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Sie versuchen das Problem am Laufen zu halten, statt es zu lösen

Die Komplexität der Spionageprogramme der NSA hat einige ihrer früheren technischen Experten zu ihren gefährlichsten Kritikern gemacht, da sie zu den wenigen Zeitgenossen zählen, die ihre totalitären Potentiale und Gefahren verstehen – wie William Binney, der ehemalige Technical Director for Intelligence der NSA in diesem Interview mit Lars Schall aufzeigt.

von Lars Schall

William Binney

William Binney (2013)

Lars Schall: Bill, Sie waren dieses Jahr als Zeuge von der NSA-Kommission des Deutschen Bundestages eingeladen worden. Wie war es dort zu sprechen? Und was haben Sie dort zu vermitteln versucht?

William Binney: Ich war dort, um für etwa sechs Stunden auszusagen, mit einer halben Stunde Pause in der Mitte. Es war also recht intensiv. Es gab so viele Fragen. Auf einiger dieser Fragen hatte ich keine Antworten, weil ich keine Kenntnisse darüber habe. Ich habe versucht, den Ausschussmitgliedern über Dinge Informationen zu geben, die ich persönlich kenne und nicht darüber hinausgehen. Zunächst stellten sie Fragen über meinen Hintergrund, ich schätze, um die Bühne für die Folgefragen zu bereiten. Aber auf längere Sicht interessierten sie sich für die Beziehungen zwischen dem BND und der NSA. Ich denke übrigens, dass ein Teil der Pause in der Mitte darauf zurückzuführen ist, dass damals ein BND-Mitarbeiter vom Ausschuss wegen Spitzeltätigkeiten verdächtigt wurde. Sie gaben diese Informationen auch an die NSA weiter – zumindest wurde dies damals behauptet. Ich weiß nicht, ob das wahr ist oder nicht.

Wie auch immer, es war ziemlich langwierig und sehr gründlich, und mein Standpunkt war, zu versuchen, ihnen zu vermitteln, dass das, die NSA und die Geheimdienste in den Five-Eyes-Staaten massive Datenmengen sammeln – genau wie die Stasi. Nur diesmal ist es, das versuchte ich Ihnen verständlich zu machen, wie eine Stasi auf Supersteroiden. Wolfgang Schmidt, ein ehemaliger Oberstleutnant der DDR-Stasi kommentiert das Überwachungsprogramm der NSA folgendermaßen: Für uns wäre das damals ein wahr gewordener Traum gewesen. Das trifft es im Kern. Es ist so invasiv, es ist digitale Überwachung in massivem Umfang. Und ich versuchte, ihnen dies begreiflich zu machen. Denn dies ist im Grunde eine fundamentale Bedrohung für unsere Demokratie und jede Demokratie auf der ganzen Welt. Ich bezeichne das hier in den Vereinigten Staaten als die größte Bedrohung für unsere Demokratie seit unserem Bürgerkrieg.

LS: Gab es einige Fragen, die Sie erwartet hätten, die nicht gestellt wurden?

WB: Nein, ich denke, dass sie so ziemlich alle relevanten Fragen stellten, von denen ich einige unter Ausschluss der Öffentlichkeit behandelte – dabei ging es vor allem um Fragen zur Beziehung zwischen BND und NSA.

LS: Was sagen sie dazu, wie Deutschland Edward Snowden behandelt?

WB: Ich glaube, er erfährt zum größten Teil viel Unterstützung in der Bevölkerung in Deutschland. Ich denke, die deutsche Regierung ist ein wenig empfindlich – einfach wegen der engen und dauerhaften Beziehung zwischen der Bundesregierung und Regierung der Vereinigten Staaten. Also, ich denke, sie versuchen eine Gratwanderung zwischen der Unterstützung aus der breiten Bevölkerung und der Unterstützung für die US-Regierung durch die bestehenden Abkommen und der Zusammenarbeit mit der Bundesregierung hinzubekommen. Sie müssen das ausbalancieren.

LS: Was ist Ihre generelle Ansicht darüber, wie sich die deutsche Regierung im NSA-Skandal verhält?

WB: Meine persönliche Meinung ist, dass sie erst jetzt beginnen, der Sache nachzugehen und erst jetzt beginnen zu erkennen, so wie hier in den USA der Kongress auch erst jetzt zu erkennen beginnt, wie sehr man unseren eigenen Geheimdiensten nicht vertrauen kann. Das wird durch ein Beispiel aus dem letzten Jahr offensichtlich, als zwei Kongressmitglieder versuchten, einen Gesetzentwurf im Repräsentantenhaus durchzubringen, um die Finanzierung der NSA zu beschneiden. Es ist so, dass sie gerade eben erst durch die Snowden-Veröffentlichungen erfahren haben, dass ein großer Teil der Informationen, mit denen sie von den Geheimdiensten und der Regierung gefüttert wurden, schlichtweg nicht wahr sind. Und dadurch haben sie schließlich zu begreifen begonnen, was vor sich ging. Dann versuchten sie eine Initiative hinzubekommen, um das zu stoppen. Das war der Punkt, als der Präsident und der damalige NSA-Direktor Keith Alexander gegenüber dem Repräsentantenhaus sehr stark dafür eintraten, diesen Gesetzesvorschlag abzuweisen. Dies geschah dann auch – aber das Gesetz verlor im Repräsentantenhaus mit nur von zwölf Stimmen . Das ist also kein schlechtes Abschneiden, es war eine ziemlich enge Abstimmung. Die Probleme mit den Geheimdiensten gehen weiter und es gibt Politiker, die gegen diese Probleme angehen wollen. Wir versuchen ihnen dabei zu helfen, um sicherzustellen, dass die Geheimdienste von ihren Regierungen gezwungen werden, die Rechte der Bürger zu achten.

LS: Vor ein paar Monaten wurde bekannt, dass die NSA über den Bundesnachrichtendienst (BND) Zugriff auf Daten des DE-CIX-Internetknotenpunkts in Frankfurt gehabt haben könnte. Wenn dies der Fall wäre – die DE-CIX Management GmbH Frankfurt streitet ab, dass dies geschah –, hätte der BND gegen deutsches Recht verstoßen. Können Sie uns bitte erzählen, wie solche Vereinbarungen zwischen der NSA und dem BND zustande kommen, die Rechtsverletzungen einschließen?

WB: Die Behörden NSA und BND würden eine separate internationale Vereinbarung zwischen den beiden Behörden festlegen, die mindestens von einem Teil der Regierung verabschiedet und genehmigt werden müsste. Das hieße also, dass Ihre Regierung dem zustimmen müsste und unsere müsste das ebenso. Das würde damit beginnen, dass die Behörden vereinbaren, wobei sie miteinander kooperieren, wie sie zusammenarbeiten, und was die Grundregeln für diese Zusammenarbeit sind. Das geht dann an die Geheimdienstausschüsse des Kongresses und Senats. Eine sehr eingeschränkte Anzahl von Menschen in der Regierung wäre in der Lage, diese Art von Vereinbarung einzusehen. Das Gleiche träfe, so würde ich annehmen, auch auf den BND und die Bundesregierung zu. Es sollte da eine kleine Teilmenge der deutschen Regierung geben, die Kenntnis von diesen Vereinbarungen hat und sie überwacht. Ich weiß jedoch nicht, wie die Verhältnisse innerhalb des BND sind und wie solche Dinge dort gehandhabt werden. In den Vereinigten Staaten sind es die Kongress- und Senats-Geheimdienstausschüsse und das FISA-Gericht, die angeblich überwachen, dass derartige Verträge nicht gegen US-Recht verstoßen. In der Realität verstoßen die Dinge, die sie hier bei uns getan haben, gegen US-Recht. Hier versagt die Aufsicht ganz offensichtlich.

Und natürlich tun sie das alles auf der Grundlage der Terrorismus-Panikmache. Sie versuchen allen Angst einzujagen, um dann das tun können, was sie wollen. Das ist die Art von Hebel, die sie nicht nur gegen die Öffentlichkeit zu benutzen versuchen, sondern auch gegen den Kongress. Es gründet einfach alles auf Panikmache. Der springende Punkt ist, an mehr Geld zu kommen und ein größeres Imperium zu bauen. Hier drüben haben wir seit 9/11 für alle 16 Geheimdienstbehörden ungefähr eine Billion Dollar ausgegeben. Bei dieser Panikmache geht es für sie vor allem ums Geldverdienen. Nun nutzen sie dafür auch die Cyber-Sicherheit. Es geht darum, wie man seine Bevölkerung kontrolliert, wie man sie manipuliert, und wie man sie für Dinge zahlen lässt, die man erledigt haben möchte.

LS: Ist der BND lediglich eine Tochtergesellschaft oder Zweigstelle des US-Geheimdienstapparats?

WB: Ich würde ihn keine Zweigstelle nennen, aber er ist sicherlich ein Kooperationspartner. Noch einmal, das ist alles in Vereinbarungen niedergeschrieben. Was die Ziele sind, die sie gemeinsam teilen und an denen sie gemeinsam arbeiten – das ist alles in Verträgen festgeschrieben und von den Leitern ihrer Behörden genehmigt. Und dann geht das an bestimmte Teile der Regierungen, um ebenfalls genehmigt zu werden. Das ist alles in Abkommen festgelegt und definiert. Ich würde nicht sagen, dass der BND komplett für die NSA arbeitet. Sowohl NSA als auch BND haben ihre eigene Agenda und ihre eigenen Prioritäten. Die Zusammenarbeit erfolgt dort, wo es gemeinsame Interessen und gemeinsame Sorgen gibt – wie etwa beim Terrorismus oder vielleicht beim Drogenschmuggel.

LS: Ist die NSA in Wirtschaftsspionage in Deutschland involviert? Und wenn dies der Fall wäre, wäre es nicht die Aufgabe des BND, dies zu unterbinden?

WB: Das sollte man denken. Ich kann auf Basis der schriftlichen Informationen nur annehmen, dass dies geschieht. Ich bin übrigens sicher, dass alle Regierungen auf der ganzen Welt dies bis zu einem gewissen Grad tun. Dies ist in erster Linie natürlich abhängig von ihren Fähigkeiten und Ressourcen. Entscheidend ist, ob das außerhalb der Regierungskanäle mit der Industrie geteilt wird, um Unternehmen einen Vorteil zu verschaffen. Man würde meinen, dass die Regierungsleute das drinnen halten, aber das Problem hier in der NSA ist: Viele der Menschen, die all die Daten verwalten und die diese Art von Informationen enthalten, in Wirklichkeit sogenannte Auftragnehmer sind, die für andere Industriepartner in den Vereinigten Staaten arbeiten. Dazu gehören Unternehmen wie Boeing und auch Lockheed Martin und so weiter, die natürlich ihre ganz eigenen Interessen haben. Angestellte dieser Unternehmen behandeln und verwalten diese Daten für die NSA. Was sie damit tun, ist eine andere Frage, aber das ist schon eine sehr riskante Situation in Bezug auf Industriespionage.

LS: Ihre eigene Karriere bei der NSA gipfelte in der Position als Technischer Direktor für nachrichtendienstliche Informationen im Jahre 2001. Noch im selben Jahr gingen Sie in den Ruhestand. Warum?

WB: Das geschah nachdem sie uns aufforderten, das ThinThread-Programm zu stoppen – dieses Programm löste ein massives Datenproblem im Zusammenhang mit der Internet-Kommunikation und war zudem noch sehr preiswert. Wir kritisierten dies und nun musste man uns loswerden. Das taten sie. Ich wurde von einer recht hohen Position auf eine unbedeutende Position versetzt, auf der ich im Grunde außer Sichtweite war. Sie wollten den Kongress von mir fernhalten Das ist übrigens keine Ausnahme, sondern die Regel – wenn sie nicht wollen, dass die Leute bestimmte Dinge tun, schaffen sie sie aus dem Weg.

LS: Was hat die NSA falsch gemacht, wenn es darum ging, das 9/11-Komplott aufzudecken? Edward Snowden legte nahe, „dass die Vereinigten Staaten die richtigen geheimdienstlichen Informationen vor 9/11 besaßen, aber zu handeln versagten.”

WB: Ja, das kam durch Tom Drakes Benutzung von ThinThread heraus. Drake ging nach der Tat im Frühjahr 2002 die gesamte Datenbasis der NSA durch und analysierte sie. Er fand heraus, dass die NSA in Wirklichkeit vor 9/11 in ihrer Datenbank alle notwendigen Informationen gehabt hatte, um herauszufinden, wer beteiligt war, wo sie sich befanden. Mann hätte die ganze Sache zusammenzusetzen können und wäre in der Lage gewesen, sie zu stoppen.

Schauen Sie, das eigentliche Problem damit ist doch, dass die Industrie so sehr in die NSA integriert und an den Operationen beteiligt ist – ich meine, sie sind untrennbar miteinander verbunden, sie arbeiten in den gleichen Räumen. Die Industrie hat jedoch ein ureigenes Interesse daran, in Zukunft neue Aufträge zu erhalten, so dass sie mehr und mehr Geld verdienen kann. Sie hat also ein Interesse daran, das Problem am Laufen zu halten, statt es zu lösen. Sie führt im Laufe der Zeit lediglich schrittweise Verbesserungen ein. Das hält sie auf vorderster Position, um an die Nachfolgeaufträge zu kommen. Das ist übrigens seit Jahrzehnten die gängige Praxis, die sie benutzen.

LS: Denken Sie, dass die Ausweitung verschiedener NSA-Programme als Reaktion auf 9/11 gerechtfertigt ist?

WB: Absolut nicht! Das ist auch, was ich damals sofort ablehnte. Sie hätten das stoppen sollen, indem sie mit Automation gegen ein eingegrenztes Ziel zur Informationsgewinnung vorgegangen wären. Mit anderen Worten, sie kannten die grundlegenden Ziele und die Leute, die mit ihnen verbunden waren oder in enger Beziehung zu ihnen standen. Das hätten sie definieren können, sie hätten diese Daten herausziehen können und sie hätten ihre analytischen Bemühungen darauf konzentrieren können, um das Problem zu lösen. Das taten sie aber nicht. Stattdessen beschlossen sie, eine größere Behörde aufzubauen, ein viel größeres Budget zu genehmigen und eine viel größere Gruppe von Vertragspartnern und Vertragsagenten zu beschäftigen. Das war der Weg, den sie nahmen. Ich nannte das die Opferung der Sicherheit der Menschen in den Vereinigten Staaten und der Menschen in der freien Welt zugunsten von Geld.

LS: Der NSA-Whistleblower Thomas Drake erklärte in einem Interview mit mir ebenfalls, dass der Nexus 9/11 – Krieg gegen den Terror – als Vorwand benutzt wird, um Programme auszuweiten, die vor 9/11 existierten. Ein Beispiel, glaube ich, wäre Echelon. Könnten Sie uns vielleicht etwas über die Entwicklung von Echelon sagen?
 
WB: Ich weiß nicht allzu viel über das, was mit Echelon geschah, denn das hatte nicht wirklich mit den Glasfaserleitungen zu tun – und das ist der Bereich, wo sich die Explosion ereignete. Die Explosion in der Kommunikation trat bei den Glasfaserleitungen auf. Es gibt drei Arten von Angriffen darauf: Entweder erhalten die Dienste eine unternehmerische Kooperation mit den nationalen und internationalen Telekommunikationsfirmen oder mit den Firmen, die die Glasfaserleitungen betreiben. Wenn sie diese Vereinbarung mit oder ohne Wissen der Regierung haben dann können sie dort die Leitungen anzapfen und die Abschöpfung der Informationen vornehmen.

Wenn sie jedoch kein Unternehmen haben, das zu einer solchen Kooperation bereit ist, können sie zu ihren Amtskollegen in der Regierung gehen, um zu versuchen, eine Einigung wie in Frankfurt zu erzielen, um die Leitung dort oder an anderen Stellen anzuzapfen. Und wenn das vereinbart ist, dann gibt es eine Regierungsgenehmigung, um zur Tat zu schreiten. Das geschieht zumindest teilweise durch die beteiligte Behörde, wenn nicht von der Regierung selbst. Aber das weiß ich nicht – ich meine, das wäre der Teil, der untersucht werden müsste.

Wenn die Dienste weder eine Regierungs- noch eine Unternehmenszusammenarbeit erhalten, besteht eine weitere Möglichkeit darin, dies ganz einfach unilateral zur Tat zur schreiten – das heißt, die Dienste haben auch Mittel und Wege, um sich ohne die Zusammenarbeit mit der Regierung oder der beteiligten Firma Zugang zu den Glasfaserleitungen zu verschaffen. Das ist wie die Anzapfinstrumente, die sie an die Leitungen anbringen, die zwischen Google und allen großen Internet-Service-Providern bestehen, wenn sie Daten aus ihren großen Lagerzentren hin und her übertragen – sie zapfen die Leitungen ohne das Wissen der Unternehmen an. Das ist die Art von Dingen, die sie mit jedem anderen machen, der nicht kooperieren will. Mit anderen Worten, wenn Sie herausfinden möchten, ob Ihre Leitungen angezapft werden, müssen Sie die Leitung den gesamten Weg zurückverfolgen.

LS: Am 17. August 1975 erklärte Senator Frank Church auf “Meet the Press” von NBC:

“Durch die Notwendigkeit, eine Fähigkeit entwickeln zu müssen, um zu wissen, was potentielle Feinde tun, hat die Regierung der Vereinigten Staaten eine technologische Fähigkeit perfektioniert, die es uns ermöglicht, die Nachrichten, die durch die Luft gehen, zu überwachen. Nun, das ist notwendig und wichtig für die Vereinigten Staaten, da wir im Ausland auf Feinde oder potentielle Feinde sehen. Wir müssen gleichzeitig wissen, dass diese Fähigkeit jederzeit gegen das amerikanische Volk gerichtet werden kann, und so wie die Fähigkeit beschaffen ist, um alles zu überwachen – Telefongespräche, Telegramme, es spielt keine Rolle –, würde keinem Amerikaner irgendeine Privatsphäre übrig gelassen. Es gäbe keinen Platz, um sich zu verstecken. Wenn diese Regierung je zum Tyrann werden würde, wenn in diesem Lande je ein Diktator die Kontrolle übernähme, könnte die technologische Fähigkeit, die die Geheimdienste der Regierung gegeben haben, diese in die Lage versetzen, eine totale Tyrannei zu verhängen, und es gäbe keine Möglichkeit, dagegen anzukämpfen, denn die sorgfältigste Anstrengung, gemeinsam im Widerstand gegen die Regierung vorzugehen, egal wie privat dies gemacht werden würde, befände sich in Reichweite der Reichweite, um herausgefunden zu werden. So ist die Fähigkeit dieser Technologie beschaffen. Ich will dieses Land niemals je über diese Brücke gehen sehen. Ich weiß, dass die Fähigkeit, um die Tyrannei in Amerika komplett zu machen, da ist, und wir müssen dafür sorgen, dass diese Behörde [die National Security Agency] und alle Behörden, die diese Technologie besitzen, im Rahmen des Gesetzes und unter Aufsicht operieren, so dass wir nie über diesen Abgrund hinaus gehen. Das ist der Abgrund, von dem aus es keine Rückkehr mehr gibt.”

Wie klingen diese Worte heute?

WB: Sie trafen den Nagel auf den Kopf. Frank Church erfasste es sofort. Der Punkt ist, dass die Dienste sich im Prozess der Perfektionierung dieser ganzen Operation befinden, und der Punkt ist, dass jetzt, da jeder über eine größere Kapazität verfügt, um zu kommunizieren, die Verletzung der Privatsphäre oder der Eingriff in das, um was sich das Leben der Menschen dreht, noch schlimmer ist als das, was sich Frank Church damals vorstellen konnte. Damals dachte er nur über die Festnetz-Telefonate nach, nur darauf blickte er. Nunmehr geht es auch Mobiltelefone, Satellitentelefone, das Internet, die Computer, die Tablets, und so weiter. All die Netze, die die Leute mit sich herumzutragen. Es gibt mindestens über dreieinhalb Milliarden Mobiltelefone in der Welt, und in Bezug auf Computer verhält es sich sehr ähnlich. Die Explosion war sowohl hinsichtlich des Volumens als auch hinsichtlich der Anzahl enorm. Frank Church konnte sich das zu seiner Zeit nicht erträumen; er sprach bloß über ein kleineres Segment dessen, was verfügbar war zu jener Zeit. Und jetzt ist das Eindringen noch größer.

Und ich möchte auch darauf hinweisen, dass dies Teil der fundamentalen Gründe für die Amtsenthebung von Richard Nixon war. Sie bereiteten vor, ihn aus dem Amt zu werfen, als er zurücktrat. Aber zu dieser Zeit im Rahmen der Programme MINARETTE bei der NSA und COINTELPRO beim FBI und CHAOS bei der CIA, spionierte Nixon nur ein paar Tausend Leuten hinterher. Jetzt machen sie das bei Hunderten von Millionen in den USA, es gibt fast 300 Millionen US-Bürger – die Milliarde-plus im Rest der Welt gar nicht mitgezählt. Wenn sie nur über die USA reden, machen sie das jetzt bei praktisch jedermann. Wenn sie ein Telefon oder einen Computer oder irgendeine Art von Bankkarte verwenden oder wenn sie einen Scheck schreiben oder irgendetwas solcher Art tun, werden sie bespitzelt. Das Eindringen ist heute noch so viel größer und noch so viel umfassender.

Aber wir denken noch nicht einmal über die Amtsenthebung von Leuten nach. Wir hätten George W. Bush und Richard Cheney des Amtes dafür entheben sollen, damit überhaupt begonnen zu haben, aber wir taten es nicht. Und das ist übrigens der Grund, warum sie das alles im Verborgenen hielten – sie wussten, dass sie die US-Verfassung verletzten, und sie wussten, dass sie auch die Gesetze verletzten. Das ist auch, warum Sie den Telefongesellschaften rückwirkend Immunität geben mussten, weil sie ihnen Zugang zu den Telefonleitungen und zu den Glasfaserleitungen gaben, die nicht nur das Telefon, sondern auch das Internet transportierten. Und sie gaben ihnen auch alle Aufzeichnungen über ihre Kunden. Das alles waren Verstöße gegen die Gesetze und Verstöße gegen die verfassungsmäßigen Rechte der US-Bürger im Ersten, Vierten und Fünften Verfassungszusatz, mindestens.

LS: Bill, dies hörend, muss ich fragen: Sind Sie enttäuscht von der Reaktion Ihrer Landsleute im Zusammenhang mit diesen NSA-Enthüllungen?

WB: Ja, aber ich denke, dass die meisten von ihnen immer noch nicht verstehen, was das wirklich bedeutet. Ich habe hier ein wenig Hoffnung durch die ersten Rückmeldungen zu “CITIZENFOUR”, dem Film von Laura Poitras über Edward Snowden und dem Whistleblowing, das wir betrieben haben. Das ist sehr positiv, und ich denke, es hilft, die Bevölkerung hier über das zu unterrichten, was das wirklich bedeutet. Ich denke, wenn sie es wirklich zu verstehen, was vor sich geht und was ihre Regierung ihnen antut, dass sie darauf reagieren werden, und in einer positiven Weise reagieren werden, und erzwingen, dass sich die Regierung ändert.

LS: Ich würde auch gerne ein paar Fragen im Zusammenhang mit PROMIS diskutieren wollen, einer Software für Data Mining, die von Bill Hamiltons Softwarefirma INSLAW entwickelt wurde und vom US-Justizministerium / US-Geheimdiensten gestohlen wurde. Dr. Norman Bailey war die Person im Nationalen Sicherheitsrat der USA im Jahre 1981, die für die neue Signal Intelligence-Mission (Informationsgewinnungsmission) der NSA verantwortlich war, welche als “Follow the Money” bekannt wurde. Nach meinen Informationen sagte Dr. Bailey gegenüber INSLAW, dass sie NSA ihn über die Tatsache unterrichtet gehabt hatte, dass es die PROMIS-Software vom US-Justizministerium erhalten habe und sie als Hauptsoftware auf Computern von Clearinghäuser, Geschäftsbanken, Investmentbanken, Kreditkartenunternehmen und internationalen Finanzinstitutionen für die Echtzeit-Überwachung von elektronischen Geldüberweisungen im Bankensektor verwendete. Dr. Bailey bestätigte die Verwendung von PROMIS als “das Hauptsoftwareelement” von “Follow the Money” im Jahre 2008 auch später öffentlich. Wussten Sie, während Sie Mitarbeiter bei der NSA waren, von der PROMIS-Nutzung der NSA für ihre Banküberwachungsmission “Follow the Money”?

WB: Ich hatte persönlich keine Kenntnis von dem PROMIS-Programm PROMIS oder wie es von der NSA genutzt wurde. Ich wusste, dass es einen Versuch gab, sich Geldüberweisungen anzuschauen. Ich dachte, es ging um ihre Rückverfolgung für Terrorismus, für Drogenschmuggel, einfach internationale Kriminalität. Aber ich hatte keine Kenntnis vom PROMIS-Programm.

LS: Im Rückblick – was würden Sie gerne über PROMIS sagen? Ich meine, der ganze Fall ist immer noch nicht beigelegt, obwohl er in den 1980er Jahren begann und es keinen Zweifel daran gibt, dass die Software von US-Geheimdiensten wie CIA und NSA gestohlen wurde…

WB: Ich bin nicht überrascht darüber. Ich glaube, sie versuchten, einiges von dem geistigen Kapital, das wir hatten, nachdem wir zurückgetreten waren, zu stehlen. Die Art, wie sie es tat, war, dass sie uns das FBI schickten, um uns letztlich zu überfallen. Ich hatte von ihnen erwartet, dass sie unsere Computer aktiv angreifen würden und versuchen, die Informationen dort zu finden. Wir kannten diese Leute, und so dokumentierten wir nie etwas in einer Computerdatei, nichts war in dem Sinne dokumentiert, dass es für sie verwendbar gewesen wäre, auf Papier oder elektronisch – wir liefen mit all diesem Wissen in unseren Köpfen herum und hielten nichts davon fest, so dass es jeder hätte haben können.

Es gab ein großes geheimdienstliches Unternehmen in den Vereinigten Staaten, das bei uns eine Art von Zwangsübernahme versuchte, aber was sie nicht realisiert hatten, war, dass all das intellektuelle Kapital in unseren Gehirnen war. Das konnten sie uns nicht nehmen. Es gab nichts, was sie hätten tun können, um die Informationen von uns zu erhalten. Sie scheiterten also. Und auch die Regierung scheiterte, als sie sie von uns zu erhalten versuchte.

PROMIS war eine andere Geschichte. Sie gingen eine Vereinbarung ein und mein Verständnis ist, dass sie die Vereinbarung mit Bill Hamilton brach. Ich denke, dies ist ein Fall für die Gerichte, das vor langer Zeit in den Gerichten hätten gelöst werden sollen.

LS: PROMIS ist also nie ein Thema unter Ihren Kollegen bei der NSA gewesen?

WB: Nein, wir haben nie darüber gesprochen, und ich habe nie überhaupt nur vom PROMIS-Programm gehört, während ich bei der NSA arbeitete.

LS: Ist die Wall Street ein wichtiger Akteur des tiefen Staats in den USA?

WB: Ich denke, politisch sicherlich sowieso, weil sie eine Menge Geld zu den politischen Kampagnen beitragen. Und natürlich haben sie ihre eigenen Lobbyisten und all das. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie nicht irgendwo Input in dem Prozess haben. Es erscheint mir nur realistisch.

LS: Nun, die CIA beispielsweise wurde durch Investmentbanker und Rechtsanwälte von der Wall Street geformt und auf den Weg gebracht.

WB: Ja, und natürlich bekamen sie Milliarden von uns. Und wenn Sie den Fall von Elliot Spitzer zum Beispiel nehmen – er war in New York und verfolgte die Banker für die ganzen Betrügereien. Er ging ihnen strafverfolgend nach, und natürlich sind sie ihn losgeworden. Sie hatten das FBI durch alle seine Daten schauen lassen, nehme ich an, weil ich nicht weiß, wie sie sonst daran gekommen sein sollen. Das FBI hatte durch das Prism-Programm direkten Zugang auf die Namen-Datenbanken bei der NSA, alle E-Mails, Telefon-Anrufe und Finanztransaktionen in diesen Datenbanken, und das FBI hatte Zugang dazu und konnte die Daten anschauen und die ganzen Finanzen, Telefonanrufe und was weiß ich noch für Elliot finden. Und sie konnten einige Beweise gegen ihn finden, die sie nutzen konnten, um ihn loszuwerden, was sie ja auch taten.

Meine Frage war von Anfang an, was ihr Motiv gewesen sein mag, um das überhaupt zu tun? Ich habe nie wirklich unsere Regierung etwas darüber sagen gehört, denn sie mögen nicht den Vierten Verfassungszusatz, der einschränkt, was sie tun darf und was nicht. Sie wollen freie Hand haben, um jeden, den sie wollen, loswerden zu können.

Wie in meinem Fall, im Fall von Kirk Wiebe, oder auch im Fall von Tom Drake, versuchten sie, uns durch die Fälschung von Beweismitteln und die Anfertigung einer Anklage gegen uns loszuwerden. Nun, wissen sie, das war die Fälschung von Beweisen, um sie bei Gericht einzureichen, damit Leute für Jahrzehnte weggesperrt werden. Das ist, was uns anzutun versuchten. Ich erwischte sie dabei, okay, so dass sie schließlich all das fallen lassen mussten. Aber ich meine, das ist unser Justizministerium; das ist nicht gerecht, das ist kriminell. Also, die Leute da unten, was sie tun, in den Geheimdienstausschüsse des Repräsentantenhauses und Senats, das FISA-Gericht, das Justizministerium und das Weiße Haus, sie versuchen jedwede Enthüllung dessen zu vertuschen, und das ist der Grund, warum sie wirklich hinter Snowden her waren, und das ist der Grund, warum sie all diese Enthüllungen stoppen wollten, weil sie die Verbrechen bloßstellen, die sie gegen die Menschen in den USA und gegen die Menschen in der Welt begingen.

LS: Zwei andere Fragen: Wer sind die größten privaten Auftragnehmer, die IT- und Telekommunikationssysteme für die NSA zu verwalten, und wie sieht ihr Zugang und ihre potenziellen Nutzung der Daten aus, um ihren privaten Interessen zu dienen?

WB: Nun, sehen sie, das ist, worüber ich zuvor sprach: diejenigen, die die Daten für die NSA managen, sind Auftragnehmer, und das sind Auftragnehmer-Organisationen oder -Unternehmen, die viele Interessen haben – nicht nur im geheimdienstlichen Bereich. Sie haben dort Zugang, und das ist eine reale Gefahr, ob sie das für Industriespionage verwenden, um sich einen Vorteil in einer internationalen Ausschreibung für Verträge zu verschaffen. Das ist stets eine Gefahr. Ich weiß nicht, wie sie das überwachen, und ich weiß nicht, was sie tun, um sicherzustellen, dass das nicht passiert.

Auch möchte ich darauf hinweisen, dass diese Arten von Datenerfassungen nicht nur auf NSA und BND beschränkt sind, es gibt auch andere beteiligte Länder, die ebenfalls Teilungsvereinbarungen haben und die Fähigkeit besitzen, wie durch XKeyscore, diese Datensätze zu sehen. Das eröffnet eine immense Palette an potenziellem Missbrauch. Ich weiß nicht, ob sie Vereinbarungen haben, um das zu überwachen oder zu verhindern oder zu stoppen, wenn sie das vorfinden. Ich weiß nicht, was sie tun. (lacht.) Sie haben’s nicht deutlich gemacht. Ich meine, sie tun dies sowieso alles im Geheimen.

LS: Und es ist durchaus ein Problem angesichts der Tatsache, dass rund 70 Prozent des US-Geheimdienste-Budgets an Auftragnehmer-Unternehmen ausgelagert ist. Noch eine Frage, und ich weiß, die ist schwer zu beantworten, aber ich denke, sie ist von entscheidender Bedeutung: Werden NSA-Systeme verwendet, um die Finanzmärkte zu managen, zum Beispiel im Zusammenhang mit der NY Fed, der operative Arm des Federal Reserve Systems?

WB: Ich weiß nicht, ob das Finanzministerium oder irgendein Teil des Federal Reserve Systems diese Programme nutzt. Sie beziehen wahrscheinlich indirekt Vorteil daraus, aber ich weiß nicht, ob sie die direkt verwenden. Sie sind Teil der Regierung, wissen Sie – sie teilen Wissen über die Regierung hinweg, wie viel, da bin ich nicht sicher. Aber noch einmal, welche Vereinbarungen auch immer getroffen wurden, diese würden innerhalb der US-Regierung getroffen werden, um zu bestimmen, welche Art von Austausch vor sich gehen würde und wie die Ebene des Zugangs dazu wäre.
 
LS: Wie würden Sie denken, sieht die indirekte Verwendung dieser Systeme aus?

WB: Ich würde denken, dass sie das Treasury und alle Banken Geldtransfers in und aus dem Land berichten. Auch würde ich denken, dass sie über die Geschäftsunterlagen alle Arten von Finanztransaktionen nehmen, darunter nicht nur Kreditkarten, sondern auch Banküberweisungen von Geld, das zwischen den Banken auf der ganzen Welt hin und hergeht. Auch alle persönlichen Schecks und Überweisungen von Geld durch Individuen sowohl innerhalb des Landes als auch anderswo, die sie bekommen können. Das sind die Arten von Transfers, nach denen sie suchen würden. Sie schauen nach Muster der Übertragung von Geld, die auf Auszahlungen für Drogengeschäfte, Geldwäsche oder ähnliches hinweisen. Ich würde denken, dass sie das tun.

LS: Und wie Sie wissen, hat das Finanzministerium dieses Office of Terrorism and Financial Intelligence als Anti-Terror-Finanzeinheit (Counterterrorism Finance Unit). Glauben Sie, dass die NSA mit ihnen arbeitet?

WB: Ich nehme an, dass sie das tun. Die Ebene der Zusammenarbeit würde wieder in Vereinbarungen festgelegt werden.


Autor Lars Schall wurde am 31. August 1974 in Herdecke an der Ruhr geboren. Er studierte an den Universitäten Dortmund und Knoxville, Tennessee in den USA unter anderem Journalistik. Er ist freier Finanzjournalist mit den Schwerpunkten Energie, Edelmetalle, Geldsystem und Geopolitik. Er veröffentlicht u. a. auf ASIA TIMES ONLINE. Darüber hinaus arbeitet er als Übersetzer von Finanz- und Wirtschaftstexten.

Original-Veröffentlichung: Plumbing the Depths of NSA’s Spying auf Consortiumnews.com

Bild- und Grafikquellen:

  1. Beitragsbild: “Analyse” – http://pixabay.com/de
  2. “William Binney” – Wikipedia – CC Lizenz

Politik im Netz: Wie wir alle zu „Schmuddelkindern“ (gemacht) werden können

Anm.d.Red.: Wir danken Jörg Wellbrock alias Tom W. Wolf  für diese ehrlichen und mutigen Worte. Wir wünschen uns, dass jeder mal über diesen Artikel gebührend nachdenkt!

Von Jörg Wellbrock alias Tom W. Wolf

Wer sind sie, die politischen „Schmuddelkinder“ im Netz? Wie erkennt man sie? Und machen wir es uns vielleicht zu einfach, wenn wir sie voreilig beim Namen nennen? Ich bin in den letzten Monaten ins Grübeln gekommen. Und zu neuen Erkenntnissen.

Ich habe Fehler gemacht. Immer schon. Mein Leben lang. Erfreulicherweise konnte ich einige im Vorfeld verhindern, andere musste ich erst machen, bevor ich zur Einsicht kam, sie begangen zu haben. Etwas Besonderes bin ich dadurch nicht. Jeder macht Fehler, (fast) jeder ist in der Lage, sie zu erkennen und es dann besser zu machen. Wenn schon nicht gestern oder heute, dann doch wenigstens morgen und übermorgen.

Einfluss nehmen können wir naturgemäß nur auf die Gegenwart und die Zukunft. Für das Netz aber gilt: Was war, ist, daran kann man nichts ändern. Denn schnell wird man eingeholt durch eine Vergangenheit, von der man im schlimmsten Fall nicht einmal viel weiß. Und plötzlich wird sie zur Gegenwart, selbst wenn es sich um Dinge handelt, die lange her sind und die heute womöglich gar nicht mehr zutreffen oder die wir mit dem heutigen Wissen anders beurteilen. Wir müssen damit vorsichtig sein, denn ein kurzer Blick in die Suchmaschine unserer Wahl verschafft uns zwar Informationen in Sekundenbruchteilen. Eine vernünftige oder gar differenzierte Bewertung nimmt sie aber nicht vor.

Was einmal war, wird immer sein

Auch wenn Google-Einträge inzwischen gelöscht werden können (was einen gewissen Aufwand darstellt, aber lohnenswert sein kann), die Suchmaschine ist nicht alles im Netz. Wenn wir auf Foren oder Plattformen agieren, Bücher in Verlagen anbieten oder Artikel von uns woanders publiziert werden, ist es nicht leicht, das rückgängig zu machen. Gleiches gilt für Videos, Interviews, Gespräche, die auf YouTube zu finden sind. Handelt es sich dabei nicht um unseren eigenen Kanal, ist die Handlungsvielfalt übersichtlich, wir sind auf Kooperation angewiesen. Weigert sich beispielsweise der Inhaber eines Youtube-Kanals, ein Video, in dem wir vorkommen, zu löschen, sind wir weitgehend machtlos, es sei denn, wir bestreiten den juristischen Weg, der jedoch auch keine Garantie auf Erfolg bietet.

Gefahren lauern für uns nicht nur durch die eigenen Fehler, die wir einmal gemacht haben. Auch die Fehler anderer können auf uns zurückfallen. Wobei schon der Begriff „Fehler“ nicht recht passen mag, denn nicht selten gelangen wir durch Unwissenheit oder Naivität in Verbindung mit Seiten, Bewegungen oder Verlagen, denen wir im Grunde thematisch nicht nur nicht nahestehen, sondern von denen wir uns inhaltlich möglichst weit entfernen wollen. Doch ist das Kind erst einmal in den Brunnen gefallen, wird es schwer, es dort wieder heraus zu holen.

Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Oder?

Wir wollen uns informieren. Aber wir wollen dabei andere Pfade einschlagen als die Wege, die uns die Mainstream-Medien vorgeben. Denn die sind uns – völlig nachvollziehbar – suspekt. Daher suchen wir im Netz nach Informationen. Und fündig werden wir eigentlich immer. Doch bieten uns Google, Wikipedia und die sozialen Medien konkrete Hilfe bei der Wahrheitsfindung? Eher nicht oder nur eingeschränkt, denn sie liefern uns allenfalls Anhaltspunkte, an denen wir uns orientieren können. Nur weil etwas im Netz zu finden ist, bedeutet es noch lange nicht, dass es wahr ist oder umfassend genug, um den Anspruch auf Vollständigkeit erheben zu können. Dennoch neigen wir seltsamerweise dazu, bestimmte Quellen reflexartig als seriös einzuordnen.

Ein Beispiel:

Diether Dehm hat Wolf Biermann ausspioniert. Oder doch nicht?

Erika Steinbach von der CDU war schon 1990 der Meinung, Dehm sei ein Stasi-Mitarbeiter gewesen, der unter dem Namen „IM Willy“ den Liedermacher überwacht haben soll. Biermann selbst bestätigte Steinbachs Aussage durch eine eidesstattliche Erklärung. Dehm habe Biermann diesen Umstand am 29. Mai 1988 gestanden. In einem Vier-Augen-Gespräch.

Nachzulesen ist das auf Wikipedia. Also muss es stimmen. Oder doch nicht?

Diether Dehm selbst unternahm unzählige Versuche, den Eintrag im Online-Lexikon zu korrigieren. Doch Tage, manchmal sogar nur Stunden später war seine Korrektur verschwunden. Was bleibt, ist die Aussage einer Politikerin, die Diether Dehm gegenüber ganz sicher nicht wohlgesonnen ist und es nie war. Und die eines Liedermachers, der zuletzt durch einen kunstvoll durchgeknallten Auftritt im Bundestag auffiel.

Bleibt eine Frage offen: Was stimmt denn nun?

Beim Kinder-Quiz „1 – 2 – oder 3“ heißt es in einem solchen Fall von Unklarheit: „Ob Ihr recht habt oder nicht, sagt Euch gleich das Licht.

Bei Diether Dehm ist die Sache umständlicher. Er steht als Stasi-Mitarbeiter da. Und in einem schlechten Licht. Und das, obwohl eigentlich nur Aussage gegen Aussage steht. Der Makel haftet an Dehm, nicht an Steinbach oder Biermann, selbst wenn die die Unwahrheit sagen sollten.

Ein weiteres Beispiel:

Lars Schall wird – durchaus mit Recht – die Zusammenarbeit mit dem Schild-Verlag vorgeworfen. Als es zu der kam, war wahrscheinlich eine gewisse Naivität auf der Seite Lars Schalls im Spiel, über die er selbst sich heute noch ärgert. Michael Vogt (vom Schild-Verlag) hatte Schall schon damals als eher „schräg“ wahrgenommen, wie schräg, wurde ihm allerdings erst klar, als die Zusammenarbeit längst Geschichte war. Die Wege der beiden trennten sich zuvor alles andere als einvernehmlich und das während dieser Zeit entstandene Interviewmaterial mit Finanzanalysten wie Ambrose Evans-Pritchard, Nomi Prins, Jim Sinclair, Eric Sprott, James Rickards (immerhin rund 25 Stunden Gesamtlänge) wurde nie gesendet (was Lars Schall als vielleicht einzigen Glücksfall in dieser unsäglichen Geschichte bezeichnet, obwohl er gleichzeitig um das viele Material trauert, das für ein breites Publikum höchst interessant gewesen wäre).

Seine Vergangenheit hat Lars Schall wieder eingeholt, als er ein Interview über die Historie und die Bedeutung der „Fed“ gab. Das Gespräch (mit mir) dauerte 62 Minuten, aber bereits 20 Minuten nach der Veröffentlichung (die übliche Länge für eine Google-Recherche der ersten drei Seiten) war er als vermeintlicher Verschwörungstheoretiker, Gold-Lobbyist und Neurechter „entlarvt“ worden.

Hilfreich könnte theoretisch die zusätzliche Information sein, dass Lars Schall mit einer Halb-Türkin zusammen ist, leidenschaftlich dem Jazz frönt (er hat eine Plattensammlung, die jedem John Coltrane-Fan zur Ehre gereicht) und seit seiner Jugend Konstantin Wecker schätzt. Wobei das irgendwie doch wieder keine Begründung dafür sein kann, dass Lars Schall nicht in die Ecke gehört, in die er nun gestellt wird, weil Wecker inzwischen auch eine „verdächtige“ Person geworden ist.

Daher hier also das letzte Beispiel:

Konstantin Wecker ist seit Jahrzehnten ein Linker. Einer, der Höhen und Tiefen durchlebt hat. Einer, der Fehler gemacht hat und gleichsam gerade deshalb authentisch war. Eigentlich ist er das noch immer, am Menschen und Künstler Wecker hat sich nichts geändert (sieht man einmal von den Veränderungen ab, die einen Konstantin Wecker immer schon ausgezeichnet haben).

Konstantin Wecker ist ein Linker? Nein, inzwischen nicht mehr. So sieht es jedenfalls eine ziemlich große Gemeinde im Netz. Für sie hat sich Wecker selbst demontiert, als er sich zu den Mahnwachen geäußert hat, die für zahlreiche Debatten gesorgt haben. Man könnte meinen, Wecker hat alles richtig gemacht und ein ausgewogenes Verhältnis zu den viel kritisierten Montagsdemos gefunden. Er hat nämlich nicht an den Mahnwachen teilgenommen, weil ihm zahlreiche Teilnehmer suspekt erschienen. Er hat sich aber auch nicht an der Dämonisierung der Bewegung beteiligt, weil ihm andere Teilnehmer sympathisch waren. Statt dessen hat er ein Statement verfasst, das im wesentlichen die Kernaussage hatte, Wecker war, ist und bleibt ein Anti-Faschist und ein Pazifist.

Genutzt hat es wenig, für die Mahnwachen-Kritiker gehört Wecker ins Reich der Neurechten und Verschwörungstheoretiker. Die Mahnwachen-Teilnehmer fühlen sich von ihm ausgegrenzt und missverstanden.

Der Feind an meinem Brett: Die Deutschen Wirtschafts Nachrichten

Eine Statusmeldung an der Pinwand eines User auf Facebook:

An meine Facebook-Freunde!
Wer die Deutschen Wirtschafts Nachrichten (DWN) geliked hat, fliegt unverzüglich aus meinem Netzwerk. Ich warte noch 30 Minuten, dann check ich das und entferne jeden, die bis dahin nicht reagiert hat“

Klare Worte. Da hat sich einer positioniert. Und sich offenbar mit den DWN befasst. Das ist löblich, denn die Website ist durchaus eine kritische Beschäftigung mit ihr wert. Alleine die Radikalität, mit der der Facebook-User hier auftritt, verwundert. Da wird nicht erklärt, warum er die DWN kritisiert. Da wird auch kein Angebot gemacht, damit sich der Freundeskreis konstruktiv mit der Website auseinandersetzen kann. Die FB-Kontakte des Users werden vor vollendete Tatsachen gestellt und schlicht aufgefordert: Friss oder stirb!

Warum ist das so?

Zum einen wohl, weil es die weit verbreitete Meinung gibt, dass jeder, der online unterwegs ist, in der Lage sein muss, sich über eine Website zu informieren. Da ist etwas dran, keine Frage. Aber während Person A als Informationsquelle die Seite X benutzt, landet Person B bei seiner Suche vielleicht auf Seite Y, die etwas ganz anderes vertritt als Seite X. Beide Quellen wirken seriös und scheinen keinen manipulativen Anstrich zu haben, kommen aber zu unterschiedlichen Schlüssen.

Es ist nicht so einfach, sich ein umfassendes und seriöses Bild über eine Website wie der namens DWN zu machen. Alleine die Google-Suche ist verwirrend. Gibt man „Deutsche Wirtschafts Nachrichten“ in die Suchmaschine ein, werden automatisiert gleich zahlreiche Zusätze für die Suche angeboten, zum Beispiel „Deutsche Wirtschafts Nachrichten Wikipedia“ oder „ … app“, „ …saatgut“, „ … unseriös“ und „ … glaubwürdig“. Je nachdem, für welche Suche man sich entscheidet, gelangt man also zu entsprechenden Seiten, auf denen man mehr nachlesen kann. Wie eingefärbt das ist, merkt man nicht immer, manchmal ist es nahezu unmöglich, sich ein vernünftiges Bild zu machen. Unter der Überschrift „Nischenmedien punkten mit Euro-Angst“ kann man beispielsweise auf dem ZDF-Blog nachlesen, was die DWN so machen und wie sie ihre Leserzahl steigern. Für mehr reicht die Lektüre aber nicht. Auf anderen Websites wird man Worte des Lobes für die DWN finden oder vernichtende Urteile.

Die Freunde unseres oben zitierten Facebook-Users werden also entweder eine umfangreiche Recherche durchführen müssen, die nicht zwingend die gleichen Ergebnisse liefert wie das von ihnen erwartet wird. Oder sie richten sich nach ihren Kontakt, der schon wissen wird, worüber er schreibt. Im Dunkeln bleibt dabei, wie sich der Statusmeldungsschreiber seine Meinung gebildet hat. Insgesamt also eine eher vage Form der Meinungsbildung.

Gute Websites, böse Websites

Fingerzeig_Zeigefinger_Verantwortung_Schuldzuweisung_by_Lupo_pixelio.de_Es versteht sich von selbst, dass jemand, der „die Linke“ wählt, auf Facebook der Seite der NPD kein Like spendiert. Umgekehrt ist das selbstredend ebenso. Derlei klare Abgrenzungen sind allerdings nicht immer so leicht wie in diesem Fall. Es gibt Seiten, die auf den ersten Blick nicht richtig eingeordnet werden können, manchmal auch nicht auf den zweiten. Und es gibt Seiten, die der eigene Meinung zu einem Thema nicht entsprechen, zu einem anderen aber schon. Wer als Leser nicht sicher ist, wie er mit einer Website umgehen soll, ist gut beraten, einfach still für sich darüber nachzudenken oder sich mit guten Freunden auszutauschen. Die Netzgemeinde verzeiht vermeintlich „falsche“ Sympathien in aller Regel nicht und geht mit den Betroffenen nicht selten hart ins Gericht. Aber wer sich unauffällig verhält, ist auf der sicheren Seite (das mag traurig klingen, ist aber leider so).

Problematischer wird es, wenn man selbst etwas publiziert, wenn man schreibt, Interviews gibt oder selbst welche führt. Es gibt mehr als eine Tendenz, die besagt, dass man vor einem Interview nicht nur darüber nachdenken muss, ob der oder die Gesprächspartner/in kompetent ist und sich zum Thema äußern kann. Man muss darüber hinaus ausgiebig googeln, um sicherzustellen, dass sich der Interviewpartner nicht mit „Schmuddelkindern“ verbrüdert hat oder auch nur Kontakt mit ihnen hatte. Was man im Netz findet, hat dann allgemeine Gültigkeit, selbst wenn es sich um Fundstücke handelt, die schon sehr alt sind und über deren Zustandekommen man nichts oder nur sehr wenig weiß. In der Konsequenz bedeutet dies, das bestimmte Gesprächspartner – will man konsequent themenfremde Kritik vermeiden – nicht befragt werden dürfen. Weil sie – in welcher Form auch immer – mit „bösen“ Websites assoziiert werden.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Es gibt Gesprächspartner, die man nicht einmal mit einer Kneifzange anfassen sollte, geschweige denn ihnen eine Plattform zu bieten, auf der sie ihre Meinung oder Thesen kundtun können. Es gibt aber andere, für die das nicht gilt, und es wird immer schwieriger, diese zu befragen, ohne dass ein Höllenfeuer über die Beteiligten hereinbricht. Wohlgemerkt eines, das mit dem eigentlichen Thema nichts zu tun hat. Und eines, das womöglich dem Kritisierten nicht gerecht wird.

Ein bisschen Frieden

Aktuell formiert sich eine Bewegung mit dem Namen „Friedenswinter 2014/2015“, die auf die Grausamkeiten des Krieges hinweist und tendenziöse Berichterstattung der Medien erkennen will. Die Bewegung kritisiert Konfrontation und Gewalt und fordert einen friedlichen Umgang miteinander sowie weltweite Abrüstung.

Eigentlich, so sollte man meinen, ist der „Friedenswinter 2014/2015“ somit eine Sache, die man nur bekräfigen kann. Unterstützer wie Sahra Wagenknecht, Reinhard Mey oder Peter Sodann scheinen (bei den meisten Leuten) ebenso unverdächtig wie Organisationen wie die Linkspartei, Attac und ver.di. Brisant wird es, wenn die Namen Lars Mährholz, Ken Jebsen und der eigentlich nicht sehr bekannte Mahnwachen-Redner Peter Juriens (um nur ein Beispiel zu nennen) auftauchen. Das ruft dann nämlich unzählige Kritiker auf den Plan, die unter diesen Umständen keinesfalls an einer Friedens-Demo teilnehmen würden, und sei sie noch so wichtig und richtig. Wo Mährholz oder Jebsen dabei sind, können nur Antisemiten und Verschwörungstheoretiker am Werk sein. Punkt. Aus. Ende.

Die Tatsache, dass rund 50 Organisationen und weit über 100 Einzelpersonen den Aufruf unterzeichnet haben, nehmen all jene, die bereits die eigentliche verwerfliche Motivation der Veranstaltung ausgemacht haben wollen, bestenfalls zur Kenntnis, mehr aber auch nicht. Anders herum wird ein Schuh draus, jeder, der sich ebenfalls beteiligen will, der mit demonstrieren möchte oder für den „Friedenswinter 2014/2015“ wirbt, wird als Feind entlarvt, der offenbar ebenfalls ein potenzieller Faschist und Verschwörungstheoretiker sein muss.

Das war schon immer so …

Sätze, die mit „Das war schon immer so …“ beginnen, enden meist mit platten, rückwärtsgewandten Plattitüden. Trotzdem beginne ich diesen Abschnitt mit diesem Satz. Ich meine damit „Schmuddelkinder“, Spinner, Verschwörungstheoretiker, Nazis, Konservative, aber auch Träumer, Esoteriker oder Einsiedler. Sie haben sich immer schon unters Volk der Demonstrierenden gemischt. Die Friedensbewegung in den 1980er Jahren hätte sicher nicht die Massen mobilisieren können, die mobilisiert werden konnten, wenn zunächst eine genaue Selektion derer stattgefunden hätte, die daran teilnehmen durften oder ausgeschlossen wurden. Im Herbst 1983 brachte die Bundestagsdebatte zur Stationierung von US-Raketen in Deutschland ein knappe Million Menschen auf die Straße, die sich – verteilt auf vier Städte – lautstark gegen die Aufrüstung aussprachen. Im Laufe der Jahre nahm die Friedensbewegung weiter Fahrt auf und es ist nicht die pure Verklärung, wenn man sagt, dass es Verdienst dieser Bewegung war, die Zahl der Atomwaffen nach und nach immer weiter zu reduzieren und nach langen Jahren der Proteste und der Demonstrationen im Jahr 1996 ein Atomwaffentest-Stopp-Vertrag erwirken zu können.

Wir sind von Kundgebungen mit einer Million Menschen Lichtjahre entfernt. Doch wir entfernen uns auch von einer weitaus bescheideneren Anzahl von Demonstrationen, wenn wir unser Augenmerk ausschließlich darauf richten, wer in den erlauchten Kreis der tapferen Kämpfer aufgenommen wird und wer nicht. Dabei geht es nicht um Toleranz von Faschisten oder anderen radikalen Kräften, die gänzlich andere Ziele als den Frieden verfolgen. Eine solche Toleranz kann und darf es nicht geben. Derzeit allerdings wirkt es so, als müssten Teilnehmer einer Friedensdemonstration zunächst einmal einen umfassenden Lebenslauf vorlegen, um glaubhaft machen zu können, dass sie es ernst meinen und wirklich für den Frieden sind. Es scheint nicht um den kleinsten gemeinsamen Nennen zu gehen, sondern um den größten. So wird jede Bewegung mit Potenzial im Keime erstickt. All jene, die sich 1983 unter die friedlichen Demonstranten gemischt haben, wurden früher oder später erkannt und ausgegrenzt. Oder sie blieben unerkannt und liefen mit. Auf die Sache und auf das, was erreicht wurde, konnte das keinen wesentlichen Einfluss nehmen.

Vom Kritiker zum Heiligen?

Nun werden aufmerksame Leser einwenden: „Ach, der hat gut Reden! Als die Mahnwachen anfingen, war er doch einer der Ersten, der sich die Initiatoren und Teilnehmer angesehen hat und sofort kritisches Zeug über die schrieb. Und jetzt ist er geläutert, oder was?

Geläutert trifft es zwar nicht ganz, aber ich habe meine Haltung in den letzten Monaten überdacht. Nach wie vor bin ich bestimmten Personen oder Websites gegenüber kritisch. Ich versuche aber, die Ausschnitte, die ich betrachte, zu vergrößern (und mehr als Ausschnitte kann niemand sehen, dazu ist die Welt zu schnelllebig und zu komplex geworden). Gewissermaßen habe ich den Versuch unternommen, mich den Themen, die derzeit viele Menschen beschäftigen, aus einer größeren Distanz zu nähern, um ein kompletteres Bild zu erhalten, ohne den Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben.

Geläutert bin ich also nicht, ich werde (natürlich) weiterhin meine Meinung äußern in dem Wissen, dass ich damit anecke und meine Widersacher im Netz provoziere, die dann ihrerseits mich provozieren. So ist das eben, und das ist auch in Ordnung so. Auch dieser Artikel wird dafür sorgen, dass einiges über mich hereinbricht, davon gehe ich aus.

Ich bin dann (teilweise) mal weg

Ich habe Fehler gemacht. Immer schon. Mein Leben lang.

So begann dieser Text. Es passt gut, dass er auch so endet. Einer der Fehler, die ich gemacht habe, war das Kommentieren nach von mir publizierten Artikeln. Sei es hier, beim Spiegelfechter, sei es auf Facebook, auf Google+ und wo ich sonst noch kommentiert habe. Oft waren es meine Kommentare selbst, die ich rückblickend als Fehler betrachten muss. Wenn ich mich in die Ecke gedrängt gefühlt habe, schoss ich zurück, mit Kommentaren, die teils unsachlich, teils (zu) emotional, teil unfair und teils (ja, auch das!) völlig gerechtfertigt waren. Jeder hat wohl einen Knopf, den andere nicht drücken sollten, weil man dann an einem wunden Punkt getroffen wird. Aber selbstverständlich wird gerade deshalb dieser Knopf von Leuten gedrückt, die sich davon etwas erhoffen. Eine unangemessene Reaktion, vielleicht eine Behauptung, die nicht belegbar ist oder einfach einen Gefühlsausbruch, den man später bereut.

Das ist aber gar nicht der Punkt. Was ich kritisiere, ist das mehr oder weniger wahllose „Knipsen“ von Kommentaren, um sie dann gegen jemanden zu verwenden. Diese Unart der Screenshots hat (meiner Wahrnehmung nach) in der letzten Zeit arg zugenommen. Das Problem daran: Wenn unter einem Artikel 100 oder 200 oder noch mehr Kommentare zu finden sind, aber nur einer oder zwei als Screenshot verwendet werden, um die Argumentation von wem auch auch immer zu entkräften oder den Kommentator bloßzustellen, entsteht ein Bild, das der Sache nicht gerecht wird. Für die Leser ist es nicht schwer, einen Artikel zu lesen und sich ein Bild zu machen, nachdem sie den ganzen Text gelesen haben. Der Screenshot eines Kommentars dagegen ist schwerer nachzuvollziehen und womöglich nur mit Mühe im Original wiederzufinden. So entstehen scheinbare Aussagen, die unter Umständen völlig aus dem Zusammenhang gerissen dargestellt werden. Vermutlich kennen das Leser dieses Artikels auch.

Für mich habe ich daraus eine Konsequenz gezogen. Ich werde künftig nicht mehr kommentieren. Das mag man als Feigheit interpretieren. Vielleicht auch als Bequemlichkeit. Andere vermuten womöglich sogar Arroganz dahinter. Doch darum geht es mir nicht. Ich möchte kritisiert werden, auf konstruktive, von mir aus auch auf destruktive Art. aber ich möchte nicht (mehr), dass das geschieht, in dem kleine Schnipsel von mir abgelichtet und dann aus dem Zusammenhang gerissen dargestellt werden. Also kommentiere ich nicht mehr (auch wenn es schwer fällt, da bin ich sicher).

Und was ist jetzt mit den „Schmuddelkindern“?

Gute Frage, die wohl eher lauten müsste: Wer sind eigentlich die Schmuddelkinder?

Es ist klar, dass wir in einem Zeitalter leben, in dem man Informationen in Sekundenschnelle einholen kann. Es ist klar, dass niemand davor gefeit ist, sich irgendwie, irgendwann, irgendwo mit den falschen Leuten einzulassen. Und es ist ebenso eindeutig, dass all das heute bis auf den i-Punkt dokumentiert wird.

Letztlich ist das auch gut so.

Allerdings werden Beurteilungen zu früh und zu schnell abgegeben und oft, ohne sich mit einem Thema oder einem Menschen weiterführend zu beschäftigen. Nicht alles, was wir bei Google oder auf Wikipedia finden, ist in Stein gemeißelt, auch wenn es den Eindruck macht. Und nicht jeder Mensch, der auf den ersten Blick eine bestimmte politische Richtung vorzugeben scheint, ist tatsächlich dieser Mensch, als der er erscheint. Mein frommer Wunsch ist letztlich, dass wir ein wenig vorsichtiger miteinander umgehen, nicht sofort eine Keule aus der Tasche ziehen, wenn bestimmte Alarmglocken erklingen.

Manchmal prügeln wir im Netz auf die ein, die selbst nicht fassen können, wie sie zu etwas gemacht werden, das sie gar nicht sind. Und manchmal verlieren wir dabei die aus den Augen, die genau davon profitieren.

P.S. Allen interessierten Lesern sei noch zugerufen, dass ich mit der Beendigung dieses Artikels eine kleinen Schaffenspause einlege. Lediglich ein Podcast, der bereits länger in Planung war, wird diese Woche noch realisiert. Danach gehe ich in die Phase der Besinnung.


Textquelle: http://www.spiegelfechter.com zum Artikel

Bild- und Grafikquellen:

  1.  Beitragsbild: “Schlammschlacht” – Janusz Klosowski  / pixelio.de
  2. “Ein kleiner Weg in die Freiheit” – sokaeiko  / pixelio.de
  3. “Schuldzuweisung” – Lupo / pixelio.de

Spurenleser Web 2.0: Kein guter Journalismus ohne Werbung und Tracking?

von Andreas Müller-Alwart

Die Verlage, Zeitungen und Zeitschriften werden nicht müde, in ihren Onlineauftritten vor den bösen großen „Datenfressern“ im Internet zu warnen, die jeden unserer Schritte aufsaugen, notieren und weitersagen, wo wir wann waren und was wir da gemacht haben. Woher wir kamen und wohin wir dann anschließend gingen. Dabei wird allen voran das Unternehmen Google verteufelt, das mit zahlreichen Tools und Algorithmen unglaublich viel über seine Nutzer weiß. Doch sind die Verlage die heiligen Kühe des Internet? Und ist Qualitätsjournalismus ohne diese modernen Trackingmethoden nicht mehr realisierbar?

Nicht nur die Suchmaschine Google, sondern zahlreiche mit Google verbundene oder in Google eingebundene Unternehmen wie z. B. YouTube oder Googlemail, liefern dem Unternehmen eine faszinierende Möglichkeit, aus dem Datentopf, dem sogenannten Big Data, zu schöpfen.


Abschließende Cookie-Richtlinie lässt auf sich warten

Während der Gesetzgeber immer noch an der Optimierung einer Cookie-Richtlinie herumschraubt, überholen ihn links und rechts neue Techniken, mit denen das Surfverhalten der User mitgeschrieben – neudeutsch: getrackt – und als Big Data gespeichert wird. Dabei haben viele Internetuser inzwischen gelernt, das Cookies kleine Codezeilen sind, die sie im Browser löschen können. Viele User wissen auch, dass sie in den Browsereinstellungen Cookies ablehnen können. Manche Websites funktionieren ohne Cookies jedoch dann nicht mehr reibungslos. Die Betreiber der Websites wurden jetzt dazu verpflichtet, anzuzeigen, wenn sie Cookies auf der Website nutzen. Bei YouTube erscheint dann eine Informationszeile, die darauf hinweist, man verwendet Cookies zur Optimierung. Diese Infozeile kann der User wegklicken. Will er Cookies ausschalten, ist er auch weiterhin darauf angewiesen, in die Browsereinstellungen einzugreifen.

Fingerabdruck des Rechners als User-Identifizierung

Fingerabdruck - Download WebWie erwähnt: Während immer mehr User sich anschicken, diese Zusammenhänge zu begreifen und routiniert den Zwischenspeicher ihres Browsers samt Cookies löschen, sind die Pioniere des Trackings längst mit einer neuen, viel filigraneren Methode des Trackings unterwegs. Sinnigerweise nennt sich die Methode Fingerprinting (Canvas Fingerprinting), also Fingerabdruck. Nicht erschrecken: Es ist nicht so, dass dabei Ihre Fingerabdrücke auf der Tastatur erkannt werden, sondern Canvas Fingerprinting ist eigentlich „ein Sammelbegriff für mehrere User-Tracking-Methoden, um Online-Benutzer ohne Verwendung von Cookies eindeutig identifizieren zu können. Sobald die Identifizierung möglich ist, kann beispielsweise das Internetnutzungsverhalten beobachtet und analysiert werden. Canvas Fingerprinting kann mit Standardeinstellungen des Browsers nur schwer verhindert werden (Stand: Juli 2014) und wird als nichtlöschbarer Cookie-Nachfolger betrachtet.“ (Wikipedia, 18.09.2014).

Funktionsweise Canvas Fingerprinting (lt. Wikipedia) 
Beim Canvas Fingerprinting wird der Effekt ausgenutzt, dass bei Canvas-Elementen die Darstellung von Text je nach Betriebssystem, Browser, Grafikkarte, Grafiktreiber und installierten Fonts variiert. Um beim Seitenbesucher einen spezifischen Fingerabdruck zum Zeitpunkt des Seitenaufrufs zu erstellen, wird dem Browser ein versteckter Text zur Anzeige übergeben. Durch die einzigartige Darstellung kann ab diesem Zeitpunkt der Benutzer mit hoher Wahrscheinlichkeit wiedererkannt und damit auch sein Surfverhalten beobachtet werden. In einer Studie der Electronic Frontier Foundation konnte nachgewiesen werden, dass im Rahmen der Studie eine Eindeutigkeit von 83,6 % gegeben ist. Problematisch ist aber die Veränderung des Fingerabdruckes über einen Zeitraum hinweg, da der Fingerabdruck des Browsers sich verändert wenn beispielsweise eine neue Schrift im Browser aktiviert wird.

Wenn die Verlage gegen Google & Co wettern und sie für ihre Algorithmen und Datensammelwut kritisieren, so ist dies Heuchelei: Die Verlage und Werbeindustrie bekommen alles mit: Wer, wann wo surft, wie lange die Leser bleiben und worauf sie klicken.

Verlage integrieren Tools ohne vollständige Kenntnis ihrer Funktionsweise

Bis zu 40 Trackingtools haben sie als Programmschnipsel auf ihren Webseiten integriert wie Experten wie Stefan Wehrmeyer von der Open Knowledge Foundation herausgefunden haben. Das Laden dieser Programmteile erfolgt im Hintergrund und bleibt dem gewöhnlichen Internetuser verborgen, so wie einst auch die Cookies ohne besondere Meldung im Hintergrund geladen wurden. Und wozu verwenden die Verlage diese Tools? Letztlich um herauszufinden, was ihre Leser interessiert, auf welche Seiten sie klicken, wie lange sie dort verweilen und wohin sie anschließend abwandern. Es klingt sehr kundenfreundlich, wenn man den Lesern ein zielgerichtetes Angebot anbieten möchte. Die Verlage ersparen sich auf diese Weise die Umfragen, die früher zeitweise von der Chefredaktion an die Leser versandt wurden: Was lesen Sie? Was mögen Sie besonders? Was mögen Sie nicht so sehr? Diese und viele andere Fragen müssen jetzt gar nicht mehr explizit gestellt werden, weil der User die Antworten durch sein Leseverhalten auf diesen Websites praktisch im Vorübergehen übermittelt.

Blendwerk „Zielgerichtete Content-Anzeige“

Sklaven des InternetsDen Verlagen geht es aber nicht nur um die Verbesserung der Nachrichtenangebote, sondern natürlich auch um die zielgerichtete und zielgruppenoptimierte Positionierung von Werbeanzeigen. Die integrierten Tools beantworten nicht nur die Frage, ob ein bestimmtes Thema eher morgens oder abends, ob es eher als Bildreportage oder Glosse Beachtung findet, sondern eben auch, ob die Leser eines bestimmten Beitrages für dieses oder jenes Werbeangebot besonders aufgeschlossen sind. Die Benutzer der Google-Dienste als „Sklaven des Internets“ darzustellen und gleichsam selbst das Einsammeln der Daten zu betreiben, ist pure Augenwischerei. Und dabei gibt es noch einen gravierenden Unterschied zu Google. Google weiß selbst immerhin, welche Daten zu welchem Zweck analysiert werden. Die Verlage selbst haben oft Tools integriert, die ihnen bestimmte Daten liefern, gleichzeitig aber eine Vielzahl weiterer Daten an Google – suprise! surprise! – und die Anbieter der Trackingsoftware liefern. Dabei haben die Verlage oftmals weder die Kenntnis und schon gar nicht die Kontrolle darüber, was mit diesen eingesammelten Daten in der Folge noch passiert. Welche Firmen im Detail hinter den integrierten Tools stecken und was diese genau tun, ist oft hausintern gar nicht bekannt. Das führt zu diesem Paradoxon: „Die Werbetracker können herausfinden, wo der Leser war, selbst wenn die Verlage dies nicht wissen“, erklärt Stefan Wehrmeyer von der Open Knowledge Foundation.

Datenschutzerklärung als Schutzbehauptung

Dabei bewegen sich all diejenigen, die dieses Fingerprinting einsetzen, in einer Grauzone: Das Einsammeln von Daten ohne konkrete Angaben über die Verwendung und die Art der Speicherung verstößt gegen das Datenschutzgesetz. Gegenargument der Verlage: Es gäbe ja eine Datenschutzerklärung auf den Websites und die User würden diese mit der Nutzung der Website ja anerkennen. Auch die Trackingfirmen, mit denen auf der Website zusammengearbeitet wird, würden in der Erklärung aufgelistet. Natürlich stellt sich die Frage: Wer findet diese Erklärung? Wer liest sie durch? Wer versteht diese Erklärung? Und – last but not least – erwarten die Verlage nicht ein wenig viel von ihren Lesern, wenn sie selbst nicht genau sagen können, was mit den einzelnen von diesen integrierten Tools getrackten Daten alles passiert?

Alternative Seiten für die werbe-/trackingfreie Lektüre

Leser, die das alles nicht zufriedenstellt, können ausweichen auf Websites, bei denen sie sich von der Werbung und vor allem vom Tracking freikaufen können. Bei golem.de beispielsweise kann man sich ab 2,50 Euro/Monat von Werbung freikaufen – die komplette Werbefreiheit ist allerdings teurer. Und ob dies das richtige Prinzip ist, darf man hinterfragen. Es wäre etwa so, als würde man an die Deutsche Post jeden Monat 2,50 Euro überweisen, um dafür dann keine Postwurfsendungen mehr zu bekommen. Stefan Plöchinger, Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, zeigt sich in einem Interview mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen jüngst ganz gelassen: Anzeigen seien immer ein geeignetes Mittel für die Finanzierung von Journalismus. Er sehe deswegen keinen Sinn darin, wenn durch Gegenmaßnahmen das Anzeigengeschäft beschädigt werde. Dies mag für Printanzeigen gelten, gilt aber sicherlich nicht für Tracking. Wer in einer Tageszeitung eine Anzeige liest, der hinterlässt keine Spur darüber, ob er sie komplett gelesen hat, woher er kam, wie lange er sie las und wohin er anschließend mit dem Auge weitergewandert ist. Im Übrigen ist noch lange nicht das letzte Wort darüber gesprochen, ob qualitativ hochwertiger Journalismus sich nur durch Anzeigengeschäft aufrechterhalten lässt. Die „Finanztest“ – das Anlageschutzmagazin der Stiftung Warentest – betont immer wieder, dass sich das Magazin aus den Abonnementgebühren allein trage. Weder müsse die Stiftung Geld hinzuschießen, noch sei die redaktionelle Tätigkeit durch staatliche Subventionierung eingefärbt.

„Vermutlich überlebenswichtig“

Die Chefredaktion der „Süddeutsche Zeitung“ hält es auch für geradezu essenziell („vermutlich überlebenswichtig“ Plöchinger) Nutzercluster erstellen zu können, wobei sie dies vor allem mit dem Nachrichtenangebot begründet. Die zugrunde liegende Methode ist in keiner Weise neu: Auch Rundfunkanstalten haben analysiert und wissen ganz genau, was die „Hausfrau“ morgen hören und erfahren möchte, welche Werbung am besten geschaltet werden muss und ab welcher Uhrzeit die Werbung für das Feierabendbier sinnvoll ist. Natürlich dann, wenn der Ehemann nach Feierabend auf dem Weg zum Supermarkt ist, um eigentlich nur noch eine Tüte Milch und eine Packung Windeln zu besorgen. Dennoch: Der Unterschied ist gravierend. Im einen Fall haben wir es mit Erfahrungswerten von Zielgruppen zu tun, im anderen Fall werden die Spuren jedes einzelnen Nutzers mitverfolgt und dann in Cluster integriert – in Echtzeit und jederzeit ist eine neue Clusterbildung zu einem anderen Zweck denkbar.

Qualitätsjournalismus braucht Nutzercluster und Tracking?

Es mag sein, dass Onlinejournalismus (derzeit) nur funktioniert, wenn die Verlage die richtige Mischung aus Werbung und Bezahlschranke herstellen. Es kann aber gut sein, dass sich solche Projekte wie Krautreporter etablieren oder das Bezahlsystem laterpay. Bei Krautreporter bietet ein Pool professionell arbeitender Qualitätsjournalisten in einem transparenten Prozess verschiedene journalistische Genres zu einem Monatsabonnementpreis an – gewissermaßen nach dem Motto: All you can read. Bei laterpay ist das Konzept noch nutzerfreundlicher. Der Leser bezahlt erst nach dem Lesen und die Bezahlung ist somit auch ein Zeugnis dafür, ob ihm der Beitrag gefallen hat. Wer allerdings bei laterpay nur liest und nie bezahlt, wird nach einer Toleranzzeit als Schmarotzer identifiziert und gesperrt. Welche Tools Krautreporter oder laterpay einsetzen, um die Usergewohnheiten zu erkennen und ihre Inhalte zu optimieren, wäre zu prüfen. Denn laterpay und Krautreporter sind vor allem eines: Werbefrei – was nicht gleichbedeutend mit trackingfrei sein muss.

Was also kann der gewöhnliche User tun, um sich gegen Canvas Fingerprinting zu wehren?

Zum einen gibt es eine Übersichtsseite (siehe Linksammlung), auf der alle Websites gelistet sind, von denen bekannt ist, dass sie das neue Verfahren einsetzen. Im Mai 2014 waren dies bereits über 5.600 Websites. Per Suchfunktion können bevorzugte Onlineseiten geprüft werden.

Dann gibt es die Möglichkeit JavaScript auszuschalten, da die Programmschnipsel ohne JavaScript kein Tracking vornehmen können. In der Praxis funktioniert dies oft nicht, da praktisch alle gängigen Websites JavaScript für die korrekte Darstellung benötigen – das gilt insbesondere für Shopping-Websites.

Schutzprogramm erst in Beta-Version erhältlich

Canvas FingerprintingBei der Electronic Frontier Foundation (EFF) ist ein Canvas-Fingerprinting-Schutzprogramm in der Entwicklung. Es trägt den Namen Privacy Badger. Derzeit gibt es eine Version im Beta-Stadium. Bekannte Programme wie z. B. Adblock Plus versuchen die Übermittlung der gesammelten Canvas-Grafiken zu verhindern, was de facto auch zu einem Abschalten des User-Trackings führen kann. Während Adblock Plus und vergleichbare Schutzprogramme wie Disconnect und Ghostery eher die Übermittlung der Daten zu verhindern versuchen, versucht der Privacy Badger von EFF eher die Algorithmen und Logik der Trackingtools zu verwirren und damit die eingesammelten Daten wertlos werden zu lassen. Zwischen neuen Trackingmethoden und den dagegen eingeleiteten Schutzmaßnahmen findet ein Wettlauf statt. Die Verlage machen hier mit und brauchen nicht mit dem Finger auf Google & Co. zu zeigen. Drei Finger dieser Hand, die auf andere Schuldige zeigt, zeigen in diesem Fall auch zurück.

Von der Anbieter- zur Nachfrager-Gesellschaft

Die fast bedingungslos anmutende Anbiederung von Journalismus und gelenkten Inhalten mit Werbetools sowie die erneut damit einhergehende Ökonomisierung sollte nochmals ganz gründlich überdacht werden. Der größte Denkfehler, der nämlich diesen Überlegungen zu Grunde liegt – und das hat jüngst Jeremy Rifkin in seinem wunderbaren Buch zur „Null-Grenzkosten-Gesellschaft“ aufgezeigt – ist der, dass die Verlage meinen, auch zukünftig die Hoheit über den anzuliefernden Content inne zu haben. Dafür spricht allerdings nichts. Die Leser sind zunehmend enttäuscht über zahlreiche entlarvte Webfehler im bisherigen investigativen Journalismus eines „Spiegel“. Sie sind enttäuscht über die propagandistische Einheitsjournalismus-Soße, die z. B. im Fall der Ukraine über die Leser ausgekippt wird. Sie sind enttäuscht über die Verbindungen führender Journalisten mit mehr oder weniger geheim agierenden Elitegruppen. Und sie entdecken gerade auf den vielen kostenlosen Blogs im Internet einen besseren, einen plausibleren Journalismus, als in den Mainstream-Medien.

Wie die wahre Entwicklung aussieht

Die Leser werden dorthin abwandern, wo ihnen die Meinungsvielfalt, die dargebotene Wahrheit und der Schreibstil am besten gefallen. Es mögen sie Trackingtools nicht daran hindern, auf den konventionellen Medienseiten zu lesen, aber was nützt das den Verlagen, wenn ein Gros der Leser zu den Blogs abwandert. Es können nur User getrackt werden, die auf der eigenen Website vorbeischauen. In erster Linie muss also der Qualitätsjournalismus wieder stimmig gemacht werden. Der Nutzer findet diesen dann schon, auch wenn der für ihn bestimmte Beitrag vielleicht außerhalb seines getrackten Nutzerclusters angeboten wird. Die Verlage wollen uns hier online eine Welt verkaufen, in der sie scheinbar altruistisch ständig die Inhalte nach unserem Gusto besser anpassen und besser positionieren. Diesen Unfug glauben ihnen nicht einmal die Leser im Kindergarten. Jeder interessierte, gebildete Fernsehzuschauer hat einen Festplattenrekorder oder nutzt die Mediatheken der Sender, weil die intellektuell anspruchsvollen Inhalte immer erst ab 22.45 Uhr gesendet werden – völlig vorbei am Nutzercluster. Die Massenthemen werden nach vorne zur Primetime platziert, um dort die höchsten Werbeeinnahmen zu erzielen. Ebenso werden die Verlage das Tracking dazu benutzen, um Inhalte mit höheren Werbeeinnahmen entsprechend des Nutzerclusters zu platzieren. Wer uns etwas anderes erzählt, der will uns schlicht und einfach verschaukeln.

Rechtliche Situation beim Canvas Fingerprinting:
 Rechtlich ist die Lage übrigens eindeutig, wie der Anwalt Marcus Beckmann weiter ausführt: „Wer auf seiner Website illegale Tracking-Methoden einsetzt, dem droht Ungemach von zwei Seiten: Zunächst kann die zuständige Datenschutzbehörde ein Ordnungsgeld verhängen. Außerdem werden Datenschutzverstöße allgemein von der Rechtsprechung als Wettbewerbsverstoß eingestuft. Damit besteht die Gefahr einer Abmahnung durch einen Wettbewerber oder eine Verbraucherschutzorganisation.“ (Internet World Business, Ausgabe Nr. 16/2014).

Ist Qualitätsjournalismus wirklich abhängig von Werbung?

Der PressespiegelEs ist nicht so wie Herr Plöchinger das vorgibt: Qualitätsjournalismus ist nicht abhängig von Werbung, sondern von der Qualität. Werbung wiederum ist abhängig von einer hohen Anzahl von Lesern. Die Kernfrage ist also: Hat Qualitätsjournalismus noch ausreichend Leser? Falls ja – so wird dort auch die Werbung platziert werden. Falls nein – wird es mal Zeit, sich Gedanken um die Qualität zu machen. Selbst wenn sich alle bekannten Verlage einig wären und ihren Journalismus nur noch hinter einer Bezahlschranke offerieren würden, so wäre dies kein Grund für den Leser, diese Schranke öffnen zu müssen. Videos, Vorträge, Schulungen, Blogs usw. usf. gibt es zuhauf kostenfrei im Internet und ein Leser informiert den anderen. Denn auch für die Leser gilt doch längst: Sie sind keine Buchstabenkonsumenten mehr, sondern sie sind interaktiv unterwegs. Sie liefern Feedback, schreiben eigene Berichte und sie tun dies gratis, weil die Themen sie bewegen, weil sie die Erkenntnisse weiterreichen möchten und weil sie wiederum direkt Feedback und Erkenntnisse zurückerhalten. Wer diese Dynamik nicht begreift und meint, er könne mit Nutzerclustern und anderem technischen Schnickschnack mittelfristig die grundlegenden Änderungen im Journalismus Marke Web 2.0 unterdrücken, der hat das komplette Web 2.0 nicht verstanden. „Das Zeitalter der Anbieter ist vorbei. Es kommt das Zeitalter der Nachfrager“, erklärt Professor Peter Kruse. Warum auch sollte das, was für den Handel propagiert wird, dass nämlich Konsumenten gleichzeitig zu Produzenten (Prosumenten) werden, nicht auch für den Bereich von Dienstleistungen und das Verlagswesen gelten? Marcus Beckmann (Anwalt für Wettbewerbs- und IT-Recht) fordert im Branchenmagazin „Internet World Business“: Der Nutzer muss die Möglichkeit haben, dem Tracking zu widersprechen.“ Diese Forderung ist sicherlich berechtigt. Doch die Grauzone, in der sich die Verlage bewegen, die diese Technik einsetzen, ist wie eben dargelegt viel größer.

Andreas Müller-Alwart


Autor Andreas Müller-Alwart ist selbständiger Journalist, Coach sowie Requirement Engineering Manager und Mitglied des Reflektion-Teams.

Quellen/Weiterführende Links:

Suchmaschine für Websites, die Canvas Fingerprinting benutzen (Mai 2014= aktuellster Stand)

https://securehomes.esat.kuleuven.be/~gacar/sticky/index.html

Gegenprogramm „Privacy Badger“ zu Trackingtools (! Betaversion !)

https://www.eff.org/privacybadger

Website des Bezahlsystems laterpay (Erst Lesen, dann bezahlen)

https://laterpay.net/

Reporterpool, der Reportagen zum Abonnementpreis anbietet


https://krautreporter.de/das-magazin

Informationen von Prof. Peter Kruse (Zahlreiche Videobeiträge von ihm finden sich bei youtube.de)

http://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Kruse

Link zur Anwaltskanzlei von Marcus Beckmann


http://www.beckmannundnorda.de

Open Knowledge Foundation


http://okfn.de/


Bild- und Grafikquellen:

  1. Beitragsbild: «Online Time Tracking» – http://www.epaysystems.com/online-time-tracking/
  2. «Fingerabdruck – Download Web» – Juergen Jotzo  / pixelio.de
  3. «Sklaven des Internets» – http://pixabay.com
  4. «Canvas Fingerprinting» – http://www.digitalstrategyconsulting.com/intelligence/2014/07/new_web_tracking_tool_thats_nearly_impossible_to_block.php
  5. «Der Pressespiegel» – Rainer Sturm  / pixelio.de

Deutsche Marktwirtschaft UBER alles

von Andreas Müller-Alwart

Gedanken zum deutschlandweiten Verbot von UBER und welche Erkenntnisse sich daraus ableiten lassen. Wie ist es um die Kreativität, den Wettbewerb, um Kooperationsfähigkeit und Vertragsfreiheit in diesem Land bestellt?

Ich entstamme noch einer Generation, die üblicherweise in den Ferien mit InterRail auf stählernen Pfaden Europa eroberte. Denkbar günstig war es, wenn man mit diesem Ticket und bei guter Kursbuchplanung so durch Europa reiste. Billigflüge gab es nicht und Trampen hätte viel zu lange gedauert, sodass dies der preiswerteste Weg war, um viele Länder Europas auf der Liste rasch abzuhaken. Ein Hauch von „Abenteuer des Schienenstrangs“ (Jack London) war immer dabei. Schade, dass es damals weder Twitter, Facebook noch Foren gab. Die Reiseberichte wären endlos schön und spannend und für alle sofort zugänglich gewesen. Und erst noch die Tipps …

Den Daumen in den Wind gehalten

per AnhalterUnd in Deutschland war ich oft trampenderweise unterwegs. Ja – damals konnte man auf Autobahnen noch trampen. Dann wurde das aus „Sicherheitsgründen“ verboten. Zur Sicherheit der Tramper natürlich … Wir Deutsche können halt einfach nicht auf uns selbst aufpassen und tatsächlich wurden auch mal Tramper ermordet oder mitnehmende Autofahrer ausgeraubt. Das reichte, um diese kostenfreie Transportmöglichkeit platt zu machen. Auch regional habe ich den Daumen in den Wind gehalten: Die preiswerte Umwelt-Netzkarte, mit der Freiburg später sehr bekannt wurde, gab es nicht. Wer nicht täglich fuhr, für den war der öffentliche Personennahverkehr teuer und umständlich. Und Trampen bringt ja auch für das Bruttoinlandsprodukt keinen Mehrwert – also weg damit. Taxifahren? Das war was für den Notfall – für Kranke oder für Omis und führerscheinlose Reiche. Unsereiner konnte sich eine Taxifahrt wirklich nur in seltenen Ausnahmefällen leisten. Und auch heute ist Taxifahren noch sehr teuer – jedenfalls in provinzialen Großstädten wie Freiburg. Wenn ich es mir leisten konnte, so nutzte ich ein Monats-Tramper-Ticket: Ja das hieß wirklich so bei der Deutschen Bahn. Eine Monatsnetzkarte für junge Leute für 120 DM (!!!) inklusive der damaligen neuen, schnellen IC-Züge. Ich muss es nochmals wiederholen: Eine Monatsnetzkarte inklusive der damals üblichen schnellen IC-Verbindungen für 120 DM. (Gesundheitlicher Warnhinweis: Bitte schauen Sie nicht nach, was eine solche Karte heute kosten würde und bitte überschlagen sie nicht, welcher Inflationsrate das entsprechen würde. Es könnte ihrer Gesundheit schaden!)

Von Mitfahrzentralen zu Fernbussen

In diesen Tagen wird uns nun erst klar, was uns so alles verloren ging. Für InterRail und Monats-Tramper-Ticket bin ich zu alt, fürs Trampen eigentlich auch, obwohl es mich sehr reizt nochmal so zu reisen: Die gefundenen Kontakte und erlebten Fahrten waren sehr intensiv, hatten etwas von Goethes Erkenntnis („Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erleben.“). Und wie war es im Heimatort: Da junge Leute sich oft kein Taxi leisten konnten, der öffentliche Nahverkehr zu den nächtlichen Eventzeiten früher nicht fuhr, wurden später subventionierte Taxis, Sammeltaxis, Ruftaxis und Nachtbusse eingeführt. Letztere sehr zum Ärger der Taxiunternehmen, denn in der Nacht hatten sie einst eine Art Monopol. Heute wissen wir, dass wir von Glück sagen können, dass deutschlandweite, ja sogar europäische Mitfahrzentralen, schon gegründet worden waren, als es noch keine Fernbusse gab. Die wiederum gab es nicht, weil die Bahn das Monopol auf diesen Transport hatte. Die Bahn wiederum bot jahrzehntelang selbst keine Fernbusse an, weil sie eine Kannibalisierung der einträglichen, sichereren Einnahmen aus dem Bahnverkehr vermeiden wollte.

Die Bahn und das BIP leiden …

Fernbusse / MeinFernbusSchaut man sich heute die Einnahmenminderungen der Bahn durch die Fernbuskonkurrenz an, die sich durch den Wechsel der Fahrgäste auf die Fernbusse ergeben, wird klar wie viele Einnahmen die Bahn Jahr für Jahr mehr im Topf hatte. Einnahmen, die beim Otto-Normal-Verbraucher überflüssige Kosten waren – und dies ebenfalls jahrzehntelang: Auch eine Form der Quersubventionierung und keinesfalls die viel gepriesene, pure Marktwirtschaft. Nur so nebenbei: Für das Bruttoinlandsprodukt (BIP), diese unsinnige Kennzahl volkswirtschaftlichen Strebens eines Landes, bedeutet dies letztlich eine Minderung des Umsatzes. Die Einführung von Fernbussen – ohne Zweifel eine Bereicherung für Reisende in Deutschland – ist kennzahlentechnisch betrachtet, negativ für unser Land, denn die Einnahmen aus Beförderungen sinken in der Summe. Aber lassen wir das BIP beiseite und bleiben bei den Fernbussen.

Einstweilige Verfügung gegen „UBER“

Die deutsche, freie Marktwirtschaft erlebte also insofern eine kleine Renaissance im Transportwesen, als das Trampen per Internet – also die Mitfahrgemeinschaften – entstanden. Und eine weitere, als die Fernbusse eingerichtet wurden. Zum Glück geschah das in dieser Reihenfolge, sonst hätten die Fernbusbetreiber womöglich eine einstweilige Verfügung gegen die Mitfahrzentralen erwirkt, hätten auf ein von der Deutschen Bahn freigegebenes Monopol der Beförderung gepocht. Wie ich darauf komme? Nun: UBER, die App, die über Smartphone „spontane“ Fahrtmöglichkeiten zwischen Privatpersonen gegen Kostenerstattung anbietet, ist gerade vom Landgericht Frankfurt ausgehebelt worden. Bei Zuwiderhandlungen droht nun eine Strafe von 250.000 Euro – pro Fahrt bzw. Zuwiderhandlung. So geht man in Deutschland mit der Vertragsfreiheit, so geht man mit dem Wettbewerb in der Marktwirtschaft und so geht man mit guten Ideen um. Wenn Privatleute sich gegen Kostenerstattung in Kooperation helfen, ist das ein Gewerbe und Mitbewerber können auch die sinnvollste Kooperation so aushebeln. Das ist paradox.

„Bildet Fahrgemeinschaften!“

UBERJahrzehntelang haben uns die Politiker, Verbraucher- und Umweltverbände ein schlechtes Gewissen eingepaukt, haben uns klar zu machen versucht, wie unsinnig es ist, dass so viele Menschen einzeln in einem Fahrzeug morgens von der Schlafstadt zur Arbeitsstätte fahren. Pro Auto ein Arbeitnehmer. Bildet Fahrgemeinschaften, war DER Aufruf der 80er Jahre. Damals war das nur über eine Zeitungsanzeige/einen Aushang oder persönlichen Kontakt möglich. Aber damals wie heute gibt es die Fahrgemeinschaften und natürlich sind sie so organisiert, dass sich die Fahrer entweder abwechseln oder der ständige Fahrer, der die anderen Insassen mitnimmt, einen Kostenersatz erhält. Niemand wäre je auf die Idee gekommen, diese sinnvolle Kooperation anzuzweifeln. Kein Taxiunternehmen, keine Bahn, kein Verkehrsbetriebhat jemals dagegen geklagt. Man hat auch nicht den Anzeigenmagazinen untersagen, solche Anzeigen zuzulassen. Vielleicht wäre es anders gewesen, wenn Fahrgemeinschaften damals schon über ein Internetportal gewerblich organisiert und vermittelt worden wären, so wie es UBER heute über eine App anbietet?

Wird Kooperation gewerblich, wird sie zur Konkurrenz.

Eines ist jedenfalls sicher: An der einstweiligen Verfügung gegen UBER sieht man wieder einmal, dass jede gute Idee durch den Filter der Marktwirtschaft hindurch muss. Wird sie dort als gewerbliche Konkurrenz erkannt, dann spielt ihre Sinnhaftigkeit kaum noch eine Rolle. Dabei ist UBER vor allem eines, eines von vielen Signalen, dass Menschen kooperieren statt konkurrieren möchten. Die Zeichen der Zeit stehen auf Genossenschaften, Stiftungen, Tauschringe, gemeinschaftliche Nutzung hochwertiger Gegenstände – angefangen beim Aufsitzrasenmäher bis hin zur Schlagbohrmaschine. Die Zeichen der Zeit stehen außerdem auf „gemischte Einnahmeverhältnisse“. Gemeint sind z. B. Kleingewerbetreibende, die – ähnlich wie wir das z. B. aus Griechenland kennen – vielleicht in der Frühschicht an einer Tankstelle arbeiten, dann Kinder aus ihrem Ort zu einer Behindertenwerkstätte fahren, anschließend zwei Stunden sich bei UBER einloggen und sich dort etwas hinzuverdienen, um dann nachmittags für einen Paketdienst zu kommissionieren. Der Trend geht zu einer Mischung mehrerer kleiner Arbeitsverhältnisse und freiberuflicher Tätigkeiten. Langfristige Arbeitsverträge mit ausreichenden Nettoeinnahmen und ohne zeitliche Befristung werden geradewegs zu einer Rarität. Auf der anderen Seite haben die großen, teuren, nicht nachhaltigen und auch nicht innovativen Organisationen ausgedient. Taxiunternehmen sind out – das Geschäftsmodell funktioniert nicht mehr. Taxifahrer sind latent unterbezahlt, viele von ihnen erhalten ihr Grundrauschen über Krankentransporte; wobei zwischen Transport und Geldeingang von der Krankenkasse ein Vierteljahr vergehen kann und dazu ein enormer Aufwand zur Bewältigung der Bürokratie betrieben werden muss.

Taxibetriebe haben Smartphone-Trends völlig verschlafen

TaxiDie Taxiunternehmen haben den Smartphone-Trend scheinbar völlig verpennt. Längst hätten sie mit einer eigenen App Mehrwerte für die vielen Millionen Smartphone-Benutzer generieren und so die Kunden günstiger und besser bedienen können. Auf Dauer wird die Methode, nur auf Bestandsschutz zu pochen und zu klagen, nicht mehr funktionieren. Gegen UBER hätte man keine einstweilige Verfügung erlassen müssen. In einer kreativen, freien Marktwirtschaft hätten bei vielen Unternehmen die Ideen nur so sprudeln müssen. Eigentlich hätten z. B. die Krankenkassen UBER die Türe einrennen müssen. Anstelle eines Krankentransportes für 35 Euro, hätten sie über UBER die gleiche Leistung für 10 Euro organisieren können. Dabei sind die Krankenkassen sonst durchaus hellwach und kreativ. Auf meinen Fahrten von München nach Ulm habe ich selbst eine Weile über die Mitfahrzentrale leere (!) Blutkonservenbehälter im Auftrag des Krankenhauses transportiert. Kooperation ist immer der bessere Weg …

Durch das Festhalten am Bestandsschutz der Taxiunternehmen wird wieder einmal das Prinzip Kreativität und Kooperation unterlaufen. Mehr noch: Es wird wieder einmal das Prinzip der Kostenreduzierung unterlaufen. Im Fokus steht der Erhalt eines Traditionsbetriebes, der längst ein Billiglohnunternehmen geworden ist, das seine Arbeitnehmer nur bei langen Arbeitszeiten annähernd ernährt. Kommt hinzu: Mancher Taxifahrer wäre besser bedient, wenn er kündigen und für UBER ein paar Stunden am Tag fahren würde. Sein Reinerlös wäre vermutlich höher. Es mögen sich Firmen mit ihrem Bestandsschutz gerichtlich gegen Innovationen und Kooperationen dieser Art erheben, sie werden aber mittelfristig verlieren. Sie verlieren an Image, Kunden und Marktanteilen. Das Zeitalter, sich die Konkurrenz gerichtlich vom Hals halten zu wollen, sich gegen den Verbraucherwillen eine monopolähnliche Stellung im Markt sichern zu wollen, dieses Zeitalter naht dem sicheren Ende. Mag sein, dass UBER jetzt gerade verloren hat. Mag aber auch sein, dass es morgen gewinnt. Gute Ideen setzen sich immer durch – das ist ein Naturgesetz.


Autor Andreas Müller-Alwart ist selbständiger Journalist, Coach sowie Requirement Engineering Manager und Mitglied des Reflektion-Teams.

Bild- und Grafikquellen:

  1. Per Anhalter – http://marketpress.de
  2. Mein Fernbuss – Verena Brandt / MeinFernbus.de
  3. UBER – https://www.uber.com/
  4. Taxi – Q.pictures /pixelio.de
  5. Beitragsbild: Konkurrenz – Stefan Bayer / pixelio.de

NSA, PROMIS, Ptech und 9/11

von Lars Schall

In dem nachfolgenden Auszug aus dem im Entstehen begriffenen Buch “Tiefenpolitik, Methodischer Wahnsinn und 9/11: Eine Spurensuche zu Terror, Geld, Öl und Drogen“ (Arbeitstitel) stellt der unabhängige Finanzjournalist Lars Schall zwei wichtige Software-Entwicklungen vor, die beim viermaligen Versagen der Luftverteidigung am 11. September 2001 eine prominente Rolle gespielt haben könnten.


Dieser Beitrag wurde aktualisiert und ist nun HIER zu finden!

Danke

Caillea

 

Neofeudalistisches Google-Monopol

von Caillea

Im Feuilleton der FAZ schrieb Vorstandschef  Mathias Döpfner der Axel Springer AG: “Wir haben Angst vor Google. Ich muss es einmal so klar und ehrlich sagen, denn das traut sich kaum einer meiner Kollegen.” Dieser Mann sprach die Angst aus, die inzwischen immer mehr bei Unternehmen und Privatpersonen aller Couleur zur Vorschein kommt. Nun endlich scheint darüber eine Debatte in Gang zu kommen, was positiv zu werten ist, unabhängig der Ergebnisse, welche die Politik für uns bereit hält. Wichtig ist hierbei die Bewusstwerdung, gerade auch bei den Bevölkerungen aller Länder. Denn es sind Sofortmaßnahmen erforderlich, wenn sich diese Angst nicht epidemisch ausbreiten soll.

Die Frage, die sich stellt lautet: Hat uns Google nun gezwungen, indem Google sich ermächtigt hat, von uns Informationen zu sammeln? Nein! Wir haben Google Millionen von Dokumenten zur Verfügung gestellt. Wir gaben Google nicht nur unsere Augen und Hände, sondern auch unsere Hirne anvertraut, ob es sich um private oder auch autorische Ergüsse handelt.

Ja, Google hat ein neofeudales Machtmonopol errichtet, jedoch halfen wir selbst, es gegen uns zu errichten. Wir haben unsere Falle selbst aufgestellt.

Gabor Steingart schreibt dazu in der FMit Speck fängt man MäuseAZ: “Natürlich lässt Google die Zutaten, die wir so geflissentlich anliefern, nicht unbearbeitet. Aus Informationspartikeln erwachsen Datenraster, welche wiederum zu Netzen versponnen werden mit dem Ziel, aus Lesern Käufer zu machen, die Welt der Lektüre in den Orbit des Konsums zu transformieren, das Idealistische in das Materialistische zu verwandeln. Wer liest, wird gelesen, wer kauft, wird selbst zum Produkt, so hat Frank Schirrmacher den Kern von Googles Geschäftsidee freigelegt. Fast dreizehn Milliarden Dollar verdiente das Unternehmen im vergangenen Jahr, vor allem durch das Verfügbarmachen von Lesestoff und Leserdaten gegenüber der Werbewirtschaft.

Wobei auf Seiten der Werbewirtschaft, spiegelverkehrt zu Döpfners Ängsten, eine Euphorie herrscht, die ebenfalls nur sehr lose mit der Wirklichkeit verbunden ist. Dem mündigen Internetbürger entgeht nicht, welche Anzeige ihm da von Seite zu Seite nachstiefelt; er ist dabei, Allergien zu entwickeln. Der Leser will, darf und wird sich nicht zur willenlosen Kauf- und Konsummaschine reduzieren lassen. Der Freiheitsdrang mag degeneriert sein, verschwunden ist er nicht. Stalking bildet auch im wahren Leben nicht das Vorspiel zur Eheschließung.

Die datengesteuerte Werbung im Internet erinnert mittlerweile auf fatale Weise an die Drückerkolonnen der frühen Nachkriegsjahre, als man Kosmetika, Plastikschüsseln, Zeitschriften und Lebensversicherungen an der Haustür vertrieb, ach was – verhökerte, verkloppte, aufschwatzte, nur dass die Avatare der damaligen Drücker heute englisch mit uns reden. Ihre Haustür ist unser Computerbildschirm, auf dem die Abgesandten aus der Welt der künstlich erzeugten Bedürfnisse mit Push-Mails, Overlayern und Pop-up-Windows unentwegt auf- und abmarschieren.”

Die Medienhäuser sowie die Politik sind Mittäter und haben diesen Moloch im Internet möglich gemacht. Lange haben beide ignoriert, nicht geahnt oder durch Gedankenlosigkeit dazu beigetragen, dass sich Google’s Praxis in eine Ungeheuerlichkeit verwandeln konnte.

Gier - Rike /pixelio.deGoogle stellt jährlich einen Forschungsetat von rund 8 Milliarden Dollar bereit, um aus den ermittelten und zugrunde liegenden Daten heraus neue Produkte zu entwickeln, z. B. Datenbrille, selbstfahrendes Auto oder auch die Drohne u.v.a.m.. Nun wollen sie in dem Projekt “Google Brain” das menschliche Gehirn nachahmen oder wenn möglich, es sogar übertreffen. Wer meint, dass Google mit solchen Projekten dem Größenwahn unterliegt, irrt. Es handelt sich hier durchaus um eine realistische Selbstsicht, die von Erfolg gekrönt sein könnte, denn wir alle füttern das System mit unseren Ansichten, Gefühlen, Emotionen, Wissen und vielem mehr. Wir wissen auch aus den Bereichen NSA, Facebook, Twitter und aus all dem kann Google materialistische Wünsche erkennen, die es umzusetzen weiß und die weitere hohe Umsatzrenditen versprechen. Google kann sicher sein, dass Abnehmer für all die weltweit unnützen Produkte gefunden werden und dabei handelt es sich ja nicht nur um die eigenen, auch wenn diese noch so abstrus sind. Google geht davon aus, dass in jedem Fall Abnehmer gefunden werden und viele Menschen stürzen sich geradezu darauf.

Google ist kein passives Werkzeug. Es wird selbst aktiv, auf eine für uns unsichtbae Art und Weise. Es geht ausschließlich um Vermarktung und das Produkt sind wir selbst. Frank Schirrmacher schrieb dazu “Ich lese und werde gelesen. Ich kaufe und werde Produkt.”.

Inzwischen ist eine Abhängigkeit von Google entstanden, die es kaum zu überbieten gilt. Diese Technologie steuert inzwischen die Wirtschaft. Es werden Unsummen bezahlt, damit man im Ranking an den ersten Plätzen gefunden wird. Rutschen Unternehmen im Ranking ab, dann besteht die Gefahr, dass sich ein spürbarer Umsatzverlust bemerkbar macht. Im privaten Umfeld ist diese Technologie nicht mehr wegzudenken und viele gerade junge Leute empfinden hier ein Lebensgefühl von Modernität. Die digitale Welt ist zu einer Lebensphilosophie geworden. Die Revolution des Personal Computers, Urahn aller weiteren digitalen Technologien, hat in den Augen aller die Menschen bereichert, daher fühlen sie sich auch nicht enteignet.

Evgeny Morozov schrieb in seinem unerbittlichen Beitrag „Wider digitales Wunschdenken“: Wir müssen die Mystifizierungen, die „das Internet“ umgeben, entzaubern. Denn so verführerisch glatt, bunt und simpel uns die Nutzeroberfläche des digitalen Wandels entgegentritt, so abgründig und undurchdringlich erscheinen dem durchschnittlichen Nutzer Programmierungen, Rückkopplungen und Abhängigkeiten hinter der glitzernden Fassade des world wide web. Die Aufforderung, in unseren Schulen Programmiersprache zum Pflichtfach zu machen, ist alles andere als absurd. Ihre Kenntnis bestimmt jedenfalls mehr über die persönliche Autonomie im digitalen Zeitalter als die Kenntnis antiker Sprachen.”

Hoffnung macht das Urteil des Europäischen Gerichtshofs in Sachen Google: Erstmals wird der Internetgigant dazu verpflichtet, sensible Daten zu löschen. Und nicht nur das. Das Gericht stellt die Souveränität des Rechts wieder her, indem es sagt, dass Google europäische Standards nicht deshalb umgehen kann, weil es seine Daten außerhalb der EU bunkert und verarbeitet. Die Bürger Europas bekommen durch den Richterspruch die Chance, sich gegen eine scheinbar ungreifbare Ausbeutung ihrer persönlichen Informationen zu wehren. Das sollte uns Mut machen, denn Google hat durchaus Respekt vor solch aufgeklärter Sicht. Im Börsenprospekt (Risikoeinschätzung) steht unter anderem: „Wir sind konfrontiert mit Risiken, die sich aus dem internationalen Datenschutz ergeben. Es ist möglich, dass diese Gesetze in einer Art interpretiert und angewandt werden, die nicht mit unserer Praxis im Umgang mit Daten übereinstimmt. Wenn dem so ist, müssten wir unsere Praxis verändern, was wiederum einen materiellen Effekt für unser Geschäft bedeutet.“

Hier entdecken wir einen wunden Punkt und diesen sollten wir nutzen. Dies beinhaltet jedoch, dass jeder von uns sich Gedanken über die Mechanismen dieses Monopols macht, wachsam ist und diese nicht gleichgültig wegschiebt. Die Zeit zum Losschlagen ist gekommen. Die Politik merkt, dass sie etwas tun muss, da die Bevölkerungen immer mehr aufwachen, der Europäische Gerichtshof ist willig und die Verlage haben die Phase ihrer Verwirrung überwunden.

Abschließend möchte ich noch einige Zitate des Humanisten Étienne de La Boëtie aufzeigen, der unter anderem in seinem Traktat “Von der freiwilligen Knechtschaft” folgendes schrieb:

„Der Mensch, welcher euch bändigt und überwältigt, hat nur zwei Augen, hat nur zwei Hände, hat nur einen Leib und hat nichts anderes an sich als der geringste Mann aus der ungezählten Masse eurer Städte; alles, was er vor euch allen voraus hat, ist der Vorteil, den ihr ihm gönnet, damit er euch verderbe.“ ….. „Je mehr man den Tyrannen gibt, je mehr man ihnen verdient, umso stärker und kecker werden sie; und wenn man ihnen nicht mehr gibt, wenn man ihnen nicht mehr gehorcht, stehen sie ohne Kampf und ohne Schlag nackt und entblößt da und sind nichts mehr, wie eine Wurzel, die keine Feuchtigkeit und keine Nahrung mehr findet, ein dürres und totes Stück Holz wird.“ ….. „Seid entschlossen, keine Knechte mehr zu sein, und ihr seid frei.“

Das vor knapp 500 Jahren erschienene Werk rief zur Aufklärung und zum Losschlagen auf.


Textquellen:

Gabor Steingart: “Unsere Waffen im digitalen Freiheitskampf” – FAZ

Mathias Döpfner: “Warum wir Google fürchten” – FAZ

Evgeny Morozov: “Der Preis der Heuchelei” – FAZ

Frank Schirrmacher: “Was die SPD verschläft” – FAZ

Bildquellen:

Bild 1: “Mit Speck fängt man Mäuse” – Rainer Sturm  / pixelio.de

Bild 2: “Gier” – Rike / pixelio.de

Beitragsbild: “Der gläserne User” – Bernd Kasper  / pixelio.de