder bewogen würden, auch den besten Ge­setzen zu folgen, könnte ein ruhiger, friedliebender, wohlhabender Staat sein; allein er würde mir immer ein Haufen ernährter Sklaven, nicht eine Vereinigung freier, nur, wo sie die Grenze des Rechts übertreten, gebundener Menschen scheinen.  [5]

Die Wurzeln der heute unrechtmäßigen Macht des Staates liegen darin, dass historisch überlebte gesellschaftliche Strukturen des früheren theokratischen totalen Versorgungsstaates unzeitgemäß aufrechterhalten werden. Die staatliche Macht ist usurpiert, sie ist die widerrechtliche Aneignung eines Gewaltinstrumentes durch wenige, um über die Anderen zu herrschen. Widerrechtlich ist sie deshalb, weil sie gegen das Naturrecht des Menschen verstößt, das jedem staatlichen Recht vorgeht.

Das Naturrecht

Freiheit und Gleichheit sind nicht staatlich zugeteilte Rechte, sondern Zustände, Verfasstheiten der Menschen, die aus der historischen Entwicklung hervorgegangen und errungen worden sind. Sie gehören der seelisch-geistigen Natur des Menschen an, sind sozusagen mit ihm geboren. Sie sind seine natürlichen Rechte, die jeder menschlichen Einrichtung, wie dem Staat, vorausgehen, die dieser vorfindet, voraussetzen und als ein Faktum damit rechnen muss. Der Staat hat sie lediglich rechtlich zu formulieren und als etwas aufzunehmen, das unabhängig von ihm bereits vorhanden, von ihm nicht veränderbar ist und als  von vorneherein, unmittelbar geltende Naturrechte des Menschen seinem eigenen Recht zugrunde liegt. Dies wird im deutschen Grundgesetz auch so gesehen. Am Anfang steht treffend das oberste Grundrecht, das alle weiteren Grundrechte in sich schließt, die aus ihm hervorquellen:

 Art. 1: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.  

Das deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.

Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.

Also die Würde des Menschen sowie die sie ausmachenden und aus ihr hervorgehenden  Gleichheits- und Freiheitsrechte sind für den Staat tabu, unantastbar und unabänderlich, da sie ihm vorausgehen und gerade seine Grundlage bilden, aus der er erst Berechtigung, Sinn und Gestalt bezieht. Sie binden seine Gesetze und Handlungen als bereits vor ihm bestehende, unmittelbar geltende Natur-Rechte des Menschen.

Daraus werden aber nicht die vollen Konsequenzen gezogen. Die Handlungsfreiheit und Selbstbestimmung des Menschen wird auch von den Juristen nicht in ihrer ideellen Reinheit, unabhängig vom Gewordenen, gefasst, und dieses dann daran gemessen. Die traditionellen Strukturen der Staatsmacht werden gar nicht vor den Richterstuhl des Selbstbestimmungsrechts gestellt, sondern einfach als Tatsachen ungeprüft übernommen. Ja, der Freiheitsbegriff wird umgekehrt ihrer Existenz angepasst, das heißt aber in seinem Wesen ein­geschränkt und verkrüppelt.

So fordert der frühere Bundesverfassungsrichter Udo di Fabio aus dem obersten Grundrecht der Würde des Menschen treffend „dass kein Mensch zum bloßen Objekt auch der demokratischen Staatsgewalt degradiert, verächtlich gemacht werden darf.“  [6]   Und etwas später schreibt er:

Das Grundgesetz ist von der Überzeugung durchdrungen, dass Menschen mit möglichst wenig staatlicher Lenkung und Gängelung am besten eine glückliche Gesellschaft hervor­bringen. Wer sich dies in Erinnerung ruft, mag zweifeln, ob trotz der starken Stellung der Grundrechte und des Bundesverfassungsgerichts, trotz des prägnanten Leitbildes der Freiheit nicht doch inzwischen unsere Rechtsordnung in einem erschreckendem Ausmaß überreglementiert ist, ob nicht das Gesetz, das ursprünglich der Verbündete des freien Bürgers war, in seiner großen Zahl und seiner dirigierenden, manchmal unsystemati­schen Vielschichtigkeit inzwischen doch eine Bedrohung für die Freiheit geworden ist. [7]

In diesen Worten zeigt sich der entscheidende Punkt. Er sieht die staatliche Gängelung als ein quantitatives Problem (möglichst wenig). Erst in der großen Zahl und Vielschichtigkeit der dirigierenden Gesetze sieht er eine Bedrohung für die Freiheit, was auch noch eine Verharmlosung ist, denn dirigierende Gesetze bedrohen die Freiheit nicht nur, sondern schließen sie aus. Verfassungsrechtlich kommt es gerade darauf an, zu verhindern, dass der Staat Gesetze – gleichgültig, ob wenige oder viele – erlassen kann, die gegen die Handlungsfreiheit des Menschen in seinen Lebensgebieten gerichtet sind. Denn damit wird er ja gerade zum bloßen Objekt der Staatsgewalt degradiert. Das Gesetz ist dann der Verbündete des freien Bürgers, wenn es sich auf Förderung und Schutz seiner Freiheit und der anderen Grundrechte beschränkt.

Begriff des Rechts

Das führt zu dem zentralen Problem, dass nicht streng zwischen Gesetzen, die den Schutz der physischen und seelisch-geistigen Integrität des einzelnen Menschen betreffen, und solchen unterschieden wird, die aktiv das physische und geistig-sittliche Wohl der Menschen von außen fördern und entwickeln wollen. Nur die ersteren bilden das eigentliche Recht, das Aufgabe des Staates ist. Für sein leibliches und moralisch-geistiges Wohl zu sorgen, ist Sache jedes Menschen selbst. Darin besteht gerade die selbstbestimmte, freie Entwicklung und Entfaltung seiner Persönlichkeit.

Menschenwuerde_Die_Wuerde_des_Menschen_ist_unanstastbar_Grundgesetz_Unantastbarkeit_Menschlichkeit_Unmenschlichkeit_Respekt_Toleranz_Empathie_Solidaritaet_Rudolf_Kuhr_Humanismus_Kritisches-_NetzwerkDem Handeln liegt immer eine im weitesten Sinne gute oder schlechte moralische Vorstellung zugrunde, wie etwas Bestehendes  verändert oder etwas Neues gestaltet werden soll. Diese Vorstellung gründet im menschlichen Geiste, in dem er absolut frei ist und frei sein muss. Wenn sein Handeln aber verletzend oder zerstörend in die physische oder seelisch-geistige Integrität eines anderen eingreift, also in Gesundheit, Leben, Eigentum, Freiheit des Willens usw., muss die staatliche Gemeinschaft einschreiten und diese Handlungen unter Strafe stellen bzw. im Zivilrecht durch geltende positive Regeln gerechten Verhaltens rechtlich ungültig machen. Gerecht sind die Beziehungen, wenn in Verträgen Rechte und Pflichten wie auf einem Waagebalken gleichgewichtig sind und einer den anderen nicht übervorteilt. „Gegenseitigkeit ist die Formel der Gerechtigkeit“, brachte bereits Aristoteles die Sache auf den Punkt.

Auf die Frage, was Recht eigentlich sei, sagte einmal in einem Gespräch ein Rechtsgelehrter knapp: ´Das Recht gehört zur Moral. Es verhindert oder sanktioniert den Teil des moralischen Handelns, der in gravierendem Maße sozial zerstörend wirkt. In der Moral sind wir frei, aber das Recht nimmt diesen Teil aus der Freiheit heraus und macht ihn für alle gleichermaßen verbindlich.`

Indem aber auch Teile des übrigen moralischen Handelns per Gesetz für verbindlich erklärt werden, wird dieses nicht zum Recht, sondern im Kostüm des Rechts zum staatlichen Unrecht, das die selbstbestimmte, freie Entfaltung der Persönlichkeit ausschließt. Dies ist z. B in allen Versorgungseinrichtungen des Staates wie den gesetzlichen Sozialversicherungen und Sozialleistungen der Fall. Sie schaffen Zwangsverhältnisse  und treten an die Stelle selbstverantwortlichen Handelns des Menschen. Sie haben zudem ein Ausmaß erreicht, das nur auf das Versagen des Rechtsstaates zurückzuführen ist, der es versäumt, durch das Recht wirtschaftliche Übermacht und Ausbeutung zu verhindern.

Heute besonders erlebbar übt der Staat eine gewaltige Macht durch das Geldsystem über die Menschen aus. Das Geld ist zwar ein verbindliches Rechtsdokument, seine Verwaltung und Regulierung gehört aber in nicht in die Hände des Staates bzw. anonymer Finanzkreise, sondern in die Hand von im Wirtschaftsleben tätigen Menschen, dort, wo der Austausch von Waren und Dienstleistungen durch das Geld vermittelt wird, das im rechten Verhältnis zu ihnen stehen muss (s. Staatsanleihen). Im Geistesleben wird besonders eklatant durch das staatliche  Bildungssystem  in die Freiheit der Lehrer und Eltern eingegriffen und der Quell des Kultur- und Geisteslebens den Zielen des Staates und der sie beherrschenden Kräfte unterworfen (s. Das staatl. Schulsystem).

Innerstaatliche Macht

Hier liegt der entscheidende Punkt, der das, was heute Demokratie genannt wird, noch immer mit obrigkeitsstaatlichen Herrschaftsstrukturen durchsetzt und den freien Bürger, den Souverän der Demokratie zum unmündigen Untertan macht. Die fraglose Ermächtigung des Parlamentes, auch solche Gesetze zu beschließen, die in die inhaltliche Gestaltung der Handlungsbereiche des wirtschaftlichen und des kulturell-geistigen Lebens eingreifen und den Willen des freien Menschen dem Willen der Herrschenden unterwerfen, macht auch die Demokratie zum Machtstaat.

Die moderne parlamentarische Demokratie hat in ihrer Rechtskonzeption den Wesens- und Bewusstseinswandel des Menschen zur freien, sich selbst bestimmenden Individualität nicht mitvollzogen. Infolgedessen zieht ihr gebliebener Machtapparat gerade solche Menschentypen an, die von dieser Entwicklung am meisten verschont geblieben sind. Weit davon entfernt, die Triebe und Begierden ihrer niederen Natur zu überwinden und sich zum Erleben der inneren Freiheit zu erheben, können sie auch im Anderen keine Freiheit, sondern nur egoistisches Streben erblicken, das es mit Macht zu unterdrücken gilt. Eine gierige politisch-finanzkapitalistische Kaste kann sich  mit Hilfe der staatlichen Macht die Wirtschaft und das Geistesleben nach den eigenen niederen Interessen formen.

Diese Staatsmacht ist, insofern sie über das skizzierte reine Recht hinausgeht, vor dem Naturrecht des freien Menschen und damit auch vor den wohlverstandenen Grundrechten des Grundgesetzes widerrechtlich. Sie hat keine innere Berechtigung, sie ist hohl, eine Anmaßung, sie verletzt und schändet die Würde des Menschen. Wer sie ausübt, ist geschichtlich zurückgeblieben, hat die tatsächliche Höhe der abendländischen Geistesentwicklung der Menschheit nicht erreicht und stellt sich feindlich gegen sie. Die Staatsmacht trägt insofern sozialpathologische Züge. Die soziale Ordnung freier Menschen gestattet dem einzelnen nur einen „Herrschaftsanspruch“: die Herrschaft über sich selbst. Der Machtmensch vermeidet dies. Statt sich selbst zu beherrschen und zum freien Menschen zu bilden, beherrscht er mit den Gewaltmitteln des Staates die anderen.

Die internationale Macht

AndersdenkendeIm heutigen Staatsgedanken hat sich die vorchristliche theokratische Idee eines mystischen Gesamtwillens, den der Herrscher repräsentiert und realisiert, auf unreflektierte Weise erhalten. Die modernen Machthaber beanspruchen in ihrer Hybris, Repräsentanten der Nation, des Volkes, der Bevölkerung Europas zu sein und deren rechtlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Willen, im Staat zusammengefasst, gegenüber den Machthabern anderer Staaten zu vertreten. Aber es gibt keinen Willen der Menschenansammlungen Nation, Volk oder Europäische Gemeinschaft. Das ist eine Fiktion. Einen Willen haben nur die einzelnen individuellen Menschen, und die sind sehr verschieden. Der Wille des Staates ist in Wahrheit der Wille derjenigen, die sich den staatlichen Herrschaftsapparat als Instrument ihrer Machtsucht zur Beute gemacht haben.

Die politisch Herrschenden identifizieren sich mit dem Staat als der verfassten Gesamtheit aller. Ihr machtsüchtiges Ego bläht sich auf zum machtsüchtigen Staat, durch den sie nun mit den Machthabern der anderen Staaten um die Vergrößerung ihrer Macht und ihres Einflusses ringen, was unter dem nichtssagenden Begriff der internationalen Politik verschleiert wird. Die Macht der Herrscher speist sich aus der Kraft der Wirtschaft, die sich durch ihre kapitalistische Form in den Händen weniger konzentriert und zur wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Macht wird, die äußerlich der Politik dient, in Wirklichkeit aber diese im Sinne ihrer Profitinteressen bestimmt. Die Macht breitet sich heute primär durch die Globalisierung der kapitalistischen Real- und Finanzwirtschaft aus, welche die nötige Abhängigkeit erzeugt. Und aus der Wirtschaft wächst die militärische Macht hervor, die den politischen Machtansprüchen Nachdruck verleiht und ihnen schließlich mit Gewalt Geltung verschafft.

Kriege sind die brutalen Gewaltausbrüche von Machtpsychopathen, die in ihrer seelischen Entwicklung zur Menschlichkeit zurückgeblieben sind. Durch den Machtapparat des Einheitsstaates ist es ihnen möglich, das Wirtschaftsleben und das Geistesleben der Menschen dafür zu instrumentalisieren und insbesondere über die prostituierten Medien das Bewusstsein der Menschen zu manipulieren und weitgehend in autoritätsgläubige Dumpfheit zu versetzen.

Dies kann nur dadurch gestoppt und in menschenwürdige Bahnen gelenkt werden, dass der staatliche Machtapparat aufgelöst wird, indem eine Verfassungsänderung die Gesetzgebungs-Kompetenz der staatlichen Legislative auf das oben skizierte reine Rechtsgebiet beschränkt. Die Aufgaben der ausführenden Verwaltung, die heute noch in der unbewussten Tradition des Königtums (lat. rex, regis) Regierung (von lat. regere = lenken, herrschen) genannt wird, reduzieren sich dadurch entsprechend. Das Wirtschafts- sowie das Geistesleben mit seinem Zentrum, dem Schul- und Hochschulwesen, erhalten eine je eigene Selbstverwaltung, in denen es keine vertikalen Direktiven, sondern nur horizontal koordinierende Vereinbarungen und Verträge entsprechender sachkundiger Gremien gibt. Der Staat hat da überhaupt nicht mehr hineinzuwirken. Er setzt lediglich das verbindliche Recht, in dem sich die jeweiligen freien Handlungen und Beziehungen der Menschen bewegen müssen, um die physische und seelisch-geistige Integrität des Menschen, d. h. seine freiheitlichen Grundrechte zu wahren.

Herbert Ludwig


Quelle: FASSADENKRATZER

Autor Herbert Ludwig: Nach kaufmännischer Lehre Studium und Ausbildung zum Rechtspfleger, 4 Jahre Tätigkeit an hessischen Amtsgerichten. Danach Studium an der Pädagogischen Hochschule Reutlingen mit den Schwerpunkten Erziehungswissenschaften, Philosophie, Geschichte, Deutsch, sowie Waldorfpädagogik am Waldorflehrer-Seminar Stuttgart. 27 Jahre Lehrer an der “Goetheschule – Freie Waldorfschule – Pforzheim”. Ruhestand.

Bild- und Grafikmaterial:

  1. Beitragsbild: »Psychologie der Macht« – www.pixabay.com
  2. »Freiheit« – Loewyne / pixelio.de
  3. »Unterdrückung« – www.pixabay.com
  4. »Menschenrechte« – Wikipedia
  5. »Andersdenkende« – Sokaeiko / pixelio.de

Fußnoten:

  1. Heinz Hartmut Vogel: Jenseits von Macht und Anarchie, Köln und Opladen 1961, S. 23
  2. „Die Würde des Menschen besteht darin, dass der Mensch als geistig-sittliches Wesen von Natur darauf angelegt ist,  in Selbstbewusstsein und Freiheit sich selbst zu bestimmen, sich zu gestalten und sich in der Umwelt auszuwirken.“ (Josef Wintrich, Präsident BVerfG. Nachweis Heinz Hartmut Vogel Anm.3, S. 134)
  3. a. a. O. S. 24, 25
  4. Wilhelm von Humboldt: Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen,  Stuttgart 1962, S. 93
  5. a. a. O. S. 172
  6. Einführung in das Grundgesetz, in Beck-Texte Grundgesetz u. a. dtv  41. Aufl., S. XII
  7. a. a. O. S. XIV
Frieden

Ist ein Leben ohne Vorurteile und Feindbilder möglich?

Wie können wir sinnvoll mit ihnen umgehen?

von der Studiengesellschaft für Friedensforschung

Kinder, Jugendliche, alte Menschen, Frauen, Männer, Juden, Iraker, Schweizer, Russen, Prostituierte, Türken, Homosexuelle, Amerikaner, Christen usw. – es gibt keine Gruppe von Menschen, keine Nationalität, keine Religion für die es keine Klischees gäbe und die nicht mit bestimmten Eigenschaften besetzt wären. Wir können uns leider dem Phänomen nicht entziehen, dass wir in Stereotypen denken.

Karrikatur Frieden 1„Der Begriff Stereotype bezieht sich auf eine Reihe gleicher Eigenschaften, die Gruppen zugeschrieben werden. Bei der Wahrnehmung von Gruppen bedienen wir uns einiger typischer Eigenschaften, um Mitglieder dieser Gruppe zu kennzeichnen.“ (Norbert Kühne u. a., S. 23)

Das ist problematisch, weil dadurch Schubladen entstehen, die für Individualität, kritisches Hinterfragen, Verstehen anderer Personen oder Gruppen wenig Raum lassen. Zu leicht entstehen aus solchen Schubladen Vorurteile und Feindbilder. Deshalb drängen sich einige fundamentale Fragen auf:

Ist ein Leben ohne Vorurteile und Feindbilder für uns Menschen möglich? Kann der Mensch überhaupt die Realität als solche wahrnehmen? Ist er zu objektiver und aggressionsfreier Wahrnehmung fähig? Kann er wahrnehmen, ohne gleich zu interpretieren?

Normalerweise eher nicht. Denn wir haben als Menschen bereits sehr früh die Tendenz, die Wirklichkeit, das, was wir erleben und was uns begegnet, zu kategorisieren: in gut und böse, in richtig und falsch. Damit geben wir unserem eigenen Weltbild die Struktur, die wir zur Orientierung in unserem Leben brauchen. Auch wenn Vorurteile und Feindbilder vom Inhalt her austauschbar sind, ohne sie wird kaum ein Mensch leben können. Die entscheidende Frage muss deshalb lauten: Wie können wir konstruktiv damit umgehen?

1. Begriffliche Bestimmungen

Schauen wir uns zum besseren Verständnis zuerst einmal die beiden Begriffe „Vorurteile“ und „Feindbilder“ genauer an.

Wenn wir von einem Gespräch mit dem neuen Lehrer unseres Kindes zurückkommen und sagen: „Ich hätte nicht gedacht, dass der Neue so aufgeschlossen ist“, dann haben wir ein ganz harmloses Vorurteil korrigiert. Bei „wirklichen“ Vorurteilen, die tief sitzen, ist das anders.

1.1 Was sind Vorurteile?

Vorurteile sind – als vorgefasste Meinungen und ungeprüfte Ablehnungen – soziale Einstellungen, die sich auf soziale Gruppen bzw. Individuen beziehen. Sie sind oft aus Vorausurteilen entstanden, die ohne eingehendere Prüfung zu falschen Verallgemeinerungen werden. „Ein Vorurteil ist eine dem Stereotyp nahestehende Einstellung (Meinungsbildung), die kaum auf Erfahrung (Information, Sachkenntnis), um so mehr auf subjektiver Eigenbildung bzw. Generalisierung von Ansichten usw. beruht. Kennzeichnend für das Vorurteil ist auch die zähe, unflexible, unreflektierte Fortdauer und die meist zerstörerische (selten förderliche) Wirkung, die es im Gemeinschaftsleben entfalten kann.“ (F. Dorsch, S. 741)

Haben Vorurteile auch einen Nutzen und wenn ja welchen? Vorurteile erleichtern uns das Leben ähnlich einem Reiseführer durch eine uns fremde Region. Sie können in Gruppen einen gewissen Zusammenhalt schaffen und verstärken die Bereitschaft zu gemeinsamen Aktivitäten. Dieser soziale Vorteil kann sich sowohl auf den privaten wie auf den öffentlichen Bereich beziehen.

Man unterscheidet negative und positive Vorurteile. Beide basieren kaum auf objektiv gesicherten Informationen, sondern vor allem auf subjektiven Einstellungen, Gefühlen und Wertungen (s. Arthur S. Reber, S. 590).

Positive Vorurteile entstehen z. B. schnell in der Phase der Verliebtheit zwischen zwei Menschen. Als Beispiel für negative Vorurteile seien hier die ethnischen Gruppen der „Sinti und Roma“ genannt. Ihnen werden häufig folgende Charakteristika zugeschrieben: „Ihre moralischen Eigenschaften zeigen eine sonderbare Mischung von Eitelkeit und Gemeinheit, Ziererei, Ernst und wirklicher Leichtfertigkeit, fast einen gänzlichen Mangel männlichen Urteils und Verstandes, welcher von harmloser List und Verschlagenheit, den gewöhnlichen Beigaben gemeiner Unwissenheit, begleitet ist; dabei zeigen sie noch entwürdigende Kriecherei in Tun und Wesen, darauf berechnet, andere durch List zu übervorteilen; sie haben nicht die geringste Rücksicht auf Wahrheit und behaupten und lügen mit einer nie errötenden Frechheit …“ (Benz, S. 175)

Fragen Sie sich selbst: Was verbinden Sie mit „Zigeunern“? Was fällt Ihnen spontan und als erstes ein? Sind Sie nicht auch in irgendeiner Weise von solchen Vorurteilen geprägt?

Vorurteile werden, abhängig vom Inhalt, mitunter auch als „interessenbestimmte Lügen“ definiert (Werner Bergmann, S. 5). Wir Menschen haben die Tendenz, das herauszugreifen, was wir sehen wollen und blenden das aus, was uns nicht gefällt. Damit belügen wir – bewusst oder unbewusst – uns selbst und andere. In der Regel werden Vorurteile anderer schneller erkannt als die eigenen. Wie auch immer: Der Kontakt mit Menschen, gegen die wir Vorurteile hegen, wird gemieden, die Kommunikation mit ihnen reduziert.

Vorurteile und diskriminierendes Verhalten stehen oft in engem Zusammenhang. Ist beispielsweise der Personalchef einer Firma der Ansicht, dass Frauen „an den Küchenherd“ gehören, so wird er Frau P., die sich um eine hausinterne Führungsposition bewirbt, bei der Vergabe der Stelle übergehen (aus: HansWerner Bierhoff, S. 265).

Diskriminierendes Verhalten als Folge von Vorurteilen ist auch sonst in unserem Alltag sehr häufig zu beobachten, z. B. auf Spielplätzen, wenn Eltern bewusst ihre Kinder von bestimmten Ausländergruppen fernhalten, oder bei der Wohnungssuche, wo eine leerstehende Wohnung nicht an Personengruppen bestimmter Nationalitäten vermietet wird (nationale Vorurteile).

Kölner Schüler haben folgendes Experiment durchgeführt:

„,Heh, Ali, du nix anfasse‘, sagt die deutsche Verkäuferin im Spielwarengeschäft in der Kölner Innenstadt barsch zu dem Jungen und zieht den Stecker zu den Telespielen heraus, die dort zum Ausprobieren aufgestellt sind. Der Junge hat schwarze Haare, trägt einen abgewetzten Parka und spricht das gebrochene Deutsch der Türken. Vor der Ladentür sagt der 13jährige in akzentfreiem Deutsch: ‚Unverschämt! Die deutschen Kinder durften an den Vorführgeräten rumfummeln. Ich aber nicht – nur weil mich die Verkäuferin für einen Türken gehalten hat.‘ Der schwarzhaarige Junge ist in Wirklichkeit blond. Sein Name ist nicht Ali, sondern Jan. Und er ist kein Türke, sondern ein Deutscher. Zusammen mit anderen Schülern aus der siebten Klasse der integrierten Gesamtschule Köln Holweide hatte sich Jan als Türke verkleidet. … ,Dieser Anschauungsunterricht‘, so sagt Jan, ‚ist allen in der Klasse unheimlich unter die Haut gegangen, weil die Deutschen plötzlich anders zu einem sind.'“ (ART, Heigl 2000)

1.2 Zum Begriff „Feindbild“

Vorurteile können unabhängig von Feindbildern wie auch zusammen mit ihnen existieren. Das heißt, man kann ein Vorurteil über eine bestimmte Gruppe von Menschen haben, aber daraus muss sich noch nicht zwangsläufig ein Feindbild ergeben. Feindbilder hingegen basieren fast immer auf Vorurteilen, denn Vorurteile und Stereotypen dienen meist als Reservoir für Feindschaft (s. Brehl/Platt, S. 29). Feindbilder leiten sich oft aus politischen und sozialen Vorurteilen ab.

Karrikatur Frieden 2Feinde im Sinne von Widersachern und Gegnern hat es schon immer gegeben, seit Menschengedenken. Sie sind Teil der Menschheitsgeschichte. Feindbilder spiegeln wider, was wir zu diesem Feind/zu diesen Feinden denken, empfinden, vermuten und erwarten. Sie sind die krasseste Form geschürter Vorurteile als konsistent negative Einstellung gegenüber einzelnen Menschen oder Gruppen von Menschen. Feindbilder sind stereotyper und negativer als Vorurteile und deshalb auch nur schwer zu korrigieren. Wer zum Feind deklariert wird, kann darauf kaum Einfluss nehmen.

Feinde sind damit abgestempelte Menschen. Im Ersten Weltkrieg etwa galten folgende Feindbilder: Engländer wurden als hinterlistig, Franzosen als atheistisch, schlampig und arrogant, Italiener als feige und treulos und Russen als Barbaren gesehen (s. Benz S. 9 – 10).

Feinde dienen dazu, die eigene Identität zu definieren, Macht und Herrschaft zu erlangen, unangenehme eigene Auseinandersetzungen abzuwehren und die Projektion unverarbeiteter Ängste und Wünsche zu ermöglichen (s. Brehl/Platt, S. 13). Der Feind ist damit ein Resultat aus diesen vorausgegangenen Prozessen und ein typisches Phänomen im politischen Kontext.

Neben privaten Feindbildern gibt es auch kollektive Feindbilder, die mit Gleichgesinnten bis hin zur Gesellschaft, in der man lebt, geteilt werden. Sie werden wie ein Schema gespeichert, das von nun an jederzeit abrufbar ist.

„Der politische Sinn der Feindschaft liegt in der Verschiebung interner Rivalitäten einer Gemeinschaft nach außen. Mittels einer nach außen gerichteten Feindschaft erweist sich die Möglichkeitsbedingung von Freundschaft und Solidarität in einem politischen Gemeinwesen. Damit mittels politischer Feindschaften interne Spannungen und Rivalitäten erfolgreich nach außen verlagert werden können, bedarf es einer gewissen Verkennung des Sinns der Feindschaft. Wo das Problem als internes bekannt ist, kann der äußere Feind nicht mehr als Blitzableiter dienen.“ (Brehl/Platt, S. 73) Feindschaft kann also auch interne Bürgerkriege verhindern.

Feinde schaffen Konflikte. Sie widersetzen sich dem, was wir vorhaben, wollen, für wichtig finden usw. Deshalb stellt ein Feind sowohl in unserem Bewusstsein wie in der faktischen Realität für uns immer eine Gefahr oder ein Risiko dar. Und deshalb reagieren wir auch einem Feind gegenüber meist so aggressiv. Das aggressive Verhalten, das sich gegen einen anderen oder eine ganze Gruppe richten kann, hat das Ziel, den einzelnen Feind oder die feindliche Gruppe zu vertreiben oder zu unterdrücken (s. F. Dorsch).

Dazu folgendes Beispiel aus dem Ersten Weltkrieg:

Die Serben sind alle Verbrecher, ihr Land ist ein dreckiges Loch. Die Russen, die sind nicht viel besser, und Keile kriegen sie doch.“
(Zitat nach Ernst Johann, S. 20)

Feindbilder gehen, wie auch dieses Beispiel zeigt, mit negativen Emotionen einher. Feinde lösen Angst aus, denn durch Feinde fühlen wir uns im tiefsten Inneren bedroht. Diese Bedrohung kann sehr weitreichend sein und uns physisch, emotional und/oder intellektuell belasten. In letzter Konsequenz kann dadurch der ganz starke Wunsch und Drang entstehen, den Feind zu vernichten.

Verena Kast sagt das so: „Wir werden auch immer wieder aus Angst um unsere Lebensgrundlagen Feindbilder entwerfen. Wir werden unser schlechtes Selbstwertgefühl, als einzelner oder auch als Volk, rasch durch Feindbilder konsolidieren wollen … Aber Feindbilder sind abstrakt, klischeehaft, ungerecht. Feindbilder … verdecken die Realität mehr, als dass sie sie enthüllen.“ (Verena Kast, S. 163)

Werden Angst und Aggression in einem fortlaufenden Prozess auf unser Gegenüber projiziert, wundert es letztendlich nicht, dass der andere beginnt, sich gemäß dem projizierten Bild zu verhalten (selffulfilling prophecy).

Feindbilder haben – zusammengefasst – also drei Wirkungszusammenhänge:

  1. Selbstbestätigung und Ausgrenzung (im Sinne von: „Ich bin/Wir sind richtig und entsprechen der Norm.“)
  2. Schuldzuweisung und Sinnstiftung (im Sinne von: „Ich bin/Wir sind die Guten, moralisch Überlegeneren.“)
  3. Angst und Realitätsverweigerung (im Sinne von: „Ich muss mich/Wir müssen uns schützen.“) (s. Wolfgang Benz, S. 9)

Mit Feinden will man nichts zu tun haben. Man spricht sie noch weniger an als Menschen, gegen die man Vorurteile hegt. Feindbilder schaffen deshalb in ihrer weiteren Konsequenz Ungerechtigkeit, Unmenschlichkeit und Voraussetzungen für Aggressionen, für gewaltsame Konfliktlösung und für Krieg. Sie haben Hochkonjunktur in Zeiten von Bedrohung, Sinnkrisen und Stress, in Phasen des Umbruches und der Angst, weil der Mensch dann ein besonderes Bedürfnis nach Sicherheit, Orientierung und Ausgrenzung hat.

Was begünstigt die Entstehung von Vorurteilen und Feindbildern? Dazu zunächst einige grundsätzliche Anmerkungen zur menschlichen Wahrnehmung. Dieses Wissen über unsere Wahrnehmung ist notwendig, um die Phänomene „Vorurteile“ und „Feindbilder“ besser zu verstehen.

2. Menschliche Wahrnehmung

Unsere Wahrnehmung ist von Natur aus über unsere Sinne begrenzt. Wir können über Augen, Nase, Ohren, Mund und unsere Haut immer nur einen kleinen Teil unserer Umwelt wahrnehmen. Wir können über Objektivität sprechen, aber wir können die Sachverhalte nicht absolut objektiv wahrnehmen oder erkennen. Hier haben wir als Menschen unsere Grenzen. Es bleibt immer eine Subjektivität, die Ausgangsbasis unserer Wahrnehmung und der mit ihr einhergehenden Prozesse ist.

Darüber hinaus wird unsere Wahrnehmung von bestimmten Gesetzmäßigkeiten bestimmt, die zum Teil angeboren sind und zum Teil anerzogen werden. Im positiven Sinne helfen sie uns, damit wir uns im Leben trotz unserer Begrenztheit zurechtfinden und zwar von klein an.

Unsere Wahrnehmung ist zudem durch unsere jeweiligen Bedürfnisse und Gefühle geprägt: Wenn z. B. physiologische Bedürfnisse wie Hunger oder Durst sehr stark sind, dann sind sie normalerweise weitgehend darauf begrenzt, wo es etwas zu essen oder zu trinken gibt. Neben Gefühlen und Bedürfnissen haben auch Erfahrungen, Motive, Erwartungen und Einstellungen einen ganz erheblichen Anteil daran, was und wie wahrgenommen wird.

Ein weiteres Merkmal unserer Wahrnehmung: Wir neigen dazu, zu vereinfachen und die Informationsfülle der sehr komplexen Realität zu reduzieren. Jeder Mensch, egal wo auf der Welt, unabhängig von Status, beruflicher Aufgabe, persönlicher Situation usw. hat nur eine eingeschränkte, ausschnitthafte Sichtweise der Dinge. Das ist von Natur aus so angelegt und trägt positiv, wie bereits erwähnt, zum Überleben bei. Aus Sicht der Evolution ist dies höchst sinnvoll, denn blitzschnell können wir so in Notsituationen aufgrund der uns vorliegenden Informationen Entscheidungen treffen, die unser Überleben sichern. Das geht dann reflexartig.

Die negative Seite allerdings ist, dass wir aufgrund dieser Begrenzung, nach den Erkenntnissen der Gestaltpsychologie einem automatisch ablaufenden Gliederungsprozess in unserer Wahrnehmung unterliegen. Wir blenden dabei wichtige Informationen aus, die sonst ein vollständigeres Bild ergeben würden.

Von klein an haben wir gelernt, das, was uns umgibt, sofort einzustufen und zu bewerten. Sobald wir sehen, interpretieren wir auch. Schlüsselreize genügen dazu bereits. So machen wir uns innerhalb weniger Augenblicke von einem fremden Menschen oder von Menschengruppen ein eigenes Bild. Es ist uns angeboren, Mimik und Gestik des anderen zu lesen. Eine halbe Sekunde genügt, um anhand des Gesichts des Gegenübers Alter, Intelligenz, ja sogar Charaktereigenschaften einer Person einzuschätzen. Das kann eine Überlebensstrategie sein. Gleichzeitig sind aber auch Vorurteile und Feindbilder ein – negatives – Ergebnis dieser sehr begrenzten und selektiven Wahrnehmung der Wirklichkeit.

Dieser erste Eindruck lässt sich nur schwer revidieren, obwohl es erwiesen ist, dass der Mensch mit seinen ersten, blitzschnellen Eindrücken oft sehr daneben liegen kann.

„Wir beobachten ständig andere Menschen oder Gruppen von Menschen und machen uns von ihnen ein mehr oder weniger zutreffendes Bild. Aus der Fülle der wahrgenommenen Daten wählen wir uns die passenden aus. Wir ziehen Schlüsse über Motive, Absichten und Eigenschaften anderer Menschen.“ (Norbert Kühne, S. 20 – 21)

Wir entwickeln aber auch Abwehrmechanismen, die mit daran beteiligt sind, dass wir manches, z. B. Unangenehmes, aus der Wahrnehmung ausblenden. Dadurch entsteht eine Reduktion des Informationsflusses, die eine nicht zu unterschätzende Wirkung auf das Verhalten von uns Menschen hat. Wir sind weniger offen und agieren möglicherweise aufgrund von starren, normativen Einstellungen, die Vorurteile und Feindbilder weiter schüren. So ist die Wirkung unserer begrenzten Wahrnehmung, die bei jedem individuell unterschiedlich ist, auf die Begünstigung von Vorurteilen und Feindbildern nicht zu unterschätzen.

Zur Erkenntnis dieser durch verschiedene Faktoren begrenzten menschlichen Wahrnehmung gehört auch das Wissen um damit einhergehende Wahrnehmungsfehler.

Einige Wahrnehmungsfehler, die sehr häufig auftreten und denen wir alle unterliegen, sind:

HaloEffekt: Ein dominantes Merkmal, das wir beobachten, überstrahlt die ganze wahrgenommene Person und wird mit weiteren Merkmalen kombiniert: Hat z. B. ein Mensch einmal einen klugen Beitrag geleistet, so wird er von jetzt an in jeder Situation als klug gesehen. Dieses Merkmal wird unter Umständen mit weiteren Merkmalen wie Freundlichkeit, hohem persönlichen Einsatz usw. gekoppelt.

Logischer Fehler: Er besagt, dass in unserer Vorstellung bestimmte Eigenschaften immer zusammen auftreten, z. B.: Ein starker Junge ist auch aggressiv und aktiv (Norbert Kühne, S. 22).

Projektionen: Eigene Erwartungen, Bedürfnisse, Hoffnungen, Annahmen, Befürchtungen, Probleme etc. werden auf eine Person bzw. andere Personen übertragen. Wenn ich z. B. selbst Probleme habe, besteht die Tendenz, diese auch anderen zu unterstellen.

Verallgemeinerungen: Wir neigen dazu, durch den Gebrauch von Worten wie „immer, alle, keiner“ usw. Verallgemeinerungen herzustellen. Sie sind wenig nützliche Wahrnehmungsfilter, denn sie stellen kognitiv etwas her, das wir im Grunde nie überprüfen können. Hier haben Aussagen wie „Wer lügt, stiehlt auch.“ oder „Alle Dicken sind auch gemütlich.“ ihren Ursprung.

Was kann die Folge dieser Wahrnehmungsfehler sein, die uns täglich widerfahren? Ein bekanntes Phänomen ist der RosenthalEffekt. Der Amerikaner Rosenthal hat deutlich gemacht, dass Menschen, insbesondere junge Menschen, eine Tendenz haben, sich so zu verhalten, wie es auf Grund von Vorurteilen erwartet wird (selffulfilling prophecy). Damit werden sie unter Umständen in negative Rollen und Verhaltensweisen gedrängt.

3. Entstehung von Vorurteilen und Feindbildern

3.1 Psychologische Betrachtungsweisen

Vorurteile sind nicht rational geprägt. Sie gehen oft mit Emotionen einher, insbesondere mit Sympathien oder Antipathien. Wir empfinden Sympathie für Menschen, die uns ähnlich sind, die ähnlich denken, ähnlich kommunizieren, ähnliche Interessen und Bedürfnisse haben wie wir.

Die Emotionen und inneren Bilder, die wir in uns tragen, basieren aus tiefenpsychologischer Sicht sehr häufig auf frühkindlichen Erlebnissen und Erfahrungen, die, wie wir wissen, unser ganzes weiteres Leben wesentlich beeinflussen.

In der Phase, in der ein Kind sein ÜberIch, also die Instanz für Werte und Normen entwickelt, werden Einstellungen und Vorurteile der Bezugspersonen mittels Identifikation übernommen.

Menschen mit niedrigem Selbstwertgefühl, starken Minderwertigkeitsgefühlen, mit ungelösten Autoritäts oder Vaterproblemen, Menschen, die in ihrer frühen Kindheit zu wenig Liebe und positive Zuwendung erfahren haben oder die aus einem sehr strengen und autoritären Elternhaus oder Erziehungsumfeld stammen, tendieren in der Regel stärker dazu, aufgrund ihrer normativen Prägung ihr Leben auf festgefügten Beurteilungen und Vorurteilen aufzubauen.

Vorurteile und Feindbilder entstehen zunächst in uns und werden dann im Außen auf verschiedene Menschen, Gruppen, Nationalitäten etc. übertragen, die diesen Bildern entsprechen. Sie kommen in Projektionen zum Tragen. Projektionen sind das Hinausverlegen von Innenvorgängen nach außen (s. Dorsch, S. 508).

„Immer und überall, wo wir Menschen begegnen, erstellt unsere Psyche autonom ein ihr gemäßes Bild vom anderen. Dieses Bild vom anderen beruht zwar sicherlich auf bestimmten, möglicherweise rudimentären Erfahrungen und entspricht damit freilich zu einem gewissen Teil der Wirklichkeit dieses anderen Menschen. Auf jeden Fall aber entspricht es unseren zunächst sicherlich unbewussten Bedürfnissen. Wir projizieren also. Und wir projizieren immer.“ (Peter Michael Pflüger, S. 10)

Nun gibt es zwei Arten von Projektionen, die als Ursache für Vorurteile und im zweiten Fall auch für Feindbilder in Frage kommen:

  • Wir projizieren auf einen Menschen, dessen Begegnung in uns besonders angenehme Gefühle erweckt, unsere Ideale. Und er wird uns zum Freund, zum Vertrauten, zum Geliebten. Wir blenden unbewusst seine dunklen Züge, seine Mängel, seine Schattenseiten aus: „Er hat sie nicht oder doch nur in einem ganz geringem Maß. Und so vermögen wir ihm in Offenheit und ohne Angst zu begegnen.“ (Peter Michael Pflüger, S. 10)
  • Und wir projizieren auf einen anderen Menschen, dessen Wesen oder Verhalten einen gewissen „Aufhänger“ für das zu bieten scheint, was wir selbst an negativen Gedanken und „Unrat“ in uns tragen – oft ohne uns dessen wirklich bewusst zu sein. „Wir können dann unsere Ablehnung, Abneigung, unser moralisches Verurteilen dieses Bösen an ihm ausleben und brauchen ihm nicht anders denn als Feind zu begegnen.“ (Peter Michael Pflüger, S. 10). Vorurteile und Feindbilder sind, so verstanden, Ausdruck der Abwertung eigener persönlicher Schattenseiten, die auf andere übertragen werden. Diese Schatten sind Aspekte in uns, die wir verdrängen, nicht wahrhaben wollen, negieren und die uns „helfen“, Sündenböcke zu finden. Schatten sind in uns vernachlässigte Eigenschaften, die sich zusammensetzen können aus teils nicht gelebten und teils verdrängten psychischen Zügen. Aus sozialen, erzieherischen oder sonstigen Gründen war diese Verdrängung notwendig (Dorsch, S. 582).

Vorurteile und Feindbilder können auch Ausdruck eigener ungelöster Konflikte sein und darin ihre Entstehung haben. Der Mensch „verschiebt seine Aggression auf Ersatzobjekte … oder sieht seine eigenen negativen Züge vornehmlich in anderen (Projektion).“ (Werner Bergmann, S. 6). Wie stark und intensiv dieser Prozess bei jedem Menschen abläuft, ist sehr unterschiedlich.

Vorurteile helfen uns, Emotionen wie Angst zu vermeiden, denn: „Wer sich mit fremden Meinungen einlässt, muss befürchten, dass seine eigenen, altvertrauten dazu in Widerspruch stehen. Es kann sich, bei genauer Prüfung, herausstellen, dass manches von dem uns Selbstverständlichen und uns lieb Gewordenen ziemlich unbedacht übernommen wurde und nun sich auflöst. Den Verlust gewohnter Normen, die ja nicht nur Einhalt, sondern auch Rückhalt, also Sicherheit geben, erlebt der Mensch immer mit Angst.“ (s. Kögl)

Feindbilder, als Ausdruck höchster Antipathie, sind mit zutiefst ablehnenden Gefühlen bis hin zum Hass verbunden. Diese Gefühle sind auch die Antriebsfeder für destruktives Verhalten. Das Bewusstsein oder die Tatsache, von Feinden umgeben zu sein, erzeugt Angst. Angst begünstigt unangemessenes Verhalten, weil Angst wiederum unsere Wahrnehmung sehr einschränkt.

Aus psychologischer Sicht muss außerdem folgendes berücksichtigt werden: Es gilt nicht nur für einzelne Menschen, sondern auch für Gesellschaften, dass bestimmte triebhafte Bedürfnisse (z. B. Aggressionen) aufgrund bestehender Normen unterdrückt werden müssen. Diese Unterdrückung führt zu einem Triebüberschuss, der dann nach außen auf Ersatzobjekte verlagert wird. Durch diese Verlagerung ist es möglich, die triebhaften Bedürfnisse so auszuleben, dass es nicht zu Gewissenskonflikten kommt. So können aus ungelebten Triebwünschen Hassobjekte entstehen, die mit sehr negativen Attributen besetzt werden (s. dazu Alexander Mitscherlich). Das kann eine Ursache für rassistisches Denken sein.

Wer in sich selbst Misstrauen, Aggression, Hass und Wut trägt, wird unwillkürlich die Welt, in der er lebt, dieser Emotionen wegen beschuldigen (s. Josef Rattner).

Feindbilder sind damit Ausdruck destruktiver Projektionen, d. h. negativer Anteile von uns selbst, die wir auf andere übertragen. Es gilt nicht, sie zu bekämpfen, sondern sich diese Anteile zunächst einmal bewusst zu machen.

Durch das Erkennen bisher unbewusster Anteile in sich, so C. G. Jung, wird der Mensch ganzheitlicher. Das ist eine gute Basis dafür, unseren Schatten „mitleben“ zu lassen, ohne auf die dennoch unumgänglichen moralischen Entscheidungen im eigenen Leben zu verzichten. Nur wer sich seiner eigenen Minderwertigkeit bewusst ist, hat die Chance, sie anzunehmen und positiv zu verarbeiten im Wissen um die eigenen Grenzen.

Aus psychologischer Sicht ist der Feind ein Feind auf Zeit. „Feindschaft als Ergebnis eines Konflikts wäre allein auf den Fall und die Dauer eines aktuellen Konfliktes begrenzt. … Aus psychologischer Sicht bliebe Feindschaft also (auf) lösbar …“ (Brehl/Platt, S. 8)

Aber reicht das schon, um zu verstehen, warum Menschen von tiefer gegenseitiger Missachtung getrieben sind, einander ablehnen und den anderen im Extremfall sogar vernichten wollen? Es gibt weitere Erklärungsansätze, die in Betracht zu ziehen sind.

3.2 Sozialpsychologische und soziologische Betrachtungsweisen

Ehe wir den Einfluss von Umwelt und Gesellschaft auf unsere Prägung betrachten, soll folgender Aspekt thematisiert werden:

Es gibt Einflussfaktoren, die weiter zurückreichen können als frühkindliche, erzieherische und aktuell soziologische Einflüsse.

Harald Welzer beschreibt in seinem Buch „Das Soziale Gedächtnis“ die unterschiedlichen Formen des Gedächtnisses: das individuelle, das kollektive, das bewusste und unbewusste, das traumatische, das alltägliche, das kommunikative und das kulturelle. Sie sind letztendlich alle Bestandteil des sozialen Gedächtnisses. Wir wissen, „dass unsere eigene Erinnerung sich nicht abkoppeln lässt von den sozialen und historischen Rahmenvorgaben, die unseren Wahrnehmungen und Erinnerungen erst eine Form geben, dass viele Aspekte der Vergangenheit bis in unsere gegenwärtigen Gefühle und Entscheidungen hineinwirken, dass es transgenerationelle Weitergaben von Erfahrungen gibt, die bis in die Biochemie der neuronalen Verarbeitungsprozesse der Kinder und Enkel reichen, und dass uneingelöste Zukunftshoffnungen aus vergangenen Zeiten plötzlich und unerwartet handlungsleitend und geschichtsmächtig werden können.“ (Welzer, S. 11/12)

Das würde erklären, dass wir bewusst oder unbewusst Erfahrungen und Erinnerungen in uns tragen, die unser aktuelles Wahrnehmen und Verhalten aus einer anderen Perspektive heraus verursachen, mitbestimmen und mit beeinflussen. Dass wir etwas im weitesten Sinne bereits Vorprogrammiertes mitbringen, das sich in unserer Sichtweise der Welt manifestiert, gilt für alle Menschen. Die aus der Vergangenheit gespeicherten Wahrnehmungen kommen in unserem persönlichen Lebensprogramm zum Tragen. Dieses kulturelle Gedächtnis wird definiert als „Sammelbegriff für alles Wissen, das im spezifischen Interaktionsrahmen einer Gesellschaft Handeln und Erleben steuert und von Generation zu Generation zur wiederholten Einübung und Einweisung ansteht.“ (Jan Assmann, S. 9). So wird Erlebtes und Erfahrenes aus der Vergangenheit weitertransportiert in die Gegenwart und bestimmt hier unser Handeln mit. Diese Erinnerungen sind allerdings sehr subjektiv, sehr ausschnitthaft, niemals vollständig. Schon das alleine birgt die Möglichkeit in sich, schnell und spontan in der Gegenwart etwas zu interpretieren und in einer Richtung zu verstehen, die, gespeist aus diesen „Erinnerungen“ der Vergangenheit, zu Vorurteilen und Feindbildern führen kann.

Als zusätzliche Faktoren für die Entstehung von Vorurteilen und Feindbildern sind in diesem Zusammenhang noch zu nennen:

  1. Geschichtliche Überlieferungen und Ereignisse, insbesondere hoch eskalierte Konfliktsituationen wie z. B. Kriege. Je verheerender Kriege sind oder waren, desto stärker sind die Feindbilder, die auch nach einem Krieg noch lange andauern können. Vorurteile und Feindbilder werden so von Generation zu Generation weitergegeben.
  2. Faktoren, die einen ideologischen Charakter haben (z. B. religiös motivierter Fanatismus)
  3. Systembedingte soziale Entwicklungstendenzen
  4. Nationale Begebenheiten und konkrete Situationen
  5. Die reale Politik der Staaten und ihre Wechselwirkung (nach Pflüger, S. 91)

Unsere Sicht der Realität wird weiter gefiltert durch unsere einzigartigen Erfahrungen, durch Kultur, Glaubenssätze, Einstellungen, Werte, Interessen und Annahmen. Jeder Mensch lebt in seiner jeweils eigenen Welt, die auf seinen Sinneseindrücken und individuellen Lebenserfahrungen begründet ist, und wir handeln auf der Basis dessen, was wir wahrnehmen: Das ist unser „Modell der Welt“ (s. Joseph O’Connor, John Seymour). Dabei schauen wir in der Regel in dieser Welt bevorzugt auf das, was uns interessiert. Anderes lassen wir eher beiseite.

Elternhaus, Schule und wichtige Bezugspersonen sind entscheidende Einflussfaktoren, da sie Werte, Grundhaltungen, Ansichten vermitteln, verstärken und auf Kinder und Jugendliche übertragen. Daraus entstehen Lebenserfahrungen für junge Menschen. Sie zeigen sich etwa darin, wen man mag und wen nicht, wer einem sympathisch ist oder nicht, wer zu einem gehört und wer nicht. Damit entsteht ein Ordnungsprinzip, das Orientierung und Sicherheit gibt. Das bedeutet auch: Wir bringen Vorurteile nicht mit – sie werden uns anerzogen. Wenn Eltern, Lehrer und wichtige Bezugspersonen durch starke Vorurteile und Feindbilder geprägt sind, ist es schwer, sich als junger Mensch davon unabhängig zu machen. Hört man abwertende Bemerkungen immer und immer wieder, so verinnerlicht man diese leicht als Norm oder „Wahrheit“. Kinder, die erfahrungsgemäß leichter zu beeinflussen sind als Erwachsene, übernehmen viel schneller Stereotypen und Urteile. Insbesondere solche, die von ihren Bezugspersonen vorgelebt werden.

Kinder, bei denen jede Form von Aggression in der Kindheit unterdrückt bzw. bestraft wurde, suchen im Jugend und Erwachsenenalter nach Ventilen für die aufgestaute Wut und den aufgestauten Hass. Feindliches Verhalten hat darin oft seinen Grund. Denn Vorurteile und Feindbilder nehmen zu, je autoritärer ein Mensch geprägt bzw. erzogen worden ist; aber auch je begrenzter der Erkenntnis und Wahrnehmungshorizont ist, je weniger internationale Erfahrungen vorliegen, je weniger positive persönliche Berührungspunkte mit anderen Nationalitäten, Religionen und andersdenkenden Gruppen bestehen. Denn je fremder uns Menschen sind durch ihr Verhalten, durch das Leben, das sie führen, desto leichter besteht die Gefahr, dass sie uns feindlich erscheinen können (s. Verena Kast).

Zuletzt muss erwähnt werden, dass auch eine negative Grundeinstellung zum Leben, stark negatives Denken verbunden mit pessimistischen Sichtweisen und Lebenshaltungen Vorurteile und Abwertungen gegenüber anderen Menschen, Nationalitäten und Religionen schüren können.

3.3 Grenzen unserer sprachlichen Verständigung

Da wir nicht nur in unserer Wahrnehmung, Konfliktfähigkeit und Erziehung, sondern auch in unserer Kommunikation Grenzen unterliegen, können Vorurteile und Feindbilder auch hier ihre Wurzeln haben: „Wollten wir uns in jedem Gespräch sicher sein, dass andere Menschen genau das verstehen, was wir meinen – wir kämen zu keinem Ende. Uns bleibt also nichts anderes übrig, als zu akzeptieren, dass unsere Verständigung nur eine ungefähre ist und dieses Ungefähre in vielen Situationen ausreicht. Aber nicht in allen …“ (Georg Harald ZawadzkyKrasnopolsky, S. 33)

Es ist für uns oft eine große Überraschung, was Menschen an Informationen aufnehmen und wie sie diese dann weitergeben. Was ist aus der ursprünglichen Botschaft geworden? Sie ist manchmal kaum wiederzuerkennen, weil sie mit der Subjektivität jedes einzelnen, der am Kommunikationsprozess beteiligt war, vermischt wurde. Durch solchermaßen fehlende und verfälschte Kommunikation werden Vorurteile und Feindbilder aufgebaut und geschürt.

3.4 Vorurteile und Feindbilder propagiert durch Medien

Die öffentliche Meinung wird durch Medien täglich und situativ beeinflusst und in ungünstigen Fällen durch ausschnitthafte und einseitige Informationen gezielt manipuliert. Was „böse“ ist, wer Schuld hat, wer versagt hat, wer dazugehört und wer nicht, wer schlecht ist – hier ist die „Logik“ der Massenmedien aktiv.

„Feindbilder können allerdings nicht völlig ,aus der Luft‘ gegriffen werden.“ (Das Bild vom Feind, S. 8). Es muss zumindest der Anschein bestehen, und darauf wird viel Wert gelegt, dass es sich bei diesen Informationen um realistische Beschreibungen des Feindes handelt. Auch wenn das in Wirklichkeit nicht so ist.

„Voraussetzung für den Aufbau und die Instrumentalisierung von Feindbildern ist immer ein Kristallisationskern von Realität oder von auf allgemeinem Konsens beruhender Überzeugung als Pseudorealität; ein Körnchen solcher Wahrheit muss dem Vorurteil zugrunde liegen, damit es breite Wirksamkeit entfalten kann.“ (Benz, S. 11 – 12)

Medien sind deshalb ebenso und in großem Ausmaß Quelle und Ursache von Vorurteilen und Feindbildern. Besonders skandalöse Situationen werden gezielt „verkauft“. Die Fernseh-, Film- und Eventkultur lebt davon und wir, wenn wir ehrlich sind, hören viel zu sehr darauf. Der „Erlebnischarakter“ von Film und Fernsehen hat dabei nachweislich eine größere und nachhaltigere Wirkung als der geschriebene Beitrag einer einzelnen Person und wird viel schneller als „Wahrheit“ vom Zuschauer gedanklich aufgenommen.

In Krisenzeiten haben Vorurteile und Feindbilder besonders gute Konjunktur in den Medien. Denn meist resultieren – als Konsequenz aus den Ängsten der Menschen – daraus Aggressionen, die in extrem belastenden politischen, wirtschaftlichen oder sozialen Situationen auf fruchtbaren Boden fallen. „Der Fremde wird als böswilliger Verursacher eines konkreten Übelstandes denunziert, dann generell als Feind markiert, und weit über den konstruierten Anlass hinaus wird der Kampf gegen ihn als sinnvoll propagiert.“ (Benz, S. 16)

So kann, wie es im Nationalsozialismus geschah, die Feindschaft gegen eine Minderheit zum zentralen Aspekt einer Ideologie werden. Auf diese Minderheit werden dann alle Unzulänglichkeiten projiziert. Durch gezielte Propaganda werden so Ängste mobilisiert und in entsprechende Feindbilder umgesetzt.

„Es lassen sich auch Vorurteile gegen Minderheiten und Randgruppen innerhalb der eigenen Gesellschaft sensibilisieren und zum Feindbild verdichten. Marxisten, Freimaurer, Juden (um drei wichtige Gruppen zu nennen) wurden zu unterschiedlichen Zeiten, im 19. Jahrhundert und wieder nach dem Ersten Weltkrieg, instrumentalisiert … Z. B. die Juden wurden wie die Freimaurer als fremd und als verschwörend, als den Staat und die Gesellschaft unterwühlend, Sitte und Ordnung „zersetzend“ diffamiert.“ (Benz, S. 13 14)

Besonders empfänglich sind dabei wiederum Kinder und Jugendliche: Nach fortlaufenden Wiederholungen einseitig selektierter Informationen glauben viele am Ende, dass dies, was ihnen eingeflößt wird, tatsächlich so ist, und lassen sich davon in ihrem Verhalten leiten. Ein erschreckendes Beispiel aus dem Schulalltag für das Verhalten von in dieser Weise irregeleiteten Jugendlichen ist es etwa, wenn nach dem Unterricht deutsche Jugendliche, die einer bestimmten „Szene“ angehören, ohne ersichtlichen Grund einen ausländischen Mitschüler treten, bis dieser schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert werden muss.

3.5 Vorurteile und Feindbilder als Ausdruck ungelöster, eskalierter Konflikte

Konflikte haben unterschiedliche Anteile: intrapersonale und extrapersonale. Nicht gelöste Konflikte mit anderen bzw. Erfahrungen aus diesen übertragen wir schnell auf ähnliche Personengruppen. Wenn uns etwa ein Arzt nicht gut behandelt hat, sind wir schnell geneigt, diese Erfahrung auf andere Ärzte zu übertragen, insbesondere wenn ein klärendes Gespräch mit dem betreffenden Arzt wegen der „schlechten Behandlung“ nicht möglich war oder von ihm abgelehnt wurde.

Frieden Tabelle 1Frieden Tabelle 2Frieden Tabelle 3Frieden Tabelle 4

(aus: Petra Coleman, S. 85ff.)

Unter der Belastung von andauernden, zunehmend weiter eskalierenden und sich verhärtenden Konfliktsituationen können Vorurteile und Feindbilder entstehen und sich immer mehr verfestigen.

F. Glasl hat die Entwicklung und Eskalation von Konflikten untersucht und dabei 9 Eskalationsstufen herausgearbeitet, die im folgenden im Überblick dargestellt werden.

Vorab sei bereits gesagt: Ab der Stufe 3 verengt sich die Wahrnehmung zunehmend. Diese verengte Wahrnehmung ist der Nährboden für Vorurteile und spätere Feindbilder. Ab der Stufe 4 steuern Vorurteile und Feindbilder die Konfliktdynamik bereits in aller Deutlichkeit.

Fassen wir die wichtigsten Aspekte für unser Thema aus diesen Eskalationsstufen für Konflikte zusammen: Eine hohe Stufe der Konflikteskalation ist bereits bei Stufe 4 erreicht, da feindselige Haltungen auf beiden Seiten sichtbar sind und in jeder Handlung bestätigt werden. Die Einstellungen der Konfliktparteien werden damit zunehmend starrer und aggressiver, was die Kommunikation erheblich erschwert.

„Es ist ein stereotypes Bild, das nicht mehr durch andere Erfahrungen korrigiert werden kann, sondern fixiert ist. … Zwischen dem strahlenden Selbstbild und dem schmutzigen Feindbild gibt es kaum Zwischentöne. Die Stereotypen sind stark polarisiert und soziale Antipoden.“ (Fritz Glasl, S. 239). Diese Feindbilder sind projektiv entstanden. Indem der Feind abgewertet wird, wird man selbst aufgewertet. „Im Eskalationsgeschehen laden sich die polarisierten, antithetischen Stereotypen noch weiter auf und bewirken einen Spannungsstau, der sich in den Interaktionen kräftig entladen kann.“ (Glasl, S. 240)

Karrikatur Frieden 3Diese fixierten Bilder, die nicht mehr durch andere Erfahrungen korrigiert werden können, stehen ab jetzt und für alle weiteren Eskalationsstufen zwischen den Konfliktpartnern. Es findet nur mehr ein Denken in Dualitäten, also reine SchwarzWeißMalerei statt. Die Abwertung des anderen gilt der eigenen Aufwertung. Es gibt ein positives Selbstbild und ein negatives Feindbild. Das drückt sich auch in der Kommunikation aus. Auf der Stufe 4 werden keinerlei positive Eigenschaften des Feindes mehr gesehen. Einzig und allein stereotype Bilder bestimmen das Handeln.

Um so wichtiger ist es, Konflikte bereits in einem sehr viel früheren Stadium zu thematisieren und aufzuarbeiten, damit es mit Hilfe von professionellem Konfliktmanagement bzw. durch Mediation nicht zu weiteren Eskalationen kommt. Gelingt dies vor der Stufe 4, so bestehen gute Aussichten, dass keine nachhaltig wirkenden Vorurteile und Feindbilder entwickelt werden.

Auf der Stufe 5 nimmt die Eskalation nochmals gewaltig zu. Die Polarität verschärft sich von „Über/Untermensch“ (Stufe 4) zu „Himmel/Hölle“ bzw. „Engel/Teufel“ auf der Stufe 5. Durch alle möglichen Provokationen und Handlungen wird versucht, den Gegner zur besinnungslosen Raserei zu bringen. Dieses provozierte Verhalten des Gegners wird dann als Beweis für die Richtigkeit des eigenen Schattenbildes von ihm betrachtet.

Mit noch weiter zunehmender Eskalationsstufe (Stufe 6 – 9) regredieren dann die am Konflikt Beteiligten auf niedrigere Stufen menschlichen und ethischen Verhaltens. Dazu folgende Situation:

1945 wurden in Mähren Menschen „zu Paketen zusammengeschnürt, kreuzweise verknotet und so auf die Balustrade der Brücke über die March gehoben. Ein einbeiniger Greis stößt die Aufgereihten, ruhig und langsam, ganz systematisch arbeitend, mit seiner Krücke in den Fluss. Wenn eine Reihe fertig ist, werden die nächsten Menschenbündel auf das Geländer gepackt. Manche Pakete baten um Gnade. Andere schwiegen verbissen. Die Pakete winselten … beteten auch.“ (Benz, S. 48)

Wie viel Schreckliches, wie viel Verletzendes, welcher Hass, geschürt durch Vorurteile und Feindbilder, mag hier vorausgegangen sein, bevor Menschen zu so etwas fähig sind?

4. Konsequenzen und Schlüsse daraus: Umgang mit Vorurteilen und Feindbildern

„Feindbilder gehören offensichtlich zum Leben
und die Problematik besteht damit nicht
in deren Abbau, sondern im Umgang mit ihnen.“

(Peter Michael Pflüger, S. 7)

Wir selbst stehen in einer hohen Verantwortung den Bildern gegenüber, die wir uns von Menschen machen und die in Vorurteilen und Feindbildern münden können. Auf Grund unserer menschlichen wie politischen Verantwortung ist es notwendig, dass wir uns mit diesen Bildern viel stärker auseinandersetzen, als wir es normalerweise tun. Dies ist unsere eigene persönliche Aufgabe, nicht die anderer. Hier lässt sich nichts delegieren.

Was können wir als Personen, als Mitbeteiligte am Weltgeschehen, als Mitgestalter für ein friedvolleres Miteinander auf dieser Welt konkret und bewusst tun, um dem Prozess der Bildung und Entstehung von Vorurteilen und Feindbildern konstruktiv zu begegnen und ihm entgegenzuwirken?

  • Es gilt, uns jeden Tag aufs Neue der begrenzten Wahrnehmungsmöglichkeit, der wir selbst und andere Menschen unterliegen, bewusst zu werden und zu versuchen, Wünsche nach Erfüllung eigener Erwartungen, nach Allmächtigkeit oder Perfektionismus zu minimieren.
  • Als verantwortungsbewusste Menschen haben wir die Aufgabe, unsere eigenen Urteile und Vorurteile ständig zu hinterfragen und ganz bewusst zu akzeptieren, dass jeder Mensch auf dieser Welt zunächst die gleiche Berechtigung hat wie wir. VorUrteile dürfen keine EndUrteile werden, sondern sollten ein Anlass sein, uns dem Fremden und Neuen zunächst einmal offen zu stellen (s. Walter Kögl).
  • Wir müssen uns intensiv darum bemühen, vorschnelles oder zu spontanes Urteilen beim Denken wie beim Sprechen zu vermeiden im Sinne von: Das ist richtig, das ist falsch. Denn wir neigen dazu, viel zu schnell alles und jedes zu bewerten. Hier etwas zu verändern ist wichtig, vor allem auch in unserer Kommunikation nach außen.

Karrikatur Frieden 4

  • Jeder von uns kann – wenn auch in einem längeren und manchmal mühevollen Prozess – an seinen eigenen Blockaden arbeiten, seine eigenen „Schatten“ und „Projektionen“ erkennen lernen, beleuchten und transformieren in eine Haltung, die von Akzeptanz und Wertschätzung geprägt ist. Zunächst einmal für sich selbst und im zweiten Schritt auch für alle anderen Menschen, denen er in diesem Leben direkt oder indirekt begegnet. „Schattenakzeptanz bedeutet zu sehen, dass der Schatten zu uns gehört und damit zu vermeiden, dass wir ihn projizieren, oder zumindest die Bereitschaft, die Projektionen auch immer wieder zu hinterfragen. Das bedeutet aber Konflikt, Kränkung unseres Selbstwertgefühls, einmal akzeptiert dann aber auch Entlastung, Freiheit und Stärkung unseres Selbstwertgefühls. … Die Akzeptanz des Schattens hat weitreichende Konsequenzen. Wenn wir unseren Schatten kennen, seine Existenz akzeptieren und verantwortlich damit umgehen, dann rechnen wir auch mit dem Vorhandensein von Schatten in anderen Menschen. Wir gehen wohlwollender mit Schwächen und Fehlern um, werden toleranter.“ (Verena Kast, S. 159/160)
  • Einmal gemachte Erfahrungen (Vorausurteile) mit einzelnen Menschen oder Menschengruppen dürfen nicht verallgemeinert werden.
  • Es ist gefährlich und wenig hilfreich, andere mit unseren eigenen Maßstäben zu messen. Jede SchwarzWeißMalerei im Sinne von: „Das, was in der eigenen Gruppe, in der eigenen Kultur usw. geschieht, ist richtig, normal, angebracht und das, was fremde Kulturen oder Gruppen leben oder wie sie handeln, ist falsch“, muss vermieden werden.
  • Wir brauchen den echten Dialog und geduldiges Zuhören. Wir brauchen mehr interkulturelle Begegnungen für uns selbst, aber besonders auch unter Kindern und Jugendlichen, um hier persönliche Erfahrungen zu schaffen. Das bewirkt mehr Aufklärung und bessere Information, um die Unterschiedlichkeit, die verschiedenen Kulturen, Religionen und Nationalitäten besser verstehen zu können. Insbesondere rechtzeitig dort, wo sich Konflikte anbahnen.
  • Viele Menschen tun sich schwer, ihre Meinung und ihre Standpunkte zu revidieren, selbst wenn sie diese als falsch oder unzutreffend erkannt haben. Die Angst, eigene Fehler einzugestehen, ist groß. Um dem inneren Konflikt zu entrinnen, werden Indizien gesucht, die doch für die eigenen Behauptungen sprechen – selbst wenn man weiß, dass diese letztendlich vorschnell und falsch sind. Das verlangt von uns die Bereitschaft, selbstkritischer mit uns zu werden und umzulernen, gerade dann, wenn wir Irrtümer in unserer eigenen Argumentation erkennen. Dadurch hören wir auf, Vorurteile und Feindbilder weiter zu schüren. Das gelingt, wenn wir Argumente einsetzen, die einen konstruktiven Weg zueinander ebnen.
  • „Ein großes Wissen, aber vor allem intellektuelle Flexibilität, die Bereitschaft, neue Erfahrungen zu machen, Kritik zu verarbeiten und andere Standpunkte einzunehmen, gehen mit einer geringeren Vorurteilsneigung einher.“ (W. Bergmann, S. 7)
  • Menschen, denen wir in unserem Leben begegnen, haben ein Recht darauf, dass wir ihnen offener gegenübertreten, ihnen wenigstens eine realistische Chance geben und ihnen nicht gleich unterstellen, was in unseren Köpfen oder Herzen bereits im Sinne des kollektiven Gedächtnisses vorprogrammiert ist.
  • Es ist notwendig, dass wir lernen, unsere Wahrnehmungen zu differenzieren und zu hinterfragen, so dass es höchstens zu Vorausurteilen, aber nicht zu Vorurteilen und Feindbildern kommen kann. Wir haben durchaus die Möglichkeit, diese Bilder in uns zu revidieren, zu relativieren und im günstigsten Fall zu überwinden.

Für die eigene Reflexion können dazu folgende Fragen helfen:

  • Was deute und interpretiere ich in andere hinein?
  • Wo und wie stelle ich Ansprüche und Forderungen an andere, die sie gar nicht erfüllen können?
  • Wo habe ich meine blinden Flecke und projiziere meine eigenen Unzulänglichkeiten auf andere?
  • Wie kann ich Menschen, die mich umgeben, auch denen, die andere Lebensvorstellungen haben, konstruktiv und wertschätzend gegenübertreten?
  • Wo kann ich verzeihen, meine Aggression und Wut zurücknehmen?
  • Wie kann ich Probleme thematisieren, ohne andere mental in Schubladen zu stecken?
  • Wie kann ich mehr Empathie entwickeln, mich in andere hineinversetzen, ihre Perspektive besser verstehen?
  • Wie kann ich selbst Achtung und Respekt anderen Menschen gegenüber verstärkt vorleben?
  • Es ist notwendig, uns bewusst zu machen, dass Menschen, die andere Werte, andere, konträre Lebens und Grundeinstellungen haben als wir, nicht unbedingt unsere Feinde sein müssen.
  • Es ist wichtig, uns selbst die Zeit zu nehmen, Informationen zu hinterfragen bzw. die Mühe und Anstrengung zu unternehmen, eigene Informationen zu wichtigen Themen einzuholen.
  • Alle Menschen verdienen Gleichbehandlung, Mitmenschlichkeit, Empathie (= Einfühlungsvermögen) und Respekt (s. Werner Bergmann, S. 3). Vorurteile und Feindbilder verstoßen durch vorschnelles Urteilen gegen diese Grundsätze der Menschenrechte, gegen die Normen der Rationalität und die Gerechtigkeit. Auch aus diesem Grund gilt es, sie abzubauen.
  • Jede Politik und jeder politisch Verantwortliche hat deshalb die Aufgabe, Feindschaften möglichst gewaltarm zu kanalisieren. Unsere Aufgabe ist es, eine Politik zu fordern und zu unterstützen, die das zu ihrem Prinzip gemacht hat.
  • Der konstruktive Abbau von Vorurteilen und Feindbildern ist eine zentrale Aufgabe besonders der Medien. Hier finden wir einen Bereich, auf den wir durch Auswahl, Resonanz und Kritik besonderen Einfluss haben.

Es ist nicht leicht, aber wir können es schaffen, uns zugefügte Verletzungen, erlebte Herabsetzung, persönliche Erniedrigungen usw., die wir durch andere Menschen erfahren haben, anzunehmen, negative Emotionen aufzuarbeiten und zu transformieren – zu unserem eigenen Besten und damit wir innerlich in uns wieder Ruhe und Frieden erfahren können. Es ist wichtig, Menschen, die uns verletzt haben, nicht als Feinde zu deklarieren, auch wenn unsere negativen Emotionen für sie sehr tief gehen. Die Tiefe der Emotionen zeigt die Tiefe des Schmerzes, den wir erlebt haben.

Dennoch: Nur, wenn wir uns von diesen tiefen, schmerzhaften Emotionen lösen und wieder frei machen können, ist ein neuer Weg möglich.

Ganz besonders gilt – das soll abschließend an dieser Stelle bewusst noch einmal hervorgehoben werden – sich dem Prozess der eigenen Projektionen offen zu stellen. Ohne das ist kaum ein konstruktiver Weg für die Zukunft möglich. Es ist unsere Aufgabe, unsere eigenen inneren Bilder, die wir auf andere übertragen, genauer anzuschauen und uns dabei zu fragen: Was hat das mit mir selbst zu tun? Welchen Teil von mir sehe ich in dem anderen? Nur so kann es gelingen, die Überzeugungen, die wir über andere Menschen gewonnen haben, in Frage zu stellen, zu überprüfen und zu korrigieren.

Es geht darum, differenzierter hinzusehen: Was entspricht der Wirklichkeit und was übertrage ich, ohne mir dessen bewusst zu sein? Hier liegt eine ganz große Chance für notwendige Veränderungen, auch wenn wir uns der Tatsache bewusst sein müssen, dass uns die Rücknahme von Projektionen immer nur in Teilen gelingen wird und wir wohl nie dahin kommen werden, anderen Menschen vollkommen vorurteilsfrei begegnen zu können.

Vorurteile und Feindbilder verhindern die Unvoreingenommenheit, die in unserer Zeit und Welt der Globalisierung so wichtig ist. Sie verhindern Toleranz, die eine tragende Säule eines weltweiten, konstruktiven Miteinanders in Gegenwart und Zukunft ist.

Karrikatur Frieden 5

5. Toleranz – eine Vorstufe zum Frieden

„Feind wie Freundbilder verdecken, wenn sie auf Völker oder sonstige Gruppen angewandt werden, die komplexe Realität. Sie verstellen den Zugang zum einzelnen Menschen, sie verhindern die Analyse der sozialen und politischen Bedingungen, die die Menschen geprägt haben … wer aber seiner eigenen Identität sicher ist und zugleich genügend Distanz zu ihren kollektiven Komponenten hat, der braucht nicht die Abwertung des anderen, kann das Anderssein des anderen tolerieren …“
(Peter Michael Pflüger, S. 65/66)

Toleranz verstanden als Einbindung und nicht Ausgrenzung, als Respekt vor den unterschiedlichen Kulturen auf dieser Welt, als Anerkennung unterschiedlicher Identitäten kann nur da entstehen, wo man bereit ist, sich selbst zu hinterfragen und seine eigenen unterdrückten Gefühle und Konflikte aufzuarbeiten.

Wir versagen als Menschen, wenn wir den Dialog miteinander nicht fortführen, auch wenn das eigene Überwindung, das Springen über den eigenen Schatten bedeutet, insbesondere in bereits angespannten, konfliktgeladenen Situationen. Wir müssen stärker an uns arbeiten, uns unsere Wahrnehmungen, Gefühle, Phantasien, Absichten, Bewertungen, Gedanken usw. schneller bewusst machen und überprüfen. Das ist Toleranz und Friedensarbeit uns selbst gegenüber.

Diese praktisch gelebte Toleranz – im Unterschied zur repressiven Toleranz – bedeutet weder das Tolerieren von sozialem Unrecht, noch die Schwächung eigener Überzeugungen, sondern, dass jedem einzelnen Menschen auf dieser Welt die Freiheit auf die Wahl seiner Überzeugungen zugestanden wird, sofern er die Rechte anderer anerkennt.

Um Vorurteile und Feindbilder zu überwinden, bedarf es zwischen Gruppen, Nationen und Völkern viel Zeit, Geduld und guten Willen. Dabei ist eine günstige Atmosphäre wichtig, damit wieder Vertrauen aufgebaut werden kann. Auch das ist Toleranzarbeit. Wir können diesem Phänomen „Vorurteile und Feindbilder“ nur konstruktiv begegnen, wenn wir eine positive, entwicklungsfördernde Wertebasis in uns tragen bzw. immer wieder von neuem aufzubauen und zu stärken suchen. Der Wert „Toleranz“ spielt dabei eine besondere Rolle.

Wo Toleranz, Respekt, gegenseitige Wertschätzung fehlen, entstehen Vorurteile und Feindbilder häufiger, schneller, unkontrollierter. Ohne positive, entwicklungsfördernde Wertebasis führen menschliche Erfahrungen wie Abwertung und Geringschätzung vor allem in Verbindung mit Emotionen wie Aggression, Hass und Wut leicht zu Feindbildern.

Wenn wir lernen, Andersartigkeit zu akzeptieren, wenn wir der Vielfalt in dieser Welt eine Chance geben und daran glauben, dass es genügend Raum für alle Unterschiedlichkeiten gibt, wenn wir erneut beginnen, miteinander zu reden, und Konflikte frühzeitig gemeinsam und miteinander konstruktiv bearbeiten, dann kann eine Neuentwicklung angebahnt und verwirklicht werden.

Toleranz ist gerade dort gefordert, wo uns Fremdes begegnet. Sie ist keine einmalige Errungenschaft, sondern braucht jeden Tag neue Zeichen. Tolerant sein heißt aktiv sein, bedeutet aktives Verstehen, aktives Aufeinanderzugehen, aktive Wertschätzung. Nur so kann es uns bei allen ethischen, kulturellen, politischen und religiösen Unterschieden gelingen, das Gegeneinander, das Ab und Ausgrenzen abzubauen und ein sinnerfülltes Miteinander und Füreinander aufzubauen. Ein langer Weg, eine tägliche Herausforderung!

Was uns im ersten Anlauf so schwierig erscheint: Es hängt von uns selbst und unserer inneren Bereitschaft ab, zu lernen in großzügigeren Dimensionen zu denken, unser Lösungsrepertoire zu erweitern und nicht zu schnell zu urteilen und zu verurteilen. Aber auch davon, dass wir gedanklich Lösungsmöglichkeiten zulassen, an die wir bisher noch gar nicht gedacht haben oder von denen wir nicht geglaubt hätten, dass es sie gibt. Toleranz erfordert letztendlich vor allem Geduld: uns und anderen gegenüber.

Karrikatur Frieden 6Karrikatur Frieden 7


Text- und Grafikquelle: Studiengesellschaft für Friedensforschung

Die Studiengesellschaft für Friedensforschung hat verschiedene Schriften in Form von «Denkanstößen» herausgebracht, welche auch in gedruckter Form erhältlich sind. Wer hier Interesse hat, kann diese gerne unter der u.a. Kontaktadresse beziehen.

Studiengesellschaft für Friedensforschung e.V.
Fritz-Baer-Straße 21
81476 München
Telefon/Fax (0 89) 724 471 43
E-Mail: info@studiengesellschaft-friedensforschung.de


Beitragsbild: «Frieden» – www.pixabay.com/de

Literaturverzeichnis

ART, Antirassismustraining für Jugendliche – ein Baustein zum Projekt ‚Miteinander leben‘, Heigl, 2000
Jan Assmann, Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität, in: Jan Assmann und Tonio Hölscher (Hrsg.), Kultur und Gedächtnis, Frankfurt am Main 1988
Wolfgang Benz, Feindbild und Vorurteil, München 1996
Werner Bergmann, Was sind Vorurteile? in: Informationen zur politischen Bildung, Vorurteile – Stereotype – Feindbilder, Nr. 271/2001
Medardus Brehl, Kristin Platt (Hrsg.), Feindschaft, München 2003
HansWerner Bierhoff, Michael Jürgen Herner, Begriffswörterbuch Sozialpsychologie, Stuttgart 2002
Petra Coleman, The Way of Change – 7 Basics für erfolgreiche Veränderungsprozesse in Unternehmen, München 2002
Das Bild vom Feind, Arbeitsgemeinschaft Friedenspädagogik, München 1983
F. Dorsch, Psychologisches Wörterbuch, 10. Auflage, Bern Stuttgart Wien 1982
Fritz Glasl, Konfliktmanagement, Stuttgart 1999
Bert Hellinger, Der Friede beginnt in den Seelen, Heidelberg 2003
Ernst Johann (Hrsg.), Innenansicht eines Krieges. Bilder, Briefe, Dokumente 1914 – 1918, Frankfurt a. M. 1968
Verena Kast, Sich wandeln und sich neu entdecken, Freiburg 2000
Norbert Kühne u. a., Psychologie für Fachschulen und Fachoberschulen, Köln München 2001
Walter Kögl, Vortrag an der Stiftungsfachhochschule für Sozialwesen, München
Alexander Mitscherlich, Vorurteile – ihre Erforschung und Bekämpfung, Frankfurt am Main 1957
Joseph O’Connor, John Seymour, Neurolinguistisches Programmieren – Gelungene Kommunikation und persönliche Entfaltung, Freiburg im Breisgau 1997
Peter Michael Pflüger, Freund und Feindbilder, Olten 1986
Josef Rattner, Aggression und menschliche Natur, Frankfurt am Main 1973
Arthur S. Reber, Dictionary of Psychology, 2. Auflage, London 1995
Harald Welzer, Das Soziale Gedächtnis, Hamburg 2001
Georg Harald ZawadzkyKrasnopolsky, Leadership ohne Vorurteile, Beobachten statt Behaupten, München 2002

Wlan

WLAN: Ein unkontrolliertes Experiment

von NEXUS-Magazin

Jahrzehnte wissenschaftlicher Forschung über die schädlichen Auswirkungen elektromagnetischer Felder legen nahe, einen vorsichtigeren Umgang mit mobilen Kommunikationstechnologien zu pflegen. Das gilt besonders für Kinder und Heranwachsende, da die gefährliche Strahlung tief ins Hirn eindringen kann.

Die jahrzehntelange wissenschaftliche Erforschung des Gefahrenpotenzials elektromagnetischer Felder zeigt, dass wir Kommunikationstechnologien wie Mobilfunk und WLAN umsichtiger verwenden müssen. Gerade bei Kindern ist Vorsicht geboten, denn die schädliche Strahlung kann tief in ihr Gehirn eindringen.

Das 21. Jahrhundert ist durch die stark beschleunigte Entwicklung der drahtlosen Kommunikation gekennzeichnet. Zur elektromagnetischen Verschmutzung der Atmosphäre tragen nicht nur Radio- und Fernsehsignale bei, sondern auch Satellitenübertragungen und in neuerer Zeit die Wi-Fi-Netzwerke (WLAN). In den Vereinigten Staaten waren im Jahr 2010 bei etwas über 300 Millionen Einwohnern bereits 285 Millionen Mobiltelefone registriert. Schätzungen zufolge nutzen von den ca. sieben Milliarden Menschen auf unserem Planeten derzeit mehr als fünf Milliarden Mobiltelefone.

Vor zwei Jahren stufte die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) die im Mobilfunk verwendeten elektromagnetischen Felder als möglicherweise krebserregend ein. Dieser Artikel diskutiert die Gesundheitsgefahren elektromagnetischer Strahlung ebenso wie die fehlenden wissenschaftlichen Erkenntnisse und behördlichen Maßnahmen, die nötig sind, um das Leben auf unserem Planeten besser zu schützen.


Das Problem: Ionisierende vs. nicht-ionisierende Strahlung

Elektromagnetische Felder

Die heutige Wissenschaft legt ihr Augenmerk verstärkt auf zwei physikalische Einflussfaktoren: ionisierende und nicht-ionisierende Strahlung. Hierbei sollen gemeinsame Wirkungsmechanismen gefunden und der Nutzen für die Bevölkerung ebenso wie die Gesundheitsgefahren erforscht werden. Beiden Phänomenen gemein ist das Wort „Strahlung“. Aus der Sicht des Physikers handelt es sich dabei um zwei verschiedene Erscheinungen, die separat beschrieben werden. Dabei wird jedoch völlig vernachlässigt, dass der jeweils andere Faktor gleichzeitig vorhanden ist, dass die beiden Strahlungsarten also gemeinsam vorkommen und wirken.

Nach gängiger Auffassung ruft ionisierende Strahlung Gesundheitsschäden hervor, die durch energetische Wirkung und die dadurch resultierende Ionisation des Körpergewebes entstehen. Die Schäden treten bei Überschreitung bestimmter Grenzwerte auf und können bereits kurze Zeit nach der Bestrahlung sichtbar werden, normalerweise innerhalb einiger Stunden oder Tage. Nach jahrzehntelanger Forschung kennt die Wissenschaft heute eine Vielzahl potenziell gefährlicher Auswirkungen ionisierender Strahlung. Die Forschungsergebnisse bestätigten sich bei der Auswertung der Gesundheitsschäden, an denen die Reaktorbelegschaft und die Bevölkerung nach dem Tschernobyl-Unfall vor einem Vierteljahrhundert litten (Grigoriev, 2012a, 2012b; Sage, 2012).

Was wissen wir aber über nicht-ionisierende Strahlung? Im Grunde gar nichts. Nicht einmal das Verhalten einfacher, in der Natur vorkommender magnetischer, elektrischer und elektromagnetischer Felder (EMF) verstehen wir komplett, obwohl auch hier Forschung betrieben wird. Die Erde ist einer großen Zahl elektromagnetischer Strahlungsquellen aus dem Weltall ausgesetzt. Die bislang ausgereifteste Analyse der Evolution unserer Biosphäre aus dem Blickwinkel der Weltall-Erde-Beziehungen wurde vor langer Zeit von Chizevskii angefertigt. Vor über 45 Jahren verfasste der hervorragende sowjetische Bioelektromagnetismus-Forscher Yuri Kholodov das Buch „Man in the Magnetic Web“. Lange bevor der Mobilfunk aufkam, wies Kholodov bereits darauf hin, dass unsere Biosphäre in einen Ozean elektromagnetischer Wellen getaucht ist.

Das ist aber noch nicht das ganze Problem. Der raschen Entwicklung der Nachrichtenübermittlung durch Satelliten folgte die Einführung der Mobiltelefone und in jüngerer Zeit der WLAN-Technologie. Hierdurch haben sich die elektromagnetischen Umweltbedingungen drastisch verändert. Die gesamte Biosphäre – jeder auf der Erde lebende Organismus – ist kontinuierlich dem Einfluss elektromagnetischer Felder ausgesetzt, deren Quellen wir nicht bemerken, und deren Amplituden und Frequenzen wir nicht kennen. Zumeist beachten wir das komplexe Strahlennetzwerk gar nicht, das – neben Satelliten und Mobiltelefonen – auch von Radio- und Fernsehsendern, WLAN-Basisstationen und sonstigen drahtlosen Kommunikationsmitteln erzeugt wird.

Wo wir gerade bei den Gefahren der Wi-Fi-Technologie sind, sollten wir darauf hinweisen, dass hierzu nicht nur WLAN-fähige Mobiltelefone gehören, sondern – viel wichtiger – alle Sender und Verteiler von WLAN-Signalen, hauptsächlich Antennen, Funk-Router, und Basisstationen. An vielen öffentlichen Orten werden WLAN-Zugänge errichtet, damit wir mobil im Internet arbeiten können. Das mag verständlich klingen. Warum muss aber auch in U-Bahn-Tunneln die Versorgung sichergestellt werden? Das erfordert offensichtlich Richtstrahlung mit hoher Sendeleistung, der alle Fahrgäste ausgesetzt sind, nur damit die Nutzer von Smartphones und sonstigen WLAN-Spielzeugen bequem im Netz surfen können.

Was genau ist WLAN? Es handelt sich um eine beliebte und verbreitete Technologie, mit der elektronische Geräte drahtlos (durch Funkwellen) Daten über ein Computernetzwerk austauschen können. Dazu gehört auch Highspeed-Internet. WLAN-fähige Geräte verbinden sich mit einer Netzwerk-Ressource (z. B. dem Internet) über eine Basisstation, also einen drahtlosen Netzwerk-Zugriffspunkt. Eine solche Basisstation hat innerhalb von Gebäuden eine Reichweite von ca. 20 Metern, außerhalb ist die Reichweite deutlich größer.

Die Grafik von Nickolay Lamm zeigt, wie WLAN-Funkwellen dem menschlichen Auge erscheinen würden, wenn wir sie sehen könnten. Quelle: http://tinyurl.com/mwd9vu7


Elektromagnetische Felder in der Biosphäre

Die Wirkung nicht-ionisierender Strahlung kann – im Gegensatz zu ionisierender – so gut wie nie direkt bei der Bestrahlung (oder kurz danach) beobachtet werden. Selbst wenn wir „thermische“ Einflüsse betrachten und die spezifische Absorptionsrate (SAR) hinzuziehen, ist nachweislich immer eine gewisse Zeitspanne nötig, bis eine Wirkung eintritt (vgl. Markov, 2006).

Durch unsere langjährige Erfahrung in der Strahlenbiologie und der Bioelektromagnetismus-Forschung können wir bestätigen, dass die biologischen Auswirkungen elektromagnetischer Felder auf den menschlichen Körper keine thermischen sind. EMF müssen vielmehr aus niedrigenergetischen Gesichtspunkten betrachtet werden. Hier sind Proteinfaltungsänderungen (Konformationsänderungen) in Zellstrukturen und Einflüsse auf die biochemische Signal-Transduktions-Kaskade ebenso zu beachten wie die Ausprägung der EMF auf der Ebene wichtiger Biomoleküle. Die Auswirkungen haben vermutlich eher informatorischen Charakter, deshalb dauert es eine gewisse Zeit, bis weitere biochemische und physiologische Veränderungen anlaufen und wahrnehmbar werden (vgl. Markov, 2012).

In den späten 1970er und den 1980er Jahren kamen Diskussionen über zwei Probleme der öffentlichen Gesundheit auf: Einerseits die potenzielle Gefahr, die von niederfrequenten EMF ausgeht (z. B. aus Stromleitungen), andererseits die mobile Kommunikation, die hochfrequente EMF nutzt und eine ernste Gesundheitsgefahr für die Bevölkerung darstellt. Ein Autor wies darauf hin, dass die heutige Menschheit Teil eines globalen Experiments ist, das von der Industrie ohne jede Regulierung, Vorschrift und Kontrolle durchgeführt wird (vgl. Grigoriev, 2012b).

In den letzten beiden Jahrzehnten entwickelte sich die drahtlose Kommunikation zur am schnellsten wachsenden Technologie. Sie hat sich über die gesamte Erde verbreitet. Etwa fünf Milliarden Mobiltelefone sind registriert, in Industrieländern ebenso wie in Entwicklungsländern. Dabei sind nicht nur die Benutzer der Funktechnologie der exponentiell wachsenden Belastung durch Hochfrequenzstrahlung ausgesetzt, sondern sämtliche Bewohner des Planeten.

In öffentlichen Räumen wie Schulen, Supermärkten, Krankenhäusern und Verkehrsmitteln können wir beobachten, dass fast jeder junge Mensch ein elektronisches Gerät bei sich trägt – sei es ein Spiel oder die neueste Version eines Smartphones. Einen solchen Zivilisationsfortschritt bietet uns die heutige Industrie und Technik. Die Frage ist nur: zu welchem Preis?

Mobiltelefone senden Hochfrequenzstrahlung mit einer Energiedichte aus, die ca. zwei Milliarden mal höher ist als bei natürlich vorkommender Strahlung. Zudem sind sie so konzipiert, dass sie direkt am Kopf des Benutzers betrieben werden. Deshalb wird ein Großteil der Sendeleistung unmittelbar in den Kopf abgestrahlt. Die kleinen Mobiltelefone geben auf effektive Weise eine große Energiemenge in kleine Bereiche des Kopfes ab, wodurch sie Schäden am Gehirn verursachen können.


EMF-Emission und -Absorption

Wir möchten an der Stelle anmerken, dass dieses um sich greifende Problem nicht neu ist. Im Jahr 1995 bemerkte Robert C. Kane:

„Die heutige Praxis der Herstellerindustrie, mit vollem Wissen Produkte zu vermarkten und zu vertreiben, die dem menschlichen Körper Schaden zufügen, ist in der Geschichte der Menschheit beispiellos.“ (Kane, 2001)

Was ist der eindringlichen Aussage eines ehemaligen Chefentwicklers der Firma Motorola noch hinzuzufügen? [Kanes Buch „Cellular Telephone Russian Roulette“ steht unter http://tinyurl.com/7vymy8x komplett im Netz.]

Eine der ersten Arbeiten zur Absorption elektromagnetischer Energie wurde von Schwan und Piersol (1954) veröffentlicht. Die Autoren knüpfen darin eine Verbindung zwischen Gewebeaufbau und Strahlungsaufnahme. Wichtig hierbei: Die Zusammensetzung von Körpergewebe ist sehr komplex und unterscheidet sich von Organ zu Organ ebenso wie von Mensch zu Mensch. Aus biophysikalischer Sicht hängt die Energieabsorption auch davon ab, wie tief die Strahlung bei unterschiedlichen Sendefrequenzen in das Gewebe eindringt. Im Bereich zwischen 825 und 845 MHz liegt die Eindringtiefe zwischen 2,0 und 3,8 cm (vgl. Polk & Postow, 1986).

Vor 40 Jahren schrieb Michaelson über wiederholte Strahlenbelastung:

„Der kumulative Effekt ist so zu verstehen, dass sich die Schäden bei mehrfacher Strahlenbelastung anhäufen. Dabei ist jede einzelne Bestrahlung in der Lage, einen geringfügigen Schaden zu verursachen. Anders ausgedrückt: Eine Einzelbestrahlung kann eine unmerkliche thermische Verletzung nach sich ziehen, wobei der Körper den erlittenen Schaden selbst reparieren kann, wenn genügend Zeit (Stunden oder Tage) zur Verfügung steht. Der Schaden ist daher reversibel und geht nicht in einen auffälligen permanenten oder semipermanenten Zustand über. Kommt es innerhalb der zur Heilung nötigen Zeitspanne zu einer weiteren Strahlungseinwirkung (oder mehreren), kann der Schaden eine permanente Stufe erreichen.“ (vgl. Michaelson, 1972)

Die wiederholte Reizung eines bestimmten Gewebebereichs („Hot Spot“, z. B. ein kleiner Teil des Gehirns) kann also zu einem dauerhaften und irreparablen Defekt führen. Ein Teil des Problems liegt darin begründet, dass die betroffene Person nichts über das Eindringen der Strahlung und die damit verbundene Gefahr weiß.

Wie wir sehen, liefert uns die Wissenschaft der 1950er bis 1990er Jahre bereits grundlegende Erkenntnisse und Nachweise, dass hochfrequente elektromagnetische Felder menschlichen Organen Schaden zufügen können, insbesondere dem Gehirn. Wir haben sogar detailliertes Wissen über die Wirkung in verschiedenen Frequenzbereichen: Eine Reihe von Studien ergab, dass elektromagnetische Energie im Bereich um 900 MHz schädlicher sein kann als Strahlung im Bereich von 2.450 MHz, weil sie tiefer in organisches Gewebe eindringen und demzufolge mehr Energie in das Gewebe transportieren kann. Im Jahr 1976 schloss J. C. Lin, dass mit einer Frequenz von 918 MHz ausgestrahlte elektro­magnetische Felder bei ähnlicher Energiedichte eine größere Gefahr für das menschliche Gehirn darstellen als mit 2.450 MHz ausgestrahlte. (vgl. Lin, 1976).

SElektrosmogtudien über Diathermie-Anwendungen [„Kurzwellen-Therapie“, Anm. d. Übers.] zeigen ebenfalls übereinstimmend, dass elektromagnetische Energie bei Frequenzen um und unter 900 MHz am besten geeignet ist, tief in Hirngewebe einzudringen. Verglichen mit höheren Frequenzen ist die Eindringtiefe in diesem auch von Mobiltelefonen verwendeten Frequenzbereich deutlich größer. Tief liegendes Gewebe (z. B. das Gehirn) absorbiert die größten Energiemengen, während Fettschichten und Knochen viel weniger Energie aufnehmen (vgl. Johnson & Guy, 1972). Wichtig ist die Anmerkung, dass thermische Effekte in tief liegenden Gewebeschichten nachweislich ohne signifikante Erhitzung der Gewebeoberfläche auftreten können. Natürlich sind die Frequenzen, bei denen Diathermie- und Hyperthermie-Anwendungen (Überwärmungstherapie) die besten therapeutischen Resultate erzielen, auch diejenigen, die unter unkontrollierten Bedingungen dem Menschen am gefährlichsten werden können. Gerade die förderlichen Absorptionseigenschaften der Frequenzbereiche um 750 und 915 MHz machen also die Strahlung von Mobiltelefonen im 825–845-MHz-Band so gefährlich (vgl. Kane, 2001).


Probleme bei Standards und Richtlinien

Nun stellt sich die offensichtliche Frage: Wenn die Wissenschaft schon seit Jahrzehnten Kenntnisse über die Gefahren elektromagnetischer Strahlung hat, warum stehen solche Probleme dann nicht ganz oben auf der Prioritätenliste der heutigen Forschung? Wir möchten zwei Hauptgründe dafür nennen: die politische Macht der Industrie und das Versagen der Wissenschaftsgemeinde.

Die wichtigsten Regularien und Standards wurden vom Verband der Ingenieure für Elektrotechnik und Elektronik (IEEE) und der Internationalen Kommission für den Schutz vor nicht-ionisierender Strahlung (ICNIRP) in den Jahren 2005 und 2009 etabliert. Die beschriebenen Verfahren und die Terminologie werden von Physikern und Biologen nicht anerkannt, bleiben aber dennoch geltende Richtlinien, hauptsächlich für die Industrie.

Dass im Zusammenhang mit Hochfrequenzstrahlung über potenzielle „gesundheitliche Auswirkungen“ statt „Gesundheitsgefährdung“ gesprochen wird, kann nur verwundern. Der Begriff „Auswirkungen“ wird möglicherweise bewusst falsch verwendet, um die Bevölkerung nicht wegen der Gefahren in Unruhe zu versetzen, die mit dem Einsatz der Strahlung in der Nähe des menschlichen Gehirns einhergehen.

Wenn Ingenieure behaupten, ein über die thermische Wirkung hinausgehender Einfluss von Hochfrequenzstrahlung könne nicht belegt werden, führen sie die Wissenschaft ebenso wie die Bevölkerung in die Irre. Darauf haben wir an anderer Stelle (vgl. Markov, 2006) bereits hingewiesen. Die Möglichkeit nicht-thermischer Auswirkungen zu verneinen ist unvernünftig. Noch schlimmer ist die erwähnte Vermischung von „Auswirkungen“ und „Gefahren“. Von der Bioelektromagnetismus-Forschung wurden hunderte Abhandlungen veröffentlicht, die sich der Gentoxizität sowie den Modifikationen an der DNS und anderen wichtigen Biomolekülen widmen. In einer Arbeit von Israel, Zaryabova und Ivanova (2013) wird richtig darauf hingewiesen, dass selbst die von internationalen Ausschüssen vorgelegte Definition des thermischen Effekts nicht akkurat ist.

Epidemiologen behaupten, dass keine schlüssigen Beweise für DNS-Modifikationen vorliegen. Ebenso behaupten sie, dass es „keine überzeugenden und konsistenten Beweise für einen Zusammenhang zwischen der von Mobiltelefonen ausgehenden nicht-ionisierenden Strahlung und einem Krebsrisiko“ gebe (Boice & Tarone, 2011). Erstaunlicherweise wurde der Artikel von Boice & Tarone publiziert, nachdem die IARC Hochfrequenzstrahlung als „für Menschen möglicherweise krebserregend“ eingestuft hatte. In einem kürzlich veröffentlichten Artikel erörtert Markov (2012), wie die lange hinausgezögerte Publikation der Interphone-Daten dazu führte, dass zwei Teilnehmergruppen der Studie einander widersprechende Arbeiten veröffentlichten.

Seit über einem halben Jahrhundert arbeitet eine Gruppe bedeutender Strategen und Richtliniengestalter – darunter auch Wissenschaftler – mit dem Begriff „SAR“. Die spezifische Absorptionsrate (SAR) wird in Watt pro Kilogramm (W / kg) oder Milliwatt pro Gramm (mW / g) angegeben. Sie ist ein Maß für die Energie, die von einem gegebenen Körpergewebe absorbiert wird. D. h., sie gibt die aufgenommene Strahlungsmenge an, nicht aber die von einem Gerät ausgesendete. Die Energie-Absorption erfolgt bei verschiedenen Menschen und Organen uneinheitlich und abhängig von der Sendefrequenz. Trotzdem wird der Begriff bis heute oft als Maß für die von einer EMF-Quelle abgegebene Energie benutzt. Wie soll ein technisches Gerät aber auf solche Weise charakterisiert werden? Noch einmal: Der SAR-Wert sagt aus, wie viel Energie von einem Gramm Körpergewebe aufgenommen wird.

Die unsachgemäße Verwendung des SAR-Begriffs spielt den Befürwortern der WLAN-Technologie in die Hände und ist für die Gerätehersteller von besonderem Vorteil. Stets bekräftigen sie, dass keine Erhitzung von Hirngewebe durch Hochfrequenz-EMF stattfinde und daher keine Gefahr für das menschliche Gehirn bestehe. Dabei vernachlässigen sie komplett, dass die meisten biologischen Auswirkungen nicht-thermisch sind. Wir sind davon überzeugt, dass die Sicherheitsrichtlinien unter Einbeziehung der Energieabsorption neu formuliert werden müssen.


WLAN und Mobiltelefone: Auswirkungen auf Kinder

Jeder – vom Baby bis zum Rentner – ist einer großen Zahl verschiedenartiger elektromagnetischer Felder ausgesetzt. Ein Großteil dieser Menschen ist an mobiler Kommunikation nicht interessiert. Besonders für Kinder sind die Strahlen gefährlich – viele von ihnen benutzen schon in sehr jungen Jahren Mobiltelefone ohne jede elterliche Kontrolle. Nachfolgend erläutern wir die Gefahren, die hochfrequente elektromagnetische Felder für den Teil der Bevölkerung mit sich bringen, der drahtlose Kommunikationsmittel am häufigsten verwendet: Kinder und junge Erwachsene.

Quelle: „Humanity At The Brink“. Wi-Fi-Report von Barrie Trower. http://rense.com/general96/trower.html

Bei der Risikobewertung müssen wir uns in erster Linie auf das sensible Gehirn konzentrieren, das sich bei Kindern noch in der Entwicklung befindet. Durch die Verwendung von Mobiltelefonen sind Kinder täglich und über Jahre hinweg elektromagnetischen Feldern ausgesetzt. Das hat auch Auswirkungen auf die komplexen Nervenstrukturen im Innenohr, die für das Gehör verantwortlich sind und gleichzeitig das vestibuläre System (Gleichgewichtsorgan) bilden (vgl. Grigoriev, 2006a, 2006b, 2012b).

Zum ersten Mal in der Geschichte unserer Zivilisation werden kritisch wichtige Organe des menschlichen Körpers – das Gehirn und die Nervenstrukturen im Innenohr – komplexen EMF unbekannter Stärke ausgesetzt. Aus physiologischen Gründen nimmt das Gehirn eines Kindes mehr hochfrequente elektromagnetische Strahlung auf als das eines Erwachsenen. Davon sind auch Hirnregionen betroffen, die für die intellektuelle Entwicklung verantwortlich sind. Kürzlich wurden Daten über den schädlichen Einfluss elektromagnetischer Felder auf die kognitiven Funktionen des Gehirns veröffentlicht (vgl. Grigoriev, 2012b). Zusätzlich muss beachtet werden, dass Kinder – wie von Divan, Kheifets und Obel (2008) gezeigt – bereits während der embryonalen Entwicklung elektromagnetischen Einflüssen ausgesetzt sein können.

An dieser Stelle ist es zweckmäßig, die Position der Weltgesundheitsorganisation WHO darzulegen:

„Kinder unterscheiden sich von Erwachsenen […]. Sie sind in besonderem Maße gefährdet. Während ihrer Wachstums- und Entwicklungsphase entstehen „Anfälligkeitsfenster“ – Phasen, in denen ihre Organe besonders empfindlich für bestimmte Umwelteinflüsse sein können.“ (vgl. WHO, 2003)

Leider stehen uns keine ausreichenden wissenschaftlichen Daten zur Bewertung der Gefahren zur Verfügung, die von mobiler Kommunikation ausgehen. Niemand hat bisher umfassend untersucht, welche Schäden während der Entwicklungsphase am kindlichen Gehirn entstehen können (vgl. Markov, 2012). Studien zu langfristigen Schädigungen der Hirnfunktionen bei Kindern, die kontinuierlicher Bestrahlung durch hochfrequente EMF ausgesetzt sind, liegen überhaupt nicht vor. Deshalb sollten wir bei dem Thema bei Null beginnen. Leider reagieren die verantwortlichen internationalen Organisationen und Behörden nur langsam auf das rasche Technologiewachstum. Sie vernachlässigen im Prinzip vollständig die Gefahren, denen Kinder beim mobilen Telefonieren ausgesetzt sind (vgl. Grigoriev, 2008; Markov, 2012).

Vor über zehn Jahren bezeichnete einer der Teilnehmer der WHO-Konferenz zur Harmonisierung von Standards die Vernachlässigung der von hochfrequenten EMF ausgehenden Gefahren für Kinder als Verbrechen gegen die Menschlichkeit (vgl. Markov, 2001).


Aufruf an Wissenschaftler und Ingenieure

Bei ionisierender Strahlung besteht in jedem Fall ein Zusammenhang zwischen der Strahlendosis und der Wirkung. Bei nicht-ionisierender Strahlung hingegen existiert grundsätzlich kein Schwellenwert, ab dem Auswirkungen zu beobachten sind. Zusätzlich benötigen die Effekte Zeit, um sich zu entwickeln, und werden eventuell durch verschiedene Faktoren abgeschwächt oder verstärkt (Grigoriev, 2006a, 2006b).

Unglücklicherweise haben Wissenschaftler, Politiker und Gesetzgeber die Langzeitwirkungen nicht-ionisierender Strahlung (oft aus mehreren Quellen gleichzeitig) bisher unterschätzt. Im Jahr 2003 veröffentlichte die IEEE eine Richtlinie, laut der nur der thermische Effekt biologische Auswirkungen nach sich zieht (Cho & D’Andrea, 2003). Keine Erwärmung – keine Wirkung. Die Richtlinie kommt der Industrie sehr gelegen, steht aber einer wissenschaftlichen Beurteilung der gesundheitlichen Aspekte im Weg. Wir meinen, dass die Wissenschaft stärker daran arbeiten muss, die potenziellen Gefahren zu erforschen, die dem menschlichen Organismus durch mobile Kommunikation drohen.

In dieser Hinsicht ist es wichtig, nochmals zu betonen, dass die IARC hochfrequente elektromagnetische Felder als möglicherweise krebserregend eingestuft hat (Gefahrenklasse 2B). Vor weniger als zwei Jahren änderte diese wichtige internationale Behörde ihre Einstufung von „keine schlüssigen Beweise für eine Gesundheitsgefährdung“ auf „möglicherweise krebserregend“. Die ICNIRP bekräftigt jedoch weiterhin:

„Die sich anhäufenden Belege sprechen tendenziell gegen die Hypothese, dass die Verwendung von Mobiltelefonen bei Erwachsenen Hirntumoren verursachen kann.“ (vgl. Boice & Tarone, 2011)

Damit stellt sich die Frage, warum die ICNIRP eine solche Haltung einnimmt. Wir möchten zwei verschiedene, sich letztlich ergänzende Antworten geben. Erstens: Der größte Teil der Finanzausstattung der ICNIRP kommt von der Industrie. Und zweitens (wichtiger): Die meisten Mitglieder der ICNIRP sind Ingenieure und Techniker, in deren Augen nur thermische Effekte relevant sind.

Es ist Zeit, dass Wissenschaftler – besonders Strahlenbiologen und Bioelektromagnetismus-Forscher – endlich ihre Stimme erheben. Es ist Zeit, die potenziellen Gefahren der immer stärker werdenden Hintergrundstrahlung für die menschliche Gesundheit zu erkennen und zu bewerten. Die Entwicklung der Nuklearmedizin und der Kernenergie hebt das Strahlungsniveau auf dem gesamten Planeten zusätzlich an, wobei die Auswirkungen der Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima noch gar nicht eingerechnet sind (vgl. Akahane et al., 2012; Grigoriev, 2012c).


Schlussbemerkungen

Abschließend möchten wir Folgendes hervorheben:

  1. Aus verschiedenen Gründen wurden in den vergangenen 60 Jahren Methoden entwickelt, mit denen die von ionisierender Strahlung ausgehenden Gefahren eingeschätzt und abgewehrt werden können.
  2. Die Problematik der nicht-ionisierenden Strahlung wird erst seit kürzerer Zeit erforscht. Die Richtlinien zum Strahlenschutz weichen in verschiedenen Ländern erheblich voneinander ab. Der Grund hierfür ist, dass sie z. B. in Nordamerika durch Berechnungen von Ingenieuren und Technikern erstellt werden, in der ehemaligen Sowjetunion und den Ländern Osteuropas hingegen nach biologischen Kriterien. Trotz aller Anstrengungen der WHO, die Standards zu harmonisieren, bleibt dabei die tatsächliche Umweltverschmutzung durch nicht-ionisierende Strahlung bis heute unberücksichtigt.
  3. Ein Vergleich beider Strahlungsarten zeigt: Dass die gesamte Bevölkerung kontinuierlich und unkontrolliert niedrigenergetischen EMF ausgesetzt ist, stellt inzwischen ein ernsteres Problem für die Menschheit dar als die ionisierende Strahlung, deren Quellen örtlich bekannt sind und unter strenger Kontrolle stehen.
  4. Durch die allgegenwärtige Verwendung von Mobiltelefonen sind erstmals in der Geschichte der Menschheit Kinder schädlicher nicht-ionisierender Strahlung ausgesetzt. Selbst wenn die Strahlendosis nicht größer ist als bei Erwachsenen, sind Kinder wegen ihrer Körpergröße und physiologischen Entwicklung potenziell stärker gefährdet. Die Gefährdung ist möglicherweise mit der einiger Berufsgruppen vergleichbar.
  5. Anfang des Jahres 2012 beschloss das Europäische Parlament mit 512 zu 16 Stimmen, die EU-Mitgliedsstaaten anzuhalten, strengere Grenzwerte für die von Mobiltelefonen und WLAN-Geräten ausgehende Strahlung festzulegen, und dabei Kinder als sensibelste Bevölkerungsgruppe besonders zu berücksichtigen.
  6. Wissenschaftler und Mediziner sind in der Pflicht, ihre Stimme zu erheben: Die Gesundheitsorganisationen und die für Standards und Regulierungen verantwortlichen Behörden müssen dringend Empfehlungen formulieren und tätig werden, um die Bevölkerung und besonders die Kinder zu schützen.
  7. Wir sollten den Wissenschaftlern, Politikern und der Bevölkerung nicht mehr erzählen, dass WLAN harmlos sei.
  8. Wir sollten ehrlich sein und zugeben, dass wir nicht wissen, welche Langzeitwirkungen genau eintreten können.

Anmerkung der Redaktion

Der vorliegende Artikel ist eine gekürzte und bearbeitete Version der Abhandlung „Wi-Fi technology: an uncontrolled global experiment on the health of mankind“, veröffentlicht in Electromagnetic Biology and Medicine (Juni 2013; 32(2):200–208) und herausgegeben von Informa UK Ltd. Der komplette Artikel kann bei Informa Healthcare unter http://tinyurl.com/pj25odw heruntergeladen werden [für US$ 43, Anm. d. Übers.].


Autoren:

Dr. Yuri G. Grigoriev ist Vorsitzender des Russischen Nationalkomitees zum Schutz gegen nicht-ionisierende Strahlung sowie Mitglied der Russischen Akademie für Elektro-Ingenieurswissenschaften, des Internationalen Ratgeberkomitees der EMF-Gruppe der WHO und des Verbands der Ingenieure für Elektrotechnik und Elektronik (IEEE).

Der Biophysiker Dr. Marko Markov ist Präsident der Organisation „Research International“ in Williamsville, New York, USA. Es ist auch Mitglied des wissenschaftlichen Beratergremiums der Nura Life Sciences Corporation.

Dieser Artikel erschien zuerst im NEXUS-Magazinzum Artikel

Interessant hierzu ist auch diese Abhandlung von Roman Schmitt

Literaturnachweis:

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  • IARC, WHO: „IARC classifies radiofrequency electromagnetic fields as possibly carcinogenic to humans“, Pressemeldung Nr. 208, 31.05.2011
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  • WHO: „Healthy environments for children: WHO backgrounder No. 3“, April 2003

Bild- und Grafikquellen:

  1. Beitragsbild: «Wlan» – www.pixabay.com
  2. «Elektromagnetische Felder» – Portal Gefährdungsbeurteilung
  3. «Elektrosmog» – earth-energy.at
Voltaire Geschichtsschreibung ist eine allgemein anerkannte Luege Geschichtsklitterung Kritisches Netzwerk

Erinnerungskultur

von Susanna Böhme-Kuby

Dieser unscharfe Begriff flankiert die deutsche Geschichtsschreibung nach der »sogenannten Wiedervereinigung« (Heinrich Senfft) und bezeichnet vielfältige individuelle und auch kollektive Aneignungsversuche des Vergangenen.

Die »Erinnerung« war bisher überwiegend auf den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg zentriert, die durch die verantwortlichen Generationen keine adäquate »Aufarbeitung« erfahren hatten. Daher ließ und läßt sich – ungeachtet aller Weißmacher – nicht verhindern, daß ein immenser Blutfleck immer wieder durchscheint.

Die in der alten BRD diagnostizierte »Unfähigkeit zu trauern« (Alexander und Margarete Mitscherlich) war – laut Klaus Theweleit – begleitet von erstaunlichen Fähigkeiten, beispielsweise »die Feste zu feiern, wie sie fallen, […] und den Aufbau der Fünfziger derart fröhlich anzupacken und unbeirrt ins befreite Gebiet des hemmungslosen Spießerglücks zu steuern«. Diese Fähigkeiten sind auch den nachgeborenen Generationen nicht abhanden gekommen, und die Formen heutiger Erinnerung – auch in der biographischen Literatur – dienen weniger einer verspäteten Trauerarbeit als individueller Selbstfindung und, im weiteren Sinne, kollektiver Neupositionierung der Deutschen.

Im Oktober 1989 hatte Hermann Gremliza die Frage, »Warum gerade jetzt [das Ende der DDR eingeleitet wurde]«, beantwortet mit: »Weil sie [die Westdeutschen; d. V.] den Mantel Gottes durch die Geschichte rauschen hören und den Zipfel erwischen wollen. Polen ist offen, Ungarn, die Sowjetunion auch. Drum […] auf zum dritten Ritt nach Osten, zur doppelten Revanche für Stalingrad. Die deutsche Bourgeoisie kriegt, was sie immer wollte, die Töchter und Söhne schütteln die Schuld der Väter ab, indem sie, die Besseren im Troß der Stärkeren, die Freiheit bringen.”

Und diese westlich konnotierte »Freiheit« bedingt seitdem überwiegend auch die kollektive Erinnerung an die DDR.

Kurt Tucholsky verfügte schon 1920 über eine hohe Sensibilität für differenzierte Wahrnehmung von Zeit und Vergangenem: »Der Mommsen des Jahres 1984 wird‘s schwer haben. […] Klios Griffel kratzt. Objektiv ist sie auch nicht, weil niemand hienieden objektiv ist, und es hängt von tausenderlei Faktoren ab, was sie da auf ihre Schiefertafel malen wird, mit der wir sie immer abgebildet sehen – aber von Wahrheit hängt‘s wohl kaum ab. Man lese einmal die Darstellung der Pariser Kommune in den deutschen Geschichtsbüchern und bei Kautsky und man wird einen kleinen Begriff bekommen.«

Daß auch die Erinnerung – ähnlich der Geschichtsschreibung – sich je nach Interessenlage revidieren läßt – wußte Tucholsky ebenfalls und richtete 1928 folgenden Brief an den Geschichtsprofessor, der im Jahre 1991 versuchen würde, rückblickend die Jahre um 1914 zu beschreiben: »Wie ist es gewesen? Ich will Ihnen zuerst sagen, wie es nicht gewesen ist! An den Türen unserer Zeit, Herr Professor, da, wo der Weg in die Nachwelt führt – auf den Lehrstühlen der Geschichte, in den Geschichtswerken, in den Archiven: Da saßen in unserem Zeitalter die Vertreter einer Klasse und achteten darauf, daß sie gut auf die Nachwelt kämen. […] Es sind der Bürger und seine Angestellten: der Kriegsknecht, der Wächter der Börse, der Diplomat und der bezahlte, feile Universitätsprofessor. […] Wir haben ein Reichsarchiv, Herr Professor, bezahlt vom Gelde der Allgemeinheit, das lügt, lügt, lügt. Glauben Sie ihm kein Wort – es sind Interessierte, die da schreiben dürfen. Allein wichtig ist, was Sie in ihren Schriften und im ganzen Archiv niemals finden werden: die Klagen und die Tränen eines unterdrückten Volkes, dessen guter Wille zu groß und dessen revolutionäre Kraft immer zu klein gewesen ist. Glauben Sie dem Reichsarchiv nicht. So ist es nicht gewesen.«

Als der Kriegsfreiwillige Franz Marc schon im Dezember 1914 forderte, »Wir wollen, daß das entsetzliche Blutopfer des europäischen Bruderkriegs nicht umsonst gebracht ist«, und im Frühjahr 1915, kurz vor seinem Tod bei Verdun, hinzufügte, »Niemand, niemand kann von nun an über die Blutlache des Krieges hinweg nach rückwärts leben«, wollte er eine Zäsur markieren, einen point of no return (Franz Marc: »Briefe aus dem Feld«, hg. von K. Lankheit, München, Piper, 1982). Doch es sollte anders kommen.

Hundert Jahre später wird nun also der Blick zurückgelenkt auf dieses Blutopfer und auf die Frage nach dem deutschen Anteil daran. Seit den 1960er Jahren steht eine deutsche »Schuld« im Raum (nach Fritz Fischer), die nun in neuen Studien und Feuilletondebatten revidiert wird. Man entdeckt neue Perspektiven: Aus Schuld wird politische Verantwortung, ein weniger moralisch-ökonomisch geprägter Begriff, der wohl auch besser auf heutige Verhältnisse passen soll. Geschichtsschreibung dient bekanntlich weniger der historischen Aufarbeitung von Vergangenheit als ihrer Neubestimmung in politischer Aktualität.

Ukraine_Kriegsziele_Erster_Zweiter_Weltkrieg_Imperiale_Interessen_Kapitalismus_Sozialismus_Barberei_Stalin_Stalinismus_Rosa_Luxemburg_Geostrategie_Imperialismus_Wolfgang_Blaschka_WOB

Kriegsschuld der Deutschen 1914 oder De-facto-Verantwortung für den Beginn des ersten Völkergemetzels des 20. Jahrhunderts – was macht den Unterschied vor der aktuellen Frage nach der politischen Verantwortung für erneut entfachtes Kriegsgeschehen wie zum Beispiel in der Ukraine?

Deutlich wird eine positive Verschiebung der Bedeutung des Begriffs Verantwortung, die Deutschland ja nun erklärtermaßen zunehmend vor der Welt übernehmen will. Sicherlich ist der atlantisch-deutsche Griff nach dem Osten im aktuellen globalen Kontext anders konnotiert, als noch der deutsche Griff nach der Weltmacht vor 100 oder vor 75 Jahren. Im zunehmenden weltpolitischen Chaos der Finanzherrschaft geht es, wie Manfred Sohns These von der »Kernschmelze des Kapitalismus« andeutet (s. Ossietzky 14/14), nicht mehr um die Eroberung von Kolonien, von Lebensraum und Arbeitskräften, aber doch immer noch um den Zugang zu Märkten und vor allem zu Ressourcen.

So liegen zum Beispiel umfangreiche Gasvorkommen 600 Meter unter dem Meer vor der Küste Gazas im Visier der Israelis, über deren Nutzung die Palästinensische Autonomiebehörde seit 1999, noch unter Arafat, mit den Briten verhandelt hatte. Nach vielen Hindernissen kam es im Juni 2014 zu einem Beinahe-Abkommen mit Putins Gazprom, durch die jüngsten Angriffe auf Gaza vorerst vereitelt. Israel erhebt auch Anspruch auf alle Ressourcen im Westjordanland, mit Unterstützung der USA, die den ganzen Nahen Osten unter ihrer Kontrolle halten möchten.

Wie schon damals: »Weit dahinten am Horizont raucht das, was dem deutschen Idealismus 1914 so sehr gefehlt hat: das Erzlager von Briey«, notierte Tucholsky, als er 1924 die Schlachtfelder von Verdun besuchte. Und er wußte: »Dieser Krieg war die natürliche Folge des kapitalistischen Weltsystems.« Nach Deutschland zurückgekehrt schrieb er im Mai 1927: »Die Diktatur dieser Bourgeoisie ist vollständig. […] Es ist nicht wahr, daß diese Typen, die heute die deutschen Geschicke lenken, andere Ideale als die eines schwachsinnigen Wettlaufs, einer rücksichtslosen Machtpolitik, einer kindlich antieuropäischen Wirtschaftsauffassung haben.«

Und illusionslos, wie er war, hatte er bereits im März 1919 in den Debatten um eine »geistige Revolution« resümiert: »Wenn wir anderen, die wir hinter die Dinge gesehen haben, die wir glauben, daß die Welt, so wie sie ist, nicht das letzte Ziel für Menschen sein kann – keinen Exekutor unserer geistigen Gesinnung haben, so sind wir verdammt, ewig und fürderhin unter Fleischergesellen zu leben, und uns bleiben die Bücher und die Tinte und das Papier, worauf wir uns ergehen dürfen.«

So ist es.

Susanna Böhme-Kuby


Quelle:  Erschienen in Ossietzky, der Zweiwochenschrift für Politik / Kultur / Wirtschaft – Heft 17/2014 > zum Artikel

Ossietzky, Zweiwochenschrift für Politik, Kultur, Wirtschaft, wurde 1997 von Publizisten gegründet, die zumeist Autoren der 1993 eingestellten Weltbühne gewesen waren – inzwischen sind viele jüngere hinzugekommen. Sie ist nach Carl von Ossietzky, dem Friedensnobelpreisträger des Jahres 1936, benannt, der 1938 nach jahrelanger KZ-Haft an deren Folgen gestorben ist. In den letzten Jahren der Weimarer Republik hatte er die Weltbühne als konsequent antimilitaristisches und antifaschistisches Blatt herausgegeben; das für Demokratie und Menschenrechte kämpfte, als viele Institutionen und Repräsentanten der Republik längst vor dem Terror von rechts weich geworden waren. Dieser publizistischen Tradition sieht sich die Zweiwochenschrift Ossietzky verpflichtet – damit die Berliner Republik nicht den gleichen Weg geht wie die Weimarer.

Wenn tonangebende Politiker und Publizisten die weltweite Verantwortung Deutschlands als einen militärischen Auftrag definieren, den die Bundeswehr zu erfüllen habe, dann widerspricht Ossietzky. Wenn sie Flüchtlinge als Kriminelle darstellen, die abgeschoben werden müßten, und zwar schnell, dann widerspricht Ossietzky. Wenn sie Demokratie, Menschenrechte, soziale Sicherungen und Umweltschutz für Standortnachteile ausgeben, die beseitigt werden müßten, dann widerspricht Ossietzky. Wenn sie behaupten, Löhne müßten gesenkt, Arbeitszeiten verlängert werden, damit die Unternehmen viele neue Arbeitsplätze schaffen, dann widerspricht Ossietzky – aus Gründen der Humanität, der Vernunft und der geschichtlichen Erfahrung.

Ossietzky erscheint alle zwei Wochen im Haus der Demokratie und Menschenrechte, Berlin – jedes Heft voller Widerspruch gegen angstmachende und verdummende Propaganda, gegen Sprachregelungen, gegen das Plattmachen der öffentlichen Meinung durch die Medienkonzerne, gegen die Gewöhnung an den Krieg und an das vermeintliche Recht des Stärkeren.

http://www.ossietzky.net/

Dieser Artikel wurde uns zur Verfügung gestellt von Kritisches Netzwerk

Bild– und Grafikquellen:

  1. Beitragsbild: Voltaire: „Geschichtsschreibung ist eine allgemein anerkannte Lüge“ Voltaire (* 21. November 1694 in Paris; † 30. Mai 1778 ebenda) war einer der meistgelesenen und einflussreichsten Autoren der französischen und europäischen Aufklärung. Er hieß eigentlich François-Marie Arouet und nahm am 12. Juni 1718 – ohne irgendeinen Vornamen – den Namen Voltaire an. Grafikbearbeitung: Wilfried Kahrs / QPress.de
  2. Tafel: „Imperiale Interessen damals und heute“ Grafik: Wolfgang Blaschka (WOB), München
Cailleas Auge

GENDER’ismus, GENDER-Studies! Gleichschalterei?

Die Genderforschung behauptet, dass die Unterschiede zwischen Mann und Frau kulturell konstruiert sind. Eine Stellungnahme aus Sicht einer „kulturell konstruierten“ Frau.

von Caillea

Die meisten Leute können sich unter den Wörtern „Gender“, „Gender Mainstreaming“ und „Gender Studies“ nicht viel vorstellen. Doch was ist damit gemeint? Woher stammt diese Benennung? Wo wird dieser Begriff angewendet?

Was ist Gender?

In der Linguistik bezeichnet das Wort gender zunächst im Englischen den Genus bzw. das grammatikalische Geschlecht – d.h. die Unterscheidung zwischen weiblich, männlich und sächlich. Im wissenschaftlichen Sprachgebrauch wird gender als Bezeichnung für das soziale Geschlecht und in Abgrenzung dazu sex als biologisches Geschlecht definiert.

Als Begrifflichkeit wurde gender erstmals in der Medizin in der Forschung mit Intersexuellen in den 1960er Jahren verwendet, um die Annahme zu verdeutlichen, dass die Sozialisation der Individuen für die Geschlechterzugehörigkeit bzw. Geschlechtsidentität verantwortlich ist. So wurde das soziale Geschlecht (gender) im weiteren Verlauf als unabhängig vom biologischen Geschlecht (sex) betrachtet. In den 70er Jahren wurde der englische Begriff gender im feministischen Sprachgebrauch als Analysekategorie aufgenommen, um die Unterscheidung zwischen biologischem und sozialen Geschlecht zu betonen und so einen Ansatz zu entwickeln, der die Veränderbarkeit von Geschlecht in den Blickpunkt rückt: Geschlechterrollen sind kein biologisches Phänomen, sondern stellen soziale Zuschreibungen dar. Sie werden in sozialen Interaktionen und symbolischen Ordnungen konstruiert und sind damit veränderbar. Mit gender werden scheinbare geschlechtsspezifische Fähigkeiten, Zuständigkeiten und Identitäten in Frage gestellt und kritisiert – danach gibt es keine homogene Gruppe von „Frauen“ oder „Männern“ bzw. keine Definition für das was es heißt männlich oder weiblich zu sein. [1]

Gender Mainstreaming“ bedeutet, dass alle Geschlechter in sämtlichen Bereichen gleichgestellt werden, Männer, Frauen, auch Gruppen wie Homosexuelle oder Intersexuelle.

Ein Blick in die Genderforschung

Genderforscher glauben, dass „Männer“ und „Frauen“ nicht eine Idee der Natur sind, sondern eine Art Konvention, ungefähr wie die Mode oder der Vatertag. Klar, es gibt natürlich den kleinen Unterschied und leider lässt sich dies wohl nicht wegdiskutieren, jedoch abgesehen davon gibt es gemäß der Genderforschung keine Unterschiede. Bei Franziska Schößler, deren Buch 2008 erschienen ist, liest sich das so: „Es sind vor allem kulturelle Akte, die einen Mann zum Mann machen.“

Diese These ist gewagt. Was ist mit dem Hormon Testosteron? Spielt dieses nicht bei der Mannwerdung ebenso wie die Evolution eine ziemlich große Rolle? In den gängigen Einführungen, welche ich gelesen habe, tauchte das Wort „Hormon“ nur am Rande auf und das Wort „Evolution“ überhaupt nicht. Es fiel mir ebenso auf, dass sogar hinter die Existenz des Penis im Licht der Genderforschung zumindest ein Fragezeichen gesetzt wird. „Anatomie ist ein soziales Konstrukt“, sagt Judith Butler, eine der Ahnfrauen der Genderforschung. Es sei Willkür, wenn Menschen nach ihren Geschlechtsteilen sortiert werden, genauso gut könne man die Größe nehmen oder die Haarfarbe. Die seien genauso wichtig oder unwichtig.

Genderforscherin Heike Wiesner schreibt in ihrem Buch „Die Inszenierung der Geschlechter in den Naturwissenschaften“:

„Ob Verhaltensbiologie, Soziobiologie, Pflanzenbestimmung, Gene, Gehirnforschung oder Hormone – allen gemein ist die Kontruktion von Männlichkeit versus Weiblichkeit. Zu allen genannten Ansätzen liegen mittlerweile kritische Analysen von Biologinnen vor. Allein die Konstruktion von männlichen versus weiblichen Hormonen erweist sich als fragwürdig. [2]

Auf den ersten Blick scheint eine Demarkationslinie zwischen einzelnen Disiplinen zu verlaufen: anders als in der Biologie, sehen die mathematischen, physikalischen und chemischen Wissenschaften von einem expliziten Gebrauch einer weiblich- versus männlich-Konzeption in der Regel ab: „Menschen, Tieren, Pflanzen, ja sogar Wetterlagen wird ein Geschlecht zugeordnet, aber geht es um Moleküle, Atome, Quantenzustände und Elementarteilchen, ist auf den ersten Blick kein Zusammenhang mit dem Geschlechterverhältnis zu erkennen.“ [3]

Die meisten Genderforscherinnen pflegen das Feindbild der Naturwissenschaft. In ihren extremen Ansichten ähneln sie den Kreationisten, die Darwin für einen Agenten des Satans und die Bibel für ein historisches Nachschlagewerk halten. Die Genderforschung scheint eine Antiwissenschaft zu sein, eine Wissenschaft, die nichts herausfinden, sondern mit aller Kraft etwas widerlegen will.

Gender und Schule

Hannelore Faulstich-Wieland, Genderforscherin, Pädagogin und Gleichstellungsbeauftragte an der Hamburger Uni, mit dem Schwerpunkt „Männer und Schule“, hat einmal in einem Interview gesagt, dass es gesellschaftliche Gründe habe, wenn Männer im Marathonlauf schneller sind als Frauen.

Interessant ist in dem Zusammenhang ein veröffentlichter Vortrag von Frau Faulstich-Wieland vom 05.08.2010: „Es stellt sich die Frage, ob bestehende Ansätze und Maßnahmen von Schulprogrammen Geschlechterungleichheiten entgegenwirken können. Um dies zu beantworten, müssen die zugrunde gelegten Gendertheorien analysiert werden. Bei den meisten Maßnahmen für eine geschlechterbewusste Arbeit handelt es sich um die Realisierung von geschlechtergetrennten Angeboten, wie z.B. im Informatikbereich, bei Berufswahlkursen oder im Sexualkundeunterricht, die oftmals mit „grundlegenden Differenzen zwischen den Geschlechtern“ begründet werden. Problematisch wird diese besondere Hervorhebung und Dramatisierung von Differenz, wenn eine Dichotomisierung von den Mädchen und den Jungen einhergeht. Nach Faulstich-Wieland finden aber deutliche Überschneidungen zwischen den Gruppen der Mädchen und Jungen statt, so dass dieser „geschlechtsspezifische“ Unterricht zu einer Verfestigung von Stereotypen und Hierarchien führen kann, anstatt diese abzubauen. …… Da es auch andere Differenzen gibt, mit denen sich Schülerinnen und Schüler identifizieren oder abgrenzen, wie z.B. „doing student“ oder „doing adult“, bei denen Geschlecht Relevanz haben kann, aber nicht muss, fordert Faulstich-Wieland eine Entdramatisierung von Geschlecht

.Damit ließen sich die allgegenwärtige Wahrnehmung der Geschlechterdifferenzen verringern, Stereotype vermeiden und auch Differenzen innerhalb der Geschlechtergruppen sichtbarer machen. Jedoch soll eine Entdramatisierung von Geschlecht keine vermeintliche Geschlechtsneutralität bedeuten, da Geschlechterunterschiede nicht durch eine Dethematisierung aufgehoben werden können. Vielmehr sollte pädagogisches Handeln immer auf Selbstreflexionen des eigenen doing gender auf der Basis von Genderkompetenz beruhen. Wünschenswert wäre also eine Balance zwischen einer Dramatisierung und Entdramatisierung von Geschlecht. Konkret hieße das ein pädagogischer Umgang mit Jungen, der keine Remaskularisierung provoziert, sowie ein Umgang mit Mädchen, der auf Protektionismus verzichtet.“ [4]

Einige Genderforscher propagieren, dass es mehr männliche Lehrer an der Grundschule geben sollte, weil Männer unter Umständen mit der Aggressivität schwieriger Jungs besser umgehen könnten. Faulstich-Wieland hält Erzieher dagegen für gefährlich. Die Gefahr bestehe darin, dass „Jungen auf ein Stereotyp von Männlichkeit programmiert werden“. Weiterhin enthalte der Ruf nach mehr Lehrern eine Diskriminierung in Bezug auf Lehrerinnen. Dies sei eine Abwertung von Frauen. Faustich-Wieland hält das aggressivere Verhalten der Jungs für anerzogen. Folglich müsse es aberzogen werden. Jungs hätten eine negative Einstellung zum Lernen, was damit zusammenhänge, dass sie schon früh auf eine männliche Rolle festgelegt würden. Schon Babys würden ja verschieden behandelt, daher komme die Verschiedenheit von Mädchen und Jungs.

Das Wort „männlich“ scheint bei Genderforscherinnen negativ belegt zu sein. Hier stellt sich die Frage, ob Mütter ihre Söhne schon von klein auf dazu bringen müssen, sich wie Mädchen zu verhalten. Weiterhin könnte man, aufgrund der Genderforscherinnen, den Müttern unterstellen, schon ihren Babys beizubringen, schwierige Raufbolde zu werden. An Frau Hannelore Faulstich-Wieland kommt man selbst mit wissenschaftlichen Studien nicht zu Potte, denn „Naturwissenschaft ist eine Konstruktion.“.

Was sagt die Naturwissenschaft?

In diesem Zusammenhang schrieb Harald Martenstein schon 2013 einen Artikel in der ZEIT:

„Robert Plomin hat das Aufwachsen von 3000 zweieiigen Zwillingen beobachtet, Jungen und Mädchen, die in derselben Familie aufwuchsen. Im Alter von zwei Jahren war der Wortschatz der Mädchen bereits deutlich größer. Die Neurowissenschaftlerin Doreen Kimura hat einen Zusammenhang zwischen Testosteronspiegel, Berufswahl und räumlichem Vorstellungsvermögen nachgewiesen – bei Männern und Frauen. Den höchsten Testosteronspiegel haben übrigens Schauspieler, Bauarbeiter und Langzeitarbeitslose, den niedrigsten haben Geistliche. Der Osloer Kinderpsychiater und Verhaltensforscher Trond Diseth hat neun Monate alten Babys in einem nur von Kameras überwachten Raum Spielzeug zur Auswahl angeboten, Jungs krochen auf Autos zu, Mädchen auf Puppen. Der Evolutionsbiologe Simon Baron-Cohen, ein Vetter des Filmemachers Sascha Baron-Cohen, hat die Reaktionen von Neugeborenen erforscht, da kann die Gesellschaft noch nichts angerichtet haben: Mädchen reagieren stärker auf Gesichter, Jungen auf mechanische Geräte. Richard Lippa hat 200.000 Menschen in 53 Ländern nach ihren Traumberufen gefragt, Männer nannten häufiger „Ingenieur“, Frauen häufiger soziale Berufe. Die Ergebnisse waren in so unterschiedlichen Ländern wie Norwegen, den USA und Saudi-Arabien erstaunlich ähnlich. Wenn es wirklich einen starken kulturellen Einfluss auf die Berufswahl gäbe, sagt Lippa, dann müssten die Ergebnisse je nach kulturellem Kontext schwanken.

Der Hirnforscher Turhan Canli, ein Amerikaner, hat festgestellt, dass Frauen emotionale Ereignisse meist in beiden Hirnhälften speichern, Männer nur in einer. An einen Ehestreit oder den ersten Kuss können sich Männer deshalb im Durchschnitt nicht so gut erinnern wie Frauen. Wenn auf Fotos Gesichter zu sehen sind, traurige oder fröhliche, dann entschlüsseln Männer die Emotionen der abgebildeten Personen im Durchschnitt schlechter. Mein Lieblingsexperiment hat Anne Campbell an der Universität Durham veranstaltet: Männer und Frauen wurden zu einem Test eingeladen. Dann teilte man ihnen mit, dass sie schmerzhafte Elektroschocks erdulden müssten. Es dauere noch ein paar Minuten. Die Frauen warteten gemeinsam, in Gruppen. Die Männer warteten lieber alleine.

Die Wissenschaft ist sich einig: Geschlechterunterschiede sind zum Teil sicher anerzogen. Vieles hängt aber auch mit der Evolution und mit den Hormonen zusammen. Ist das alles wirklich nur Ideologie? Gibt es eine Art Weltverschwörung, gegen die Genderforschung? Und wenn ja: Wo bleiben eigentlich die Gegenstudien? Genderprofessorinnen gibt es doch reichlich.

An der Berliner Charité wird medizinische Genderforschung betrieben, zur Frage, warum Frauen und Männer für Krankheiten unterschiedlich anfällig sind. Im Regelfall aber ist diese Wissenschaft eher theoretischer Natur. Das hängt stark mit John Money zusammen, einem amerikanischen Sexualforscher, der die Gendertheorie in den fünfziger Jahren miterfunden hat. Um seine These zu beweisen – Geschlecht ist nur erlernt –, hat Money den zweijährigen Bruce Reimer 1966 von seinem männlichen Genital befreit und als Mädchen aufwachsen lassen. Der Penis des Kindes war bei der Beschneidung verletzt worden, deshalb ließen sich die Kastration und die Herstellung von Schamlippen wohl als eine Art „Therapie“ darstellen. Eine Ethikkommission wurde offenbar nicht konsultiert. Alice Schwarzer hat dieses nicht sehr menschenfreundliche Experiment als eine der wenigen Forschungen zum Geschlechterverhältnis gewürdigt, die „nicht manipulieren“, sondern „aufklären“. Der erwachsene Reimer ließ die Umwandlung rückgängig machen und erschoss sich. Seitdem muss die Theorie ohne Beweisversuche auskommen. Geschadet hat das ihrer Verbreitung nicht wirklich.“

Es ist erstaunlich, womit sich Genderforscherinnen so alles auseinandersetzen.

Uta Brandes ist Professorin für Gender und Design in Köln, seit 1995. Eine ihrer früheren Studentinnen heißt Gesche Joost und gehörte zum „Kompetenzteam“ des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück. In den neunziger Jahren hat die SPD-Ministerin Anke Brunn jeder Hochschule in Nordrhein-Westfalen eine neue Professorenstelle versprochen, vorausgesetzt, es handelte sich um eine Genderprofessur. Das führte zu einem Boom. Uta Brandes hat einmal erklärt: „Alles, was aufrecht steht, ist eher männlich.“ Durch die Negativbelegung findet sie anscheinend deshalb auch „Kirchtürme zu phallisch“, so ein Kirchturm penetriere das Dorf geradezu. Uta Brandes hat unter anderem das Verhalten an Fahrkartenautomaten erforscht, sie ist also keine Theoretikerin. Sie hat herausgefunden, dass Männer an Automaten weniger Angst vor Misserfolgen haben, Methode „Trial and Error“. Frauen überlegen länger, bevor sie einen Knopf drücken. Die Ergebnisse lassen einen irgendwie an Peer Steinbrück und Angela Merkel denken.

Auf der Webseite der HTWG-Konstanz schreibt man über Brandes:

„»My desk is my castle« – Empirie mit Unterhaltungsfaktor hatte Uta Brandes im Gepäck. Die Gender-Forscherin hat weltweit 686 Schreibtische von Menschen fotografiert und systematisch festgehalten, welche Gegenstände darauf und darin nichts mit der Arbeit zu tun haben. Kann man an diesen Gegenständen erkennen, ob der Schreibtischbesitzer tatsächlich ein Besitzer oder vielleicht eine Besitzerin ist? Die wenig überraschende Antwort: Man kann. Typische geschlechtliche Accessoires sind über alle kulturellen Grenzen hinweg eindeutig erkennbar – aber natürlich nur deswegen, weil der Betrachter schon ein festes Bild davon hat, was typisch männlich und typisch weiblich ist. »Es gibt kein Entrinnen«, so Brandes. Stereotype Vorstellungen prägten die Analyse von vornherein, und stereotype Vorstellungen prägen natürlich auch das Verhalten dessen, der sich seinen Schreibtisch einrichtet. Solche bösartigen Probleme methodisch zu erfassen und zu beschreiben ist zumindest ein Anliegen der Professorin. Und ganz abseits vom gedanklichen Teufelskreis hatte der Blick auf die zahlreichen Schreibtische einen hohen Unterhaltungsfaktor.“

Das Geschlechter-Paradox

Die kanadische Psychologin Susan Pinker hat sich ausgiebig mit dem „Teufelszeug“ Testosteron befasst, ihr Buch Das Geschlechter-Paradox wurde in viele Sprachen übersetzt. Testosteron macht Menschen risikofreudiger und kräftiger, Männer haben meistens mehr davon. Leider macht es auch kurzlebiger, weil es das Immunsystem schwächt. Postoperative Infektionen verlaufen bei 70 Prozent der Männer tödlich, aber nur bei 26 Prozent der Frauen, daran sind weder die Ärzte schuld noch das soziokulturelle Umfeld. Jungs haben relativ viel Probleme in der Schule und dies hängt u.a. auch mit Testosteron zusammen. Mädchen wiederum halten sich eher an die Regeln.

Männer sind extremer und Steven Pinker vertritt wie sein Kollege die Meinung: „Bei den Männern gibt es mehr Genies und mehr Idioten.“ Noch schöner hat es die Kulturhistorikerin Camille Paglia gesagt: „Ein weiblicher Mozart fehlt, weil es auch keinen weiblichen Jack the Ripper gibt.“ Martenstein meint dazu: „Extremes Verhalten und obsessive Fixierung auf eine bestimmte Sache – so was ist eher ein Männerding. Der Typ, der Amok läuft, um sich für eine Kränkung zu rächen: fast immer ein Mann. Der Mensch, der eine 90-Stunden-Woche nach der anderen herunterschrubbt, weil er Chef werden will, und am Ziel tot umfällt: wahrscheinlich ein Mann. Ein extremer Einzelgänger und Hypochonder, der Klavier spielt und sonst fast nichts tut: Glenn Gould. Ein Mensch, der in jeder freien Minute Wörterlisten auswendig lernt, nur weil er, völlig sinnlos, Scrabble-Weltmeister werden will: Joel Wapnick. Wer sich einen Sonderling oder einen Eigenbrötler mal genauer anschaut, entdeckt fast immer einen Penis.“

Er führt weiter aus, dass „das Geschlechter-Paradox darin besteht, dass sich in freien Gesellschaften mit ausgeprägten Frauenrechten nicht weniger, sondern mehr Frauen für angeblich typische Frauenberufe entscheiden, soziale oder kreative Berufe. Wenn Frauen die Wahl haben, tun sie eben nicht das Gleiche wie die Männer. Sie werden, ohne Druck, im Durchschnitt lieber Ärztin, Lehrerin oder Journalistin als Statikerin, Ingenieurin, Schachprofi oder Patentanwältin. Über Individuen sagen solche Statistiken natürlich nichts aus, es kann auch hervorragende, glückliche Notarinnen geben und Physik-Nobelpreisträgerinnen. Wer aber glaubt, dass wir alle dem gleichen Normgeschlecht angehören und deshalb überall in der Gesellschaft ein Verhältnis von 50 zu 50 herrschen muss, der kann dies, laut Susan Pinker, nur mit staatlichen Zwangsmaßnahmen erreichen. Weder Hannelore Faulstich-Wieland noch Uta Brandes kannten ihre Kollegin Susan Pinker.“

Gleichstellung?

Gender Männer FrauenMaybritt Hugo, Jahrgang 1960, arbeitet seit 1992 als städtische Gleichstellungsbeauftragte bei der Stadt Braunschweig. Vorher hat sie Politik und Germanistik studiert und war Fraktionsgeschäftsführerin bei den Grünen. Eine ihrer Aufgaben ist es, den Anteil der Frauen im Personal – vor allem im Führungspersonal – zu steigern und die sich selbst rekrutierenden Männerlobbys aufzubrechen.

Maybritt Hugo hat bei der Braunschweiger Feuerwehr etwas «Wichtiges» erreicht. Beim Eignungstest sind die Bewerberinnen fast immer durchgefallen. Das lag unter anderem an den Klimmzügen. Frauen fallen Klimmzüge schwerer als Männern. Außerdem wurde von allen Bewerbern eine abgeschlossene handwerkliche Ausbildung verlangt. Inzwischen dürfen Bewerber, um ihre Kraft unter Beweis zu stellen, einen schweren Kanister eine Treppe hochtragen, und die Feuerwehr akzeptiert auch eine Ausbildung im Gesundheitswesen. Seitdem steigt die Zahl der Feuerwehrfrauen. [5]

Wie geht eigentlich die Genderforschung oder auch eine Gleichstellungsbeauftragte mit Bereichen um, in denen die Männer benachteiligt sind? Obdachlosigkeit zum Beispiel. 70 bis 80 Prozent der Obdachlosen sind Männer. Laut Martenstein antwortet Maybritt Hugo sehr freundlich, „dass die Statistik ein falsches Bild ergebe. Frauen seien genauso von Obdachlosigkeit betroffen. Sie würden dann eben bei Freundinnen oder Verwandten unterschlüpfen.“ 

Dies klingt in meinen Augen so, als seien alle obdachlose Männer selbst schuld an ihrer Situation. Vielleicht sollten sich Männer einfach ein bisschen weiblicher verhalten? Warum werden selbst bestens belegbare Erkenntnisse der naturwissenschaftlichen Geschlechterforschung von vielen Genderfrauen abgelehnt oder gar nicht erst zur Kenntnis genommen? Warum können sie mit Natur und Evolution nichts anfangen? Natürlich wurden Frauen jahrhundertelang «klein» gehalten und konnten angeblich dieses nicht und jenes nicht, sie galten als eitel, dumm, schwach, hysterisch, zänkisch, schwatzhaft und charakterlich fragwürdig. Frauen wurden gerne unterdrückt, damit einige Männer, wohlbemerkt nicht alle, ihre Machtposition ausüben konnten.

Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen, dass auch Frauen alles erreichen können, wenn sie nur wollen. Manchmal muss man sich etwas mehr durchsetzen, doch Wissen und Know How wird zumindest heutzutage auch von Männern anerkannt. Viele Männer gehen heute in Elternteilzeit und betreuen die Kinder mit. Viele Männer arbeiten ebenfalls im Haushalt und machen davon kein Aufhebens. Meine Tochter wollte mal Dachdecker werden und es wäre kein Problem gewesen, diesen Beruf zu ergreifen. Sie hatte mehrere Ausbildungsangebote. Doch warum hat sie diesen Beruf nicht ergriffen? Weil sie körperlich sich nicht dazu in der Lage fühlte. Hätte sie sich männlicher verhalten sollen?

Frauen können Kinder bekommen und Männer nicht, wenn dies von Genderfrauen auch nur als ein geringer Unterschied anerkannt wird, der jedoch für jede Frau eine Zumutung ist. Wer die etablierte Familie aus Vater, Mutter und Kind auflösen und an ihre Stelle immer mehr gleichgeschlechtlichen Patchworks setzen will,  der muss die künstliche Befruchtung propagieren und darf auf keinen Fall zulassen, dass diese in irgendeiner Weise problematisiert wird. Frau Sibylle Lewitscharoff würde es begrüßen, wenn es über biochemische Prozesse gelänge, die gebärende Frau zu ersetzen. Anders gesagt: Wenn es gelänge, die biologischen Grundlagen des Menschseins mittels High Tech zu verändern.

Die US-Amerikanerin Donna Haraway geht noch weiter. Den banalen Gender Mainstream-Ansatz verschärft Harawy durch die Anbetung der naturwissenschaftlichen Entwicklung: Durch die Hybridisierung der Menschen mit Maschinen sollen Zwitterwesen entstehen, Cybernetic organisms oder kurz Cyborgs, die die alte Trennung in Adam und Eva überwinden. In ihrem „Manifest für Cyborgs“ (1995) träumt sie von einer „Neuerfindung der Natur“: „Im späten 20. Jahrhundert, in unserer Zeit, einer mythischen Zeit, haben wir uns alle in Chimären, theoretisierte und fabrizierte Hybride aus Maschine und Organismus verwandelt, kurz, wir sind Cyborgs.“ Harawy träumt von einem neuen Geschlecht namens MannFrau© in Anlehnung an die Erfindung der OncoMouse™ – dem ersten patentierten transgenen Lebewesen, einer Maus, der man für Forschungszwecke Brustkrebsgene eingepflanzt hatte. Beides seien Geschöpfe, die die naturgegebene Grenze der Spezies überschritten hätten. „Die große Trennung zwischen Mensch und Natur sowie ihre Grenzen für die Geschlechter, die die Geschichte der Moderne begründete, ist durchbrochen worden.“

Das ist in meinen Augen nicht nur krank, sondern auch noch gefährlich!

Die Genderfrauen gehen in meinen Augen davon aus, dass biologische Forschung insgesamt ein Herrschaftsinstrument der Männer sein muss. Deshalb sagen sie: Es gibt keine Unterschiede, basta. Warum? Weil es einfach keine geben darf. Genderforschung ist eine Antiwissenschaft. Sie beruht auf einem unbeweisbaren Glauben, der nicht in Zweifel gezogen werden darf.

Dabei ist in Wirklichkeit die Biologie längst weiter. Sie kann zeigen, dass Männer und Frauen in vielen Bereichen gleich sind, in anderen verschieden. Sonst wäre die Evolution ja sinnlos gewesen – wozu zwei Mal das gleiche Modell entwickeln? Beide Geschlechter haben Stärken und Schwächen, die sich ergänzen, und ganz sicher ist keines „besser“ als das andere.

Ich möchte abschließend darauf hinweisen, dass ich nichts gegen Gleichstellung habe. Das Motto moderner, aufgeklärter Gesellschaften ist seit der französischen Revolution „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“. Historisch und etymologisch betrachtet hat der darin enthaltene Begriff „Gleichheit“ inhaltlich immer bedeutet, dass alle Menschen gleichwertig sein und gleiche Rechte bzw. die gleiche Rechtsstellung haben sollen. Wenn eben diese Gleichstellung als Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit verstanden wird, habe ich nicht das Geringste gegen Gleichstellung und deren Durchsetzung. Im Gegenteil, trotz aller Bemühungen klafft gerade in diesem Land nach wie vor eine große Lücke zwischen Anspruch und Realität. Wenn darunter aber Gleichschaltung und Gleichmacherei verstanden wird, werde ich dagegen protestieren, denn diese waren damit nie gemeint. Dies sage ich als eine Frau, die in jeder Hinsicht „ihren Mann gestanden hat“ und dies weiterhin tut.

Die Natur hat viele Lebewesen geschaffen und kein Lebewesen auf dieser Welt ist gleich und das nennt man Vielfalt. Gleichwertige und geschätzte Vielfalt ist das Schönste, was uns auf dieser Welt passieren kann.

Caillea


Passend dazu noch zwei Vorträge von Vera F. Birkenbihl:

Der norwegische Filmemacher Eia geht der Frage nach, ob Mädchen und Jungen entsprechend der Gender-Lehre in ihrem Sozialverhalten unmittelbar nach der Geburt absolut identisch sind und die Kausalität aller manifestierten Verhaltensunterschiede ausschließlich in der sich anschließenden Prägung durch das soziale Umfeld liegt. Er hinterfragt die Aussagen der „Gender“-Forschung und vergleicht sie mit den Erkenntnissen der klassischen Wissenschaften wie Anthropologie und Biologie. Die Reportage lief 2010 im norwegischen Fernsehen anläßlich einer 7-teiligen Themenreihe.


 

Bild- und Grafikquellen:

  1. Beitragsbild: „Das kritische Auge“ – www.pixabay.com
  2. „Gender Mainstreaming“ – http://www.contra-magazin.com/tag/gender-mainstreaming/

 

 

Fußnoten:

  1. Quelle: http://www.uni-bielefeld.de/
  2. „Die inzenierung der Geschlechter in den Naturwissenschaften“, Heike Wiesner, S. 31
  3. ebd. S. 32
  4. Vortrag Hannelore Faulstich-Wieland – http://www.genderkompetenz.info/veranstaltungs_publikations_und_news_archiv/genderlectures/051108glhu
  5. Auch interessant: «Mit Männerquote gegen Ärzte» – http://www.wgvdl.com/forum2/board_entry.php?id=172882