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Ground Zero revisited! Das viermalige “Versagen” der US-Luftabwehr an 9/11

Einen Blick in seine Schreibwerkstatt gewährend, schildert Lars Schall aus einem im Entstehen begriffenen Buch die Auffälligkeiten, die an 9/11 in Sachen Luftabwehr und Militärkriegsspiele auftraten. Wie er mit Fakten nahelegt: die ganze Geschichte der Reaktion auf die 9/11-Angriffe scheint noch lange nicht erzählt zu sein.

von Lars Schall

Indem wir nun näher hinschauen wollen, wie sich das rund um die Energy Task Force vom Frühjahr 2001 Geschilderte mit dem Ablauf eines alternativ betrachteten 11. September 2001 verträgt, darf vorab beinah banal festgestellt werden, dass kein Ereignis den Lauf der letzten Jahre so sehr geprägt hat wie der 11. September 2001. Nicht weniger wahr ist, dass der 11. September ein Terrain darstellt, auf dem die Tabu-Tretminen nur darauf warten, hochgehen zu dürfen. Wer mit alternativen Analysen aufwartet, um zu erklären, was an jenem ins kollektive Gedächtnis eingegangenen Tag geschah, muss damit rechnen, schleunigst als „Verschwörungstheoretiker“ unterster Schublade abgetan zu werden; womit jede weitere Diskussion hinfällig wird. Das gilt selbstredend ebenso für Michael C. Ruppert und sein über 670 Seiten schweres Buch Crossing the Rubicon, sofern es eine Deutung des 11. September 2001 wagt, die von der offiziellen Narration entschieden abweicht.

Umso bedeutsamer, dass Ruppert den Kriminalfall 9/11 in seiner Auslegung mit Quellen und Dokumenten zu unterfüttern weiß, die schwerlich als reine Hirngespinste wegzuwischen sind. Eventuell besteht darin auch ein Grund dafür, dass Rupperts im Sommer 2004 erschienenes Werk – gemessen an seiner Qualität und Bedeutung – noch nahezu unbekannt ist: es lässt sich schlechterdings in seiner Gänze kaum zerlegen und demontieren.

In solch einer Situation ist darüber hinweg schweigen die beste Empfehlung – gesetzt, man hat ein Interesse daran, dass die offizielle Narration weiterhin unangetastet bleibt. Als eine solche Interessengruppe darf zuallererst die der so genannten investigativen Journalisten und Terror-Experten identifiziert werden, deren Mantra nun seit Jahren in der Wiederholung der offiziellen Narration als Ultima Ratio mündet; die Mitglieder dieses Chores haben gegenüber Rupperts Werk erheblich an Glaubwürdigkeit einzubüßen.

Bei aller Schwäche, die es gewiss auch aufweist, ist es schade, dass dieses Buch bislang nicht in deutscher Sprache erhältlich ist. Die folgende Vorstellung soll dem Nachvollziehen des Inhalts dienen, indem die grundlegende Methode des Autoren Ruppert nachgezeichnet wird. Weiterhin möchte ich ausführlich auf ein anderes exzellentes Buch zurückgreifen, das gleichsam bisher nicht in deutscher Sprache vorliegt: The Road to 9/11 von Peter Dale Scott. Ich hoffe, allein dadurch und durch weitere eigens für dieses Buch übersetzte Passagen wird für den Leser ein Mehrwert geschaffen.


Methode & Motiv

So es um die angewandte Methode geht, mit der Ruppert den „Mordfall 9/11“ behandelt, ist diese wissenschaftlich und in sich stringent, da sie sich des kriminalistischen Prozedere bedient, das bei einem Mordfall angewandt wird. Wie Ruppert gleich im ersten Absatz auseinandersetzt:

„Eine Sache, die nicht bestritten werden kann, ist die, dass die Anschläge vom 11. September 2001 ein Mord waren. Von sämtlichen polizeilichen Untersuchungen wird keine gründlicher und exakter durchgeführt, als die der Tötung eines Menschen durch einen anderen. Wie uns so ziemlich jeder Text für Mordermittler lehrt, gehört die Gewissheit, dass Mordtaten gründlich und angemessen nach einheitlichen Standards untersucht werden, zu den grundlegendsten Erfordernissen der menschlichen Zivilisation.“ [1]

Ruppert, der beim Los Angeles Police Department (LAPD) gearbeitet hat, benennt als die drei Grundpfeiler einer Morduntersuchung die Ermittlung von Motiv, Mittel und Möglichkeit. Nur wenn alle drei Komponenten plausibel zusammen kommen, kann eine Beweisführung vor Gericht in einer Verurteilung jenseits allen Zweifels münden.

Als das Motiv hinter den Anschlägen vom 11. September 2001 benennt Ruppert Peak Oil. In dem komplexen Gefüge, das Ruppert dem Leser präsentiert, so als sei dieser Teil einer Grand Jury, die über den Mordfall zu befinden hat, der in Crossing the Rubicon zur Anklage kommt, zieht sich als der rote Pfaden das Phänomen Peak Oil hindurch, das so genannte globale Olfördermaximum, und dessen Implikationen für die industrialisierte Welt. Diese können nicht zu hoch veranschlagt werden, handelt es sich doch bei den Brennstoffen Öl und Gas um das essentielle Fundament des – jedenfalls laut Peak Oil – zu Ende gehenden Industriezeitalters. [2]

Folgt man Ruppert, so ist Öl, der Hauptenergieträger unserer Welt, quasi die kleinste Matrjoschka-Puppe auf der Szenerie um uns herum: Krieg ist die größte im Sinne der Clausewitz’schen Expansion „als Politik mit anderen Mitteln“, Politik die nächste in ihrem Verhältnis zur Wirtschaft, die Wirtschaft als die folgende Verbindung zur Energie, und die Energie-Matrjoschka wiederum als innere Grundlage von allen zuvor genannten zusammen. Ohne Energie – die derzeitige Verschuldungskrise an dieser Stelle völlig hintan gelassen – wird Geld und das damit Mögliche wertlos beziehungsweise unmöglich, denn:

„Geld und Öl stehen beide für dasselbe: die Fähigkeit, Arbeit zu verrichten. Beide sind nutzlos, wenn es nichts zu kaufen, zu fahren oder zu essen gibt. Und doch gründet unser Wirtschaftssystem, das wir Kapitalismus nennen, das aber in Wirklichkeit etwas Anderes ist, auf Schulden, Fractional Reserve Banking, Derivate und Fiat-Währungen. Deshalb erfordert dies, dass es grenzenloses Wachstum in Unendlichkeit gibt, damit es überleben kann. Wachstum ist nicht möglich ohne Energie.“  [3]

Unsere gesamte Lebenswirklichkeit, abhängig wie sie von konstanter Strom- und Wasserversorgung ist, ja, die komplette Globalisierungswelle in ihren Ausformungen von Agrarbusiness, dem Logistik- und Transportwesen, der Plastik-, Elektrizitäts- und Automobilherstellung, Chinas und Indiens Boom, amerikanisch manifestiert: Wal-Mart-Moms – allesamt undenkbar ohne Öl als „Schmiermittel“ des weltumspannenden Zahnradwerks. Kurzum, Energie ist der kleinste gemeinsame Nenner; das, was die industrialisierte „Welt in ihrem Innersten zusammenhält“.

Zu den interessantesten graphischen Darstellungen, die Crossing the Rubicon in diesem Zusammenhang dem Jurymitglied präsentiert, zählt die Veranschaulichung der steigenden Weltbevölkerungsentwicklung seit Entdeckung der Brennstoffe Kohle, Öl und Gas im Vergleich zum seither stetig gestiegenen Verbrauch: Das Bild ist frappant und aufschlussreich in seiner Abhängigkeit voneinander, dass es einem Angesichts der düsteren Prognosen, die Peak Oil zulässt, bange werden kann. Stünde Peak Oil tatsächlich an, liefe dies schlicht und ergreifend auf milliardenfaches Sterben auf Erden hinaus.

Der berechtigten Einwände ungeachtet, die beim Phänomen Peak Oil erhoben werden können, darf in Rechnung gesetzt werden, dass sich Ruppert zumindest keineswegs als Trittbrettfahrer unter den Peak Oil-Analysten übte. So schreibt Richard Heinberg, einer der prominentesten Experten auf dem Felde Peak Oil, über Crossing the Rubicon und dessen Verfasser: „Mike Ruppert war einer der ersten Journalisten, die das Konzept und die Bedeutung von Peak Oil verstanden haben. Was noch wichtiger ist, er hat die Verbindungslinien gezogen: er versteht die Zusammenhänge zwischen diesem historischen Wendepunkt und den geopolitischen Ereignissen unserer Zeit.“.

Um zu demonstrieren, dass nicht nur er, Michael C. Ruppert, sich der Gefahren bewusst war, die während der Milleniumswende als „Peak Oil ante portas“ aufschimmerten, sondern auch bestimmte Eliten aus Politik, Finanzwelt und Ölindustrie, legt er zwei wichtige Aussagen vor, die diese Vermutung als begründet erscheinen lassen. Wenden wir uns zunächst einmal mehr der Studie zu, die James Baker, der frühere Außenminister unter Bush Senior und spätere Anwalt für Bush Junior anlässlich des Präsidentschaftswahl-Desasters im Jahre 2000, zusammen mit dem Council on Foreign Relations (CFR) im April 2001 veröffentlichte. Unter dem Titel Strategic Energy Policy Challenges for the 21st Century („Strategische Energiepolitik-Herausforderungen für das 21. Jahrhundert“) wurde dort folgender Ausblick gewagt:

„Starkes wirtschaftliches Wachstum rund um den Globus und neue globale Nachfragen nach mehr Energie haben das Ende des nachhaltigen Kapazitätsüberschusses bei Kohlenwasserstofftreibstoffen und den Beginn von Kapazitätsbeschränkungen bedeutet. Genaugenommen steht die Welt momentan gefährlich kurz davor, die gesamte weltweite Ölproduktion auszuschöpfen und so die Gefahr einer Ölkrise mit tiefergreifenderen Folgen, als wir sie in den letzten drei Jahrzehnten erlebt haben, zu erhöhen.

Diese Entscheidungen werden andere Ziele der US-Politik beeinflussen: Die US-Politik gegenüber dem Mittleren Osten; die US-Politik gegenüber der früheren Sowjetunion und China; den Kampf gegen den internationalen Terrorismus.“ [4]

Die steigenden Kosten, die sich aus dem Missverhältnis „weniger Angebot – mehr Nachfrage” ergeben, und die Folgen dieser Preisentwicklung auf die Märkte, ließen sich für Baker/CFR in einem prägnanten Satz zusammenfassen:

„Hochs des Ölpreises sind seit den 1940er Jahren immer von einer Rezession gefolgt worden.“ [5]

Ein ähnlich düsteres Bild der Unsicherheit entwarf Richard „Dick“ Cheney in seiner Funktion als CEO von Halliburton, als er im Herbst 1999, wie schon erwähnt, am Londoner Institute of Petroleum zu Protokoll gab:

„Wir als Branche haben uns mit dem ärgerlichen Problem auseinanderzusetzen gehabt, dass man, sobald man Öl gefunden und aus dem Boden gepumpt hat, sich umdrehen und noch mehr finden muss, oder man ist aus dem Geschäft. (…) Im Hinblick auf die Welt in ihrer Gesamtheit wird von den Ölfirmen erwartet, weiterhin ausreichend Öl zu finden und zu erschließen, um die tägliche Erschöpfung der Ölreserven um mehr als 71 Millionen Barrel auszugleichen, aber auch um neue Nachfrage zu befriedigen. Einigen Schätzungen zufolge wird das Wachstum des weltweiten Ölbedarfs in den kommenden Jahren bei jährlich 2 Prozent liegen, bei einem natürlichen Rückgang der Produktion aus bestehenden Reserven um, konservativ geschätzt, 3 Prozent. Das bedeutet, dass bis 2010 um die 50 Millionen Barrel pro Tag zusätzlich erforderlich sein werden. (…) Wo wird dieses Öl also herkommen? Öl ist einzigartig durch seine strategische Natur. Wir reden hier nicht über Seifenflocken oder Freizeitbekleidung. Energie ist wahrhaft fundamental für die Weltwirtschaft. Der Golfkrieg hat diese Realität wiedergespiegelt. (…) Es ist der grundlegende, fundamentale Baustein der Weltwirtschaft. (…) Unsere Anhängerschaft besteht nicht nur aus Öl-Leuten aus Louisiana und Texas, sondern auch aus Softwareprogrammierern aus Massachusetts und besonders aus Stahlproduzenten aus Pennsylvania. (…) Nun, das Ende der Öl-Ara ist noch nicht erreicht, aber Veränderungen sind im Gange und die Branche muss bereit sein, sich dem neuen Jahrhundert und den bevorstehenden Veränderungen anzupassen, die vor uns liegen…“ [6]

Im Lichte dessen betrachtet, dass sich Dick Cheney also vollkommen im Klaren über die drohenden Konsequenzen von Peak Oil gab, ist es nunmehr umso wichtiger, zwei wesentliche Entwicklungen nach der Präsidentschaftswahl 2000 ins Auge zu fassen:

1. Sogleich vier Tage nach Amtsantritt der Bush-Administration berief Cheney eine “Energy Task Force“, die so genannte US National Energy Policy Development Group (NEPDG). Welche Teilnehmer der NEPDG was genau besprachen und zu welchem Fazit sie im Mai 2001 kamen, als die NEPDG ihre Beratungen abschloss, liegt wie im vorherigen Kapitel geschildert bis heute beinah gänzlich im Dunkeln verborgen. Zwar gab es juristische Bemühungen von Judical Watch und dem US-Kongress, die Papiere der NEPDG einsehen zu dürfen; doch das Weiße Haus blockte sämtliche dieser Initiativen jahrelang ab, bis der Oberste Gerichtshof der USA die Klage – unter widrig anmutenden Umständen – im Juli 2004 endgültig abwies.  [7] Von allen Dokumenten, die die NEPDG von Januar bis Mai 2001 auswertete, sind letztlich nur sieben Seiten je veröffentlicht worden. Diese sieben Seiten haben es allerdings in sich. Sie zeigen, wie Ruppert auflistet:

  • Eine detaillierte Karte sämtlicher irakischer Ölfelder (11% der weltweiten Vorräte);
  • Ein zweiseitiges Verzeichnis von Staaten mit Entwicklungsaufträgen bezüglich irakischer Öl- und Gasprojekte und der beteiligten Firmen;
  • Eine detaillierte Karte sämtlicher saudischer Ölfelder (25% der weltweiten Vorräte);
  • Ein Verzeichnis sämtlicher großer Öl- und Gasentwicklungsprojekte in Saudi-Arabien;
  • Eine detaillierte Karte sämtlicher Ölfelder der Vereinigten Arabischen Emirate (8% der weltweiten Vorräte);
  • Ein Verzeichnis sämtlicher Öl- und Gasentwicklungsprojekte in den Vereinigten Arabischen Emiraten[8]

Dies lässt Schlüsse auf den Inhalt der Beratungen zu, und Ruppert mutmaßt, „dass die tiefsten, dunkelsten Geheimnisse des 11. September in den Akten der US National Policy Development Group (NEPDG) vergraben liegen, die ihre Arbeit fast am selben Tag begonnen hat, an dem die Bush-Administration ins Amt kam, und die ihren Abschlussbericht nur vier Monate vorher veröffentlichte, ehe das World Trade Center zu existieren aufhörte.

Teilweise liegt der Beweis dafür in der eklatant rechtswidrigen Art und Weise, in der die Task Force, angeführt von Vize-Präsident Dick Cheney, bis heute ihre Dokumente nicht dem prüfenden Blick der Öffentlichkeit preisgegeben hat und dadurch klar und offenkundig gegen Verfassungsrecht der Vereinigten Staaten verstößt. Das deutet darauf hin, dass es etwas zu verbergen gibt.“ [9]

Was dort verborgen wird, ist für Ruppert das Motiv hinter einem „alternativ betrachteten“ 11. September 2001:

„Die apokalyptische Wahrheit, die ein solches Gemetzel und eine solche Haarnadelkurvenwende im Lauf der Menschheitsgeschichte erforderlich machen würde; das, was niemand je wissen wollte; das, was es zutiefst glaubhaft erscheinen lässt, dass die US-Regierung die Anschläge vom 11. September absichtlich zugelassen haben könnte.“ [10]

2. Überlappend mit dem Ende der geheimen NEPDG-Beratungen unter Vorsitz von Dick Cheney wurde am 8. Mai 2001 eine Erklärung des Weißen Hauses bezüglich der Domestic Prepardness Against Weapons Of Mass Destruction (in etwa: „Einheimische Vorbereitung gegen Massenvernichtungswaffen“) veröffentlicht. Aus dieser Erklärung ging im Namen des US-Präsidenten hervor:

„Der Schutz Amerikas und seiner Bürger vor der Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen ist eine der wichtigsten Herausforderungen hinsichtlich unserer nationalen Sicherheit. … Sollten unsere Bemühungen, diese Bedrohung für unser Land zu verringern, nicht restlos erfolgreich sein, gebietet die Vorsicht, dass die Vereinigten Staaten vollständig darauf vorbereitet sein müssen, effektiv auf die Folgen des Einsatzes derartiger Waffen auf unserem Boden zu reagieren.

Heute verfügen zahlreiche Bundesministerien und -behörden über Programme, um mit den Folgen eines potentiellen Einsatzes einer chemischen, biologischen, radiologischen oder nuklearen Waffe in den Vereinigten Staaten fertig zu werden. Viele dieser staatlichen Programme bieten den kommunalen Verwaltungen Schulungen, Planungen und Unterstützungen an. Um aber ihre Wirkung zu maximieren, müssen diese Maßnahmen nahtlos, harmonisch und umfassend miteinander integriert werden.

Ich habe daher Vize-Präsident Cheney angewiesen, die Entwicklung koordinierter nationaler Anstrengungen zu beaufsichtigen, damit wir unsere Aufgabe, die amerikanische Bevölkerung vor Katastrophen zu schützen, bestmöglich erfüllen können. Ich habe ferner Joe Allbaugh, den Direktor der Federal Emergency Management Agency, beauftragt, ein Office of National Preparedness (Büro der nationalen Vorbereitung) zu schaffen. Diese Stelle wird die Verantwortung dafür tragen, jene Ergebnisse der von Vize-Präsident Cheney beaufsichtigten Anstrengungen, die den Umgang mit den Folgen betreffen, praktisch umzusetzen. Insbesondere wird sie sämtliche staatlichen Programme, die den Umgang mit den Folgen des Einsatzes von Massenvernichtungswaffen betreffen, in den Ministerien für Verteidigung, Gesundheit, Justiz und Energie, in der Umweltschutzbehörde und anderen Bundesbehörden koordinieren. Das Office of National Preparedness wird eng mit Bundes- und Kommunalbehörden zusammenarbeiten, um sicherzustellen, dass ihrem Bedürfnis nach Planung, Schulung und Ausrüstung entsprochen wird. FEMA wird darüber hinaus eng mit dem Justizministerium bei seiner Führungsrolle im Krisenmanagement zusammenarbeiten, um sicherzustellen, dass sich unsere Antwort auf die Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen in jeder Hinsicht koordiniert und geschlossen vollzieht.“  [11]

Stellen wir vorerst fest, dass Dick Cheney im Januar 2001 eine im Geheimen tagende „Energy Task Force“ berief, die sich mit der Zukunft der Erdölversorgung und aller Wahrscheinlichkeit nach mit der Heraufkunft von Peak Oil sowie dessen Bedeutung für die US-amerikanische Lebensart befasste; dass die Unterlagen und Arbeitspapiere dieses Gremiums unter allen Umständen vor der Öffentlichkeit unter Verschluss gehalten werden mussten; und dass Präsident Bush am Ende dieser Beratungen „Dick Cheney die Verantwortung für die Planung, Vorbereitung und Koordinierung sämtlicher amerikanischer Antworten auf einen Terroranschlag übertrug.“ [12]

Ferner lassen Sie uns in diesem Zusammenhang noch gleich zur Kenntnis nehmen, dass mit Joe Allbaugh ein enger Vertrauter die Katastrophenschutzbehörde FEMA übernahm – ohne jedwede Qualifikation dazu. Allbaugh, der der Wahlkampfmanager des Duos Bush/Cheney gewesen war und beim Verhindern einer Nachzählung der Wahlstimmen in Florida eine prominente Rolle bekleidete, nahm an den Beratungen der NEPDG teil. [13]

Augenfällig: Allbaugh gab nur eine Woche vor den 9/11-Anschlägen „einem führenden Anti-Terrorismus-Beamten“ den Laufpass, indem er John Magaw, den stellvertretenden FEMA-Direktor, durch einen alten Freund ersetzte, Michael Brown – ebenfalls ohne jedwede Qualifikation dazu. [14]

Richard Cheney seinerseits besaß ohnehin enge wie langjährige Beziehungen zu FEMA, da er seit den frühen 1980er Jahren an den Notfallplänen der US-Regierung arbeitete, die sich Continuity of Government (COG) nennen. Ein wesentlicher Regierungsakteur hierbei war stets FEMA gewesen. Und Cheney interpretierte FEMAs Rolle immer als ein Machtwerkzeug des zentralen Staats; weniger als ein Mittel, „um Amerikanern während einer Notsituation zu helfen“, sondern eher als ein Mittel, um während einer Notsituation zu garantieren, dass das Weiße Hauses die Kontrolle behielt.  [15] „Die Bush-Cheney-Sicht von FEMA war ein fast reiner Ausdruck ihrer zugrundeliegenden Philosophie. Denn bei all ihrem Gerede über eine eingeschränkte Regierung, unternahmen Bush-Cheney alles, was sie konnten, um die Macht und Reichweite des Präsidentenamtes zu erweitern. Oftmals nahm dies die Form der Beschränkung grundlegender Rechte an, die lange als die letzte Verteidigungslinie der Menschen gegen die Tyrannei angesehen wurden. Die Suspension von Habeas Corpus im Fall von Häftlingen, die Abschaffung der Genfer Konvention bezüglich der Rechte von Kombattanten, das illegale Anzapfen von Telefonleitungen, allesamt angeblich in Reaktion auf 9/11 institutionalisiert, wurden tatsächlich bereits lange vor den Angriffen diskutiert. Naturkatastrophen waren von nachrangiger Sorge. Sie dachten hauptsächlich an ein Vehikel für das Kommando und die Kontrolle des Weißen Hauses im Falle eines feindlichen Angriffs, ohne die verfassungsrechtlichen Einschränkungen, die sie als veraltet und konterproduktiv ansahen.“ [16]

Dem Kern nach bedeutete das von Bush gegebene Mandat vom Mai 2001 eine Anwendung der COG-Pläne auf den Bereich Terrorismus. „Tatsächlich autorisierte Bush eine Wiederaufnahme der Art von Planung, die Cheney und FEMA unter demokratischer Führung von COG durchgeführt hatten. Und am 11. September trug die Planung Früchte“, als diese erstmals aktiviert wurde.  [17] Für diesen Fall des nationalen Notstands im Bereich der höchsten Alarmstufe wurden durch die von US-Präsident Ronald Reagan erlassenen Executive Order 11310 und Executive Order 11921 vorgesehen, dass auf FEMA geradezu diktatorische Vollmachten übergingen. Wobei FEMA qua des präsidialen Federstrichs von George W. Bush am 8. Mai 2001 wiederum dem Kommando von Richard Cheney unterstellt worden war.

Auf diesen Informationen fußend, fragte ich den Autoren des Buches Inside 9/11, Paul Schreyer, inwiefern Richard Cheney in der perfekten Ausgangslage gewesen wäre, einen so genannten Inside-Job zu koordinieren.

Paul Schreyer: Cheney war in der perfekten Ausgangslage für sehr Vieles. Er war 2001 de facto der Präsident der USA. Viele erfahrene politische Beobachter schätzten das schon vor 9/11 so ein. Cheney koordinierte außerdem in den Monaten vor den Anschlägen parallel eine Arbeitsgruppe zur nationalen Energiepolitik sowie ein neugeschaffenes Büro, das Pläne für den Fall eines Terroranschlags entwickeln sollte – das sogenannte “Office of National Preparedness”. Diese Verknüpfung nahm im Grunde die Politik nach 9/11 vorweg, welche ja darin bestand, auf der Grundlage eines Terroranschlags die Macht der Exekutive auszuweiten, Krieg zu führen, und dabei energiepolitisch wichtige Regionen der Welt unter Kontrolle zu bringen. Falls 9/11 also ein Inside-Job war, wofür immerhin viele Indizien sprechen, dann wird das Ganze schwerlich ohne Wissen und Zutun Cheneys abgelaufen sein.  [18]


Mittel des Anschlags: NSSEs, der Secret Service & VP Cheney

Die wesentliche Frage, die sich jedem stellt, der den 11. September betrachtet, ist am Ende die, wie es „19 Studenten aus dem Morgenland“ gelungen sein soll, annähernd zwei Stunden lang im bestgeschütztesten Luftraum der Welt, inklusive dem des Regierungsviertels von Washington D.C., freie Hand für das gehabt zu haben, was ihnen zu tun beliebte? Wie konnte es soweit kommen, dass Passagiermaschinen gänzlich ungehindert in die Zwillingstürme des World Trade Center rasten?

Um dies in einer alternativen Schau nachvollziehen zu können, kehren wir zunächst zu Vize-Präsident Richard Cheney zurück. Erinnern wir uns: Anfang Mai 2001 ist Cheney von Präsident Bush in die Position versetzt worden, „sämtliche Antworten der USA auf einen Terroranschlag zu planen, vorzubereiten und zu koordinieren.“ Wo war Cheney in der Zeit der Terroranschläge des 11. September? Allen Tatsachen nach zu urteilen im Weißen Haus, exakter umrissen: „im unterirdischen Presidential Emergency Operations Center (PEOC), das über Kommunikationsmöglichkeiten verfügt, die (weil es geschaffen wurde, um den Präsidenten zu schützen und ihm volle Kommando-, Kontroll- und Kommunikationsmöglichkeiten [Command, Control and Communications, C3] im Fall eines nuklearen Angriffs bereitzustellen) denen des Lagezentrums (Situation Room) entweder entsprechen oder über sie hinausgehen. Vom PEOC aus sollte sein Bewohner im Falle eines nuklearen (oder biologischen) Holocaust das Kommando übernehmen. Wenn es einen Ort gab, der über C3 auf dem neuesten Stand der Technik verfügen musste, dann war es das PEOC.“ [19]

An der Seite von Dick Cheney stand, wie in Fällen eines Anschlags üblich, der Secret Service, der ihn hinunter in den Bunker gebracht hatte, und der Secret Service besitzt in Fällen von National Special Security Events (NSSEs, in etwa: Spezielle Nationale Sicherheitsereignisse), was auf den 11. September zutraf, „die materielle und formelle Zuständigkeit, das Kommando über alles zu übernehmen.“  [20] Das bedeutet, dass dem Secret Service beim Auftreten eines NSSEs absolute Kontrolle und Verfügbarkeit über sämtliche staatlichen Institutionen zufällt.

„Daher versteht es sich von selbst, dass, falls der Secret Service federführend ist, seine Kommunikation, seine Aufklärungssysteme und seine Fähigkeit, von jeder beliebigen Bundesbehörde (einschließlich des Militärs) Daten in Echtzeit zu erhalten, die Bestmöglichen sein müssen. Es muss auch eine Redundanz mit jenen Systemen bestehen, die von der CIA, dem FBI, NORAD,” – d. h.: North American Aerospace Defense Command – „der FAA,” – d. h.: Federal Aviation Administration – „und insbesondere von den beteiligten staatlichen und kommunalen Behörden unterhalten werden.“ [21]

Präsident Bush befand sich in den Minuten, als „die materielle und formelle Zuständigkeit“ des Secret Service griff, um „das Kommando über alles zu übernehmen“, nachweislich in einer Grundschule in Florida, um dort mit Schulkindern das Buch The Pet Goat zu lesen. Entgegen der normalen Vorgehensweise des Secret Service, den Präsidenten sofort in Sicherheit zu bringen, wurde er dort buchstäblich sitzengelassen (obwohl Tage zuvor öffentlich berichtet worden war, dass Bush in dieser Schule sein würde – und somit ein potentielles Ziel abgab). [22]

Bis zu den Abendstunden wurde Bush dann im Flugzeug des US-Präsidenten, der Air Force One, auf eine Odyssee gen Westen geschickt – weitab vom Schuss, und das gegen seinen erklärten Willen und auf direktes Betreiben seines Vize-Präsidenten hin. Zudem dauerte es auffällig lange, bis das Flugzeug des Präsidenten endlich Geleitschutz von militärischen Fliegern erhielt. Woraus insgesamt zu schließen ist, dass nicht mehr Bush derjenige war, der die Kommando-Fäden in der Hand hielt, sondern der Mann, der seit fünf Monaten prädestiniert war, „sämtliche Antworten der USA auf einen Terroranschlag zu planen, vorzubereiten und zu koordinieren“: Richard Cheney.  [23] Wobei Cheney im PEOC wiederum das beste C3-System der Welt zur Verfügung stand, das ihn unter anderem befähigte, „zu sehen, was der Radar der FAA sah.“ [24]


Möglichkeit des Anschlags: Multiple Kriegsspiele

Ein Passagierflugzeug, das deutlich von seinem festgelegten Kurs abweicht, wird, sobald dies den Radarkontrolleuren auffällt, in aller Regel binnen weniger Minuten von Militärflugzeugen abgefangen, um zu kontrollieren, dass alles mit rechten Dingen zugeht. In aller Regel. Denn am 11. September 2001 geschah dies nicht, nachdem „im Jahr vor dem 11. September 67 Flugzeuge erfolgreich von der Air Force abgefangen wurden.“ [25]

Teilweise führt Mike Ruppert dies auf eine Neuregelung des Pentagon vom Juni 2001 zurück, wonach solche Abfangmaßnahmen fortan vom Verteidigungsminister oder sogar dem Weißen Haus abgesegnet werden mussten. „Dies demonstrierte einen bewussten Vorsatz vor den Anschlägen, den Befehlshabern vor Ort die Zuständigkeit für die Entscheidungsfindung zu entziehen und sie zu zentralisieren.“ [26]

Zeitlich bringt Ruppert dieses Memo des Generalstabs der US-Armee (Joint Chief of Staffs) namens Aircraft Piracy (Hijacking) and Destructon of Derelict Airborne Objects ebenfalls in den Zusammenhang mit Cheneys Tätigkeitsbereich seit Mai 2001, in dem er aufgerufen war, Empfehlungen zu evaluieren und zu treffen, um die Bereitschaft gegen Akte von inländischem Terrorismus zu stärken. Die 9/11-Kommission, die dieses Memo vom Juni 2001 in ihrem Report erwähnt, ist der Frage, von wem es in Auftrag gegeben und autorisiert wurde, nicht nachgegangen. Aus ihm lässt sich gleichwohl ablesen, wie die Kommission festhielt, dass „die militärische Hilfestellung durch NORAD multiple Stufen der Benachrichtigung und Genehmigung auf den höchsten Ebenen der Regierung erforderte.“ [27]

So der US-Verteidigungsminister an jenem Morgen im September 2001 gefragt war, wo befand sich Donald Rumsfeld zur Zeit der 9/11-Angriffe? Hierzu befragte ich den Autor Paul Schreyer, der sich eingehend mit dieser Frage befasst hat.

Der US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld legte ein bemerkenswertes Verhalten in Anbetracht dessen an den Tag, dass sein Land angegriffen wurde, oder?

Paul Schreyer: Rumsfeld war nach offiziellen Aussagen während der Anschläge zeitweise abgetaucht. Jedenfalls konnte ihn angeblich niemand erreichen. Das ist für einen Verteidigungsminister in so einer Situation natürlich erklärungsbedürftig. Es wurde aber nie erklärt, sondern nur erwähnt – zum Beispiel im ersten Kapitel des 9/11 Commission Report.  [28]

Rumsfelds Platz bei einem Angriff auf die USA wäre im Normalfall im Lagezentrum des Pentagon gewesen, dem National Military Command Center, NMCC. Allem Anschein nach ist er dort jedoch erst gegen 10.30 Uhr angekommen, als die Entführungsserie bereits beendet war. Allerdings will ihn Richard Clarke, wie er in seinem Buch Against all Enemies darlegt, während der von ihm geleiteten Videokonferenz gesehen haben, die er im Bunker des Westflügels des Weißen Hauses nach dem Einschlag des zweiten Flugzeugs im WTC einrichten ließ. [29]

Falls das zutrifft, wäre Rumsfeld doch nicht gänzlich von der Bildfläche abgetaucht und schon vor dem Flugzeugeinschlag ins Pentagon per Videokonferenz innerhalb des sogenannten Executive Support Center (ESC) erreichbar gewesen. Im Bericht der 9/11-Kommission findet sich davon aber keine Spur, obwohl Clarkes Buch im März 2004 erschien, wohingegen der Kommissions-Bericht erst im Juli 2004 veröffentlicht wurde.

Während der Entführungsserie, als Donald Rumsfeld a) Richard Clarke zufolge viel eher zu erreichen war, als b) den Angaben der 9/11-Kommission zufolge, um dann c) weitestgehend von der Bildfläche zu verschwinden, wurde die Reaktion der Luftabwehr durch eine Reihe gleichzeitig durchgeführter Kriegsspiele der Air Force erschwert, die in den Morgenstunden des 11. September stattfanden. [30]

Von all diesen Drills, die die Einsatzbereitschaft der Luftwaffe schwächten, sei besonders verwiesen auf Vigilant Warrior (Wachsamer Krieger), eine Live Fly-Übung, die mutmaßlich darin bestand, mindestens eine reale Passagiermaschine als „entführtes“ Flugzeug einzusetzen – das „simulierend, von dem das Weiße Haus sagt, dass es zu der Zeit unvorstellbar war: entführte Passagierflugzeuge, die als Waffen eingesetzt in Ziele gelenkt werden und dort massenhaft Todesopfer verursachen.“  [31] Dies war eine Übung des militärischen Luftverteidigungskommandos der USA, North American Aerospace Defense Command (NORAD), von der auch Richard Clarke in seinem Buch Against all Enemies berichtet. Laut einem Schriftverkehr zwischen Mike Ruppert und einem Pressesprecher von NORAD, Major Donald Arias, war Vigilant Warrior aufgrund der Bezeichnung Warrior per Definition eine Live Fly-Übung, was bedeutet, dass bei solchen Übungen reale Passagierflugzeuge zum Einsatz kommen. Für diese Information gibt es bislang weder eine offizielle Bestätigung, noch ein wie auch immer geartetes Dementi.

Eine weitere Übung nannte sich Northern Vigilance, die über Kanada und Alaska stattfand, um einen russischen Angriff zu simulieren. Abfangjäger, die in massiver Anzahl Richtung Nordpol unterwegs sind, um dort Szenarien aus Kalten-Kriegs-Tagen zu proben, können nicht gleichzeitig im sogenannten North East Air Defense Sector sein, wenn sie dort plötzlich für den Ernstfall gebraucht werden. [32]

Daneben gab es noch mehrere andere synchron durchgeführte Übungen, die sich “Northern Watch”, “Northern Guardian”, “Vigilant Guardian” und “Global Guardian” nannten.

Rechnet man nun hinzu, dass als Teil dieser Übungen „am 11. September falsche Radarecho-Anzeigen auf die Radarbildschirme gespeist wurden“[33] und dass es zweitweise hieß: „Wir haben Berichte von 11 Flugzeugen, die vom Kurs abgekommen oder nicht erreichbar sind, womöglich entführt”[34] laufen die Dinge auf eine Konfusion und Paralyse des Systems hinaus. Angesichts der Tatsache, dass die US-Geheimdienste zum Teil spezifische Terror-Warnungen erhielten, die sich auf die Woche des 11. September bezogen,  [35] mag sich die Frage einstellen, ob nicht exakt das die Intention gewesen sein könnte. Obendrein die Kommunikationswege von al-Qaida dermaßen unter Beobachtung standen, dass Mike Ruppert zu dem Ergebnis kommt, dass „Osama bin Laden und al-Qaida nicht hätten niesen können, ohne dass die CIA oder die NSA davon gewusst hätten.“ [36]

Des Weiteren ist zu beachten, dass derartige Drills wie Vigilant Warrior der National Command Authority des US-Präsidenten unterstehen – „und abwärts über den Vize-Präsidenten (in Abwesenheit des Präsidenten, wie es am 11. September der Fall war) zum Verteidigungsminister gehen.“  [37] Die Orte wiederum, wo diese Drills durchgeführt werden, sind „entweder das Presidential Emergency Operations Center oder der Situation Room.”  [38] Der Situation Room war es am 11. September nicht, wie aus der Erzählung von Richard Clarke hervorgeht, der 9/11 von dort erlebte (und eine wichtige Videokonferenz leitete). Am 11. September muss es der PEOC mit „den redundanten und parallelen Kommunikations- und Informationssystemen des Secret Service“ gewesen sein, wo Vize-Präsident Cheney und der Secret Service aufgrund der NSSE-Statuten ohnehin nun das letzte Wort hatten. [39]

Dass Richard Cheney im PEOC am 11. September präsent war, daran gibt es keinerlei Zweifel. Viel eher besteht erhebliche Verwirrung und dementsprechender Klärungsbedarf darüber, wann er dort war und ob er sich zeitweilig in dem Tunnel, der zum PEOC führt, für vertrauliche Telefongespräche mit Präsident Bush und vor allem mit Verteidigungsminister Rumsfeld zurückzog. In seinem Buch The Road to 9/11 geht Peter Dale Scott wichtigen Fragen hinsichtlich der Aktivitäten von Richard Cheney am 11. September nach. Im Folgenden werde ich davon Einiges erstmals in deutscher Sprache wiedergeben, da diese Dinge essentiell für ein Verständnis des Mordfalls 9/11 sind. Bewegen wir uns zunächst in Richtung des PEOC. Hierzu sagte Cheney in einem Interview mit Tim Russert von der US-Fernsehstation NBC am 16. September 2001, anfangend mit Flug 77, der schließlich ins Pentagon raste:

„Und als es in die Gefahrenzone eingedrungen war und es so aussah, dass es zum Weißen Haus unterwegs war, haben sie mich gepackt und in den Keller evakuiert. . . . Sobald ich im Korridor unten war, war das erste, was ich tat – es gibt ein sicheres Telefon dort. Das erste, was ich tat, war zum Telefon zu greifen und wieder den Präsidenten anzurufen, der zu diesem Zeitpunkt noch in Florida war, um ihn dringend aufzufordern, seine Rückkehr zu verzögern.“  [40]

Nach diesem Telefonat ging es weiter zum PEOC im Ostflügel des Weißen Hauses:

„Nachdem ich den Präsidenten gesprochen hatte (…), ging ich hinunter in den so genannten PEOC, den Presidential Emergency Operations Center, und dort hatte ich Norm Mineta. . . . Ich hatte Condi Rice bei mir und einige meiner wichtigsten Mitarbeiter. Wir hatten Zugang, sichere Kommunikation mit Air Force One, mit dem Verteidigungsminister drüben im Pentagon. Wir hatten auch die sichere Videokonferenz, die das Weiße Haus mit der CIA, dem Außen-, Justiz- und Verteidigungsministerium verbindet – eine sehr nützliche und wertvolle Einrichtung. Wir haben die Anti-Terror-Task-Force auf diesem Netz. Und so war ich in der Lage, all die Sachen, die hereinkamen, zu sehen, Berichte zu erhalten, und dann darauf basierend Entscheidungen zu treffen.“  [41]

Cheney machte also gegenüber Tim Russert ganz klar deutlich, dass er die nötigen Mitarbeiter und die nötige Gerätschaften zur Hand hatte, um vom PEOC übergreifend tätig zu werden. Allerdings findet sich davon nichts im 9/11-Report der Kommission, die diesen Bericht von Cheney zugunsten eines späteren, der in Newsweek erschienen ist, gänzlich unter den Tisch fallen ließ.

Dasselbe – die Unauffindbarkeit im 9/11-Abschlussbericht – trifft auch auf die Aussagen zu, die Norman Mineta, der damalige Verkehrsminister der USA, über Richard Cheney im PEOC abgab.

Zunächst wird unter den Teppich gekehrt, dass Mineta das Kommando zur Landung sämtlicher Passagiermaschinen in den USA gegen 9:42 Uhr Ortszeit mit Zustimmung von Richard Cheney erteilte. Peter Dale Scott argumentiert, dass dieses Ignorieren notwendig war, da die Aussage von Mineta bedeutet hätte, dass Richard Cheney schon vor 9:58 Uhr im PEOC war – dem Zeitpunkt, da er laut dem 9/11-Kommissionsbericht dort eintraf. Nach dem Augenzeugenbericht von Norman Minetta war Cheney aber tatsächlich bereits im PEOC, als er, Mineta, dort ankam – und das war gegen 9:20 Uhr. Peter Dale Scott: “The Road to 9/11”, a.a.O. Seite 199 – 201.

Daraufhin trug sich laut Minetas Worten vor der 9/11-Kommission in der Zeit, da Flug AA-77 sich Washington / dem Pentagon näherte und Richard Cheney angeblich noch gar nicht im PEOC war, dieses zu:

„Es gab einen jungen Mann, der hereinkam und zum Vize-Präsidenten sagte … das Flugzeug ist 50 Meilen entfernt … das Flugzeug ist 30 Meilen entfernt …. und als es bis auf das Flugzeug ist 10 Meilen entfernt runter war, sagte der junge Mann zum Vize-Präsidenten auch: ,Steht der Befehl noch?‘ Und der Vizepräsident drehte sich um, schwang seinen Hals und sagte: ,Natürlich steht der Befehl noch, haben Sie etwas Gegenteiliges gehört?‘“

Dies war um „,ungefähr 9:25 oder 9:26 Uhr.‘ Wie 9/11-Chronist Paul Thompson in seinem Buch Terror Timeline beobachtet, brachte ABC News am 11. September 2001 den gleichen PEOC-Dialog, indem es einen Kommentar von FAA-Administrator Monte Belger zitierte, und auch den Zeitrahmen, ungefähr 50 Meilen entfernt, um circa 9:27 Uhr. Allerdings behauptete die 9/11-Kommission, dass „ein primäres Radarziel ostwärts in hoher Geschwindigkeit“ Richtung Dulles Airport (Flug 77) erst um 9:32 entdeckt wurde.“ [42]

Tonbandaufzeichnungen von NEADS, auf denen Flug 77 schon um 9:21 Uhr alarmierend erwähnt worden war, wurden vom 9/11-Report nicht berücksichtigt. Stattdessen erwähnt der Bericht, dass Vize-Präsident Cheney erst gegen 9:34 oder 9:35 Uhr vom Secret Service ins PEOC gebracht wurde, nachdem Flug 77 erst da entdeckt worden sei. Der Einschlag ins Pentagon fand schließlich um 9 Uhr 37 statt. Wenn aber, wie Richard Clarke in seinem Buch schreibt, der Secret Service sah, was die Radare der FAA sahen, so musste der Secret Service wohl schon um 9:21 Uhr von Flug 77 im Bilde gewesen sein. [43]

„Minetas Geschichte von Cheneys Befehlen um 9:25 Uhr, als sich Flug 77 Washington näherte, muss in einer autorisierten Ermittlung das erste Mal kritisch untersucht werden. Das Versagen des Reports, damit umzugehen, erscheint unentschuldbar zu sein. Dasselbe gilt für seine Behauptung, dass ,American 77 vor seinem Crash um 9:37 Uhr für 16 Minuten unbeobachtet reiste‘, und dass Cheney um ungefähr 9:58 Uhr im PEOC ,ankam‘ (im Gegensatz zu zurückkam).Wenn Minetas Geschichte wahr ist, dann gab Cheney Befehle, die seither vertuscht wurden und für die keine präsidiale Genehmigung bekannt ist.“ [44]

An dieser Stelle sollte auch noch einmal das Augenmerk auf den Secret Service im Zusammenhang mit den sogenannten National Special Security Events (NSSEs) geworfen werden. Seit den späten 1990er Jahren war der Secret Service eine leitende Behörde für die Gestaltung und Umsetzung von Sicherheitsmaßnahmen bei NSSEs, beispielsweise für die Bereitstellung von Luftverteidigungsmaßnahmen während solcher Ereignisse.  [45] Die Möglichkeit, dass Selbstmordpiloten Terroranschläge mit Flugzeugen als Waffen durchführen könnten, wurde bei den Vorbereitungen für ein NSSE in Betracht gezogen. Louis Freeh, der Direktor des FBI von 1993 bis Juni 2001, sagte gegenüber der 9/11-Kommission aus, dass die Problematik „Flugzeuge als Waffen“ in den Jahren 2000 und 2001 „immer einer der Aspekte” in der Sicherheitsplanung für NSSEs gewesen sei.  [46] Der damalige Finanzminister Paul O’Neill erklärte am 8. Mai 2001, dass der Secret Service „theoretische Übungen zur Vorbereitung auf Terroranschläge auf das Weiße Haus abhält.”  [47] Und laut der Aussage des ehemaligen Secret Service-Agenten Paul Nenninger, führte der Secret Service am James J. Rowley-Trainingszentrum in Beltsville, Maryland Computersimulationen von Flugzeugen durch, die ins Weiße Haus stürzten, um die dortige Sicherheitssituation zu testen. [48]

Beginnen wir bezüglich des Secret Service und des 9/11-NSSE mit dem Einschlag des zweiten Flugzeugs ins New Yorker World Trade Center – dem Zeitpunkt, da spätestens klar war: Amerika steht unter Angriff. Verantwortlich für die Sicherheitsvorkehrungen im Weißen Haus war Carl Truscott, der Special Agent in Charge (SAIC) der Presidential Protective Division (PPD). Der Secret Service-Agent wiederum, der verantwortlich für die Zusammenarbeit mit der FAA zeichnete, war Nelson Garabito. Nach dem zweiten Flugzeugeinschlag in New York City rief er seinen FAA-Konterpart Terry Van Steenbergen an, und zwar aus dem Secret Service Joint Operations Center (JOC) im Weißen Haus. Als Garabito von Van Steenbergen mitgeteilt bekam, dass möglicherweise zwei weitere Flugzeuge entführt worden seien, veranlasste Garabito, dass die Information sofort an andere Agenten des Secret Service weitergegeben werden sollte. Allem Anschein nach stockte die Weitergabe jedoch alsbald. [49]

Direkt hiermit verbunden steht die Frage im Raum, wann die Nachricht, die von Van Steenbergen an Garabito gegeben worden war (9:03 Uhr), dazu führte, dass Cheney von seinem Büro aus zum PEOC gebracht wurde. Letzteres geschah laut 9/11-Kommissionsbericht, wie gesagt, erst gegen 9:36 Uhr. Buchautor Kevin Ryan schreibt: „Wenn die Informationen sofort weitergegeben wurden, und der Vize-Präsident wurde kurz nach 09.00 Uhr an einen sicheren Ort gebracht, wie mehrere Zeugen nahelegten, dann würde seine frühere Präsenz im Presidential Emergency Operations Center (PEOC) die wichtige Aussage von Verkehrsminister Norman Mineta untermauern. Laut Mineta wurde Cheney regelmäßig über den Fortgang des entführten Flugs 77 unterrichtet, wie er Richtung Washington näherkam.“ [50]

Im Zuge einer Dokumentenherausgabe, auf die mit einer Freedom of Information Act-Klage gedrängt wurde, kam eine Zeitangabe über die „Aktionen des TSD” während des 9/11-Zeitraums ans Licht. Ryan: „TSD ist die Secret Service Technical Services Division, die unter anderem das Secret Service Tigerwall-Luftüberwachungssystem betreibt.“ [51]

Nach der TSD-Zeitleiste nahm Carl Truscott um 9:18 Uhr Kenntnis davon, „dass ein Flugzeug auf dem Weg in den Bereich Washington gewesen war.“ [52]

Das hieße: ganze 18 Minuten, bevor Vize-Präsident Cheney nach Angaben des 9/11-Kommissionsberichts vom Secret Service ins PEOC evakuiert wurde. Diese Diskrepanz harrt einer Erklärung, allzumal im Lichte der Aussagen von Norman Mineta.

Wie wir schon erfahren haben, verfügte der Secret Service über ein System, das es ihm ermöglichte, das zu sehen, was die FAA-Radare anzeigten. Ferner wissen wir von Cheney selbst, dass es offene Telefonleitungen zwischen dem Secret Service und der FAA während der fraglichen Zeit gab. Das maßgebliche Kommandosystem war im PEOC untergebracht. Das TSD-Dokument zeigt auf, dass Cheney mit Sicherheitsberaterin Rice und mehr als zehn anderen „Mitarbeitern des Präsidenten und Vize-Präsidenten“ um 9:30 im PEOC war. [53]

Das hieße: acht Minuten, bevor das Pentagon getroffen wurde. Was wiederum mit Minetas Aussage im Einklang steht.

Mehr noch. Die vom Secret Service aufgrund der FOIA-Klage veröffentlichten Dokumente zeigen auf, „dass der Secret Service Kenntnis von Flug 77 und Flug 93 hatte, und dass diese Flüge in Richtung Washington, DC unterwegs waren. … Diese Dokumente bestätigen, dass der Secret Service wusste, dass zwei entführte Flugzeuge während der Zeit in Richtung Washington unterwegs waren, in der Cheney und SAIC-Agent Truscott im PEOC waren.“ [54]

In einer Rede, die er am 21. Mai 2009 am American Enterprise Institute (AEI) in Washington DC hielt, scheint Richard Cheney seine frühere Ankunft im Bunker selbst bestätigt zu haben. So sagte er vor dem AEI:

„Für mich war eine der prägenden Erfahrungen der Morgen an 9/11 selbst. Wie Sie sich vielleicht erinnern, war ich in meinem Büro in dieser ersten Stunde, als das Radar ein Flugzeug in Richtung Weißes Haus mit 500 Meilen pro Stunde erblickte. Das war Flug 77, der eine, der am Ende das Pentagon traf. Indem das Flugzeug noch immer näher kam, traten Secret Service-Agenten in mein Büro ein und sagten, dass wir jetzt gehen müssten. Ein paar Augenblicke später fand ich mich in einem befestigten Kommandoposten des Weißen Hauses irgendwo unten wider.

Dort im Bunker kamen die Berichte und Bilder herein, die so viele Amerikaner von diesem Tag erinnern…. In den Jahren seither habe ich gelegentlich Spekulationen gehört, dass ich ein anderer Mensch nach 9/11 geworden sei. Ich würde das nicht sagen. Aber ich gebe gerne zu, dass einem koordinierten, verheerenden Angriff auf unser Land von einem unterirdischen Bunker im Weißen Haus zuzusehen, beeinflussen kann, wie Sie Ihre Aufgaben auffassen.”  [55]

Wenn nun die erste Radar-Sichtung eines Flugzeugs, das sich gen Washington bewegte, um 9:21 Uhr stattfand, bestätigt Cheney mit diesen Auslassungen vor dem AEI, dass er früher im PEOC ankam, als dies vom 9/11-Kommissionsbericht behauptet wird. Seine diesbezügliche Angabe, das sei unterstrichen, steht im Einklang mit seiner Erklärung vom 16. September 2001 und befindet sich im Widerspruch zu seiner späteren Darstellung in Newsweek.

Teilweise kann die Konfusion, wo sich Cheney zu welchem Zeitpunkt befand, eventuell darauf zurückgeführt werden, dass Cheney im Tunnel, der zum PEOC führte, an einem Telefon gesessen haben dürfte, über dem er COG-Bestimmungen kommunizierte.  [56] Was manche Beobachter als erste Ankunft im PEOC realisierten, mag in Wirklichkeit eine Wieder-Ankunft aus dem Tunnel gewesen sein. [57]

Die 9/11-Kriegsspiele und eine etwaige zentrale Rolle von Richard Cheney betreffend, bringt Peter Dale Scott in Road to 9/11 dieses zusammen:

„Wir wissen nun, dass an 9/11 die Luftverteidigung durch simultane Operationen, Kriegsspiele und Übungen schwerer gemacht wurde, einschließlich einer Übung am National Reconnaissance-Bürogebäude in der Nähe des Flughafens Dulles, bei dem Reaktionen getestet wurden, ,falls ein Flugzeug ein Gebäude angreifen würde.’ Zumindest eines dieser Kriegsspiele beinhaltete Phantomflüge.

Nur eines der Kriegsspiele, Vigilant Guardian, wird im 9/11-Bericht der Kommission erwähnt – in einer Fußnote. Zusätzlich hat Donald Rumsfeld den Reportern der Washington Post, Dan Balz und Bob Woodward, von einer anderen Übung erzählt, Global Guardian. Weitere Kriegsoperationen verlagerten Kampfbomber der US-Luftwaffe nach Irak, Island und Nordkanada. Zusätzlich hat der Toronto Star enthüllt, dass die Operation Northern Vigilance mindestens auch eine ,simulierte Information’ beinhaltete, ,was als eine ,Einspeisung’ [das heißt: ein Input oder falsches Radarzeichen] auf den Radarschirmen bekannt ist.’ Es gibt auch eine Referenz auf den Tonbandaufzeichnungen von NEADS [Northeast Air Defense Sector, die Luftstreitkräfte für den nordöstlichen Luftverteidigungsabschnitt] um 09.05 Uhr zu ,einem verdammten Input’, was (wie der Autor der Vanity Fair Bronner erklärte) ,einen Simulationsinput’ als Teil von einer der Übungen an dem Tag bedeutet.

Die Kriegsspiele könnten erklären helfen, warum an dem Tag die zivilen und möglicherweise auch die militärischen Einsatzleiter für den Luftverkehr diese Rolle zum ersten Mal in ihrem Leben ausübten. Die zwei Männer waren der nationale Einsatzleiter im FAA Command Center, Ben Sliney, und der stellvertretende Einsatzleiter des National Military Command Center, der kurz zuvor zum Admiralsanwärter beförderte Charles Leidig. Leidig teilte der Kommission mit: ,Am 10. September 2001 bat mich der Brigade-General der U.S. Armee, [Montague] Winfield, einen Teil seiner Schicht am folgenden Tag zu übernehmen.’ Winfried war daher von seinem üblichen Posten, um den nächsten Morgen (9/11) im War Room des Pentagon zu verbringen, befreit.“ [58]

Der gleiche Raum, das Lagezentrum NMCC, war der Ort, an dem Donald Rumsfeld zum Zeitpunkt der Anschlage eigentlich hatte sein müssen, aber nicht war. Warum der befehlshabende General Winfield dort ebenfalls fehlte, kann nicht exakt bestimmt werden: seine Aussagen vor der 9/11-Kommission sind bisher nicht veröffentlicht worden. Laut eigener Bekundung hat er, während sein Land aus der Luft angegriffen wurde, an einer Besprechung zur Bewertung von Offizieren der Luftwaffe teilgenommen. [59]

Fest steht dagegen, dass das NMCC der „Dreh- und Angelpunkt des Informationsflusses und der Entscheidungen am 11. September“ war – jedenfalls abgesehen vom PEOC im Weisen Haus.  [60] Fest steht ferner, dass es ausgerechnet in diesem „Dreh- und Angelpunkt des Informationsflusses und der Entscheidungen am 11. September“ erhebliche technische Probleme gab, das Operationszentrum der FAA zu kontaktieren. Die Kommunikationsleitung wurde immer wieder unterbrochen. [61] In der Zwischenzeit wäre ihr Stellvertreter wohl ein gewisser Lee Longmire gewesen, doch der wusste offenbar gar nichts davon, dass er für Canavan und Osmus hätte einspringen sollen. [62]

Canavan erlangte den Job des FAA-Hijack-Koordinators erst neun Monate vor 9/11. Binnen eines Monats nach den 9/11-Anschlägen wechselte er den Job sodann wieder. Der 9/11-Kommissionsbericht erwähnt Canavan – aber nicht als FAA-Hijack-Koordinator, sondern in einer gänzlich anderen Funktion: als Kommandeur des Joint Special Operations Command (JSOC), das verdeckte Anti-Terror-Operationen des Militärs durchführt (nach 9/11 beispielsweise unter direkter Befehlsgewalt von Dick Cheney, wie Seymour Hersh berichtete). Der Bericht legt Canavans Rolle dar, die er bei der fehlgeschlagenen Gefangennahme Osama bin Ladens im Jahre 1998 bekleidet hatte. [63]

Laut John Hawley, einem Angestellten in der Geheimdienstabteilung der FAA, ließ Canavan zu Beginn seiner Tätigkeit als FAA-Hijack-Koordinator Trainingsübungen durchführen, die „verdammt nahe am 9/11-Plot“ waren. Gegenüber der 9/11-Kommission stritt Canavan diese Behauptung ab. [64]

Longmire wies gegenüber der 9/11-Kommission im Zusammenhang mit dem möglichen Ersatz für den FAA-Hijack-Koordinator auf Mike Weikert hin – wobei dieser wiederum nach Angaben von Hawley bei eben jenen Trainingsübungen geholfen haben soll, an denen Canavan nicht beteiligt gewesen sein will. [65]

Im Mai 2001 verfasste Canavan ein Memorandum, das geringere Strafen für Sicherheitsverstöße bei Fluglinien und auf Flughäfen initiierte. Des Weiteren war Canavan verantwortlich für die Spezialteams der Civil Aviation Security, den sogenannten Red Teams, die verdeckt die Sicherheit an Flughäfen testen. „Der Zweck der Red Teams bestand darin, alle Systeme zur Verhinderung von Entführungen zu testen, die die angeblichen Entführer an 9/11 bezwangen. In seiner Position als Kopf dieser Behörde lernte Canavan schnell alle Schwächen des Systems kennen.

Einer der Anführer von Canavans Red Teams, Bogdan Dzakovic, sagte später gegenüber der 9/11-Kommission aus, dass Flughäfen vorgewarnt wurden, ehe die Red Teams dort ankamen. Er behauptete auch, dass die FAA-Beamten wussten, dass etwas wie 9/11 passieren würde, und dass sie die Hinweise absichtlich ignorierten.“ [66]

Ein weiterer Beteiligter, der einen ominösen Part bei der FAA spielte, war Benedict Sliney. Ursprünglich hatte Sliney als ATC in der US-Luftwaffe im Vietnamkrieg gedient, war hernach Angestellter der FAA gewesen, und wurde schließlich Rechtsanwalt sowie Partner mehrerer Kanzleien. Zu den Fällen, die er betreute, gehörten Verstöße gegen Aktien-, Börsen- und Bankenrecht. Aus Gründen, die nicht weiter bekannt sind, wechselte Sliney ein paar Monate vor 9/11 zur FAA zurück. Dort bekleidete er am 11. September 2001 den obersten Managerposten des FAA-Kommandozentrums – zum ersten Mal überhaupt, seitdem er wieder bei der FAA arbeitete. Sliney wurde diese Rolle übertragen, obwohl weitaus erfahrenere Vorgesetzte im Hauptquartier der FAA zum Zeitpunkt der Anschläge vor Ort waren. Gegenüber der 9/11-Kommission machte Sliney späterhin unter anderem geltend, dass er sich zu Beginn der Entführungsserie nicht bewusst gewesen wäre, dass es einen FAA-Hijack-Koordinator gab, den er hätte kontaktieren müssen. [67]

Dass es einen FAA-Hijack-Koordinator gab, der am 11. September fern seines Postens war, wie auch seine Stellvertreter, erwähnt der 9/11-Kommissionsbericht mit keinem einzigen Wort.


Falsche Signale

Alles in allem darf mit einiger Berechtigung geurteilt werden, dass „(d)ie Reaktion auf die 9/11-Entführungen durch die Konfusion, die aus dem Überlappen der Entführungen/Übungen erwuchs, eindeutig schwerer gemacht worden (ist).“ Beispielsweise sagte Lieutenant Colonel Dawne Deskins, eine Übungsleiterin von Vigilant Guardian, „dass jeder bei NEADS am Anfang dachte, dass der erste Anruf, den sie über die realen 9/11-Entführungen erhielten, Teil des Kriegsspielszenarios war.“ In der Tat umfasste die Übung Vigilant Guardian das Training für den Fall einer Flugzeugentführung.

Ferner erörtert Scott:

„Generalmajor Larry Arnold, der NORAD-Kommandeur, fragte am Anfang bezüglich der Entführungen von Boston: ,Ist das Teil der Übung?’ So taten es auch andere Offiziere, einschließlich Colonel Robert Marr, der Leiter von NEADS in Rome, New York.

Der 9/11-Forscher Michael Kane, die Arbeit seines Forscherkollegen Mike Ruppert zusammenfassend, machte geltend, dass durch das Office of National Preparedness, das am 8. Mai 2001 eingerichtet wurde, Cheney und FEMA die koordinierten 9/11-Kriegsspiele planten:

,Am 8. Mai 2001 – vier Monate vor 9/11 – übergab der Prasident an Dick Cheney die Leitung von ,allen bundesstaatlichen Programmen im Umgang mit dem Massenvernichtungswaffen-Folgemanagement innerhalb der Ministerien für Verteidigung, Gesundheit, Justiz und Energie, der Umweltschutzbehörde und anderen Behörden des Bundes.’ Dies beinhaltete alle Arten ,Training und Planung’, die ,nahtlos, harmonisch und umfassend miteinander integriert’ sein müssten, um die ;Effektivität zu maximieren.’ Dieses Mandat schuf das Office of National Preparedness innerhalb von FEMA, beaufsichtigt von Dick Cheney.

Dick Cheney wurde die direkte Verantwortung für das Durchführen der nahtlosen Integration aller Trainingsübungen des gesamten föderalen Staats und in allen militärischen Behörden übertragen. An 9/11 beaufsichtigte Cheney multiple Kriegsspiele und Terrordrills, einschließlich mehrere Übungen von NORAD, die Behörde der Luftwaffe, deren Mandat es ist, ,den Himmel zu beobachten.’

Meiner Meinung nach können solche Bemerkungen über Cheneys und FEMAs Verantwortung für die Kriegsspiele an 9/11 nur als eine Frage aufgestellt werden, nicht als Tatsachenbehauptung. Aber es gibt einige Anzeichen, um Kanes These zu unterstützen, in der eigenen Beschreibung des Pentagon von Amalgam Virgo 01 und 02, zwei Kriegsspiele, die vor 9/11 geplant wurden.“ [68]

Aus diesen Unterlagen geht hervor, dass FEMA tatsächlich Teil der Planungen beider Übungen vor dem 11. September war – wobei Amalgam Virgo 02 ein Kriegsspiel war, bei dem es um die Entführung einer kommerziellen Passagiermaschine ging.

Neben den bereits erwähnten falschen Radarsignalen angeblich entführter Flugzeuge und dem zwischenzeitlichen Bericht, dass „11 Flugzeuge vom Kurs abgekommen oder von der Kommunikation abgeschnitten sind, womöglich entführt“, trägt Scott vor, dass Colonel Marr von NEADS erklärt hatte: „Ich denke, zu einem Zeitpunkt [am 11. September] wurde mir gesagt, dass es im gesamten Land 29 verschiedene Berichte von Entführungen gab.“ [69]

Wer die verschiedenen Kriegsspiele angeordnet und koordiniert hat, der Frage ging die 9/11-Kommission nicht nach. Von daher kann, solange keine gründliche und unabhängige Untersuchung unternommen wird, zumindest nicht ausgeschlossen werden, dass Mike Ruppert mit seiner These richtig liegt, dass die multiplen Kriegsspiele die bewusst wahrgenommene Möglichkeit bot, um einen sogenannten „Inside-Job“ zu initiieren. Sowohl Ruppert als auch Scott berichten von einer Begebenheit, „die eindeutiger hätte feststellen können, wie die Regierung am 11. September reagierte und ob entweder die Kriegsspiele oder Phantomflugzeuge zum Mangel an Reaktion beitrugen. Kurz nach den Angriffen nahmen Kontrolleure des Luftfahrtverkehrs, die zwei der entführten Flüge betreuten, ihre Erlebnisse auf Kassette auf. Aber das Tonband wurde mutwillig von einem nicht-identifizierten Qualitätssicherungsmanager der FAA zerstört, der ,die Kassette in seiner Hand zerdrückte, das Band in kleine Teile zerschnitt und sie in verschiedene Mülleimer warf.’ Eine solch extreme und möglicherweise illegale Handlung fügt sich Verdachtsmomenten hinzu, dass die ganze Geschichte über die Reaktion auf die 9/11-Angriffe noch nicht erzählt ist.“ [70]

Ob die Kriegsspiele und falschen Radarsignale in einem möglichen, in Gänze nicht auszuschließenden „Inside-Job“-Szenario schon ausgereicht hätten – oder ob hie und da noch ein absichtliches „Versagen“ der Luftwaffe vonnöten gewesen war, dazu stellte ich einige Fragen an einen Autor, der sich den Kriegsspielen des 11. September und der Reaktion der Luftwaffe auf die Entführungen so akribisch gewidmet hat wie kaum ein Zweiter: der investigative Journalist Paul Schreyer.

Von ihm wollte ich erfahren:

Am Tag des 11. September kam es zu Kriegsübungen der US Air Force, die verblüffende Ähnlichkeiten mit den 9/11-Terrorangriffen aufwiesen. Zunächst: was haben Sie gedacht, als sie erfuhren, dass hierbei womöglich tatsächliche Passagiermaschinen zum Einsatz kamen, um entführte Flugzeuge zu simulieren?

Paul Schreyer: Das reale Passagiermaschinen Teil der Militärübungen am Morgen von 9/11 waren, ist bisher nicht erwiesen. Nach allem was man heute weiß, wurde allerdings zumindest ein Szenario durchgespielt, bei dem es um die Entführung eines Flugzeuges ging. Deshalb reagierten einige der Offiziere der Luftabwehr ja auch so konsterniert. Überliefert ist ja die spontane Reaktion eines zuständigen Majors auf den ersten Alarm: „Da hat jemand etwas vorverlegt. Das Hijacking soll doch erst in einer Stunde sein.”

Es gab ja durchaus deutliche Warnhinweise für die Woche des 11. September und der möglichen Angriffsziele. Hätten die Kriegsübungen in Anbetracht dessen abgesagt werden müssen, um Konfusionen zu vermeiden?

Paul Schreyer: Die vielleicht noch wichtigere Frage lautet meiner Meinung nach: Zu welcher Uhrzeit wurden diese Übungen am Morgen von 9/11 überhaupt abgebrochen? Offiziellen Tonbändern des Militärs zufolge wurden noch um 9.30 Uhr simulierte Signale auf den Radarschirmen angezeigt – also über eine Stunde nach Beginn der Entführungen und lange nach den beiden Einschlägen im World Trade Center. Die konkreten Umstände dieser Manöver wurden nie aufgeklärt.

Welche Konfusionen gab es?

Paul Schreyer: Eines der Hauptprobleme habe ich gerade erwähnt. Die Übung ermöglichte die Anzeige von fiktiven Signalen auf den Radarschirmen, die von echten Flugzeugen auf dem Display nicht zu unterscheiden waren. Trotz dieser Schwierigkeit hätte die Luftabwehr aber die entführten Flugzeuge rechtzeitig mit Abfangjägern erreichen können, was, wie man weiß, in keinem einzigen Fall geschah. Auch dieser Sachverhalt wurde bisher nicht schlüssig aufgeklärt.

Ein Mann, dem Sie viel Aufmerksamkeit widmen, ist Col. Robert Marr. Weshalb ist dieser Mensch so wichtig?

Paul Schreyer: Colonel Robert Marr war Befehlshaber der Luftabwehr für den Nordosten der USA. In seiner direkten Verantwortung lag es, die Abfangjäger rechtzeitig aufsteigen zu lassen. Wie kürzlich freigegebene Dokumente jedoch zeigen, verzögerte er allem Anschein nach diese Reaktion in mehreren Fällen aktiv. Marr wurde außerdem der Lüge überführt, was öffentliche Aussagen von ihm zum Abschussbefehl an diesem Morgen angeht. Diese Person verdient daher sicher größere Aufmerksamkeit, als ihr bisher zuteil geworden ist.  [71]

Wenn die Kriegsspiele und falschen Radarsignale in einem „Inside-Job“-Szenario also nicht ausreichten, wie es Paul Schreyer oben nahelegte, und tatsachlich noch ein absichtliches „Versagen“ der Luftwaffe vonnöten gewesen war, dann muss man wohl Colonel Robert Marr ins Visier nehmen.

Wie Schreyer in seinem Buch Inside 9/11 aufzeigt, steht der begründete Verdacht einer mutwilligen Behinderung der Marr unterstellten Luftabwehr im Raum, die offiziell untersucht gehörte. Gleich in mehreren Fallen, so Schreyer, hat Marr seinen Teil dazu beigetragen, dass die Luftabwehr ihrer Aufgabe nicht nachkam.

Fakt ist: Trotz der vielen Übungen blieb immer noch ein Kontingent an Personal und Militärjets verfügbar, dass die entführten Passagiermaschinen hätte abfangen können und müssen. Zumal die entführten Maschinen, wenn man die Aufzeichnungen der Flugrouten betrachtet, seltsame „Umwege“ flogen: statt direkt nach Übernahme der Flugzeuge auf schnellstem Wege die jeweiligen Ziele New York City und Washington D.C. anzusteuern, zogen sie große, zeitaufwendige „Schleifen“ – was für die mutmaßlichen Entführer gefährlich war, da sie dadurch die Möglichkeit erhöhten, abgefangen werden zu können, und tatsächlich auch damit rechnen mussten, dass genau dies geschehen würde. Allerdings zogen einige der Militärjets, die zur Abfangmission aufstiegen, ebenfalls große, zeitaufwendige „Schleifen“, die darauf schließen lassen, dass sie vom Bodenkommando „fehlgelenkt“ wurden. Darüber hinaus sind ganze Luftwaffenstützpunkte schlicht „vergessen“ und nicht rechtzeitig alarmiert worden.  [72]

Auffällig nicht nur im Sinne von „unnötigem Schleifendrehen“ ist, dass beispielsweise American Airlines Flug 77:

a) in Washington DC abhob, um das Pentagon zu attackieren, nachdem die Maschine mehr als eine Stunde lang im Landesinneren umhergeflogen war, obwohl das Pentagon nur wenige Kilometer vom Abflugort (Dulles Airport) entfernt lag,

und:

b) letztlich die Richtung gen Washington DC exakt in einem Radarloch änderte, damit für die Luftverkehrskontrolleure einstweilen außer Sicht geratend. [73]

Zur Frage, wann die Kriegsspiele gestoppt wurden, kann man den Tonbandaufzeichnungen der US-Luftwaffe entnehmen, dass virtuelle Zusätze auf den Signalschirmen bis 9:30 Uhr zu sehen waren. [74]

Wir wissen aber auch, dass sich dem Civil Military Operations Center (CMOC), das ebenfalls mit den Kriegsübungen betraut war, das gleiche Problem mit falschen Radarsignalen stellte – und zwar bis einschließlich 10:12 Uhr. CMOC-Mitarbeiter riefen tatsächlich bei NEADS an, um die Signale schleunigst stoppen zu lassen. Das geschah jedoch nicht. [75]

Überdies ist der Relevanz wegen dreierlei zu unterstreichen:

1) Zur Frage, ob genügend Kampfjets zur Verfügung standen, obwohl eine Reihe von Übungen abgehalten wurden, ist die Antwort eindeutig: Ja, und der Grund ist von größter Bedeutung, denn er ist der Kern des sogenannten „Air Policing“-Systems, das in allen NATO-Luftstreitkräften seit den 1950er Jahren eingeführt und praktiziert wurde – und zwar von den USA initiiert. Jedes Luftwaffen-Geschwader (oder Flügel, Wing), das die Aufgabe des Air Policing innehat, hat eine Mannschaft von zwei Kampfjets, die 24 Stunden an jedem Tag des Jahres in Alarmbereitschaft gehalten werden, ausschließlich um diese Aufgabe zu erfüllen. In der Regel müssen die Maschinen 10 bis 15 Minuten nach dem Alarm in der Luft sein. Dieser Prozess wird in der NATO-Luftwaffe „Alpha Scramble“ genannt. Diese Crews und ihre Maschinen nehmen nie – unter gar keinen Umständen – an Übungen teil. Auch wenn die Staffel für andere Aktivitäten verwendet wird, bedeutet dies nicht, dass dies ohne eine Zuordnung des Air Policing an ein anderes Geschwader für diesen bestimmten Zeitraum geschieht.

2) Die Änderung der Vorschriften – die Notwendigkeit für eine Genehmigung von “Alpha Scramble” – ist bemerkenswert für sich, weil es der Praxis, die seit Jahrzehnten durchgeführt wurde, widerspricht. Diese Praxis kennt bewusst keine hierarchischen Befehlsstrukturen, sondern beruht auf dem Prinzip der Feuerwehr, mit dem Verzögerungen vermieden werden sollen.

3) Kein Fluglotse, der für den Simulationsprozess einer Luftwaffenübung eingesetzt wird, wird sich – unter gar keinen Umständen – verpflichten, gleichzeitig parallel dazu Aufgaben des normalen zivilen oder militärischen Flugbetriebs zu übernehmen, und umgekehrt. Dies wäre mit den Grundsätzen der Flugsicherheit unvereinbar. Sollte es der Fall gewesen sein, dass ein Fluglotse virtuelle Signale / falsche Lichtpunkte auf dem Radar empfing, wäre dies ein Hinweis darauf, dass jemand (mit Zugang zum Radarsystem) absichtlich Verwirrung stiften wollte.

Fest steht ferner ohnehin, dass NORAD die 9/11-Kommission bezüglich der Luftabwehr an 9/11 anlog – oder ihr jedenfalls nicht annähernd die Wahrheit sagte. Der Kommissions-Vorsitzende Thomas Kean: „Wir wissen bis heute nicht, warum uns NORAD erzählt hat, was es uns erzählt hat, aber es war so fern der Wahrheit.“ [76]

In einer Senatsanhörung im Jahre 2004 gab Senator Mark Dayton zu Protokoll, dass die USA für „109 Minuten“ an 9/11 „vollkommen verteidigungslos“ dagestanden hätten, und dass die NORAD-Verantwortlichen die Gründe für das Versagen der Luftverteidigung vertuschten, indem sie der 9/11-Kommission, dem Kongress und dem amerikanischen Volk Unwahrheiten erzählten. Hauptverantwortlich für alle Luftverteidigungsoperationen am 11. September 2001 war General Ralph E. Eberhardt. Ferner war er als Commander in Chief des US Space Command und als Commander in Chief von NORAD verantwortlich für viele der militärischen Übungen, die am 11. September stattfanden. [77]

Nachdem die US-Luftwaffe viermal in Folge an 9/11 versagt hatte, wurde Eberhardt zum ersten Kommandeur des neugeschaffenen NORTHCOM befördert. Niemand von NORAD wurde je für die Falschaussagen zur fehlgeschlagenen Luftverteidigung zur Rechenschaft gezogen.

Für die These, die Mike Ruppert in Sachen „Möglichkeit“ vorbringt, möchte ich anmerken, dass mit dem Computersystem im PEOC zusätzlich in die Abläufe von NORAD und FAA eingegriffen worden sein könnte – auch das gälte es gründlich zu untersuchen. Rupperts These ist, dass die Software, die unter anderem Informationen zwischen NORAD und FAA vermittelte, von einer anderen aufgehoben und ersetzt wurde, die im PEOC unter Kontrolle eines Kernteams des Secret Service rund um Richard Cheney stand. Mit dieser Software wäre es dann – darauf werde ich noch eingehend zu sprechen kommen – theoretisch möglich gewesen, die Reaktionen bei NORAD und FAA zu überwachen, um gezielt einzugreifen und so die Reaktion zu sabotieren. Vorerst soll ein erster Hinweis darauf genügen.

Bezogen auf die 9/11-Kriegsspiele fragte ich Paul Schreyer nach dem für ihn verblüffendsten Ergebnis seiner Recherchen zu den Kriegsübungen.

Paul Schreyer: Das offensichtliche: dass die Übungen parallel zu den Anschlägen stattfanden. Ähnliches ist ja übrigens auch 2005 bei den Anschlägen auf das Londoner U-Bahn-System passiert: am Morgen des 7. Juli fand zeitgleich zu den realen Attacken eine Übung statt, in der es, so wörtlich, um „simultane Bombenanschläge auf U-Bahn-Stationen” ging. In meinen Augen reicht Zufall als Erklärung da nicht mehr aus.

Außerdem fragte ich ihn mit Hinblick auf ein zentrales Mysterium rund um die Aktivitäten des Vize-Präsidenten der Vereinigen Staaten am Morgen des 11. September 2001:

Was lesen sie aus den Aussagen heraus, die Norman Mineta bezüglich Cheney machte?

Paul Schreyer: Mineta war am 11. September 2001 als Verkehrsminister Mitglied der Bush-Regierung. Er befand sich während der Anschläge zusammen mit Cheney im Bunker unter dem Weißen Haus und bezeugte vor der 9/11-Kommission, dass Cheney bei seinem Eintreffen um 9.20 Uhr schon dort gewesen sei. Offiziell hingegen heißt es, Cheney sei erst um 9.58 Uhr im Bunker eingetroffen. Bei dieser Kontroverse geht es letztlich um mehrere sehr weitreichende Dinge. Wann gab Cheney den Abschussbefehl an die Kampfjets? Holte er das Einverständnis des Präsidenten dazu ein? Wusste er vom ankommenden Flugzeug, das auf das Pentagon zusteuerte? Die Antworten auf all diese hochsensiblen Fragen hängen davon ab, wann Cheney den Bunker betrat. Man kann vermuten, dass dies der Grund dafür ist, weshalb die 9/11-Kommission Minetas Aussage in ihrem Abschlussbericht unter den Teppich kehrte.  [78]

Unter den Teppich kehrte die 9/11-Kommission noch einige andere Dinge in Verbindung mit Richard Cheney. Sie ignorierte beispielsweise völlig, dass auch Richard Clarke, der oberste Anti-Terrorbeauftragte der Regierung Bush, in seinem Buch Against all Enemies davon berichtete, dass Cheney viel eher mit einem Extrakontingent an Secret-Service-Personal zum PEOC aufbrach, als sie es in ihrem Abschlussbericht schilderte. [79]

Des Weiteren adressierte sie nicht, dass Cheney sein Möglichstes tat, um danach die Arbeit von Richard Clarke zu erschweren. Dessen Anrufe per Standleitung vom Westflügel des Weißen Hauses ließ Cheney ein ums andere Mal persönlich ins Leere laufen. Und als Clarke schließlich vollkommen aufgebracht Zugang zum PEOC erhalten wollte, wurde ihm dieser von Cheneys Wachmannschaft mit entgegengehaltenen Maschinengewehren verwehrt. Derweil er die Kommunikation und Koordinierung mit Clarke unterlief, kümmerte sich Cheney um Telefonate mit Präsident Bush, dem Secret Service und anderen Führungspersonen der Sicherheitsdienste sowie um Einzelgespräche mit seinen direkten Untergebenen im PEOC, nicht wenige davon im Flüsterton, wie Barton Gellman schreibt. [80]

Zudem veranlasste Cheney schon bald, dass sein persönlicher Rechtsberater und Verbindungsmann zum US-Justizministerium, David Addington, hinab in den Bunker im Ostflügel des Weißen Hauses stieg. Die Beratungen mit Addington, die ebenfalls im Flüsterton liefen, während die Entführungsserie noch nicht beendet war, leiteten die Aktivierung der Continuity-of-Government-Pläne ein. [81]

In The Road to 9/11 bietet Peter Dale Scott eine detailliert unterlegte dreiteilige Hypothese darüber an, welche zentrale Rolle Cheney am Morgen des 11. September eingenommen haben könnte.  [82] Sie stützt sich auf Indizien, die teilweise aus dem Bericht der 9/11-Kommission stammen und teilweise anderen maßgeblichen Quellen entnommen sind. Die dreiteilige Hypothese lautet:

„Erstens leitete Cheney sein eigenes Entscheidungen treffendes Netzwerk in oder nahe des Präsidenten-Bunker unter dem Weißen Haus (das Presidential Emergency Operations Center oder PEOC). Zweitens standen Bush, Cheney und Rumsfeld tatsächlich in Kontakt zueinander, und alle drei diskutierten mindestens die dreigliedrige Entscheidung für einen Abschuss-Befehl und COG – aber in einem entscheidenden Moment, als Cheney und Rumsfeld beide von ihrem eigenen Personal abgeschieden waren.“ [83]

Diese dreigliedrige Entscheidung hieß: „Eins, der Präsident ordnete die Anwendung von Gewalt gegen Flugzeuge an, die als feindlich gelten. Zwei, das Weiße Haus ersucht ebenfalls um Begleitung der Air Force One durch Kampfflieger. Drei, und das trifft auf alle Behörden zu, wir initiieren COG. Bitte aktivieren Sie Ihre alternativen Kommandozentralen und bewegen sich sofort dort hin.“ [84]

Die dritte Hypothese, die Scott aufstellt, geht davon aus, dass „Cheney Zugang zu einem gesicherten Kommunikations-System (hatte), möglicherweise durch den Secret Service, um diese Kontakte außerhalb der regulären Kanale aufrechtzuerhalten”, und zwar zu Bush und Rumsfeld. „Kurz gesagt, die National Command Authority operierte über Cheney im PEOC, und Schlüsselentscheidungen von Cheney wurden aus dem PEOC zu den drei Telefonkonferenzen übertragen: die des Weisen Hauses (Clarkes), die des National Military Command Center (NMCC), und die der FAA.“ [85]

Eine wirklich unabhängige, nach allen Seiten untersuchende Kommission hätte dieser Sache kompromisslos nachgehen müssen, um Aufklärung zu erbringen. Stattdessen übte sie sich in diesem kritischen Punkt wiederholt in „Falschdarstellungen, einschließlich möglicher Lügen, über ein Verbrechen, dem größten Mord in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Derart viel bleibt über dieses Verbrechen noch unbekannt, von der Identität der Entführer bis hin zu den Umständen, die sie ihre Ziele erreichen ließen, dass das Verbrechen als ungelöst zu betrachten ist. Unter diesen Umständen sind die falschen Darstellungen im 9/11-Bericht der Kommission nicht nur Hinweise auf eine Täuschung und Vertuschung, sie rechtfertigen auch den schweren Verdacht darauf, was vertuscht wird.“ [86]

Um die Wahrheit ans Licht zu bringen und Unklarheiten zu beseitigen, so Scott im Jahre 2007, „wäre (es) angemessen, einen Ort einzurichten, an dem der Vize-Präsident zum ersten Mal über 9/11 unter Eid aussagen würde. Diese Befragung würde kritisch auf die Reaktionen des Vize-Präsidenten auf die entführten Flugzeuge am 11. September schauen und auch eine noch ernsthaftere Frage stellen: Haben Cheneys Aktivitäten mit FEMA im Frühjahr 2001 zum Ausmaß der Anschläge beigetragen? FEMA war eine Behörde, mit der Cheney seit den 1980er Jahren heimlich zu tun hatte. In diesem Jahrzehnt waren Cheney und Rumsfeld, der nicht einmal der Regierung angehörte, mit FEMA an streng geheimen Vorbereitungen für das beschäftigt, was schließlich an 9/11 geschah: die Proklamation der Regeln für COG – Continuity of Government.

Obwohl wir fast nichts über COG seit 2001 wissen, haben Nachrichtenmeldungen in den 1980er Jahren darauf hingewiesen, dass die COG-Planungen, in Verbindung mit Oliver North, damals Pläne für das Inhaftieren ohne richterlichen Beschluss und das Abhören ohne richterlichen Beschluss enthielten – Pläne, die nach 9/11 rasch umgesetzt wurden. Wir müssen uns fragen, ob Cheney sowohl im Mai, als auch am 11. September nicht mehr auf die Umsetzung seiner eigenen früheren COG-Programme konzentriert war, als auf das Aufhalten ankommender Flugzeuge. Wenn ich nach meiner Meinung über das gefragt werde, was an 9/11 passierte, antworte ich üblicherweise, dass ich mir nur einer Sache sicher bin: dass es eine signifikante Vertuschung von wichtigen Fragen gegeben hat. Aber es gibt noch einen anderen Schluss, der aus den verfügbaren Daten gezogen werden kann: Zu einem Zeitpunkt, da die Nation angegriffen wurde, entfernten sich Cheney und Rumsfeld beide gleichzeitig für eine Weile von ihren Mitarbeitern und ihren vorgesehenen Posten, um ein bedeutsames Gespräch zu halten, über das sie (a) seitdem getäuscht haben, (b) der Bericht schweigt oder irreführt, und (c) die Fakten unbekannt sind. Ich finde das alles sehr suggestiv. Wenn Cheney und Rumsfeld Fragen erörterten, die selbst für das Publikum im PEOC zu hören zu sensibel waren, haben beide mit ziemlicher Sicherheit nicht im Alleingang gehandelt. Wahrscheinlicher waren sie die Schlüsselfiguren in einer streng geheimen Operation, die andere miteingeschlossen haben muss.“ [87]

In einem Interview, das ich im Sommer 2014 veröffentlichte, kam ich mit Peter Dale Scott auf Gemeinsamkeiten in den Tiefenereignissen „JFK ‘63“ und „9/11“ zu sprechen – welche an dieser Stelle von Relevanz sind.

LS: Ich würde Sie gerne über bestimmte Kommunikationskanäle befragen, die sowohl in JFK als auch in 9/11 beteiligt waren. Warum ist das vielleicht die wichtigste Ähnlichkeit?

PDS: Nun, ich glaube, dass das nationale Kommunikationsnetzwerk – es hatte verschiedene Namen im Laufe der Jahre, aber es ist das spezielle Netzwerk, das in Verbindung mit der Continuity of Government-Planung aufgebaut wurde, und es geht bis in die 1950er Jahre zurück, und die ganze Zeit über verändern sie den Namen. Dies ist eine Ähnlichkeit, auf die ich später stieß. Seit vielen Jahren war mir bekannt, dass die White House Communications Agency [WHCA] ein Faktor in der Kennedy-Ermordung war, weil in Verbindung mit der Untersuchung von JFK durch die Warren-Kommission veröffentlichten sie die Polizei-Transkripte und bestimmte Secret Service-Nachrichten, aber es war bekannt, dass es zwei Kanäle der Polizei gab, beide veröffentlicht, doch es gab auch noch einen dritten Kanal, der in Daily Plaza verwendet wurde, und der Secret Service nutzte den Kanal der sogenannten White House Communications Agency.

Seit Jahren war mir bewusst, dass wir daran kommen müssten, und wir waren nicht in der Lage, daran zu kommen. 1993, als sie ein [Assassination Records] Review Board einrichteten, ging ich zum Review Board und ich sagte, sie sollten an die Datensätze herankommen; aber sie sind nicht freigegeben. Und doch gibt die White House Communications Agency auf ihrer Website damit an – ich denke, dass es das dort immer noch zu lesen gibt –, dass sie dazu beigetragen haben, das Kennedy-Attentat zu lösen. Und das ist sehr interessant, weil die Aufzeichnungen nie die Warren-Kommission erreichten, die angeblich dazu da war, es zu lösen.

Und dann, als die Aufzeichnungen zu 9/11 herauszukommen begannen – das dauerte ein paar Jahre, wir hatten den 9/11-Bericht der Kommission, und es stellte sich heraus, dass es bestimmte Kommunikationen gab, bestimmte Telefonanrufe, von denen wir wissen, dass sie gemacht wurden, aber es gibt keine Aufzeichnung von ihnen. Und in meinem Buch The Road to 9/11 sagte ich, die Hinweise deuten darauf, dass sie … bereits COG implementiert hatten; und das bedeutet, dass, wenn das der Fall ist, sie das spezielle Kommunikationsnetzwerk des COG implementierten [und verwendeten], das unter Änderung der Namen der Erbe des Notfall-Netzwerks ist, und die White House Communications Agency war und ist Teil des Notfall-Netzwerks.

Ich könnte noch dazu einwerfen, dass ein anderes Tiefenereignis Iran-Contra war, und es stellte sich heraus, dass Oliver North 1985-86 Waffen an den Iran schickte, was illegal war und eine Menge Leute in der Regierung wussten von nichts. Sie wussten nichts, weil Oliver North für das gleiche Notfall-Netzwerk verantwortlich war, und er benutzte dieses Notfall-Netzwerk, um beispielsweise die Kommunikation mit der Botschaft in Portugal zu machen, damit diese Waffen an den Iran gingen. Also das ist für mich ein gemeinsamer Nenner.

Und in Watergate, das ist ein weiteres Tiefenereignis. Wir wissen immer noch nicht, warum es ein Abhörgerät am Telefon im Demokratischen Nationalkomitee gab, aber wir wissen, dass James McCord, der verantwortlich für das Team war, das es installierte, Mitglied des Special Air Force Reserve-Netzwerks war, das mit Continuity of Government zu tun hatte. Und er war mit der gleichen Art von Sache betraut: wer zusammengetrieben werden sollte, die Inhaftierung ohne richterlichen Beschluss; sie hatten so etwas in den Tagen von Watergate.

Also das ist für mich einer der auffälligsten gemeinsamen Nenner, der sich durch diese vier großen Tiefenereignisse zieht – JFK, Watergate, Iran-Contra, und schließlich 9/11, und wenn wir je wieder ein Tiefenereignis dieser Art haben sollten, würde ich jetzt auf der Basis vergangener Darbietungen vorhersagen, dass das Notfall-Netzwerk, jenes, zu dem gewöhnliche Leute in der Regierung keinen Zugang haben, wieder ein Faktor sein wird.

LS: Ist der Secret Service in beiden Ereignissen von besonderem Interesse?

PDS: Sie sind gerade wegen dem, worüber wir gerade gesprochen haben, von Interesse; weil sie die White House Communications Agency für ihre Kommunikation nutzen, und eine Menge … ganze Bücher sind über den Secret Service und das JFK-Attentat geschrieben worden – manche etwas sehr übertrieben und einige Leute bringen sie mit dem Plot in Verbindung. Ich denke, es war eine seltsame schlechte Leistung an diesem Tag; sie haben Dinge nicht getan, die sie hätten tun sollen, sie haben Leute, die sie hätten untersuchen sollen, nicht untersucht – das bedeutet nicht unbedingt, dass sie Täter sind, und so hänge ich diesen Theorien nicht an. Er ist weniger offensichtlich im Fall von 9/11, der Secret Service, aber was interessant ist, sie spielen eine Rolle, weil an einem bestimmten Punkt – es gibt ein spezielles Flugzeug für Continuity of Government, das so genannte E4B, sie nennen es das “Doomsday-Flugzeug”, und sie nennen die COG-Planung das “Doomsday-Programm”, und das Flugzeug flog über dem Weißen Haus.

Kein Flugzeug darf je über dem Weißen Haus fliegen, und doch genau an diesem Tag, als alles schief ging, ist die E4B – es ist eigentlich das Sonderflugzeug für die National Command Authority, die der Präsident und der Verteidigungsminister sind. Aber natürlich war keiner von ihnen in dem Flugzeug: der Präsident war in Florida und der Verteidigungsminister im Pentagon half, seinen eigenen Angaben nach, Leute auf Tragen zu legen, was eine seltsame Sache war, als die Nation angegriffen wurde.

Aber das Flugzeug war da, und der Secret Service reagierte, indem alle aus dem Gebäude gebracht wurden. Es gibt eine sehr lebhafte Beschreibung darüber, wie sie Vizepräsident Cheney fast aus seinem Stuhl heraushoben, um ihn aus dem Gebäude zu bringen, und natürlich sagen sie, dass es logisch gewesen ist, als die Nation angegriffen wurde, ihn so schnell wie möglich zum PEOC, dem Notfall-Bunker unter dem Weißen Haus zu bringen, der für den Fall besteht, dass die Nation angegriffen wird. Aber das Interessante ist, das er nicht direkt zum PEOC ging; es gab viele, viele Minuten, während denen er im Tunnel wartete und ein Telefon benutzte, das es dort gab. Was könnte das möglicherweise für ein Telefon gewesen sein? Ich würde Geld darauf wetten, das war ein Telefon, das dem Notfall-Netzwerk angeschlossen war, und ich glaube, es war an diesem Telefon, dass eine Menge der wichtigsten Entscheidungen getroffen wurden, und zwar nicht einmal in Anwesenheit der Top-Berater, die im PEOC waren.

Der Secret Service ist also in dem Sinne beteiligt, dass es ihre Aufgabe war, ihn hinaus zu bekommen und bei ihm zu bleiben – bei Cheney -, während er in diesem Tunnel vielleicht bis zu 20 Minuten anhielt, um eine Reihe von Telefonaten sowohl mit dem Präsidenten wie auch mit dem Verteidigungsminister zu tätigen.

LS: Bezüglich 9/11 sagen Sie, dass Sie nur eine Sache sicherlich wissen: Es hat eine massive Vertuschung gegeben. Was wurde vertuscht und warum?

PDS: Wir haben immer noch nicht wirklich eine Erklärung, warum die Flugzeuge … sie sollten abgefangen worden sein. Sicherlich zu der Zeit des dritten und des vierten Flugzeugs hätten sie abgefangen werden müssen. Es gibt eine ausführliche Erklärung im 9/11-Kommissionsbericht, aber es gibt viele Dinge, die noch wirklich unerklärlich sind. Das Verhalten des Vizepräsidenten, der eine Schlüsselfigur war. Es wurde ein Telefongespräch geführt, das COG implementierte; das ist das Zentrum dessen, was hier passiert ist. Es gibt keine Spur von diesem Anruf. Nicht, weil keine Spur gemacht wurde, wissen Sie, er tätigte ihn nicht von einer Telefonzelle aus oder so; es geschah sicherlich innerhalb der Kanäle, aber ich bin sicher, dass es auf einer COG-Leitung geschah, und wir müssen hören, was gemacht wurde.

Dies hat übrigens echte rechtliche Konsequenzen, weil eines der Dinge, die erklärt werden müssen, jenes ist, warum der Vizepräsident Entscheidungen traf, die zu machen er rechtlich nicht befugt war. Wir haben eine National Command Authority, die das Militär regiert: das ist der Präsident und der Verteidigungsminister. Soweit wir das beurteilen können – und da fehlen die Aufzeichnungen, so dass ich sagen würde, dass sie vertuscht werden –, wurden die eigentlichen Entscheidungen vom Vizepräsident, der nicht Teil der National Command Authority ist, getroffen.

All dies sollte untersucht werden, da es durchaus möglich ist, dass Verbrechen in Reaktion auf 9/11 begangen wurden. Ich rede jetzt nicht über 9/11 selbst, das ich nicht in meinem Buch diskutiere, da es zu viele andere Bücher gibt, die darüber geschrieben wurden. Aber in der Reaktion auf 9/11 wurden bestimmte Dinge nicht in der Weise getan, die gesetzlich vorgeschrieben ist. Wie sie getan wurden, ist vertuscht worden, weil wir nicht die Dokumente darüber zur Verfügung stehen haben. [88]

Was das COG-Flugzeug, die E4B, angeht, so machte Peter Dale Scott darauf aufmerksam, dass während des Angriffs auf das Pentagon dieses sogenannte Doomsday-Flugzeug für kurze Zeit über dem verbotenen Luftraum über dem Weißen Haus kreiste. CNN berichtete darüber drei Jahre später, nahm den Bericht aber vollständig vom Sender-Angebot heraus. Dieser mobile Kommandoposten, der ein Produkt der COG-Planung ist, hat seinen Stützpunkt in Offhut, Nebraska, und ist eigentlich für die erwähnte National Command Authority bestimmt. Laut CNN besteht der Zweck der E4B darin, „die Regierung am Laufen zu halten, egal was geschieht, selbst im Falle eines Atomkrieges, was der Grund dafür ist, warum es während des Kalten Kriegs den Kosenamen ‚Doomsday-Flugzeug‘ bekam.” Dieser Vorfall über dem Weißen Haus wurde niemals offiziell erklärt, die 9/11-Kommission erwähnt ihn in ihrem Bericht mit keinem Wort. Die Aktivierung von COG fand um diese Zeit herum statt. Und die Air Force One-Odyssee des US-Präsidenten gen Westen betreffend, die sich gegen dessen erklärten Willen vollzog, indes Richard Cheney in Washington an seine Stelle zu treten schien: an 9/11 landete George W. Bush mit seiner Entourage auf zwei Militärstützpunkten, und einer davon war die E4B-Basis in Offhut, Nebraska. [89]

Desungeachtet sei der Vollständigkeit halber zuletzt bezüglich der Kriegsspiele am Morgen des 11. September 2001 noch dies erwähnt: Ein weiterer Drill, der zwar nicht direkt für den 11. September vorgesehen war, aber schon für den nachfolgenden Tag vorbereitet wurde, und zwar in New York City, war “Tripod II“, eine Kriegsübung „für einen biochemischen Anschlag“[90] die laut Aussage von Rudolph Giuliani, dem damaligen Bürgermeister von New York, „Hunderte von Personen… von der FEMA, der Bundesregierung, vom Staat, vom State Emergency Management Office“ umfasste.  [91] Das eigentliche Kommandozentrum für jede Art von Notfall-Management befand sich im World Trade Center Gebäude 7; gleichwohl konnte nach dessen Evakuierung aufgrund der Vorbereitungen für “Tripod II“ ohne Zeitverluste ein neues Kommandozentrum an der Westseite von Lower Manhattan etabliert werden, das dem im WTC-Gebäude 7 entsprach. [92]

Nach der präsidialen Weisung vom Mai 2001 fiel auch “Tripod II“ von Anfang an in den Verantwortungsbereich Dick Cheneys. All dies ist deshalb wichtig zu berücksichtigen, da nach Auswertung der Frage: „Wer hat was wann wo wie gewusst und gemacht?“, kaum ein anderer – sehr bitterer – Schluss gezogen werden kann, als jener, den Mike Ruppert zieht – namentlich, dass in den WTC-Türmen Hunderte von Menschenleben hätten gerettet werden können – gesetzt, man hätte denn wollen. [93]


Weiterführende Artikel:

Wem gehört und dient die FED?

NSA, PROMIS, PTECH und 9/11


Autor: Lars Schall wurde am 31. August 1974 in Herdecke an der Ruhr geboren. Er studierte an den Universitäten Dortmund und Knoxville, Tennessee in den USA unter anderem Journalistik. Er ist freier Finanzjournalist mit den Schwerpunkten Energie, Edelmetalle, Geldsystem und Geopolitik. Er veröffentlicht u. a. auf ASIA TIMES ONLINE. Darüber hinaus arbeitet er als Übersetzer von Finanz- und Wirtschaftstexten.

Beitragsbild: 9/11 – www.pixabay.com

Fußnoten:

  1. Michael C. Ruppert: “Crossing the Rubicon. The Decline of the American Empire at the End of the Age of Oil“, New Society Publishers, 2004, Seite 1.
  2. Vgl. Richard C. Duncan: “The Peak of World Oil Production and the Road to the Olduvai Gorge“ unter: http://www.hubbertpeak.com/Duncan/olduvai2000.html
  3. Michael C. Ruppert: “Crossing the Rubicon”, a.a.O., Seite 19.
  4. Ebd., Seite 31. Ruppert gibt über die Studie zu bedenken: ”Because it was not an official government document and not widely circulated, it could come closer to telling the truth without risking panic in the financial markets.”
  5. Ebd.
  6. Ebd., Seite 47 – 48. Für eine vertiefende Analyse der Rede siehe u. a. Kjell Aleklett: “Dick Cheney, Peak Oil and the Final Count Down” auf PeakOilNet unter: http://www.peakoilnet.com/Publications/Cheney_PeakOil_FCD.pdf
  7. Michael C. Ruppert: ”Crossing the Rubicon“, a.a.O., Seite 41 – 44, 574.
  8. Michael C. Ruppert: ”Crossing the Rubicon“, a.a.O., Seite 44.
  9. Ebd., Seite 42.
  10. Ebd., Seite 43.
  11. Ebd., Seite 412 – 414.
  12. Ebd., Seite 412.
  13. Vgl. Russ Baker: “Family of Secrets: The Bush Dynasty, the Powerful Forces That Put it In The White House, And What Their Influence Means For America”, Bloomsbury Press, New York, 2009, Seite 484. Joe Allbaugh gründete übrigens späterhin, wie Russ Baker erwähnt, ein Unternehmen – Blackwell Fairbanks – mit einem anderen ehemaligen NEPDG-Mitglied, Andrew Lundquist.
  14. Vgl. ebd.
  15. Vgl. ebd., Seite 481 – 482.
  16. Ebd., Seite 482.
  17. Peter Dale Scott: “The Road to 9/11. Wealth, Empire, and the Future of America“, University of California Press, Berkeley, 2007, Seite 185.
  18. Vgl. Lars Schall: „9/11: Wer auch immer dahintersteckt“, Interview mit Paul Schreyer, veröffentlicht auf LarsSchall.com am 13. August 2011 unter: http://www.larsschall.com/2011/08/13/911-wer-auch-immer-dahintersteckt/  (…)
  19. Michael C. Ruppert: ”Crossing the Rubicon“, a.a.O., Seite 427 – 428.
  20. Ebd., Seite 428.
  21. Ebd., Seite 430.
  22. Vgl. ebd., Seite 435 – 436.
  23. Ebd., Seite 436.
  24. Ebd., Seite 427.
  25. Ebd., Seite 397. Vgl. des Weiteren Seite 309.
  26. Ebd., Seite 337.
  27. Peter Dale Scott: “The Road to 9/11“, a.a.O., Seite 208.
  28. Vgl. Lars Schall: „9/11: Wer auch immer dahintersteckt“, Interview mit Paul Schreyer, a.a.O.
  29. Vgl. Richard Clarke: “Against all Enemies: Inside America’s War on Terrorism“, Simon and Schuster, New York, 2004, Seite 4 – 17. Siehe auch Peter Dale Scott: “The Road to 9/11“, a.a.O., Seite 219 – 220.
  30. Vgl. Michael C. Ruppert: ”Crossing the Rubicon“, a.a.O., Seite 333 – 356, unter: “Wargames and High Tech“.
  31. Ebd., Seite 345. Für die Definition von “Warrior“ als “Live Fly“-Exercise siehe Seite 368.
  32. Ebd., Seite 338 – 340.
  33. Ebd., Seite 339.
  34. Ebd., Seite 338.
  35. Vgl. ebd., Seite 225 – 237, unter: “Penetration“.
  36. Ebd., Seite 237.
  37. Ebd., Seite 346.
  38. Ebd., Seite 348. Vgl. des Weiteren die Rolle der Joint Chiefs of Staff.
  39. Ebd.
  40. Vgl. “The Vice President Appears on Meet the Press with Tim Russert”, veröffentlicht auf der Website des Weißen Hauses unter: http://www.whitehouse.gov/vicepresident/newsspeeches/speeches/vp20010916.html
  41. Vgl. ebd.
  42. Ebd., Seite 202.
  43. Vgl. ebd.
  44. Ebd., Seite 231 – 33.
  45. Vgl. “Statement of Brian L. Stafford, Director, United States Secret Service, Before the Committee on Appropriations, Subcommittee on Treasury and General Government.” United States Senate, 30. März 2000.
  46. Vgl. National Commission on Terrorist Attacks Upon the United States: Tenth Public Hearing. 9/11 Commission, 13. April 2004, abzurufen unter: http://www.9-11commission.gov/archive/hearing10/9-11Commission_Hearing_2004-04-13.htm
  47. Vgl. “Testimony of Paul H. O’Neill, Secretary of the Treasury, Before the Senate Committee on Appropriations.” U.S. Department of the Treasury, 8. Mai 2001, unter: http://www.treasury.gov/press-center/press-releases/Pages/po361.aspx
  48. Vgl. Paul L. Nenninger: “Simulation at the Secret Service: As Real as it Gets”, veröffentlicht in “Learning Rants, Raves, and Reflections: A Collection of Passionate and Professional Perspectives”, 2005 herausgegeben von Elliott Masie, Seiten 175-187, sowie Paul L. Nenninger: “One Secret Service Agent’s Experience.” Southeast Missourian, 29. August 2011, unter: http://www.semissourian.com/story/1757355.html
  49. Vgl. Kevin Ryan: “Secret Service Failures on 9/11: A Call for Transparency”, Washington’s Blog, 25. März 2012 unter: http://www.washingtonsblog.com/2012/03/secret-service-failures-on-911-a-call-for-transparency.html
  50. Vgl. ebd.
  51. Vgl. ebd.
  52. Vgl. ebd.
  53. Vgl. ebd.
  54. Vgl. ebd.
  55. Vgl. Richard Cheney: “The United States Has Never Lost Its Moral Bearings”, veröffentlicht auf Real Clear Politics am 21. Mai 2009 unter: http://www.realclearpolitics.com/articles/2009/05/21/cheney_obama_keeping_america_safe_96615.html
  56. Vgl. Peter Dale Scott: “The Road to 9/11”, a.a.O., Seite 220 ff.
  57. Ebd., Seite 217.
  58. Vgl. Paul Schreyer: „Inside 9/11. Neue Fakten und Hintergründe zehn Jahre danach“, Kai Homilius Verlag, 2011, Seite 91.
  59. Vgl. 9/11 Commission, Memorandum for the Record, Orientation and tour of the National Military Command Center (NMCC), 21. Juli 2003, abzurufen unter: http://media.nara.gov/9-11/MFR/t-0148-911MFR-00756.pdf
  60. Vgl. Paul Schreyer: „Inside 9/11. Neue Fakten und Hintergründe zehn Jahre danach“, Kai Homilius Verlag, 2011, Seite 91.
  61. Vgl. 9/11 Commission, Memorandum for the Record, Interview Lynne Osmus, 3.Oktober 2003, abzurufen unter: http://media.nara.gov/9-11/MFR/t-0148-911MFR-00910.pdf[/ref]

    Die Ursache für diese technischen Probleme wurde nie ermittelt, wiewohl die 9/11-Kommssion in ihrem Abschlussbericht selbst schrieb: „An 9/11 hing die Verteidigung des US-Luftraums von einer engen Interaktion zwischen zwei Bundesstellen ab: Der FAA und dem North American Aerospace Defense Command (NORAD).”

    Nicht an dem Platz, wo er eigentlich hingehört hätte, war am 11. September übrigens auch Michael A. Canavan, seines Zeichens der Hijack-Koordinator der FAA. Während der 9/11-Angriffe hielt er sich eigenen Angaben nach in Puerto Rico auf, weitab vom Geschehen. Und seine Stellvertreterin, Lynne Osmus, scheint erst auf ihrem Posten gewesen zu sein, nachdem die Entführungsserie bereits beendet war. [94]Vgl. Kevin Ryan: „Another Nineteen: Investigating Legitimate 9/11 Suspects“, Microbloom, 2013, Seite 113.

  62. Vgl. ebd., Seite 109.
  63. Ebd., Seite 110
  64. Vgl. ebd., Seite 113.
  65. Ebd., Seite 111.
  66. Vgl. ebd., Seite 108
  67. Vgl. Paul Schreyer: „Inside 9/11“, a.a.O., Seite 89.
  68. Peter Dale Scott: “The Road to 9/11“, a.a.O., Seite 218.
  69. Ebd.
  70. Ebd.
  71. Vgl. Lars Schall: „9/11: Wer auch immer dahintersteckt“, Interview mit Paul Schreyer, a.a.O.
  72. Vgl. Paul Schreyer: „Inside 9/11“, a.a.O., Seite 69 – 74.
  73. Vgl. “Pentagon Crash Highlights a Radar Gap”, Washington Post vom 3. November 2001, veröffentlicht unter: http://www.paul-schreyer.de/recherchen_archiv07.html
  74. Vgl. Matthew Everett: “‘Let’s Get Rid of This Goddamn Sim’: How NORAD Radar Screens Displayed False Tracks All Through the 9/11 Attacks”, veröffentlicht unter: http://shoestring911.blogspot.de/2010/08/lets-get-rid-of-this-goddamn-sim-how.html
  75. Vgl. ebd.
  76. Vgl. Dan Eggen: “9/11 Panel Suspected Deception by Pentagon”, veröffentlicht auf Washington Post vom 2. August 2006 unter: http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2006/08/01/AR2006080101300.html
  77. Kevin Ryan: “Another Nineteen”, a.a.O., Seite 126 – 128.
  78. Vgl. Lars Schall: „9/11: Wer auch immer dahintersteckt“, Interview mit Paul Schreyer, a.a.O.
  79. Vgl. Richard Clarke: “Against all Enemies“, a.a.O., Seite 2 und 5. Siehe Scott in “The Road to 9/11“, Seite 201 – 207 über Flug 77 im Zusammenhang mit Cheney/Mineta/Clarke.
  80. Vgl. Barton Gellman: “Angler. The Shadowy Precidency of Dick Cheney“, Penguin, London/New York, 2009, Seite 118. Dort schildert Gellman auch Clarkes vergebliche Anrufe über die Standleitung zum PEOC an Cheney.
  81. Vgl. ebd., Seite 129.
  82. Vgl. Peter Dale Scott: “The Road to 9/11“, a.a.O., Seite 219 – 235.
  83. Ebd., Seite 219.
  84. Vgl. Richard Clarke: “Against all Enemies“, a.a.O., Seite 8 – 9.
  85. Peter Dale Scott: “The Road to 9/11“, a.a.O., Seite 219.
  86. Ebd., Seite 232.
  87. Ebd., Seite 234.
  88. Lars Schall: „Reden wir über den amerikanischen Tiefenstaat“, veröffentlicht auf LarsSchall.com am 16. Juli 2014 unter: http://www.larsschall.com/2014/07/16/reden-wir-ueber-den-amerikanischen-tiefenstaat/
  89. Vgl. ebd.
  90. Michael C. Ruppert: ”Crossing the Rubicon“, a.a.O., Seite 433.
  91. Ebd., Seite 405.
  92. Ebd., Seite 406.
  93. Vgl. ebd., Seite 406 – 411.

John McCain, der Dirigent des “arabischen Frühlings” und der Kalif

von Thierry Meyssan

Jeder hat den Widerspruch derjenigen bemerkt, die vor kurzem das islamische Emirat als “Freiheitskämpfer” in Syrien bezeichneten und sich jetzt über ihre Menschenrechtsverletzungen im Irak empören. Aber wenn diese Rede auch in sich inkonsistent ist, ist sie absolut logisch mit dem strategischen Plan: die gleichen Individuen sollten gestern als Verbündete und heute als Feinde dargestellt werden, auch wenn sie immer noch Washington unterstehen. Thierry Meyssan blättert die Unterseite der Karten der US-Politik mit dem besonderen Fall des Senators John McCain auf, dem Dirigenten des “Arabischen Frühlings” und langjährigen Gesprächspartner des Kalifen Ibrahim.

Sind Barack Obama und John McCain politische Gegner, wie sie behaupten, oder arbeiten sie gemeinsam an der imperialistischen Strategie ihres Landes?

Sind Barack Obama und John McCain politische Gegner, wie sie behaupten, oder arbeiten sie gemeinsam an der imperialistischen Strategie ihres Landes?

John McCain ist bekannt als der Führer der Republikaner, unglücklicher Kandidat für die US-Präsidentschaft im Jahr 2008. Das ist, wir werden es sehen, nur der Teil seiner tatsächlichen Biographie, die als Tarnung für die Durchführung von verdeckten Aktionen im Auftrag seiner Regierung dient.

Als ich während des Angriffs des „Westens“ in Libyen war, konnte ich einen Bericht der ausländischen Geheimdienste einsehen. Man konnte darin lesen, dass die NATO am 4. Februar 2011 in Kairo ein Treffen organisiert hatte, um den “Arabischen Frühling” in Libyen und Syrien zu starten. Laut diesem Dokument wurde es von John McCain geleitet. Der Bericht detaillierte die Teilnehmerliste der Libyer, deren Delegation von der Nummer 2 der damaligen Regierung, Mahmoud Jibril, geführt wurde, der plötzlich am Anfang dieses Treffens seine Stellung geändert hatte, um der Führer der Opposition im Exil zu werden. Ich erinnere mich, dass der Bericht unter den französischen Delegierten Bernard-Henry Lévy erwähnte, obwohl er nie eine offizielle Funktion innerhalb der französischen Regierung innehatte. Viele andere Persönlichkeiten nahmen an diesem Symposium teil, einschließlich einer großen Delegation von Syrern, die im Ausland lebten.

Am Ende dieses Treffens rief das geheimnisvolle Facebook-Konto Syrian Revolution 2011 zum Protest vor dem Volksrat (Nationalversammlung) in Damaskus, am 11. Februar auf. Obwohl dieses Konto behauptete, damals mehr als 40.000 followers zu haben, reagierte nur ein Dutzend Leute auf seinen Aufruf, und zwar vor den Blitzen der Fotografen und Hunderten Polizisten. Die Demonstration löste sich friedlich auf und die Auseinandersetzungen begannen nur, mehr als einen Monat später, in Deraa  [1].

Am 16. Februar 2011, in Erinnerung an Mitglieder der islamischen Gruppe der Kämpfer in Libyen  [2], die im Jahr 1996 im Gefängnis von Abu Selim massakriert worden waren, fand eine Demo in Bengasi statt und degenerierte in Schießereien. Am nächsten Tag, entwickelte sich eine zweite Demonstration, diesmal in Erinnerung an die Verstorbenen beim Angriff auf das dänische Konsulat, anlässlich der Mohammed-Karikaturen, und artete auch zu einer Schießerei aus. Zur gleichen Zeit griffen aus Ägypten kommende und von nicht-identifizierten, mit Kapuzen getarnten Personen geleitete Mitglieder der islamischen Gruppe der Kämpfer in Libyen gleichzeitig vier Basen in vier verschiedenen Städten an. Nach dem dreitagelangen Kampf und den Gräueltaten starteten die Randalierer den Aufstand von Kyrenaika gegen Tripolitanien [3]; einen Terroranschlag, den die westliche Presse fälschlicherweise als eine “demokratische Revolution” gegen “das System” von Muammar al-Gaddafi darstellte.

Am 22. Februar war John McCain im Libanon. Er traf dort Mitglieder der Zukunftsströmung (Courant du Futur, die Partei von Saad Hariri), die er beauftragte, die Waffenübergabe nach Syrien um den Parlamentarier Okab Sakr herum, zu überwachen [4]. Dann, nachdem er Beirut verlassen hatte, inspizierte er die syrische Grenze und wählte Dörfer aus, besonders Ersal, das den Söldnern für den bevorstehenden Krieg als eine hintere Basis dienen sollte.

Die Vereinbarungen unter dem Vorsitz von John McCain fanden eindeutig zu dem Zeitpunkt des Auftaktes eines lange vorher von Washington beschlossenen Plans statt; eines Plans, der den gleichzeitigen Angriff auf Libyen und Syrien durch das Vereinigte Königreich und Frankreich, in Übereinstimmung mit der Doktrin der “Führung von hinten” und im Anhang zum Vertrag vom Lancaster Haus vom November 2010 vorsah [5].

Die illegale Reise nach Syrien, von Mai 2013

Im Mai 2013 ging Senator John McCain illegal in die Nähe von Idlib in Syrien, über die Türkei, um sich mit Führern der “bewaffneten Opposition” zu treffen. Seine Reise wurde erst nach seiner Rückkehr in Washington bekannt [6].

Diese Reise wurde von der Syrian Emergency Task Force organisiert, die, im Gegensatz zu ihrem Titel, eine zionistische Organisation unter der Leitung von einem palästinensischen Mitarbeiter der AIPAC ist [7].

John McCain in Syrien. Im Vordergrund auf der rechten Seite erkennt man den Direktor der Syrian Emergency Task Force. In der Tür, in der Mitte, Mohammad Nur.

John McCain in Syrien. Im Vordergrund auf der rechten Seite erkennt man den Direktor der Syrian Emergency Task Force. In der Tür, in der Mitte, Mohammad Nur.

Auf den damals veröffentlichen Fotografien, stellte man die Gegenwart von Mohammad Nur fest, Sprecher der Sturm-Brigade vom Norden (von der Al-Nusra-Front, d. h. Al Kaida in Syrien), die 11 libanesische schiitische Pilger entführt hatten und in Azaz festhielten [8]. Über seine Nähe zu Mitgliedern von Al-Kaida-Geiselnehmern befragt, beteuerte der Senator, Mohammad Nur nicht zu kennen, der sich auf eigene Initiative zu diesem Foto eingeladen habe.

Der Fall machte großen Lärm, und die Familien der entführten Pilger reichten eine Beschwerde beim libanesischen Gerichtshof gegen Senator McCain wegen Mittäterschaft bei der Entführung ein. Am Ende konnte eine Vereinbarung gefunden werden, und die Pilger wurden freigelassen.

Nehmen wir an, dass Senator McCain die Wahrheit gesagt habe und dass er durch Mohammad Nur missbraucht worden wäre. Der Zweck seiner illegalen Reise nach Syrien war, den Generalstab der syrischen freien Armee zu treffen. Ihm zufolge hätte diese Organisation “ausschließlich aus Syrern” bestanden, die für die “Freiheit”, gegen die “Alawiten Diktatur“ (sic) kämpften. Die Organisatoren der Reise veröffentlichten dieses Foto, um das Treffen zu attestieren.

John McCain und der Generalstab der syrischen freien Armee. Im Vordergrund Links, Ibrahim al-Badri, mit dem der Senator diskutiert. Kurz dahinter, Brigadegeneral Salim Idriss (mit Brille).

John McCain und der Generalstab der syrischen freien Armee. Im Vordergrund Links, Ibrahim al-Badri, mit dem der Senator diskutiert. Kurz dahinter, Brigadegeneral Salim Idriss (mit Brille).

Wenn man da Brigadegeneral Salem Ibrahim, Leiter der freien Syrische Armee, sehen kann, kann man auch Ibrahim al-Badri (im Vordergrund Links) sehen, mit dem der Senator diskutiert. Nach der Rückkehr von dieser überraschenden Reise behauptete John McCain, dass alle verantwortlichen Militärs von der freien syrische Armee “Gemäßigte wären, denen wir vertrauen können” (SIC!).

Ibrahim al-Badri, alias Abu Du’a

Nun, seit dem 4. Oktober 2011 stand Ibrahim al-Badri, alias Abu Du’a auf der Liste der fünf meistgesuchten Terroristen von den Vereinigten Staaten (Rewards for Justice). Eine Prämie bis zu $ 10 Millionen wurde angeboten, wer bei seiner Festnahme helfen würde [9]. Am nächsten Tag, den 5. Oktober 2011, wurde Ibrahim al-Badri auf die Liste des Sanktions- Ausschusses der Vereinten Nationen als Mitglied von Al-Kaida gesetzt [10].

Darüber hinaus, ein Monat vor dem Empfang von Senator McCain erstellte Ibrahim al-Badri, unter dem Kriegsnamen Abu Bakr Al-Baghdadi, den islamischen Staat im Irak und in der Levante (EIIL) – obwohl er noch immer dem Personal der sehr ’moderaten’ Freien Syrischen Armee angehörte -. Er beanspruchte den Angriff auf die Gefängnisse von Tadsch und Abu Ghraib im Irak, von denen er zwischen 500 und 1.000 Dschihadisten befreite, die sich dann seiner Organisation anschlossen. Dieser Angriff war mit anderen fast gleichzeitigen Operationen in weiteren acht Ländern koordiniert. Jedes Mal traten die ausgebrochenen Dschihadisten den kämpfenden Organisationen in Syrien bei. Dieser Fall war so seltsam, dass Interpol eine Notiz erließ und die Unterstützung der 190 Mitgliedsländer forderte [11].

Ich, meinerseits, habe immer gesagt, dass es auf dem Terrain keinen Unterschied gab zwischen der syrischen freien Armee, der Al-Nusra Front, dem islamischen Emirat usw…. Alle diese Organisationen bestehen aus den gleichen Personen, die dauernd ihre Fahne wechseln. Wenn sie sich zur freien syrischen Armee bekennen, tragen sie die Flagge der französischen Kolonialisierung und sprechen nur vom Sturz des „Hundes Baschar“. Wenn sie behaupten, der Al-Nusra Front anzugehören, tragen sie die Fahne von Al-Kaida und sagen, den Islam in die ganze Welt bringen zu wollen. Schließlich, wenn sie sich auf das islamische Emirat berufen, schwenken sie jetzt die Fahne des Kalifats und verkünden, dass sie die Gegend von allen Ungläubigen reinigen werden. Aber was auch immer ihr Label, sie verüben die gleichen Misshandlungen: Vergewaltigung, Folter, Enthauptungen und Kreuzigungen.

Jedoch haben weder Senator McCain noch seine Begleiter von der Syrian Emergency Task Force dem Außenministerium die in ihrem Besitz befindlichen Angaben über Ibrahim al-Badri gegeben und um diesen Preis gebeten. Sie haben auch nicht den Anti-Terror-Ausschuss der Vereinten Nationen informiert.

In keinem Land der Welt, unabhängig von seinem politischen Regime, könnte man akzeptieren, dass der Oppositionsführer in direktem, öffentlichen und freundlichen Kontakt mit einem sehr gefährlichen, gesuchten Terroristen sei.

Wer ist also Senator McCain?

John McCain ist nicht nur der Führer der politischen Opposition zu Präsident Obama, er ist auch einer seiner hohen Beamten!

Er ist nâmlich seit Januar 1993 Präsident von dem Internationalen Republikanischen Institut (IRI), dem republikanischen Zweig der NED/CIA „NED, das legale Schaufenster der CIA“, von Thierry Meyssan, Übersetzung Horst Frohlich, Оdnako (Russland), Voltaire Netzwerk, 11. Oktober 2013.. Diese so genannte ’NRO’ entstand offiziell durch Präsident Ronald Reagan, um bestimmte Aktivitäten der CIA in Verbindung mit den britischen, kanadischen und australischen Geheimdiensten zu erweitern. Entgegen seinen Behauptungen ist es eine zwischenstaatliche Agentur. Ihr Budget ist ein vom Secretary Of State abhängiger und vom Kongress gewählter Haushaltsposten.

Und weil es eine gemeinsame Einrichtung der angelsächsischen Geheimdienste ist, untersagen ihr viele Staaten der Welt jegliche Tätigkeit auf ihrem Hoheitsgebiet.

Da die beiden Mitarbeiter von dem Republican Institute IRI (International) in Kairo beschuldigt wurden, den Sturz des Präsidenten Hosni Mubarak im Namen der Muslimbruderschaft vorbereitet zu haben, nahmen John Tomlaszewski (zweiter von rechts) und Sam LaHood (Sohn von dem amerikano-libanesischen Verkehrsminister einer demokratischen Regierung, Ray LaHood) (zweiter von links) Zuflucht auf der Botschaft der Vereinigten Staaten. Hier sind sie zusammen mit den Senatoren John McCain und Lindsey Graham in der vorbereitenden Sitzung des "arabischen Frühlings" von Libyen und Syrien. Sie werden vom Bruder Mohamed Mursi befreit werden, als er Präsident wurde.

Da die beiden Mitarbeiter von dem Republican Institute IRI (International) in Kairo beschuldigt wurden, den Sturz des Präsidenten Hosni Mubarak im Namen der Muslimbruderschaft vorbereitet zu haben, nahmen John Tomlaszewski (zweiter von rechts) und Sam LaHood (Sohn von dem amerikano-libanesischen Verkehrsminister einer demokratischen Regierung, Ray LaHood) (zweiter von links) Zuflucht auf der Botschaft der Vereinigten Staaten. Hier sind sie zusammen mit den Senatoren John McCain und Lindsey Graham in der vorbereitenden Sitzung des “arabischen Frühlings” von Libyen und Syrien. Sie werden vom Bruder Mohamed Mursi befreit werden, als er Präsident wurde.

Die Liste von John McCains Interventionen im Auftrag des Außenministeriums ist beeindruckend. Er war an allen Farben-Revolutionen der zwanzig letzten Jahre beteiligt.

Um nur einige Beispiele zu zitieren, immer im Namen der Demokratie, bereitete er den gescheiterten Putsch gegen den konstitutionellen Präsidenten Hugo Chávez in Venezuela  [12] vor, den Sturz des verfassungsmäßigen Präsidenten Jean-Bertrand Aristide in Haiti [13], den Versuch, den verfassungsmäßigen Präsidenten Mwai Kibaki in Kenia zu stürzen [14], und vor kurzem, den des verfassungsmäßigen Präsidenten der Ukraine, Viktor Janukowitsch.

In jedem Staat der Welt kann ein Bürger, wenn er eine Initiative gegen das Regime eines anderen Staates unternimmt, gelobt werden, wenn er erfolgreich ist, und das neue Regime sich als Verbündeter erweist, aber er wird heftig verurteilt werden, wenn seine Initiativen schädliche Folgen für sein eigenes Land haben. Jedoch Senator McCain wurde noch nie für seine antidemokratischen Aktionen in den Staaten gerügt, wo er versagt hatte und die sich gegen Washington wendeten. In Venezuela zum Beispiel. Das kommt daher, weil John McCain für die Vereinigten Staaten kein Verräter, sondern ein Agent ist.

Und ein Agent, der die beste denkbare Abdeckung besitzt: Er ist der offizielle Gegner von Barack Obama. Er kann als solcher überall in der Welt reisen (er ist der US-Senator, der am meisten reist) und kann treffen, wen er will, ohne Angst. Wenn seine Gesprächspartner Washingtons Politik genehmigen, verspricht er ihnen sie weiterzuführen, und wenn sie sie bekämpfen, wälzt er die Verantwortung auf Präsident Obama ab.

John McCain ist bekannt für seine Gefangenschaft im Vietnam-Krieg, während 5 Jahren und dort gefoltert worden zu sein. Er war Opfer eines Programms, nicht um Informationen freizugeben, sondern um eine Rede zu vermitteln. Es ging darum, seine Persönlichkeit zu ändern, um gegen sein eigenes Land auszusagen. Dieses, aus dem koreanischen Beispiel für die Rand Corporation von Professor Albert D. Biderman ausgearbeitete Programm diente Dr. Martin Seligman als Grundlagenforschung in Guantanamo und anderswo [15]. Das unter George W. Bush auf mehr als 80.000 Gefangene angewendete Programm erlaubte, einige von ihnen in echte Kämpfer im Dienste von Washington zu verwandeln. John McCain, der in Vietnam zusammengebrochen war, versteht es daher sehr gut. Er weiß, wie man Dschihadisten ohne Skrupel manipuliert.

Was ist die amerikanische Strategie mit den Dschihadisten in der Levante?

1990 haben die Vereinigten Staaten beschlossen, ihre ehemaligen irakischen Verbündeten zu vernichten. Nachdem sie Präsident Saddam Hussein glauben ließen, dass sie den Angriff auf Kuwait als eine innere irakische Angelegenheit betrachten würden, haben sie diesen Angriff zum Vorwand genommen, um eine breite Koalition gegen den Irak zu mobilisieren. Jedoch wegen der Opposition der UdSSR haben sie das Regime nicht gestürzt, sondern begnügten sich, die Flugverbotszone zu verwalten.

Im Jahr 2003 war die Opposition Frankreichs nicht genügend stark, um den Einfluss des Komitees für die „Befreiung“ des Irak auszugleichen. Die Vereinigten Staaten griffen das Land erneut an und stürzten dieses Mal Präsident Hussein. John McCain war natürlich einer der wichtigsten Leiter dieses Ausschusses. Nachdem sie ein Jahr lang einem privaten Unternehmen das Land zum Plündern anvertraut hatten [16], versuchten sie, das Land in drei getrennte Staaten aufzuteilen, aber mussten wegen dem Widerstand der Bevölkerung darauf verzichten. Sie versuchten es wieder im Jahr 2007 mit der Biden-Brownback Resolution, aber auch da versagten sie [17]. Daher die aktuelle Strategie, die versucht, es mittels eines nichtstaatlichen Akteurs zu erreichen: mit dem islamischen Emirat.

In diesem im September 2013 veröffentlichten Dokument, informiert der Botschafter von Katar in Tripolis sein Ministerium, dass eine Gruppe von 1800 Afrikanern in Libyen zum Dschihad ausgebildet wurde. Er schlägt vor, sie in drei Gruppen in die Türkei zu liefern, damit sie dem islamischen Emirat in Syrien beitreten.

In diesem im September 2013 veröffentlichten Dokument, informiert der Botschafter von Katar in Tripolis sein Ministerium, dass eine Gruppe von 1800 Afrikanern in Libyen zum Dschihad ausgebildet wurde. Er schlägt vor, sie in drei Gruppen in die Türkei zu liefern, damit sie dem islamischen Emirat in Syrien beitreten.

Die Operation wurde lange Zeit vorher vorbereitet, sogar noch vor dem Treffen von John McCain mit Ibrahim al-Badri. So zeigt die interne Korrespondenz des katarischen Außenministeriums, die von meinen Freunden, James und Joanne Moriarty veröffentlicht wurde, [18], dass 5000 Dschihadisten auf Kosten des Katars, in Libyen von der NATO im Jahr 2012 ausgebildet wurden und dass $ 2,5 Millionen vom zukünftigen Kalifen zur gleichen Zeit bezahlt wurden.

Im Januar 2014 hat der Kongress der Vereinigten Staaten ein geheimes Treffen abgehalten, in dem er, unter Verletzung des Völkerrechts, die Finanzierung bis September 2014 der Al-Nusra Front (Al-Kaida) und des islamischen Emirats im Irak und in der Levante akzeptiert hat [19]. Obwohl unklar ist, was sich wirklich in diesem, von der britischen Agentur Reuters aufgedeckten  [20] Treffen gesagt hat, und wofür kein amerikanisches Medium gewagt hat, die Zensur zu riskieren, ist es sehr wahrscheinlich, dass das Gesetz eine Komponente über die Bewaffnung und Ausbildung der Dschihadisten enthält.

Stolz auf diese amerikanische Finanzierung, hat Saudi-Arabien auf seinem öffentlichen Fernsehen, dem Al-Arabiya Kanal behauptet, dass das islamische Emirat unter der Autorität des Prinzen Abdul Rahman al-Faisal, dem Bruder von Prinz Saud al-Faisal (Minister für auswärtige Angelegenheiten) und Prinz Turki al-Faisal (Botschafter von Saudi-Arabien in den Vereinigten Staaten und im Vereinigten Königreich) stehe [21].

Das islamische Emirat ist ein neuer Schritt des Söldnertums. Im Gegensatz zu den Dschihadisten, die in Afghanistan, Bosnien und Tschetschenien um Osama Ben Laden herum kämpften, bildet es keine Aushilfskraft, sondern vielmehr eine Armee in sich selbst. Im Gegensatz zu den vorhergegangenen Gruppen im Irak, Libyen und Syrien, um Prinz Bandar Ben Sultan herum, verfügt es über anspruchsvolle, integrierte Kommunikationsmittel, die aufrufen um ihm zu folgen, und über leitende zivile, in großen westlichen Schulen ausgebildete Verwalter, die sofort die Verwaltung eines Territoriums übernehmen können.

Funkelnagelneue ukrainische Waffen wurden von Saudi-Arabien gekauft und vom türkischen Geheimdienst vermittelt, der sie dem islamischen Emirat übergeben hat. Die letzten Details wurden mit der Barzani Familie anlässlich eines Treffens der Dschihad-Gruppen, in Aman, am 1. Juni 2014 koordiniert [22]. Der gemeinsame Angriff des Irak durch das islamische Emirat und der regionalen Regierung von Kurdistan begann vier Tage später. Das islamische Emirat besetzte den sunnitischen Teil des Landes, während die kurdische Regionalregierung ihr Hoheitsgebiet um mehr als 40 % vergrößerte. Die religiösen Minderheiten flohen aus dem sunnitischen Bereich vor den Gräueltaten der Dschihadisten, und ebneten somit den Weg für die Partition des Landes in drei.

Unter Verletzung des Verteidigungsvertrags zwischen Irak und den USA hat das Pentagon nicht eingegriffen und ließ das islamische Emirat die Eroberung und die Massaker weiterführen. Ein Monat später, als die Peschmergas der kurdischen Regionalregierung ohne Schlacht zu liefern sich zurückzogen, und als die Emotion die Weltöffentlichkeit zu stark wurde, gab Präsident Obama den Befehl, Positionen des islamischen Emirats zu bombardieren. Jedoch laut General William Mayville, Operationsdirektor am Generalstab: „diese Bombardierungen werden kaum Auswirkungen auf die Gesamtkapazität des islamischen Emirats oder ihre Aktivitäten in anderen Teilen des Iraks oder Syrien haben“ [23]. Natürlich waren sie nicht dafür gedacht, die Dschihad-Armee zu zerstören, sondern nur um sicherzustellen, dass jeder Akteur nicht über sein Gebiet, das ihm zugewiesen wurde, hinausgeht. Übrigens sind sie derzeit rein symbolisch und haben nur eine Handvoll Fahrzeuge zerstört. Es ist letztlich die Intervention der Kurden der türkischen und syrischen PKK, die den Fortschritt des islamischen Emirats angehalten hat und einen Korridor für Zivilisten eröffnet hat, um dem Massaker entkommen zu können.

Ibrahim al-Badri, alias Abu Du’a, alias Abu Bakr Al-Baghdadi, alias Kalif Ibrahim, Söldner des Prinzen Abdul Rahman al-Faisal von Saudi Arabien, den das Katar und die Vereinigten Staaten finanzieren. Er kann alle Schrecken begehen, die die Genfer Konvention den Staaten verbietet.

Ibrahim al-Badri, alias Abu Du’a, alias Abu Bakr Al-Baghdadi, alias Kalif Ibrahim, Söldner des Prinzen Abdul Rahman al-Faisal von Saudi Arabien, den das Katar und die Vereinigten Staaten finanzieren. Er kann alle Schrecken begehen, die die Genfer Konvention den Staaten verbietet.

Viele Falschmeldungen sind über das islamische Emirat und den Kalifen im Umlauf. Die Gulf Daily News Zeitung behauptete, Edward Snowden hätte Enthüllungen über sie gemacht [24]. Nun, nach Überprüfung, hat der ehemalige amerikanische Spion nichts zu diesem Thema veröffentlicht. Gulf Daily News erscheint in Bahrain, in einem von saudischen Truppen besetzten Staat. Der Artikel soll nur Saudi-Arabien und Prinz Abdul Rahman al-Faisal von ihren Verantwortungen reinwaschen.

Das islamische Emirat ist vergleichbar mit den Söldner-Armeen des 16. europäischen Jahrhunderts. Sie führten Religionskriege im Namen der Fürsten, die sie manchmal in einem Lager, manchmal in einem anderen bezahlten. Der Kalif Ibrahim ist ein moderner Condottiere. Obwohl er im Auftrag von Prinz Abdul Rahman (Mitglied des Clans der Sudeiris) steht, wäre es nicht überraschend, wenn er sein Epos in Saudi Arabien (nach einem kurzen Abstecher in den Libanon oder gar nach Kuwait) fortsetzte und damit die königliche Erbfolge zugunsten des Clans der Sudeiris gegen Prinz Mithab (Sohn und nicht Bruder von König Abdallah) entscheide.

John McCain und der Kalif

In der letzten Ausgabe seines Magazins widmete es dem islamischen Emirat zwei Seiten, um Senator John McCain als “Feind” und “Kreuzritter” zu verurteilen, indem es an seine Unterstützung der US-Invasion des Irak erinnerte. Aus Furcht, dass dieser Vorwurf in den Vereinigten Staaten unbekannt bleibe, hat der Senator sofort eine Erklärung herausgegeben, in der er das Emirat als die “gefährlichste islamistische Terrororganisation der Welt“ bezeichnete. [25]

Diese Kontroverse ist nur dazu da, um die Galerie zu amüsieren. Wir würden gerne daran glauben, wenn es nicht dieses Foto vom Mai 2013 gäbe.

Thierry Meyssan

Autor: Thierry Meyssan – Französischer Intellektueller, Präsident und Gründer des Réseau Voltaire und der Konferenz Axis for Peace. Er veröffentlicht Analysen über ausländische Politik in der arabischen, latein-amerikanischen und russischen Presse.

Text- und Grafikquellen:

„John McCain, der Dirigent des “arabischen Frühlings” und der Kalif“, von Thierry Meyssan, Übersetzung Horst Frohlich, Voltaire Netzwerk, 18. August 2014, www.voltairenet.org.

Fußnoten:

  1. Wir haben die Presseberichte weitergeleitet, die versichern, dass die Manifestation von Deraa ein Protest nach der Verhaftung und Folter von Studenten war, welche der Republik feindliche Parolen markiert hätten. Zwar haben viele Kollegen versucht, die Identität dieser Schüler und ihrer Familien zu enthüllen, keine aber war es gelungen; die einzigen Zeugen die gesprochen haben, haben sich vor der britischen Presse ausgedrückt, aber anonym, daher nicht überprüfbar. Heute sind wir davon überzeugt, dass dieses Ereignis nie existierte. Die Studie der syrischen Dokumente der Zeit zeigt, dass die Veranstaltung in Wirklichkeit auf eine Gehaltserhöhung der Beamten und Rentner abzielte. Sie wurde von der Regierung zur Zufriedenheit geregelt. Zu diesem Zeitpunkt sprach keine Zeitung von diesen Studenten, diese Geschichte wurde erst zwei Wochen später von Al-Dschasira erfunden.
  2. Die Mitglieder der islamischen Gruppe der Kämpfer in Libyen, d.h. von Al-Kaida in Libyen, hatten versucht, Muammar el-Gaddafi im Auftrag des britischen MI6 zu ermorden. Der Fall wurde von einem Offizier der britischen Spionageabwehr, David Shyler aufgedeckt. Siehe « David Shayler : “J’ai quitté les services secrets britanniques lorsque le MI6 a décidé de financer des associés d’Oussama Ben Laden” », Réseau Voltaire, 18 novembre 2005. [Ich habe den britischen Geheimdienst verlassen, als der MI6 beschloss die Verbündeten von Osama Ben Laden zu finanzieren] (Auch auf Englisch).
  3. Bericht von der Erkundungsmission über die aktuelle Krise in Libyen, Juni 2011.
  4. Ein libanesischer Abgeordneter leitet Waffenhandel nach Syrien“, Voltaire Netzwerk, 7. Dezember 2012.
  5. Siehe dazu in meiner Serie von sechs Programmen 10 ans de Résistance, über den Krieg der USA gegen Syrien.
  6. John McCain tritt illegal in Syrien ein“, Voltaire Netzwerk, 30. Mai 2013.
  7. « La Syrian Emergency Task Force, faux-nez sioniste », Réseau Voltaire, 7 juin 2013. [Die Syrian Emergency Task Force, eine zionistische Pappnase].
  8. John McCain traf in Syrien Entführer“, Voltaire Netzwerk, 1. Juni 2013.
  9. Wanted for Terrorism”, Rewards for Justice Program, Department of State.
  10. Der durch die Resolution 1267 (1999) am 15. Oktober 1999 geschaffene Ausschuss des Sicherheitsrates, ist auch als der “Sanktions-Ausschuss gegen Al-Kaida” bekannt. Fiche d’inscription d’Ibrahim al-Badri (Diesmal mit dem Kriegsnamen al-Samarrai).
  11. Gleichzeitige Ausbrüche von Dschihadisten in 9 Ländern“, Voltaire Netzwerk, 7. August 2013.
  12. « Opération manquée au Venezuela », par Thierry Meyssan, Réseau Voltaire, 18 mai 2002.
  13. « La CIA déstabilise Haïti », « Coup d’État en Haïti », par Thierry Meyssan, Réseau Voltaire, 14 janvier et 1er mars 2004.
  14. Die afrikanische politische Erfahrung von Barack Obama“, von Thierry Meyssan, Übersetzung Horst Frohlich, Voltaire Netzwerk, 13. März 2013.
  15. Das Geheimnis von Guantánamo“, von Thierry Meyssan, Übersetzung Horst Frohlich, Оdnako (Russland), Voltaire Netzwerk, 17. Oktober 2013.
  16. « Qui gouverne l’Irak ? », [Wer regiert den Irak ?] par Thierry Meyssan, Réseau Voltaire, 13 mai 2004. (Auch auf Englisch).
  17. « La balkanisation de l’Irak », par Manlio Dinucci, Traduction Marie-Ange Patrizio, Il Manifesto (Italie), Réseau Voltaire, 17 juin 2014. [Die EIIL (ISIS) hat die Vereinigten Staaten im Irak nicht überrascht, weil einfach die historischen Kommandanten formell Verbündete der NATO in Libyen waren. Trotz dem rhetorischen Getue in Washington ist die Offensive des islamischen Staates im Irak und in der Levante konform mit der Strategie der Zerstörung des Irak, vom Senat im Jahr 2007 adoptiert, auf Vorschlag von… Joe Biden.].
  18. «Official Document Qatar Embassy Tripoli Confirms Sending 1800 Islamic Extremists Trained in Libya to Fight in Syria», Libyan War The Truth, 20. September 2013.
  19. Die Vereinigten Staaten, die ersten globalen Finanziers des Terrorismus“, von Thierry Meyssan, Übersetzung Horst Frohlich, Al-Watan (Syrien), Voltaire Netzwerk, 3. Februar 2014.
  20. Congress secretly approves U.S. weapons flow to ’moderate’ Syrian rebels”, Mark Hosenball, Reuters, 27. January 2014.
  21. « L’ÉIIL est commandé par le prince Abdul Rahman », Réseau Voltaire, 3 février 2014. (Auch auf Englisch).
  22. Enthüllungen der PKK über den Angriff des EIIL und die Schaffung von “Kurdistan”“, Voltaire Netzwerk, 8. Juli 2014.
  23. U.S. Air Strikes Are Having a Limited Effect on ISIL”, Ben Watson, Defense One, 11. August 2014.
  24. «Baghdadi ’Mossad trained’», Gulf Daily News, 15. July 2014.
  25. Statement by senator John McCain on being targeted by terrorist group ISIL as “the ennemy” and “the crusader””, Office of John McCain, 28. July 2014.

NSA, PROMIS, Ptech und 9/11

von Lars Schall

In dem nachfolgenden Auszug aus dem im Entstehen begriffenen Buch “Tiefenpolitik, Methodischer Wahnsinn und 9/11: Eine Spurensuche zu Terror, Geld, Öl und Drogen“ (Arbeitstitel) stellt der unabhängige Finanzjournalist Lars Schall zwei wichtige Software-Entwicklungen vor, die beim viermaligen Versagen der Luftverteidigung am 11. September 2001 eine prominente Rolle gespielt haben könnten.


Dieser Beitrag wurde aktualisiert und ist nun HIER zu finden!

Danke

Caillea

 

Depression und Kapitalismus

von Lars Distelhorst

Der Staat hat Repression heute kaum noch nötig, da die herrschende soziale Ordnung auf einem weit verbreiteten gesellschaftlichen Konsens beruht, der sich vielleicht nicht allerorten aus begeisterter Zustimmung speist, in der gängigen Meinung, das Bestehende sei nun einmal nicht zu ändern, jedoch seinen stärksten Verbündeten findet. Hartz IV, Unterbeschäftigung, Working Poor und Arbeitslosigkeit sind weit verbreitete Phänomene und führen in Deutschland zu einer Armutsquote von über 15 Prozent [1]. Doch hat sich die Gestalt von Armut im Zuge der Entwicklung der westlichen Länder wesentlich verändert, führt heute vor allem zu sozialem Ausschluss und geht nicht mehr mit einer unmittelbaren Gefährdung des Lebens einher.

Vor diesem Hintergrund bewegt sich auch die weit verbreitete Diskussion um psychische Erkrankung, an deren Spitze die Diskussion über die Verbreitung von Depressionen steht. Der dahinter stehende Gedanke lässt sich leicht zusammenfassen: Durch die immense Entwicklung der Wirtschaft ist es der modernen westlichen Gesellschaft gelungen, nahezu alle existentiellen Probleme zu überwinden und sich als stabiles politisches System zu etablieren, doch hat dies einen hohen Preis gefordert. Der heutige Mensch ist praktisch immer bei der Arbeit, stets gehetzt, rund um die Uhr erreichbar und dadurch einem immensen Leistungsdruck ausgesetzt. Das Resultat liegt auf der Hand: Viele halten den Druck nicht aus und werden psychisch krank – vor allem depressiv. Die Zahlen scheinen diese Diagnose zu untermauern. Knapp über acht Prozent der Bevölkerung leiden unter Depressionen, hinzu kommen gut vier Prozent mit diagnostiziertem Burnout-Syndrom, die Zahlen sind steigend und werden die Armutsquote mit einiger Wahrscheinlichkeit bald überflügeln [2]. Es ist nicht verwunderlich, wenn die Verbreitung psychischer Erkrankung mittlerweile der Dreh-und Angelpunkt jeder Diskussion ist, in der nach den grundlegenden Problemen des heutigen Kapitalismus gefragt wird. In Abwesenheit lebensbedrohlicher Repression und Ausbeutung geht von der Depression ein Schauer aus, der einerseits das dumpfe Unbehagen vieler Menschen in der Gesellschaft erklärt und andererseits geeignet scheint, die von ihr ausgehende Bedrohung greifbar zu machen.

Die Depressionen können ebenso wenig wegdiskutiert werden wie ihre zunehmende Verbreitung, auch wenn die genauen Zahlen umstritten sind. Doch den Grund für diese Entwicklung im Leistungswahn der modernen Gesellschaft auszumachen, erscheint bei näherem Hinsehen als eine sehr verkürzte Form der Kritik, die eher dazu angetan ist, den Bestand der etablierten Gesellschaft zu garantieren als ihre Veränderung voranzutreiben. Ein Blick zurück hilft, diese These zu illustrieren.

Vor 150 Jahren, als der Kapitalismus noch auf klassischer Industriearbeit beruhte, die Landbevölkerung in die Städte strömte und nur die Alternative hatte, sich entweder bis aufs Blut ausbeuten zu lassen oder in Ermangelung tragfähiger sozialer Sicherungssysteme mehr oder weniger schnell zugrunde zu gehen, wären Arbeitstage von heutiger Länge und der mit ihnen einhergehende Lebensstandard den meisten Menschen als Paradies auf Erden erschienen. Viele Bergarbeiter blieben tagelang in den Stollen, und auch die Kinder blieben nicht verschont. Arbeitssicherheit gab es nicht, der Gesundheitszustand der Meisten war schlecht, die Lebenserwartung entsprechend niedrig und jede Form öffentlicher Kritik konnte verheerende Folgen haben. Engels Schrift „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“, Emile Zolas „Germinal“ oder auch André Malraux’ „La Condition humaine“ veranschaulichen diese Situation in aller Deutlichkeit. Jeden Tag das Schreckgespenst der Entlassung oder der Invalidität vor Augen verausgabten sich die Menschen bis zur Erschöpfung und konnten froh sein, wenn ihr schmaler Lohn ausreichte, um die Familien zu ernähren, die sich in viel zu kleinen Wohnungen drängten.

Die ewige HetzjagdtDie Frage mag zynisch erscheinen – aber hätte diese Zeit nicht die Geburtsstunde der Depression oder immerhin depressiver Symptome sein müssen? War das nicht die wahre Leistungsgesellschaft und war der auf den Menschen lastende Druck zu dieser Zeit nicht wesentlich höher? Und wenn dem nicht so war – warum nicht?

Diese Frage lässt sich auf die heutige Zeit übertragen. Aktuellen Studien zufolge stammen die an Depression erkrankten Menschen nicht aus dem Bereich klassischer Arbeitsbranchen wie Bauwesen, Land- oder Forstwirtschaft, deren Erkrankungshäufigkeit ganz im Gegenteil um 35 bis 50 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt liegt. Unter Depressionen leiden vor allem im Dienstleistungsbereich arbeitende Menschen, am stärksten solche, die in sozialen Berufen tätig sind [3]. Um die These aufrechtzuerhalten, Depression sei das Ergebnis des allgegenwärtigen Leistungsdrucks, könnte der geschichtliche Exkurs und die heutige Verteilung der Depression in verschiedenen Berufsgruppen nur durch die Behauptung erklärt werden, in von klassischer Arbeit geprägten Berufen sei der Druck geringer als in der Dienstleistungsbranche. Da aber Bauarbeiter offensichtlich nicht mehr zu lachen haben als Sozialarbeiter, scheint eine solche These reichlich abwegig.


Kapitalismus als Tautologie

Die Richtung, in der möglicherweise eine Antwort zu finden ist, eröffnet sich durch eine kurze Betrachtung, was unter Kapitalismus zu verstehen ist. Kapitalismus gilt vielen als wertender Begriff, der vor allem darauf zielt, die Profitgier der heutigen Gesellschaft zu geißeln. Entsprechend wird er von Gewerkschaftsfunktionären und SPD-Politikern immer dann gerne genutzt, wenn es auf den Wahlkampf oder den Ersten Mai zugeht. Auch in akademischen Kreisen wird er mit Vorliebe gezückt, um der eigenen Position das Flair eines gewissen radical chick zu verleihen.

Solche Verwendung des Begriffs verwundert einen, wenn man Marx denn gelesen hat. Im „Kapital“ wird der Begriff in rein deskriptivem Sinne verwendet, um den Dreh- und Angelpunkt einer ökonomischen Ordnung zu beschreiben, die durch den Kreislauf des Kapitals bestimmt wird. Kapital wird dabei als Geld bestimmt, das in Maschinen und Arbeitskraft investiert wird, um Waren zu produzieren, deren Zweck darin besteht, sich für mehr als das ursprünglich investierte Geld zu verkaufen, um mit dem Profit den Kreislauf auf erweiterter Stufenleiter erneut zu beginnen [4].

Das eigentliche Problem des Kapitalismus liegt darin, das Primat der Produktion stets in der Verwertung zu lokalisieren, zu der die Befriedigung von Bedürfnissen sich bestenfalls wie ein Nebeneffekt verhält [5]. Dass soziale Strukturen sich ab einer gewissen Größe von der unmittelbaren Intention ihrer Träger trennen und ein Eigenleben produzieren, ist bis zu einem gewissen Grad normal, doch der Kapitalismus steigert diesen Effekt in einem historisch einzigartigen Maße. Der eigentliche Zweck menschlicher Arbeit (Bedürfnis) wird zu einem bloßen Mittel (zur Verwertung), die Form (G-W-G’ – Geringwertiges Wirtschaftsgut) verdrängt ihren Inhalt (konkretes Produkt). Die Bewegung entzieht sich jeder gezielten Kontrolle, da sie durch die Konkurrenz von Akteuren angetrieben wird, deren einzige Vermittlung über die Anonymität des Marktes geschieht und die um ihrer Existenz willen gezwungen sind, den Zirkel immer wieder von neuem auf möglichst stark erweiterter Stufenleiter zu wiederholen. Aus dieser Sicht ist das Problem der heutigen Ordnung vor allem ihre Verselbständigung, die angesichts des Destruktionspotentials des Kapitalismus verheerende Folgen zeitigt (wie jüngst in Bangladesch gesehen).

Doch mit der Zirkularität des Kapitals geht noch ein weiteres, weniger thematisiertes Problem einher. Mindestens ebenso verheerend wie die mangelnde Kontrolle über den Kreislauf des Kapitals ist dessen Eigenschaft, eine perfekt geschlossene Tautologie zu verkörpern, denn in selbiger liegt ein nicht zu unterschätzender Angriff auf die psychische Integrität der Menschen verborgen. Roland Barthes hat in „Mythen des Alltages“ die Tautologie treffend beschrieben: „Die Tautologie ist immer aggressiv. Sie bedeutet einen wütenden Bruch der Intelligenz mit ihrem Objekt. Sie ist die arrogante Androhung einer Ordnung, in der man nicht denken würde.“ [6]. Dies hat wesentliche Konsequenzen für die Menschen, die gezwungen sind, in einer kapitalistischen Gesellschaft zu leben. Der Kapitalismus hat nicht nur eine historisch einzigartige Tendenz, sich jeder Form von sozialer Steuerung zu entziehen, er beseitigt auch die konkrete Bedeutung aller Dinge, Handlungen und sonstigen Lebensvollzüge, die Teil seiner kreisförmigen Bewegung werden. Oder kurz ausgedrückt: Er höhlt systematisch Bedeutungsverhältnisse aus. Ein Objekt oder eine Fähigkeit, die für sich betrachtet sehr spezifische Bedeutungen haben, büßen diese ein, sobald sie zu einem Produktionsmittel im Kreislauf des Kapitals werden. Jede produzierte Ware könnte ebenso gut eine andere sein, jede Arbeitskraft könnte mit der gleichen Berechtigung vollkommen anders eingesetzt werden, jedes Bedeutungsverhältnis ist stets nur artifiziell, provisorisch und den Fluktuationen des Kapitals unterworfen, von dem es schließlich ganz zum Verschwinden gebracht werden wird. Der Kapitalismus ist aus dieser Sicht eine Bewegung, die den Tauschwert an die Stelle des Gebrauchswerts gesetzt hat [7] und jedes von ihr affizierte konkrete Bedeutungsverhältnis durch die Leere der Tautologie ersetzt. Die Frage ist, wie sich diese Tatsache auf die Psyche auswirkt.


Das Schwinden der Distanz

Marx beschreibt die psychischen Konsequenzen kapitalistischer Produktion mit dem Begriff der Entfremdung. Der Proletarier entfremdet sich von seinem Produkt, seiner Arbeit und schließlich – da sein Selbstverhältnis vor allem über Arbeit vermittelt ist – von sich selbst [8]. Auf welche Weise die Entfremdung sich psychisch manifestiert und ob dies Ähnlichkeiten zum heutigen Zustand der Depression haben könnte, bleibt Spekulation.

EntfremdungVon wo die Entfremdung herrührt kann jedoch genau festgestellt werden: aus der Arbeitswelt. Hier macht er die Erfahrung, sich die Produkte seiner Arbeit nicht aneignen zu können, am Fließband nur kleine Komponenten zu fertigen, die keinen Bezug zum endgültigen Erzeugnis haben, seine handwerklichen Fähigkeiten vielleicht nur zu einem minimalen Teil ausspielen zu können und sich dadurch selbst fremd zu werden. Zwei Faktoren mindern die Effekte der Entfremdung jedoch. Zum einen ist es auch unqualifizierten Arbeitern möglich, ihre Arbeit mit Stolz zu versehen, indem sie trotz allem versuchen, ihre Arbeit so gut wie möglich zu machen [9]. Zum anderen geht ihre Persönlichkeit nicht gänzlich im Produktionsprozess auf. Ihr Verstrickung in die Bewegung des Kapitals ist durch den Umfang ihrer für die Produktion relevanten Fähigkeiten ebenso limitiert wie durch das Ende des Arbeitstages. Ob ein Arbeiter höflich ist, gerne liest oder Fußball spielt, ist für seine Tätigkeit in der Fabrik vollkommen irrelevant, weil diese Eigenschaften nicht Bestandteil des Produktionsfaktors Arbeitskraft sind. Obendrein kommt er nach Arbeitsschluss nach Hause und kann in seiner Privatsphäre die Erfahrung eines nicht entfremdeten Lebens machen.

Diese Tatsache erklärt die Frage, warum heute klassische Arbeitsverhältnisse um die Hälfte weniger mit Depressionen einhergehen als Dienstleistungsberufe. Der Arbeiter bleibt mit einem Teil seiner Persönlichkeit außerhalb des Kapitalkreislaufs und wird entsprechend weniger von dessen Leere heimgesucht. Dies ist bei Dienstleistungsberufen gänzlich anders. Sie produzieren nicht nur einen Anteil von über 70 Prozent des Bruttosozialproduktes, sie bedeuten vor allem eine folgenschwere Verschiebung des Kapitalverhältnisses. Diese Verschiebung hat zwei Aspekte.

Erstens: Marx zufolge verkauft der Arbeiter seine Arbeitskraft als Ware an den Kapitalisten. Gegen den Strich gelesen steckt in dieser Behauptung die These verborgen, beim Arbeiter und seiner Arbeitskraft handle es sich um zwei verschiedene Dinge (was, wie gesehen, mit Blick auf klassische Industriearbeit auch korrekt ist). Dienstleistungsberufe gehen mit einer gänzlich anderen Struktur einher. Die Arbeitskraft eines (zum Beispiel) Sozialarbeiters kann nur schwerlich von seiner Persönlichkeit getrennt werden. Wo der Arbeiter vor allem seine Stärke und eine spezifische Form von Wissen als Arbeitskraft in den Kapitalkreislauf einspeist, kann beim Sozialarbeiter keine vernünftige Eingrenzung dessen vorgenommen werden, was er als Arbeitskraft verkauft. Sicher hat er einmal studiert und auf diese Weise ein bestimmtes Wissen erworben, und natürlich muss auch er sich physisch gesund halten, also essen, sich kleiden und eine Wohnung bezahlen. Doch damit ist es bei weitem nicht getan. Er muss eine bestimmte Weise des Umgangs mit seiner Klientel haben, engagiert sein, ein bestimmtes Erscheinungsbild haben, ebenso eine spezifische Weise, sich, die anderen und die Welt zu betrachten und vieles mehr. Zwischen ihm als Person und seiner Arbeitskraft gibt es damit keinen Unterschied. Persönlichkeit und Arbeitskraft sind deckungsgleich geworden. Wo es beim Bauarbeiter egal sein mag, welche Musik er gerne hört, ist dies beim Sozialarbeiter von großer Wichtigkeit, ebnet Musik doch – wie man heute weiß – insbesondere den Zugang zu schwieriger Klientel. Was eben noch außerhalb des Kapitalkreislaufs stand, wird nun dessen integraler Bestandteil und dadurch ins Herz der Tautologie gezogen.

Zweitens: Proletarier und Kapitalist sind durch eine klare Linie voneinander getrennt, wenn sie sich nicht gar im Klassenkampf gegenüberstehen. In Dienstleistungsberufen (und schleichend auch im Bereich klassischer Arbeit, der hinsichtlich Servicebetonung, Image und beruflichem Selbstverständnis langsam nach den Gesichtspunkten von Dienstleistungen umstrukturiert wird) geht dieses Gegenüber mehr und mehr verloren. Die Ich-AG war der allzu deutliche rhetorische Klimax einer Bewegung, die sich von oben nach unten in der Gesellschaft durchsetzt. Die Menschen werden mehr und mehr genötigt, sich wie kleine Kapitalisten zu begreifen und entsprechend zu handeln [10]. Sie feilen an ihrer Employability, nehmen an Beratungen teil, die ihnen vermitteln, Probleme als Herausforderungen zu begreifen und pflegen akribisch ihre Netzwerke, auch wenn sie viele ihrer Bekannten vielleicht nicht einmal mögen. Arbeit ist heute kein Ausbeutungsverhältnis mehr, sondern für viele Menschen zum Medium ihrer Selbstverwirklichung geworden. Sicher trifft dies eher auf jemanden mit hoher Qualifikation als auf einen Empfänger von Sozialleistungen zu, doch auch Arbeitslose und Geringqualifizierte wie z.B. Verkäufer oder Friseurinnen werden entsprechend zurechtgemacht. Auf diese Weise kommt es zu einer schrittweisen Verkehrung der Perspektive. Erschien die Reihe G-W-G’ im klassischen Kapitalismus dem Proletarier als W-G-W, da er nur arbeitete, um sich durch entsprechenden Konsum am Leben halten zu können, nehmen die arbeitenden Menschen heute immer mehr an ersterer Bewegung teil. Sie investieren Geld in sich selbst, verkaufen ihre Persönlichkeit und streichen am Ende (zumindest einige) mehr Geld ein, um den Kreislauf von neuem zu beginnen (besonders deutlich wird dies beim Personal Branding).

Diese beiden im Dienstleistungsbereich besonders stark ausgeprägten Bewegungen beseitigen den Abstand zwischen dem leeren Kreislauf des Kapitals und den Subjekten, was Distanzierung oder gar Widerstand wesentlich erschwert. Dies betrifft Menschen mit Arbeit ebenso wie Arbeitslose. Sind die einen bereits in den Kreislauf integriert, versuchen die anderen auf jedem Weg hineinzukommen und nehmen auf diese Weise an ihm teil. Wenn das Kapital eine tautologische Bewegung ist und selbige dazu tendiert, Bedeutungsverhältnisse zu nivellieren, wenn nicht gar aufzuheben, ist das moderne Subjekt vollkommen in diese Dynamik eingespannt, da es über keine Ressourcen mehr verfügt, um sich auf Abstand zu halten. Weder gibt es Aspekte seiner Persönlichkeit, die nicht als Kapital in Frage kämen, noch hat es ein Gegenüber, von dem es sich distanzieren könnte. Das Subjekt wird von der Leere des Kapitalkreislaufs aufgezehrt. Und genau hier ist die Verbindung zur Depression, die das psychische Spiegelbild dieser Bewegung ist.


Depression als Akt der Identifikation

Als Symptome einer Depression werden in der Regel Zustände wie Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, Trauer, Gefühlslosigkeit, sozialer Rückzug und Verlust der Libido beschrieben. Depressive erleben sich selbst anders als zuvor, verändern ihr Verhalten und haben nicht selten körperliche Beschwerden, die ihren Grund vor allem in ihrem psychischen Zustand haben. Die Depression betrifft also den Menschen als Ganzes und ist wie ein Strudel, in dem langsam alles verschwindet, was die Persönlichkeit eines bestimmten Individuums einmal ausgemacht hat. Nicht selten ist das soziale Umfeld überfordert und zieht sich zurück, was den Zustand des Betroffenen verschlimmert [11]. Die Entstehung von Depressionen ist bis heute unklar, ebenso wie die Frage, was eine Depression abgesehen von der Beschreibung ihrer Symptome eigentlich ist. Auf einschlägigen Webseiten finden sich in der Regel nur Aufzählungen, die physische, genetische, psychische und biographische Elemente kombinieren, um anschließend darauf zu verweisen, eine typische Depression gäbe es eben nicht. Die Krankheit bleibt bis zu einem gewissen Punkt ein Rätsel.

Zu Freuds Zeiten gab es eine psychische Krankheit, die in ihrer Symptomatik frappierende Ähnlichkeit zur Depression aufwies, heute aus dem psychischen Fachvokabular jedoch nahezu verschwunden ist – die Melancholie. Freud beschreibt sie als einen Zustand der Selbstzerknirschung, der mit Gefühlen innerer Leere und der Herabsetzung des Ich einhergeht. Die Entstehung der Melancholie geht auf einen gravierenden Objektverlust zurück, den das Subjekt nicht verarbeiten kann oder darf (wenn die Normen es verbieten), weswegen es sich vor der Einsicht in den Verlust durch die Identifikation mit dem Objekt zu schützen versucht. Das Objekt wird in das Ich aufgenommen und anschließend vom Über-Ich mit Angriffen überzogen, da sein plötzliches Verschwinden ein enormes Potential an Aggressivität freigesetzt hat [12].

Interessant sind an dieser Stelle vor allem drei Momente. Erstens ist die freudsche Melancholie eine Krankheit, die aus einem Konflikt resultiert. Das Subjekt kann oder darf nicht trauern und in seinem Inneren tobt ein kleiner Krieg, in dem sich Ich und Über-Ich aneinander aufreiben. Zweitens handelt es sich bei der Melancholie um eine Krankheit der Identifikation, wobei es die dergestalt vollzogene Internalisierung des Objekts ist, die erst zur Ausbildung der entsprechenden Symptomatik führt. Drittens ist die Melancholie eine Krankheit, die von einer schrittweisen Entleerung des Ichs geprägt ist, die bis zur völligen Verarmung reichen kann [13].

IdentifikationAuf dem Weg von der alten Melancholie zur heutigen Depression gibt es eine ausschlaggebende Veränderung. Alain Ehrenberg verweist auf die Tatsache, dass die heutigen Gesellschaften nicht länger durch Verbote mitsamt den daraus resultierenden Konflikten strukturiert sind, sondern vor allem durch einen weiten Horizont von Möglichkeiten, aus dem das Subjekt beständig zu wählen gezwungen ist, um seine Identität für andere und die Gesellschaft attraktiv zu machen. Wo es in der Gesellschaft Freuds um Schuld ging (die Schuld des verstorbenen Objekts, die Schuld, falsch geliebt zu haben, etc.), geht es nunmehr vor allem um die Verantwortung für die Modulation der eigenen Identität [14]. Das moderne Subjekt sei übermäßig damit beschäftigt, sich selbst immer wieder neu zu erfinden und verliere sich in einem narzisstischen Zirkel, der schließlich in die Depression münde, da es zwar händeringend versucht, es selbst zu sein, an dieser Aufgabe jedoch permanent scheitert [15].

Der von Ehrenberg beschriebene Prozess spiegelt sich in der Omnipräsenz sozialer Netzwerke, der gesellschaftlichen Verpflichtung zur Originalität und der allgemein anerkannten Hippness kalkulierter Abweichung. Wer zwei Stunden am Tag sein Facebook-Profil pflegt, muss sich die Frage gefallen lassen, ob die dahinter stehende Wahrnehmung, noch jeder kleine Lebensvollzug sei es wert, medial aufgearbeitet und öffentlich gemacht zu werden, nicht eher einer fatalen Selbsttäuschung entspricht, hinter der sich eine Person verbirgt, der ihr eigener Narzissmus zum Gefängnis geworden ist. Beachtenswert ist jedoch, dass die Depression bei Ehrenberg wie die Melancholie als Krankheit der Identifikation und des Mangels bzw. der Leere verstanden wird. Letztere resultiert ihm zufolge aus dem ständigen Gefühl, nicht genug Identität akkumuliert zu haben und hinter den Erwartungen anderer und des eigenen Selbst zurückzubleiben. Es gibt immer noch ein Kleidungsstück, das man mal probieren sollte, ein Coaching, an dem teilzunehmen ein lohnendes Unterfangen wäre und offene Fragen, die sich bei Hinzuziehung entsprechender Beratungsangebote vielleicht klären ließen. Die heutige Verbreitung entsprechender Angebote und die Überflutung der Bücherregale mit Ratgeber- und sonstiger Werd-Besser-Literatur lässt Ehrenbergs Standpunkt nahezu selbstevident erscheinen.

Doch lässt sich die Argumentation durch Rückgriff auf die vorherigen Ausführungen über den Kapitalismus und dessen Tendenz zur Subversion fester Bedeutungsstrukturen auch umkehren. Statt einem notorischen Scheitern der Identifikation ließe sich ganz im Gegenteil von einer vorbildlich funktionierenden Identifikation sprechen. Wenn der moderne Kapitalismus sich dadurch auszeichnet, jedes Individuum als Kapitalisten anzurufen und statt einer gegen die Persönlichkeit abzugrenzenden Arbeitskraft den ganzen Menschen mit all seinen Eigenschaften ins Rad der Produktion zu spannen, ist die Leere der Depression nichts anderes als die Identifikation mit der Leere des Kapitalkreislaufs selbst. Das Verschwinden des Klassenwiderspruchs, die abnehmende Relevanz von Ausbeutung und Unterdrückung und die unternehmerische Modulation der Persönlichkeit haben die Distanz zum Kapitalkreislauf beseitigt und drohen jede Lebensäußerung des Subjekts in selbigen zu integrieren. Dem heutigen Subjekt ist potentiell alles Kapital, ob nun in seiner ökonomischen, kulturellen oder sozialen Gestalt [16], sogar das Emotionale ist bereits erschlossen [17]. Freundschaften werden zu Netzwerken, Intellektualität mutiert zu Problemlösungskompetenz und ein dickes Fell zu Frustrationstoleranz. Der in seiner Totalität zum Produktionsfaktor gewordene Mensch macht an jeder Ecke seines Lebens die Erfahrung, wie wenig es auf die konkrete Dimension seines Lebens ankommt, schließlich besteht das Ziel immer in der Verwertung an sich, nicht aber in ihrer konkreten Form. Wie auch immer das Subjekt seine Identität gestaltet, wird sie dort, wo sie in den Kapitalkreislauf eingeht, in die Sinnlosigkeit der Tautologie hineingezogen und von ihrer Leere affiziert. Die Identifikation mit dem Kapital ist die Identifikation mit der Leere, und diese äußert sich als Depression. Aus dieser Sicht ist die Depression weniger eine Abweichung als Symptom einer gelungenen Anpassung an die Logik der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung. Das ist zwar ärgerlich, weil die Menschen krankheitsbedingt bei der Arbeit fehlen und dadurch hohe Kosten verursachen, es ist jedoch auch äußerst praktisch. Denn wo kaum noch jemand über eine Identität verfügt, gibt es auch keinen Ort mehr, der zur Basis von Widerspruch werden könnte.


Quelle: Streifzuege-Team

“Streifzüge – Magazinierte Transformationslust” ist eine Publikation des Vereins für gesellschaftliche Transformationskunde in Wien, Magazin Nr. 58

Bild- und Grafikquellen:

  1. Beitragsbild – BurnOut – D. Braun / pixelio.de
  2. Entfremdung – Andrea Müller  / pixelio.de
  3. Identifikation – S. Hofschlaeger  / pixelio.de

 

Fußnoten:

  1. Destastis (2012): Pressemitteilung Nr. 369, www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2012/10/PD12_369_634.html (abg. 9.5.2013).
  2. Kurth, B.M. (2012): Erste Ergebnisse aus der „Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland“ (DEGS); in: Bundesgesundheitsblatt 2012 (55), Springer, Berlin, 987.
  3. BPtK (2010): Komplexe Abhängigkeiten machen psychisch krank – BPkT-Studie zu psychischen Belastungen in der modernen Arbeitswelt, http://www.bptk.de/uploads/media/20100323_bptk-studie_psychische_erkrankungen_in_der_arbeitswelt.pdf (abg. 9.5.2013), (8f.)
  4. Marx, Karl (1989): Das Kapital, Bd. 1, MEW 23, Dietz, Berlin, 161ff. http://marx-wirklich-studieren.net/marx-engels-werke-als-pdf-zum-download/
  5. Heinrich, Michael (2005): Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung, Schmetterling, Stuttgart; 84
  6. Barthes, Roland (1964): Mythen des Alltags, aus dem Französischen übersetzt von Horst Brühmann, Suhrkamp, Fa M, 27
  7. Debord, Guy (1996): Die Gesellschaft des Spektakels, übersetzt von Jean-Jacques Raspaud, Edition Tiamat, Berlin, 38
  8. Marx, Karl (1968): Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEW Ergänzungsband 1, Dietz, Berlin, 514f.
  9. Sennett, Richard (2006): The Culture of the New Capitalism, Yale University Press, New Haven, 103f.
  10. Bröckling, Ulrich (2007): Das unternehmerische Selbst, Suhrkamp, Fa M.
  11. Deutsche Depressionshilfe (2013): http://www.deutsche-depressionshilfe.de/stiftung/depression-erkennen.php (abg. 9.5.2013)
  12. Freud, Siegmund (1989): Trauer und Melancholie, in: Studienausgabe Bd. 3, Fischer, FaM.
  13. ebd., 206
  14. Ehrenberg, Alain (2008): Das erschöpfte Selbst, Suhrkamp, FaM, 15f.
  15. ebd., 179
  16. Bourdieu, Pierre (1983): Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital, in: Reinhard Kreckel (Hg.): „Soziale Ungleichheiten“, Soziale Welt Sonderband 2, Göttingen.
  17. Illouz, Eva (2007): Gefühle in Zeiten des Kapitalismus, Suhrkamp, FaM, 102

Sharon Tennisons Bericht – Wer hat Putin getroffen?

Dieser Artikel ist eine Reflexion wert, denken wir nach und hinterfragen den nachstehenden Beitrag:

Wer – von denen die über ihn schreiben und reden – kennt Wladimir Putin persönlich? Sie kennt ihn. Hier ihr Bericht.

Sharon Tennison, Präsidentin der CCI, einer amerikanischen NGO, und Autorin (The Power of Impossible Ideas: Ordinary Citizens’ Extraordinary Efforts to Avert International Crises) kannte Wladimir Putin schon als noch niemand wusste, dass er jemals Präsident Russlands wird. CCI hat fast 7.000 russische Unternehmer ausgebildet, die aus mehr als 600 russischen Orten kommen. Viele Tausend haben allein in Russland von den Programmen des CCI profitiert. 25.000 Freiwillige arbeiten bei CCI in 45 US-Bundesstaaten.

Sharon hat “Hinter der Fichte” die Genehmigung zur Übersetzung und Veröffentlichung ihres Berichtes in Deutsch erteilt.

Liebe Sharon, danke für diese Aufklärung. Der Report wird selbst Ignoranten die Augen öffnen. Ein Insider-Bericht, für uns alle; besonders aber für jene deutschen Journalisten und die die heute eine Meinung über ihn haben, aber Putin nie trafen.


Russland-Report: Putin

von Sharon Tennison

Freunde und Kollegen, seit sich die Situation in der Ukraine verschlimmert, ergießen sich skrupellose Falschinformation und Hype über Russland und Wladimir Putin. Journalisten und Kommentatoren müssen das Internet und Wörterbücher durchkämmen, um für beide mit boshaften neuen Beinamen aufzuwarten. Wo immer ich in Amerika Präsentationen habe, die erste ominöse Frage beim Frage-Antwort-Part ist immer „Was ist mit Putin?“

Es ist an der Zeit meine folgenden Gedanken mitzuteilen:

Putin hat offensichtlich seine Schwächen und begeht Fehler. Nach meiner bisherigen Erfahrung mit ihm und den Erfahrungen vertrauenswürdiger Leute, darunter Offizielle der USA, die eng mit ihm über Jahre zusammengearbeitet haben, ist Putin eher ein geradliniger, zuverlässiger und außergewöhnlich einfallsreicher Mann. Er denkt und plant offensichtlich in großen Zeiträumen und hat unter Beweis gestellt, daß er ein ausgezeichneter Analyst und Stratege ist. Er ist eine Führungspersönlichkeit die still auf ihre Ziele hinarbeitet, unter Bergen von Beschuldigungen und Mythen, die ihm ständig angeheftet wurden, seit er Russlands zweiter Präsident wurde.

Ich habe im Stillen das Anwachsen der Dämonisierung Putins beobachtet, seit es Anfang der 2000er Jahre begann – ich grübelte am Computer über meine Gedanken und Bedenken nach, darauf hoffend, sie schließlich in einem Buch (welches 2011 veröffentlicht wurde) zusammenzufassen. Das Buch erklärt meine Beobachtungen gründlicher als dieser Artikel. Wie andere die direkte Erfahrungen mit diesem Mann machten, über den man wenig kennt, habe ich vergeblich versucht zu vermeiden, als „Putin-Verteidigerin“ abgestempelt zu werden. Wenn jemand auch nur neutral ist, wird er von den Kolumnisten, der Medienmeute als „nachsichtig mit Putin“ betrachtet; und von Durchschnittsbürgern die ihre Nachrichten von CNN, Fox und MSNBC beziehen.

Ich gebe nicht vor, eine Expertin zu sein, nur eine Programmentwicklerin in der UdSSR und Russland in den letzten 30 Jahren. Doch in dieser Zeit habe ich weit mehr direkten Kontakt, bodenständigen Kontakt, mit Russen in allen 11 Zeitzonen gehabt als jeder der westlichen Reporter oder eigentlich jeder westliche Amtsträger.

Ich war lange genug im Land, die russische Geschichte und Kultur zutiefst zu bedenken, ihre Psyche und Verfasstheit zu studieren und die markanten Unterschiede der Mentalität der Amerikaner und der Russen zu verstehen, die die Beziehungen mit ihren Führern so komplizieren. Wie bei Charakteren in einer Familie oder einem Bürgerverein oder einem Rathaus braucht es Verständnis und Kompromisse, um in der Lage zu sein, funktionierende Beziehungen zu kreieren wenn die Grundbedingungen verschieden sind. Washington war notorisch desinteressiert daran, diese Unterschiede zu verstehen und zu versuchen den Russen entgegenzukommen.

Zusätzlich zu meinen persönlichen Erfahrungen mit Putin, hatte ich Diskussionen mit zahlreichen amerikanischen Offiziellen und US-Geschäftsleuten, die jahrelange Erfahrungen aus der Arbeit mit ihm hatten – ich glaube, man kann sicher sagen, keiner würde ihn als „brutal“ oder „gewalttätig“ beschreiben, oder mit einem der anderen verleumderischen Adjektive oder Substantive die in den Medien des Westens ständig benutzt werden.

Ich traf Putin Jahre bevor er überhaupt davon träumte Präsident Russlands zu werden, als viele von uns in den 1990ern in St. Petersburg arbeiteten. Seit die ganze Verunglimpfung startete war ich beinahe besessen davon, seinen Charakter zu verstehen. Ich glaube ich habe jede wichtige seiner Rede gelesen (inklusive des ganzen Textes seiner jährlichen stundenlangen Telefon-„talk-ins“ mit russischen Bürgern. Ich habe versucht festzustellen, ob er sich zum Schlechteren verändert hat, seit er zum Präsidenten befördert wurde oder ob er ein geradliniger Charakter ist, in einer Rolle die er nie erwartet hat; der seinen puren Verstand benutzt, um das Beste zu versuchen, wenn er mit Washington unter extrem schwierigen Bedingungen verhandelt. Wenn Letzteres der Fall ist, und ich denke dem ist so, sollte er hohe Noten für die vergangenen 14 Jahre bekommen. Es ist kein Zufall, dass Forbes ihn zum mächtigsten Führer der Welt 2013 erklärte, und er Obama verdrängte, der den Titel 2012 erhielt.

Das Folgende ist meine eigene persönliche Erfahrung mit Putin.

Es war im Jahre 1992: Es war zwei Jahre nach der Implosion des Kommunismus, der Ort St. Petersburg. Seit Jahren hatte ich Programme zur Öffnung der Beziehungen zwischen den beiden Ländern entwickelt, um hoffentlich den sowjetischen Menschen zu helfen ihre verwurzelte Obrigkeitsmentalität zu überwinden. Eine neue Programmmöglichkeit tauchte in meinem Kopf auf. Da ich erwartete, eine Unterschrift aus dem Marienskij-Rathaus würde erforderlich, wurde ein Termin gemacht. Mein Freund Wolodja Shestjakow und ich erschienen an einem Seiteneingang des Marienskij-Gebäudes. Wir fanden uns wieder in einem kleinen mattbraunen Büro, einem eher dünnen unauffälligen Mann in einem braunen Anzug gegenüber. Er fragte nach dem Grund meines Kommens. Nachdem er meinen Vorschlag überflogen hatte, stellte er gescheite Fragen. Nach jeder meiner Antworten stellte er die nächste treffende Frage. Mir wurde bewusst, dieser Interviewer unterschied sich von anderen sowjetischen Bürokraten die mit Ausländern stets in freundschaftliche Unterhaltungen zu verfallen schienen, in der Hoffnung auf Bestechungsgeld im Austausch für das von den Amerikanern Gewünschte. CCI (Sharon Tenissons Organisation, HB) hatte das Prinzip, dass wir niemals, niemals Bestechungsgeld geben. Dieser Bürokrat war offen, wißbegierig und von distanziertem Verhalten. Nach mehr als einer Stunde sorgfältigen Fragens und Antwortens erklärte er ruhig, er habe sich Mühe gemacht, zu versuchen festzustellen, ob der Vorschlag rechtmäßig war, aber leider sei er es zu dem Zeitpunkt nicht. Ein paar nette Worte über den Vorschlag wurden geäußert, das war’s. Einfach und freundlich zeigte er uns die Tür. Auf dem Gehweg sagte ich zu meinem Kollegen: „Wolodja, das war das erste Mal wo wir mit einem Sowjetbeamten verhandelten, der uns nicht nach einer Reise in die USA oder etwas Wertvollem gefragt hat. Ich erinnere mich, wie ich im Sonnenlicht auf die Visitenkarte sah; ich las „Wladimir Wladimirowitsch Putin.“

1994: US-Konsul Jack Gosnell schickte mir einen Hilferuf nach St. Petersburg. 14 Kongressmitglieder und der neue amerikanische Botschafter in Russland, Thomas Pickering, sollten die nächsten drei Tage nach St. Petersburg kommen. Er benötigte umgehend Hilfe. Ich hastete rüber zum Konsulat und erfuhr, dass Jack beabsichtigte, ich solle die vielversprechende Delegation und den neuen Botschafter briefen. Ich war sprachlos, aber er bestand darauf. Sie kamen aus Moskau und waren wütend darüber, wie US-Gelder dort vergeudet wurden. Jack wollte, daß sie die guten Nachrichten über die Programme der CCI, die ausgezeichnete Ergebnisse zeitigten, hörten. In den nächsten 24 Stunden vereinbarten wir für die Würdenträger „Haus“-Treffen in den kleinen Wohnungen eines Dutzend russischer Unternehmer. (Die Leute vom State Department in St. Petersburg waren entgeistert, denn so etwas hatte es vorher noch nie gegeben, aber Jack überstimmte sie.) Erst später, im Jahre 2000, erfuhr ich von Jacks früherer dreijähriger Erfahrung mit Wladimir Putin in den 1990ern, während der die Stadt für Bürgermeister Sobtschak führte. Mehr darüber weiter unten.

31. Dezember 1999: Ohne Vorwarnung machte Präsident Boris Jelzin zum Jahreswechsel der Welt die Mitteilung, dass er vom nächsten Tag an sein Amt aufgibt und Russland in die Hände eines unbekannten Wladimir Putin gäbe. Als ich die Nachricht hörte, dachte ich sicherlich nicht an den Putin an den ich mich erinnerte – der könnte niemals Russland führen. Ein Artikel in der New York Times am nächsten Tag brachte ein Foto. Ja, es war derselbe Putin den ich Jahre zuvor getroffen hatte! Ich war geschockt und bestürzt, und sagte Freunden: „Das ist ein Desaster für Russland! Ich habe Zeit mit dem Burschen verbracht, der ist zu introvertiert und zu intelligent – er wird niemals in der Lage sein, eine Beziehung zu den russischen Massen herzustellen.“ Ich klagte: „Um Russland von den Knien hochzuholen müssen zwei Dinge passieren: 1. Die jungen arroganten Oligarchen müssen gewaltsam aus dem Kreml entfernt werden, und 2. muß ein Weg gefunden werden, die Regionalfürsten (Gouverneure) von ihren Lehnsgütern quer durch Rußlands 89er Regionen zu entfernen.“ Es war mir klar, der Mann im braunen Anzug würde niemals die Instinkte haben oder den Mumm, diese alles beherrschenden doppelten Herausforderungen in Russland anzugehen.

Februar 2000: Beinahe sofort begann Putin sich der Oligarchen anzunehmen. Im Februar kam die Frage der Oligarchen auf; er klärte das mit einer Frage und der Antwort: „Was sollte die Beziehung zu den sogenannten Oligarchen sein? Die gleiche wie zu jedem anderen. Die gleiche wie zum Besitzer einer kleinen Bäckerei oder eines Schusterladens.“ Das war das erste Signal, dass die Magnaten nicht mehr länger in der Lage sein würden, gesetzliche Vorschriften zur Schau zu stellen, oder mit besonderen Zugang zum Kreml zu rechnen. Das machte auch die Kapitalisten des Westens nervös. Schließlich waren diese Oligarchen vermögende Geschäftsleute – gute Kapitalisten, auch wenn sie ihre Unternehmen illegal erhielten und ihre Profite in Offshore-Banken bunkerten.

Vier Monate später berief Putin ein Treffen mit den Oligarchen ein und bot ihnen einen Deal an: Sie könnten ihre illegal gewonnenen, vermögenproduzierenden sowjetischen Unternehmen behalten und sie würden nicht verstaatlicht… WENN Steuern auf ihre Erträge bezahlt würden und wenn sie sich persönlich aus der Politik heraushalten. Das war die erste von Putins „eleganten Lösungen“ für die beinahe unlösbaren Herausforderungen, denen sich das neue Rußland gegenüber sah. Aber dieser Deal brachte Putin ins Fadenkreuz der US-Medien und Offiziellen, die nun begannen, sich für die Oligarchen einzusetzen, insbesondere für Michail Chodorkowski. Der wurde nun hochpolitisch, zahlte keine Steuern, und war – bevor ergriffen und eingesperrt – dabei, einen Großteil von Russlands größter privater Ölgesellschaft, Yukos Oil, an Exxon Mobil zu verkaufen. Leider wurde Chodorkowski für US-Medien und -Regierungsapparat ein Märtyrer (und bleibt es bis heute).

März 2000: Ich kam in St. Petersburg an. Eine russische Freundin (eine Psychologin) seit 1983, kam zum üblichen Besuch. Meine erste Frage war „Lena, was denkst Du über Euren neuen Präsidenten?“ Sie lachte und erwiderte: „Wolodja! Ich bin mit ihm zur Schule gegangen.“ Sie begann ihn zu beschreiben, als einen stillen Jungen, arm, der Kampfsport liebte, einer der für Kinder eintrat, die auf dem Schulhof schikaniert wurden. Sie erinnerte sich an ihn als einen patriotischen Jugendlichen, der sich frühzeitig nach dem Schulabschluß beim KGB bewarb. (Die schickten ihn weg und sagten ihm er solle erst eine Ausbildung machen.) Er besuchte die Juristische Fakultät, bewarb sich erneut und nun nahmen sie ihn. Ich muß seltsam geschaut haben, weil Lena sagte „Sharon, zu jener Zeit haben wir alle den KGB verehrt und geglaubt, dass alle die dort arbeiteten Patrioten waren und das Land sicherten. Wir dachten es war natürlich für Wolodja, diese Karriere zu wählen.” Meine nächste Frage war: „Was denkst Du wird er mit Jelzins Kriminellen im Kreml tun?“ Sie zog sich die Jacke der Psychologin an, überlegte und antwortete: „Sein normales Verhalten wird sein, sie eine Weile zu beobachten, um sicher zu sein was vor sich geht, dann wird er ein paar Zeichen setzen und sie wissen lassen, dass er sie beobachtet. Sollten sie nicht reagieren, wird er sie persönlich ansprechen. Sollte sich das Verhalten nicht ändern – werden einige im Gefängnis für ein paar Jahre landen.“ Ich gratulierte ihr per E-Mail, als ihre Voraussagen begannen, in Echtzeit wahr zu werden.

Während der 2000er: St. Petersburgs viele Absolventen der CCI wurden befragt um festzustellen, wie das „PEP Business Trainingsprogramm“ wirkte und wie wir die Erfahrungen der USA für ihr neuen kleinen Unternehmungen nützlich machen könnten. Die meisten glaubten, dass das Programm enorm wichtig war, sogar lebensverändernd. Zuletzt wurde jeder gefragt: „Was denken Sie über den neuen Präsidenten?“ Keiner reagierte negativ, auch wenn zu jener Zeit die Unternehmer die russische Bürokratie hassten. Die meisten antworteten etwa „Putin hat mein Geschäft vor einigen Jahren registriert.“ Nächste Frage „So, und wieviel hat Sie das gekostet?” Sie entgegneten „Putin hat nichts verlangt.“ Einer sagte „Wir sind zu Putin gegangen, weil andere, die Registrierungen im Marienskij machten, ,reich geworden waren auf ihrem Sessel.’“

Ende 2000: In Putins erstem Jahr als Russlands Präsident erschien mir, die US-Offiziellen vermuteten, er würde Amerikas Interessen entgegenstehen – jede seiner Bewegungen wurde von den amerikanischen Medien infrage gestellt. Ich konnte nicht verstehen warum und registrierte diese Vorkommnisse in meinem Computer und Newslettern.

Im Jahr 2001: Jack Gosnell (der bereits erwähnte frühere US-Generalkonsul) erklärte seine Beziehung zu Putin, als der Stellvertretender Bürgermeister von St. Petersburg war. Beide arbeiteten eng bei der Schaffung von Joint Ventures zusammen und anderen Wegen, zur Förderung der Beziehungen zwischen beiden Ländern. Jack berichtete, dass Putin immer geradezu war, höflich und hilfsbereit. Als Putins Frau Ludmilla einen schweren Autounfall hatte, nahm Jack sich die Freiheit (bevor er Putin informierte), Krankenhaus und Flug für sie zu organisieren, damit sie in Finnland medizinische Fürsorge bekommen konnte. Als Jack das Putin sagte, berichtete er, war Putin überwältigt von der Großzügigkeit, aber schließlich sagte er, er könne den Gefallen nicht annehmen, und dass Ludmilla in einem russischen Krankenhaus genesen werde. Sie tat es – obwohl die medizinische Versorgung in Russland in den 90ern schrecklich schlecht war. Ein leitender CSIS*-Mitarbeiter mit dem ich in den 2000ern befreundet war, arbeitete in den 1990ern eng mit Putin an einer Reihe von Joint Ventures zusammen. Er berichtet, er habe keine Geschäfte mit Putin gehabt, die fragwürdig gewesen wären; dass er ihn achte und glaube, Putin bekäme eine unverdient mürrische Beurteilung in den US-Medien. Es ist Tatsache, er schloss seine Tür bei CSIS als er über Putin sprach. Ich nahm an, seine Bemerkungen wären nicht akzeptabel gewesen, wenn andere sie gehört hätten.

(* „Center for Strategic and International Studies“/CSIS, dt. “Zentrum für internationale und strategische Studien“, ein Think Tank für Außenpolitik der Vereinigten Staaten. HB)

Ein weiterer ehemaliger US-Beamter der ungenannt bleibt, ebenfalls mit engen Arbeitsbeziehungen zu Putin, sagte, es gab nie eine Hinweis auf Bestechung, Druck, nichts außer respektablem Verhalten und Hilfsbereitschaft.

Ich hatte in 2013 zwei Begegnungen mit Beamten des State Department bezüglich Putins: Bei der ersten fühlte ich mich so frei, die Frage zu stellen, die ich schon lange beantwortet haben wollte: „Wann wurde Putin für Washingtons Beamte inakzeptabel und warum?“ Ohne Zögern kam die Antwort: „Die Messer wurden gezückt als angekündigt wurde, Putin würde der nächste Präsident werden.“ Ich fragte WARUM? Die Antwort: „Ich habe nie herausgefunden warum – vielleicht weil er beim KGB war.“ Ich erklärte, dass Bush Nr. 1 der Chef der CIA war. Die Erwiderung war „Das würde keinen Unterschied gemacht haben, der war unser Mann.”

Der zweite war ein früherer Mitarbeiter des State Department mit dem ich kürzlich ein Radiointerview über Russland hatte. Als wir uns danach etwas unterhielten, bemerkte ich: „Es könnte für Sie interessant sein zu wissen, dass ich die Erfahrungen zahlreicher Leute mit Putin gesammelt habe, einige über Jahre, und sie alle sagen, sie hätten keine negativen Erfahrungen mit Putin und es gab keinen Beweis, dass der bestechlich gewesen wäre.“ Er gab hart zurück: „Niemand war je in der Lage mit einem Bestechungsvorwurf gegen Putin zu kommen.“

Von 2001 bis heute habe ich die negativen US-Medien-Montagen gegen Putin beobachtet…sogar Vorwürfe von Morden, Vergiftungen und Hitler-Vergleiche. Niemand hatte je konkrete Beweise für all diese Anklagen.

Ich bin durch Russland gereist – mehrere Male jedes Jahr – und habe die allmählichen Veränderungen im Land unter Putins Obacht gesehen. Steuern wurden gesenkt, Inflation verringert und Gesetze bedächtig eingeführt. Schulen und Krankenhäuser wurden verbessert. Mittelständische Unternehmen wuchsen, die Landwirtschaft zeigte Verbesserungen und die Geschäfte füllten sich mit Lebensmitteln. Alkoholprobleme waren weniger zu sehen, Rauchen wurde in den Gebäuden verboten und die Lebenserwartung begann zu steigen. Autobahnen wurden durchs Land gebaut, neue Bahnstrecken, und moderne Züge tauchten selbst an entfernten Orten auf und das Bankwesen wurde zuverlässig. Russland begann wie ein respektables Land auszusehen – sicher noch nicht wie die Russen es sich in der Zukunft erhoffen, aber zunehmend besser, zum ersten Mal in ihrer Erinnerung.

Meine Reise 2013/2014 nach Russland: Zusätzlich zu St. Petersburg und Moskau bereiste ich im September die Berge des Ural, verbrachte Zeit in Jekaterinenburg, Tscheljabinsk und Perm. Wir reisten zwischen den Städte mit Auto und Bahn – die Felder und Wälder sahen gesund aus, kleine Städte trugen neue Farbe und Bauten zur Schau. Heute sehen Russen aus wie Amerikaner (wir kriegen dieselbe Kleider aus China). Die alten Chrustschow-Betonblockhäuser machen Platz für neue ansehnliche mehrstöckige private Wohnkomplexe. Geschäftshochhäuser, feine Hotels und großartige Restaurants sind nun allgegenwärtig – und von normalen Russen besucht. Zwei- und dreistöckige Privathäuser umgeben diese russischen Städte fern von Moskau.

Wir besuchten neue Museen, städtische Gebäude und riesige Supermärkte. Die Strassen sind gut gepflegt und jetzt gut ausgezeichnet, Service Stationen sehen aus wie die entlang der amerikanischen Highways. Im Januar war ich in Nowosibirsk, weit in Sibirien, wo ähnlich moderne Architektur zu bemerken ist. Die Straßen wurden durch ständiges Schneeräumen befahrbar gehalten, moderne Beleuchtung hielt die Stadt die ganze Nacht hell, Mengen an neuen Ampelanlagen (die die Sekunden bis zum Signalwechsel runterzählen) sind aufgetaucht. Es ist erstaunlich welch großen Fortschritt Russland in den letzten 14 Jahren gemacht hat, seit ein unbekannter Mann ohne Erfahrung in die Präsidentschaft Russlands ging und ein Land übernahm, das flach auf dem Bauch lag.

So, warum sind unsere Führer und Medien so herablassend und dämonisieren Putin und Russland?

Reklamieren die zu viel, gleich Lady McBeth?

Psychologen sagen uns, dass Menschen (und Länder?) auf andere projizieren was sie bei sich selbst nicht sehen werden wollen. Andere tragen unseren „Schatten“, wenn wir ablehnen ihn anzuerkennen. Wir verleihen anderen all die Charakterzüge die wir zurückschrecken, bei uns selbst zuzugeben.

Könnte es das sein, weshalb wir ständig etwas auszusetzen haben an Putin und Russland?

Könnte es sein, dass wir auf Putin unsere eigenen Sünden und die unserer Führer projizieren?

Könnte es sein, dass wir Russlands Korruption verurteilen, und so tun als ob die Korruption innerhalb unserer eigenen Welt nicht existiert?

Könnte es sein, dass wir deren Menschenrechts- und LGBT-Probleme verurteilen, und nicht sehen, dass wir unsere eigenen nicht gelöst haben?

Könnte es sein, dass wir Russland „die Wiedererschaffung der UdSSR“ vorwerfen, wegen unserer Taten, um der „Hegemon“ der Welt zu bleiben?

Könnte es sein, dass wir nationalistische Verhaltensweisen auf Russland projizieren, weil es das ist, was wir geworden sind und wir uns dem nicht stellen wollen?

Könnte es sein, dass wir die Kriegstreiberei auf Russland schieben, wegen dessen was wir in den vergangenen Administrationen getan haben?

Einige von Ihnen waren um Putin in den frühen Jahren herum. Bitte teilen Sie ihre Meinungen, die Für und Wider…mit uns. Vertraulichkeit wird versichert. Es ist wichtig, ein daraus zusammengesetztes Bild dieses dämonisierten Führers zu entwickeln und das klarzubekommen.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass 99% derer, die in den Mainstreammedien kein gutes Haar an ihm lassen, überhaupt keinen persönlichen Kontakt mit ihm hatten.

Die schreiben Artikel vom Hörensagen, Gerüchten und Fabrikationen, oder sie lesen Skripts vor, die andere ihnen auf den Teleprompter geschrieben haben. Das ist es wie unsere Nation ihre „Nachrichten“ bekommt.

Es ist ein wohlbekannter Ethik-Kodex unter uns: Ist es die Wahrheit, ist es fair, bringt es Freundschaft und Goodwill, und ist es vorteilhaft für alle Beteiligten? Es scheint mir, dass wenn die Führer unserer Nation verpflichtet wären, diese vier Prinzipien in den internationalen Beziehungen anzuwenden; die Welt würde in einer völlig anderen Art funktionieren und die Menschen quer über den Planeten würden unter besseren Bedingungen als heute leben.

Wie immer sind wir dankbar für Ihre Kommentare. Bitte senden Sie diesen Bericht an so viele Freunde und Kollegen wie möglich.

Sharon Tennison
Präsidentin und Gründerin
Center for Citizen Initiatives

sharon@ccisf.org
www.ccisf.org (in Überarbeitung)
http://www.russiaotherpointsofview.com/2014/04/russia-report-putin-.html


Textquelle: “Hinter der Fichte”

Beitragsbild: Sharon Tennison

Wem gehört und dient die Fed? – Hintergrund

Nun habe ich von Lars Schall persönlich die Erlaubnis erhalten, seine Artikel, Buchausschnitte und diverse Interviews zu veröffentlichen. Auf diesem Wege möchte ich mich noch einmal herzlichst bedanken. Dies ist mir eine besondere Freude!

Lars SchallLars Schall wurde am 31. August 1974 in Herdecke an der Ruhr geboren. Er studierte an den Universitäten Dortmund und Knoxville, Tennessee in den USA unter anderem Journalistik. Er ist freier Finanzjournalist mit den Schwerpunkten Energie, Edelmetalle, Geldsystem und Geopolitik. Er veröffentlicht u. a. auf ASIA TIMES ONLINE. Darüber hinaus arbeitet er als Übersetzer von Finanz- und Wirtschaftstexten.

Zuerst hatte ich überlegt, ob ich den u. a. Text aufteilen sollte. Dies macht jedoch in meinen Augen keinen Sinn, da Zusammenhänge auseinandergerissen werden. Also … nehmt Euch Zeit und Muße. Es werden spannende Wochen und Monate. In jedem noch folgenden Artikel werde ich Links auf die vorangegangenen Texte setzen, um die Orientierung zu erleichtern.


von Lars Schall

In Zeiten, da vermehrt über die US Federal Reserve und die Geldschöpfung aus dem Nichts diskutiert wird, habe ich ein paar Informationen zusammengetragen zu Rockefeller, J.P. Morgan, Wall Street-Banken, dem Council on Foreign Relations und dem “vernachlässigbaren Interessen des gemeinen US-amerikanischen Volks”.

Der nachfolgende Artikel ist ein Auszug aus einem im Entstehen begriffenen Buch zum Thema Tiefenpolitik & 9/11 – und wurde zuletzt am 8. August 2014 aktualisiert.


WEM GEHÖRT UND DIENT DIE FED?

Bei einem Mordverbrechen gilt es seit jeher die grundsätzliche Frage zu stellen, wem es zum Vorteil gereicht: Cui bono? Um bei der Betrachtung der Terror-Anschläge vom 11. September 2001 in einem finanziellen und wirtschaftlichen Rahmen nicht zu kurz zu greifen, möchte ich eingangs die Frage erörtern, wer es ist, der im Wesentlichen die US-Notenbank Federal Reserve bildet. Eine der begünstigten Parteien des „Kriegs gegen den Terror“, der aus den 9/11-Anschlägen resultierte, könnte in gewisser Weise jene Federal Reserve sein (oder indirekt und direkt auch die Privatbanken, die Mitglieder ihrer regionalen Ablegerbanken sind), insofern hier eine denkbar simple Gleichung vorliegt:

Federal Reserve Building

Federal Reserve Building

„Die US-Notenbank erschafft Geld, um den Krieg zu finanzieren, und verleiht es an die amerikanische Regierung. Die amerikanische Regierung wiederum muss auf das Geld, das sie sich von der Zentralbank ausgeliehen hat, um den Krieg zu finanzieren, Zinsen zahlen. Je größer die Aufwendungen für den Krieg sind, desto größer fallen die Gewinne für die Banker aus.“ [1]

Von dieser inneren Logik ausgehend, die auf dem Spielfeld letztlich herrscht, könnten zur Klärung der Frage, wie die Federal Reserve das Licht der Welt erblickte, und wer damals dahinter stand, sie auf den Weg zu bringen, viele unterschiedliche Perspektiven eingenommen werden. Ich wähle als Ausgangspunkt die Mitte des 19. Jahrhunderts und die Thematik der Energie, die Antriebskraft hinter der Industriellen Revolution. Das kann nicht schaden, da hier der Energieträger Erdöl eine prominente Rolle spielt – und Erdöl ist bei der Betrachtung der Terror-Anschläge vom 11. September 2001 in einem finanziellen und wirtschaftlichen Rahmen von enorm großer Bedeutung. Obendrein, und deswegen allein lohnte sich die Behandlung des Sachverhalts in einem Buch, das den 9/11-Anschlägen gewidmet ist, sehen wir hier par excellence die Definition des Begriffs „Verschwörung“ am Werk, die Mark Twain zugeschrieben wird: „Eine Verschwörung ist nichts anderes als eine geheime Übereinkunft einer Reihe von Männern zur Verfolgung von Vorhaben, die sie sich in der Öffentlichkeit nicht zuzugeben trauen.”


Der Beginn des Ölzeitalters

Als in den USA die ersten großen Erdölfunde stattfanden, nutzte man dort, zumindest im Vergleich zum Vorreiter der Industriellen Revolution, Großbritannien, eher wenig Kohle, um die industrielle Entwicklung voranzutreiben. Das hatte seine besonderen, eigenen Gründe, da man in den Vereinigten Staaten von Amerika mit Wäldern und Flüssen gesegnet war, auf die sich lange Zeit fast grenzenlos zur Energiegewinnung zurückgreifen ließ. Holz- und Wasserkraft waren die Energieressourcen erster Wahl. Darüber hinaus wurden für die Landwirtschaft, besonders zum Anbau und Pflücken von Baumwolle, die aus Westafrika eingeschleppten Sklaven ausgebeutet. Der Süden der USA, der auf diese Art der Arbeitskraftgewinnung und Warenproduktion setzte, geriet allmählich gegenüber dem Norden wirtschaftlich ins Hintertreffen, nachdem die dortigen Industriefabriken im wachsenden Umfang auf Kohle und mechanische Arbeitsleistung umstellten. Ein weiterer Schub in diese Richtung verstärkter Kohlenutzung erfolgte mit der Verbreitung von transkontinentalen Eisenbahnstrecken und dem Rückgang der zu stark in Anspruch genommenen Wälder. Gleichwohl dauerte es bis in die letzten beiden Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts hinein, ehe die Kohle allen anderen Energielieferanten den Rang ablief. Um 1910 schließlich gingen rund drei Viertel der gesamten Energiegewinnung in den USA auf die Verwendung von Kohle zurück. Weltweit betrug ihr Anteil zu dieser Zeit am Energievorkommen 90 Prozent, um danach peu à peu vom Erdöl abgelöst zu werden. [2]

Der bei weitem größte Erdölanbieter, den es in dieser Ära auf dem gesamten Erdenrund gab, war die Firma Standard Oil. Begonnen hatte alles durch die Entdeckung, dass sich Mineralöl als Maschinenschmiermittel und Kerosin als Lampenbrennstoff hervorragend verwenden ließen. Ein Bedarf nach Erdöl war somit von Anfang an gegeben, nachdem Ende der 1850er Jahre die ersten Vorkommen in Pennsylvania gefunden worden waren. Alsbald kamen weitere Funde in Ohio und West Virginia hinzu. Das geförderte Rohöl begann ein junger Geschäftsmann aus Cleveland in Massen aufzukaufen, zu raffinieren und zu vermarkten, der hernach zur „wichtigsten einzelnen Person beim Prägen der Ölindustrie“ wurde: John D. Rockefeller. [3]

Dahinter stand der Plan, dass derjenige, der die Ölraffinerien kontrollieren würde, letztlich die Möglichkeit besäße, die gesamte Ölindustrie beherrschen zu können. 1862 erwarb Rockefeller seine erste Raffinerie und kaufte sukzessive konkurrierende Unternehmen auf. Hierbei halfen ihm Rabatte, die er mit Eisenbahngesellschaften zum Transport seines Öls auf geheimer Basis aushandelte, um auf diesem Wege die Preise seiner Mitbewerber bewusst zu unterlaufen. Zudem erhielt er Gebühren von jenen Eisenbahngesellschaften, die Rohöl der Konkurrenz transportierten. Und wenn es vorkam, dass sich Konkurrenzunternehmen nicht verkaufswillig zeigten, auf die Standard Oil ein Auge geworfen hatte, wurde mithin auch kriminelle Energie eingesetzt, um etwas nachzuhelfen. [4]

Standard Oil Refinery No.1 in Cleveland (1899)

Standard Oil Refinery No.1 in Cleveland (1899)

Die 1870 gegründete Aktiengesellschaft Standard Oil of Ohio baute sich ein Netzwerk von Tochterfirmen auf, die entweder ganz oder zumindest teilweise Rockefeller gehörten und gegenseitige Aktienbeteiligungen eingingen. Ölfunde (Upstream) und Distribution (Downstream) befanden sich in den USA binnen kurzer Zeit in einer Hand, nachdem Rockefeller (zusammen mit seinem Bruder William) in den Jahren 1872 bis 1879 den Aufkauf von Raffinerien noch einmal intensiviert hatte. Von Ohio wechselte Standard Oil 1883 aufgrund von neuen Anti-Trust-Bestimmungen nach New York über, als es bereits 90 Prozent der Ölindustrie der Vereinigten Staaten kontrollierte. [5] 1888 startete Standard Oil mit der Gründung der Anglo-American Oil Company Ldt. die erste Unternehmung in Europa, zwei Jahre später folgte die Übernahme der Deutsch-Amerikanischen Petroleum-Gesellschaft. Als neue große Ölfunde in den südwestlichen Gebieten der USA zutage traten, engagierte sich Standard Oil zunehmend auch in Oklahoma, Texas und Kalifornien. Die üppigen Gewinne, die in diesen Jahren zusammenkamen, wurden langfristig weiter investiert:

„Bis 1899 hatte sich die Standard Oil Company zu einer Holdingesellschaft entwickelt, die die Aktien zahlreicher anderer Unternehmen kontrollierte. Das Kapital belief sich auf 110 Millionen Dollar, der Profit auf 45 Millionen Dollar pro Jahr und John D. Rockefellers Vermögen wurde auf 200 Millionen Dollar geschätzt. Binnen kurzer Zeit stieg er ins Eisen-, Kupfer-, Kohle-, Fracht- und Bankgeschäft (Chase Manhatten) ein. Die Profite lagen bei 81 Millionen Dollar pro Jahr, und das Rockefeller-Vermögen belief sich auf 2 Milliarden Dollar.“ [6]

Den Kauf der Chase Bank, die 1955 nach Fusion mit der Manhattan Company zur Chase Manhattan Bank wurde, finanzierte Rockefeller nicht zuletzt mit Geldmitteln, die ihm über das verbündete Bankhaus Kuhn, Loeb & Co. zur Verfügung gestellt wurden, was den englischen Flügel der Rothschild-Familie, der wohl beeindruckendsten Bankendynastie der Welt, im Hintergrund miteinschloss. Ihr wiederum gehörte in nicht unbedeutendem Umfange (zusammen mit dem Bankhaus Warburg) die Manhattan Company, mit der die Chase Bank späterhin zusammenschmolz. [7] Ähnliche gelagerte Verbindungen galten erst recht für John Pierpont Morgan und dem Aufstieg seiner Bank J.P. Morgan & Co., [8] da jener der internationalste US-Financier war, der im Grunde als der Vertreter der City of London und der britischen Banken an der Wall Street fungierte.

Morgan lieferte sich mit Rockefeller am Anfang des 20. Jahrhunderts zunächst harte Kämpfe:

„Nach der Jahrhundertwende entwickelte sich ein wüster Wirtschaftskrieg zwischen den Interessen Morgans auf der einen und denen der miteinander verbündeten Harriman-Kuhn, Loeb-Rockefeller auf der anderen Seite. Harriman und Kuhn, Loeb rissen die Kontrolle über die Union Pacific Railroad an sich und die zwei gigantischen Mächte führten einen ergebnislosen Kampf um die Herrschaft über die Northern Pacific. Ungefähr zur selben Zeit brach ein langandauernder und weltweiter, finanziell und politisch geführter Ölkrieg zwischen der Standard Oil Company, die bisher ein Monopol sowohl auf den Rohöl-, als auch auf dem Exportmärkten außerhalb der USA hatte, und dem aufstrebenden britischen Royal Dutch Shell-Rothschild-Kombinat aus.“ [9]

Der besagte „Ölkrieg” nahm seinen Anfang durch die Ölfunde, die man 1871 in der Nähe von Baku am Kaspischen Meer gemacht hatte. Die Rohölforderung, die Russland nur fünfzehn Jahre später aufweisen konnte, belief sich immerhin schon auf ein Drittel der US-Produktion. Zunächst den Vertrieb, dann immer mehr auch die Ölquellen und Raffinerien selber übernahm der französische Teil der Bankiersfamilie Rothschild. Der Partner von Alphonse de Rothschild für den Absatz in Süd- und Ostasien war Marcus Samuel, dessen Familie Londons größte Handelsbank Hill Samuel zusammen mit dem Handelshaus Samuel Montagu kontrollierte.

„In der Ölgeschichte Bakus nehmen die Brüder Ludwig und Robert Nobel eine besondere Rolle ein. Sie stiegen 1873 ins Ölgeschäft ein und waren für einige revolutionäre Neuerungen verantwortlich, u. a. transportierten sie als erste Öl auf dem Schienenweg in speziell dafür entworfenen Tank-Waggons. Auf dem Kaspischen Meer bauten sie eine große Tankerflotte auf. Desgleichen waren Pipelines und die Lagerung von Öl in großen Mengen Innovationen, die auf sie zurückgingen. Zwischen 1897 und 1907 wurde die damals längste Ölpipeline der Welt zwischen Baku und Batum am Schwarzen Meer gebaut. Die Bankiersfamilie der Rothschilds trat ebenfalls in das Great Game ein. Für Anteile an den Ölfeldern Bakus finanzierten sie eine Eisenbahnverbindung zwischen Baku und Batum am Schwarzen Meer. Dadurch wurden die Transportkosten drastisch reduziert und das kaspische Öl noch günstiger auf dem Weltmarkt. Dieser Schritt brach die globale Dominanz der Standard Oil endgültig.“ [10]

Weitere Konkurrenz für Rockefellers internationale Vorherrschaft erwuchs durch die beträchtlichen Ölförderquoten, die „in Holländisch-Ostindien (dem heutigen Indonesien) … unter Leitung der Royal Dutch Company“ stattfanden. [11] Die Royal Dutch Company war 1890 von den holländischen Unternehmern Jean Baptiste August Kessler und Henri Deterding (einem späteren Hitler-Financier) unter Beteiligung des niederländischen Königshauses gegründet worden, um Kerosin auf Indonesien zu raffinieren. Im selben Jahr übernahm das Unternehmen von Marcus Samuel, die Shell Transport and Trading Company, die Verschiffung des Kerosins von Royal Dutch. 1892 führte Shell die erste Verschiffung des Südsee-Rohöls durch den neuen Suezkanal durch, womit Europas Industrie beliefert werden konnte. 1903 schlossen sich der Fernosthandel der schwedischen Nobels und der französischen Rothschilds – durch den niederländischen König Wilhelm III. finanziell begünstigt – mit Samuels Firma Shell Oil zusammen. Hieraus entstand schließlich Royal Dutch Shell, das weltgrößte Unternehmen überhaupt im Jahre 2009. [12]

Sodann sind die Hauptbeteiligten aufgezeigt, durch deren Aktivitäten sich der „Ölkrieg“ zutrug, bei dem „sich erbitterte Preiskämpfe mit Übernahmeversuchen oder großen Allianzen abwechselten.“ [13]

Vom Einstieg ins Bankengeschäft, der parallel dazu stattfand, zog Rockefeller immensen Nutzen, die seine Stellung daheim in den USA festigte. Der Impetus, im Bankengeschäft mitmischen zu wollen, bestand darin, „dass diese Financiers, die neue Macht-Liga in Amerika, eine Möglichkeit finden wollten, um in das … Zeitalter des Finanzkapitalismus (vorzustoßen). … Die Idee war, dass man jetzt Geld aus Geld machen konnte, im Gegensatz dazu, dass es nur mit Industrie-Interessen wie Stahl und Öl verbunden war – auch wenn die Rockefellers mit der Standard Oil Company und anderen Interessen eine erhebliche Menge an Geld gemacht hatten und dies auch weiterhin machen würden. Aber sie, und vor allem William Rockefeller, suchten nach einem Weg, Geld um des Gelds willen machen zu können und um ein Teil des ,Geld-Trusts‘ (Money Trust) in den frühen 1900er Jahren zu werden. [14]

Eine „erhebliche Menge an Geld“ machten die Rockefellers, indem sie zu dieser Zeit „Standard Oils heimische Geschäftspraktiken wie Verdrängungspreise, Geheimhaltung und Industriespionage“ anwandten, „um auch ausländische Ölfirmen zu übernehmen – vor allem jene in Europa, wo die Industrialisierung und Verstädterung eine stetig steigende Nachfrage nach Kerosin und Schmierölen stimulierte. Kerosin wurde bald zum wichtigsten in den USA produzierten Exportgut; und Standard Oil mit seinen europäischen Tochterfirmen wurde zum ersten modernen multinationalen Konzern.“ Das Firmenimperium, das Rockefeller schuf, nahm derartige Auswüchse an, dass der Oberste Gerichtshof der USA 1911 in Bezug auf das Standard Oil-Kartell von einer „gefährlichen Verschwörung sprach, „die zum ,Schutz der Republik’ zerbrochen werden muss.“ [15]

Ähnlich wurde die Lage vom US-Kongress eingeschätzt:

„1914 wurde die Standard Oil im Congressional Record als ,Schattenregierung’ bezeichnet. Infolge des Antitrust-Urteils des Obersten Gerichtshofes wurde die monolithische Standard Oil in 38 neue Unternehmen aufgeteilt, darunter Exxon, Mobil, Amoco, Chevron und Arco; aber Rockefeller beherrschte sie weiterhin im Geheimen durch seine Aktienmehrheit.“ [16]

Begünstigt wurde der extreme Machtzuwachs, den Rockefeller aus seinen Geschäften ableiten konnte, überdies durch die zusätzlichen „neue(n) Möglichkeiten der Ölnutzung“, die in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts geschaffen wurden:

„Am Jahrhundertende tauchten die ersten Ölöfen sowie Ölbrenner für Fabriken, Züge und Schiffe auf, die alle von Standard Oil auf den Markt gebracht wurden. 1909 wurde dann bereits die Hälfte des geförderten Erdöls als Heizöl verkauft. Aber die bei weitem wichtigste neue Ölnutzung war die als Treibstoff des neuen Verbrennungsmotors, der in den 1870er Jahren von dem deutschen Ingenieur Nikolaus Otto entwickelt worden war.“ [17]

So wurde denn die Ölindustrie „in ungeheurer Geschwindigkeit zu einem machtvollen Markt mit globalen Dimensionen“, [18] der sich immer lukrativer gestaltete, zumal die Massenherstellung von Automobilen durch die elektrisch angetriebenen Fließbänder zunehmend kostengünstiger ausfiel. Mit der Elektrifizierung, die zeitgleich einsetzte, ergab sich eine weitere Entwicklung der Energienutzung, die zu einer grundlegenden Veränderung der bisherigen Lebensverhältnisse führte. Zur dominierenden Person auf dem Elektrizitätsmarkt der USA wurde J.P. Morgan, indem er nach Übernahme der Firma von Thomas Edison die General Electric Corporation gründete, welche noch heute zu den einflussreichsten Unternehmungen der Vereinigten Staaten zählt.

Im Verbund mit Morgan, der zeitweiligen Rivalitäten zum Trotz, und dem Bankhaus Kuhn, Loeb & Co., das später mit Lehman Brothers fusionierte, hatte Rockefeller zum Zeitpunkt, als Standard Oil „zerschlagen“ wurde, ohne ihm auch nur annähernd ein Leid anzutun, ein anderes, bis heute fortdauerndes Ziel erreicht, welches Robert A. Mundell „das wichtigste Ereignis des 20. Jahrhunderts nannte: die Schaffung der Federal Reserve als dem „Kreditgeber der letzten Instanz“ im Bankensystem der USA und als „das Vehikel zur Verbreitung des Dollars“. [19]

Vorangegangen war dieser Entstehung ein Richtungsstreit, der so alt war, wie die Vereinigten Staaten selbst, ja, im Grunde steuerte er den entscheidenden Anteil dazu bei, dass die amerikanischen Kolonien überhaupt einen revolutionären Krieg gegen das britische Mutterland provozierten. Freilich wird sich, wenn es um die Gründe geht, die zur Amerikanischen Revolution führten, gerne auf die Teezölle kapriziert, die das britische Parlament 1767 über seine dreizehn Kolonien in der Neuen Welt verhängte. Tee war zu dieser Zeit eine ungeheuer wertvolle Ware (ich komme darauf späterhin im Zusammenhang mit den Opiumkriegen zurück), und zweifelsohne trug der Beschluss, Zollgebühren auf die Einfuhr von Tee zu erheben, dazu bei, es unter den Bewohnern der Kolonien gründlich rumoren zu lassen. Vor diesem wichtigen, historisch gewordenen Hintergrund sollte jedoch nicht die Rolle vernachlässigt werden, die das Problem der Geldschöpfung unter dem Stichwort „Colonial Scrip“ für die Amerikanische Revolution spielte: sie ist nicht gleichzusetzen mit irgendwelchem nebensächlichen Brouillon, sondern stand als Zankapfel im eigentlichen Zentrum der gegenseitigen Animositäten. [20]

Darauf muss an dieser Stelle kurz hinzuweisen erlaubt sein, denn immerhin gerieten die Vereinigten Staaten von Amerika seit dem Unabhängigkeitskrieg gegen Großbritannien und ihrer nachfolgenden Gründung im Jahre 1789 Schritt für Schritt zur dominantesten Nation, die der Globus je zu sehen bekam, und ihre Notenbank, die 1913 initiierte Federal Reserve, sollte dementsprechend zur einflussreichsten der Welt werden.

Diesen Kontext betreffend stellte ich einige Fragen an die finanzhistorische Forscherin Ellen Brown…


Papier-Scribs und Zentralbanken

…und bekam einige erhellende Antworten über US-amerikanische Historie im Schnelldurchlauf.

Ellen Brown, Anwältin fur Zivilrecht, hat mit dem 2007 erschienenen Buch The Web of Debt eines der wichtigsten Werke über die Federal Reserve und Währungspolitik der jüngsten Vergangenheit vorgelegt.

Ich setzte bei meinen Fragen an Ellen Brown an einer essentiellen Stelle an, und zwar in diesem Sinne:

Frau Brown, Zentralbanken spielen im gegenwärtigen Finanzsystem und seinem Krisenzustand eine entscheidende Rolle. Manche der Eigenschaften der Zentralbanken und der Entwicklungen, die uns an den Scheideweg geführt haben, an dem wir uns heute befinden, sind nicht neu. Genaugenommen sind sie sehr alt. In Ihrem Buch erläutern Sie einige grundlegende Elemente dieses Systems von ihren historischen Wurzeln her. Können Sie uns in diesem Zusammenhang ein wenig über ein wichtiges Ereignis aus dem Jahre 1694 erzählen? Was geschah in diesem Jahr in England unter Wilhelm von Oranien und warum ist es selbst in heutiger Zeit noch von Bedeutung?

Ellen Brown: In diesem Jahr wurde die Bank von England gegründet, die „Mutter aller Zentralbanken“. Genaugenommen gab es die erste Zentralbank in Schweden, aber die befand sich im Staatseigentum. Die Bank von England befand sich in Privatbesitz und ist der Ursprung des Systems, in dem privaten Bankern gestattet wird, ihre eigenen Banknoten als nationale Währung zu drucken und sie gegen Zinsen an die Regierung zu verleihen. Sie kamen damit durch, weil die Währung angeblich durch das Gold der Banken gedeckt war, aber entsprechend dem Mindestreservesystem wurden deutlich mehr Banknoten verliehen, als Gold zu ihrer Deckung vorhanden war. Die meisten dieser Banknoten wurden aus dem Nichts geschaffen.

Währenddessen fanden in den amerikanischen Kolonien recht gegensätzliche Geldexperimente statt. Der Grund für diese Experimente lag in der notorischen Knappheit von Edelmetallen in den Kolonien, insbesondere von Gold. Wie ging die Obrigkeit in den Kolonien mit diesem Problem um?

Ellen Brown: Sie gaben ihre eigenen allgemeinen Währungen aus in Form von „Berechtigungsscheinen“ (engl.: Scrip) aus Papier.

Eine prominente Figur bei all dem war Benjamin Franklin, der als „Vater des Papiergeldes” bezeichnet wird. Welche Idee stand hinter seiner Erfindung und warum stellte sie sich als recht erfolgreich heraus?

Ellen Brown: Er hat es nicht wirklich erfunden – er hat nur darüber geschrieben –, aber er war sehr enthusiastisch in Bezug auf das neue öffentliche Papiergeld und machte die Idee weithin bekannt. Die Innovation bestand darin, dass Geld von der Regierung kommt und im Grunde genommen eine Quittung für Güter oder Dienstleistungen darstellt, die man der Regierung gegenüber erbracht hat. Die Regierung gab Berechtigungsscheine entsprechend den Bedürfnissen des Handels aus. In Franklins Kolonie Pennsylvania gab die Regierung nicht nur Geld aus, sondern verlieh es auch durch seine regierungseigene Bank an die Wirtschaft. Da das Geld zur Regierung zurückkehrte, von wo es wieder in die Wirtschaft zurückfließen konnte, wurde als Ergebnis die Inflation verhindert, die in anderen Kolonien auftrat, in denen man neues Geld einfach druckte und ausgab, druckte und ausgab.

Der Erfolg des Colonial Scrip und die Reaktion darauf aus Großbritannien waren „ein Meilenstein“ der Amerikanischen Revolution. Darf ich fragen, warum das so war?

Ellen Brown: Das hat Thomas Paine so formuliert, weil die Revolution mit diesem neuen Papiergeld im Grunde finanziert – und gewonnen – wurde. Es war eine Weltpremiere: Ein Krieg gegen eine Großmacht wurde mit Schuldscheinen gewonnen. Das Recht, eigene Papier-„Scrips“ auszugeben, war auch ein wesentlicher Grund für den Krieg, nachdem King George die weitere Ausgabe von Colonial Scrip verboten hatte.

Nach dem Erfolg der Amerikanischen Revolution wurde 1791 die First Bank of the United States etabliert. Die einflussreichste Gestalt hinter dieser Gründung war Alexander Hamilton. Sein Hauptgegner war Thomas Jefferson. Worin lag der Unterschied zwischen ihren Standpunkten und warum hat sich Hamilton letztendlich gegenüber Jefferson durchgesetzt?

Ellen Brown: Hamilton, der erste Finanzminister der USA, sah sich gewaltigen Kriegsschulden gegenüber und hatte kein Geld, sie zu bezahlen, nachdem der Wert des Continental (der Paper Scrip der Übergangsregierung) zusammengebrochen war. Die Ursache hatte größtenteils in der massiven Geldfälschung der Briten gelegen, aber der neue Kongress war Papiergeld gegenüber so misstrauisch geworden, dass er das Recht zur Ausgabe nicht in der Verfassung regelte. Hamilton griff daher auf den Trick zurück, der in England angewandt wurde: eine in Privatbesitz befindliche Zentralbank, die ihre eigenen Banknoten verlieh. [21]

Diese Banknoten waren angeblich durch Gold gedeckt, aber dem Mindestreservesystem gemäß wurde ein Vielfaches dessen verliehen, was die Banken an Gold in ihren Tresorräumen hatten. Dieser Trick erlaubte es der Regierung, ihre Schulden loszuwerden und die Wirtschaft aufblühen zu lassen, aber das Ergebnis war das System privater Geldschöpfung durch Schulden, das wir heute haben. Jefferson sah die potentiellen Probleme und warnte vor ihnen, aber es war zu spät. Er war daran beteiligt zu verhindern, dass die Charta der First U.S. Bank erneuert wurde, aber Nathan Rothschild antwortete (angeblich), indem er den Krieg von 1812 herbeiführte und so Präsident Madison dazu zwang, der Second Bank of the United States die Charta zu erteilen.

Ein anderes wichtiges Thema in Ihrem Buch ist die Art und Weise, wie Abraham Lincoln während des Bürgerkrieges 1862-65 die Truppen der Union finanzierte. Können Sie die wesentlichen Elemente dessen beschreiben, was er tat, warum er es tat und wie letztendlich die Reaktion aussah, die er daraufhin aus England erhielt?

Ellen Brown: Er gab, nach dem Vorbild der amerikanischen Kolonisten, „Greenbacks” genannte Scrips aus. Dadurch vermied er es, sich bei den Banken hoch zu verschulden und es gelang ihm, den Krieg zu gewinnen. Es gibt allerdings Grund zu der Annahme, dass die Greenback-Lösung maßgeblich zu seiner Ermordung beigetragen hat.

Damit betreten wir das Gilded Age, das von Autor Jack Beatty nicht ohne Grund auch als das „Zeitalter des Verrats” bezeichnet wird. [22] Das war eine Ära, die von den „Räuberbaronen” wie den Rockefellers, den Carnegies, den Vanderbilts, den Morgans und den Harrimans beherrscht wurde. Diese Familien gewannen großen Einfluss. Warum sind sowohl das “Gilded Age” als auch die „Räuberbarone” heute noch immer wichtig, obwohl seitdem so viele Jahre vergangen sind?

Ellen Brown: Die Räuberbarone sind immer noch da, und sie üben jetzt viel mehr Einfluss auf die Regierung aus. Die beiden führenden Räuberbarone des Gilded Age waren J.P. Morgan und John D. Rockefeller. Ihre Banken sind jetzt vereint in den Bankengiganten JP Morgan Chase und Citibank. Zusammen mit Goldman Sachs und verschiedenen anderen bestimmen diese Banken heute im Kongress, wo es langgeht.

Wie Sie gerade gesagt haben, war einer der mächtigsten Männer unter all diesen Räuberbaronen John D. Rockefeller, der Gründer von Standard Oil , das als Unternehmen selbst so einflussreich wurde, dass es 1914 „im Congressional Record als ,die Schattenregierung’ bezeichnet wurde.” [23] Was waren die Hauptfaktoren dafür, dass Rockefeller so einflussreich werden konnte? Und ferner, ist der Einfluss der Familie Rockefeller jemals geschwunden?

Ellen Brown: Rockefellers Banken-/Öl-/Pharmakartell hat kleinere Konkurrenten gefressen und die Medien aufgekauft. John D. Rockefeller war an der Gründung des Council on Foreign Relations (CFR) und anderer heimlichtuerischer globalistischer Institutionen beteiligt, von denen man annimmt, dass sie heute international hinter den Kulissen die Fäden ziehen.

Über den Council on Foreign Relations wird späterhin noch zu sprechen sein. Bleiben wir vorerst beim Ausgangspunkt der Betrachtung, dem Streit ums Geld als rotem Faden der US-Geschichte. Zu diesem Sachverhalt befragte ich neben Ellen Brown auch den deutsch-amerikanischen Historiker und Wirtschaftsforscher F. William Engdahl.

Würden Sie als Historiker sagen, dass es eine übertriebene Aussage wäre zu sagen, dass die gesamte Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika bis zum Jahr 1913 die Geschichte des Kampfes einer Republik gegen eine Zentralbank ist, die sich hochkonzentriert in den Händen von ein paar Männern befindet?

F. William Engdahl: Ich denke, das ist eine sehr interessante Möglichkeit, um diese Geschichte zu betrachten. Es gab die Gründung der ersten Bank der Vereinigten Staaten unter Alexander Hamilton, dem ersten Finanzminister. Viele, auch amerikanische Historiker, haben den Eindruck, dies sei eine nationale Bank gewesen, die der US-Regierung gehörte. Keineswegs war diese Bank-Mehrheit im Besitz der US-Regierung. Ein Minderheiten-Anteil der Aktien wurde durch die US-Regierung gehalten, aber die Hauptaktionäre waren private Banken-Interessen. Interessanterweise wurde einer der größten Aktienblöcke der Bank der Vereinigten Staaten durch das Haus Rothschild in London gehalten. Das, was die Briten während des Unabhängigkeitskrieges nach 1776 verloren, versuchten sie also durch die Hintertür durch den Besitz der Bank, die die US-Staatsverschuldung verwaltete, wieder zu erlangen. Die Charta dieser Bank wurde nicht erneuert, es gab erbitterte Kämpfe in der Geschichte darüber. Es wurde einige Jahre später eine zweite Bank der Vereinigten Staaten geschaffen und Andrew Jackson war als Präsident ein erbitterter Feind der Idee, dass die Schulden der Vereinigten Staaten von einem privaten Unternehmen gehandhabt werden sollten.

Und dann während des Bürgerkriegs gab Lincoln Greenbacks heraus. Das war eine Form von Papiergeld in einer Notsituation, aber was es bewerkstelligte, wenigstens teilweise, war, dass es die Kontrolle über die US-Schulden vorübergehend aus den Händen der Londoner und New Yorker Banken nahm. Das missfiel London in einem außergewöhnlichen Maß. Interessanterweise deuten die Hinweise, die über die Ermordung von Lincoln am Ende des Bürgerkrieges auftauchten, alle auf die Hand des Hauses Rothschild und der London City Banker, die durch Judah Benjamin, einem führenden Beamten der Konföderierten, den ganzen Mordanschlag von John Wilkes Booth auf Lincoln finanzierten. Judah Benjamin verschwand aus den Vereinigten Staaten nach dem Attentat und verbrachte den Rest seiner Jahre in England. Man kann also Rückschlüsse ziehen, wer ein Interesse an der Beseitigung von Lincoln hatte, obwohl wir es natürlich niemals endgültig wissen werden.

Die andere Sache war der Krieg von 1812. Ein sehr bizarrer Krieg, wenn man sich die amerikanische Geschichte anschaut. Die Briten begannen ihn mit ihren Schiffen vor der Küste von Washington und New Orleans. Sie fingen an, Washington zu bombardieren und erklärten den Krieg, und dann versuchten sie sich von Kanada aus nach unten zu bewegen. Und das war offenbar ein Racheakt der Londoner Banken für die Tatsache, dass der US-Präsident die Charta der Ersten Bank der Vereinigten Staaten auslaufen ließ und nicht erneuerte. Von daher hat viel von der Geschichte der Vereinigten Staaten bis 1913 mit diesem Kampf zu tun.

Auch die ganze Frage von Silber gegenüber Gold. Gold war etwas, das im Interesse des Hauses Morgan in New York und sicherlich der Londoner Banken lag, weil sie das Herz des Goldstandards der damaligen Zeit bildeten. Wenn also die Vereinigten Staaten auf einem Silberstandard oder auch nur einen zweigeteilten Metall-Standard gegangen wären, würde das erheblich die Macht der JP Morgan, Rothschild und deren Freunde in London, Barrings und andere, verringert haben. Sie kämpften erbittert gegen William Jennings Bryant, ein Mann, der für die Rede: „Du sollst nicht die Menschheit an einem Kreuz aus Gold kreuzigen”, berühmt wurde. [24] Aber sie besiegten die Silber-Fraktion im Wesentlichen durch allerlei Korruption und Manipulation und so weiter im Kongress. Sehr viel der amerikanischen Geschichte hat also mit diesen Kämpfen zu tun, ja. [25]


Das periodische Problem mit dem Geld

Woodrow Wilson sworn in March 4, 1913

Woodrow Wilson sworn in March 4, 1913

Beschäftigen wir uns mit diesen Erörterungen im Gepäck weiter mit dem Federal Reserve Act von 1913, bei dem die Interessen der Herren John D. Rockefeller und J.P. Morgan maßgeblich am Spiel beteiligt waren. Hierbei ist es unerlässlich, sich zumindest kurz mit folgender Gegebenheit auseinanderzusetzen: Nach den jeweils staatlich veranlassten Auflösungen der First Bank of America (1811 unter Präsident James Madison) und der Second Bank of America (1836 unter Präsident Andrew Jackson), kam es durch das ganze weitere 19. Jahrhundert sowie dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts hindurch immer wieder zu periodisch auftauchenden Krisen des US-amerikanischen Finanzsystems. Lassen wir uns diese „Ewige Wiederkunft des Gleichen“ von US-Historiker Howard Zinn erläutern, indem wir im Jahre 1873 einsetzen:

„1873 richtete eine weitere Wirtschaftskrise die Nation zugrunde. Es war die Schließung des Bankhauses Jay Cooke – jenes Bankers, der während des Krieges allein in einem Jahr 43 Millionen durch Kommissionen für den Vertrieb von Staatsanleihen verdient hatte –, die die Panikwelle los trat. Während Präsident Grant am 18. September 1873 in Cookes Haus in Philadelphia schlief, ritt der Banker in die Stadt, um seine Bank zu schließen. Die Menschen konnten nun ihre Hypotheken nicht bezahlen: fünftausend Unternehmen wurden geschlossen und setzten ihre Angestellten auf die Straße.

Es ging um mehr als Jay Cooke. Die Krise lag begründet in einem System, das seiner Natur nach chaotisch war und in dem nur die Reichen sicher waren. Es war ein System periodischer Krisen – 1837, 1857, 1873 (und später: 1893, 1907, 1919, 1929) –, das kleine Unternehmen hinwegfegte und der arbeitenden Bevölkerung Hunger, Kälte und Tod brachte, während die Vermögen der Astors, Vanderbilts, Rockefellers, Morgans in Krieg und Frieden, Krise und Aufschwung immer weiter anschwollen. Während der Krise von 1873 eroberte Carnegie den Stahlmarkt, Rockefeller beseitigte seine Konkurrenten im Ölgeschäft.“ [26]

Über all die Jahre hinweg, die Zinn erwähnt, kam es zu einem extremen Transfer der Vermögenswerte von unten nach oben, von Arm auf Reich – ganz besonders aber im so genannten „Gilded Age“, dem „Goldenen Zeitalter“ (circa 1875 – 1914), jener Ära der skrupellosen Unternehmer und Kreditgeber also, die als die „Räuberbarone“ in die Geschichte eingingen. Riesige Monopole entstanden im Stahl-, Eisenbahn, Öl- und Finanzsektor, die nach und nach miteinander verwoben wurden, um auf diese Weise nur noch mehr Gewinne einzufahren. Den Absprachen und Manipulationen waren Tür und Tor geöffnet.

Deshalb könnte es, bei allen Vorbehalten, im Hinblick auf die Krisen, die ewig wiederkehrten, um jeweils die „Räuberbarone“ obenauf zu finden, eine Überlegung wert sein, ob diese Krisen von betreffender Seite nicht gewollt waren oder doch zumindest ausgenutzt wurden. Bisweilen mag es ja vorkommen, dass eine Gruppe von Menschen zueinander findet, die ein Ziel vereint, welches von einer anderen Gruppe – nehmen wir als Beispiel eine Gesamtbevölkerung – nicht mitgetragen wird, sondern Ablehnung erfährt. Gleichwohl möchte die Gruppe 1 ihr Ziel partout erreichen. Da bietet es sich an, eine künstliche Krise zu schaffen, sodass die Gruppe 2 in echter Panik reagiert. Daran anschließend wird für die fingierte Krisensituation ein Lösungsmittel von Gruppe 1 präsentiert, das dem Ziel entspricht, welches sie von vornherein in die Tat umgesetzt sehen mochte. Gruppe 2 mag sich eine Zeit lang gegen den Ansatz, der ihm aufgezeigt wird, wehren; kehrt die künstlich erzeugte Krise allerdings immer und immer wieder zurück, könnte allmählich die Grundlage dafür geschaffen werden, dass die „Werbebotschaft“, die von Gruppe 1 (dem Sender) an Gruppe 2 (dem Empfänger) ergeht, irgendwann verfängt. Hat Gruppe 1 zum Beispiel die Massenmedien im Rücken, die die Meinungsbildung von Gruppe 2 prägen, so stehen die Chancen recht gut, dass eben dies auf Dauer gelingt.

Angewandt auf das Problem mit dem Geld könnte die Geschichte so gedeutet werden, dass die großen Unternehmer und Kreditgeber, die untereinander Geschäftsallianzen eingingen und sich gegenseitig bevorteilten, dem langfristigen Ziel nachgingen, eine Zentralbank zu kreieren, die zu wesentlichen Teilen ihnen gehören sollte. Jedenfalls existierte keine Zentralbank in den USA, die das Geldmonopol innehatte, und die Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung lehnte es über die Jahrzehnte ab, sich mit der Etablierung einer solch machtvollen Institution einverstanden zu geben. Angesichts der stetig wiederkehrenden Bankenkrisen wurde ihr jedoch in ebenso stetig wiederkehrender Weise die Idee nahe gebracht, dass eine Zentralbank in der Lage wäre, solchen Krisen vorzubeugen, indem sie, einmal geschaffen, den privaten Geschäftsbanken als Kreditgeber in einem elastischeren Kreditsystem beispringen könnte, um sie vor der Zahlungsunfähigkeit zu bewahren.

Stellvertretend seien hierfür die Einschätzungen von zwei in Amerika tätigen Bankern wiedergegeben, die ursprünglich aus Deutschland stammten. Da war zum einen Paul Moritz Warburg vom Bankhaus Kuhn, Loeb & Co., der vor der New Yorker Handelskammer 1906 warnte:

„Ich möchte keine Kassandra sein, aber denken Sie an meine Worte: Wenn sich die Dinge nicht bald ändern, wird über dies Land eine Börsenpanik hereinbrechen, gegen die sich alle früheren als harmlos ausnehmen werden.“ [27]

Und da war zum anderen Jacob H. Schiff, ein in Frankfurt am Main geborener Banker, der Kuhn, Loeb & Co. leitete (und mit Paul Warburg familiär verbandelt war). Vor der Handelskammer in New York warb er zu Beginn des gleichen Jahres zur Vermeidung einer Finanzkrise für eine „elastische Währung“ und ein demgemäß zurechtgeschnittenes Bankensystem, womit er einen Plan anklingen ließ, von dem ihm Paul Warburg erstmals 1903 erzählt hatte. Alsbald wurde von James Stillman und Frank A. Vanderlip, die beide bei der National City Bank of New York arbeiteten, eine Kommission der New Yorker Handelskammer gebildet, die Vorschläge im Sinne von Schiff (und damit von Paul Warburg) erarbeiten und vorlegen sollte.

Der Kommissionsbericht wurde der New Yorker Handelskammer im Oktober 1906 übergeben. Murray N. Rothbard schreibt darüber in seiner Abhandlung zu den Ursprüngen der Federal Reserve:

„Um Instabilitäten und die Gefahren einer unelastischen Währung zu beseitigen, forderte die Kommission die Schaffung einer ,zentralen Notenbank unter der Kontrolle der Regierung.‘ Im Einklang mit anderen Bank-Reformern wie Professor Abram Piatt Andrew von der Harvard-Universität, Thomas Nixon Carver von Harvard, und Albert Strauss, Partner von JP Morgan and Company, verhöhnte die Kommission den Versuch von Finanzminister Shaw, das Treasury als Zentralbank zu verwenden. Shaw war insbesondere angewidert, da er immer noch darauf insistierte, … dass das Schatzamt unter seiner Ägide eine ,großartige Zentralbank‘ gebildet habe. Die Kommission verurteilte das Treasury zusammen mit den anderen Reformern für die Überinflationierung, indem es die Zinsen zu niedrig hielt; eine Zentralbank hingegen hätte viel größeres Kapital und unbestrittene Kontrolle über den Geldmarkt, und wäre so in der Lage, den Diskontsatz effektiv zu manipulieren, um die Wirtschaft unter angemessener Kontrolle zu halten. Der wichtige Punkt, erklärte der Ausschuss, ist der, dass es eine ,Zentralisierung der finanziellen Verantwortung‘ gäbe. … Nach der Erstellung und Veröffentlichung dieses ,Währungsreports‘, verwendeten die Reformer den Bericht als Hebel für den Ausbau der Agitation für eine Zentralbank und weitere Notenausgabebefugnisse für andere Unternehmen und Finanzinstitute.” [28]

Wenig später sagte Jacob Schiff Anfang 1907 abermals vor der Handelskammer in New York:

„Wenn wir über keine Zentralbank mit adäquater Kontrolle über die Kreditquellen verfügen, wird dieses Land die schwerste und weitreichendste Geldpanik in seiner Geschichte erleben.“ [29]

So geschah es denn auch im Zuge der großen Bankenpanik, die im Oktober 1907 die USA erfasste. Wobei diese „selbstverschuldete, unnötige Panik“ mutmaßlich auf eine Manipulation zurückging, die von J. P. Morgan gesteuert gewesen scheint. [30] Zumindest, soviel ist gesichert, waren Morgan und die anderen miteinander verbundenen „Big Money Boys“ am Ende allemal die Profiteure des Ganzen.

The headquarters of the Knickerbocker Trust Company, by McKim, Mead, and White (photographed in 1905; the facade is now entirely transformed).

The headquarters of the Knickerbocker Trust Company, by McKim, Mead, and White (photographed in 1905; the facade is now entirely transformed).

Der fragliche Vorgang war kurz gefasst dieser: Nachdem ein äußerst waghalsiges, von der Vermögensverwaltungsgesellschaft Knickerbocker Trust Company mitfinanziertes Spekulationsgeschäft gescheitert war, bei dem die United Copper Company im Mittelpunkt stand, kamen Gerüchte auf, denen zufolge die in New York City beheimatete Knickerbocker Trust Company kurz vor dem Zusammenbruch stünde. Die alarmierten Anleger, die die Gerüchte für „bare Münze“ nahmen, eilten zu Tausenden zur Knickerbocker-Zentrale, um die Auszahlung ihrer Guthaben zu erwirken. Diesen Kundenwünschen konnte jedoch nicht in dem verlangten Umfang entsprochen werden, was bedeutete, dass Knickerbocker schließen musste. Aufgrund der vielfachen Geschäftsverbindungen, die unter den New Yorker Banken und anderen Vermögensverwaltungsgesellschaften bestanden, begann sich erhöhte Panikstimmung breit zu machen, die nicht zuletzt von der New York Times angeheizt wurde, indem jene verbreitete, dass auch die Trust Company of America dem Untergang geweiht wäre.

Der Ansturm auf die Banken in New York wuchs mit jeden Tag und weitere Finanzinstitute mussten dichtmachen, da die Kontoguthaben nicht durch entsprechende Reserven gedeckt waren. Alsbald gerieten immer mehr Menschen in Angstzustände, Aktieninhaber stießen durch „Cash Calls“ ihre Anteile zur Geldbeschaffung ab, die New Yorker Börse verzeichnete extremste, bis dahin nie gesehene Einbußen, die Großbanken kündigten langfristig vergebene Kredite gegenüber kleineren Banken auf, die daraufhin erst recht der Reihe weg zusammenbrachen. In der Folge zog eine Pleitewelle durchs ganze Land, die die Realwirtschaft zum Erliegen brachte. Das Krisenmanagement übernahmen unterdessen insbesondere J. P. Morgan und Benjamin Strong, der damalige Vorsitzende der Bankers Trust Company (und später der erste Vorstandsvorsitzende der New Yorker Federal Reserve). Ihnen und ihren Partnern wird bis heute zugute geschrieben, die Panik mit ihren Gegenmaßnahmen gestoppt zu haben. So dankte Präsident Theodore Roosevelt im Anschluss „jenen konservativen und gehaltvollen Geschäftsmännern, die in der Krise mit Weisheit und Gemeinsinn gehandelt haben.“ [31]

Der Historiker Frederick Lewis Allen kam später zu anders gelagerten Schlüssen, was die Rolle J. P. Morgans bei der Bankenpanik betraf. Im „Life-Magazine“ vom 25. April 1949 schrieb Allen über Morgans Teilhabe „an der Verbreitung von Gerüchten über die Insolvenz der Knickerbocker Bank und der Trust Company of America, die die Panik von 1907 auslösten. Als Antwort auf die Frage: ,Hat Morgan die Panik verursacht?’, berichtet Allen:

,Oakleigh Thorne, der Präsident dieses speziellen Unternehmens des Trusts, sagte später vor einem Kongressausschuss aus, seine Bank sei nur mäßig von Abhebungen betroffen gewesen…habe nicht um Hilfe ersucht und es sei allein die Äußerung (Morgans) über den ,wunden Punkt’ gewesen, die den Run auf seine Bank ausgelöst habe. Aufgrund dieser Aussage, der Disziplinarmaßnahmen, die vom Clearinghouse gegen die Heinze-, Morse- und Thomas-Banken verhängt wurden und anderer angeblich einschlägiger Beweissplitter, sind gewisse Chronisten zu der raffinierten Schlussfolgerung gelangt, dass Morgans Interessen die ungewissen Verhältnisse im Herbst 1907 dazu ausnutzten, die Panik herbeizuführen und ihren Verlauf in geschickter Weise zu lenken, sodass sie rivalisierende Banken vernichtete und die Vormachtstellung der Banken aus Morgans Dunstkreis festigte.’

Die ,Panik’, die Morgan geschaffen hatte, beendete er anschließend beinahe im Alleingang. Er hatte seine Botschaft überbracht, erklärt Frederick Allen:

,Die Lehre aus der Panik von 1907 war klar, obwohl es noch weitere sechs Jahre dauerte, bis sie ihren Niederschlag im Gesetz fand: die Vereinigten Staaten benötigten dringend ein Zentralbankensystem…’“ [32]

Auf die Frage, wer von der Bankenpanik 1907 Nutzen zog, gab mir die Finanzjournalistin Nomi Prins, die den Sachverhalt in ihrem Buch All the Presidents‘ Bankers behandelt, diese Antwort:

Nomi Prins: Der wahre Nutznießer der Panik von 1907 war natürlich J.P. Morgan, der die Morgan Bank zu der Zeit leitete und der Schlüssel-Beeinflusser und Wirtschafts-Vertraute von Präsident Teddy Roosevelt war, der ihm die durch das Weiße Haus und das Finanzministerium gedeckte Macht und Entscheidungsfähigkeit gab, um zu entscheiden, welche Banken bei der Bankenpanik von 1907 leben und welche Banken sterben würden; und das war, was Morgan tat.

Er entschied sich, die Banken zu unterstützen, die mit ihm in irgendeiner Weise verbunden waren, ob sie nun von seinen Freunden oder Kollegen oder Beziehungen geführt wurden oder in denen er nur finanzielle Interessen laufen hatte. Nach der Panik von 1907 waren es wirklich die Morgan-Familie, die Familie Stillman, die die National City Bank führte, die Bakers, die die First National City Bank leiteten (und diese beiden Banken wurden schließlich das, was wir heute als Citigroup kennen, die heutzutage eine der großen sechs Banken ist, wie natürlich auch Morgan noch heute in Form von JP Morgan Chase existiert, eine weitere der sechs großen Banken). Der Nutzen ging wirklich an Morgan und es half ihn zuversichtlich zu machen, dass er das Schiff für die Gründung der Federal Reserve lenken würde, welche DIE Bank für die Großbanken wurde. [33]

Nachdem die Panik abebbte, setzte mit neuem Schwung die „Bearbeitung“ der öffentlichen Meinung mittels der Massenmedien der damaligen Zeit ein, sprich der Zeitungen. Diese befanden sich in erklecklichem Ausmaß unter Kontrolle jener soeben angesprochenen „konservativen und gehaltvollen Geschäftsmänner“. In diesem Zusammenhang ist es statthaft, aus einer Rede von John Swinton, einem ehemaligen Herausgeber der „New York Times“, zu zitieren, um aufzuzeigen, was das für den Inhalt hieß, der in den meisten Zeitungen verbreitet wurde. Swinton sagte „anlässlich seiner Verabschiedung nach einem erfüllten Berufsleben vor vielen geladenen Journalisten“ im Jahre 1880:

„Es gibt zu dieser Zeit in der Weltgeschichte in Amerika keine solche Sache wie eine unabhängige Presse. Sie wissen das, und ich weiß es. Es gibt nicht einen von Ihnen, der es wagt, seine ehrliche Meinung zu schreiben, und wenn Sie es würden, wissen Sie im Voraus, dass sie nie im Druck erscheinen würde. Ich werde wöchentlich dafür bezahlt, meine ehrliche Ansicht aus der Zeitung, mit der ich verbunden bin, herauszuhalten. Andere von Ihnen erhalten ähnliche Vergütungen für ähnliche Dinge, und jeder von Ihnen, der närrisch genug wäre, ehrliche Meinungen zu schreiben, würde sich auf der Straße wieder finden, um sich nach einer anderen Arbeit umzusehen. (…) Wir sind die Werkzeuge und Vasallen reicher Männer hinter der Szene. Wir sind die Hampelmänner, sie ziehen die Fäden, und wir tanzen.“ [34]

Weiters muss in Rechnung gesetzt werden, dass den „Big Money Boys“ nicht nur große Teile der Medienlandschaft gehörten, sondern dass sie auch Universitäten gründeten und finanzierten, das Schul- und Bildungssystem beeinflussten, und auf diesem Wege, als respektable „Philanthropen“ auftretend, zusätzliche Macht über die Meinungsbildung der Bevölkerung erlangten. [35]

Seitens der praktischen Politik wurde am 30. Mai 1908 als Reaktion auf die Panik von 1907 vom US-Kongress der „Aldrich-Vreeland Act“ verabschiedet, mit dem eine Nationale Währungskommission ins Leben gerufen wurde, um die Ursachen der Bankenpanik zu untersuchen und Vorschläge abzuliefern, wie dergleichen zukünftig zu verhindern sei. Vorsitzender dieser Kommission war Nelson Aldrich, Senator aus Rhode Island und Schwiegervater des Sohnes von John D. Rockefeller. Außerdem ermöglichte es der „Aldrich-Vreeland Act“ den nationalen Banken, nationale Währungsvereinigungen zu gründen, um bei dringendem Bedarf Geld drucken zu können.

Ein Portrait von Senator Nelson W. Aldrich

Ein Portrait von Senator Nelson W. Aldrich

Als Vorsitzender der Nationalen Währungskommission führte Aldrich ein Expertenteam an, das in Europa das dortige Zentralbankensystem studierte. Wieder zurückgekehrt, lud Aldrich – auch bekannt als Wall Street Senator, „ein Sprecher des Big Business und der Banken“ [36] – schließlich im Jahre 1910 zu einem bemerkenswerten Treffen nach Jekyll Island an der Küste Georgias. In einem dortigen Anwesen, das teilweise J. P. Morgan gehörte, dem Jekyll Island Club, fand sich im November 1910 bei mildem Sudstaatenklima eine illustre Runde ein, die es auf strengste Geheimhaltung abgesehen hatte:

  • Senator Nelson Aldrich;
  • Abraham P. Andrew (Staatssekretär des US-Finanzministeriums);
  • Paul M. Warburg (Teilhaber von M.M. Warburg & Co., Partner bei Kuhn, Loeb & Co., sowie „ein Repräsentant der Rothschild-Bankendynastie in England und Frankreich“ [37]);
  • Benjamin Strong (Präsident der Bankers Trust Company);
  • Charles D. Norton (Präsident der First National Bank of New York);
  • Frank A. Vanderlip (Repräsentant der National City Bank of New York);
  • Henry P. Davison (Repräsentant der J. P. Morgan Company und Gründer der Bankers Trust Company).

Den geheimen Charakter dieser Zusammenkunft auf Jekyll Island beschrieb Bertie Charles Forbes, der Gründer des „Forbes Magazine“, Jahre später dergestalt:

„Stellen Sie sich eine Gruppe der berühmtesten Banker unserer Nation vor, wie sie sich aus New York im Schutze der Dunkelheit in einem Privat-Waggon davonstehlen, heimlich Hunderte von Meilen Richtung Süden eilen, ein geheimnisvolles Hafenboot besteigen, sich davonstehlen auf eine Insel, die bis auf wenige Diener verlassen war, um dort eine ganze Woche unter solch strenger Geheimhaltung zu leben, dass der Name keines einzigen von ihnen je genannt wurde, damit die Dienerschaft die Identität nicht herausbekommen konnte und der Welt die Geschichte dieser seltsamsten und geheimnisvollsten Expedition in der Geschichte der amerikanischen Finanzwelt zu enthüllen.

Ich fabuliere nicht. Ich berichte der Welt zum ersten Mal die wahre Geschichte, wie der berühmte Wahrungsbericht von Aldrich, die Grundlage unseres neuen Wahrungssystems, geschrieben wurde.“ [38]

Weshalb sahen sich diese gestandenen Männer, die auf Jeckyll Island zusammenkamen, veranlasst, eine derart hohe Geheimhaltung zu wahren? In einem Beitrag, der erst sehr viel später am 9. Februar 1935 in der „Saturday Evening Post“ erschien, gab einer der Beteiligten, Frank A. Vanderlip, diese Antwort:

„Ungeachtet meiner Ansichten über den gesellschaftlichen Wert größerer Öffentlichkeit für die Angelegenheiten von Unternehmen gab es eine Gelegenheit, etwa zum Jahresende 1910, als ich so geheimnisvoll, ja geradezu geheimnistuerisch wie ein Verschwörer handelte…Enthüllung, das wussten wir, durfte nicht geschehen, sonst wären all unsere Zeit und Anstrengung vergeudet. Wäre es öffentlich geworden, das ausgerechnet diese Gruppe von Menschen zusammengekommen war, um ein Bankgesetz zu formulieren, hätte es nicht den Hauch einer Chance gehabt, durch den Kongress zu kommen.“ [39]

Rufen wir uns kurz die schon einmal erwähnte Definition einer „Verschwörung“ ins Gedächtnis zurück: „Eine Verschwörung ist nichts anderes als eine geheime Übereinkunft einer Reihe von Männern zur Verfolgung von Vorhaben, die sie sich in der Öffentlichkeit nicht zuzugeben trauen.”

Voilà!

In der Tat schreibt Ron Chernow, der offizielle Biograph der Familie Warburg, im Zusammenhang mit dem „in aller Abgeschiedenheit“ abgehaltenen Treffen auf Jekyll Island ebenfalls von der Notwendigkeit der Geheimhaltung – die die Teilnehmer auf Jahre wahrten. „Lange bestritten die Verschwörer, dass ein solches Treffen stattgefunden hatte. Noch 1928 schrieb Paul, der sich nach wie vor an das Schweigegelöbnis hielt: ,Obwohl achtzehn Jahre vergangen sind, fühle ich mich nicht berechtigt, eine Beschreibung dieser äußerst interessanten Besprechung zu liefern, denn Senator Aldrich hat allen Teilnehmern strenges Stillschweigen auferlegt.‘“ [40] Ferner weist Chernow darauf hin, dass Jekyll Island ein im November „völlig verlassener Ort“ war, „und daher für heimliche Zusammenkünfte wie geschaffen.“ [41]


Auf dem Weg nach Jeckyll Island

Nach allem, was man über die Geschehnisse auf Jeckyll Island weiß, gingen die Details des Plans, der dort ausgearbeitet wurde, um zunächst den Titel „Aldrich Bill“ zu tragen, auf Paul Warburg zurück, einem Spross der Hamburger Bankiersfamilie Warburg, dessen Bruder Max, der spätere Vorstand der Deutschen Reichsbank, zu jener Zeit Finanzberater des deutschen Kaisers Wilhelm II. war. Paul Warburg war fest integriert in der New Yorker Investmentbank Kuhn, Loeb & Co. und mit dem europäischen Zentralbankensystem bestens vertraut. Insbesondere war er bewandert, was den Aufbau und die Funktionsweise der Deutschen Reichsbank anging. Im Januar 1907 veröffentlichte Warburg zwei Artikel, in denen er sich offen für eine Zentralbank in den USA aussprach. Er hob hervor, „dass eine der wichtigsten Funktionen einer solchen Bank die Verwendungseinschränkung der Bankaktiva zur Expansion der Bankeinlagen sein würde“. [42] Außerdem sollte es der Zentralbank erlaubt sein, Wechselpapiere von den Banken verlangen zu können oder einen Wechselmarkt in den USA zu gründen. „Als die Federal Reserve gegründet wurde, rühmte sich Warburg seiner entscheidenden Rolle beim Überzeugen der Fed, einen Wechselmarkt in den Vereinigten Staaten durch die Vereinbarung zu gründen, alle Wechselpapiere von wenigen großen Banken zu subventionierten Preisen zu kaufen.“ Rothbard meint, dass hierdurch dem Börsencrash von 1929 ein Weg geebnet wurde, und es sei sicherlich kaum rein zufällig gewesen, dass Warburg als Vorstandsvorsitzender der International Acceptance Bank (die 1929 von der Manhattan Company übernommen wurde) und als Direktor der Westinghouse Acceptance Bank sowie als Gründer des American Acceptance Council zum Hauptnutznießer dieser Neu-Regelung wurde. [43]

Doch das stellte 1907 noch alles Zukunftsmusik dar, als Warburg das nächste Mal am 12. November als Advokat einer amerikanischen Zentralbank vor einer größeren Öffentlichkeit in Erscheinung trat, und zwar via eines Beitrags in der „New York Times“, der den Titel „Schwächen unseres Bankenwesens und was dagegen zu tun ist“ trug. [44]

„Anstelle der durch Staatspapiere gestützten Banknoten favorisierte er eine auf Gold und Handelswechsel gegründete elastische Währung, bei der die Geldmenge parallel zum jeweiligen Konjunkturzyklus zu- und abnehmen kann. … Auch die sogenannte Diskontpolitik war in Amerika unbekannt. Banken, die Schuldverschreibungen von Unternehmen annahmen, legten sie ins Portefeuille, statt sie in Form flüssiger Mittel auf den Markt zu bringen. Paul wollte eine Zentralbank schaffen, die Handelswechsel rediskontierte – das heißt, dass sie diese in Notfällen von örtlichen Banken übernahm und ihnen dafür flüssige Mittel zu Verfügung stellte, die sie den Hinterlegern auszahlen konnten.“ [45]

Dadurch, dass die Diskontpolitik später mit dem Federal Reserve Act tatsächlich ermöglicht wurde, wurden die New Yorker Banken in die Lage versetzt, der Konkurrenz in der City of London den Platz Nummer eins in der globalen Finanzwelt ernsthaft streitig zu machen.

Im Dezember 1907 traf Warburg erstmals auf Senator Aldrich, der von seinem Fachwissen, wie die Reichsbank Schatzwechsel ausgab, sehr beeindruckt war. Anfang 1908 begann Warburg sodann eine Vortragsreihe zu halten, die sich dem Thema der zurückliegenden Panik und der Frage, wie sie hätte verhindert werden können, widmete. Wenig später verabschiedete der Kongress im Mai 1908 den „Aldrich-Vreeland Act“, wodurch Warburg „unversehens in die Wirren der amerikanischen Politik (geriet): Die Vorlage verlangte die Einrichtung eines nationalen Währungsausschusses zur Bewertung ausländischer Bankensysteme, der dem Kongress einen Bericht vorlegen sollte und als dessen Vorsitzender Senator Nelson Aldrich in Betracht gezogen wurde. Da dieser aber nicht über die erforderlichen Detailkenntnisse im Bankwesen verfügte, stützte er sich weitgehend auf Pauls Fachwissen.“ [46]

Zusammen mit den anderen Ausschussmitgliedern und Senator Aldrich brach Paul Warburg zu einer Bildungsreise gen Übersee auf, um das europäische Zentralbankensystem zu studieren, deren Exponenten in London, Paris und Berlin allesamt private Institutionen darstellten. Seine Überlegungen, die vom herkömmlichen Aufbau der genannten Zentralbanken abwichen, lauteten: „Obwohl Paul eine starke Zentralbank befürwortete, war ihm klar, dass man deren Vollmachten aufgrund des Drucks der Öffentlichkeit beschneiden musste.“ [47] Daraus leitete sich ab, dass sich Warburg für eine Zentralbank mit Zweigstellen engagierte, „in der Annahme, dass dieser Vorschlag mehr Zustimmung finden werde.“ [48]

Mit der Kommission wollte man ferner erreichen, dass die eher unpopuläre Angelegenheit weitestgehend aus dem politischen Geschehen herausgehalten wurde – wie sich Senator Aldrich ausdrückte: „Meine Vorstellung ist natürlich, dass alles in der stillsten möglichen Weise getan werden soll und ohne jede öffentliche Verlautbarung.“ [49]

Rothbard schreibt, dass die Kommission durch Aldrich von vornherein „als eine Allianz von Rockefeller-, Morgan- und Kuhn, Loeb-Leuten“ geplant wurde. [50]

Sein oberster Berater war denn auch der Gründer der Bankers Trust Company, Henry P. Davison. Zudem reiste James Stillman mit, der Vorsitzende der National City Bank, der engste Kontakte zu Morgan und den Rockefellers unterhielt. Ein weiterer Berater, den Aldrich berief, war der Harvard-Ökonom Abraham Piatt Andrew, der die eigentliche Forschungsarbeit leitete. Überdies stellte Jacob Schiff Empfehlungsschreiben für Paul Warburg und Senator Aldrich aus, um ihnen exklusive Türen in Übersee zu öffnen. [51]

Nach der Bildungsreise, die in zwei Etappen erfolgte, ging die Planung für eine US-Zentralbank im November 1910 mit einer Währungskonferenz in New York City in ein neues Stadium über. Die Mitglieder der Kommission waren Ehrengäste der Veranstaltung, an der „eine große Anzahl von Ökonomen, Währungsanalysten und Repräsentanten der meisten Top-Banken des Landes (teilnahmen).“ Dazu gehörten Frank Vanderlip, Elihu Root, Thomas W. Lamont, Jacob Schiff und J.P. Morgan. „Die formellen Sitzungen der Konferenz wurden um Arbeitspapiere von Kemmerer, Laughlin, Johnson, Bush, Warburg und Conant organisiert, und die allgemeine Atmosphäre war, dass die Banker und Geschäftsleute die generelle Empfehlung der beiwohnenden Gelehrten annahmen.“ [52]

Unmittelbar nach der Konferenz „war es nunmehr Zeit für Aldrich, sich von ein paar der obersten Führungsleute der Finanzelite umfangen in Abgeschiedenheit zu begeben und einen detaillierten Plan auszuarbeiten, um den sich alle Teile der Zentralbankbewegung scharen konnten.“  [53] Rothbard legt nahe, dass es wahrscheinlich Henry P. Davison war, der den Einfall hatte, eine kleine Gruppe von Top-Führungskräften zu einer super-geheimen Konklave einzuberufen, um das Gesetz für eine Zentralbank zu entwerfen. Dass die Wahl für den Ort des Geschehens auf Jekyll Island fiel, war letztlich einer Improvisation geschuldet, wie mir Nomi Prins anhand ihrer Recherchen für das Buch All the Presidents‘ Bankers berichtete:

„Es war die Mitgliedschaft von J.P. Morgan, wie ich in dem Buch beschreibe, die es ihnen erlaubte, sich überhaupt auf Jekyll Island treffen zu können. Dies war ein sehr exklusiver Club zu der Zeit; man musste Mitglied sein. Keine dieser Personen war Mitglied, und J.P. Morgan war nicht bei dem Treffen dabei, das stattfand.

Tatsächlich plante Nelson Aldrich noch nicht einmal, nach Jekyll Island zu gehen oder darum zu bitten; er wollte, dass diese Sitzungen auf seinem Anwesen in Rhode Island stattfinden würden, gewiss immer noch weg von der Öffentlichkeit, aber auch, um auf seinem eigenen Anwesen zu sein, das nördlich von New York und sicherlich nördlich von Georgia lag, was dort ist, wo sich Jekyll Island befindet. Aber er wurde von einem Straßenbahnwagen in Manhattan in New York City getroffen, während er dort zu Besuch war, um mit Morgan und einigen anderen Leuten über diese ganze Idee zu sprechen. Er befand sich noch auf dem Wege der Besserung und war sich nicht sicher, ob er überhaupt hingehen würde, und das war der Zeitpunkt, als J.P. Morgan vorschlug, in dieses Gebiet zu gehen, um dies zu erledigen, und die Einladung gab. Viele Vorkehrungen wurden auf Jekyll Island getroffen, um diese Menschen kommen zu lassen, weil es immer noch November war; es war noch keine Saison. Jekyll Island war im Dezember und Januar in Saison, wenn alle reichen Familien für den Urlaub kommen, und all die reichen Männer reden und all die reichen Damen und Kinder herumhängen und spielen würden.

Aber dieses Treffen geschah wegen J.P. Morgan und auch Nelson Aldrich, dessen Sohn Winthrop Aldrich der Chef der Chase Bank für zwei Jahrzehnte wurde, und dessen Großneffe, David Rockefeller, auch der Chef der Chase für zwei Jahrzehnte wurde, und dessen anderer Großneffe, Nelson Rockefeller, wurde der viermalige Gouverneur von New York. Diese Familienlinie, die in dieser Zeit der Federal Reserve begann, war bis vor kurzem also ebenfalls evident.

Das Interesse der Banker bestand in der Sicherstellung, dass es in einer Paniksituation eine Federal Reserve gäbe, die die Banken absichern würde, so dass es zu keiner größeren Krise käme, und dass sie nicht ihr eigenes Geld einsetzen oder herumschnorren müssten, um herauszufinden, wie man sich selbst oder ihr System rettete. Das war der Anstoß für die Fed – eine konsolidierte Entität zu haben, die in der Lage war, Währung schöpfen zu können, um sie in Panikzeiten zu unterstützen. Und von der amerikanischen Regierungssicht betrachtet, von William Taft, der der Präsident nach Teddy Roosevelt war, und Woodrow Wilson, der Präsident nach ihm – sie beide glaubten, dass eine Federal Reserve erforderlich war – und das ist nicht das, was oft in Geschichte diskutiert wird, aber es ist in meinem Buch –, um die Macht Amerikas im neuen Jahrhundert zu fördern. Diese Idee, eine konkurrenzfähige Zentralbank zu haben, die sich mit den Privatbanken deckte, war etwas, das diesen Präsidenten beider Parteien sehr wichtig war; beide hatten sehr starke persönliche Verbindungen zu den Morgans, zu den Aldrichs und den Rockefellers und zu anderen Familien, die den Geld-Trust zu der Zeit lenkten.“ [54]

Unter dem Stichwort der „Förderung amerikanischer Macht im neuen Jahrhundert“ schreibt Prins in ihrem Buch All the Presidents‘ Bankers:

„Offiziell ist die Federal Reserve als Reaktion auf die Panik von 1907 und früheren gegründet worden. Aber ihre Hauptaufgabe war es, den Rang der Vereinigten Staaten in globalen Finanzaktivitäten im Vergleich zu europäischen Zentralbanken zu erhöhen, und als ein Ergebnis dessen die amerikanische Banker-Dominanz daheim wie in Übersee zu stärken. Sie diente als die doppelte Rolle der Verewigung der Macht des Präsidenten und die der Banker, und als solche, trotz der publizierten Meinungsverschiedenheiten in der Sache, diente sie der Allianz der beiden.“ [55]

Die entscheidende, weil nunmehr konkret werdende Phase auf dem Wege dorthin begann am 22. November 1910, als die Gruppe ihre geheimniskrämerische Reise in Richtung Jekyll Island startete.

Frank Vanderlip, der während der folgenden zehn Tage als Repräsentant der National City Bank of New York dem Geschehen auf Jekyll Island beiwohnte, nannte die Zusammenkunft später „das anregendste geistige Erlebnis seines Lebens“. [56]

Der einzige strittige Punkt, der im Jekyll Island Club zutage trat, war der, dass Aldrich schlicht auf eine „Zentralbank nach europäischem Modell“ erpicht ward, „wohingegen Warburg und die anderen Banker darauf bestanden, dass die Realität der zentralen Steuerung von der politisch schmackhaften Tarnung ,Dezentralisierung‘ verhüllt werden sollte. Es ist amüsant, dass die Banker die politisch Scharfsinnigeren waren, während der Politiker Aldrich auf politische Überlegungen verzichten wollte. Warburg und die Banker siegten, und der endgültige Entwurf war im Grunde der Warburg-Plan mit einer dezentralen Patina, die von Morawetz übernommen wurde.“ [57]


Scharade

Nach dem Treffen auf Jekyll Island hätte Senator Aldrich eigentlich in Washington intern einen Bericht dazu vorlegen sollen; da er aber noch immer nicht ganz genesen war, übernahmen diese Aufgabe stattdessen Frank Vanderlip und Henry Davison. [58]

Der „Aldrich Bill“, der auf dem „abgeschiedenen Schlupfwinkel in Georgia” ausgearbeitet wurde, sah die „Schaffung einer Nationalen Reserve-Vereinigung mit fünfzehn Großregionen” vor, „gelenkt von einem Direktorium aus Geschäftsbankern, aber von der Bundesregierung ermächtigt, wie eine Zentralbank zu agieren, Geld herzustellen und Reserven an Privatbanken zu verleihen.“ [59] Der im Januar 1911 verkündete Gesetzesentwurf, demzufolge das Geldmonopol quasi auf die privaten Bankiers übergehen sollte, um „Wettbewerb zu reduzieren und den Profit zu steigern“, [60] würde letztlich der Unterschrift des US-Präsidenten bedürfen. Es bestanden keinerlei Zweifel daran, die Unterschrift des damaligen US-Präsidenten William Howard Taft zu erhalten. Trotzdem unterstützte man im kommenden Wahlkampf zusätzlich den nach wie vor populären Ex-Präsidenten Theodore „Teddy“ Roosevelt, der als Kandidat der neugegründeten Progressive Bull Moose Party aufgestellt wurde – womit absehbar war, dass dem Republikaner Taft viele Wahlstimmen abgenommen werden würden. Umso wichtiger war es, den Kandidaten der Demokraten auf der eigenen Seite zu wissen. Dies war Woodrow Wilson, ehemals Professor an der Universität Princeton, der die finanzielle Unterstützung unter anderem von Jacob Schiff genoss, dem Kopf von Kuhn, Loeb & Company. [61]

Wilson gewann die Präsidentenwahl von 1912 mit deutlichem Abstand für die Demokraten – welche zudem die Mehrheit im Kongress und im Senat errangen. Manche der neuen Abgeordneten, die in die beiden Häuser der Legislative einzogen, waren von den Vertretern des „Money Trusts“ finanziert und auf ihr Ziel, eine Zentralbank nach der Blaupause des Jeckyll Island-Plans zu etablieren, fest eingeschworen. Was den neuen Präsidenten anging, so wurde Wilson vor allem von Edward Mandell House im Sinne der finanzstarken Interessen, die im Hintergrund wirkten, betreut. „Colonel“ House, ein Morgan-Mann durch und durch, wurde von Wilson schlicht als dessen „Alter-Ego“ bezeichnet. Und um die Öffentlichkeit vollends hinters Licht zu führen, taten manche Banker, die von der Gesetzesvorlage immens profitieren sollten, nach außen hin so, als ob sie rigoros gegen diese eingestellt gewesen wären. [62]

Während des Wahlkampfs, der von ihm vordergründig gegen die Interessen der Großbanken des „Money Trusts“ geführt wurde [63], mied Wilson das Thema einer amerikanischen Zentralbank weitestgehend, um keine Stimmen zu verlieren, setzte sich aber sogleich nach der Wahl dafür ein, dass konkrete Schritte zur Schaffung einer Zentralbank eingeleitet wurden. Diese Aufgabe fiel insbesondere dem demokratischen Kongressabgeordneten Carter Glass zu, der Paul Warburg zunehmend in den Hintergrund drängte. Zuvor war der Aldrich-Plan im Januar 1912 zur Abstimmung im Parlament vorgelegt worden und prompt durchgefallen. Also ließ man den Namen des Republikaners Aldrich im Titel des Gesetzentwurfes fallen und verkaufte ihn fortan als Anliegen der Demokraten.

„Die Einzelheiten der Spaltungen und Manöver im Bankenreformlager während 1912 und 1913, die die Historiker lange faszinierten, sind im Grunde trivial gegenüber der grundlegenden Geschichte. Sie drehten sich größtenteils um die erfolgreichen Bemühungen von Laughlin, Willis und den Demokraten, den Namen Aldrich über Bord zu werfen. Darüber hinaus hätten die Banker bevorzugt, dass der Vorstand der Federal Reserve von den Bankern selbst ernannt worden wäre, aber den meisten Reformern war klar, dass dies politisch nicht schmackhaft gewesen wäre.“ [64]

Im Dezember 1913, kurz vor Weihnachten, wurde der „Aldrich Bill“, der nunmehr „Currency Bill“ beziehungsweise „Glass-Owen Bill“ hieß, um weniger offensichtlich mit den „Big Money Boys“ in Verbindung gebracht werden zu können, dem Kongress zur Abstimmung vorgelegt. [65] Inhaltlich hatte es leichte Abänderungen gegeben – „kosmetische Änderungen“ [66] –, wie jene, wonach nunmehr dem Präsidenten und dem Kongress das Recht zustand, die Vertreter des Federal Reserve Board zu bestimmen. Gleichwohl würde dieses oberste Komitee mit den zwölf regionalen Banken des Federal Reserve Systems „hinter verschlossenen Türen arbeiten … ohne Aufsicht oder Kontrolle durch den Kongress“ [67] – was auf eine hohe politische Unabhängigkeit von allen staatlichen Institutionen hinauslief. Zumal die zwölf Regionalbanken des Federal Reserve Systems, von der die New Yorker Fed im sogenannten „Empire State“ die Mächtigste sein sollte, jenen Privatbanken anteilig gehören würden, deren Top-Vertreter drei Jahre zuvor insgeheim auf Jeckyll Island wegbereitend zusammengekommen waren. Wie der Rechtsanwalt Alfred Crozier hinsichtlich eines wesentlichen Statuts aus der Gesetzespräambel, nämlich dem Auftrag „eine elastische Währung bereitzustellen“, vor dem Banken- und Währungsausschuss des US-Senats aussagte:

„Die imperiale Macht der Elastizität der öffentlichen Währung wird ausschließlich von jenen zentralen Konzernen ausgeübt, denen die Banken gehören. Es ist eine Macht über Leben und Tod aller lokalen Banken und aller Unternehmen. Sie kann benutzt werden, um Wohlstand zu schaffen oder zu zerstören, um Verknappungen und Paniken zu verhindern oder herbeizuführen. Durch künstlich hervorgerufene Verknappung des Geldes können die Zinssätze beliebig angehoben und die Banksteuer auf jegliche Art von Geschäften und die Lebenshaltungskosten erhöht werden, zum Profit jener Banken, denen diese regionalen Zentralbanken gehören und ohne den geringsten Nutzen für das Volk. Diese zwölf Unternehmen decken zusammen das gesamte Land ab und bilden ein Monopol, und benutzen jeden einzelnen Dollar der allgemeinen Währung und die gesamten Staatseinnahmen der Vereinigten Staaten für ihren privaten Gewinn. Nicht ein Dollar kann ohne die Zustimmung dieser zwölf privaten Geldtrusts von der Regierung im Volk in Umlauf gebracht werden und das nur zu ihren Bedingungen.“ [68]

Edward M. House 1915

Edward M. House 1915

Der Gesetzentwurf zur Schaffung einer Zentralbank der USA erhielt am 19. und 22. Dezember 1913, als sich einige Abgeordnete wegen der bevorstehenden Weihnachtstage schon außerhalb Washingtons befanden, die erforderlichen Mehrheiten im Repräsentantenhaus und Senat, um anschließend von Präsident Wilson am 23. Dezember unterzeichnet zu werden. Damit war das Bundesgesetz für eine US-Zentralbank verabschiedet, und „fünf Jahre der Planungen, Korrekturen und Kompromisse unter diversen Politikern und interessierten Bankengruppen unter der Führung der großen Interessengruppen der Finanz, darunter die Morgans, Rockefellers und die Kuhn, Loebs, zusammen mit ihren Ökonomen und Technikern“, fanden ein erfolgreiches Ende. [69] Die Ironie hinter alledem unterstreicht der Fed-Historiker William Greider, denn „die Fed könnte in Wirklichkeit die finanzielle Macht genau der Banker bewahrt haben, von denen die Öffentlichkeit dachte, dass sie endlich unter Kontrolle gebracht worden seien.“ [70]

Nachdem das Gesetz von Wilson unterzeichnet worden und damit in Kraft getreten war, erreichte Edward Mandell House, das „Alter-Ego” des Präsidenten im Weißen Haus, am gleichen Tag ein in New York City abgeschicktes Dankesschreiben aus der Feder von Jacob Schiff:

Mein lieber Colonel House,

ich möchte mich bei Ihnen bedanken für die stille, aber zweifellos effektive Arbeit, die Sie im Interesse der Währungsgesetzgebung geleistet haben, und Sie dazu beglückwünschen, dass die Maßnahme schließlich gesetzlich verankert wurde. Wir alle wissen, dass eine rundum perfekte Gesetzesvorlage ein Ding der Unmöglichkeit gewesen wäre, und ich bin mir ziemlich sicher, dass redliche Männer zugeben werden, dass wir wahrscheinlich gar keine entsprechende Gesetzgebung gehabt hätten, wenn der Präsident in seiner Haltung nicht so fest geblieben wäre. Das Gesetz ist in vieler Hinsicht gelungen, jedenfalls für den Anfang, die Erfahrung wird uns zeigen, inwiefern es noch verbesserungswürdig ist, so dass wir es zu gegebener Zeit noch perfektionieren können. Jedenfalls haben Sie allen Grund, mit dem Erreichten zufrieden zu sein. Ich denke, dieses Gefühl wird Ihre Ferienlaune heben und verbleibe mit den besten Wünschen.

Hochachtungsvoll,
Ihr Jacob W. Schiff [71]

Zitiert in Charles Seymour: “The Intimate Papers of Colonel House – Behind the Political Curtain 1912-1915“, Houghton Mifflin Company, Boston/New York, 1926, Seite 174. (JPG-Kopien hier, hier und hier. Wie Sie ersehen können, steht dort “Jacob W. Schiff“ – was wohl ein Fehler des Herausgebers ist, denn korrekt wäre “Jacob H. Schiff“, wobei das “H“ für “Heinrich“ bzw. “Henry“ steht.)

Indem die Banker ein ihnen genehmes, noch ausbau- und gestaltungsfähiges Gesetz erhielten, das ihnen nicht zuletzt erlaubte, nunmehr Zweigstellen in Übersee zu eröffnen, [72] endete zugleich strenggenommen auch die Verschwörung – ganz in diesem Sinne: „Wenn man die Spielregeln selbst bestimmt hat, braucht man keine Verschwörung mehr.“ [73]

Jene Spielregeln sehen vor, dass die Federal Reserve seither in den Genuss von „Privilegien wie keine andere Behörde in Washington“ kam: „(S)ie erhöhte selbst ihre Einkünfte, bestimmte selbst ihr Budget und legte nichts davon dem Kongress vor”, während die obersten „sieben Gouverneure sich die Macht mit den Präsidenten der zwölf Reservebanken teilten, wovon jede die Privatbanken in ihrer Region bediente”, und „die Handelsbanken Anteile an jeder der zwölf Federal Reserve Banken hielten.“ [74]

Heißt das nun, dass es sich beim Federal Reserve System um eine Institution handelt, die sich in Privatbesitz befindet? Die Antwort muss in gewisser Weise „Jein“ lauten. „In Wirklichkeit ist die Federal Reserve weder ein Arm der Regierung noch privatwirtschaftlich organisiert. Sie ist ein Hybrid. Sie ist ein Zusammenschluss großer Geschäftsbanken, dem vom Kongress besondere Privilegien gewährt wurde. Eine genauere Beschreibung könnte lauten, sie ist ein von Bundesgesetzen geschütztes Kartell.“ [75]

Anders formuliert: Gewiss befindet sich eine Fed-Regionalbank wie die Federal Reserve von New York in privaten Händen (wiewohl sich die Experten darüber bis zum heutigen Tage streiten, ob es sich bei ihnen auch tatsächlich um Privatbanken handelt); anders sieht es aber mit dem Federal Reserve System selber aus. Dieses „System” liegt mitnichten in privaten Händen, sondern stellt eine – im deutschen Sprachgebrauch ausgedrückt – öffentlich-rechtliche Anstalt dar, die in vielfältigen Streben in das System der Verfassung eingebaut ist und letzten Endes Macht und Legitimität aus Artikel 1, Sektion 8 der US-Verfassung bezieht. Das Federal Reserve System ist auch nicht wirklich durch und durch unabhängig; zum einen ist es die Bank des U.S. Treasury, zum anderen unterliegt es der nominalen Aufsicht des Kongresses. Andererseits ist zu unterstreichen: die monetäre Politik, zu der sich die Federal Reserve entschließt, bedarf weder der Genehmigung des US-Präsidenten noch von irgendwem sonst in der Exekutive oder Legislative. Wie der ehemalige Fed-Vorsitzende Alan Greenspan es auf den Punkt brachte: „Ehrlich gesagt ist es egal, wer Präsident ist, soweit es die Fed angeht. Es gibt keine anderen Behörden, die die Aktionen, die wir vornehmen, überstimmen können.” [76]

William Greider schrieb zum Sachverhalt der Privat-Interessen in seinem Standardwerk zur Fed, Secrets of the Temple:

„Die Präsidenten der Reserve Banken wurden nicht in Washington berufen, sondern von jedem jeweiligen Distrikt-Vorstand gewählt. Sechs von neun Direktoren wurden in jedem Fall wiederum ihrerseits von den Geschäftsbanken gewählt, den ,Mitgliederbanken‘ des Federal Reserve Systems. Wenn die Fed die Hauptfragen der Regulierung der Geldumlaufmenge entschied, wurden ihre Debatten und Abstimmungen in einem Hybrid-Komitee durchgeführt, das die zwei Ebenen kombinierte, bekannt als Federal Open Market Committee. Bei FOMC-Entscheidungen hatten die Gouverneure sieben Stimmen und die Präsidenten der Reserve Banken hatten fünf Stimmen, die jährlich unter den Distrikten wechselten. Nur der Präsident der New York Fed, wichtiger als jede andere, musste nicht teilen; er stimmte bei allen Treffen ab. Drum beschwerten sich Kritiker, dass die Regulierung des Geldes der Nation teilweise durch Repräsentanten von Privat-Interessen entschieden würde – den Banken.“ [77]

An dieser Stelle verweist Greider darauf, dass eine der wichtigsten, unerbittlichsten Kritiken an der Fed, namentlich die von Wright Patman, in dem Buch A Primer on Money zusammengefasst wurde, „das er als Vorsitzender des Subcommittee on Domestic Finance schrieb, veröffentlicht vom House Banking Committee im Jahre 1964.“ [78]

Greider fährt fort in Sachen Fed-Struktur: „Um das Bild weiter zu verkomplizieren und zu verdunkeln hielten die Geschäftsbanken Anteile an jeder der zwölf Federal Reserve Banken, was viele dazu irreführte anzunehmen, dass das Federal Reserve System „privat besessen“ werde. Tatsächlich waren die Anteile eine spärlich entwickelte Eigenschaft einer System-Mitgliedschaft, die viele populistische Kritiker verwirrte und erregte, aber praktisch keine Bedeutung besaß. Die Federal Reserve war Regierungseigen, einschließlich der zwölf Federal Reserve Banken, und keine private Entität. Geschäftsbanken besaßen einen Vorzugszugang und Einfluss bei der Fed, aber das interne Machtverhältnis gab dem Board of Governors, das von Washington ernannt wurde, mehr Befugnisse als den Präsidenten der zwölf Federal Reserve Banken. Wenn ein regionaler Vorstand seinen neuen Präsidenten auswählte, konnte der Vorsitzende der Heimatbehörde der Fed Veto dagegen einlegen.“ [79]

Greider unterstreicht, dass das Federal Reserve System von anderen Zentralbanken abwich, insofern es nach dem Zweiten Weltkrieg nicht demokratisiert wurde – bedeutend, dass die Fed keine direkte Order von der Regierung entgegennimmt. [80]

Über den privaten Charakter der Fed verlautbarte dagegen der Oberste Gerichtshof der USA in einem Urteilsspruch aus dem Jahre 1928:

„Vermittlungen (Instrumentalities) wie die nationalen Banken oder die Federal Reserve Banken, in denen private Interessen vorhanden sind, sind keine Abteilungen der Regierung. Sie sind private Unternehmen, an denen die Regierung ein Interesse hält.“ [81]

Ferner bemerkte das US-Berufungsgericht für den Neunten Gerichtsbezirk (United States Court of Appeals, Ninth Circuit) im US-Bundesstaat Kalifornien bezüglich des Falls Lewis v. United States im Jahre 1982:

 „Nach Prüfung der Organisation und Funktion der Federal Reserve-Banken … kommen wir zu dem Schluss, dass die Reserve-Banken keine föderalen Einrichtungen sind …, sondern unabhängige, in Privatbesitz befindliche und lokal kontrollierte Kapitalgesellschaften. Jede Federal Reserve Bank ist eine eigenständige Gesellschaft, die den Geschäftsbanken in ihrer Region gehört. Die Gesellschafter-Geschäftsbanken wählen zwei Drittel des neunköpfigen Vorstands. Die übrigen drei Vorstandsmitglieder werden vom Federal Reserve Board ernannt. Das Federal Reserve Board reguliert die Reserve-Banken, doch die unmittelbare Aufsicht und Kontrolle einer jeden Bank wird von deren Vorstand ausgeübt.“ [82]

Gremien des Federal Reserve-Systems

Gremien des Federal Reserve-Systems

Dieses Urteil bezieht auf Schadensersatzrechte gegenüber staatlichen Behörden. Da es sich laut Auffassung des Gerichts bei den 12 Regionalbanken des Federal Reserve Systems um private Einrichtungen handelt, fallen diese nicht in den Anwendungsbereich des Federal Tort Claims Act, FTCA.

Man vermag daraus schließen, dass die Fed-Banken deshalb für alle anderen Zwecke auch „in Privatbesitz befindliche Kapitalgesellschaften“ und eben „keine föderalen Einrichtungen” sind – das aber ist nur eine Schlussfolgerung und nicht expressis verbis so durch das Gericht ausgesprochen worden.

Bei der erwähnten Ernennung der Direktoren der Fed-Banken gilt ein Augenmerk auf die Tatsache zu werfen, dass es drei Klassen von Direktoren gibt: A, B und C. Die Direktoren der Klasse A und B werden von den Mitgliedsbanken gewählt, während die C-Direktoren vom Federal Reserve Board in Washington DC bestimmt werden. Jamie Dimon von JP Morgan Chase war beispielsweise ein Direktor der Klasse A im Vorstand der NY Fed.

Auf den privaten Charakter der 12 Fed-Banken zurückkommend, wurde 2009 bezüglich einer Klage im Rahmen des Freedom of Information Act (FOIA), die der Nachrichtendienst Bloomberg gegen die Fed anstrengte, dieses berichtet:

„Die New York Fed ist eine von 12 regionalen Federal Reserve Banken und die, die mit der Überwachung der Kapitalmärkte betraut ist. Sie verwaltet auch Notfallkreditprogramme von $1.7 Billionen. Während das in Washington ansässige Board of Governors der US-Notenbank eine Bundesbehörde ist, die unter den Freedom of Information Act und andere staatliche Vorschriften fällt, bleiben die New York Fed und andere regionale Banken dabei, dass sie eigene Einrichtungen sind, die durch ihre Mitgliedsbanken besessen werden und nicht unter Einschränkungen des Bundes fallen.“ [83]

Yvonne Mizusawa, Senior Council des Board of Governors des Federal Reserve Systems, bestätigte den Privatbanken-Charakter der regionalen Reserve Banken bei einer Anhörung am 11. Januar 2010 im selben FOIA-Zusammenhang. [84]

Es scheint ein wenig, als läge wohl eher William Greider daneben, was den teilweise privaten Charakter der 12 Regionalbanken der Fed betrifft.

Dieser geht nicht zuletzt auch aus einer Information hervor, die ich von der Steuerbehörde der Stadt New York einholte. Demnach ist die NY Fed gegenüber der Stadt New York von der Zahlung der Grundsteuer nicht befreit, müsste es aber eigentlich sein, wäre sie eine öffentliche Einrichtung durch und durch. [85]

Überdies beschrieb Dino Kos, damals Vorstandsmitglied der NY Fed, die 12 Fed-Banken während eines Briefings, das im Januar 2004 für die 9/11-Kommission durchgeführt wurde, als nichts anderes als „im Prinzip private Unternehmen mit einem speziellen Kundenkreis“. In ihrem Bericht erklärt die Interviewerin Emily Walker über das Briefing von Dino Kos, der seinerzeit bei der Federal Reserve Bank of New York (FRBNY) unter anderem verantwortlich zeichnete für Offenmarkt-Operationen, Devisenhandel und Auktionen von Staatsanleihen:

„Er gab mir einen allgemeinen Überblick über das Federal Reserve System, um die Rolle der FRBNY im Vergleich zu den anderen regionalen Fed-Banken und den Unterschied zum Federal Reserve Board in Washington, D.C. klarzustellen. Er sagte, dass die Federal Reserve in Washington eine Regierungsbehörde und keine Bank ist. Sie verfügt über keine Mittel zur Durchführung von Zahlungen, Ausreichung von Krediten, für Handelsgeschäfte usw. Sie erarbeitet Richtlinien, wie die Reserve-Banken ihrer Tätigkeit nachgehen sollten. Sie trifft die kritischen Entscheidungen. Unterhalb der Federal Reserve in DC gibt es die 12 Federal Reserve-Banken. Sie haben Konten, verwalten Portfolios, haben Gesellschafter (Geschäftsbanken) und sind im Prinzip private Unternehmen mit einem speziellen Kundenkreis. Ihre Gewinne fließen zurück an das US-Schatzamt (US Treasury). Die FRBNY ist eine operative Einheit der Federal Reserve an den Märkten. Sie kauft oder verkauft Wertpapiere, um die Liquidität am Markt zu verringern oder zu erhöhen, und setzt den Zinssatz fest. Die Federal Reserve in D.C. legt die Politik fest und die FRBNY setzt sie um. Die FRBNY betreibt FEDWIRE, d. h. die technologische Plattform, über die die Banken Zahlungen untereinander tätigen können. (Er fügte hinzu, dass das System von den Ereignissen des 11. September nicht betroffen war, weil es sich in East Rutherford, New Jersey, befindet.) […] Er sagte, dass FEDWIRE den zentralen Knoten für die übrigen Banken darstellt und dass, wenn diese Verbindung gekappt wird (von den Banken – was am 11. September der Fall war), die Banken anrufen und die Zahlungen manuell vornehmen müssen. Er sagte auch, dass das CHIPs-System das Clearinghaus-System für den Privatsektor ist, das die Zahlungsanweisungen zusammenzieht, sie am Ende eines Tages saldiert und das, was übrig bleibt, zur Abwicklung an FEDWIRE schickt.“ [86]

Alles in allem darf wohl konstatiert werden, dass das Federal Reserve System private Mitgliedsbanken umfasst, welche für ihre Beteiligung als Gesellschafter eine 6-prozentige Dividende aus den Gewinnen der regionalen Fed-Banken erhalten, die diese mit ihren Marktgeschäften erzielen.

Nomi Prins, die ich danach befragte, bestärkte mich in dieser Annahme:

„So wie ich Section 7 des Federal Reserve Act verstehe, ist das so. Die Gesellschafter oder Mitgliedsbanken des Federal Reserve System haben Anspruch auf eine Dividende von 6 Prozent auf ihr eingezahltes Kapital pro Jahr, und wenn die laufenden Erträge des Federal Reserve System in einem Jahr nicht zur Mitteldeckung für das betreffende Jahr ausreichen, können Dividenden aus der Rücklage gezahlt werden.

Siehe den Brief ihres General Counsel vom Frühjahr 1922:

,Die maßgeblichen Abschnitte von Section 7 des Federal Reserve Act lauten wie folgt:

,Nachdem alle notwendigen Ausgaben einer Federal Reserve Bank beglichen oder Rückstellungen dafür gebildet sind, haben die Gesellschafter Anspruch auf den Erhalt einer jährlichen Dividende von sechs Prozent auf das eingezahlte Kapital, wobei die Dividende kumulativ ist. Nachdem die vorerwähnten Dividendenansprüche in vollem Umfang befriedigt sind, wird der Nettogewinn als Konzessionalabgabe (franchise tax) an die Vereinigten Staaten ausgezahlt mit der Ausnahme, dass der gesamte jeweilige Nettogewinn, einschließlich desjenigen für das am einunddreißigsten Dezember neunzehnhundertachtzehn abgelaufene Jahr, [solange] in eine Rücklage einzuzahlen ist, bis diese einhundert Prozent des gezeichneten Kapitals der betreffenden Bank erreicht; danach sind zehn Prozent des jeweiligen Nettogewinns in die Rücklage einzuzahlen.

[…] Sollte eine Federal Reserve Bank aufgelöst werden oder in Liquidation gehen, wird jeglicher nach Begleichung aller Schulden [und] Dividendenansprüche gemäß den obigen Vorgaben verbleibende Überschuss als der Nennwert der Aktie an die Vereinigten Staaten ausbezahlt und deren Eigentum ist in vergleichbarer Weise zu verwenden.‘

Betreffend der Dividenden sollte hinzugefügt werden: Das Gesetz verlangt, dass die Dividenden an die Reserve-Mitgliedsbanken gezahlt werden, bevor die Fed Überschussgewinne als Zinsen auf Federal Reserve-Schuldverschreibungen an das Schatzamt transferiert (siehe S. 398 des Jahresberichts der Fed für 2013). Anzumerken ist, dass es sich nicht um Riesenbeträge handelt: 2013 betrugen die jährlichen Dividenden 1,65 Mrd. USD.“ [87]

Die New York Fed, das Pressebüro des Board of Governors des Federal Reserve Systems in Washington DC und Yvonne Mizusawa, die Rechtsberaterin des Board of Governors, reagierten im Übrigen nicht auf Anfragen, die ich bezüglich des privaten Charakters der 12 Fed-Banken eingereicht hatte. [88]

Wie dem auch sei, letztlich verschmolzen durch den Glass-Owen Bill die konkurrierenden Ansätze, die schon vor der Bankenpanik von 1907 auftauchten – sprich der Vorschlag für eine Zentralbank, die sich in reinem Privatbesitz befinden sollte, und der Vorschlag für eine Zentralbank, die Teil des U.S. Treasury hätte sein sollen. „Der Glass-Owen Bill”, so der US-Ökonom L. Randall Wray, „teilte den Unterschied mit Privatbesitz und einem dezentralisierten System auf, aber mit dem Finanzminister und dem Vorsitzenden der Bankenaufsicht im Vorstand sitzend. Das dezentralisierte System sollte angeblich eine ,angemessene Vertretung der finanziellen, industriellen und handelsgeschäftlichen Interessen und geographischen Unterschiede des Landes‘ sicher stellen. Der Vorstand sollte ,eine deutlich überparteiliche Organisation und gänzlich von der Politik getrennt‘ sein. Laut Paul Warburg sollte die Führung und Überwachung von einem ,System von Kontrollen und Gegenkontrollen‘ gepflegt werden, ,ein lähmendes System, das mit der einen Hand Macht gibt und sie mit der anderen wegnimmt.‘ Die Idee war mit anderen Worten, dass die Fed durch die Gewährleistung einer breiten Interessensvertretung von einem ,Zusammenprall der Interessen‘ gehemmt werde, um den Schaden, den sie womöglich verursachen würde, zu reduzieren.“ [89]

Interessant an der Konstellation der regionalen Ableger des Federal Reserve Systems ist, dass diese zwar einerseits mit der Aufsicht über die Banken beauftragt sind, dass sie andererseits aber letztlich von eben jenen Banken kontrolliert werden. Auch darf man sich getrost die Frage stellen, in welchem Interesse eine solche Einrichtung im Endeffekt agiert. „Wenn das Interesse des Bankensektors und des Landes synchron zueinander läuft, funktioniert die Fed oftmals sehr gut“, erklärte mir dazu der Wirtschaftswissenschaftler Norbert Häring. „Falls und insoweit die Interessen der Wall Street in Konflikt mit den Interessen der Otto-Normal-Verbraucher geraten, dürften die Otto-Normalverbraucher meistens hinten runter fallen.“ [90]

Ähnlich urteilte der Ökonom und ehemalige Staatssekretär des US-Finanzministeriums Paul Craig Roberts, als ich ihn nach seiner Einschätzung der Leistung des Federal Reserve Systems in den 100 Jahren seines Bestehens fragte.

Paul Craig Roberts: Es hat für den Reichtum der Banken gearbeitet und sie mit der Liquidität versorgt, die sie wollten. Für die breite Öffentlichkeit hat es kläglich gearbeitet. … Wir hatten eine Reihe von Inflationen, und die Federal Reserve hat uns die Große Depression beschert. Sie bescherte uns den Finanz-Crash im Dezember 2007. Sie beschert uns das aktuelle, beispiellose Drucken von US-Dollar. Also, vom Standpunkt der Öffentlichkeit ist sie nachweislich ein Fehler, aber für die Banken als Anbieter endloser Liquidität ist sie erfolgreich gewesen. … Das Problem ist, dass die Federal Reserve kreiert wurde, um den Banken zu dienen. Und die Banken wollten einen Kreditgeber der letzten Instanz, und im Laufe der Zeit waren sie erfolgreich bei der Umwandlung der Federal Reserve zu ihrem direkten Funktionär.

Zunächst musste sie verkleidet werden, weil die Öffentlichkeit gegen die Banken war, aber wie die Zeit voranschritt, waren die Banken in der Lage, die Fed mehr und mehr offen zu verwenden, auch wenn sie noch immer nicht vollständig offen sein können. Zum Beispiel wird uns gesagt, dass das aktuelle Ziel der Quantitativen Lockerung jenes ist, die Wirtschaft anzukurbeln, um sehr niedrige Zinsen anzubieten und um die Kreditvergabe an Verbraucher und Investitionen zu stimulieren, um so eine wirtschaftliche Erholung herbeizubringen, die nach fünf Jahren der Quantitativen Lockerung noch immer zu fehlen scheint. Aber der eigentliche Zweck ist natürlich nicht, eine Erholung herbeizubringen; der eigentliche Zweck ist es, die Bilanzen der großen Banken zu unterstützen, die als Too Big To Fail erklärt wurden. Der Zweck der Tausend Milliarden US-Dollar, die jährlich an Anleihen durch die Federal Reserve gekauft werden, ist der, die Preise von Anleihen hochzutreiben. Alle Schuldenpreise steigen zusammen; wenn sie also die US-Treasury-Anleihe auf einen sehr hohen Preis und sehr niedrigen Zinssatz bekommen, hebt das die Preise der mit Schulden verbundenen Derivate in den Bilanzen der Banken und macht sie solvent. Also, der eigentliche Zweck der Quantitativen Lockerung ist, die Solvenz und die Bilanzen der Banken zu unterstützen. [91]

Nomi Prins, die ehemals als Geschäftsführerin bei Goldman Sachs an der Wall Street arbeitete, antwortete mir in einem Interview auf die Frage, ob die USA die Federal Reserve tatsächlich bräuchten:

Nomi Prins: Das US-Bankensystem braucht die Fed, denn ohne ihre Subventionen wäre es im Laufe der Jahre wohl viele Male gescheitert, sicherlich im Laufe der letzten Jahre. Aber wieder ist es wirklich wichtig zu wissen, dass … sie vom Beginn der Fed an die Fed benötigten. Die Fed ist gleichermaßen eine Bank für die Banken, wie sie ein politisches Finanzmachtinstrument für die Regierung ist. Die Regierung glaubt, sie brauche die Fed, um die größten Institute zu subventionieren und zu retten, die auf verschiedenen Wegen mit der Regierung integriert sind. Diese Banken handeln mit der Öffentlichkeit, wir geben ihnen unsere Einlagen, die Steuerzahler subventionieren ihre Fehler und ihre Rettungsaktionen. Aber zur gleichen Zeit sind die Philosophien der politischen und finanziellen Elite-Mitglieder von Amerika hinter der Fed in Linie gebracht.

Brauchen wir also die Fed? Die Öffentlichkeit braucht die Fed nicht. Die Aktivitäten, die die Fed zur Verfügung stellt, die die Öffentlichkeit betreffen, wie das Manövrieren der Zinssätze oder so weiter, könnten durch das Schatzamt durchgeführt werden, obwohl das Schatzamt die größten Bankeninstitute ebenso subventioniert und politisch, persönlich, sozial und finanziell unterstützt hat. Ja, es ist hilfreich, über eine Entität zu verfügen, um die Zinssätze zu halten, aber das ist nicht wirklich das, was die Fed als ihre volle Arbeit tut; was sie tut und was sie getan hat, ist, ein fehlerhaftes Bankensystem in der Verkleidung der Regulierung dieses Bankensystems zu subventionieren und die Gesamtkreditverfügbarkeit an das Land zu schützen, worüber sie tatsächlich keine Macht hatte. Das war eine der Lügen, unter denen sie vor 100 Jahren geschaffen wurde.

Und ist die Fed nicht zu einer internationalen Rettungsbank geworden?

Nomi Prins: Ja, aufgrund der ganzen Globalisierung des Finanzwesens, die in unterschiedlicher Weise während des vergangenen Jahrhunderts stattfand. Die amerikanischen Banken sind nicht die einzigen Banken, die sich gegenüber Finanzkrisen in Gefahr befinden. Diese Krisen sind zunehmend global und werden es auch in Zukunft sein. Wenn die Fed also beschließt, die großen amerikanischen Banken zu schützen, muss sie ihre größten Gegenparteien schützen, die aufgrund der Art des globalisierten Finanzwesens europäische Banken einschließen, die asiatische Banken einschließen, sie schließen im Grunde alle wichtigsten Gegenparteien der großen sechs Banken mit ein.

Aber nicht nur das – die Politik der Fed selbst, die Idee, um zu subventionieren, und die Philosophie dahinter globalisiert sich ebenso. Die Fed hat ihre Politik, wie wir in den letzten Jahren gesehen haben, in Europa hineingedrückt. Wir haben nunmehr in ganz Europa eine effektive Nullzinspolitik zusammen mit der Subventionierung und der Rettung und künstlichen Stärkung der größeren Institute auf Kosten der kleineren Institute und Stärkung der größeren Länder auf Kosten der kleineren Länder. Dies ist eine institutionalisierte Politik, die die Fed fördert, genauso wie das Finanzministerium und die Regierung der Vereinigten Staaten. Das ist eine Kooperationsförderung, die ebenfalls global geworden ist. [92]

So könnte man denn aus alledem schließen, dass es ein wesentliches Problem unserer Zeit darstellt, wenn sich die Zentralbank der USA mehr oder minder in privaten Händen mitbefindet. Ich wandte mich an F. William Engdahl mit der Frage, ob es normal sei, dass eine Zentralbank von einem privaten Banken-Kartell gebildet wird, das in diesem Fall die Geldpolitik der USA durchführen kann – worauf er antwortete:

F. William Engdahl: Lassen wir den Begriff „normal” einmal außen vor, denn das ist die Richtung, in die diese Geld-Interessen die ganze Welt zu treiben versuchen, um das Welt-Bankensystem von jeder Art partizipativen Drucks der Wähler zu entkoppeln. Die Federal Reserve wurde, wie Sie wissen, im Jahre 1913 geschaffen. Sie wurde … zwei Tage vor Heiligabend im Jahre 1913 verabschiedet und innerhalb weniger Stunden von Präsident Woodrow Wilson unterzeichnet, von dem einige Leute sagen, dass er als Präsident eingesetzt wurde – er war zuvor der Präsident der Princeton University und dann Gouverneur von New Jersey –, dass er durch das Geld von JP Morgan, Rockefeller und so weiter als Präsident mit dem alleinigen Zweck eingesetzt wurde, um als Demokrat eine linke Verkleidung, wenn Sie so wollen, für die Schaffung der Federal Reserve zu geben. Es war ein sehr umstrittener Gesetzesvorschlag, um den schon lange vor der Finanzkrise von 1907 gestritten wurde.

Tatsache ist, und nur wenige Amerikaner sind sich dessen überhaupt bewusst – sie denken, dass der Präsident einen Vorsitzenden der Federal Reserve vorschlägt, und also ist die Federal Reserve eine staatliche Behörde. Das ist sie mitnichten. Die verschiedenen regionalen Banken der Federal Reserve – die Dallas Fed, die San Francisco Fed, die St. Louis Fed, und vor allem als das primäre Zwischenstück: die New Yorker Fed – sind Aktiengesellschaften, zu deren Aktieninhabern Unternehmen wie AIG, JPMorgan Chase und so weiter gehören. Das sind also Einheiten in Privatbesitz, aus denen sich das Federal Reserve System zusammensetzt. Und das ist der Kern des Problems.

Der Vorsitzende der Federal Reserve hat einen wesentlichen Auftrag: die Macht der Großbanken zu bewahren – wie eine Kongress-Anhörung sie in den 1920er Jahren nannte: die “Money Trust”-Banken. Und das sind in Wirklichkeit nur etwa acht oder höchstens neun Institutionen, würde ich schätzen, die wirklich die weltweiten Multi-Billionen-Derivate, den Verbriefungsbetrug und die Politik des US-Finanzministeriums in Washington völlig dominieren. Die privat geführte Federal Reserve ist, glaube ich, eines der Hauptprobleme für den Ruin der amerikanischen Industrie- und Sozialwirtschaft seit, sagen wir, der Abkopplung vom Gold im August 1971 ganz gewiss, und selbst noch davor.

Wenn all dies wahr ist, dann ist es umso wichtiger zu verstehen a), wie der Federal Reserve Act in Kraft gesetzt wurde, und b), wie das Federal Reserve System tatsächlich funktioniert. Ich denke, in Bezug auf a) könnten Sie vielleicht ein bisschen über die Bankenpanik von 1907 sprechen. Wer steckte dahinter?

F. William Engdahl: Na ja, Überraschung, Überraschung: Es waren das House of Morgan und seine Freunde. Sie schufen einen Run auf eine große unabhängige Bank in New York City und lösten
damit das aus, was die Panik von 1907 wurde. Sie verwandelte sich in eine industrielle, wirtschaftliche Depression in Amerika mit einer riesigen Arbeitslosigkeit. Durch die Panik und ihre Lobbyarbeit bekamen sie den Kongress dazu, für die Einrichtung einer nationalen Währungskommission zu stimmen, um zu prüfen, wie zukünftige Paniken zu verhindern wären. Nun, es war eine Panik, die durch das House of Morgan und Freunden entwickelt wurde, und der Weg, um in der Zukunft Paniken zu verhindern, würde der sein, ihnen die Kontrolle über das Geld der Nation zu geben – weg vom Kongress, wo es nach Artikel 1, Abschnitt 8 der Verfassung hingehörte, und hin zum Kartell der Privatbanken, die die New Yorker Federal Reserve Bank bilden, welche bewusst so gestaltet wurde, dass sie die mächtigste aller Banken im Federal Reserve System ist.

Und dann wurde der Federal Reserve Act verabschiedet. Wie funktioniert das Federal Reserve System?

F. William Engdahl: Grundsätzlich hat es unbegrenzte Macht, Geld zu drucken, um es im populären Jargon auszudrücken. Dies ist es, was wir Ben Bernanke seit 2008 tun sehen, dies sind Billionen von Dollar, aber natürlich weigert sich Bernanke, irgendwelche großen Details darüber preiszugeben, was sie tatsächlich mit den Banken tun und welche Banken es sind, die von dieser Großzügigkeit der Federal Reserve profitieren. Sie kaufen all die giftigen Abfälle auf und legen sie auf die Bilanz der Federal Reserve, und dafür geben sie den Banken dreifach A bewertete US-Schatzanweisungen zurück.

Die Federal Reserve hat einen Offenmarktausschuß, Open Market Committee, das FOMC. Sie treffen sich alle sechs Wochen, um die Zinspolitik festzulegen, im Wesentlichen bis heute. Dazu gehören mehrere Mitglieder des Federal Reserve Board in Washington, immer ist der Vorsitzende der Fed, in diesem Fall Bernanke oder vor ihm Greenspan, im FOMC, die anderen zehn oder elf Reserve-Banken im ganzen Land haben rotierende Sitze im FOMC. Also nicht alle elf Banken sind zu allen Zeiten vertreten.

Die Sache ist geschickt so entworfen, um die Mehrheitsmacht an die New Yorker Fed zu geben. Die New Yorker Fed ist aufgrund der internationalen Rolle der New Yorker Fed immer im FOMC – und die Tatsache ist, dass der Federal Reserve Act von Morgan & Company und Rockefeller entworfen wurde, um die Macht den Banken des New Yorker Geldzentrums zu geben. Sie sind daher immer im FOMC. Und natürlich hat der Fed-Vorsitzende enorme Macht über die Entscheidungen des FOMC.

Offiziell ist eines der Mandate der Fed, die Stabilität und den Wert des US-Dollars zu erhalten.

(Herr Engdahl lacht.)

Aber eines der realen Ergebnisse der Fed scheint die anhaltende Abwertung des US-Dollar in einer recht bemerkenswerten Art und Weise zu sein – was sich seit den 1970er Jahren beschleunigte. Warum?

F. William Engdahl: Ganz einfach, weil das zum Vorteil der Wall Street war. Nach dem Bruch der Verbindung mit Gold im Jahr 1971, den ich zuvor erwähnt habe, stellte die Gruppe um David Rockefeller, damals bei der Chase Manhattan Bank, der Familien-Bank, fest, dass sie mit einer gleitenden Währung und der Tatsache, dass die USA die einzige militärische Supermacht außerhalb der Sowjetunion war, eine unglaubliche Fähigkeit in den Händen hielt. Die Fiat-Dollar, die von den USA gedruckt wurden, trieben diese Abwertung weltweit in diesem Zeitraum an – ich glaube, es gibt eine 2900 %-ige Inflation, das heißt, einen 2900%-igen Anstieg der Menge an Dollar, die in der Weltwirtschaft seit August 1971 zirkuliert, nach den letzten Daten, die ich gesehen habe, und in den zwanzig Jahren davor war es ungefähr etwa ein 56%-iger Anstieg der Dollar-Reserven weltweit, das war also eine Periode der relativ stabilen Inflationsraten oder tatsächlich der Nicht-Inflation, und dann nach dem Bruch hatte man diesen höchst inflationären Zeitraum.

Nun, was bestimmte Leute um Paul Volcker und andere herausfanden, war, dass die Schulden ihre besten Vermögenswerte waren – das heißt, am besten für die Banken, für die privaten Banken, nicht für die Nation, aber für die Privatbanken. Solange US-Schulden dreifach A bewertet werden, und absolut notwendig: solange der US-Dollar die Leitwährung des Handels und in den Zentralbankreserven weltweit bleibt, können die Vereinigten Staaten im Wesentlichen ihre Inflation exportieren, wie sie es in Japan während der 80er Jahre taten, heute nach China, der Europäischen Union und dem Rest der Welt. In der Tat haben die Dollar-Überschussländer gar keine andere Wahl als mit ihren Überschuss-Dollar US-Staatsanleihen zu kaufen – um Amerikas Kriege auf der ganzen Welt zu finanzieren, sei es im Irak, der gegen die ultimativen Interessen Chinas oder Russlands gerichtet ist, oder alle anderen US-Kriege. Diese werden in gewisser Weise durch die Dollar-Ansammlungen in den Zentralbanken Asiens und anderswo in der Welt finanziert. Es ist also ein diabolisches und sehr cleveres Arrangement, das sie erkannt haben. Sie konnten es tun, nachdem die Abkopplung des Dollars vom Gold im Jahr 1971 stattfand. [93]


Von Öl abhängiges Schuldgeld

Die Folgen der Gesetzgebung, die die Federal Reserve ins Leben rief, waren beeindruckend für das Zahlungsmittel, welches das Kartell mit dem ihm anvertrauten Geldmonopol emittiert: die Kaufkraft von einem US-Dollar sank von 1913 bis ins erste Jahrzehnt der 2000er Jahre um geschätzte 96 – 98 Prozent.

Zugleich haben die Vereinigten Staaten von Amerika recht viele Schulden. Noch einmal dazu eine Frage an Ellen Brown.

Frau Brown, es ist heute schwierig, den Überblick über die Gesamtschulden der USA zu behalten, aber mit Sicherheit entspricht die Gesamtheit der Verbindlichkeiten der USA mehr als 90% ihres Bruttoinlandsproduktes. Würden Sie unter diesen Umständen als Anwältin die Auffassung vertreten, dass das gegenwärtige Finanzsystem die USA in den Bankrott getrieben hat?

Ellen Brown: Ja und Nein. Technisch gesprochen ist man bankrott, wenn man seine Verbindlichkeiten nicht erfüllen kann. Aber in unserem gegenwärtigen Geldsystem beruht JEGLICHES Geld auf Schulden und die Geldmenge ENTSPRICHT im Grunde genommen den Staatsschulden. Private Schulden werden bezahlt und erlöschen. Nur die Staatsschulden werden Jahr für Jahr refinanziert und sind als mehr oder weniger permanente Geldmenge weiterhin Teil der Wirtschaft. Wie es der Leiter der Fed in den Vierzigerjahren ausdrückte, wenn wir keine Staatsschulden hätten, hätten wir auch kein Geld. Die Fed ist heute wie wild dabei, Regierungsschulden zu „monetarisieren”, um zu versuchen, einen Ausgleich zu schaffen für die privaten Schulden, die im Zuge der derzeitigen Kreditklemme liquidiert worden sind.

Die von Ellen Brown erwähnte Erklärung des damaligen Vorsitzenden der Federal Reserve, Marriner Eccles, findet sich in einem Essay des Investmentberaters J. S. Kim, den ich übersetzte. Kim schreibt darin:

„Per Definition besteht eine Zentralbank dazu, um Währungsbewertungen zu manipulieren und freie Märkte zu verhindern. Die beiden Aussagen, die ich nachfolgend abdrucke, sind die einzigen zwei Aussagen, die Sie lesen brauchen, um zu verstehen, dass die Banker unser derzeitiges globales Währungssystem für den alleinigen Zweck der Manipulation und Kontrolle des Reichtums der Nationen hervorgebracht haben.

,Wenn alle Bankkredite abbezahlt würden, könnte niemand eine Bankeinlage haben und es befände sich nicht eine Dollar-Münze oder -Währung im Umlauf. Dies ist ein erstaunlicher Gedanke. Wir sind völlig abhängig von den Geschäftsbanken. Irgendwer muss jeden Dollar, den wir im Umlauf haben, leihen, sei es Bargeld oder Kredit. Wenn die Banken genügend synthetisches Geld erzeugen, sind wir wohlhabend; wenn nicht, verhungern wir. Wir stehen absolut ohne ein permanentes Geldsystem da. Wenn man ein komplettes Verständnis des Bildes erlangt, wird die tragische Absurdität unserer hoffnungslosen Lage fast unglaublich, aber es ist so. Es ist das wichtigste Thema, das intelligente Personen untersuchen und reflektieren können. Es ist so wichtig, dass unsere gegenwärtige Zivilisation zusammenbrechen könnte, wenn es nicht allgemein verstanden und seine Mängel sehr bald beseitigt werden würden.’– Robert H. Hemphill, Kredit-Manager der Federal Reserve Bank of Atlanta, 1935.

Im Jahre 1942 bezeugte der Federal Reserve-Vorsitzende Marriner Eccles …, ,gäbe es keine Schulden in unserem Geldsystem, würde es kein Geld geben.’“ [94]

Den US-amerikanischen Finanzanalysten Michael Maloney fragte ich diesbezüglich in einem Interview, ob es nicht ein wenig bizarr sei, dass die wichtigste nationale Zentralbank der Welt, die Federal Reserve, in Wirklichkeit eine Komposition von privaten Banken ist, die aus dem Geldschöpfungsprozess und der wachsenden Verschuldung der Öffentlichkeit Gewinn erzielen.

Mike Maloney: Im Grunde genommen ist das einzige, was Sie tun müssen, auf die Webseite der Fed zu gehen, die Seite mit den häufig gestellten Fragen aufzurufen und die Antwort auf die Frage: ,Ist die Federal Reserve privat?’ zu lesen. Und die Antwort lautet: ,Nein, ist sie nicht, vielleicht schon, aber irgendwie doch nicht.“ Es ist alles sehr vage, es dreht sich immer weiter im Kreis und man kann überhaupt nicht sagen, was es bedeuten soll. Aber dann liest man die Antwort auf die Frage: ,Hat die Federal Reserve Aktionäre?’, und die Antwort lautet: ,Ja, und sie erhalten Dividenden.’ Nun, wie viele Bundesbörden gibt es wohl, die Aktionäre haben? Die Antwort lautet: Keine. Ein Aktionär ist der Eigentümer eines Unternehmens. Natürlich gab es seit der Gründung der Fed im Jahre 1913 all diese Fusionen, weshalb man nicht genau sagen kann, wem die Fed gehört, aber das gesamte Geldsystem ist nun eine Art Betrugsmanöver, ein absurdes sogar, denn es gibt viel mehr Schulden, als es Geld gibt, um sie zu begleichen! [95]

Nun muss dazu gesagt werden, dass es um keine herkömmlichen, öffentlich gehandelten Unternehmensaktien geht, von denen Maloney spricht, die Sie und ich erwerben könnten. Außerdem war es für die Geschäftsbanken qua Federal Reserve Act unerlässlich, sich Anteile zu beschaffen, um Mitglied der Federal Reserve zu werden, da nur dies erlaubte, das Zahlungsmittel der USA legal schöpfen zu dürfen.

Die Geldschöpfung, die über das Machen von Schulden läuft, ist via Zins und Zinseszins letzthin mit einem exponentiellen Wachstum verbunden. Das könnte schlimm enden. Denn wohin treibt ein aus dem Nichts und durch Schulden geschöpftes Geld, das an Zinseszinsen gekoppelt ist, letztlich hin? Vielleicht in eine stets beschleunigte Zerstörung? Jedenfalls: „Exponentielles Wachstum kennen wir in anderen Zusammenhängen als Krebs. Da ist es das Wachstum eines Tumors in einem nicht mehr entsprechend wachsenden Organismus. Auf einer solchen Grundlage beruht das bestehende Geldsystem.“ [96]

Freilich soll nicht unterschlagen werden, dass es auch Denkrichtungen gibt, denen zufolge die Zinseszins-Problematik keine wirkliche ist, und dass es auch kein Problem darstellt, dass im Gesamtsystem der Zins fehlt. Erstens werden im Gesamtsystem nie sämtliche Zinsen in voller Höhe gleichzeitig getilgt, zweitens kann der Zins unter Umständen aus den laufenden Einnahmen und nicht allein durch einen weiteren Kredit aufgebracht werden, und drittens kann eine geleistete (Teil-)Zinszahlung durch Ausgaben und Investitionen den Weg zurück in die Wirtschaft finden und für neuerliche Zinszahlungen verwendet werden. Knackpunkt ist hier bloß, ob der Rückfluss in die Wirtschaft auch tatsächlich stattfindet. Mit der Zeit ist zudem zu beobachten, zum Beispiel an den diesbezüglichen Staatsausgaben der USA, dass immer mehr Geld für Zinszahlungen fällig werden. Die Zinslast derzeit ist noch relativ gering, da die Federal Reserve den Leitzins auf Rekordtiefstständen hält; doch diese „Zero Interest Rate Policy“ (ZIRP) wird nicht auf ewig durchzuziehen sein.

Im Kern ist die Rechnung, die vorliegt, diese: Unser gegenwärtiges Geldsystem erfordert ständiges Wachstum, um die Bedienung der Zinsen auf diejenigen Schulden zu ermöglichen, die das Geld überhaupt erst geschaffen haben. Da billige Energie die Grundlage des Wirtschaftswachstums ist, durch dessen Vorhandensein das Finanzsystem vor dem sofortigen Absaufen bewahrt wird, sind wir auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen, beständig, wenn nicht gar steigend Energie zu verbrauchen. Sind die Energieressourcen nicht konstant bis steigend vorhanden, sondern eher abnehmend, von abstürzend ganz zu schweigen, vermag das Finanzsystem nicht gut zu funktionieren. So gesehen befinden sich hier zwei gegensätzliche Blöcke auf Kollisionskurs: „Finanzsystem/Ewiges Wachstum“ einerseits, und „begrenzt vorhandene(s) Energie/Erdöl“ andererseits.

Desgleichen ist ein im Wesentlichen auf Erdöl-basierendes Energiesystem ein physisch abgeschlossenes System, da man auf ein System angewiesen ist, das auf nicht erneuerbaren Energiequellen gründet. Wenn man ein solches System, bei dem Energie immerzu verloren geht, sobald sie eingesetzt wird, mit dem Finanzsystem koppelt, erhält man auch eine Art abgeschlossenes Finanzsystem.

Das Finanzsystem, so wie es geworden ist, lässt sich letzten Endes auf eine Geschichtsphase zurückführen, in der der Zugang zu Energie (das heißt: die Fähigkeit, Arbeit zu verrichten) noch stetig wuchs. Ohne Energie, insbesondere Erdöl, hätte es den derart raschen Aufbau unserer Industriegesellschaften so nicht geben können; sie lieferte die unabdingbare Grundlage. Für eine geraume Weile wiesen Finanzen und Energieressourcen also eine Gemeinsamkeit auf: exponentielles Wachstum. Wobei das Wachstum, auf dem das Finanzsystem beruht, primär in der Schaffung von Schulden (Anleihen, Kredite und als „Sahnehäubchen“ obendrauf: in der Kapitalisierung der Zinsen, sprich der Zinseszinsen) besteht. Geld wird aus dem Nichts geschaffen und hat einen höchst fiktiven Charakter, insofern es mit der physischen Welt, zu welcher der Block „begrenzt vorhandene(s) Energie/Erdöl“ gehört, kaum bis gar nichts zu tun hat.

Bloß: „Wenn dem aber so ist, haben wir hier ein Problem. Woher kommt dann das Geld, um damit die Zinsen auf diese Anleihen und Kredite zu bezahlen? Letztendlich muss dieses Geld aus neuen Krediten kommen, die andere an irgendeiner anderen Stelle innerhalb des Finanznetzwerks unserer Wirtschaft aufgenommen haben. Wenn keine neuen Kredite mehr gegeben werden, wird es irgendwo in diesem Netz Leute geben, die die Zinsen ihrer aufgenommenen Kredite nicht mehr zahlen können und daraufhin Bankrott gehen. Daher ist die Notwendigkeit eines ständigen Wachstums der Geldmenge ein Strukturmerkmal unseres Finanzsystems.“ [97]

All das kann nur so lange reibungslos gewährleistet werden, so lange auch die Realwirtschaft wächst – wofür es ein stetiges, wenn nicht sogar wachsendes, vor allem aber: erschwingliches Angebot an Energie geben muss. Nimmt das Energieangebot ab und der Preis zu, nimmt die Produktivität zwangsläufig ab und das Schuldenproblem ebenso zwangsläufig zu; das eine (Wachstum) ist ohne das andere (ausreichende, billige Energie) nicht zu haben.

Oder anders gewendet, die Finanzwirtschaft diktiert auf den kürzesten Nenner gebracht die Ausrichtung der Realwirtschaft: sie verlangt von der Realwirtschaft fortdauerndes Wachstum, um sich die Geldschöpfung moderner Zeiten bei einhergehender Kapitalisierung der Zinsen erlauben zu können – gibt es kein Wachstum, kollabiert das System. Grundlage für die Möglichkeit, Wachstum zu erzielen, ist der Verbrauch von (erschwinglicher) Energie, insbesondere gewonnen durch Erdöl – der insofern „gefährlichste(n) bewusstseinsverändernde(n) Substanz der Welt“. [98]

Keineswegs dem Zufall geschuldet (sollte man jedenfalls meinen), ist in diesem Kontext von Energie und Finanzen, dass die größten vier Erdölunternehmen der Welt bis heute eng „miteinander verflochtene Direktorien mit dem internationalen Mega-Banken“ aufweisen:

„Exxon Mobil teilt seine Vorstandsmitglieder mit JP Morgan Chase, Citigroup, Deutsche Bank, Royal Bank of Canada und Prudential. Chevron Texaco hat Verflechtungen mit Bank of America und JP Morgan Chase. BP Amoco teilt Vorstandsmitglieder mit JP Morgan Chase. Royal Dutch / Shell hat Verbindungen mit Citigroup, JP Morgan Chase, NM Rothschild & Sons und der Bank of England.

Der ehemalige Vorsitzende der Citibank, Walter Shipley, saß im Exxon Mobil-Vorstand, wie auch Wayne Calloway von Citigroup und Allen Murray von JP Morgan Chase. Willard Butcher von Chase saß im Aufsichtsrat von Chevron Texaco. Der ehemalige Vorsitzender der Fed, Alan Greenspan, kam von Morgan Guaranty Trust und diente im Vorstand von Mobil. Der Direktor von BP Amoco, Lewis Preston, fuhr fort, Präsident der Weltbank zu werden.

Andere Vorstandsmitglieder von BP Amoco waren Sir Eric Drake, die Nummer 2 des weltweit größten Hafenbetreibers P & O Nedlloyd und Vorstand von Hudson Bay Company und Kleinwort Benson. William Johnston Keswick, dessen Familie das Hongkong-Kraftpaket Jardine Matheson kontrolliert, saß im Vorstand von BP Amoco. Keswicks Sohn ist Direktor bei HSBC. Die Hongkong-Verbindung ist noch stärker bei Royal Dutch / Shell ausgeprägt.

Lord Armstrong of Ilminster saß im Vorstand von Royal Dutch / Shell, NM Rothschild & Sons, Rio Tinto und Inchcape. Der Eigentümer von Cathay Pacific Airlines und HSBC-Insider, Sir John Swire, war Direktor bei Shell, wie auch Sir Peter Uhl, der zusammen mit Armstrong im Vorstand von Inchape saß. Shell-Vorstandsmitglied Sir Peter Baxendell war wie Armstrong im Vorstand von Rio Tinto, während Shells Sir Robert Clark im Vorstand der Bank von England sitzt.

Als Folge des Deregulierungsfiebers in den USA müssen Unternehmen nicht mehr ihre Top-Aktionäre bei der SEC melden. Laut den Rechenschaftsberichten … von 1993 besitzen die kombinierten Banken von Rothschild, Rockefeller und Warburg immer noch die Kontrolle über das Big Oil.

Mit Stand von 1993 war Banker’s Trust der Nummer 1-Aktionar von Exxon. Chemical Bank war Nummer 4 und J. P. Morgan war Nummer 5. Beide sind jetzt Teil von JP Morgan Chase. Banker’s Trust wurde auch der größte Aktionär von Mobil. BP listete Morgan Guaranty als seinen größen Aktionär im Jahre 1993, während Amoco Banker’s Trust als Nummer 2-Aktionär führte. Chevron listete Banker’s Trust als Aktionär Nummer 5, während Texaco JP Morgan als Nummer 4-Eigentümer und Banker’s Trust als Nummer 9 führte.“ [99]

Diese Verflechtungen wiederum sind aufs Engste verknüpft mit dem, was sich die „Rockefeller-Welt“ nennen lässt.


Die „Rockefeller-Welt“

Wappen der Rockefeller-Familie

Wappen der Rockefeller-Familie

Um diese kurz und knapp vorzustellen, habe ich einen Essay des kanadischen Politikwissenschaftlers Andrew Gavin Marshall übersetzt, der feststellt, dass „es in der Geschichte Amerikas vom späten 19. Jahrhundert bis ins 20. Jahrhundert hinein ziemlich offensichtlich ist, dass die Rockefeller-Familie massiven Einfluss bei der Gestaltung der sozio-politischen und wirtschaftlichen Landschaft der Gesellschaft ausgeübt hat. Doch bis die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts zu Ende ging, gab es mehrere andere große dominante Familien, mit denen die Rockefellers die Macht teilten, namentlich vor allem mit den Morgans. Im Laufe des Jahrhunderts verbanden sich ihre Interessen noch weiter, und nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Rockefellers zur dominierenden Gruppe in Amerika, und wohl auch der Welt. Natürlich gab es die gut etablierten Geschäftsbeziehungen zwischen den großen Familien, welche aus der amerikanischen Industriellen Revolution, die ins 20. Jahrhundert überging, aufstiegen, gefolgt von der Gründung der großen Stiftungen, die entwickelt wurden, um sich im ,Social Engineering‘ zu betätigen. Es war innerhalb des Council on Foreign Relations (CFR – Rat für außenpolitische Beziehungen), dass die sich verändernde Dynamik des Morgan-Rockefeller-Clans am deutlichsten wurde.

Der Council on Foreign Relations ist die ultimative Netzwerk-Institution der amerikanischen Elite. Der Einfluss des CFR ist einmalig unter anderen Think Tanks. Eine Studie ergab, dass zwischen 1945 und 1972 rund 45% der Top-Außenpolitik-Beamten, die in der Regierung der Vereinigten Staaten dienten, auch Mitglieder des Rates waren, was ein prominentes Mitglied einmal damit erklärte, dass die Mitgliedschaft im Rat im Wesentlichen ein ,Eintrittsritual‘ für eine Mitgliedschaft im außenpolitischen Establishment ist. Ein Mitglied des Rates, Theodore White, erklärte, dass des Rats ,Mitgliedsliste für eine Generation, unter republikanischen und demokratischen Regierungen gleichermaßen, der Hauptnährboden für das Anwerben von Kabinettsbeamten in Washington gewesen ist.‘ [100]

Die CIA … ist auch kein Fremder gegenüber diesem Netzwerk, da in den ersten Jahrzehnten des Bestehens der Behörde ihre Führungskräfte eher öfter als nicht aus Ratsmitgliedern gewählt wurden, wie Allen Dulles, John A. McCone, Richard Helms, William Colby und George H.W. Bush. Wie einige Forscher untersucht haben:

,Der einflussreiche, aber private Rat, der sich aus mehreren Hundert politischen, militärischen, wirtschaftlichen und akademischen Top-Führungskräften zusammensetzt, ist seit langem der wichtigste ,Wahlkreis‘ der CIA in der amerikanischen Öffentlichkeit gewesen. Wenn die Behörde prominente Bürger für ihre eigenen (Schein-)Unternehmen oder für andere besondere Unterstützungen benötigte, hat sie sich oft an Mitglieder des Rats gewendet.‘ [101]

Rund 42% der obersten außenpolitischen Positionen in der Truman-Regierung wurden von Ratsmitgliedern ausgefüllt, von 40% in der Eisenhower-Administration, von 51% in der Kennedy-Regierung und 57% in der Johnson-Administration, von denen viele Überbleibsel aus der Kennedy-Regierung waren.  [102] Der Rat hatte und hat weiterhin großen Einfluss in den Mainstream-Medien, durch die er in der Lage ist, seine Ideologie zu verbreiten, seine Agenda voranzutreiben und seinen Einfluss zu verbergen. Im Jahre 1972 waren drei von zehn Direktoren und fünf von neun Führungskräften der New York Times Ratsmitglieder. Im selben Jahr war eines von vier redaktionellen Führungskräften und vier von neun Direktoren der Washington Post auch Mitglieder des Rates, einschließlich ihrer Präsidentin, Katharine Graham, sowie des Vizepräsidenten Osborn Elliott, der auch Chefredakteur von Newsweek war. Sowohl vom Time Magazine als auch von Newsweek waren fast die Hälfte der Direktoren im Jahre 1972 Mitglieder des Rates. [103]

Der Rat hat auch umfangreiche Verbindungen zu den anderen großen amerikanischen Think Tanks, vor allem zum Brookings Institute sowie zur RAND Corporation, dem Hudson Institute, der Foreign Policy Association, und natürlich zu den Spezial-Stiftungen wie dem Carnegie Endowment for International Peace, von denen fünfzehn seiner 21 Treuhänder (Stand 1971) auch Mitglieder des Rates waren, und ihr Präsident von 1950 bis 1971, Joseph E. Johnson, war während des gleichen Zeitraums auch ein Direktor des Rates. [104]

Der Rat und die großen philantropischen Stiftungen verfügten nicht bloß über umfangreiche Beziehungen zueinander, sondern auch durch die Zusammenarbeit beim Aufbau von Forschungs- und Studienprogrammen in der Außenpolitik. Das Außenministerium der USA unternahm eine Studie von 191 Forschungszentren für außenpolitische Angelegenheiten, die mit Universitäten verbunden waren. Die Studie ergab, dass die größten Quellen der Finanzierung von der Ford-Stiftung (die 107 von den 191 Zentren förderte), der Bundesregierung (die 67 Zentren förderte), der Rockefeller-Stiftung (18 Zentren) und der Carnegie Corporation (17 Zentren) kamen, und dass ,für elf der Top-Zwölf-Universitäten mit Instituten für internationalen Studien Ford die wichtigste Quelle der Finanzierung ist.‘  [105] Diese Stiftungen, abgesehen davon, dass sie für den Rat im Laufe der Jahre von seinen Ursprüngen an große Finanzierungsquellen waren, teilen sich auch umfangreiche Führungskräftebeziehungen mit dem Rat. An der Spitze der Liste steht die Rockefeller-Stiftung, von neunzehn ihrer Direktoren im Jahre 1971 waren vierzehn auch Mitglieder des Rates; die Carnegie-Corporation folgte mit zehn von siebzehn; dann kam die Ford-Stiftung mit sieben von sechzehn; und der Rockefeller Brothers Fund mit sechs von elf Vorstandsmitgliedern, die auch Mitglieder des Rates waren. Es sollte ebenfalls darauf hingewiesen werden, dass das Carnegie-Netzwerk über die Carnegie Corporation hinausging und auch das Carnegie Endowment, das Carnegie Institute of Washington und die Carnegie Foundation for the Advancement of Teaching umfasste. Von seiner Gründung bis 1972 hatte ein Viertel aller Direktoren des Rates auch als Treuhänder oder als Direktoren von mindestens einer der vielen Carnegie-Stiftungen gedient. John J. McCloy hatte zur gleichen Zeit als Vorsitzender des Rates und der Ford Foundation gedient, von den 1950er Jahren bis in die späten 60er Jahre. [106]

Von allen Netzwerken, die mit dem Rat einhergehen, ist das am stärksten vertretene das der New Yorker Finanzoligarchie. Dies bezieht sich allgemein auf die kapitalistische Klasse, und genauer gesagt auf die Elite der Finanz- und Bankengruppen. In einer Erhebung aus dem Jahre 1969 wurde festgestellt, dass sieben Prozent der gesamten Mitgliedschaft des Rates von den besitzenden Vermögenden besetzt wurde, und weitere 33% von Top-Führungskräften und Direktoren von großen Konzernen. Rund 11% der Mitglieder des Rates hatten Verwandte, die auch Mitglieder waren, und die häufigste Beschäftigung für die Mitglieder des Rates, bei 40%, war in der Wirtschaft. Wenn Medien-Unternehmen hinzuaddiert werden, erreicht die Anzahl fast 50%, von denen weniger als 1% Gewerkschaften oder Organisationen der Arbeiterklasse repräsentieren. [107]

Wenn es um die Führung des Rates geht, so wird sie beinah ausschließlich aus Mitgliedern der herrschenden kapitalistischen Klasse ausgewählt. 22% der Direktoren des Rates hatten Verwandte, die auch Mitglieder des Rates waren. Die Finanzierung für den Rat wurde ebenfalls weitgehend aus dieser Gruppe bezogen, vor allem aus Stiftungen und Unternehmen sowie durch verschiedene Investitionen und den Abonnements für Foreign Affairs. Als der Rat 1929 ein eigenes Gebäude erhielt, trug einer der Direktoren des Rates, Paul Warburg, einen erheblichen Teil dazu bei, und John D. Rockefeller II. gab sogar noch mehr dazu. Als der Rat in ein größeres Gebäude im Jahre 1945 umzog, wurde das Haus von Mrs. Harold Pratt gespendet, deren Mann sein Vermögen mit dem Rockefeller-Unternehmen Standard Oil gemacht hatte, und John D. Rockefeller II. trug $ 150.000 für die Instandhaltung des Hauses bei. Zwischen 1936 und 1946 betrugen die Finanzierungsmittel, die von den großen Stiftungen kamen, im Durchschnitt rund $ 90.000 pro Jahr, zumeist von der Rockefeller Foundation und der Carnegie Corporation stammend, die ihre Finanzierung in den 1950er, 60er und 70er Jahre fortsetzten. Im Jahr 1953 gab die Ford-Stiftung ihren ersten großen Beitrag an den Rat in Höhe von $ 100.000 für eine Studie der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen, die von John J. McCloy geleitet wurde. Im selben Jahr wurde McCloy Vorsitzender des Rates, der Ford Foundation und der sich im Rockefeller-Besitz befindlichen Chase Bank. [108]

Unter den Top-Unternehmen und -Banken, die im Rat vertreten waren (Stand 1969/70), befanden sich: US Steel (gegründet von JP Morgan im Jahr 1901 nach der Übernahme von Andrew Carnegies Stahlunternehmen), Mobil Oil (heute mit Exxon fusioniert), Standard Oil of New Jersey (später zu Exxon Mobil geworden), IBM, ITT, General Electric, Du Pont, Chase Manhattan Bank, JP Morgan und Co. (jetzt mit Chase zu JP Morgan Chase fusioniert), First National City Bank, Chemical Bank, Brown Brothers Harriman, Bank of New York, Morgan Stanley, Kuhn Loeb, Lehman Brothers, und einige andere. [109]

Die New Yorker Finanzoligarchie konnte zuvor in getrennte Gruppen eingeteilt werden, insbesondere in die Rockefeller-Gruppe, die Morgan-Gruppe, die Harriman-Gruppe, die Lehman-Goldman-Sachs-Gruppe, und in ein paar ausgewählte andere. Die Rockefeller-Gruppe enthielt: die Chase Manhattan Bank, Chemical Bank, Bank of New York, Equitable Life, Metropolitan Life, Mobil Oil, Kuhn, Loeb, Milbank, Tweed, Hadley und McCloy (Anwaltskanzlei) und Standard Oil. Die Morgan-Gruppe enthielt: JP Morgan und Co., Morgan Stanley, New York Life, Mutual of New York, Davis – Polk (Anwaltskanzlei), US Steel, General Electric und IBM. Wie Laurence Shoup und William Minter in ihrem Buch über den Rat untersuchten:

,Seit dem Ursprung des Rates und bis in die frühen 1950er Jahre hinein wurde der prominenteste Platz im Rat von Männern besetzt, die mit den Morgan-Interessen verbunden waren. Seit den 1950er Jahren haben die Rockefeller-Interessen die wichtigste Rolle bei der Leitung der Angelegenheiten des Rates übernommen.‘  [110]

Der Rat, der immer schon ein Vertreter der Rockefeller-Interessen war, schien im Jahre 1953 offiziell von Morgan-Händen in die der Rockefeller-Familie überzugehen. Drei von den Söhnen von John D. Rockefeller II, John D. III, Nelson und David, traten dem Rat in den späten 30er und frühen 40er Jahren bei, und David wurde ein Direktor im Jahre 1949. Von 1953 bis 1971 wurde George S. Franklin der Geschäftsführer des Rates. Franklin war ein College-Zimmermitbewohner von David Rockefeller gewesen, und sie wurden durch Heirat miteinander verwandt, und er hatte bei der Anwaltskanzlei Davis – Polk (innerhalb der Morgan-Gruppe) gearbeitet, bevor er ein Assistent von Nelson Rockefeller wurde. 1950 wurde David Rockefeller ein Vizepräsident, und John J. McCloy, ein langjähriger Vertreter der Rockefeller-Gruppe, wurde 1953 der Vorsitzende des Rates sowie der Chase Bank der Rockefellers. Man könnte auch sagen, dass die Rockefeller-Gruppe die Ford-Gruppe in dieser Zeit übernahm, worauf die Übernahme der Position als Vorsitzender der Ford Foundation im gleichen Jahr durch McCloy hinweist (während er auch ein Treuhänder der Rockefeller Foundation war). In den folgenden Jahren wurden mehrere Führungspositionen im Rat von Organisationen innerhalb der Rockefeller-Gruppe besetzt. John W. Davis, Robert Roosa und Bill Moyers waren alle Ratsführungsfiguren, die mit der Rockefeller Foundation verbunden waren. [111]

Als die Jahre und Jahrzehnte vergingen, wurde die Rockefeller-Gruppe noch mächtiger und dominanter im amerikanischen Establishment und in der Tat auf der ganzen Welt, indem sie sich neben der Familie Rothschild als die prinzipiell dynastischen Herrscher der globalisierten Welt etablierte. Selbstverständlich gab und gibt es mehrere Verbindungen zwischen diesen dynastisch herrschenden Familien, vielleicht sogar so sehr, dass es schwierig sein kann, sie völlig voneinander zu unterscheiden. Beide waren an der Gründung der Bilderberg-Gruppe beteiligt und bleiben in ihrer Führung eingebunden. In den 1970er Jahren wurde es jedoch offensichtlich, dass die Rockefellers zur sicherlich einflussreichsten Dynastie in Amerika geworden waren, wenn nicht gar in der Welt (denn Amerika war und ist der imperiale Hegemon der Welt). Genauer gesagt, wuchs David Rockefeller zum vielleicht einflussreichsten Mann in Amerika, wenn nicht der Welt empor.

David Rockefeller machte 1936 seinen Abschuss in Harvard und ging dann zur Schule an der London School of Economics, wo er zum ersten Mal John F. Kennedy begegnete und sogar JKFs Schwester Kathleen den Hof machte.  [112] Während des Zweiten Weltkrieges diente David Rockefeller in Nordafrika und Frankreich, indem er für den militärischen Nachrichtendienst arbeitete.   [113] 1947 wurde er Vorstandsmitglied des Carnegie Endowment for International Peace, ein bedeutender internationaler Think Tank. Es war ein Job, der ihm vom Carnegie-Präsidenten, Alger Hiss, angeboten wurde. Weitere Mitglieder des Vorstands waren John Foster Dulles, der im 1953 Außenminister werden sollte; Dwight D. Eisenhower, der 1953 US-Präsident werden sollte; und Thomas J. Watson, der CEO von IBM.  [114] Thomas J. Watson hatte zuvor die tiefe Geschäftsbeziehung von IBM zu Hitler bei der Bereitstellung der technischen Anlagen für die Organisation des Holocaust beaufsichtigt.  [115] 1949 trat David Rockefeller dem Vorstand des Council on Foreign Relations bei. 1946 hatte er sich der Chase Bank angeschlossen, im Laufe der Jahre stieg er bis zur Ernennung zum Präsidenten im Jahre 1960 auf, und 1969 wurde er Vorsitzender und CEO von Chase Manhattan.

David Rockefeller besaß schon lange familiäre Bindungen zu den Dulles-Brüdern, die er persönlich seit seiner College-Zeit kannte.  [116] Allen Dulles war der CIA-Direktor und John Foster Dulles war der Außenminister Eisenhowers. David war ebenfalls verbunden mit Richard Helms, dem ehemaligen Top-CIA-Beamten, sowie mit Archibald Roosevelt Jr., einem ehemaligen CIA-Agenten, der bei Chase Manhattan gearbeitet hatte, und mit dessen Bruder Kermit Roosevelt, ein weiterer CIA-Agent, der 1953 für die Organisation des Putsches im Iran verantwortlich war.  [117] David Rockefeller entwickelte auch enge Verbindungen zu einem weiteren ehemaligen CIA-Agenten, William Bundy, der enge Beziehungen zu CIA-Direktor Allen Dulles unterhielt und später im Verteidigungs- und Außenministerium sowohl in der Regierung von John F. Kennedy als auch von Lyndon Johnson diente, wo er eine zentrale Beraterfunktion für Fragen des Vietnam-Kriegs innehatte. 1971, ein Jahr, nachdem David Rockefeller Vorsitzender des Council on Foreign Relations geworden war, wurde Bundy von David eingeladen, der Herausgeber von Foreign Affairs zu werden, der einflussreichen Zeitschrift des Council on Foreign Relations, die er dann 11 Jahre lang leitete.  [118] David wurde auch ausführlich über verdeckte geheimdienstliche Operationen von verschiedenen CIA-Abteilungsleitern unter Anweisung von Direktor Allen Dulles informiert, Davids ,Freund und Vertrautem.‘ [119]

Somit war David Rockefeller in den frühen 1970er Jahren auf eine Position von großem Einfluss als Vorsitzender des Rates und der Chase Manhattan emporgestiegen, die ihn ins Zentrum jenes Netzes platzierte, das Amerikas imperiale Interessen definiert, entwickelt und von ihnen profitiert.“

Die Entwicklung des „Imperiums USA” während und nach dem Zweiten Weltkrieg ist auf das Wirken dieses eingegrenzten Zirkels zurückzuführen und stellt keineswegs einen „historischen Unfall” dar – sprich „etwas, in das Amerika scheinbar als Ergebnis seines ungehinderten wirtschaftlichen Wachstums und der militärisch-politischen Position als Schiedsrichter der Welt über Frieden und Wohlstand hineinstolperte“ –, wiewohl ganze Bibliotheken mit Büchern gefüllt werden könnten, die das „American Empire” oder die „amerikanischen Hegemonie” als eine rein zufällige (wenn auch aus ihrer Sicht begrüßenswerte) Laune der Geschichte hinstellen.

„Robert Kagan ist ein prominenter amerikanischer neokonservativer Historiker. Er ist Senior Fellow an der renommierten Denkfabrik des Brookings Institute, war einer der Gründer des neokonservativen Project for the New American Century (PNAC – Projekt für das neue amerikanische Jahrhundert), arbeitete früher im Außenministerium der USA in der Reagan-Administration unter Außenminister George Shultz, und diente seit über einem Jahrzehnt als Senior Associate beim Carnegie Endowment for International Peace, und natürlich ist er ein Mitglied des Council on Foreign Relations. Kagan hat sehr viel über den Begriff der amerikanischen Hegemonie geschrieben. Wie er im Jahre 1998 in der Zeitschrift Foreign Policy schrieb: ,Die Wahrheit über die dominierende Rolle Amerikas in der Welt ist den meisten internationalen Beobachtern mit klaren Augen bekannt.‘

Diese Wahrheit, laut Kagan, ,ist, dass die wohlwollende Hegemonie, die durch die USA ausgeübt wird, gut für einen riesigen Teil der Weltbevölkerung ist.‘ Samuel Huntington, ein weiteres Mitglied des Rates und prominenter amerikanischer Stratege, schrieb: ,Eine Welt ohne US-Vorherrschaft wird eine Welt mit mehr Gewalt und Unordnung und weniger Demokratie und wirtschaftliches Wachstum sein als eine Welt, in der die Vereinigten Staaten weiterhin mehr Einfluss als jedes andere Land in globalen Angelegenheiten haben.‘  [120] Dieses ,wohlwollende Imperium‘ – wie Kagan seinen Artikel betitelte – beruht auf so grundlegenden Ideen wie der Vorstellung, ,dass die amerikanische Freiheit abhängig ist vom Überleben und der Verbreitung der Freiheit an anderer Stelle‘, und dass ,amerikanischer Wohlstand nicht in Abwesenheit globalen Wohlstands auftreten kann.‘ Seit einem halben Jahrhundert, schrieb Kagan, sind die Amerikaner ,durch die Art des aufgeklärten Eigeninteresses geleitet worden, das in der Praxis gefährlich nahe an Großzügigkeit herankommt.‘ [121]

Sebastian Mallaby, ein Senior Fellow des Council on Foreign Relations, früheres Mitglied der Chefredaktion und ehemaliger Kolumnist der Washington Post sowie Korrespondent und Büroleiter für The Economist, schrieb in der Zeitschrift Foreign Affairs, dass ,Imperien nicht immer geplant sind‘, indem er sich auf Amerika als ,den zurückhaltenden Imperialisten‘ bezieht.  [122] Lawrence Summers, ein weiterer prominenter Ökonom, Politiker und politischer Entscheidungsträger für die Clinton- und Obama-Regierungen, wies auf Amerika als ,die einzige nicht-imperialistische Supermacht der Geschichte‘ hin.  [123] Niall Ferguson, ein prominenter britischer liberaler Wirtschaftspolitik-Historiker, hat ausführlich über die offene Anerkennung des ,American Empire‘ geschrieben, sieht aber, wie er es in seinem Buch Colossus getan hat, ,dass die Vereinigten Staaten ein Imperium sind, und das ist möglicherweise nicht ganz schlecht.‘ Bezugnehmend auf Amerika als ,unbewussten Koloss‘, betonte Ferguson, dass ,ein selbstbewusster amerikanischer Imperialismus vorteilhafter sein könnte als die verfügbaren Alternativen.‘  [124] Ferguson unterstreicht in der Tat die Notwendigkeit für die Amerikaner, ,die imperialen Eigenschaften ihrer eigenen heutigen Macht zu erkennen [geschrieben 2005] und, wenn möglich, aus den Erfolgen und Misserfolgen der vergangenen Imperien zu lernen.‘ Dies, so empfand Ferguson, würde die sogenannten ,Gefahren‘ eines ,abgeleugneten Imperiums‘ reduzieren. [125]

Arthur Schlesinger Jr., der berühmte amerikanische liberale Historiker und Berater von Präsident Kennedy, schrieb, dass die Vereinigten Staaten ,ein informelles Imperium‘ genießen, ,Militärbasen, rechtliche Truppen-Vereinbarungen, Handelszugeständnisse, multinationale Konzerne, kulturelle Durchdringungen und andere Gefälligkeiten‘, und doch, so macht Schlesinger geltend, ,sind (diese) marginal gegenüber dem Thema direkter Kontrolle‘“. Indem die USA „weit entfernt vom Beherrschen eines Imperiums im alten Sinne“ seien, wären sie „,der virtuelle Gefangene ihrer Vasallenstaaten geworden‘.  [126] Einige andere Kommentatoren haben Amerika als ,virtuelle‘ oder sogar ,versehentliche‘ imperiale Macht bezeichnet.  [127]

Die Vorstellung von Amerika als einem ,zurückhaltenden Imperialisten‘ oder eines ,wohlwollenden Imperiums‘ ist nicht neu. Dies ist die Hauptstütze in der wissenschaftlichen Literatur und in den Politik-Planungskreisen gewesen, um die Existenz der amerikanischen Vorherrschaft in der Welt sowohl zu befürworten als auch zu rechtfertigen. Das Konzept der widerstrebenden, aber wohlwollenden Großmacht präsentiert das Bild einer pflichtbewussten Person, die denen, die sich in Not befinden, zu Hilfe eilt, dabei einer Verantwortung folgend, die sich aus großer Macht ableitet. … Dieser Mythos ist eine konstante Grundlage für die Befürwortung und Rechtfertigung des Imperiums gewesen.“

Der Zweite Weltkrieg bot die große Möglichkeit, die Grundlage für diesen Mythos zu schaffen, und er bot „eine neue Herausforderung für Amerika in der Welt. Die Gelegenheit war, das mächtigste Imperium der Welt zu werden, das die Geschichte je erlebte; die Herausforderung war somit, es in explizit anti-imperialistischer Rhetorik zu rechtfertigen. Amerika war also kein zögerndes oder zufälliges Imperium, noch war es, was das betrifft, ein wohlwollendes. Amerika wurde ausgewählt, um ein Imperium zu sein; es wurde strategisch angelegt, diskutiert, debattiert, geplant und umgesetzt. Die wichtigsten Architekten dieses Imperiums waren die Banker und Konzerne, die aus der Industriellen Revolution Amerikas im späten 19. Jahrhundert entstanden, die philanthropischen Stiftungen, die sie im frühen 20. Jahrhundert gründeten, die prominenten Denkfabriken, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geschaffen wurden, und die großen Wissenschaftler, Strategen und politischen Entscheidungsträger, die aus den von den Stiftungen geförderten Universitäten, Instituten, Think Tanks und der Wirtschaft kamen, und die die Korridore der Macht in den Planungskreisen dominierten, in denen die Politik gemacht wurde.

Kaum hatte der Zweite Weltkrieg begonnen, da begannen die amerikanische Strategen nach einem neuen globalen amerikanischen Imperium zu rufen. Henry R. Luce, ein Yale-Absolvent und Gründer des Time Magazine, von Life und Fortune, war einer der einflussreichsten Verleger Amerikas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ein starker Befürworter der Republikanischen Partei und virulent antikommunistisch, war Luce auch ein überzeugter Verfechter des Faschismus in Europa – vor allem in Mussolinis Italien und in Nazi-Deutschland – als Mittel zur Verhinderung der Ausbreitung des Kommunismus. 1941 schrieb Luce einen berühmten Artikel in Life mit dem Titel ,The American Century‘, in dem er erklärte: ,Das 20. Jahrhundert muss zu einem erheblichen Grad ein amerikanisches Jahrhundert sein.‘ Luce schrieb, dass Amerika ,das undefinierbare, untrügliche Zeichen von Führung hat: Prestige.‘ Anders als bei früheren Imperien wie Rom, dem von Dschingis Khan oder dem imperialen Großbritannien, wäre ,das amerikanische Prestige in der ganzen Welt der Glaube an die guten Absichten sowie die letztliche Intelligenz und die letztliche Festigkeit des ganzen amerikanischen Volks.‘  [128] Luce empfand, dass das ,Leben in Fülle‘ von Amerika ,für die ganze Menschheit‘ verfügbar gemacht werden sollte, sobald die Menschheit ,Amerikas Vision‘ erfassen würde. Luce schrieb:

,Es muss ein Teilen unserer Bill of Rights, unserer Unabhängigkeitserklärung, unserer Verfassung, unseren großartigen industriellen Produkten, unserer technischen Fähigkeiten mit allen Völkern sein. Es muss ein Internationalismus des Volkes, durch das Volk und für das Volk sein. … Wir müssen uns jetzt verpflichten, der barmherzige Samariter der ganzen Welt zu sein.‘ [129]

Während Luce womöglich der erste Theoretiker war, der den spezifischen Begriff des ,American Century‘ setzte, wurde die eigentliche Arbeit, um dieses Jahrhundert (oder zumindest die zweite Hälfte davon) für Amerika zu schaffen, hauptsächlich durch den Council on Foreign Relations und den prominenten Strategen Dean Acheson initiiert. Als Deutschland 1939 Polen überfiel, gab Dean Acheson eine Rede an der Yale-Universität mit dem Titel ,Eine amerikanische Haltung gegenüber auswärtigen Angelegenheiten‘, in der er eine Vision von Amerika in der nahen Zukunft artikulierte, und es war, wie er sich später erinnerte, zum Zeitpunkt des Haltens dieser Rede, dass Acheson die ,Arbeit an einem neuen Nachkriegsweltsystem‘ begann. Acheson erklärte in seiner Rede, dass ,unsere vitalen Interessen … uns nicht erlauben, gleichgültig zu sein gegenüber dem Ergebnis der Kriege‘, die in Europa und Asien ausbrachen. Die Ursache des Krieges war laut Acheson ,das Versagen einiger Mechanismen der Weltwirtschaft des 19. Jahrhunderts‘, das in ,diesem Auseinanderbrechen der Welt in exklusive Bereiche für die bewaffnete, verwaltete Ausbeutung entlang orientalischer Linien‘ resultierte. Die Wiederherstellung eines Weltfriedens, sagte Acheson, würde ,einen breiteren Markt für Waren, die unter menschenwürdigen Standards hergestellt werden‘, erfordern, als auch ,ein stabiles internationales Währungssystem‘ und die Beseitigung von ,exklusiven Präferenzhandelsabkommen.‘ Im Grunde war es ein Eintreten für eine globale liberale Wirtschaftsordnung als Mittel zum Frieden in der Welt, und ohne einen Anflug von Ironie forderte Acheson sodann die sofortige Einrichtung einer ,Marine und Luftwaffe, die adäquat ist, um uns in beiden Ozeanen gleichzeitig zu schützen, und mit einer Schlagkraft ausgerüstet, die ausreicht, um die andere Seite eines jeden von ihnen sicher zu erreichen.‘  [130] Dean Acheson war ebenfalls eng an den Plänen des Council on Foreign Relations für die Gestaltung der Nachkriegs-Weltordnung beteiligt.


Der Council on Foreign Relations und die “Grand Area”

Bevor Amerika überhaupt in den Krieg Ende 1941 eingetreten war, hatte der

Harold Pratt House – Sitz des CFR in New York City

Harold Pratt House – Sitz des CFR in New York City

(CFR) die Planung für den angenommenen Eintritt Amerikas in den Krieg begonnen. … Als der Krieg ausbrach, begann der Rat ein ,streng vertrauliches‘ Projekt mit dem Namen der Kriegs- und Friedens-Studien (War and Peace Studies), in denen Top-CFR-Mitglieder mit dem US-Außenministerium an der Festlegung der US-Politik kollaborierten, und das Projekt wurde vollständig von der Rockefeller Foundation finanziert.  [131] Das War and Peace Studies-Projekt wartete mit einer Reihe von Initiativen für die Nachkriegs-Welt auf. Eines der wichtigsten Ziele, die es ausbreitete, war die Identifizierung jener Bereiche der Welt, die Amerika kontrollieren müsste, um ein starkes Wirtschaftswachstum zu erleichtern. Dies wurde als die ,Grand Area‘ bekannt, und sie enthielt:

Lateinamerika, Europa, die Kolonien des britischen Empire und ganz Südostasien. Südostasien war als eine Quelle von Rohstoffen für Großbritannien und Japan und als Verbraucher von japanischen Produkten notwendig. Als das amerikanische nationale Interesse wurde die Integration und die Verteidigung der Grand Area definiert, was zu den Plänen für die Vereinten Nationen, des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank führte, und schließlich zu der Entscheidung, Vietnam gegen eine kommunistische Machtübernahme um jeden Preis zu verteidigen. [132]

1940 begann der Council on Foreign Relations auch eine breit angelegte Studie über die ökonomischen Bedürfnisse der Vereinigten Staaten in Kriegszeiten (vor Eintritt der USA in den Krieg), bei der die Welt in vier Haupt-Blöcke geteilt wurde: Kontinentaleuropa (das zu der Zeit von Deutschland beherrscht wurde), die US-westliche Hemisphäre, das Vereinigte Königreich samt seiner Kolonial- und Commonwealth-Nationen sowie die fernöstliche Pazifik-Region einschließlich Japan, China und Niederländisch-Ostindien. Die Studie erstellte eine Liste der wichtigsten Importe und Exporte der jeweiligen Region. Nach Abschluss der Studie im Herbst 1940 schickte der Rat seine Schlussfolgerungen und Empfehlungen an Präsident Roosevelt und ans Außenministerium. Die Schlussfolgerungen hielten fest, dass die Vereinigten Staaten größere Exportmärkte für ihre Produkte benötigten, und in Besonderheit, dass die USA ,living space‘ (oder wie der deutsche Nazi-Staat ihn bezeichnete, Lebensraum) in der gesamten westlichen Hemisphäre und darüber hinaus bräuchten, sowie eine Handels- und Wirtschaftsintegration mit den Blöcken des Fernen Ostens und des britischen Empire / Commonwealth. In dem Bericht hieß es unverblümt: ,Als Minimum umfassen die amerikanischen ‘nationalen Interessen’ den freien Zugang zu Märkten und Rohstoffen des britische Empire, des Fernen Ostens und der gesamten westlichen Hemisphäre.‘ [133]

Das war der Grundstein für die Grand Area-Entwürfe des Rates in der Nachkriegszeit. Das Grand Area-Projekt betonte, dass für das Management der ,Grand Areas‘ der Welt durch Amerika multilaterale Organisationen erforderlich wären, um ,geeignete Maßnahmen in den Bereichen Handel, Investitionen und Währungsordnung‘ zu erleichtern. Die Studie betonte fernerhin die Notwendigkeit zur Aufrechterhaltung einer ,militärischen Überlegenheit‘, um die Kontrolle über diese Bereiche zu erleichtern. Wie der Report des Rates von 1940 an das US-Außenministerium erklärte: ,Die wichtigste Erfordernis für die Vereinigten Staaten in einer Welt, in der sie vorschlägt, unbestrittene Macht innezuhaben, ist die schnelle Erfüllung eines Programms zur kompletten Aufrüstung‘, was ,erhöhte Militärausgaben und andere Risiken beinhalten‘ würde. [134]

Während das Grand Area-Projekt für die Vereinigten Staaten im Laufe des Zweiten Weltkriegs gemacht und entworfen wurde, enthielt es Pläne für die Nachkriegszeit und umfasste in seiner Konzeption Kontinentaleuropa im Anschluss an die angenommenen Niederlage von Deutschland. Womit, wie der Ökonom Ismael Hossein-Zadeh schrieb, ,die Grand Area global gemacht wurde.‘ Die Idee hinter der ,Grand Area‘ war ,sogar noch grandioser – eine Weltwirtschaft, die durch die Vereinigten Staaten dominiert wird‘, und die Studie selbst schlug vor, dass die Grand Area ,dann ein organisierter Nukleus für den Aufbau einer integrierten Weltwirtschaft nach dem Krieg sein würde.‘  [135] Wie Shoup und Minter in ihrer Studie über den Rat, Imperial Brain Trust, schrieben, ,mussten die Vereinigten Staaten in den Krieg eintreten und eine neue Weltordnung zur Zufriedenheit der Vereinigten Staaten organisieren.‘  [136] Wohlwollend, in der Tat.

Nach Pearl Harbor und dem Eintritt der USA in den Krieg, hatte der Rat bereits 1941 das Fazit gezogen, dass die Niederlage der Achsenmächte nur eine Frage der Zeit sei. Dementsprechend trieben sie ihre Pläne für die Nachkriegszeit voran, die Grand Area dahingehend erweiternd, ,den gesamten Globus zu umfassen. Eine neue Weltordnung mit internationalen politischen und wirtschaftlichen Institutionen wurde projiziert, die alle Nationen der Erde unter der Führung der Vereinigten Staaten verbinden und integrieren würde. Die Vereinheitlichung der ganzen Welt war nun das Ziel des Council [on Foreign Relations] und der staatlichen Planer.‘ [137]

Als Teil dieses Planungsprozesses bildete das US-Außenministerium den Beratenden Ausschuss zur Nachkriegs-Außenpolitik (Advisory Committee on Postwar Foreign Policy) im späten Dezember 1941, dessen erstes produziertes Dokument ,die Gefahr einer erneuten Weltwirtschaftskrise und die Notwendigkeit zur Schaffung von Vertrauen in die Stabilität der Weltwirtschaft betonte.‘ Deshalb ,mussten die Vereinigten Staaten an den inneren Angelegenheiten der wichtigsten Industrie- und Rohstoffe produzierenden Länder beteiligt sein.‘ Eine zentrale Frage dabei war, wie einer der Nachkriegszeit-Planer artikulierte: ,Wie schafft man Kaufkraft außerhalb unseres Landes, die sich in inländische Kaufkraft durch den Export umwandelt.‘ Die Idee drehte sich darum, ,entsprechende Institutionen auszuarbeiten‘, die diese Rolle erfüllen würden, was schließlich zur Bildung des IWF und der Internationalen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (später als Weltbank bekannt) führte. Die Nachkriegs-Planer mussten ständig eine Idee von einer internationalen Ordnung konstruieren, die von den Vereinigten Staaten ausgerichtet war und nicht so leicht der formalen Kolonialzeit oder ihrer Methoden ausgeübter Hegemonie ähnelte. [138]

Empfehlungen des Rates schlugen vor, dass solche neuen internationalen Finanzinstitutionen notwendig wären im Sinne von ,Stabilisierung von Währungen und der Erleichterung von Programmen der Kapitalinvestition für konstruktive Unternehmungen in rückständigen und unterentwickelten Regionen.‘ Diese Pläne enthielten die Errichtung einer Internationalen Wiederaufbaufinanzunternehmung (International Reconstruction Finance Corporation) und einer ,internationalen Investment-Agentur, die den Welthandel und Wohlstand durch Erleichterung von Investitionen in Programme zur Entwicklung der ganzen Welt fördern würde.‘ Diese Pläne wurden in Empfehlungen ausgearbeitet und an Präsident Roosevelt und das Außenministerium übergeben. [139]

Ein Mitglied des Rates schlug vor: ,Es könnte klug sein, zwei Finanzinstitute einzurichten: eines ein internationales Währungsaustausch-Gremium und eines eine international tätige Bank für kurzfristige Transaktionen, die nicht direkt mit einer Stabilisierung zu tun haben.‘ Somit hat der Rat im Jahr 1941 und 1942 Pläne erarbeitet, die in der Bildung der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds (IWF) mündeten, die formal aus der Konferenz von Bretton Woods 1944 hervorgingen, ein Ereignis, das gemeinhin als die ,Geburtsstätte‘ der Weltbank und des IWF anerkannt wird, dabei die ideologischen Wurzeln im Council on Foreign Relations zwei bis drei Jahre vorher ignorierend. Die internen Abteilungsausschüsse, die im Außenministerium und dem Schatzamt eingerichtet wurden, waren mit Ratsmitgliedern besetzt, die die endgültigen Pläne für die Schaffung dieser beiden wichtigen Institutionen ausarbeiteten. [140]

Während der Völkerbund ein wichtiges Ziel des von der Rockefeller-Foundation und Carnegie-Corporation finanzierten Council on Foreign Relations nach dem Ersten Weltkrieg gewesen war, so waren es die Vereinten Nationen gegen Ende des Zweiten Weltkriegs. Ein Lenkungsausschuss, bestehend aus US-Außenminister Cordell Hull und fünf Council on Foreign Relations-Mitgliedern, wurde 1943 gegründet. Eines der Mitglieder des Rates, Isaiah Bowman, schlug einen Weg vor, um das Problem der Aufrechterhaltung wirksamer Kontrollen über schwächere Gebiete bei gleichzeitiger Vermeidung offener imperialer Eroberung zu lösen. Bei einem Treffen des Council [on Foreign Relations] im Mai 1942 erklärte er, dass die Vereinigten Staaten die Stärke ausüben müssten, die nötig sei, um ,Sicherheit‘ zu garantieren, und um gleichzeitig ,konventionelle Formen des Imperialismus zu vermeiden.‘ Die Art und Weise, dies zu tun, argumentierte er, war, diese Befugnis internationalen Charakters durch ein Organ der Vereinten Nationen auszuüben. [141]

Der ,geheime Lenkungsausschuss‘, später informelle Agenda-Gruppe (Informal Agenda Group) genannt, unternahm eine Reihe von Konsultationen und Treffen mit ausländischen Regierungen, die unerlässlich bei der Schaffung der neuen Institution waren, einschließlich der Sowjetunion, Kanada und Großbritannien, und die Charta der Vereinten Nationen wurde anschließend mit dem Einverständnis von Präsident Roosevelt im Juni 1944 beschlossen.  [142] Die informelle Agenda-Gruppe bestand aus sechs Personen, darunter Außenminister Cordell Hull. Alle von ihnen, mit Ausnahme von Hull, waren Mitglieder des Rates. Präsident Roosevelt hatte sie als ,meine Nachkriegs-Berater‘ bezeichnet, und abgesehen von formalen politischen Empfehlungen ,dienten‘ sie ,als Berater des Außenministers und des Präsidenten für die endgültigen Entscheidungen.‘ Im Dezember 1943 wurde ein neues Mitglied in die Gruppe aufgenommen, Vize-Außenminister Edward R. Stettinius Jr., der nicht nur ein Mitglied des Rates war, sondern ein ehemaliger Top-Manager bei der United States Steel, und außerdem war er der Sohn eines Partners in der JP Morgan Bank. Nachdem die Gruppe die Empfehlungen für ein Organ der Vereinten Nationen erarbeitet hatte, bat Außenminister Cordell Hull drei Juristen, über ihre Verfassungsmäßigkeit zu befinden. Die drei Anwälte, die er wählte, waren Charles Evan Hughes, John W. Davis und Nathan L. Miller. Hughes und Davis waren beide Mitglieder des Rates, und John Davis war sogar ein ehemaliger Präsident des Rates und blieb ein Direktor.  [143] John D. Rockefeller Jr. spendete den Vereinten Nationen anschließend $ 8.5 Millionen, um das Grundstück für ihren Hauptsitz in New York City zu kaufen. [144]


Professor Carroll Quigley und der Artikel, der zu wenig sagte

Nun ist es vielleicht interessant zu erfahren, wo dieser überaus einflussreiche Council on Foreign Relations eigentlich herkommt, was er ist, und was er nicht ist. Um darüber ein wenig Klarheit zu verschaffen, möchte ich Sie vertraut machen mit einer Kontroverse um die historischen Untersuchungen von Carroll Quigley – Untersuchungen, die eine mehrjährige, privilegierte Original-Forschung in den Archiven des Royal Institute of International Affairs in London und des Council on Foreign Relations in New York City umfassten.

Aus dem Grunde folgt zu dieser Kontroverse ein Essay von Kevin Cole, den ich ins Deutsche übersetzte.  [145] Es handelt sich dabei, wie ich finde, um eine faszinierende Geschichte, die zu erzählen lohnt.

Cole schreibt:

„Am 23. März 1975 erschien ein Artikel im Washington Post Sunday Magazine mit dem Titel ,Der Professor, der zu viel wusste‘, und dem Untertitel: ,Durch das Entleihen ein paar wichtiger Seiten aus seinem Buch, wird Gelehrter zum unwilligen Helden der Ultra-Rechten.‘

Der Zweck des Artikels scheint es gewesen zu sein, die Kontroverse um den geschätzten Professor für Geschichte an der Georgetown University, Carroll Quigley (1910-1977), nach der Veröffentlichung, Unterdrückung und Piraterie seines Opus Magnum Tragedy and Hope: A History of the World in Our Time (Tragödie und Hoffnung: Eine Geschichte der Welt in unserer Zeit) hervorzuheben, das 1966 veröffentlicht und in den 20 Jahren zwischen 1945 bis 1965 erschöpfend erforscht und geschrieben worden war.

Für alle, die nicht mit der historischen Bedeutung dieses einflussreichen Autors und Professors vertraut sind, sei gesagt, dass er in den Vordergrund des öffentlichen Bewusstsein gebracht wurde, als der ehemalige Student, Rhodes Scholar und Präsident der Vereinigten Staaten, William Jefferson Clinton, ihn öffentlich in seiner Rede auf der Democratic National Convention im Jahre 1992 anerkannte.

,Als Teenager hörte ich John Kennedys Aufruf zur Staatsbürgerschaft. Und dann, als Student in Georgetown, hörte ich diesen Aufruf von einem Professor namens Carroll Quigley verdeutlicht, der uns sagte, dass Amerika die größte Nation in der Geschichte ist, weil unser Volk immer an zwei Dinge geglaubt hat: dass morgen besser sein kann als heute, und dass jeder von uns eine persönliche moralische Verantwortung hat, es dazu zu machen.‘

– Präsident William Jefferson Clinton

Professor Quigley erhielt seinen BA, MA und Ph.D von der Harvard-Universität und unterrichtete Regierungsstudien und Geschichte in Princeton und Harvard, ehe er an die Georgetown University umzog. Dort wurde er Professor für Geschichte der School of Foreign Service auf Wunsch von Vater Edmund Walsh, Societas Jesu, der die Schule (SFS) an der Georgetown University im Jahre 1919 gegründet hatte. Im Laufe der Jahre wurde Quigley Berater des US-Verteidigungsministeriums, der Marine, des Außenministeriums, des Kongressausschusses, der die NASA schuf, und Berater des Smithsonian Institute.

Quigley kam zunächst nach Georgetown, um ,Entwicklung der Zivilisation‘ zu lehren, was auf früheren Versionen seines ersten Buches beruhte, The Evolution of Civilizations. Während sein Einfluss auf seine Schüler, die Schule und Dozenten gut dokumentiert ist, ist er nunmehr besser für seine Bücher bekannt. Die letztgültige Ausgabe der ,Evolution der Kulturen‘ wurde 1961 veröffentlicht, gefolgt von Tragedy and Hope 1966, The World Since 1939: A History (Die Welt seit 1939: Eine Geschichte) 1968 (eine abgespeckte Auszugs-Version der zweiten Hälfte von T & H), und zwei Bücher, die beide posthum veröffentlicht wurden: The Anglo-American Establishment: From Rhodes to Cliveden (Das anglo-amerikanische Establishment: Von Rhodes bis Cliveden) (1981) und Weapons Systems and Political Stability: A History (Waffensysteme und politische Stabilität: Eine Geschichte) (1983).

In dem oben erwähnten Artikel ,Der Professor, der zu viel wusste‘, wird die Diskussion über Quigleys Werk und Karriere auf eine ,Rechtsaußen‘-gegen-,Linksaußen‘-Dichotomie beschränkt, die der Historizität und Richtigkeit der Behauptungen, die er in seinen berühmtesten und aufschlussreichsten Werken Tragedy and Hope und später The Anglo-American Establishment machte, einen Bärendienst erwies. Dank unabhängiger Forscher wurde eine Audio-Aufnahme von 1974 aus dem Archiv der Universität Georgetown geborgen, die das eigentliche Interview enthält, das für diesen Artikel durchgeführt worden war. Dies ist ein sehr seltenes und offenes Interview von Professor Quigley in einer längeren Diskussion über die ,Kontroverse‘ um Tragedy and Hope. Die Audio-Aufnahme scheint seit mindestens 1998 in der Öffentlichkeit online gewesen zu sein.

,Das Argument, dass die beiden Parteien entgegengesetzte Ideale und Politiken repräsentieren sollen, vielleicht eine der Rechten und die andere der Linken, ist eine dumme Vorstellung, nur akzeptabel für den Doktrinären und für akademische Denker. Stattdessen sollten die beiden Parteien fast identisch sein, so dass das amerikanische Volk bei einer Wahl ,die Gauner rauswerfen‘ kann, ohne dass es zu irgendwelchen tiefgreifenden oder extremen Verschiebungen der Politik kommt.‘

– “Tragedy and Hope: A History of the World in Our Time” von Carroll Quigley

Während wir dankbar dafür sind, dass jemand die Weitsicht hatte, sich hinzusetzen und Quigley aufzunehmen, bevor er einige Jahre später verstarb, kann ich nicht anders als enttäuscht sein über die verpasste Chance, schwierige Fragen zu stellen und über sie in dem Artikel, der folgte, tatsächlich zu berichten. Wir wissen nunmehr vom Anhören des Tonbands, dass der Artikel, der dem Interview folgte, selektiv im Umfang war und auf viele Fälle verzichtete, in denen Carroll Quigley scheinbar in Angst um seine Karriere und/oder Leben war, wenn bestimmte Tatsachen offenbart werden würden. Während des Interviews signalisierte Quigley dem Interviewer unaufhörlich, das Tonbandgerät abzuschalten, ,diskret‘ zu sein, und an einer Stelle erklärte er gar: ,Ich weiß nicht, ob Sie das aufs Band tun wollen‘ … ,Sie müssen meine Zukunft schützen … wie auch Ihre eigene.‘

Doch der Artikel, der verschämt behauptet, dass Quigley ,zu viel wusste‘, versäumt es, Quigleys eigene Aussagen auf dem Band oder eine der im Raume stehenden ,wichtigen Seiten‘ zu adressieren, von denen der Autor behauptet, dass sie von der ,Ultra-Rechten‘ aus dem Zusammenhang gerissen wurden. Statt die Diskussion mit Quigley auf das zu konzentrieren, was er eigentlich in seinen historischen Untersuchungen herausgefunden hatte, die Original-Forschung in den Macht- und Einfluss-Monopolen des Royal Institute of International Affairs und des Council on Foreign Relations enthielten (beide organisiert vom Treuhänder des Letzten Willens und Testaments des britischen Erz-Imperialisten und Gründers von DeBeers Diamond Co., Cecil John Rhodes), vermeidet der Artikel diese Fakten leider und untersucht Personen der sogenannten ,Rechten‘, denen Quigley vorwarf, dass sie seine Arbeiten unterschlagen, falsch interpretiert und plagiiert hätten. Indem er dies tut, vermeidet der Verfasser des Artikels jede wirkliche Untersuchung der historischen ,Secret Society‘ (,Geheimgesellschaft‘), von der Professor Quigley geltend machte, dass er sie in seinen Werken gründlich entlarvt hatte. …

Quigleys Frustration, wenn man das Audio-Interview anhört, scheint von der comic-artigen Weise herzurühren, in der seine gründlich recherchierte Geschichte dargestellt wurde, dass bestimmte Personen einfach den Sinn nicht begriffen, und dass seine ursprüngliche und historische Darstellung der ,Secret Society‘, die er zu beleuchten versuchte, für Profit und politische Vorteile verzerrt worden war.“

Eines der Bücher, das in diesem Zusammenhang genannt wurde, None Dare Call It Conspiracy von Gary Allen, „hatte behauptet, dass Tragedy and Hope die Existenz einer ,machtbesessenen Clique‘ zutage gebracht habe, die ,die Welt kontrollieren und beherrschen will.‘ Quigleys Behauptung war, dass dies nicht wirklich der Fall war, und dass diese Darstellung eine zu starke Vereinfachung der in seinen Forschungen und Büchern enthaltenen tatsächlichen Nuancen war. Er äußerte auch ernsthafte Bedenken, dass die Leute versuchten, jede einzelne Geheimgesellschaft im Laufe der Geschichte mit dem ,anglo-amerikanischen Establishment‘ in Verbindung zu bringen, über das er einen Großteil seines Lebens nachgeforscht hatte, ja, er hatte sogar über einen Zeitraum von mehreren Jahren persönlichen Zugang zu ihren historischen Archiven. Er machte sehr deutlich, dass die Gruppe, die er entblößte, nicht die ,Bayerischen Illuminati‘ waren, und dass diejenigen, die versuchten, Verbindungen zwischen dem Council on Foreign Relations und den Illuminati des 18. Jahrhunderts zu ziehen, sich schuldig machten zu glauben, dass ,alle geheimen Gesellschaften die gleiche Geheimgesellschaft sind‘, fortfahrend, dass ,diese Leute sagen, sie sind alle eins.‘ Quigley diskutiert auch seine Sorge, dass einige Individuen und Gruppen sein Buch ,benutzten‘, um monolithische jüdische Verschwörungstheorien zu fördern, die er ebenfalls absurd fand.“

Eigentlich aber braucht dergleichen nicht weiter erörtert werden, zumindest „wenn das Ziel darin besteht, die Behauptungen, die Professor Quigley selbst in den Druck brachte, objektiv zu untersuchen. Ob andere seinen Text unterschlugen, falsch interpretierten oder missverstanden, sei es ein Teil oder alles von Tragedy and Hope, ist unerheblich für das historische Erbe von Carroll Quigley und eine ehrliche Einschätzung seiner Forschungen und Werke. Die Ansprüche von Insiderwissen über eine sehr komplizierte Geheimgesellschaft, die von Quigley selbst gemacht wurden, verdienten es im Jahre 1966 und dann 1975 zur Zeit der Veröffentlichung dieses Artikels, überprüft zu werden. … In dem Audio-Interview macht Quigley klar, dass die Gesellschaft, die er untersucht hatte, rund um die ,Round-Table-Gruppe‘ zentriert war, von der er sagt, dass sie eine der ,besten Quellen weltweit für internationale Beziehungen seit 1910‘ veröffentlichte, bekannt als The Commonwealth Journal of International Affairs. Quigley nahm Notiz von ,prominenten Leuten des englischen Lebens‘, die mit dem All Souls College verbunden waren, und eine Korrelation zwischen denen, die später fortfahren würden, Botschafter in den Vereinigten Staaten zu werden. ,Ich untersuchte diese Gruppe‘, sagt er mit Nachdruck.

Diese Botschafterrolle sollte ein wichtiges Herzstück bei der Gründung der transatlantischen Pilgrims Society im Jahre 1902 werden, nur wenige Monate nach dem Tod von Cecil Rhodes. Die Pilgrims Society war eine britische Schöpfung, die im nächsten Jahr laufende Sitzungen in London und in New York organisierte, mit dem Ziel der Förderung einer ,besondere Beziehung‘ unter den Englisch-sprechenden Menschen, insbesondere im Dienste der wohlhabenden Titanen der Industrie und intellektuellen Elite in den Bereichen der Politik, Presse, Bildung, Philanthropie, Banken und des Geschäfts. Von diesen Netzwerken der Macht wurden die Rhodes Stipendien und der Rhodes Trust in den Vereinigten Staaten eingeführt, wobei wichtige Pilgrims Society-Mitglieder den Vorstand des Rhodes-Stipendiums und der Landeskomitees stellten. Die Pilgrims Society war in Zeremonie und Geheimnis gehüllt, bis ihr Gründer Harry Brittain ,von Lord Lothian und anderen Pilgrims überredet (wurde), die Geschichte des Klubs zu veröffentlichen‘, was er erstmals 1942 in einem Buch mit dem Titel Pilgrim Partners: Forty Years of Anglo-American Fellowship tat.

,Ohne [König] George III. würde der Krieg in der ganzen Welt heute unbekannt sein. Die englischsprachige Rasse würde als Einheit neu organisiert worden sein, mit seinem zentralen Parlament, das abwechselnd in New York und London tagte, und es würde Frieden in der Welt gegeben haben.‘

– Cecil Rhodes, 1901

Quigley fährt fort, dass das All Souls College in den Jahren 1899 bis 1947 so exklusiv war, dass es nur 149 Menschen einen Abschluss machen ließ, und während einige seiner Schüler 7 Jahre als Ehrenmitglieder blieben, hielten andere die Gemeinschaft mit All Souls für 55 Jahre aufrecht. Er entdeckte, dass diese Personen ihre Mitgliedschaft für eine solch lange Dauer durch ihre Mitgliedschafts-Verbindungen im ,Milner Kindergarten‘ halten konnten, einer Gruppe von zunächst ,kleinen Kindern‘, die von Lord Alfred Milner ausgewählt wurden, um Südafrika zu regieren, und auch ein ,Who is who‘ des zukünftigen Kuratoriums des Rhodes Trust und der Vorsitzenden des Royal Institute of International Affairs darstellten. In Quigleys Enthüllungen sind Lord Dougal Malcolm (1877-1955), Direktor der British South Africa Company, Leo Amery (1873-1955), Chef-Administrator für Lord Alfred Milner, Lionel Curtis (1872-1955) und Lord Halifax (1881-1959) enthalten. Lionel Curtis und Lord Halifax, entdeckte Quigley, waren gemeinsame Zimmerbewohner im All Souls College gewesen. Quigley offenbart, wie es Lionel Curtis war, der für die Änderung des Namens des ,britischen Empire zum Commonwealth of Nations‘ verantwortlich war. Er drückt sein Erstaunen darüber aus, dass Curtis 15 Jahre brauchte, bis er sein Studium beendete, und dass er ein ,schlechter Student‘ war, der nur den ,niedrigsten halben Grad erhielt, den man jemals bekommen kann‘, und ,niemand hatte je von ihm gehört.‘ ,Darüber hinaus war er jahrelang Lord Halifax‘ Mitbewohner in All Souls!‘, fährt er fort, ,und dann habe ich entdeckt, dass dieser Bursche hinter allem steckt, was los ist! Lionel Curtis, verstehen Sie?‘ Professor Quigley sagt dann in gemessenem Ton: ,Nun, ich denke, wir sollten nicht zu viel darüber reden…‘ Warum gibt es keine Erwähnung von diesem Kerl, der ,hinter allem steckt, was los ist‘, im Washington Post-Artikel? Warum sollten wir nicht zu viel darüber reden? Welche Art von Journalist hakt bei einer solchen Aussage nicht nach?

Professor Quigley wechselt das Thema dazu, wie diese Personen als Schüler auch von Alfred Zimmern und seinem Werk The Greek Commonwealth beeinflusst worden sind, und wie Zimmern eine Quelle für Tragedy and Hope wurde. Quigley traf sich mit Zimmern 1947, der ihm offenbarte, dass er seit 1913 ein Mitglied der geheimen Round-Table-Gruppe gewesen sei, rekrutiert wegen seiner Beteiligung an der ,Educational Alliance‘-Organisation (eine Außenstelle des Settlement Movement am Ende des 19. Jahrhunderts, an dem Lord Milner direkt beteiligt war). Zimmern behauptete, dass er 1923 zurückgetreten wäre, weil der Round Table ,fest entschlossen‘ gewesen sei, ,Deutschland gegen Frankreich aufzubauen‘, und er fing an, mit diesem Vorgehen nicht einverstanden zu sein. Quigley gesteht, dass er später mit Lord Brand zusammengetroffen war (ein weiteres Mitglied der Round Table-Gruppe) und ihn nach dem Rücktritt von Zimmern gefragt hatte, worauf Brand antwortete, dass er das ,nie gesehen hat‘. Es ist an dieser Stelle im Interview, da Quigley sagt: ,Ich würde jetzt lieber aufhören, sehen Sie, denn das geht in alle möglichen Dinge rein…‘ Quigley teilt auch mit, dass es Zimmern gewesen war, der Arnold Toynbee (den Historiker) in die geheime Gruppe brachte.

In der Audio-Aufnahme fährt Professor Quigley fort: ,Ich wusste, dass die Round Table-Gruppe sehr einflussreich war. Ich wusste, dass sie die eigentlichen Gründer des Royal Institute of International Affairs waren, das wusste ich … all das Zeug, das in Druck ist …, dass sie die eigentlichen Gründer des Institute of Pacific Relations waren. Ich wusste, dass sie die Paten des Council on Foreign Relations hier waren. Ich wusste zum Beispiel, wissen Sie, kennen Sie die große Studie der Geschichte, die vielen Bände von Arnold Toynbee? Okay, ich wusste, dass die Manuskripte beim Council on Foreign Relations während des Krieges aufbewahrt wurden, so dass sie nicht durch deutsche Bombenangriffe zerstört würden, sehen Sie?‘ ,Ich fing an, diese Dinge zusammenzusetzen, und ich entdeckte, dass diese Gruppe für die folgenden Dinge arbeitete. Sie waren eine geheime Gruppe. Sie versuchten, die englischsprachige Welt miteinander föderativ zu verbünden, sie waren eng mit den internationalen Bankern verbandelt, sie arbeiteten an der Errichtung einer Welt … was ich eine Drei-Mächte-Welt nenne. Diese Drei-Mächte-Welt war der Atlantische Block von England und dem Commonwealth sowie den Vereinigten Staaten, Deutschland …. Hitlers Deutschland und die Sowjetunion …. eine Drei-Mächte-Welt. Sie sagten, Deutschland würde kontrolliert werden, weil … und all dies ist in meinem Buch, es ist zwischen dem Atlantik-Block und den Russen eingeklemmt. Die Russen werden sich anständig verhalten, weil sie zwischen dem Atlantik-Block, der amerikanische Marine in Singapur und den Deutschen eingeklemmt sind. … Und dies alles ist in meinem Buch beschrieben. … Beachten Sie, dass es ein System der Machtbalance ist, im Wesentlichen ist es das, was Kissinger – obwohl er nicht weiß, was er tut… Er stümpert bei allem, denn er ist bloß eine Primadonna, eine emotional unausgeglichene Person. Er weiß nicht, was er zur Hölle tut.‘

Quigley erklärt dann: ,Was hier drin gesagt wird‘ (vermutlich auf die bereits erwähnten Bücher von Skousen oder Allen zeigend), ,ist, dass diese Leute für die Weltherrschaft waren, und die Gruppe, von der ich rede, war das nicht‘, indem er offenbart, wie Lord Milner der Rhodes-Chef-Treuhänder nach der Rückkehr aus Afrika bis zu seinem Tod im Jahr 1925 wurde. ,Es ist ein Atlantik-Block‘, sagt er und fährt durch die Einführung von Rhodes Scholar Clarence Streit und seinem Buch ,Union Now‘ fort, und dass ,er das repräsentiert, was diese Gruppe (zu der Zeit) wollte.‘ Professor Quigley erwähnt, dass er sogar Streits Tochter in seiner Klasse an der Georgetown University als Besucherin hatte. ,Er wurde von diesen Leuten als die einzige Lösung aufgebaut‘, und sein Buch ,Union Now‘ war anonym von Lionel Curtis im Round Table Journal of Commonwealth Affairs ,der einzige Weg‘ und anonym von Philip Kerr, dem Lord Lothian (später Botschafter in den Vereinigten Staaten), ,als die Lösung für unsere Probleme‘ genannt worden. Dies wird in Tragedy and Hope bestätigt, wobei Quigley offenbart, dass das ,Union Now‘-Projekt direkt ,im Namen von Lord Lothian und dem Rhodes Trust‘ propagiert wurde. Quigley fährt fort, dass ,das natürlich Rhodes‘ Idee war…‘

,Für die Schaffung, Förderung und Entwicklung eines Geheimbunds soll der wahre Sinn und Zweck dessen die Ausdehnung der britischen Herrschaft in der ganzen Welt sein, die Vervollkommnung des Systems der Auswanderung aus dem Vereinigten Königreich und die Besiedlung durch britische Personen aller Länder, in denen die Lebensgrundlagen durch Energie, Arbeit und Unternehmen erreichbar sind, und vor allem die Besetzung durch britische Siedler des gesamten Kontinents von Afrika, des Heiligen Lands, des Tals des Euphrat, der Inseln Zypern und Candia, ganz Südamerikas, der Inseln des Pazifiks, die bisher nicht Großbritannien gehören, des gesamten malaiischen Archipels, der Küste von China und Japan, die ultimative Rückgewinnung der Vereinigten Staaten von Amerika als integraler Teil des britischen Empire, die Einweihung eines Systems der kolonialen Vertretung im Reichsparlament, das die unzusammenhängenden Mitglieder des Reiches miteinander verschweißen könnte, und schließlich die Gründung einer so großen Macht, dass Kriege unmöglich gemacht werden, und die Förderung der Interessen der Menschheit.‘

– Letzter Wille und Testament von Cecil John Rhodes, 1877

Professor Quigley erläutert dann, wie der Council on Foreign Relations und die bestehende ,Inquiry‘-Gruppe in den Vereinigten Staaten von JP Morgan-Interessen dominiert wurden, und dass dies der Grund war, weshalb die Round Table-Gruppe Vertrauen hatte, dass sie Erfolg bei der Übernahme des einflussreichen Think Tanks haben würde. Die ,Inquiry‘-Gruppe war von Col. Edward House auf Geheiß von Präsident Woodrow Wilson geschaffen worden, der zuvor selbst als Vorsitzender des New Jersey Rhodes Scholarship Committee gedient hatte. Der Council on Foreign Relations und das Royal Institute of International Affairs (RIIA) (von Lionel Curtis und Mitgliedern des Rhodes-Kuratoriums gegründet) wurden später bei Treffen verfestigt, die im Hotel Majestic vor den Pariser Friedenskonferenzen von 1919 stattfanden. Quigley erklärt, dass sie ,Ableger in allen Commonwealth-Ländern‘ hatten, ,Australien, Neuseeland, Südafrika, Kanada, und schließlich in Indien und sogar eine woanders ….. Pakistan.‘

Mit Enthüllungen wie dieser, schaffte es Tragedy and Hope: A History of the World in Our Time fast nicht zu einer zweiten Auflage. 1966 hatte Quigley versucht gehabt, seinen Vertrag über zwei Bücher mit der Macmillan Company und seinem Verleger Peter Ritner zu erfüllen. Quigley hatte bereits The Evolution of Civilizations mit einem Vertrag, der 1961 unterzeichnet wurde, veröffentlicht, und vereinbarte, Macmillan sein nächstes Buch The World Since 1914 zu geben. Während dieser Phase des Audio-Interviews, in der sich Quigley anschickt, über einige der Kontroversen hinter der Veröffentlichung und mangelnden Förderung von Tragedy and Hope zu sprechen, ist es, dass er sagt: ,Ich weiß nicht, ob Sie das aufs Band tun wollen … Sie müssen meine Zukunft schützen … wie auch Ihre eigene.‘ Quigley erklärt, dass Macmillan für 5 Millionen US-Dollar im Sommer 1966 von Collier Books aufgekauft worden war, und er bestätigt, dass Collier Books ein Unternehmen von J.P. Morgan war, und dass die Morgan-Interessen die freie Presse aufgekauft hatten.

Quigleys Verleger, Peter Ritner, kontaktierte ihn und sagte ihm, es würde ,keine Werbung für eines der Bücher, die in den nächsten sechs Monaten veröffentlicht werden‘, geben. Ritner lieferte einen Kampf, sagt Quigley, und er bekam ,eine Anzeige‘ für Tragedy and Hope, was eine ,Viertelseite im New York Times Book Review‘ war. Bis 1968 war das Buch vergriffen. Collier kaufte dann die letzte Hälfte von Tragedy and Hope als ein Taschenbuch mit dem Titel The World Since 1939: A History zurück, während die ganze Zeit über weiterhin jedem gesagt wurde, dass Tragedy and Hope vergriffen sei. Der Professor sollte bald herausfinden, dass von Tragedy and Hope Raubkopien gezogen wurden, und dass eine ,Photo-Replikation‘, die ,genau das gleiche‘ war (mit Ausnahme der Goldkante, die auf dem Original enthalten war), auf dem Schwarzmarkt verfügbar geworden war und über ein loses Netzwerk von Buchhändlern im ganzen Land verkauft wurde. Zu Quigleys Bestürzung scherte es Macmillan ,nicht die Bohne, dass es Raubkopien gab‘, und er erklärt, sie ,haben mich so oft angelogen.‘ Sie ,logen und logen und logen und logen mich an‘, und auch seinen Verleger Ritner, der zuvor offenbart hatte, dass er dachte, Tragedy and Hope sei ,wunderbar‘.

Professor Quigleys Vertrag legte auch fest, dass für den Fall, dass sein Buch vergriffen sein sollte, er das ,Recht auf die Druckplatten‘ bekäme. Er stellte im März 1974 fest, dass die Druckplatten zu seinem Werk ,zerstört worden waren‘. Dies zusätzlich zu dem, dass er herausgefunden hatte, dass der Verleger Kunden abwies, die nach dem Buch fragten. Im Gegensatz zu dem, was sie Quigley sagten, war Tragedy and Hope ein sehr beliebter und gesuchter Geschichts-Text.

,Wollen Sie das nicht abschalten?‘, sagt Quigley (bezogen auf das Tonbandgerät).

Während es dem Artikel der Washington Post an einer genauen Untersuchung fehlte und viel von den faszinierenden Offenbarungen und dem seltsamen Verhalten eines der profiliertesten Historiker des 20. Jahrhunderts weggelassen wurde, ist es ein Glück, dass die Öffentlichkeit Zugang zu dem Audio-Interview bekommen hat. Es ist möglich, dass der Interviewer die Bedeutung des Augenblicks und die Bedeutung der Inhalte, die nur widerwillig preisgegeben wurden, nicht verstanden hatte. Professor Quigley detailliertes Buch Anglo-American Establishment: From Rhodes to Cliveden erschien erst vier Jahre nach Professor Quigleys Tod im Jahre 1981. Dies kann die Interview-Versäumnisse in ,Der Professor, der zu viel wusste‘ nicht entschuldigen; aber Anglo-American Establishment ist sicherlich ein gründlicheres Exposé über das Innenleben der Rhodes-Milner-Round-Table-Gruppe, wie von Quigley umrissen, als es ein Artikel im Washington Post Sunday Magazine erreichen könnte.

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels war Katherine Graham die Herausgeberin der Washington Post, ebenso CEO der Washington Post Company. Katherine Graham war bis zu ihrem Tod 2001 ein prominentes Mitglied des Council on Foreign Relations, ein Mitgliedsstatus, den sie mit ihrem verstorbenen Vater Eugene Meyer gemein hatte, dem Besitzer der Washington Post Company, Vorsitzenden der Federal Reserve Bank von 1930 bis 1933, und der erste Leiter der Weltbank im Jahre 1946. Um diese Verbindungen und Interessenkonflikte zu veranschaulichen: es war Philip Kerr, der Lord Lothian, der bald Botschafter in den Vereinigten Staaten wurde (und laut Quigley ein langjähriges Mitglied der Rhodes-Milner-Geheimgesellschaften ,Inner Circle‘ und ,Society of the Elect‘ war), der an seinen guten Freund Eugene Meyer durchsickern ließ, dass Edward VIII. von England eine Affäre mit einer amerikanischen Frau namens Wallis Simpson hatte. Dieser ,Scoop‘, der der Washington Post von Lord Lothian gegeben wurde, führte zur Abdankungskrise von 1936 und der Installation von George VI. als König des Vereinigten Königreichs und der Dominions des britischen Commonwealths.

,Es existiert, und existierte seit einer Generation, ein internationales anglophiles Netzwerk, das zum Teil in der Art arbeitet, in der radikale Rechte glauben, dass die Kommunisten agieren. In der Tat hat dieses Netzwerk, das wir als die Round Table-Gruppe identifizieren können, keine Abneigung gegen die Zusammenarbeit mit den Kommunisten oder anderen Gruppen, und tut das oftmals auch. Ich weiß um die Arbeit dieses Netzwerkes, da ich es seit zwanzig Jahren studierte, und mir wurde für zwei Jahre, in den frühen 1960er Jahren, der Zugang zu ihren Papieren und geheimen Aufzeichnungen gestattet. Ich hege keine Abneigung gegen es oder die meisten seiner Ziele, und ich bin für einen Großteil meines Lebens ihm und vielen seiner Instrumente nahe gewesen. Ich habe sowohl in der Vergangenheit wie auch vor kurzem nur einigen seiner politischen Zielen widersprochen (vor allem der Überzeugung, dass England eine atlantische, statt eine europäischen Macht sei, und dass es verbündet werden muss oder sogar föderiert mit den Vereinigten Staaten, und dass es von Europa isoliert bleiben muss), aber im Allgemeinen ist mein Hauptmeinungsunterschied der, dass es unbekannt bleiben will, und ich glaube, seine Rolle in der Geschichte ist bedeutsam genug, um bekannt sein zu sollen.‘“

– “Tragedy and Hope: A History of the World in Our Time“ von Carroll Quigley


Geldschöpfungsprozesse

Ich hoffe, dieser kurze Einblick hat nicht nur ein wenig Neugierde auf das Werk von Quigley geweckt, sondern auch etwas Klarheit darüber verschafft, wessen geistiges Kind der Council on Foreign Relations ursprünglich gewesen ist, der bis heute eine Einheit aus Geld und Macht repräsentiert, die in den Händen großer Banken und Unternehmen liegt. Oder um Wilhelm Bittdorf aus einem Spiegel-Artikel aus dem Jahre 1975 zu zitieren: „Der Council ist das entscheidende Verbindungsglied zwischen den großen Konzernen und der Regierung. … Die Wichtigkeit dieser Vereinigung für das Verständnis der Grundmotive und Grundlinien amerikanischer Weltpolitik kann kaum hoch genug veranschlagt werden. … Dennoch haben die allermeisten Bürger dieses Landes, das sich für das bestinformierte Gemeinwesen aller Zeiten hält, keine Ahnung von der Existenz eines solchen Gremiums.“ [146]

Diese weitgehend unbekannte Einheit aber ist mithin auch ein direktes Resultat des Geldschöpfungsprozesses. Schauen wir uns diesen Prozess anfangend mit dem US-Dollar noch einmal genauer an.

Der Dollar als legales Zahlungsmittel der USA wird geschöpft, indem die Federal Reserve US-Staatsanleihen oder US-Schatzanweisungen (sprich: Schuldscheine) kauft, die Zinsen kosten, um dem US-Schatzamt damit Finanzmittel für die Staatsausgaben zur Verfügung zu stellen. Genau genommen sind dies jene Banknoten, welche als Federal Reserve Notes bezeichnet werden. Es gibt nämlich auch United States Notes, welche vom US-Schatzamt direkt herausgegeben werden und eine Art zins-befreiten „Kreditbrief” darstellen. Zu Beginn des Federal Reserve Systems musste die Gesamtmenge der Federal Reserve Notes zu vierzig Prozent vom Goldbestand der USA gedeckt sein. Heutzutage gibt es diese Einschränkung nicht mehr; die Anbindung des US-Dollars an den US-Goldhort wurde im August 1971 unter Richard Nixon gänzlich gekappt.

In dem bereits angeführten Interview mit Nomi Prins, das ihren Recherchen zum Buch All the Presidents’ Bankers gewidmet war, kamen wir darauf zu sprechen, welchen Souffleuren Nixon dabei folgte:

Ein Teil des Bretton-Woods-Systems war, dass der US-Dollar fast so gut wie Gold war. Warum befürworteten so viele prominente US-Banker die Beendigung des Goldstandards Ende der 1960er Jahre, Anfang der 1970er Jahre? Könnte es sein, dass der Goldstandard als wirksame Kontrolle über exzessives Finanzsektor-Wachstum und missbräuchliche Praktiken der Banken dient?

Nomi Prins: Oh, Gold war absolut eine wirksamere Bremse übermäßigen finanziellen Wachstums und von Missbräuchen. Gold war auf eine Art eine effektive Regulierung. Es hielt die Expansion der Banker zurück, weil sie einen gewissen Reservebetrag beiseite legen mussten, und zwar mit einem realen Vermögenswert, an dem andere Welt-Teilnehmer ebenfalls Teilhabe hatten. Aus diesem Grund besaßen US-Banker weniger Kontrolle über die Bewegung des Goldes in und aus ihren Firmen. Sobald sie die US-Regierung überzeugt hatten, vom Goldstandard und von der Erfordernis abzurücken, dass Gold Transaktionen oder Spekulationen oder Expansionen decken musste, hatten sie Zugriff auf ein ganz neues Expansionsniveau.

Deshalb ziehen sie heute Null-Zins-Geld vor, billiges Geld, so dass sie weniger Hindernisse für ihre Aktivitäten haben. Dies ist Teil des gleichen Musters und der gleichen Logik, um vom Goldstandard abzurücken – sie bevorzugen den weniger eingeschränkten Weg zur Spekulation. Es gab eine enorme Expansion der globalen US-Bankeninteressen, die bereits nach den Kriegen begonnen hatte, aber anstieg, nachdem der Goldstandard beseitigt war, weil es einfach leichter zu machen war. Es gibt einfach weniger Barrieren für die Banker. Sie befürworteten sehr öffentlich, dass der Goldstandard entfernt werden sollte, und in der Tat, als Nixon ihn schließlich 1971 aufkündigte, kam nicht er selbst mit der Idee daher; dies war etwas, wofür sich Walter Wriston, der Vorsitzende der National City Bank, und David Rockefeller, der Vorsitzende der Chase, sehr stark gemacht und sich durch Briefe und Korrespondenzen und andere Arten von persönlichen Gesprächen, die ich in meinem Buch bespreche, eingesetzt hatten.

Denken Sie, dass Gold eine Zukunft im Währungssystem haben wird?

Nomi Prins: Ich denke, dass es sicherlich viele Menschen gibt, die das in Ländern außerhalb der USA wollen, aufgrund dessen wie sich das Finanzsystem global entwickelt hat; insbesondere die US-Banken haben so viel Macht, politisch und finanziell. Politisch wegen ihrer Allianz mit der US-Regierung, und finanziell, weil sie so viel billiges Kapital ohne Reserven wie Gold dahinter gehebelt haben.

Aber das ist auch der Grund, warum ich denke, dass es eine sehr große Machtverschiebung brauchen wird, politischer und finanzieller Macht, damit Gold wirklich … diese Art von Zukunft hat – weil diese Banker werden das vehement bekämpfen. Diese Institute, diese Beziehungen, die sie mit der Führung in Washington und mit der Federal Reserve haben, zeigen, welch enorme Menge an Kraft investiert worden ist, damit es keine Golddeckung bei spekulativen Transaktionen und Expansionen in der ganzen Welt gibt.

Also ich denke, es wird ein sehr harter Kampf für Gold werden, um ein Comeback als tatsächliche Erfordernis zur Deckung von Spekulationen zu machen. Es wird eine sehr lange Strecke sein, wenn es in Anbetracht des Widerstands dagegen von einer sehr stark konzentrierten und mächtigen politischen und finanziellen Allianz in den USA überhaupt möglich ist.

In einem gewissen Sinne kann man dem US-Dollar seit der Gold-Entkopplung bescheinigen, nicht im Einklang mit der US-Verfassung zu stehen. Diese fordert, dass der Dollar in Gold oder Silber gewichtet definiert wird. Tatsächlich ist der Dollar aber eine Fiat-Währung wie der Continental davor, welcher nach dem Unabhängigkeitskrieg kollabierte. Dem Kongress oblag laut Verfassung die Entscheidung, welches Metall genommen werden sollte. Ferner hatte der Kongress die Autorität, „Geld zu prägen und den Wert dessen zu regulieren“.

Das Vorrecht, das staatliche Zahlungsmittel auszugeben, trat der Kongress an die Federal Reserve ab. Und wie Geld letztlich heute in die Existenz kommt, darüber liegt nicht selten ein „Schleier der Täuschung“, wie sich der Ökonom Norbert Häring ausdrückt.  [147] Er argumentiert, dass einige klar spezifizierte Interessen am Werke sind, die die Absicht hegen, dass so wenige Menschen wie möglich unser Finanzsystem verstehen. Ich fragte ihn, warum das so sei; vielleicht, weil es am Ende eine besondere Art von Schneeballsystem ist?

Norbert Häring: Ja, man könnte es ein Schneeballsystem nennen. Banken geben den Menschen und Unternehmen, die von ihnen Kredit nehmen, neues Buchgeld, das jeder benutzt, um Rechnungen und Steuern zu zahlen, als ob es so gut wie Bargeld wäre. Das zusätzliche Geld befeuert die Wirtschaft und erhöht die Nachfrage nach Krediten. Geld wird immer schneller geschöpft. Sobald man aber, genau wie in einem Schneeballsystem, nicht mehr genug Kreditnehmer zur weiteren Erhöhung der Geschwindigkeit findet, mit der Geld und Schulden geschöpft werden, bricht das System zusammen, und wir haben eine Krise. Dann lernt jeder, dass Bankeinlagen doch nicht so gut wie Bargeld sind, da Banken nur einen Bruchteil dieser Einlagen gegen Bargeld zu tauschen vermögen.

LS: Bitte erläutern Sie, wie das Geld tatsächlich in unserem modernen Geld-System erstellt wird, beginnend mit den Zentralbanken.

NH: Es beginnt nicht mit den Zentralbanken. Das ist nur das, was man uns glauben macht. Wir sollen glauben, dass Zentralbanken den Prozess beginnen und steuern. Es hat Systeme ganz ohne eine Zentralbank gegeben. Es beginnt damit, dass mir eine Bank € 100.000 als Hypothek gibt, damit ich mir ein Haus kaufen kann. Der Bankangestellte tätigt ein paar Tastenanschläge, erstellt ein Konto für mich und legt eine Einlage in Höhe von € 100.000 hinein. Dies ist neues Geld. Die Zentralbank kommt erst später ins Spiel, um sicherzustellen, dass die Einlagen, die von den einzelnen Banken geschaffen wurden, gleichmäßig durch das System verteilt werden. Die Zentralbank fordert des Weiteren eine so genannte Mindestreserve in Form von Bargeld oder Einlagen bei der Zentralbank. Die Banken müssen sich diese Reserven bei der Zentralbank leihen. Aber die Zentralbank wird die Darlehen, die das Bankensystem benötigt, stets zur Verfügung stellen. Ansonsten würde das eine Liquiditätskrise verursachen.

LS: Und was ist falsch daran?

NH: Es gibt eine Reihe von Dingen, die daran falsch sind. Der Staat gibt ein wertvolles Privileg an die Banken ab, indem er die Einlagen, die sie erschaffen, effektiv zum gesetzlichen Zahlungsmittel erklärt. Sie können Ihre Steuern mit Geld bezahlen, das die Banken geschaffen haben. Von jedem wird gefordert, diese Einlagen zur Zahlung zu akzeptieren. Die Banken machen eine Menge Geld mit der Geldschöpfung aus dem Nichts. Dies ist ein Gewinn, von dem ich denke, dass der Staat ihn bekommen sollte. Die Steuern könnten viel niedriger sein, wenn der Staat dieses sehr wertvolle Privileg nicht kostenlos abgegeben hätte. Und, was vielleicht noch schlimmer ist, die Geschäftsbanken haben eine Tendenz, Schulden-Blasen aufzublähen, die später platzen und Finanzkrisen verursachen.

LS: Was muss also aus Ihrer Sicht über die berühmte “Unabhängigkeit” der Zentralbanken gesagt werden, von der wir immerzu zu hören bekommen?

NH: (I)n Ländern, die ein großes Finanzsystem haben, (werden) die Rufe nach der Unabhängigkeit der Zentralbanken von der Regierung als erste und am lautesten gehört. Die Unabhängigkeit von der Regierung geht einher mit dem Verbot, die Staatsverschuldung zu finanzieren, und dies bedeutet, dass die Banken den meisten Nutzen aus der Geldschöpfung ziehen.

LS: Hinsichtlich einer Gruppe von Bankenkunden, den Sparern, gibt es etwas, worüber nur sehr wenige Menschen wirklich Bescheid wissen – wenn ich mein Geld zu den Banken bringe, um eine Bankeinlage zu haben, bin ich ein Gläubiger der Banken, selbst wenn ich ihnen kein Geld leihen will. Können Sie das weiter ausführen, bitte?

NH: Das ist der Kern des Problems unseres Finanzsystems, dass wir kein sicheres Zahlungssystem haben, das unabhängig von der Solvenz der Banken ist. Dies ist der Grund, warum wir immer die großen Banken zu retten haben, wenn sie es vermasseln. Wenn sie untergehen, geht unser Zahlungssystem unter, und die Leute verlieren ihr Geld. Das Geld, das die Menschen in Konten halten, um ihre Rechnungen zu bezahlen, sollte anders als das Geld behandelt werden, das sie investieren wollen. Wenn Sie lediglich die Dienste der Banken nutzen, wollen um Ihre Rechnung auf bequeme Weise zu bezahlen, sollten Sie der Bank keinen Kredit geben müssen. Das Geld sollte in Ihrem Besitz verbleiben, genauso wie Geld, das Sie in einem Geldmarktfonds oder in Aktien haben. Wenn dies der Fall wäre, würden wir nicht mehr länger alle zusammen die Banken zu retten haben, und sie könnten nicht mehr zu viel Geld schöpfen.

LS: Mit welcher Art von Widerstand gegen grundlegende Reformen und neue Richtungen ist zu rechnen, der von interessierter Seite kommt?

NH: Das Recht, das gesetzliche Zahlungsmittel aus dem Nichts zu schöpfen, ist fast so gut wie die Fähigkeit, Gold aus Sand zu machen. Die Banker werden mit allen Mitteln darum kämpfen, dieses Privileg zu bewahren. Sie werden weiterhin versuchen, diejenigen, die für eine grundlegende Reform streiten, als verrückte Spinner darzustellen, die Geld und Ökonomie nicht verstehen.  [148]

Auch Mike Maloney befragte ich nach einer Erklärung der Fehler im System, die im Finanzgebilde unserer Tage von Anfang an gegeben sind – und von denen Privatbanken enorm profitieren.

Mike Maloney: Wir haben heute ein Hokuspokus-Geldsystem, das ursprünglich von der Bank of England erfunden wurde, wo Geld durch Kreditaufnahme entstand. Das ist es, was die Menschen nicht verstehen: unser gesamtes Finanzsystem ist eine Illusion. Es basiert allein auf dem Vertrauen der Öffentlichkeit. Das „Fiat” in „Fiat-Währung” bezeichnet eine Anweisung, die von einer Autorität gegeben wird, die die Macht hat, diese Anweisung durchzusetzen. Eine Regierung sagt, das ist unsere Währung und sie wird etwas wert sein, weil wir unsere Steuern ausschließlich in dieser Währung zahlbar machen. Das ist es, was den Menschen Vertrauen in diese Währung gibt. Der einzige Grund, warum man mit einem Dollar oder einem Euro etwas kaufen kann, ist die Erfahrung, dass man gestern damit etwas kaufen konnte, also geht man davon aus, dass man auch morgen etwas damit kaufen kann und akzeptiert sie. Anderenfalls sind sie nur ein reines Stück Papier mit Zahlen drauf.

Die gesamte Wirtschaft dieses Planeten basiert auf Psychologie. Physisch existiert sie nicht wirklich. Vor langer Zeit war die Währung, die wir benutzten, echtes Geld, es waren Gold und Silber, und ihr Wert leitete sich ganz einfach davon ab, wie selten es war und wie schwer es war, es zu finden und auszugraben und in eine Münze zu pressen. Es war ein gewisser Grad von Seltenheit und eine Haufen Arbeit, das ihm den Wert gab. Was heute passiert, ist, dass eine Regierung Staatsanleihen schafft – eine Staatsanleihe ist nichts anderes als ein Schuldschein: Du leihst mir eine Milliarde Dollar, und ich verspreche dir im Laufe von dreißig Jahren die Milliarde plus Zinsen zurückzuzahlen, dir also über die dreißig Jahre hinweg zwei Milliarden Dollar zu bezahlen. Und dann kauft die Zentralbank diese Staatsanleihe – hier in den USA funktioniert das über eine Offenmarktpolitik, das ist so ähnlich wie beim Hütchenspiel: Erst kaufen die Banken sie, und dann kauft die Fed sie von den Banken.

Was in Wirklichkeit vor sich geht, ist, dass das Schatzamt Schuldscheine ausgibt und die Zentralbank letztendlich diese Schuldscheine erwirbt, indem sie Geld druckt. Im Grunde erfinden sie einfach Dollars, die nichts anderes sind als ein Forderungs-Scheck – es ist also im Grunde genommen ein Schuldschein gegen einen Schuldschein, und dieses Austauschen von Schuldscheinen verschuldet die Öffentlichkeit. Wir leihen uns Wohlstand aus der Zukunft und versprechen, das zurückzuzahlen. Im Grunde sind unsere Steuern von heute Zahlungen auf die Schulden von gestern.  [149]

Eine interessante Arbeit im Kontext mit der Geldschöpfung veröffentlichte im März 2014 die Bank of England. Die Mutter aller Zentralbanken von der Threadneedle Street ließ durchblicken, dass die verschiedenen Währungen auf der Welt kein Geld darstellen, sondern nichts weiter als spezielle Schuldscheine (IOU’s). Dies wurde in einem Papier namens Money Creation in the Modern Economy (Geldschöpfung in der modernen Wirtschaft) dargebracht, das von drei Ökonomen der Währungsanalyse-Direktion der Bank geschrieben wurde. Anlässlich der Veröffentlichung dieses Papiers schrieb Steve Keen einen Artikel, den ich zeitnah übersetzte.  [150]

Steve Keen ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der University of Western Sydney in Australien. Im Dezember 2005 warnte er vor einer bevorstehenden globalen Finanzkrise in Form von Rezession und Schuldendeflation. Für diese Prognose erhielt Keen, nachdem es so eingetreten war, den Revere Award for Economics vom Real-World Economics Review. Sein Forschungsschwerpunkt liegt in der Entwicklung mathematischer Modelle von Hyman Minskys „Hypothese der Finanziellen Instabilität“ (hierzu im nachfolgenden Kapitel mehr).


Der Geld-Illusions-Schock der Bank of England

Keen beginnt den Artikel, indem er schreibt:

Gebäude der Bank von England

Gebäude der Bank von England

Ich ziehe meinen Hut vor den Forschern an der Threadneedle Street für ein neues Arbeitspapier, Money creation in the modern economy, das eine wirklich realistische Erklärung gibt, wie Geld geschaffen wird, warum das wirklich von Belang ist, und warum praktisch alles, was die Wirtschaftslehrbücher über Geld sagen, falsch ist.

Wirtschaftslehrbücher vermitteln den Studenten, dass die Geldschöpfung ein zweistufiger Prozess ist. Zu Beginn können die Banken wegen einer Regel namens „Required Reserve Ratio“ (Mindestreservesatz / Pflichtrücklage) nichts herleihen, da sie ein Verhältnis zwischen ihren Einlagen und ihren Reserven bestimmt. Wenn von ihnen verlangt wird, 10 Cent an Reserven für jeden Dollar zu halten, den sie an Einlagen haben, dann kann der Bankensektor, wenn die Einlagen $ 10 Billionen und die Reserven $ 1 Billion betragen, niemandem etwas herleihen.

Stufe eins im Lehrbuch-Geldschöpfungsmodell ist, dass die Fed (oder die Bank of England) den Banken zusätzliche Reserven gibt – sagen wir im Wert von $ 100 Milliarden. Dann verleihen die Banken in der Stufe zwei dieses an ihre Kunden, die es dann gleich wieder in den Banken hinterlegen, die an 10 Prozent davon festhalten ($ 10 Mrd.) und die restlichen $ 90 Milliarden weiterverleihen. Dieser Prozess wiederholt sich, bis eine zusätzliche Billion Dollar an Einlagen kreiert worden ist, so dass der Mindestreservesatz wieder hergestellt ist ($ 1.1 Billionen an Reserven, $ 11 Billionen an Einlagen).

Dieses Modell trägt den Namen des „Mindestreserve-Banking” (auch bekannt als „Money Multiplier” – „Geldmengenmultiplikator“), und je nach politischer Überzeugung ist es entweder in der Tat Betrug (wenn man von österreichischer Überzeugung wie mein Kumpel Mish Shedlock ist) oder ganz einfach die Art und Weise, wie die Dinge sind, wenn man ein Mainstream-Ökonom wie Paul Krugman ist. Im letzteren Fall lässt dies herkömmliche Ökonomen Wirtschaftsmodelle aufbauen, die die Existenz von Banken und privaten Schulden komplett ignorieren, und in denen die Geldmenge vollständig von der Fed kontrolliert wird.

In diesem neuen Papier erklärt die Bank of England ausdrücklich, dass „Fractional Reserve Banking” weder Betrug ist, noch die Art und Weise, wie die Dinge sind, sondern ein Mythos – und es beschuldigt die Wirtschaftslehrbücher zu Recht, ihn zu verewigen. Das Papier spricht nicht um den heißen Brei herum, wenn es um die Divergenz zwischen der Realität und dem geht, was wirtschaftliche Lehrbücher ausgießen. In der Tat, wie das Papier es erklärt:

– Statt dass Banken Einlagen erhalten, wenn Haushalte sparen und sie dann verleihen, schafft die Kreditvergabe der Banken Einlagen. (Seite 1)

– In normalen Zeiten gibt die Zentralbank die im Umlauf befindliche Menge an Geld nicht fest vor, noch multipliziert sich das Zentralbankengeld in mehr Kredite und Einlagen. (Seite 1)

– Statt dass Banken Einlagen herleihen, die bei ihnen hinterlegt sind, schafft der Akt der Kreditvergabe Einlagen – die Umkehrung der Reihenfolge, die in der Regel in Lehrbüchern beschrieben wird… (S. 2)

– Während die Geldmengenmultiplikator-Theorie ein sinnvoller Weg zur Einführung von Geld und Banken in Wirtschaftslehrbücher sein kann, ist sie keine genaue Beschreibung, wie das Geld in der Realität erstellt wird… (S. 2)

– Wie bei der Beziehung zwischen Einlagen und Krediten, funktioniert das Verhältnis zwischen Reserven und Krediten typischerweise in umgekehrter Weise zu der, die in einigen Wirtschaftslehrbüchern beschrieben wird. (S. 2)

Nun, wenn ich an die Zahnfee glaubte, würde ich hoffen, dass diese emphatische Aufkündigung des Lehrbuch-Modells dazu führen würde, dass die Makroökonomie-Dozenten ihre Vorlesungen für nächste Woche drastisch revidierten. Aber ich bin zu lange im Zahn drin, um einer solchen Täuschung aufzusitzen. Sie werden es stattdessen ignorieren.

Ihre dominante „Taktik” – wenn ich das so nennen kann – wird Ignoranz selbst sein: die meisten Wirtschaftsdozenten werden nicht einmal wissen, dass dieses Bankenpapier existiert, und sie werden ihren Studenten weiterhin aus welcher Lehrbuch-Bibel auch immer etwas beibringen, für die sie sich entschieden haben. Eine sekundäre wird sein, davon Bescheid zu wissen, aber es zu ignorieren, so wie sie zahllose Kritiken an der Mainstream-Ökonomie davor ignoriert haben. Der dritte Pfeil im Köcher, wenn sie von den Studenten diesbezüglich herausgefordert werden (Wink! Wink!), wird sein, zu argumentieren, dass die Lehrbuch-Geschichte ein „nützliches Gleichnis” für Studienanfänger sei, und dass eine realistischere Version in weiter fortgeschrittenen Kursen eingeführt werde.

Hier hat die Bank of England ihnen leider einen nützlichen „Notausgang” verschafft, indem sie höflich vorgibt, dass das Geldmultiplikator-Modell „ein sinnvoller Weg zur Einführung von Geld und Banken in Wirtschaftslehrbücher sein kann.” Aber natürlich wird diese Finte reiner Quatsch sein. Erstens ist das Modell völlig irreführend – es ist als Einführung in das Wesen des Geldes und der Banken ungefähr so nützlich wie das Buch Genesis eine Einführung in die Evolutionstheorie ist. Sobald die Menschen dem Geldmultiplikator-Modell glauben, können sie nur selten die Realität begreifen, dass die Kreditvergabe der Banken Geld schafft, und dass dies drastische Auswirkungen auf das Niveau der wirtschaftlichen Aktivität hat.

Zweitens ist das Argument von Dozenten im Bachelor-Studium, dass „es im höheren Studiengang besser wird”, ein Trick. Kurse auf der Master- und PhD-Ebene ignorieren weiterhin die Banken, und obwohl Mainstream-Modellbauer alle Arten von „finanziellen Reibungen” in ihre DSGE-Modelle einführen (wie Noah Smith vor kurzem hinwies), bezieht keiner von ihnen – mit Ausnahme von Michael Sterling Kumhof vom IWF – die Banken und ihre Fähigkeit, sowohl Geld zu erstellen als auch Geld zu zerstören, tatsächlich in ihre Modelle mit ein.

Warum? Würden sie die Realität zugeben, dass Banken Geld durch Kreditvergabe schaffen, und dass Geld durch die Rückzahlung der Schulden vernichtet wird (ein Punkt, von dem ich zugeben muss, dass ich einige Zeit brauchte, um ihn zu würdigen), fliegen all die einfachen Gleichgewichtsgleichnisse der konventionellen Wirtschaftswissenschaften aus dem Fenster raus. Insbesondere hängt das Niveau der wirtschaftlichen Aktivität nunmehr von den Kreditvergabeentscheidungen der Banken ab (und von den Rückzahlungsentscheidungen der Kreditnehmer). Wenn Banken schneller herleihen oder die Kreditnehmer langsamer zurückzahlen, wird es einen Boom geben; wenn es umgekehrt ist, wird es einen Konjunktureinbruch geben. Wie die Bank of England es ausdrückt, wenn neue Kredite einfach alte wettmachen, die zurückgezahlt werden, dann gibt es keine Wirkung, aber wenn neue Kredite die Rückzahlung übersteigen, dann wird sich die gesamtwirtschaftliche Nachfrage erhöhen.

„Es gibt zwei Möglichkeiten für das, was mit neu geschaffenen Einlagen passieren könnte”, sagt die Bank. „Erstens, wie von Tobin nahegelegt, kann das Geld schnell zerstört werden, wenn die Haushalte oder Unternehmen, die das Geld erhalten haben, nachdem das Darlehen ausgegeben wurde, es benutzen möchten, um ihre eigenen ausstehenden Bankkredite zurückzuzahlen. … Das zweite mögliche Ergebnis ist, dass die zusätzliche Geldschöpfung durch die Banken zu mehr Ausgaben in der Wirtschaft führen kann.” (S. 7)

Von einer realistischen, interaktiven Perspektive erklärt die Bank of England somit, dass Geld in der Makroökonomie von Belang ist, weil es sich auf das Niveau der Wirtschaftstätigkeit auswirkt. Das sollte eigentlich keine große Sache sein – es ist das, was die meisten Menschen ohnehin glauben –, aber unglaublicherweise tut die Mainstream-Wirtschaftslehre so, als ob Geld nur Auswirkungen auf Preise habe, dass es keine Auswirkungen (oder nur eine vorübergehende) auf die reale Aktivität habe, und dass die monetären Störungen sowieso allesamt die Schuld der Regierung seien (man lese: Zentralbank), weil eine wesentliche Marktinstitution wie eine Bank doch nichts falsches tun könnte, oder?

Führende Ökonomen können dieses Papier nicht einfach ignorieren oder es unbekümmert wegwischen, so wie es die Fuß-Soldaten der Profession tun werden. Ich bezweifle aber ernsthaft, dass sie zulassen werden, dass es ihre gegenwärtige Position herausfordert.

Ich werde vor allem neugierig sein, ob Paul Krugman von diesem Papier Notiz nimmt, und wie er darauf reagiert. Krugman war der sichtbarste und aggressivste Verteidiger der These, dass die Banken keine Rolle spielen, indem er zu einem Schwinger gegen mich ausholte, weil ich das Plädoyer vorbrachte, das die Bank of England jetzt macht.

„Insbesondere behauptet er [Keen], dass die Einbeziehung der Banken in der Geschichte wichtig sei”, schrieb Krugman 2012. „Nun bin ich dafür, den Bankensektor in alle Geschichten einzubeziehen, wo er relevant ist; aber warum ist er so wichtig für eine Geschichte über Schulden und Fremdkapitalaufnahme?

Keen sagt, dass sei so, weil wenn man einmal die Banken hinzunimmt, erhöht die Kreditvergabe die Geldmenge. OK, aber warum ist das wichtig? Er scheint anzunehmen, dass sich die Gesamtnachfrage nicht steigern kann, es sei denn, die Geldmenge steigt, aber das ist nur wahr, wenn die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes fest ist; sind wir plötzlich alle strenge Monetaristen geworden, während ich nicht hinsah? In der Art von Modell, die Gauti und ich benutzen, kann und tut die Kreditvergabe die gesamtwirtschaftliche Nachfrage sehr wohl erhöhen, wo ist also das Problem?”

Seither hat Krugman weiterhin die Überzeugung vorgebracht, dass die Banken „bloße Vermittler” bei der Kreditvergabe seien, dass sie in der Makroökonomie ignoriert werden können.

„Ja, Geschäftsbanken, im Gegensatz zu anderen finanziellen Vermittlern, können ein Darlehen machen, indem sie dem Darlehensnehmer neue Einlagen gutschreiben, aber es gibt keine Garantie dafür, dass die Gelder dort bleiben”, sagte er in dem Artikel Commercial Banks As Creators of „Money” (Geschäftsbanken als Erzeuger von „Geld“).

Und in dem gleichen Stück schrieb er: „Die Banken sind nur eine andere Art von finanziellen Vermittlern, und die Größe des Bankensektors – und damit die Menge des Geldes außerhalb – wird von den gleichen Arten von Überlegungen bestimmt, die die Größe von, sagen wir, der Investmentfondsbranche bestimmt.”

Jetzt, da ihm direkt ob dieser Punkte widersprochen wurde, und nicht von einem antipodischen, heterodoxen Ökonomen, sondern von der Threadneedle Street selbst, erwarte ich, dass Krugmans Gegenschlag dem KISS-Prinzip folgt: während das „Kredite erstellen Einlagen”-Argument technisch wahr ist, macht es keinen wirklichen Unterschied in der Makroökonomie aus.

Immerhin vermag Krugman die Bank of England sicherlich nicht als mit „Banking Mystics” („Bankmystikern“) besetzt zurückzuweisen, so wie er gegenteilige Ansichten von anderen weggebürstet hat.


Kreditfinanzierte Wirtschaftsentwicklung

Soweit die Ausführungen von Steve Keen.

Besonders aufschlussreich mag auch sein, sich die Auswirkungen der kreditfinanzierten Wirtschaftsentwicklung einmal kurz durch die Brille des Ökonomen Joseph Alois Schumpeter (1883-1950) anzuschauen. Der Träger wirtschaftlichen Fortschritts ist für Schumpeter der Unternehmer. Dessen Vorhaben müssen finanziert werden. Vorhang auf und Bühne frei für das moderne Bankenwesen, denn dieses kann Geld ex nihilo schöpfen und Kredite anbieten, die die vorhandenen Ersparnisse weit übertreffen. Und dieses neue Geld versetzt den Unternehmer in die Lage, seine Vorhaben zu verwirklichen. „Ohne die zusätzlich geschaffenen Kredite fehlen den Unternehmern die Mittel, sich die nötigen Produktionsmittel zu besorgen. Wenn die Banken den Unternehmern nun neue Kaufkraft übertragen, ermöglichen sie diesen, auf den gesellschaftlichen Güterstrom zuzugreifen. Sie können die alteingesessenen Produzenten auf den Faktormärkten überbieten und somit ihre Projekte realisieren. Die Entwicklung bzw. der Fortschritt erhalten durch die Kaufkraftschaffung der Banken die Finanzierungsgrundlage.

Das hört sich zunächst noch einigermaßen harmlos an. Was steckt nun aber hinter der von Schumpeter beschriebenen Methode, mit der sich der Fortschritt durchsetzt? Indem die Unternehmer mittels des zusätzlichen Kredits Nachfrage auf den Faktormärkten entwickeln, entziehen sie der Gesellschaft Güter, ohne dass sie selbst oder jemand anderes vorher eine Leistung erbracht hätten, die diesen Entzug rechtfertigen würde. Ihre Kaufkraft beruht ja wie gesagt nicht auf Ersparnissen. Niemand musste sein auf einer Leistung beruhendes Einkommen aufsparen, um die finanziellen Mittel bereitzustellen. Stattdessen können die Unternehmer den alten Produzenten die Produktionsmittel sozusagen vor der Nase wegschnappen mit Hilfe von Mitteln, die einfach aus dem Nichts geschaffen werden.

In Schumpeters Vorstellung besorgt das moderne Bankensystem also ganz einfach einen systematischen Diebstahl, um damit den Fortschritt zu finanzieren. Den alten Produzenten werden die Produktionsfaktoren entrissen, um sie den Neuerern in die Hände zu geben. Dass dies keine Überinterpretation Schumpeters ist, zeigen Aussagen aus seinem Hauptwerk…. [151]

Am deutlichsten wird der ganze Charakter der Fortschrittsfinanzierung in Schumpeters Diskussion des zusätzlichen Kredits durch das Bankensystem. Nachdem er beschrieben hat, wie den Unternehmern durch die Kreditschöpfung die Möglichkeit geschaffen wird, Produktionsmittel an sich zu ziehen, schreibt er:

So wird die Kluft geschlossen, die in der Verkehrswirtschaft bei Privateigentum und Selbstbestimmungsrecht der Wirtschaftssubjekte sonst die Entwicklung außerordentlich erschweren, wenn nicht unmöglich machen würde (S. 154).

Man lasse sich diesen Satz auf der Zunge zergehen! Was sagt Schumpeter denn hier eigentlich? Er sagt, dass die Geld- bzw. Kreditschöpfung der Banken den Zweck hat, das Privateigentum und das Selbstbestimmungsrecht auszuhebeln. Wohlgemerkt handelt es sich hier um die oben genannte Geldschöpfung, die in den Lehrbüchern unbeanstandet als das Selbstverständlichste und Harmloseste der Welt behandelt wird.“ [152]

Dass das Geldproblem eine grundlegende Änderung bitter nötig haben könnte, macht auch Ellen Brown in einem Artikel unter dem Titel Time for a New Theory of Money (Zeit für eine neue Theorie des Geldes) deutlich. Wir leiten den Schluss dieser ersten Betrachtung mit einem Zitat des Anfangs daraus ein, das unsere Untersuchungen in diesem Kapitel abrundet:

„Der Grund dafür, dass unser Finanzsystem regelmäßig in Schwierigkeiten gerät, mit wiederkehrenden Depressionswellen wie derjenigen, mit der wir gegenwärtig zu kämpfen haben, könnte seine Ursache haben in einer falschen Auffassung nicht nur von der Rolle des Bankwesens und des Kredits, sondern von dem Wesen des Geldes an sich. In unseren wirtschaftlichen Entwicklungsjahren haben wir Geld als ein ,Ding’ betrachtet – etwas, das unabhängig ist von den Verhältnissen, die es erzeugt. Aber heute ist unser Geld durch kein Gold oder Silber mehr gedeckt. Stattdessen wird es von Banken geschaffen, wenn sie Kredite gewähren … Praktisch jegliches Geld hat heute seinen Ursprung in Krediten oder Schulden, was schlicht und einfach ein Versprechen bedeutet, in Zukunft zu bezahlen.“  [153]

Machen wir jetzt, da das vorläufige Urteil getroffen werden darf: „Die Zukunft wird teuer“, als dem nächsten Schritt klar, dass dieser Wahnsinn, der Methode hat, für die USA fatale Folgen zeitigt…


Bild und Grafikquellen:

  1. Beitragsbild: “Heile Welt” – http://pixabay.com/de
  2. Federal Reserve Building – www.bloomberg.com
  3. Standard Oil – http://de.wikipedia.orgCC-Lizenz
  4. Woodrow Wilson- http://de.wikipedia.orgCC-Lizenz
  5. Knickerbocker Trust Company- http://de.wikipedia.orgCC-Lizenz
  6. Senator Nelson W. Aldrich- http://de.wikipedia.orgCC-Lizenz
  7. Edward M. House- http://de.wikipedia.orgCC-Lizenz
  8. Gremien des Federal Reserve-Systems- http://de.wikipedia.orgCC-Lizenz
  9. Wappen der Rockefeller-Familie- http://de.wikipedia.orgCC-Lizenz
  10. Harold Pratt House- http://de.wikipedia.orgCC-Lizenz
  11. Gebäude der Bank von England- http://de.wikipedia.orgCC-Lizenz

Fußnoten:

  1. J.S. Kim: „Im Innern des illusorischen Reiches des Banken- und Waren-Schwindels“,

    Hier wäre der Artikel 1, Abschnitt 8 der US-Verfassung zu beachten, der davon spricht, dass der Kongress der USA u. a. das Recht hat, für die Landesverteidigung zu sorgen und auf Rechnung der Vereinigten Staaten Kredit aufzunehmen. Und das wird im Falle eines Kriegs mit US-Beteiligung nicht zuletzt vom US-Treasury bei der Notenbank der USA getan, der US Federal Reserve. Im Laufe der Zeit trug das mit zu der etwas seltsam anmutenden Konstellation bei, dass die USA mittlerweile gleichsam ihr größter Schuldner wie Gläubiger sind.

  2. Vgl. die Darstellung in Richard Heinberg: „Öl-Ende. Die Zukunft der industrialisierten Welt ohne Öl“, Riemann-Verlag, München, 2008, Seite 90.
  3. Daniel Yergin: “The Prize: The Epic Quest for Oil, Money, and Power“, Simon and Schuster, New York, 1991, Seite 20. Für den Aufstieg von John D. Rockefeller/Standard Oil siehe Kapitel 2, Seite 19 – 39.
  4. Vgl. Howard Zinn: “Peoples History of the United States, 1492 – Present“, Harper Collins, New York, 1999, Twentieth Anniversary Edition, Seite 257.
  5. Vgl. Richard Heinberg: „Öl-Ende“, a.a.O., Seite 93.
  6. Howard Zinn: “Peoples History of the United States“, a.a.O., Seite 257.
  7. Vgl. Ellen Hodgson Brown: “The Web of Debt. The Shocking Truth about our Money System and How We Can Break Free”, Third Millenium Press, Baton Rouge, 2007, Seite 120.
  8. Vgl. ebd., Seite 120ff. Siehe des Weiteren G. Edward Griffin: „Die Kreatur von Jekyll Island“, Kopp Verlag, Rottenburg, 2006, Seite 465 ff.
  9. Murray N. Rothbard: “Wall Street, Banks, and American Foreign Policy“, Center for Libetarian Studies, 1995, veröffentlicht unter: http://mises.org/rothbard/WSBanks.pdf
  10. Murat Altuglu: „The New Great Game: Energiepolitik im kaspischen Raum“, Bouvier Verlag, Bonn, 2006, Seite 50 – 51.
  11. Richard Heinberg: „Öl-Ende”, a.a.O., Seite 93.
  12. Die zehn größten Unternehmen der Welt sind nach der “Global 500“-Liste des Fortune-Magazines 2009 gewesen: 1. Royal Dutch / Shell, 2. Exxon Mobil, 3. Wal-Mart, 4. BP, 5. Chevron, 6. Total, 7. Conoco Phillips, 8. ING Group, 9. Sinopec, 10. Toyota Motor. Vgl. die “Global 500“-Liste des Fortune-Magazines 2009 unter: http://money.cnn.com/magazines/fortune/global500/2009.

    Die französischen Rothschilds verkauften übrigens wenige Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs ihre mit Baku verbundene Ölfirma Bnito an Royal Dutch – „und zwar nicht für Geld, sondern im Austausch gegen Royal-Dutch-Aktien.

    Guy de Rothschild: ‚So sind wir Aktionäre dieses internationalen Konzerns geworden; die gesamte Familie hat ein sehr wesentliches Royal-Dutch-Aktienpaket bekommen. Natürlich konnte man damals nicht ahnen, daß wenige Jahre später die russische Revolution ausbrechen würde, die den Wert der russischen Petroleumanteile auf Null reduzierte. Es ist ganz lustig, daß aus den von Paris aus verwalteten kaukasischen Quellen Royal-Dutch-Aktien geworden sind. Vgl. Der Spiegel, Ausgabe 35 / 1962, erschienen am 29. August 1962, online unter: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45141360.html.

  13. Richard Heinberg: „Öl-Ende”, a.a.O., Seite 95.
  14. Lars Schall: „Finanzen sind ein Machtspiel”, Interview mit Nomi Prins, veröffentlicht auf LarsSchall.com am 22. Mai 2014 unter: http://www.larsschall.com/2014/05/22/finanzen-sind-ein-machtspiel/
  15. Richard Heinberg: „Öl-Ende”, a.a.O., Seite 94.
  16. Ellen Hodgson Brown: “The Web of Debt”, a.a.O. Seite 121.
  17. Ebd., Seite 121ff. Richard Heinberg listet die Aufspaltung der Standard Oil Company in mehrere eigenständige Unternehmen wie folgt auf: Standard Oil of New Jersey (das später zu Exxon wurde), Standard Oil of New York (Mobil), Standard Oil of California (Chevron), Standard Oil of Ohio (Sohio, später von BP übernommen), Standard Oil of Indiana (Amoco, jetzt Teil von BP), Continental Oil (Conoco) und Atlantic (heute BP). John D. Rockefeller zog aus dieser Aufspaltung reichlichen Gewinn, und die neuen Gesellschaften vermieden es tunlichst, einander Konkurrenz zu machen. Siehe Richard Heinberg: „Öl-Ende”, a.a.O., Seite 104.

    Nach der Zerschlagung von Standard Oil entlang von Bundesstaatsgrenzen behielt die Familie Rockefeller jedenfalls eine Mehrheitsbeteiligung an jedem der neuen Unternehmen, und nach und nach begannen die neuen Unternehmen erneut zu fusionieren. Kurz und bündig zusammengefasst verband sich Standard Oil of Indiana mit Standard Oil of Nebraska und Standard Oil of Kansas, woraus 1985 Amoco wurde, das wiederum schließlich mit BP zusammenging. 1972 wurde Standard Oil of New Jersey zu Exxon. Standard Oil of New York ging mit Vacuum Oil zusammen, um Socony-Vacuum zu bilden, woraus 1966 Mobil wurde. 1984 schmolzen Standard Oil of California und Standard Oil of Kentucky zusammen, um Chevron zu bilden. Standard Oil of Ohio (Sohio) wurde von BP gekauft (zusätzlich zu Atlantic Richfield, ARCO).

    Die „gefährliche Verschwörung”, die nach dem Willen des Obersten Gerichtshofs der USA zum Schutz der Republik zerbrochen werden sollte, scheint also offensichtlich fortbestanden zu haben. Damit aber nicht genug. Bis Mitte der 1970er Jahre hatte sich ein global agierendes Ölkartell herausgebildet, dem der englische Autor Anthony Sampson, unter Rückgriff auf die Bezeichnung des italienischen Ölhändlers Enrico Mattei, den Namen “The Seven Sisters” gab (siehe Anthony Sampson: „Die Sieben Schwestern. Die Ölkonzerne und die Verwandlung der Welt”, Rowohlt Verlag, 1982). Dies waren: Royal Dutch / Shell, British Petroleum, Exxon, Mobil, Chevron, Texaco und Gulf. Nach einer Welle von Fusionen zur Wende ins 21. Jahrhundert waren es nur noch vier: Exxon Mobil, Chevron Texaco, BP Amoco and Royal Dutch / Shell. Vgl. Dean Henderson: „Die vier apokalyptischen Reiter hinter den Öl-Kriegen”, veröffentlicht auf LarsSchall.com am 14. Juni 2011 unter: http://www.larsschall.com/2011/06/14/die-vier-apokalyptischen-reiter-hinter-den-olkriegen/

  18. Richard Heinberg: „Öl-Ende”, a.a.O., Seite 95.
  19. Vgl. Robert A. Mundell: “The International Monetary System in the 21st Century: Could Gold Make a Comeback?”, veröffentlicht von der Columbia University im März 1997 unter: http://www.columbia.edu/~ram15/LBE.htm
  20. Nach der Parlamentsentscheidung von 1767, Zölle vor allem auf Tee zu erheben, fanden koloniebergreifenden Boykott- und Protestaktionen statt, auf die Großbritannien mit der Maßnahme reagierte, dass es Truppenregimenter nach Boston, der Hauptstadt von Massachusetts, schickte. Im März 1770 folgten alsdann offene Feindseligkeiten zwischen den beiden Lagern, die als „Вoston Massaker” bekannt sind. Die Teezölle wurden beibehalten und 1773 noch verschärft, als es darum ging, der wirtschaftlich in Schwierigkeiten geratenen British East India Company eine Monopolstellung für den Verkauf von Tee in den amerikanischen Kolonien zu verschaffen. Hieraufhin kam es zur so genannten „Boston Tea Party”, bei der die kostbare Teeware, die auf den englischen Frachtschiffen lagerte, ins Hafenwasser befördert wurde. Ein Weg, der zur Amerikanischen Revolution führte, war geebnet.

    Im Zusammenhang mit der Geldschöpfung/Colonial Scrip und der Amerikanischen Revolution sei Benjamin Franklin zitiert. “He maintained that it was the poverty caused by the bad influence of the English bankers on the Parliament which has caused in the colonies hatred of the English and the Revolutionary War. This, he said, was the real reason for the Revolution: ‘The colonies would gladly have borne the little tax on tea and other matters had it not been that England took away from the colonies their money, which created unemployment and dissatisfaction.’” Zitiert in Ellen Hodgson Brown: “The Web of Debt“, a.a.O., Seite 42. Siehe hierzu des Weiteren insbesondere Stephen Zerlenga: „Der Mythos vom Geld. Die Geschichte der Macht“, Conzett Verlag, Zürich, 2008, Seiten 269-292.

  21. Ein wichtiger Blickwinkel auf die Entstehung, den Verlauf und den Nachhall der Amerikanischen Revolution als Lossagung vom UK und als Kriegspartei gegen England in der Fortsetzung des Siebenjährigen Krieges mit anderen Mitteln (finanziellen wie militärischen), würde ich empfehlen, sich einmal Lion Feuchtwangers “Arms for America: Ben Franklin in France“ und Ron Chernows Biographie “Alexander Hamilton“ anzuschauen, um sich ein Bild sowohl von der strategischen Lage der 13 Staaten (darunter des vorwiegend niederländischen New York) zwischen den Financiers aus Frankreich, den Niederlanden und indirekt denen aus Österreich zu verschaffen, als auch über die Person / Situation Hamiltons selber bei der Gründung der “Wall Street” bzw. der New Yorker Börse unter dem Buttonwood Tree (siehe das sogenannte “Buttonwood Agreement“ vom 17. Mai 1792). Das Kapitel in Chernows Buch über diese Organisationstat Hamiltons ist spannend und aufschlussreich.
  22. Jack Beatty: “Age of Betrayal. The Triumph of Money in America, 1865 – 1900”, Random House, 2007.
  23. Ellen Hodgson Brown: “The Web of Debt”, a.a.O., Seite 121.
  24. Die “Cross of Gold”-Rede von William Jennings Bryan gilt als eine der berühmtesten politischen Reden in der US-amerikanischen Geschichte. Sie wurde am 9. Juli 1896 beim Parteitag der Demokraten in Chicago gehalten. Es ging um einen Bi-Metallstandard bzw. ein Silber-zu-Gold-Verhältnis von 16:1. Die Rede findet sich in “The Annals of America, Vol. 12, 1895–1904: Populism, Imperialism, and Reform”, Encyclopedia Britannica, Inc., Chicago, 1968, S. 100–105.
  25. Vgl. Lars Schall: „Wir sind inmitten einer epochalen tektonischen Verschiebung” (Teil 1), Interview mit F. William Engdahl, veröffentlicht auf Goldseiten.de am 31. März 2011 unter: http://www.goldseiten.de/content/diverses/artikel.php?storyid=15770
  26. Howard Zinn: “Peoples History of the United States“, a.a.O., Seite 242. Zu den Hintergründen rund um Jay Cooke & Co. schreibt Murray N. Rothbard: “The first major investment banking house in the United States was a creature of government privilege. Jay Cooke, an Ohio-born business promoter living in Philadelphia, and his brother Henry, editor of the leading Republican newspaper in Ohio, were close friends of Ohio U.S. Senator Salmon P. Chase. When the new Lincoln Administration took over in 1861, the Cookes lobbied hard to secure Chase the appointment of Secretary of the Treasury. That lobbying, plus the then enormous sum of $100,000 that Jay Cooke poured into Chase’s political coffers, induced Chase to return the favor by granting Cooke, newly set up as an investment banker, an enormously lucrative monopoly in underwriting the entire federal debt.

    Cooke and Chase then managed to use the virtual Republican monopoly in Congress during the war to transform the American commercial banking system from a relatively free market to a National Banking System centralized by the federal government under Wall Street control. A crucial aspect of that system was that national banks could only expand credit in proportion to the federal bonds they owned, bonds which they were forced to buy from Jay Cooke. Jay Cooke & Co. proved enormously influential in the post-war Republican administrations, which continued their monopoly in under-writing government bonds. The House of Cooke met its well-deserved fate by going bankrupt in the Panic of 1874, a failure helped along by its great rival, the then Philadelphia-based Drexel, Morgan & Co.” Aus Murray N. Rothbard: “Wall Street, Banks, and American Foreign Policy“, a.a.O.

  27. Ron Chernow: „Die Warburgs: Odyssee einer Familie“, btb, Berlin, 1994, Seite 174.
  28. Murray N. Rothbard: “The Origins of the Federal Reserve“, Mises Institute, 2009, Seite 34, veröffentlicht unter: http://mises.org/document/6119/The-Origins-of-the-Federal-Reserve
  29. Zitiert in Myron T. Herrick: “The Panic of 1907 and Some of Its Lessons“, Annals of the American Academy of Political and Social Science, Volume 31 (Januar – Juni 1908).
  30. Vgl. Stephen Zerlenga: „Der Mythos vom Geld”, a.a.O., Seite 387, Ellen Hodgson Brown: “The Web of Debt”, a.a.O., Seite 124, sowie Andreas Popp: „Der Wärungscountdown. Das verfehlte Geldsystem: Ursachen und Lösungen”, Finanzbuch Verlag, München, 2008, Seite 220.
  31. Zitiert in Robert F. Bruner / Sean D. Carr: “The Panic of 1907. Lessons Learned from the Market’s Perfect Storm”, John Wiley & Sons Inc., Hoboken, New Jersey, 2007, Seite 109-110.
  32. Zitiert in Gary Allen / Larry Abraham: “None Dare Call It Conspiracy“, Buccaneer Books, Cutchoge, New York, 1971, Seite 51-52.
  33. Lars Schall: „Finanzen sind ein Machtspiel”, a.a.O.
  34. Zitiert in Andreas Popp: „Der Wärungscountdown”, a.a.O., Seite 11, aus Richard O. Boyer / Herbert M. Morais: “Labor’s Untold Story – United Electrical, Radio & Machine Workers of America”, New York, 1955 / 1979. Das Buch von Popp gibt fälschlicherweise das Jahr 1889 an.

    Upton Sinclair beschrieb den Vorgang in seinem Buch “The Brass Check: A Study of American Journalism”, das 1920 erschien. Demnach kam es 1880 zu einem Bankett, das Swinton zu Ehren von den Bossen der Zeitungsbranche gegeben wurde. Eine Rede befasste sich huldvoll mit der „freien Presse”, woraufhin Swinton die schon zitierten Worte vorbrachte – wie er auch sagte: „Das Geschäft der Journalisten ist, die Wahrheit zu zerstören, schlankweg zu lügen, die Wahrheit zu pervertieren, sie zu morden, zu Füßen des Mammons zu legen und sein Land und die menschliche Rasse zu verkaufen zum Zweck des täglichen Broterwerbs. Sie wissen das, und ich weiß das, was soll also das verrückte Lobreden auf eine freie Presse? Wir sind die Werkzeuge und Vasallen reicher Männer hinter der Szene. Wir sind die Hampelmänner, sie ziehen die Fäden, und wir tanzen. Unsere Talente, unsere Möglichkeiten und unsere Leben stehen allesamt im Eigentum anderer Männer. Wir sind intellektuelle Prostituierte.”

  35. Vgl. Howard Zinn: “Peoples History of the United States”, a.a.O., Seite 262 – 264.
  36. Ellen Hodgson Brown: “The Web of Debt”, a.a.O., Seite 123.
  37. Nomi Prins: “All the Presidents’ Bankers: The Hidden Alliances that Drive American Power“, Nation Books, New York, April 2014, Seite 23.
  38. Nomi Prins: “All the Presidents’ Bankers: The Hidden Alliances that Drive American Power“, Nation Books, New York, April 2014, Seite 23.
  39. Ebd., Seite 27 – 28.
  40. Ron Chernow: „Die Warburgs“, a.a.O., Seite 177.
  41. Ebd.
  42. Murray N. Rothbard: “The Origins of the Federal Reserve“, a.a.O., Seite 36.
  43. Vgl. ebd.
  44. Ebd.
  45. Vgl. ebd.
  46. Ron Chernow: „Die Warburgs“, a.a.O., Seite 175.
  47. Ebd., Seite 173.
  48. Ebd., Seite 176.
  49. Ebd.
  50. Ebd.
  51. Vgl. ebd., Seite 176.
  52. Murray N. Rothbard: “The Origins of the Federal Reserve“, a.a.O., Seite 40.
  53. Ebd.
  54. Vgl. Lars Schall: „Finanzen sind ein Machtspiel“, a.a.O.
  55. Nomi Prins: “All the Presidents’ Bankers”, a.a.O., Seite 37.
  56. Ron Chernow: „Die Warburgs“, a.a.O., Seite 177
  57. Murray N. Rothbard: “The Origins of the Federal Reserve“, a.a.O., Seite 44.
  58. Vgl. Lars Schall: „Finanzen sind ein Machtspiel“, a.a.O.
  59. William Greider: “Secrets of the Temple: How the Federal Reserve Runs the Country”, Simon and Schuster, New York, 1987, Seite 276.
  60. G. Edward Griffin: „Die Kreatur von Jekyll Island”, a.a.O., Seite 28.
  61. Nomi Prins: “All the Presidents’ Bankers”, a.a.O., Seite 27
  62. Vgl. Stephen Zarlenga: „Der Mythos vom Geld“, a.a.O., Seite 393 – 394.
  63. Vgl. Nomi Prins: “All the Presidents’ Bankers”, a.a.O., Seite 28.
  64. Murray N. Rothbard: “The Origins of the Federal Reserve“, a.a.O., Seite 45.
  65. Benannt nach Carter Glass und Robert Latham Owen, den beiden Vorsitzenden des House and Senate Banking and Currency Committee. Wie William Greidler in “Secrets of the Temple“ auf Seite 276 schreibt, geht der Glass-Owen Bill auf den Aldrich Bill zurück, der auf Jeckyll Island formuliert wurde: “The plan worked out by the group did, in fact, become the prototype for the final legislation. Aside from details, the same fundamentals were to be incorporated in the new central bank.”
  66. Vgl. William Greider: “Secrets of the Temple“, a.a.O., Seite 278.
  67. Ellen Hodgson Brown: “The Web of Debt“, a.a.O., Seite 127.
  68. Zitiert in Louis T. McFadden: “Collective Speeches as Compiled from the Congressional Record“, Omni Publications, Hawthorne, 1970, Seite 309.
  69. Murray N. Rothbard: “Wall Street, Banks, and American Foreign Policy“, a.a.O.
  70. William Greider: “Secrets of the Temple”, a.a.O, Seite 270.
  71. Zitiert in Charles Seymour: “The Intimate Papers of Colonel House – Behind the Political Curtain 1912-1915“, Houghton Mifflin Company, Boston/New York, 1926, Seite 174. Bei Seymour steht “Jacob W. Schiff“ – was wohl ein Fehler des Herausgebers ist, denn korrekt wäre “Jacob H. Schiff“, wobei das “H“ für “Heinrich“ bzw. “Henry“ steht.
  72. Vgl. Nomi Prins: “All the Presidents’ Bankers”, a.a.O., Seite 38. Eine Weitergestaltung des Federal Reserve Acts von 1913 war der Banking Act von 1935, den Franklin D. Roosevelt am 23. August 1935 unterzeichnete.
  73. David Rothkopf: „Die Super-Klasse. Die Welt der internationalen Machtelite“, Wilhelm Goldmann Verlag, München, 2009, Seite 468. Rothkopf zitiert den US-Ökonom Joseph Stieglitz, freilich in einem anderen Zusammenhang.
  74. William Greider: “Secrets of the Temple“, a.a.O., Seite 50.
  75. G. Edward Griffin: „Die Kreatur von Jekyll Island“, a.a.O., Seite 630.
  76. Vgl. Thanong Khanthong: “Not answerable to anyone”, veröffentlicht auf The Nation am 16. März 2012 unter: http://www.nationmultimedia.com/opinion/Not-answerable-to-anyone-30178042.html

    Bruce MacLaury von der Minneapolis Fed schreibt zur Frage der Unabhängigkeit der Federal Reserve:

    “First, let’s be clear on what independence does not mean. It does not mean decisions and actions made without accountability. By law and by established procedures, the System is clearly accountable to congress – not only for its monetary policy actions, but also for its regulatory responsibilities and for services to banks and to the public. Nor does independence mean that monetary policy actions should be free from public discussion and criticism – by members of congress, by professional economists in and out of government, by financial, business, and community leaders, and by informed citizens. Nor does it mean that the Fed is independent of the government. Although closely interfaced with commercial banking, the Fed is clearly a public institution, functioning within a discipline of responsibility to the ’public interest.’ It has a degree of independence within the government – which is quite different from being independent of government. Thus, the Federal Reserve System is more appropriately thought of as being ‘insulated’ from, rather than independent of, political – government and banking – special interest pressures. Through their 14-year terms and staggered appointments, for example, members of the Board of Governors are insulated from being dependent on or beholden to the current administration or party in power. In this and in other ways, then, the monetary process is insulated – but not isolated – from these influences. In a functional sense, the insulated structure enables monetary policy makers to look beyond short-¬term pressures and political expedients whenever the long-¬term goals of sustainable growth and stable prices may require ‘unpopular’ policy actions. Monetary judgments must be able to weigh as objectively as possible the merit of short-term expedients against long-term consequences—in the on-going public interest.”

    Vgl. “Federal Reserve Bank Governance and Independence during Financial Crisis”, veröffentlicht vom Levy Economics Institute of Bard College, April 2014, Seite 110, unter: http://www.levyinstitute.org/publications/federal-reserve-bank-governance-and-independence-during-financial-crisis[/ref]

    Weitere Krux: Gegenüber der Öffentlichkeit wurde die Fed „als Reservebank (verkauft), die helfen würde, der Öffentlichkeit Kredite anzubieten, den Kleinbauern, den kleinen Banken, die Amerika generell durch die Kreditbereitstellung für das System helfen würde, wenn es negative finanzielle Situationen gäbe.

    Realität ist aber, dass die Fed von Anfang gestaltet wurde, um die größten Banken zu schützen, die zufällig auch die am stärksten politisch, sozial und persönlich verbundenen Institute in den Vereinigten Staaten waren, und so funktionierte sie fort. Deshalb hielt sie all die Fusionen aufrecht, die im Laufe des Jahrhunderts auftraten; deshalb stellte sie Liquidität zum Vorteil der größten Banken bereit; und deshalb sind die großen sechs Banken heute größer – sie sind nicht alle dieselben sechs Banken wie damals, es sind größere Ableitungen von ihnen –, und sie sind größer als sie es jemals zuvor gewesen sind, und sie erhalten mehr Federal Reserve-Subventionen als je zuvor; und die Federal Reserve hat eine größere Bilanzsumme als je zuvor.“ [154]Lars Schall: „Finanzen sind ein Machtspiel“, a.a.O.

  77. Vgl. William Greider: “Secrets of the Temple“, a.a.O., Seite 50.
  78. Vgl. ebd., Seite 736.
  79. Ebd., Seite 50.
  80. Vgl. ebd., Seite 50 – 51.
  81. Vgl. 275 U.S. 415 – United States Shipping Board Emergency Fleet Corporation v. Western Union Telegraph Co., gesprochen am 3. Januar 1928, veröffentlicht auf Open Jurist unter: http://openjurist.org/275/us/415. Unter Punkt 15 steht dort: Instrumentalities like the national banks or the federal reserve banks, in which there are private interests, are not departments of the government. They are private corporations in which the government has an interest. Compare Bank of the United States v. Planters’ Bank, 9 Wheat. 904, 907, 6 L. Ed. 244.
  82. Vgl. 680 F.2d 1239, John L. LEWIS, Plaintiff/Appellant v. UNITED STATES of America, Defendant/Appellee, No. 80-5905, United States Court of Appeals, Ninth Circuit, veröffentlicht unter: https://law.resource.org/pub/us/case/reporter/F2/680/680.F2d.1239.80-5905.html
  83. Vgl. Mark Pittman / James Sterngold / Hugh Son: “AIG Trustees Should Answer to Taxpayers, Not Fed, Towns Says”, veröffentlicht auf Bloomberg am 12. Mai 2009 unter: http://www.bloomberg.com/apps/news?pid=newsarchive&sid=avjlPu.bRVmk
  84. Vgl. “Freedom of Information Clips”, veröffentlicht auf CSPAN am 8. August 2012 unter: http://www.c-span.org/video/?c3668281/clip-freedom-information-cases.

    Die Aussage von Mizusawa, wonach die Fed-Regionalbanken „Privatbanken” seien, wurden vor dem Second Circuit Court of Appeals bezüglich der FOIA-Fälle “Fox News Network LLC v. Board of Governors of the Federal Reserve System” und “Bloomberg LP v. Board of Governors of the Federal Reserve System” vorgebracht. Fox News und Bloomberg wollten im Rahmen des Freedom of Information Act die Identität der Finanzinstitute erfahren, die Empfänger des Notfallkreditprogramms der US-Regierung infolge der Finanzkrise waren. Hieraus ergingen folgende Gerichtsbeschlüsse, zuerst vom States Court of Appeals, Second Circuit:

    The requests sought (in relevant part) detail about loans that the twelve Federal Reserve Banks made to private banks in April and May 2008 at the Discount Window and pursuant to ad hoc emergency lending programs (described in the margin )… The Board denied these requests (in relevant part) in December 2008. The Board conceded possession of records showing the loan information Bloomberg sought, with the exception of the collateral; collateral information is held by the lending Federal Reserve Banks. But the Board advised that the responsive information in its possession—contained in “Remaining Term Reports”–was exempt from disclosure under FOIA Exemptions 4 and 5. The Board did not search the lending records of the twelve Federal Reserve Banks, explaining that a request to the Board does not constitute a request for information held by those institutions.

    As the records of the Federal Reserve Bank of New York had not been searched, we need not decide here whether what may be found must be produced. (…)

    The Board and the Clearing House appeal only on the ground that a proper interpretation of FOIA Exemption 4 covers the requested material. No contest is made as to Exemption 5, or as to the scope of the Board’s (disputed) obligation to conduct a search of records at the Federal Reserve Bank of New York. Any argument that the Board had as to Exemption 5, or either side had as to the scope of the ordered search at the Federal Reserve Bank of New York is therefore deemed waived. Norton v. Sam’s Club, 145 F.3d 114, 117 (2d Cir.1998). Whether certain records of the twelve Federal Reserve Banks are records of the Board is an issue that is decided in an opinion-filed simultaneously with this opinion-in the appeal (heard in tandem with this appeal) from the Southern District’s decision in Fox News Network, LLC v. Board of Governors of the Fed. Reserve Sys., 639 F.Supp.2d 384 (S.D.N.Y.2009). See Fox News Network, LLC v. Bd. of Governors of the Fed. Reserve Sys, —F.3d —-, 2010 WL 986665 (2d Cir.2010).

    Der Gerichtsbeschluss in diesem letztgenannten Fall hieß:

    The Federal Reserve System–the central bank of the United States–is composed of twelve regional Federal Reserve Banks and the defendant-appellee Board of Governors of the Federal Reserve System (“Board”) in Washington, D.C. The Board is a federal agency that (among other things) supervises the operations of the twelve Federal Reserve Banks. (…) As the district court concluded, not all lending records of the twelve Federal Reserve Banks necessarily become records of the Board. However, Board regulations provide that some records at the Federal Reserve Banks– those kept at the Federal Reserve Banks under certain conditions for “administrative reasons”–are records of the Board; these must be searched. We remand to the district court to order further searches and to determine if the fruits of those searches must be disclosed. The district court did not reach the question of whether the Board misconstrued the scope of the Fox News FOIA requests (the district court having ruled these documents would be [**6] exempt from disclosure in any instance); we remand for further consideration of that question as well.

  85. Vgl. Lars Schall: “Are the 12 Regional Banks of the Fed Private Entities?”, veröffentlicht auf LarsSchall.com am 9. Juli 2014 unter: http://www.larsschall.com/2014/07/09/are-the-12-regional-banks-of-the-fed-private-entities/

    Siehe auch die rechtliche Auseinandersetzung, die William Greider über das Federal Reserve-Gebäude in Washington DC nacherzählt, in der es darum ging, ob die Fed Grundrechtssteuer zu zahlen habe oder nicht. William Greider: “Secrets of the Temple“, a.a.O., Seite 48 – 50.

  86. Vgl. ebd. Zitiert in National Commission on Terrorist Attacks Upon the United States: Memorandum for the Record (MFR) of the Briefing by Dino Kos of the Federal Reserve Bank of New York Conducted by Team 8, 01/09/2004, veröffentlicht auf Online Public Access unter: http://research.archives.gov/description/2610129
  87. Siehe Lars Schall: “Are the 12 Regional Banks of the Fed Private Entities?”, a.a.O.
  88. Vgl. ebd.
  89. L. Randall Wray: “The Greatest Myth Propagated About The FED: Central Bank Independence (Part 1)”, veröffentlicht auf New Economic Perspectives am 9. Januar 2014 unter: http://neweconomicperspectives.org/2014/01/greatest-myth-propagated-fed-central-bank-independence-part-1.html. Wray beruft sich hierbei auf Forschungsergebnisse von Bernard Shull, Professor Emeritus, Hunter College, CUNY.
  90. Lars Schall: „Geld ist Macht (Money Talks)“, Interview mit Norbert Häring, veröffentlicht auf LarsSchall.com am 18. April 2013 unter: http://www.larsschall.com/2013/04/18/geld-ist-macht-money-talks/
  91. Lars Schall: “Europe is not really an independent entity”, Interview mit Paul Craig Roberts, veröffentlicht auf LarsSchall.com am 21. Dezember 2013 unter: http://www.larsschall.com/2013/12/21/europe-is-not-really-an-independent-entity/
  92. Lars Schall: „Finanzen sind ein Machtspiel“, a.a.O.
  93. Vgl. Lars Schall: „Wir sind inmitten einer epochalen tektonischen Verschiebung” (Teil 1), a.a.O.
  94. J.S. Kim: „Im Innern des illusorischen Reiches des Banken- und Waren-Schwindels“, a.a.O.
  95. Vgl. Lars Schall: “Our Whole Financial System Is An Illusion“, Interview mit Michael Maloney, veröffentlicht auf GoldSwitzerland am 13. Juli 2011 unter: http://goldswitzerland.com/index.php/our-whole-financial-system-is-an-illusion/
  96. Lars Schall: „Vom exponentiellen Wahnsinn des Geldsystems“, Interview mit Prof. Bernd Senf, erschienen auf LarsSchall.com am 3. November 2010 unter: http://www.larsschall.com/2010/11/03/vom-exponentiellen-wahnsinn-des-geldsystems/
  97. Siehe Richard Heinberg: „Öl-Ende“, a.a.O., Seite 291, Kapitel: Physische Wirtschaft und Finanzwirtschaft. Siehe des Weiteren M. King Hubbert: “Two Intellectual Systems: Matter-energy and the Monetary Culture”, veröffentlicht unter: http://www.hubbertpeak.com/hubbert/monetary.html
  98. David Rothkopf: „Die Super-Klasse“, a.a.O., Seite 464.
  99. Dean Henderson: „Die vier apokalyptischen Reiter hinter den Öl-Kriegen“, veröffentlicht auf LarsSchall.com am 14. Juni 2011 unter: http://www.larsschall.com/2011/06/14/die-vier-apokalyptischen-reiter-hinter-den-ol-kriegen/
  100. Laurence H. Shoup / William Minter: “Imperial Brain Trust: The Council on Foreign Relations and United States Foreign Policy”, Authors Choice Press, New York: 2004, Seiten 58-59.
  101. Ebd., Seiten 60-62.
  102. Ebd., Seiten 62-64.
  103. Ebd., Seiten 66-67.
  104. Ebd., Seiten 66-70.
  105. Ebd., Seiten 77-78.
  106. Ebd., Seiten 78-79.
  107. Ebd., Seiten 86-88.
  108. Ebd., Seiten 92-95.
  109. Ebd., Seiten 97-98.
  110. Ebd., Seiten 102-104.
  111. Ebd., Seiten 106-107.
  112. David Rockefeller: “Memoirs”, New York: Random House, 2002, Seite 85.
  113. Ebd., Seite 113.
  114. Ebd., Seiten 149-151.
  115. Richard Bernstein: “‘I.B.M. and the Holocaust’: Assessing the Culpability”, veröffentlicht auf New York Times am 7. März 2001 unter: http://www.nytimes.com/2001/03/07/arts/07BERN.html?pagewanted=all
  116. David Rockefeller: “Memoirs”, a.a.O. Seite 149.
  117. Ebd., Seite 363.
  118. Obituaries, William Bundy. The Telegraph, 9. Oktober 2000, unter: http://www.telegraph.co.uk/news/obituaries/1369483/William-Bundy.html
  119. Cary Reich: “The Life of Nelson A. Rockefeller: Worlds to Conquer 1908-1958”, Doubleday, New York, 1996, Seite 559.
  120. Robert Kagan, “The Benevolent Empire,” Foreign Policy (No. 111, Summer 1998), Seite 26.
  121. Ebd., Seite 28.
  122. Sebastian Mallaby, “The Reluctant Imperialist: Terrorism, Failed States, and the Case for American Empire,” Foreign Affairs (Vol. 81, No. 2, March-April 2002), Seite 6.
  123. Ebd., Seite 2.
  124. Niall Ferguson, “The Unconscious Colossus: Limits of (& Alternatives to) American Empire,” Daedalus (Vol. 134, No. 2, On Imperialism, Spring 2005), page 21.
  125. Ebd., Seiten 21-22.
  126. Arthur Schlesinger, Jr., “The American Empire? Not so Fast,” World Policy Journal (Vol. 22, No. 1, Spring 2005), Seite 45.
  127. Michael Cox, “Empire by Denial: The Strange Case of the United States,” International Affairs (Vol. 81, No. 1, January 2005), Seite 18.
  128. Geir Lundestad, “‘Empire by Invitation’ in the American Century,” Diplomatic History (Vol. 23, No. 2, Spring 1999), Seite 189.
  129. Bruce Cumings, “The American Century and the Third World,” Diplomatic History (Vol. 23, No. 2, Spring 1999), Seite 356.
  130. Ebd., Seiten 358-359.
  131. CFR, War and Peace. CFR History: http://www.cfr.org/about/history/cfr/war_peace.html
  132. Joan Roelofs, Foundations and Public Policy: The Mask of Pluralism (New York: State University of New York Press, 2003), Seite 74.
  133. Ismael Hossein-Zadeh: “The Political Economy of U.S. Militarism”, Palgrave Macmillan, New York, 2006, Seiten 43-45.
  134. Ebd., Seite 45.
  135. Ebd., Seite 46.
  136. Laurence H. Shoup / William Minter: “Imperial Brain Trust”, a.a.O., Seite 118.
  137. Ismael Hossein-Zadeh: “The Political Economy of U.S. Militarism”, a.a.O., Seite 48.
  138. Ebd., Seiten 49-51.
  139. Laurence H. Shoup / William Minter: “Imperial Brain Trust”, a.a.O., Seiten 166-167.
  140. Ebd., Seiten 168-169.
  141. Joan Roelofs: “Foundations and Public Policy: The Mask of Pluralism”, State University of New York Press, New York, 2003, Seite 159.
  142. Ismael Hossein-Zadeh: “The Political Economy of U.S. Militarism”, a.a.O., Seite 51.
  143. Laurence H. Shoup / William Minter: “Imperial Brain Trust”, a.a.O., 169-171.
  144. Joan Roelofs: “Foundations and Public Policy”, a.a.O., Seite 160.
  145. Kevin Cole: „Professor Carroll Quigley und der Artikel, der zu wenig sagte“, veröffentlicht auf LarsSchall.com am 27. Januar 2014 unter: http://www.larsschall.com/2014/01/27/professor-carroll-quigley-und-der-artikel-der-zu-wenig-sagte/
  146. Wilhelm Bittorf: „Ein Politbüro für den Kapitalismus?“, Der Spiegel, Ausgabe 50 / 1975, erschienen am 8. Dezember 1975, online unter: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41389590.html
  147. Vgl. Norbert Häring: “The veil of deception over money: how central bankers and textbooks distort the nature of banking and central banking” (zu Deutsch in etwa: “Der Schleier der Täuschung über dem Geld: Wie Zentralbanker und Lehrbücher die Natur des Banken- und Zentralbankengeschäfts verzerren”), veröffentlicht auf World Economics Association unter: http://www.paecon.net/PAEReview/issue63/Haring63.pdf
  148. Lars Schall: „Geld ist Macht (Money Talks)“, a.a.O.
  149. Vgl. Lars Schall: “Our Whole Financial System Is An Illusion“, a.a.O.
  150. Steve Keen: „Der Geld-Illusions-Schock der Bank of England“, veröffentlicht auf LarsSchall.com am 24. März 2014 unter: http://www.larsschall.com/2014/03/24/der-geld-illusions-schock-der-bank-of-england/

    Die deutsche Zentralbank, die Bundesbank in Frankfurt am Main, äußerte sich zur Geldschöpfung durch Kreditvergabe der Geschäftsbanken aus dem Nichts in den Jahren 2007 und 2010 übrigens wie folgt:

    „Bei der Giralgeldschöpfung unterscheidet man die ,aktive‘ und die ‚passive‘ Geldschöpfung der Banken. So entsteht Giralgeld durch Einzahlung von Bargeld auf Girokonten. Bei dieser ,passiven‘ Form der Giralgeldschöpfung ändern sich die gesamten Geldbestände der Wirtschaft (also Giralgeld in Händen der Nichtbanken plus Bargeld) nicht. Daneben ist das Bankensystem aber auch in der Lage, durch Gewährung von Krediten aktiv Giralgeld entstehen zu lassen und damit die Geldmenge insgesamt zu erhöhen.” – Bundesbank-Broschüre: Geld und Geldpolitik, 2007, S. 59.

    „Die ,Überschussreserve’ im Bankensystem wird immer kleiner. Der Prozess der Giralgeldschöpfung wird dadurch gebremst. Jede einzelne Bank kann immer nur einen Bruchteil ihres Liquiditätszuflusses ausleihen. Trotzdem sind am Ende die Einlagen im Bankensystem – das Giralgeld – um ein Mehrfaches derjenigen Einlage gestiegen, die durch die ursprüngliche Kreditgewährung entstanden ist. Man spricht deshalb auch von der ,multiplen Giralgeldschöpfung’ (multipel = vielfach). Der Geldschöpfungsprozess erscheint damit wie Zauberei: Die Banken schöpfen anscheinend selbst Geld, ohne die Deutsche Bundesbank nötig zu haben. Einer höheren Forderung an die Nichtbanken stehen höhere Einlagen derselben gegenüber: Die Geldmenge ist gewachsen.” – Bundesbank-Broschüre: Geld und Geldpolitik, 2007, S.62.

    „In der Regel gewährt die Geschäftsbank einem Kunden einen Kredit und schreibt ihm den entsprechenden Betrag auf dessen Girokonto gut. Wird dem Kunden ein Kredit über 1.000 Euro gewährt (z.B. Laufzeit 5 Jahre, 5 %), erhöht sich die Sichteinlage des Kunden auf seinem Girokonto um 1.000 Euro. Es ist Giralgeld entstanden bzw. wurden 1.000 Euro Giralgeld geschöpft. (…) Die Giralgeldschöpfung ist also ein Buchungsvorgang.” – Bundesbank-Broschüre: Geld und Geldpolitik, 2010, S. 68.

    „Wenn eine Geschäftsbank einen Kredit gewährt, finanziert sie diesen in einem ersten Schritt dadurch, dass sie (…) den entsprechenden Betrag an Giralgeld selbst schafft.” – Bundesbank-Broschüre: Geld und Geldpolitik, 2010, S. 71.

    „Geld entsteht durch ‚Geldschöpfung‘. Sowohl staatliche Zentralbanken als auch private Geschäftsbanken können Geld schaffen. Im Eurosystem entsteht Geld vor allem durch die Vergabe von Krediten, ferner dadurch, dass Zentralbanken oder Geschäftsbanken Vermögenswerte ankaufen, beispielsweise Gold, fremde Währungen, Immobilien oder Wertpapiere. Wenn die Zentralbank einer Geschäftsbank einen Kredit gewährt und den Betrag auf dem Konto der Bank bei der Zentralbank gutschreibt, entsteht ,Zentralbankgeld‘. Die Geschäftsbanken benötigen es zur Erfüllung ihrer Mindestreservepflicht, zur Befriedigung der Bargeldnachfrage und für den Zahlungsverkehr. (…) Die Geschäftsbanken können auch selbst Geld schaffen, das sogenannte Giralgeld. Der Geldschöpfungsprozess durch die Geschäftsbanken lässt sich durch die damit verbundenen Buchungen erklären: Wenn eine Geschäftsbank einem Kunden einen Kredit gewährt, dann bucht sie in ihrer Bilanz auf der Aktivseite eine Kreditforderung gegenüber dem Kunden ein – beispielsweise 100.000 Euro. Gleichzeitig schreibt die Bank dem Kunden auf dessen Girokonto, das auf der Passivseite der Bankbilanz geführt wird, 100.000 Euro gut. Diese Gutschrift erhöht die Einlagen des Kunden auf seinem Girokonto – es entsteht Giralgeld, das die Geldmenge erhöht.“ – Bundesbank-Broschüre: Geld und Geldpolitik, 2010, S. 88.

  151. Gemeint ist hier Joseph Schumpeter: „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung.“
  152. Eduard Braun: „Schumpeters entlarvende Analyse unseres Geldsystems“, veröffentlicht auf Ludwig von Mises Institut Deutschland am 12. März 2014 unter: http://www.misesde.org/?p=7383
  153. Ellen Hodgson Brown: “Time for a New Theory of Money”, veröffentlicht auf Yes Magazine am 28. Oktober 2010 unter: http://www.yesmagazine.org/new-economy/time-for-a-new-theory-of-money