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Globalisierte Barbarei

Ein Versuch, das Phänomen „Islamischer Staat“ zu begreifen.

von Tomasz Konicz

Auf ein Neues! Wieder einmal mobilisiert der Präsident der USA eine Koalition der Willigen, um gegen „Das Böse“ (SPON) zu Felde zu ziehen. Diesmal ist es die Terrortruppe „Islamischer Staat“ (IS), die in einem dreijährigen Feldzug niedergerungen werden soll, in dessen erster Phase die US-Airforce ihre Luftschläge auch auf Syrien ausweiten wird. Zugleich fordert das Weiße Haus vom Kongress die Kleinigkeit von 500 Millionen US-Dollar, um „moderate syrische Rebellen zu trainieren und zu bewaffnen“, wie Reuters berichtete.

Variante der IS-Flagge mit dem ersten Teil der Schahāda

Variante der IS-Flagge mit dem ersten Teil der Schahāda

Dieses Vorgehen weckt Erinnerungen an eine frühere Phase des syrischen Bürgerkrieges, als westliche Geheimdienste in trauter Gemeinsamkeit mit den fundamentalistischen Golfdespotien wie Saudi-Arabien die syrische Opposition unterstützten, aus der neben einer Vielzahl anderer islamistischer Milizen auch der Islamische Staat hervorging. Und selbstverständlich dominieren eben auch innerhalb der syrischen Oppositionsbewegung fundamentalistische Gruppierungen, die sich in Konkurrenz zum Islamischen Staat befinden und diesen bekämpfen.

Eine der wichtigsten syrischen Rebellengruppen stellt etwa die fundamentalistische Allianz Islamische Front dar, deren Führer Hassan Abboud jüngst bei einem mutmaßlich vom IS durchgeführten Attentat getötet wurde. Die Islamische Front stellt das größte Kontingent innerhalb der syrischen Rebellen dar – und sie verfügt über enge Kontakte zur Dschihadistengruppe al-Nusra.

Selbst dieser syrische Al-Kaida Ableger, die Jabhat al-Nusra, bemüht sich seit einer schweren Niederlage gegen den IS, durch Freilassungen von US-Geiseln sich vom Islamischen Staat zu distanzieren. Konsequenterweise werden diese „moderaten“ Rebellen künftig ihre militärische Ausbildung auf dem Territorium der Vorzeigedemokratie Saudi-Arabien absolvieren.

Um es klar auszusprechen: Der Westen ist mal wieder dabei, Islamisten zu bewaffnen, um Islamisten zu bekämpfen – und nebenbei seine geopolitischen Interessen zu verfolgen, die im Falle Syriens auf den Sturz des Assad-Regimes abzielen. Es stellt sich nur noch die Frage, welche Dschihadisten-Truppe, die jetzt noch als Teil der „moderaten Opposition“ gilt, in wenigen Jahren abermals außer Kontrolle gerät und vermittels militärischer Interventionen ausgeschaltet werden muss. Der Westen gleicht in seinem Windmühlenkampf gegen den islamischen Fundamentalismus dem berüchtigten Zauberlehrling, der die Geister, die er zwecks geopolitischer Instrumentalisierung in der vom Staatszerfall ergriffen Region herbeirief, nun nicht mehr loswird.

Dabei ist es nicht nur die westliche Geopolitik, die den Dschihadisten Auftrieb verschafft. Westliche Länder fungieren auch als wichtige Rekrutierungsfelder für den IS. Rund 3000 Dschihadisten aus Westeuropa, den USA, Kanada und Australien sollen amerikanischen Medienberichten zufolge in den Reihen des Islamischen Staates kämpfen. Von den rund 31.500 Kämpfern, die sich diesem Terrorgebilde angeschlossen haben sollen, ist insgesamt rund ein Drittel im Ausland – zumeist vermittels einer ausgefeilten Anwerbungskampagne – rekrutiert worden.

Ein in den kurdischen Autonomiegebieten Syriens gefangen genommener Selbstmordattentäter des IS berichtete gegenüber Medienvertretern von einem beständigen Zustrom von Dschihad-Touristen aus aller Welt, die sich den Kampfverbänden dieser Terrorarmee anschließen würden:

„Dort sind Nationalitäten aus aller Welt vertreten. Es sind viele Briten darunter. Sie kommen aus asiatischen Ländern, aus Europa und Amerika. Sie kommen von überall her.“

Der IS stellt somit gewissermaßen ein Nebenprodukt der krisenhaften kapitalistischen Globalisierung dar. Hierbei handelt es sich gerade nicht um eine autochthone, traditionalistische und aus den regionalen Sippenverbänden und „Stämmen“ hervorgegangene Aufstandsbewegung, sondern um eine im höchsten Maße globalisierte Besatzungsarmee, die sich in den sozioökonomischen und politischen Zusammenbruchsregionen des Zweistromlandes konstituierte. Deswegen massakriert der Islamische Staat nicht nur „Ungläubige“, sondern auch Sunniten, die sich dieser Fremdherrschaft zu widersetzen wagen. An die 700 Mitglieder eines sunnitischen Sippenverbandes in Ostsyrien wurden von dem IS Mitte August buchstäblich abgeschlachtet, nachdem deren Stammesführer den Dschihadisten die Gefolgschaft verweigerten.

Worin aber besteht das Wesen dieser „Fremdherrschaft“, die eine – zumindest in ihrer Führungsriege – größtenteils zugereiste Dschihadistentruppe in dieser Zusammenbruchsregion zu errichten trachtet? Das, was sich im Zweistromland in Gestalt des IS materialisiert, ist eine bitterböse Karikatur, ein Negativ der effizientesten Organisationsform, die der Spätkapitalismus hervorgebracht hat: der transnationalen Großkonzerne. Der Islamische Staat stellt eine hocheffiziente „Geldmaschine“ (Bloomberg) dar, die durch Einnahmen aus Ölschmuggel und sonstigen Geschäftsfeldern der Organisierten Kriminalität einen permanenten „Strom von Geldzuflüssen“ erzeugen konnte. „Der Islamische Staat ist wahrscheinlich die vermögendste Terrorgruppe, die wir jemals kennengelernt haben“, erklärte ein US-Analyst gegenüber Bloomberg.

Dieser Terrorkonzern, der regelrechte „Geschäftsberichte“ publiziert, verfügt über eine hocheffiziente interne Befehlsstruktur und eine sehr effektive Militärmaschine, er unterhält eine professionelle Public-Relations-Abteilung, die sich sehr erfolgreich der Rekrutierung neuer Mitglieder widmet – und er übt sich im „Lean Management“ der eroberten Gebiete, deren Verwaltung lokalen Würdenträgern überlassen wird, sofern sie dem „Kalifat“ Treue schwören und Gefolgschaft leisten. Die internationalen Verflechtungen dieser dschihadistischen „Geldmaschine“ beschränken sich nicht nur auf deren Mitgliederstruktur, auch die Anschubfinanzierung des IS erfolgte über internationale Finanzzuwendungen reicher Sponsoren aus den Golfstaaten.

Der wichtigste Unterschied zwischen dem global agierenden Konzern und dem Islamischen Staat besteht darin, dass für die transnationalen Konzerne die Akkumulation von Kapital den Selbstzweck ihrer gesamten Tätigkeit bildet. Alle Verwüstungen und Zerstörungen, die der Spätkapitalismus den Menschen und der Umwelt antut, bilden nur Nebenprodukte des blinden und uferlosen Strebens nach Kapitalverwertung, worin der irrationale Kern der kapitalistischen Produktionsweise nun einmal besteht. Für den Islamischen Staat stellt die Kapitalakkumulation hingegen nur ein Mittel zu einem anderen irrationalen Zweck dar, der in einem möglichst effizienten Vernichtungs- und Zerstörungswerk besteht. Nichts anderes stellen die besagten „Geschäftsberichte“ des IS dar, es sind Auflistungen der erfolgreichen Terroroperationen dieses „Unternehmens“. Die implizite Tendenz zur Selbstzerstörung, die dem Kapitalismus innewohnt, tritt beim IS somit offen zutage, sie wird explizit.

Vom IS kontrollierte Gebiete in Syrien und im Irak

Vom IS kontrollierte Gebiete in Syrien und im Irak

Der Islamische Staat nutzt somit die effektivsten Organisationsformen und rationellsten Methoden, die der krisengeplagte Spätkapitalismus hervorbrachte, um ein irres, ein wahnsinniges Ziel zu verfolgen: die buchstäbliche Auslöschung aller Ungläubigen. Spätestens hier wird eine Parallele zu dem bisher größten Zivilisationsbruch der Weltgesichte, dem Vernichtungswerk des deutschen Nationalsozialismus, offensichtlich. Auch die Nazis bedienten sich der damals modernsten Organisationsformen und Methoden, um mit Auschwitz eine fordistische Todesfabrik zu erschaffen, deren fließbandartig hergestelltes „Produkt“ in dem aus den Krematorien aufsteigenden Rauch verbrannter Menschenleiber bestand. So wie die Nazis im rassistischen Wahn eine effiziente negative Fabrik der Menschenvernichtung errichteten, um die Welt von Juden, Roma, slawischen Untermenschen oder Bolschewisten zu „säubern“, so konstituiert sich der IS in der Organisationsform eines negativen Konzerns, um sein irres Ziel eines religiös reinen Weltkalifats zu verfolgen. Die instrumentelle Rationalität und ökonomistische Vernunft des westlichen Kapitalismus, die zwecks effizientester Kapitalakkumulation immer weiter vervollkommnet wird, schlägt so in den Händen des IS in nackte Barbarei um.

Im Terrorkonzern, den der Islamische Staat errichtet, spiegelt sich somit die krisenhafte Irrationalität kapitalistischer Vergesellschaftung. Inzwischen scheinen sich erste Franchisenehmer auf dem globalisierten Terrormarkt einzufinden, die das massenmörderische Erfolgsrezept des IS zu kopieren versuchen. Eine zweite Welle der Globalisierung der dschihadistischen Barbarei setzt ein. Die „wachsende Popularität“ des IS in Südostasien könnte langfristige Sicherheitsbedrohungen nach sich ziehen, warnte etwa Aljazeera Mitte Juli. Tatsächlich hat sich auf den Philippinen kürzlich die Terrorgruppe Abu Sayyaf dem Islamischen Staat angeschlossen. Die westafrikanischen Dschihadisten der Boko Haram, die laut Neewsweek ein „Territorium von der Größe Irlands“ kontrollieren, bemühen sich ebenfalls, mit der Ausrufung ihres afrikanischen „Kalifats“ das Vorgehen des IS zu imitieren.

Um was konkurrieren die Terrorgruppen auf dem globalen Terrormarkt? Neben den Finanzzuwendungen vermögender Sponsoren aus den Despotien der arabischen Halbinsel ist es vor allem die Ware, die der Spätkapitalismus im Überfluss ausscheidet: Menschen. Viele der spektakulären Angriffe und Aktionen des IS – wie etwa die kurzfristige Okkupierung der Talsperre bei Mossul – zielen gerade auf einen propagandistischen Effekt ab, mit dem die Rekrutierung neuen Menschenmaterials beschleunigt werden soll. Mit Erfolg, wie eine US-Studie belegt. Demnach haben insbesondere die afghanischen Taliban, die unter enormen militärischen Druck geraten sind, einen herben Exodus ausländischer Kämpfer verzeichnen müssen, die nun gen Syrien und Irak aufbrechen, um sich den dortigen Dschihadisten anzuschließen:

„Kämpfer aus Usbekistan, China und Tschetschenien haben kaum Chancen, in ihre Heimatländer zurückzukehren, aber sie wissen, dass sie in Syrien und dem Irak willkommen sind, wo Jabhat al-Nusra und der Islamische Staat gegen den syrischen Präsidenten Assad, gegeneinander, und im Falle des Islamisches Staates gegen Kurden, Irakis und sogar den Iran kämpfen.“

Es ist ein Eingeständnis des völligen Scheiterns des brutalen westlichen „Krieges gegen den Terror“, der letztendlich unter Anwendung terroristischer Methoden geführt wurde. Nach rund 13 Jahren hat sich eine global agierende Schicht von Zehntausenden heimatlosen Gotteskämpfern herausgebildet, deren Heimat der „Heilige Krieg“ ist. Im Gegensatz zum global agierenden Al-Kaida-Netzwerk ist diese neue Generation von Dschihadisten aber bemüht, in den Zusammenbruchsgebieten des Weltmarktes Territorien zu erobern und zu halten, um ihr Wahngebilde eines weltumspannenden Kalifats zu verwirklichen.

Zurückgreifen kann der in Geld schwimmende Islamische Staat dabei auf die Heerscharen ökonomisch „überflüssiger“ junger Männer, die in der Peripherie – und zunehmend auch in den Zentren – des kapitalistischen Weltsystems ein marginalisiertes und elendes Dasein fristen. Ein Sold von wenigen Hundert US-Dollar im Monat und die Hoffnung auf ein jenseitiges Paradies reichten in vielen Fällen aus, um diese perspektivlosen Menschen, die in der Hölle zerfallender Staaten und Gesellschaften vegetieren, zum Beitritt in die Reihen des IS zu motivieren.

Doch was veranlasst Tausende Muslime aus dem Westen, sich dem dschihadistischen Terrornetzwerken anzuschließen? Eine Studie des Verfassungsschutzes, in der die Lebensläufe der knapp 400 aus Deutschland in den „Heiligen Krieg“ gezogenen Islamisten beleuchtet wurden, kommt zu dem Ergebnis, dass sich größtenteils marginalisierte Muslime den Dschihadisten angeschlossen haben. Einer geregelten Beschäftigung gingen nur 12 Prozent dieser Gotteskrieger nach, die überwältigende Mehrheit hiervon war im Niedriglohnsektor beschäftigt. Nur sechs Prozent hatten eine Ausbildung absolviert, zwei Prozent ein Studium. Rund ein Drittel dieser Islamisten war schon zuvor mit dem Gesetz in Konflikt geraten, größtenteils im Zusammenhang mit gettoüblicher Kleinkriminalität. Bei der Mehrheit der Ausgereisten handelte es sich somit um Angehörige der Unterschicht, die unter prekären Lebensbedingungen in den informellen Ausländergettos der BRD ein marginalisiertes Leben am Rande der Legalität fristen – bis sie in die Fänge der Salafistenszene geraten. Bezeichnend ist etwa, dass nur in 23 Prozent der Fälle die Eltern dieser Gotteskrieger einen fundamentalistischen Islam praktizierten. Ein Paradebeispiel für eine solche Karriere vom kleinkriminellen Gettokid zum Gotteskrieger stellt der Rapper Denis Cuspert dar, der inzwischen in den engeren Führungszirkel des IS aufgestiegen sein soll.

Es sind somit gerade keine traditionsbehafteten Muslime, die da in den Terrorkrieg ziehen, wie auch Tarfa Baghajati, Obmann der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen, in einem Interview mit Radio Free Europe erläuterte. Es gebe eine Reihe von Faktoren, auf die die Rekrutierungserfolge des IS in Europa zurückzuführen seien, so Baghajati:

„Am beachtenswertesten ist erstens, dass die jungen Leute, die sich diesen Gruppen anschließen, zuvor keine starken Bindungen an den Islam und andere Muslime hatten. Sie haben nie Moscheen besucht und einige von ihnen wussten zuvor gar nicht, wie man betet. Deswegen ist ihre religiöse Erfahrung sehr stark emotionsgeladen. … Der zweite Faktor besteht darin, dass diese jungen Menschen sich nicht als Teil der westlichen Gesellschaft sehen. Sie haben es nicht vermocht, sich positiv einzubringen. Zudem gibt es auch Diskriminierung und indirekte Verfolgung gegen den Islam und Muslime, die unter dem Begriff Islamophobie zusammengefasst wird.“

Die vom IS rekrutieren Muslime aus den Westen sehen sich nicht als Teil dieser Gesellschaften, weil sie es nicht sind, weil sie durch ökonomische Marginalisierung und zunehmenden Rassismus von der kriselnden kapitalistischen Arbeitsgesellschaft ausgeschlossen sind. Der europaweit krisenbedingt zunehmende Rassismus und Rechtsextremismus, der sich in den Wahlerfolgen der AfD, der britischen UKIP oder des französischen Front National manifestiert, zielt ja letztendlich auf den ökonomischen Ausschluss derjenigen Gruppen, die nicht als Teil der „Volksgemeinschaft“ verstanden werden („Arbeitsplätze zuerst für Deutsche“). Der Rechtsextremismus, der den Ausschluss bestimmter Bevölkerungsgruppen propagiert, stellt somit eine ideologische Waffe im krisenbedingt zunehmenden Konkurrenzkampf dar. Es verwundert somit nicht, dass der IS das europaweit größte Kontingent an Kämpfern in Frankreich, im krisengeplagten Land der Banlieues und des Front National, rekrutieren konnte.

Die Hinwendung zum extremistischen Islam unter europäischen Muslimen stellt somit eine Parallelentwicklung zu dem krisenbedingt zunehmenden Rechtsextremismus in Europa dar. Der militante und terroristische Dschihadismus stellt letztendlich eine religiös verbrämte Modifikation des Rechtsextremismus, eine Art postmodernen und globalisierten Klerikalfaschismus dar. Während im Westen die nationale Identität als ein Nährboden dient, aus dem rechtsextreme und faschistische Ideologien erwachsen, fungiert im arabischen Kulturkreis die Religion als eben dieser Nährboden, der Vernichtungsfantasien hervorbringt. Die Kategorie der Rasse, die in Europa die faschistische Vernichtungswut befeuerte, wurde im klerikalfaschistischen Dschihadismus durch die Kategorie des „Ungläubigen“ ersetzt.

Sowohl der Islamismus wie der europäische Rechtsextremismus stellen zudem einen Extremismus der Mitte dar, der die in der Gesellschaft dominierenden ideologischen Vorstellungen und Anschauungen ins geschlossene weltanschauliche Extrem treibt. Im Fall des Islamismus ist es die Religion, die in der „Mitte“ der arabischen Gesellschaften eine hegemoniale Stellung einnimmt, beim Rechtsextremismus ist es die längst zu einem ökonomistischen Standortdenken mutierte nationale Identität, die ins Extrem getrieben wird. Beide Ideologien können zudem als postmodern bezeichnet werden, da sie einen ideellen Ausfluss der Krise und des Scheiterns der kapitalistischen Moderne darstellen.

Der islamistische „Extremismus der Mitte“ kann letztendlich auch als eine Abart des Klerikalfaschismus begriffen werden. Faschismus – ob nun der deutsche Nationalsozialismus, Francos katholischer Faschismus in Spanien oder die faschistische Diktatur Pinochets in Chile – stellt eine offen terroristische Krisenform kapitalistischer Herrschaft dar. Rechtsextreme und faschistische Tendenzen gewinnen immer dann an Dynamik, wenn die bürgerlich-liberale kapitalistische Gesellschaft in eine ökonomische oder politische Krise gerät, die das Fortbestehen des Gesamtsystems gefährdet oder auch nur zu gefährden scheint (Weltwirtschaftskrise 1929, Sieg der Volksfront 1936 in Spanien oder Allendes Wahlerfolg 1970 in Chile).

Ob nun in Europas Metropolen oder in den Zusammenbruchsregionen des Zweistromlandes – der Konstitutionsprozess des rassistischen wie des klerikalen Rechtsextremismus verläuft in sehr ähnlichen Bahnen. In Reaktion auf Krisenerschütterungen, auf das Auseinanderbrechen der bestehenden Gesellschaftsordnung setzt oftmals eine verstärkte Identitätsproduktion in den betroffenen Gesellschaften ein. Wenn alles in Fluss, in Unordnung gerät, suchen die autoritär disponierten Individuen Halt – und den finden sie nur noch in der Identität, in dem, was sie scheinbar sind: Deutscher, Franzose, Sunnit, Schiit. Die Angst vor der Zukunft und den unverstandenen Umbrüchen führt zu einer Sehnsucht nach früheren, als idyllisch imaginierten Gesellschaftszuständen; sei es der rassereine Nationalstaat oder das frühmittelalterliche Kalifat.

Die Karte, auf der das riesige Land eingezeichnet ist, das der Islamische Staat für das neue Kalifat erobern will, wurde am Sonntag vom Islamistenumfeld auf Twitter veröffentlicht. Die Islamisten wollen laut Eigendarstellung in den kommenden fünf Jahren wesentliche Teile des schwarz dargestellten Landes erobern. Für die Unterwerfung Madrids nennen die Islamisten das Jahr 2020.

Die Karte, auf der das riesige Land eingezeichnet ist, das der Islamische Staat für das neue Kalifat erobern will, wurde am Sonntag vom Islamistenumfeld auf Twitter veröffentlicht. Die Islamisten wollen laut Eigendarstellung in den kommenden fünf Jahren wesentliche Teile des schwarz dargestellten Landes erobern. Für die Unterwerfung Madrids nennen die Islamisten das Jahr 2020.

Der große Selbstbetrug bei dieser Hinwendung zur Identitätspolitik besteht selbstverständlich darin, dass diese Identitäten sich ja nur in Wechselwirkung mit der kriselnden kapitalistischen Gesellschaft konstituieren und somit nur identitärer Ausdruck des spätkapitalistischen Krisenprozesses sind. Das, was unter „deutscher Identität“ in der gegenwärtigen Deutschland AG landläufig verstanden wird, hat recht wenig zu tun mit den Deutschlandvorstellungen des frühen Kaiserreichs oder gar mit denen der Paulskirchenversammlung. Dasselbe gilt für den Islam, der gerade im frühen Mittelalter oftmals viel toleranter war, als es die gegenwärtigen Gotteskrieger und postmodernen Kalifatsbauer je wahrhaben möchten. Es reicht hier, etwa daran zu erinnern, dass die Juden Spaniens gerade in der Frühphase der maurischen Herrschaft (von 711 bis zum Zusammenbruch des Kalifats von Córdoba 1031) weitgehende Religionsfreiheit und Rechtssicherheit genossen; vertrieben wurden sie erst durch die „Katholischen Könige“ nach der endgültigen Reconquista 1492.

Die gegenwärtige krisenbedingte Hinwendung zur nationalen oder religiösen Identität, die als ein ahistorisches und unabänderliches Kontinuum halluziniert wird, geht fast immer mit einer autoritären Charakterstruktur bei den betroffenen Personen einher. Der postmoderne Islamist unterwirft sich genauso blind der rigiden Koranauslegung, wie es die postmodernen Rechtsparteien mit den geheiligten Gesetzen des Marktes und des Kapitalkultes (in Gestalt der zum Wirtschaftsstandort verkommenen Nation) praktizieren. In beiden Fällen führt die Unterwerfung zum Hass auf all diejenigen, die dies anscheinend nicht genauso praktizieren (Ungläubige, „Sozialschmarotzer“, Arbeitslose, etc.).

Der den europäischen wie islamischen Faschismus charakterisierende Gleichklang von Unterwerfung und Hass resultiert daraus, dass diese Unterwerfung mit Triebverzicht erkauft wird. Die Träger dieser Ideologien leiden insgeheim unter den absurden Vorgaben und Geboten, die der Fetischdienst an Koran und Kapital diktiert, wobei die autoritäre Charakterstruktur ein Aufbegehren gegen diese Leidensquellen ausschließt. Deswegen richtet sich die so aufgestaute Wut gegen imaginierte äußere Feinde. Beiden Ideologien wohnt auch ein analcharakterhafter Reinheitswahn inne, der sich beim Rechtsextremismus auf die Reinhaltung des Volkes, der Nation oder des Wirtschaftsstandortes von „Parasiten“ erstreckt, während der Islamismus von der Manie um die Reinhaltung des religiösen Kultes verzehrt wird.

Die autoritären Dispositionen, die den Rechtsextremismus arabischer wie europäischer Prägung gleichermaßen antreiben, werden schon im Kleinkindalter in der patriarchalen oder kleinbürgerlichen Familie erworben, die der Psychoanalytiker Wilhelm Reich in seiner 1933 erschienen Studie „Massenpsychologie des Faschismus“ als die „Keimzelle des autoritären Staates“ bezeichnete. Der Staat und die Kirche setzten die in der autoritär-patriarchalen Familie eingeleitete autoritäre Strukturierung des Individuums fort. Zentral sei hierbei die Sexualunterdrückung, so Reich:

„Die autoritäre Strukturierung des Menschen erfolgt … zentral durch Verankerung sexueller Hemmung und Angst am lebendigen Material sexueller Antriebe. … Ist nämlich die Sexualität durch den Prozess der Sexualverdrängung aus den naturgemäß gegebenen Bahnen der Befriedigung ausgeschlossen, so beschreitet sie Wege der Ersatzbefriedigung verschiedener Art. So zum Beispiel steigert sich die natürliche Aggression zum brutalen Sadismus.“

Diese in Hinblick auf den deutschen Nationalsozialismus gemachten Beobachtungen treffen aber offenbar auch die Lebensrealität vieler Menschen in den krisengeplagten arabischen Ländern. Es ist nicht nur die bestialische Behandlung „erbeuteter“ Frauen durch Kämpfer des Islamischen Staates, in der sich der durch Sexualverdrängung konstituierte „brutale Sadismus“ äußert, auch die brutalen Übergriffe auf Frauen während des Aufstandes in Ägypten wurden durch diese sexuelle Frustration befeuert.

Teilweise ist der in den vergangenen Dekaden zunehmende Verschleierungsdruck in vielen islamischen Gesellschaften auf die Wechselwirkung von ökonomischer Krisendynamik und krisenbedingter Islamisierung zurückzuführen. Der Islam verbietet strikt vorehelichen Sex, doch zugleich bringt die Krise der kapitalistischen Arbeitsgesellschaft eine Heerschaar ökonomisch überflüssiger junger Menschen im arabischen Raum hervor, die sich die Gründung einer Familie schlicht nicht leisten können. Die ideologisch durch den Islamismus aufgenötigte Sexualverdrängung führt somit angesichts der sich zuspitzenden Krise zu dem überschäumenden Hass auf Frauen, deren Anblick der Islamist nur unter Vollverschleierung ertragen kann, ohne von seinem zum bloßen Sadismus degenerierten Sexualtrieb übermannt zu werden.

2014_08_25_slavemarket_w-300x216Die vom Islamismus angestrebte Verbannung der Frau aus dem öffentlichen Raum wird aber vor allem durch einen anderen Faktor angetrieben, der aus der gescheiterten kapitalistischen Modernisierung dieser peripheren Weltmarktregion resultiert. Die historische Durchsetzung des Kapitalismus ging mit der „Abspaltung“ all jener Bereiche der gesellschaftlichen Reproduktion einher, die nicht in dem Prozess der Kapitalverwertung aufgehen können, wie die Haushaltsführung und die Familienarbeit, die dann der Sphäre des „Weiblichen“ zugeordnet wurden. Die Familien- und Haushaltsarbeit wird bis zum heutigen Tage als wertlos angesehen, da sie keinen Wert schafft, nicht unmittelbar Teil des Verwertungsprozesses des Kapitals ist. Die Sphäre der wertbildenden Arbeit war hingegen bis weit ins 19. Jahrhundert ausschließlich männlich determiniert, der „harte“ und rationell handelnde Mann hatte sich als Ernährer auf dem Markt zu behaupten, während der Frau die Sphäre des Privaten, des Irrational-Sinnlichen und der Hege und Pflege zugewiesen war. Diese Scheidung zwischen männlich-öffentlicher Sphäre der wertbildenden Arbeit (sowie der Politik, Kunst und Wissenschaft) und der weiblich-privaten Sphäre der „wertlosen“ Arbeit bildete die Grundlage der Frauendiskriminierung in den kapitalistischen Ländern, die ja erst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zumindest formell aufgehoben werden konnte (Frauenwahlrecht).

In der mittelalterlichen patriarchalen Familie – die ja zu gut 90 Prozent eine Bauernfamilie war – bestand ebenfalls eine Arbeitsteilung zwischen Ehemann und Ehefrau, doch waren ihre Tätigkeiten gleichermaßen auf die direkte Bedürfnisbefriedigung gerichtet und nicht auf die Akkumulation von Kapital. Die Kategorien des Werts und der abstrakten Arbeit gab es schlicht und einfach nicht, weshalb die weiblichen Tätigkeiten auch nicht herabgesetzt werden mussten. Die Dämonisierung der Frau, des Sinnlich-Weiblichen setzte in Europa denn auch erst in der frühen Neuzeit ein, im Gefolge des Zusammenbruchs der mittelalterlich-ständischen Gesellschaftsverfassung und des Aufkommens erster Ansätze der kapitalistischen Wirtschaftsweise, die eben diese für die damaligen Menschen ungeheuerliche und unverstandene Abspaltung der Sphäre des Weiblich-Privaten von dem aufkommenden Regime der Kapitalverwertung mit sich brachte. Die Dämonisierung der Frau äußerte sich in dem Hexenwahn, der Europa und Nordamerika vom 16. bis zum 18. Jahrhundert im Würgegriff hielt, und dem Zehntausende von Frauen und Mädchen zum Opfer fielen. Zentral war bei nahezu allen zumeist von weltlichen Gerichten geführten Prozessen die Anschuldigung, die angeblichen Hexen hätten mit dem Teufel oder Dämonen Sexualverkehr praktiziert, um ihre „übernatürlichen Kräfte“ zu gewinnen. Und es war gerade die halluzinierte Anwendung eben dieser weiblich-dämonischen Kräfte, die für das Chaos verantwortlich gemacht wurde, in dem sich die in Systemtransformation begriffenen, frühneuzeitlichen Gesellschaften befanden.

Keine andere Anschuldigung bringt eine Frau im heutigen Afghanistan, Libyen oder Saudi-Arabien stärker in Lebensgefahr als die des außerehelichen Geschlechtsverkehrs. Die Systemtransformation zu Kapitalismus und Weltmarkt, die in Europa blutige Jahrhunderte in Anspruch nahm, brach in der Peripherie mit der Intensität einer Naturkatastrophe ein, sie vollzog sich in weitaus kürzerer Zeit (wenige Dekaden) – und sie hatte einen weitaus höheren ideologischen Legitimitätsdruck zur Folge, bei dem traditionell-patriarchale Strukturen mit den „neuartigen“ kapitalistischen Vergesellschaftungsformen – und der damit einhergehenden Abspaltung der weiblich konnotierten, der Kapitalverwertung unzugänglichen Lebensbereiche – in Übereinstimmung gebracht werden mussten.

Der große historische Unterschied zwischen Europa und Arabien besteht darin, dass die kapitalistische Modernisierung zwischen Hindukusch und Atlasgebirge dort nicht mehr gelingen konnte. In diesen krisengeplagten Ländern, die oftmals schon von Staatszerfall ergriffen sind, wird sich keine funktionierende kapitalistische Arbeitsgesellschaft mehr etablieren, die einer Säkularisierung dieser Gesellschaften Vorschub leisten könnte. Das Scheitern der Modernisierung und die damit um sich greifende Krisendynamik führen somit zu einer Verhärtung der islamistischen Krisenideologie und der regelrechten Tabuisierung des Weiblichen: Als ob die Totalverschleierung und totale Verbannung der Frau aus dem öffentlichen Leben es den Männern trotz der Weltkrise des Kapitals ermöglichen würde, sich noch als selbstherrliche Marktsubjekte zu betätigen.

In der barbarischen Gegenwart islamistischer Ideologie und Praxis findet der kapitalistisch-liberale Westen somit die Echos seiner eigenen blutgetränkten Vergangenheit. Mehr noch: Der barbarische Kern kapitalistischer Vergesellschaftung kommt im extremistischen Islamismus wie im Rechtsextremismus zum Vorschein. Auf die Gräuel des Islamischen Staates blickend schaut die westliche Wertegemeinschaft in den Spiegel. Nichts wäre verkehrter, als den von beiden extremistischen Seiten proklamierten „Kampf der Kulturen“ für bare Münze zu nehmen. Die westliche Kultur stellt keinen positiven Gegenpol zum dschihadistischen Wahnsinn dar. Die liberalen westlichen Zentren des kapitalistischen Weltsystems schwitzen in der gegenwärtigen Systemkrise sowohl den Rechtsextremismus wie den Islamismus aus.

Offensichtlich ist dies, wie eingangs dargestellt, auf der geopolitischen Ebene, wo die politische, finanzielle oder militärische Unterstützung des Dschihadismus seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts – als islamistische Fundamentalisten mit Unterstützung des Westens in den Heiligen Krieg gegen den gottlosen Kommunismus in Afghanistan zogen – zum Fundus westlicher Geopolitik gehört. Ein gewisser Osama Bin Laden hat seine ersten militärischen Erfahrungen unter den Fittichen der CIA in Afghanistan machen können. Saudi-Arabien, das wohl brutalste fundamentalistische Regime der Welt, ist ein enger Verbündeter des Westens, der mit milliardenschweren Waffenlieferungen hochgerüstet wird.

Doch es ist vor allem die von den Zentren ausgehende und die Peripherie verwüstende ökonomische Krise, die erst die Heerscharen ökonomisch überflüssiger junger Männer hervorbringt, die mangels Perspektiven bereit sind, sich dem Todeskult der Dschihadisten anzuschließen. Das mühselige Überleben in der Hölle der Zusammenbruchsökonomien Iraks, Syriens oder Afghanistans ist für immer mehr Menschen dermaßen unerträglich, dass sie bereit sind, dieses gegen die illusorische Aussicht auf ein jenseitiges Paradies zu tauschen.

Schließlich sind die ideologischen und identitären Reflexe auf diesen Krisenprozess im Abend- wie im Morgenland sehr ähnlich gelagert. Es findet eine autoritäre Rückbesinnung auf die religiöse oder nationale Identität statt, die vorhandene nationale oder religiöse Anschauungen ins ideologische Extrem treibt und zu einer militanten Mobilisierung gegen äußere Feindbilder oder innere Abweichler führt. Der Islamismus ist somit – genauso wie der Rechtsextremismus – ein Produkt der Weltkrise des Kapitals.

Tomasz Konicz


Quelle:  Streifzuege-Team – MAGAZINIERTE TRANSFORMATIONSLUST  – zum Artikel

Bild- und Grafikquellen:

  1. Beitragsbild: »Miliz Islamischer Staat« – © Militant Website, File/AP/dpa
  2. Flaggenvariante »Isamischer Staat« – Wikipedia CC
  3. »Vom IS kontrollierte Gebiete in Syrien und im Irak« – Wikipedia CC
  4. »Die Karte, auf der das riesige Land eingezeichnet ist, das der Islamische Staat für das neue Kalifat erobern will« – www.katholisches.info
  5. »Frauen als Sklaven der IS« – civaka-azad

Islam und Islamismus – Eine Herausforderung für Deutschland?

von Studiengesellschaft für Friedensforschung e.V.

Grundlegendes über den Islam

In der heutigen Zeit kann man von drei grundlegenden Tatbeständen ausgehen. Zum ersten ist der Islam eine ungemein dynamische Erscheinung. Sie kann nicht mehr einfach mit Rückständigkeit, Modernisierungsfeindlichkeit und “Mittelalter” gleichgesetzt werden. Der Islam als Faktor gesellschaftlicher und politischer Umgestaltung ist nicht mehr auszublenden. Er ist heute weithin die einzige Kraft, über die breitere Massen in islamischen Ländern mobilisiert werden können. Mit Ideologien vergangener Jahrzehnte wie Sozialismus, Nationalismus, Säkularismus oder etwa Kommunismus sind Massenmobilisierung und Legitimation nicht mehr zu erreichen.

Zum zweiten ist der Islam auch aus europäischen Gesellschaften nicht mehr wegzudenken. Während der letzten 40 Jahre hat hier eine fundamentale Entwicklung stattgefunden. Hat es um 1950 erst rund 900.000 muslimische Bewohner in Europa gegeben, so sind es zu Beginn des 21. Jahrhunderts bereits rund 17 Millionen. Waren es Anfang der sechziger Jahre in der alten Bundesrepublik Deutschland nur einige zehntausend Muslime, die etwa als Ärzte, Ingenieure oder Studenten hier lebten, einige zehntausend, die überhaupt nicht auffielen in der Gesellschaft, so liegt heute die Anzahl der Muslime in Deutschland bei etwa 3,5 Millionen mit steigender Tendenz. [1] Sie sind hier und werden hier bleiben, als Minderheit in einer christlich-säkularen Mehrheitsgesellschaft. Das bedeutet, dass künftig auch der Islam aus dem Erscheinungsbild der deutschen Gesellschaft nicht mehr wegzudenken ist. Er ist unter uns und Teil unserer Gesellschaft.

Zum dritten ist klar, dass Islam nicht gleich Islam ist. Er existiert in vielen verschiedenen Variationen. Ein Muslim in Europa muss sich mit anderen Gegebenheiten auseinandersetzen als ein Muslim in Indonesien oder im Jemen und wird sich entsprechend anders verhalten. “Der Islam ist”, so die Berliner Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer, “überspitzt ausgedrückt, weitgehend das, was Muslime an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit als islamisch definieren und praktizieren”. So umfaßt der Islam so konträre Auffassungen wie die der gemäßigten Aleviten oder der radikalen Schiiten. Insgesamt gibt es in der islamischen Welt 76 verschiedene religiöse Strömungen und Richtungen.

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Bild 1: Organisation der islamischen Konferenz

Im September 1969 beschloss eine Konferenz islamischer Staatsoberhäupter in Rabat/Marokko die Gründung einer Institution , die auf den Namen Organisation der Islamischen Konferenz getauft wurde. Die Ziele sind in der 1972 verfassten Charta u.a. wie folgt festgeschrieben: Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten auf den Gebieten Wirtschaft, Soziales, Kultur und Wissenschaft, Kampf gegen Rassismus (Zionismus) und Kolonialismus sowie der Schutz der Heiligen Stätten des Islam. Der Organisation gehören heute 57 Mitgliedsstaaten sowie drei Länder mit Beobachterstatus an.

Der Islam ist die heute wohl vitalste, vor allem aber die kämpferischste aller Weltreligionen. Eine zentrale Eigenart des Islam – vom aufgeklärten Abendland als besonders bedrohlich empfunden – hatte schon der französische Historiker Alexis de Tocqueville im 19. Jahrhundert erkannt: die Verschmelzung von geistlicher und weltlicher Autorität, von Religion und Politik. “Der Mohammedanismus”, schrieb Tocqueville, “ist diejenige Religion, welche die beiden Machtbereiche am vollständigsten miteinander vermengt und vermischt hat, so dass alles Handeln im bürgerlichen und politischen Leben mehr oder minder vom religiösen Gesetz geregelt wird”. Mohammeds Lehre fordert die totale Unterwerfung unter den allgewaltigen Gott. Sie ist einfacher und konkreter als die älteren Religionen von Hindus, Buddhisten, Juden und Christen. Sie kennt nicht so Geheimnisvolles wie Wiedergeburt, Dreifaltigkeit, Fleischwerdung und Erlösung. Im Islam gibt es keine zentrale Institution – wie für die Katholiken der Vatikan -, die verbindliche Anweisungen erteilt. Dennoch bleibt kein Bereich des menschlichen Daseins von seiner Durchdringungskraft ausgespart. “Der Islam”, so befand der englische Philosophieprofessor Ernest Gellner bündig, sei nicht weniger als “der Entwurf einer Gesellschaftsordnung”. [2]

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Bild 2: Bilderverbot

Allah bleibt unsichtbar: Er offenbarte sich lediglich durch einen Text, den Koran, in dem von einem Bilderverbot jedoch nicht ausdrücklich die Rede ist. Dieses wurde vielmehr aus den Aufzeichnungen über das Leben und Wirken des Propheten (Hadith) hergeleitet. Engel, so habe er gesagt, beträten kein Haus, in dem sich eine bildliche Darstellung von Mensch oder Tier befinde. Ferner habe Mohammed Berichten zufolge bebilderte Vorhangstoffe zerschneiden und zu Kissenbezügen umarbeiten lassen. Um 1400 kamen dennoch erste Bilder mit Darstellungen des Prophetenleben auf.

Die Entstehung des Islam

Allgemeine Aussagen über den Islam sind schwierig. Schon das Wort Islam selbst wird für gewöhnlich in zwei unterschiedlichen, wenngleich verwandten Bedeutungen verwendet. Zum einen steht der Begriff für eine Religion, ein System des Glaubens und der Verehrung, zum anderen für die Zivilisation, die unter dem Zeichen dieser Religion gewachsen und aufgeblüht ist. So gesehen bezeichnet das Wort Islam mehr als vierzehn Jahrhunderte Geschichte, 1,3 Milliarden Menschen und eine enorm vielfältige religiöse und kulturelle Tradition.

Islam wörtlich übersetzt meint “Hingabe”, “Unterwerfung” oder auch “Sich-Gott-Ergeben” und kommt von der Wurzel Salam, die u.a. “Frieden” und “Ergebung in Gottes Willen” bedeutet. Vom selben Wortstamm abgeleitet ist Muslim: “der sich Ergebende”. Islam heißt also Frieden halten mit Gott, eine Lebensweise des Einzelnen und der Gemeinschaft im Rahmen der von Gott offenbarten Regeln. Der Islam ist in seinen Idealen auch eine Religion des Friedens. Große Teile der Menschheit haben über die Jahrhunderte hinweg in ihr Orientierung für ihr Leben gefunden.

Der Islam ist eine monotheistische Weltreligion mit über 1,3 Mrd. Anhängern. [3] Er ist nach dem Christentum entstanden und versteht sich wie dieses als eine universale Religion mit einem Wahrheitsanspruch, der sich potentiell an jeden Menschen richtet. Ein Wesenszug des Monotheismus ist der Alleinvertretungsanspruch; Monotheisten erklären alle anderen – einschließlich anderer Monotheisten – zu Ungläubigen.

Die historischen Ursprünge des Islam finden sich im Leben eines Mannes mit dem Namen Mohammed, geboren um 570 n. Chr. in der Stadt Mekka im heutigen Saudi-Arabien und verstorben 632 n. Chr. in der nahe gelegenen Stadt Medina. Der Islam ist insofern ein Sonderfall in der Religionsgeschichte, als sein menschlicher Begründer, der Prophet Mohammed, gleichzeitig Staatsmann und als solcher auch Militärführer war. Buddha und Jesus waren umherziehende Wanderprediger, die selbst wenig oder keinerlei Bezug zur Politik ihrer Länder hatten. Auch die alttestamentlichen Propheten waren äußerstenfalls Berater von Königen und Heerführern, aber sie zogen in aller Regel nicht selbst in den Krieg.

Mohammed sah sich selbst als Fortsetzer und Vollender einer langen Reihe von monotheistischen Propheten, zu denen auch die jüdischen Propheten und Christus gehören. Dennoch wendet sich Mohammed in seiner Verkündung, wie sie der Koran überliefert, auch gegen Judentum und Christentum. Aus der Sicht des Koran haben beide, Juden und Christen, die auf Moses und Jesus von Gott (arabisch Allah) selbst herab gesandten Heiligen Schriften verfälscht, was den Text oder aber zumindest was dessen authentische Bedeutung angeht. Es gibt somit zwischen Islam, Christentum und Judentum sowohl Gemeinsamkeiten als auch Gegensätzliches.

Als Mohammed gegen 570 n. Chr. in Mekka im Klan der Haschim vom Stamm der Kuraischiten geboren wurde, siedelten auf der arabischen Halbinsel Nomaden, Halbnomaden und sesshaft gewordene arabische Stämme. Die Kuraischiten waren bereits um etwa 500 n. Chr. in Mekka sesshaft geworden. Mekka lag am Kreuzungspunkt mehrerer Karawanenstraßen und beherbergte offenbar schon sehr lange ein vorislamisches, polytheistisches Heiligtum: die Kaaba, einen Tempel, in dessen südwestlicher Außenwandecke ein Meteorit, der heilige schwarze Stein, eingemauert war und der den Mittelpunkt eine riesigen Wallfahrtsbewegung bildete. Diese zu bestimmten Zeiten abgehaltenen Wallfahrten brachten der reichen Handelsstadt Mekka durch Messen und Märkte wirtschaftliche Vorteile; hier trafen sich im Schutze der heiligen Monate, in denen Kampf und Mord verboten waren, Vertreter aller arabischen Stämme. Südarabien, durch seinen Reichtum berühmt, hatte zur Zeit, als Mohammed geboren wurde, seine Glanzperioden hinter sich. Es war noch ein Gebiet magisch-kultischer Stammesreligionen, in dem sich zahlreiche Heiligtümer befanden: Bäume, Grotten und vor allem Steine wurden für heilig und machtgeladen gehalten. Die arabische Gesellschaft setzte sich ursprünglich aus Nomadenstämmen zusammen, deren Stammesrivalitäten in altarabischer Zeit Blutrache und Überfälle in den großen Wüstengebieten nach sich gezogen hatten. Neben den heidnischen Arabern lebten zu dieser Zeit auch schon christliche arabische Stämme und jüdische Familien auf der Halbinsel.

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Bild 3: Die Weltreligionen

Die überkommene Gesellschaftsordnung der Stämme auf der arabischen Halbinsel war im 6. Jahrhundert in eine Krise geraten. Das Stammeseigentum ging immer mehr über in das Eigentum einzelner Sippen und Familien, wodurch soziale Unterschiede wuchsen. Diese fortschreitende soziale Differenzierung zerstörte die ursprünglichen Ideale des Beduinentums – Stammessolidarität, Freiheit, Tapferkeit. Proteste wurden laut gegen das wachsende Unrecht. Der weithin zur leeren Formel erstarrte Polytheismus verlor an Attraktivität, zumal jüdische und christliche Gemeinden mit ihrem Monotheismus dem Bedürfnis nach stammesübergreifenden Gemeinwesen ein positives Beispiel gaben. Hanifen (“Gottsucher”), die als asketische Einsiedler in der Wüste lebten, vertraten den Glauben an einen einzigen Gott.

Mohammeds Vater starb, als dieser noch nicht geboren war. Mohammed war gerade erst sechs, als auch seine Mutter verstarb. So wuchs Mohammed zunächst unter der Obhut seines Großvaters auf. Dieser starb, als der Junge acht Jahre alt war, und einer von Mohammeds beiden Onkel väterlicherseits, Abu Talib, übernahm seine Erziehung und nahm ihn auch immer wieder auf Geschäftsreisen mit. Mohammed lebte in Mekka, bis er nach dem 20. Lebensjahr für eine wohlhabende Witwe namens Hakhiga zu arbeiten begann, die ihn als Karawanenführer u.a. nach Syrien schickte. Mit 25 Jahren heiratete er die damals 40-jährige Witwe und bewahrte ihr immer eine tiefe Zuneigung: Solange sie lebte, nahm er keine andere Gattin. Sie schenkte ihm sieben Kinder, von denen nur eine Tochter, Fatima, überlebte und selbst Nachkommen hatte.

Als Karawanenführer dürfte Mohammed sowohl Juden als auch Christen kennen gelernt und somit Kenntnisse über ihren von den arabisch-vorislamischen Vorstellungen völlig abweichenden Glauben erworben haben. Mohammed begab sich schon früh auf die Suche nach Gott, zog sich in die Einsamkeit der Berge und der Wüste zurück, meditierte in Höhlen und mit 40 Jahren, also im Jahre 610 n. Chr., setzte seine prophetische Sendung – die Offenbarung des Koran – ein.

“Die Wahrheit” kam schmerzlich über ihn, der nach Ansicht vieler Islamforscher ein Analphabet war. Seine prophetische Sendung begann im Traum. Sie erging auf einer Berghöhe (Hira) in der Nähe von Mekka, wohin er sich zurückzuziehen pflegte, an ihn. In einer Höhle, so ist überliefert, stand eines Nachts plötzlich eine geheimnisvolle Gestalt bei ihm. Der Engel Gabriel, den er vor sich sah, packte ihn mit aller Kraft und schnürte ihm die Luft ab, als er auf dessen Worte nicht reagieret: “Trage vor im Namen deines Herrn!” Noch einmal würgte der Engel ihn und forderte: “Trag vor!”

Endlich glaubte Mohammed begriffen zu haben – er sollte die ihm vorgebeteten Worte rezitieren und sich für alle Zeiten merken: Die Lehre von Gott, der ihn als seinen Gesandten dazu bestimmt habe, die Mitmenschen von ihrem heidnischen, egoistischen und unbarmherzigen Leben abzubringen, damit ihnen nicht am Tage des Jüngsten Gerichts “eine auseinander klaffende Erde, lodernde Feuer” und weitere Höllenqualen drohten. Ein Gedanke beherrscht die ersten Verkündigungen Mohammeds: das nahende Endgericht. In jagenden kurzen Zeilen klingender Reimprosa, in sich überstürzenden Bildern wird das Hereinbrechen der Stunde, des Tages der Abrechnung, der Auferstehung angekündigt. Diese Offenbarung, die in Mekka begann und sich später in Medina fortsetzte, war die Geburtsstunde des Islam. Mohammed trat aus der Höhle und hörte, wie eine Stimme ihn als den Gesandten Allahs grüßte. Als er die Stimme Allahs zum erstenmal hörte, war er anfänglich in Sorge, das Opfer eines teuflischen Betruges zu sein; doch allmählich wuchs der Glaube an die Echtheit der Offenbarung.

Durch die Vermittlung des Erzengels Gabriel wurde also der Koran offenbart, wobei die Sure 96 als die erste der Offenbarungen gilt. Mohammed galt als Träumer. Seiner Sendung war er sich anfangs keinesfalls sicher. Nur seiner Frau und wenigen Vertrauten erzählte er von den Offenbarungen, die ihm fortan in unregelmäßigen Abständen zuteil wurden. Nach drei Jahren erhielt er vom Engel Gabriel den Befehl zur offenen Verkündung: “Wenn du es nicht verkündest, hast du deine Sendung nicht erfüllt.” Im Trancezustand empfing er weitere Fragmente des Korans.

Gegen 613 begann er zu predigen, in kurzen, angstvollen, erregten Sätzen, die ganz von dem Gedanken an den göttlichen Zorn und das nahe Gericht erfüllt waren. Er predigte gegen Diebstahl und Verleumdung, von der sozialen Verpflichtung des Eigentums, dem pfleglichen Umgang mit Frauen, gegen Wucherzins, Glücksspiel und Alkohol, gegen Ehebruch und Mord an Kindern, die man nicht ernähren zu können glaubte, und für das Körperwaschen nach dem Sex. Aber Mohammed war nicht nur der Androher und Ermahner, sondern auch der Verkünder froher Botschaft: Der Fromme, welcher Gottes Befehlen gemäß lebt, wird ins Paradies eingehen, wo Bäche von Milch und Honig in kühlen, duftenden Gärten fließen und jungfräuliche Geliebte ihn erwarten. Auch Frauen und Kinder haben an der Paradiesseligkeit teil.

Handelte es sich in Mekka zumeist um eschatologische Themen vom Jüngsten Gericht, so richteten sich die späteren Medina-Botschaften vor allem auf das diesseitige Leben. Oft bezogen sich Mohammeds vom Himmel diktierte Eingebungen auf tagespolitische Ereignisse. Er fand glühende Anhänger unter seinen nächsten Angehörigen, darunter seine Frau Hakhiga und seinen jungen Vetter Ali; dazu kamen Freigelassene fremder Herkunft, junge Leute und solche, die sich in schwierigen und bedrückenden Lebensumständen befanden.

Als Mohammed in der Folge in Mekka zu predigen begann, brachten ihm die Kuraischiten vorerst wohl Interesse entgegen, als er jedoch sein Volk zu warnen begann, zur “Umkehr” und der Aufgabe ihres Kultes aufrief und es zur bedingungslosen Unterwerfung unter den einen, einzigen Gott aufforderte, musste Mohammed zwangsläufig von den Kuraischiten als Feind betrachtet werden. Er stellte nicht nur die althergebrachten Stammes- und Familienstrukturen in Frage, sondern auch die Grundlagen des Kuraischitischen Wohlstandes.

Mohammed wurde also in seiner sehr oligarchisch geprägten Heimatstadt Mekka von seinem eigenen Stamm verspottet, bekämpft und verfolgt, weil er eine echte Revolution gegen die Interessen der Kuraischiten auf mehreren Gebieten entfachte: religiös, da er eine neue Religion verkündete, die alle heidnischen, polytheistischen Religionen ersetzen und die jüdische und christliche berichtigen sollte; politisch, weil eine neue Ordnung etabliert werden sollte, die den Stamm durch eine islamische Gemeinde ersetzen sollte, in der zunächst die Araber (also die Halbinsel) vereinigt werden sollten; wirtschaftlich, weil der Islam auch hier die staatliche und gesellschaftliche Entwicklung bestimmen wollte, wobei eine größere Gerechtigkeit als im alten System angestrebt wurde.

Nach dem Tod seines Ersatzvaters Abu Talib und seiner Frau Hakhiga im Jahr 619, entschloss sich Mohammed am 16. Juli 622, mit einer kleinen Schar von Anhängern und Getreuen aus Mekka zu fliehen und einem Ruf jüdischer und arabischer Stämme der Stadt (“medina”) Yathrib (später Medina) zu folgen, wo er als Friedensstifter agieren sollte (Hedschra, Beginn der islamischen Zeitrechnung). Mohammed war 52, als er seiner Stadt den Rücken kehrte: Ein Prophet, der in seiner Heimat nichts galt. Ein Gescheiterter, der zwei Drittel seines Lebens hinter sich hatte und nicht viel mehr als einige Dutzend Anhänger um sich scharen konnte, die an ihn glaubten. Dass er in dieser Situation nicht an seiner Botschaft verzweifelte und aufgab, grenzt für den Ungläubigen an ein Wunder.

In Medina gab es zu dieser Zeit nicht nur einen, sondern fünf Stämme, die sich gegenseitig befehdeten. Es gab deshalb auch keine oberste politische Instanz und keine Ratsversammlung der Oberen wie in Mekka. Das Erste, was Mohammed in Medina demonstrierte, war das Integrationspotential seiner Offenbarung, da er an Stelle genealogischer Gemeinschaften eine religiöse Vergemeinschaftung verkündete. Deren Nutzen wurde allmählich von den Medinensern erkannt, denn schon nach wenigen Jahren entstand ein Bündnisvertrag (die sogenannte “Konstitution von Medina”), der die Muslime Medinas und die Zuwanderer aus Mekka zu einer religiös begründeten Gemeinschaft, der “Umma”, zusammenschloss.

Bald aber ging Mohammed einen Schritt weiter, denn nun forderte er in Medina Gehorsam gegen Gott und seinen Gesandten: “Und gehorchet Gott und seinem Gesandten und streitet euch nicht” (Sure 8 Vers 46, 47, 33). Da die Medinenser dieser Aufforderung Folge leisteten, hatte Mohammed sein Ziel erreicht: Er hatte einen staatsbildenden, dritten Monotheismus begründet und eine welthistorische Revolution eingeleitet. Diese Revolution war alleine das Werk Mohammeds mit seiner großen Ausstrahlungskraft. Er konnte sie aber dennoch nur realisieren, weil seine Botschaft mit ihrem Friedensappell (“Streitet euch nicht”) Sinn stiftete in einer nicht funktionierenden Gesellschaft, die sich aus verschiedenen genealogischen Gemeinschaften zusammensetzte.

In dieser Phase entsprach die Umma, die islamische Gemeinde, durchaus einer Theokratie, einer Gottesherrschaft. Als Prophet Gottes sorgte Mohammed dafür, dass der göttliche Wille auf Erden befolgt wurde. Dennoch, oder gerade deswegen, finden sich im Koran keine klaren Aussagen darüber, wie die Umma politisch organisiert werden sollte. Er geht über vage Anweisungen nicht hinaus. So werden die Gläubigen etwa an einer Stelle dazu aufgerufen, sich vor wichtigen Entscheidungen untereinander zu beraten. Dieses Prinzip, auf arabisch schura, nehmen reformorientierte Muslime heute als Beleg dafür, dass demokratische Elemente bereits im Koran angelegt und deswegen mit dem Islam vereinbar seien.

Von nun an nahm Mohammed in Medina die Stellung eines Staatsoberhauptes im Kleinen ein. Für den Religions-Stifter begann eine Zeit des Aufbaus seines neuen Reiches. Es ging Mohammed neben der Erfüllung seiner religiösen Aufgabe vor allem darum, für seine Emigrationsgefährten, die Muhadschirun (die Auswanderer) und seine neuen Verbündeten von Yatrib, die Ansar, ein gemeinsames Leben in gutem Einverständnis zu sichern und eine Einheit des Glaubens zu schaffen: Er betrachtete die ihm zuteil gewordene Offenbarung als Vollendung derjenigen, mit der Gott einst Moses und vor ihm Abraham, den gemeinsamen Ahnherrn der Juden und Araber, begnadet hatte.

Nichtmuslime vermögen leicht einzusehen, dass die trotz aller Verschiedenheit bestehenden Gemeinsamkeiten zwischen dem Koran und dem Alten Testament auf die Gespräche zurückgehen, die Mohammed und seine Freunde mit den Juden Medinas geführt haben. Äußeres Zeichen für die zunächst bestehende Nähe dieser dritten “Buchreligion” zu ihren Vorgängern war die von Mohammed zu Anfang angeordnete Ausrichtung beim Gebet nach Jerusalem. Noch die erste Moschee in Medina war mit der Stirnseite nach Jerusalem ausgerichtet, wohin sich die Gläubigen auch verneigten. Aber weil Mohammed von den Juden nicht als Prophet anerkannt und seine Lehren nicht akzeptiert wurden, kam es zum Bruch. Mohammed unterstellte jedoch Juden und Christen eine Verfälschung der Heiligen Schriften durch spätere Generationen. Sie hätten dort nach eigenem Gutdünken Texte eingefügt oder entfernt. Er gab die koranische Version des biblischen Stoffes als allein authentisch aus, proklamierte eine neue, von ihren Vorläufern losgelöste, verselbstständigte Religion und veränderte die Gebetsrichtung in Richtung Mekka.

Den Juden warf Mohammed vor, Jesus als einen Propheten Gottes abzulehnen, damit würden sie einen gewichtigen Teil der Wahrheit unterschlagen. Die Christen wiederum würden Jesus zu einem “Sohn Gottes” machen und außerdem noch den “Heiligen Geist” zu einer dritten Erscheinungsform des Göttlichen erklären. Gott aber in drei Formen, dies sei der erste Schritt zur Vielgötterei.

Mohammed beanspruchte auch den Stammvater Abraham ganz für sich, indem er ihn zum Ur-Muslim erklärte. Er behauptete, Abraham habe einst den schwarzen Stein in die Kaaba von Mekka gebracht und dort gebetet. Abrahams Name wird in 25 der 114 Koran-Suren erwähnt. Der Koran gebietet den Muslimen, dem Glauben Abrahams zu folgen: “… Abraham war weder Jude noch Christ, doch er war fest im Glauben und er war kein Götzendiener.” Damit erhebt Mohammed den Islam nicht nur zur Vollendung, sondern zum Ursprung aller monotheistischen Religionen.

Eine weitere Aufgabe, die Mohammed zu lösen hatte, bestand darin, das materielle Leben der Gemeinschaft zu sichern und sie moralisch im Kampf zusammenzuschweißen. Auch galt es, den Kuraischiten, welche die Bildung der feindlichen Zelle in Medina beunruhigte, so lange Widerstand zu leisten, bis sie in den neuen Staat eingefügt werden konnten. Die kriegerischen Zwischenfälle, von denen die Überlieferung so gern eingehend berichtet, setzten einerseits die alte Gewohnheit der Stammeskämpfe und Beutezüge fort, leiteten aber zugleich den Dschihad, den “Heiligen Krieg” der kommenden Zeit ein. Im Jahre 630 schließlich konnte Mohammed nach Mekka zurückkehren. Der alte Kult wurde abgeschafft, die Götzen in der Kaaba zerstört, die Kuraischiten unterwarfen sich, aber es gab keine Vergeltungsmaßnahmen. In Mekka hielt er auch seine letzte Rede, denn, kaum nach Medina zurückgekommen, erkrankte er und starb (632 n. Chr.).

Solange Mohammed lebte, wurden die Probleme von ihm selbst gelöst, das betraf sowohl die Religion als auch die Politik, Gesellschaft usw. So waren bereits in dieser frühen Phase Religionsgemeinschaft (arab. umma) und Staat prinzipiell eins. Deshalb wurde keine gesonderte Institution, keine Kirche, gegründet und diese Umstände führten auch dazu, dass der Islam – wie das Judentum, aber im Unterschied zum Christentum – eine Gesetzesreligion wurde: Alle Regelungen, die der Prophet als Staatsoberhaupt zu treffen hatte, galten von Anfang an als heilig und wurden so zu ewig gültigen, unabänderlichen Normen.

Dadurch ist der Islam deutlich mehr als andere Religionen – er ist auch der Entwurf einer Gesellschaftsordnung. Im Islam fehlt die Trennung zwischen Religion und weltlicher Macht von Anbeginn: Während christliche Gesellschaften über Jahrhunderte hinweg ganz selbstverständlich akzeptierten, dass es zwei Autoritäten gab, Gottes Stellvertreter und den Kaiser, war Mohammed von Anafang an Interpret des wahren Glaubens und weltlicher Herrscher in einem. Eine Trennung von Staat und Kirche ist zumindest im Ur-Islam undenkbar.

Der Kaufmannssohn feierte bereits zu Lebzeiten große militärische und politische Erfolge. Er schuf in Medina ein neues Gemeinwesen und eroberte dann auch seine Heimatstadt Mekka, aus der er hatte fliehen müssen. Er kommandierte Armeen, erhob Steuern, übte Rechte aus. Als er 632 verstarb, umfasste seine Gemeinschaft rund 104.000 Mitglieder.

Der Werdegang des Propheten Mohammed vollzog sich also in zwei Phasen. In der ersten Phase, in den Jahren, die er in seiner Geburtsstadt Mekka (570-622 n. Chr.) verbrachte, stand er in Opposition zu den heidnischen Herrschern. In der zweiten Phase, nach seinem Umzug von Mekka nach Medina (622-632), war er der Herrscher der Gemeinschaft. Diese beiden Phasen, die des Widerstands und die der Herrschaft, spiegeln sich im Koran wieder, in dem die Gläubigen in unterschiedlichen Versen und Suren einmal dazu angehalten werden, Gottes Stellvertreter auf Erden zu gehorchen, und dann wieder dazu, dem Pharao – Sinnbild des ungerechten und tyrannischen Herrschers – den Gehorsam zu verweigern.

Es ist für uns heute schwierig, einen Mann richtig zu beurteilen, der Stifter einer großen Religion wurde und doch zugleich tief in seiner Zeit verwurzelt war. Für den wahrhaft gläubigen Muslim ist er der Prophet Allahs, der Mittler, der dazu ausersehen war, den Menschen die Offenbarung zu bringen. Auch als Nichtmuslim muss man in diesem Mann eine überragende Persönlichkeit sehen, die mit der Kraft der Leidenschaft und mit unbestreitbarer Aufrichtigkeit das moralische und geistige Niveau der Menschen seines Lebenskreises zu heben suchte und die es verstand, ihre Botschaft dem Charakter und den Überlieferungen dieser Menschen mit so viel Verständnis und politischem Talent anzupassen, dass sie Lebenskraft gewann.

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Bild 4: Das Reich des Islam

Im Islam sind die sogenannten “vier Rechtsquellen” maßgeblich: Koran, Sunna, übereinstimmende Meinung der Rechtsgelehrten (Konsens) und Analogieschluss.Der Koran

Der Koran ist das heilige Buch, Grundlage und Stiftungsurkunde des Islam. Das arabische Wort “Qu’ran” bedeutet etwa “Lesung/Rezitation/Vortragstext”. Der Koran ist also Vortrag, vorgetragene Lesung. Nach islamischer Vorstellung handelt es sich dabei um das dem Propheten Mohammed zwischen 610 und 632 teils in Mekka, teils in Medina offenbarte Wort Gottes, das durch den Erzengel Gabriel übermittelt wurde. Alljährlich rief sich der Prophet den Wortlaut und die Reihenfolge der offenbarten Verse im Monat Ramadan erneut ins Gedächtnis, indem er sie vor dem Engel Gabriel noch einmal rezitierte. In dem Jahr, in dem er starb, rezitierte Mohammed den gesamten Koran sogar zweimal.

Zu Lebzeiten Mohammeds pflegten seine Begleiter die verkündeten Offenbarungen auswendig zu lernen oder auch schriftlich festzuhalten. Ausnahmslos alle Gefährten des Propheten kannten zumindest Teile des Korans, da diese während der gemeinsamen Gebete ständig rezitiert wurden. Da Mohammed weder lesen noch schreiben konnte, diktierte er die Offenbarungen an insgesamt 43 Sekretäre, die teils auf Stein, teils auf Holz, auf Leder oder auch Papyrusblätter schrieben. Zur Zeit des ersten Kalifen Abu Bakr wurden die einzelnen Suren gesammelt, geordnet und in die abschließende Form eines Buches gebracht. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Suren an unterschiedlichen Orten untergebracht. Der dritte Kalif Otman ließ den Koran sieben Mal vervielfältigen und in die Zentren des Islam schicken. Zwei der Orginalausgaben befinden sich heute in Istanbul und in Taschkent.

Der Koran ist in arabischer Sprache verfasst und besteht aus 114 Suren. Die meisten Suren (92 von 114) wurden in Mekka geoffenbart. Sie sind kurz, scharfsinnig, ja feurig und voll prophetischen Gedankengutes, Ausdruck der kämpferischen Zeit Mohammeds in seiner Vaterstadt. Thematisch zielen sie in ihrer Mehrheit darauf, die Sendung des Propheten zu bestätigen und die Gegner durch Bilder der Furcht zu überzeugen: von der Einzigkeit Allahs, seinen Attributen oder Eigenschaften, den moralischen Pflichten des Menschen und schließlich der Belohnung oder Bestrafung am Jüngsten Tag. Die restlichen 22 Suren, in Medina unter anderen Verhältnissen geoffenbart, sind Ausdruck des Siegers und Gesetzgebers, daher ihre Länge, die ungefähr die Hälfte des Korans ausmacht. Sie enthalten die verschiedenen islamischen Gesetze (oder deren Grundlagen) über Gebete, Fasten und Wallfahrt sowie Gebote und Verbote für alle Bereiche des Erdenlebens, die von Bedeutung waren. Die Offenbarungen, die über einen Zeitraum von 22 Jahren erfolgten, lassen sich historisch gliedern, was manche Aussagen widersprüchlich erscheinen lässt aufgrund der divergierenden Schwerpunkte. Diese widersprüchliche Haltung ist vermutlich auf den Unterschied im Sozialgefüge zwischen Mekka und Medina zurückzuführen und sorgt bis heute für Dispute und voneinander abweichende Interpretationen.

Die Vielfalt möglicher Interpretationen wurde in der islamischen Theologiegeschichte zumeist als göttliche Gnade und Beleg für den inneren Reichtum der Offenbarung empfunden. Die Anordnung der Suren, mit Ausnahme der ersten Sure, erfolgt einfach nach ihrer Länge: Sure 2 ist die längste, Sure 114 die kürzeste [4]. Die Suren sind in Reimprosa abgefasst und stellen das älteste arabische Prosawerk dar. Sie decken den gesamten Lebensbereich im Islam ab und sind allein aus diesem Grund auch politisch zu verstehen. Von den 6.236 Versen (mit 77.437 Wörtern) des Korans beinhalten etwa 500 rechtliche Regelungen in den unterschiedlichsten Rechtsbereichen. Allah kommt im Koran 2.685 mal vor. Er besitzt 99 Eigenschaften, in der Theologie Attribute genannt, an die die 99 muslimischen Rosenkranzkügelchen erinnern.

Der Koran gilt als unnachahmliches, übermenschliches Meisterwerk. Als besondere Leistung gilt es, den Koran in Koranschulen auswendig zu lernen, wobei es weniger darauf ankommt, den Inhalt zu verstehen, als die arabischen Laute, die Gottes Wort sind, auswendig zu können. Übersetzungen gibt es lediglich als Verdeutlichung, da Arabisch als Gottes Sprache gilt, weil Gott sich Mohammed auf Arabisch offenbart hat. Der Koran existierte lange Zeit nur in Arabisch, wodurch die arabische Sprache erst ihre weltweite Verbreitung fand. Arabisch bietet aber auch einen politischen Sprachschatz, der zur Abgrenzung gegenüber westlichem Dominanzstreben genutzt werden kann.

Was zu Lebzeiten Mohammeds noch ständige Erklärung und Anpassung an die wechselnden äußeren Umstände erfahren konnte, wurde nach seinem Tod als unabänderlich anerkannt, seiner Auslegung nur ein begrenzter Spielraum zugestanden. Die wichtigste Konsequenz für einen Muslim aus dem Koran als Wort Gottes ist, dass Gott und nur er – nicht etwa Mohammed oder ein anderer – der eigentliche Gesetzgeber ist, der prinzipiell mit seinen Anweisungen nichts im Leben unbeeinflusst lässt. Dadurch ist eine Trennung von Religion und täglichem Leben nicht möglich, im Gegenteil zu westlichen Vorstellungen bilden im Islam Religion und Staat (“din wa daula”) eine feste Einheit. Hieraus ergibt sich heute für islamische Fundamentalisten die logische Konsequenz der Wiedereinführung der Scharia, des islamischen Rechts, das infolge der Kolonialisierung im 19. Jahrhundert weitgehend durch europäische Codici abgelöst worden war. Da der Islam der Ausdruck des Willen Gottes, also der einzigen Wahrheit ist, die nicht diskutiert werden kann, kann sich kein Muslim außerhalb dieser Wahrheit stellen. Wer vom Glauben abfällt oder sich als Atheist bekennt, liefert sich dem Prinzip des “ridat” aus, d. h. es ist nicht nur erlaubt, sondern geboten, denjenigen umzubringen. Die gegen Schriftsteller wie Salman Rushdie und Nagib Machfuz ausgesprochenen Todesurteile sind Konsequenzen solcher rigoroser Schriftauslegung.

Die Sunna / die Hadithe

Neben dem Koran sind die Hadithe der zweite Grundlagentext der islamischen Religion. Zwischen den beiden Schriften besteht insofern ein grundsätzlicher Unterschied, als der Koran laut der orthodoxen Glaubenslehre das authentische Gotteswort ist, das durch den Erzengel Gabriel dem Propheten offenbart wurde. Die Hadithe dagegen sind nicht Gottes, sondern Mohammeds Aussprüche und Taten. Da aber der Prophet nach Auffassung der Theologen in allem unfehlbar war, was seine religiöse Sendung betraf, konnte sein Reden und Tun als direkt von Gott geleitet gelten. Ein Hadith ist demzufolge der Ausdruck des göttlichen Willens, der sich entweder in einer Handlung oder einem Ausspruch des Propheten selbst manifestiert oder aber in einer Handlung oder Aussage, die seine Zustimmung fand. Weil die Hadithe nicht Gottes eigenes Wort repräsentieren, sind sie den Koranversen untergeordnet; doch gelten auch sie als eine Form der göttlichen Offenbarung und demzufolge als eine verbindliche Basis für die islamische Lehre und die Lebens- und Glaubenspraxis der Muslime. Tatsächlich ist der Großteil der diesbezüglichen Vorschriften aus den Hadithen und nicht aus dem Koran abgeleitet. Dieser vermittelt mehrheitlich die umfassenden Lehren über Gott, den Menschen und das Universum; deren detaillierte Übertragung auf die Lebenswelt jedoch findet sich in den Hadithen. So beschränkt sich der Koran auf die Erwähnung der Pflicht zum regelmäßigen Gebet; die Hadithe informieren über die genaue Art und Weise, wann und wie die Gebete zu verrichten sind.

Die in den Hadithen entworfenen Glaubens- und Verhaltensregeln werden kollektiv als Sunna bezeichnet. Wörtlich bedeutet das arabische Wort “Weg”, in übertragenem Sinn auch “Brauch”. Im ersten Jahrhundert islamischer Zeitrechnung bezeichnete der Begriff die richtige Lebenspraxis der gesamten muslimischen Gemeinde, doch nach und nach verengte sich seine Bedeutung allein auf die exemplarische Lebensführung des Propheten; in diesem Sinn wird er auch heute verstanden. Vom 8. Jahrhundert an wurden diese Traditionen in Büchern zusammengestellt, nachdem Stücke vor allem auf Papyrus in sehr begrenztem Umfang schriftlich fixiert worden waren. Bis zu einer Million Hadithe zirkulieren in sechs kanonischen Büchern [5]: ein Sammelsurium von teilweise dubiosen Erzählungen und durchsichtig parteilichen Auslegungen von Mohammeds Worten. [6] Rund 9.000 werden gemeinhin anerkannt, auch davon sind mit einiger Sicherheit viele Fälschungen und wurden in offen tendenziöser oder sektiererischer Absicht nachträglich verfasst. Doch als die Hadithe im 8. und 9. Jahrhundert niedergeschrieben wurden, war eine Unterscheidung in authentisches und untergeschobenes Material kaum mehr möglich. Deshalb versucht sich jeder Hadith selbst dadurch zu rechtfertigen, dass er die ganze Überlieferungskette (die Isnad) von Gewährsmännern bis zurück zum Propheten angibt. Dementsprechend besteht jeder einzelne Hadith aus zwei Teilen: der Überlieferungskette (A hörte von B, dieser von C, etc.) sowie dem eigentlichen Text. Die als echt anerkannten Überlieferungen der Sunna werden in drei Gruppen eingeteilt:

  • Die echten authentischen: ursprünglich in ununterbrochener Tradition weitergegebenen Überlieferungen. Sie begründen verbindliche Rechtsnormen, denn die Rechtsgutachten von Muslimen, die den Propheten Mohammed selber noch befragen konnten, sind besonders wertvoll.
  • Die schönen: zwar später allgemein bekannte, zunächst aber nicht in ununterbrochener Tradition weitergegebene Überlieferungen. Sie begründen wegen des Bruchs in der Tradition keine verbindlichen Rechtsnormen.
  • Die schwachen: nur von einzelnen Gewährsmännern weitergegebenen Überlieferungen. Sie begründen unter genereller Anerkennung als Auslegungsregel eine gegenüber der zweiten und erst recht der ersten Gruppe nur abgeschwächte gewisse Wahrscheinlichkeit.

Der Konsens

Der Konsens bezeichnet die Übereinstimmung der Rechtsgelehrten, die nach dem Tode von Mohammed bei der Feststellung einer bestimmten praktischen Rechtsvorschrift zum Tragen kommt. Die Mehrheit der sachkundigen und kompetenten Gelehrten schreibt der Übereinstimmung einen bindenden und verpflichtenden Charakter zu. Die Gelehrten berufen sich dabei auf die überlieferten Aussagen und Handlungen des Propheten. Auch der Koran (Sure 4,59-83) betont den hohen Stellenwert der Gemeinschaft und bestätigt somit die fundamentale Wichtigkeit der übereinstimmenden Meinung qualifizierter Gelehrter.

Der Analogieschluss

Der Analogieschluss ist das System analoger Deduktionen auf der Grundlage von Koran, Sunna und übereinstimmender Meinung der sachkundigen Rechtsgelehrten. Die Analogie führt dadurch zur Festlegung der anzuwendenden Rechtsnorm, dass sie in den Grundlagen des Gesetzes Vorschriften oder Entscheidungen ausfindig macht, die eine Ähnlichkeit mit dem vorliegenden Fall aufweisen und damit ihre Anwendbarkeit im vorliegenden Fall rechtfertigen.

Gebet

Vor dem rituellen Gebet reinigen sich die Muslime durch rituelle Waschungen. Zudem müssen sie dafür sorgen, dass ihre Kleider und der Ort, an dem sie beten, ebenfalls sauber sind. Der Gläubige wendet sich gen Mekka (1) und richtet seine Gedanken auf die nun erfolgende Zwiesprache mit Gott. Er hebt beide Hände neben den Kopf (2) und spricht “Allahu akbar” – Gott ist groß. Nun legt er die Hände vor dem Bauch zusammen (3) und rezitiert die erste Sure des Koran (die fatiha), die mit der basmala beginnt: “Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes”. Danach spricht er leise noch eine weitere Sure des Koran, zumeist die 112. Die Handhaltung der Frauen weicht bei (2) und (3) geringfügig von jener der Männer ab. Der Gläubige verneigt sich. Die Handflächen berühren dabei seine Beine etwas oberhalb der Knie (4) und er spricht abermals “Allahu akbar” sowie dreimal “Ruhm und Preis meinem Gott, dem Allmächtigen”. Danach richtet er sich wieder auf sagt: “Möge Gott den hören, der ihn preist. Dir, mein Herr, die Lobpreisungen”. Der Gläubige lässt sich mit einem erneuten “Allahu akbar” auf die Knie nieder (5), berührt mit der Stirn den Boden und spricht: “Ruhm sei Gott, dem Höchsten”. Er setzt sich auf der Fersen (6) und spricht abermals “Allahu akbar”, dann: “Mein Gott, vergib mir, erbarme dich meiner”. Dann berührt er wieder mit der Stirn den Boden. Damit ist ein Gebetsabschnitt (rakaa) abgeschlossen, und der Gläubige verharrt auf den Fersen sitzend. Bevor er eine zweite rakaa beginnt, zitiert er erneut die erste Sure. Je nach Tageszeit bestehen die Gebete aus zwei bis vier Abschnitten. Am Ende der Zwiesprache mit Gott spricht der Gläubige dass Bezeugungsgebet, das mit den Worten endet: “Es gibt keinen Gott außer Gott; und ich bezeuge, dass Mohammed der Gesandt Gottes ist”. Abschließend entbietet der Betende einen Gruß nach recht und links (7): “El-salam alleikum!” – Der Friede sei mit euch und die Barmherzigkeit Gottes. Mit dieser Geste zeigt der Gläubige, dass er Teil der muslimischen Gemeinde ist.

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Bild 5: Das Gebet

Die Scharia

Im Islam umfasst die Scharia die das Leben eines Gläubigen bestimmenden Gesetze und Regelungen. Da der Koran von den Gläubigen fordert, in allen Bereichen des Alltags dem Wort Gottes zu folgen, kennt der Islam keine Trennung zwischen religiösem und weltlichem Recht: Die Scharia umfasst über 52 Bereiche der unterschiedlichsten Art – von den Riten über Reiten und Bogenschießen zu den Rechtsgebieten u.a. des Familien-, Erbschafts-, Wirtschafts-, Verwaltungs-, Straf- oder Prozessrechts. Das Strafrecht bildet also nur einen dieser 52 Bereiche. Von daher kann man das Strafrecht der Scharia als gewichtigen, nicht aber als abschließenden Maßstab für die Bewertung der Scharia nehmen, obwohl vom Umfang der strafrechtlichen Regelungen her dieses Gebiet rund drei Fünftel des islamischen Gesetzes ausmacht.

Grundlage der Scharia sind zuvorderst der Koran und die Sunna, die Lebenspraxis des Propheten. In allen strittigen Fragen, in denen diese Quellen keine Lösung bieten, gilt die Übereinstimmung der Rechtsgelehrten (idschmâ) als maßgeblich. Als vierte Grundlage dient der Analogieschluss (qiyâs), der auf den ersten drei Grundlagen beruht.

Die Scharia ist das arabische Wort für “der deutliche, gebahnte Weg” (zur Tränke), ist der Sammelbegriff für islamische Lebensregeln, religiöse Pflichten und das religiös begründete, auf Offenbarung zurückgeführte Recht des Islam. Es regelt nicht nur Rechtsfragen, z. B. Ehe- oder Strafrecht, sondern beinhaltet auch Kultvorschriften, Normen der Sozialethik und stellt somit eine umfassende Lebensordnung dar. Strafmündig ist im Islam jeder, der geschlechtsreif ist: Mädchen sind es mit neun, Jungen mit 15 Jahren. Mit der Neugründung islamischer Nationalstaaten hat sich fast überall ein modernes Zivil- und Strafrecht gegenüber der Scharia durchgesetzt, jedoch wird sie in vielen Staaten auch heute noch in vielen Bereichen des öffentlichen Rechts angewandt. Neben dem Iran greifen unter anderem auch Mauretanien, Pakistan, der Sudan, Saudi-Arabien, der Jemen, Afghanistan und seit 1999 zwölf von 36 Provinzen Nigerias auf das islamische Rechtssystem zurück.

Was das islamische Recht im Einzelnen beinhaltet, haben die Rechtsgelehrten herausgearbeitet und in jeweils nach Möglichkeit zusammenhängende Systeme gefasst. Die fünf wichtigsten Kategorien, mit denen diese Systeme menschliche Handlungen einteilen, sind: das zwingend gebotene oder verpflichtende Handeln (wadschib, mitunter auch fard), deren Unterlassung gerügt bzw. Bestraft wird, und zwar in der Regel im Jenseits; das empfohlene oder lobenswerte Handeln (mandub), die besondere Frömmigkeit und Gehorsam gegen Gott erkennen lässt und im Jenseits belohnt wird; Handlungen, die erlaubt und im Hinblick auf die sittliche Bewertung indifferent sind (mubah), Handlungen, die missbilligt und verabscheuenswert , aber rechtlich nicht verboten sind (makruh) und schließlich Handlungen, die verboten sind (haram) und die zur Bestrafung im Diesseits oder/und Jenseits führt. Haram meint alles, was Gott absolut verboten hat. Hierzu gehören: Diebstahl, Ungehorsam gegenüber den Eltern, Angriffe auf das Leben, die Ehre und das Eigentum anderer, Lügen, Betrug, Glückspiel, Genuss von Schweinefleisch, Blut, Alkohol. Es zieht Gottes Strafe im Jenseits und die gesetzliche Strafe im Diesseits nach sich. Alles, was nicht verboten ist und daher einer der anderen vier Kategorien zuzuordnen ist, wird auch als “erlaubt” (halal) bezeichnet. Zu den zwingend gebotenen Handlungen zählt vor allem die Praktizierung der fünf kultischen Pflichten.

Die praktische Anwendung des islamischen Gesetzes im Leben obliegt den einzelnen Gläubigen und der Gemeinschaft. Von Amts wegen haben die Gesamtleiter der islamischen Gemeinschaft und die Richter die Aufgabe, das Gesetz zur Anwendung zu bringen. Ihnen steht als Beratungsinstanz der Rechtsgelehrte zur Seite.

Die Fatwa

Die Fatwa ist ein religiöses Rechtsgutachten, das auf Anfrage von einem islamischen Rechtsgelehrten ausgestellt wird und Antwort darauf geben soll, was im Islam Recht und was nicht Recht ist. Eine Fatwa kann nur abgeben, wer durch ein Studium in islamischer Theologie und Jurisprudenz qualifiziert ist. Diese so genannten Muftis sind hoch angesehen und gelten in der Bevölkerung als zuverlässige Gelehrte. Mehrheitlich sind sie Privatgelehrte, die unabhängig vom staatlichen Justizsystem wirken, deren Funktion aber vielfach eng mit dem staatlichen Justizsystem verknüpft ist. In der Theorie ist die Meinung der Muftis bindend, jedoch fehlen Institutionen, die diese Rechtsmeinung durchsetzen, weshalb sie des öfteren ignoriert werden. Für die Rechtssprechung hat eine Fatwa die Bedeutung eines Gesetzes, trägt allerdings nur empfehlenden Charakter, ist also nicht rechtsverbindlich und kann daher weder “verhängt” noch zwangsweise vollstreckt werden. Sie soll religiös relevantes Wissen vermitteln und in allen Lebenslagen Anleitung zu einer islamischen Lebensführung geben.

Eine der bekanntesten Fatwas stammt von dem iranischen Revolutionsführer Ajatollah Ali Chomeini. In ihr wurden am 14. Februar 1989 alle Muslime zur Ermordung des Schriftstellers Salman Rushdie aufgefordert, da Chomeini Rushdies Roman “Die satanischen Verse” für blasphemisch befand und nach islamischem Recht Abtrünnige vom muslimischen Glauben dem Tode verfallen.

Ein Beispiel ist die berüht/berüchtigte “Kamel- Fatwa” aus Hessen aus dem Jahr 2000 durch den Vorsitzenden der Islamischen Religionsgemeinschaft Hessen (IRH): Demnach sollen muslimische Mädchen und Frauen in Hessen nicht mehr an Klassen- oder Studienfahrten teilnehmen, die weiter als 81 Kilometer führen. “Eine mehrtägige Reise mit Übernachtung außerhalb der elterlichen/ehelichen Wohnung ist für muslimische Frauen ohne die Begleitung eines Mahram (enger männlicher Verwandter) nicht erlaubt und verstößt gegen islamisches Recht”, befand Amir Zaida. Dabei beruft er sich auf den Propheten Mohammed, der bestimmt habe, dass eine Frau eine “Tages- und Nachtreise” nicht ohne Mahram zurücklegen dürfe. “Die Entfernung schätzen die islamischen Gelehrten heute auf ca. 81 Kilometer”, heißt es in der Fatwa. Bei dieser Entfernungsangabe handelt es sich um die Strecke, die eine Kamel-Karawane zu Zeiten des Propheten innerhalb von 24 Stunden zurücklegen konnte. Konkret bedeutet dies aber auch, dass muslimische Frauen höchstens im näheren Umkreis arbeiten dürfen oder niemals allein Verwandte in einer entfernteren Stadt besuchen können.

Der Dschihad (Jihad)

Der Dschihad stellt einen im Koran und im Leben des Propheten unübersehbaren Auftrag dar. Gleichwohl bildet er, außer bei den Schiiten und einigen islamistischen Bewegungen, keine “sechste Säule des Islam”. Nach dem klaren Schriftbefund im Koran heißt Dschihad an mehr als 80% der Fundstellen “einen Krieg um des Glaubens willen führen”. Darüber hinaus rufen die Verse 5 und 29 der neunten Sure des Korans, die als zeitlich letzte und damit alle anderen interpretierende Sure gilt, dazu auf, die Ungläubigen aktiv zu bekämpfen und, falls sie sich nicht ergeben und Muslime werden, zu töten. Die Vorstellung, dass die im Glaubenskrieg Gefallenen – nach islamischer Terminologie Märtyrer – unmittelbar ins Paradies eingehen, ist schon im Koran enthalten (Sure 3, 169; 2, 14; 22,58).

Dschihad heißt wörtlich “Anstrengung bei der Abwehr von etwas/jemanden” und übertragen das “Streben, der Kampf auf dem Pfad Gottes” und ist eines der am meisten missgedeuteten und missverstandenen Konzepte des Islam. Es schließt alle Taten ein, die entweder der Verteidigung des Islam oder der Förderung seiner Sache dienen. Man unterscheidet zwei Formen des Dschihad: den “größeren” (al-jihad al-akbar) und den “kleineren” (al-jihad al-asghar). Der größere Dschihad heißt auch Jihad al-nafs und bezeichnet den inneren, geistigen Kampf des Einzelnen gegen die niedrigen Regungen der eigenen Seele, gegen Laster, Leidenschaft und Unwissenheit. Diese Ansicht stützt sich auf ein Hadith, das allerdings in die sechs gemeinhin als kanonisch bezeichnete Sammlungen der Sunniten, die als zuverlässig gelten, keinen Eingang gefunden hat. Die meisten Muslime verstehen unter Dschihad den Einsatz für eine gute Sache. Jede Anstrengung wird als Dschihad bezeichnet, vor allem wenn damit Entbehrungen verbunden sind, wie etwa beim Universitätsstudium.

Der kleinere Dschihad bezeichnet den “Heiligen Krieg” gegen Ungläubige. Voraussetzung für diesen Dschihad ist, dass Gläubige (das schließt Juden und Christen ein) an der Ausübung ihrer Religion gehindert werden. Also darf nicht jeder Krieg, nicht einmal jeder Verteidigungskrieg, als Dschihad bezeichnet werden. Da der Islam als die letzte, höchste und universalste der von Gott verliehenen Religionen gesehen wird, herrscht die Überzeugung vor, dass der Dschihad so lange geführt werden muss, bis sich alle Völker der Erde dem Islam unterwerfen. In der traditionellen Lehre lag die Verantwortung zur Führung eines Dschihad in den Händen der Obrigkeit. Untertanen mussten dieser folgen, hatten aber selbst kein Recht, einen Dschihad autonom zu führen. Heute wird der Islam von den Muslimen weitgehend als von Hause aus friedfertige Religion dargestellt und die meisten muslimischen Autoren der Gegenwart halten nur noch den defensiven Charakter des Dschihad für erlaubt. Freilich bleibt das Problem dann, wie eigentlich der Verteidigungsfall genau definiert wird.

Wurde also der Dschihad in den Zeiten der Expansion als Rechtfertigung verstanden ähnlich den Kreuzzügen der Christen, so deuten in der heutigen Zeit politische Extremisten alle möglichen bewaffneten Aktivitäten als Dschihad um, obwohl sie sich aus dem traditionellen Dschihadkonzept so nicht rechtfertigen lassen und auch die Mehrheit der muslimischen Gesellschaft ihr Handeln als ungerechtfertigt ansieht. Heute gibt es muslimische Gruppen, die politische Ziele tatsächlich mit gewaltsamen Mitteln anstreben, sich selbst dabei aber nicht primär als Politiker, Krieger oder Terroristen ansehen, sondern sich als konsequente Muslime, ja als die einzig Rechtgläubigen einschätzen und gebärden. Solche Gruppen entwickeln manchmal eine ausgesprochen sektiererische Mentalität. Dazu kommt ein gewisser Fanatismus, der bis zur Selbstaufopferung für die Ziele der Gruppen gehen kann. Freilich geht der Hass von Angehörigen solcher Gruppen wohl mindestens ebenso sehr auf politische und soziale Ursachen zurück wie auf religiöse. Tatsächlich herrschen in zahlreichen islamischen Ländern Massenarmut und andere gravierende soziale Missstände, verursacht durch den repressiven Regierungsstil, die Misswirtschaft und die Korruptheit örtlicher politischer Führungen, aber auch durch bis heute spürbare Folgewirkungen europäischer Kolonialherrschaft, durch eine die westlichen Industrienationen begünstigende Weltwirtschaftsordnung und durch ein Bevölkerungswachstum, mit dem die Entwicklung neuer ökonomischer Ressourcen nicht Schritt halten kann.

Ein Beispiel für dieses Denken ist Saiyid Qutb (1906-1966). Nach seiner Ansicht ist eine künftige Weltfriedensordnung nur dadurch zu erreichen, dass die Muslime zuerst einmal in einem groß angelegten Dschihad die ganze Welt erobern. Diesen Vorgang preist er als einen zum Wohl der ganzen Menschheit gebotenen revolutionären Befreiungsprozess. Aufbauend auf diesen Überlegungen geschah dann in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts etwas, das die meisten Muslime noch nicht recht begriffen haben. Es entstand eine neue “Schule”, die eine andere Sicht des Islam propagierte. In Ägypten verfasste ein blinder Student an der altehrwürdigen Al Azhar, einer der berühmtesten theologischen Hochschulen des Islam, eine zweitausend Seiten umfassende Dissertation über den Dschihad. Darin behauptet Omar Abdel Rahman, die Überlieferung vom “Kleinen” und “Großen Dschihad” sei erfunden, der Prophet habe so etwas nie gesagt. Dschihad bedeute nur eines, nämlich zur Waffe zu greifen und die Ungläubigen aufzufordern, den Glauben anzunehmen oder sich zu ergeben und muslimischer Herrschaft unterzuordnen. Alle anderen Interpretationen des Dschihads seien nichts als Apologetik und seien aus der Furcht vor übermächtigen Kolonialmächten geboren. Das Gerede von der Selbstläuterung als “Großem Dschihad” sei verwerflich, damit mache man sich nur lächerlich.

Vergleichbar ist die Idee des Dschihad generell mit der Theorie des gerechten Krieges im Westen. So wird das Töten des Feindes durch den Soldaten gerechtfertigt. Wäre dies nicht so, würde er einen Mord begehen, der im Islam als schwere Sünde gilt. Im Umkehrschluss wird natürlich derjenige, der in der gerechten Sache des Dschihad stirbt, zum Märtyrer, dem die Sünden vergeben werden.

Grundlegend weicht der heutige Begriff des Dschihad von den traditionellen Dschihad-Lehren ab in Bezug auf die Privatisierung des Kampfes, die Aggression gegen muslimische Mitbrüder, die nicht der eigenen Lehre folgten, sowie das Selbstmordattentat als Abkürzungsweg ins Paradies. Grundsätzlich können sich Einstellungen zum Dschihad relativ schnell ändern: Als Ajatollah Chomeini 1979 über Schah Reza Pahlevi gesiegt hatte und seinen schiitischen Gottesstaat aufzubauen begann, rückten der Dschihad, der Heilige Krieg und der Märtyrertod an die erste Stelle schiitischer islamischer Tugenden. Mit den Worten: “Je mehr Menschen, vor allem junge Menschen, für unsere Sache sterben, desto stärker werden wir. Die Moslems müssen die Todesfurcht bezwingen, damit sie die ganze Welt bezwingen können”, kündete Chomeini getreu den schiitischen Traditionen am Tage seiner Ankunft im Iran auf dem Teheraner Friedhof Behescht-e-Sahra den Beginn eines “Zeitalters des Märtyrertums” [7] an. Und an die Kinder und Jugendlichen – nach islamischem Gesetz gilt jeder mit Erreichen des zwölften Lebensjahres bereits als volljährig – seines Landes appellierte der unerbittliche Großayatollah: “Der Islam war tot oder starb doch vierzehn Jahrhunderte lang. Wir haben ihn mit dem Blut unserer Jugend belebt. Euer vergossenes Blut wird den Baum des Islam gedeihen lassen. … Bald werden wir Jerusalem befreien und dort beten”. Dies hatte die Konsequenz, dass im achtjährigen ersten Golfkrieg 1980-88 zwischen dem Irak und dem Iran von den ca. 150.000 an den Fronten eingesetzten Schülern Zehntausende von Kindern den Märtyrertod starben. Sie waren aus ihren Familien unter Druck rekrutiert worden. Die “Bassidschi” mussten durch ihren Opfertod auf den Schlachtfeldern u.a. feindliche Minen hochgehen lassen, um so den in ihrem Schutze nachrückenden regulären iranischen Truppen, die sich praktisch hinter den Kindern des Landes versteckt hatten, eine Schneise durch die irakischen Minenfelder zu bahnen. Ihren Leichen und denen der anderen Märtyrer zu Ehren wurde in Teheran der makabre Blutsbrunnen erbaut.

Gesetzblatt der Islamischen Republik Mauretanien

(aus dem Jahre 1984)Artikel 306:

“Jeder Muslim, der sich in Wort oder Tat des Verbrechens schuldig macht, vom Glauben abzufallen … wird aufgefordert, innerhalb von drei Tagen zu bereuen. Bereut er nicht innerhalb dieser Frist, so wird er als Abtrünniger zum Tode verurteilt. Sein Hab und Gut wird zugunsten der Staatskasse konfisziert. … Jeder Muslim, der das Gebet verweigert, wird aufgefordert, der Gebetspflicht innerhalb der vorgeschriebenen Zeit nachzukommen. … Bleibt er bei seiner Weigerung … so wird er mit dem Tode bestraft”. Artikel 307:

“Jeder volljährige Muslim, gleich welchen Geschlechtes, der sich des Ehebruchs schuldig macht, wird öffentlich bestraft, ist er ledig, mit hundert Peitschenschlägen und einem Jahr Gefängnis… Beim verheirateten oder geschiedenen Paar wird in jedem Fall die Todessstrafe durch Steinigung (Radschum) ausgesprochen. Ist die Frau schwanger, so wird die Steinigung oder Geißelung bis zur Niederkunft ausgesetzt”.Artikel 308:

“Jeder volljährige Muslim, der eine unkeusche oder widernatürliche Handlung mit einer Person seines eigenen Geschlechtes begangen hat, wird durch öffentliche Steinigung mit dem Tode bestraft”.Artikel 341:

“Jeder volljährige Muslim, der freiwillig und bewusst Alkohol trinkt, wird mit vierzehn Peitschenhieben bestraft.”Artikel 351:

“Wer in täuschender Absicht etwas nimmt, was ihm nicht gehört, ist des Diebstahls schuldig und wird zur Amputation der rechten Hand verurteilt. … Wird er zum zweiten Mal schuldig, so wird ihm der linke Fuß amputiert. … Begeht er den dritten Diebstahl, so wird ihm die linke Hand amputiert. … Begeht er den vierten Diebstahl, so wird ihm der rechte Fuß amputiert”.

Die Eckpfeiler des Glaubens

Jeder, der sich als Muslim bezeichnet, soll an sechs grundlegende Dinge glauben, nämlich die Einheit Gottes, die Macht der Engel, die Offenbarung, das Prophetentum, die Existenz des jenseitigen Lebens und den Glauben an die Vorherbestimmung. Diese sechs Glaubensgrundsätze sind von einer so zentralen Bedeutung, dass sie “Pfeiler des Glaubens” genannt werden.

1. Einheit Gottes

Die Muslime glauben an die Einheit und Einzigartigkeit Gottes. Der Koran bestätigt an vielen Stellen dieses Wesen Gottes. Exemplarisch soll hier nur die sehr kurze, vollständige Sure 112 mit dem Namen “Der aufrichtige Glaube” angeführt werden:“Sprich: Er ist Gott, ein Einziger, Gott, der Undurchdringliche, Er hat nicht gezeugt, und Er ist nicht gezeugt worden, und niemand ist ihm ebenbürtig.”Dieses Koranzitat zeigt, dass Allah einzig und ewig ist und dass die Menschen Gott zwar über seine Eigenschaften wie Gnade, Gerechtigkeit, Erbarmen, Zorn und dergleichen begreifen, aber sein Wesen letztlich nicht erfassen können. Im Koran wird mehrfach betont, dass Gott keine Gefährtin und keinen Sohn hat. Vielmehr ist er der Schöpfer der Söhne, und eine Gefährtin oder einen Sohn zu haben, stünde im Widerspruch zur Einzigartigkeit Gottes. Die koranische Lehre widerspricht der Auffassung, dass Jesus der Sohn Gottes sei. Vielmehr wird Jesus als einer der großen Propheten Gottes von den Muslimen besonders geehrt und geachtet. Auch der Begriff der Dreifaltigkeit ist mit der islamischen Lehre von der Einheit Gottes unvereinbar und wird im Koran kategorisch verneint. Der Islam weist auch die Vorstellung zurück, dass Gott selbst die Gestalt Jesus angenommen habe, damit die Menschen ihn, Gott, erkennen könnten. Auch widerspricht der Islam der Behauptung, dass Jesus für die Sünden der Menschen am Kreuz gestorben sei.

2. Die Macht der Engel

Engel sind hauptsächlich Wesen, die Gott loben und preisen. Im Auftrag Gottes bewachen und schützen sie die Menschen, verzeichnen deren Taten und sind für den Empfang der Seelen der Toten zuständig. Der berühmteste Engel ist Gabriel, der bei der Offenbarung als Mittler zwischen Gott und Mohammed diente. Eine weitere wichtige Gestalt ist Iblîs, der gefallene Engel (Satan, vgl. Sure 7, 11-18). Er wurde aus dem Paradies vertrieben, weil er Gott den Gehorsam verweigerte. Daraufhin wurde er zum Satan, zum Herrscher über die Hölle, der versucht, die Menschen auf die falsche Bahn zu leiten. Wie viele Engel es gibt, das weiß allein Allah.

Doch vier große Engel unter ihnen sind bekannt: Dschebrail (Gabriel): Ihm obliegt es, den Propheten die Offenbarungen Allahs zu überbringen. Er ist ein Mittler zwischen Allah und seinen Gesandten. Mikail (Michael): Er hat die Aufgabe, bestimmte Naturereignisse auszulösen, wie Wind, Regen und Pflanzenwachstum. Israfil (Raphael): Er ist mit Obliegenheiten betraut, welchen den Anbruch des Jüngsten Tages durch das Blasen der Posaune und die Auferstehung der Menschen am Jüngsten Tag betreffen.

Azrail (der Todesengel): Er ist beauftragt, die Seelen der sterbenden Menschen in Empfang zu nehmen. Außerdem existieren bei jedem Menschen 384 beauftragte Engel. Darunter befinden sich die Schreibengel, die alle Taten der Menschen aufzeichnen und die Schutzengel.

3. Die Offenbarung

Die Propheten offenbarten den Menschen die Worte Gottes in verschiedenen Schriften. Vor dem Koran gab es die Thora (die fünf Bücher Moses), die Psalmen Davids und das Neue Testament Jesu als Schriften echter Offenbarung. Differenzen unter diesen vier Schriften ergeben sich nach islamischer Auffassung dadurch, dass die Menschen nicht immer bereit waren für die vollkommene Offenbarung Gottes und deswegen den Inhalt verfälschten. So wurde Gottes Offenbarung immer vollständiger, bis sie schließlich im Koran gipfelte, der die unabänderliche Fassung der Botschaft Gottes darstellt und gültig ist bis zum Ende der Zivilisationen.

4. Das Prophetentum

Gott berief auserwählte Menschen zu seinen Gesandten und Propheten. Er betraute sie mit der Aufgabe, seine Offenbarungen, die er ihnen zuteil werden ließ, anderen Menschen weiterzuvermitteln und sie die Art und Weise der gottgewollten Lebensführung zu lehren. Nur durch die Gesandten konnten die Menschen Kenntnis über die Eigenschaften Gottes, über seinen Willen und über das Jenseits erhalten. Die Muslime kennen eine Reihe von Propheten, zu denen z.B. Abraham, Moses und Jesus gehören.

Mohammed wird dabei als letzter Prophet gesehen, als Ende, Bekräftigung und Höhepunkt in dieser Reihe. Durch ihn hat Gott die Lehre des Islam für die Menschen zum vollkommenen Abschluss gebracht.

5. Das jenseitige Leben

Nach muslimischem Glauben wird die Welt eines Tages an ihr Ende gelangen. Nach dem Volksglauben gibt es eine Reihe von Zeichen, die diesen Jüngsten Tag ankündigen. Allerdings wird die Erde nicht vollkommen vernichtet, sondern vielmehr gänzlich verwandelt. An diesem jüngsten Tag werden alle Menschen, die je gelebt haben, auferstehen und gerichtet werden. Wer frei von jeder Sünde ist, wird direkt ins Paradies eingehen.

Andere werden einige Zeit in der Hölle verbringen, bis ihre Schuld gesühnt ist. Die Höllenqualen für die Gottlosen und Ungläubigen sind fürchterlich. Das Paradies dagegen ist paradiesisch schön mit allem, was ein Menschenherz erfreut. Nach der Vorstellung der meisten Muslime wird aber keiner der Gläubigen ewig im Feuer verbleiben, sondern irgendwann aus den Höllenqualen errettet.

6. Die Vorherbestimmung

Allah kennt alle Dinge in seiner Schöpfung und er hat die Macht, die Beschlüsse, die er in diesem anfanglosen und endlosen Wissen umfasst und für gut befindet, auch zu verwirklichen. Es gibt keine Macht, die sich seinem Willen entziehen könnte. Deshalb kann nichts gegen seinen Willen geschehen, und alles, was geschieht, geschieht mit seiner Erlaubnis. Dem steht die Wahlfreiheit des Menschen nicht entgegen. Gott hat dem Menschen einen freien Willen gegeben und ihn befähigt, entsprechend zu wählen und zu handeln. Deshalb ist Gott gerecht, wenn er den Menschen am Jüngsten Tag zur Verantwortung zieht.

Die Pfeiler der religiösen Praxis – Die fünf Säulen des Islam

Parallel zu den Pfeilern des Glaubens gibt es gewisse Rituale, die allen Muslimen abverlangt werden:

  • das Glaubensbekenntnis, die shahâda
  • das fünfmal am Tag zu leistende Gebet, die salât
  • das Almosengeben, die zakât
  • das Fasten, die saum
  • die Pilgerfahrt, die hâdsch.

Viele Muslime erkennen zwar die Bedeutung dieser Rituale an, führen sie aber im täglichen Leben nicht oder nicht vollständig durch. Das islamische Recht regelt genau, wann eine solche Pflichtaufgabe entfallen darf, und sieht die Möglichkeit der Kompensation des Versäumten vor. Da diese fünf Pflichten den gläubigen Muslim erst ausmachen, werden sie auch als die “Fünf Säulen des Islam” bezeichnet und oftmals durch einen fünfzackigen Stern symbolisiert (vgl. z.B. die Flaggen von Jemen, Libyen, Marokko, Pakistan, Syrien, Tunesien und Türkei).

Das Glaubensbekenntnis, die Schahada

Nicht Gegenstand des islamischen Rechts, sondern vielmehr Voraussetzung für seine Anwendung auf den Muslim ist die shahâda, das “Zeugnis”. Durch Ablegen dieses Zeugnisses bestätigt der Muslim die Einheit und Einzigartigkeit Gottes und die Aufgabe Mohammeds als Propheten und Überbringer der göttlichen Offenbarung. Die shahâda lautet: “Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist sein Prophet.” Wer nicht schon in die Gemeinschaft der Muslime hineingeboren ist, tritt in sie ein, indem er diese Glaubensformel, die shahada, mit den Worten “Ich bezeuge” aufrichtig und vor Zeugen ausspricht.

Er akzeptiert damit zugleich den Glauben an den Koran als das Wort Gottes, den Glauben an die Engel als Boten und Werkzeuge Gottes sowie den Glauben an den Tag des Jüngsten Gerichts. Nach solchem Bekenntnis gibt es kein Zurück mehr; auf Glaubensverrat steht der Tod. Die schiitische Minderheit fügt dem Glaubensbekenntnis die Worte hinzu: “Ali ist der Freund Gottes”. Die shahada wird täglich mehrmals durch die Gebetsrufer (Muezzins) in den Moscheen verkündet.

Das tägliche Pflichtgebet, die Salat

Neben den Festgebeten und dem Freitagsgebet spielen für den gläubigen Muslim vor allem die alltäglichen fünf Pflichtgebete (salât) in arabischer Sprache eine bedeutende Rolle. Daneben gibt es das private, innerliche Gebet (Dua = Anrufung, Bittgebet). Die salât-Gebete werden unmittelbar vor Sonnenaufgang (in der Morgendämmerung) verrichtet, gleich nachdem die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hat (Mittag), in der Mitte des Nachmittags, gleich nach Sonnenuntergang und nach Einbruch der Dunkelheit..

Die Zeiten des Gebets werden durch den Muezzin ausgerufen. Diese Gebete sind nach Haltung und Inhalt streng ritualisiert. Vor dem Gebet muss sich der Muslim durch rituelle Waschung (wudu) in einen Zustand ritueller Reinheit versetzen. So heißt es in einem Hadith: “Wenn einer sich reinigt und dabei die Waschungen richtig vollzieht, verlassen die Sünden seinen Leib, bis sie schließlich unter seinen Fingernägeln hinausgespült werden”. Dann muss er sich nach Mekka wenden, der Kaaba wegen. Nun folgt eine fest vorgeschriebene Reihe von Gebetsrufen und Bewegungsabläufen, bei der die präzise Ausführung der Körperbewegung genauso wichtig ist wie die begleitend stattfindende geistige Aktivität. Durch das Sprechen der Formel “Allâhu akbar”, “Gott ist sehr groß”, wird jedes Gebet eingeleitet. Der Freitag ist der heilige Tag der Muslime, das sehr beeindruckende Freitagsgebet vermittelt ein Gefühl von Gleichheit und Verbundenheit zwischen allen Gläubigen, die zusammen aufstehen und sich niederwerfen und die gleichen Worte beten, indem sie auf den Vorsteher, den Imam, blicken, der anfangs ihr Kalif, Emir oder Anführer gewesen war. Das Freitagsgebet ist zweiteilig; es enthält eine Unterweisung und am Ende das Gebet für den Herrscher. Männer und Frauen bleiben für gewöhnlich getrennt; die Frauen nehmen hinter den Männern oder in einem abgeschirmten Teil der Moschee am Gottesdienst teil.

Das vorgeschriebene Almosen, die Zakat

Als dritte Säule tritt das Almosengeben hinzu, sei es freiwillig (Sadat), sei es als religiöse Pflicht (zakat) zur Unterstützung der Bedürftigen, Witwen, Waisen, zur Ausrüstung der Freiwilligen für den Heiligen Krieg (Dschihad), für Sklaven, die sich freikaufen wollen, für notleidende Reisende und für Schuldner, die durch Schulden für ein gutes Werk Not leiden. Auch ist die zakat (wie in Pakistan) zum Aufbau religiöser Schulen verwendet worden. Jeder Muslim ist einmal im Jahr verpflichtet, einen gewissen Prozentsatz seines Vermögens als Almosen zu geben. Ganz wie im Gebet muss auch hier eine spezielle Form eingehalten werden, um den rituellen Charakter des zakâts zu unterstreichen. Das Almosengeben soll also der Anbetung Gottes dienen und zugleich den Unterschied zwischen Arm und Reich verringern. Welche Summe zu zahlen ist und wer wie viel davon erhalten soll, ist aber ein ständiger Konfliktpunkt unter den Rechtsgelehrten, und so gibt es viele verschiedene Ausübungsformen dieses Rituals. Ursprünglich eine freie, fromme Übung, wurde sie allmählich zu einer regelrechten Steuer, die einmal pro Jahr von allen erwachsenen Muslimen zu zahlen ist. Ansätze dieser Entwicklung gehen schon auf die medinische Zeit des Propheten zurück, in der er eine Art Staatskasse benötigte. Im Allgemeinen beträgt das Almosen 2,5 Prozent des Einkommens pro Jahr und wird allen Arten von Vermögen auferlegt. Mit der Einziehung der Steuer sind Beamte beauftragt. Die zakat ist, wenn sie richtig durchgeführt wird, durch eine gerechte Besteuerung der Reichen und Fürsorge für die Armen ein Schutzmittel gegen Kapitalismus und Kommunismus.

Das Fasten im Monat Ramadan, der Saum

Der neunte Monat im islamischen Kalender ist der Fastenmonat Ramadân. Dieser richtet sich nach dem Mondjahr, das mit zwölf Monaten zu abwechselnd 29 und 30 Tagen, insgesamt nur 354 Tage hat. Dadurch verschiebt er sich gegenüber dem Sonnenkalender (365 Tage) jährlich um 11 Tage. Der Ramadan beginnt also jedes Jahr früher. Er wurde aus vielen Gründen zum Fastenmonat erkoren. Er erinnert an den Monat, in dem der Prophet zum erstenmal Offenbarungen erlebte und seine Anhänger ihren ersten Sieg über die Mekkaner errangen. In diesem Monat müssen sich alle Muslime den ganzen hellen Tag (von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang “bis man einen weißen Wollfaden nicht mehr von einem schwarzen unterscheiden kann”) des Essens, Trinkens, Rauchens und des Geschlechtsverkehrs enthalten. Entschuldigt sind Alte, Kranke, Schwangere und stillende Frauen, Reisende und Schwerarbeiter.

Dabei soll nicht nur auf die Handlungen an sich verzichtet werden, sondern auch auf die Gedanken daran. Wie das Gebet soll das Fasten den Gläubigen Gott näher bringen, ihn an sein geistiges Leben jenseits von Essen und Trinken erinnern; es soll ihn lehren, seinen Körper zu beherrschen und das Leiden der Armen zu verstehen. Durch das Fasten bezeugt der Muslim, dass Gottes Gesetze Vorrang vor unseren menschlichen Trieben haben. Der eigentliche Zweck des Fastens ist somit der Gehorsam Gott gegenüber. Es gilt als besonders verdienstvoll, während des heiligen Monats den gesamten Koran zu rezitieren. In der 27. Nacht wird die “Nacht der Bestimmung”, Mohammeds Offenbarung, gefeiert. In diesen dreißig Tagen des Fastens ändert sich für den Muslim der gesamte Tagesablauf. Meist wird vor Sonnenaufgang reichhaltig gefrühstückt und gebetet. Nach der asketischen Anspannung des Tages wird abends wieder ein Festmahl in feierlicher Stimmung abgehalten, es herrscht dann Ferien- und Feststimmung. Abgeschlossen wird das Fasten des Ramadân mit dem zweitwichtigsten islamischen Fest, dem dreitägigen “Fest des Fastenbrechens” beim Erscheinen des Neumonds.

Die Wallfahrt nach Mekka, die Hadsch

Die Hadsch ist, wie auch die anderen vier Säulen, keine islamische Neuerung. Schon in grauer Vorzeit pilgerten die Araber zur Kaaba, dem kubusförmigen Bau im Herzen Mekkas, dessen Äußeres seit islamischer Zeit eine mit Koranversen bestickte Brokatdecke umhüllt. Genaue Kenntnisse über die Entstehung der Kaaba fehlen. Nach dem Koran soll sie von Adam im Auftrag Gottes gebaut worden sein, überstand dann die Sintflut und wurde von Abraham, dem gemeinsamen Stammvater von Muslimen, Juden und Christen, für Allah erneuert.

Einmal im Leben ist jeder freie, volljährige Muslim, der im Besitz seiner geistigen Kräfte ist, aufgerufen, im 12. Monat des islamischen Mondjahres die Pilgerreise nach Mekka zu unternehmen. Bedingungen, Vorbereitung und Ausführung der Pilgerfahrt orientieren sich an der Reise des Propheten Mohammed im Jahr 632, die als “Abschiedswallfahrt” in die Tradition eingegangen ist. Für die Vollziehung der Pilgerfahrt gibt es fünf Bedingungen: Den Zustand des “ihram”, den Zustand der Weihe, in dem sich der Gläubige befindet, nachdem er die vorgeschriebene Pilgerkleidung angelegt hat, zwei meist weiße Tücher, die ungenäht sind und um den Körper geschlungen werden, seine Absicht zur Pilgerschaft bekundet hat, sich nicht mehr kämmt und rasiert sowie in sexueller Abstinenz lebt; das Verweilen an den Ritualen am Berg Arafat, die siebenmalige Umkreisung der Kaaba, der siebenmalige Lauf um die zwei Orte Safa und Marwa, die “Steinigung des Satans”, indem dreimal sieben Steinchen auf eine bestimmte Stelle geworfen werden und schließlich das Schneiden der Haare. Dazu kommen weitere pflichtmäßige Übungen.

Die Pilgerfahrt ist an eine ganz bestimmte Zeit des Jahres gebunden und kann zu einer anderen Zeit nicht unternommen werden. Eine verkürzte Form, “umra” genannt, ist zu jeder Jahreszeit möglich. Sie beschränkt sich aber auf die Zeremonien unmittelbar in Mekka. Die Pilgerfahrt wird mit einem riesigen Opferfest abgeschlossen, das in der gesamten islamischen Welt als höchstes Fest des islamischen Kalenders gefeiert wird. Wer die Pilgerfahrt unternommen hat, kann nun den hohen Ehrentitel “Haddschi” führen, den Gott am Tag des Jüngsten Gerichts zu Gunsten des Betreffenden anrechnen wird.

Islamischer Fundamentalismus

“Islamismus” oder “islamischer Fundamentalismus” ist ein Überbegriff für verschiedene ideologische Strömungen, Gruppen und Grüppchen, deren politische Vorstellungen und Methoden äußerst divergieren. Pazifistische, reformistische, modernistische Strömungen sind ebenso vertreten wie traditionalistische und schließlich auch gewalttätig aktivistische, wobei bezeichnenderweise den Letzteren das Hauptinteresse der Medien gilt. Oft wird “Islamismus” mit “Fundamentalismus” gleichgesetzt, wobei Letzteres eine christliche, nicht unbedingt übertragbare Definition ist.

Der Begriff leitet sich aus der nordamerikanischen Kirchengeschichte ab. “Fundamentalists” wurden jene protestantischen Sekten in den Vereinigten Staaten genannt, die sich auf Bibelkonferenzen gegen Ende des 19. Jahrhunderts von liberalen Tendenzen ihrer eigenen lutherischen oder calvinistischen Großkirche abgrenzten. Diese Sekten warfen den “Kirchenchristen” vor, sie ließen sich viel zu sehr von “modernen” Ideen beeinflussen und hätten sich vom “Fundament” des Glaubens entfernt. Mit der Heiligen Schrift als Waffe in der Hand kämpften die “fundamentalists” z. B. gegen Darwins Evolutionstheorie.

Von Fundamentalismus ist schriftlich zum ersten Mal in Amerika die Rede in der zwölfbändigen Streitschrift für die Unfehlbarkeit des biblischen Buchstabens und gegen die Anerkennung der Naturwissenschaften: “The Fundamentals – A Testimony to the Truth” (“Ein Zeugnis der Wahrheit”), zwischen 1909 und 1915 von 64 britischen und amerikanischen Gelehrten und Predigern geschrieben. Die Reihe, in millionenfacher Auflage verbreitet, diente der Mobilisierung der kirchlichen Öffentlichkeit. Diese “Fundamentalists” verstanden sich als offensive Gegenbewegung zu einem Modernismus, der auch die christlich-protestantische Welt ergriffen hatte. Insbesondere war es eine Gegenbewegung gegenüber einer historisch-kritisch sich ausrichtenden Theologie, die sich daran machte, die überlieferten Glaubensbestände, besonders die biblischen Texte, in einer historisch-kritischen Perspektive auszulegen – ein Ergebnis des Bündnisses mit der modernen Wissenschaft, das der Protestantismus einging.Dieser amerikanische Fundamentalismus bibeltreuer protestantischer Christen ist also denkbar ungeeignet, um den islamischen Fundamentalismus zu deuten, jedoch lässt sich ein Merkmal religiös-fundamentalistischer Bewegungen daraus ableiten: Der unmittelbare Geltungsanspruch der religiösen Wahrheit über das politische Handeln.Für die Öffentlichkeit im Westen begann im Jahre 1979 mit der Revolution im Iran “die fundamentalistische Herausforderung” zunächst als Medienspektakel: Endlose Reihen von Betenden, Frauen im schwarzen Tschador, fanatisierte Mullahs, dann das Geiseldrama in der amerikanischen Botschaft, der Terror der Revolutionswächter gegen politisch Andersdenkende wie gegen religiöse und soziale Minderheiten (z.B. Homosexuelle) und schließlich der grausame, in Blutmystik verklärte “Heilige Krieg” gegen den Irak ab 1980. Verstärkt wurde die Wirkung der Bilder noch durch die unverblümte Absicht des Regimes, seine islamische Revolution zu exportieren.

So kann es kaum überraschen, dass einigen Kommentatoren Fundamentalismus im Allgemeinen, und der islamische im Besonderen, zu einer neuen Bedrohung geriet, zumal in den folgenden Jahren mit der Auflösung des Warschauer Paktes und dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion die alte “Gefahr aus dem Osten” schwand. Der Orientalist Heinz Halm aus Tübingen hat unter der Überschrift “Die Panikmacher” Folgendes dazu ausgeführt:”Die hierzulande grassierenden Ängste vor einem vermeintlich gefährlichen Islam, der angeblich unsere Zivilisation bedroht, ist das Spiegelbild der Ängste viele Muslime vor den Schrecken der westlichen Welt. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Eiferer der einen Seite den Eiferern der anderen in die Hände spielen. Nüchterne Information tut Not, und nicht das Geraune von einem Gotteskrieg, der angeblich bis in die Nacht der Zeiten zurückreicht.” [8] Parallel dazu wurde der Begriff, der in der heutigen Zeit negativ besetzt ist (selber ist man nie Fundamentalist, Fundamentalisten sind immer die anderen, sie gelten gemeinhin als konservativ, wenn nicht gar reaktionär), auf eine immer größere Zahl von Haltungen und Bewegungen bezogen – religiöse wie politische, quietistische wie militante und terroristische -, so dass “Fundamentalismus” zur schwammigen Modebezeichnung wurde und zugleich zu einem Kampfbegriff gegen all jene, die “die Moderne” ablehnen oder doch zumindest ihre Probleme mit ihr haben. Von Fundamentalismus zu sprechen ist also nur sinnvoll, wenn wir ihn als moderne Erscheinungsform verstehen, die unter den Struktur- und Kulturbedingungen moderner Gesellschaften entsteht. Er ist ein moderner Antimodernismus.Allgemein gesprochen kann man all jene islamische Fundamentalisten nennen, die für die gegenwärtigen Probleme der islamischen Welt nicht eine versäumte oder unzureichende Modernisierung verantwortlich machen, sondern die Ursache vielmehr in einer exzessiven Modernisierung sehen, die in ihren Augen einem Verrat an den unverfälschten islamischen Werten gleichkommt.

Für die Fundamentalisten besteht die einzige Lösung in der Rückkehr zum wahren Islam. Das beinhaltet für sie auch die Aufhebung aller vom Westen entlehnten Gesetze und sozialen Institutionen und die Wiedereinsetzung des islamischen Gesetzes, also der Scharia, als alleiniges Regelwerk. Ihrer Auffassung zufolge richtet sich der eigentliche Kampf nicht gegen die westlichen Eindringlinge, sondern gegen die hinter der Verwestlichung stehenden Verräter im eigenen Land. Als ihre gefährlichsten Gegner betrachten sie die falschen und abtrünnigen Herrscher der islamischen Länder, die die Werte und Institutionen des Westens ins Land geholt und den Muslimen unter ihrer Herrschaft aufgezwungen haben.Unter Islamismus sind damit Bestrebungen im Namen der islamischen Glaubenslehre zu verstehen, bestehende Herrschaftsstrukturen oder gesellschaftliche Ordnungen zu legitimieren, zu verändern oder auch als unislamisch zu destabilisieren und schließlich zu beseitigen oder unter Berufung auf den Islam innenpolitische, soziale und außenpolitische Forderungen durchzusetzen. Es geht also nicht um Religion, sondern um Ideologie zum Erringen und zum Bewahren politischer Macht.Der französische Philosoph Bernard-Henry Levy nannte “den Islam in seiner fundamentalistischen Form in gewisser Weise” den dritten Faschismus, “nach dem braunen und dem roten”. Und weiter: “In den Zuckungen des Islamismus erleben wir die letzten Höhepunkte des Totalitarismus aus dem 20. Jahrhundert.” Es handelt sich um Gebrauch, ja sogar Missbrauch des Islam zu ideologischen und politischen Zwecken, der sich in ähnlicher Form auch in der Geschichte anderer Weltreligionen nachweisen lässt. Als die beständigste und gefährlichste Bedrohung des Islam empfinden die Islamisten die Demokratie, die auf von Menschen gemachten Gesetzen beruht.

Wer sind die Islamisten?

Der Typus des Islamisten ist folgendermaßen zu beschreiben: Oft verfügt er über ein staatliches Diplom einer wirtschaftswissenschaftlichen, technischen, medizinischen oder naturwissenschaftlichen Studienrichtung. Häufig ist er Betriebswirt, Arzt, Technokrat oder Ingenieur. Unter Umständen hat er zusätzlich oder auch im Hauptfach Philosophie studiert, nicht nur die islamische, sondern zumeist die europäische von Hegel bis Heidegger. Der Typ des Islamisten lässt aus westlicher Sicht drei Hauptgruppierungen zu: [9] Zur ersten Gruppe gehören im wesentlichen hochgebildete Intellektuelle, die sich durch eine plötzliche Konversion, oft verbunden mit persönlichen Krisen, von westlichen Ideologien und Systemtheorien abwenden. In dieser Gruppe sind häufig auch Frauen anzutreffen.Seit Mitte der siebziger Jahre rekrutiert sich die zweite Gruppe aus sehr jungen Leuten, deren Durchschnittsalter etwa 20 Jahre beträgt. Sie kommen aus eher ländlichen Gegenden, meist aus traditionellem Milieu. Diese jungen Leute tragen die Last der Veränderung und der Anpassung von ländlichen Gesellschaftsformen an eine urbane Lebenswelt. Oft sind sie Aufsteiger mit akademischem Hintergrund und einer hohen Leistungsmotivation. Sie sehen sich der ungeheuer großen Erwartungshaltung ihrer Eltern, die ihnen unter Verzicht auf eigene Karriere und Lebensqualität eine gute Ausbildung ermöglichten, gegenüber gestellt. Durch die schlechte Arbeitsmarktsituation in urbanen Gegenden werden diese Leute zu enttäuschten akademischen Proletariern.Die dritte Gruppierung setzt sich zusammen aus Freiwilligen – meist allerdings keine Intellektuellen -, die im Afghanistankrieg 1989 auf Seiten islamischer Gruppen gegen die sowjetischen Besatzer und die afghanischen Kommunisten gekämpft hatten und bei Kriegsende rücksichtslos nach Nordafrika und in den nahen Osten abgeschoben wurden. Diese Abgeschobenen, einst von den USA und Saudi-Arabien für den Partisanenkrieg finanziert, wurden in ihrer neuen Umgebung zum Rückgrat islamischer Terroraktionen. Sie sind hauptsächlich in Palästina, Jordanien, Ägypten, im Jemen, in Algerien, Tunesien, Tschetschenien und Marokko aktiv.Unter den Bewegungen mit religiösen Zielen sieht Dia Rashwan, führender ägyptischer Kenner des Islamismus aus Kairo, vor allem pazifistische Gruppen, die den Islam über das Wort verbreiten und sich an der Frühzeit des Islam in Mekka ausrichten. Einen Dschihad hatte es in jenen Jahren vor der Auswanderung des Propheten nach Medina noch nicht gegeben. Zu den religiösen Gruppen zählt er auch die Dschihadisten, die sich auf eine andere Phase des Frühislam berufen: auf die Zeit in Medina, in der Mohammed ein Gemeinwesen aufgebaut hat.

Erst in jenen Jahren entstand der Aufruf zum Dschihad, wurde das Kämpfen Pflicht und die Politik ein integraler Bestandteil des Islam. Dschihadisten sind zunächst in ihren eigenen Ländern tätig gewesen, wie der Dschihad al Islamia in Ägypten und die GIA in Algerien. Ihr Ziel war, die Regime zu stürzen sowie Gesellschaft und Staat zu islamisieren.Auf diese Dschihadisten berufen sich auch separatistische Unabhängigkeitsbewegungen, die ihre islamischen Enklaven von einer nichtmuslimischen Umwelt befreien wollen. In Kaschmir und Tschetschenien kämpfen sie für die Errichtung eines islamischen Staates, gehen dabei aber keine Bündnisse mit nichtislamischen Bewegungen ein. Erst als jüngste Gruppierung sind die internationalistischen Dschihadisten entstanden, die die “Umma”, die Gemeinschaft der Muslime im Auge haben. Sie kämpfen gegen ausländische Mächte, genauer: gegen die Vereinigten Staaten und Israel, denen sie vorwerfen, muslimischen Boden besetzt zu halten. Neben diesen “religiös” argumentierenden Islamisten verfolgen andere islamistische Bewegungen auch soziale und politische Programme. Sie streben nach der politischen Macht und wollen das islamische Gesetz, die Scharia, als verbindliches Rechtssystem einführen. Im Rahmen der bestehenden politischen Ordnung streben in Ägypten die Muslimbrüder an die Macht, in Algerien der FIS. Anders als sie kämpfen indes die Hamas, der Islamische Dschihad und die Hisbollah gegen Besatzer und für die Unabhängigkeit. Dazu sind sie, im Unterschied zu den “separatistischen” Dschihadisten, auch in den politischen Institutionen präsent und arbeiten mit nichtislamischen Gruppen zusammen, etwa mit der PLO.Bei all diesen Gruppierungen nimmt lediglich die Attraktivität der “lokalen Dschihadisten” ab, die der anderen aber zu. In Ägypten und Algerien kann man beobachten, dass sich die lokalen Dschihadisten in Bewegungen mit einem sozialpolitischen Programm umwandeln und sich den Muslimbrüdern annähern. Keiner der “lokalen Dschihadisten” zieht sich aber aus der Politik zurück oder stößt zur säkularen Linken. Ihren Überzeugungen bleiben sie treu.

Nach Ansicht von Dia Rashwan ist der 11. September 2001 die Geburtstunde des islamischen Nationalismus. Die These vom Niedergang des extremistischen Islam, wie sie der französische Islam-Experte Gilles Kepel [10] vertritt, sei falsch. Der 11. September hat die Transformation der extremistischen Islamisten beschleunigt. Wer zuvor das eigene Regime bekämpft hat, richtet seine Waffe jetzt gegen einen äußeren Feind.Die Feindbilder der Islamisten sind stereotyp: Die Regierungen sämtlicher islamischer Länder sind abzulehnen, sofern sie die Scharia nicht als ausschließliche Grundlage ihres Rechtssystems oder überhaupt gelten lassen. Selbst Saudi-Arabien, das über die Muslimische Weltliga auch die gewalttätigsten Islamisten unterstützt, wird wegen seiner absolutistischen Herrschaftsform von diesen nicht akzeptiert. [11] Ständig apostrophierte Feinde sind zudem der Welt-Zionismus und der Staat Israel, oft ganz allgemein “die Juden”. Feind ist auch der Westen mit seinen Unterdrückungsformen und dabei ganz besonders die USA; nach der Überwindung des Kolonialismus ist die Existenz des Staates Israel ein Symptom des anhaltenden Neokolonialismus, wobei die USA als dessen Hauptpfeiler gelten.Militante Islamisten verwerfen die historisch gewachsene Interpretation des Dschihad und nehmen ihn als Rechtfertigung für ihren Krieg gegen die Ungläubigen. Sie beziehen sich dabei besonders auf einen Koranvers, in dem es heißt: “Und wenn die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Heiden, wo immer ihr sie findet, greift sie, umzingelt sie und lauert ihnen überall auf.” (Sure 9, Vers 5) Sie reißen diese Stelle aus dem Zusammenhang und wenden sie eins-zu-eins auf die heutige Situation an. Das entspricht aber nicht der historisch üblichen Koranauslegung: Es gab immer die Überzeugung, dass Stellen wie “tötet die Heiden, wo immer ihr sie findet” auf eine ganz eng begrenzte Situation der Rückeroberung Mekkas zu beziehen sind. Mohammed war in Medina und ging daran, Mekka wieder für die Gläubigen zu erobern. Das war sozusagen der Offenbarungsanlass. Darüber hinaus hat danach diese Interpretation keine weitere Geltung mehr.Diese Rückbesinnung auf den frühen, vermeintlich reinen Islam, wird als Salafismus (von arabisch al-Salalf al-Saalih, “die frommen Vorväter) bezeichnet. Um den unverdorbenen Urzustand der Generation des Propheten wieder herzustellen, so sehen es die Salafiten, haben sie jenen muslimischen Herrschern den Krieg erklärt, die sich nicht buchstabengetreu an der Scharia orientieren. Osama Bin Ladin ist ebenso ein Anhänger dieser puritanischen Minderheitslehre wie sein ebenfalls flüchtiger Stellvertreter Ayman al-Sawahiri. “Die modernen Salafija-Bewegungen”, stellt der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz in einem Dossier über Al Qaida fest, “wenden sich gegen den westlichen Kolonialismus beziehungsweise das, was sie dafür halten”.

Muslime in Deutschland – geschichtlicher Rückblick

Die ersten Muslime sind schon vor Jahrhunderten nach Mitteleuropa gekommen. Man könnte die Spurensuche bis in das hohe Mittelalter zurückverfolgen, als manche der in den Orient aufgebrochenen Kreuzritter in Begleitung arabischer Schönheiten zurückkehrten. An die ersten Muslime, die in Deutschland gelebt haben und hier verstorben sind, erinnern Grabsteine aus dem späten 17. Jahrhundert in Brake bei Lemgo und in Hannover. Sie waren Kriegsgefangene aus dem Osmanischen Reich oder sonst im Zusammenhang mit den Türkenkriegen nach Deutschland gekommen. In fast allen Vers-Epen der klassischen mittelhochdeutschen Literatur begegnen uns männliche und weibliche Anhänger der Lehre des Propheten. Am bekanntesten ist der “edle Heide” Feirefiz aus Wolfram von Eschenbach’s “Parzifal”. Der “Muselman” lehrt Parzifal das wahre Rittertum. Er wirft sein Schwert fort, verzichtet auf den Sieg und reicht dem Gegner über alle religiösen und nationalen Schranken hinweg die Hand. Manche Religionshistoriker sehen in dem “urdeutschen” Mythos vom Gral die Variation eines muslimischen Grundmotivs.Nicht in das Reich der Dichtung und Deutung fällt dagegen ein historisches Ereignis aus dem Jahre 1731. Damals vermachte der Herzog von Kurland dem Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. (1713-1740) zwanzig “türkische Gardesoldaten”. Für sie ließ der König im folgenden Jahr am Langen Stall in Potsdam einen Gebetssaal herrichten: die erste deutsche Moschee – unmittelbar neben der Garnisionskirche, deren Glockenspiel als der “Herzschlag Preußens” galt. Der Monarch legte größten Wert darauf, dass “seine Mohammedaner” ihren religiösen Pflichten nachgingen. Die falsche Bezeichnung “Mohammedaner”, die zu jener Zeit zum erstenmal in deutscher Sprache auftauchte, war von den preußischen Behörden nicht diskriminierend gemeint. Im Gegenteil: Die amtliche Bezeichnung sollte die Gleichrangigkeit der Muslime mit den Christen kenntlich machen. Was die Deutschen damals und darüber hinaus mit den Türken verband, war allerdings überwiegend Kriegsgeschichte: Türken kannte man als Soldaten oder als Kriegsgefangene.Es blieb nicht bei den zwanzig türkischen Gardesoldaten. Die Zahl der muslimischen Söldner in der preußischen Armee stieg rasch auf über tausend Mann an.

Als Friedrich der Große 1740 den Thron bestieg, entschied er als eine seiner ersten Amtshandlungen über eine Anfrage aus Frankfurt an der Oder. Der Rat der Stadt wollte wissen, ob in einer evangelischen Stadt ein Katholik das Bürgerrecht erwerben könnte. Der König bejahte die Frage uneingeschränkt und ergänzte seinen Bescheid mit dem Zusatz:”Alle Religionen sind gleich und gut, wenn nur die Leute, die sich zu ihnen bekennen, ehrliche Leute sind. Und wenn die Türken kämen und wollten hier im Lande wohnen, dann würden wir ihnen Moscheen bauen”.Der Preußenkönig blieb dieser Devise während seiner gesamten Regierungszeit treu. Neben den alteingesessenen Glaubensgemeinschaften der Protestanten und Reformierten erhielten auch Katholiken, Mennoniten, Juden und Muslime das Recht auf freie Religionsausübung – dank des Grundsatzes, dass in seinem Reiche jeder nach seiner Facon selig werden dürfe. Am 22. Juni 1740, in den ersten Tagen seiner Regierungszeit, schrieb er auf ein Aktenstück eine der ersten seiner berühmten Randbemerkungen: “Die Religionen müssen alle toleriert werden, und muss der Fiskal nur das Auge darauf haben, dass keine der anderen Abbruch tue, denn hier muss jeder nach seiner Fasson (d.h. Konfession) selig werden”.Die Zahl der muslimischen Söldner im preußischen Heeresdienst erhöhte sich im Jahre 1745 um ein Mehrfaches, als der albanische Juwelenhändler Sarkis dem König von Preußen eine ganze Schwadron bosnischer Lanzenreiter anbot – als Gegengewicht gegen die tatarischen Reiter, die im vereinigten sächsischen und polnischen Heer dienten. Friedrich nahm das Angebot an, war mit der Einsatzbereitschaft seiner Bosniaken mehr als zufrieden und beschloss nach dem Friedensschluss mit Sachsen und Polen, den bosnischen Reitersoldaten in Ostpreußen feste Garnisonen zuzuweisen.

Im Jahre 1760 streute die preußische Armee das Gerücht, der Sultankalif plane den “Heiligen Krieg” gegen Russland. Zahlreiche muslimische Soldaten der russischen Armee liefen daraufhin zu den mit dem Kalifen verbündeten Preußen über, weil sie fürchteten, in einen Krieg gegen das Osmanische Reich gezwungen zu werden. Durch Kabinettsorder vom 20. Januar 1762 entstand aus den Überläufern ein selbständiges “Bosniakenkorps”: zehn Eskadronen, zusammen mehr als tausend Mann (nach 1763 das 9. Husarenregiment “Bosniaken”). In den Soldbüchern dieser Truppeneinheit taucht auch der Name eines preußischen “Heeres-Imams” auf. Es handelt sich um “Leutnant Osman, Prediger der preußischen Mohammedaner”. Die muslimischen Reiter nahmen an fast allen Gefechten des Siebenjährigen Krieges teil und wurden vom König mit hohen Auszeichnungen bedacht. “Preußens Gloria” war nicht zuletzt auch ein wenig der grünen Fahne des Propheten zu verdanken, mit der die bosnischen Bataillone in den Kampf zogen.Die Toleranz gegenüber den Muslimen im eigenen Land stand im Einklang mit der preußischen Außenpolitik, die sich seit dem 17. Jahrhundert von der antitürkischen Eindämmungspolitik Russlands und Österreichs abzugrenzen versuchte und um freundschaftliche Beziehungen zum Osmanischen Reich bemüht war. Aus dem Jahr 1777 stammt ein hoffnungsfroher Bericht des Gesandten der Hohen Pforte in Berlin an den damaligen Sultan Abdulhamid I.: “Die Bevölkerung Berlins erkennt den Propheten Muhammad an und scheut sich nicht zu bekennen, dass sie bereit wäre, den Islam anzunehmen”.Die türkische Kolonie in Potsdam und Berlin umfasste schon im 18. Jahrhundert an die hundert Personen. Viele von ihnen betrachteten Deutschland als ihre zweite Heimat – sogar über den Tod hinaus. 1798, nach dem Tod des türkischen Botschafters Ali Azis Effendi, erwarb das Osmanische Reich in der Berliner Hasenheide ein Friedhofsgelände, auf dem fortan die verstorbenen Muslime nach eigenem Ritus begraben wurden. Die preußischen Behörden verhielten sich damit dem fremden Glauben gegenüber großzügiger als die zuständigen deutschen Instanzen heutzutage.

Der “Türkische Friedhof”, der Mitte des 19. Jahrhunderts an den Columbiadamm verlegt wurde, ist bis heute erhalten geblieben (allerdings finden keine Bestattungen mehr statt). Inmitten des Gräberfeldes erhebt sich eine kulturhistorisch wertvolle “Türbe”: eine acht Meter hohe halbmondgekrönte Gedenksäule, ein Geschenk des Sultankalifen Abdul Hamid Khan. Auch außerhalb Preußens lassen sich Spuren einer frühen islamischen Präsenz ausfindig machen. So ist in Hamburg seit dem frühen 18. Jahrhundert die Anwesenheit persischer Kaufleute, Teppich- und Gewürzhändler bezeugt. Nach der Reichsgründung unterhielten sie in der Speicherstadt im Freihafen einen eigenen Gebets- und Versammlungsraum. Dagegen ist die bekannte “Rote Moschee” im Schlosspark von Schwetzingen kein Zeugnis für den Glauben an den Propheten. Sie war nicht als Sakralbau gedacht, sondern wurde vom pfälzischen Kurfürsten 1785 als Mittelpunkt eines “türkischen Gartens” errichtet. Zum Gebetsraum wurde die Moschee erst nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71, als sie einem Lazarett angegliedert wurde, in dem verwundete algerische Schützen aus der französischen Armee, die sogenannten Turkos, gesundgepflegt wurden.

Probleme im Umgang mit dem Islam in Deutschland

Wenn man deutsche Fernsehsendungen mit den Augen der strengen Islamisten betrachten wollte, wären wir ein Volk von Perversen, von Sadisten und Masochisten. Fast jede der die Zuschauer überflutenden Talkshows befasst sich mit Promiskuität, Vergewaltigung, Ehebruch als Mittel, die eigene Ehe wiederzubeleben, Prostitution, Kindersex und Kinderpornographie. Sex in allen Stellungen und Lagen, sich lasziv und brünstig gebende, ausziehende Frauen in diversen Video-Clips im Fernseh-Nachtprogramm, Triebtäter, Massenmörder und bestellte Killer – kein “Nervenkitzel” wird ausgelassen. Das Bild, das hier vermittelt und von den Muslimen meist als einziges wahrgenommen wird, muss als Spiegel unserer Gesellschaft gedeutet werden. Die Älteren unter den frommen Muslimen setzen sich daher mit ihrer ganzen Kraft dafür ein, die Kinder und Jugendlichen vor diesem moralischen Sumpf zu bewahren und ihre islamisch-religiöse Identität zu fördern.Angesichts der Vielzahl von Problemen sollen nur drei Dimensionen angedeutet werden:

  1. Nach muslimischer Verkündung muss sich der Muslim, der seine Religion in vollem Sinne ernst nimmt, als im Besitz der absolut vollkommenen Religion fühlen. “Ihr seid die beste Gemeinde”, so steht es im Koran. Das in der christlichen Gemeinschaft gelebte Christentum wird als eine Abweichung von diesem vollkommenen Gotteswort verstanden. Mehr noch, der Muslim ist nicht nur Angehöriger einer spirituellen und religiösen Gemeinde; er ist der Bürger einer konkreten gesellschaftlichen Gemeinschaft, der umma, in der die göttliche Offenbarung gesellschaftliche, ethische und rechtliche Weisung bedeutet. Wenn ein Muslim seinen Glauben also ganz ernst nimmt, sitzt in ihm ein Vorbehalt gegenüber dieser nichtmuslimischen Gesellschaft, der er sich im tiefsten Inneren letztendlich überlegen fühlen muss. Er sieht freilich die Realität seines Status, die seiner Vorstellung nicht entspricht; somit geht er zu seinem gesellschaftlichen Umfeld gewissermaßen auf Distanz.
  2. Der Islam ist eine in hohem Maße sichtbare Religion. Während der moderne Christ sich zum Gebet oder anderen frommen Verrichtungen eher etwa in die Abgeschiedenheit einer Kirche oder Kapelle zurückzieht, macht der Muslim seine Gläubigkeit der gesamten Gemeinde sichtbar. Man betet gemeinsam, verrichtet das jährliche Fasten zusammen und sucht in der Gemeinde die Pilgerfahrt zu machen. Auch an der Kleidung (z.B. Kopftuch) oder an physischen Kennzeichen (z.B. Bart) macht er sich kenntlich.
  3. Der Muslim kann, wenn er seine Religion in ihrer spirituellen wie gesellschaftlichen Dimension wirklich ernst nimmt, seinen Glauben von der gesellschaftlichen, von der politischen Erscheinungsform seiner Gemeinde nicht trennen. Glaube und gesellschaftliche Legitimation sind untrennbar verbunden. Das bedeutet, dass ein Muslim die Säkularität, den Laizismus, der für unsere Gesellschaft als eine der wesentlichen Errungenschaften der letzten Jahrhunderte gilt und Grundlage ihrer Stabilität ist, so ohne weiteres nicht akzeptiert. Zumindest sind sie ihm ein Problem. Er muss mithin seinem Handeln beständig die Maxime seiner Religion zugrunde legen, während er doch hier einem anderen, nicht religiösen Gesetz unterliegt, und im Rahmen einer Verfassung lebt, die laizistisch ist. So ist er ständig mit der Frage konfrontiert, wohin er eigentlich gehört; die Entscheidung zwischen seinem Glauben, der sich mit dem islamischen Gesetz, der Scharia, verbindet auf der einen und seinem Leben in einer dem Glauben entfremdeten Welt auf der anderen Seite ist ein schmaler Grat, auf dem er sich ständig bewegt. Wird er sich mehr der Religion zuwenden, ihr in den täglichen Entscheidungen seines Lebens den Vorrang einräumen, das islamische Gesetz zu seiner Richtschnur machen oder kann er sich – und wenn ja, in welchem Umfang – mit der Säkularität abfinden? Hier liegt das entscheidende Problem im Zusammenleben zwischen Muslimen und Nichtmuslimen.

Schon lange vor dem Eintreffen von Menschen mit fremder Kultur hat bei uns eine multikulturelle Entwicklung begonnen. Wir haben uns aufgespalten in christliche und atheistische, in unzählige philosophische und politische Strömungen, in verschiedenste teils gegensätzliche Lebensformen. Aber ein solcher Wandel hat sich eben nur gegen vielerlei Widerstände durchsetzen können; das Ergebnis ist ein erzwungener, keineswegs ein von allen anerkannter Pluralismus. Und so bilden sich auch jetzt die verschiedensten Bewegungen, wenn es darum geht, eine islamische Kultur, eine größere Zahl von Muslimen zu integrieren.Am 15. Juni 2003 verabschiedete die “Konferenz der Leiter islamischer Zentren und Imame in Europa” während einer Tagung in der österreichischen Universitätsstadt Graz eine Resolution mit der Kernbotschaft, dass sich die in Europa lebenden Muslime zu Demokratie, Pluralismus und den Menschenrechten bekennen. Rund hundert führende Repräsentanten islamischer Gemeinden gaben damit den Muslimen wie den Nichtmuslimen zu verstehen, islamische und europäische Identität würde keinen unauflösbaren Widerspruch bedeuten. Und an die Muslime wandten sie sich darüber hinaus mit dem Bescheid, in ihrer Religion sei keine Bestimmung vorhanden, die sie daran hindere, Bürger eines nichtislamischen Staates zu sein und die dortigen Gesetze loyal zu befolgen. Außerdem erteilten die Konferenzteilnehmer eine klare Absage an jede Form von Fanatismus und Extremismus.

Heutige Situation der Muslime in Deutschland

Tatsächlich fängt die Geschichte des Islam in der Bundesrepublik Deutschland erst mit den Gastarbeitern an, die seit den sechziger Jahren in die damalige Bundesrepublik Deutschland geholt worden waren. Sie kamen nicht nur aus den südosteuropäischen, sondern zunehmend auch aus muslimischen Ländern, vor allem aus der Türkei, aber auch aus Marokko und Tunesien. Dass auf diese Weise binnen nur dreier Jahrzehnte die zweitgrößte Glaubensgemeinschaft (nach den Christen) Deutschlands entstehen würde, ahnte damals niemand. Man rechnete mit einer ständigen Fluktuation von Arbeitskräften, die man nach Belieben einstellen oder wieder entlassen könnte; ein Daueraufenthalt war nicht eingeplant, weder von den Deutschen noch von den Muslimen selbst. Die Gastarbeiter lebten in Deutschland ein einsames und entsagungsvolles Leben. Eine Statistik aus dem Jahr 1972 besagt, dass 89 Prozent der damaligen Migranten Männer waren. Der Anwerbestopp 1973 und die danach ermöglichte Familienzusammenführung veränderten die Situation grundlegend; im Jahr 1992 waren bereits 45 Prozent der Migranten Frauen.Die Folge dieser Politik war, dass sich die Familien hierzulande einzurichten begannen, wenn auch meist noch mit dem Gedanken, sich von hier aus in der Heimat eine Zukunftsexistenz aufzubauen und dorthin zurückzukehren. Jedoch ergaben sich bald neue Lebensumstände, denen Rechnung getragen werden musste: Die Kinder wuchsen in Deutschland auf, mussten hier die Schule besuchen und deshalb Deutsch lernen. Hatten auch die Frauen Arbeitsplätze bekommen, waren zudem Kindergartenplätze gefragt. Räume, um sich mit Landsleuten zu treffen, wurden angemietet und Gebetsstätten eingerichtet, Läden mit dem aus der Heimat vertrauten Warenangeboten eröffnet und die ersten Handelsfirmen gegründet.Auf die deutschen Institutionen kamen nicht wenige bis dahin völlig unbekannte Probleme zu. Zunächst wurden Kirchenleute von Muslimen darum gebeten, ihnen Räumlichkeiten zum Freitagsgebet verfügbar zu machen; das führte bis zu einem islamischen Gebetsgottesdienst im Kölner Dom am 3. Februar 1965. Im Erzbistum erinnert man sich noch an Briefe von Muslimen, die der Fehleinschätzung unterlagen, der Ort, an dem Muslime beten, gehöre ihnen auch, und die deshalb den Kölner Dom als ihren Besitz betrachteten. Im Jahr 1992 verbot ein päpstliches Dekret die Vergabe gottesdienstlicher Räume an nicht-christliche Religionen.

Sodann waren die Pädagogen auf allen Ebenen gefordert. Mit deren seit ca. 1980 entstandenen Untersuchungen und Studien beginnt auch die Auseinandersetzung mit dem hiesigen Islam und seinem andersartigen Wertesystem, das vor allem die Kindergarten-Arbeit und den Schulunterricht, aber auch den Umgang mit dem anderen Geschlecht betrifft. Gleichzeitig mit den Pädagogen meldeten sich auch Kirchenleute zu Wort. Mit der Einrichtung der “Ausländerbeauftragten” folgten die Politiker. Am spätesten haben Islam-Fachleute wahrzunehmen begonnen, was sich ereignet hatte. Es hat lange gedauert, bis allgemein klar geworden ist: Der Islam ist da, die Muslime sind da, und wir müssen uns endlich mit dieser grundlegenden Neuerung vertraut machen.Eigentlich weiß man nur, dass man kaum etwas über sie weiß. Während der Verfassungsschutz die wenigen tausend radikalen Islamisten in Deutschland seit Jahren auf Schritt und Tritt überwacht, ist über die unauffällige Mehrheit der Muslime in Deutschland wenig bekannt – nicht einmal ihre genaue Zahl. Fachleute schätzen sie auf 2,8 bis 3,2 Millionen Menschen. Dies sind rund doppelt so viele wie 1987, als die Volkszählung die Zahl von 1,65 Millionen erbrachte. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag hervor. [12] Auch in dem mehr als neunzig Seiten langen Dokument gelingt es nicht, alle Wissenslücken zu schließen. Einem Anteil von 66,8 Prozent Christen in der deutschen Bevölkerung stehen demnach rund 3,1 Prozent Moslems gegenüber. In Großbritannien (4,4 Prozent) und Frankreich (8,6 Prozent) sind die Zahlen deutlich höher.Gegenwärtig machen die Sunniten rund 85 bis 90% aller Muslime weltweit aus. In Deutschland liegt ihr Anteil mit 75 bis 80% erkennbar niedriger. Der Anteil der Schiiten liegt weltweit bei etwa 10%, in Deutschland hingegen bei nicht mehr als 4 bis 5% aller Muslime. Diese Unterschiede liegen darin begründet, dass der Anteil der Aleviten, einer weiteren Gruppe, die sich selbst zum Islam zählt, deren Zugehörigkeit von Sunniten aber oft nicht anerkannt wird, in Deutschland besonders hoch ist, weltweit aber nicht ins Gewicht fällt. [13] In Deutschland ist die Sunna größtenteils türkisch geprägt, die Schia iranisch.Von den rund 7,3 Millionen Ausländern in der Bundesrepublik bekennen sich – nach einer Erhebung des Soester “Zentralinstituts Islam-Archiv Deutschland” (ZIA) – über drei Millionen zum Islam. Drei Viertel von ihnen kommen aus der Türkei. Nach Aussagen von Faruk Sen, Leiter des Zentrums für Türkeistudien, sind lediglich sieben Prozent der türkischen Muslime in Deutschland, der mit Abstand größten Gruppe, streng religiös. Zwei Drittel bezeichnen sich als “eher religiös”, ein Viertel als “eher nicht religiös” und drei Prozent lehnten den Islam rundherum ab. [14]

Während die christlichen Kirchen registriert haben, wie viele Deutsche ihrer Konfession angehören, ist man bei den Muslimen auf Schätzungen angewiesen: Die meisten (2,1 bis 2,4 Millionen) sind nach diesen Angaben wohl Sunniten. Die zweitgrößte Gruppe bilden die Aleviten mit 400.000 bis 600.000 Gläubigen. Ihr Anteil am Islam liegt damit bei knapp 20%, d.h. vier- bis fünfmal so hoch wie der Anteil der Schiiten. Zu den Schiiten in Deutschland lassen sich etwa 125.000 Personen rechnen. Wie viele Muslime deutsche Staatsbürger sind, ist nicht klar. Wurden in der letzten Volkszählung von 1987 noch 48.000 erfasst, sind es heute vielleicht knapp zehn mal so viele. Die Zahl von 370.000 bis 450.000 ergibt sich aus komplizierten Berechnungen über Einbürgerungen sowie Schätzungen zu Übertritten zum Islam.

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Die Muslime und das deutsche Rechtssystem

Die Frage nach dem Recht des Menschen in der Welt ist nicht nur die Frage nach universal geltenden Menschenrechten und damit nach einem Weltrecht. In Zeiten weltweiter Migration ist es auch die Frage nach dem Recht des Menschen in einer anderen lokalen Welt als derjenigen, aus der er stammt. Es ist die Frage nach seinem Recht, dort als Fremder weiter in denjenigen Formen zu leben, die ihm vertraut, vielleicht sogar heilig sind. Es ist damit zugleich aber auch die Frage nach dem Recht der Einheimischen, ihre Lebensweisen und Werthaltungen mitsamt den rechtlichen Normen, die darauf beruhen, von den Zugewanderten beachtet zu sehen.Die Konflikte, die sich aus dem Zusammentreffen unterschiedlicher Kulturen ergeben, münden immer häufiger in Rechtsstreitigkeiten. Im Recht stellt sich die Frage aber gewöhnlich nicht im Großformat, sondern punktuell als Kollision zwischen Ge- und Verboten des einheimischen Rechts und bestimmten religiös begründeten Verhaltensanforderungen oder kulturell eingeübten Gewohnheiten des Herkunftslandes. Kollisionen dieser Art sind nicht von vorneherein zugunsten der allgemein geltenden Rechtsordnung auflösbar, weil sich die Zuwanderer auf Grundrechte berufen können, bei deren Formulierung an den Konflikt zwischen Kulturen zwar noch nicht gedacht war, die aber in ihrer allgemeinen Fassung gleichwohl auch für ihn Maßstäbe setzen.Zur Verdeutlichung dieser Problematik einige Beispiele [15] aus der Rechtssprechung:

  • Kann ein Motorrad fahrender Sikh unter Berufung auf seine religiöse Pflicht, einen Turban zu tragen, Befreiung von der allgemein geltenden Helmpflicht verlangen?
  • Muss einem jüdischen Häftling koscheres Essen vorgesetzt werden?
  • Hat ein islamischer Arbeitnehmer das Recht, seine Arbeit kurzzeitig für Gebete zu unterbrechen?
  • Kann einem Arbeitnehmer wegen Nichterscheinens zur Arbeit an hohen Feiertagen seiner Religionsgemeinschaft gekündigt werden?
  • Verliert ein aus diesen Gründen entlassener Arbeitnehmer seinen Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung?
  • Muss jüdischen Kaufleuten die Geschäftsöffnung am Sonntag erlaubt werden, weil sie am Samstag aus religiösen Gründen keine Verkäufe tätigen dürfen?
  • Hat eine islamische Schülerin ein Anrecht darauf, vom Sportunterricht befreit zu werden, weil sie sich dem anderen Geschlecht nicht in Sportkleidung zeigen darf?
  • Dürfen islamische Schülerinnen in der Schule das Kopftuch tragen?
  • Wie verhält es sich, wenn es um Lehrerinnen einer öffentlichen Schule geht?
  • Gilt für Ordensschwestern etwas anderes als für islamische Lehrerinnen?
  • Können Zuwanderer verlangen, Verstorbene ohne Rücksicht auf die einheimischen Friedhofsordnungen zu bestatten?
  • Dürfen die deutschen Behörden von einer Ausländerin, die in ihr Heimatland abgeschoben werden soll, verlangen, dass sie für ein Foto den Schleier anlegt, weil das Aufnahmeland nur Passfotos mit Schleier anerkennt?
  • Muss in deutschen Städten der mit Lautsprecher übertragene Ruf des Muezzin genauso zugelassen werden wie das Glockengeläut der Kirchen?
  • Muss Fremden das Schächten erlaubt werden, obwohl es den einheimischen Tierschutzregeln widerspricht?
  • Können ausländische Eltern ihre Töchter von höherer Bildung ausschließen oder ohne ihr Einverständnis verheiraten?
  • Ist eine Befreiung von der Schulpflicht nötig, wenn die Schule Erziehungsziele verfolgt, die den Werten einer fremdkulturellen Gruppe widersprechen?
  • Muss Mormonen die Polygamie hier gestattet werden, wenn sie ihnen im Herkunftsland erlaubt ist?
  • Darf ein “in heimatlichen Sitten und Rechtsvorstellungen verhafteter Türke” seine Ehefrau in Deutschland einsperren, weil er die Tat nach türkischem Recht für erlaubt hält?
  • Ist eine in Teheran durchgeführte Privatscheidung in Deutschland gültig?

Zweierlei wird aus dieser sicher nicht vollständigen Liste deutlich. Zum einen handelt es sich bei dem Grundrecht, auf das sich die Zuwanderer berufen können, besonders häufig um die Religionsfreiheit, die dadurch eine ganz neue Aktualität gewinnt. Daneben spielt das Elternrecht eine erhebliche Rolle. Zum anderen spitzen sich die Konflikte besonders häufig im so genannten besonderen Gewaltverhältnis, allem voran in der Schule, daneben in Arbeitsverhältnissen und in der Familie, zu.Unverzichtbar für den deutschen Staat ist und bleibt die Akzeptanz seiner Verfassung und seiner Gesetze durch jeden Einwohner, welche Religions- und Staatsangehörigkeit er auch immer ansonsten haben mag. Dieser Rechtsstaat kann nicht zweierlei Recht dulden und partiell die Scharia akzeptieren. Denn dies würde unweigerlich endgültig auf einen “Staat im Staate” hinauslaufen. Man muss aber leider davon ausgehen, dass unser Grundgesetz den meisten der hiesigen Muslime überhaupt nicht bekannt ist, weshalb dieser Staat dringendst Aufklärungsarbeit leisten muss.Alle islamischen Organisationen in Deutschland wird man vor allem an der Frage der Menschenrechte zu messen haben, insbesondere auch hinsichtlich der Stellung der Frau, der grundgesetzwidrigen rigiden Geschlechtertrennung, der Religionsfreiheit, ob z. B. Muslime zu einer anderen Religion konvertieren dürfen, und an deren Umgang z. B. mit den missionarischen Versuchen diverser Gruppierungen.Muslime, die in westlichen Demokratien leben, können sich der ihnen hier gewährten Religionsfreiheit erfreuen, und sie machen davon auch durchweg Gebrauch. Allerdings stößt hierzulande die vom Gesetz geforderte Toleranz gegenüber Muslimen gerade in einem Punkt immer wieder auf Kritik. Eine Reihe von muslimischen Ländern bietet nämlich Christen keine fairen Lebensmöglichkeiten und diskriminiert sie in kaum zu tolerierender Weise. Daher, so eine immer wieder zu hörende Meinung, dürfe man im Gegenzug den hier lebenden Muslimen nicht auch noch Toleranz bieten. Aber es ist aus gutem Grund nicht im Sinne unserer Verfassung, die Gewährung von Religionsfreiheiten an Bedingungen zu knüpfen – zumal an Bedingungen gegenüber anderen Staaten. Allerdings wäre viel gewonnen, wenn die hier lebenden Muslime sich in größerem Umfang dafür einsetzen würden, dass auch in islamischen Ländern volle Religionsfreiheit gewährt wird.Man darf wohl nicht erwarten, dass sich sämtliche Kultur- oder Religionskonflikte unter Rekurs auf die Grundrechte harmonisch lösen lassen. Gesellschaften, in denen schwer überbrückbare Gegensätze nicht zwischen Einheimischen und Migranten auftreten, sondern die Stammbevölkerung selbst durchziehen, wie in Israel, kann das zerreißen. In Gesellschaften, wo die Konfliktlinie zwischen der Stammbevölkerung und den Zuwanderern verläuft, bleibt im Kernbereich der einheimischen Verfassungsordnung für Angehörige der Minderheitenkultur eigentlich nur die Alternative von Anpassung oder Wegzug.

Zusammenprall der Zivilisationen?

Es scheint ein Phänomen unserer Zeit zu sein, in immer kürzeren Dimensionen zu denken. Der Blick auf die 1400 Jahre währende gemeinsame Geschichte beider Kulturen macht aber klar, wie sich immer und immer wieder die Perspektiven verschoben haben. Die gleiche hohe und moderne Zivilisation, welche heute der Westen für sich in Anspruch nimmt, hatten einst Araber oder Osmanen gegenüber dem mittelalterlichen Europa eingenommen; inklusive dem Anspruch auf moderne Staatsformen und wirtschaftlichem wie technischem Vorsprung. Nicht von ungefähr blickte einst Karl der Große neidvoll von Aachen nach Bagdad, wo die großen Wissenschaften jener Zeit betrieben wurden und die Menschen gebildeter waren. Eine der Erklärungen für die “Wut” der Araber, sich heute in umgekehrter Situation wiederzufinden. Keiner der beiden Protagonisten will sich unterordnen, weil beide eben als einzige große Weltkulturen praktikable Lebensmodelle für Staaten und Gesellschaften sowie universelle Ansprüche entwickelt haben. Notwendig ist daher, den alles entscheidenden Unterschied, der für den Konflikt zwischen beiden Kulturen verantwortlich ist, herauszuarbeiten. Es ist der Unterschied zweier Modelle, zwischen dem Islam einerseits, wo die Religion Sinn stiftender Wertüberbau für eine Gesellschaft ist, und andererseits dem Westen, für den Religion “nur” ein untergeordneter persönlicher Wertekodex ohne größere Bedeutung ist.Wie soll man dann mit dem Konfliktstoff umgehen, der sich aus dem Zusammentreffen von Einheimischen und Zuwanderern einer fremden, islamischen Kultur ergibt? Die öffentliche Debatte schwankt zwischen den Polen von Assimilationszwang [16] und Kulturfreiheit. Dahinter verbirgt sich einerseits die Furcht vor Überfremdung: Man kann sich im eigenen Land nicht mehr zu Hause fühlen. Andererseits die Furcht vor einem Kulturimperialismus: Zwingt man anderen nicht Wertvorstellungen und Verhaltensformen auf, die sie freiwillig nicht akzeptieren würden?Ohne Kenntnis der Ursachen ist keine Konfliktlösung möglich. Gefordert ist daher ein intensiver Dialog mit der islamischen Welt, vor allem mit den Vertretern der Zivilgesellschaft, die oftmals unter Lebensgefahr Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in ihrer Heimat einfordern, was in der Regel kaum jemand im Westen wahrnimmt, weil dieser Kampf ohne Fernsehbilder ausgetragen wird und den gängigen Klischees nicht entspricht.

Beispiele für das Aufeinanderprallen der Zivilisationen in Deutschland

Die Ungleichbehandlung von Mann und Frau

Die Stellung der Frau [17] gehört zu den wesentlichen Kritikpunkten der westlichen Welt an den islamischen Rechtsvorstellungen. Es gilt heute als großes Hindernis bei der Durchsetzung von Menschenrechten im Islam, dass die Frau – nach Auslegung der Vorschriften durch die Rechtsgelehrten – dem Mann untergeordnet ist.Im Koran, Sure 4, Vers 34 ff ist zu lesen:”Die Männer stehen über den Frauen, weil Gott sie von Natur vor diesen ausgezeichnet hat und wegen der Ausgaben, die sie von ihrem Vermögen gemacht haben … Und wenn ihr fürchtet, dass irgendwelche Frauen sich auflehnen, dann vermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie!”Der Mann ist in der patriarchalischen Struktur, die im religiösen Familienrecht festgeschrieben ist, das Oberhaupt der Familie, die Ehefrau schuldet ihm Gehorsam im Haus und in der Öffentlichkeit. Das islamische Recht billigt dem Mann zu, in gewissen Fällen seiner Frau den Unterhalt zu entziehen, auch wenn er im Prinzip dazu verpflichtet ist. Er darf sie auch schlagen und kann sie ohne Angabe von Gründen verstoßen.Die Ausnahmen, in denen eine Frau ihrerseits die Scheidung beantragen kann, sind beschränkt auf sexuelle Impotenz, unberechtigte Nichtgewähr von Unterhalt und unheilbare Erkrankung. Frauen besitzen gegenüber Männern auch unterschiedliche Rechtspositionen.

So zählt beispielsweise ihr Zeugnis vor Gericht nur die Hälfte (und das auch nur im Zivilrecht, im Strafrecht haben sie gar keine Zeugenqualität), das Erbrecht ist vermindert, bei Schließung einer Ehe müssen Frauen sich in der Regel durch einen männlichen Ehevormund vertreten lassen. [18] Männer sind berechtigt, bis zu vier Frauen gleichzeitig zu heiraten, während Frauen dies unter Androhung drastischer Strafen verboten ist. [19] Die Polygamieerlaubnis des islamischen Rechts beruht auf Sure 4, Vers 4. Sie ist dort allerdings an die Bedingung geknüpft, dass der Mann in der Lage ist, sich gegenüber seinen verschiedenen Ehefrauen gleichermaßen gerecht zu verhalten. In der heutigen Praxis etlicher islamischer Länder, die noch kein Polygamieverbot kennen (wie dies bereits in der Türkei und Tunesien der Fall ist), ist die Mehrehe selten geworden; so liegt ihr Anteil beispielsweise in Ägypten bei ca. 3,5 Prozent. Das hat zum Teil wirtschaftliche Gründe, beruht aber auch auf dem Wandel des Partnerschafts- und Familienideals, der sich in der Moderne vollzogen hat.

Die Geschlechtertrennung ist der Grundpfeiler der muslimischen Gesellschaftsordnung. Diese Praxis macht den häuslichen Bereich zum Territorium der Frau und die öffentliche Sphäre zur Domäne des Mannes. Jede Überschreitung seitens der Frauen wird von den Männern als Provokation empfunden. Weder der Koran noch die Überlieferungen verbieten es den Frauen, berufstätig zu sein. Aber das Festhalten an ihrer traditionellen Rolle im Haus setzt der Erwerbsarbeit enge Grenzen. Eine Frau braucht die Genehmigung des Mannes oder des Vormundes für die Arbeit außer Haus. Für die Lebenswirklichkeit der Frau im Islam ist bis heute das Recht des Mannes von Bedeutung, den Aufenthaltsort der Frau zu bestimmen. Er kann ihr z. B. das Verlassen der ehelichen Wohnung verbieten, mit der Folge, dass der Frau wesentliche Rechte wie Ausbildung oder Berufstätigkeit vorenthalten bleiben, die ein Verlassen der Wohnung erfordern. Eine Frau soll möglichst nur mit Frauen zusammenarbeiten und darf keine Stellung einnehmen, in der sie Männern Weisungen erteilt. Nur wirtschaftliche Not gilt als ausreichender Grund für Erwerbstätigkeit.

Es ist Frauen nicht gestattet, als religiöse Instanz zu wirken, zu richten oder eine politische Führungsposition zu übernehmen. Das “Blutgeld” für eine Frau beträgt halb so viel wie das eines Mannes, vor Gericht hat ihre Aussage weniger, in gewissen Fällen gar kein Gewicht. Das Erbteil der Töchter ist nur halb so groß wie dasjenige der Söhne – wobei freilich die Tatsache, dass überhaupt ein Erbrecht für Frauen festgeschrieben wurde, zur Entstehungszeit des Korans einen beträchtlichen Fortschritt darstellt. Aus heutiger Sicht bleibt festzuhalten, Frauen werden in Bezug auf Familienrecht, Zivilrecht und Strafrecht auch nach 1400 Jahren immer noch als Menschen zweiter Klasse behandelt.Seit sich die Frauen den Zugang zu formalem Wissen und zur Berufstätigkeit erobern, sind sie in den öffentlichen Raum vorgestoßen. Bis heute haben sich die Männer von diesem Schock nicht erholt. Die Regelverletzung hat ihre Identität ins Mark getroffen: Kämpferische islamische Frauen sehen in der Akzeptanz der von Islamisten propagierten “islamischen Kleiderordnung” einen gangbaren Weg, ihren Ehemann zur Zustimmung zum Verlassen der Wohnung und zu einer Teilnahme am öffentlichen Leben einschließlich z. B. einer eigenen Berufstätigkeit zu bewegen.

Die männlichen Mitglieder der islamischen Glaubensgemeinschaft, der umma, werden anhand ihres öffentlichen Ranges definiert. Die Mitgestaltung des öffentlichen Lebens und die Teilhabe an der politischen Macht verleihen ihnen Autorität. Die Ehre des Mannes hängt von der Kontrolle ab, die er über die Sexualität seiner Ehefrau(en) ausübt, sowie davon wie viele (vor allem männliche) Kinder sie ihm schenkt. Frauen in der Öffentlichkeit bedrohen die Familienehre und stellen die männliche Autorität und Kontrolle in Frage.Auch im Paradies werden Männer und Frauen nicht gleich behandelt, es wird nach den Worten des Propheten unterschiedliche Freuden geben:”Ich stand am Tor des Paradieses. Da waren die meisten, die eintraten, Männer. Und ich stand am Tor zur Hölle. Da waren die meisten, die eintraten, Frauen.”

Muslimische Mädchen und Schule: Koedukativer Unterricht

Muslimischen Schülerinnen verbietet ihr Glaube am gemischten Schulsportunterricht, wie er in vielen Bundesländern stattfindet, teilzunehmen, weil sie sich verhüllen sollen vor Männern und andererseits Männer in knapper Sportbekleidung nicht betrachten sollen. Nicht selten kam es in der Vergangenheit zu Klagen von Eltern muslimischer Schülerinnen. Die Gerichte haben die widersprüchlichsten Urteile gefällt. [20] Die betroffenen Schülerinnen und deren Eltern führen an, dass ein Zwang zum gemischten Schulsport gegen den Koran verstoße. Kritiker argumentieren dagegen, dass die Mädchen sich faktisch aus dem öffentlichen Leben zurückziehen müssten und dies widerspräche dem Grundsatz der Gleichstellung von Mann und Frau. Weiter wird angeführt, dass die Befreiung vom Sportunterricht ein Schritt hin zur Ausgrenzung der betroffenen Schülerinnen sei. Es sei den Mitschülern auch nicht zu vermitteln, warum Muslime eine Sonderstellung genössen und vom Sportunterricht befreit würden.

Schwierig ist bei diesem Thema auch, dass sich gerichtliche Beschlüsse zum gemischten Schulsport auch auf andere Fächer ausdehnen. Wie ist es zu beurteilen, wenn muslimische Eltern wünschen, dass ihre Töchter vom Sexualkundeunterricht befreit werden sollen oder am Aufklärungsunterricht zum Thema Aids oder Schwangerschaftsverhütung nicht teilnehmen sollen? Auch sind Klassenfahrten für muslimische Schülerinnen praktisch nicht möglich, da der Islam es für Frauen nicht vorsieht, ohne einen männlichen Begleiter zu verreisen (siehe “Kamelfatwa”).

Kopftuch

Der Koran schreibt keineswegs eindeutig das Tragen eines Kopftuches vor. In Sure 33, Vers 59 heißt es:”Prophet, sag deinen Gattinnen und Töchtern und den Frauen der Gläubigen, sie sollen sich etwas von ihrem Gewand über den Kopf ziehen. So ist es am ehesten gewährleistet, dass sie als ehrbare Frauen erkannt und daraufhin nicht behelligt werden. Gott aber ist barmherzig und bereit zu vergeben”.Es handelt sich hierbei um unterschiedliche Interpretationen, die nicht von allen Muslimen geteilt werden. Beispielsweise herrscht in Ländern wie Iran oder Saudi-Arabien strenger Kopftuchzwang, während dies in Syrien oder Ägypten nicht der Fall ist. Und ausgerechnet die Türkei, aus der die meisten der in Deutschland lebenden 3,2 Millionen Muslime stammen, praktiziert als streng laizistische Republik ein generelles Kopftuchverbot in allen staatlichen Stellen.In Deutschland hat die Kopftuchdebatte vor allem durch die muslimische Lehramtskandidatin Fereshta Ludin, deutsche Staatsbürgerin afghanischer Herkunft, für Schlagzeilen gesorgt. Sie klagte bereits in mehreren Instanzen um die Erlaubnis, während des Schulunterrichts im staatlichen Schuldienst das Kopftuch tragen zu dürfen.Die Lehrerin beruft sich auf ihr Recht auf Glaubensfreiheit und freie Berufswahl, während die baden-württembergische Kultusministerin Schavan dem das strikte Neutralitätsgebot des Staates sowie das demokratische Grundprinzip der Trennung von Staat und Religion entgegenhält. Dieser Fall ist nicht einmalig, sondern es sind in der Bundesrepublik rund 15 derartige Fälle bekannt geworden.Der Konflikt um die Einstellung von Fershta Ludin mit islamischem Kopftuch in den staatlichen Schuldienst hat das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil vom 24. September 2003 zumindest vorläufig zugunsten der Trägerin des Kopftuchs entschieden. Die Entscheidung verdient Respekt, aber nicht unbedingt große Zustimmung. Kritikwürdig ist insbesondere, dass das Verfassungsgericht der Frage nach dem Sinngehalt des islamischen Kopftuches nicht nachgegangen ist. Diese Zurückhaltung lässt sich nicht mit der Annahme rechtfertigen, dem Staat sei es verwehrt, den Gehalt des Kopftuches zu bewerten, da ihm wegen seiner religiös-weltanschaulichen Neutralität eine solche Wertung nicht zustehe. Eine solche Enthaltsamkeit würde dem Staat die Möglichkeit nehmen, die persönliche Eignung der sich um ein öffentliches Lehramt bewerbenden Personen umfassend zu ermitteln. Gerade hierzu ist der Staat aber verpflichtet, nicht zuletzt im Interesse der eigenen Funktionsfähigkeit und der Erhaltung der grundgesetzlichen Ordnung.

Das islamische Kopftuch ist Ausdruck einer minderen Stellung der Frau, so eine weitverbreitete Meinung. Allerdings wird von Verfechtern des religiösen Kopftuchgebots das Gegenteil behauptet: Während Frauen “im Westen” in Werbung, Fernsehshows, Geschäften oder Filmen zur Schau gestellt würden, symbolisiere das Kopftuch Befreiung aus der Sklaverei, Befreiung von Unterdrückung und Schutz der Menschenwürde.

Das islamische Kopftuch wird überdies in der Islam-Diaspora zunehmend als ein Mittel zur zivilisatorischen Abgrenzung zwischen Muslimen und Nichtmuslimen eingesetzt; es wird so Ausdruck der Distanz zum Westen, damit aber auch zum westlichen demokratischen System und zu seinen Werten. Wenn allerdings muslimische Frauen, die mit dem Tragen des Kopftuchs ja keineswegs durchweg ein fundamentalistisches Weltbild ausdrücken wollen, vom Schuldienst ausgeschlossen werden, nimmt sich die Gesellschaft selber die Möglichkeit, sie als Bürgerinnen beim Wort zu nehmen. Die autoritären Strukturen, in denen Mädchen oft zum Tragen des Kopftuches gezwungen werden, bleiben durch das Verbot unverändert; nur die Integrationsmöglichkeiten dieser Mädchen in die deutsche Gesellschaft würden verringert.Weil sich die Verfassungsrichter geweigert haben, das zu tun, was ihre Aufgabe ist, nämlich die Grundrechte auszulegen, wird nun also in jedem Bundesland das Grundrecht auf Religionsfreiheit anders gedeutet – so nämlich, wie es der jeweiligen Landesregierung passt. Und es wird eine fatale Diskussion weitergehen, die in das Kopftuch alles hineinwickelt, was es überhaupt an Bedrohlichem über den Islam zu sagen gibt – Scharia, Fundamentalismus und Terrorismus. Das Kopftuch wird zur Chiffre für alles Gefährliche. Das geht bis hin zu dem bösen Satz, das Kopftuch sei das “Hakenkreuz der Islamisten”. In solcher Maßlosigkeit entlädt sich weniger die Sorge um die Unterdrückung der Frau als Fremdenfeindlichkeit.Auch in privatwirtschaftlichen Bereichen gab es bereits ähnliche Fälle, wie zum Beispiel den von Fadime C., einer Kaufhausverkäuferin, der von ihrem Arbeitgeber im hessischen Schlüchtern gekündigt wurde, als sie nach ihrem zweiten Erziehungsurlaub verkündete, ihre religiösen Vorstellungen hätten sich geändert und sie wolle sich nicht mehr ohne Kopftuch zeigen. Der Arbeitgeber argumentierte, die Kopfbedeckung schrecke die Kundschaft ab und dies führe zu Umsatzeinbußen. Das Bundesarbeitsgericht in Erfurt hielt die Kündigung für rechtswidrig. Als der Kaufhausbetreiber vor das Bundesverfassungsgericht zog, nahm dieses die Beschwerde nicht an, da sie keine Aussicht auf Erfolg habe. Zur Urteilsbegründung des BAG hieß es, dass die Glaubensfreiheit der Arbeitnehmerin nicht auf einen bloßen Verdacht hin “beiseite gestellt” werde. [21]

Benutzung öffentlicher Bäder

Die Einrichtung eines eigenen “Frauenbadetags” in öffentlichen Bädern steht auf der Wunschliste verschiedener islamischer Frauengruppen ganz obenan. Die große rituelle Waschung, die den ganzen Körper einschließlich der Haare umfasst, ist nach dem Beischlaf und anderen “Verunreinigungen” – insbesonders durch Körpersekrete – eine religiöse Pflicht, die unbedingt eingehalten werden muss. Die üblichen Hallen- und Freibäder in Deutschland können von frommen Muslimen nicht besucht werden, weil der Islam auf Geschlechtertrennung besteht, ein gemeinsames Baden von Frauen und Männern also verboten ist. Gescheitert sind solche “Frauenbadetage” verschiedentlich an dem Verlangen der Musliminnen, die Bademeister müssten weiblich sein. Eigentlich müsste es auch einen islamischen “Männerbadetag” geben; denn wo sich Frauen im hautengen Badeanzug oder gar Bikini tummeln, sollte ein frommer Muslim doch nicht zugegen sein; aber seltsamerweise wird ein solcher “Männerbadetag” bisher nirgends verlangt.

Beschneidung

Männliche Muslime werden bereits im Kindesalter beschnitten. Der Zeitpunkt dieses Eingriffs variiert von Region zu Region zwischen wenigen Tagen nach der Geburt und dem Alter von etwa 13 Jahren. In den Ländern des arabischen Nahen Ostens, der Türkei und Iran liegt das traditionelle Beschneidungsalter meist zwischen fünf und sieben Jahren. Die Praxis der Beschneidung männlicher Nachkommen war bereits im vorislamischen Arabien verbreitet. Im Koran ist sie nicht erwähnt. Verschiedene überlieferte Aussprüche des Propheten Mohammed und sein persönliches Vorbild werden jedoch von Muslimen als Begründung dafür angeführt, dass man die Beschneidung von Alters her als löblichen Brauch betrachtet, dem die Gläubigen zu folgen haben. Beschnitten zu sein gilt gemeinhin als für Männer unverzichtbares Zeichen der Zugehörigkeit zur islamischen (aber auch zur mosaischen) Religion.In einer Reihe von Ländern vor allem Afrikas und Vorderasiens, darunter solchen, die größtenteils von Muslimen bewohnt sind oder in denen diese einen erheblichen Teil der Bevölkerung stellen, werden auch Frauen “beschnitten”. Dabei geht es aber um einen sehr viel drastischeren Eingriff als bei dem, was man bei Männern Beschneidung nennt: Es geht um eine brutale Verstümmelung in verschiedener Weise, die durchaus einer Folter gleichkommt und z.T. lebenslange körperliche und psychische Traumata und Folgen auslöst, ja in vielen Fällen durch die schlechten hygienischen Verhältnisse sogar zum Tode führt. [22]

Nach Schätzungen der WHO leben gegenwärtig auf der Erde etwa 135 Millionen Frauen, die diese verstümmelnden Prozeduren bereits über sich haben ergehen lassen müssen, und jeden Tag kommen etwa 6.000 dazu. In Somalia sind z.B. nach begründeten Schätzungen zur Zeit noch fast 100 Prozent der Frauen “beschnitten”, in Ägypten deutlich mehr als 90 Prozent, im Sudan, in Äthiopien, Eritrea und Mali etwa 90 Prozent, in Kenia, der Zentralafrikanischen Republik, Nigeria und Liberia ca. 50 Prozent. In Deutschland ist der Eingriff ein strafbares Offizialdelikt, und dass es hier vor Ort vorgenommen wird, scheint selten zu sein.Muslime, die die Genitalverstümmelung von Mädchen praktizieren, bekunden häufig, diese sei von ihrer Religion geboten. Das ist jedoch falsch: Im Koran kommt sie nicht vor. In einigen überlieferten Aussprüchen, die dem Propheten zugeschrieben werden, ist zwar von ihr die Rede. Aber erstens ist die Echtheit gerade dieser Aussprüche bereits nach traditionellen islamischen Kriterien fraglich, und zweitens erklärt kein einziger von ihnen diese Praxis zur Pflicht.

Sexualität

Für viele in Deutschland lebende Muslime mag der Umgang mit Sexualität hierzulande, besonders in den Medien und der Werbung, und das Tolerieren von sexuellen Neigungen, die im Islam als Tabu gelten, befremdlich sein, obwohl der Islam ausdrücklich die menschliche Sexualität ohne jeglichen Vorbehalt bejaht. So wurde der Prophet Mohammed zu Lebzeiten von Christen für sein unverkrampftes Verhältnis zur Sexualität kritisiert. Jedoch ist im Islam Heirat eine religiöse Regel und das islamische Recht sieht Homosexualität, Ehebruch, Unzucht und Prostitution als Sünden an, die schwer bestraft werden sollen. Was die Ehe und die Bestrafung von Verfehlungen betrifft, so sind die islamischen Vorschriften für Frauen sehr viel strenger als die für Männer. Mit diesem kulturellen Hintergrund kommen viele Muslime nach Deutschland und erleben den offenen Umgang mit Sexualität als moralisch verwerflich und unsittlich, besonders in seiner Wirkung auf ihre Kinder.

Rechtliche Stellung von muslimischen Vereinigungen

In Deutschland gibt es derzeit eine Vielzahl von Vereinen, welche die Muslime vertreten. Diese unterscheiden sich häufig nach nationaler Herkunft und kultureller Tradition, zumeist aber nicht – abgesehen allerdings zumindest von den Aleviten – nach den Besonderheiten einer bestimmten religiösen Richtung oder Schule. Deshalb können sie zwar mit einem gewissen Recht in Anspruch nehmen, für alle Muslime offen und für die Wahrnehmung von deren religiösen Interessen da zu sein. Zugleich aber haben die Moscheevereine in der Regel nur sehr begrenzte Mitgliederzahlen, da für die Teilnahme an dem in der Moschee zu verrichtenden Freitagsgebet die Vereinszugehörigkeit keine Relevanz hat.Im Unterschied zu den christlichen und jüdischen Gemeinden in Deutschland sind aber die muslimischen Glaubensgemeinschaften nicht einheitlich und bundesweit organisiert. Dies wäre Voraussetzung, dafür, als “Körperschaft des öffentlichen Rechts” anerkannt zu werden und somit wichtige Rechte und Vorteile zu erhalten: das Recht, Steuern zu erheben; das Recht, Dienstverhältnisse öffentlich-rechtlicher Art zu begründen; das Recht, als Träger der freien Wohlfahrtspflege und der freien Jugendhilfe zu wirken; das Recht auf bestimmte steuerliche Vergünstigungen und Befreiungen; das Recht auf einen erleichterten Zugang zur Seelsorge in öffentlichen Anstalten und Einrichtungen (z.B. Justizvollzug, Bundeswehr, Krankenhäuser, Heime); das Recht auf Entsendung von Vertretern in die Rundfunkräte und schließlich die vereinfachte Berücksichtigung von Bauvorhaben für Gottesdienste und Seelsorge in den Bauleitplänen.Natürlich haben auch die in Deutschland lebenden Muslime die Notwendigkeit erkannt, sich zu organisieren, was jedoch nur schwer gelingt, weil die Gräben zwischen den einzelnen Glaubensrichtungen zu tief sind, ebenso wie sich auch das sehr heterogene Spektrum von Weltanschauungen des Islams schwer in einer Instanz bündeln und repräsentieren lässt. Um in Deutschland eine einheitliche Repräsentanz zu etablieren, wäre es vordergründig von Wichtigkeit, dass der Islam in Deutschland sich zum Grundgesetz bekennt und dies auch lebt, indem sich Repräsentanten nicht nur öffentlich von jeglichem Fundamentalismus distanzieren, sondern auch gegen solche Strömungen innerhalb ihren Glaubensgemeinden wirken.

Moscheen/ Muezzin

Die Muslime müssen auch in Deutschland ihren Glauben in rechter Weise praktizieren können. Dies ist ein vom Grundgesetz garantiertes Recht. Schwerpunkt islamischer Glaubenspraxis ist das täglich fünfmal zu verrichtende rituelle Gebet das an jedem beliebigen Ort verrichtet werden kann. Nur muss der Boden, auf dem man betet, rein und als – aus dem profanen Bereich ausgegrenzte – Gebetsstelle gekennzeichnet sein. Der Gebetsteppich erfüllt diese Kriterien; notfalls reicht aber eine ausgebreitete Zeitung oder ein Tuch aus, um einen reinen Gebetsplatz zu markieren. Das rituelle Gebet ist Pflicht für Männer wie für Frauen. Die Musliminnen dürfen jedoch während der Menstruation und 40 Tage lang nach der Geburt eines Kindes das rituelle Gebet nicht durchführen. Ansonsten mag jeder Muslim im freien Gebet zu Gott beten, wann immer er will.Im Gegensatz zu den täglichen Gebeten ist das Freitagsgebet nur für die Männer obligatorisch; es wird anstelle des rituellen Mittagsgebets verrichtet und gilt als besonders heilbringend. Das gemeinsame Gebet hat einen höheren Wert als das Gebet des einzelnen. Ein Wort des Propheten Mohammed besagt: “Das Gebet der Gemeinschaft ist besser als das Gebet des einzelnen, und zwar siebenundzwanzigmal besser”. [23]

Die Moschee stellt das wohl markanteste Element islamischen Lebens dar. [24] Als Ort, an dem der erwachsene männliche Muslim am Freitagmittag das rituelle Pflichtgebet möglichst in Gemeinschaft zu verrichten hat, hat die Moschee neben ihrer kultischen weitere, zentrale Funktionen für das religiöse, soziale und politische Leben der islamischen Gemeinschaft. Dies gilt inzwischen für Westeuropa bzw. Deutschland ebenso wie für die islamischen Herkunftsländer. In nichtislamischer Umgebung kommt der Moschee, der häufig eine Koranschule angegliedert ist, als wichtigstem Faktor islamischer Sozialisation neben der Familie noch größere Bedeutung zu als in der jeweiligen Heimat. Deshalb sind Bau, Betrieb und Unterhaltung einer Moschee bis heute das erste und wichtigste Anliegen, zu dessen Verwirklichung Muslime in Deutschland sich in der Rechtsform des eingetragenen Vereins zusammenschließen.Die Diskussion um den Bau von Moscheen mit Minaretten sorgt regelmäßig für Zündstoff unter Kritikern und Befürwortern. Das Minarett, von dem früher der Muezzin die gläubigen Muslime zum Gebet rief, wird heute in der Regel mit Lautsprechern bestückt, die die Aufgabe des Gebetsrufers erfüllen. Vor allem dieser Ruf des Muezzins ist christlichen Kritikern ein Dorn im Auge. Während die Muslime den Vergleich mit dem Glockenläuten christlicher Kirchen heranziehen und sich auf Artikel 4 des Grundgesetzes berufen, der Religionsfreiheit garantiert, widersprechen christliche Kritiker dem und betonen, der Ruf des Muezzins habe missionarischen Charakter, da der Gebetsruf auch das Glaubensbekenntnis des Islam enthalte. [25]

Schächten

Hinsichtlich der Erlaubtheit des Verzehrs von Schlachtprodukten enthält der Koran vier Einschränkungen, die verhältnismäßig leicht einzuhalten sind: Unrein und damit verboten ist für Muslime 1. Aas, also Fleisch von Tieren, die schon vor der Schlachtung verendet waren, 2. Blut (in ausgeflossener Form oder in unausgeblutetem Fleisch), 3. Schweinefleisch und 4. Fleisch, über dem ein anderes Wesen als Gott angerufen worden ist, das also Götzen geopfert worden ist (Sure 2,173; Sure 5,3; Sure 6,145; Sure 16,115).Das Schächten ist die im Judentum und Islam vorgeschriebene Form des Schlachtens, bei der das Tier unbetäubt mit einem Schnitt durch Halsschlagader, Luft- und Speiseröhre getötet wird. Sinn ist es, dass das Tier vollständig ausblutet, da der Genuss von Blut sowohl im Judentum als auch im Islam verboten ist. Hintergrund für das rituelle Schächten ist auch, dass in den sehr heißen Ländern des Islams das Fleisch durch das vollständige Ausbluten haltbarer gemacht werden kann, was wiederum potentiellen Gesundheitsrisiken entgegenwirkt. Gegen das Betäuben der Tiere vor dem Töten spräche, so Befürworter der Schächtmethode, dass das Tier verkrampfen könnte und somit das vollständige Ausbluten verhindert werde.

In Deutschland kollidierte das betäubungslose Schächten bis zum Januar 2002, als das Bundesverfassungsgericht der Klage eines muslimischen Metzgers nachgab und das betäubungslose Schächten in Ausnahmefällen erlaubte, mit dem Tierschutzgesetz, welches untersagt, warmblütige Tiere ohne Betäubung zu töten. Das Bundesverfassungsgericht erlaubt Muslimen nun auch, was Juden schon lange dürfen. Wer eine Ausnahmegenehmigung beantragen will, muss nun “substantiiert und nachvollziehbar” darlegen, dass nach der Glaubensüberzeugung seiner Gruppe der Verzehr von Fleisch zwingend eine Schlachtung ohne Betäubung erfordert.Aber genau das ist der Grund, weshalb die Praxis anders aussieht: Vor dem muslimischen Opferfest gingen beispielsweise beim Land Hessen im Jahr 2002 ca. 600 Anträge auf Erlaubnis zum betäubungslosen Schächten ein, die allesamt abgelehnt wurden, weil die vom Verfassungsgericht “zwingenden religiösen Gründe” nicht schlüssig dargelegt wurden. Auch wenn es um das rücksichtsvolle Töten der Tiere, wie der Koran es vorschreibt, geht, sieht die Realität anders aus. Im städtischen Schlachthof von Karlsruhe bestand keiner der muslimischen Metzger die praktische Prüfung des Sachkundenachweises, der Voraussetzung für die Erlaubnis zum Schächten von Tieren ist, weil erhebliche Defizite in der Handhabung der Schächtmethode gegeben waren. Da auch der Tierschutz nun als Staatsziel in die Verfassung aufgenommen wurde, relativiert sich das Karlsruher Urteil, und somit ist das rituelle Schächten keineswegs in den deutschen Schlachthofalltag eingezogen. Bis heute ist dieses rituelle Schlachten von Tieren sehr umstritten. Tierschützer sehen darin ebenso eine Tierquälerei wie in der traditionellen deutschen Methode.

Bestattungen im Islam

Wenn ein Muslim stirbt, wird sein Leichnam nach islamischer Tradition durch einen Muslim gleichen Geschlechts gewaschen und von Kopf bis Fuß in weiße Baumwolltücher gewickelt – Frauen in fünf, Männer in drei Tücher. Der Imam verliest das Totengebet (dies ist eine Gemeinschaftspflicht der Männer), woraufhin die männlichen Angehörigen den Trauerzug möglichst schnell zur Grabstätte geleiten, um den Verstorbenen der Erde zu übergeben. Man wirft dreimal Staub auf den Toten. Das Grab soll auf einem muslimischen Friedhof oder einem ausgewiesenen Areal liegen. Der Leichnam wird so gebettet, dass er, auf der rechten Seite liegend, mit dem Gesicht nach Mekka blickt. So ruht der Verstorbene und darf nicht mehr gestört werden. Im Gegensatz zur christlichen Tradition ist es nicht üblich, dass Angehörige die Gräber ihrer Verstorbenen aufwändig schmücken. Grundsätzlich abgelehnt wird von Muslimen aus religiösen Gründen die Feuerbestattung; sie gilt als Hindernis für die leibliche Auferstehung der Toten.

Diese rituellen Vorschriften passen jedoch nicht zu der deutschen Rechtswirklichkeit. Zum einen tauchen auch hier wieder die Schwierigkeiten auf, dass in Deutschland Träger von Friedhöfen nur Körperschaften öffentlichen Rechts sein können, was für islamische Verbände in Deutschland derzeit nicht gilt. Daher gibt es auch als einzigen muslimischen Friedhof in Deutschland den Berliner Friedhof, der bereits belegt ist. Die Alternative dazu sind Gräberfelder, die in circa 70 deutschen Städten in reguläre Friedhöfe integriert sind. Des weiteren sind die deutschen Hygienegesetze nicht mit der Beerdigung ohne Sarg vereinbar [26] und auch die gesetzlich vorgeschriebene Mindestzeit von 48 Stunden vom Eintritt des Todes bis zu Beerdigung lässt sich nur schlecht damit vereinbaren, dass ein Leichnam im Islam möglichst noch am Todestag zu Grabe getragen werden soll. Außerdem ist die ewige Grabesruhe nicht gewährleistet, da die Liegezeiten auf deutschen Friedhöfen begrenzt sind, auch das Liegen des Leichnams Richtung Mekka ist nicht auf allen Friedhöfen möglich, weil die Friedhofsanlage dies nicht zulässt. Das Land Nordrhein-Westfalen hat hier einen ersten Schritt getan: Seit 1. September 2003 gilt hier für Muslime kein Sargzwang mehr und auch die Ruhefristen werden flexibler gehandhabt.

Tatsächlich werden von den in Deutschland lebenden Muslimen nach deren Tod etwa 90 Prozent in ihre Heimat überführt. Das Essener Zentrum für Türkeistudien hat in einer Umfrage herausgefunden, dass sich nur etwa 5 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime vorstellen können, hier begraben zu werden. Hinzu kommt, dass die Überführung in die Heimat nur etwa halb soviel kostet wie eine Bestattung in Deutschland.

Islamischer Religionsunterricht an deutschen Schulen

Für die etwa 700.000 muslimischen Schüler in Deutschland gibt es nach wie vor keine einheitlichen Bestimmungen, wenn es um islamischen Religionsunterricht geht. Auch hier ist eines der Hauptprobleme die uneinheitlich organisierten Strukturen der in Deutschland lebenden Muslime und die Tatsache, dass der Islam innerhalb seiner Glaubensgemeinschaften zu zerstritten ist, als dass man einen einzigen Ansprechpartner finden könnte, mit dem man gemeinsam die Inhalte für einen regulären islamischen Religionsunterricht festlegen könnte, denn Religionsunterricht ist Sache der Kirchen oder Religionsgesellschaften.

Wenn es zu einem islamischen Religionsunterricht in Deutschland kommt, gibt es einige Punkte, über deren Beachtung von deutscher Seite aus Einigkeit herrscht: der Unterricht muss in deutscher Sprache erfolgen, die Lehrer sollen nach deutschen Standards ausgebildet werden, die Lehrinhalte müssen mit dem Grundgesetz in Einklang stehen und der Religionsunterricht darf nicht den Maßstäben einer einzigen islamischen Glaubensrichtung entsprechen, sondern muss vielmehr universell für alle Muslime in Deutschland gestaltet sein.Der Nachbar Österreich hat es bereits geschafft, hier einheitliche Standards zu schaffen. Die Lehrer werden im eigenen Land ausgebildet, was eine gewisse staatliche Kontrolle ermöglicht. Jedoch gibt es von islamischer Seite dort einen einzigen Ansprechpartner, die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ), während in Deutschland zahlreiche Organisationen und Verbände die Muslime repräsentieren.Bisher gibt es in Deutschland lediglich Modellversuche, die über die “islamische Unterweisung” in Türkisch, Arabisch und Bosnisch religiöses Wissen über den Islam vermitteln, jedoch ausdrücklich nicht den Glauben verkünden oder dazu erziehen sollen. An der Universität im nordrhein-westfälischen Münster werden seit dem Herbst 2002 Lehrer für Islamkunde ausgebildet. Außerdem soll die Universität einen Lehrstuhl für Islamische Theologie erhalten. Ein günstiger Aspekt dieser Ausbildung ist, dass es in Zukunft möglich sein wird, Kenntnisse über den Islam unter staatlicher Kontrolle in deutsche Schulen zu bringen und somit verhindert werden kann, dass islamisch-fundamentalistische Inhalte vermittelt werden können.

In Nordrhein-Westfalen wird seit 1999 an mehreren Schulen Islamkunde als freiwilliges Fach in deutscher Sprache angeboten. Unterrichtsinhalte sind Geschichte, Ethik und Religion des Islam. Ziel der Regierung in NRW ist es, den islamischen Religionsunterricht in deutscher Sprache als reguläres Schulfach einzuführen.In Bayern wird derzeit in einem Pilotprojekt an einigen bayrischen Grundschulen erstmals islamischer Religionsunterricht angeboten. Die Unterrichtsrichtlinien für den auf Deutsch stattfindenden islamischen Religionsunterricht wurden vom bayerischen Kultusministerium und dem türkischen Schulministerium festgelegt. Gerade hierin sehen Kritiker Probleme: Es sei unverantwortlich, dass Institutionen aus anderen Ländern ein Mitspracherecht bei der Lehrplangestaltung eingeräumt werde, da diese Lehrinhalte erzkonservativen Werten entsprächen. Diese Kritiker fordern einen “deutschen Islam”, der modern und deutschen Verhältnissen entsprechend ist. Des weiteren verlangen sie eine länderübergreifende Regelung, die es ermöglicht, Mitglieder der verschiedenen Gruppierungen in die Lehrplangestaltung mit einzubeziehen. Gesellschaftlich ist der islamische Religionsunterricht unter Schirmherrschaft einer muslimischen Zentralinstanz und einer Staatsinstanz von Wichtigkeit, weil der jungen muslimischen Generation in Deutschland so die Möglichkeit gegeben werden kann, einen eigenen Standpunkt zu beziehen. Außerdem könnte man jungen Muslimen so das Finden einer eigenen religiösen Identität ermöglichen, um eigenverantwortlich am Gestaltungsprozess der Gesellschaft, in der sie leben, teilzunehmen. Der Spagat zwischen traditioneller islamischer Erziehung und dem westlichen Lebensstil in Deutschland könnte dieser Generation leichter fallen.

Medizin und Ärzte

Wenn Muslime in Deutschland krank werden, können sie auf eine Fülle von Unannehmlichkeiten stoßen. Da sind einerseits Sprachprobleme, die es vielen Muslimen schwer machen, einem Arzt mitzuteilen, welches gesundheitliche Problem sie haben. Es kommen aber auch kulturelle Schwierigkeiten hinzu. Viele Dinge, die für einen deutschen Patienten völlig selbstverständlich sind, wie zum Beispiel der Handschlag zur Begrüßung, das Entkleiden bei der Untersuchung oder die Behandlung einer Frau durch einen männlichen Arzt, können die Schamgefühle von Muslimen verletzen.

Medikamente mit Alkohol, die hierzulande ohne weiteres verordnet werden, kommen für einen Muslimen nicht in Frage. Herzklappen und gelatinehaltige Produkte sind tabu. Besonders schwierig ist eine Therapie während des Fastenmonats Ramadan. Während dieser Zeit sind nach islamischem Recht Injektionen, Infusionen, künstliche Ernährung und Nasen- oder Ohrentropfen nicht gestattet, was den Genesungsprozess eines Patienten beeinträchtigen kann.Das muslimische Verständnis von Kranksein ist ein anderes als das unserer westlichen Kultur. Es wird als Prüfung Gottes empfunden, welche helfen soll, den Glauben zu festigen. Außerdem sieht ein Muslim den Körper als von Gott geliehen. In islamischen Ländern wird ein Gebrechen erst als echte Krankheit angesehen, wenn es Schmerzen bereitet. Daher meiden viele Muslime in Deutschland Impfungen, routinemäßige Kinderuntersuchungen oder Vorsorgeuntersuchungen wie etwa beim Frauenarzt, Urologen oder Zahnarzt. Für viele Ärzte mag es befremdlich sein, wenn Muslime Rat bei einem Imam suchen, um den Konflikt zwischen der Wahrung der Gesundheit und den islamischen Pflichten zu bewältigen. Wenn der Imam sich nach dem Gesundheitszustand des Patienten beim Facharzt erkundigt, was für Muslime nichts Außergewöhnliches ist, kollidiert dies mit der ärztlichen Schweigepflicht.

Alternde Muslime

Viele Muslime in Deutschland gehören der Einwanderergeneration an, die zwischen 1963 und 1970 als Gastarbeiter nach Deutschland kamen. Fast 700.000 Einwanderer, darunter rund 200.000 Türken, werden in diesem Jahrzehnt ihren 60. Geburtstag feiern. Deshalb rechnen Experten mit einem ansteigenden Bedarf an Alten- und Pflegeheimplätzen, um die älter werdenden Muslime betreuen zu können.Der größte Anteil der ehemaligen Gastarbeiter hatte ursprünglich geplant, in die Heimat zurückzukehren. Dass dies nicht geschehen ist, bedeutet für viele von ihnen, dass sich ihre Lebensträume nicht erfüllt haben. Förderer von Alten- und Pflegeheimen, die Muslime integrieren wollen, halten es für sinnvoll, den Muslimen Zugeständnisse zu machen, wenn es darum geht, wie sie ihren Lebensabend verbringen sollen. Sie sollen ihre Muttersprache, ihr Essen, ihre Tradition und ihre Religion nicht aufgeben müssen. Dies setzt voraus, dass die Heime spezielle Einrichtungen für Gebetszeiten sowie die dazugehörigen Waschungen anbieten oder dass in den Küchen darauf geachtet wird, was nach islamischer Tradition gegessen wird und was nicht. Dazu gehört auch, dass ein strenggläubiger Muslim nichts von einem Teller essen wird, auf dem einmal ein Stück Schwein lag. Mitarbeiter müssten speziell diesen Bedürfnissen entsprechend geschult werden. Hinzu kommt beispielsweise auch der Umgang zwischen den Geschlechtern. Strenggläubige Musliminnen werden sich nicht von Männern pflegen lassen wollen. Dazu muss in der Organisation und Pflegepraxis der Heime vieles verändert werden.

Islamische Feste

Während für alle Einwohner Deutschlands – einschließlich der Nicht-Christen – die hohen christlichen Feste offizielle Feiertage sind, haben die Muslime hierzulande kein Anrecht auf Freistellung von der Arbeit anlässlich ihrer eigenen religiösen Feiern. Insbesondere gilt dies für das Fest des Fastenbrechens (iftar) am Ende des heiligen Monats Ramadan und für das Opferfest zur Zeit der Pilgerfahrt. Beides sind mehrtägige Feste. Das Problem dieser zeitlich “wandernden” islamischen Feste ist bei uns noch ungelöst. Muslimische Kinder bekommen z. B. in Hessen und auch in Bayern auf Antrag schulfrei, Erwachsene mitunter bezahlten Urlaub; doch lassen sich solche Sonderregelungen z. B. in Fabriken mit vielen muslimischen Mitarbeitern nur begrenzt praktizieren.

Haft und Strafvollzug

Die Anzahl muslimischer Inhaftierter in Deutschland ist aus einer Reihe von Gründen überproportional groß. So gehörten etwa im Jahr 2001 in Baden-Württemberg – bei steigender Tendenz – 21 Prozent der Insassen von Justizvollzugsanstalten muslimischen Glaubensgemeinschaften an. Viele von ihnen sind Ausländer in Untersuchungshaft, Menschen in der Fremde, die plötzlich hilflos einer fremden Behörde ausgeliefert sind. Dem Betreuungspersonal gelingt es aufgrund von Sprachschwierigkeiten auch bei gutem Willen kaum, sich mit den Inhaftierten angemessen zu verständigen. Diese ihrerseits zögern – auch aus Angst falsch verstanden zu werden – sich über ihre Bedürfnisse und Gefühle zu äußern. Somit leben sie sozusagen in “doppelter Isolation”, weil die traditionell starken familiären Bindungen oft nicht mehr greifen und die Schande oft nicht zu ertragen ist. Die Angst, abgeschoben zu werden, ist eine zusätzliche Belastung.Viele Muslime, Männer wie Frauen, empfinden das Ertragen der Haftsituation in den ersten Tagen nach der Inhaftierung als besonders schwer. Sie erleben es als noch demütigender und schwerer als andere Gefangene, wenn sie umgekleidet werden und ihnen die Privatsachen genommen werden. Das negativ Erfahrene führen sie leicht auf antiislamische Ressentiments der Beamten zurück. Die angestauten Aggressionen sind, wenn sie sich entladen, meist sehr massiv. Christlich-seelsorgerliche Bemühungen um islamische Gefängnisinsassen werden oft als Missionierungsversuche missverstanden. Muslimische Eigeninitiative gibt es jedoch nur ganz sporadisch. Mittlerweile kommen die Justizvollzugsanstalten muslimischen Inhaftierten in ihren religiösen Bedürfnissen wenigstens beim Befolgen der wichtigsten Glaubensvorschriften entgegen.

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Bild 6: Die Welt des Islam

Theorie und Praxis im Islam

Alle großen religiösen und ideologischen Bewegungen – besonders jene, die, inspiriert von heiligen Schriften, versuchen, diese zu verstehen und nach ihnen zu leben – vereinen zwei Ebenen in sich: auf der einen Seite die Ebene der Reflexion, der Theorie, und auf der anderen Seite die des Handelns und der Praxis. Dies gilt für jüdische, christliche und muslimische Bewegungen durch die Jahrhunderte ihrer Geschichte hindurch. Während in bestimmten Strömungen und Bewegungen hauptsächlich das Studium der Quellen der Inspiration hervorgehoben wird – was man durchaus als “Fundamentalismus” bezeichnen kann – , wird in anderen dagegen vor allem die Notwendigkeit der Praxis und des Handelns – sprich “Aktivismus” – betont. Beide Strömungen ergänzen einander und beherrschen die Diskussion.Die in der öffentlichen Diskussion gerne gemachte Grenzziehung zwischen Islam als Religion und Islam als Ideologie trägt die Gefahr in sich, dass wieder einmal irgendwelche Menschen im Westen darüber befinden, was der Islam wirklich ist. Das läuft auf eine neue Form dessen hinaus, was der bekannte palästinensische Islamwissenschaftler Edward Said als Orientalismus [27] beschrieb: Die Zunft der Wissenschaft der Orientalisten habe das Idealbild des “Orients” geschaffen, damit es als Gegensatz und Folie eines “Westens” diene, der sich positiv von den “Orientalen” abheben wolle. Die “Orientalen” erhalten daher alle Wesenszüge, von denen “der Westen” sich freisprechen möchte: Sie werden als irrational, emotional, unbeständig und unzuverlässig, unlogisch, naiv und grausam geschildert. Dies werde als ihre angebliche Essenz dargestellt. Das “westliche” Gegenbild wolle sich davon als im Wesentlichen rational, objektiv, effizient, logisch, wissenschaftlich und doch human abheben. Der künstlich erzeugte Gegensatz diene Machtzwecken. Er erlaube und rechtfertige koloniale und neokoloniale Machtanwendungen gegenüber den so konstruierten “unmündigen Orientalen”.

Das gegenwärtig in Europa vorherrschende Orientbild wird stark vom Nahost-Konflikt und den daraus folgenden politischen Entwicklungen beeinflusst. Durch den so heraufbeschworenen politischen jüdisch-islamischen Antagonismus werden andere wichtige Elemente dieses Bildes verdrängt. In Wirklichkeit aber ist der Orient ethnisch und religiös vielfältiger, als er in einem so polarisierten Bild erscheint. Die in ihrer Ursprungsregion koexistierenden Religionsgemeinschaften befinden sich in einem langen Prozess von Austausch und gegenseitiger Beeinflussung, dessen kulturelle Dimensionen deutlich spürbar sind. Theologisch behält der andere zwar sein Anderssein, er ist jedoch nicht der Fremde, sondern der andere, mit dem man vertraut ist. Diese Einstellung prägt insbesondere die Haltung des orientalischen Christentums zum Islam. Spätestens seit dem neunten Jahrhundert ist die arabische Sprache auch die Sprache der christlichen Liturgie und Theologie. Man verwendet in Gebet und Theologie dieselben Begriffe wie die Muslime. Arabische Angehörige beider Religionen nennen Gott Allah. Sie drücken ihren Glauben mit den gleichen Worten aus.Der Orient ist heterogen. Seine Heterogenität prägt Alltagsleben und Kultur, aber auch den religiösen Bereich. Die dort vorhandene Vielfalt von Religionen und Kulturen führt unvermeidlich dazu, dass die Einzelsphären im Laufe der langen Geschichte ihrer Koexistenz in ein Verhältnis zueinander treten. Dementsprechend lässt sich in verschiedenen Kulturbereichen sowie auf der Alltagebene beobachten, dass religiöse Gehalte unterschiedlichen Ursprungs ineinander übergehen und bei Angehörigen anderer Religionsgemeinschaften Geltung gewinnen. Insofern erscheint der geläufige Vergleich dieser Vielfalt mit einem Mosaikbild als nicht angemessen. Anders als in einem Mosaik sind es hier keine Steine, die starr nebeneinander gesetzt werden und sich deshalb nur in äußerlicher Berührung befinden. Es sind vielmehr Menschen unterschiedlicher religiöser Hintergründe, die zusammenleben und miteinander kommunizieren. Die alltägliche Kommunikation bringt Austauschstrukturen zustande, die kulturelle Formen gemischter religiöser Färbung produzieren. In Literatur, bildender und darstellender Kunst tritt dies deutlich zutage. So sehen moderne muslimische Dichter im Leiden des gekreuzigten Christus den Inbegriff menschlichen Leidens und beziehen es auf die Situation ihrer Völker – obwohl der Koran eindeutig verneint, dass Jesus am Kreuz starb. Im Geiste der Vielfalt gehört auch der Davidsstern zu den Abbildungen im Palast eines Drusenherrschers ebenso wie islamische Motive an den Häusern christlicher Familien.

Es spricht viel dafür, dass der Islam in der westlichen Gesellschaft als Projektionsfläche für eine dunkle Seite der Religion dient, die es, obgleich in unterschiedlichen Formen, auch in der christlichen und in anderen Religionen gibt. Man will sie aber in der eigenen Religion jeweils nicht wahrhaben. Aus diesem Grund fällt es schwer, dem Islam positive Seiten abzugewinnen und ihn in seiner kulturprägenden Wirkungsmacht zu würdigen, die kaum weniger Menschen geprägt hat als das Christentum.Die Debatte um Friedfertigkeit und Gewalt spielt in vielen Religionen eine zentrale Rolle. Dabei gibt es starke Verdrängungsmechanismen. Um das Friedensideal der eigenen Religion hochhalten zu können, wird die Gewaltseite jeweils der anderen zugeschoben. So wurde etwa die Wortverbindung “Heiliger Krieg”, die heute jeder mit dem Islam verbindet, nicht von Muslimen, sondern von den christlichen Ideologen der Kreuzzüge geprägt. Es war Papst Urban II., der am 27. November 1095 in Clermont mit seinem Befehl zum “Heiligen Krieg im Heiligen Land” die Geburtsstunde der Kreuzzüge einleitete. [28] Erst 1187, als Reaktion darauf finden sich Quellen, die den “Heiligen Krieg” in Verbindung mit dem Islam bringen, als nämlich der islamische Feldherr Saladin während der Befreiungskämpfe um Jerusalem einen “Heiligen Krieg” ausrief. Doch auch dieser islamische “Heilige Krieg” war noch ein Verteidigungskampf der Muslime zum Schutz der “Umma”, der islamischen Gemeinde, gegen die Kreuzritter. Das Problem ist also grundsätzlicherer Art.

Das Prinzip der Täuschung “taqiya”im Feindesland

Aufgrund einer muslimischen Besonderheit kommt es immer wieder zu der Frage: Kann man den Aussagen von Muslimen trauen? Genauso wie im Christentum ist es im Islam verboten zu lügen. Trotzdem lügen natürlich Christen wie Muslime bei allen möglichen Gelegenheiten; sie sind nun einmal Menschen. Dennoch haben die Orientalen unter bestimmten Umständen ein anderes “Wahrheitsverständnis” als wir Westler. Zwei völlig unterschiedliche Aspekte führen zu dieser Einschätzung: Der erste Aspekt ist kultureller, der zweite religiöser Art. Peter Heine hat in seinem Buch “Kulturknigge für Nichtmuslime” ein Kapitel überschrieben mit “Was ist Wahrheit?” und darin sehr anschaulich sowohl die Höflichkeit der Orientalen beschrieben als auch deren “andere Realitätssicht”. Orientalen wollen beispielsweise einem Gast keinen Wunsch abschlagen, auch wenn er unerfüllbar oder gar peinlich ist.

Doch es gibt über die kulturelle Besonderheit hinaus auch einen religiös bedingte Ausnahmesituation, die einen Muslim geradezu verpflichtet, unter ganz bestimmten Lebensumständen nicht die Wahrheit zu sagen, sondern “taqiya” zu üben. Dieser Begriff lässt sich kaum ins Deutsche übersetzen. Der Islam-Experte Heinz Halm hat ihn zunächst mit “Vorsicht” später jedoch mit “Verstellung” wieder gegeben. Bassam Tibi verwendet den Ausdruck “Täuschung der Ungläubigen”. Hans-Peter Raddatz beschreibt “taqiya” als “die islamische Praxis, die Glaubensverleugnung als Nutzenkalkül und pragmatisches Alternativkonzept zum Märtyrertum betreibt”. “Taqiya” bedeutet, dass ein Muslim seine religiöse Identität oder seine wahren Absichten im Fall einer Bedrohung zu verschweigen hat. Für die Schiiten ist “taqiya” vor allem dann geboten, wenn das eigene Leben oder das eines anderen Schiiten in Gefahr ist, aber auch, wenn sein Eigentum oder das Eigentum eines anderen Schiiten gefährdet ist. Obgleich “taqiya” nur für Schiiten obligatorisch ist und die Sunniten die Schiiten deshalb immer wieder wegen ihrer “Falschheit” anprangern, wird sie auch bei den Sunniten angewandt. Im nicht-muslimischen Umfeld ist eine solche Haltung also auch Sunniten nicht verboten und gegebenenfalls sogar religiös legitimiert, für die Schiiten aber ist sie religiöse Pflicht. Für den Dialog mit dem Islam bedeutet diese Doppelbödigkeit eines der Hauptprobleme. Gegenüber den Deutschen und in deutscher Sprache betont man unablässig auf dem Boden des Grundgesetzes zu stehen und den Dialog zu wollen. Gegenüber Muslimen und in türkischer oder arabischer Sprache überwiegen Hetzparolen gegen die deutsche Demokratie, den Pluralismus und die angeblich “sittlich verrottete” deutsche Gesellschaft.

Islamkritik in Deutschland

Der Islam weckt Emotionen. Spätestens seit der iranische Revolutionsführer Ajatollah Chomeini und die Mullahs 1979 im Iran gewaltsam die Macht übernommen und 1989 eine Todes-Fatwa gegen den Schriftsteller Salman Rushdie verhängt haben. Denn mit dem Erstarken radikal-islamistischer Strömungen keimen auch in Europa vielerorts Ängste, ob diese totalitäre Bewegung oder gar der Islam selbst zu einer Gefahr für den Westen werden könnte. Das Unbehagen wurde durch die Herrschaft der Taliban in Afghanistan und die Terroranschläge vom 11. September 2001 nicht weniger. Es besteht die Gefahr, dass Vertreter eines fundamentalistischen Islam und die von ihnen vertretene Auslegung des islamischen Glaubens verabsolutiert und als der Islam schlechthin angesehen werden.Bei der Bekämpfung des muslimischen Extremismus aber steht die deutsche Gesellschaft an einer Wegmarke Sie muss sich zwischen Abgrenzung und Offenheit, Naivität und Auseinandersetzung mit islamistischen Tendenzen entscheiden, muss deutliche Grenzen setzen gegenüber all denen, die die Rechte anderer einschränken wollen. Leider hat sich die Gesellschaft, anders als bei der Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus, bei der Beschäftigung mit islamistischen Organisationen, religiösem Fundamentalismus und den entsprechenden Funktionären noch nicht auf gemeinsame Grundlagen einigen können.

Auch wenn Rechtsextremismus und Islamismus nicht gleichgesetzt werden können, da die einen ihre Ungleichheitsideologien völkisch, die anderen hingegen religiös begründen, die einen sich auf das Blut, die anderen auf den Glauben berufen, gibt es Parallelen in der Ablehnung universeller Werte: Beide sind totalitäre Ideologien. Umso verwunderlicher ist es daher, dass bei den Reaktionen auf sie unterschiedliche Standards gelten.Es ist nicht zu leugnen, dass sowohl gewisse Aussagen des Propheten wie auch bestimmte Stellen im Koran eindeutig im Widerspruch zu den Grundsätzen der Menschenrechte stehen. Dies ist jedoch nicht das Entscheidende. Das Hauptproblem liegt darin, dass nach Auffassung der Islamisten nicht die Individuen im Mittelpunkt der Diskussion stehen, sondern Gott und der Glaube. Dementsprechend richtet sich die Aufmerksamkeit der Gelehrten nicht auf die Rechte und Freiheiten der Menschen, sondern auf die Pflichten, die Gläubige Gott gegenüber zu erfüllen haben. Damit wird der Glaube von ihnen auf einen Gesetzesdogmatismus verengt und die Einhaltung von Vorschriften und Erfüllung von Pflichten über die geistige und spirituelle Substanz der Religion gestellt. Dass dieses Problem nicht nur in einem konservativen Islam auftaucht, wissen wir aus der Bibel, wo die Haltung der Pharisäer der Haltung Jesu gegenübersteht.

Angesichts der Menschenrechte und des Grundgesetzes ergeben sich schwerwiegende Probleme für die Integration traditioneller Muslime in einen modernen demokratischen Staat. Die Ungleichheit der Menschen spiegelt sich nicht nur bei der fehlenden Gleichstellung der Geschlechter, sondern auch in anderen Bereichen der islamischen Gesellschaft wider. So genießen Geistliche gewisse Privilegien, nach der strikten schiitischen Auslegung bleibt ihnen sogar die Führung des Staates vorbehalten. Auch bezüglich der Meinungsäußerung verordnet der traditionelle Islam starke Einschränkungen, die dem in der Konvention der Menschenrechte verankerten Recht auf freie Meinungsäußerung konträr entgegenstehen. Einem Muslim ist es nicht gestattet, die Grundsätze der eigenen Religion in Frage zu stellen oder gar zu einer andere Religion überzutreten. Ein solches Vergehen wird mit dem Tode bestraft. In einem islamischen Staat, der von Islamisten regiert wird, sind Menschenrechte wie Freiheit der Meinungsäußerung, der Schrift, der Wahl des Glaubens praktisch außer Kraft gesetzt.Angeblich verlang Allah ebenso Strafen wie das abhacken der Hand bei Dieben, das Töten von Homosexuellen oder die Frauenbeschneidung in muslimischen Ländern Afrikas. All das wollen angeblich der Koran und das islamische Rechtssystem, die Scharia. Doch das, was viele islamische Schriftgelehrte als unumstößliche Glaubenssätze ausgeben, ist oft nur eine Mischung aus Tradition und Männermacht – mit dem eigentlichen islamischen Glauben hat es nur noch wenig zu tun. Es geht vor allem um den Einfluss extrem ausgerichtete Muslime – vor allem aus Saudi-Arabien, dem Land der Wahabiten.

Wie können nun die Reformer innerhalb der islamischen Welt, die für die Einhaltung der Menschenrechte eintreten, sich gegen diese konservative, islamistische Sichtweise zur Wehr setzen oder, noch wichtiger, wie sollen sie mit dem Koran und den Hadith verfahren, um den Islam mit den Menschenrechten und modernen Auffassungen von Politik und Gesellschaft in Einklang zu bringen?Bisherige Versuche, die betreffenden Passagen im Koran als sekundär zu betrachten oder sie forciert so zu interpretieren, dass der Widerspruch zu den Menschenrechten, wenn auch nur scheinbar, aufgehoben wird, sind abzulehnen. Die Lösung liegt auch nicht darin, dass man Strafmassnahmen wie Steinigen oder Abhacken von Händen aussetzt oder Frauen gegenüber gewisse rechtliche Zugeständnisse macht. Dies alles ist nichts als Synkretismus [29]. Bei den notwendigen Reformen geht es nicht um Einzelfragen, sondern um die gründliche Auseinandersetzung zwischen zwei unversöhnlichen Sichtweisen, zwischen einer modernen, an den Menschenrechten orientierten und einer traditionellen Auffassung vom Islam, vom Individuum und Glauben.

Die Lehre des Islam umfasst im Grunde vier Bereiche, den Bereich des Glaubens, den Bereich der Moral, den Bereich des Gebets und schließlich den Bereich der Anweisungen und Bestimmungen, die das Individualrecht, Handelsrecht, Strafrecht und dergleichen betreffen. Diese Bereiche, vor allem Glauben und Moral, sind natürlich eng verflochten, doch weisen mehr als 98 Prozent der Verse des Korans keinen Widerspruch zu den Menschenrechten auf. Unter den restlichen zwei Prozent, die vor allem den vierten Bereich betreffen, gibt es jedoch Bestimmungen und Gesetze, die an eine historische Epoche oder einen bestimmten kulturellen Raum, also an der Veränderung unterworfene Umstände, gebunden sind. Das im Islam vorgesehene Recht, die Verse des Korans und die Hadithe zu interpretieren und neue Anweisungen zu erteilen, was mit dem Begriff “Idjtihad” umschrieben wird, dient gerade dazu, zwischen dem ewig Gültigen und dem sich ständig Verändernden zu unterscheiden. Hier muss ein ernsthafter Reformversuch ansetzen, mit dem Ziel, die Vorschriften überall dort, wo sie im Widerspruch zu den Menschenrechten stehen, durch neue Regelungen zu ersetzen. Das betrifft auch Vorschriften, die im Koran stehen bzw. vom Propheten aus Sicht der damaligen geschichtlichen Situation überliefert sind. Nur so lässt sich die Religion lebendig erhalten und den Erfordernissen der Zeit anpassen.

Allzu oft tappt der Westen in die Kultur-Falle: Statt klar auf der Einhaltung universeller Menschenrechte für Männer, Frauen und Kinder zu bestehen, wird Verständnis auch noch für die spitzfindigsten Vorschriften gezeigt – etwa für die so genannte “Kamel-Fatwa”, wonach eine Frau nur 81 Kilometer unbegleitet reisen darf – so weit, wie eine Kamelkarawane in 24 Stunden zurücklegt. Auch Muslimen dürfen die allgemeinen Menschenrechte nicht vorenthalten werden. Wir müssen uns überall an den internationalen Standards orientieren und dürfen die Menschenrechte für islamische Länder nicht auf einem niedrigeren Level neu definieren. Maßstab muss weltweit die UN-Charta sein! Das, was in Deutschland derzeit in der Debatte um das Kopftuch deutlich wird, ist der weltweite Kampf um die Auslegung des Islam. Von Malaysia bis Saudi-Arabien, von Tunesien bis in den Iran kämpfen liberale gegen konservative Muslime. In Zukunft verläuft die Kluft nicht mehr zwischen dem Westen und der islamischen Welt, sondern innerhalb des Islam – soweit klafft die Auslegung des gemeinsamen Glaubens bereits auseinander. In gewisser Hinsicht muss die muslimische Welt in möglichst kurzer Zeit einen Entwicklungsprozess vollziehen, für den die christlich-westliche Welt seit der Aufklärung Zeit hatte.

Der Vorwurf, Deutschland und seine Bürger pflegen ein “Feindbild” Islam kann daher auch ein ideologisches Konstrukt sein, das in erster Linie den Interessen islamistischer Verbände und Gruppierung zuarbeitet. Denn ist der Konsens erst einmal hergestellt, die Islamfeindlichkeit sei das eigentlich dringliche Problem, dann stellen sich andere, unbequeme Fragen zum Beispiel nach der demokratischen Struktur muslimischer Verbände, deren Verhältnis zum Grundgesetz und zu der universellen Gültigkeit von Menschenrechten erst gar nicht. Tatsächlich bestimmen islamistische Gruppen seit Jahren, was in Deutschland im Kontext mit dem Thema Islam diskutiert wird und was nicht. So beklagt Johannes Kandel, im interreligiösen Dialog gäbe es eine ganze Reihe von Themen, die unerledigt bleiben: Menschenrechte, Religionsfreiheit, die Trennung von Staat und Religion, Frauen, koranische Hermeneutik und eben die These vom “Feindbild Islam”. [30]

Wer den Islamismus bekämpfen will, muss den Islamismus bekämpfen. Will sagen, es dürfen dann nicht über arbeits- und vereinsrechtliche Spitzfindigkeiten Scheingefechte geführt werden. Denn bislang können sich islamistische Organisationen in Deutschland recht ungestört entfalten, so lange sie nicht gravierende “Fehler”, beispielsweise Mord begehen, wie die Kaplan-Gruppe. Auch die Kopftuchfrage muss in diesem Zusammenhang gesehen werden. Hier wurden enorme Informationsdefizite über den Islamismus und seine undemokratischen Existenzbedingungen zutage gefördert.

Es kommt darauf an, was in den Köpfen der Lehrerinnen vorgeht und nicht vordergründig auf deren Bedeckung. Im Falle des Kopftuches wird aber teilweise sicher berechtigt befürchtet, dass es als Symbol des Islamismus benutzt werden könnte, und somit einen Hinweis auf die Einstellung der Frauen gibt, die es tragen. Wenn das Kopftuch in Deutschland als “Signal der Religionsfreiheit” gilt, als Freiheit für eine “Religion” also, die selbst die Religionsfreiheit gewaltsam verhindert und das Rechtssystem, das ihr die Freiheit dazu einräumt, bekämpfen muss, ist das ein Zeichen umfassender Inkompetenz. Die simple Schlussfolgerung jedoch: Kopftuch ist gleich Islamistin, ist realitätsfremd. Nicht jeder Islamist trägt ein Kopftuch. Allein schon deswegen, weil die meisten Islamisten in entscheidenden Positionen Männer sind. Auch bei der Suche nach Islamisten sollten Frauen nicht benachteiligt werden. Schließlich gibt es durchaus Frauen, die ein Kopftuch aus rein religiösen Gründen tragen. Pauschale Diffamierung führen hier zu ungewollten Solidaritätseffekten.

Anders als beim Rechtsextremismus wird bei Gruppen des politischen Islam seit Jahren der Diskurs mit den Verbandsfunktionären gesucht, die Basis hingegen weitgehend ignoriert. Das Fehlen von Standards im Dialog mit dem Islam ist Ergebnis der Tabus, die sich die Öffentlichkeit bei diesem Thema auferlegt. In der Vergangenheit wurden Religionswissenschaftler/innen, die über das schillernde Universum des politischen Islam aufklären wollten, in den Debatten marginalisiert. Bereits das öffentlich formulierte Erkenntnisinteresse geriet in den Verdacht, Islamfeindlichkeit zu befördern. Und Versuche, die Instrumentarien der Rechtsextremismusforschung auf das Untersuchungsfeld Islamismus anzuwenden, wurden jahrelang bekämpft.

Es gibt durchaus beunruhigende Anzeichen dafür, dass radikale Islamisten auf Medien und Wissenschaftler Druck ausüben, der über die Grenzen legitimer Interessenwahrnehmung hinausgeht und der mittlerweile mancherorts erhebliche Verunsicherung ausgelöst hat. Wie soll man sich sonst erklären, dass der Autor der historisch-philologischen Studie “Die syro-aramäische Lesart des Korans. Ein Beitrag zur Entschlüsselung der Koransprache” es vorzog, nicht unter seinem Namen, sondern nur unter dem Pseudonym Christoph Luxenberg zu publizieren. [31] Er diskutiert darin die Frage, ob der Koran wirklich ganz auf den Propheten Mohammed zurückzuführen ist, und zeigt das Fortwirken christlich-jüdischer Traditionen im Offenbarungstext der Muslime auf – gewiss eine Provokation für die Orthodoxie.

Die Folgen der Versäumnisse sind dramatisch: Die Öffentlichkeit weiß heute viel zu wenig über Inhalte, Struktur, Organisation und Differenzen innerhalb des politischen Islam, seine Nähe, Distanz und Abgrenzung zum Terrorismus. Ein idealer Nährboden für Ängste und Vorurteile. Nur wenn es gelingt, in der deutschen Gesellschaft die friedensstiftenden und gemäßigten Kräfte im Islam zu aktivieren, gibt es Hoffnung auf eine Lösung der Probleme.Dabei gilt es zu differenzieren zwischen dem Islam als religiösem Glauben und dem Islamismus als politische Ordnungsvorstellung; es ist ferner notwendig, innerhalb des Islamismus zu unterscheiden zwischen friedlichen und gewaltbereiten Islamisten. Die Ersteren lehnen Gewalt ab, sind dazu bereit, in demokratischen Institutionen zu arbeiten, jedoch mit dem langfristigen Ziel im Hinterkopf, ihren undemokratischen Staat mit friedlichen Mitteln durchzusetzen. Die gewaltbereiten Islamisten bekennen sich zum Dschihad in der neuen Bedeutung von irregulärem Krieg, also dem Terrorismus, um ihre Ordnungsvorstellungen voranzutreiben. Heute ist der politische Islam mit seiner Ordnungsvorstellung des Gottesstaates sowie seinen Kampfmethoden des Dschihadismus die neueste Spielart des Totalitarismus. Das Emblem des Islamismus kann das Kopftuch als Instrument und Uniform der zivilisatorischen Abgrenzung sein. In unserer Zeit entsteht damit ein Bündnis zwischen salafistisch-orthodoxen Wahabiten und halb modernen Islamisten als Einsatz für eine Gottesherrschaft, die weniger mit Religion als mit dem neuen Totalitarismus zu tun hat. Doch sind beide Feinde der offenen Gesellschaft im Sinne Karl Poppers. Das Problem scheint zu sein, dass die Europäer – darunter an vorderster Front die Deutschen – verlernt haben, sich offen mit strittigen Fragen auseinander zu setzen, Probleme klar zu benennen und Konsequenzen für die demokratische Verfasstheit der Gesellschaft im Sinne der wehrhaften Demokratie zu ziehen: nämlich einer klaren Abgrenzung gegenüber verfassungsfeindlichen Kräften.


50 Jahre Denkanstöße für eine friedlichere Welt

Text- und Grafikquelle: Studiengesellschaft für Friedensforschung

Die Studiengesellschaft für Friedensforschung hat verschiedene Schriften in Form von «Denkanstößen» herausgebracht, welche auch in gedruckter Form erhältlich sind. Wer hier Interesse hat, kann diese gerne unter der u.a. Kontaktadresse beziehen.

Studiengesellschaft für Friedensforschung e.V.
Fritz-Baer-Straße 21
81476 München
Telefon/Fax (0 89) 724 471 43
E-Mail: info@studiengesellschaft-friedensforschung.de

Fußnoten:

  1. In Europa leben zwischen 14 und 17 Millionen Muslime, überwiegend in Frankreich, Großbritannien und Deutschland. Nach Hochrechnungen wird ihre Zahl um das Jahr 2025 auf ca. 30 bis 40 Millionen angewachsen sein. Ihre Verteilung ist ethnisch: in Deutschland und Österreich überwiegend Türken, in Frankreich in der Mehrzahl Maghrebiner und in Großbritannien vorwiegend Südasiaten (Inder, Pakistani, Bangladescher).
  2. Vgl. Ernest Gellner, Leben im Islam. Religion als Gesellschaftsordnung, Stuttgart 1981
  3. Eine Lehre gilt dann als Weltreligion, wenn sie die Menschheitsgeschichte beeinflusst, aktuell von Bedeutung ist und prinzipiell jedem unabhängig von sozialer Herkunft, Rasse, Nationalität und Geschlecht offen steht. Durch Migration (wie z. B. beim Judentum) oder Mission (wie z. B. beim Christentum) entfernten sich die Glaubensbekenntnisse von ihrem Ursprungsland – und im Laufe der Zeit auch oft von den Ideen ihrer Gründer. Die drei abrahamitischen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam treffen sich in ihrem Monotheismus; sie sind jeweils exklusiv. Die in Indien und China entstandenen Heilslehren Hinduismus, Buddhismus, Taoismus und Konfuzianismus sind dagegen durch theologische Offenheit charakterisiert, die dem Gläubigen viele Freiheiten lässt.
  4. Vgl. Christoph Auffarth, Irdische Wege und himmlischer Lohn. Kreuzzug, Jerusalem und Fegefeuer in religionswissenschaftlicher Perspektive, Göttingen 2002; Christoph Reuter, Mein Leben ist eine Waffe. Selbstmordattentäter. Psychogramm eines Phänomens, München 2002; Joseph Croitoru, Der Märtyrer als Waffe. Die historischen Wurzeln des Selbstmordattentats. München 2003
  5. Der Koran entspricht in seiner Länge ungefähr dem Neuen Testament. Der Umfang der Hadith-Literatur dagegen ist wahrhaft enorm: Die Hadithe sind in rund 200 großen klassischen Sammlungen aufgezeichnet und damit sind sie das größte literarische Korpus, das eine prämoderne Zivilisation hervorgebracht hat.
  6. Die sechs kanonischen Bücher lauten wie folget: Bukhari vom Imam Bukhari (810-877); Muslim vom Imam Muslim (817-875); Abu Daud vom Imam Abu Daud (817-888); Tarmazi vom Imam Tarmazi (815-892); Ibn Majah vom Imam Ibn Majah (824-886); Nisa-ee vom Imam Nisa-ee (830-915).
  7. Allerdings ist die Sure 108 insgesamt die kürzeste des Koran.
  8. vgl. Heinz Halm, Die Panikmacher. Wie im Westen der Islam zum neuen Feindbild aufgebaut wird, in: SZ vom 16./17.2.1991
  9. vgl. Angelika Hartmann, Der islamische „Fundamentalismus“. Wahrnehmungen und Realität einer neuen Entwicklung im Islam, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, B 28/97 vom 4. Juli 1997
  10. vgl. Giles Kepel, Das Schwarzbuch des Dschihad. Aufstieg und Niedergang des Islamismus, München/Zürich 2002
  11. Die Beteiligung der Muslimbrüder an der blutigen Besetzung der Heiligen Moschee von Mekka im Jahre 1979 ist ein deutlicher Hinweis auf die islamistische Ablehnung des saudischen Königshauses.
  12. vgl. Deutscher Bundestag, 14. Wahlperiode, Drucksache 14/4530 vom 8.11.2000
  13. Die Selbstbezeichnung Alevi ist mit „Anhänger Alis“ zu übersetzen. Die Aleviten, die nicht mit den syrischen Alawiten (Nusairier) zu verwechseln sind, weisen sich somit als Muslime aus, die im Konflikt zwischen Ali und Muawiya mit den Schiiten Partei für Ali ergriffen haben. Mit Ausnahme der Pflicht zum Glaubensbekenntnis lehnen Aleviten die in Koran und Sunna begründeten religiös-rituellen Pflichten und auch das übrige aus Koran und Sunna entwickelte islamische Recht ab. Der Grund dafür ist, dass sie den Koran, wie er heute vorliegt, nicht als göttlich akzeptieren. Außerhalb der Türkei und der türkischen Diaspora gibt es nur wenige Aleviten. In der Türkei aber machen sie 20 bis 30% der Bevölkerung aus.
  14. Vgl. Muslime als „EU-citoyens“, in: Das Parlament, Nr. 9 vom 24. 2. 2003
  15. In der Datenbank „Juris“ gibt es momentan 51 Urteile, die sich allein mit dem Islam in Deutschland beschäftigen.
  16. „Ich sage Ihnen ganz offen: Die beste Form der Integration ist Assimilierung“, vgl. Otto Schily, „Ich möchte keine zweisprachigen Ortsschilder haben“, in: SZ vom 27.Juni 2002, S. 9
  17. Eine ihren islamischen Glauben bekennende Frau bezeichnet sich als „Muslima“. Manche sprechen von „muslimischen Frauen“ oder gebrauchen den ebenfalls neutralen Terminus „Muslimin“.
  18. Das schiitische Recht kennt neben der üblichen Ehe auch noch die zeitlich befristete Ehe, in der ein Mann und eine Frau vor dem Mullah eine Ehe eingehen, deren Dauer sie von vornherein befristen. Die Frist kann zwischen einer Stunde und 99 Jahren liegen.
  19. Das islamische Recht erlaubt es muslimischen Männern, eine Frau aus der Gruppe der Schutzbefohlenen (dhimmi) zu heiraten. Das sind Bekenner der zugelassenen und anerkannten Schrift- oder Buchreligionen. Eine Konversion der Frau, Christin oder Jüdin, zum Islam ist nicht notwendig. Umgekehrt kann ein „dhimmi“ eine Muslimin nur heiraten, wenn er seine Religion aufgibt und zum Islam übertritt. Das heißt, der Islam gibt seine Töchter nicht an Männer, deren Glauben er zwar achtet und schützt, jedoch nicht als von gleichem Rang ansieht. Eine islamische Ehe muss geschieden werden, wenn der muslimische Partner vom Islam abfällt, zum Beispiel zum Christentum konvertiert.
  20. Einen Erfolg im Kampf um die Befreiung vom koedukativen Unterricht sieht die „Deutschsprachige Islamische Frauengemeinschaft“ (DIF) darin, dass das Bundesverwaltungsgericht in einem Urteil am 25. August 1993 die beklagte Schule dazu verpflichtet habe, „die Schülerin vom koedukativ erteilten Unterricht zu befreien“. Die Schulen bestünden zwar meist auf der allgemeinen Schulpflicht und stellten Schüler nur aufgrund eines gesundheitlichen Attests vom Sportunterricht frei; juristisch sei aber klar, dass die Schule keinen Anspruch auf die Durchsetzung von koedukativen Sportunterricht habe, genauso wenig darauf, dass Schülerinnen das Kopftuch im Unterricht abnehmen müssen.
  21. Az. BAG 2 AZR 472/01 vom 10. Oktober 2002
  22. vgl. Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen (Hrsg.), Eine–Welt-Presse, N. 1/2000, Schwerpunkt Frauen. Dort findet man auch eine Reihe von Links mit sehr qualifizierten Dokumentationen.
  23. vgl. So sprach der Prophet. Worte aus der islamischen Überlieferung. Ausgewählt und übersetzt von Adel Theodor Khoury, Gütersloh 1988, S. 159. Eine andere Tradition bewertet das Gemeinschaftsgebet 55mal so hoch wie das Einzelgebet, ebd.
  24. Nach Angaben des Zentral-Instituts Islam-Archiv in Soest gibt es in Deutschland derzeit rund 70 klassische Moscheen und über 2.200 Gebetshäuser.
  25. Der Gebetsruf verkündet in islamischen Ländern den Beginn der Zeitspannen, innerhalb derer der Vollzug des täglich fünfmal zu verrichtenden rituellen Gebetes vom islamischen Recht her vorgeschrieben und gültig ist. Diese Zeitspannen richten sich nach dem Stand der Sonne und sind genauestens festgelegt. Für jeden Ort der Welt kann der Muslim sie auf die Minute genau auch aus Tabellen ersehen. Der Ruf erfolgt immer in der arabischen Sprache. Er hat folgenden Wortlaut: 1. „Gott ist größer“. 2. „Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer Gott“. 3. „Ich bezeuge, dass Mohammed Gottes Gesandter ist“. 4. „Auf zum Gebet“. 5. „Auf zum Heil“. 6. „Gott ist größer“. 7. „Es gibt keinen Gott außer Gott“. Ausschließlich von den Schiiten wird zwischen dem fünften und sechsten Element folgender Zusatz eingefügt: „Auf zum besten Werke“.
  26. Es gibt allerdings eine Fatwa, die Beerdigungen in Holzsärgen gestattet. Vgl. Muhammad Salim Abdullah, Islam für das Gespräch mit Christen, Gütersloh 1995, S. 98
  27. Vgl. Edward Said, Orientalismus, Frankfurt am Main 1981, Ullstein-Verlag
  28. „Der Soldat Christi, sage ich, tötet unbekümmert, noch sicherer stirbt er. Wenn er stirbt und wenn er tötet, überstellt er sich Christus. Denn nicht ohne Grund trägt er das Schwert: Er steht im Dienst Gottes, um den zu bestrafen, der Böses tut.“ So lesen wir in einem der Predigttexte Bernhards von Clairvaux, einem charismatischen Mystiker, der im Gedächtnis der Nachwelt als Heiliger, aber auch als namhafter Ideologe eines überaus aggressiven Kreuzzugsfanatismus weiterlebt. „Wenn der Soldat Christi den Übeltäter erschlägt, ist er gewiss kein Menschentöter, sondern ein Übeltäter…. Durch den Tod des Heiden wird der Christ verherrlicht. Die sind keine Mörder, die mit Eifer gegen die Feinde der Kirche kämpfen“. Vgl. Hartmut Sippel, Die Templer. Geschichte und Geheimnis, Wien 1996, S. 58 und 60
  29. Vermischung verschiedener Religionen, Konfessionen oder philosophischer Lehren, meist ohne innere Einheit
  30. vgl. Johannes Kandel, Lieber „blauäugig“ als blind? Anmerkungen zum „Dialog“ mit dem Islam, in: Integrieren statt ignorieren, Broschüre zur Woche der ausländischen Mitbürger, Frankfurt am Main 2003, S. 29
  31. Luxenberg zeigt in seinem im Jahr 2000 in Berlin erschienen Werk auf, dass der Koran an vielen Stellen von den arabischen Kommentartoren fehlgelesen und missdeutet wurde. Viele dunkle Stellen, die in über 1000 Jahren der Arbeit am heiligen Text selbst für arabische „native speakers“ rätselhaft blieben, kann er erhellen. Der Clou seiner Arbeit: Der Text des Korans zeigt sich in ungeahntem Maße von syrisch-christlichen Elementen durchwebt. Einige Neudeutungen Luxenbergs haben auch für den Laien sofort erkennbare ungeheure Brisanz. So klärt er zum Beispiel das Rätsel der Paradiesjungfrauen auf, der „großäugigen Huris“, die vermeintlich auf die Gottesfürchtigen im Paradies warten. Über die Sinnlichkeit der jenseitigen Männerfantasien haben sich schon seit je die Kommentatoren gewundert. Keine Religion des vorderasiatischen Raumes wusste ihren Gläubigen Derartiges zu versprechen, wie es etwa die Suren 44 und 52 tun. Für die christliche Polemik gegen den Islam waren die entsprechenden Stellen immer willkommen. Nach Luxenbergs Erkenntnissen laufen diese Angriffe ins Leere. Der Koran spricht nämlich gar nicht von Jungfrauen. Luxenberg zeigt, dass die Huris in Wirklichkeit nichts anderes sind als „weiße, kristallklare Trauben“. Früchte, die in den Paradiesvorstellungen des Orients von alters her als Sinnbild von Wohlleben und Behaglichkeit gelten.

Provozierter „Konfessionskrieg“ als Machtinstrument

Schlachtfeld Irak und Syrien: Die Menschen im Mittleren Osten sind auf der Suche nach einem Leben jenseits von Religiosität, Nationalismus, Dogmatismus, Fanatismus, Macht und kapitalistischer Ausbeutung

von Devris Çimen, Civaka Azad – Kurdisches Zentrum für Öffentlichkeitsarbeit e. V.

PKK_Arbeiterpartei_Abdullah_Oecalan_KurdenSyrien und in den letzten Monaten auch der Irak sowie der gesamte „konfliktreiche“ Mittlere Osten befinden sich in einer krisenhaften Übergangsphase. Momentan erleben wir dort eine weite Teile der Region betreffende „provozierte“ Eskalation. Gruppen von Sunniten und Schiiten intensivieren jeweils ihre Machtpolitik und forcieren auf unterschiedliche Weise gewaltförmige Auseinandersetzungen. In diesem Rahmen werden auch Menschen anderer Religionsgruppen, Ethnien oder politischer Meinung terrorisiert, verfolgt, vergewaltigt oder massakriert. Millionen von Menschen wurden zur Flucht getrieben.

Die êzîdischen Kurden in Sengal (Sindschar) sind die letzten Opfer auf diesem systematisch provozierten Schlachtfeld. Davor waren bereits die Turkmenen in Tal Afar, davor die Christen und Schabak-Kurden in Mûsil (Mosul), davor Kurden, Araber und Suryoye aus verschiedenen Städten in Syrien von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit durch die fanatischen Dschihadisten der Gruppe Islamischer Staat in Irak und Syrien (ISIS), neuerdings nur noch Islamischer Staat (IS), einen der aggressivsten und menschenverachtendsten künstlich erzeugten Akteur in der Region, betroffen.

Genau betrachtet geht es in den Auseinandersetzungen nicht, wie gern in den Medien behauptet wird, um den Streit zwischen Religionsgruppen oder konfessionelle Unterschiede, sondern um die Ausweitung von Macht in allen Lebensbereichen der Menschen. In erster Linie handelt es sich um einen Verteilungskrieg, der von internationalen Mächten und Akteuren in der Region zur Durchsetzung wirtschaftlicher, politischer und strategischer Interessen und zur Sicherung des Zugriffs auf Ressourcen geführt wird. Es geht um die Neuordnung des Mittleren Ostens – und diese Neuordnung hat auch Auswirkungen auf die gesamte Weltordnung. Die Verletzung von Freiheitsrechten, die Aushebelung demokratischer Standards, die Verletzung der Menschenwürde und von Frauenrechten, die Ausbeutung von Ressourcen und die Instrumentalisierung der Forderungen von Menschen in demokratischen Aufständen sind bei dieser Neuordnung einkalkuliert und untrennbar miteinander verbunden.

Und es geht gegen die Errungenschaften der Revolution in Rojava (Westkurdistan/Nordsyrien), ein Beispiel eines demokratischen Lösungsmodells für die gesellschaftlichen Probleme, das in der Region bisher einmalig ist. Das System des „Demokratischen Konföderalismus“ gibt der Gesellschaft die Möglichkeit, auf basisdemokratischer Ebene mit selbstverwalteten Strukturen ihre Belange selbst in die Hand zu nehmen. Somit entwickelt sich die Region zu einem eigenständigen Subjekt in Unabhängigkeit von anderen Großmächten.


… Schiiten versus Sunniten?

George_W._Bush_Nuri_Kamil_al-_Maliki_irakischer_Ministerpraesident_Irak_IrakkriegIn den regionalen und internationalen Medien werden die Konflikte, bzw. der Gesamtkonflikt, allerdings vollkommen anders dargestellt und gedeutet. Es wird behauptet, dass der Iran, das sich in einem intensiven, von außen befeuerten Stellvertreterkrieg befindliche Syrien, der bis vor kurzem noch von Nuri al-Maliki dominierte Irak, die Mehdi-Brigaden im Irak, die radikalislamische Hamas, die Hisbollah im Libanon und die in einer passiven Rolle mitwirkenden Staaten Jemen und Bahrain einen schiitischen Block bilden würden. Dagegen stünde der rivalisierende sunnitische Block unter der „Führung“ Saudi-Arabiens, Katars und der Türkei mit den von ihnen geförderten dschihadistischen Banden und Terrorgruppen – allen voran der Islamische Staat IS, die Al-Nusra-Front als Vertreterin von Al-Qaida und weitere. Auch den Muslimbrüdern nahestehende Organisationen in Jordanien und Ägypten sowie die Mehrheit der syrischen Auslandsopposition und die kurdische PDK (Partiya Demokrat a Kurdistanê, Demokratische Partei Kurdistan) von Masud Barzanî werden diesem Spektrum zugeordnet.

Mit einem Anteil von ca. 85 % bilden die Sunniten, neben ca. 10 % Schiiten, die größte Konfessionsgruppe im Islam. Der „Unterschied“ ist auf einen ca. 1400 Jahre alten Konflikt zurückzuführen. Zentraler Streitpunkt zwischen Sunniten und Schiiten ist, vereinfacht gesagt, wer die Moslems nach dem Tod des Propheten Mohammed führen sollte. Hier liegt eine der Wurzeln einer bis heute andauernden und auch historisch gern von Kolonialmächten instrumentalisierten Auseinandersetzung um Einfluss und Macht. Auch wenn es in der Geschichte zu blutigen Konfrontationen kam, waren die größten Wunden des äußerst komplexen Konflikts im Grunde genommen in den letzten Jahrzehnten in gewissem Maße geheilt.


… US-Intervention

Seit der Intervention der USA und ihrer Verbündeten im Irak im Frühjahr 2003 hat sich im Mittleren Osten und in weiten Bereichen des „islamischen Raums“ die sunnitisch-schiitische Kontroverse allerdings erneut ausgebreitet und vertieft. Die Intervention mündete in einem schrecklichen Bürgerkrieg. Unter der Herrschaft Nuri Al-Malikis haben sich die Verhältnisse im Gegensatz zu vorher umgekehrt. Unter Saddam Hussein hatte die jahrzehntelang politisch dominierende Minderheit der Sunniten die Bevölkerungsmehrheit der marginalisierten Schiiten unterdrückt und von politischer Teilhabe ausgeschlossen. Nun dominieren die Schiiten die Sunniten und verwehren ihnen die Teilhabe. Seit 2003 beherrschen aufgrund dieser Auseinandersetzung Terror- und Selbstmordanschläge, Morde an Sunniten und Schiiten den politischen Alltag im Irak.

2011 zogen sich die US-amerikanischen Soldaten aus dem Irak zurück, Tausende von ihnen hatten zuvor ihr Leben verloren. Einer US-Studie zufolge starben während des Irak-Krieges und der anschließenden Besatzung mindestens 500.000 Iraker. Und das ist eine „niedrige Schätzung“, schrieb die Süddeutsche Zeitung im Oktober letzten Jahres. [1] Seit 2003 hat sich auf diesem irakischen Schlachtfeld zudem u. a. die Gruppe Islamischer Staat (IS), zunächst unter dem Namen Tawhid und Dschihad, gebildet und entwickelt. International wurde sie ab 2013 unter dem Namen ISIS im syrischen „Stellvertreterkrieg“ bekannt. [2] Berüchtigt ist diese Terrorbande durch die von ihr verübten Kriegsverbrechen und Massaker. „Diese Ereignisse sind eine Folge der amerikanischen Intervention von 2003″, sagt dazu der Nahostexperte Dr. Michael Lüders im Gespräch mit der Deutschen Welle. [3]


… andere Faktoren sind identitätsbestimmend

In den letzten Jahren scheint sich der sunnitisch-schiitische Konflikt auch durch die demokratischen Aufstände, die oft „Arabischer Frühling“ genannt werden, vertieft zu haben. Es kam zunehmend zu einer Polarisierung und militärischen Auseinandersetzung zwischen Akteuren der „beiden Gruppierungen“. Ausgehend von den gegen totalitäre Herrschaftsformen gerichteten demokratischen Aufständen in Nordafrika und im Mittleren Osten sind interreligiöse Konflikte revitalisiert worden. Wir dürfen dabei nicht außer Acht lassen, dass diese Konflikte von regionaler und internationaler Seite ausreichend mit geschürt wurden. „Dabei ist es ebenso unzutreffend, von rein religiösen Motivationen auszugehen, wie von der Vorstellung zweier in sich geschlossener homogener sunnitischer und schiitischer Identitäten. Historische und aktuelle Konflikte waren immer eingebunden in politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Prozesse, und jenseits von Gruppenzuordnungen zu Sunniten und Schiiten waren und sind oftmals ganz andere Faktoren identitätsbestimmend“ [4], schrieb Dr. Sigrid Faath in ihrer Forschungsarbeit „Rivalitäten und Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten in Nahost“ für die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP).

Dieser Analyse zufolge sind also politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Prozesse identitätsbestimmend – und ein damit verbundenes Streben nach mehr Herrschaft und Macht. Politisch entwickelten sich despotische Staatsstrukturen, deren Eliten die Gewinne aus der Ausbeutung oder dem Ausverkauf von Ressourcen im Eigeninteresse ausschöpften. Gesellschaftlich beruhte deren Herrschaft vornehmlich auf Unterdrückung, Ausgrenzung und Verachtung der jeweils nicht an der Macht beteiligten religiösen oder ethnischen Minderheiten.

Die gewalttätigen Auseinandersetzungen und Kriege im Mittleren Osten, wie zuletzt die Konflikte in Syrien und im Irak, können demzufolge nicht einfach als Gegensatz zwischen Sunniten und Schiiten erklärt werden. Das ist nur die offensichtliche Oberfläche weit tiefer greifender und historisch gewachsener Probleme. Die tiefer liegende Ursache vieler Probleme und Konflikte ist die Bildung der jeweiligen Staaten als Folge einer Grenzziehung auf dem Reißbrett nach dem Ersten Weltkrieg, die hauptsächlich auf Betreiben der imperialistischen Siegermächte England und Frankreich umgesetzt worden war. Die aktuelle Ordnung im Mittleren Osten beruht nicht auf selbstbestimmten Entscheidungen der Gesellschaften, sondern vielmehr auf einer von reaktionären und feudalen Akteuren aufrechterhaltenen und von regionalen und internationalen Mächten unterstützten „künstlichen“ Struktur.


… Bildung von Nationalstaaten

„Zu Beginn der Industriellen Revolution vor mehr als zweihundert Jahren ging die Entwicklung des Nationalstaates Hand in Hand mit der unkontrollierten Kapitalakkumulation auf der einen Seite und der ungehinderten Ausbeutung der schnell wachsenden Bevölkerung auf der anderen Seite. Die neue Bourgeoisie, die aus dieser Revolution erwuchs, wollte sich an den politischen Entscheidungen und am Staatsaufbau beteiligen. Der Kapitalismus, ihr neues Wirtschaftssystem, wurde so zu einem natürlichen Bestandteil des neuen Nationalstaates. Der Nationalstaat brauchte die Bourgeoisie und die Macht des Kapitals, um die auf Stammesstruktur und Erbrecht beruhende alte Feudalordnung und ihre Ideologie durch eine neue nationale Ideologie zu ersetzen, die alle Stämme und Sippen unter dem Dach der Nation vereinte. Auf diese Weise wurden Kapitalismus und Nationalstaat so eng miteinander verbunden, dass die Existenz des einen ohne den anderen unvorstellbar wurde. Infolgedessen wurde Ausbeutung vom Staat nicht nur erlaubt, sondern sogar erleichtert und gefördert.“ [5] Diese von Abdullah Öcalan beschriebene „Erleichterung“ und „Förderung“ des Kolonialismus haben auch dazu geführt, dass die kurdische Region auf den Iran, die Türkei, den Irak und Syrien aufgeteilt wurde. Heute sind die Kurden, die jahrzehntelang unter dieser kolonialistischen Aufteilung gelitten haben, ein wichtiger politischer Akteur, der auf Grundlage eigener politischer Lösungskonzepte für Stabilität, ein respektvolles Zusammenleben der unterschiedlichen Religionsgruppen und Ethnien und Verständigung wirkt.


… kurdischer Widerstand

PKK_Arbeiterpartei_Abdullah_Oecalan_Kurden_Kurdistan_Workers_Party_PYD_by_Richy MeyerUnter anderem die PDK und die YNK (Yekîtiya Nîstimanî ya Kurdistanê, Patriotische Union Kurdistan) leisteten jahrzehntelang im irakischen Teil Kurdistans Widerstand gegen Unrecht. Die von Abdullah Öcalan geführte PKK (Arbeiterpartei Kurdistan) und die in ihrem Umfeld entstandene neue kurdische Freiheitsbewegung kämpfen seit mehr als vierzig Jahren gegen Unrecht und für die legitimen Rechte der Kurden in der Türkei. Erst durch diesen Widerstand wurde die kurdische Frage zu einer „internationalen Angelegenheit“, die die Entwicklungen im gesamten Mittleren Osten beeinflusst und momentan im Fokus der neuesten Ereignisse in der Region steht.

Heute führen die PKK und die kurdische Freiheitsbewegung Verhandlungen über eine friedliche Lösung, die innerhalb der bestehenden Grenzen eine Demokratisierung der Türkei und eine demokratisch-autonome Region Kurdistan ermöglichen soll. Auf diese Art könnten den Kurden Rechte und Freiheiten gewährt werden. Auch die Kurden in Syrien, die jahrzehntelang vom Baath-Regime unterdrückt und ausgegrenzt wurden, agieren im Rahmen des Aufstands in Syrien mit einem neuen Politikverständnis und schlagen friedliche und stabilisierende Lösungswege vor, die von der Weltöffentlichkeit wahrgenommen werden. Sie fordern keine Abtrennung vom syrischen Staat, sondern, als „Dritten Weg“, das Recht auf demokratische Selbstorganisierung und freie Entfaltung für sämtliche in Syrien lebenden ethnischen und religiösen Bevölkerungsgruppen u. a. in einer demokratisch-autonomen Region Rojava. Im Iran fordert die Mehrheit der Kurden eine Dezentralisierung der Macht und demokratische Reformen, in deren Rahmen sie sich in einer selbstverwalteten autonomen kurdischen Region organisieren können. Die genannten Lösungsvorschläge basieren auf dem Politikverständnis und den Ideen Abdullah Öcalans.


… die Suche nach Lösung

Durch die „Loslösung von der Forderung nach einem kurdischen Nationalstaat“ [6] öffnen sich auch alternative Wege für die Lösung der ethnischen und religiösen Probleme im Mittleren Osten. Diese Vorstellung mag idealistisch und utopisch wirken – ihre Umsetzung ist jedoch nicht unmöglich. „Wir erkannten genauso eine Verbindung zwischen der kurdischen Frage und der globalen Herrschaft des modernen kapitalistischen Systems. Ohne diesen Zusammenhang zu hinterfragen und Alternativen zu entwickeln, wäre eine Lösung nicht möglich geworden. Andernfalls hätten wir uns nur in neue Abhängigkeiten begeben.“ [7] So beschreibt Öcalan seinen gedanklichen Hintergrund der Distanzierung von der Forderung nach einem kurdischen Nationalstaat.

Heute führen der Widerstand der kurdischen Freiheitsbewegung und deren Suche nach einer Lösung sowie die im Rahmen der Aufstände im Mittleren Osten formulierten Anliegen zu einem absehbaren dynamischen Prozess. Schon am 26. März 2003 gelangte über seine Anwälte folgende Botschaft Abdullah Öcalans an die Öffentlichkeit: „Die rückständigen Diktaturen des Mittleren Ostens werden sich auflösen. […] Das imperialistische kapitalistische System und der Mittlere Osten stehen in einem tiefen Widerspruch zueinander. Entweder werden neue Regierungen in der USA eine andere Politik betreiben oder der demokratische Frühling der Völker wird sich entwickeln. […] Wir durchleben eine Übergangsphase.“ [8]

Die krisenbehaftete Übergangsphase, von der Öcalan vor mehr als elf Jahren sprach, hält weiter an. Und diejenigen Akteure, die keine Lösung anbieten können, erzeugen mit ihrer fatalen Politik terroristische Banden wie ISIS/IS oder weitere Extremisten.


… „Good Governance“ statt freier Gesellschaft

Die USA streben mit dem „Greater Middle East Project“ wahlweise eine Aufteilung und Neuordnung des Mittleren Ostens und Nordafrikas anhand von Trennlinien zwischen Religionen, Ethnien und Clans oder Regierungswechsel im eigentlichen Sinne an. Ähnliche außenpolitische Konzepte verfolgen auch die bestimmenden Kräfte der EU. Dazu sollen entweder Regimewechsel in bestehenden Nationalstaaten gemäß dem Motto „Good Governance“ durchgeführt werden – was nichts anderes bedeutet, als dass eine willfährige Elite eingesetzt wird – oder die Staaten sollen, wenn das nicht möglich ist, von innen heraus zerstört und neu gegliedert werden. Beides ist fatal und mörderisch. Denn innerhalb der Grenzen der bisherigen Nationalstaaten in der Region wurden die Freiheiten und Rechte der verschiedenen Bevölkerungsgruppen stets systematisch und oft auf grausame Weise begrenzt und verletzt. Und diese beiden Konzepte würden daran nichts ändern.

Folgte man der These „jede Bevölkerungsgruppe braucht einen Staat“, müsste jeder der Bevölkerungsgruppen, deren Existenz uns oft erst durch die Rebellionen in der Region bewusst wurde, ein Nationalstaat zugestanden werden. Das beträfe dann u. a. die Assyrer in Syrien, die Tuareg in Nordafrika, die Christen in Ägypten oder in Syrien, die Turkmenen im Irak und in Syrien, um nur einige wenige zu nennen. Mehr als fraglich ist jedoch, ob ein Nationalstaat oder ein Religionsstaat – ein Kalifat, wie ihn der IS anstrebt – die einzige Möglichkeit für die gemeinsame Gestaltung einer Gesellschaft ist? Es muss doch andere Wege geben, die das Leiden der Menschen, das Leiden der verschiedenen benachteiligten ethnischen und religiösen Gruppen beenden könnten. Neue Wege jenseits von religiösem Fanatismus, Nationalismus, Dogmatismus, Militarismus, Kapitalismus und Machtfixierung müssen gewagt werden, um ein respektvolles Zusammenleben der unterschiedlichen Akteure und Gruppen in multiethnischen und multireligiösen Gesellschaften zu ermöglichen. Egal welches Land in der Region wir uns ansehen: Die künstlich geschaffenen Grenzen der Nationalstaaten erzeugen keine Lösung der ethnischen, religiösen, sprachlichen, kulturellen und weiteren Spannungen und Probleme.

Im Mittleren Osten und in Nordafrika sind die Staaten überwiegend so strukturiert, dass auch von außen gestützte Gruppen/Familien/Clans unter Zuhilfenahme des gesamten Staatsapparates über andere Gruppen/Familien/Clans herrschten und die Ressourcen sowie die Menschen ausbeuteten. Es gibt kein einziges Beispiel für eine solche gesellschaftliche Formation, in der nicht undemokratische Mittel sowie massive Gewalt gegen ethnische und religiöse Minderheiten angewandt wurden bzw. werden.


… Aufstand gegen Herrschaft

Es greift zu kurz, die gesellschaftlichen Aufbrüche in Nordafrika und im Mittleren Osten als „Arabischer Frühling“ zu bezeichnen. Diese Rebellionen werden von dutzenden verschiedenen ethnischen Bevölkerungsgruppen getragen, von denen wir zuvor oftmals wenig gehört und gewusst haben. Deswegen wäre es passender, von einem „demokratischen Aufstand der Völker“ zu sprechen. Die Völker haben durch die Aufstände u. a. Husni Mubaraks dreißigjährige Herrschaft in Ägypten und die mehr als zwei Jahrzehnte andauernde Herrschaft von Staatspräsident Zine el-Abidine Ben Ali in Tunesien beendet. Sie haben darüber hinaus auch die mehr als vierzigjährige Herrschaft der Familie Assad in Syrien, den langjährigen Herrscher Ali Abdallah Saleh im Jemen sowie derzeit den vierzig Jahre herrschenden Ministerpräsidenten Prinz Khalifa Ben Salman al-Khalifa (und dessen Clan) in Bahrein infrage gestellt – und zudem die korrupten und auf Klientelismus basierenden Staatsstrukturen aufgedeckt, die jahrzehntelang auf dem Rücken der eigenen Bevölkerung eigene Interessen und solche außenstehender Akteure bedient haben.

Die regionalen und internationalen Mächte können sich heute nicht als unschuldig darstellen – als hätten sie nicht gewusst, was diese autoritären Regime der jeweiligen Bevölkerung angetan haben. Anstatt die notwendigen Konsequenzen zu ziehen und die jeweilig Herrschenden zur Einhaltung von Menschenrechten und demokratischen Standards zu bewegen, hat man ihnen jahrzehntelang u. a. durch politische, militärische und wirtschaftliche Beziehungen den Rücken gestärkt. Der Machterhalt der jeweils herrschenden autoritären Akteure in diesen Staaten diente nicht der Bevölkerung, sondern kapitalistischem Profitstreben und der Ausbeutung von Ressourcen. Die Herrscher wurden deshalb legitimiert, deren Familien und Umfeld zu Milliardären gemacht und die Bevölkerung in die Armut getrieben.


… „verspäteter Widerstand“

Das, was Öcalan vor elf Jahren als „demokratischen Frühling der Völker“ beschrieb, benennt der amerikanisch-iranische Islam-Experte Hamid Dabashi Anfang 2011 als „verspäteten Widerstand“ gegen die vom europäischen Kolonialismus aufgebauten Nationalstaaten in der Region.

Dabashi sagt in einem Interview mit Miriam Shabafrouz über die Staaten, in denen sich Widerstand entwickelte: „Es sind alles post-koloniale Gesellschaften, von Marokko bis Syrien, denen eine Art von innerstaatlicher Tyrannei, die nach Ende des europäischen Kolonialismus entstand, gemeinsam ist. Es sind falsche und künstliche postkoloniale Staaten.“ Und führt weiter aus: „In diesen Teilen der Welt revoltieren die Menschen erstens: gegen den Kolonialismus, der diese Bedingungen hervorgebracht hat, zweitens: gegen die innerstaatlichen Tyranneien, die die koloniale Vergangenheit geerbt haben, und drittens: gegen das derzeitige imperialistische Projekt, das den gesamten Globus lenken will. Die Tatsache, dass diese Revolten stattfinden, ist eine Konsequenz des dysfunktionalen globalen Kapitalismus, der systematisch Armut produziert.“ [9]

Weitere Staaten, wie z. B. Irak, Iran, Saudi-Arabien, Katar, Türkei, Jordanien, Kuwait, Oman oder in Nordafrika Algerien und Marokko, werden ebenfalls nicht von demokratisch gesinnten Regierungen geführt, sondern vielmehr von autoritären und korrupten Präsidenten, Königen, Generälen und Politikern unterdrückt. Die Notsignale der Bevölkerung sollten gehört werden. Deren große Mehrheit stellt die Staatsapparate und deren „korrupte Hüter“ infrage – die „Völkergemeinschaft“ tut dies nicht. Ganz im Gegenteil wird versucht, die genannten Staaten in ihren bisherigen Strukturen zu erhalten oder mit neuen anderen – aber vom Prinzip her ähnlich undemokratischen Strukturen und/oder Machthabern – zu restaurieren. Das kommt im Grunde genommen dem Versuch gleich, einen Wolf in ein Schaf zu verwandeln.


… innerlich „verfallen“, äußerlich „schonen“

Es ist jedoch absehbar, dass diese Art Staaten mehr und mehr innerlich „verfallen“ werden, solange innerhalb der Gesellschaft keine demokratische Öffnung des Raumes stattfindet, der momentan von den genannten Gewaltmonopolen beherrscht wird. Ohne eine demokratische Öffnung könnte eine weitreichende neue Form totalitärer Herrschaft im radikalen und religiösen Gewand hegemonial werden – vor allem angesichts der katastrophalen politischen und wirtschaftlichen Lage in der Region. Die radikalen, dschihadistischen Gruppen gewinnen mehr und mehr Zulauf, weil sie die Zustände und die berechtigte Unzufriedenheit der Menschen für ihr politisches Kalkül ausnutzen und eine scheinbare Alternative bieten. Der vermeintlich unausweichliche Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten wird in diesem Zusammenhang mehr und mehr als Vorwand benutzt, um zu verhindern, dass sich demokratische Räume im Mittleren Osten öffnen. Um das zu verhindern, wird der „konfessionelle“ Konflikt auch von außen bewusst geschürt und eskaliert.

Der ehemalige US-Sonderbotschafter -Antiterrorkoordinator und Direktor des John Sloan Dickey vom Center for International Understanding sagte dazu im Wall Street Journal am 24.06.2014: „Nachdem die sunnitischen Dschihadisten von ISIS im Nordirak eine Stadt nach der anderen eingenommen haben und schwarz gekleidete schiitische Milizionäre antraten, um sie zurückzuschlagen, ist es verlockend, Jahrhunderte altem religiösem Hass die Schuld für das Chaos zu geben. Aber der heutige Konflikt ist weniger das unerklärliche Produkt urweltlicher Missstände als das vorhersehbare Ergebnis neuzeitlicher Machtpolitik.” [10]


… Interventionen schüren Chaos

Auf die Rolle der USA und europäischer Mächte im Rahmen dieser Machtpolitik geht Cemil Bayik, der Kovorsitzende des Exekutivrats der Gemeinschaft der Gesellschaften Kurdistans (KCK) kritisch ein und sagt: „So wie das Nationalstaatsverständnis der kapitalistischen Moderne wird auch diese neue Kollaborationspolitik keine Antwort für die Probleme der Region haben. Denn es trägt in seinem Wesen keinen demokratischen Charakter. Es wird kein System aufgebaut, das auf dem demokratischen Leben und der Freiheit aller ethnischen und religiösen Gemeinschaften basiert, mit Kollaboration soll die Gesellschaft am Zügel gehalten werden. Insofern sich nicht von der Politik abgewendet wird, die Widersprüche immer wieder auszunutzen und so die Kontrolle zu behalten, ist kein Mittlerer Osten gewollt, der auf einer demokratischen Gesellschaft beruht, in dem Widersprüche aufgehoben sind und alle ethnischen und religiösen Gruppen und andere soziale Gemeinschaften sich frei organisieren und partizipieren. Denn eine demokratische Gesellschaft ist eine willensstarke und gestärkte Gesellschaft, die sich folglich den Forderungen und Zumutungen der Kräfte von außerhalb nicht beugt.

Demokratie und Demokratisierung schaffen im Grunde eine Situation, in der der Einfluss der herrschenden und ausländischen Kräfte reduziert oder sogar gänzlich abgebaut ist. In dieser Hinsicht werden eine Politik und eine Praxis, die eine Demokratisierung und Befreiung des gesamten Mittleren Ostens mit sich bringen, die internationalen Mächte natürlich beunruhigen. Die werden nicht begeistert sein von einer freien, auf demokratischer Organisierung beruhenden Gesellschaft. Insofern wird, weil die US- und europäische Intervention im Mittleren Osten und die damit verbundene Neuordnung der Region die Gesellschaft nicht befrieden und keine Antwort für deren Bedürfnisse haben werden, die Position der Gesellschaft zu Organisierung und Widerstand weiter Gültigkeit haben. Weder werden die Probleme im Mittleren Osten verschwinden, noch wird der Widerstand gegen die Quelle dieser Probleme, nämlich die internationalen Mächte und deren Kollaborateure, enden.“ [11]


… Instrumentalisierung von Religion

Religionsunterschiede oder die Konfession werden im Mittleren Osten aus den genannten Gründen für Machtkämpfe instrumentalisiert. So wie die „Hüter des Nationalstaates“, in dessen Namen die Menschen unterdrückt und massakriert wurden, sind es jetzt die Imame, Prediger, Mullahs, Sheikhs (Scheichs), Emire und Kalifen, die Fatwas erteilen und damit Andersdenkende im Namen Allahs abschlachten lassen und das weniger aus religiösen als aus machtpolitischen Gründen tun. Islam, Christentum, Judentum oder Buddhismus sind als Religion nicht gefährlich – sie werden lediglich dann bedrohlich, wenn sie für machtpolitische Zwecke missbraucht werden. In diesem Kontext sollten wir auch das Erstarken der geistig im Mittelalter verwurzelten Gruppe IS/ISIS in Syrien und Irak verstehen.


… Wer steht hinter ISIS/IS?

Islamischer_Staat_IS_PKK_Arbeiterpartei_Abdullah_Oecalan_Kurden_Kurdistan_Workers_PartyEs ist allerdings auch notwendig zu sehen: Ohne eine Unterstützung von außerhalb Syriens und des Irak hätte eine Gruppe wie ISIS/IS nicht so schnell wachsen und Fuß fassen können. „Wer steht hinter ISIS/IS“ [12] ist die wichtige Frage, die wir uns stellen müssen, um zu verstehen, wer von deren grausamem Vorgehen profitiert. Folgt man den Spuren, führen sie von Saudi-Arabien und Katar über die Türkei und den Kaukasus bis nach Europa. Haben wir je eine ernsthafte Kritik von der Regierung Erdogan oder den Regierungen Saudi-Arabiens oder Katars am IS gehört? Soweit ich weiß, nicht. Wie konnte sich der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu erlauben, IS zu verharmlosen, als er am 7. August gegenüber einem türkischen Fernsehsender erklärte, bei der Organisation handele es sich um eine wütende Gemeinschaft? Er fuhr fort: „Eine Struktur wie der IS mag auf den ersten Blick wie eine radikale und terroristische Organisation erscheinen, aber in ihr sind Massen organisiert. Im IS gibt es sunnitische Araber und auch nicht wenige Turkmenen.“

Unterscheiden sich die Islamvorstellungen Erdogans und Davutoglus von denen des IS, müssten sie ihn doch kritisieren. In dieser Hinsicht hinterfragt der türkische Journalist und Autor Cengiz Çandar „Wo steht die Türkei in Sachen ‚Islamischer Staat‘?“ und schreibt: „Das Gespann Erdogan/Davutoglu hat regelrecht ‚Geburtshilfe‘ für den ‚Islamischen Staat‘ an der gesamten Südgrenze unseres Landes geleistet. Dies sollte verhindern, dass ‚kein zweites autonomes Kurdistan entsteht und um etwaige Forderungen der Kurden in der Türkei abzuwenden‘.“ [13] Er verweist in seinem Artikel auf Äußerungen Patrick Cockburns, der in seiner Argumentation im Artikel „ISIS Consolidates“ noch weiter gehe: „Die Rolle der Türkei war anders, aber nicht weniger wichtig als die Hilfe Saudi-Arabiens an ISIS und andere dschihadistische Gruppen. Ihre wichtigste Handlung war das Offenhalten der 510 Meilen langen Grenze zu Syrien. Die irakischen Sicherheitsbehörden vermuten eine große Unterstützung der 2011 neu aufgebauten ISIS durch den militärischen Geheimdienst der Türkei.“

Doch kommen wir nochmals zum Thema Islam und Konfessionen. Die Probleme des Mittleren Ostens entstehen nicht durch den Islam oder dessen Konfessionen, wie gerne behauptet wird. Für ein tieferes Verständnis ist es wichtig zu sehen, dass die Definition von Gruppen als dem etwaigen politischen Islam oder gemäßigten Islam zugehörig immer vom Standpunkt derjenigen Akteure abhängt, die das gerade definieren. Egal ob in diesem oder anderem politischen Zusammenhang wird oft durch eine Negativzuschreibung einer Gruppe als „feindlich“ oder deren etwaige Negierung versucht, den eigenen Nationalismus, die eigene autoritäre Politik, bewusste Umweltzerstörung, Ausbeutung von Ressourcen (Öl, Wasser, Gas), patriarchale Unterdrückung und die Unterschiede zwischen Arm und Reich zu kaschieren.


… Kapitalismus

Kapitalistische_Demokratie_Kapitalismus_Entdemokratisierung_Volksverdummung_Es geht mir nicht darum, den Islam in Schutz zu nehmen. Es geht mir vielmehr darum, die Probleme richtig zu analysieren. In jeder Region der Welt, in Afrika, in Asien, in Südamerika und in Europa werden genau betrachtet ähnliche Probleme wie derzeit im Mittleren Osten offensichtlich. Die Ursache dafür können und wollen wir nicht in Religionskonflikten finden, da es diese in den betroffenen Regionen offensichtlich überwiegend nicht gibt. Es wird viel eher deutlich, dass es machtzentrierter und ungehemmter Kapitalismus ist, durch den die Rechte und die Würde sowie die Existenz der Menschen infrage gestellt und angegriffen werden – durch den die Natur zerstört wird und Ressourcen ausgebeutet werden. Dieser ungehemmte Kapitalismus bewirkt eine ungleiche Verteilung, durch die eine kleine Gruppe in Luxus und Wohlstand lebt und die große Mehrheit der Menschen in absoluter Armut.

Der sich intransparent und mit großer Geschwindigkeit – ohne Übergangsphasen – in das Leben der Menschen im Mittleren Osten schleichende Kapitalismus ist in vielerlei Hinsicht nicht weniger brutal und wild als der dschihadistische Islamismus. Gegenseitig unterstützen sie sich auf dem „Weg in Richtung Chaos“. Die Bombardierung von Moscheen, Kirchen und anderen Gebetsstätten im Irak wird von den Dschihadisten ausgeführt, die dafür verwendeten Waffen und Bomben stammen aus der Produktion kapitalistischer Staaten.

Niemand kann rechtfertigen, dass u. a. in den USA, England, China, Russland, Deutschland und anderen EU-Staaten produzieren Waffen weiterhin exportiert werden. Auch bezüglich der Tragödie in Sengal, nach dem Angriff und dem grausamen Genozid-Versuch des IS an Êzîden, ist die Diskussion über „notwendige“ Waffenlieferungen schnell in den Vordergrund gerückt worden – anstatt den nötigen Schutz und die humanitäre Hilfe in den Mittelpunkt des Denkens und Handelns zu stellen. Die Außenminister der Europäischen Union haben sich am 15.08.2014 auf eine gemeinsame Erklärung geeinigt, in der sie die Lieferung von Waffen an Kurden im Irak durch einzelne EU-Mitgliedstaaten begrüßten. In Sachen Rechte und Freiheiten für Kurden waren die EU-Staaten noch nie so schnell und „großzügig“ wie bei diesem Beschluss „EU für Waffenlieferungen an Kurden“ [14].

Obwohl den Despoten in der Region durch Waffenlieferungen sowie bedingungslos gepflegte politische und wirtschaftliche Beziehungen jahrelang der Rücken gestärkt und dadurch die Grundlage für diese Tragödie geschaffen worden ist, lässt sich bisher kein Bewusstseinsprozess erkennen. Es waren doch nicht die Menschen aus dem Mittleren Osten, die die Akteure in Syrien und im Irak jahrzehntelang mit Waffen versorgt und somit militarisierte Gesellschaften ermöglicht haben.


… Es gibt keinen gerechten Kapitalismus

Kapitalismus_Kapitalismuskritik_Armut_Altersarmut_Verarmung_Armutsindex_bedingungsloses_Grundeinkommen_Mindestlohn_Transferzahlung_BankenretungDie Menschen sind eigentlich nicht gezwungen, zerstörerischen Ideologien wie dem modernen Kapitalismus oder dem dschihadistischen Islamismus zu folgen. Unter den gegebenen Bedingungen haben die herrschenden Kräfte, die Bourgeoisie und die Vertreter der kapitalistischen Moderne allerdings nahezu weltweit eine gesellschaftliche Struktur und Organisierung in ihrem Sinne etabliert, die dem Rest der Gesellschaft vorschreibt, dass sie nach ihren Vorstellungen, also denen der Herrschenden, zu leben haben oder ausgegrenzt und marginalisiert werden. Die herrschenden Akteure drängen sozusagen den Gesellschaften ihr System auf, in dem für den eigenen Profit andere benachteiligt werden. Es gibt keinen gerechten Kapitalismus, nicht in Europa, nicht in Afrika, nicht im Mittleren Osten und nirgends.

Der Verlauf und die Ergebnisse der demokratischen Aufstände sind noch offen. Möglich ist auch, dass radikale islamistische Strömungen gestärkt daraus hervorgehen. Aber diese Ideologien können sich in den Gesellschaften nicht langfristig tief verankern, weil sie nicht demokratisch sind und keine alternative Perspektive zur vorherigen Unterdrückung bieten. Vielmehr wiederholen sie unter islamistischem Deckmantel die alte autoritäre, totalitäre und barbarische Praxis der durch die Aufstände gestürzten oder hinterfragten Regime.


… Gibt es eine Lösung für die genannten Probleme?

Als Erstes sollten alle internationalen und regionalen reaktionären Akteure im Mittleren Osten, die an den Konflikten beteiligt sind, ihr politisches und wirtschaftliches Kalkül ändern und sich nicht mehr hauptsächlich auf die gewinnorientierte Plünderung der natürlichen Ressourcen, Wasser, Öl und Gas, konzentrieren. Um die Lage zu deeskalieren und den barbarischen und zerstörerischen IS zurückzudrängen, sollten Räume für zivilgesellschaftliche Organisierung, NGOs und demokratische Organisationen in der Region geschaffen werden. Dadurch würde die Möglichkeit eröffnet, dass die Menschen mitdiskutieren und ihr eigenes Schicksal bestimmen können. Parallel dazu sollten die Menschen, die sich an den Aufständen beteiligt haben, auch die Möglichkeit bekommen, den gesellschaftlichen Transformationsprozess mitzugestalten.

Politische und religiöse Parteien, die durch demokratische Wahlen, nach den Aufständen in den arabischen Staaten an die Macht gekommen sind, müssen sich an demokratische Regeln und die Menschenrechte halten. Dadurch könnte ein Weg zur gesellschaftlichen Neuorganisierung eröffnet werden. Unter anderem Frauen, Jugendliche, Studenten und Arbeiter sollten ihre Organisierung selbst übernehmen können und dadurch ebenfalls neue demokratische Strukturen schaffen. Menschen, die nicht mehr hinnehmen wollen, erniedrigt und von demokratischer Teilhabe ausgeschlossen zu werden, können so ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen. Das ist ein harter und langer Weg, der nur Schritt für Schritt gegangen werden kann. Dazu bedarf es Ausdauer, Geduld und Bewusstsein – da nicht jeder Schritt sofort als Erfolg wahrnehmbar sein wird und gesellschaftliche Transformationsprozesse jahrzehntelang dauern können.


… wofür waren die Aufstände?

Man muss sich auch fragen, aus welchen Motiven die Menschen die Aufstände durchgeführt haben. Wurden sie für eine demokratische neue Ordnung in der Region durchgeführt, so müssen viele Konfliktparteien Abstand von ihrer bisherigen Politik nehmen. Möchte man im Mittleren Osten ernsthaft eine demokratische Transformation beschleunigen, so gibt es Voraussetzungen, die verschiedene Akteure zu erfüllen haben. Die kapitalistischen und internationalen Mächte müssten ihren eurozentrisch-orientalistischen, oberflächlichen Blick auf die Region ablegen – und daraus Rückschlüsse ziehen, auf deren Grundlage sie ihre Außenpolitik und ihre Beziehungen dementsprechend umzugestalten hätten. Westliche Ideen und Ideologien lassen sich im Mittleren Osten nicht so ohne Weiteres umsetzen. Die gesellschaftlichen Grundvoraussetzungen und die historischen Gegebenheiten sind vollkommen andere als z. B. in den USA oder Europa.


… Orientalismus verschleiert die Wahrheit

Es sollte ein vernünftiger Dialog auf Augenhöhe geführt werden. Denn der eurozentrische Orientalismus verschleiert bewusst die Wahrheit über die Gesellschaften in der Region und bedient in erster Linie politisches Kalkül und Profitinteressen. Die westlichen Staaten müssen zudem aufhören, die Region lediglich als potenziellen Raum zur Ausbeutung von Ressourcen und zur Sicherung neuer oder alter Absatzmärkte zu sehen. Der libanesische Analyst Hazem Saghieh schreibt zu den Folgen einer solch rückständigen Politik in einem Interview: „Die konservativen arabischen Monarchien haben noch eine andere, traditionelle Legitimationsbasis. Und einige dieser Monarchien, besonders die in der Golfregion, besitzen aufgrund ihrer Ölressourcen die Fähigkeit, gesellschaftliche Loyalitäten zu erkaufen. Somit haben diese Herrschaften mit den totalitären Regimes im modernen und ideologischen Sinne wenig zu tun. Vielmehr stellen sie eine orientalische und primitive Form des Despotismus dar.“ [15]

Diese orientalische und primitive Form des Despotismus ist heute in der Politik Saudi-Arabiens, Katars und im Rahmen der AKP-Herrschaft in der Türkei zu beobachten. In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu fragen, auf wessen Kosten der wirtschaftliche Boom in der Region, wie zum Beispiel in Dubai oder in Doha in Katar, geschaffen wird. Saghieh hinterfragt diese Art der Förderung: „Ich denke nicht, dass die gigantischen Türme in Dubai – im Gegensatz zum Parlament – den Weg in eine demokratische Moderne ebnen können. Ich glaube, dass man vielmehr die Grundlagen für eine zivile Gesellschaft schaffen sollte, jenseits der Autorität der Religion und der Logik des Familienclans. Die materielle und architektonische Modernisierung an sich könnte diese alten, vormodernen Strukturen sogar weiter fördern.“ [16]

Schauen wir uns boomende Länder an, erkennen wir die Wahrheit in Saghiehs Äußerungen. Sei es in Dubai, in den Vereinigten Arabischen Emiraten, in Doha in Katar oder in Hewlêr (Arbil) in der nordirakischen kurdischen Region, in Riad in Saudi-Arabien oder in Istanbul oder weiteren Städten in der Türkei, die mit ihren gigantischen Türmen die Moderne symbolisieren: Sie erfüllen im Gegensatz zu diesen repräsentativen „Errungenschaften“ nur wenige Merkmale der Demokratie. Das allein sollte schon ein Warnsignal sein, dass eine Politik, die meist an autoritäre Herrscher und Familienclans gebunden ist, unterlassen werden sollte. Von internationalen Akteuren wie auch von den Menschen vor Ort sollten ernsthafte Konsequenzen gezogen werden.


… Versagen von Nationalstaaten

Die Fixierung auf den Nationalstaat führt ebenfalls in eine Sackgasse. „Die alte Staatsordnung funktioniert nicht. Es braucht neue, dezentrale Strukturen für das 21. Jahrhundert. Das Zeitalter des Nationalstaats ist vorbei.“, schrieb Georg Diez zu Recht in seiner wichtigen Kolumne „Der Nationalstaat muss sterben“ im Spiegel. [17] Denn durch die Reproduktion autoritärer gesellschaftlicher Formationen werden lediglich Akteure stark gemacht, die einfache, aber oft noch verheerendere Alternativen anbieten, wie zum Beispiel der IS. Dessen Massaker sind nur die sichtbare Oberfläche der beschriebenen tieferen Probleme. Deshalb muss über demokratische und friedliche Alternativen nachgedacht werden, in deren Rahmen alle Bevölkerungsgruppen, alle Ethnien und alle Religionsgruppen die Gesellschaft – mit Respekt voreinander – gemeinsam demokratisch gestalten können. Hierbei statuiert der Gesellschaftsvertrag [18], welcher von den Völkern Rojavas geschlossen wurde, regelrecht ein Exempel.

So kommt jetzt der kurdischen Freiheitsbewegung die Aufgabe zu, den Widerstand für den demokratischen Frühling der Völker in der Region voranzutreiben. Der Schutz der Revolution von Rojava, auch gegen IS, ist ein gelungenes Beispiel für die Organisierung kollektiven Widerstands. Eine solche Entwicklung könnte auch im Irak und in Südkurdistan möglich sein.

Der denkbar schlechteste Weg im Kampf gegen die Dschihadisten wäre, auf die Unterstützung der westlichen Mächte, allen voran die USA, zu setzen. In diesem Kontext ist zu fragen: Wer hat den Irak in die Krise gestürzt und so den perfekten Nährboden für radikalislamistische Gruppen hinterlassen? Wer hat ISIS im Kampf gegen das Baath-Regime in Syrien überhaupt erst groß gemacht? Die Verantwortung des Westens ist unübersehbar. Und nun sollen die in erster Linie für das Chaos in der Region Verantwortlichen die Sache wieder geradebiegen? Eines ist sicher, eine demokratische und freiheitliche Perspektive kann nur aus dem demokratischen Widerstand vor Ort keimen – nicht durch Intervention von außen.

Oder sehen wir uns die Situation in Israel/Palästina an.

  • Wie kann dieser über Jahrzehnte anhaltende Konflikt, beide Seiten anerkennend, gelöst werden?
  • Kann die favorisierte Zweistaatenlösung überhaupt noch als aktueller Lösungsweg begriffen werden, ist sie tatsächlich hinreichend für einen dauerhaften Frieden, ein gleichberechtigtes Zusammenleben?
  • Wie können beide Seiten nach der langen Zeit des Krieges gemeinsame Wege entwickeln, um sich auf Augenhöhe zu begegnen, um ein Miteinander zu bewirken?
  • Zeigt sich nicht an diesem Konflikt, in dem zwei Völker ein Territorium als ihr Siedlungsgebiet beanspruchen, dass das nationalstaatliche Denken keinen Lösungsweg aufzeigen kann?

… Brücken des Friedens zwischen den Völkern des Mittleren Ostens

Es wäre falsch, das von der kurdischen Freiheitsbewegung vorgeschlagene Lösungskonzept, ohne den Sinn dahinter zu verstehen, zu ignorieren. Sämtliche erwähnten Probleme werden von der kurdischen Freiheitsbewegung infrage gestellt – und Lösungen dafür entwickelt. Allein das Diskutieren über diese Problemfelder gibt den Menschen in der Region Mut, gegen das scheinbar unabwendbar Vorgegebene zu rebellieren und Alternativen zu schaffen. „Inmitten des Chaos im Mittleren Osten zeigen die Kurden in Rojava, wie eine mögliche Lösung aussehen kann. Indem sie bewaffnete Konflikte vermeiden und die ‚Demokratische Autonomie‘ mit Respekt für alle ethnischen Gruppen und religiösen Minderheiten aufbauen, präsentieren sie eine Alternative zu nationalistischen und islamistischen Staatsmodellen. Ihr Modell ist nicht aus dem Nichts entstanden. Abdullah Öcalan spricht sich seit vielen Jahren für eine multiethnische, dezentrale demokratische Selbstverwaltung aus und straft damit alle Lügen, die ihm immer noch eine separatistische oder nationalistische Agenda unterstellen. Wie Nelson Mandela in Südafrika baut er in Wirklichkeit Brücken des Friedens zwischen den Völkern des Mittleren Ostens.“ [19]

Auch wenn das zunächst lediglich wie ein Modell für die Lösung der kurdischen Frage aussieht, können viele Fragen im Mittleren Osten anhand dieser Ideen, die man auch das „Projekt des Demokratischen Mittleren Ostens“ [20] nennen kann, gelöst werden. Auch religiöse Fragen lassen sich auf dieser Grundlage beantworten. Das gilt vor allem, wenn verschiedene Religions- und Volksgruppen auf relativ engem Raum miteinander leben.

Die Akteure, die auf die Konflikte in Syrien, im Irak und in der Region Einfluss nehmen können, sollten die Rolle und die Lösungsmodelle der kurdischen Freiheitsbewegung nicht übersehen. Die Suche nach Möglichkeiten einer gemeinsamen politischen Lösung der Konflikte und einer Entspannungspolitik in Syrien und im Irak führt auch zu den Ideen der Kurden. Wie z. B. in Rojava zu sehen ist, können Religions- und ethnische Gruppen in einer demokratisch-autonomen oder föderativen Struktur sehr gut gemeinsam leben und eine positive gesellschaftliche Dynamik des Verständnisses füreinander entfalten. In Anbetracht der momentanen Situation in der Region braucht es dafür aber auch das Recht, sich gegen jede von außen kommende Gefahr selbst zu verteidigen. Diese Erkenntnis bedarf eines Überdenkens der bisherigen zum Teil auch dogmatischen Politik des Westens. Ein guter Schritt wäre es, mit Rojava anzufangen und die dortigen Entwicklungen anzuerkennen – und mit den sie tragenden Akteuren dort zu reden. Wenn das nicht der Anfang einer Art Renaissance in der Region werden kann, was dann?

Devris Çimen, Civaka Azad


Quelle:  Chivaka Azad – Kurdisches Zentrum für Öffentlichkeitsarbeit e. V. > Artikel

Vielen Dank an Helmut Schnug für diesen Artikel – Kritisches Netzwerk

Über Civaka Azad:

Seit Jahrzehnten gibt es in Kurdistan einen Krieg gegen das kurdische Volk. Dabei ist die Forderung der Kurden ausschließlich die Anerkennung ihrer Identität und ihrer Rechte. Allerdings ist diese Forderung Grund genug für die Regierungen der Staaten Türkei, Iran, Irak und Syrien, in denen die Kurden leben, um sie aufs Bitterste bekämpft. Und es ist ein Krieg, der in der Weltöffentlichkeit mehrheitlich keine Beachtung findet. Das ermutigt die Staaten bei Gelegenheit auch auf eine „schmutzige Kriegsführung“ zurückzugreifen. So werden sowohl zivile Opfer billigend in Kauf genommen, als auch Waffen eingesetzt, die nach Genfer Kriegskonvention geächtet sind. Die Schaffung von Öffentlichkeit und ihre Sensibilisierung für die Geschehnisse in Kurdistan können einen wichtigen Beitrag dazu leisten, diesen Krieg einzudämmen und mittelfristig den Weg für eine friedliche Lösung zu ebnen. Hierzu möchten wir als Civaka Azad unseren Beitrag leisten.

„Only bad news, are good news“, so lautet die Maxime vieler Mainstream Medien hierzulande. Die Ereignisse aus Kurdistan werden, wenn überhaupt, nur einseitig mit dem Fokus auf den Krieg beleuchtet. Allerdings werden in Kurdistan seit Jahren trotz permanenten Kriegszustands auch Projekte für eine kommunale Selbstverwaltung und zivilgesellschaftliche Organisierung der Bevölkerung vorangetrieben. Die Menschen fangen an die Probleme ihrer Region basisdemokratisch selbst zu lösen. Es keimt ein freiheitliches, demokratisches, ökologisches und geschlechterbefreiendes Bewusstsein in der Bevölkerung auf. Mit diesem Bewusstsein und den fortschrittlichen Projekten bauen die Menschen aus Kurdistan ihre Civaka Azad – ihre freie Gesellschaft – gegen die permanenten Repressalien durch die jeweiligen Staatsapparate auf. Auch diesbezüglich haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, diese Projekte in eine breitere Öffentlichkeit zu tragen, um sowohl einen Schutz vor Repressalien zu bilden als auch Interessierten einen Einblick in das Projekt der Demokratischen Autonomie zu gewähren.

bitte hier weiterlesen


Bild- u. Grafikquellen:

  1. YPG (People’s Protection Units) forces in the Kobanê region of West Kurdistan. Foto / Quelle: Firat News Agency (kurd. Ajansa Nûçeyan a Firatê, Abk. ANF), eine kurdische Nachrichtenagentur.
  2. Ex US-Präesident Georg W. Bush jun. mit dem aktuellen irakischen Ministerpräsident Nuri al-Maliki. Foto: U.S. Government Quelle: Wikimedia Commons. Diese Datei ist ein Werk eines Mitarbeiters der Streitkräfte der Vereinigten Staaten oder des Verteidigungsministeriums der Vereinigten Staaten, aufgenommen oder hergestellt während seiner offiziellen Anstellung. Als amtliches Werk der Bundesregierung der Vereinigten Staaten ist dieses Bild gemeinfrei.
  3. Verbot der Arbeiterpartei Kurdistans (Eigenbezeichnung: Partiya Karkerên Kurdistan, Abk. PKK) aufheben und Freiheit für Abdullah Öcalan. Die Fotos entstanden am 1. Sept 2014 während des Antikriegstages in München. Fotograf: Richy Meyer.
  4. IS-Kämpfer bei Kobanê. Foto / Quelle: Firat News Agency (kurd. Ajansa Nûçeyan a Firatê, Abk. ANF), eine kurdische Nachrichtenagentur.
  5. “Kapitalische Demokratie” Grafikbearbeitung: Wilfried Kahrs / QPress.de
  6. “Wenn die Reichen die Armen ausrauben, nennt man das Kapitalismus. Wenn die Armen die Reichen ausrauben, nennt man es KRIMINALITÄT”. Grafikbearbeitung: Wilfried Kahrs / QPress.de

Fußnoten:

  1. 500.000 Tote durch Irak-Krieg – weiter
  2. Syrien: Stellvertreterkrieg und »Dritter Weg« – weiter
  3. Nordirak: Erste Erfolge der US-Intervention? – weiter
  4. Rivalitäten und Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten in Nahost, DGAP, Januar 2010, S. 25-26
  5. Demokratischer Konföderalismus, Abdullah Öcalan, S. 10 – weiter (PdF)
  6. Kurdischer Staat: „Cui bono?“ – Wem nutzt es?, Devris Çimen, Civaka Azad,- weiter
  7. Demokratischer Konföderalismus, Abdullah Öcalan, S. 7,- weiter (PdF)
  8. Öcalan’in Imrali Günleri, C. Kapmaz, 2011, Ithaki Yayinlari, (Das Buch befasst die Gespräche von A. Öcalan mit seinen Anwälten auf der Gefängnisinsel Imrali)
  9. Die Idee der Demokratie wird jetzt von anderen neu definiert, Interview mit Hamid Dabashi, 24.05.2011,- weiter
  10. Hatreds Bred by Power Politics, Daniel Benjamin, WSJ, 24.06.2014,- weiter
  11. Die Neugestaltung des Mittleren Ostens, Cemil Bayik im Interview, Juli 2013, gekürzte deutsche Fassung- weiter
  12. Wer steht hinter ISIS?, Bewertung von Civaka Azad, 19.06.2014,- weiter
  13. siehe radical.com – weiter
  14. Irak-Krise: EU für Waffenlieferungen an Kurden,- weiter
  15. Jenseits der Autorität der Religion und der Herrschaft der Familienclans, Interview vom 05.04.2012 in Qantara,- weiter
  16. ebd.
  17. Der Nationalstaat muss sterben, Georg Diez, Spiegel, 20.06.2014,- weiter
  18. Der Gesellschaftsvertrag von Rojava,- weiter (PdF)
  19. Der Öcalan-Moment,- weiter
  20. Das Projekt des Demokratischen Mittleren Ostens, Salih Muslim, Kurdistan Report Nr. 168, Juli/August 2014, S. 40–41,- weiter (PdF)

NSA, PROMIS, Ptech und 9/11 – aktualisiert

von Lars Schall

In dem nachfolgenden Auszug aus dem im Entstehen begriffenen Buch “Tiefenpolitik, Methodischer Wahnsinn und 9/11: Eine Spurensuche zu Terror, Geld, Öl und Drogen“ (Arbeitstitel) stellt der unabhängige Finanzjournalist Lars Schall zwei wichtige Software-Entwicklungen vor, die beim viermaligen Versagen der Luftverteidigung am 11. September 2001 eine prominente Rolle gespielt haben könnten.


Zusätzlich zum nachfolgenden Buch-Auszug können Sie sich hier etwas näher mit dem PROMIS-Software-Skandal vertraut machen, und zwar in Form eines Dokumentarfilms von Egmont R. Koch, “Hacker mit Geheimauftrag”. Bezüglich der möglichen Verwicklung NSA-PROMIS-Insider Trading möchte ich ferner auf ein Interview verweisen, das ich mit NSA-Whistleblower Thomas Drake führte, Secret Information: The Currency Of Power – siehe hier.

Betreff: Datenkontrolle

u den Dingen, von denen man im Zusammenhang mit dem 11. September höchstwahrscheinlich noch nie so recht etwas vernommen hat, zählt das “Prosecutor’s Management Information System“, abgekürzt PROMIS. Hierbei handelt es sich um ein Softwareprogramm, das mit gar zu „magischen“ Fähigkeiten versehen zu sein scheint. Fernerhin ist PROMIS Gegenstand eines jahrzehntelangen Rechtsstreits zwischen seinem Erfinder, Bill Hamilton, und diversen Personen / Institutionen im Dunstkreis von Geheimdiensten, Militärs und Sicherheitsberaterfirmen.  [1]

Eine „magische“ Fähigkeit dieses, so ist anzunehmen, im Laufe der Zeit mit künstlicher Intelligenz ausgestatteten Programms, bestand offenbar von Anfang an darin, „simultan jegliche Anzahl von verschiedenen Computerprogrammen oder Datenbanken zu lesen und zu integrieren… unabhängig von der Sprache, in der die ursprünglichen Programme geschrieben wurden, oder von den operierenden Systemen und Plattformen, auf denen die Datenbank gegenwärtig installiert gewesen war.“ [2]

Und jetzt wird es interessant:

„Was würden Sie tun, wenn Sie eine Software besäßen, die denken könnte, jede wichtige Sprache in der Welt verstünde, die Gucklöcher in jedermanns Computer-,Umkleideraume’ bereitstellte, Daten in Computer einfügen könnte, ohne dass die Leute davon wissen, die leere Stellen jenseits menschlicher Nachvollziehbarkeit ausfüllen könnte, und die vorhersagen könnte, was die Leute tun – bevor sie es getan haben? Sie wurden sie wahrscheinlich benutzen, oder nicht?“ [3]

Zugegeben, diese Fähigkeiten klingen schwer verdaulich, und in der Tat mutet die ganze PROMIS-Geschichte, die Mike Ruppert im Verlauf von “Crossing the Rubicon” in all ihren bizarren Facetten und Wendungen darbietet, so an, als habe jemand eine Romanidee im Stile von Philip K. Dick und William Gibson entwickelt; gleichwohl basiert das, was Ruppert über PROMIS zusammengetragen hat, mitnichten auf puren Hirngespinsten, sondern auf nachprüfbaren, seriösen Quellenmaterialien sowie Ergebnissen persönlich unternommener Untersuchungen, die darauf warten, kritisch in Augenschein genommen zu werden.

Dies scheint umso dringlicher geboten, so man zu den PROMIS-Fähigkeiten hinzuzählt, „dass es unbestreitbar ist, dass PROMIS für eine weitgefasste Spanne von Verwendungszwecken durch Nachrichtendienste genutzt wurde, einschließlich der Echtzeit-Beobachtung von Aktien-Transaktionen an allen wichtigen Finanzmärkten der Welt.“ [4]

Wir haben es also mit einer Software zu tun, die

a) Computer- und Kommunikationssysteme infiltrieren kann, ohne bemerkt zu werden,

b) Daten zu manipulieren versteht,

und die

c) den weltweiten Börsenhandel in Echtzeit zu verfolgen in der Lage ist.

Punkt c) ist unter anderem relevant für all jene Dinge, die in den Bereich der niemals gänzlich aufgeklärten beziehungsweise zurückverfolgten Put-Optionen fällt, die unmittelbar vor dem 11. September getätigt wurden, und von denen der ehemalige Bundesbankchef Ernst Weltke sagte, dass sie „ohne ein bestimmtes Wissen nicht hätten geplant und ausgeführt werden können.“ [5]

Was es damit auf sich hat, dazu siehe diesen Artikel hier, der von mir auf Asia Times Online erschien, „Insider trading 9/11 … the facts laid bare“.

Die oben erwähnten Punkte a) und b) in Sachen PROMIS betreffend, waren diese im Sinne von Mike Ruppert zentral für das Ineinandergreifen von Mittel und Möglichkeit im Bunker unterhalb des Weißen Hauses, dem PEOC. In seinem Buch betrachtet er die Entwicklung der PROMIS-Software, ein Programm für Data-Mining, „dessen heutige Nachfolger eine wesentliche Rolle bei den Verbrechen vom 11. September gespielt haben. Während Dick Cheney eine separate Kommandokette über den Secret Service unterhielt, hatte er gleichzeitig die Möglichkeit, mittels einer Weiterentwicklung der PROMIS-Software Einfluss auf die Abläufe der FAA auszuüben, die von Ptech, Inc. entwickelt und verkauft wird – einem vom saudischen Terrorgeldgeber Yassin Al-Qadi finanzierten Unternehmen. Al-Qadi behauptet, Dick Cheney in Dschidda getroffen zu haben, bevor dieser Vize-Präsident geworden war, eine Behauptung, die Cheney nie öffentlich zurückgewiesen hat.“ [6]

Expressis verbis äußerte sich al-Qadi so: „Ich habe auch den US-Vize-Präsidenten und früheren Verteidigungsminister Dick Cheney in Dschidda getroffen, als er für einen Vortrag kam, der von der Dallah Group organisiert wurde. Ich sprach mit ihm für eine lange Zeit, und wir haben immer noch herzliche Beziehungen.“  [7]

Die Dallah Group ihrerseits wird verdächtigt, ein Financier von al-Qaida zu sein.

Zum Zeitpunkt von 9/11 wurden die Software-Programme, die Ptech herstellte, für hochsensible Aufgaben an den höchsten Stellen von fast jeder staatlichen Regierungsbehörde der U.S.A. genutzt.

Indira Singh

Indira Singh

Dass es dabei womöglich an kritischer Stelle nicht mit rechten Dingen zuging, erschließt sich aus der Geschichte der IT-Spezialistin Indira Singh. Anfang 2001 erhielt Singh vom Bankhaus J.P. Morgan Chase den Auftrag, ein ausgeklügeltes Computerprogramm im Bereich Risikomanagement zu entwickeln, dem es einerseits möglich sein sollte, auf das Risiko eines Extremereignisses reagieren zu können, und andererseits Muster von Geldwäsche, Bilanzbetrug und verbotenen Handelsaktivitäten aufzuspüren. „Angestrebt war die Verschmelzung aus Risk Management und Unternehmensarchitektur (Enterprise Architecture). Dafür benötigte Singh eine Software, die jedes Problem zu jeder Zeit sehen konnte. Kurz, eine Art Überwachungs-Software – zum Beispiel zur Verhinderung von Geldwäsche, aber auch eines Computersystemversagens. Wenn das Programm etwas entdeckte, sollte es in der Lage sein, eine sofortige Mitteilung zu geben – wenn nicht ,sogar das, was geschehen würde, in Echtzeit zu stoppen’”, erklärte Singh dazu später.  [8] Eine solche Software verfolgt also den Zweck, alles zu wissen und zu überschauen, was in einem Geschäft wie JP Morgan Chase an millionenfachen Transaktionen über den Globus verstreut vor sich geht – in Echtzeit.

Die Idee präsentierte sie unter anderem dem Interoperability Clearing House, einem DARPA-finanzierten Think Tank, und der Firma In-Q-tel, die aufs Engste mit der CIA verbunden ist. Mehrfach wurde ihr zwischen Dezember 2001 und April 2002 nahegelegt, den saudischen Software-Entwickler Ptech zu engagieren. Ptech produzierte eine Software, die Singh hätte gebrauchen können – und die Liste derer, die sie schon verwendeten, war lang: sie wurde unter anderem vom Weißen Haus benutzt, vom US-Finanzministerium (und damit auch vom Secret Service), von der US-Luftwaffe, US-Marine, FAA, CIA, dem FBI und dem US-Justizministerium, der Steuerbehörde IRS, sowie von Booz Allen Hamilton, IBM, Enron, und schließlich auch von der NATO.

Diese Kundenliste vermochte Singh zu beeindrucken, sodass sie Vertreter von Ptech zur Präsentation ihrer Software in die Büros von JP Morgan Chase bat. Dazu kam es schließlich im Mai 2002. Jedoch trat die Ptech-Delegation ohne die Software auf und legte auch ansonsten ein merkwürdiges Verhalten an den Tag. Daraufhin begann Singh intensiv über den Hintergrund von Ptech nachzuforschen. Worauf sie stieß, waren Hinweise, dass sich unter den Financiers und Programmierern von Ptech offenbar Mitglieder eines internationalen Netzwerks befanden, die nicht nur seit Jahren an Drogen- und Waffengeschäften sowie Geldwäscheaktivitäten beteiligt waren, sondern auch an Terrorismus in Form des WTC-Attentats von 1993. Herausstach insbesondere, dass zu den Ptech-Financiers Yassin Al-Qadi gehörte, der schon im Oktober 2001 durch die US-Regierung auf eine Terroristenliste gesetzt worden war – sprich sieben Monate, ehe die Ptech-Präsentation in den Räumlichkeiten von JP Morgan Chase, immerhin einem Top-Unternehmen der USA, stattfand.

Singh alarmierte ihren Arbeitgeber und das FBI. Von JPM Chase wurde sie alsbald im Juni 2002 entlassen, und die Untersuchung des FBI versandete – als Teil der “Operation Green Quest” – schließlich im Niemandsland, nicht zuletzt aufgrund direkter Druckausübung seitens des Weißen Hauses. Auch ist bekannt, dass der damalige Direktor von Ptech, Yaqub Mirza, hochrangige Kontakte zum FBI unterhielt.  [9]

Der CBS-Journalist Joe Bergantino, mit dem Singh im Fall von Ptech zusammenarbeitete, sagte in einem Interview mit dem National Public Radio, dass hinter Ptech womöglich der langjährige Plan gesteckt habe, „,ein Unternehmen in diesem Land und im Computersoftwaregeschäft [zu etablieren], das bundesstaatliche Behörden ins Visier nehmen und Zugang zu Regierungsdaten bekommen würde, um im Wesentlichen Terroristen dabei zu helfen, einen weiteren Angriff zu landen.’ Singh erklärte, wie gut positioniert Ptech war, um eine Krise wie 9/11 zu erschaffen: ,Ptech war zusammen mit der Mitre [Corporation] zwei Jahre vor 9/11 im Keller der FAA untergebracht. Ihr spezieller Job war es, sich Probleme der Interoperabilität anzuschauen, die die FAA mit NORAD [North American Aerospace Defense Command] und der Luftwaffe im Notfall hatte. Wenn irgendwer in der Position wäre, um zu wissen, dass die FAA – dass es da ein Zeitfenster gibt oder um eine Software einzufügen oder um irgendetwas zu verändern, wäre es Ptech zusammen mit Mitre gewesen.‘”  [10]

Rufen wir uns nun ins Gedächtnis zurück: Im PEOC hatte der Secret Service ein Computer-System, „das es ihnen erlaubte, das zu sehen, was die Radare der FAA sahen.” Peter Dale Scott bemerkt dazu, dass die Angelegenheit im Verantwortungsbereich von Ptech gelegen haben könnte, „das Interoperabilitätsverträge sowohl mit der FAA als auch dem Secret Service hatte.“ [11]

In einem Interview für From the Wilderness wurde Indira Singh explizit nach Mike Rupperts These befragt:

Könnte es aus Ihrer Sicht der Fall gewesen sein, dass Cheney Ptech benutzte, um die Funktion von Leuten bei der FAA und NORAD zu überwachen, die ihre Arbeit an 9/11 machen wollten, und dann dazwischenfuhr, um die legitime Reaktion auszuschalten?

Indira Singh: Ist es möglich von einer Software-Sicht aus? Absolut ist das möglich. Hatte er (Cheney) eine solche Fähigkeit? Ich weiß es nicht. Aber das ist das ideale Risikoszenario – eine übergreifende Sicht darüber zu haben, was bei den Daten vor sich geht. Das ist exakt das, was ich für J.P. Morgan machen wollte. Wissen Sie, was ironisch daran ist – ich wollte meinen Betriebsgefahr-Entwurf nehmen, der für ein Betriebsereignis da ist, das schief läuft, und ich wollte ihn exemplarisch machen für das Risiko extremer Ereignisse zur Überwachung quer durch nachrichtendienstliche Netzwerke. Was Sie beschreiben, ist etwas, von dem ich sagte: ,Junge, wenn wir das an Ort und Stelle gehabt hätten, 9/11 wäre vielleicht nicht geschehen.’ Als ich zu DARPA [Defense Advanced Research Project Agency] ging und diese Kerle dafür begeisterte, einen Entwurf für ein Extremereignisrisiko zu schaffen, dachte ich daran, genau das zu tun, von dem Sie sagen, dass es Cheney womöglich bereits gehabt hatte!” [12]

Wohl beinahe unnötig zu betonen, dass die 9/11-Kommission diesen heiklen Verbindungen nicht im Geringsten nachgegangen ist (was auch daran gelegen haben mag, dass einer ihrer beiden Vorsitzenden, Thomas Kean, ein Anleger der Investmentfirma BMI war, dem Mutterkonzern von Ptech).  [13] Weiterhin haben ebenso die großen Medien mit der entsprechenden Reichweite und Meinungsbildungskraft den Fall Ptech und die dazu gehörigen Überlegungen von Indira Singh weitestgehend unter den Tisch fallen lassen.

Ohne dass darüber im Bericht der 9/11-Kommission oder in den großen Medien berichtet worden wäre, entspricht es Tatsachen, dass am 10. September 2001 das sogenannte Special Routing Arrangement Service-Computerprogramm (SRAS) des 1963 gegründeten National Communications Systems (NCS) in einen „Übungsmodus“ versetzt wurde, um dann am nächsten Tag während der Terrorangriffe voll aktiviert zu werden. Aufgabe des SRAS-Computersystems ist es, spezielle Kommunikationsmöglichkeiten von Militär- und Regierungsstellen im Katastrophenfall bereitzustellen und aufrechtzuerhalten. Darüber hinaus war es als Teil des Continuity of Government-Programms vorgesehen, das am 11. September ebenfalls aktiviert wurde.

Vollkommen ungeklärt ist die Frage, ob das SRAS-System im National Coordinating Center in Airlington, Virginia am 10. September in den „Übungsmodus“ wegen der Kriegsübungen versetzt wurde, die für den nächsten Tag anstanden, ob es Teil der diversen Kriegsübungen war – und vor allem aber: wer (mit welchem Motiv) den Auftrag zur Versetzung in den „Übungsmodus” erteilt hatte. Wir wissen lediglich von Brenton Greene, dem damaligen Chef der NCS-Behörde, dass das SRAS-System auf – wie er sich ausdrückte – „wundersame Weise auf den Übungsmodus gestellt wurde und daher am 11. September einsatzbereit war.“  [14]

Ins Auge stechend ist nicht minder, dass das militärische Warnsystem namens Information Operations Condition (Infocon), das zur Abwehr von Angriffen auf das Kommunikationssystem des Militärs eingerichtet worden war, 12 Stunden vor den 9/11-Angriffen auf die niedrigste Gefahrenstufe heruntergefahren wurde. Das bedeutete, dass es einfacher wurde, sich von außen unautorisierten Zugang zum Computernetzwerk des Militärs zu verschaffen, um es zu beeinträchtigen. Die Entscheidung, Infocon auf die niedrigste Gefahrenstufe zu setzen, oblag der Befehlsgewalt von Luftwaffen-General Ralph E. Eberhart, dem damaligen Chef von NORAD und dem US Space Command. Die Reduzierung des Gefahrenlevels geschah aufgrund einer, wie es hieß, „niedrigen Gefahr von Computerangriffen“. Während die Terror-Attacken am 11. September liefen, wurde das Infocon-Sicherheitslevel dann erhöht, während zugleich unter anderem Passwörter geändert und Zugangsschlüssel erneuert wurden, um klassifizierte Kommunikationsleitungen zu schaffen.  [15]


PROMIS

Zu PROMIS wäre in aller Kürze und Schnelle vorzutagen, dass die Fähigkeiten dieses Software-Programms, das von William A. Hamiltons Firma INSLAW ursprünglich für das US-Justizministerium angefertigt wurde, von Beginn an immens waren. Guy Lawson schildert in seinem Buch Octopus, dass INSLAWs Software als Data-Mining- und Verknüpfungs-Werkzeug deart durchschlagend erfolgreich war, dass der amerikanische Geheimdienstbehördenapparat die Software stahl, „um sie verdeckt einzusetzen. Die CIA hatte den Code neu konfiguriert und installierte ihn auf einem 32-Bit-Digital Equipment Corporation VAX-Minicomputer. Die Agency benutzte Front-Unternehmen, um die neue Technologie an führende Banken und Finanzinstitute wie die Federal Reserve zu verkaufen. Versteckt im Inneren des Computers war eine ,Hintertür‘, die die Geheimdienste befähigte, zum ersten Mal heimlich Finanztransaktionen digital zu überwachen. Die hochklassifizierte Initiative, bekannt als ,Follow the Money‘, erlaubte der Reagan-Administration, die geheime Finanzierung einer terroristischen Gruppe, die eine Disco in Berlin im Jahre 1986 bombardiert hatte, um einen US-Soldaten zu töten und zweihundert Zivilisten zu verletzen, bis zur libyschen Regierung zurückzuverfolgen. In Bob Woodwards Buch ,Veil‘ sagte der ehemalige CIA-Direktor William Casey, dass das geheime Geld-Aufspürungssystem eine seiner stolzesten Errungenschaften gewesen war.”  [16]

Das Programm, so Woodward weiter, ermöglichte die „Durchdringung des internationalen Bankensystems“, um so „einen steten Datenfluss von den realen, geheimen Bilanzen, die von vielen ausländischen Banken gehalten werden“, zu liefern.  [17]

Reynolds Weld Letter May 1985

Reynolds Weld Letter May 1985

Während er für die TV-Dokumentation des Public Broadcasting System (PBS) vom 12. Juli 1989 mit dem Titel Follow the Money interviewt wurde, räumte der ehemalige nationale Sicherheitsbeamte Dr. Norman A. Bailey ein, dass die NSA dem Follow the Money-Programm nachgegangen war, bei dem die PROMIS-Software von INSLAW illegal zum Einsatz kam. Er erklärte weiter, dass das Weiße Haus unter Reagan die NSA 1981 mit dem Implantieren „leistungsstarker Computer-Mechanismen” in drei großen Überweisungs-Clearinghäusern beauftragt hatte: CHIPS (das Clearing House Interbank Clearing System) in New York City, das Berichten zufolge Zahlungen und Abrechnungen für den Außenhandel, Devisenhandel und für syndizierte Kredite für seine 139 Mitgliedsbanken in 35 Ländern aufzeichnet; CHAPS in London, das Berichten zufolge ähnliche Funktionen für in Sterling lautenden Transaktionen übernahm, und SIC in Basel in der Schweiz, das Berichten zufolge die gleichen Arten von Transaktionen aufzeichnet, so sie in Schweizer Franken lauten. Dr. Bailey beschrieb die neue NSA Signal-Intelligence-Penetration des Bankensektors so, dass sie die Vereinigten Staaten in die Lage brachte, dem Geld zu folgen, das von ausländischen Regierungen an internationale Terroristen durch das internationale Bankensystem floss, indem die Überweisungsnachrichten von einer Bank zur anderen, wie sie in Echtzeit auftraten, abgefangen wurden. Er sagte ebenso in dieser PBS-Fernsehdokumentation, dass die neue NSA-SIGINT-Penetration des Bankensektors es den Vereinigten Staaten nicht nur ermöglichte, die Verschuldung gegenüber westlichen Banken von Regierungen, die in Gefahr waren, zahlungssäumig zu werden, festzustellen, sondern auch die illegale Weitergabe von Technologien an den Sowjetblock, insbesondere von integrierten Schaltungen, die für den Einsatz in Militär- und Verteidigungsanwendungen entwickelt worden waren und illegal über Tarnfirmen in drei europäischen Ländern – Schweden, Schweiz und Österreich – gekauft wurden. Die Follow the Money-Nachrichtenerkenntnisse halfen den USA bei der Unterbindung solcher Verkäufe, die für die Sowjetunion wichtig waren, da sie außerstande war, solch integrierte Schaltungen selbst herzustellen.  [18]

Dr. Baileys Worten nach wurde Libyen unter Reagan angegriffen, nachdem die Bankenüberwachung der NSA eindeutige SIGINT-Beweise erbrachten, dass Libyen den besagten Terroranschlag in Berlin finanziert hatte.

Die NSA erhielt 1981 für ihre neue Follow the Money-SIGINT-Mission vom US-Justizministerium eine nicht autorisierte, gegen das Urheberrecht verstoßene Kopie der IBM-Mainframe-Computer-Version von PROMIS. INSLAW hatte diese Version von PROMIS zuvor im gleichen Jahr zur Nutzung durch die Land and Natural Resources Division des Justizministeriums lizenziert. Das Justizministerium stellte schließlich sämtliche Zahlungen an INSLAW ein und trieb das Unternehmen in den Bankrott. Ein Vorwurf, den William Hamilton später erhob, war der, dass eine modifizierte Version der Bank-Überwachungsversion von PROMIS benutzt wurde, um die Erlöse aus Drogengeschäften nachzuverfolgen. Ferner sei die modifizierte PROMIS-Version für die Geldwäsche von Drogenprofiten benutzt worden, um verdeckte Operationen, die nicht genehmigt waren, zu finanzieren.

Der Nationale Sicherheitsrat holte sich später ein Rechtsgutachten für eine Expansion des Bankenüberwachungsprojekts der NSA ein, um es auf rund 400 große Geschäftsbanken auszuweiten, die das Interbankensystem bilden. Es gab auch Berichte über die Installation von PROMIS durch US-Geheimdienste in internationalen Finanzinstituten wie der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, dem Internationalen Währungsfonds und der Weltbank.

Im Mai 1998 veröffentlichte Dr. Bailey eine Monographie mit dem Titel “The Strategic Plan That Won The Cold War“, die auf die Bedeutung der Follow the Money-Mission der NSA verweist. [19]

2008, als er für einen Artikel von Tim Shorrock für das Salon-Magazin interviewt wurde, sagte Dr. Bailey, dass die PROMIS-Datenbank und -Suchanwendung der NSA gegeben worden sei. Wie Salon seinerzeit schrieb: „Sein Eingeständnis ist die erste öffentliche Anerkennung eines ehemaligen US-Geheimdienstmitarbeiters, dass die NSA die PROMIS-Software verwendete.” Er wurde auch dahingehend zitiert, dass INSLAWs „PROMIS das wichtigste Software-Element (war), das von der NSA eingesetzt wurde”, um die Echtzeit-Überwachung von Banküberweisungen durchzuführen.  [20]

PROMIS wurde außerdem in den 1980er Jahren von Oliver North verwendet, um im Zusammenhang mit der Continuity of Government-Planung Listen von potentiellen Gefahren für die nationale Sicherheit zu erstellen. Dafür eignete sich PROMIS aufgrund seiner Eigenschaft, wie ein Schleppnetz genutzt werden zu können, „um Daten über Personen zu ermitteln und zu sammeln – über Terroristen und Drogenhändler ebenso wie über politische Gegner und Dissidenten.“ PROMIS ließ sich „gezielt zur Fahndung nach Personen“ einsetzen und „eignete sich ebenso zur elektronischen Rasterfahndung.“  [21]

Danny Cosalero / 1947 geboren und 1991 gestorben

Danny Cosalero / 1947 geboren und 1991 gestorben

In den kommenden Jahren verkaufte ein weitläufiges Netzwerk aus Geschäftsleuten, Regierungsvertretern und Personen, die der Regierung Reagan / Bush nahe standen (beispielsweise Earl Brian, Peter Videniaks und Edwin Meese), die erweiterten Versionen von PROMIS an Unternehmen, Banken, Geheimdienste und Regierungen. Der mit William Hamilton zusammenarbeitende investigative Journalist Danny Cosalero nannte dieses Netzwerk „Oktopus“, dessen innerster Kern seinen Erkenntnissen nach „zurück zu einem dreckigen ,Old Boy‘-Netzwerk der CIA“ reichte, welches in den 1950er Jahren zu existieren begann, und Leute im weiteren Umfeld miteinschloss, die sich im Zentrum von Iran-Contra und BCCI befanden, beispielsweise Adnan Kashoggi.  [22]

Casolaros „Vermutung war, dass diese Gruppe innerhalb der CIA nicht nur in die Iran-Contra-Affäre verwickelt gewesen sei, sondern im großen Stil Waffen- und Drogenhandel betrieb sowie Verbindungen zum Organisierten Verbrechen, der Cosa Nostra, unterhielt, diverse Geheimdienste für sich einspannte, Firmen in den Bankrott trieb und in illegale Deals aller Art verstrickt war. Mit einigen Überlegungen lag Casolaro durchaus richtig, wie sich später herausstellte.“ [23]

Kurz vor Abschluss seiner Nachforschungen fand Casolaros Leben jedoch ein äußerst mysteriöses Ende: Anfang August 1991 wurde seine Leiche in einem Hotelzimmer in West-Virginia gefunden. Er lag nackt in einer Badewanne, die mit seinem Blut gefüllt war. An seinen Armen fand man tiefe Schnittwunden, die von einer Rasierklinge beigebracht worden waren. Der Vorfall wurde als Selbstmord gewertet. Von Casolaros Oktopus-Unterlagen, die er immer bei sich hatte, fehlte jede Spur. Berichten zufolge war er in dem Hotelzimmer einquartiert gewesen, um einen wichtigen Informanten zu treffen.

Casolaros Leichnam wurde – entgegen geltender Gesetze – einbalsamiert, ehe seine Familie über den angeblichen Selbstmord benachrichtigt wurde, was erst zwei Tage später geschah. Überdies wurde der Hotelraum, den Casolaro bezogen hatte, innerhalb kürzester Zeit professionell gesäubert, womit jede weitere forensische Untersuchung unmöglich gemacht wurde. Der deutsche investigative Journalist Egmont R. Koch, der den Fall PROMIS / Casolaro jahrelang recherchierte, schreibt: „Manches an diesem Tod blieb … äußerst dubios. Er warf mehr Fragen auf, als die Behörden zu beantworten in der Lage und bereit waren. Freunde und Bekannte behaupteten hartnäckig, hier sei ein Mord verübt worden, weil Casolaro seine Nase in Angelegenheiten gesteckt habe, die höchst einflussreiche Mitarbeiter der Regierung des Präsidenten George Bush äußerst einträglich betrieben. Casolaro stand angeblich vor der Aufdeckung des größten Regierungsskandals in der Geschichte der USA, gegen den Watergate oder die Iran-Contra-Affäre geradezu lächerlich wirken würden.“  [24]

Koch berichtet, dass modifizierte PROMIS-Versionen in insgesamt 88 Länder verkauft worden sein sollen. „Es spielte bei den Geschäften offenbar überhaupt keine Rolle, ob es sich um gegnerische Geheimdienste handelte oder die Länder sogar Krieg gegeneinander führten wie der Iran und der Irak. Das hatte seinen geheimen Grund.“ [25]

Der Grund war die in der modifizierten PROMIS-Version enthaltende „Hintertür“, die als eine Art „Trojanisches Pferd“ fungierte. Berichten zufolge soll sie vom Computerprogrammierer Michael Riconosciuto „auf einer Indianerreservation in Kalifornien“ hinzugefügt worden sein. [26]

Dahinter verbarg sich nachfolgendes Kalkül: „Wenn sich in das Programm eine ,Trap Door‘ installieren ließe, eine Art Hintertür oder Falltür, durch die sich jeder unerkannt in die Datenbestände einschleichen konnte, der bis zu dieser Tür zu gelangen und sie per Codewort zu öffnen vermochte, dann wären die gespeicherten ,Geheimnisse‘ des Nutzers offen zugänglich. … Es ist verschiedentlich gerätselt worden, wie diese Trap Door beschaffen ist. Rafi Eitans Mitarbeiter Ari Ben-Menashe berichtet, dass man ein Modem brauche und nur bestimmte Codewörter eintippen müsse, um den gewünschten Zugang zum Computer zu erhalten. Computerexperten zufolge, die Ben-Menashe befragt hat, sei diese Falltür oder Hintertür nicht auffindbar. Die Beschreibung ist jedoch etwas ,mager‘. Sie lässt offen, wie die Manipulation genau beschaffen war. Ein Programm wie PROMIS lässt sich manipulieren, indem es dort geändert wird, wo die Zugangsberechtigung zu diesem speziellen Programm geregelt wird. Will ein Unbefugter das Programm in seinem Sinn missbrauchen, muss er jedoch zunächst einen Zugriff auf den Computer haben. Als Insider hat er es leicht, weil der Computer vor ihm steht und er lediglich das Programm aufrufen müsste. Als fremder Einsteiger von außen muss er jedoch erst den Computer anwählen und ihn dann auch noch ,knacken‘, bevor er das Programm aufrufen und über die gespeicherten Daten verfügen kann.

Es gibt aber noch eine prinzipiell andere Lösung des Problems. PROMIS könnte so manipuliert worden sein, dass dem Programm eine Komponente beigefügt wurde, die auf die Systemsoftware wirkt und diese entscheidend verändert. Die Systemsoftware steuert die inneren Betriebsvorgänge der Anlage vom Mikroprozessor über die Terminals bis zu den Speicherplatten und verwaltet die Zugangsberechtigungen zum gesamten Computer mit seinen Programmen und Datenbeständen – nicht nur zu einem einzigen Programm. Sie vergibt und kontrolliert also auch Zulassungsprivilegien und Passwörter. Ein Eingriff an dieser Stelle ist die bessere Variante: Durch eine Art ,Tür‘ in der Systemsoftware kann dann mit einem Code oder ,Schlüssel‘ der ganze Computer geöffnet und das Programm PROMIS aufgerufen werden. Und in der Tat ließe sich die Manipulation der Systemsoftware via PROMIS so vornehmen, dass die ,Trap Door‘ nicht zu entdecken ist. Nur der vom Menschen in einer Programmiersprache geschriebene Quellcode ist auch für Menschen lesbar. Das Programm wird jedoch üblicherweise nicht im Quellcode ausgeliefert, sondern nur im maschinenlesbaren Objektcode.

Rafi Eitan und den anderen Nutznießern der trojanischen Variante von PROMIS konnte es allerdings ziemlich egal sein, wie die ,Hintertür‘ funktionierte – Hauptsache, die Manipulation war wirksam und blieb unentdeckt.“ [27]

Bekanntlich ist die Suche nach Erdöl und dessen Produktion mit erheblichen Kosten verbunden. Mit der modifizierten „Hintertür“-PROMIS-Software, wenn sie von großen Erdölunternehmen benutzt werden würde, ließen sich auf ziemlich billige Weise riesige und genaue Datenbestände und Kartendokumente über den Erdölbereich aufbauen. Des Weiteren könnte man im Terminwarenhandel theoretisch unbegrenzte Geldsummen generieren, so man die PROMIS-Software geschickt einsetzte. Den Möglichkeiten des Handelns aufgrund von Insider-Informationen waren kaum mehr Grenzen gesetzt.

Fakt ist, dass INSLAW dem US-Justizministerium 1983 den Quellcode von PROMIS lieferte. Eine Quellcode-Kopie wurde daraufhin von Peter Videniaks an Earl Brian weitergegeben, der den einträglichen Verkauf von PROMIS durch seine Firma Hadron organisierte. „Brian hatte sich mit dem Verkauf von PROMIS in einen Komplex aus Spionage und Waffenhandel eingeklinkt, der sich zur größten Geheimdienst-Operation entwickelte, die es je gegeben hat. Er ist dabei wohl in erster Linie als Marketing-Manager zu sehen, der in Staaten wie Australien, Südkorea oder Großbritannien PROMIS-Software an die Geheimdienste brachte.

Während Earl Brian das ,Computerprogramm mit Hintertür‘ vor Ort vermarktete, liefen die Fäden anderswo zusammen: etwa bei CIA-Chef William Casey in seiner Zentrale in Langley nahe Washington. Andere bedienten sich einfach der Software, beispielsweise Iran-Contra-Spezialist Oberstleutnant Oliver North im Nationalen Sicherheitsrat der USA. In Israel wahrte Rafi Eitan die Interessen seines Landes. Er eröffnete für PROMIS einen neuen Vertriebsweg mit Hilfe des Presse-Tycoons Robert Maxwell, der im Geschäft mit Banken und Geheimdiensten Millionen verdiente. Insbesondere über Maxwell führten die PROMIS-Spuren weiter in Richtung Europa und nach Deutschland.

Viele der Beteiligten am PROMIS-Geschäft kannten einander aus Intrigen und dunklen Geschäften um Macht und Geld. Etliche gehörten zur Reagan-Truppe aus dessen Gouverneur-Zeiten in Kalifornien, die dann in der Administration des Präsidenten in Washington neu Fuß fassten. Andere stießen aus dem Bereich der Geheimdienste hinzu. Ein Beispiel für finstere Machenschaften sind die verdeckten Verhandlungen wichtiger ,Wahlkämpfer‘ für Ronald Reagan mit dem Iran. Hinter dem Rücken des seinerzeit amtierenden Präsidenten Jimmy Carter nutzten sie 1980 das Drama um die gefangenen amerikanischen Botschaftsgeiseln in Teheran offensichtlich so perfide, dass Carter die Wahl verlor. Beteiligt an den Verhandlungen waren William Casey, Rafi Eitan, Earl Brian und Ari Ben-Menashe aus dem PROMIS-Umfeld.“ [28]

Im Hintergrund steht hierbei der Vorwurf, dass das Reagan-Team dafür Sorge trug, dass die Geiseln in der Botschaft der USA in Teheran erst nach den US-Präsidentschaftswahlen 1980 freigelassen werden würden. Dafür sollte das neue Regime des Iran dringend benötigte Waffenlieferungen erhalten. Tatsächlich wurden die US-Geiseln in genau den Sekunden freigelassen, als Ronald Reagan seine Amtseinführungsrede am 20. Januar 1981 beendete.

Earl Brians Firma Hadron benannte sich später in Analex um und wurde von QinetiQ aufgekauft, einem Dienstleister im Bereich der Informationssicherheit und elektronischen Kriegsführung. Der größte Aktienbesitzer von QinetiQ wurde wiederum die Carlyle Group, als dort Frank Carlucci den Vorsitz innehatte. Zu der Zeit, als Hadron mit der modifizierten PROMIS-Version einen Verkaufsschlager sondergleichen im Angebot hatte, war Carlucci der Direktor von Wackenhut gewesen, ehe er im November 1987 Verteidigungsminister der USA wurde.  [29] William Casey war wiederum ein Vorstandsmitglied und Rechtsberater von Wackenhut gewesen, ehe er 1981 Reagans CIA-Direktor wurde.

The Last CircleDie Journalistin Cherie Seymour, die die Oktopus-Recherchen von Danny Casolaro über mehr als anderthalb Jahrzehnte untersuchte, berichtet, dass sich ein beträchtlicher Teil von Casolaros Arbeit mit den geheimen Tätigkeiten beschäftigte, die Wackenhut auf dem gleichen Indianerreservat durchführte, auf dem Michael Riconosciuto der PROMIS-Software die gewünschte „Hintertür“ eingebaut haben soll. Riconosciuto, der schon mit Casolaro in regem Kontakt gestanden hatte, teilte Seymour mit, dass es sich dabei um die Cabazon-Reservation in Indio, Kalifornien handelte. Wackenhut führte auf dem Gelände Waffenentwicklungen und -tests durch, von denen möglichst wenige Menschen Notiz nehmen sollten. Casolaro interessierte sich für die Mordfälle von Fred Alvarez, Ralph Boger und Patricia Castro, die im Zusammenhang mit diesen Waffentests standen. Für seine Recherchen plante Casolaro, eine Reise zur Cabazon-Reservation zu machen. Dazu kam es nicht mehr. Seymour zufolge entdeckte Casolaro in der letzten Woche seines Lebens außerdem, dass es eine Verbindung zwischen Mike Abbell, einem ehemaligen Direktor für internationale Angelegenheiten des US-Justizministeriums, dem Cali-Kartell in Kolumbien und dem Geheimdienstmann Robert Booth Nichols gab. Letzterer hatte mit den Wackenhut-Tätigkeiten auf dem Indianerreservat zu tun und zählte zu Casolaros wichtigsten Informanten. Casolaros Freund Bob Bickel bestätigte späterhin, dass ein dahingehendes Gespräch kurz vor Casolaros Tod geführt worden sei; allerdings findet sich davon nichts in den offiziellen Untersuchungsberichten zum Tode von Danny Casolaro. Abbell wurde 1995 wegen Geldwäsche und organisiertem Verbrechen in Verbindung zum Cali-Kartell vor Gericht angeklagt.

William Hamilton für seinen Teil verwickelte das US-Justizministerium in langwierige Prozesse vor Gericht. Es entwickelte sich ein Rechtsstreit, der bis heute nicht beigelegt ist. Sobald Hamilton vor Gericht Recht zugesprochen bekam, ging das Justizministerium sogleich in Berufung. Ein Höhepunkt dieser Auseinandersetzung war ein Report, den der Rechtsausschuss des US-Kongresses 1991 veröffentlichte. Darin wurde Hamilton und seinem Anwalt Elliot Richardson, einem ehemaligen US-Justizminister, bestätigt, dass das US-Justizministerium die PROMIS-Software gestohlen hatte.

Auf Nachfrage teilte mir William Hamilton mit, dass Richardson im Laufe der 1990er Jahren in Erfahrung brachte, dass die VAX 11/780-Version von PROMIS eines Tages auf mysteriöse Weise 1983 in der Weltbank in Washington auftauchte. Richardson forderte daraufhin den General Counsel der Weltbank auf, den Vorgang zu untersuchen. Dieser teilte Richardson schließlich mit, dass er nicht in der Lage gewesen sei, PROMIS-Spuren in der Weltbank zu finden. Später erfuhren Richardson und Hamilton allerdings durch eine eidesstattliche Erklärung von einem gewissen William Turner, dass er Dokumente aus der Weltbank und von BCCI gelagert habe, die aus dem Follow the Money-Projekt der NSA stammten. Er legte Aufzeichnungen über Überweisungen auf Konten in der Schweiz und den Cayman Inseln vor, die zu Leuten gehörten, die angeblich vom illegalen Vertrieb der PROMIS-Software profitierten. Auch behauptete Turner, dass er Kopien davon an Danny Casolaro übergeben habe, und zwar in der Nacht, ehe Casolaro in seinem Hotelzimmer in Martinsburg, West Virginia Anfang August 1991 tot aufgefunden worden war.


Ptech und Unternehmensarchitektur-Software

Derweilen war in den 1990er Jahren ein zunehmendes Interesse an sogenannter Unternehmensarchitektur-Software (Enterprise Architecture Software) erwacht. Unternehmensarchitektur befasst sich mit den Geschäftsprozessen eines Unternehmens / einer Behörde und der Unterstützung dieser Aktivitäten durch Informationstechnologie, um einen ganzheitlichen Blick auf alle Daten von allen Transaktionen, Prozessen und Interaktionen in einem Unternehmen oder einer Behörde in Echtzeit zu ermöglichen. Grundlage hierfür war das von John Zachman entwickelte „Zachman Framework“, das 1994 vom US-Verteidigungsministerium herangezogen wurde, um eine Unternehmensarchitektur mit dem Namen Technical Architecture Framework for Information Management (TAFIM) auszuarbeiten. Im gleichen Jahr wurde in Quincy, Massachusetts die Firma Ptech gegründet, und die Spezialität von Ptech bestand darin, eine besonders fortschrittliche Unternehmensarchitektur-Software anbieten zu können. Bereits zwei Jahre nach Firmengründung arbeitete Ptech mit der Forschungsgruppe des US-Verteidigungsministeriums, der Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA), zusammen. DARPA benutzte hierbei ein Ptech-Programm namens FrameWork, „um kommerzielle Software-Methodologien auf den Verteidigungssektor zu übertragen.“ [30]

DARPA war nur ein Kunde von vielen, die in rasanter Schnelle von Ptech gewonnen wurden. „Innerhalb von vier Jahren hatte Ptech einen Kundenstamm aufgebaut, der jeden Software-Drittanbieter vor Neid erblassen lassen würde”, schreibt der Journalist James Corbett in einer Zusammenfassung des Nexus Ptech – 9/11. „Vom Allerheiligsten des Weißen Hauses bis hin zur Zentrale des FBI, vom Keller der FAA bis zur Vorstandsetage von IBM, einige der am besten geschützten Organisationen der Welt, die auf einigen der am meisten geschützten Servern liefen und die sensibelsten Daten beherbergten, begrüßten Ptech in ihrer Mitte.“  [31]

Eine Veröffentlichung unter der Überschrift “IBM Enterprise Architecture Method enabled through Ptech FrameWork“ stellte die Zusammenarbeit in Sachen Enterprise Architecture (EA) zu dieser Zeit zwischen P-tech und IBM wie folgt dar:

„IBM und Ptech haben sich zusammengetan, um die EA eines Kunden für dessen gesamte Organisation zu dokumentieren und zu kommunizieren. Die IBM Global Services Enterprise Architecture Methode, die durch Ptechs FrameWork ermöglicht wird, wurde entwickelt, um es IBM-Beratern zu ermöglichen, EA-Projektmanagementaufgaben von hoher Qualität in kurzer Zeit und mit breiter organisatorischer Übersicht zu erstellen und abzuliefern. Mit FrameWork sammeln die IBM- und Ptech-Berater zusammen mit dem Kundenteam schnell Daten und entwickeln EA-Projektmanagementaufgaben, die entworfen sind, um umfassend, selbsterklärend und in der Lage zu sein, die komplexen Beziehungen zwischen der IT und den Geschäftszielen sowohl in Text-Anzeigen, als auch im grafischen Format darzustellen.

FrameWork ist eine leistungsfähige und anpassbare Unternehmensmodellierung, die die visuelle und logische Darstellung von Wissen in nahezu jedem gewünschten Präsentationsformat ermöglicht. Es ist ein dynamisch konfigurierbares Tool zum Erstellen von Modellen, zur Auswertung von Abfragen und zum Reporting.“  [32]

Indira Singh gab später die Auskunft, dass sich US-Wettbewerber von Ptech wie Popkins Software argwöhnisch darüber gaben, dass Ptech bevorzugt wurde, wenn es um Vertragsabschlüsse für klassifizierte Aufträge ging. Corbett stellt in seiner Auseinandersetzung mit Ptech fest, dass dem Unternehmen in der Tat binnen kürzester Zeit „die Schlüssel fürs Cyber-Königreich gegeben (wurden), um detaillierte Abbilder von diesen Organisationen aufzubauen, ihren Schwächen und Schwachstellen, und um zu zeigen, wie diese Probleme durch jene mit böser Absicht ausgenutzt werden konnten. Bei all ihrem unglaublichen Erfolg waren allerdings viele der Top-Investoren und -Mitarbeiter der Firma Männer mit Hintergründen, die rote Flaggen auf allen Ebenen der Regierung hätten hochgehen lassen müssen.

Die Firma wurde mit einem Startgeld von $ 20 Millionen gegründet, davon $ 5 Millionen von Yassin al-Qadi, einem wohlhabenden und gut verbundenen saudischen Geschäftsmann, der über seine Bekanntschaft mit Dick Cheney zu prahlen pflegte.  [33] Er hatte ebenso Verbindungen zu verschiedenen muslimischen Wohltätigkeitsorganisationen, die der Finanzierung des internationalen Terrorismus verdächtigt wurden.  [34] In der Folge von 9/11 wurde er offiziell zu einem ,Specially Designated Global Terrorist‘ von der US- Regierung erklärt und sein Vermögen wurde eingefroren.  [35] Zu der Zeit bestritten die Ptech- Eigentümer und das leitende Management, dass al-Qadi irgendeine andere Beteiligung am Unternehmen als seine ursprüngliche Investition habe, aber das FBI sagt jetzt, dass sie logen und das al-Qadi in Wirklichkeit weiterhin Millionen von Dollar in das Unternehmen durch verschiedene Frontorganisationen und Anlageinstrumente investierte.  [36] Unternehmens-Insider sagten FBI-Beamten gegenüber, dass sie nach Saudi-Arabien geflogen wurden, um 1999 Ptechs Investoren zu treffen, und dass al-Qadi als einer der Eigentümer vorgestellt worden war.  [37] Es wurde auch berichtet, dass Hussein Ibrahim, Ptechs Chefwissenschaftler, ein al-Qadi-Vertreter bei Ptech war,  [38] und al-Qadis Anwälte haben eingeräumt, dass al-Qadi-Vertreter selbst nach 9/11 weiterhin im Ptech-Vorstand gesessen haben könnten.  [39]

Ibrahim selbst war ein ehemaliger Präsident von BMI, einer in New Jersey ansässigen Immobilien- Investmentgesellschaft, die auch eine der ersten Investoren in Ptech war und zur Finanzierung von Ptechs Gründungsdarlehen beitrug. Ptech vermietete Büroräume und EDV-Anlagen von BMI [40], und BMI nutzte in New Jersey gemeinsame Büroflächen mit Kadi International, im Besitz von keinem anderen als dem Ptech-Lieblingsinvestor und Specially Designated Global Terrorist betrieben, Yassin al-Qadi.  [41] 2003 sagte Anti-Terror-Zar Richard Clarke: „BMI verkaufte sich öffentlich als Finanzdienstleister für Muslime in den Vereinigten Staaten, ihre Investorenliste legt die Möglichkeit nahe, dass diese Fassade nur ein Cover war, um terroristische Unterstützung zu verbergen.” [42]

Einer der Gründer von Ptech, Solomon Bahairi, hatte BMI ursprünglich zusammengesetzt, so fand Indira Singh während ihrer Recherchen heraus. Über Suheil Laheir, Ptechs Chef-Softwarearchitekten, gäbe es zu sagen, dass er „Artikel zum Lobe des islamischen Heiligen Krieges“ zu schreiben beliebte, „wenn er nicht an der Software schrieb, die Ptech mit detaillierten operativen Plänen der empfindlichsten Stellen in der US-Regierung versorgen sollte. Er zitierte auch gern Abdullah Azzam, Osama bin Ladens Mentor und Kopf von al-Maktab Khidamat, das die Vorstufe zu al-Qaida war.  [43]

Dass solch einer unwahrscheinlichen Ansammlung von Charakteren Zugang zu einigen der sensibelsten Stellen in der US-Bundesregierung gegeben wurde, ist verblüffend genug. Dass sie eine Software betrieben, um jeden Prozess und Betrieb innerhalb dieser Behörden zum Zweck der Suche nach systemischen Schwachstellen zu kartographieren, zu analysieren und zu betreten, ist ebenso verblüffend. Am meisten verstört aber vor allem die Verbindung zwischen Ptech und eben jenen Behörden, die in so bemerkenswerter Manier ihrer Pflicht nicht nachgekommen sind, die amerikanische Öffentlichkeit am 11. September 2001 zu schützen.


Ptech an 9/11: Der Keller der FAA

DatenkontrolleDenn zwei Jahre vor 9/11 arbeitete Ptech daran, mögliche Probleme oder Schwachstellen in den FAA-Reaktionsplänen auf Ereignisse wie eine terroristische Entführung eines Flugzeugs über den Luftraum der USA zu identifizieren. Laut ihrem eigenen Business-Plan für den Vertrag mit der FAA wurde Ptech Zugang zu jedem Prozess und System in der FAA gewährt, “das den Umgang mit ihren Krisenreaktionsprotokollen betraf.“ [44]

Der Businessplan, den Indira Singh der Öffentlichkeit bereitstellte, spricht davon, dass “(d)ie FAA die Notwendigkeit für die Erhöhung ihrer IT-Investitionen mit einem Mittel zur Zentralisierung von Aktivitäten und der Einführung von Konsistenz und Kompatibilität innerhalb der Betriebssystemumgebung (erkannte). Ein Ptech-Beratungsteam wurde organisiert, um eine Aktivitätsmodellierung zu verwenden, um Schlüsselfunktionen zu identifizieren“, die mit „Netzwerkmanagement, Netzwerksicherheit, Konfigurationsmanagement, Fehlermanagement, Performance-Management, Anwendungsadministration und Benutzer-Assistenz-Operationen” der FAA zu tun hatten. [45]

„Kurz, Ptech hatte freie Bahn, jedes FAA-System und jeden Prozess für den Umgang mit der genauen Art von Ereignis, das an 9/11 auftrat, zu untersuchen. Noch unglaublicher, Indira Singh weist darauf hin, dass Ptech speziell die potenziellen Interoperabilitätsprobleme zwischen der FAA, NORAD und dem Pentagon im Fall einer Notfallsituation über dem Luftraum der USA analysierte.“  [46]

In einem Radio-Interview erklärte Indira Singh zum Verhältnis von Ptech zur FAA:

„Sie arbeiteten mit der FAA, es war ein Gemeinschaftsprojekt von Ptech und Mitre, und … es ist interessant, sie suchten im Grunde nach den Löchern in der Interoperabilität der FAA-Reaktion mit anderen Behörden … in Notfällen, wie eine Entführung. Sie schauten sich also die Eskalation der Prozesse an, was die Menschen tun würden, wie sie reagieren würden im Notfall.“ Anschließend sollten sie Empfehlungen abgeben, wie die gefunden Löcher zu beheben seien. „Wenn nun jemand zu verstehen in der Lage war, wo die Löcher waren, war es Ptech, und das ist genau der Punkt. Und wenn jemand in der Lage war, Software zu schreiben, um diese Löcher auszunutzen, wäre es Ptech gewesen.“ Für den Fall, dass bei der FAA etwas schief ginge, so Singh, „und es einen Notfall mit einem bestimmten Flug (gäbe) und das Verteidigungsministerium informiert werden (müsse), ist das eine wirklich große Interoperabilitätssache, ein Signal muss in irgendeiner Weise oder Form gesendet werden, entweder von einem Menschen vermittelt, wie in den meisten Fällen, oder automatisch … auch wenn es von einem Menschen vermittelt wird, muss es auf einem Supercomputer initiiert werden, um eine ganz andere Abfolge von Ereignissen, Interventionen, dem Starten eines Abfangjägers, Meldungen nach oben und unten mit vielen anderen Organisationen wie NORAD, wie andere Radar-Bereichen, wie die örtliche Polizei (beginnen zu lassen). Dafür müssen also Blaupausen entwickelt und vorgezeichnet werden, und das ist der Punkt, an dem Unternehmensarchitektur ins Spiel kommt. Sie brauchen eine Art Blaupause, um all dies zusammen zu halten. Und das ist, worin Ptech so gut war. … Aufgrund des Umfangs der übergreifenden und weitreichenden Projekte, wenn man Unternehmensarchitektur betreibt, hat man in der Regel Zugang zu so ziemlich allem, was in der Organisation getan wird, wo es getan wird, auf welchen Systemen, was die Informationen sind, man hat so ziemlich Carte blanche. …  Mir wurde gesagt, sie hätten Passwörter-Zugang zu vielen Flugkontroll-Computern der FAA gehabt. Mir wurde gesagt, dass sie Passwörter zu vielen Computern hatten, von denen man oberflächlich denken würde, dass sie nichts mit dem Herausfinden von Löchern zu tun hätten, aber … wenn man als Unternehmensarchitekt nichts Gutes im Schilde führte, hätte man mit einem solchen Mandat in der Regel Zugriff auf alles.“ [47]

Im Zusammenhang mit der These von Mike Ruppert, dass im Auftrage von Dick Cheney in den Ablauf zwischen FAA und NORAD eingegriffen worden sein könnte, erinnerte Singh an die „vier Kriegsspiele, vier Simulationen, die am Morgen von 9/11 vor sich gingen“, und sagte, dass Mitre und Ptech höchstwahrscheinlich Simulationen durchgeführt haben müssen, um die Löcher im System zu beheben, die sie vor 9/11 auffanden. „Ich weiß nicht, ob sie das machten, aber so erledigen wir Dinge.“ [48]

In diesem Sinne rekapituliert Corbett: „Ptech hatte vermutlich auch Informationen über die Systeme, die die FAA, NORAD und andere während der Krisenreaktionsübungen wie Vigilant Guardian einsetzten, jener NORAD-Übung, die an 9/11 stattfand und Simulationen von entführten Jets beinhaltete, die in New York hineingeflogen, und entführten Jets, die in Regierungsgebäude flogen. Dies ist bedeutsam, weil es Hinweise darauf gibt, dass eben solche Übungen NORADs Reaktion auf die realen Entführungen verwirrten, die an diesem Tag stattfanden. Wie Forscher Michael Ruppert hinweist, könnte ein schurkischer Agent mit Zugang zu einer Ptech-Hintertür in die FAA-Systeme bewusst gefälschte Signale auf die FAA-Radare an 9/11 eingefügt haben. Dieses Szenario würde die Quelle des Phantom-Flugs 11 erklären, den die FAA an NORAD um 9:24 Uhr berichtete (nachdem Flug 11 bereits das World Trade Center getroffen hatte, ein Bericht, über deren Quelle die 9/11-Kommission behauptete, dass sie nicht in der Lage war, diese zu finden.

Kurzum, Ptechs Software lief auf den kritischen Systemen, die auf die 9/11-Anschläge an 9/11 reagierten. Die Software war für den ausdrücklichen Zweck konzipiert, seinen Nutzern einen kompletten Überblick über alle Daten, die durch eine Organisation fließen, in Echtzeit zu bieten. Der Vater der Enterprise-Architektur selbst, John Zachman, erklärte, dass man mit der Software vom Ptech-Typ, die auf einem sensiblen Server installiert ist, ,wissen würde, wo die Zugangspunkte sind, man würde wissen, wie man hinein kommt, man würde wissen, wo die Schwächen sind, man würde wissen, wie man ihn zerstört.‘

Ende der 1990er Jahre führte Robert Wright, ein FBI-Agent des Chicago Field Office, eine Untersuchung der Terrorismus-Finanzierung, die sich Vulgar Betrayal nannte. Von Anfang an wurde die Untersuchung durch höherrangige Beamte behindert; der Untersuchung waren nicht einmal angemessene Computer für die Erfüllung ihrer Arbeit zugewiesen worden. Durch Wrights Weitsicht und Beharrlichkeit gelang es jedoch, dass die Untersuchung einige Siege verzeichnete, darunter die Beschlagnahmung von $ 1.4 Millionen in US-Geldern, die zu Yassin al-Qadi zurückverfolgt wurden. Wright freute sich, als ihm ein hochrangiger Agent zugewiesen wurde, um ,den Gründer und Finanzier von Ptech‘ zu untersuchen, aber der Agent arbeitete nicht und schob während seiner gesamten Zeit an dem Fall lediglich Papier hin und her.

Kurz nach den Bombenanschlägen von 1998 auf afrikanische Botschaften begann Vulgar Betrayal einige Geldspuren offenzulegen, die al-Qadi mit dem Angriff verbanden. Laut Wright geriet sein Vorgesetzter, als er eine strafrechtliche Untersuchung der Verbindungen vorschlug, in Rage, indem er sagte: ,Sie werden keine strafrechtliche Ermittlungen eröffnen. Ich verbiete es jedem von ihnen. Sie werden keine strafrechtlichen Ermittlungen gegen irgendeinen von diesen Geheimdienst-Subjekten eröffnen.‘ Wright wurde von der Vulgar Betrayal-Untersuchung ein Jahr später abgezogen und die Untersuchung selbst wurde im folgenden Jahr geschlossen.“ [49]

Ein weiteres Jahr darauf, die 9/11-Anschläge waren nunmehr geschehen, saß Indira Singha an der nächsten Generation des Risikomanagements und trat schließlich in Kontakt zu Ptech, um sich von der Firma deren EA-Software demonstrieren zu lassen. „Es dauerte nicht lang, ehe sie die Zusammenhänge zwischen Ptech und internationaler Terrorismusfinanzierung zu entdecken begann. Sie arbeitete erschöpfend daran, diese Verbindungen im Bemühen zu dokumentieren und zu entdecken, um das FBI in Boston davon zu überzeugen, ihre eigene Untersuchung von Ptech zu eröffnen, aber ihr wurde von einem Agenten gesagt, dass sie besser in der Lage wäre, dies zu untersuchen, als irgendjemand innerhalb des FBI. Trotz der anhaltenden Bemühungen von Singh und den Aussagen von Unternehmensinsidern, informierte das FBI keine der Behörde, die Verträge mit Ptech hatten, dass es Bedenken zu dem Unternehmen oder seiner Software gab.“ [50]


„Ist Ptech PROMIS?“

Unterdessen kontaktierte Singh den CBS-Journalisten Joe Bergatino in Boston. Bergatino benachrichtigte das Büro von Senator Charles Grassley. Daraufhin wurde Grassleys Büro ein Secret Service-Agent namens Charlie Bopp zugeteilt, der sich der Ptech-Sache annehmen sollte. Im April 2003 fand ein Treffen im National Threat Assessment Center (NTAC) des Secret Service statt, das Bopp arrangiert hatte. Im Laufe der Besprechung fragte einer der Secret Service-Agenten Singh: „Ist Ptech PROMIS?” [51]

In einer späteren Nacherzählung dieser Unterredung im NTAC bemerkte Singh gegenüber Mike Rupperts Website From The Wilderness: „Ich wusste bereits, was mit Danny Casolaro passiert war, und sie fragten mich, ob ich Kopien von Ptech hätte.“ Singh berichtete, dass der Secret Service über die Software sprechen wollte, nicht über die Leute hinter Ptech. „Indira wollte Namen nennen, aber Charlie ließ sie nicht. ,Wir können die Leute hinter Ptech nicht untersuchen‘, sagte Charlie. ,Vertrauen Sie mir einfach, lassen Sie uns auf die Software konzentrieren.‘ Sie gaben keine Begründungen an, sie sagten nur ,wir können nicht.‘“ [52]

Singh brachte in ihrer Nacherzählung für From The Wilderness zum Ausdruck, dass es Zeitverschwendung sei, wenn man nicht über die Leute hinter Ptech reden könne, „denn mit einer Software wie dieser kann man jetzt keine Hintertüren finden.“ [53]

Womit sie letztendlich meinte, dass keinerlei Spuren darüber hinterlassen worden wären, welche Ptech-Software wofür und von wem an 9/11 genutzt wurde (wenn sie denn genutzt wurde). [54]

Zurück zu James Corbett. Er berichtet, dass in den Räumlichkeiten von Ptech Ende 2002 eine Razzia aufgrund der Verbindungen zu al-Qadi stattfand. Dies geschah im Zuge der Operation Green Quest, die von der Zollverwaltung angeführt wurde und mehrere Bundesbehörden beschäftigte. „Am gleichen Tag der Razzia“, so Corbett weiter, „erklärte der Pressechef des Weißen Hauses, Ari Fleischer, das Unternehmen und seine Software als sicher.  [55] Mainstream-Nachrichtenartikel verteidigten Ptech, nachdem die Geschichte öffentlich wurde, gaben jedoch ungeniert zu, dass das Unternehmen über die Razzia Wochen im Voraus informiert war, in der Hoffnung, dass die Leser vielleicht nicht merkten, dass dies völlig den Zweck einer solchen Razzia sabotiert oder Zweifel an ihren Ergebnissen aufkommen lässt. [56] Schließlich führte Michael Chertoff eine Bemühung an, dem FBI die volle Kontrolle über Green Quest zu geben, was Zollbeamte dazu brachte, ihn der Sabotage der Untersuchung zu bezichtigen.  [57] Es wurden keine Anklagen unmittelbar nach der Durchsuchung von Ptech gegen al-Qadi oder sonst jemand mit Bezug zum Unternehmen erhoben. Chertoff wurde später Leiter der Homeland Security.

Der 9/11-Kommissionsbericht erwähnt Ptech nicht. Angesichts der unglaublichen Informationen über dieses Unternehmen und seine Verbindungen zu Specially Designated Global Terrorist Yassin al-Qadi, ist das vielleicht überraschend. Diese überraschende Auslassung wird jedoch noch ominöser, wenn verstanden wird, dass der Co-Vorsitzende der 9/11-Kommission, Thomas Kean, $ 24 Millionen aus einem Land-Deal schöpfte, an dem die mit al-Qadi verknüpfte Organisation BMI beteiligt war.“ [58]

Im Juli 2009 eröffnete das Boston Field Office des FBI ein strafrechtliches Verfahren gegen zwei ehemalige Führungskräfte von Ptech: zum einen gegen Oussama Ziade, einstmals Ptechs CEO, und zum anderen gegen Buford George Peterson, einstmals Ptechs CFO und COO. Ihnen wurde zur Last gelegt, die Ermittler über den Umfang von al-Qadis Investitionen und Verbindungen zu Ptech angelogen zu haben. Ferner wurde Ziade vorgeworfen, den Versuch unternommen zu haben, Transaktionen durchzuführen, die al-Qadis Vermögen betrafen – eine Straftat, da al-Qadi zu jenem Zeitpunkt ein Specially Designated Global Terrorist war.

Die Vorwürfe gegen Peterson wurden im Mai 2012 fallengelassen. Ziade dagegen hatte sich in den Libanon abgesetzt. Al-Qadi, der nach Angaben von Sibel Edmonds zum Gladio B-Netzwerk gehört, verließ die USA kurz nach den 9/11-Anschlägen, um zuerst nach Albanien und danach in die Türkei zu gehen; heute lebt er unbehelligt in Großbritannien, nachdem er von den Schwarzen Listen der Schweiz, EU und Großbritannien entfernt und eine Zivilklage gegen ihn in den USA im September 2010 eingestellt worden war.

Ptech operiert nach wie vor in den USA, wenngleich seit 2004 unter neuem Namen – GoAgile. Laut dem damaligen CEO Oussama Ziade unterhielt Ptech/GoAgile zu der Zeit weiterhin Geschäftsbeziehungen mit US-Regierungsbehörden, einschließlich dem Weißen Haus.

Laut Informationen, die ich von Mike Ruppert erhielt, ist Indira Singh „vor Jahren tief untergetaucht”.

Lars Schall


 

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Autor: Lars Schall wurde am 31. August 1974 in Herdecke an der Ruhr geboren. Er studierte an den Universitäten Dortmund und Knoxville, Tennessee in den USA unter anderem Journalistik. Er ist freier Finanzjournalist mit den Schwerpunkten Energie, Edelmetalle, Geldsystem und Geopolitik. Er veröffentlicht u. a. auf ASIA TIMES ONLINE. Darüber hinaus arbeitet er als Übersetzer von Finanz- und Wirtschaftstexten.

Bild- und Grafikquellen:

  1. Beitragsbild: Weltkugel auf Tastatur – Thorben-Wengert / pixelio.de
  2. Indira Singh – http://cdn.historycommons.org
  3. Reynolds Weld Letter May 1985 – http://gizadeathstar.com/
  4. Danny Cosalero – http://en.wikipedia.org
  5. The Last Circle by Cherie Seymour – http://www.bibliotecapleyades.net/sociopolitica/last_circle/0.htm
  6. Datenkontrolle – Bernd Kasper / pixelio.de

 

Fußnoten:

  1. Zur PROMIS-Saga siehe insbesondere Cherie Seymour: “The Last Circle: Danny Casolaro’s Investigation into The Octopus and the PROMIS Software Scandal”, Walterville, TrineDay, 2011.
  2. Michael C. Ruppert: “Crossing the Rubicon: The Decline of the American Empire at the End of the Age of Oil”, New Society Publishers, 2004, Seite 153.
  3. Ebd., Seite 154 – 155.
  4. Ebd., Seite 170.
  5. Ebd, Seite 239.
  6. Vgl. Michael Kane: “Simplifying the Case against Dick Cheney”, veröffentlicht auf From the Wilderness am 18. Januar 2005 unter: http://www.fromthewilderness.com/free/ww3/011805_simplify_case.shtml
  7. Siehe “Treasury action smacks of arrogance, violates human rights, says Al-Qadi”, veröffentlicht auf Saudia Online, 14. Oktober 2001, unter: http://www.saudia-online.com/newsoct01/news30.shtml
  8. Vgl. Jamey Hecht: “PTECH, 9/11, and USA-SAUDI TERROR – Part I”, veröffentlicht auf From The Wilderness am 20. Januar 2005 unter: http://www.fromthewilderness.com/free/ww3/012005_ptech_pt1.shtml
  9. Vgl. Kevin Ryan: “Another Nineteen“, Microblum, 2013, Seite 59.
  10. Peter Dale Scott: “The Road to 9/11. Wealth, Empire, and the Future of America“, University of California Press, 2007, Seite 175.
  11. Ebd., Seite 379.
  12. Jamey Hecht: „PTECH, 9/11, and USA-SAUDI TERROR – Part I“, veröffentlicht auf From the Wilderness am 20. Januar 2005 unter: http://www.fromthewilderness.com/free/ww3/012005_ptech_pt1.shtml
  13. Vgl. Michael Kane: “The Journey of a Wall Street Whistleblower”, veröffentlicht auf 911truth.org am 1. März 2005 unter: http://www.911truth.org/article.php?story=20050301231231793
  14. Siehe „Probten US-Regierung und Militär den Ernstfall?“, veröffentlicht auf Hintergrund am 11. Januar 2011 unter: http://www.hintergrund.de/201101111314/hintergrund/11-september-und-die-folgen/probten-us-regierung-und-militaer-den-ernstfall.html
  15. Vgl. “Context of ‘September 10, 2001: Military ‘Infocon’ Alert Level Reduced because of Perceived Lower Threat of Computer Attacks’”, unter: http://www.historycommons.org/context.jsp?item=a091001infoconnormal
  16. Guy Lawson: “Octopus: Sam Israel, The Secret Market, and Wall Street’s Wildest Con”, New York, Crown Publishers, 2012, Seite 144.
  17. Vgl. Vgl. Elliott Richardson: “INSLAW’s ANALYSIS and REBUTTAL of the BUA REPORT: Memorandum in Response to the March 1993 Report of Special Counsel Nicholas J. Bua to the Attorney General of the United States Responding to the Allegations of INSLAW, Inc.”, veröffentlicht hier.
  18. Vgl. Lars Schall: “Follow the Money: The NSA’s real-time electronic surveillance of bank transactions”, 2. Februar 2014, unter: http://www.larsschall.com/2014/02/02/follow-the-money-the-nsas-real-time-electronic-surveillance-of-bank-transactions/
  19. Siehe Norman A. Bailey: “The Strategic Plan that Won the Cold War”, veröffentlicht unter: http://www.iwp.edu/news_publications/book/the-strategic-plan-that-won-the-cold-war
  20. Siehe Tim Shorrock: “Exposing Bush’s historic abuse of power”, veröffentlicht unter: http://www.salon.com/2008/07/23/new_churchcomm/
  21. Egmont R. Koch / Jochen Sperber: „Die Datenmafia – Geheimdienste, Konzerne, Syndikate: Computerspionage und neue Informationskartelle“, Rowohlt, 1995, Seite 66.
  22. Cherie Seymour: “The Last Circle”, a.a.O., Seite 41.
  23. Koch / Sperber: „Die Datenmafia“, a.a.O., Seite 46
  24. Ebd., Seite 45.
  25. Ebd., Seite 74.
  26. Vgl. ebd., Seite 43.
  27. Ebd., Seite 77 – 79.
  28. Ebd., Seite 107 – 108.
  29. Vgl. Kevin Ryan: “Another Nineteen“, a.a.O., Seite 277.
  30. Jamey Hecht: “PTECH, 9/11, and USA-SAUDI TERROR – Part I”, veröffentlicht auf From The Wilderness am 20. Januar 2005 unter: http://www.fromthewilderness.com/free/ww3/012005_ptech_pt1.shtml
  31. James Corbett: 9/11 and Cyberterrorism: Did the real “cyber 9/11″ happen on 9/11?, 17. Juli 2009, unter: http://www.corbettreport.com/articles/20090717_cyber_911.htm
  32. Vgl. hier.
  33. http://www.saudia-online.com/newsoct01/news30.shtml
  34. http://www.historycommons.org/context.jsp?item=a91qlimoney#a91qlimoney
  35. http://ustreas.gov/press/releases/po689.htm
  36. http://boston.fbi.gov/dojpressrel/pressrel09/bs071509.htm
  37. http://www.historycommons.org/context.jsp?item=a99alqadiptech#a99alqadiptech
  38. http://www.historycommons.org/context.jsp?item=a94ptechbmi#a94ptechbmi
  39. http://www.historycommons.org/context.jsp?item=a99alqadiptech#a99alqadiptech
  40. http://www.boston.com/news/daily/03/ptech.htm
  41. http://www.investigativeproject.org/documents/case_docs/81.pdf
  42. http://www.investigativeproject.org/documents/testimony/77.pdf
  43. http://www.frontpagemag.com/readArticle.aspx?ARTID=8245
  44. Vgl. James Corbett: “9/11 and Cyberterrorism”, a.a.O.
  45. Vgl. Michael Kane: “PTECH, 9/11, and USA-SAUDI TERROR PART II”, veröffentlicht unter: http://www.fromthewilderness.com/free/ww3/012705_ptech_pt2.shtml
  46. James Corbett: “9/11 and Cyberterrorism”, a.a.O.
  47. Vgl. Bonnie Faulkner: “Indira Singh , PTech and the 911 software”, Teil 2, auf Archive.org unter: https://archive.org/details/GunsNButterIndiraSinghPtechAndThe911SoftwarePt1Pt2
  48. Vgl. ebd.
  49. James Corbett: “9/11 and Cyberterrorism”, a.a.O.
  50. Ebd.
  51. Vgl. Michael Kane: “PTECH, 9/11, and USA-SAUDI TERROR PART II“, a.a.O.
  52. Ebd.
  53. Ebd.
  54. Vgl. ebd.
  55. http://www.forbes.com/2002/12/06/cx_ah_1206raid.html
  56. http://www.boston.com/news/daily/03/ptech.htm
  57. http://www.newsweek.com/id/58250/output/print
  58. http://www.insider-magazine.com/911Kean.pdf

John McCain, der Dirigent des “arabischen Frühlings” und der Kalif

von Thierry Meyssan

Jeder hat den Widerspruch derjenigen bemerkt, die vor kurzem das islamische Emirat als “Freiheitskämpfer” in Syrien bezeichneten und sich jetzt über ihre Menschenrechtsverletzungen im Irak empören. Aber wenn diese Rede auch in sich inkonsistent ist, ist sie absolut logisch mit dem strategischen Plan: die gleichen Individuen sollten gestern als Verbündete und heute als Feinde dargestellt werden, auch wenn sie immer noch Washington unterstehen. Thierry Meyssan blättert die Unterseite der Karten der US-Politik mit dem besonderen Fall des Senators John McCain auf, dem Dirigenten des “Arabischen Frühlings” und langjährigen Gesprächspartner des Kalifen Ibrahim.

Sind Barack Obama und John McCain politische Gegner, wie sie behaupten, oder arbeiten sie gemeinsam an der imperialistischen Strategie ihres Landes?

Sind Barack Obama und John McCain politische Gegner, wie sie behaupten, oder arbeiten sie gemeinsam an der imperialistischen Strategie ihres Landes?

John McCain ist bekannt als der Führer der Republikaner, unglücklicher Kandidat für die US-Präsidentschaft im Jahr 2008. Das ist, wir werden es sehen, nur der Teil seiner tatsächlichen Biographie, die als Tarnung für die Durchführung von verdeckten Aktionen im Auftrag seiner Regierung dient.

Als ich während des Angriffs des „Westens“ in Libyen war, konnte ich einen Bericht der ausländischen Geheimdienste einsehen. Man konnte darin lesen, dass die NATO am 4. Februar 2011 in Kairo ein Treffen organisiert hatte, um den “Arabischen Frühling” in Libyen und Syrien zu starten. Laut diesem Dokument wurde es von John McCain geleitet. Der Bericht detaillierte die Teilnehmerliste der Libyer, deren Delegation von der Nummer 2 der damaligen Regierung, Mahmoud Jibril, geführt wurde, der plötzlich am Anfang dieses Treffens seine Stellung geändert hatte, um der Führer der Opposition im Exil zu werden. Ich erinnere mich, dass der Bericht unter den französischen Delegierten Bernard-Henry Lévy erwähnte, obwohl er nie eine offizielle Funktion innerhalb der französischen Regierung innehatte. Viele andere Persönlichkeiten nahmen an diesem Symposium teil, einschließlich einer großen Delegation von Syrern, die im Ausland lebten.

Am Ende dieses Treffens rief das geheimnisvolle Facebook-Konto Syrian Revolution 2011 zum Protest vor dem Volksrat (Nationalversammlung) in Damaskus, am 11. Februar auf. Obwohl dieses Konto behauptete, damals mehr als 40.000 followers zu haben, reagierte nur ein Dutzend Leute auf seinen Aufruf, und zwar vor den Blitzen der Fotografen und Hunderten Polizisten. Die Demonstration löste sich friedlich auf und die Auseinandersetzungen begannen nur, mehr als einen Monat später, in Deraa  [1].

Am 16. Februar 2011, in Erinnerung an Mitglieder der islamischen Gruppe der Kämpfer in Libyen  [2], die im Jahr 1996 im Gefängnis von Abu Selim massakriert worden waren, fand eine Demo in Bengasi statt und degenerierte in Schießereien. Am nächsten Tag, entwickelte sich eine zweite Demonstration, diesmal in Erinnerung an die Verstorbenen beim Angriff auf das dänische Konsulat, anlässlich der Mohammed-Karikaturen, und artete auch zu einer Schießerei aus. Zur gleichen Zeit griffen aus Ägypten kommende und von nicht-identifizierten, mit Kapuzen getarnten Personen geleitete Mitglieder der islamischen Gruppe der Kämpfer in Libyen gleichzeitig vier Basen in vier verschiedenen Städten an. Nach dem dreitagelangen Kampf und den Gräueltaten starteten die Randalierer den Aufstand von Kyrenaika gegen Tripolitanien [3]; einen Terroranschlag, den die westliche Presse fälschlicherweise als eine “demokratische Revolution” gegen “das System” von Muammar al-Gaddafi darstellte.

Am 22. Februar war John McCain im Libanon. Er traf dort Mitglieder der Zukunftsströmung (Courant du Futur, die Partei von Saad Hariri), die er beauftragte, die Waffenübergabe nach Syrien um den Parlamentarier Okab Sakr herum, zu überwachen [4]. Dann, nachdem er Beirut verlassen hatte, inspizierte er die syrische Grenze und wählte Dörfer aus, besonders Ersal, das den Söldnern für den bevorstehenden Krieg als eine hintere Basis dienen sollte.

Die Vereinbarungen unter dem Vorsitz von John McCain fanden eindeutig zu dem Zeitpunkt des Auftaktes eines lange vorher von Washington beschlossenen Plans statt; eines Plans, der den gleichzeitigen Angriff auf Libyen und Syrien durch das Vereinigte Königreich und Frankreich, in Übereinstimmung mit der Doktrin der “Führung von hinten” und im Anhang zum Vertrag vom Lancaster Haus vom November 2010 vorsah [5].

Die illegale Reise nach Syrien, von Mai 2013

Im Mai 2013 ging Senator John McCain illegal in die Nähe von Idlib in Syrien, über die Türkei, um sich mit Führern der “bewaffneten Opposition” zu treffen. Seine Reise wurde erst nach seiner Rückkehr in Washington bekannt [6].

Diese Reise wurde von der Syrian Emergency Task Force organisiert, die, im Gegensatz zu ihrem Titel, eine zionistische Organisation unter der Leitung von einem palästinensischen Mitarbeiter der AIPAC ist [7].

John McCain in Syrien. Im Vordergrund auf der rechten Seite erkennt man den Direktor der Syrian Emergency Task Force. In der Tür, in der Mitte, Mohammad Nur.

John McCain in Syrien. Im Vordergrund auf der rechten Seite erkennt man den Direktor der Syrian Emergency Task Force. In der Tür, in der Mitte, Mohammad Nur.

Auf den damals veröffentlichen Fotografien, stellte man die Gegenwart von Mohammad Nur fest, Sprecher der Sturm-Brigade vom Norden (von der Al-Nusra-Front, d. h. Al Kaida in Syrien), die 11 libanesische schiitische Pilger entführt hatten und in Azaz festhielten [8]. Über seine Nähe zu Mitgliedern von Al-Kaida-Geiselnehmern befragt, beteuerte der Senator, Mohammad Nur nicht zu kennen, der sich auf eigene Initiative zu diesem Foto eingeladen habe.

Der Fall machte großen Lärm, und die Familien der entführten Pilger reichten eine Beschwerde beim libanesischen Gerichtshof gegen Senator McCain wegen Mittäterschaft bei der Entführung ein. Am Ende konnte eine Vereinbarung gefunden werden, und die Pilger wurden freigelassen.

Nehmen wir an, dass Senator McCain die Wahrheit gesagt habe und dass er durch Mohammad Nur missbraucht worden wäre. Der Zweck seiner illegalen Reise nach Syrien war, den Generalstab der syrischen freien Armee zu treffen. Ihm zufolge hätte diese Organisation “ausschließlich aus Syrern” bestanden, die für die “Freiheit”, gegen die “Alawiten Diktatur“ (sic) kämpften. Die Organisatoren der Reise veröffentlichten dieses Foto, um das Treffen zu attestieren.

John McCain und der Generalstab der syrischen freien Armee. Im Vordergrund Links, Ibrahim al-Badri, mit dem der Senator diskutiert. Kurz dahinter, Brigadegeneral Salim Idriss (mit Brille).

John McCain und der Generalstab der syrischen freien Armee. Im Vordergrund Links, Ibrahim al-Badri, mit dem der Senator diskutiert. Kurz dahinter, Brigadegeneral Salim Idriss (mit Brille).

Wenn man da Brigadegeneral Salem Ibrahim, Leiter der freien Syrische Armee, sehen kann, kann man auch Ibrahim al-Badri (im Vordergrund Links) sehen, mit dem der Senator diskutiert. Nach der Rückkehr von dieser überraschenden Reise behauptete John McCain, dass alle verantwortlichen Militärs von der freien syrische Armee “Gemäßigte wären, denen wir vertrauen können” (SIC!).

Ibrahim al-Badri, alias Abu Du’a

Nun, seit dem 4. Oktober 2011 stand Ibrahim al-Badri, alias Abu Du’a auf der Liste der fünf meistgesuchten Terroristen von den Vereinigten Staaten (Rewards for Justice). Eine Prämie bis zu $ 10 Millionen wurde angeboten, wer bei seiner Festnahme helfen würde [9]. Am nächsten Tag, den 5. Oktober 2011, wurde Ibrahim al-Badri auf die Liste des Sanktions- Ausschusses der Vereinten Nationen als Mitglied von Al-Kaida gesetzt [10].

Darüber hinaus, ein Monat vor dem Empfang von Senator McCain erstellte Ibrahim al-Badri, unter dem Kriegsnamen Abu Bakr Al-Baghdadi, den islamischen Staat im Irak und in der Levante (EIIL) – obwohl er noch immer dem Personal der sehr ’moderaten’ Freien Syrischen Armee angehörte -. Er beanspruchte den Angriff auf die Gefängnisse von Tadsch und Abu Ghraib im Irak, von denen er zwischen 500 und 1.000 Dschihadisten befreite, die sich dann seiner Organisation anschlossen. Dieser Angriff war mit anderen fast gleichzeitigen Operationen in weiteren acht Ländern koordiniert. Jedes Mal traten die ausgebrochenen Dschihadisten den kämpfenden Organisationen in Syrien bei. Dieser Fall war so seltsam, dass Interpol eine Notiz erließ und die Unterstützung der 190 Mitgliedsländer forderte [11].

Ich, meinerseits, habe immer gesagt, dass es auf dem Terrain keinen Unterschied gab zwischen der syrischen freien Armee, der Al-Nusra Front, dem islamischen Emirat usw…. Alle diese Organisationen bestehen aus den gleichen Personen, die dauernd ihre Fahne wechseln. Wenn sie sich zur freien syrischen Armee bekennen, tragen sie die Flagge der französischen Kolonialisierung und sprechen nur vom Sturz des „Hundes Baschar“. Wenn sie behaupten, der Al-Nusra Front anzugehören, tragen sie die Fahne von Al-Kaida und sagen, den Islam in die ganze Welt bringen zu wollen. Schließlich, wenn sie sich auf das islamische Emirat berufen, schwenken sie jetzt die Fahne des Kalifats und verkünden, dass sie die Gegend von allen Ungläubigen reinigen werden. Aber was auch immer ihr Label, sie verüben die gleichen Misshandlungen: Vergewaltigung, Folter, Enthauptungen und Kreuzigungen.

Jedoch haben weder Senator McCain noch seine Begleiter von der Syrian Emergency Task Force dem Außenministerium die in ihrem Besitz befindlichen Angaben über Ibrahim al-Badri gegeben und um diesen Preis gebeten. Sie haben auch nicht den Anti-Terror-Ausschuss der Vereinten Nationen informiert.

In keinem Land der Welt, unabhängig von seinem politischen Regime, könnte man akzeptieren, dass der Oppositionsführer in direktem, öffentlichen und freundlichen Kontakt mit einem sehr gefährlichen, gesuchten Terroristen sei.

Wer ist also Senator McCain?

John McCain ist nicht nur der Führer der politischen Opposition zu Präsident Obama, er ist auch einer seiner hohen Beamten!

Er ist nâmlich seit Januar 1993 Präsident von dem Internationalen Republikanischen Institut (IRI), dem republikanischen Zweig der NED/CIA „NED, das legale Schaufenster der CIA“, von Thierry Meyssan, Übersetzung Horst Frohlich, Оdnako (Russland), Voltaire Netzwerk, 11. Oktober 2013.. Diese so genannte ’NRO’ entstand offiziell durch Präsident Ronald Reagan, um bestimmte Aktivitäten der CIA in Verbindung mit den britischen, kanadischen und australischen Geheimdiensten zu erweitern. Entgegen seinen Behauptungen ist es eine zwischenstaatliche Agentur. Ihr Budget ist ein vom Secretary Of State abhängiger und vom Kongress gewählter Haushaltsposten.

Und weil es eine gemeinsame Einrichtung der angelsächsischen Geheimdienste ist, untersagen ihr viele Staaten der Welt jegliche Tätigkeit auf ihrem Hoheitsgebiet.

Da die beiden Mitarbeiter von dem Republican Institute IRI (International) in Kairo beschuldigt wurden, den Sturz des Präsidenten Hosni Mubarak im Namen der Muslimbruderschaft vorbereitet zu haben, nahmen John Tomlaszewski (zweiter von rechts) und Sam LaHood (Sohn von dem amerikano-libanesischen Verkehrsminister einer demokratischen Regierung, Ray LaHood) (zweiter von links) Zuflucht auf der Botschaft der Vereinigten Staaten. Hier sind sie zusammen mit den Senatoren John McCain und Lindsey Graham in der vorbereitenden Sitzung des "arabischen Frühlings" von Libyen und Syrien. Sie werden vom Bruder Mohamed Mursi befreit werden, als er Präsident wurde.

Da die beiden Mitarbeiter von dem Republican Institute IRI (International) in Kairo beschuldigt wurden, den Sturz des Präsidenten Hosni Mubarak im Namen der Muslimbruderschaft vorbereitet zu haben, nahmen John Tomlaszewski (zweiter von rechts) und Sam LaHood (Sohn von dem amerikano-libanesischen Verkehrsminister einer demokratischen Regierung, Ray LaHood) (zweiter von links) Zuflucht auf der Botschaft der Vereinigten Staaten. Hier sind sie zusammen mit den Senatoren John McCain und Lindsey Graham in der vorbereitenden Sitzung des “arabischen Frühlings” von Libyen und Syrien. Sie werden vom Bruder Mohamed Mursi befreit werden, als er Präsident wurde.

Die Liste von John McCains Interventionen im Auftrag des Außenministeriums ist beeindruckend. Er war an allen Farben-Revolutionen der zwanzig letzten Jahre beteiligt.

Um nur einige Beispiele zu zitieren, immer im Namen der Demokratie, bereitete er den gescheiterten Putsch gegen den konstitutionellen Präsidenten Hugo Chávez in Venezuela  [12] vor, den Sturz des verfassungsmäßigen Präsidenten Jean-Bertrand Aristide in Haiti [13], den Versuch, den verfassungsmäßigen Präsidenten Mwai Kibaki in Kenia zu stürzen [14], und vor kurzem, den des verfassungsmäßigen Präsidenten der Ukraine, Viktor Janukowitsch.

In jedem Staat der Welt kann ein Bürger, wenn er eine Initiative gegen das Regime eines anderen Staates unternimmt, gelobt werden, wenn er erfolgreich ist, und das neue Regime sich als Verbündeter erweist, aber er wird heftig verurteilt werden, wenn seine Initiativen schädliche Folgen für sein eigenes Land haben. Jedoch Senator McCain wurde noch nie für seine antidemokratischen Aktionen in den Staaten gerügt, wo er versagt hatte und die sich gegen Washington wendeten. In Venezuela zum Beispiel. Das kommt daher, weil John McCain für die Vereinigten Staaten kein Verräter, sondern ein Agent ist.

Und ein Agent, der die beste denkbare Abdeckung besitzt: Er ist der offizielle Gegner von Barack Obama. Er kann als solcher überall in der Welt reisen (er ist der US-Senator, der am meisten reist) und kann treffen, wen er will, ohne Angst. Wenn seine Gesprächspartner Washingtons Politik genehmigen, verspricht er ihnen sie weiterzuführen, und wenn sie sie bekämpfen, wälzt er die Verantwortung auf Präsident Obama ab.

John McCain ist bekannt für seine Gefangenschaft im Vietnam-Krieg, während 5 Jahren und dort gefoltert worden zu sein. Er war Opfer eines Programms, nicht um Informationen freizugeben, sondern um eine Rede zu vermitteln. Es ging darum, seine Persönlichkeit zu ändern, um gegen sein eigenes Land auszusagen. Dieses, aus dem koreanischen Beispiel für die Rand Corporation von Professor Albert D. Biderman ausgearbeitete Programm diente Dr. Martin Seligman als Grundlagenforschung in Guantanamo und anderswo [15]. Das unter George W. Bush auf mehr als 80.000 Gefangene angewendete Programm erlaubte, einige von ihnen in echte Kämpfer im Dienste von Washington zu verwandeln. John McCain, der in Vietnam zusammengebrochen war, versteht es daher sehr gut. Er weiß, wie man Dschihadisten ohne Skrupel manipuliert.

Was ist die amerikanische Strategie mit den Dschihadisten in der Levante?

1990 haben die Vereinigten Staaten beschlossen, ihre ehemaligen irakischen Verbündeten zu vernichten. Nachdem sie Präsident Saddam Hussein glauben ließen, dass sie den Angriff auf Kuwait als eine innere irakische Angelegenheit betrachten würden, haben sie diesen Angriff zum Vorwand genommen, um eine breite Koalition gegen den Irak zu mobilisieren. Jedoch wegen der Opposition der UdSSR haben sie das Regime nicht gestürzt, sondern begnügten sich, die Flugverbotszone zu verwalten.

Im Jahr 2003 war die Opposition Frankreichs nicht genügend stark, um den Einfluss des Komitees für die „Befreiung“ des Irak auszugleichen. Die Vereinigten Staaten griffen das Land erneut an und stürzten dieses Mal Präsident Hussein. John McCain war natürlich einer der wichtigsten Leiter dieses Ausschusses. Nachdem sie ein Jahr lang einem privaten Unternehmen das Land zum Plündern anvertraut hatten [16], versuchten sie, das Land in drei getrennte Staaten aufzuteilen, aber mussten wegen dem Widerstand der Bevölkerung darauf verzichten. Sie versuchten es wieder im Jahr 2007 mit der Biden-Brownback Resolution, aber auch da versagten sie [17]. Daher die aktuelle Strategie, die versucht, es mittels eines nichtstaatlichen Akteurs zu erreichen: mit dem islamischen Emirat.

In diesem im September 2013 veröffentlichten Dokument, informiert der Botschafter von Katar in Tripolis sein Ministerium, dass eine Gruppe von 1800 Afrikanern in Libyen zum Dschihad ausgebildet wurde. Er schlägt vor, sie in drei Gruppen in die Türkei zu liefern, damit sie dem islamischen Emirat in Syrien beitreten.

In diesem im September 2013 veröffentlichten Dokument, informiert der Botschafter von Katar in Tripolis sein Ministerium, dass eine Gruppe von 1800 Afrikanern in Libyen zum Dschihad ausgebildet wurde. Er schlägt vor, sie in drei Gruppen in die Türkei zu liefern, damit sie dem islamischen Emirat in Syrien beitreten.

Die Operation wurde lange Zeit vorher vorbereitet, sogar noch vor dem Treffen von John McCain mit Ibrahim al-Badri. So zeigt die interne Korrespondenz des katarischen Außenministeriums, die von meinen Freunden, James und Joanne Moriarty veröffentlicht wurde, [18], dass 5000 Dschihadisten auf Kosten des Katars, in Libyen von der NATO im Jahr 2012 ausgebildet wurden und dass $ 2,5 Millionen vom zukünftigen Kalifen zur gleichen Zeit bezahlt wurden.

Im Januar 2014 hat der Kongress der Vereinigten Staaten ein geheimes Treffen abgehalten, in dem er, unter Verletzung des Völkerrechts, die Finanzierung bis September 2014 der Al-Nusra Front (Al-Kaida) und des islamischen Emirats im Irak und in der Levante akzeptiert hat [19]. Obwohl unklar ist, was sich wirklich in diesem, von der britischen Agentur Reuters aufgedeckten  [20] Treffen gesagt hat, und wofür kein amerikanisches Medium gewagt hat, die Zensur zu riskieren, ist es sehr wahrscheinlich, dass das Gesetz eine Komponente über die Bewaffnung und Ausbildung der Dschihadisten enthält.

Stolz auf diese amerikanische Finanzierung, hat Saudi-Arabien auf seinem öffentlichen Fernsehen, dem Al-Arabiya Kanal behauptet, dass das islamische Emirat unter der Autorität des Prinzen Abdul Rahman al-Faisal, dem Bruder von Prinz Saud al-Faisal (Minister für auswärtige Angelegenheiten) und Prinz Turki al-Faisal (Botschafter von Saudi-Arabien in den Vereinigten Staaten und im Vereinigten Königreich) stehe [21].

Das islamische Emirat ist ein neuer Schritt des Söldnertums. Im Gegensatz zu den Dschihadisten, die in Afghanistan, Bosnien und Tschetschenien um Osama Ben Laden herum kämpften, bildet es keine Aushilfskraft, sondern vielmehr eine Armee in sich selbst. Im Gegensatz zu den vorhergegangenen Gruppen im Irak, Libyen und Syrien, um Prinz Bandar Ben Sultan herum, verfügt es über anspruchsvolle, integrierte Kommunikationsmittel, die aufrufen um ihm zu folgen, und über leitende zivile, in großen westlichen Schulen ausgebildete Verwalter, die sofort die Verwaltung eines Territoriums übernehmen können.

Funkelnagelneue ukrainische Waffen wurden von Saudi-Arabien gekauft und vom türkischen Geheimdienst vermittelt, der sie dem islamischen Emirat übergeben hat. Die letzten Details wurden mit der Barzani Familie anlässlich eines Treffens der Dschihad-Gruppen, in Aman, am 1. Juni 2014 koordiniert [22]. Der gemeinsame Angriff des Irak durch das islamische Emirat und der regionalen Regierung von Kurdistan begann vier Tage später. Das islamische Emirat besetzte den sunnitischen Teil des Landes, während die kurdische Regionalregierung ihr Hoheitsgebiet um mehr als 40 % vergrößerte. Die religiösen Minderheiten flohen aus dem sunnitischen Bereich vor den Gräueltaten der Dschihadisten, und ebneten somit den Weg für die Partition des Landes in drei.

Unter Verletzung des Verteidigungsvertrags zwischen Irak und den USA hat das Pentagon nicht eingegriffen und ließ das islamische Emirat die Eroberung und die Massaker weiterführen. Ein Monat später, als die Peschmergas der kurdischen Regionalregierung ohne Schlacht zu liefern sich zurückzogen, und als die Emotion die Weltöffentlichkeit zu stark wurde, gab Präsident Obama den Befehl, Positionen des islamischen Emirats zu bombardieren. Jedoch laut General William Mayville, Operationsdirektor am Generalstab: „diese Bombardierungen werden kaum Auswirkungen auf die Gesamtkapazität des islamischen Emirats oder ihre Aktivitäten in anderen Teilen des Iraks oder Syrien haben“ [23]. Natürlich waren sie nicht dafür gedacht, die Dschihad-Armee zu zerstören, sondern nur um sicherzustellen, dass jeder Akteur nicht über sein Gebiet, das ihm zugewiesen wurde, hinausgeht. Übrigens sind sie derzeit rein symbolisch und haben nur eine Handvoll Fahrzeuge zerstört. Es ist letztlich die Intervention der Kurden der türkischen und syrischen PKK, die den Fortschritt des islamischen Emirats angehalten hat und einen Korridor für Zivilisten eröffnet hat, um dem Massaker entkommen zu können.

Ibrahim al-Badri, alias Abu Du’a, alias Abu Bakr Al-Baghdadi, alias Kalif Ibrahim, Söldner des Prinzen Abdul Rahman al-Faisal von Saudi Arabien, den das Katar und die Vereinigten Staaten finanzieren. Er kann alle Schrecken begehen, die die Genfer Konvention den Staaten verbietet.

Ibrahim al-Badri, alias Abu Du’a, alias Abu Bakr Al-Baghdadi, alias Kalif Ibrahim, Söldner des Prinzen Abdul Rahman al-Faisal von Saudi Arabien, den das Katar und die Vereinigten Staaten finanzieren. Er kann alle Schrecken begehen, die die Genfer Konvention den Staaten verbietet.

Viele Falschmeldungen sind über das islamische Emirat und den Kalifen im Umlauf. Die Gulf Daily News Zeitung behauptete, Edward Snowden hätte Enthüllungen über sie gemacht [24]. Nun, nach Überprüfung, hat der ehemalige amerikanische Spion nichts zu diesem Thema veröffentlicht. Gulf Daily News erscheint in Bahrain, in einem von saudischen Truppen besetzten Staat. Der Artikel soll nur Saudi-Arabien und Prinz Abdul Rahman al-Faisal von ihren Verantwortungen reinwaschen.

Das islamische Emirat ist vergleichbar mit den Söldner-Armeen des 16. europäischen Jahrhunderts. Sie führten Religionskriege im Namen der Fürsten, die sie manchmal in einem Lager, manchmal in einem anderen bezahlten. Der Kalif Ibrahim ist ein moderner Condottiere. Obwohl er im Auftrag von Prinz Abdul Rahman (Mitglied des Clans der Sudeiris) steht, wäre es nicht überraschend, wenn er sein Epos in Saudi Arabien (nach einem kurzen Abstecher in den Libanon oder gar nach Kuwait) fortsetzte und damit die königliche Erbfolge zugunsten des Clans der Sudeiris gegen Prinz Mithab (Sohn und nicht Bruder von König Abdallah) entscheide.

John McCain und der Kalif

In der letzten Ausgabe seines Magazins widmete es dem islamischen Emirat zwei Seiten, um Senator John McCain als “Feind” und “Kreuzritter” zu verurteilen, indem es an seine Unterstützung der US-Invasion des Irak erinnerte. Aus Furcht, dass dieser Vorwurf in den Vereinigten Staaten unbekannt bleibe, hat der Senator sofort eine Erklärung herausgegeben, in der er das Emirat als die “gefährlichste islamistische Terrororganisation der Welt“ bezeichnete. [25]

Diese Kontroverse ist nur dazu da, um die Galerie zu amüsieren. Wir würden gerne daran glauben, wenn es nicht dieses Foto vom Mai 2013 gäbe.

Thierry Meyssan

Autor: Thierry Meyssan – Französischer Intellektueller, Präsident und Gründer des Réseau Voltaire und der Konferenz Axis for Peace. Er veröffentlicht Analysen über ausländische Politik in der arabischen, latein-amerikanischen und russischen Presse.

Text- und Grafikquellen:

„John McCain, der Dirigent des “arabischen Frühlings” und der Kalif“, von Thierry Meyssan, Übersetzung Horst Frohlich, Voltaire Netzwerk, 18. August 2014, www.voltairenet.org.

Fußnoten:

  1. Wir haben die Presseberichte weitergeleitet, die versichern, dass die Manifestation von Deraa ein Protest nach der Verhaftung und Folter von Studenten war, welche der Republik feindliche Parolen markiert hätten. Zwar haben viele Kollegen versucht, die Identität dieser Schüler und ihrer Familien zu enthüllen, keine aber war es gelungen; die einzigen Zeugen die gesprochen haben, haben sich vor der britischen Presse ausgedrückt, aber anonym, daher nicht überprüfbar. Heute sind wir davon überzeugt, dass dieses Ereignis nie existierte. Die Studie der syrischen Dokumente der Zeit zeigt, dass die Veranstaltung in Wirklichkeit auf eine Gehaltserhöhung der Beamten und Rentner abzielte. Sie wurde von der Regierung zur Zufriedenheit geregelt. Zu diesem Zeitpunkt sprach keine Zeitung von diesen Studenten, diese Geschichte wurde erst zwei Wochen später von Al-Dschasira erfunden.
  2. Die Mitglieder der islamischen Gruppe der Kämpfer in Libyen, d.h. von Al-Kaida in Libyen, hatten versucht, Muammar el-Gaddafi im Auftrag des britischen MI6 zu ermorden. Der Fall wurde von einem Offizier der britischen Spionageabwehr, David Shyler aufgedeckt. Siehe « David Shayler : “J’ai quitté les services secrets britanniques lorsque le MI6 a décidé de financer des associés d’Oussama Ben Laden” », Réseau Voltaire, 18 novembre 2005. [Ich habe den britischen Geheimdienst verlassen, als der MI6 beschloss die Verbündeten von Osama Ben Laden zu finanzieren] (Auch auf Englisch).
  3. Bericht von der Erkundungsmission über die aktuelle Krise in Libyen, Juni 2011.
  4. Ein libanesischer Abgeordneter leitet Waffenhandel nach Syrien“, Voltaire Netzwerk, 7. Dezember 2012.
  5. Siehe dazu in meiner Serie von sechs Programmen 10 ans de Résistance, über den Krieg der USA gegen Syrien.
  6. John McCain tritt illegal in Syrien ein“, Voltaire Netzwerk, 30. Mai 2013.
  7. « La Syrian Emergency Task Force, faux-nez sioniste », Réseau Voltaire, 7 juin 2013. [Die Syrian Emergency Task Force, eine zionistische Pappnase].
  8. John McCain traf in Syrien Entführer“, Voltaire Netzwerk, 1. Juni 2013.
  9. Wanted for Terrorism”, Rewards for Justice Program, Department of State.
  10. Der durch die Resolution 1267 (1999) am 15. Oktober 1999 geschaffene Ausschuss des Sicherheitsrates, ist auch als der “Sanktions-Ausschuss gegen Al-Kaida” bekannt. Fiche d’inscription d’Ibrahim al-Badri (Diesmal mit dem Kriegsnamen al-Samarrai).
  11. Gleichzeitige Ausbrüche von Dschihadisten in 9 Ländern“, Voltaire Netzwerk, 7. August 2013.
  12. « Opération manquée au Venezuela », par Thierry Meyssan, Réseau Voltaire, 18 mai 2002.
  13. « La CIA déstabilise Haïti », « Coup d’État en Haïti », par Thierry Meyssan, Réseau Voltaire, 14 janvier et 1er mars 2004.
  14. Die afrikanische politische Erfahrung von Barack Obama“, von Thierry Meyssan, Übersetzung Horst Frohlich, Voltaire Netzwerk, 13. März 2013.
  15. Das Geheimnis von Guantánamo“, von Thierry Meyssan, Übersetzung Horst Frohlich, Оdnako (Russland), Voltaire Netzwerk, 17. Oktober 2013.
  16. « Qui gouverne l’Irak ? », [Wer regiert den Irak ?] par Thierry Meyssan, Réseau Voltaire, 13 mai 2004. (Auch auf Englisch).
  17. « La balkanisation de l’Irak », par Manlio Dinucci, Traduction Marie-Ange Patrizio, Il Manifesto (Italie), Réseau Voltaire, 17 juin 2014. [Die EIIL (ISIS) hat die Vereinigten Staaten im Irak nicht überrascht, weil einfach die historischen Kommandanten formell Verbündete der NATO in Libyen waren. Trotz dem rhetorischen Getue in Washington ist die Offensive des islamischen Staates im Irak und in der Levante konform mit der Strategie der Zerstörung des Irak, vom Senat im Jahr 2007 adoptiert, auf Vorschlag von… Joe Biden.].
  18. «Official Document Qatar Embassy Tripoli Confirms Sending 1800 Islamic Extremists Trained in Libya to Fight in Syria», Libyan War The Truth, 20. September 2013.
  19. Die Vereinigten Staaten, die ersten globalen Finanziers des Terrorismus“, von Thierry Meyssan, Übersetzung Horst Frohlich, Al-Watan (Syrien), Voltaire Netzwerk, 3. Februar 2014.
  20. Congress secretly approves U.S. weapons flow to ’moderate’ Syrian rebels”, Mark Hosenball, Reuters, 27. January 2014.
  21. « L’ÉIIL est commandé par le prince Abdul Rahman », Réseau Voltaire, 3 février 2014. (Auch auf Englisch).
  22. Enthüllungen der PKK über den Angriff des EIIL und die Schaffung von “Kurdistan”“, Voltaire Netzwerk, 8. Juli 2014.
  23. U.S. Air Strikes Are Having a Limited Effect on ISIL”, Ben Watson, Defense One, 11. August 2014.
  24. «Baghdadi ’Mossad trained’», Gulf Daily News, 15. July 2014.
  25. Statement by senator John McCain on being targeted by terrorist group ISIL as “the ennemy” and “the crusader””, Office of John McCain, 28. July 2014.
Hassan Hamadé

“NATO, Schutzmacht von Al Kaida”

Hassan Hamadé ist ein libanesischer Politologe, der vor ein paar Tagen einen offenen Brief an “die Europäer” veröffentlicht hat (siehe unterhalb dieses Artikels). Seine Hauptbotschaft: Die NATO ist in Wahrheit die Schutzmacht jener sunnitischen Terrororganisationen, die sie vorgibt zu bekämpfen. EU-Europa spielt die Rolle eines Handlangers für eine katastrophische US-Politik.

Geographischer Ausgangspunkt von Hamadés Epistel ist eigentlich das benachbarte Syrien, “die alte Heimat des Christentums mit seinem ungewöhnlichen Zusammenleben von Religionen, Konfessionen und Ethnien”. Dort, wo Zehntausende sogenannte Freiheitskämpfer der Al Kaida “gute Arbeit” leisten würden, wie das der französische Außenminister Laurent Fabius auszudrücken beliebte. Gute Arbeit beim Blutvergießen.

Das, was in Syrien, im Irak und im Nordsudan passiere, werde in Libyen, der Türkei und in anderen vom Westen kontrollierten Staaten/Gebieten vorbereitet. “Die Masken sind gefallen und die seit Jahrzehnten gebaute Lügen-Zitadelle rund um die NATO eingestürzt.”

“Euer Westen und die schlechte Gesellschaft, in die er sich begeben hat, bedrohen den Weltfrieden und die Zukunft der Menschheit. Der Leichtsinn Eurer Führungsfiguren, ihre Kungeleien und ihre kriminelle Gier verwandeln Eure Regierungen in raubgierige Diktaturen, die mit der Existenz eines Rechtsstaats unvereinbar sind. Die Politik, die sie in Eurem Namen führen, gleitet unaufhaltsam auf einen Totalitarismus zu.”

Um es auszusprechen: der Autor meint die Europäer und ihre Anführer, Leute wie Nicolas Sarkozy und Francois Hollande. Was kann der Libanese nun an Tatsachen vorbringen, um einen solchen Aufwand an Rhetorik zu rechtfertigen? Leider Gottes eine ganze Menge – auch wenn die Europäer dies üblicherweise nicht in ihren Zeitungen lesen können.

Die “Freiheitskämpfer”, die (unter anderem) nach Syrien gehen, werden in Terrorcamps in Südlibyen ausgebildet, “Universitäten” wie sich Hamadé süffisant ausdrückt. Allein im Dezember 2013 und Jänner 2014 habe die südlibysche Provinz Fezzan 5000 Dschihadis nach Syrien geschickt, heißt es unter Berufung auf eine französische Militärquelle.

Der französische Generalstabschef, der 2011 jene militärische Operation leitete, die diesen Zustand ermöglicht hat, hat eine Woche vor seiner Pensionierung folgendes zu Protokoll gegeben: Südlibyen habe sich in ein “Schwarzes Loch” verwandelt, “in dem sich die Terroristen regenerieren können und wo sie bewaffnet werden.” (Liebe Mitteleuropäer, habt Ihr das schon jemals in einer Eurer Zeitungen gelesen ? Nicht!?)

Um dieser Entwicklung entgegenzutreten, befürwortete Edouard Guillaud eine neue Militärintervention “am besten mit Zustimmung der libyschen Regierung” – doch, ach, welcher Regierung ?

Hamadé antwortet auf dieses Ansinnen: “Der Westen, der seit 2011 die völlige Lufthoheit in Libyen innehat, behauptet nun, er könne nichts gegen die Terror-Unis in der Wüste unternehmen?” Derlei sei eine “groteske Lüge”. Moderne Satelliten, die jede Bewegung und die kleinsten Geräusche registrieren, könnten sogar einzelne Personen problemlos orten. “Jedem muss die extreme Verwundbarkeit der im offenen Gelände angesiedelten Terrorismus-Akademien bewusst sein. Speziell in einer Umgebung wie der Sahara wären diese ohne jede Deckung und leichte Ziele für einen Feind, der aus der Luft kommt.”

Diese Al Kaida-Camps seien es auch, die die Rekruten für die “terroristischen Bedürfnisse” in den Nachbarstaaten lieferten, beispielsweise an Boko Haram, jene Organisation, die im April mehr als 100 nigerianische Schülerinnen entführt hat; ausgewählte Opfer, über die die Frauen der NATO-Staatsmänner öffentlichkeitswirksam Krokodilstränen vergießen.

Während die Absolventen aus Fezzan aus westlicher Sicht “gute Arbeit” in Syrien leisteten, verrichteten sie – wieder aus dieser Perspektive – “schlechte Arbeit” in Nigeria und in Mali – böten aber immerhin einen guten Vorwand für jede Art von militärischer Intervention. Aber nicht nur in Libyen agierten die Terroristen – für jeden sichtbar – unter dem Schutz des westlichen Bündnisses. Auch im NATO-Land Türkei befänden sich drei Lager, in denen die Aufständischen in Syrien ausgebildet würden: in Şanlıurfa, Osmaniye und Karaman.

Die großen Player im Hintergrund seien die USA und Israel, die mit einem langfristigen Plan der “kreativen Zerstörung” (Leo Strauss) die ganze Region ihren Interessen anpassen wollten.

Die europäischen Führer – inklusive Erdogan – spielten die Rolle bedingungslos ergebener Vasallen. Diese Rollenverteilung sei “die wahre Natur der transatlantischen Beziehungen – der Beziehung zwischen dem Besatzer und den besetzten Europäern. Der Erstere erteilt entsprechend seinen Interessen die Befehle und die Letzteren führen sie aus. Und wo bleiben die europäischen Interessen?”

Wie ein solcher Plan funktionieren soll, wenn doch eine Vierte Macht, die Medien, den Regierenden angeblich auf die Finger sieht? Graue Theorie, sagt Hamadé. Die klassischen Medien hätten einen neuen “Eisernen Vorhang” aus Unwahrheiten errichtet, hinter dem die Europäer in Unwissenheit und Hilflosigkeit gehalten würden.

“Dessen Rolle besteht darin, die echten strategischen Widersprüche zwischen den Interessen Europas und jenen der Vereinigten Staaten zu verbergen – und zwar so, dass Ihr, das Publikum hinter dem Eisernen Vorhang, nicht bemerkt, dass Eure Führer den Interessen des Imperiums und nicht den Euren dienen.”


Offener Brief an die Europäer

von Hassan Hamadé

Vom Westen aus gesehen führt die NATO Krieg gegen den Terrorismus. Aber außerhalb dieser geordneten Welt ist die Wahrheit eine andere: die NATO ist Meister des internationalen Terrorismus, welche Schulungs-Lager der Al-Kaida in Libyen beschützt und die Installation von anderen auf ihrem eigenen Boden, in der Türkei unternimmt. Nie hat Al- Kaida weder Regierungen gestürzt, noch Nationen erobert, immer aber menschliche Gesellschaften zerstört, indem sie für Washington Leo Strauss’ Lehre über das aufbauende Chaos anwendete. Für Hassan Hamadé begann die Zivilisation schon in Syrien, als Europa, Nordamerika und Israel noch im Stadium der Barbarei waren. Sie haben davon kein Bewusstsein und denken, Syrien überlegen zu sein? Er wird Ihnen die Augen öffnen.

Abdelhakim Belhadsch, Kommandeur der Islamischen in Libyen kämpfenden Gruppe (LIFG). Von dem MI6 finanziert, versuchte er viermal, Muammar al-Gaddafi zu ermorden. Er wurde die Nr. 3 der Al-Kaida. Er floh in den Katar im Jahr 2010, kehrte dann nach Libyen in einem Militärflugzeug zurück und wurde von der NATO zum militärischen Gouverneur von Tripolis ernannt. Er wird aber nach wie vor von dem Sanktions-Ausschuss der Vereinten Nationen durch die Resolutionen 1267 (1999) und 1989 (2011) gesucht.

Abdelhakim Belhadsch, Kommandeur der Islamischen in Libyen kämpfenden Gruppe (LIFG). Von dem MI6 finanziert, versuchte er viermal, Muammar al-Gaddafi zu ermorden. Er wurde die Nr. 3 der Al-Kaida. Er floh in den Katar im Jahr 2010, kehrte dann nach Libyen in einem Militärflugzeug zurück und wurde von der NATO zum militärischen Gouverneur von Tripolis ernannt. Er wird aber nach wie vor von dem Sanktions-Ausschuss der Vereinten Nationen durch die Resolutionen 1267 (1999) und 1989 (2011) gesucht.

Ich werde Ihnen ernste Sachen erzählen, die Sie wegen dem der EU-auferlegten Eisernen Vorhang nicht kennen. Ich werde über die gefährlichen Verbindung sprechen, die Sie ohne Ihr Wissen an die gewaltigsten terroristischen Gruppen bindet, die auf internationaler Ebene tätig sind: Al-Kaida!

Ja, Al-Kaida, jene, die das politische Wörterbuch Ihres “Westens”, als die Hebamme der grausamsten aller terroristischen Bewegungen, die sich auf den Islam berufen, definiert.

Al-Kaida gilt als strategischer Feind der “zivilisierten Welt”, aber auch als eine unmittelbare Bedrohung der Länder, die Sie als “Entwicklungsländer“ bezeichnen. Und damit diese ihren Marsch auf Ihrem Weg fortsetzen können, müssen sie vor dieser terroristischen Gefahr von Ihnen geschützt werden. Deshalb wird jeglicher Kontakt mit Al-Kaida oder ihren Ablegern, Netzwerken oder Derivaten streng verboten, verurteilt und gegebenenfalls unterdrückt. Es ist ein unbestreitbares Prinzip, das die Vereinigten Staaten festgelegt haben. Sie haben tatsächlich das Monopol in Anspruch genommen, um seine Einhaltung zu gewährleisten und seine Anwendung zu überwachen. Aber seine Einhaltung hat nie die Grenzen der politischen Rede, d. h. der Propaganda in ihrem einfachsten und primitivsten Sinn überschritten, weil man bei Ihnen im atlantischen Raum nicht mehr von Medienfreiheit sprechen kann, sondern eher von Propaganda-Werkzeugen.

Diese Propaganda hat sich auf dem syrischen Operations-Theater mehr denn je als irreführend erwiesen, wo manche Zweige und Ableger von Al-Kaida – wie die Al-Nusra Front und das Islamische Emirat im Irak und in der Levante – weltweite Bekanntheit durch die Teilnahme an dem Vernichtungskrieg, den die US-israelische Achse im ältesten Land der Welt, Syrien führt, gewonnen haben. Während diesen drei Angriffskriegsjahren demonstrierte die nebulöse Al-Kaida eine vorbildliche Disziplin mit strenger und konsequenter Anwendung der von den USA festgelegten Befehle. Sie erwies sich als beste Ausführerin der Politik des „aufbauenden Chaos“, das unbedingt über die Zerstörung der syrischen Gesellschaft, des Staates und der wirtschaftlichen Infrastruktur geht. Es ist eine groß ausgelegte Invasion der Barbarei, um die Zivilisation zu zerstören.

Den strikten Anweisungen aus Washington folgend gibt die NATO ihren sofortigen Schutz für die Ausbildung und das Funktionieren der bewaffneten Front, die an dem US-israelischen Zerstückelungsprojekt Syriens arbeitet, indem sie die gemeinsame Wiege des Christentums und des arabischen Reichs in “ein Feld des Gemetzels oder des Triumph des Todes“ umwandelt.  [1]. Diese apokalyptische Arbeit passt in die Tradition der obersten Verbrechen, dem blutrünstigen, angelsächsischen Stolz, nach Hiroshima und Nagasaki (1945) Palästina (seit 1948…) Vietnam (1962 – 1975), Irak (seit 1991…), um nur Beispiele der letzten Jahrzehnte zu nennen.

Lügen, immer wieder Lügen, die wichtigste Triebfeder der US-Propaganda im Bereich der Sicherheitspolitik, wie im wirtschaftlichen Bereich, erfolgen in Anlehnung an die Technik des berühmten Observatoriums der Lüge von George Orwell, wie dieses rücksichtslose kriegerische Unternehmen unter den kombinierten Flaggen der “Demokratie” und “Menschenrechte”. Die für die Durchführung dieses Geschäfts verantwortlichen Ableger-Regierungen, nennt man “Freunde Syriens“. Die einfachen Kämpfer, Zehntausende von Dschihadisten aus über 80 Nationen, werden als “bewaffneter Widerstand” oder “Freiheitskämpfer” u.a. bezeichnet. Noch mehr Lügen sind nicht möglich.

Ist es nicht die Lüge, die dieser gigantischen Destabilisierung der arabischen Welt den Namen “Arabischen Frühling“ gab? Überall, wo dieser “Frühling” auftaucht, kommt die muslimische Bruderschaft daher. In ihrem Schatten blühen die ärgsten terroristischen Organisationen auf, und startet der Prozess der Gesellschafts-Zerstörung. Es gibt viele Beispiele, beginnend mit Libyen, dessen südlicher Teil, der Fezzãn, sich in eine Zufluchtsstätte für Al-Qaida Militärlager zwischen den Städten Ghat (nahe der algerischen Grenze) und Sabah (in der Nähe des Niger) verwandelt hat. Den atlantischen Diensten zufolge, gibt es drei Lager, wo patentierte Terroristen ausgebildet werden (Experten in Sprengstoffen und in der Vorbereitung von Autobombenattentaten usw.), um die Bedürfnisse der afrikanischen Nachbarländer (Mali, Niger, Tschad, Algerien, Nigeria) zu decken. Diese nicht ganz üblichen Terroristen haben sehr starke Beziehungen zu einigen extremistischen Organisationen wie AQIM und Boko Haram. Ihre Terrorismus-Universitäten dienen dem „Bedarf“ anderer Länder, wie Syrien, das in letzter Zeit ein bevorzugter Bestimmungsort für ihre Absolventen geworden ist. Die Kurse werden von pakistanischen, ägyptischen, saudi-arabischen, jemenitischen und anderen “Professoren” gegeben. In den zwei Monaten Dezember 2013 und Januar 2014 hat diese sehr renommierte Universität 5000 Dschihadisten mehrerer Nationalitäten nach Syrien geschickt  [2].

Ein Bild von der Situation in dieser Zone wurde von dem ehemaligen Stabschef der französischen Streitkräfte, Admiral Édouard Guillaud, in einem Treffen mit etwa 20 Journalisten in Paris, am 26. Januar 2014 gegeben, eine Woche vor seinem Abgang in den Ruhestand. Er erklärte: “Der Süden Libyens ist ein wahres schwarzes Loch geworden (…)”. ein Ort der Regenerierung, der Waffen-Lieferung an Terroristen, er ist der neue Schwerpunkt des Terrorismus”.

Diese Enthüllungen sind sehr ernst. Vor allem wenn sie von einem Mann kommen, der keine Skrupel hatte, die Mission in Libyen auszuführen, für die er in enger Abstimmung mit seinem britischen Gegenstück verantwortlich war. Aber diese schockierend erscheinenden Enthüllungen haben den Vorzug, wahr zu sein. Jedoch die Geständnisse von dem Admiral sind noch nicht zu Ende. Er geht viel weiter, um selbst eine neue militärische Intervention vorzuschlagen (das heißt eine neue Runde der Zerstörung von dem, was im Land noch nicht ganz zerstört wurde). Er sagte buchstäblich: ” Ideal wäre, ein internationales Unternehmen im Einvernehmen mit den [libyschen] Behörden zu organisieren. Und wir müssen tatsächlich eines Tages die Frage einer Intervention stellen. Aber das Problem ist, dass es zuerst einen Staat im Norden des Landes geben müsste”  [3].

♦ Die NATO und die „Bequemlichkeit der Lüge“

Wenn man die Geständnisse des Admirals anhört, scheint Frankreich keine Rolle in der Führung des Angriffskrieges von 2011, in der Zerstörung des libyschen Staates und der Umwandlung seines riesigen Territoriums in einen “neuen Schwerpunkt des Terrorismus” gespielt zu haben. War es nicht diese Beteiligung an einem der schmutzigsten, verbrecherischsten und lügenhaftesten kriegerischen Unternehmen, die irreführender Weise als edle Unterstützung des so genannten “arabischen Frühlings“ seitens Frankreich und dem Vereinigten Königreich dargestellt wurde? Ganz zu schweigen von den 160.000 Opfern der Massaker und Morde, die diesen Aggressionskrieg begleitet haben  [4].

Kommen wir zur “Bequemlichkeit der Lüge“  [5], die die atlantische Rede über diese gigantische Destabilisierung anhaltend schmückt, welche sich durch die US-amerikanische “aufbauende Chaos”-Strategie auf mehrere Länder auswirkt. Diese durch den Terrorismus des Mediensystems weitergeleitete “Bequemlichkeit der Lüge”, will Ihnen und uns noch einmal weismachen, dass die NATO nicht in der Lage sei, diese Terroristenproduktion zu lähmen, oder gar auszurotten. Die Realität der Tatsachen auf dem Boden verlangt jedoch eine kategorische Ablehnung, ohne Berufung, dieser grotesken Lügen, wegen der perfekten Beherrschung des libyschen Luftraums durch die französisch-britischen Luftstreitkräfte, sowie der kontinuierlichen Überwachung des süd-libyschen Territoriums durch «westliche» Satelliten, die auf die geringste Bewegung, den kleinsten Lärm, in dem weiten Land der Sahara reagieren, mit besonderem Augenmerk für die “drei Zentren des schnellen Trainings für den Dschihad“. Jeder kennt die extreme Unsicherheit dieser unter dem freien Himmel der Sahara stehenden Terrorismus-Akademien, ohne jegliches schützendes Dach, die sich ja leicht in ein Ziel eines Feindes im Himmel verwandeln könnten.

Die französisch-britischen Luftstreitkräfte bieten jedoch allein den wirklichen Schutz dieser drei Lager von Al-Kaida im libyschen Raum. Diese Realität, auch wenn sie für Sie pervers erscheinen mag, und die der Eiserne US- israelische Vorhang Ihnen verbirgt, erteilt daher den Behauptungen von Paris, London und anderen NATO-Hauptstädten der bequemen Lüge, wonach der ’westliche’ Block entschlossen sei, die große und schwere Aufgabe, die Terroristen zu terrorisieren, sie in den Worten eines François Hollande zu “zerstören”, ein klares Dementi.

Versuchen wir diesmal gemeinsam, in der Leere der Gutmütigkeit wandernd, immer unter der Leitung der pädagogischen Lehre Ihrer atlantischen Führer, immer von dem „Einheitsdenken“ das Ihre Medien verbreiten, geführt, gemäß dem im Wörterbuch des politisch Korrekten definierten Code des guten Benehmens, und stellen wir uns den französischen Präsident vor, der seinen Wunsch ernst nimmt, diesen Terrorismus „zerstören“ zu wollen. Eine einzige Schlussfolgerung: er soll es tun und wir werden die ersten sein, die ihm applaudieren. Er hat dort drei einfache Ziele vor sich, um sie zu zerstören. Es ist für ihn ein Kinderspiel bei seiner perfekten Beherrschung des Luftraumes. Jeder weiß, dass in einer geographischen Wüstenzone, wie im Fezzãn, derjenige, der die Luft beherrscht, auch den Boden beherrscht. Der Präsident muss zum Angriff übergehen, ohne weiter Zeit zu verlieren. Er ist in guter Stellung um es zu tun, zumal in dieser gewaltigen Fabrik von Terroristen die gefährlichsten Kämpfer ausgebildet werden, die die “französischen Interessen” in Mali bedrohen, in der ganzen Sahel-Zone und auch woanders auf dem schwarzen Kontinent.

♦ Boko, Aleppo und “Damaskus an der Seine“

Die Boko Haram Affäre  [6] kam noch dazu, um noch einmal die Perversität der, dem Diktat von Washington völlig unterlegenen Regierungen, zu zeigen. Erstens findet Boko Haram, das nur eine Bewegung von Narren und Verbrechern ist, seine “ausgebildeten Terroristen” gerade in dieser Akademie der hohen Studien für Terrorismus im Fezzãn. Wozu also all diese Knalleffekte – deren best-irreführende Szene Paris war, auf einer Konferenz, auf der ein übermäßig schlechter Charakter fünf afrikanische, direkt von dem Fall betroffene Präsidenten versammelte, unter der direkten Kontrolle der Streifen und Sterne – aber nicht direkt die Quelle in Fezzãn anzugreifen? Man müsste absolut dumm sein, um dieses plötzliche Erwachen des Humanismus des Weißen Hauses, des Elysee-Palasts oder von 10 Downing Street ernst zu nehmen, oder die Krokodiltränen für echte Tränen zu halten, die von den Ehefrauen, Konkubinen und Seitensprüngen der NATO-Staatsmänner über das Schicksal der nigerianischen Mädchen vergossen werden. Trotz allem bleiben sie alle nicht nur unempfindlich gegenüber den Aufrufen der Zivilbevölkerung der Märtyrer-Metropole von Aleppo – einer verdursteten, ausgehungerten, ausgebluteten, von der Takfiristen als Geisel verwendeten Bevölkerung -, sie geben auch ihre uneingeschränkte Unterstützung diesen Terroristen, die «gute Arbeit“ laut Laurent Fabius „machen“  [7].

Laurent Fabius ermutigt die Ermordung von Baschar Al-Assad.

Vergessen Sie nicht, dass in dem Stammbaum der Muslimbruderschaft, Boko Haram, die Front Al-Nusra, das Islamische Emirat im Irak und der Levante, die islamischen Front und Co. echte Zwillings-Schwestern sind, die von ihrer Geburt an von den Golf-Monarchien, nach angelsächsischen Richtlinien, unterstützt werden. Jedoch erkennen diese Zwillingschwestern alle Al-Kaida das unbestreitbare Erst-Geburtsrecht an, das durch eine ungeheure Geschichtlichkeit bestätigt ist, die auf den berühmten Krieg in Afghanistan gegen die Sowjetunion, in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts zurückreicht.

Es ist eine allein durch Washington bestimmte Wahl. Daher kommt es, dass Präsident Hollande und David Cameron eine außergewöhnliche Trägheit an den Tag legen. Es scheint, als bräuchte man die Erlaubnis von Washington, um zu den Waffen greifen zu dürfen. Ja, mit freundlicher Genehmigung von Washington. “Wir müssen die Entscheidung des Kongresses abwarten “… Also sprach François Hollande. Das war am 6. September 2013. Das Weiße Haus schaltete ohne seine Verbündeten zu warnen zurück, nach der Warnung vom russischen Präsidenten Wladimir Putin, der nicht gezögert hatte, feierlich, seinen Gast und US-Staatssekretär John Kerry als “Lügner” zu qualifizieren, als er Syrien beschuldigte, die eigene Bevölkerung chemisch bombardiert zu haben. So ist es noch zu früh, selbst zu früh, um diese berühmte Aussage von Präsident Hollande zu vergessen, eine Offenbarung der extremen Vasallenbeziehung mit seinem überlegenen NATO-Vorgesetzten. Es gibt Anweisungen, die in den Annalen der internationalen Beziehungen graviert bleiben werden. Die des 6. September 2013 ist eine solche, sie spricht Bände über die wahre Natur der transatlantischen Beziehungen, eher über die Beziehungen zwischen dem US-Besatzer und dem besetzten Europäer. Der erste weist an, natürlich nach seinen Interessen, der zweite führt aus. Und die Interessen der Europäer, wo sind die?

François Hollande wird ohne die Zustimmung des US-Kongresses nicht eingreifen.

Da ist es, wo die teuflische Kombination zwischen dem europäischen Leiter und der Gewalt des Eisernen Vorhangs vor sich geht, deren Hauptzweck darin besteht, dem breitesten Publikum einen Zugriff auf die Wahrheit vorzuenthalten. Es ist eine kontinuierliche Manipulation der Nachrichten die die Medien-Maschine macht. Durch die “Info-Inflation“  [8] erleidet die Öffentlichkeit, immer ohne es zu merken, eine Gehirnwäsche, eine Massen-Gehirnwäsche der Massen, durch die das Mediensystem den höchsten Grad des angewendeten Terrorismus erreicht. Es ist auf dieser Ebene, wo die unsichtbare Dimension liegt, die den US-israelischen Eisernen Vorhang charakterisiert und die ihn von dem des ehemaligen Ostblocks unterscheidet. Seine Aufgabe ist, die realen strategischen Widersprüche zwischen den europäischen Interessen und jenen der USA auszublenden, damit Sie, das hinter dem Eisernen Vorhang steckende Publikum, nicht erkennen können, dass Ihre Führungskräfte den Interessen des Imperiums aber nicht Ihren Interessen dienen. Es ist wirklich wegen diesen jämmerlichen Kreaturen die Sie regieren, dass Sie sich seit drei Jahren ohne es zu bemerken, in schändlicher und krimineller Verbindung mit Al-Kaida und deren Ablegern befinden, im gleichen Lager wie die Kindermörder, die Frauenschänder, und die Kannibalen, dass Sie Arm in Arm mit der Muslimbruderschaft marschieren, dass Sie sich aktiv, noch immer ohne es zu merken, an der Vernichtung unserer Mutter-Nation Syrien beteiligen, dem schönen Syrien, der Wiege des Christentums, mit seinem ungewöhnlichen Beispiel des Zusammenlebens zwischen verschiedenen Religionen, Glaubensrichtungen und ethnischen Gruppen. Deshalb zögern die atlantischen Regierungen auch nicht, die Terrororganisationen, die Massaker zu entschuldigen, welche Zehntausende ausländische Kämpfer auf syrischem Boden begangen haben, und ihre Morde den Regierungstruppen aufhalsen.

Ein Dschihadist in Syrien isst die Leber eines seiner Opfer (Anm. wer zart beseitet ist, sollte sich dieses Video nicht ansehen.)

♦ Verdächtige Missionen der drei Lager der Al-Kaida in der Türkei

Die atlantische Propaganda ist so primitiv, dass ihre Sponsoren und Hüter bei der geringsten Infragestellung der offiziellen Version auffahren. Dies war der Fall mit dem französischen Botschafter bei den Vereinten Nationen, Gérard Araud, einem Berufs-Lügner, einem adoptierten Ultra-Zionisten, ohne jegliche Überzeugung, der keine andere Bezeichnung als “Agent” für den sehr seriösen Korrespondent der pan-arabischen Al-Mayadeen TV-Station, Nizar Abboud, gefunden hat, um ihn zum Schweigen zu bringen, dessen größtes Verbrechen war, den Diplomaten sehr höflich zu fragen wagte, um eine Klärung über die Dreiecks-Beziehungen zwischen Katar-Frankreich-Al-Kaida zu bekommen. Genau dieselbe muskulöse und arrogante Mittelmäßigkeit, die sein direkter Vorgesetzter, Laurent Fabius stolz zur Schau stellte, der nicht zögerte seine Wertschätzung für die Al-Nusra Front abzugeben, indem er ihre abscheulichen Verbrechen als “gute Arbeit” taxierte  [9]. Und zwar, als Al-Nusra “die gute Nachricht für die weltweiten Dschihad-Brüder” verkündete: die totale Verschmelzung ihrer organisatorischen Strukturen mit denen der sehr gefürchteten Al-Kaida Fi Bilad Ar-Rafideine (Al-Kaida in Mesopotamien), welche die irakische Version der AQIM des Maghreb und der nigerianischen Boko Haram ist. Es tut mir leid, immer auf diese Anweisungen zurückzukommen, um die Wahrheit zu verteidigen, welche die Info-Inflation immer versucht Ihnen zu verbergen.

Botschafter Gérard Araud qualifiziert den Journalisten Nizar Abboud als „Agent“

Dieser Ausdruck des Leiters der französischen Diplomatie beweist einen absoluten Sadismus, er bedeutet in Sachen des angewandten Terrorismus, dass die Absolventen der Fezzãn-Akademie “gute Arbeit” machen, wenn sie direkt nach Syrien ziehen und “schlechte Arbeit” machen, wenn sie der Boko Haram in Nordnigeria und in der Nähe der Sahelzone beitreten. Die renommierte Akademie bedient weiterhin die zwei Ziele, gemäß den Anweisungen von Washington, welche die europäischen Regierungen entschlossen sind, genauestens auszuführen.

Immer noch fließen die Petrodollar der Golfmonarchien den Leitlinien von Washington folgend, um die Finanzierung der großen logistischen Prozesse der Übertragung von Dschihadisten von einem Land zum anderen oder von einem Kontinent zum anderen, nahtlos, ohne jedes Hindernis, auf See-, Luft- und Land und für die Organisation und Verwaltung der Unterkunft-Strukturen zu decken. Denn es handelt sich um Zehntausende, furchterregende Kämpfer aus dem Kaukasus, Nordafrika, Ägypten, Pakistan, Afghanistan, Saudi-Arabien usw. Der Sonderbeauftragte des Generalsekretärs der Vereinten Nationen, Lakhdar Brahimi, hatte im April 2013 die ungefähre Zahl von 30-40.000 ausländischen Kämpfern erwähnt  [10], während viel seriösere Schätzungen mehr als 100.000 Kombattanten zitieren… und dann geht es darum, diese Dschihadisten ins Herz des angezielten Landes zu infiltrieren. Das Beispiel von Syrien ist das eloquenteste.

Obwohl Syrien von diesen aus dem Libanon, Israel, Jordanien, dem Irak und der Türkei sowie vom Mittelmeer infiltrierten “Freiheitskämpfern” angegriffen wird, widersteht Syrien seit mehr als drei Jahren. Es war durch diesen Widerstand, dass alle Ihre Masken auf der internationalen Bühne gefallen sind. Es ist der endgültige ideologische Zusammenbruch. Von nun ab kann Ihr “Westen” kein einziges Wort mehr über Terrorismus sagen. Ihr ’Westen’ kann sein wahres Gesicht als führender Hersteller von Terroristen nicht mehr verbergen. Er ist deren Beschützer, Finanzier, Sponsor, und Kommandant. Eine traurige Wahrheit.

Der Terrorismus ist eine der wichtigsten Komponenten von Ihrem militärischen NATO-Arsenal. Es hört nicht auf, nachgewiesen und zertifiziert zu werden. Die NATO-Al-Kaida-Achse enthüllt sich jedem, der sehen und hören will. Schon jetzt entfalten sich im Herzen der Türkei, d.h. im Herzen der östlichen Abschirmung des Atlantischen Bündnisses, drei Al-Kaida-Militärlager, die alle drei Tausende Kämpfer, in drei Regionen von großer Bedeutung versammeln  [11]:

- 1. Das Lager von Şanhurfa befindet sich im Grenzgebiet mit Syrien. Es ist ein Ausgangspunkt und ein Stützpunkt für Überfälle der Al-Kaida im syrischen Gebiet. Von diesem Lager sind Stoßtrupps losgegangen, die vor kurzem die sehr symbolische Kassab-Region angegriffen haben, eine der Hochburgen der armenischen Präsenz in Syrien und ein lebendiges Beispiel für soziokulturelles Zusammenleben, und Stolz des syrischen Patriotismus  [12].

- 2. Das Lager von Osmaniye verdient besondere Aufmerksamkeit, weil es Licht auf sorgfältig durch den Eisernen Vorhang überschattete Dimensionen wirft. Seine Lage an sich, ist schon sehr rätselhaft, da sie für das Niveau des Vertrauens innerhalb der CIA-Al Kaida-Intimität bezeichnend ist. Zuerst befindet sich das Lager in einem durch die Anwesenheit der sehr großen Militärbasis der US-Air Force Incirlik geschützten Bereich. Eine sicherlich sehr wichtige Nachbarschaft, aber das ist nicht alles.

Nicht weit von diesen zwei Lagern, die für die “zivilisierte Welt” existentielle Feinde sein sollten, befinden sich die Kreuzungen von Öl- und Gaspipelines aus dem Irak und Zentralasien, die in den türkischen Hafen an der Mittelmeerküste Ceyhan führen. Stop!

Al-Qaida-Gas-Rohrleitungen-Ölpipeline… das sollte uns an etwas erinnern, das der Eiserne Vorhang bewusst vernachlässigt: Algerien der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts. Denken Sie daran, meine europäischen Freunde, als Ihre Interessen regelmäßig angegriffen und verletzt wurden, blieben Tausende Kilometer Rohr-Leitungen, welche kreuz und quer über das riesige algerische Territorium liefen, verschont, ja selbst beschützt. Es ist nicht reiner Zufall, dass Vertrauen zwischen dem Imperium und seinen vermeintlichen Feinden herrscht. Das Imperium scheint ihnen die Sicherheit ihrer Lebenslinie anzuvertrauen. Hüten Sie sich vor den Anziehungskräften des offiziellen Diskurses, es ist in dem Inoffiziellen, wo sich manchmal die Wahrheit verbirgt.

- 3. Das Lager von Karaman, im Nordwesten von Adana, wird als eine Akademie für erweiterte angewandte Terrorismus-Studien betrachtet. Dieses Lager liegt näher zu Istanbul, als zur syrischen Grenze. Es scheint weniger in den Krieg verwickelt, als die beiden anderen, was Fragezeichen über seine wahren Ziele im türkischen Gebiet aufwirft. Nichts Schönes oder Gutes kann von dieser höllischen Bande kommen. Es ist der unverzichtbare Kompass für die Forschung über die Rolle der Al-Kaida oder seiner Nachkommen.

In Bezug auf genau diese Grundlagen muss man versuchen zu erforschen, welche Zukunft der Türkei im Rahmen der vollständigen Umsetzung des “Aufbauenden Chaos” in der Region bestimmt ist. Keine Hypothese darf dazu außer Acht gelassen werden, einschließlich der katastrophalsten Szenarien oder Vergleiche, die ohne Anlass in unseren Sinn kommen, angesichts der Intensität der Fälle von Pakistan und der Ukraine. Sind es nicht die extrem schweren Probleme, die Kemal Kılıçdaroğlu, Präsident der kemalistischen Menschen und treibende Kraft der oppositionellen republikanischen Partei, dazu geführt haben, den Premierminister Recep Tayyip Erdoğan in der letzten Kommunalwahl-Schlacht zu warnen, und ihn ermutigte, seine Beziehung zu Al-Qaida abzubrechen, um der Türkei die schädlichen Einflüsse auf ihre nationale Sicherheit sofort zu ersparen : „Wir baten Erdoğan sich von Al-Kaida zu lösen, sonst wäre es für die nationale Sicherheit der Türkei gefährlich“.

Im Juni 2010 organisierte die Muslimbruderschaft die Freiheitsflottille, um Gaza zu erreichen und wurde von der IDF (Tsahal) auf offenem Mittelmeer angegriffen. Der türkische Ministerpräsident besuchte einen von der Presse als türkisch-irischer Aktivist dargestellten Verwundeten, Mahdi Al-Harati. Er war aber tatsächlich ein CIA-Agent, Mitglied der Al-Kaida. 2011 befehligte er mit französischen Offizieren die Belagerung des Hotels Rixos in Tripolis (Libyen), wo Muammar el-Gaddafi im Keller Zuflucht gefunden hatte. Im Jahr 2012 befehligte er eine Einheit der Al-Nusra-Front in Syrien.

Im Juni 2010 organisierte die Muslimbruderschaft die Freiheitsflottille, um Gaza zu erreichen und wurde von der IDF (Tsahal) auf offenem Mittelmeer angegriffen. Der türkische Ministerpräsident besuchte einen von der Presse als türkisch-irischer Aktivist dargestellten Verwundeten, Mahdi Al-Harati. Er war aber tatsächlich ein CIA-Agent, Mitglied der Al-Kaida. 2011 befehligte er mit französischen Offizieren die Belagerung des Hotels Rixos in Tripolis (Libyen), wo Muammar el-Gaddafi im Keller Zuflucht gefunden hatte. Im Jahr 2012 befehligte er eine Einheit der Al-Nusra-Front in Syrien.

Die Mehrdeutigkeit, die die Mission dieses Lagers von Karaman umgibt, erfordert eine kontinuierliche Überwachung und rechtfertigt alle Ängste im Zusammenhang mit der Präsenz von Al-Kaida an der vordersten Front des NATO-Bündnisses, welches vorgibt, “Krieg gegen den Terrorismus” zu führen.

Das ist nur ein kleines Beispiel, unter vielen anderen, von dem Fall der Masken und dem Zusammenbruch der seit Jahrzehnten gebauten Zitadelle der Lügen rund um die NATO. Ihr “Westen” und seine schlechte Gesellschaft bedrohen den Frieden der Welt und die Zukunft der Menschheit. Die extreme Leichtsinnigkeit Ihrer Führungskräfte und ihre Spielchen und ihre kriminelle Gier verwandeln Ihre politischen Regime in Raub-Diktaturen, unvereinbar mit der Existenz einer Rechtsstaatlichkeit. Die Politik, die sie in Ihrem Namen führen, gleitet unaufhaltsam in Richtung Totalitarismus.

Diese Erkenntnis ist penibel, aber sie hat das Verdienst, aufrichtig zu sein.

Hassan Hamadé

♦ Textquellen :

“NATO, Schutzmacht von Al Kaida” – von Andreas van de Kampstaatsstreich.at
„Offener Brief an die Europäer hinter dem US-israelischen Eisernen Vorhang “, von Hassan Hamadé, Traduction Horst Frohlich, Voltaire Netzwerk, www.voltairenet.org/article184019.html
♦ Bildquellen: www.voltairenet.org

Fußnoten:

  1. Pierre Corneille in Le Cid.
  2. « Ouverture tardive de la chasse au Jihad en Libye », par C.A., Le Canard enchaîné, 5 février 2014.
  3. Le Canard Enchainé, 5 février 2014.
  4. Estimation selon les rapports internes de la Croix-Rouge internationale.
  5. La raison assiégée, par Al Gore, Seuil éd. 2008. Lire le chapitre réservé à cette commodité.
  6. « “La face cachée de l’Affaire Boko Haram (Africom Brezinski, Plan Yinon)” », Reggan Lawson, YouTube, 17 mai 2014.
  7. Cité in « Pression militaire et succès diplomatique pour les rebelles syriens », par Isabelle Mandraud (avec Gilles Paris), Le Monde, 14 décembre 2012
  8. Das ist Inflation von Nachrichten. Das westliche Propaganda-System basiert auf Überfluss und nicht auf Knappheit. Anmerkung des Herausgebers.
  9. Op. Cit.
  10. « Briefing to the Security Council by the Joint Special Representative of the United Nations and the League of Arab States for Syria », by Lakhdar Brahimi, 19 April 2013.
  11. Israeli general says al Qaeda’s Syria fighters set up in Turkey”, par Dan Williams, Reuters, 29 janvier 2014.
  12. Die türkische Armee hilft ausländischen Söldnern in Syrien einzudringen“, Voltaire Netzwerk, 25. März 2014,; „Die türkische Armee zerstört ein syrisches Jagdflugzeug“, Voltaire Netzwerk, 25. März 2014, » ; « Le Conseil de sécurité refuse de condamner l’attaque turco-terroriste de Kassab », Réseau Voltaire, 22, 23 mars et 4 avril 2014.

Die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit der Anti-Friedensbewegung:

Gedanken zur Europawahl

von Eifelphilosoph

Freitag, 23.5.2014,  Eifel. Sehr seltsame Erscheinungen erblühen gerade in Deutschland. Äußerst seltsame Erscheinungen, die von einer weitgehenden Vernichtung linken Geistes in Deutschland zeugen …. weshalb alle Merkel oder AfD wählen … oder gleich ganz zu Hause bleiben. Wovon ich spreche?

Nun – ist gibt eine Friedensbewegung in Deutschland: Montagsdemos genannt. Montagsdemos kennt man – die haben Tradition. Angesichts einer neu eintretenden Kriegsgefahr mitten in Europa versammlen sich Menschen auf den Straßen, die für den Frieden sind: früher haben das Millionen gemacht, bis die Friedensbewegung in der Partei der “Grünen” aufging, die dann die ersten Bomber seit Hitler ins Ausland schickten. Ich denke – das hat bis heute keiner so richtig verdaut, ebenso wenig, wie man verstanden hat, wieso GERADE die SPD den Sozialstaat massakriert (schlimm), die Finanzmärkte reguliert (superschlimm und richtig teuer) und ebenfalls Bomber ins Ausland schickt (einfach nur widerlich): früher hatte man gerade SPD und Grüne gewählt, damit all´ dies nicht geschieht – jetzt muss man wohl Angela Merkel wählen, um das alles zu verhindern. Na ja – das erklärt vielleicht ihren Erfolg.

688870_web_R_K_B_by_Sabine und Dietmar Schneidewind_pixelio.deJa – bleiben wir mal auf dem Teppich. Wer hat die erste Frau ins Kanzleramt geschickt? Die CDU. Wer hat die Wehrpflicht abgeschafft? Die CDU. Wer hat den ersten Schwulen als Vizekanzler eingesetzt? CDU und FDP. Wer hat die Panzerflotten des Kalten Kriges abgebaut? Die CDU. Wer hat aus Deutschland ein ausländerfreundliches Einwanderungsland gemacht? Die CDU. Wer hat einen Vietnamesen zum deutschen Außenminister gemacht? Die CDU. Wer hat einen Behinderten (auch noch Rollstuhlfahrer) zum zweitmächtigsten Mann in Deutschland gemacht? Die CDU. Wen wählen wir Linken also bei der Europawahl?

Gemein, die Frage, oder? Sie ist aber wichtig, um vor diesem Hintergrund aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen zu verstehen. Bleiben wir einfach mal bei den aktuellen Friedensdemos, die – angstoßen von der Ex-Grünen Jutta Ditfurth und auf breiter Front unterstützt von allen bedeutenden Medien von rechts bis links – inzwischen fast schon als fünfte Kolonne der NPD gelten. Es wäre schön, wenn es so wäre: denn dann wäre die Kritik berechtigt.

Je mehr man sich aber mit “KenFM”, Jürgen Elsässer und Lars Mährholz beschäftigt, umso weniger NDP bleibt da übrig. Lars Mährholz entpuppt sich als weitgehend unpolitischer Mensch, der – wie viele andere auch – nach Natobomben in Kosovo, Afghanistan, Lybien und Irak, nach Weltwirtschaftskrise und NSA-Skandal die Nase voll hat – wie viele andere auch. Wie viele andere auch sucht er nach Gründen für die seltsamen Deformationen in unserer Alltagswirklichkeit, die sich mit einfachen “Links-rechts”- Schemata nicht mehr erklären lassen … sonst müßten ja jetzt auch alle Linken Merkel wählen, deren Regierung viele linke Forderungen der Siebziger erfüllt und Minderheiten Anteil an der Macht gegeben hat (siehe oben).

“KenFM” genießt bei mir keine großen Sympathien, weil ich ihn kaum kannte, nur einmal bei einem Interview erlebt hatte und seine Art nicht schätze. Im Zusammenhang mit Jutta Ditfurths Kritik habe ich mich häufiger und näher mit ihm beschäftigt – und bislang … neben einer leicht missverständlichen, schnodderigen Art … nur urlinke Positionen gefunden. Also: wenn der Mann nicht links ist – wer denn dann? Wie oft soll der sich noch von rechten Gedankengut distanzieren, dass man ihm nur nachweisen kann, wenn man Beweise an den Haaren herbeizieht? Sein “Antisemitismus” hält sich dann auch in jenen Grenzen, der für Linke üblich ist – und für den die auch schon mal Juden in der BRD ermordet haben (siehe Zeit)

Vor “Compact” bin ich mehrfach gewarnt worden und beschäftige mich deshalb nicht so sehr damit, allerdings bin ich im Rahmen der Strafanzeige von Jürgen Elsässer gegen Jutta Ditfurth auf Wunsch von Jutta losgezogen (wie viele andere ihrer Fans) und habe nach explizit antisemitischen Äußerungen gesucht. Als bekennender “Israel-Versteher” dachte ich: das wäre ein leichtes, Antisemitismus in Form von unausgewogener Israelkritik finde ich in Deutschland an jeder Ecke … nur leider nicht bei Jürgen Elsässer. Eine Stunde Google-Suche … und kein Hinweis – trotz dutzender Unterstellungen, dem wäre so. Juttas “Fan-Club” trägt zwar fleißig viel Material zusammen (und beständig mehr bezichtigen ihn als “Antisemiten” – als ob Rufmord nun Volkssport sei) – aber nicht ein einziger Beweise für seinen Antisemitismus kommt zutage. Na – vielleicht sind die geheim oder nur zu erkennen, wenn man einen Aluhut trägt … ich aber fange an mich an Zeiten zu erinnen, wo solche Strategien schon mal gefruchtet haben.

484861_web_R_by_Dieter Schütz_pixelio.deDie ersten Opfer waren “Hexen”, danach folgten “Kommunisten”, später dann “Juden”. Alles im Prinzip feine Menschen – wenn man nur mal MIT ihnen geredet hätte, anstatt ÜBER sie.

“Faschismus” ist eben nicht nur eine Frage von politischen Meinungen oder eine Frage von Uniformen, sondern eine Frage des Umgangs mit dem politischen Gegner. Ich zitiere aus der Studie über gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, die seinerzeit für viel Aufregung in Deutschland gesorgt hat … weil wir dabei nicht gut weg kommen, siehe Studie zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, Uni Bielefeld:

Die humane Qualität einer Gesellschaft erkennt man nicht an Ethikdebatten in Feuilletons meinungsbildender Printmedien oder in Talkshows, sondern an ihrem Umgang mit schwachen Gruppen. Diese drückt sich in vielerlei Hinsicht aus:

Ein zentrales Motiv steht hinter diesen Erscheinungsweisen, Instrumentalisierungen und Entwicklungen: Das Bestreben, die Ungleichwertigkeit von Gruppen und ihrer Mitglieder aufrechtzuerhalten oder gar auszubauen, um letztlich die Position der eigenen Gruppe abzusichern. Abwertung und Ausgrenzung dienen diesem Ziel.

Zum besseren Verständnis:

Ökonomische Umverteilungen von unten nach oben, Entfernungen aus dem öffentlichen “Verkaufsraum”, Generalverdächtigungen gegenüber Lebensstilen oder religiösen Überzeugungen ganzer Gruppen sind nur einige Varianten. Auch werden einige Gruppen gegen andere instrumentalisiert oder als Bedrohungspotential auf die öffentliche Tagesordnung gehoben. Eine andere Variante ist, die Situation schwacher Gruppen gar nicht erst zu thematisieren, sie also aus der öffentlichen Wahrnehmung und Diskussion auszuschließen, zu vergessen, um nicht über Verbesserungen ihrer Lage nachdenken zu müssen. Klammheimlich kann hier auch die “Schuldumkehr” einsetzen, die die Ursachen für Abwertungen – quasi als Entlastung für die Gesellschaft – einer abgewerteten Gruppe selbst zuschreibt.

Hier sind wir mit einer bemerkenswerten Ungleichzeitigkeit konfrontiert. Auf der einen Seite werden von der Politik durchaus Anstrengungen etwa zur rechtlichen Gleichstellung bzw. Anti-Diskriminierung unternommen. Auf der anderen Seite sind deren Effekte offenkundig nicht hinreichend für eine deutliche Veränderung von Einstellungen in der Bevölkerung und für ein besseres Zusammenleben von Gruppen. Auch werden ‘neue’ Gruppen als Adressaten von Abwertung und Ausgrenzung entdeckt, z.B. Langzeitarbeitslose oder Muslime.

Das sollte man sich genau durchlesen. Die Studie ist älter, so daß die “Neurechten” noch nicht auftauchen – jene “Neurechten”, die als kleinsten gemeinsamen Nenner nur den Wunsch auf Frieden haben. DESHALB stehen die Menschen dort – und nicht um Adolf Hitler zum Messias zu erklären. Die Hypothesenkette, dort würde auch das US-Finanzsystem (vor allem die in Privatbesitz befindliche Bundesbank FED) angegriffen (Ursachen der letzten Wirtschaftskrise schon vergessen?), welches vor allem mit dem Namen Rothschild in Verbindung steht, der ja Jude sei weshalb alle Kritik am US-Finanzsystem automatisch Antisemitismus ist … ist selbst eine rechtsradikale Theorie, die so im Zusammenhang von Vertretern der Friedensdemos nie geäußert wurde – nur für die Antifriedensbewegung ist dies schlüssig. Das die Antifriedensbewegung durch die Akzpetanz dieser Hypothesenkette selber Antisemitismus betreibt, fällt in einem antisemitisch geprägten Land kaum noch auf: das grausige Urbild des “reichen Juden” geistert halt immer noch durch linke Hirne, wird dort – und NUR dort – vollständig akzeptiert und deshalb wird auch NUR DORT Kapitalismuskritik SOFORT als Antisemitismus gedeutet.

Anderen als Antisemiten ist klar, dass Juden eine verschwindend kleine Minderheit bei den Reichen bilden, die Mehrzahl sind weiße, angelsächsische Protestanten: die Oberschicht der USA.

Was erleben wir also hier? Die Schaffung eines künstlichen Bedrohungspotentials durch Generalverdächtigungen: was Arbeitslose und Muslime erdulden mussten, wird jetzt auf “nonkonforme Gesellschaftskritiker” ausgedehnt.

Warum?

Der Grund ist einfach zu benennen: weil sie SCHWACH sind. Das zeichnet “gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit” im Kern aus: Hetzjagd auf Schwache machen. Nichtparteikonforme Systemkritik hat keinerlei Unterstützung von Seiten etablierter, reicher Oberschicht, sie sind also ARM und SCHWACH: das ideale Ziel für den Mob, schon seit Jahrhunderten.

Wenn ein (mir persönliche eher unsympathischer) Jürgen Elsässer sich hinstellt und sinngemäß behauptet, es gehe im 21. Jahrhundert nicht mehr um den Kampf “links” gegen “rechts” sondern um den Kampf “oben” gegen “unten”, dann beschreibt er nichts anderes als den Kampf der Reichen gegen die Armen (den auch Magazine wie der Spiegel gelegentlich schildern, ohne jedoch politische Konsequenzen daraus zu ziehen), der zu den oben beschriebenen Verschiebungen im politischen Alltag führt, wo eine CDU klassische linke Forderungen in die Tat umsetzt … weil “links” aktuell völlig unbedeutend ist.

Und ich muss KenFM (anstatt Jutta Ditfurth) lesen, um Informationen zu erhalten, die ich fast übersehen hätte, siehe Handelsblatt:

„Wir meinen: taz lesen und AfD wählen ist voll ok!“, schreibt die Partei zunächst. Die „taz“ sei eine „Bereicherung für unsere Medienlandschaft“, so wie die AfD eine „Bereicherung für unsere Parteienlandschaft“ sei. Danach heißt es dann: „Deshalb wollen wir die taz unterstützen und die wegen unserer Anzeige verlorenen gegangenen Abos symbolisch ersetzen.“ Dann fordert die AfD die User auf zu schreiben, warum „taz-Lesen und AfD wählen voll ok“ sei – und verspricht, dass unter den „überzeugendsten, klügsten, witzigsten, originellsten Antworten“ drei „taz“-Abos für jeweils ein Jahr verlost würden.

Die Begründung der taz für die Schaltung der Anzeige ist in der Tat einleuchtend, siehe Handelsblatt:

Die Alternative für Deutschland (AfD) hat in der links-alternativen tageszeitung eine Anzeige zur Europawahl geschaltet. Dier harsche Kritik an der taz in den sozialen Medien konterte die Zeitung mit dem Bekenntnis: „Wir sind eben käuflich.“

Es lohnt sich, noch ein wenig tiefer zu graben – weil wir uns dem Kern des Problems nähern – wir wollen ja auch verstehen, warum die AfD GERADE in der taz Werbung macht.

Wir könnten uns eine Ablehnung finanziell leisten. Wir nehmen das Geld aber lieber, um damit guten Journalismus zu machen.

Das Handelsblatt selber ergänzt den Eintrag aus dem TAZ-Hausblog:

Interessant wäre freilich zu wissen, wie viele der Beschwerdeführer bei Twitter tatsächlich ein taz-Abo besitzen …

633239_web_R_K_by_sokaeiko_pixelio.deMerken Sie, wo die Front verläuft – die große soziale Front des 21. Jahrhunderts? Es ist nicht mehr die des 20. Jahrhunderts, wo Frauen, Behinderte, Schwule oder Ausländer prinzipiell zu den Ausgegrenzten gehören. Im 21. Jahrhundert sitzen die in der Regierung (dank CDU!), die neuen Opfer der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit sind ARME und SCHWACHE. Arbeitslose, Moslems oder “Neurechte”.  Was das Handelsblatt hier andeutet, ist klassische AfD-Position: Wahlrecht, Stimmrecht, Recht auf Meinungsäußerung nur noch für Reiche und die dem Reichtum zuarbeitende Schicht (näheres zur AfD-Position auch im taz-Hausblog) … und kritisieren darf nur noch, wer für das Abo zahlt.

Auf der einen Seite haben wir die Reichen (die sich mit der AfD eine neue, NICHT-nationalsozialistische Elitepartei schaffen, die taz-Linke ohne weiteres intergrieren kann), auf der anderen die Armen – und Schwachen.

Auf der einen Seite die, die Meinung bilden (durch Geld, mit Geld, von Geld und für Geld) – und auf der anderen Seite jene, von denen man verlangt, sie bedingungslos und ohne zu hinterfragen zu schlucken: diese Ansicht teilen sich rechte wie linke Eliten.

“Links” oder “Rechts” spielt da gar keine Rolle mehr … und ich denke, alte Fans von den “Ur-Grünen” oder der ehemaligen sozialdemokratischen Partei merken das gerade genauso wie erzkonservative in Bayern, die den Kurs der CDU nicht mehr verstehen.

In der neuen Auseinandersetzung sind Frauen, Ausländer, Schwule oder Behinderte GUT, wenn sie REICH sind. Auch LINKE sind GUT, wenn sie REICH sind – weshalb man bei den reichen Linken von der TAZ als AfD auch gerne mal eine Anzeige schalten kann.

Was heißt das nun für die Europawahl?

Hier ist der alte Traum der AfD von der Herrschaft der Elite schon längst Realität geworden, denn: WÄHLEN können sie dort NUR NOCH DIE ELITE. Sie können ein wenig beeinflussen, ob es rechte Elite mit Porsche ist oder linke Elite mit Porsche. Und EGAL wen sie wählen: wer immer dann im Parlament sitzt, ist AUTOMATISCH REICH! Sie werden also nicht umhin kommen, Porschefahrer zu wählen: das ist alternativlos.

Alternativlos wie die nicht endene Reihe von Menschenjägereien in Deutschland, die aktuell ein neues Ziel haben, auf das rechs wie links einschlagen: Friedensdemonstranten, deren größter Fehler es ist, dass sie SCHWACH sind.

Auf der anderen Seite haben wir die Antifriedensbewegung, eine Hassbewegung, die vor allem eins will: ihren eigenen Lebensfrust an anderen auslassen, die schwach wirken. Da kommen die regierungs- und medienkritischen Demonstranten gerade recht, denn wer gegen die vorgeht, kann automatisch mit BREITER SYMPATHIE von Regierung und Medien rechnen, wird wieder eingeladen auf die in der reichen Oberschicht so begehrten Sessel vor den Kameras … und erhascht dann vielleicht ja doch mal ein Pöstchen im Apparat.


Quelle: NACHRICHTENSPIEGEL – Der Eifelphilosoph

Bild 1: Sabine und Dietmar Schneidewind / pixelio.de

Bild 2: Dieter Schütz / pixelio.de

Bild 3: sokaeiko / pixelio.de

Beitragsbild: Martin Kraft  / pixelio.de

Eine Karikatur des Islam: “Der islamische Faschismus”

von Dr. Ludwig Watzal

Hamad_CoverDer Deutsch-Ägypter Hamed Abdel-Samad hat mit diesem Buch eine antiislamische Kampfschrift vorgelegt, die perfekt den antimuslimischen Zeitgeist der deutschen Mehrheitsgesellschaft trifft. Darin werden äußerst provokante antiislamische Thesen vertreten. Von einer Analyse zu sprechen, wäre verwegen. So habe „faschistoides Gedankengut nicht erst mit dem Aufstieg der Muslimbrüder Eingang in den Islam gefunden“, sondern dieses liege bereits „in der Urgeschichte des Islam begründet“. Für den Autor begann bereits alles mit dem Propheten. Dieser war aber alles andere als ein Monster, wie der Autor glauben machen will. Mohammad hatte viele Freunde unter Christen und Juden. Der Islam habe die „religiöse Vielfalt auf der arabischen Halbinsel beendet“, verlange von seinen Anhängern absoluten Gehorsam, dulde keine andere Meinung und strebe nach Weltherrschaft, so der Autor weiter. Wer als gelernter Muslim ein solches Zerrbild über seine frühere Religion der westlichen Öffentlichkeit vermittelt, dem fällt es auch leicht, von „Islamo-Faschismus“ zu sprechen.

Der Autor übernimmt diesen Kampfbegriff, den neokonservative und islamophobe Autoren im Dunstkreis der Neokonservativen in den USA kreiert haben, um nicht nur eine mächtige politisch-religiöse Strömung zu diskreditieren, sondern den Islam in Gänze. Der Islam ist nicht aggressiver als andere Religionen auch. In jeder Religion gibt es Extremisten, sei dies im Christentum, Judentum (zionisitische Siedler), Hinduismus, die Buddhisten in Myanmar usw. Faschistisch werden Teile des Islam dort, wo sie vom Wahabismus, der extremistischen Staatsreligion Saudi-Arabiens, infiziert ist. Salafisten und Dschihadisten sind die Wiedergänger dieser wahabitischen Ideologie. Die Diktatur der Al-Saud ist ein enger Verbündeter und Freund der USA. Liegen nicht dort die wirklichen Wurzeln des „Islamo-Faschismus“? Der Salafismus im Allgemeinen hat nichts mit Faschismus zu tun; er ist ein Kind der Nahda (Renaissance) – einer Bewegung, welche die Moderne mit dem Islam in Einklang bringen will.

Abdel-Samad leistet mit seinen simplifizierenden Thesen für den deutschsprachigen Raum ganze Arbeit. Er popularisiert eine Karikatur des Islam und des Islamismus und verstärkt damit die Ressentiments gegen diese Religion im deutschsprachigen Raum. Der politische Islam, auf den es Abdel-Samad abgesehen hat, ist aber eine relativ junge Bewegung. Entstanden ist sie als Reaktion auf den Kolonialismus und die damit einhergehende Verelendung großer Teile der Bevölkerungen in der islamischen Welt. Selbst der politische Islam ist keine monolithische Bewegung. Er umfasst Al-Kaida in all ihren Schattierung, aber auch das Erdogan-Regime in der Türkei. Wer nach der Gleichung – Islam – politischer Islam = Faschismus – operiert, landet zwangsläufig beim „Islamo-Faschismus“.

Diese abgestandene These vom „Islamo-Faschismus“ erfasst aber nicht das Wesentliche der politisch-ideologischen Strömungen in der islamischen Welt, sondern trägt nur zu einer Verharmlosung und Relativierung der Massenverbrechen im Europa des 20. Jahrhunderts durch den Faschismus bei. Was bringt es an Erkenntnisgewinn, wenn er die Ähnlichkeiten aufzählt, die es vielleicht in Teilen tatsächlich gibt? War nicht Winston Churchill auch ein Bewunderer Hitlers und Mussolinis, bis er deren teuflisches Wesen und Taten durchschaut hat? Waren nicht die revisionistischen Zionisten vom italienischen Faschismus begeistert?

Das Buch ist seiner Mutter gewidmet, die Hamed den Rat gab, es nicht zu veröffentlichen. Nachdem der Autor seine anti-islamischen Thesen Anfang Juni 2013 in Kairo vorgetragen hatte, erhielt er Morddrohungen in Form einer Fatwa – ein islamisches Rechtsgutachten. In Ägypten gibt es nur eine Institution, die eine „Fatwa“ aussprechen darf, und zwar das 1895 gegründete „Ägyptische Haus der Fatwa“. Diese Institution wird vom Großmufti von Ägypten geleitet. Sie ist neben der Al-Azhar-Universität die wichtigste islamische Einrichtung. Von ihrer Seite liegt gegen Abdel-Samad keine „Fatwa“ vor. Welcher Obskurant auch immer die angebliche Fatwa gegen den Autor ausgesprochen haben könnte, stellt sie eine Privatmeinung dar und hat keinerlei Rechtsverbindlichkeit. Abdel-Samad sollte aufhören, mit dieser „Fatwa“ in den Talkshows zu kokettieren.

Mehr als dubios bleibt auch die Im November 2013 gemeldete „Entführung“ des Autors. So schnell er verschwunden war, so schnell tauchte er jedoch wieder auf. War dies nur ein dilettantischer PR-Gag, um auf sich aufmerksam zu machen? Einem größeren Kreis wurde Abdel-Samad durch eine skurrile „Deutschland-Safari“ bekannt, die er mit Henryk M. Broder und dessen Hündin Wilma auf Kosten des Gebührenzahlers gemacht hat. Auch auf der darauffolgenden „Europa-Safari“ spielte Hamad Broders folgsamen Diener. Zu einer “Gaza-Safari” wollten die beiden dann doch nicht mehr aufbrechen.

Das Anliegen Abdel-Samads wäre wesentlich glaubwürdiger ausgefallen, hätte er sich nicht von den neokonservativen Scharfmachern instrumentalisieren lassen und die These vom „Islamo-Faschismus“ als lukratives Geschäftsmodell entdeckt. Viele Auswüchse des Islam und Islamismus sind in der Tat kritikwürdig, aber mit der Faschismus-Keule wird das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Im ersten Kapitel werden unter Bezugnahme auf Umberto Eco einige Eckpunkte des Ur-Faschismus versucht zu konstruieren und sodann eine mehr als gewagte Schlussfolgerungen gezogen, die viel über Abdel-Samads politische Intention und ideologische Stoßrichtung des Buches offenbaren. „Da, wo der islamische Faschismus die Macht übernommen hat, wie im Iran, im Sudan, in Nigeria, Somalia und Gaza sind brutale Diktaturen entstanden, die ihre Macht bis heute nicht wieder abgegeben haben. Da, wo der Islamismus vom ‚Regierungssessel‘ verdrängt wurde, verwandelten sich die Islamisten in Terroristen und überzogen ihre Länder mit Gewalt und Verwüstung wie in Algerien, Afghanistan, Mali und Libyen. Ein Schicksal, das nun auch Ägypten und Syrien droht.“ Warum wird Irak nicht erwähnt? Dort haben die US-Amerikaner einen großen Erfolg zu verbuchen, sie hinterließen 1,5 Millionen tote Iraker. Von dem Unheil, das die Bush-Krieger über dieses Land gebracht haben, gar nicht zu reden.

Mit diesen salopp dahin geschriebenen Zeilen zeigt der Autor, dass er nicht nur undifferenziert denkt, sondern schon gar nicht bereit ist, die wirklichen Verursacher für diesen „Terrorismus“ beim Namen zu nennen. Wer hat zum Beispiel Länder wie Afghanistan, Libyen, Ägypten, Mali oder Syrien mit Gewalt, Verwüstung und Zerstörung überzogen? Waren es nicht die gewaltsamen völkerrechtswidrigen Überfalle des Westens und die Kooperation mit den fundamentalistischsten Despotien wie zum Beispiel Saudi-Arabien oder den protzigen Kataris, die dafür ursächlicher waren? Wer in Iran „islamischen Faschismus“ und „Faschismus als Staatsdoktrin“ diagnostiziert, offenbart seine Ahnungslosigkeit über das Funktionieren des dortigen politischen Systems.

Da der Islam seit seiner Entstehung faschistoide Neigungen zeigt, scheint folglich jede Erscheinungsform des Islamismus ebenfalls von dieser Ideologie „infiziert“ zu sein. Auf der Grundlage dieser verqueren Sichtweise schreibt Abdel-Samad: „Die Muslimbruderschaft weist seit ihrer Gründung im Jahr 1928 faschistische Züge auf. Wie alle faschistischen Bewegungen handelt sie mit zwei Waren: Wut und Blut.“ Und weil sie den Propheten als ihren Anführer, den Koran als die Verfassung, den Dschihad als Weg und das Sterben für Allah als Ziel sehen, mache sie zu einer „faschistoide(n) Organisation“. Deshalb gelte: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns, (und so) kann man in der Muslimbruderschaft auch die Mutterorganisation des islamistischen Terrorismus sehen. Al-Qaida ist eine ihrer Ausgeburten.“

Als gelernter Muslim und studierter Politologe hätte Abdel-Samad eigentlich wissen müssen, dass die Muslimbruderschaften zu Beginn eine konservative Erneuerungsbewegung gewesen sind. Es gibt im Islam eine Vielzahl von Orden, Bruder- und Schwesterschaften, von den verschiedenen Sufis und Kulturclubs über politische Organisationen wie die Assassinen bis hin zu “liberalen Muslimen”, die die unterschiedlichsten Ziele verfolgen. Dass irgendeine dieser Organisationen dem Faschismus nacheifert, ist nicht bekannt. Wären die Muslimbrüder, die in Ägypten durch demokratische Wahlen an die Macht gekommen sind, tatsächlich „Faschisten“ gewesen, wären sie selbst mit dem Militär anders umgegangen. In den ersten Jahrzehnten hat die Muslimbruderschaft in der Art von Volkshochschule-Kursen unverschleierten Frauen Unterricht erteilt!

Jedem promovierten Politologen ist bekannt, dass der Islamismus keine völkische und rassistische Ideologie ist, folglich ethnisch-nationale Kategorien irrelevant sind. Darüber hinaus ist der Islam egalitär und universell und gerade nicht nationalistisch wie der Faschismus. Stammt nicht der Ausspruch „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“ von George W. Bush? Haben nicht die CIA, der pakistanische und saudi-arabische Geheimdienst Al-Qaida erst geschaffen? War nicht deren Terror ursächlicher als der islamistische? Hat nicht Bush die Welt ebenfalls in Freund und Feind eingeteilt? Als die Mujaheddin gegen die sowjetischen Besatzer kämpften, wurden sie von den USA und dem Westen als „Freiheitskämpfer“ verhätschelt, als sie sich gegen die Besatzer aus den USA und dem Westen wandten, mutierten sie zu „Terroristen“. Der Autor lag noch in den Windeln, als US-Präsident Jimmy Carters Sicherheitsberater Zbigniew Brzeziński sich mit der Kalaschnikow bei den Mujaheddin in Afghanistan in Pose warf.

Wer Vergleiche mit dem Nationalsozialismus anstellt, liegt meistens knapp daneben. So wagt Hamad-Samed doch allen Ernstes Folgendes gleichzusetzen: „Viele Leute sagen, der Faschismus ist für den Tod von sechs Millionen Juden verantwortlich. Erstens: Die Messlatte für den Faschismus darf nicht bei sechs Millionen Toten liegen. Und wenn man die Opfer der Islamisten zusammenzählt kommt man ebenfalls auf Millionen: Die Opfer des iranischen Regimes, hingerichtet, zu Tode gefoltert, Hunderttausende. Die Opfer des algerischen Bürgerkriegs, der von Islamisten entfesselt wurde, die Opfer des afghanischen Bürgerkriegs, der von Islamisten entfesselt wurde, die Opfer des irakischen Bürgerkriegs, die Opfer des Krieges in Syrien, Sudan, Somalia, Jemen. Dazu die Opfer von über 40.000 Terroranschlägen, die in den letzten 20 Jahren verübt wurden mit hundertausenden von Toten, die meisten von ihnen übrigens Muslime – da kommt man fast auf sechs Millionen!” Das Fazit des Politologen: Der Islamismus habe vielleicht nicht die gleiche Vernichtungsmaschinerie wie der Nationalsozialismus, aber die gleiche Geisteshaltung, und er verfolge die gleichen Ziele. Wie schon bei früheren Vergleichen hat auch hier der Autor die Millionen Toten vergessen, welche die USA und ihre Verbündeten bei ihren jüngsten Eroberungskriegen hinterlassen haben.

Für den Autor verfolgt der Islamismus immer die gleichen Ziele: Sobald die Islamisten an der Macht seien, wollten sie die islamistische Gesellschaftsordnung durchsetzen, die Scharia einführen und letztendlich die Welt erobern. Der Islam sei nicht reformierbar, weil er alles als Wort Gottes ansehe, was im Koran stehe. Den Islamismus hält der Autor – im Gegensatz zu anderen Experten – für schwach, darin liege aber auch seine Gefährlichkeit. Die Islamisten glaubten nicht an die Reformierbarkeit ihrer Gesellschaften durch wirtschaftliche und politische Pläne, weil die Souveränität bei Gott und nicht beim Volk liege.

Natürlich darf ein Kapitel über „arabischen Antisemitismus“ nicht fehlen. „Nirgendwo ist der Antisemitismus so stark ausgeprägt wie in der arabischen Welt“ schreibt Abdel-Samad. Als zentrale Figur wird immer wieder der Großmufti von Jerusalem, Amin al-Husseini, als Kronzeuge genannt. Es ist nicht zu leugnen, dass der Mufti ein Judenhasser war und von Berlin aus die Muslime in Palästina gegen die dort lebenden Juden aufhetzte. Zu welchen grotesken Schlüssen es führen kann, wenn man mit ideologischer Voreingenommenheit an den Untersuchungsgegenstand herangeht, haben Barry Rubin und Wolfgang G. Schwanitz in ihrem soeben erschienen Buch „Nazis, Islamists, and the Making of the Modern Middle East“ demonstriert.

Der Vergleich zwischen Faschismus und Islamismus wirkt nach Lektüre dieses Buches deplatziert und wenig überzeugend. Meinte der Politologe vielleicht „Totalitarismus“ und nicht Faschismus? Mit diesem Buch wird das lodernde Feuer der Islamophobie weiter angefacht. Neben den Kriegen des Westens gegen den Islam, werden sich nicht nur die Minderheit der faschistoiden Islamisten von diesem Buch vor den Kopf gestoßen fühlen, sondern auch die Mehrheit der gemäßigten Muslime. Ein Bärendienst für den Islam und eine Irreführung der deutschen Öffentlichkeit.


Autor Dr. Ludwig Watzal:

Dr. Ludwig Watzal hat nach der Lehre als Großhandelskaufmann das Abitur am Theodor-Litt-Kolleg in Kassel absolviert. Danach schloss er das Studium der Politischen Wissenschaft am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin (Dipl. Pol.); der Internationalen Beziehungen an der University of Pennsylvania in Philadelphia (M.A.); der Philosophie an der Hochschule für Philosophie S. J. in München (M.A.); und der Katholischen Theologie in Würzburg ab. Als wiss. Mitarbeiter für Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen an der Universität der Bundeswehr in München konnte er seine Promotion zum Dr. phil. ebenda abschließen. 2000 – 2006 erhielt er den Lehrauftrag in Politikwissenschaft am Seminar für Politische Wissenschaften der Universität Bonn.  Zur Zeit arbeitet er als Redakteur und freier Journalist, schreibt Fernseh- und Radiokommentare und hält Vorträge zu Israel und Palästina, zur deutschen und amerikanischen Außenpolitik, zu entwicklungspolitischen Themen und zur Europäischen Integration.

Beitragsbild: Dieter Schütz  / pixelio.de

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