image_pdfimage_print
Das wandernde Auge

4 Jahre nach Fukushima: Frauen sind Japans Hoffnung

von Andreas Müller-Alwart

Aus Fukushima haben die Menschen gelernt, aber nicht der Betreiber der Anlage und leider auch nicht die Regierung. Dennoch gibt es Hoffnung für eine andere Energiepolitik. Mehr noch: Es gibt Gemeinden wie Yusuhara, die einhundertprozentig alternative Energiequellen einsetzen und autark von ortsfremden Energielieferanten geworden sind.

Am 11.03. ist der vierte Jahrestag der Fukushima-Reaktorkatastrophe. Für die im Umgang mit Erdbeben- und Tsunamikatastrophen erfahrenen Japaner war der anschließende Super-GAU im Atomkraftwerk zu viel des Schlechten. Noch immer glühen die durchgegangenen Reaktoren im Erdboden vor sich hin, müssen ständig mit frischem Meerwasser gekühlt werden und auch die fortlaufende Verseuchung des Erdreiches und vor allem des Pazifiks konnte bisher nicht gestoppt werden. Versuche, das Gelände um die havarierten Reaktoren einzufrieren, mit dem Ziel den Schadwasserabfluss zu unterbinden, waren gescheitert. Und bis heute gibt es keine Kühltürme oder andere Kühlsysteme, die in einem geschlossenen Wasserkreislauf die Reaktorkerne kühlen und gleichzeitig das aufgeheizte Kühlwasser wieder kühlen und rückführen könnten. Und bis heute haben weder TEPCO, die Betreiberfirma der Reaktoren, noch die Regierung wirklich etwas aus der Katastrophe gelernt. Wie leben die Menschen heute? Wird offen diskutiert? Welche positiven Beispiele gibt es in Japan, die aufzeigen, dass eine Trendwende in der Energiewirtschaft ohne Atomstrom nicht nur möglich, sondern geradezu ideal wäre?

Wyhl als Vorbild für eine atomfreie Welt

Es ist für uns Europäer, die wir selten in Asien waren und noch seltener die asiatische Kultur verstehen gelernt haben, sehr schwierig, die Situation vor Ort zu verstehen. Einblicke gewährt uns deswegen Erhard Schulz, der regelmäßig nach Japan reist und der fortlaufend Besuchergruppen aus Japan in seiner Innovation Academie e. V. in Freiburg empfängt. Schulz war 25 Jahre lang Geschäftsführer des Bund für Umwelt- und Naturschutz, Baden-Württemberg, war dessen Mitgründer und ist bis heute Sprecher der Bürgerinitiativen Umweltschutz. Er gehört quasi zu den Begründern der Pro-Alternative-Energien-Bewegung. Und Schulz wird vor allem deswegen gerne in Japan empfangen und gehört, weil er den Widerstand gegen das Atomkraftwerk Wyhl, das einzige, das je in Deutschland verhindert werden konnte, live begleitet hat. Man kann ein AKW verhindern? Das interessiert viele Japaner sehr. Schulz, der auch stellvertretender Landesvorsitzender des Bundesverband Windenergie (BWE) ist und in seiner Innovation Academie die Themen der alternativen Energieerzeugung darstellt, empfängt im Jahr 6.000 Besucher aus 45 Ländern.

In Japan ist sind vor allem Frauen sehr aktiv. ©Erhard Schulz, Innovation Akademie e. V.

In Japan ist sind vor allem Frauen sehr aktiv. ©Erhard Schulz, Innovation Akademie e. V.

Bürger und Gouverneure sind gedanklich weiter als die Regierung

In Japan, so berichtet er, gäbe es vor allem einen hohen Anteil sehr gebildeter Frauen, die auch sehr engagiert seien. Dass Frauen so herausragend aktiv sind, hat damit zu, dass asiatische Männer gegen die traditionell geprägte Angst kämpfen, sie könnten ihr Gesicht verlieren. „Diskussionen finden Sie im japanischen Fernsehen und bei regionalen Veranstaltungen kaum – schon gar nicht live.“ Aus demselben Grund: Es könnten ja kompromittierende Fragen gestellt werden, es könnte der Organisator oder der eingeladene Gast verletzt werden. Von den 128 Millionen Einwohnern Japans, sind 75 Prozent aller Frauen und 60 Prozent aller Männer gegen den weiteren Einsatz von Atomkraft. Sie haben die Gouverneure auf Ihrer Seite – Gouverneure entsprechen in etwa den bei uns bekannten Regierungspräsidenten. In Japan müssen diese Gouverneure die Atomkraftwerke genehmigen, was sie spätestens seit Fukushima nicht mehr tun. Die Zentralregierung hingegen hält weiterhin stoisch an dieser Technologie fest. Es gibt allerlei Indizien, die Mafia-ähnliche Strukturen zwischen Beamten und Energiebetreibern nahelegen.

Konsequenzen der Katastrophe bis heute nicht abschließend überschaubar

Um das Ausmaß der Katastrophe und den heutigen Status richtig einordnen zu können, muss man Land und Leute begreifen. Man muss wissen, dass Japan aus 6.000 Inseln besteht: Es wird kaum Fleisch gegessen, sondern überwiegend Gemüse und natürlich Fisch. Dort, wo die Flutwelle seinerzeit die Landstriche überschwemmt hat, wurden die Gärten und die Landwirtschaft vernichtet. Nach vier Jahren wird dort allerdings wieder angepflanzt. Nicht so natürlich im Sperrgebiet: Diese Anbauflächen sind auf Jahrzehnte verseucht. Niemand weiß genau für welchen  Zeitraum – zumal das Grundwasser weiter durch das Kühlwasser verseucht wird. Die Mehrzahl der Anwohner lebt im Küstenraum, ernährt sich nicht nur von Fisch, sondern Fischfang ist natürlich für viele Japaner auch eine wichtige Einnahmequelle.  So sind auch Fischer die einige Hundert Kilometer von der Katastrophe entfernt leben, in ihrer Existenz bedroht. Wenn die einst beliebten Muscheln der Muschelbänke und der Fischfang nicht mehr verkauft werden können.

Egal ob Friedhof, Gebäude oder Gemüseanbaufläche – der Tsunami hat kaum etwas stehen lassen und viele Böden im Umfeld der Reaktoranlage sind zusätzlich verseucht.
©Erhard Schulz, Innovation Akademie e. V.

Egal ob Friedhof, Gebäude oder Gemüseanbaufläche – der Tsunami hat kaum etwas stehen lassen und viele Böden im Umfeld der Reaktoranlage sind zusätzlich verseucht.
 ©Erhard Schulz, Innovation Akademie e. V.

Glück im Unglück: Die Windrichtung

Als die Reaktoren explodierten, trieb glücklicherweise eine frische Brise die radioaktive Wolke aufs Meer und nicht in Richtung der Millionenmetropole Tokio. Auf dem Meer kondensierte die radioaktive Last und wurde wieder landeinwärts getrieben, wo sie in den Tausend Meter hohen Bergen abregnete. Glücklicherweise leben dort nur wenige Menschen. Bis heute ist die Strahlung an diesen Hotspots noch so stark, dass die Zeiger der Messgeräte bis über den Anschlag hinauspendeln. Eine Messung ist somit unmöglich. Dennoch leben in einigen Regionen noch Farmer und ältere Menschen: Wo sollen sie auch hin? Ihre Heimat ist hier – ihre Existenz war hier. „Weder die Regierung noch die Betreiberfirma haben die Menschen über Radioaktivität und ihre Langzeitbelastung aufgeklärt, sondern diese Aufgabe haben engagierte Ärzte übernommen“, erklärt Schulz in einem Vortrag. Die Zuhörer schütteln fassungslos die Köpfe.

Die Reaktor-Havarie wird bis heute nicht wirklich aufgearbeitet

Auch sonst liegt in der Aufarbeitung der Katastrophe einiges im Argen. Offizielle Gedenktage befassen sich beispielsweise nur mit den Opfern, die der Tsunami gefordert hat. Dank ausgeprägter Frühwarnsysteme, konnten sich viele Menschen in den drei bis vier verbleibenden Stunden noch retten und so verursachte der Tsunami relativ wenige Opfer. Und die Situation auf den 6.000 Inseln? „Niemand kam ums Leben, alle gingen in die Berge“, berichtet Schulz. „Die Japaner sind sehr versiert im Umgang mit diesen Naturkatastrophen – sie sind sie ja gewohnt, aber die Reaktorkatastrophe waren sie nicht gewohnt.“ In Folge der Reaktorkatastrophe mussten jedoch 200.000 Menschen ihre Heimat verlassen. „Es ist ein Heimatverlust, der so gewaltig ist, dass viele Ehen daran zerbrochen sind. Die Selbstmordrate ist hoch. Darüber wird in den Medien nichts berichtet.“

Container-Auffang-Stätten anstatt Heimat

Viele Menschen wurden in einfache Noteinrichtungen – im Regelfall Container – umgesiedelt. Wie lange sie dort leben müssen? 10 Jahre, 20 Jahre – 40 Jahre? Japaner geben nicht auf, wollen nicht ihr Gesicht verlieren. Es gibt keine exakte Statistik darüber, wie viele Ehen zerstört wurden: Die Frauen zogen weg, die Männer versuchten die Existenz zu retten und blieben, aber nach vier Jahren hatten sie dann auch noch die Partnerin verloren. Die Ehefrauen hingegen reagierten flexibler und – so muss man wohl feststellen – pragmatischer.

Entrissen aus der Heimat, losgelöst vom gemütlichen, privaten Heim und in der Existenz entwurzelt: Die Containersiedlungen erinnern an Migrantenheime oder Auffanglager von Kriegsflüchtlingen. ©Erhard Schulz, Innovation Akademie e. V.

Entrissen aus der Heimat, losgelöst vom gemütlichen, privaten Heim und in der Existenz entwurzelt: Die Containersiedlungen erinnern an Migrantenheime oder Auffanglager von Kriegsflüchtlingen. ©Erhard Schulz, Innovation Akademie e. V.

Kein Atomstrom für Veranstaltung gegen Atomstrom: TEPCO veralbert sich selbst

Wie unbelehrbar und herzlos die Betreibergesellschaft TEPCO vorgeht und wie sehr sie sich dabei der Gunst der Regierung offensichtlich sicher sein kann, zeigt auch der erste Jahrestag von Fukushima. In Tokio wurde zu einer Großveranstaltung in einem sehr hübschen Park eingeladen – viele Tausende sind gekommen und wieder überwiegend Frauen. Den Strom für die Veranstaltung musste man aus Dieselgeneratoren erzeugen, weil die örtliche Strombetreibergesellschaft, eben jene TEPCO, nicht bereit war, für diese Veranstaltung Strom zu liefern. Auf der nach oben offenen Skala von mangelnder Ethik und Moral scheint TEPCO neue Höhen anstreben zu wollen. Oder man könnte es auch belustigt so betrachten: TEPCO veralbert sich geradewegs selbst mit solchen Aktionen.

Erhard Schulz war am ersten Jahrestag dabei und erzählt, er habe eine Atmosphäre wie in Wyhl vorgefunden. Es gab folkloristische Einlagen, Fachbeiträge, Musik und jede Menge andere Kultur, eben wie damals am Kaiserstuhl: „Der Widerstand, der aus der Kraft der Kultur kommt. Dieser Widerstand ist stark verankert.“ An diesem Jahrestag war sogar das Fernsehen präsent – interessant deswegen, weil die Berichterstattung in Japan immer noch sehr, sehr spärlich ist. „Doch der Deutsche, der da spricht, sei ja nur kurz zu Besuch, da könne man ruhig darüber berichten, der ist ja bald wieder weg“, so die Einschätzung vor Ort. Die Polizeipräsenz war hoch an diesem Tag, da man die Sorge hatte, die Menschen würden zum Parlament weiterziehen, um dort zu protestieren.


„Der Widerstand ist  tief mit der Kultur verankert!“ Einladungsplakat zur damaligen Veranstaltung – ein Jahr nach dem Unglück von Fukushima. ©Erhard Schulz, Innovation Akademie e. V.

„Der Widerstand ist tief mit der Kultur verankert!“ Einladungsplakat zur damaligen Veranstaltung – ein Jahr nach dem Unglück von Fukushima. ©Erhard Schulz, Innovation Akademie e. V.

Später dann zogen tatsächlich 30.000 Menschen vor das Parlament – für die Offiziellen überraschenderweise. „Es hilft nichts, dass man in einem schönen Park demonstriert“, meint Schulz. „Man muss dorthin, wo die Politik gemacht wird.“ Während die berufstätigen Männer aufgrund der drohenden Gefahr eines Gesichtsverlustes die Proteste kaum vorantreiben, sind es vor allem die engagierten und gebildeten Frauen, die nicht nachlassen, eine andere Energiepolitik einzufordern.


Ein engagierter Bürger klärt über Fukushima und die Folgen auf. Nur selten sind die Männer so aktiv – meistens sind es die Frauen. ©Erhard Schulz, Innovation Akademie e. V.

Ein engagierter Bürger klärt über Fukushima und die Folgen auf. Nur selten sind die Männer so aktiv – meistens sind es die Frauen. ©Erhard Schulz, Innovation Akademie e. V.

Yusuhara – atomfreie Gemeinde

Während auch vier Jahre nach der Katastrophe die Regierung weiterhin jegliche Aufklärung verweigert, sich jeglichem Lernprozess widersetzt und offensichtlich in Strukturen gefangen ist, die keinerlei Umdenken erlauben, sind viele Gemeinden, die Bürger und eben auch die genannten Gouverneure viel weiter. Der Jahrestag ist deswegen ein guter Zeitpunkt, um auch mal positive Beispiele zu betrachten. Die gibt es und es sind oft kleine Gemeinden, die besonders aktiv sind, zum Beispiel Yusuhara. Die Gemeinde verfügt über einen Waldanteil von 93 Prozent, die Siedlung liegt am bzw. im Gebirge und erstreckt sich über einen Höhenunterschied von fast 1.000 Metern. Bekannt ist die Siedlung weit über Japan hinaus wegen ihres Goldenen Tempels, der jedes Jahr 1,5 Millionen Touristen in den Ort lockt – überwiegend Chinesen.

100 % autarke Energieversorgung

Obwohl der Ort sehr viele denkmalgeschützte Gebäude umfasst, sind überall auf den Dächern Photovoltaik-Anlagen zu finden, die Strom für die Selbstversorgung liefern. Die Gemeinde nutzt in gesundem Maße alles, was sie an Ressourcen hat. Durch den Höhenunterschied können im Gebirge Windkraftanlagen betrieben werden, die das Zehnfache an Strom erwirtschaften wie beispielsweise eine Anlage auf dem höchsten Berg des Schwarzwaldes, dem Feldberg, einfahren würde. Gleichzeitig kann hier – wie überall in Japan – gut Erdwärme per Geothermie erzeugt werden – natürlich wird das Wasser im regionalen Schwimmbad damit erwärmt. Und natürlich werden auch Bergbäche und Flüsse für Wasserkraftwerke eingesetzt. Eine wichtige Rolle spielt in Yusuhara auch das Holz. Es finden sich viele Holzhäuser und viele davon mit reisstrohgedeckten Dächern. Umfangreiche Wälder, vor allem mit schönen Zedernhölzern, werden für den Hausbau genutzt: Besonders das große, fünfstöckige (!) Rathaus ist komplett aus Zedernholz gestaltet und die Atmosphäre im Gebäude ist demensprechend natürlich und heimelig. Übrigens: Der gemeindeeigene Fuhrpark besteht überwiegend aus Solarfahrzeugen und natürlich gibt es überall ausreichend Solarstrom-Tankstellen.

Das positive Beispiel findet langsam Nachahmer

Holz von mittelmäßiger Qualität wird für die Aufzucht der traditionell sehr beliebten Shiitake-Pilze verwendet. Und was dann noch an Holzabfall übrig bleibt, wird als Pellets aufbereitet. In großen Säcken abgefüllt wird es den Hausbesitzern zum Verheizen als saubere Energie angeliefert. Yusuhara hat nicht nur eine hundertprozentige Autarkie bei der Energieversorgung erreicht, sondern plant auch Überschüsse dieser nachhaltigen Energie zukünftig an Nachbargemeinden abzugeben. Erfreulicherweise haben die bereits begonnen, von Yusuhara zu lernen und planen ihr eigenes Konzept der nachhaltigen und autarken Energieversorgung.

Kurzum: Es stellt sich schon die Frage, warum japanische Delegationen nach Freiburg kommen, um sich über den Widerstand gegen das Atomkraftwerk Wyhl zu informieren und über alternative Möglichkeiten der Energieerzeugung zu informieren, wenn doch perfekte Beispiele quasi vor der eigenen Haustüre zu besichtigen sind.

Dafür wiederum weiß Erhard Schulz eine Erklärung. Es sei in Japan nicht üblich, sich an Vorbildern kleinerer Gemeinden zu orientieren. Eine große Stadt verlöre quasi ihr Gesicht, wenn sie zugeben müsste, gute Beispiele von einer kleinen Nachbargemeinde abzukupfern. Ein Gesinnungswandel hat sicherlich eingesetzt, dauere aber eben seine Zeit.

Und was wäre, wenn die Bürger die Energieumstellung über eine Eigenfinanzierung, also eine Bürgerbeteiligung, anstoßen würden? Das wiederum – hat Schulz erfahren müssen – sei ein No-Go, da Japaner vom Staat erwarten, dass dieser sich um alles kümmere.

Deutsche Energiewende als Vorbild

Bleibt also die Erkenntnis: Vielleicht, ja sogar sicher, hat Fukushima die Energiewende eingeläutet. Vielleicht ist das das einzige Gute an diesem GAU. Die Energiewende wird von ein paar kleinen Gemeinden und vor allem von gebildeten, engagierten Frauen in Japan unaufhaltsam weiter vorangetrieben. Dieses Engagement ist tief mit der Kultur der Japaner verbunden, muss teilweise traditionelle Sichtweisen überwinden, wird aber am Ende zu einer atomstromfreien Gesellschaft führen. Daran werden weder Mafiastrukturen, noch Energieversorger und schon gar nicht die Regierung auf Dauer etwas ändern. Der Transformationsprozess beschleunigt sich. Es ist erfreulich, wenn die Deutsche Energiewende – mit allen Problemen, die wir diskutieren und lösen müssen – ein Vorbild für den asiatischen Raum ist.

Andreas Müller-Alwart


Autor Andreas Müller-Alwart ist selbständiger Journalist, Coach sowie Requirement Engineering Manager und er ist Mitglied in unserem Redaktions-Team. Hier geht es zu seiner Webseite 02-08-2014 10-40-44 als LOGO ohne Untertext.

Weiterführende/Ergänzende Links:


Yusuhara Wooden Bridge Museum (zeigt eindrucksvoll die Zedernholz-Baukunst)

Das fünfstöckiges Rathaus aus Zedernholz (Website ProHolz, Österreich)


Die Innovation Academy (Projekt von Erhard Schulz) in Freiburg

Bundesverband Windenergie

Bildquelle: ©Erhard Schulz, Innovation Akademie e. V. – http://www.innovation-academy.de/ 

Beitragsbild: „Die Welt sehen“ – http://pixabay.com

Psychologie der Macht

Macht macht untertan – Die Unvereinbarkeit von staatlicher Macht und Demokratie

von Herbert Ludwig

Die Macht über Menschen ist allen bisherigen Herrschaftsformen des Staates immanent. Die umfassendste Ausprägung uneingeschränkter Herrschaft Einzelner über alle anderen finden wir geschichtlich in den vorderasiatischen Theokratien und im späteren Gottesgnadentum der Monarchien (s. Der Staat als Instrument). In ihnen erlebte sich der einzelne Mensch noch als ein unselbständiges Glied der Gemeinschaft des Stammes oder Volkes, die vom Herrscher repräsentiert wurde. Das von diesem gelenkte soziale Ganze war Selbstzweck und Rechtfertigung in sich. Es umhüllte und versorgte kulturell, wirtschaftlich und durch die Sicherheit der staatlichen Ordnung den Einzelnen, der dem gleichsam übermenschlichen Herrscher dafür Dankbarkeit und selbstverständlichen Gehorsam entgegenbrachte. Dieser hierarchische Staat „setzte ein kindhaftes unmündiges Volk von Untertanen voraus. Die Überlegenheit staatlicher Autorität über den Einzelnen entsprach durchaus dem väterlichen Willen auf Gehorsam von Seiten des Kindes.“ [1]

Die Emanzipation der Persönlichkeit

FreiheitAus dieser Unmündigkeit hat sich die Menschheit allmählich herausentwickelt. Mit der in Griechenland entstehenden Fähigkeit des begrifflichen Denkens erwachte in den Menschen ein wachsendes Selbstbewusstsein, das sich darauf stützte, die Wahrheit im eigenen Denken selbst erkennen und danach handeln zu können, ohne auf die Autorität von Herrschern und Priestern angewiesen zu sein (s. Die Aufgabe Europas). Darin wurden alle Menschen gleich: aus eigener Erkenntnis ihr Handeln selbst bestimmen und darin ihre Persönlichkeit frei entfalten zu können. Das macht letztlich die Würde des Menschen aus.  [2] Jeder Anspruch eines der Gleichen, den anderen ihr Denken und Handeln inhaltlich vorzuschreiben, ist die hohle Anmaßung, ihnen nicht gleich zu sein, sondern höher zu stehen. Es ist der Rückgriff in überwundene Zeiten, das egoistische Festkrampfen an hierarchischen Machtstrukturen, das sich feindlich der Entwicklung des Menschen entgegenstellt. Es ist die fundamentale Verletzung der Gleichheit und Freiheit, der Würde des anderen Menschen.

Es war ein langer Weg, die Usurpatoren der Macht vom angemaßten Thron zu stoßen, der in der Französischen Revolution eine Kulmination erreichte. Aber Freiheit wurde nur als Freiheit vom Joch der Königs- und Adelsherrschaft verstanden, und an deren Stelle trat die „Herrschaft des Volkes“ bzw. die Herrschaft einer gewählten Mehrheit von Volksvertretern. Damit ist die Befreiung des Menschen auf halbem Wege stecken geblieben, bis heute. Denn es geht doch darum, „die Alleinherrschaft eines Einzelnen in eine Herrschaft aller Einzelnen umzuwandeln, d. h., das Selbstbestimmungsrecht des einzelnen Bürgers sollte den absoluten Herrschaftsanspruch überhaupt ablösen.“ Es kommt nicht darauf an, „den Machtstaat in den Händen eines Einzelnen und einer gesellschaftlichen Oberschicht durch den Machtstaat in den Händen einer ´demokratischen´ Mehrheit abzulösen, sondern die Macht von Menschen über Menschen überhaupt zu beseitigen.“ [3]

Unterdrückung der Persönlichkeit

Die in alter Zeit dem Einzelnen übergeordnete Gemeinschaft, die ihn unter der Führung des Herrschers umfassend wirtschaftlich versorgte, geistig leitete und staatlich schützte, hat mit der Emanzipation der Persönlichkeit ihre omnipotente Berechtigung verloren. Sie wird aber heute auch in der „Demokratie“ weitgehend in bürokratisch perfektionierter Form fortgeführt. Die organisierte Gemeinschaft kann als Staat jedoch heute nur die Aufgabe haben, die auf der Gleichheit ruhende Freiheit und Selbstbestimmung der Menschen zu ermöglichen und zu schützen. Es ist nicht mehr ihre Angelegenheit, die wirtschaftliche Versorgung und die geistig-kulturelle Entwicklung der Menschen irgendwie inhaltlich zu lenken oder zu bestimmen, da unter der Führung der jetzt „demokratisch“ Herrschenden dadurch „von oben“ die Freiheit und Selbstbestimmung der Menschen ausgeschaltet wird. Ein „Oben“ kann es in der Gleichheit überhaupt nicht mehr geben. Es bringt immer ein „Unten“ mit sich, das ihm untergeben, untertan ist, in dem die Gleichheit aufgehoben ist.

UnterdrückungWilhelm von Humboldt wies bereits 1792 in einer wenig beachteten genialen Jugendschrift darauf hin, dass dem Staat nicht mehr „die Sorgfalt für das positive Wohl der Bürger“, d. h. für die bestmögliche Entwicklung ihres physischen und moralisch-geistigen Lebens zustehe, sondern nur noch die Sorgfalt für das „negative Wohl“ der Bürger, für ihre Sicherheit; also die Sorge  vor der Gefährdung ihres Wohlergehens, die ihnen durch äußere Feinde und Naturkatastrophen, im Inneren durch Störungen des Rechtsfriedens drohen. Es sei „das Prinzip, dass die Regierung für das Glück und das Wohl, das physische und das mo­ralische (geistige), der Nation sorgen muss, der ärgste und drückendste Despotis­mus.“  [4]  Für das physische Wohl wird im Wirtschaftsleben, für das geistig-moralische Wohl im Geistesleben gesorgt, das im Bildungsleben veranlagt wird. Beide Bereiche der Gesellschaft liegen daher außerhalb der Zuständigkeit des Staates. In ihnen hat allein die sich in Freiheit und Selbstbestimmung entfaltende Persönlichkeit des Menschen zu wirken. Gesetze des Staates, die das Handeln der Menschen inhaltlich diktieren, und wären es die bestmöglichen, bedeuten hier nichts anderes als eben Diktatur.

Ein Staat, in welchem die Bürger … genötigt oder bewogen würden, auch den besten Ge­setzen zu folgen, könnte ein ruhiger, friedliebender, wohlhabender Staat sein; allein er würde mir immer ein Haufen ernährter Sklaven, nicht eine Vereinigung freier, nur, wo sie die Grenze des Rechts übertreten, gebundener Menschen scheinen.  [5]

Die Wurzeln der heute unrechtmäßigen Macht des Staates liegen darin, dass historisch überlebte gesellschaftliche Strukturen des früheren theokratischen totalen Versorgungsstaates unzeitgemäß aufrechterhalten werden. Die staatliche Macht ist usurpiert, sie ist die widerrechtliche Aneignung eines Gewaltinstrumentes durch wenige, um über die Anderen zu herrschen. Widerrechtlich ist sie deshalb, weil sie gegen das Naturrecht des Menschen verstößt, das jedem staatlichen Recht vorgeht.

Das Naturrecht

Freiheit und Gleichheit sind nicht staatlich zugeteilte Rechte, sondern Zustände, Verfasstheiten der Menschen, die aus der historischen Entwicklung hervorgegangen und errungen worden sind. Sie gehören der seelisch-geistigen Natur des Menschen an, sind sozusagen mit ihm geboren. Sie sind seine natürlichen Rechte, die jeder menschlichen Einrichtung, wie dem Staat, vorausgehen, die dieser vorfindet, voraussetzen und als ein Faktum damit rechnen muss. Der Staat hat sie lediglich rechtlich zu formulieren und als etwas aufzunehmen, das unabhängig von ihm bereits vorhanden, von ihm nicht veränderbar ist und als  von vorneherein, unmittelbar geltende Naturrechte des Menschen seinem eigenen Recht zugrunde liegt. Dies wird im deutschen Grundgesetz auch so gesehen. Am Anfang steht treffend das oberste Grundrecht, das alle weiteren Grundrechte in sich schließt, die aus ihm hervorquellen:

 Art. 1: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.  

Das deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.

Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.

Also die Würde des Menschen sowie die sie ausmachenden und aus ihr hervorgehenden  Gleichheits- und Freiheitsrechte sind für den Staat tabu, unantastbar und unabänderlich, da sie ihm vorausgehen und gerade seine Grundlage bilden, aus der er erst Berechtigung, Sinn und Gestalt bezieht. Sie binden seine Gesetze und Handlungen als bereits vor ihm bestehende, unmittelbar geltende Natur-Rechte des Menschen.

Daraus werden aber nicht die vollen Konsequenzen gezogen. Die Handlungsfreiheit und Selbstbestimmung des Menschen wird auch von den Juristen nicht in ihrer ideellen Reinheit, unabhängig vom Gewordenen, gefasst, und dieses dann daran gemessen. Die traditionellen Strukturen der Staatsmacht werden gar nicht vor den Richterstuhl des Selbstbestimmungsrechts gestellt, sondern einfach als Tatsachen ungeprüft übernommen. Ja, der Freiheitsbegriff wird umgekehrt ihrer Existenz angepasst, das heißt aber in seinem Wesen ein­geschränkt und verkrüppelt.

So fordert der frühere Bundesverfassungsrichter Udo di Fabio aus dem obersten Grundrecht der Würde des Menschen treffend „dass kein Mensch zum bloßen Objekt auch der demokratischen Staatsgewalt degradiert, verächtlich gemacht werden darf.“  [6]   Und etwas später schreibt er:

Das Grundgesetz ist von der Überzeugung durchdrungen, dass Menschen mit möglichst wenig staatlicher Lenkung und Gängelung am besten eine glückliche Gesellschaft hervor­bringen. Wer sich dies in Erinnerung ruft, mag zweifeln, ob trotz der starken Stellung der Grundrechte und des Bundesverfassungsgerichts, trotz des prägnanten Leitbildes der Freiheit nicht doch inzwischen unsere Rechtsordnung in einem erschreckendem Ausmaß überreglementiert ist, ob nicht das Gesetz, das ursprünglich der Verbündete des freien Bürgers war, in seiner großen Zahl und seiner dirigierenden, manchmal unsystemati­schen Vielschichtigkeit inzwischen doch eine Bedrohung für die Freiheit geworden ist. [7]

In diesen Worten zeigt sich der entscheidende Punkt. Er sieht die staatliche Gängelung als ein quantitatives Problem (möglichst wenig). Erst in der großen Zahl und Vielschichtigkeit der dirigierenden Gesetze sieht er eine Bedrohung für die Freiheit, was auch noch eine Verharmlosung ist, denn dirigierende Gesetze bedrohen die Freiheit nicht nur, sondern schließen sie aus. Verfassungsrechtlich kommt es gerade darauf an, zu verhindern, dass der Staat Gesetze – gleichgültig, ob wenige oder viele – erlassen kann, die gegen die Handlungsfreiheit des Menschen in seinen Lebensgebieten gerichtet sind. Denn damit wird er ja gerade zum bloßen Objekt der Staatsgewalt degradiert. Das Gesetz ist dann der Verbündete des freien Bürgers, wenn es sich auf Förderung und Schutz seiner Freiheit und der anderen Grundrechte beschränkt.

Begriff des Rechts

Das führt zu dem zentralen Problem, dass nicht streng zwischen Gesetzen, die den Schutz der physischen und seelisch-geistigen Integrität des einzelnen Menschen betreffen, und solchen unterschieden wird, die aktiv das physische und geistig-sittliche Wohl der Menschen von außen fördern und entwickeln wollen. Nur die ersteren bilden das eigentliche Recht, das Aufgabe des Staates ist. Für sein leibliches und moralisch-geistiges Wohl zu sorgen, ist Sache jedes Menschen selbst. Darin besteht gerade die selbstbestimmte, freie Entwicklung und Entfaltung seiner Persönlichkeit.

Menschenwuerde_Die_Wuerde_des_Menschen_ist_unanstastbar_Grundgesetz_Unantastbarkeit_Menschlichkeit_Unmenschlichkeit_Respekt_Toleranz_Empathie_Solidaritaet_Rudolf_Kuhr_Humanismus_Kritisches-_NetzwerkDem Handeln liegt immer eine im weitesten Sinne gute oder schlechte moralische Vorstellung zugrunde, wie etwas Bestehendes  verändert oder etwas Neues gestaltet werden soll. Diese Vorstellung gründet im menschlichen Geiste, in dem er absolut frei ist und frei sein muss. Wenn sein Handeln aber verletzend oder zerstörend in die physische oder seelisch-geistige Integrität eines anderen eingreift, also in Gesundheit, Leben, Eigentum, Freiheit des Willens usw., muss die staatliche Gemeinschaft einschreiten und diese Handlungen unter Strafe stellen bzw. im Zivilrecht durch geltende positive Regeln gerechten Verhaltens rechtlich ungültig machen. Gerecht sind die Beziehungen, wenn in Verträgen Rechte und Pflichten wie auf einem Waagebalken gleichgewichtig sind und einer den anderen nicht übervorteilt. „Gegenseitigkeit ist die Formel der Gerechtigkeit“, brachte bereits Aristoteles die Sache auf den Punkt.

Auf die Frage, was Recht eigentlich sei, sagte einmal in einem Gespräch ein Rechtsgelehrter knapp: ´Das Recht gehört zur Moral. Es verhindert oder sanktioniert den Teil des moralischen Handelns, der in gravierendem Maße sozial zerstörend wirkt. In der Moral sind wir frei, aber das Recht nimmt diesen Teil aus der Freiheit heraus und macht ihn für alle gleichermaßen verbindlich.`

Indem aber auch Teile des übrigen moralischen Handelns per Gesetz für verbindlich erklärt werden, wird dieses nicht zum Recht, sondern im Kostüm des Rechts zum staatlichen Unrecht, das die selbstbestimmte, freie Entfaltung der Persönlichkeit ausschließt. Dies ist z. B in allen Versorgungseinrichtungen des Staates wie den gesetzlichen Sozialversicherungen und Sozialleistungen der Fall. Sie schaffen Zwangsverhältnisse  und treten an die Stelle selbstverantwortlichen Handelns des Menschen. Sie haben zudem ein Ausmaß erreicht, das nur auf das Versagen des Rechtsstaates zurückzuführen ist, der es versäumt, durch das Recht wirtschaftliche Übermacht und Ausbeutung zu verhindern.

Heute besonders erlebbar übt der Staat eine gewaltige Macht durch das Geldsystem über die Menschen aus. Das Geld ist zwar ein verbindliches Rechtsdokument, seine Verwaltung und Regulierung gehört aber in nicht in die Hände des Staates bzw. anonymer Finanzkreise, sondern in die Hand von im Wirtschaftsleben tätigen Menschen, dort, wo der Austausch von Waren und Dienstleistungen durch das Geld vermittelt wird, das im rechten Verhältnis zu ihnen stehen muss (s. Staatsanleihen). Im Geistesleben wird besonders eklatant durch das staatliche  Bildungssystem  in die Freiheit der Lehrer und Eltern eingegriffen und der Quell des Kultur- und Geisteslebens den Zielen des Staates und der sie beherrschenden Kräfte unterworfen (s. Das staatl. Schulsystem).

Innerstaatliche Macht

Hier liegt der entscheidende Punkt, der das, was heute Demokratie genannt wird, noch immer mit obrigkeitsstaatlichen Herrschaftsstrukturen durchsetzt und den freien Bürger, den Souverän der Demokratie zum unmündigen Untertan macht. Die fraglose Ermächtigung des Parlamentes, auch solche Gesetze zu beschließen, die in die inhaltliche Gestaltung der Handlungsbereiche des wirtschaftlichen und des kulturell-geistigen Lebens eingreifen und den Willen des freien Menschen dem Willen der Herrschenden unterwerfen, macht auch die Demokratie zum Machtstaat.

Die moderne parlamentarische Demokratie hat in ihrer Rechtskonzeption den Wesens- und Bewusstseinswandel des Menschen zur freien, sich selbst bestimmenden Individualität nicht mitvollzogen. Infolgedessen zieht ihr gebliebener Machtapparat gerade solche Menschentypen an, die von dieser Entwicklung am meisten verschont geblieben sind. Weit davon entfernt, die Triebe und Begierden ihrer niederen Natur zu überwinden und sich zum Erleben der inneren Freiheit zu erheben, können sie auch im Anderen keine Freiheit, sondern nur egoistisches Streben erblicken, das es mit Macht zu unterdrücken gilt. Eine gierige politisch-finanzkapitalistische Kaste kann sich  mit Hilfe der staatlichen Macht die Wirtschaft und das Geistesleben nach den eigenen niederen Interessen formen.

Diese Staatsmacht ist, insofern sie über das skizzierte reine Recht hinausgeht, vor dem Naturrecht des freien Menschen und damit auch vor den wohlverstandenen Grundrechten des Grundgesetzes widerrechtlich. Sie hat keine innere Berechtigung, sie ist hohl, eine Anmaßung, sie verletzt und schändet die Würde des Menschen. Wer sie ausübt, ist geschichtlich zurückgeblieben, hat die tatsächliche Höhe der abendländischen Geistesentwicklung der Menschheit nicht erreicht und stellt sich feindlich gegen sie. Die Staatsmacht trägt insofern sozialpathologische Züge. Die soziale Ordnung freier Menschen gestattet dem einzelnen nur einen „Herrschaftsanspruch“: die Herrschaft über sich selbst. Der Machtmensch vermeidet dies. Statt sich selbst zu beherrschen und zum freien Menschen zu bilden, beherrscht er mit den Gewaltmitteln des Staates die anderen.

Die internationale Macht

AndersdenkendeIm heutigen Staatsgedanken hat sich die vorchristliche theokratische Idee eines mystischen Gesamtwillens, den der Herrscher repräsentiert und realisiert, auf unreflektierte Weise erhalten. Die modernen Machthaber beanspruchen in ihrer Hybris, Repräsentanten der Nation, des Volkes, der Bevölkerung Europas zu sein und deren rechtlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Willen, im Staat zusammengefasst, gegenüber den Machthabern anderer Staaten zu vertreten. Aber es gibt keinen Willen der Menschenansammlungen Nation, Volk oder Europäische Gemeinschaft. Das ist eine Fiktion. Einen Willen haben nur die einzelnen individuellen Menschen, und die sind sehr verschieden. Der Wille des Staates ist in Wahrheit der Wille derjenigen, die sich den staatlichen Herrschaftsapparat als Instrument ihrer Machtsucht zur Beute gemacht haben.

Die politisch Herrschenden identifizieren sich mit dem Staat als der verfassten Gesamtheit aller. Ihr machtsüchtiges Ego bläht sich auf zum machtsüchtigen Staat, durch den sie nun mit den Machthabern der anderen Staaten um die Vergrößerung ihrer Macht und ihres Einflusses ringen, was unter dem nichtssagenden Begriff der internationalen Politik verschleiert wird. Die Macht der Herrscher speist sich aus der Kraft der Wirtschaft, die sich durch ihre kapitalistische Form in den Händen weniger konzentriert und zur wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Macht wird, die äußerlich der Politik dient, in Wirklichkeit aber diese im Sinne ihrer Profitinteressen bestimmt. Die Macht breitet sich heute primär durch die Globalisierung der kapitalistischen Real- und Finanzwirtschaft aus, welche die nötige Abhängigkeit erzeugt. Und aus der Wirtschaft wächst die militärische Macht hervor, die den politischen Machtansprüchen Nachdruck verleiht und ihnen schließlich mit Gewalt Geltung verschafft.

Kriege sind die brutalen Gewaltausbrüche von Machtpsychopathen, die in ihrer seelischen Entwicklung zur Menschlichkeit zurückgeblieben sind. Durch den Machtapparat des Einheitsstaates ist es ihnen möglich, das Wirtschaftsleben und das Geistesleben der Menschen dafür zu instrumentalisieren und insbesondere über die prostituierten Medien das Bewusstsein der Menschen zu manipulieren und weitgehend in autoritätsgläubige Dumpfheit zu versetzen.

Dies kann nur dadurch gestoppt und in menschenwürdige Bahnen gelenkt werden, dass der staatliche Machtapparat aufgelöst wird, indem eine Verfassungsänderung die Gesetzgebungs-Kompetenz der staatlichen Legislative auf das oben skizierte reine Rechtsgebiet beschränkt. Die Aufgaben der ausführenden Verwaltung, die heute noch in der unbewussten Tradition des Königtums (lat. rex, regis) Regierung (von lat. regere = lenken, herrschen) genannt wird, reduzieren sich dadurch entsprechend. Das Wirtschafts- sowie das Geistesleben mit seinem Zentrum, dem Schul- und Hochschulwesen, erhalten eine je eigene Selbstverwaltung, in denen es keine vertikalen Direktiven, sondern nur horizontal koordinierende Vereinbarungen und Verträge entsprechender sachkundiger Gremien gibt. Der Staat hat da überhaupt nicht mehr hineinzuwirken. Er setzt lediglich das verbindliche Recht, in dem sich die jeweiligen freien Handlungen und Beziehungen der Menschen bewegen müssen, um die physische und seelisch-geistige Integrität des Menschen, d. h. seine freiheitlichen Grundrechte zu wahren.

Herbert Ludwig


Quelle: FASSADENKRATZER

Autor Herbert Ludwig: Nach kaufmännischer Lehre Studium und Ausbildung zum Rechtspfleger, 4 Jahre Tätigkeit an hessischen Amtsgerichten. Danach Studium an der Pädagogischen Hochschule Reutlingen mit den Schwerpunkten Erziehungswissenschaften, Philosophie, Geschichte, Deutsch, sowie Waldorfpädagogik am Waldorflehrer-Seminar Stuttgart. 27 Jahre Lehrer an der “Goetheschule – Freie Waldorfschule – Pforzheim”. Ruhestand.

Bild- und Grafikmaterial:

  1. Beitragsbild: »Psychologie der Macht« – www.pixabay.com
  2. »Freiheit« – Loewyne / pixelio.de
  3. »Unterdrückung« – www.pixabay.com
  4. »Menschenrechte« – Wikipedia
  5. »Andersdenkende« – Sokaeiko / pixelio.de

Fußnoten:

  1. Heinz Hartmut Vogel: Jenseits von Macht und Anarchie, Köln und Opladen 1961, S. 23
  2. „Die Würde des Menschen besteht darin, dass der Mensch als geistig-sittliches Wesen von Natur darauf angelegt ist,  in Selbstbewusstsein und Freiheit sich selbst zu bestimmen, sich zu gestalten und sich in der Umwelt auszuwirken.“ (Josef Wintrich, Präsident BVerfG. Nachweis Heinz Hartmut Vogel Anm.3, S. 134)
  3. a. a. O. S. 24, 25
  4. Wilhelm von Humboldt: Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen,  Stuttgart 1962, S. 93
  5. a. a. O. S. 172
  6. Einführung in das Grundgesetz, in Beck-Texte Grundgesetz u. a. dtv  41. Aufl., S. XII
  7. a. a. O. S. XIV
Frieden

Ist ein Leben ohne Vorurteile und Feindbilder möglich?

Wie können wir sinnvoll mit ihnen umgehen?

von der Studiengesellschaft für Friedensforschung

Kinder, Jugendliche, alte Menschen, Frauen, Männer, Juden, Iraker, Schweizer, Russen, Prostituierte, Türken, Homosexuelle, Amerikaner, Christen usw. – es gibt keine Gruppe von Menschen, keine Nationalität, keine Religion für die es keine Klischees gäbe und die nicht mit bestimmten Eigenschaften besetzt wären. Wir können uns leider dem Phänomen nicht entziehen, dass wir in Stereotypen denken.

Karrikatur Frieden 1„Der Begriff Stereotype bezieht sich auf eine Reihe gleicher Eigenschaften, die Gruppen zugeschrieben werden. Bei der Wahrnehmung von Gruppen bedienen wir uns einiger typischer Eigenschaften, um Mitglieder dieser Gruppe zu kennzeichnen.“ (Norbert Kühne u. a., S. 23)

Das ist problematisch, weil dadurch Schubladen entstehen, die für Individualität, kritisches Hinterfragen, Verstehen anderer Personen oder Gruppen wenig Raum lassen. Zu leicht entstehen aus solchen Schubladen Vorurteile und Feindbilder. Deshalb drängen sich einige fundamentale Fragen auf:

Ist ein Leben ohne Vorurteile und Feindbilder für uns Menschen möglich? Kann der Mensch überhaupt die Realität als solche wahrnehmen? Ist er zu objektiver und aggressionsfreier Wahrnehmung fähig? Kann er wahrnehmen, ohne gleich zu interpretieren?

Normalerweise eher nicht. Denn wir haben als Menschen bereits sehr früh die Tendenz, die Wirklichkeit, das, was wir erleben und was uns begegnet, zu kategorisieren: in gut und böse, in richtig und falsch. Damit geben wir unserem eigenen Weltbild die Struktur, die wir zur Orientierung in unserem Leben brauchen. Auch wenn Vorurteile und Feindbilder vom Inhalt her austauschbar sind, ohne sie wird kaum ein Mensch leben können. Die entscheidende Frage muss deshalb lauten: Wie können wir konstruktiv damit umgehen?

1. Begriffliche Bestimmungen

Schauen wir uns zum besseren Verständnis zuerst einmal die beiden Begriffe „Vorurteile“ und „Feindbilder“ genauer an.

Wenn wir von einem Gespräch mit dem neuen Lehrer unseres Kindes zurückkommen und sagen: „Ich hätte nicht gedacht, dass der Neue so aufgeschlossen ist“, dann haben wir ein ganz harmloses Vorurteil korrigiert. Bei „wirklichen“ Vorurteilen, die tief sitzen, ist das anders.

1.1 Was sind Vorurteile?

Vorurteile sind – als vorgefasste Meinungen und ungeprüfte Ablehnungen – soziale Einstellungen, die sich auf soziale Gruppen bzw. Individuen beziehen. Sie sind oft aus Vorausurteilen entstanden, die ohne eingehendere Prüfung zu falschen Verallgemeinerungen werden. „Ein Vorurteil ist eine dem Stereotyp nahestehende Einstellung (Meinungsbildung), die kaum auf Erfahrung (Information, Sachkenntnis), um so mehr auf subjektiver Eigenbildung bzw. Generalisierung von Ansichten usw. beruht. Kennzeichnend für das Vorurteil ist auch die zähe, unflexible, unreflektierte Fortdauer und die meist zerstörerische (selten förderliche) Wirkung, die es im Gemeinschaftsleben entfalten kann.“ (F. Dorsch, S. 741)

Haben Vorurteile auch einen Nutzen und wenn ja welchen? Vorurteile erleichtern uns das Leben ähnlich einem Reiseführer durch eine uns fremde Region. Sie können in Gruppen einen gewissen Zusammenhalt schaffen und verstärken die Bereitschaft zu gemeinsamen Aktivitäten. Dieser soziale Vorteil kann sich sowohl auf den privaten wie auf den öffentlichen Bereich beziehen.

Man unterscheidet negative und positive Vorurteile. Beide basieren kaum auf objektiv gesicherten Informationen, sondern vor allem auf subjektiven Einstellungen, Gefühlen und Wertungen (s. Arthur S. Reber, S. 590).

Positive Vorurteile entstehen z. B. schnell in der Phase der Verliebtheit zwischen zwei Menschen. Als Beispiel für negative Vorurteile seien hier die ethnischen Gruppen der „Sinti und Roma“ genannt. Ihnen werden häufig folgende Charakteristika zugeschrieben: „Ihre moralischen Eigenschaften zeigen eine sonderbare Mischung von Eitelkeit und Gemeinheit, Ziererei, Ernst und wirklicher Leichtfertigkeit, fast einen gänzlichen Mangel männlichen Urteils und Verstandes, welcher von harmloser List und Verschlagenheit, den gewöhnlichen Beigaben gemeiner Unwissenheit, begleitet ist; dabei zeigen sie noch entwürdigende Kriecherei in Tun und Wesen, darauf berechnet, andere durch List zu übervorteilen; sie haben nicht die geringste Rücksicht auf Wahrheit und behaupten und lügen mit einer nie errötenden Frechheit …“ (Benz, S. 175)

Fragen Sie sich selbst: Was verbinden Sie mit „Zigeunern“? Was fällt Ihnen spontan und als erstes ein? Sind Sie nicht auch in irgendeiner Weise von solchen Vorurteilen geprägt?

Vorurteile werden, abhängig vom Inhalt, mitunter auch als „interessenbestimmte Lügen“ definiert (Werner Bergmann, S. 5). Wir Menschen haben die Tendenz, das herauszugreifen, was wir sehen wollen und blenden das aus, was uns nicht gefällt. Damit belügen wir – bewusst oder unbewusst – uns selbst und andere. In der Regel werden Vorurteile anderer schneller erkannt als die eigenen. Wie auch immer: Der Kontakt mit Menschen, gegen die wir Vorurteile hegen, wird gemieden, die Kommunikation mit ihnen reduziert.

Vorurteile und diskriminierendes Verhalten stehen oft in engem Zusammenhang. Ist beispielsweise der Personalchef einer Firma der Ansicht, dass Frauen „an den Küchenherd“ gehören, so wird er Frau P., die sich um eine hausinterne Führungsposition bewirbt, bei der Vergabe der Stelle übergehen (aus: HansWerner Bierhoff, S. 265).

Diskriminierendes Verhalten als Folge von Vorurteilen ist auch sonst in unserem Alltag sehr häufig zu beobachten, z. B. auf Spielplätzen, wenn Eltern bewusst ihre Kinder von bestimmten Ausländergruppen fernhalten, oder bei der Wohnungssuche, wo eine leerstehende Wohnung nicht an Personengruppen bestimmter Nationalitäten vermietet wird (nationale Vorurteile).

Kölner Schüler haben folgendes Experiment durchgeführt:

„,Heh, Ali, du nix anfasse‘, sagt die deutsche Verkäuferin im Spielwarengeschäft in der Kölner Innenstadt barsch zu dem Jungen und zieht den Stecker zu den Telespielen heraus, die dort zum Ausprobieren aufgestellt sind. Der Junge hat schwarze Haare, trägt einen abgewetzten Parka und spricht das gebrochene Deutsch der Türken. Vor der Ladentür sagt der 13jährige in akzentfreiem Deutsch: ‚Unverschämt! Die deutschen Kinder durften an den Vorführgeräten rumfummeln. Ich aber nicht – nur weil mich die Verkäuferin für einen Türken gehalten hat.‘ Der schwarzhaarige Junge ist in Wirklichkeit blond. Sein Name ist nicht Ali, sondern Jan. Und er ist kein Türke, sondern ein Deutscher. Zusammen mit anderen Schülern aus der siebten Klasse der integrierten Gesamtschule Köln Holweide hatte sich Jan als Türke verkleidet. … ,Dieser Anschauungsunterricht‘, so sagt Jan, ‚ist allen in der Klasse unheimlich unter die Haut gegangen, weil die Deutschen plötzlich anders zu einem sind.'“ (ART, Heigl 2000)

1.2 Zum Begriff „Feindbild“

Vorurteile können unabhängig von Feindbildern wie auch zusammen mit ihnen existieren. Das heißt, man kann ein Vorurteil über eine bestimmte Gruppe von Menschen haben, aber daraus muss sich noch nicht zwangsläufig ein Feindbild ergeben. Feindbilder hingegen basieren fast immer auf Vorurteilen, denn Vorurteile und Stereotypen dienen meist als Reservoir für Feindschaft (s. Brehl/Platt, S. 29). Feindbilder leiten sich oft aus politischen und sozialen Vorurteilen ab.

Karrikatur Frieden 2Feinde im Sinne von Widersachern und Gegnern hat es schon immer gegeben, seit Menschengedenken. Sie sind Teil der Menschheitsgeschichte. Feindbilder spiegeln wider, was wir zu diesem Feind/zu diesen Feinden denken, empfinden, vermuten und erwarten. Sie sind die krasseste Form geschürter Vorurteile als konsistent negative Einstellung gegenüber einzelnen Menschen oder Gruppen von Menschen. Feindbilder sind stereotyper und negativer als Vorurteile und deshalb auch nur schwer zu korrigieren. Wer zum Feind deklariert wird, kann darauf kaum Einfluss nehmen.

Feinde sind damit abgestempelte Menschen. Im Ersten Weltkrieg etwa galten folgende Feindbilder: Engländer wurden als hinterlistig, Franzosen als atheistisch, schlampig und arrogant, Italiener als feige und treulos und Russen als Barbaren gesehen (s. Benz S. 9 – 10).

Feinde dienen dazu, die eigene Identität zu definieren, Macht und Herrschaft zu erlangen, unangenehme eigene Auseinandersetzungen abzuwehren und die Projektion unverarbeiteter Ängste und Wünsche zu ermöglichen (s. Brehl/Platt, S. 13). Der Feind ist damit ein Resultat aus diesen vorausgegangenen Prozessen und ein typisches Phänomen im politischen Kontext.

Neben privaten Feindbildern gibt es auch kollektive Feindbilder, die mit Gleichgesinnten bis hin zur Gesellschaft, in der man lebt, geteilt werden. Sie werden wie ein Schema gespeichert, das von nun an jederzeit abrufbar ist.

„Der politische Sinn der Feindschaft liegt in der Verschiebung interner Rivalitäten einer Gemeinschaft nach außen. Mittels einer nach außen gerichteten Feindschaft erweist sich die Möglichkeitsbedingung von Freundschaft und Solidarität in einem politischen Gemeinwesen. Damit mittels politischer Feindschaften interne Spannungen und Rivalitäten erfolgreich nach außen verlagert werden können, bedarf es einer gewissen Verkennung des Sinns der Feindschaft. Wo das Problem als internes bekannt ist, kann der äußere Feind nicht mehr als Blitzableiter dienen.“ (Brehl/Platt, S. 73) Feindschaft kann also auch interne Bürgerkriege verhindern.

Feinde schaffen Konflikte. Sie widersetzen sich dem, was wir vorhaben, wollen, für wichtig finden usw. Deshalb stellt ein Feind sowohl in unserem Bewusstsein wie in der faktischen Realität für uns immer eine Gefahr oder ein Risiko dar. Und deshalb reagieren wir auch einem Feind gegenüber meist so aggressiv. Das aggressive Verhalten, das sich gegen einen anderen oder eine ganze Gruppe richten kann, hat das Ziel, den einzelnen Feind oder die feindliche Gruppe zu vertreiben oder zu unterdrücken (s. F. Dorsch).

Dazu folgendes Beispiel aus dem Ersten Weltkrieg:

Die Serben sind alle Verbrecher, ihr Land ist ein dreckiges Loch. Die Russen, die sind nicht viel besser, und Keile kriegen sie doch.“
(Zitat nach Ernst Johann, S. 20)

Feindbilder gehen, wie auch dieses Beispiel zeigt, mit negativen Emotionen einher. Feinde lösen Angst aus, denn durch Feinde fühlen wir uns im tiefsten Inneren bedroht. Diese Bedrohung kann sehr weitreichend sein und uns physisch, emotional und/oder intellektuell belasten. In letzter Konsequenz kann dadurch der ganz starke Wunsch und Drang entstehen, den Feind zu vernichten.

Verena Kast sagt das so: „Wir werden auch immer wieder aus Angst um unsere Lebensgrundlagen Feindbilder entwerfen. Wir werden unser schlechtes Selbstwertgefühl, als einzelner oder auch als Volk, rasch durch Feindbilder konsolidieren wollen … Aber Feindbilder sind abstrakt, klischeehaft, ungerecht. Feindbilder … verdecken die Realität mehr, als dass sie sie enthüllen.“ (Verena Kast, S. 163)

Werden Angst und Aggression in einem fortlaufenden Prozess auf unser Gegenüber projiziert, wundert es letztendlich nicht, dass der andere beginnt, sich gemäß dem projizierten Bild zu verhalten (selffulfilling prophecy).

Feindbilder haben – zusammengefasst – also drei Wirkungszusammenhänge:

  1. Selbstbestätigung und Ausgrenzung (im Sinne von: „Ich bin/Wir sind richtig und entsprechen der Norm.“)
  2. Schuldzuweisung und Sinnstiftung (im Sinne von: „Ich bin/Wir sind die Guten, moralisch Überlegeneren.“)
  3. Angst und Realitätsverweigerung (im Sinne von: „Ich muss mich/Wir müssen uns schützen.“) (s. Wolfgang Benz, S. 9)

Mit Feinden will man nichts zu tun haben. Man spricht sie noch weniger an als Menschen, gegen die man Vorurteile hegt. Feindbilder schaffen deshalb in ihrer weiteren Konsequenz Ungerechtigkeit, Unmenschlichkeit und Voraussetzungen für Aggressionen, für gewaltsame Konfliktlösung und für Krieg. Sie haben Hochkonjunktur in Zeiten von Bedrohung, Sinnkrisen und Stress, in Phasen des Umbruches und der Angst, weil der Mensch dann ein besonderes Bedürfnis nach Sicherheit, Orientierung und Ausgrenzung hat.

Was begünstigt die Entstehung von Vorurteilen und Feindbildern? Dazu zunächst einige grundsätzliche Anmerkungen zur menschlichen Wahrnehmung. Dieses Wissen über unsere Wahrnehmung ist notwendig, um die Phänomene „Vorurteile“ und „Feindbilder“ besser zu verstehen.

2. Menschliche Wahrnehmung

Unsere Wahrnehmung ist von Natur aus über unsere Sinne begrenzt. Wir können über Augen, Nase, Ohren, Mund und unsere Haut immer nur einen kleinen Teil unserer Umwelt wahrnehmen. Wir können über Objektivität sprechen, aber wir können die Sachverhalte nicht absolut objektiv wahrnehmen oder erkennen. Hier haben wir als Menschen unsere Grenzen. Es bleibt immer eine Subjektivität, die Ausgangsbasis unserer Wahrnehmung und der mit ihr einhergehenden Prozesse ist.

Darüber hinaus wird unsere Wahrnehmung von bestimmten Gesetzmäßigkeiten bestimmt, die zum Teil angeboren sind und zum Teil anerzogen werden. Im positiven Sinne helfen sie uns, damit wir uns im Leben trotz unserer Begrenztheit zurechtfinden und zwar von klein an.

Unsere Wahrnehmung ist zudem durch unsere jeweiligen Bedürfnisse und Gefühle geprägt: Wenn z. B. physiologische Bedürfnisse wie Hunger oder Durst sehr stark sind, dann sind sie normalerweise weitgehend darauf begrenzt, wo es etwas zu essen oder zu trinken gibt. Neben Gefühlen und Bedürfnissen haben auch Erfahrungen, Motive, Erwartungen und Einstellungen einen ganz erheblichen Anteil daran, was und wie wahrgenommen wird.

Ein weiteres Merkmal unserer Wahrnehmung: Wir neigen dazu, zu vereinfachen und die Informationsfülle der sehr komplexen Realität zu reduzieren. Jeder Mensch, egal wo auf der Welt, unabhängig von Status, beruflicher Aufgabe, persönlicher Situation usw. hat nur eine eingeschränkte, ausschnitthafte Sichtweise der Dinge. Das ist von Natur aus so angelegt und trägt positiv, wie bereits erwähnt, zum Überleben bei. Aus Sicht der Evolution ist dies höchst sinnvoll, denn blitzschnell können wir so in Notsituationen aufgrund der uns vorliegenden Informationen Entscheidungen treffen, die unser Überleben sichern. Das geht dann reflexartig.

Die negative Seite allerdings ist, dass wir aufgrund dieser Begrenzung, nach den Erkenntnissen der Gestaltpsychologie einem automatisch ablaufenden Gliederungsprozess in unserer Wahrnehmung unterliegen. Wir blenden dabei wichtige Informationen aus, die sonst ein vollständigeres Bild ergeben würden.

Von klein an haben wir gelernt, das, was uns umgibt, sofort einzustufen und zu bewerten. Sobald wir sehen, interpretieren wir auch. Schlüsselreize genügen dazu bereits. So machen wir uns innerhalb weniger Augenblicke von einem fremden Menschen oder von Menschengruppen ein eigenes Bild. Es ist uns angeboren, Mimik und Gestik des anderen zu lesen. Eine halbe Sekunde genügt, um anhand des Gesichts des Gegenübers Alter, Intelligenz, ja sogar Charaktereigenschaften einer Person einzuschätzen. Das kann eine Überlebensstrategie sein. Gleichzeitig sind aber auch Vorurteile und Feindbilder ein – negatives – Ergebnis dieser sehr begrenzten und selektiven Wahrnehmung der Wirklichkeit.

Dieser erste Eindruck lässt sich nur schwer revidieren, obwohl es erwiesen ist, dass der Mensch mit seinen ersten, blitzschnellen Eindrücken oft sehr daneben liegen kann.

„Wir beobachten ständig andere Menschen oder Gruppen von Menschen und machen uns von ihnen ein mehr oder weniger zutreffendes Bild. Aus der Fülle der wahrgenommenen Daten wählen wir uns die passenden aus. Wir ziehen Schlüsse über Motive, Absichten und Eigenschaften anderer Menschen.“ (Norbert Kühne, S. 20 – 21)

Wir entwickeln aber auch Abwehrmechanismen, die mit daran beteiligt sind, dass wir manches, z. B. Unangenehmes, aus der Wahrnehmung ausblenden. Dadurch entsteht eine Reduktion des Informationsflusses, die eine nicht zu unterschätzende Wirkung auf das Verhalten von uns Menschen hat. Wir sind weniger offen und agieren möglicherweise aufgrund von starren, normativen Einstellungen, die Vorurteile und Feindbilder weiter schüren. So ist die Wirkung unserer begrenzten Wahrnehmung, die bei jedem individuell unterschiedlich ist, auf die Begünstigung von Vorurteilen und Feindbildern nicht zu unterschätzen.

Zur Erkenntnis dieser durch verschiedene Faktoren begrenzten menschlichen Wahrnehmung gehört auch das Wissen um damit einhergehende Wahrnehmungsfehler.

Einige Wahrnehmungsfehler, die sehr häufig auftreten und denen wir alle unterliegen, sind:

HaloEffekt: Ein dominantes Merkmal, das wir beobachten, überstrahlt die ganze wahrgenommene Person und wird mit weiteren Merkmalen kombiniert: Hat z. B. ein Mensch einmal einen klugen Beitrag geleistet, so wird er von jetzt an in jeder Situation als klug gesehen. Dieses Merkmal wird unter Umständen mit weiteren Merkmalen wie Freundlichkeit, hohem persönlichen Einsatz usw. gekoppelt.

Logischer Fehler: Er besagt, dass in unserer Vorstellung bestimmte Eigenschaften immer zusammen auftreten, z. B.: Ein starker Junge ist auch aggressiv und aktiv (Norbert Kühne, S. 22).

Projektionen: Eigene Erwartungen, Bedürfnisse, Hoffnungen, Annahmen, Befürchtungen, Probleme etc. werden auf eine Person bzw. andere Personen übertragen. Wenn ich z. B. selbst Probleme habe, besteht die Tendenz, diese auch anderen zu unterstellen.

Verallgemeinerungen: Wir neigen dazu, durch den Gebrauch von Worten wie „immer, alle, keiner“ usw. Verallgemeinerungen herzustellen. Sie sind wenig nützliche Wahrnehmungsfilter, denn sie stellen kognitiv etwas her, das wir im Grunde nie überprüfen können. Hier haben Aussagen wie „Wer lügt, stiehlt auch.“ oder „Alle Dicken sind auch gemütlich.“ ihren Ursprung.

Was kann die Folge dieser Wahrnehmungsfehler sein, die uns täglich widerfahren? Ein bekanntes Phänomen ist der RosenthalEffekt. Der Amerikaner Rosenthal hat deutlich gemacht, dass Menschen, insbesondere junge Menschen, eine Tendenz haben, sich so zu verhalten, wie es auf Grund von Vorurteilen erwartet wird (selffulfilling prophecy). Damit werden sie unter Umständen in negative Rollen und Verhaltensweisen gedrängt.

3. Entstehung von Vorurteilen und Feindbildern

3.1 Psychologische Betrachtungsweisen

Vorurteile sind nicht rational geprägt. Sie gehen oft mit Emotionen einher, insbesondere mit Sympathien oder Antipathien. Wir empfinden Sympathie für Menschen, die uns ähnlich sind, die ähnlich denken, ähnlich kommunizieren, ähnliche Interessen und Bedürfnisse haben wie wir.

Die Emotionen und inneren Bilder, die wir in uns tragen, basieren aus tiefenpsychologischer Sicht sehr häufig auf frühkindlichen Erlebnissen und Erfahrungen, die, wie wir wissen, unser ganzes weiteres Leben wesentlich beeinflussen.

In der Phase, in der ein Kind sein ÜberIch, also die Instanz für Werte und Normen entwickelt, werden Einstellungen und Vorurteile der Bezugspersonen mittels Identifikation übernommen.

Menschen mit niedrigem Selbstwertgefühl, starken Minderwertigkeitsgefühlen, mit ungelösten Autoritäts oder Vaterproblemen, Menschen, die in ihrer frühen Kindheit zu wenig Liebe und positive Zuwendung erfahren haben oder die aus einem sehr strengen und autoritären Elternhaus oder Erziehungsumfeld stammen, tendieren in der Regel stärker dazu, aufgrund ihrer normativen Prägung ihr Leben auf festgefügten Beurteilungen und Vorurteilen aufzubauen.

Vorurteile und Feindbilder entstehen zunächst in uns und werden dann im Außen auf verschiedene Menschen, Gruppen, Nationalitäten etc. übertragen, die diesen Bildern entsprechen. Sie kommen in Projektionen zum Tragen. Projektionen sind das Hinausverlegen von Innenvorgängen nach außen (s. Dorsch, S. 508).

„Immer und überall, wo wir Menschen begegnen, erstellt unsere Psyche autonom ein ihr gemäßes Bild vom anderen. Dieses Bild vom anderen beruht zwar sicherlich auf bestimmten, möglicherweise rudimentären Erfahrungen und entspricht damit freilich zu einem gewissen Teil der Wirklichkeit dieses anderen Menschen. Auf jeden Fall aber entspricht es unseren zunächst sicherlich unbewussten Bedürfnissen. Wir projizieren also. Und wir projizieren immer.“ (Peter Michael Pflüger, S. 10)

Nun gibt es zwei Arten von Projektionen, die als Ursache für Vorurteile und im zweiten Fall auch für Feindbilder in Frage kommen:

  • Wir projizieren auf einen Menschen, dessen Begegnung in uns besonders angenehme Gefühle erweckt, unsere Ideale. Und er wird uns zum Freund, zum Vertrauten, zum Geliebten. Wir blenden unbewusst seine dunklen Züge, seine Mängel, seine Schattenseiten aus: „Er hat sie nicht oder doch nur in einem ganz geringem Maß. Und so vermögen wir ihm in Offenheit und ohne Angst zu begegnen.“ (Peter Michael Pflüger, S. 10)
  • Und wir projizieren auf einen anderen Menschen, dessen Wesen oder Verhalten einen gewissen „Aufhänger“ für das zu bieten scheint, was wir selbst an negativen Gedanken und „Unrat“ in uns tragen – oft ohne uns dessen wirklich bewusst zu sein. „Wir können dann unsere Ablehnung, Abneigung, unser moralisches Verurteilen dieses Bösen an ihm ausleben und brauchen ihm nicht anders denn als Feind zu begegnen.“ (Peter Michael Pflüger, S. 10). Vorurteile und Feindbilder sind, so verstanden, Ausdruck der Abwertung eigener persönlicher Schattenseiten, die auf andere übertragen werden. Diese Schatten sind Aspekte in uns, die wir verdrängen, nicht wahrhaben wollen, negieren und die uns „helfen“, Sündenböcke zu finden. Schatten sind in uns vernachlässigte Eigenschaften, die sich zusammensetzen können aus teils nicht gelebten und teils verdrängten psychischen Zügen. Aus sozialen, erzieherischen oder sonstigen Gründen war diese Verdrängung notwendig (Dorsch, S. 582).

Vorurteile und Feindbilder können auch Ausdruck eigener ungelöster Konflikte sein und darin ihre Entstehung haben. Der Mensch „verschiebt seine Aggression auf Ersatzobjekte … oder sieht seine eigenen negativen Züge vornehmlich in anderen (Projektion).“ (Werner Bergmann, S. 6). Wie stark und intensiv dieser Prozess bei jedem Menschen abläuft, ist sehr unterschiedlich.

Vorurteile helfen uns, Emotionen wie Angst zu vermeiden, denn: „Wer sich mit fremden Meinungen einlässt, muss befürchten, dass seine eigenen, altvertrauten dazu in Widerspruch stehen. Es kann sich, bei genauer Prüfung, herausstellen, dass manches von dem uns Selbstverständlichen und uns lieb Gewordenen ziemlich unbedacht übernommen wurde und nun sich auflöst. Den Verlust gewohnter Normen, die ja nicht nur Einhalt, sondern auch Rückhalt, also Sicherheit geben, erlebt der Mensch immer mit Angst.“ (s. Kögl)

Feindbilder, als Ausdruck höchster Antipathie, sind mit zutiefst ablehnenden Gefühlen bis hin zum Hass verbunden. Diese Gefühle sind auch die Antriebsfeder für destruktives Verhalten. Das Bewusstsein oder die Tatsache, von Feinden umgeben zu sein, erzeugt Angst. Angst begünstigt unangemessenes Verhalten, weil Angst wiederum unsere Wahrnehmung sehr einschränkt.

Aus psychologischer Sicht muss außerdem folgendes berücksichtigt werden: Es gilt nicht nur für einzelne Menschen, sondern auch für Gesellschaften, dass bestimmte triebhafte Bedürfnisse (z. B. Aggressionen) aufgrund bestehender Normen unterdrückt werden müssen. Diese Unterdrückung führt zu einem Triebüberschuss, der dann nach außen auf Ersatzobjekte verlagert wird. Durch diese Verlagerung ist es möglich, die triebhaften Bedürfnisse so auszuleben, dass es nicht zu Gewissenskonflikten kommt. So können aus ungelebten Triebwünschen Hassobjekte entstehen, die mit sehr negativen Attributen besetzt werden (s. dazu Alexander Mitscherlich). Das kann eine Ursache für rassistisches Denken sein.

Wer in sich selbst Misstrauen, Aggression, Hass und Wut trägt, wird unwillkürlich die Welt, in der er lebt, dieser Emotionen wegen beschuldigen (s. Josef Rattner).

Feindbilder sind damit Ausdruck destruktiver Projektionen, d. h. negativer Anteile von uns selbst, die wir auf andere übertragen. Es gilt nicht, sie zu bekämpfen, sondern sich diese Anteile zunächst einmal bewusst zu machen.

Durch das Erkennen bisher unbewusster Anteile in sich, so C. G. Jung, wird der Mensch ganzheitlicher. Das ist eine gute Basis dafür, unseren Schatten „mitleben“ zu lassen, ohne auf die dennoch unumgänglichen moralischen Entscheidungen im eigenen Leben zu verzichten. Nur wer sich seiner eigenen Minderwertigkeit bewusst ist, hat die Chance, sie anzunehmen und positiv zu verarbeiten im Wissen um die eigenen Grenzen.

Aus psychologischer Sicht ist der Feind ein Feind auf Zeit. „Feindschaft als Ergebnis eines Konflikts wäre allein auf den Fall und die Dauer eines aktuellen Konfliktes begrenzt. … Aus psychologischer Sicht bliebe Feindschaft also (auf) lösbar …“ (Brehl/Platt, S. 8)

Aber reicht das schon, um zu verstehen, warum Menschen von tiefer gegenseitiger Missachtung getrieben sind, einander ablehnen und den anderen im Extremfall sogar vernichten wollen? Es gibt weitere Erklärungsansätze, die in Betracht zu ziehen sind.

3.2 Sozialpsychologische und soziologische Betrachtungsweisen

Ehe wir den Einfluss von Umwelt und Gesellschaft auf unsere Prägung betrachten, soll folgender Aspekt thematisiert werden:

Es gibt Einflussfaktoren, die weiter zurückreichen können als frühkindliche, erzieherische und aktuell soziologische Einflüsse.

Harald Welzer beschreibt in seinem Buch „Das Soziale Gedächtnis“ die unterschiedlichen Formen des Gedächtnisses: das individuelle, das kollektive, das bewusste und unbewusste, das traumatische, das alltägliche, das kommunikative und das kulturelle. Sie sind letztendlich alle Bestandteil des sozialen Gedächtnisses. Wir wissen, „dass unsere eigene Erinnerung sich nicht abkoppeln lässt von den sozialen und historischen Rahmenvorgaben, die unseren Wahrnehmungen und Erinnerungen erst eine Form geben, dass viele Aspekte der Vergangenheit bis in unsere gegenwärtigen Gefühle und Entscheidungen hineinwirken, dass es transgenerationelle Weitergaben von Erfahrungen gibt, die bis in die Biochemie der neuronalen Verarbeitungsprozesse der Kinder und Enkel reichen, und dass uneingelöste Zukunftshoffnungen aus vergangenen Zeiten plötzlich und unerwartet handlungsleitend und geschichtsmächtig werden können.“ (Welzer, S. 11/12)

Das würde erklären, dass wir bewusst oder unbewusst Erfahrungen und Erinnerungen in uns tragen, die unser aktuelles Wahrnehmen und Verhalten aus einer anderen Perspektive heraus verursachen, mitbestimmen und mit beeinflussen. Dass wir etwas im weitesten Sinne bereits Vorprogrammiertes mitbringen, das sich in unserer Sichtweise der Welt manifestiert, gilt für alle Menschen. Die aus der Vergangenheit gespeicherten Wahrnehmungen kommen in unserem persönlichen Lebensprogramm zum Tragen. Dieses kulturelle Gedächtnis wird definiert als „Sammelbegriff für alles Wissen, das im spezifischen Interaktionsrahmen einer Gesellschaft Handeln und Erleben steuert und von Generation zu Generation zur wiederholten Einübung und Einweisung ansteht.“ (Jan Assmann, S. 9). So wird Erlebtes und Erfahrenes aus der Vergangenheit weitertransportiert in die Gegenwart und bestimmt hier unser Handeln mit. Diese Erinnerungen sind allerdings sehr subjektiv, sehr ausschnitthaft, niemals vollständig. Schon das alleine birgt die Möglichkeit in sich, schnell und spontan in der Gegenwart etwas zu interpretieren und in einer Richtung zu verstehen, die, gespeist aus diesen „Erinnerungen“ der Vergangenheit, zu Vorurteilen und Feindbildern führen kann.

Als zusätzliche Faktoren für die Entstehung von Vorurteilen und Feindbildern sind in diesem Zusammenhang noch zu nennen:

  1. Geschichtliche Überlieferungen und Ereignisse, insbesondere hoch eskalierte Konfliktsituationen wie z. B. Kriege. Je verheerender Kriege sind oder waren, desto stärker sind die Feindbilder, die auch nach einem Krieg noch lange andauern können. Vorurteile und Feindbilder werden so von Generation zu Generation weitergegeben.
  2. Faktoren, die einen ideologischen Charakter haben (z. B. religiös motivierter Fanatismus)
  3. Systembedingte soziale Entwicklungstendenzen
  4. Nationale Begebenheiten und konkrete Situationen
  5. Die reale Politik der Staaten und ihre Wechselwirkung (nach Pflüger, S. 91)

Unsere Sicht der Realität wird weiter gefiltert durch unsere einzigartigen Erfahrungen, durch Kultur, Glaubenssätze, Einstellungen, Werte, Interessen und Annahmen. Jeder Mensch lebt in seiner jeweils eigenen Welt, die auf seinen Sinneseindrücken und individuellen Lebenserfahrungen begründet ist, und wir handeln auf der Basis dessen, was wir wahrnehmen: Das ist unser „Modell der Welt“ (s. Joseph O’Connor, John Seymour). Dabei schauen wir in der Regel in dieser Welt bevorzugt auf das, was uns interessiert. Anderes lassen wir eher beiseite.

Elternhaus, Schule und wichtige Bezugspersonen sind entscheidende Einflussfaktoren, da sie Werte, Grundhaltungen, Ansichten vermitteln, verstärken und auf Kinder und Jugendliche übertragen. Daraus entstehen Lebenserfahrungen für junge Menschen. Sie zeigen sich etwa darin, wen man mag und wen nicht, wer einem sympathisch ist oder nicht, wer zu einem gehört und wer nicht. Damit entsteht ein Ordnungsprinzip, das Orientierung und Sicherheit gibt. Das bedeutet auch: Wir bringen Vorurteile nicht mit – sie werden uns anerzogen. Wenn Eltern, Lehrer und wichtige Bezugspersonen durch starke Vorurteile und Feindbilder geprägt sind, ist es schwer, sich als junger Mensch davon unabhängig zu machen. Hört man abwertende Bemerkungen immer und immer wieder, so verinnerlicht man diese leicht als Norm oder „Wahrheit“. Kinder, die erfahrungsgemäß leichter zu beeinflussen sind als Erwachsene, übernehmen viel schneller Stereotypen und Urteile. Insbesondere solche, die von ihren Bezugspersonen vorgelebt werden.

Kinder, bei denen jede Form von Aggression in der Kindheit unterdrückt bzw. bestraft wurde, suchen im Jugend und Erwachsenenalter nach Ventilen für die aufgestaute Wut und den aufgestauten Hass. Feindliches Verhalten hat darin oft seinen Grund. Denn Vorurteile und Feindbilder nehmen zu, je autoritärer ein Mensch geprägt bzw. erzogen worden ist; aber auch je begrenzter der Erkenntnis und Wahrnehmungshorizont ist, je weniger internationale Erfahrungen vorliegen, je weniger positive persönliche Berührungspunkte mit anderen Nationalitäten, Religionen und andersdenkenden Gruppen bestehen. Denn je fremder uns Menschen sind durch ihr Verhalten, durch das Leben, das sie führen, desto leichter besteht die Gefahr, dass sie uns feindlich erscheinen können (s. Verena Kast).

Zuletzt muss erwähnt werden, dass auch eine negative Grundeinstellung zum Leben, stark negatives Denken verbunden mit pessimistischen Sichtweisen und Lebenshaltungen Vorurteile und Abwertungen gegenüber anderen Menschen, Nationalitäten und Religionen schüren können.

3.3 Grenzen unserer sprachlichen Verständigung

Da wir nicht nur in unserer Wahrnehmung, Konfliktfähigkeit und Erziehung, sondern auch in unserer Kommunikation Grenzen unterliegen, können Vorurteile und Feindbilder auch hier ihre Wurzeln haben: „Wollten wir uns in jedem Gespräch sicher sein, dass andere Menschen genau das verstehen, was wir meinen – wir kämen zu keinem Ende. Uns bleibt also nichts anderes übrig, als zu akzeptieren, dass unsere Verständigung nur eine ungefähre ist und dieses Ungefähre in vielen Situationen ausreicht. Aber nicht in allen …“ (Georg Harald ZawadzkyKrasnopolsky, S. 33)

Es ist für uns oft eine große Überraschung, was Menschen an Informationen aufnehmen und wie sie diese dann weitergeben. Was ist aus der ursprünglichen Botschaft geworden? Sie ist manchmal kaum wiederzuerkennen, weil sie mit der Subjektivität jedes einzelnen, der am Kommunikationsprozess beteiligt war, vermischt wurde. Durch solchermaßen fehlende und verfälschte Kommunikation werden Vorurteile und Feindbilder aufgebaut und geschürt.

3.4 Vorurteile und Feindbilder propagiert durch Medien

Die öffentliche Meinung wird durch Medien täglich und situativ beeinflusst und in ungünstigen Fällen durch ausschnitthafte und einseitige Informationen gezielt manipuliert. Was „böse“ ist, wer Schuld hat, wer versagt hat, wer dazugehört und wer nicht, wer schlecht ist – hier ist die „Logik“ der Massenmedien aktiv.

„Feindbilder können allerdings nicht völlig ,aus der Luft‘ gegriffen werden.“ (Das Bild vom Feind, S. 8). Es muss zumindest der Anschein bestehen, und darauf wird viel Wert gelegt, dass es sich bei diesen Informationen um realistische Beschreibungen des Feindes handelt. Auch wenn das in Wirklichkeit nicht so ist.

„Voraussetzung für den Aufbau und die Instrumentalisierung von Feindbildern ist immer ein Kristallisationskern von Realität oder von auf allgemeinem Konsens beruhender Überzeugung als Pseudorealität; ein Körnchen solcher Wahrheit muss dem Vorurteil zugrunde liegen, damit es breite Wirksamkeit entfalten kann.“ (Benz, S. 11 – 12)

Medien sind deshalb ebenso und in großem Ausmaß Quelle und Ursache von Vorurteilen und Feindbildern. Besonders skandalöse Situationen werden gezielt „verkauft“. Die Fernseh-, Film- und Eventkultur lebt davon und wir, wenn wir ehrlich sind, hören viel zu sehr darauf. Der „Erlebnischarakter“ von Film und Fernsehen hat dabei nachweislich eine größere und nachhaltigere Wirkung als der geschriebene Beitrag einer einzelnen Person und wird viel schneller als „Wahrheit“ vom Zuschauer gedanklich aufgenommen.

In Krisenzeiten haben Vorurteile und Feindbilder besonders gute Konjunktur in den Medien. Denn meist resultieren – als Konsequenz aus den Ängsten der Menschen – daraus Aggressionen, die in extrem belastenden politischen, wirtschaftlichen oder sozialen Situationen auf fruchtbaren Boden fallen. „Der Fremde wird als böswilliger Verursacher eines konkreten Übelstandes denunziert, dann generell als Feind markiert, und weit über den konstruierten Anlass hinaus wird der Kampf gegen ihn als sinnvoll propagiert.“ (Benz, S. 16)

So kann, wie es im Nationalsozialismus geschah, die Feindschaft gegen eine Minderheit zum zentralen Aspekt einer Ideologie werden. Auf diese Minderheit werden dann alle Unzulänglichkeiten projiziert. Durch gezielte Propaganda werden so Ängste mobilisiert und in entsprechende Feindbilder umgesetzt.

„Es lassen sich auch Vorurteile gegen Minderheiten und Randgruppen innerhalb der eigenen Gesellschaft sensibilisieren und zum Feindbild verdichten. Marxisten, Freimaurer, Juden (um drei wichtige Gruppen zu nennen) wurden zu unterschiedlichen Zeiten, im 19. Jahrhundert und wieder nach dem Ersten Weltkrieg, instrumentalisiert … Z. B. die Juden wurden wie die Freimaurer als fremd und als verschwörend, als den Staat und die Gesellschaft unterwühlend, Sitte und Ordnung „zersetzend“ diffamiert.“ (Benz, S. 13 14)

Besonders empfänglich sind dabei wiederum Kinder und Jugendliche: Nach fortlaufenden Wiederholungen einseitig selektierter Informationen glauben viele am Ende, dass dies, was ihnen eingeflößt wird, tatsächlich so ist, und lassen sich davon in ihrem Verhalten leiten. Ein erschreckendes Beispiel aus dem Schulalltag für das Verhalten von in dieser Weise irregeleiteten Jugendlichen ist es etwa, wenn nach dem Unterricht deutsche Jugendliche, die einer bestimmten „Szene“ angehören, ohne ersichtlichen Grund einen ausländischen Mitschüler treten, bis dieser schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert werden muss.

3.5 Vorurteile und Feindbilder als Ausdruck ungelöster, eskalierter Konflikte

Konflikte haben unterschiedliche Anteile: intrapersonale und extrapersonale. Nicht gelöste Konflikte mit anderen bzw. Erfahrungen aus diesen übertragen wir schnell auf ähnliche Personengruppen. Wenn uns etwa ein Arzt nicht gut behandelt hat, sind wir schnell geneigt, diese Erfahrung auf andere Ärzte zu übertragen, insbesondere wenn ein klärendes Gespräch mit dem betreffenden Arzt wegen der „schlechten Behandlung“ nicht möglich war oder von ihm abgelehnt wurde.

Frieden Tabelle 1Frieden Tabelle 2Frieden Tabelle 3Frieden Tabelle 4

(aus: Petra Coleman, S. 85ff.)

Unter der Belastung von andauernden, zunehmend weiter eskalierenden und sich verhärtenden Konfliktsituationen können Vorurteile und Feindbilder entstehen und sich immer mehr verfestigen.

F. Glasl hat die Entwicklung und Eskalation von Konflikten untersucht und dabei 9 Eskalationsstufen herausgearbeitet, die im folgenden im Überblick dargestellt werden.

Vorab sei bereits gesagt: Ab der Stufe 3 verengt sich die Wahrnehmung zunehmend. Diese verengte Wahrnehmung ist der Nährboden für Vorurteile und spätere Feindbilder. Ab der Stufe 4 steuern Vorurteile und Feindbilder die Konfliktdynamik bereits in aller Deutlichkeit.

Fassen wir die wichtigsten Aspekte für unser Thema aus diesen Eskalationsstufen für Konflikte zusammen: Eine hohe Stufe der Konflikteskalation ist bereits bei Stufe 4 erreicht, da feindselige Haltungen auf beiden Seiten sichtbar sind und in jeder Handlung bestätigt werden. Die Einstellungen der Konfliktparteien werden damit zunehmend starrer und aggressiver, was die Kommunikation erheblich erschwert.

„Es ist ein stereotypes Bild, das nicht mehr durch andere Erfahrungen korrigiert werden kann, sondern fixiert ist. … Zwischen dem strahlenden Selbstbild und dem schmutzigen Feindbild gibt es kaum Zwischentöne. Die Stereotypen sind stark polarisiert und soziale Antipoden.“ (Fritz Glasl, S. 239). Diese Feindbilder sind projektiv entstanden. Indem der Feind abgewertet wird, wird man selbst aufgewertet. „Im Eskalationsgeschehen laden sich die polarisierten, antithetischen Stereotypen noch weiter auf und bewirken einen Spannungsstau, der sich in den Interaktionen kräftig entladen kann.“ (Glasl, S. 240)

Karrikatur Frieden 3Diese fixierten Bilder, die nicht mehr durch andere Erfahrungen korrigiert werden können, stehen ab jetzt und für alle weiteren Eskalationsstufen zwischen den Konfliktpartnern. Es findet nur mehr ein Denken in Dualitäten, also reine SchwarzWeißMalerei statt. Die Abwertung des anderen gilt der eigenen Aufwertung. Es gibt ein positives Selbstbild und ein negatives Feindbild. Das drückt sich auch in der Kommunikation aus. Auf der Stufe 4 werden keinerlei positive Eigenschaften des Feindes mehr gesehen. Einzig und allein stereotype Bilder bestimmen das Handeln.

Um so wichtiger ist es, Konflikte bereits in einem sehr viel früheren Stadium zu thematisieren und aufzuarbeiten, damit es mit Hilfe von professionellem Konfliktmanagement bzw. durch Mediation nicht zu weiteren Eskalationen kommt. Gelingt dies vor der Stufe 4, so bestehen gute Aussichten, dass keine nachhaltig wirkenden Vorurteile und Feindbilder entwickelt werden.

Auf der Stufe 5 nimmt die Eskalation nochmals gewaltig zu. Die Polarität verschärft sich von „Über/Untermensch“ (Stufe 4) zu „Himmel/Hölle“ bzw. „Engel/Teufel“ auf der Stufe 5. Durch alle möglichen Provokationen und Handlungen wird versucht, den Gegner zur besinnungslosen Raserei zu bringen. Dieses provozierte Verhalten des Gegners wird dann als Beweis für die Richtigkeit des eigenen Schattenbildes von ihm betrachtet.

Mit noch weiter zunehmender Eskalationsstufe (Stufe 6 – 9) regredieren dann die am Konflikt Beteiligten auf niedrigere Stufen menschlichen und ethischen Verhaltens. Dazu folgende Situation:

1945 wurden in Mähren Menschen „zu Paketen zusammengeschnürt, kreuzweise verknotet und so auf die Balustrade der Brücke über die March gehoben. Ein einbeiniger Greis stößt die Aufgereihten, ruhig und langsam, ganz systematisch arbeitend, mit seiner Krücke in den Fluss. Wenn eine Reihe fertig ist, werden die nächsten Menschenbündel auf das Geländer gepackt. Manche Pakete baten um Gnade. Andere schwiegen verbissen. Die Pakete winselten … beteten auch.“ (Benz, S. 48)

Wie viel Schreckliches, wie viel Verletzendes, welcher Hass, geschürt durch Vorurteile und Feindbilder, mag hier vorausgegangen sein, bevor Menschen zu so etwas fähig sind?

4. Konsequenzen und Schlüsse daraus: Umgang mit Vorurteilen und Feindbildern

„Feindbilder gehören offensichtlich zum Leben
und die Problematik besteht damit nicht
in deren Abbau, sondern im Umgang mit ihnen.“

(Peter Michael Pflüger, S. 7)

Wir selbst stehen in einer hohen Verantwortung den Bildern gegenüber, die wir uns von Menschen machen und die in Vorurteilen und Feindbildern münden können. Auf Grund unserer menschlichen wie politischen Verantwortung ist es notwendig, dass wir uns mit diesen Bildern viel stärker auseinandersetzen, als wir es normalerweise tun. Dies ist unsere eigene persönliche Aufgabe, nicht die anderer. Hier lässt sich nichts delegieren.

Was können wir als Personen, als Mitbeteiligte am Weltgeschehen, als Mitgestalter für ein friedvolleres Miteinander auf dieser Welt konkret und bewusst tun, um dem Prozess der Bildung und Entstehung von Vorurteilen und Feindbildern konstruktiv zu begegnen und ihm entgegenzuwirken?

  • Es gilt, uns jeden Tag aufs Neue der begrenzten Wahrnehmungsmöglichkeit, der wir selbst und andere Menschen unterliegen, bewusst zu werden und zu versuchen, Wünsche nach Erfüllung eigener Erwartungen, nach Allmächtigkeit oder Perfektionismus zu minimieren.
  • Als verantwortungsbewusste Menschen haben wir die Aufgabe, unsere eigenen Urteile und Vorurteile ständig zu hinterfragen und ganz bewusst zu akzeptieren, dass jeder Mensch auf dieser Welt zunächst die gleiche Berechtigung hat wie wir. VorUrteile dürfen keine EndUrteile werden, sondern sollten ein Anlass sein, uns dem Fremden und Neuen zunächst einmal offen zu stellen (s. Walter Kögl).
  • Wir müssen uns intensiv darum bemühen, vorschnelles oder zu spontanes Urteilen beim Denken wie beim Sprechen zu vermeiden im Sinne von: Das ist richtig, das ist falsch. Denn wir neigen dazu, viel zu schnell alles und jedes zu bewerten. Hier etwas zu verändern ist wichtig, vor allem auch in unserer Kommunikation nach außen.

Karrikatur Frieden 4

  • Jeder von uns kann – wenn auch in einem längeren und manchmal mühevollen Prozess – an seinen eigenen Blockaden arbeiten, seine eigenen „Schatten“ und „Projektionen“ erkennen lernen, beleuchten und transformieren in eine Haltung, die von Akzeptanz und Wertschätzung geprägt ist. Zunächst einmal für sich selbst und im zweiten Schritt auch für alle anderen Menschen, denen er in diesem Leben direkt oder indirekt begegnet. „Schattenakzeptanz bedeutet zu sehen, dass der Schatten zu uns gehört und damit zu vermeiden, dass wir ihn projizieren, oder zumindest die Bereitschaft, die Projektionen auch immer wieder zu hinterfragen. Das bedeutet aber Konflikt, Kränkung unseres Selbstwertgefühls, einmal akzeptiert dann aber auch Entlastung, Freiheit und Stärkung unseres Selbstwertgefühls. … Die Akzeptanz des Schattens hat weitreichende Konsequenzen. Wenn wir unseren Schatten kennen, seine Existenz akzeptieren und verantwortlich damit umgehen, dann rechnen wir auch mit dem Vorhandensein von Schatten in anderen Menschen. Wir gehen wohlwollender mit Schwächen und Fehlern um, werden toleranter.“ (Verena Kast, S. 159/160)
  • Einmal gemachte Erfahrungen (Vorausurteile) mit einzelnen Menschen oder Menschengruppen dürfen nicht verallgemeinert werden.
  • Es ist gefährlich und wenig hilfreich, andere mit unseren eigenen Maßstäben zu messen. Jede SchwarzWeißMalerei im Sinne von: „Das, was in der eigenen Gruppe, in der eigenen Kultur usw. geschieht, ist richtig, normal, angebracht und das, was fremde Kulturen oder Gruppen leben oder wie sie handeln, ist falsch“, muss vermieden werden.
  • Wir brauchen den echten Dialog und geduldiges Zuhören. Wir brauchen mehr interkulturelle Begegnungen für uns selbst, aber besonders auch unter Kindern und Jugendlichen, um hier persönliche Erfahrungen zu schaffen. Das bewirkt mehr Aufklärung und bessere Information, um die Unterschiedlichkeit, die verschiedenen Kulturen, Religionen und Nationalitäten besser verstehen zu können. Insbesondere rechtzeitig dort, wo sich Konflikte anbahnen.
  • Viele Menschen tun sich schwer, ihre Meinung und ihre Standpunkte zu revidieren, selbst wenn sie diese als falsch oder unzutreffend erkannt haben. Die Angst, eigene Fehler einzugestehen, ist groß. Um dem inneren Konflikt zu entrinnen, werden Indizien gesucht, die doch für die eigenen Behauptungen sprechen – selbst wenn man weiß, dass diese letztendlich vorschnell und falsch sind. Das verlangt von uns die Bereitschaft, selbstkritischer mit uns zu werden und umzulernen, gerade dann, wenn wir Irrtümer in unserer eigenen Argumentation erkennen. Dadurch hören wir auf, Vorurteile und Feindbilder weiter zu schüren. Das gelingt, wenn wir Argumente einsetzen, die einen konstruktiven Weg zueinander ebnen.
  • „Ein großes Wissen, aber vor allem intellektuelle Flexibilität, die Bereitschaft, neue Erfahrungen zu machen, Kritik zu verarbeiten und andere Standpunkte einzunehmen, gehen mit einer geringeren Vorurteilsneigung einher.“ (W. Bergmann, S. 7)
  • Menschen, denen wir in unserem Leben begegnen, haben ein Recht darauf, dass wir ihnen offener gegenübertreten, ihnen wenigstens eine realistische Chance geben und ihnen nicht gleich unterstellen, was in unseren Köpfen oder Herzen bereits im Sinne des kollektiven Gedächtnisses vorprogrammiert ist.
  • Es ist notwendig, dass wir lernen, unsere Wahrnehmungen zu differenzieren und zu hinterfragen, so dass es höchstens zu Vorausurteilen, aber nicht zu Vorurteilen und Feindbildern kommen kann. Wir haben durchaus die Möglichkeit, diese Bilder in uns zu revidieren, zu relativieren und im günstigsten Fall zu überwinden.

Für die eigene Reflexion können dazu folgende Fragen helfen:

  • Was deute und interpretiere ich in andere hinein?
  • Wo und wie stelle ich Ansprüche und Forderungen an andere, die sie gar nicht erfüllen können?
  • Wo habe ich meine blinden Flecke und projiziere meine eigenen Unzulänglichkeiten auf andere?
  • Wie kann ich Menschen, die mich umgeben, auch denen, die andere Lebensvorstellungen haben, konstruktiv und wertschätzend gegenübertreten?
  • Wo kann ich verzeihen, meine Aggression und Wut zurücknehmen?
  • Wie kann ich Probleme thematisieren, ohne andere mental in Schubladen zu stecken?
  • Wie kann ich mehr Empathie entwickeln, mich in andere hineinversetzen, ihre Perspektive besser verstehen?
  • Wie kann ich selbst Achtung und Respekt anderen Menschen gegenüber verstärkt vorleben?
  • Es ist notwendig, uns bewusst zu machen, dass Menschen, die andere Werte, andere, konträre Lebens und Grundeinstellungen haben als wir, nicht unbedingt unsere Feinde sein müssen.
  • Es ist wichtig, uns selbst die Zeit zu nehmen, Informationen zu hinterfragen bzw. die Mühe und Anstrengung zu unternehmen, eigene Informationen zu wichtigen Themen einzuholen.
  • Alle Menschen verdienen Gleichbehandlung, Mitmenschlichkeit, Empathie (= Einfühlungsvermögen) und Respekt (s. Werner Bergmann, S. 3). Vorurteile und Feindbilder verstoßen durch vorschnelles Urteilen gegen diese Grundsätze der Menschenrechte, gegen die Normen der Rationalität und die Gerechtigkeit. Auch aus diesem Grund gilt es, sie abzubauen.
  • Jede Politik und jeder politisch Verantwortliche hat deshalb die Aufgabe, Feindschaften möglichst gewaltarm zu kanalisieren. Unsere Aufgabe ist es, eine Politik zu fordern und zu unterstützen, die das zu ihrem Prinzip gemacht hat.
  • Der konstruktive Abbau von Vorurteilen und Feindbildern ist eine zentrale Aufgabe besonders der Medien. Hier finden wir einen Bereich, auf den wir durch Auswahl, Resonanz und Kritik besonderen Einfluss haben.

Es ist nicht leicht, aber wir können es schaffen, uns zugefügte Verletzungen, erlebte Herabsetzung, persönliche Erniedrigungen usw., die wir durch andere Menschen erfahren haben, anzunehmen, negative Emotionen aufzuarbeiten und zu transformieren – zu unserem eigenen Besten und damit wir innerlich in uns wieder Ruhe und Frieden erfahren können. Es ist wichtig, Menschen, die uns verletzt haben, nicht als Feinde zu deklarieren, auch wenn unsere negativen Emotionen für sie sehr tief gehen. Die Tiefe der Emotionen zeigt die Tiefe des Schmerzes, den wir erlebt haben.

Dennoch: Nur, wenn wir uns von diesen tiefen, schmerzhaften Emotionen lösen und wieder frei machen können, ist ein neuer Weg möglich.

Ganz besonders gilt – das soll abschließend an dieser Stelle bewusst noch einmal hervorgehoben werden – sich dem Prozess der eigenen Projektionen offen zu stellen. Ohne das ist kaum ein konstruktiver Weg für die Zukunft möglich. Es ist unsere Aufgabe, unsere eigenen inneren Bilder, die wir auf andere übertragen, genauer anzuschauen und uns dabei zu fragen: Was hat das mit mir selbst zu tun? Welchen Teil von mir sehe ich in dem anderen? Nur so kann es gelingen, die Überzeugungen, die wir über andere Menschen gewonnen haben, in Frage zu stellen, zu überprüfen und zu korrigieren.

Es geht darum, differenzierter hinzusehen: Was entspricht der Wirklichkeit und was übertrage ich, ohne mir dessen bewusst zu sein? Hier liegt eine ganz große Chance für notwendige Veränderungen, auch wenn wir uns der Tatsache bewusst sein müssen, dass uns die Rücknahme von Projektionen immer nur in Teilen gelingen wird und wir wohl nie dahin kommen werden, anderen Menschen vollkommen vorurteilsfrei begegnen zu können.

Vorurteile und Feindbilder verhindern die Unvoreingenommenheit, die in unserer Zeit und Welt der Globalisierung so wichtig ist. Sie verhindern Toleranz, die eine tragende Säule eines weltweiten, konstruktiven Miteinanders in Gegenwart und Zukunft ist.

Karrikatur Frieden 5

5. Toleranz – eine Vorstufe zum Frieden

„Feind wie Freundbilder verdecken, wenn sie auf Völker oder sonstige Gruppen angewandt werden, die komplexe Realität. Sie verstellen den Zugang zum einzelnen Menschen, sie verhindern die Analyse der sozialen und politischen Bedingungen, die die Menschen geprägt haben … wer aber seiner eigenen Identität sicher ist und zugleich genügend Distanz zu ihren kollektiven Komponenten hat, der braucht nicht die Abwertung des anderen, kann das Anderssein des anderen tolerieren …“
(Peter Michael Pflüger, S. 65/66)

Toleranz verstanden als Einbindung und nicht Ausgrenzung, als Respekt vor den unterschiedlichen Kulturen auf dieser Welt, als Anerkennung unterschiedlicher Identitäten kann nur da entstehen, wo man bereit ist, sich selbst zu hinterfragen und seine eigenen unterdrückten Gefühle und Konflikte aufzuarbeiten.

Wir versagen als Menschen, wenn wir den Dialog miteinander nicht fortführen, auch wenn das eigene Überwindung, das Springen über den eigenen Schatten bedeutet, insbesondere in bereits angespannten, konfliktgeladenen Situationen. Wir müssen stärker an uns arbeiten, uns unsere Wahrnehmungen, Gefühle, Phantasien, Absichten, Bewertungen, Gedanken usw. schneller bewusst machen und überprüfen. Das ist Toleranz und Friedensarbeit uns selbst gegenüber.

Diese praktisch gelebte Toleranz – im Unterschied zur repressiven Toleranz – bedeutet weder das Tolerieren von sozialem Unrecht, noch die Schwächung eigener Überzeugungen, sondern, dass jedem einzelnen Menschen auf dieser Welt die Freiheit auf die Wahl seiner Überzeugungen zugestanden wird, sofern er die Rechte anderer anerkennt.

Um Vorurteile und Feindbilder zu überwinden, bedarf es zwischen Gruppen, Nationen und Völkern viel Zeit, Geduld und guten Willen. Dabei ist eine günstige Atmosphäre wichtig, damit wieder Vertrauen aufgebaut werden kann. Auch das ist Toleranzarbeit. Wir können diesem Phänomen „Vorurteile und Feindbilder“ nur konstruktiv begegnen, wenn wir eine positive, entwicklungsfördernde Wertebasis in uns tragen bzw. immer wieder von neuem aufzubauen und zu stärken suchen. Der Wert „Toleranz“ spielt dabei eine besondere Rolle.

Wo Toleranz, Respekt, gegenseitige Wertschätzung fehlen, entstehen Vorurteile und Feindbilder häufiger, schneller, unkontrollierter. Ohne positive, entwicklungsfördernde Wertebasis führen menschliche Erfahrungen wie Abwertung und Geringschätzung vor allem in Verbindung mit Emotionen wie Aggression, Hass und Wut leicht zu Feindbildern.

Wenn wir lernen, Andersartigkeit zu akzeptieren, wenn wir der Vielfalt in dieser Welt eine Chance geben und daran glauben, dass es genügend Raum für alle Unterschiedlichkeiten gibt, wenn wir erneut beginnen, miteinander zu reden, und Konflikte frühzeitig gemeinsam und miteinander konstruktiv bearbeiten, dann kann eine Neuentwicklung angebahnt und verwirklicht werden.

Toleranz ist gerade dort gefordert, wo uns Fremdes begegnet. Sie ist keine einmalige Errungenschaft, sondern braucht jeden Tag neue Zeichen. Tolerant sein heißt aktiv sein, bedeutet aktives Verstehen, aktives Aufeinanderzugehen, aktive Wertschätzung. Nur so kann es uns bei allen ethischen, kulturellen, politischen und religiösen Unterschieden gelingen, das Gegeneinander, das Ab und Ausgrenzen abzubauen und ein sinnerfülltes Miteinander und Füreinander aufzubauen. Ein langer Weg, eine tägliche Herausforderung!

Was uns im ersten Anlauf so schwierig erscheint: Es hängt von uns selbst und unserer inneren Bereitschaft ab, zu lernen in großzügigeren Dimensionen zu denken, unser Lösungsrepertoire zu erweitern und nicht zu schnell zu urteilen und zu verurteilen. Aber auch davon, dass wir gedanklich Lösungsmöglichkeiten zulassen, an die wir bisher noch gar nicht gedacht haben oder von denen wir nicht geglaubt hätten, dass es sie gibt. Toleranz erfordert letztendlich vor allem Geduld: uns und anderen gegenüber.

Karrikatur Frieden 6Karrikatur Frieden 7


Text- und Grafikquelle: Studiengesellschaft für Friedensforschung

Die Studiengesellschaft für Friedensforschung hat verschiedene Schriften in Form von «Denkanstößen» herausgebracht, welche auch in gedruckter Form erhältlich sind. Wer hier Interesse hat, kann diese gerne unter der u.a. Kontaktadresse beziehen.

Studiengesellschaft für Friedensforschung e.V.
Fritz-Baer-Straße 21
81476 München
Telefon/Fax (0 89) 724 471 43
E-Mail: info@studiengesellschaft-friedensforschung.de


Beitragsbild: «Frieden» – www.pixabay.com/de

Literaturverzeichnis

ART, Antirassismustraining für Jugendliche – ein Baustein zum Projekt ‚Miteinander leben‘, Heigl, 2000
Jan Assmann, Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität, in: Jan Assmann und Tonio Hölscher (Hrsg.), Kultur und Gedächtnis, Frankfurt am Main 1988
Wolfgang Benz, Feindbild und Vorurteil, München 1996
Werner Bergmann, Was sind Vorurteile? in: Informationen zur politischen Bildung, Vorurteile – Stereotype – Feindbilder, Nr. 271/2001
Medardus Brehl, Kristin Platt (Hrsg.), Feindschaft, München 2003
HansWerner Bierhoff, Michael Jürgen Herner, Begriffswörterbuch Sozialpsychologie, Stuttgart 2002
Petra Coleman, The Way of Change – 7 Basics für erfolgreiche Veränderungsprozesse in Unternehmen, München 2002
Das Bild vom Feind, Arbeitsgemeinschaft Friedenspädagogik, München 1983
F. Dorsch, Psychologisches Wörterbuch, 10. Auflage, Bern Stuttgart Wien 1982
Fritz Glasl, Konfliktmanagement, Stuttgart 1999
Bert Hellinger, Der Friede beginnt in den Seelen, Heidelberg 2003
Ernst Johann (Hrsg.), Innenansicht eines Krieges. Bilder, Briefe, Dokumente 1914 – 1918, Frankfurt a. M. 1968
Verena Kast, Sich wandeln und sich neu entdecken, Freiburg 2000
Norbert Kühne u. a., Psychologie für Fachschulen und Fachoberschulen, Köln München 2001
Walter Kögl, Vortrag an der Stiftungsfachhochschule für Sozialwesen, München
Alexander Mitscherlich, Vorurteile – ihre Erforschung und Bekämpfung, Frankfurt am Main 1957
Joseph O’Connor, John Seymour, Neurolinguistisches Programmieren – Gelungene Kommunikation und persönliche Entfaltung, Freiburg im Breisgau 1997
Peter Michael Pflüger, Freund und Feindbilder, Olten 1986
Josef Rattner, Aggression und menschliche Natur, Frankfurt am Main 1973
Arthur S. Reber, Dictionary of Psychology, 2. Auflage, London 1995
Harald Welzer, Das Soziale Gedächtnis, Hamburg 2001
Georg Harald ZawadzkyKrasnopolsky, Leadership ohne Vorurteile, Beobachten statt Behaupten, München 2002

Rudolf Kuhr

Einladung zu verantwortlicher Menschlichkeit

von Rudolf Kuhr

Nachdem das Christentum und andere Heilslehren oder Ideologien unserer Welt bisher nicht das Heil – eher das Gegenteil – gebracht haben, wäre es da nicht höchste Zeit für eine neue Orientierung? Was fehlt denn unserer Welt? Fehlt es an Wissen? Fehlt es an Geld? – Es fehlt wohl vor allem an verantwortlicher Menschlichkeit!

Auf den Gebieten der Naturwissenschaften, der Medizin, der Technik, der Wirtschaft sind enorme Fortschritte erzielt worden. Im menschlichen Bereich dagegen scheinen wir stehengeblieben zu sein oder gar zurückzufallen. Wir zerstören unaufhaltsam unsere Natur und damit die Lebensgrundlagen unserer Kinder. Die Kluft zwischen Arm und Reich nimmt zu, entsprechend die Gewalt, bereits unter Kindern. Die Menschheit scheint trotz aller Fortschritte immer unmenschlicher zu werden.

Wäre es da nicht logisch und sinnvoll, sich direkt an dem, was fehlt und was für ein sinnvolles Leben am wichtigsten ist, nämlich an verantwortlicher Menschlichkeit zu orientieren, anstatt an fragwürdigen religiösen oder ideologischen Wegen, die immer wieder in Sackgassen und zum Verlust an Menschlichkeit führen?

Wer den Hafen nicht kennt, in den er segeln möchte, für den ist kein Wind ein günstiger.

Seneca, Philosoph (* etwa im Jahre 1 in Córdoba; † 65 n. u. Z. in der Nähe Roms)

Seit Jahrtausenden sind die verschiedensten Segelboote in Form von sogenannten Religionen und Ideologien mit den schönsten Namen unterwegs. Sie fahren emsig umher, offenbar ohne den Hafen zu kennen. Sie dienen nicht dem Heil der Menschheit, wie sie vorgeben, sondern der Mensch dient ihnen, er instrumentalisiert sie und macht sie zum Selbstzweck. Sie konkurrieren miteinander oder bekämpfen sich gar. Und die Gefahr der Zerstörung unserer Welt wird immer größer.

„Ist denn so groß das Geheimnis, was Gott und die Welt und der Mensch sei? Nein, doch niemand hört’s gerne – da bleibt es geheim“, sagte Goethe. Warum hört’s niemand gerne? Wahrscheinlich weil es unbequem ist. Weil es den Menschen auf sich selbst zurückverweisen, weil es zur Arbeit an der eigenen Person führen würde. Darum machte man das Boot und den Weg zum Ziel, zum Fetisch und zur Droge, an die man beispielsweise durch die Kindes-Taufe bereits Säuglinge gewöhnt. Darum reduzierte die Kirche den Begriff Religion, der ja im Grunde Achtsamkeit und eher ein Hinterfragen als ein Glauben, gar an etwas Zweifelhaftes bedeutet, bequemerweise zur Konfession. Solch grundlegende Verfälschungen, die Gewöhnung an sie und deren Weitergabe sind Ursache für Selbsttäuschung, innere Unsicherheit, Zwiespältigkeit, Unwahrhaftigkeit und nicht selten auch für psychische und physische Gewalt.

„Der Mensch echt religiöser Kulturen könnte vielleicht mit einem Kind von acht Jahren verglichen werden, das einen Vater als Retter braucht, das jedoch angefangen hat, die Lehren und Prinzipien des Vaters in sein Leben zu übernehmen. Der zeitgenössische Mensch ähnelt jedoch einem Kind von drei Jahren, das nach dem Vater ruft, wenn es ihn braucht, und sonst zufrieden ist, wenn es spielen kann“, sagte Erich Fromm. Wenn wir die Zukunft unserer Kinder und der Welt nicht weiter aufs Spiel setzen wollen, dann bleibt uns nichts anderes übrig, als uns erwachsener, mündiger als bisher zu verhalten. So wie sich manche Verantwortlichen, manche Menschengruppen und die Menschheit insgesamt verhalten, kann man sie kaum als mündig bezeichnen. Die meisten Politiker fügen ihrem Amts-Eid noch immer die Formel „so wahr mir Gott helfe“ hinzu! Sie und viele Intellektuelle sind oft nicht fähig, ihr eigenes Verhalten zu beobachten, sie verhalten sich mitunter kindlich, pubertär, narzißtisch und nicht selten fast autistisch.

Mündigkeit bedeuet mehr als nur Volljährigkeit.   Mündigkeit heißt, eine kritische

Distanz nicht nur zu seiner Mitwelt sondern auch zu sich selbst zu haben, für sich

selbst voll- und für seine Mitwelt mitverantwortlich sein zu können und zu wollen.

Rudolf Kuhr

„Suchst du das Höchste, das Größte? Die Pflanze kann es dich lehren. Was sie willenlos ist, sei du es wollend; – das ist’s“, sagte Friedrich Schiller. Die Pflanze kommt je nach Anlage und Umweltbedingungen zu größtmöglicher Entfaltung. Und für den Mensch gilt im Grunde auch nicht mehr, sondern im Prinzip dasselbe. Der Mensch ist ein vergängliches Lebewesen wie die Pflanze und entfaltet sich je nach Fähigkeit und Umweltbedingungen zu größtmöglicher Vollkommenheit. Das Mindeste ist im Normalfall Selbständigkeit, Unabhängigkeit und Mündigkeit in aktiver Verbundenheit zu seiner Mitwelt, deren Teil er ist.

In der Beschränkung zeigt sich der Meister,

Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.

Johann Wolfgang von Goethe

Wer sich wie ein erwachsener, mündiger, verantwortungsbewußter, redlicher Mensch guten Willens verhalten will, der kommt nicht daran vorbei, Abschied zu nehmen von bequemen aber unrealistischen Wunschvorstellungen wie einer Vorrangstellung gegenüber anderen Lebewesen, einer außerirdischen Hilfe oder gar einer Unsterblichkeit. Der muß sich verantwortliche Menschlichkeit zu seiner übergeordneten Orientierung wählen, sich öffentlich dazu bekennen und über die Gefahren geistiger Drogen aufklären. Orientierung am Humanismus oder Menschentum führt den Menschen zu sich selbst als Teil seiner Mitwelt und gibt ihm Sinn und Aufgabe, so daß man sagen kann:

Humanismus – die neue frohe Botschaft! 

Humanismus, bisher allgemein lediglich als schulische Bildungsrichtung oder als geschichtliche Epoche der Aufklärung bekannt, kann uns heute als ein Ideal vom universellen Menschentum zur allem anderen übergeordneten ethischen Orientierung dienen, die alle Menschen dieser einen Welt vereint. Das geringste, was ein mündiger Mensch konkret zur Verbesserung der Menschlichkeit beitragen kann und sollte, wenn er diese Bezeichnung für sich in Anspruch nehmen will, ist, mit der eigenen, geistigen Auseinandersetzung mit diesem Ideal des neu und ganzheitlich verstandenen Humanismus zu beginnen, soweit noch nicht geschehen. Weitere mögliche Schritte sind:

  • Sich selbst in seinem Denken und Handeln an diesem Ideal zu orientieren und von kindlichen, unrealistischen Wunschvorstellungen zu verabschieden.
  • Sich öffentlich bei allen passenden Gelegenheiten persönlich zu diesem Ideal mündlich und schriftlich zu bekennen, (man kann beispielsweise, nach der weltanschaulichen Orientierung gefragt, anstatt Christentum, Atheismus, Liberalismus usw. den Humanismus nennen).
  • Verbreiten von Informationen über dieses Ideal vom Humanismus (z.B. durch Beilegen entsprechender Schriften zur Korrespondenz, durch Schreiben eigener Beiträge zu diesem Thema, durch Leser-, Hörer- und Zuschauerbriefe an Multiplikatoren in den Medien, durch Denkanstöße an Politiker, Schriftsteller, Künstler und andere Persönlichkeiten.
  • Förderung humanistischer Bestrebungen durch Mitarbeit und finanzielle Unterstützung.
  • Gründung eigener Initiativen.

Und obwohl uns Goethe gemahnt: „Alles opponierende Wirken geht auf das Negative hinaus und das Negative ist nichts. Wenn ich das Schlechte nenne, was ist da viel gewonnen? Nenne ich aber das Gute schlecht, so ist viel geschadet. Wer recht wirken will, muß nie schelten, sich um das Verkehrte gar nicht kümmern, sondern nur immer das Gute tun. Denn es kommt nicht darauf an, daß eingerissen, sondern daß etwas aufgebaut werde“, obwohl uns Goethe also damit mahnt, so ist es doch nötig, über das Aufbauende hinaus Aufklärung und auch Kritik da zu betreiben, wo man sich andernfalls einer unterlassenen Hilfeleistung schuldig machen würde. Zum Beispiel, wenn Kinder an der freien Entfaltung ihrer Persönlichkeit gehindert werden, wie dies durch Kirchen und auch Schulen geschieht. Oder wenn Medien wie das Fernsehen die Zuschauer durch anspruchslose Unterhaltung und Gewinnspiele zur Abhängigkeit verführen.

Menschen, die sich mündig, und Regierungen, die sich demokratisch nennen, sollten Einmischung nicht nur erdulden, sondern sich wünschen. Ein Glaube wird ja nicht dadurch gefestigt, daß man den Zweifel verhindert, sondern dadurch, daß man ihn zuläßt. „Der Zweifel ist kein angenehmer Zustand. Gewißheit jedoch ist ein lächerlicher Zustand, und Es gibt ein Recht auf Blasphemie, sonst gibt es keine Freiheit“, sagte Voltaire. Aber „Es ist nicht genug, zu wissen, man muß auch anwenden; es ist nicht genug zu wollen, man muß auch tun, sagte Goethe. Denn: Ich habe Leute gekannt von schwerer Gelehrsamkeit, in deren Kopf die wichtigsten Sätze zu Tausenden selbst in guter Ordnung beysammen lagen, aber ich weiß nicht, wie es zuging, ob die Begriffe lauter Männchen oder lauter Weibchen waren, es kam nichts heraus. In einem Winkel ihres Kopfes lag Schwefel, im anderen Kohlenstaub, im dritten Salpeter genug, aber das Pulver hatten sie nicht erfunden“, so Georg Christoph Lichtenberg.

Darum: „Wer weiterlebt wie bisher, hat nicht begriffen, was droht; es nur intellektuell zu denken, bedeutet nicht, es auch in die Wirklichkeit seines Lebens aufzunehmen“, so Karl Jaspers. Und Voltaire: „Ich werde mich solange wiederholen, bis man mich verstanden hat.“ Diese Gedanken sollten wir beherzigen, wenn es um die Verbreitung des Ideals vom Humanismus als ganzheitliche Orientierung geht.

Wenn es heute einen Glauben gibt, der vertretbar ist, dann ist es

der Glaube an die Bildungsfähigkeit des Menschen zu einem sozial

und ökologisch handelnden, mündigen Gemeinschaftswesen und daran,

daß die Natur den Menschen nicht braucht, wohl aber der Mensch die Natur.

Rudolf Kuhr

Unser grundlegendes Problem und seine Lösung ist der Mensch. Nicht Ausbildung, sondern Menschenbildung ist vorrangig erforderlich. Dazu braucht es eine entsprechende Orientierung.

Humanismus – ethische Orientierung mündiger Menschen!

Nehmen Sie die Einladung an?

Rudolf Kuhr


Quelle: Humanistische AKTION für verantwortliche Menschlichkeit > Webseite > Artikel

Buchtitel: «Wachstum an Menschlichkeit. Humanismus als Grundlage» > zur Vorstellung meines Buches

Dieser Artikel wurde uns zur Verfügung gestellt von Kritisches Netzwerk

Beitragsbild: Rudolf Kuhr

 

Voltaire Geschichtsschreibung ist eine allgemein anerkannte Luege Geschichtsklitterung Kritisches Netzwerk

Erinnerungskultur

von Susanna Böhme-Kuby

Dieser unscharfe Begriff flankiert die deutsche Geschichtsschreibung nach der »sogenannten Wiedervereinigung« (Heinrich Senfft) und bezeichnet vielfältige individuelle und auch kollektive Aneignungsversuche des Vergangenen.

Die »Erinnerung« war bisher überwiegend auf den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg zentriert, die durch die verantwortlichen Generationen keine adäquate »Aufarbeitung« erfahren hatten. Daher ließ und läßt sich – ungeachtet aller Weißmacher – nicht verhindern, daß ein immenser Blutfleck immer wieder durchscheint.

Die in der alten BRD diagnostizierte »Unfähigkeit zu trauern« (Alexander und Margarete Mitscherlich) war – laut Klaus Theweleit – begleitet von erstaunlichen Fähigkeiten, beispielsweise »die Feste zu feiern, wie sie fallen, […] und den Aufbau der Fünfziger derart fröhlich anzupacken und unbeirrt ins befreite Gebiet des hemmungslosen Spießerglücks zu steuern«. Diese Fähigkeiten sind auch den nachgeborenen Generationen nicht abhanden gekommen, und die Formen heutiger Erinnerung – auch in der biographischen Literatur – dienen weniger einer verspäteten Trauerarbeit als individueller Selbstfindung und, im weiteren Sinne, kollektiver Neupositionierung der Deutschen.

Im Oktober 1989 hatte Hermann Gremliza die Frage, »Warum gerade jetzt [das Ende der DDR eingeleitet wurde]«, beantwortet mit: »Weil sie [die Westdeutschen; d. V.] den Mantel Gottes durch die Geschichte rauschen hören und den Zipfel erwischen wollen. Polen ist offen, Ungarn, die Sowjetunion auch. Drum […] auf zum dritten Ritt nach Osten, zur doppelten Revanche für Stalingrad. Die deutsche Bourgeoisie kriegt, was sie immer wollte, die Töchter und Söhne schütteln die Schuld der Väter ab, indem sie, die Besseren im Troß der Stärkeren, die Freiheit bringen.”

Und diese westlich konnotierte »Freiheit« bedingt seitdem überwiegend auch die kollektive Erinnerung an die DDR.

Kurt Tucholsky verfügte schon 1920 über eine hohe Sensibilität für differenzierte Wahrnehmung von Zeit und Vergangenem: »Der Mommsen des Jahres 1984 wird‘s schwer haben. […] Klios Griffel kratzt. Objektiv ist sie auch nicht, weil niemand hienieden objektiv ist, und es hängt von tausenderlei Faktoren ab, was sie da auf ihre Schiefertafel malen wird, mit der wir sie immer abgebildet sehen – aber von Wahrheit hängt‘s wohl kaum ab. Man lese einmal die Darstellung der Pariser Kommune in den deutschen Geschichtsbüchern und bei Kautsky und man wird einen kleinen Begriff bekommen.«

Daß auch die Erinnerung – ähnlich der Geschichtsschreibung – sich je nach Interessenlage revidieren läßt – wußte Tucholsky ebenfalls und richtete 1928 folgenden Brief an den Geschichtsprofessor, der im Jahre 1991 versuchen würde, rückblickend die Jahre um 1914 zu beschreiben: »Wie ist es gewesen? Ich will Ihnen zuerst sagen, wie es nicht gewesen ist! An den Türen unserer Zeit, Herr Professor, da, wo der Weg in die Nachwelt führt – auf den Lehrstühlen der Geschichte, in den Geschichtswerken, in den Archiven: Da saßen in unserem Zeitalter die Vertreter einer Klasse und achteten darauf, daß sie gut auf die Nachwelt kämen. […] Es sind der Bürger und seine Angestellten: der Kriegsknecht, der Wächter der Börse, der Diplomat und der bezahlte, feile Universitätsprofessor. […] Wir haben ein Reichsarchiv, Herr Professor, bezahlt vom Gelde der Allgemeinheit, das lügt, lügt, lügt. Glauben Sie ihm kein Wort – es sind Interessierte, die da schreiben dürfen. Allein wichtig ist, was Sie in ihren Schriften und im ganzen Archiv niemals finden werden: die Klagen und die Tränen eines unterdrückten Volkes, dessen guter Wille zu groß und dessen revolutionäre Kraft immer zu klein gewesen ist. Glauben Sie dem Reichsarchiv nicht. So ist es nicht gewesen.«

Als der Kriegsfreiwillige Franz Marc schon im Dezember 1914 forderte, »Wir wollen, daß das entsetzliche Blutopfer des europäischen Bruderkriegs nicht umsonst gebracht ist«, und im Frühjahr 1915, kurz vor seinem Tod bei Verdun, hinzufügte, »Niemand, niemand kann von nun an über die Blutlache des Krieges hinweg nach rückwärts leben«, wollte er eine Zäsur markieren, einen point of no return (Franz Marc: »Briefe aus dem Feld«, hg. von K. Lankheit, München, Piper, 1982). Doch es sollte anders kommen.

Hundert Jahre später wird nun also der Blick zurückgelenkt auf dieses Blutopfer und auf die Frage nach dem deutschen Anteil daran. Seit den 1960er Jahren steht eine deutsche »Schuld« im Raum (nach Fritz Fischer), die nun in neuen Studien und Feuilletondebatten revidiert wird. Man entdeckt neue Perspektiven: Aus Schuld wird politische Verantwortung, ein weniger moralisch-ökonomisch geprägter Begriff, der wohl auch besser auf heutige Verhältnisse passen soll. Geschichtsschreibung dient bekanntlich weniger der historischen Aufarbeitung von Vergangenheit als ihrer Neubestimmung in politischer Aktualität.

Ukraine_Kriegsziele_Erster_Zweiter_Weltkrieg_Imperiale_Interessen_Kapitalismus_Sozialismus_Barberei_Stalin_Stalinismus_Rosa_Luxemburg_Geostrategie_Imperialismus_Wolfgang_Blaschka_WOB

Kriegsschuld der Deutschen 1914 oder De-facto-Verantwortung für den Beginn des ersten Völkergemetzels des 20. Jahrhunderts – was macht den Unterschied vor der aktuellen Frage nach der politischen Verantwortung für erneut entfachtes Kriegsgeschehen wie zum Beispiel in der Ukraine?

Deutlich wird eine positive Verschiebung der Bedeutung des Begriffs Verantwortung, die Deutschland ja nun erklärtermaßen zunehmend vor der Welt übernehmen will. Sicherlich ist der atlantisch-deutsche Griff nach dem Osten im aktuellen globalen Kontext anders konnotiert, als noch der deutsche Griff nach der Weltmacht vor 100 oder vor 75 Jahren. Im zunehmenden weltpolitischen Chaos der Finanzherrschaft geht es, wie Manfred Sohns These von der »Kernschmelze des Kapitalismus« andeutet (s. Ossietzky 14/14), nicht mehr um die Eroberung von Kolonien, von Lebensraum und Arbeitskräften, aber doch immer noch um den Zugang zu Märkten und vor allem zu Ressourcen.

So liegen zum Beispiel umfangreiche Gasvorkommen 600 Meter unter dem Meer vor der Küste Gazas im Visier der Israelis, über deren Nutzung die Palästinensische Autonomiebehörde seit 1999, noch unter Arafat, mit den Briten verhandelt hatte. Nach vielen Hindernissen kam es im Juni 2014 zu einem Beinahe-Abkommen mit Putins Gazprom, durch die jüngsten Angriffe auf Gaza vorerst vereitelt. Israel erhebt auch Anspruch auf alle Ressourcen im Westjordanland, mit Unterstützung der USA, die den ganzen Nahen Osten unter ihrer Kontrolle halten möchten.

Wie schon