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Krieg_Erster_Zweiter_Weltkrieg_Imperialismus_Kapitalismus_NATO_Propaganga_Faschismus_Voelkermord_Voelkerrecht_1984

Friedensappell von Eugen Drewermann in Berlin, 13.12.2014

von Ken Jebsen

Stellen Sie sich vor es ist Krieg, und nur Gauck geht hin.

Die Bundesrepublik hat sich 25 Jahre nach Mauerfall zum drittgrößten Rüstungsexporteur der Welt hochgearbeitet. Der Tod ist erneut ein Meister aus Deutschland. Aktuell „verteidigen“ deutsche Bundeswehr-Soldaten an 17 Standorten außerhalb der Republik „unsere Werte“. Geht es nach Bundespräsident Gauck, Kanzlerin Merkel und Kriegsministerin von der Leyen, lässt sich diese Präsenz noch einmal deutlich steigern. Alles was diese Personen dafür benötigen, ist ein omnipotentes Feindbild. Da kommt der Konflikt in der Ukraine und die daraus behauptete Aggression Russlands gerade recht. Um was geht es wirklich? Es geht darum, dass auch dieses Land seine Rüstungsausgaben steigert und in Zukunft 2% des Brutto-Sozial-Produktes in die Anschaffung neuer Waffensysteme investiert. So wünscht es sich die NATO. Deutschland steht Gewehr bei Fuß und verkauft das der eigenen Bevölkerung dann als „alternativlose friedenssichernde Maßnahme“.

Alles was man mit Gewalt erringt, kann man nur mit Gewalt behalten, und so muss man das größte Militärbündnis der Welt als ein unverzichtbares Werkzeug des Turbokapitalismus enttarnen. Diese Wirtschaftsform ist ohne Unterdrückung und damit ohne Gewalt nicht zu haben. Die Systemgewalt des Kapitalismus geht nahtlos über in den Faschismus.

Ein breites Friedensbündnis aus klassischer und neuer Friedensbewegung nutzte den 13.12., um gemeinsam auf diese aggressive Politik aufmerksam zu machen und für den Frieden in Europa zu demonstrieren. Der Demonstrationszug vom Berliner Hauptbahnhof zum Amtssitz von Gauck, Schloss Bellevue, verzeichnete über 4000 Teilnehmer. KenFM zeigt die ergreifende Abschlussrede von Eugen Drewermann, der sich genau wie Joachim Gauck dem Christentum verschrieben hat, nur dass er andere Akzente setzt, statt „Auge um Auge, Zahn um Zahn“: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ und „Du sollst nicht töten“.


Textquelle: KenFM das Politmagazin

Beitragsbild: „Warum gibt es eigentlich Kriege?“ – www.qpress.de

Generation_Y_by_Pete_Ashton

Generation Y

von Dr. Manfred Sohn

Eine junge Kollegin von mir sitzt gerade an ihrer Bachelor-Arbeit, die sich mit der „Generation Y“ befaßt – ihrer Generation, deren Mitglieder im Zeitraum von etwa 2000 bis 2015 zu den Teenagern zählte.

Der Begriff mag wieder so ein Kunstprodukt der Soziologie sein. In der 80er Jahren löste der damalige Professor Thomas Ziehe eine Welle von Büchern und gut dotierten Stellen im akademischen Betrieb aus, die sich fortan intensiv mit dem von ihm deklarierten „Narziß – ein neuer Sozialisations-Typus“ befaßten. Der akademische Betrieb ist in unserer Phase des Kapitalismus zunehmend in der Lage, sich selbst tragende Selbstbeschäftigungs-Themen zu erzeugen, die in abnehmenden Maße für die nichtakademische Welt noch interessant oder gar nützlich sind. Die gegenwärtig viel diskutierte „Generation Y“ jedenfalls sei, – so lernte ich durch die junge Kollegin – (wie es Wikipedia ausdrückt) „vergleichsweise gut ausgebildet, oft mit Fachhochschul- oder Universtitätsabschluß“ ausgestattet und im Internet zu Hause. Die ihr angehörigen Menschen seien aber in hohem Maße illusionslos gegenüber ihren eigenen Zukunftsperspektiven, die sie als von zunehmender Unsicherheit geprägt empfinden. Hohe Qualifikationen, die früher Garant für gesichertes Einkommen galten, koppeln sich von der Frage des späteren materiellen Lebensstandards ab.

Das ist eine interessante Entwickelung, die ein Schlaglicht auf den gegenwärtigen Stand des Kapitalismus wirft. Der ist zunehmend durch zwei gegenläufige Tendenzen gekennzeichnet.

Zum einen ist er so produktiv, daß die erwachsenen Menschen weltweit im Durchschnitt nur 20 bis höchstens 30 Wochenstunden tätig sein müßten, um sich selbst und alle auf dem Globus lebenden Kinder und Alten mit Wohnraum, Kleidung, Nahrung, Fortbewegungsmitteln und Kulturgütern zu versorgen. Die überschießende Produktivität, die aber eben durch allgemeine Arbeitszeitverkürzung auf alle verteilt wird, fließt so ökonomisch gesprochen in Blasen aller Art. Das sind die Spekulationsblasen, in denen Vermögen als Anspruch auf spätere Leistungen gebildet werden. Das sind auch die akademischen Blasen, in denen, wie erwähnt, Wissenschaftler aller Kategorien aufgeregt, aber zweckfrei in Büchern und Kongressen irrelevante Frage eifrig debattieren.

ZukunftDie andere Tendenz aber bleibt unverändert: Kapitalismus kann diese Blasen nur erzeugen, indem er Profit bildet, von denen ein Teil durch den Staat via Steuern abgeschöpft wird. Profit – sein inneres Treibmittel – läßt sich durch die einzelnen Unternehmen nur erzielen, wenn die einzig mehrwertbildende Ware, die Ware Arbeitskraft, so lange wie möglich im kapitalistischen Produktionsprozess vernutzt wird. Also gibt es für diejenigen, die Arbeit finden, die ständige Anforderung, möglichst lange Arbeitstage abzuliefern. Teilzeitarbeit ist tendenziell daher im Kapitalismus immer prekär und längere Auszeiten – zum Beispiel zur Kindererziehung – sind dem Kapital nur über gesetzlichen Zwang abzutrotzen. Diese Aufspaltung in einen Bevölkerungsteil, der sich überarbeitet und einen anderen, der von Arbeit freigesetzt wird, wie es so schön heißt, ist also systemimmanent. Diese Tendenz ist in unseren Zeiten dank der Fortschritte durch die Mikroelektronik so ausgeprägt, daß vor allem Jugendliche in wachsender Zahl vom Kapital nicht mehr benötigt werden. Also steigen in allen kapitalistischen Ländern die Zahlen der dauerhaft Arbeitslosen und hier vor allem der jungen Arbeitslosen an. Das ist die Grundströmung, die sich im Bewußtsein der erwähnten „Generation Y“ als Zukunftsunsicherheit widerspiegelt.

Die wohlhabenden Länder, zu denen die Bundesrepublik Deutschland gehört, entwickeln verschiedene Programme, um diesen Widerspruch wenn nicht zu lösen, so doch politisch zu entschärfen.

In einer Wohngemeinschaft vorwiegend junger Menschen, der ich kürzlich eine Weile angehören durfte, gab es zwei hochintelligente Mitglieder dieser „Generation Y“, die staatliche Gelder dafür bekommen, Forschungsprojekte mit dem Ziel durchzuführen, am Schluß einen Doktortitel vor ihren Namen hängen zu können. Der eine erforscht Urwälder in der Slowakei, die andere das Verhalten von Fledermäusen in Weißrußland. Kapitalistisch verwertbar wird beides vermutlich nicht sein. Aber beide arbeiten – nachdem sie die Hürden der oft unsinnigen, manchmal kleinlich-unwürdigen Bewerbung um die Dissertationsstipendien genommen hatten – begeistert an ihren Forschungen. Ihre Themen, vor allem aber die Tatsache, daß sie nach dem Hürdenlauf mit schmalen Budget ihre Arbeitskraft für zwei bis drei Jahre nicht mehr woanders verkaufen müssen,  erinnern an einen verkrampften Vorgriff auf Marx‘ Traum von einer Zukunft, in der jeder unabhängig von äußeren ökonomischen Zwängen den Tätigkeiten nachgehen könne, nach denen ihm oder ihr gerade der Sinn steht. Die staatlich dafür aufgewendeten Gelder sind so gewaltig nicht. Sie entsprechen ungefähr dem, was jemand an Steuern abzuführen hat, der in unterer leitender Funktion in einem der großen Konzerne lohnabhängig tätig ist. Aus „Ver-wertungs-Sicht“ sind sie dennoch Bestandteil der sich zunehmenden bildenden Blasenökonomie. In diese Forschungen fließen Gelder, die produktiv innerhalb dieses Systems aller Voraussicht nach nicht mehr so angewendet werden können, daß sie eines Tages Profit erzeugen. Aber es sind, wenn wir so wollen, gute Blasen.

Why_Army_Soldier_VietnamkriegEs besteht die Gefahr, daß sie demnächst zerplatzen. Sigmar Gabriel und Frank-Walter Steinmeier schrieben am 1. September – welches Datum! – im „Handelsblatt“ unter dem Titel „Nicht abseits stehen“, die Welt sei „aus den Fugen geraten“ und müsse – auch mit „militärischer Unterstützung“ wieder in die Fugen gebracht werden. In den Wochen danach ist eine wohl abgestimmte Kampagne angelaufen, um den deutschen Rüstungsetat auf zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts anzuheben. Dies entspricht den Forderungen der USA und Großbritanniens, den bisher einzigen Staaten der NATO, deren Rüstungsetat diese Größenordnung aufweist. Bestandteil dieser Kampagne ist das Wehklagen über die sich häufenden Unzulänglichkeiten am militärischen Gerät, der den Hauptzweck hat, dieser Kampagne die scheinbare Gründe für die bevorstehende Aufrüstung zu liefern.

Über welche Größenordnungen reden wir hier? Unser Bruttoinlandsprodukt betrug 2013 rund 3,7 Billionen US-Dollar. Davon flossen rund 50 Milliarden in den offiziellen Rüstungsetat, mithin knapp 1,4 Prozent. Sollen es, wie Merkel und von der Leyen im Gefolge von Obama wünschen, bald 2 Prozent sein, wären das gut 73 Milliarden Dollar. Bei zur Zeit weitgehend stagnierender ökonomischer Leistungskraft müsste ein erheblicher Teil der Differenz von 23 Milliarden Dollar aus anderen Bereichen staatlicher Mittelaufwendung umgeleitet werden. Geld für Fledermausforschung gibt es dann wahrscheinlich nur noch beim Nachweis militärischer Nutzbarkeit. So wie die politischen Kräfteverhältnisse sind, wird die Umschichtung der Etats kommen. Dem diese Umverteilung vorbereitenden Trommelfeuer aus Tränen (wegen der IS-Barbarei) und Panik (weil wir nicht genug gerüstet sind für diese schreckliche Welt) gegenüber werden die parlamentarischen Parteien mehr oder weniger bereitwillig die Köpfe einziehen.

„Generation Y“ wird, wie das heute auch üblich ist, natürlich englisch ausgesprochen – das „Y“ also wie „why“. Das hat, wahrscheinlich unfreiwillig, einen tiefen Sinn. Die Namensprägung „Generation why“ erinnert angesichts der kriegerischen Zeiten, die kommen werden, an ein altes Antikriegsplakat, das einen Soldaten zeigt, der, gerade von einer Kugel getroffen, Arme und Gewehr in der letzten Bewegung seines jungen Lebens nach oben wirft. Überschrieben ist das Plakat mit einem einzigen Wort: „Why?“. Das ist, wenn nicht gewaltige Veränderungen geschehen, die wahre Perspektive dieser Generation.

Manfred Sohn


Textquelle: Kritisches Netzwerk  Vielen Dank Helmut!

Bild- und Grafikquellen:

  1. Generation Y.  Foto: Pete Ashton. Quelle: Flickr. > Foto. Creative Commons. Attribution-NonCommercial 2.0 Generic (CC BY-NC 2.0)
  2. Mann auf Karton sitzend, über die Zukunft nachdenkend. Foto: Bernd Kasper. Quelle: Pixelio.de
  3. „WHY?“ Quelle: Internetfund. Ursprünglich ein Plakat der Antikriegsbewegung gegen den Koreakrieg(?)

Zivilcourage / Widerstand

Zivilcourage

Eine Chance für unsere bedrohte Gesellschaft

Der Münchner Psychologe und Psychotherapeut Prof. Dr. Kurt Singer zeigt in seinen Überlegungen zum Problem der Zivilcourage, wie der einzelne Staatsbürger durch sein Verhalten an der Entwicklung einer friedlichen Welt mitarbeiten und damit die Auslieferung an die so genannten Systemzwänge der Machtstrukturen der organisierten Gesellschaft verhindern helfen kann. Ungerechtigkeit und Unfriedlichkeit beginnen jedoch in kleinen zwischenmenschlichen Formen des Alltags und in kleinen Strukturen der Gesellschaft, in Familien, Schulen, am Arbeitsplatz, auf der Straße im Wohnumfeld, in der Öffentlichkeit. Hier ist der „soziale Mut der Bürger“ in Form von Zivilcourage nicht minder wichtig und ist Voraussetzung für ein soziales, gerechtes, demokratisches und friedliches Gemeinwesen. Die folgenden Ausführungen basieren im Wesentlichen auf den Darlegungen zur Thematik, die Prof. Dr. Kurt Singer in vielen Aufsätzen, Vorträgen und Buchveröffentlichungen über Zivilcourage sehr eindringlich und überzeugend formuliert hat. Wir danken ihm für die freundliche Überlassung seiner Texte als Hauptquelle dieses Denkanstoßes.

von Prof. Dr. Kurt Singer

1. Die wachsende Bedrohung der Lebensgrundlagen – die Zivilgesellschaft, Bürgerinnen und Bürger sind herausgefordert, sich verstärkt politisch einzumischen

Wir können und dürfen nicht mehr darauf warten, bis sich „von oben“ etwas verändert.

  • Solange wir am Prinzip der kriegerischen Gewalt und insbesondere an der atomaren Gewalt festhalten, ist kein wirklicher Friede möglich. Aus Abschreckung entsteht nur Schrecken – auf allen Ebenen des menschlichen Lebens. Nicht „Erschrecken“ (lat. Terror) vermindert letztendlich die Bedrohung, sondern Angstnehmen.
  • Das unaufhörliche Reden und Verhandeln über Abrüstung wird erst dann glaubhaft, wenn gleichzeitig damit aufgehört wird, immer noch schrecklichere atomare, chemische und biologische Menschenvernichtungsmittel zu bauen, zu erproben und mit ihrem Einsatz zu drohen.
  • Mit dem größenwahnsinnigen Entwickeln menschenschädigender Technologien kann das menschliche Fühlen und Denken nicht mehr Schritt halten. Der technische „Fortschritt“ muss auf den Menschen als Maßstab bezogen werden. Wir brauchen eine industrielle Abrüstung auf eine Technik, die dem Menschen dient und für die Biosphäre verträglich ist.
  • Die Zerstörungsprozesse, die unsere Umwelt und die ganze Biosphäre vergiften und ausbeuten, müssen durch eine radikale Umkehr aufgehalten werden. Das damit verbundene rücksichtsvollere Leben der Menschen muss nicht Lebenseinschränkung bedeuten, sondern kann Anstoß zu sinnvoller und nachhaltiger Lebensgestaltung sein.
  • Millionenfacher Hungertod und Elend, verbunden mit extremer sozialer Ungerechtigkeit, gehören in vielen Ländern zum Alltag. Das kann sich nur ändern, wenn wir unser am Profit und nicht am Menschen orientiertes Denken verändern und sich weltweit eine andere Bevölkerungspolitik sowie eine ökosoziale Wirtschaft durchsetzt.
  • Die organisierte Verantwortungslosigkeit gehört heute zum Alltag. Sie drückt sich z. B. aus in Atommüllskandalen und Schmiergeldaffären, im Bau von Atomreaktoren und Wiederaufarbeitungsanlagen, in politischen Skandalen und Wirtschaftskriminalität, in Waffenhandel und Nahrungsmittelskandalen und vielem Anderen. Ihr muss die verantwortliche demokratische Bürgereinmischung entgegentreten.
  • Unsere globalisierte Welt mit ihren vorherrschenden Formen von Produktion und Konsum verursacht Verwüstungen der Umwelt, Raubbau an den natürlichen Ressourcen und massives Artensterben, die Kluft zwischen Arm und Reich vertieft sich, Ungerechtigkeit, Armut, mangelhafte Bildung und gewalttätige Konflikte nehmen zu und verursachen große Leiden. Aber es gibt auch Möglichkeiten der Vernetzung, das Entstehen einer weltweiten Zivilgesellschaft eröffnet neue Chancen, eine demokratische, humane Weltordnung aufzubauen.

Mögliche Überlegungen, die sich für den Einzelnen ergeben können: Nehme ich die Bedrohungen wahr, obwohl sie mich zum Teil noch gar nicht unmittelbar berühren? Welche Gefahren ängstigen mich am meisten? Wo neige ich dazu, die Bedrohung zu verleugnen oder zu verdrängen? Lasse ich mich lähmen oder bin ich bereit, Gefahren entschlossen entgegenzutreten? Will ich Mitverantwortung in menschlicher Solidarität übernehmen und dies auch durch einen entsprechenden Lebensstil praktizieren?

2. Die „Ohne-mich-Gesellschaft“ – oder: Ist Zivilcourage eine selbstverständliche Tugend?

Da ist die Rede von der Spaßgesellschaft, vom verbreiteten Hedonismus, von Selbstverwirklichungstypen und „Ich-AG“, von zunehmender Singularisierung und Individualisierung in einer „Ohne-mich-Gesellschaft“. Undifferenzierte Schlagworte können sicher unsere Gesellschaft nicht zutreffend beschreiben. Aber werden mit solchen Charakterisierungen nicht Tendenzen deutlich, die zeigen, dass wir vom Leitbild des demokratischen Bürgers, der mündig und emanzipiert seine Rechte wahrnimmt und dabei verantwortlich und solidarisch für die Rechte seiner Mitmenschen eintritt, noch weit entfernt sind? Indizien dafür gibt es leider genug:

  • Die alltägliche Gewalt in Schulen und auf der Straße nimmt zu und trifft sowohl Fremde als auch Schwächere (Schüler, Frauen, Obdachlose, Ausländer), den Opfern wird dabei zu wenig, zu spät oder gar nicht geholfen.
  • Diskriminierung in Schulen, am Arbeitsplatz, in der Kaserne oder beim zwischenmenschlichen Umgang von Bürgern mit Behörden und Verwaltungen. „Mobbing“ funktioniert in einer „Ellenbogengesellschaft“ besonders gut, wenn die „anderen“ wegschauen oder gar mitmachen.
  • Der Schriftsteller Gert Heidenreich kommt in einem Essay über den Neid in unserer Gesellschaft zu folgender Feststellung: „Die Anfänge sind nicht spektakulär. Eine Emulsion aus Enttäuschung, Verbitterung und Resigniertheit gießt sich über das Land aus. Erlahmende Wahlbeteiligung, Ansehensverlust der Demokratie und ihrer Institutionen, fehlende Vorbildlichkeit nicht nur in der Politik, gesellschaftliche Abstinenz der jungen Generationen, Ellenbogenmentalität und Verachtung von Solidarität, propagierter Egoismus, wachsende Korruption und Schlamperei, stetige Verschlechterung öffentlicher Dienstleistungen bei steigenden Gebühren – und nicht zuletzt die Marginalisierung der Bildung. Eine Beschädigung folgt aus der anderen und wird zugleich Ursache oder Bedingung weiterer Risse im Gesellschaftskonzept des sozialen Friedens.“ Und an anderer Stelle weiter: „Mühelos könnte der Katalog erweitert und spezifiziert werden. Jeder von uns kann Belege beitragen. Untereinander erzählen wir uns empörende Erfahrungen. Doch der private Diskurs der Beschwerde zerrinnt am Ende zur Gleichgültigkeit. Man kann ja nichts machen. Es ist jetzt nun einmal so.“
  • Zahlreiche Bürgerinitiativen für „Toleranz und Zivilcourage“ wurden ins Leben gerufen, um zu versuchen den Bürgermut gegen Gewalt, Diskriminierung und Rechtsextremismus zu aktivieren. Auch von staatlichen Stellen werden Projektprogramme (Xenos, Entimon usw.) initiiert und Preisverleihungen für mutige Bürger ausgeschrieben; selbst die Regierung ruft zum „Aufstand der Anständigen“ auf, um Handeln gegen „Rechts“, gegen Gewalt und Ausländerfeindlichkeit zu fördern. In vielen Schulen entstehen Aktionen, Projekte, Arbeitsgruppen, Lernwerkstätten, Partnerschaften und Schülerinitiativen mit dem Ziel, Menschenrechtsverletzungen nicht tatenlos zuzusehen und eine zunehmende Sensibilität für Konflikte und sozial verantwortliches Handeln zu lernen.
  • Eine Untersuchung in Deutschland ergab: „Zwei Drittel aller Deutschen unter 30 Jahren erklären, dass ihnen eine hedonistische Lebensweise am wichtigsten sei und nicht, politisch aktiv zu werden.“
  • Der großen Mehrheit der jungen Menschen in diesem Alter des Entwerfens, der Pläne, Sehnsüchte und Ideen ist jede Möglichkeit verwehrt, sich zu erproben und eigene Lebensentwürfe zu versuchen. In dieser unerträglichen Situation bleibt ihnen nur die blanke Konkurrenz des „Jeder gegen Jeden“. Und so erwächst ein blindwütig am Eigennutz orientierter Kampf um die Zugehörigkeit zu einer Gesellschaft, die sie in ihrer hemmungslosen Vergötzung ökonomischen Profitdenkens als lästigen Kostenfaktor zurückweist und als lästige Mitesser an den immer kümmerlicher bestückten staatlichen Fresströgen gelten lässt. Die Jungen freilich, wenn sie zwitschern wie die Alten singen, schilt man „angepasst“ und „unsozial“.
  • Bezogen auf die beiden epochalen Prozesse Individualisierung und Globalisierung, die die Grundlagen des Zusammenlebens in allen gesellschaftlichen Handlungsfeldern elementar verändern, meint Ulrich Beck: „Sie sind nur vordergründig Bedrohung; sie erzwingen, aber erlauben auch, die Gesellschaft auf eine zweite Moderne vorzubereiten und umzugestalten. Die Lage ist nicht nur aussichtslos, sie ist auch offen wie nie.“

Wenn also die Situation wirklich offen wie nie ist und wir die Chance haben, eine zweite Moderne zu gestalten, die zu einer humaneren Gesellschaft wird, dann sicher nicht in der Rolle von „Wegguckern“ und „Feiglingen“. Als „eine Gesellschaft von Gaffern“, wie sie Renate Kingma in der Zeitschrift Psychologie heute erlebt, „die tatenlos einem Verbrechen zugucken, als wäre es ein Fernsehfilm“, werden die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts kaum zu bewältigen sein. Politik, Gerechtigkeit, sozialer Ausgleich, Friede und Ökologie lassen sich nur durch ein entsprechendes Denken und Handeln der Bürgerinnen und Bürger erreichen. Zivilcourage ist nötiger denn je!

Was geschieht

Es ist geschehen
und es geschieht nach wie vor
und wird weiter geschehen
wenn nichts dagegen geschieht

Die Unschuldigen wissen von nichts
weil sie zu unschuldig sind
und die Schuldigen wissen von nichts
weil sie zu schuldig sind

Die Armen merken es nicht
weil sie zu arm sind
und die Reichen merken es nicht
weil sie zu reich sind

Die Dummen zucken die Achseln
weil sie zu dumm sind
und die Klugen zucken die Achseln
weil sie zu klug sind

Die Jungen kümmert es nicht
weil sie zu jung sind
und die Alten kümmert es nicht
weil sie zu alt sind

Darum geschieht nichts dagegen
und darum ist es geschehen
und geschieht nach wie vor
und wird weiter geschehen

Erich Fried

3. Was ist Zivilcourage – Begriffsklärung

zivilcourage_diagramm

  • Zivilcourage ist der soziale Mut, die persönliche Meinung frei zu äußern und – wenn nötig – entsprechend zu handeln, auch gegenüber der Obrigkeit und Mehrheit. Die Einmischung bzw. das Eingreifen wird auch dann gewagt, wenn sie den Vorgesetzten, Regierenden oder der Umgebung missfällt.
  • Bürgermut beginnt damit, genau hinzusehen und wahrzunehmen, was wirklich ist: statt wegzuschauen und das Unrecht in Schweigen zu hüllen.
  • Menschen mit zivilem Mut stehen zu ihrer Überzeugung, auch wenn ihnen ihr Einspruch Nachteile bringen mag.
  • Sich zivilcouragiert einmischen geschieht nicht privat, sondern öffentlich. Es macht die Mitmenschen auf ein gesellschaftliches Problem aufmerksam.
  • Inhalte des sozialen Mutes sind Themen, die alle Bürger angehen; sie betreffen das Zusammenleben, deshalb sind sie politisch.
  • Zivilcourage ist gewaltfrei. Menschen mit sozialem Mut setzen sich „zivil“ mit anderen auseinander, gewaltlos und ohne Macht auszuüben.
  • Sozialer Mut zeigt sich im Eintreten für Humanität: dem Unrecht mit moralischem Einspruch begegnen, Mensch und Natur schützen, „Fremde“ und „Andere“ gelten lassen, die Würde des Menschen achten, Schwachen helfen oder Demokratie wagen.

Zivilcouragiertes Handeln – ein Prozess in mehreren Stadien

zivilcourage_diagramm_2Vor dem eigentlichen Handeln aus Zivilcourage laufen Wahrnehmungs-, Bewertungs- und Entscheidungsprozesse ab, die je nach Fall und Situation schwierig und langwierig sein können. Hierzu müssen eine Reihe von Bedingungen und Voraussetzungen erfüllt sein (siehe Punkt 4), vor allem bei den handelnden Menschen, damit sie den Mut und die Kraft für ihr Tun aufbringen. Auch wenn nicht immer unerschrockener Heldenmut gefordert ist und wir nicht unser Leben aufs Spiel setzen, in den seltensten Fällen müssen bei uns kriminelle Machenschaften aufgedeckt oder gegen diktatorische Unterdrückung Widerstand geleistet werden, so braucht auch der „kleine Mut“ im Alltag eine Reihe von Fähigkeiten, die leider nicht selbstverständlich sind.

Deshalb ist es richtiger vom „großen Mut zum kleinen Widerstand“ zu sprechen. Unsere Gesellschaft wäre sehr viel demokratischer, wenn der Bürgermut für die „einfachen“ Formen des Handelns ausreichen würde. Das bedeutet konkret: die eigene Meinung offen und frei zu äußern, bei Unrecht einzugreifen und sich gegen Ungerechtigkeit und die Verletzung von Menschenrechten zur Wehr zu setzen.

Die weitergehenden Formen des gewaltfreien Widerstandes oder gar des zivilen Ungehorsams sind nur in besonderen Situationen erforderlich. Sie sind hinsichtlich ihrer Voraussetzungen und Bedingungen, ihrer demokratischen Legitimität und ihrer juristischen Bewertung und des damit verbundenen persönlichen Risikos sehr viel schwieriger zu bewerten und zu praktizieren. Auf sie wird in diesem Denkanstoß deshalb nicht weiter eingegangen.

Wenn von Zivilcourage als dem „Widerstand der kleinen Münze“ oder der „Tapferkeit des Herzens“ gesprochen wird (Arthur Kaufmann), soll der alltäglich notwendige Bürgermut nicht kleingeredet werden, sondern vielmehr auf die Wichtigkeit des beständigen, unermüdlichen Bemühens, auch gegen die Anfänge des Unrechts im Kleinen anzugehen, hingewiesen werden. Die scheinbar so plausiblen Gründe, wie sie Erich Fried benennt, werden ja immer neu gerade vom eigenen Kleinmut, von der eigenen Trägheit des Denkens genährt.

Wenn der Bürgermut aber nicht bereit ist, im Kleinen Widerstand zu leisten auch gegen subtile Formen des Unrechts, dann besteht die Gefahr, dass vielleicht in nicht all zu ferner Zukunft ein viel größerer Widerstand mit größeren Opfern notwendig ist.

Bertold Brecht sieht diese Gefahr in seinem Theaterstück „Der gute Mensch von Sezuan“:

Oh, ihr Unglücklichen!

Euerm Bruder wird Gewalt angetan, und ihr kneift die Augen zu!
Der Getroffene schreit laut auf, und ihr schweigt?
Der Gewalttätige geht herum und wählt seine Opfer.
Und ihr sagt: Uns verschont er, denn wir zeigen kein Missfallen.
Was ist das für eine Stadt, was seid ihr für Menschen!
Wenn in einer Stadt ein Unrecht geschieht, muss ein Aufruhr sein.
Und wo kein Aufruhr ist, da ist es besser, dass die Stadt untergeht.
Durch ein Feuer, bevor es Nacht wird!

Bertolt Brecht

4. Voraussetzungen und Bedingungen für Zivilcourage

fried_erich_1Ziviler Mut braucht humane Überzeugungen – Welche Menschen wagen Bürgermut?

Man kann nicht festlegen, was eine zivilcouragierte Persönlichkeit kennzeichnet. Folgende Eigenschaften finden sich bei sozial mutigen Menschen häufig:

Überzeugt sein von moralischen Werten und humanen, demokratischen Tugenden

  • Einfühlung, Mitgefühl, Mitleid, Freude, Hoffnung
  • Hilfsbereitschaft, Sorge um andere und sich selbst, Nächstenliebe
  • Soziales Pflichtgefühl, Glaube an die Kraft des Guten, Toleranz, Widerspruchsmut
  • Ehrfurcht vor der Würde des Menschen, der Natur, Sinn für Gerechtigkeit, Freiheitsstreben
  • Bindung an humane Vorbilder, Übereinstimmung von Moralvorstellung und Handeln
  • Selbstkritik, Fähigkeit, sich zu schämen
  • Eigenständigkeit, Ich-Stärke, Vertrauen in die eigene Wirkungskraft
  • Sachverständnis, Argumentationsfähigkeit, Verantwortungsgefühl

Kindheitserfahrungen, die Zivilcourage fördern – Fürsorge, Eigen-Sinn, Toleranz

Folgende Kindheitserfahrungen ziehen sich als Leitmotiv durch das Leben sozial mutiger Menschen. Aber jede Entwicklung verläuft anders und manche Person konnte erst im Erwachsenenalter auf speziellen Wegen Bürgermut wagen.

  • Fürsorgliche Haltung in der Familie, sichere Führung, Interesse füreinander.
  • In der Familie werden humane Wertvorstellungen erfahren und Tugenden gelernt.
  • Eltern, Lehrer und Erzieher fordern nicht blinden, sondern einsichtigen Gehorsam. Gehorchen wird zur wertgerichteten Entscheidung.
  • Widerspruch, Eigen-Sinn und Ungehorsam werden ernst genommen.
  • Eltern und Lehrer argumentieren; sie erklären die Regeln, die sie aufstellen und setzen sich mit den Kindern über wertvolles Handeln auseinander.
  • Unabhängiges Denken und Selbständigkeit werden unterstützt, Kinder machen gute Erfahrungen mit dem Nein-Sagen und lernen, für sich selbst zu sorgen.
  • Familie und Schule unterstützen die Fähigkeit, sich in andere einzufühlen.
  • Eltern, Lehrer, Erwachsene leben partnerschaftliches Verhalten vor und halten dazu an, anderen zu helfen. Kinder können sich mit zivilcouragierten Bezugspersonen identifizieren.
  • Menschen, die „anders“ sind, wird mit Toleranz begegnet. Jugendliche werden ermutigt, nach moralischen Maßstäben zu entscheiden, ohne nur zu hören, was andere vorschreiben.
  • In Familie und Schule werden gesellschaftliche und politische Fragen diskutiert.
  • Entdeckendes Lernen in der Schule, Partner- und Gruppenarbeit, Kreisgespräch und Diskussion, Projektunterricht, freier Aufsatz und freie Rede machen eigenständig.
  • Mitbestimmung und Mitverantwortung der Schülerinnen und Schüler in Unterricht und Schulleben ist eine Vorbereitung auf demokratisches Handeln und politisches Mitgestalten

Sozialer Mut braucht Übung – Schritte zur Zivilcourage: großer Mut zu kleinen Taten

  • Die Angst annehmen – Angst ist eine Kraft Mutig handeln bedeutet nicht, furchtlos zu sein. Nur wer seine Ängste zulässt, kann Mut entwickeln, sich mit der Angst einmischen und für gesellschaftliche Veränderungen eintreten. Angst verweist uns auf die Gefahr, der wir begegnen und vor der wir uns schützen müssen. Deshalb ist es wichtig, angstfähig zu sein.
  • Sich Sachverständnis aneignen und den argumentativen Widerspruch üben Sachkenntnis macht mitsprachefähig. Wer sachkundig ist, kann argumentieren und stärkt sein Selbstbewusstsein. Fachliche Kompetenz ist eine Gegenkraft zur Angst und eine Voraussetzung dafür, soziale Anliegen durchzusetzen. Wir brauchen Sachkenntnis dort, wo wir von gesellschaftlichen Zuständen betroffen sind, an denen wir etwas verändern möchten. Natürlich kann bei der Komplexität mancher Probleme (Technik, Gesellschaft, Wirtschaft) nicht jeder absolute fachliche Kompetenz besitzen, was nicht heißt, unseren kritischen „Bürgerverstand“ auszuschalten. Wir müssen uns in vielen Fällen jedoch auf „Experten“ verlassen. Deren Seriosität und Vertrauenswürdigkeit zu prüfen, bleibt jedoch in einer Demokratie unerlässlich.
  • Rückhalt in der Gruppe suchen – Zusammenarbeit vermindert die Furcht Wer öffentlich widerspricht, kann von der Mehrheit isoliert werden. Deshalb ist es hilfreich, sich mit Gleichgesinnten zu solidarisieren. Die Zugehörigkeit erleichtert es, für demokratische Grundwerte einzutreten. Der Zusammenhalt in der Gruppe richtet sich nicht gegen „Feinde“, sondern dient menschlichen Grundwerten, tritt für Gerechtigkeit und menschliches Maß ein. Durch Kooperation wächst das Sachverständnis.
  • Sich mit Wertvorstellungen kenntlich machen – der ethisch begründete Einspruch Erkennen lassen, wie wir denken, für welche Werte wir uns einsetzen, statt anderen unsere Meinung aufzwingen zu wollen. Wir vertreten glaubwürdig die eigene Überzeugung und versuchen gleichzeitig, Andersdenkende zu verstehen. Dadurch gelingt es, Überzeugungsmachtkämpfe zu vermeiden und sich zu verständigen.
  • Persönliche Gefühle einbeziehen – Mitfühlfähigkeit und Mitleid Fürsorge und Verantwortungsgefühl für die Nächsten und für sich selbst, motivieren zu sozialem Mut. Aus dem Widerwillen, Mitmenschen leiden zu sehen, erwächst die Kraft, für humane Werte einzutreten. Es ist hilfreich, nicht nur sachlich zu argumentieren, sondern sich auch mit dem persönlichen emotionalen Engagement begreifen zu lassen.
  • Halt gebende Ideen und Überzeugungen festigen – moralische Gegenkräfte Zum Schwierigsten in Zivilcourage-Situationen gehört die Gefahr, allein zu stehen. Um die Angst auszuhalten, müssen wir erfüllt sein vom Sinn unseres Engagements. Wir brauchen ethische oder religiöse Wertvorstellungen, Vorbilder, denen wir folgen, Hoffnung und Zuversicht. Wie kann ich so handeln, dass ich mir selbst treu bleibe?
  • Sich gewaltlos auseinandersetzen – Bürgermut ist zivil Gewaltfreies Eingreifen vermindert die Gefahr, dass sich Konflikte durch Gegenaggression verschärfen. Der Widerspruch geschieht zunächst argumentativ, nicht aggressiv. Gegner werden nicht zu Feinden gemacht. Gewaltfreiheit bezieht sich auch auf Gewalt durch verletzende Worte. Aber auch weitergehendes couragiertes Handeln bis zum Widerstand kann nur dann glaubwürdig wirken und Unrecht verhindern, wenn es nicht neues Unrecht durch Gewalt erzeugt. Die Gewaltspirale kann nur durch gewaltfreies Eingreifen unterbrochen werden.
  • Kleine Schritte wagen – sozialen Mut einüben Wie jede Tugend erfordert Bürgermut fortgesetztes Üben: in der Familie, im Freundeskreis, der Schule, am Arbeitsplatz, der Öffentlichkeit. Mit kleinen Mutproben beginnen: sich mit der eigenen Meinung erkennen lassen, für die persönliche Überzeugung stehen, Einspruch erheben, wenn Unrecht geschieht. Kleine Schritte verhindern, dass wir uns überfordern. Wir sollten unser persönliches Maß an Bürgermut herausfinden und die Gegenkräfte zur Angst stärken.

Zivilcourage in der Schule – Eine demokratische Tugend lernen

Schule: Im Klima der Anpassung wächst keine Zivilcourage

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Für demokratisches Handeln ist Zivilcourage eine grundlegende Tugend. In der Schule können Kinder und Jugendliche besonders gut darauf vorbereitet werden. Hier verbringen sie einen großen Teil ihrer Lebenszeit und finden Bedingungen, unter denen sozialer Mut nicht nur gelernt, sondern praktisch angewandt werden kann. Leider führen die Erfahrungen zu folgenden Erkenntnissen: Bei allen an der Schule Beteiligten ist sehr wenig sozialer Mut zu beobachten. Die menschlich unzureichende Qualität der Schule wird in Schweigen gehüllt, abhängig machende Lehrmethoden werden beharrlich beibehalten. Die Tabus bei Macht missbrauchendem Lehrerhandeln halten den pädagogischen und psychologischen Erkenntnisstand niedrig, wie die praktizierte Schulpädagogik zeigt.

  • hierarchieSchülerinnen und Schüler trauen sich nicht aufzumucken, wenn sie mit Lehrern und Schule nicht einverstanden sind. Sie kennen das Machtungleichgewicht zwischen Lehrern und Schülern und befürchten, ihr Widerspruch könnte ihnen Nachteile bringen. Schüler sind abhängig, weil sie zensiert werden und weil Lehrer eine Fülle von Strafmaßnahmen besitzen: vom Verweis bis zum Schulausschluss, weil sie durch ängstigendes Abfragen Schüler in Schach halten, sie mit Extemporalien erschrecken können, ihr Vorrücken gefährden, die „Notenschraube anziehen“ können – ein Folterinstrument?
  • Eltern halten ihre Kritik zurück Sie sehen ihre Kinder als „Geiseln“ in der Hand der Lehrer: die Schüler müssten „büßen“, wenn sich Eltern kritisch äußerten. In Wirklichkeit ist es Autoritätsangst, die ihnen den Mund verschließt. Zivilcourage ist in der Schule selten, weil Schule der Ort ist, an dem durch autoritäres Lehrerverhalten ein Grund gelegt wurde für Autoritätshörigkeit. Die tief eingewurzelte Angst vor den als „mächtig“ erlebten Lehrern wird in den Eltern wieder belebt, wenn sie sich mit den Lehrern ihrer Kinder auseinandersetzen sollen. Manche Eltern nehmen die schützende Hand von den Kindern zurück, wenn sie diese als „Schüler“ an die Schule „abgeben“.
  • Lehrerinnen und Lehrer tun, was ihnen vorgeschrieben wird, auch wenn es unpädagogisch ist. Widerspruch kommt selten auf, er wird von den Behörden bürokratisch zurückgewiesen. Gehorsam gegenüber den „Dienstherren“ spielt in der Schule eine prägende Rolle. Lehrerinnen und Lehrer sind wenig offen für Kritik und Selbstkritik. Bereits vorsichtige Kritik wird als „Lehrerschelte“ zurückgewiesen – ohne dass deren Inhalt bedacht wird.
  • Politiker zeigen wenig Mut, sich für Schüler einzusetzen Sie sind bereit, bei Jugendlichen Reden über Zivilcourage zu halten, aber engagieren sich nicht für junge Menschen. Schüler sind keine Wähler, Lehrer schon; das ist einer der Gründe, weshalb es nur wenige Politiker wagen, pädagogisch sachkundige Kritik an Lehrern zu äußern. Auch in Politikern beobachtet man die tief sitzende Autoritätsangst und die fehlende Mitfühlfähigkeit mit Schülern, wenn es darum ginge, sich schützend vor die Kinder zu stellen.

Schulerfahrungen, die den Bürgermut der Jugendlichen fördern

  • Schüler in ihrem Selbstwertgefühl stärken Kinder sollten in ihrem Selbstwert bestärkt werden. Denn das Selbstwertgefühl ist eine wichtige Grundlage des Bürgermuts. Alle kleinmachenden Maßnahmen vermeiden, damit das Selbstwertgefühl nicht verletzt wird: auslachen, demütigen, bloßstellen, schlechte Noten öffentlich bekannt geben, Kinder mit ironischen Bemerkungen kränken… Schüler sollen ermutigt werden, das oft als „selbstverständlich“ geltende Unrecht des Lehrerhandelns als Unrecht wahrzunehmen.
  • Soziale Tugenden nicht nur lernen, sondern erfahren In der Schule werden humane Wertvorstellungen erfahren und Tugenden gelernt: achtsam miteinander umgehen, Rücksicht nehmen, die Meinung des anderen ernst nehmen, einander unterstützen. Kinder und Jugendliche werden ermutigt, nach moralischen Maßstäben zu entscheiden, ohne ausschließlich darauf zu schauen, was andere vorschreiben. Normen müssen nicht nur gelernt, sondern erfahren werden. Im Unterricht wird die Fähigkeit unterstützt, sich in andere einzufühlen. Das geschieht zum einen durch Unterweisung, zum Beispiel im Literaturunterricht, Ethikunterricht, Religionsunterricht, Sozialkundeunterricht und in anderen Fächern. Zum Unterricht in Ethik muss die angewandte Ethik kommen, durch die die Schüler praktisch handelnd erleben, wie man anderen zuhört, auf sie eingeht, ihnen hilft… Jugendliche sollten in der Schule erfahren: Menschen, die „anders“ sind, begegnen wir mit Toleranz. Die „Schwachen“ in der Klasse, Ausländer, Kinder mit Besonderheiten. Es wäre schön, wenn Lehrerinnen und Lehrer partnerschaftliches und zivilcouragiertes Verhalten vorlebten und Kinder die Möglichkeit hätten, sich mit ihnen zu identifizieren. Der pädagogische Takt des Lehrers schafft ein Klima der Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft.
  • Einsichtigen Gehorsam und sozialen Ungehorsam lernen Lehrerinnen und Lehrer fordern nicht blinden, sondern einsichtigen Gehorsam. Gehorchen wird zur wertgerichteten Entscheidung. Erkennender Gehorsam schließt ein, den Befehl zu verweigern, wenn er gegen Grundwerte verstößt. Lehrer argumentieren; sie erklären die Regeln, die sie aufstellen, und setzen sich mit den Kindern über wertvolles Handeln auseinander. Dabei lassen sie die Schüler erleben, wie sie selbst argumentieren können und wie daraus vernünftige Regelungen eines Arbeitsbündnisses erwachsen. Schüler sollten gute Erfahrungen mit dem Nein-Sagen machen, damit sie lernen, ein sich selbst bewahrendes Nein auszusprechen. Sie erfahren, wie Einspruch und Widerspruch vom Lehrer akzeptiert, nicht von vorn herein zurück gewiesen werden, sondern zu konstruktiver Auseinandersetzung führen.
  • Politik gehört in die Schule – als Fach und als Handlungsprinzip In der Schule sollten gesellschaftliche und politische Fragen diskutiert werden. Politik gehört in den Unterricht – nicht nur als Fach, sondern als Prinzip in allen Fächern. Zivilcourage und sozialer Ungehorsam sollten Unterrichtsthema sein: an geschichtlichen und aktuellen Ereignissen, in der Schulklasse und engeren Umgebung, durch Literatur- und Ethikunterricht, am Beispiel großer Vorbilder. Die Schüler sollen lernen, wie man sozialen Mut lernt, im Rollenspiel einüben, die eigene Meinung kund zu tun, gewaltfreies Verhalten ausprobieren, also nicht nur über Zivilcourage reden, sondern sie praktisch erfahren und über die Erfahrung gemeinsam nachdenken.
  • Die Schüler Mitbestimmung und Mitverantwortung erleben lassen Die Mitbestimmung der Schülerinnen und Schüler in Unterricht und Schulleben ist Vorbereitung auf demokratisches Handeln und politisches Mitgestalten. Überall dort, wo Schüler Betroffene sind, sollen sie zu Beteiligten werden, die die Ereignisse mitbestimmen können. Kinder sollten Kritik am Lehrer üben dürfen und dabei lernen, wie man Kritik taktvoll vorbringt. Kritik sollte nicht so ausschließlich nur vom Lehrer zu den Schülern führen wie bisher. Dabei erfahren die Schüler, wie Kritik oft Selbstkritik einschließt. Viele Schüler befürchten, bei Widerspruch von Lehrern bestraft zu werden. Diese Angst muss ernst genommen werden und immer wieder gemeinsames Thema sein. Für demokratische Opposition darf es keine Benachteiligung geben.
  • Unterricht muss die Schülerinnen und Schüler herausfordern, selbständig zu handeln Unabhängiges Denken und Selbständigkeit werden in freien Unterrichtsformen unterstützt. In Partner- und Gruppenarbeit erfahren die Jugendlichen, dass Kooperation nicht nur das humanere Prinzip ist, sondern auch das lernwirksamere.

5. Beispiele und Vorbilder von Zivilcourage im Alltag – Möglichkeiten und Grenzen des Handelns sind individuell

Wer Zivilcourage lernen will, kann sich durch Vorbilder bestärken lassen. Vorbilder gibt es genug. Leider auch für falschen Heldenmut. Denn in noch nicht weit zurück liegenden Zeiten galt als Held, wer sich auf dem Schlachtfeld des Krieges besonders erfolgreich hervor tat oder auf dem Feld der „Ehre“ sein Leben für das Vaterland „opferte“. Immerhin wird dem deutschen Reichskanzler Otto von Bismarck zugeschrieben, erstmalig den Begriff Zivilcourage verwendet zu haben, um darauf hinzuweisen, dass es neben dem militärischen Mut auch eine zivile Form des Mutes gibt, die aber nur selten anzutreffen ist: „Mut auf dem Schlachtfeld ist bei uns Gemeingut. Aber man wird es nicht selten finden, dass es ganz achtbaren Leuten an Zivilcourage fehlt.“

Der Held

bleibt den Kämpfen fern.
Der Schwache ist in die Feuerzone gerückt.
Die Uniform des Tages ist die Geduld,
die Auszeichnung der armselige Stern
der Hoffnung über dem Herzen.

Er wird verliehen
für die Flucht von den Fahnen,
für die Tapferkeit vor dem Freund,
für den Verrat unwürdiger Geheimnisse
und die Nichtbeachtung jeglichen Befehls.

Ingeborg Bachmann

Mut auf dem Schlachtfeld ist zerstörerisch und lebensfeindlich und muss dem Leben zuliebe ersetzt werden durch den Mut, gegen alle destruktiven Kräfte ein entschiedenes Nein zu sagen, damit es keine Schlachfelder mehr gibt. Das meinte Franca Magnani, die mutige ARD-Korrespondentin, als sie sagte: „Je mehr Bürger mit Zivilcourage ein Land hat, desto weniger Helden wird es einmal brauchen.“ Sofern überhaupt Bild (Vor-Bild) und Begriff des „Helden“ noch sinnvoll sind, dann sollte die Metapher neu gedacht werden im Sinne des „Anti-Helden“, des wahren Helden, der sich durch Tapferkeit vor dem Freund auszeichnet und Befehle missachtet, wie es Ingeborg Bachmann in ihrem Gedicht visionär formuliert. Nicht der Krieg ist der Ernstfall des Lebens, sondern der Friede (im Sinne eines Ausspruchs des früheren Bundespräsidenten Gustav Heinemann), der immer wieder neu den Bürgermut zu seiner Gestaltung braucht.

Bürgermut für den Frieden – Bedingung für das Überleben der Menschheit

Im atomaren Zeitalter ist Frieden eine Bedingung für das Überleben der Menschheit. Deshalb ist Friedlosigkeit eine seelische Krankheit, die es zu heilen gilt. Auch dafür brauchen wir „die Freiheit, den Mund aufzumachen“. Sie kann helfen, den Alltag menschlicher zu gestalten. Heute muss jedoch jede soziale Überlegung die Frage einschließen: Wie können wir Friedlosigkeit überwinden und das Leben auf der Erde bewahren? Die destruktiven Kräfte der Gegenwart sind so gefährlich, dass der notwendige Wandel des Bewusstseins nichts Geringeres als eine Neu-Erziehung der Menschheit erfordert. „Politik“ muss vor allem „Frieden machen“ bedeuten. Denn die Welt bedarf des Friedens, wenn sie sich nicht selbst zerstören soll. An diesem Bewusstseinswandel können wir mitarbeiten: die Bewegung auf die Katastrophe hin wahrnehmen, den Schrecken nicht verdrängen und sich mit sozialem Mut einmischen.

Ohne Widerspruchsmut und Ungehorsam gibt es keinen Fortschritt – Standhaftigkeit

Menschheit setzte voraus, standhaft zu bleiben gegenüber Autoritäten, die andere Ansichten und neue Ideen bekämpften. Geistiges Wachstum war nur möglich, weil Einzelne ihrem Gewissen und Wissen folgten und zu den Machthabern „Nein“ sagten. Philosophen, Religionsstifter, Naturwissenschaftler, Revolutionäre gewannen Erkenntnisse durch Akte des Ungehorsams. Sie folgten der Vernunft und verweigerten den Befehl. Denken ist nicht nur eine Sache des Intellektes; es braucht auch den Mut, sich gegen Autoritäten aufzulehnen. Um vom paradiesischen „Baum der Erkenntnis“ zu essen, war es notwendig, ungehorsam zu sein.

drei_affenDurch Ungehorsam und Widerspruchsmut wachsen geistige Fähigkeiten. Die Entwicklung der Menschheit setzte voraus, standhaft zu bleiben gegenüber Autoritäten, die andere Ansichten und neue Ideen bekämpften.

Auch wenn in Lehrbüchern immer noch die Feldherren vergangener Zeiten als Vorbilder gepriesen werden, kennen wir genügend Namen von Frauen und Männern, die ihrem Gewissen folgten und durch Akte des Ungehorsams uns Mut machen können: Bertha von Suttner, Sophie Scholl, Alva Myrdal, Mahatma Gandhi, Martin Luther King, Oscar Romero, Danilo Dolci…

Dennoch besteht die Gefahr, dass uns die „großen“ Vorbilder mit ihrem „großen“ Mut auch klein und mutlos erscheinen lassen. Nicht jeder von uns hat ja die Courage, die Kraft und den langen Atem für so große Taten, für den großen Widerstand, der ja auch oft das Leben kostete. Aber ist das überhaupt notwendig?

Wichtig ist das persönliche Maß an Bürgermut – kleine Schritte wagen!

Bürgermut ist nicht durch Vorschriften festzulegen. Jeder einzelne kann nur so viel Mut zu politischem Handeln entwickeln, wie es ihm möglich ist. Dazu ist es notwendig, die eigene Angst nicht zu überspringen, sondern zu spüren und anzunehmen. Erst aus dieser Selbstwahrnehmung heraus kann dann das persönliche Maß an Mut riskiert werden. Auch kleine Schritte sind wichtig, denn die Kraft des Lebens entwickelt sich besonders durch eigenes Handeln.

Auch große Persönlichkeiten wußten um die Bedeutung der kleinen Schritte, des alltäglichen couragierten Handelns auch im scheinbar Unbedeutenden der kleinen Lebensbezüge der Bürger. So erzählte Inge Aicher-Scholl über ihre Schwester Sophie Scholl: „Für Sophie war wichtig, auch im Kleinen zu helfen: ‚Man darf nicht nur dagegen sein, sondern muss etwas tun und an der Zementmauer der Unmöglichkeit versuchen, kleine Möglichkeiten heraus zu schlagen.‘ Eine Stelle aus dem Jakobus-Brief galt ihr als Maxime: ‚Seid Täter des Wortes – nicht Hörer allein.'“

Sophie war ein stilles, eher schüchternes Mädchen. Wie kam sie zu dieser Tapferkeit? Sie wuchs in einem toleranten Elternhaus auf. Die Meinung der Kinder wurde respektiert, auch wenn sie der elterlichen widersprach. Der Vater ermutigte dazu, nicht kritiklos hinzunehmen, was Erwachsene sagen. In der Familie wurde viel über Politik und Bücher gesprochen. „Die Gedanken sind frei!“ hörte Sophie vom Vater. Der verteidigte aufrecht seine kritische Meinung über die Nazis. Deshalb verhaftete ihn die Polizei mehrmals. Als er vier Monate eingesperrt wurde, stellte sich Sophie an Sommerabenden in die Nähe des Gefängnisses und spielte ihrem Vater auf der Flöte das Lied, das Symbol für beide war: „Die Gedanken sind frei.“

Mit zweiundzwanzig Jahren wurde Sophie hingerichtet. Sie hatte Flugblätter gegen den nationalsozialistischen Terror verteilt. Nach ihrer Verhaftung meinte sie, eine Gefängnisstrafe zu bekommen, aber der Gerichtshof verkündete das Todesurteil.

Heute setzen wir nicht unser Leben aufs Spiel, wenn wir politisch-moralischen Widerstand leisten, zum Beispiel gegen den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg auf den Irak protestierten. Oder wenn wir gegen eine „Sicherheitspolitik“ demonstrieren, die durch militärische Rüstung die Welt unsicher macht. Dass es auch gar nicht nur die „große“ Politik sein muss, die Widerstand gegen Unrecht braucht, zeigen andere Beispiele:

Die Angst, allein zu stehen

Frau W. schildert den Konflikt zwischen der Furcht, sich einzumischen, und dem Wunsch, ihrer moralischen Empfindsamkeit zu folgen. Sie erzählt: „Ich stand vor der Kasse des Einkaufsmarkts, vor mir warteten zwei Türkinnen. Eine Kundin begann laut über ‚die Ausländer‘ zu schimpfen: ‚Die Kanaken sollte man nach Hause schicken, sie nehmen uns die Arbeit weg, belagern unsere Wohnungen, und überhaupt, wie dreckig die sind…‘ Ein Schwall entwertender Vorurteile brach sich Bahn. Andere Kunden nickten beifällig oder schwiegen. Ich war innerlich empört, mir taten die Türkinnen leid. Aber die Angst, auch beschimpft zu werden, verschloss mir den Mund. Ich fürchtete, allein gegen alle dazustehen. Zudem erkannte ich unter den Frauen Nachbarn; das ängstigte mich besonders. Ich wollte es nicht mit Leuten verderben, mit denen ich täglich zu tun habe. Aufgeregt zögerte ich, hörte mein Herz klopfen und spürte meinen trockenen Mund. Da fasste ich doch Mut und redete zaghaft dazwischen: ‚Ich hab gute Erfahrungen mit Türken gemacht, das sind Menschen wie wir; ich finde es unrecht, sie zu beleidigen.‘ – Erstauntes Schweigen; zwei stimmten mir durch Kopfnicken zu. Ich war froh, mich zu den Widerworten durchgerungen zu haben.“

Bedrohlich fand Frau W., dass sie sich von ihr näher stehenden Menschen mit ihrer Haltung erkennen lassen musste; damit setzte sie ihre Zugehörigkeit aufs Spiel: „Verscherze ich mir womöglich Sympathien?“ Die Angst, allein zu stehen, ist ein harter Prüfstein auf dem Weg zu Zivilcourage. Sie kann durch haltgebende Gegenkräfte überwunden werden: durch das Erfülltsein von Menschenrechten, einen starken Glauben, durch die Bindung an Vorbilder und das Vertrauen in die eigene Wirkungskraft.

Ein Schüler verteidigt das Recht, vom Lehrer anständig behandelt zu werden

Meist können sich Kinder und Jugendliche nicht wehren, wenn ihre Persönlichkeitsrechte verletzt werden. Benno wagte zu widersprechen, als der Lehrer die Klasse beleidigte. Seine Eltern sahen Widerspruchsmut als Tugend an; sie unterstützten den Jungen, zum Unrecht Nein zu sagen. Mathematikstunde: Der Lehrer erklärt eine Aufgabe, den Schülern fällt es schwer, den Rechenweg zu begreifen. Ungeduldig schreit Herr H. die Klasse an: „Das ist ja furchtbar, wie begriffsstutzig ihr seid; sitzen denn lauter Hornochsen vor mir?“ – Stille in der Klasse. Dann nimmt sich Benno empört das Wort: „Wir sind nicht begriffsstutzig und keine Hornochsen; vielleicht erklären Sie zu unverständlich. Ich finde es taktlos, uns so runterzumachen.“ Verlegenes Staunen beim Lehrer, heimliche Zustimmung bei den Mitschülern. In allen wirkte die mutige Gegenrede des Jugendlichen nach; er zeigte sozialen Mut. Andere so zu beleidigen wie seine Schüler, würde sich der Lehrer gegenüber Erwachsenen nie erlauben. In der Schule muss er keine Konsequenz befürchten, wenn er sich taktlos verhält.

Schüler als ebenbürtig behandeln – auch ihre Würde ist unantastbar

Bennos Zivilcourage hatte ein Nachspiel: Der Lehrer fasste sich ein Herz und entschuldigte sich bei den Schülern wegen der Beleidigung. Es kam zum Gespräch zwischen ihm, Benno und der Klasse: über Unzufriedenheit, Wünsche und darüber, wie sie gemeinsam das Unterrichtsklima verbessern könnten. Der Jugendliche regte durch seinen Einspruch den Studienrat an, sich als Lehrer auch von den Schülern her zu sehen. Benno zeigte Konfliktfähigkeit, denn er schwieg nicht zur Untat, sondern setzte sich zur Wehr, für sich und die Mitschüler. Aus der verletzenden Situation wuchs Freundlichkeit, denn der Lehrer war bereit, den Kindern zuzuhören und sein niedermachendes Benehmen einzusehen. Er erwies sich als schlechtes Vorbild, weil er die Schüler würdelos behandelte. Er gab ein gutes Beispiel, denn er gestand die Achtlosigkeit ein und bat um Nachsicht. Dass er bereit zu Selbstkritik war, regte auch die Schüler zur Selbstkritik an. Sie erlebten, dass sie mit der Tugend der Zivilcourage etwas bewirkten. Der zivilcouragierte Jugendliche und sein zu Selbstreflexion bereiter Lehrer wagten den „Bruch mit der Gleichgültigkeit“, den jedes sozial mutige Handeln kennzeichnet.

Die Unfähigkeit, Widerstand zu leisten, macht dumm.
Sie führt dazu, die eigenen Fähigkeiten nicht zu nutzen.
Es geht darum, sich nicht von der Macht der anderen und
nicht von der eigenen Ohnmacht dumm machen zu lassen.

Oskar Negt

Der Weg von sozialem Mut zu „Politik als praktizierter Sittlichkeit“

Wer Zivilcourage wagt, erweitert seine persönliche Freiheit; er nimmt Chancen zu Selbstverantwortung und Mitmenschlichkeit wahr. Im Wissen um den Wert seines Eingreifens hält er der Furcht stand und wehrt sich gegen bürokratische Reglementierung. Bürgermut macht den Einzelnen aktiv, stärkt das Selbstwertgefühl und festigt das Gemeinschaftsgefühl. Zivilcouragierten Menschen liegt nicht nur daran, für die eigene Person etwas zu verändern; sie strebt auch gesellschaftliche Veränderungen an. Soziale Empfindsamkeit mündet in politisches Handeln.

Lebendigkeit und Freude – gegen die Zerstörung

Wer die zerstörerische Seite unserer Wirklichkeit in ihrem vollen Umfang wahrnimmt, kann leicht depressiv werden. Bei unserem eigenen Unzulänglichsein und dem, was uns täglich an schrecklichen Nachrichten erreicht, ist es oft schwierig, sich zwischen Hoffnung und bedrückender Realität in der seelischen Balance zu halten. Für diese Balance brauchen wir Freude am Leben: sich untereinander kennen lernen, sich aneinander freuen, einander zuhören, miteinander Freudemachendes und Schönes tun, Erfahrungen teilen – all dies gehört zum Eintreten für eine friedliche Welt.


Literatur- und Quellenangaben

Zur Vertiefung der Thematik werden folgende Quellen angegeben:

  • Auf der Internetseite von Prof. Dr. Kurt Singer werden eine Vielzahl von Texten zum Thema Zivilcourage angeboten: www.prof-kurt-singer.de

Bücher:

  • Kurt Singer, Zivilcourage wagen. Wie man lernt, sich einzumischen 204 Seiten, 3. neu bearbeitete Auflage 2003, Ernst Reinhardt Verlag, 14,90 Euro
  • Kurt Singer, Zivilcourage. Die Schülerbroschüre 50 Seiten DIN A4 mit 16 Karikaturen, Herausgeber und Bezug: Bündnis Ansbacher Schülerinnen und Schüler – BASS e.V., Telefon 0981 9776409, info@bass-ev.de, 3,00 Euro, Schüler 2,00 Euro, Sammel-bestellung ab 20 Stück 1,50 Euro
  • Gerd Meyer, Ulrich Dovermann, Siegfried Frech, Günther Gugel (Hrsg.), Zivilcourage lernen / Analysen – Modelle – Arbeitshilfen Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2004, Buchhandelsausgabe: Institut für Friedenspädagogik Tübingen e. V., Tübingen 2004, ISBN 3-932444-13-2, www.friedenspaedagogik.de
  • Till Bastian, Zivilcourage. Von der Banalität des Guten Hamburg 1996
  • Friedemann Schulz von Thun, Zur Psychologie der Zivilcourage – Ein TZI-Lehrversuch. Reflektionen zum Prozess und Erkenntnisse zum Thema in: Hochschule und Lebendiges Lernen. Beispiele für themenzentrierte Interaktion, hrsg. v. Gerhard Portele und Michael Heger, Weinheim 1995
  • Reiner und Anne Engelmann / Otto Herz (Hrsg.), Zivilcourage. Jetzt! Arena Verlag, Würzburg 2002

50 Jahre Denkanstöße für eine friedlichere Welt

Text- und Grafikquelle: Studiengesellschaft für Friedensforschung

Die Studiengesellschaft für Friedensforschung hat verschiedene Schriften in Form von «Denkanstößen» herausgebracht, welche auch in gedruckter Form erhältlich sind. Wer hier Interesse hat, kann diese gerne unter der u.a. Kontaktadresse beziehen.

Studiengesellschaft für Friedensforschung e.V.
Fritz-Baer-Straße 21
81476 München
Telefon/Fax (0 89) 724 471 43
E-Mail: info@studiengesellschaft-friedensforschung.de

Beitragsbild: „Zivilcourage / Widerstand“ – http://pixabay.com/de

Reizüberflutung

Wie reizvoll!

Kolumne Dead Men Working

von Maria Wölflingseder

Eine treffende Diagnose der aktuellen kollektiven Verfassung lautet Reizüberflutung. Vielerlei Reize sind so anziehend oder so aufdringlich, dass wir uns ihnen kaum entziehen können. Von den Infoscreens in den U-Bahnstationen und in der Straßenbahn bis zu den Verlockungen, die Smart-Phone und TV bieten. Von der ständigen persönlichen Musik-Begleitung zu den unendlichen Reizen des Worldwidewebs. Von den Printmedien bis zur öffentlichen Dauerbeschallung. Sei es als Auto-, Flug- oder Baulärm, als Musik, Werbung und Geplapper eigener Supermarktradiosender oder lautstarkes Gedudel in den übrigen Geschäften und in der Gastronomie. Nicht nur der Informationshunger ist groß, auch der Hunger nach Geruch und Geschmack ist gekonnt geweckt worden. Je mehr zum Himmel stinkt – Abgase und reizende Ausgasungen von Kunststoffen, Farben und Lacken –, desto mehr steigt die Parfümierung mit synthetischen Stoffen: von der Klimaanlage in den öffentlichen Verkehrsmitteln, die Gerüche ventilieren, bis zum Klopapier, vom Raumspray bis zum Autoduftbäumchen, vom Waschpulver bis zur Seife. Die olfaktorischen Erlebnisse werden immer intensiver, wenn auch nicht bekömmlicher. Und die künstlichen Geschmacksstoffe in vielen Nahrungsmitteln erfüllen durchaus den kommerziellen Zweck der Abhängigkeit.

Um trotz dieses Reizhypes inklusive der Folgen von geistiger und körperlicher Überbeanspruchung noch einen Tag-Nacht-, einen Anspannungs-Entspannungsrhythmus zu finden, werden Unmengen an stimulierenden sowie sedierenden Substanzen konsumiert. Höchste Gereiztheit herrscht in jedem Fall.

Nehmen wir die Erscheinungen der digitalen Flut an Informationsreizen ein bisschen genauer unter die Lupe. Historisch betrachtet, wurde die Arbeit vom Acker über das Fließband an den Computer verlagert. Mit der Möglichkeit, gigantische Datenmengen zu sammeln, zu speichern und zu verbreiten, wurde ein ebenso großes Suchtpotential geschaffen. Mittlerweile hat sich das digitale Suchtverhalten von der Arbeit bis in unsere intimsten Bereiche ausgebreitet.

Mitunter stellen zwar schon junge Menschen, denen der Computer buchstäblich in die Wiege gelegt wurde, das digitale Leben infrage. Manche wollen in den neuen Strick-, Häkel- und Nähgruppen gar eine Trendwende erkennen. Mir fallen jedoch vielmehr die in letzter Zeit vermehrt aus der Öffentlichkeit verschwundenen Blicke auf. Sie kleben nur mehr am Display. In den öffentlichen Verkehrmitteln sowieso, aber auch zuhauf in Konzerten und im Theater. Bin ich krank, wenn ich mich dadurch beim Kunstgenuss gestört fühle? – Mein Freund J. wohnt in Salzburg am Mönchsberg. Mit traurigem Kopfschütteln erzählte er: „Ich bin neugierig, ob mich jemals wieder jemand nach dem Weg zur Festung fragen wird. Alle suchen ihn stur auf ihren Screens, anstatt in die Landschaft oder gar jemandem in die Augen zu blicken.“ – Das GPS im Auto lotst Nutzer mitunter gar in die Irre. Kürzlich las ich über die Gefahr, bei ständiger Verwendung digitaler Orientierungshilfen, sich ohne diese gar nicht mehr zurechtzufinden. Aber mittlerweile kann ja jede Reise „lückenlos“ geplant werden, wie eine App verspricht: Man leite einfach alle Mails über Flug, Hotel, Mietwagen etc. an den Dienst und bekommt einen minutiösen Plan darüber, wann welcher Schritt wohin gemacht werden muss. Wird die Reise selbst gar bald durch eine digitale ersetzt?

Freundschaft, Sinnlichkeit und Sex haben sich ebenfalls stark in die Virtualität verlagert. „Jeder Vierte schaut gerade Pornos!“, so der Titel eines kleinen Artikels von Todor Ovtcharov, einem gebürtigen Bulgaren, in der Wiener Zeitschrift biber (Mai 2014, S. 70). Professionelle Pornos werden durch private ersetzt. Mit der gleichen Routine, mit der Selfies und das Frühstück ins Netz gestellt werden, wird der hauseigene Sex gepostet. Bulgarien steht weltweit an sechster Stelle, was das diesbezügliche Mitteilungsbedürfnis und die einschlägige Neugierde betrifft. Deutschsprachige Pornos waren in Bulgarien während der Pubertät des Autors extrem populär. Sprüche wie „Ja, ja, das ist fantastisch!“ wurden zur „Stadtfolklore“. Wer glaubt, das seien Reize ohne Seele, schaue sich den Film „Her“ von Spike Jonze an. Theodor verliebt sich in sein OS, in sein Operating System namens Samantha. Obwohl seine Freundin mit 8316 weiteren Menschen und Betriebssystemen in engem Kontakt steht und mit 641 davon eine Liebesbeziehung hat, beteuert sie, dass dies ihre innige Liebe zu ihm in keiner Weise herabsetze. Am Schluss bleibt Theodor traurig zurück, weil sich Samantha in eine neue virtuelle Existenz verabschiedet hat. Wovon Publikum und Kritik hellauf begeistert sind, ist für mich ziemlich langweilig.

Manche meinen, mit den Möglichkeiten der Digitalität höchste Authentizität vermitteln zu können. Aber wozu brauche ich in drei Minuten Radioweltnachrichten fünf O-Töne von Politikern und Experten und als Hintergrundsound Maschinengewehrgeknatter? Oder die ewige schillernde Berichterstattung über der Promis Cellulite, Hängepos und unendlich viel ähnlich Spannendes.

Da sich im Kapitalismus jeglicher Junk bestens bewährt und schnell verbreitet, tut er das im Netz umso effizienter. Dass jegliche Information – genauso wie alles andere – von der marktwirtschaftlichen Verwertbarkeit gesteuert wird, ist klar. Ein anderer Kontext hat sich bis dato erst minimal ausgewirkt. Vor allem Fragen nach dem Warum all der aufgeherrschten Zumutungen sind schlicht tabu. Das wichtigste Fragewort, warum, wurde bei der Programmierung der Computer klammheimlich unter den Tisch fallen gelassen. Sonst würde vielleicht das System abstürzen. Wie kann sich bei unentwegter Beschäftigung mit dieser Flut an (zu 97 Prozent Junk-) Infos noch solch Altmodisches wie Konzentration, Überlegtheit, Verbindlichkeit oder gar Nähe entwickeln? Ganz zu schweigen von Neugierde, Phantasie oder Geheimnisse. Quantität – die tägliche Überdosis an digitalen Daten, die jeder verschlingt – schlägt gehörig in Qualität um.

Oft wird die Quelle der kommunikativen Missverständnisse von Mails und SMS in ihrer bloß schriftlichen Form gesehen. Aber liegt es nicht vielmehr an der mangelnden Sorgfalt und an der Häufigkeit, mit der mitunter gar mit mehreren gleichzeitig digital geplaudert wird? Warum sollen Mails und SMS nicht mit der gleichen Aufmerksamkeit und Hingabe geschrieben werden wie früher vertrauliche Briefe? Dann gäbe es sicher weniger Missdeutungen und mehr Freude.

Maria Wölflingseder


Textquelle: Streifzüge 61/2014 – Streifzuege-Team – zum Artikel

Weiterführender Artikel: «Was hilft gegen Reizüberflutung» von Marco Gloor – zum Artikel

Beitragsbild: «Reizüberflugung» –  http://www.gloormarketing.ch

Cailleas Auge

GENDER’ismus, GENDER-Studies! Gleichschalterei?

Die Genderforschung behauptet, dass die Unterschiede zwischen Mann und Frau kulturell konstruiert sind. Eine Stellungnahme aus Sicht einer „kulturell konstruierten“ Frau.

von Caillea

Die meisten Leute können sich unter den Wörtern „Gender“, „Gender Mainstreaming“ und „Gender Studies“ nicht viel vorstellen. Doch was ist damit gemeint? Woher stammt diese Benennung? Wo wird dieser Begriff angewendet?

Was ist Gender?

In der Linguistik bezeichnet das Wort gender zunächst im Englischen den Genus bzw. das grammatikalische Geschlecht – d.h. die Unterscheidung zwischen weiblich, männlich und sächlich. Im wissenschaftlichen Sprachgebrauch wird gender als Bezeichnung für das soziale Geschlecht und in Abgrenzung dazu sex als biologisches Geschlecht definiert.

Als Begrifflichkeit wurde gender erstmals in der Medizin in der Forschung mit Intersexuellen in den 1960er Jahren verwendet, um die Annahme zu verdeutlichen, dass die Sozialisation der Individuen für die Geschlechterzugehörigkeit bzw. Geschlechtsidentität verantwortlich ist. So wurde das soziale Geschlecht (gender) im weiteren Verlauf als unabhängig vom biologischen Geschlecht (sex) betrachtet. In den 70er Jahren wurde der englische Begriff gender im feministischen Sprachgebrauch als Analysekategorie aufgenommen, um die Unterscheidung zwischen biologischem und sozialen Geschlecht zu betonen und so einen Ansatz zu entwickeln, der die Veränderbarkeit von Geschlecht in den Blickpunkt rückt: Geschlechterrollen sind kein biologisches Phänomen, sondern stellen soziale Zuschreibungen dar. Sie werden in sozialen Interaktionen und symbolischen Ordnungen konstruiert und sind damit veränderbar. Mit gender werden scheinbare geschlechtsspezifische Fähigkeiten, Zuständigkeiten und Identitäten in Frage gestellt und kritisiert – danach gibt es keine homogene Gruppe von „Frauen“ oder „Männern“ bzw. keine Definition für das was es heißt männlich oder weiblich zu sein. [1]

Gender Mainstreaming“ bedeutet, dass alle Geschlechter in sämtlichen Bereichen gleichgestellt werden, Männer, Frauen, auch Gruppen wie Homosexuelle oder Intersexuelle.

Ein Blick in die Genderforschung

Genderforscher glauben, dass „Männer“ und „Frauen“ nicht eine Idee der Natur sind, sondern eine Art Konvention, ungefähr wie die Mode oder der Vatertag. Klar, es gibt natürlich den kleinen Unterschied und leider lässt sich dies wohl nicht wegdiskutieren, jedoch abgesehen davon gibt es gemäß der Genderforschung keine Unterschiede. Bei Franziska Schößler, deren Buch 2008 erschienen ist, liest sich das so: „Es sind vor allem kulturelle Akte, die einen Mann zum Mann machen.“

Diese These ist gewagt. Was ist mit dem Hormon Testosteron? Spielt dieses nicht bei der Mannwerdung ebenso wie die Evolution eine ziemlich große Rolle? In den gängigen Einführungen, welche ich gelesen habe, tauchte das Wort „Hormon“ nur am Rande auf und das Wort „Evolution“ überhaupt nicht. Es fiel mir ebenso auf, dass sogar hinter die Existenz des Penis im Licht der Genderforschung zumindest ein Fragezeichen gesetzt wird. „Anatomie ist ein soziales Konstrukt“, sagt Judith Butler, eine der Ahnfrauen der Genderforschung. Es sei Willkür, wenn Menschen nach ihren Geschlechtsteilen sortiert werden, genauso gut könne man die Größe nehmen oder die Haarfarbe. Die seien genauso wichtig oder unwichtig.

Genderforscherin Heike Wiesner schreibt in ihrem Buch „Die Inszenierung der Geschlechter in den Naturwissenschaften“:

„Ob Verhaltensbiologie, Soziobiologie, Pflanzenbestimmung, Gene, Gehirnforschung oder Hormone – allen gemein ist die Kontruktion von Männlichkeit versus Weiblichkeit. Zu allen genannten Ansätzen liegen mittlerweile kritische Analysen von Biologinnen vor. Allein die Konstruktion von männlichen versus weiblichen Hormonen erweist sich als fragwürdig. [2]

Auf den ersten Blick scheint eine Demarkationslinie zwischen einzelnen Disiplinen zu verlaufen: anders als in der Biologie, sehen die mathematischen, physikalischen und chemischen Wissenschaften von einem expliziten Gebrauch einer weiblich- versus männlich-Konzeption in der Regel ab: „Menschen, Tieren, Pflanzen, ja sogar Wetterlagen wird ein Geschlecht zugeordnet, aber geht es um Moleküle, Atome, Quantenzustände und Elementarteilchen, ist auf den ersten Blick kein Zusammenhang mit dem Geschlechterverhältnis zu erkennen.“ [3]

Die meisten Genderforscherinnen pflegen das Feindbild der Naturwissenschaft. In ihren extremen Ansichten ähneln sie den Kreationisten, die Darwin für einen Agenten des Satans und die Bibel für ein historisches Nachschlagewerk halten. Die Genderforschung scheint eine Antiwissenschaft zu sein, eine Wissenschaft, die nichts herausfinden, sondern mit aller Kraft etwas widerlegen will.

Gender und Schule

Hannelore Faulstich-Wieland, Genderforscherin, Pädagogin und Gleichstellungsbeauftragte an der Hamburger Uni, mit dem Schwerpunkt „Männer und Schule“, hat einmal in einem Interview gesagt, dass es gesellschaftliche Gründe habe, wenn Männer im Marathonlauf schneller sind als Frauen.

Interessant ist in dem Zusammenhang ein veröffentlichter Vortrag von Frau Faulstich-Wieland vom 05.08.2010: „Es stellt sich die Frage, ob bestehende Ansätze und Maßnahmen von Schulprogrammen Geschlechterungleichheiten entgegenwirken können. Um dies zu beantworten, müssen die zugrunde gelegten Gendertheorien analysiert werden. Bei den meisten Maßnahmen für eine geschlechterbewusste Arbeit handelt es sich um die Realisierung von geschlechtergetrennten Angeboten, wie z.B. im Informatikbereich, bei Berufswahlkursen oder im Sexualkundeunterricht, die oftmals mit „grundlegenden Differenzen zwischen den Geschlechtern“ begründet werden. Problematisch wird diese besondere Hervorhebung und Dramatisierung von Differenz, wenn eine Dichotomisierung von den Mädchen und den Jungen einhergeht. Nach Faulstich-Wieland finden aber deutliche Überschneidungen zwischen den Gruppen der Mädchen und Jungen statt, so dass dieser „geschlechtsspezifische“ Unterricht zu einer Verfestigung von Stereotypen und Hierarchien führen kann, anstatt diese abzubauen. …… Da es auch andere Differenzen gibt, mit denen sich Schülerinnen und Schüler identifizieren oder abgrenzen, wie z.B. „doing student“ oder „doing adult“, bei denen Geschlecht Relevanz haben kann, aber nicht muss, fordert Faulstich-Wieland eine Entdramatisierung von Geschlecht

.Damit ließen sich die allgegenwärtige Wahrnehmung der Geschlechterdifferenzen verringern, Stereotype vermeiden und auch Differenzen innerhalb der Geschlechtergruppen sichtbarer machen. Jedoch soll eine Entdramatisierung von Geschlecht keine vermeintliche Geschlechtsneutralität bedeuten, da Geschlechterunterschiede nicht durch eine Dethematisierung aufgehoben werden können. Vielmehr sollte pädagogisches Handeln immer auf Selbstreflexionen des eigenen doing gender auf der Basis von Genderkompetenz beruhen. Wünschenswert wäre also eine Balance zwischen einer Dramatisierung und Entdramatisierung von Geschlecht. Konkret hieße das ein pädagogischer Umgang mit Jungen, der keine Remaskularisierung provoziert, sowie ein Umgang mit Mädchen, der auf Protektionismus verzichtet.“ [4]

Einige Genderforscher propagieren, dass es mehr männliche Lehrer an der Grundschule geben sollte, weil Männer unter Umständen mit der Aggressivität schwieriger Jungs besser umgehen könnten. Faulstich-Wieland hält Erzieher dagegen für gefährlich. Die Gefahr bestehe darin, dass „Jungen auf ein Stereotyp von Männlichkeit programmiert werden“. Weiterhin enthalte der Ruf nach mehr Lehrern eine Diskriminierung in Bezug auf Lehrerinnen. Dies sei eine Abwertung von Frauen. Faustich-Wieland hält das aggressivere Verhalten der Jungs für anerzogen. Folglich müsse es aberzogen werden. Jungs hätten eine negative Einstellung zum Lernen, was damit zusammenhänge, dass sie schon früh auf eine männliche Rolle festgelegt würden. Schon Babys würden ja verschieden behandelt, daher komme die Verschiedenheit von Mädchen und Jungs.

Das Wort „männlich“ scheint bei Genderforscherinnen negativ belegt zu sein. Hier stellt sich die Frage, ob Mütter ihre Söhne schon von klein auf dazu bringen müssen, sich wie Mädchen zu verhalten. Weiterhin könnte man, aufgrund der Genderforscherinnen, den Müttern unterstellen, schon ihren Babys beizubringen, schwierige Raufbolde zu werden. An Frau Hannelore Faulstich-Wieland kommt man selbst mit wissenschaftlichen Studien nicht zu Potte, denn „Naturwissenschaft ist eine Konstruktion.“.

Was sagt die Naturwissenschaft?

In diesem Zusammenhang schrieb Harald Martenstein schon 2013 einen Artikel in der ZEIT:

„Robert Plomin hat das Aufwachsen von 3000 zweieiigen Zwillingen beobachtet, Jungen und Mädchen, die in derselben Familie aufwuchsen. Im Alter von zwei Jahren war der Wortschatz der Mädchen bereits deutlich größer. Die Neurowissenschaftlerin Doreen Kimura hat einen Zusammenhang zwischen Testosteronspiegel, Berufswahl und räumlichem Vorstellungsvermögen nachgewiesen – bei Männern und Frauen. Den höchsten Testosteronspiegel haben übrigens Schauspieler, Bauarbeiter und Langzeitarbeitslose, den niedrigsten haben Geistliche. Der Osloer Kinderpsychiater und Verhaltensforscher Trond Diseth hat neun Monate alten Babys in einem nur von Kameras überwachten Raum Spielzeug zur Auswahl angeboten, Jungs krochen auf Autos zu, Mädchen auf Puppen. Der Evolutionsbiologe Simon Baron-Cohen, ein Vetter des Filmemachers Sascha Baron-Cohen, hat die Reaktionen von Neugeborenen erforscht, da kann die Gesellschaft noch nichts angerichtet haben: Mädchen reagieren stärker auf Gesichter, Jungen auf mechanische Geräte. Richard Lippa hat 200.000 Menschen in 53 Ländern nach ihren Traumberufen gefragt, Männer nannten häufiger „Ingenieur“, Frauen häufiger soziale Berufe. Die Ergebnisse waren in so unterschiedlichen Ländern wie Norwegen, den USA und Saudi-Arabien erstaunlich ähnlich. Wenn es wirklich einen starken kulturellen Einfluss auf die Berufswahl gäbe, sagt Lippa, dann müssten die Ergebnisse je nach kulturellem Kontext schwanken.

Der Hirnforscher Turhan Canli, ein Amerikaner, hat festgestellt, dass Frauen emotionale Ereignisse meist in beiden Hirnhälften speichern, Männer nur in einer. An einen Ehestreit oder den ersten Kuss können sich Männer deshalb im Durchschnitt nicht so gut erinnern wie Frauen. Wenn auf Fotos Gesichter zu sehen sind, traurige oder fröhliche, dann entschlüsseln Männer die Emotionen der abgebildeten Personen im Durchschnitt schlechter. Mein Lieblingsexperiment hat Anne Campbell an der Universität Durham veranstaltet: Männer und Frauen wurden zu einem Test eingeladen. Dann teilte man ihnen mit, dass sie schmerzhafte Elektroschocks erdulden müssten. Es dauere noch ein paar Minuten. Die Frauen warteten gemeinsam, in Gruppen. Die Männer warteten lieber alleine.

Die Wissenschaft ist sich einig: Geschlechterunterschiede sind zum Teil sicher anerzogen. Vieles hängt aber auch mit der Evolution und mit den Hormonen zusammen. Ist das alles wirklich nur Ideologie? Gibt es eine Art Weltverschwörung, gegen die Genderforschung? Und wenn ja: Wo bleiben eigentlich die Gegenstudien? Genderprofessorinnen gibt es doch reichlich.

An der Berliner Charité wird medizinische Genderforschung betrieben, zur Frage, warum Frauen und Männer für Krankheiten unterschiedlich anfällig sind. Im Regelfall aber ist diese Wissenschaft eher theoretischer Natur. Das hängt stark mit John Money zusammen, einem amerikanischen Sexualforscher, der die Gendertheorie in den fünfziger Jahren miterfunden hat. Um seine These zu beweisen – Geschlecht ist nur erlernt –, hat Money den zweijährigen Bruce Reimer 1966 von seinem männlichen Genital befreit und als Mädchen aufwachsen lassen. Der Penis des Kindes war bei der Beschneidung verletzt worden, deshalb ließen sich die Kastration und die Herstellung von Schamlippen wohl als eine Art „Therapie“ darstellen. Eine Ethikkommission wurde offenbar nicht konsultiert. Alice Schwarzer hat dieses nicht sehr menschenfreundliche Experiment als eine der wenigen Forschungen zum Geschlechterverhältnis gewürdigt, die „nicht manipulieren“, sondern „aufklären“. Der erwachsene Reimer ließ die Umwandlung rückgängig machen und erschoss sich. Seitdem muss die Theorie ohne Beweisversuche auskommen. Geschadet hat das ihrer Verbreitung nicht wirklich.“

Es ist erstaunlich, womit sich Genderforscherinnen so alles auseinandersetzen.

Uta Brandes ist Professorin für Gender und Design in Köln, seit 1995. Eine ihrer früheren Studentinnen heißt Gesche Joost und gehörte zum „Kompetenzteam“ des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück. In den neunziger Jahren hat die SPD-Ministerin Anke Brunn jeder Hochschule in Nordrhein-Westfalen eine neue Professorenstelle versprochen, vorausgesetzt, es handelte sich um eine Genderprofessur. Das führte zu einem Boom. Uta Brandes hat einmal erklärt: „Alles, was aufrecht steht, ist eher männlich.“ Durch die Negativbelegung findet sie anscheinend deshalb auch „Kirchtürme zu phallisch“, so ein Kirchturm penetriere das Dorf geradezu. Uta Brandes hat unter anderem das Verhalten an Fahrkartenautomaten erforscht, sie ist also keine Theoretikerin. Sie hat herausgefunden, dass Männer an Automaten weniger Angst vor Misserfolgen haben, Methode „Trial and Error“. Frauen überlegen länger, bevor sie einen Knopf drücken. Die Ergebnisse lassen einen irgendwie an Peer Steinbrück und Angela Merkel denken.

Auf der Webseite der HTWG-Konstanz schreibt man über Brandes:

„»My desk is my castle« – Empirie mit Unterhaltungsfaktor hatte Uta Brandes im Gepäck. Die Gender-Forscherin hat weltweit 686 Schreibtische von Menschen fotografiert und systematisch festgehalten, welche Gegenstände darauf und darin nichts mit der Arbeit zu tun haben. Kann man an diesen Gegenständen erkennen, ob der Schreibtischbesitzer tatsächlich ein Besitzer oder vielleicht eine Besitzerin ist? Die wenig überraschende Antwort: Man kann. Typische geschlechtliche Accessoires sind über alle kulturellen Grenzen hinweg eindeutig erkennbar – aber natürlich nur deswegen, weil der Betrachter schon ein festes Bild davon hat, was typisch männlich und typisch weiblich ist. »Es gibt kein Entrinnen«, so Brandes. Stereotype Vorstellungen prägten die Analyse von vornherein, und stereotype Vorstellungen prägen natürlich auch das Verhalten dessen, der sich seinen Schreibtisch einrichtet. Solche bösartigen Probleme methodisch zu erfassen und zu beschreiben ist zumindest ein Anliegen der Professorin. Und ganz abseits vom gedanklichen Teufelskreis hatte der Blick auf die zahlreichen Schreibtische einen hohen Unterhaltungsfaktor.“

Das Geschlechter-Paradox

Die kanadische Psychologin Susan Pinker hat sich ausgiebig mit dem „Teufelszeug“ Testosteron befasst, ihr Buch Das Geschlechter-Paradox wurde in viele Sprachen übersetzt. Testosteron macht Menschen risikofreudiger und kräftiger, Männer haben meistens mehr davon. Leider macht es auch kurzlebiger, weil es das Immunsystem schwächt. Postoperative Infektionen verlaufen bei 70 Prozent der Männer tödlich, aber nur bei 26 Prozent der Frauen, daran sind weder die Ärzte schuld noch das soziokulturelle Umfeld. Jungs haben relativ viel Probleme in der Schule und dies hängt u.a. auch mit Testosteron zusammen. Mädchen wiederum halten sich eher an die Regeln.

Männer sind extremer und Steven Pinker vertritt wie sein Kollege die Meinung: „Bei den Männern gibt es mehr Genies und mehr Idioten.“ Noch schöner hat es die Kulturhistorikerin Camille Paglia gesagt: „Ein weiblicher Mozart fehlt, weil es auch keinen weiblichen Jack the Ripper gibt.“ Martenstein meint dazu: „Extremes Verhalten und obsessive Fixierung auf eine bestimmte Sache – so was ist eher ein Männerding. Der Typ, der Amok läuft, um sich für eine Kränkung zu rächen: fast immer ein Mann. Der Mensch, der eine 90-Stunden-Woche nach der anderen herunterschrubbt, weil er Chef werden will, und am Ziel tot umfällt: wahrscheinlich ein Mann. Ein extremer Einzelgänger und Hypochonder, der Klavier spielt und sonst fast nichts tut: Glenn Gould. Ein Mensch, der in jeder freien Minute Wörterlisten auswendig lernt, nur weil er, völlig sinnlos, Scrabble-Weltmeister werden will: Joel Wapnick. Wer sich einen Sonderling oder einen Eigenbrötler mal genauer anschaut, entdeckt fast immer einen Penis.“

Er führt weiter aus, dass „das Geschlechter-Paradox darin besteht, dass sich in freien Gesellschaften mit ausgeprägten Frauenrechten nicht weniger, sondern mehr Frauen für angeblich typische Frauenberufe entscheiden, soziale oder kreative Berufe. Wenn Frauen die Wahl haben, tun sie eben nicht das Gleiche wie die Männer. Sie werden, ohne Druck, im Durchschnitt lieber Ärztin, Lehrerin oder Journalistin als Statikerin, Ingenieurin, Schachprofi oder Patentanwältin. Über Individuen sagen solche Statistiken natürlich nichts aus, es kann auch hervorragende, glückliche Notarinnen geben und Physik-Nobelpreisträgerinnen. Wer aber glaubt, dass wir alle dem gleichen Normgeschlecht angehören und deshalb überall in der Gesellschaft ein Verhältnis von 50 zu 50 herrschen muss, der kann dies, laut Susan Pinker, nur mit staatlichen Zwangsmaßnahmen erreichen. Weder Hannelore Faulstich-Wieland noch Uta Brandes kannten ihre Kollegin Susan Pinker.“

Gleichstellung?

Gender Männer FrauenMaybritt Hugo, Jahrgang 1960, arbeitet seit 1992 als städtische Gleichstellungsbeauftragte bei der Stadt Braunschweig. Vorher hat sie Politik und Germanistik studiert und war Fraktionsgeschäftsführerin bei den Grünen. Eine ihrer Aufgaben ist es, den Anteil der Frauen im Personal – vor allem im Führungspersonal – zu steigern und die sich selbst rekrutierenden Männerlobbys aufzubrechen.

Maybritt Hugo hat bei der Braunschweiger Feuerwehr etwas «Wichtiges» erreicht. Beim Eignungstest sind die Bewerberinnen fast immer durchgefallen. Das lag unter anderem an den Klimmzügen. Frauen fallen Klimmzüge schwerer als Männern. Außerdem wurde von allen Bewerbern eine abgeschlossene handwerkliche Ausbildung verlangt. Inzwischen dürfen Bewerber, um ihre Kraft unter Beweis zu stellen, einen schweren Kanister eine Treppe hochtragen, und die Feuerwehr akzeptiert auch eine Ausbildung im Gesundheitswesen. Seitdem steigt die Zahl der Feuerwehrfrauen. [5]

Wie geht eigentlich die Genderforschung oder auch eine Gleichstellungsbeauftragte mit Bereichen um, in denen die Männer benachteiligt sind? Obdachlosigkeit zum Beispiel. 70 bis 80 Prozent der Obdachlosen sind Männer. Laut Martenstein antwortet Maybritt Hugo sehr freundlich, „dass die Statistik ein falsches Bild ergebe. Frauen seien genauso von Obdachlosigkeit betroffen. Sie würden dann eben bei Freundinnen oder Verwandten unterschlüpfen.“ 

Dies klingt in meinen Augen so, als seien alle obdachlose Männer selbst schuld an ihrer Situation. Vielleicht sollten sich Männer einfach ein bisschen weiblicher verhalten? Warum werden selbst bestens belegbare Erkenntnisse der naturwissenschaftlichen Geschlechterforschung von vielen Genderfrauen abgelehnt oder gar nicht erst zur Kenntnis genommen? Warum können sie mit Natur und Evolution nichts anfangen? Natürlich wurden Frauen jahrhundertelang «klein» gehalten und konnten angeblich dieses nicht und jenes nicht, sie galten als eitel, dumm, schwach, hysterisch, zänkisch, schwatzhaft und charakterlich fragwürdig. Frauen wurden gerne unterdrückt, damit einige Männer, wohlbemerkt nicht alle, ihre Machtposition ausüben konnten.

Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen, dass auch Frauen alles erreichen können, wenn sie nur wollen. Manchmal muss man sich etwas mehr durchsetzen, doch Wissen und Know How wird zumindest heutzutage auch von Männern anerkannt. Viele Männer gehen heute in Elternteilzeit und betreuen die Kinder mit. Viele Männer arbeiten ebenfalls im Haushalt und machen davon kein Aufhebens. Meine Tochter wollte mal Dachdecker werden und es wäre kein Problem gewesen, diesen Beruf zu ergreifen. Sie hatte mehrere Ausbildungsangebote. Doch warum hat sie diesen Beruf nicht ergriffen? Weil sie körperlich sich nicht dazu in der Lage fühlte. Hätte sie sich männlicher verhalten sollen?

Frauen können Kinder bekommen und Männer nicht, wenn dies von Genderfrauen auch nur als ein geringer Unterschied anerkannt wird, der jedoch für jede Frau eine Zumutung ist. Wer die etablierte Familie aus Vater, Mutter und Kind auflösen und an ihre Stelle immer mehr gleichgeschlechtlichen Patchworks setzen will,  der muss die künstliche Befruchtung propagieren und darf auf keinen Fall zulassen, dass diese in irgendeiner Weise problematisiert wird. Frau Sibylle Lewitscharoff würde es begrüßen, wenn es über biochemische Prozesse gelänge, die gebärende Frau zu ersetzen. Anders gesagt: Wenn es gelänge, die biologischen Grundlagen des Menschseins mittels High Tech zu verändern.

Die US-Amerikanerin Donna Haraway geht noch weiter. Den banalen Gender Mainstream-Ansatz verschärft Harawy durch die Anbetung der naturwissenschaftlichen Entwicklung: Durch die Hybridisierung der Menschen mit Maschinen sollen Zwitterwesen entstehen, Cybernetic organisms oder kurz Cyborgs, die die alte Trennung in Adam und Eva überwinden. In ihrem „Manifest für Cyborgs“ (1995) träumt sie von einer „Neuerfindung der Natur“: „Im späten 20. Jahrhundert, in unserer Zeit, einer mythischen Zeit, haben wir uns alle in Chimären, theoretisierte und fabrizierte Hybride aus Maschine und Organismus verwandelt, kurz, wir sind Cyborgs.“ Harawy träumt von einem neuen Geschlecht namens MannFrau© in Anlehnung an die Erfindung der OncoMouse™ – dem ersten patentierten transgenen Lebewesen, einer Maus, der man für Forschungszwecke Brustkrebsgene eingepflanzt hatte. Beides seien Geschöpfe, die die naturgegebene Grenze der Spezies überschritten hätten. „Die große Trennung zwischen Mensch und Natur sowie ihre Grenzen für die Geschlechter, die die Geschichte der Moderne begründete, ist durchbrochen worden.“

Das ist in meinen Augen nicht nur krank, sondern auch noch gefährlich!

Die Genderfrauen gehen in meinen Augen davon aus, dass biologische Forschung insgesamt ein Herrschaftsinstrument der Männer sein muss. Deshalb sagen sie: Es gibt keine Unterschiede, basta. Warum? Weil es einfach keine geben darf. Genderforschung ist eine Antiwissenschaft. Sie beruht auf einem unbeweisbaren Glauben, der nicht in Zweifel gezogen werden darf.

Dabei ist in Wirklichkeit die Biologie längst weiter. Sie kann zeigen, dass Männer und Frauen in vielen Bereichen gleich sind, in anderen verschieden. Sonst wäre die Evolution ja sinnlos gewesen – wozu zwei Mal das gleiche Modell entwickeln? Beide Geschlechter haben Stärken und Schwächen, die sich ergänzen, und ganz sicher ist keines „besser“ als das andere.

Ich möchte abschließend darauf hinweisen, dass ich nichts gegen Gleichstellung habe. Das Motto moderner, aufgeklärter Gesellschaften ist seit der französischen Revolution „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“. Historisch und etymologisch betrachtet hat der darin enthaltene Begriff „Gleichheit“ inhaltlich immer bedeutet, dass alle Menschen gleichwertig sein und gleiche Rechte bzw. die gleiche Rechtsstellung haben sollen. Wenn eben diese Gleichstellung als Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit verstanden wird, habe ich nicht das Geringste gegen Gleichstellung und deren Durchsetzung. Im Gegenteil, trotz aller Bemühungen klafft gerade in diesem Land nach wie vor eine große Lücke zwischen Anspruch und Realität. Wenn darunter aber Gleichschaltung und Gleichmacherei verstanden wird, werde ich dagegen protestieren, denn diese waren damit nie gemeint. Dies sage ich als eine Frau, die in jeder Hinsicht „ihren Mann gestanden hat“ und dies weiterhin tut.

Die Natur hat viele Lebewesen geschaffen und kein Lebewesen auf dieser Welt ist gleich und das nennt man Vielfalt. Gleichwertige und geschätzte Vielfalt ist das Schönste, was uns auf dieser Welt passieren kann.

Caillea


Passend dazu noch zwei Vorträge von Vera F. Birkenbihl:

Der norwegische Filmemacher Eia geht der Frage nach, ob Mädchen und Jungen entsprechend der Gender-Lehre in ihrem Sozialverhalten unmittelbar nach der Geburt absolut identisch sind und die Kausalität aller manifestierten Verhaltensunterschiede ausschließlich in der sich anschließenden Prägung durch das soziale Umfeld liegt. Er hinterfragt die Aussagen der „Gender“-Forschung und vergleicht sie mit den Erkenntnissen der klassischen Wissenschaften wie Anthropologie und Biologie. Die Reportage lief 2010 im norwegischen Fernsehen anläßlich einer 7-teiligen Themenreihe.


 

Bild- und Grafikquellen:

  1. Beitragsbild: „Das kritische Auge“ – www.pixabay.com
  2. „Gender Mainstreaming“ – http://www.contra-magazin.com/tag/gender-mainstreaming/

 

 

Fußnoten:

  1. Quelle: http://www.uni-bielefeld.de/
  2. „Die inzenierung der Geschlechter in den Naturwissenschaften“, Heike Wiesner, S. 31
  3. ebd. S. 32
  4. Vortrag Hannelore Faulstich-Wieland – http://www.genderkompetenz.info/veranstaltungs_publikations_und_news_archiv/genderlectures/051108glhu
  5. Auch interessant: «Mit Männerquote gegen Ärzte» – http://www.wgvdl.com/forum2/board_entry.php?id=172882
Hunger Refugee Camp

Investieren Sie weiter in den Hungertod – nachhaltig!

von Andreas Müller-Alwart

Zynismus ist eigentlich nicht angebracht, doch wie darf man das eigentlich verstehen, wenn eine deutsche Bank immer und immer wieder erklärt, Investments in Rohstoff-Agrar-Fonds seien bei ihr nicht mehr möglich, die sarkastische Wahrheit aber eine andere zu sein scheint. Die Deutsche Bank wollte im Jahr 2012 vorübergehend keine neuen börsengehandelten Finanzprodukte auf Basis von Agrar-Rohstoffen auflegen. Nach Recherche von Foodwatch und der Entwicklungsorganisation Oxfam hat sie sich nicht daran gehalten. Und so können Sie und ich in diese Welt der Ernährungswirtschaft investieren – nachhaltig versteht sich. Das ist der Zynismus von dem ich schrieb, denn die Renditen sind in der Regel gut und wirklich nachhaltig. Die Folgen für die Betroffenen, wenn es mal wieder um die Frage geht, wie lange Nahrungsmittel eingelagert und zurückgehalten werden, um die Preise in die Höhe zu treiben, während andernorts die Leute verhungern, sind bestens bekannt.

Rendite versus Ernährung

Dieser Zusammenhang ist nicht immer direkt vorhanden, aber er ist auch nicht zu leugnen. So stellt sich die Frage, ob die Deutsche Bank es wirklich nötig hat, ihr ohnehin seit Jahren beschädigtes Image durch dieses zweifelhafte Investment nachhaltig zu verschlechtern. Und wissen die Anleger eigentlich, dass sie involviert sind? Vielleicht schütteln Sie angesichts dieser Frage ungläubig den Kopf. Doch es ist manchmal gar nicht so einfach für einen Anleger, der z. B. einen Fondssparplan hat, zu erkennen, dass sein Investmenttopf vielleicht wieder in einen anderen Topf investiert wurde, der dann eben auch Agrar-Rohstoff-Fonds beinhaltet. Die Suche nach überdurchschnittlicher Rendite ist schließlich gerade in Zeiten niedriger Zinsen für den Großanleger ebenso eine Herausforderung wie für den Kleinsparer.

Deutsche Bank täuscht Öffentlichkeit?

Foodwatch und Oxfam sprechen jedenfalls von einer Täuschung der Öffentlichkeit. Mindestens fünf dieser unmoralischen Finanzprodukte auf Basis von Agrar-Rohstoffen seien neu aufgelegt worden, während gleichzeitig das Gegenteil versprochen worden war, erklären die beiden Organisationen. Und es bleibt dabei, dass die Banken weiterhin als Hauptargument für derartige Investitionen die Preisabsicherungsmöglichkeit für Landwirte und Großbäckereien anführen. Im Übrigen sei ja ein direkter Bezug zwischen Nahrungsmittelspekulation und Unterversorgung der Bevölkerung so nicht nachzuweisen. Diese Sichtweise soll dem Anleger vermitteln, es sei alles in Ordnung, man halte die Landwirtschaft sicher und warm und schütze sie vor Ausfällen bei Hagel, Frost und Wind. Die unbestreitbare Tatsache aber, dass Hunger ein Umverteilungsthema ist und Umverteilung etwas mit Handel und Preisbildung zu tun hat, in die Spekulationsgeschäfte nun einmal eingreifen, ignoriert diese Sichtweise eiskalt. Umso glühender und empathischer argumentieren deswegen die Befürworter, die sich für Menschenleben und deswegen gegen diese Nahrungsmittelspekulation einsetzen: Die Preisabsicherungsmöglichkeit der Landwirte ließe sich auch anders gestalten und betreffe im Übrigen nur einen Bruchteil dessen, was an Geldmengen im Agrar-Rohstoff-Handel bewegt werde. Bezeichnenderweise ist ein Vielfaches von investiertem Kapital an den Terminbörsen unterwegs, als es überhaupt abzusichernde Agrar-Rohstoffe gibt. Der impulsivste Verfechter des Ausstiegs aus diesen Spekulationen ist sicherlich Jean Ziegler. Seine Bücher sind Beststeller und seine Sprache ist mit der gleichen Deutlichkeit im medialen Raum unterwegs, mit der sich ein Hungergefühl im Bauchraum eines Unterernährten rumpelnd und polternd bemerkbar macht. Man kann seine Erkenntnis nicht ignorieren:

„Nahrungsmittelspekulation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“,

sagte er immer wieder – z. B. in einem Interview im September 2012 in der Süddeutschen Zeitung. 

Mit dem Hungertod und dem Investment in Agrar-Rohstoff-Fonds ist das so ein wenig wie mit unserem Fleischkonsum. Viele von den Menschen, die live bei einer Ausschächtung im Schlachthof dabei waren, haben danach das Bedürfnis weniger, bewusster oder gar kein Fleisch mehr zu essen. Man muss es erlebt haben, man muss diese Betroffenheit spüren, man muss fühlen, dass man eine Verantwortung dafür trägt, dass ein Tier stirbt. Der in Scheiben aufgeschnittenen, in Plastikfolie eingeschweißten Lyoner ist die Massentierhaltung und der unvermeidliche Tod der Sau nicht mehr anzusehen – die Packung ziert nicht der Schlächter und nicht das ausblutende Vieh, sondern das glückliche Tier auf dem – oft nicht existierenden – Bauernhofidyll der Umverpackung. Dies soll erleichtern, die eigene Verantwortung und Betroffenheit zu übersehen und zu übergehen.

Investiere nur in etwas, das Du wirklich verstehst …



Mit dem Hunger ist es das Gleiche: Wer hat schon jemals von uns direkt einen Bezug zu einem Hungernden gehabt? Wer von uns hat schon jemals selbst gehungert? Wer von uns weiß, dass Hungernde ab einem bestimmten Stadium der Unterernährung nur noch mit Spezialnahrung und auch dann kaum noch zu retten sind? Und wer weiß schon, dass es bis zum bitteren Ende eine Qual ist? Wer würde – wirklich mit dem Hungertod direkt in Berührung stehend – noch ein solches Investment tätigen wollen? Wer würde sich hinter der Scheindebatte verstecken wollen, dass ein direkter Zusammenhang nicht direkt bewiesen ist? Die Mehrzahl der Anleger würde einem solchen Investment ausweichen, und zwar schon dann, wenn es unmoralisch sein könnte – und nicht erst, wenn dies bewiesen ist. Aber auf dem Fondsprospekt sind keine Bilder verdorrter Felder oder hungernder Menschen zu sehen, die auf unsere vollgefüllten Getreidelager starren, die an anderer Stelle dieses Planeten auf einen Preisanstieg und maximale Rendite warten. Nein – ein solches Investment funktioniert nur, weil die PR-Maschinerie es den Leuten als etwas anderes verkauft und ihnen somit ein relativ reines Gewissen einzuschenken versucht. Nur wer nicht hinter die Verpackung schaut, nur wer beide Augen zumacht, wird nichts Unmoralisches finden. 
Witzig: Eine alte Anleger-Binsenweisheit besagt eigentlich, man solle nicht in etwas Investieren, das man nicht wirklich kennt und versteht. Meine Empfehlung: Einfach mal zwei Wochen hungern und dann prüfen, ob das ein Investment ist, das einem liegt. Sie sehen: Der Zynismus bleibt uns bei diesem Thema als roter Faden erhalten.

Es ist schade: Was wäre das für ein toller Bericht, wenn ich hier mal schreiben könnte: „Die Deutsche Bank hat es verstanden!“ Hat sie aber nicht. Sie kann Werbung, sie kann PR und sie kann Investment. Für die Empathie, dafür den Kundenwillen aufzunehmen und die Unmoral zu schmecken, reicht es nicht. Die Deutsche Bank wolle sich ernsthaft ändern? So die Erklärung erst kürzlich vor der Hauptversammlung. Wenn die Änderung so aussieht, dass man weiter macht wie bisher, so ist diese Ankündigung eine Drohung – sie erscheint als Warnung. Sie hat die Glaubhaftigkeit eines zum dritten Mal verurteilten Sexualstraftäters, der vor Gericht beteuert, dass er sich ändern wolle und werde. Die besonders kritischen Finanzproduktstrategien – wie z. B. die Momentumstrategie – sind auch weiterhin im Produktportfolio. Veränderung sieht wirklich anders aus.

Foodwatch hat deswegen auf seiner Website eine Aktion gestartet, mit der sich Jedermann gegen diese Spekulationen wenden kann. Über 60.000 Personen hatten sich bislang eingetragen – es könnten gerne ein paar Millionen werden. Ich freue mich auf den Tag, an dem ich hier schreiben kann, welche Investments eingestellt wurden. Und noch mehr würde ich mich über den Tag freuen, an dem wir kein Umverteilungsproblem bei Nahrungsmitteln mehr haben und keiner mehr Hunger leiden muss.

World Foot Programme

Eigentlich – und nicht eigentlich, sondern mit Sicherheit – müsste ein weiterer Protest gestartet werden, denn es gibt auch zahlreiche politische Komponenten, bei denen einfach vor dem Hunger in der Welt die Augen verschlossen werden, z. B. beim Welternährungsprogramm. „Das WFP hatte 2008 ein Budget von sechs Milliarden Dollar, heute sind es 2,8 Milliarden Dollar – wegen der Bankenrettung. Es gibt keine Opposition gegen Kürzungen beim WFP.“ Das WFP (World Food Programme, Welternährungsprogramm (WEP)) lebt von Zuschüssen und Spenden.

Hungernde weltweit

Die Zahl der Hungernden hat im Vergleich zu 1990 bereits abgenommen.Aber das Milleniumsentwicklungsziel wurde noch nicht erreicht. Momentan leiden 868 Millionen Menschen an Hunger. Das sind im Vergleich zu 1990 136 Millionen Hungernde weniger.

Anzahl der Hungernden weltweit

1990-1992 1 Mrd.

1999-2001 919 Mio.

2004-2006 898 Mio.

2007-2009 867 Mio.

2010-2012 868 Mio.

Gemessen in Prozent an der Weltbevölkerung

1990-1992 18.6 %

1999-2001 15.0 %

2004-2006 13.8 %

2007-2009 12.9 %

2010-2012 12.5 %

«So unterstützte WEP im Jahre 2008 102 Millionen Menschen in 78 Ländern mit Ernährungshilfe. 2012 musste WEP über 90 Millionen Menschen in 75 Ländern mit Ernährungshilfe unterstützen.

Obwohl das extrem hohe Preisniveau mittlerweile gesunken ist, kostet Getreide immer noch deutlich mehr als vor der Nahrungsmittelkrise. Dies trifft Menschen in Armut, die schon vorher zwei Drittel bis drei Viertel ihres Einkommens für Essen ausgeben mussten, sehr hart. Die Welternährungskrise gefährdet somit auch die bisherigen Erfolge im Kampf gegen den Hunger: Noch vor 30 Jahren hungerte mehr als jeder dritte Mensch auf der Erde. Heute ist es noch jeder sechste, und das trotz Welternährungs-, Wirtschafts- und Finanzkrise und einer massiven Zunahme der Weltbevölkerung.»

Wie wäre es denn mal mit einem Investment in eine solche Einrichtung? Und wo bleibt der Protest, wenn Milliarden – ach was: Billionen – zur Bankenrettung investiert werden, aber das WFP immer weniger Geld erhält? Da werden auch noch die gerettet, die nicht einmal auf Nahrungsmittelspekulationen verzichten wollen oder wie ist diese Logik eigentlich zu verstehen?

Mein Tipp für alle Unterstützer des Rohstoffhandels und des ungebremsten Fleischkonsums: «Gehen Sie mal in einen Schlachthof und schauen Sie sich die Tierschlachtung an. Sie bekommen sofort wieder mehr Respekt und werden achtsamer – bezogen auf Ihren Fleischkonsum. Vielleicht ist weniger mehr. Und dann gehen Sie doch einfach mal in die Deutsche Bank und fragen nach diesen Fonds. Der Fondsverkäufer möge Ihnen doch mal erklären, warum dieses Investment solche Renditen erwirtschaftet, wo es doch eigentlich nur eine Schadensabsicherung für Landwirte ist. Und er möge Ihnen erklären, wie man sicherstellen kann, dass diese Spekulationsgeschäfte nichts mit dem Hunger- und Umverteilungsproblem zu tun haben. Dann nehmen Sie den Prospekt mal mit, notieren sich die Fakten aus der Beratung und recherchieren Sie einmal selbst, ob dieses Investment moralisch oder unmoralisch ist. Beim Wurstkauf schauen Sie inzwischen ja auch auf die Verpackung, woher die Wurst kam und welche Inhaltsstoffe darin enthalten sind. Falls nicht: Weiterhin guten Appetit und maximale Rendite!»

Andreas Müller-Alwart


Autor:

Andreas Müller-Alwart ist selbständiger Journalist, Coach sowie Requirement Engineering Manager und Mitglied des Reflektion-Teams.

Weiterführende Literatur/Links
:

  1. Interview mit Jean Ziegler – http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/jean-ziegler-im-gespraech-nahrungsmittelspekulation-ist-ein-verbrechen-gegen-die-menschlichkeit-1.1469878
  2. Aktion von foodwatchhttps://www.foodwatch.org/de/informieren/agrarspekulation/e-mail-aktion-deutsche-bank/
  3. Mehr über die Arbeit von Jean Ziegler (seine Homepage) – http://www.righttofood.org/
  4. Welternährungsprogrammhttp://de.wfp.org/?gclid=CLGBqYX3t8ACFesBwwodq6gALg
  5. Tipp – anschauliche Grafiken zum Thema Hungerfakten!
 – http://cdn.wfp.org/de/hungerfacts/index.html
  6. Weiteres Illustrationsmaterial (über WFP)http://de.wikipedia.org/wiki/Welternährungsprogramm_der_Vereinten_Nationen

 Bild- und Grafikquellen:

  1. Alles über die UN World Food Programme – http://de.wfp.org/artikel/infografik-alles-über-wfp
  2. Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen sowie das Zitat – http://de.wikipedia.org/wiki/Welternährungsprogramm_der_Vereinten_Nationen
  3. Beitragsbild: «Hunger» – http://rationalfaiths.com/language/de/milgram-pt-2/
479519_web_R_K_B_by_Wolfgang Pfensig_pixelio.de

VERRÜCKT IN BERLIN – Der Wahnsinn geht weiter

von Heidi Langer – POLITROPOLIS

In der Hauptstadt tobt er sich gerade so richtig aus, der Irrsinn am Ruder unseres Landes.

In Kreuzberg schickte eine grüne Bezirksbürgermeisterin 900 Polizisten in die Schlacht gegen eine Hand voll Flüchtlinge, friedlich demonstrierende Bürger und nebenbei auch noch die Geschäftsleute des Viertels, die gewöhnlich in dem abgesperrten Bereich ihre Unternehmen betreiben. Wobei Augenzeugenberichten zufolge die uniformierten Kämpen im Dienste der Gemeinschaft das Aggressivste sind, was die Gegend derzeit an Testosteronvergiftungen zu bieten hat. [1]

Man liest mittlerweile sogar von Pfefferspray-Einsatz gegen Schulkinder. Und auch wenn ich als dreifache Mutter guten Gewissens bestätigen kann, dass gerade Teenager gelegentlich ein ähnliches Katastrophenpotenzial an den Tag legen können wie ein mittleres Erdbeben oder ein Geisterfahrer auf dem Nürburgring, bezweifle ich, dass eine solche Reaktion von Seiten der „Freunde und Helfer“ im Rahmen des Angemessenen liegt. [2] Eskalationen sind da wohl vorprogrammiert. Ob sie gewollt sind, um die Situation dann gewaltsam „klären“ zu können, weiß ich natürlich nicht.

Allerdings habe ich bisher auch noch keine 900 Uniformierten dabei beobachtet, wie sie krampfhaft versuchen, eine einzelne Kerze zu löschen – und zwar mit Benzin. Hoffentlich sind alle Anwesenden Nichtraucher.

191757_web_R_K_by_Wolfgang_pixelio.deNaja, während Grün in Kreuzberg jedenfalls munter vor sich hinkompostiert (habt Ihr einen solchen Komposthaufen eigentlich mal näher betrachtet – interessante Farbentwicklung, und der Geruch ist auch nicht ohne) ist unsere allseits geliebte Granaten-Uschi nur ein paar Kilometer entfernt fleißig damit beschäftigt, die Bundeswehr von der im Grundgesetz vorgesehenen Verteidigungsarmee 1.0 hochoffiziell auf Angriffsstreitmacht 5.5 upzugraden. Das ermöglicht zum einen die dringend erforderliche Ausgabe von finanziellen Mitteln, die sonst womöglich in so sinnlosen Kanälen wie Bildung oder gar Schulspeisung versickert wären, und beschleunigt zum anderen ihre persönliche Metamorphose zur Drohnen-Ursula, eine Ambition, die sie offenbar von ihrem Vorgänger übernommen hat – okay, bis auf die Sache mit dem Vornamen. [3]

Und mal ganz ehrlich, warum sollte Frau von der Leyen sich mit profanen Ballerspielen auf PlayStation oder X-Box begnügen, wenn sie per Knopfdruck und auf Kosten der Steuerzahler auch ganz reale Menschen in fremden Ländern in Grund und Boden stampfen kann? Echtes Blut ist doch viel realistischer und unterhaltsamer. Und echte Kriege kurbeln außerdem die Wirtschaft an. Also her mit den fliegenden Mordinstrumenten! Wer braucht schon Gerichtsurteile und eine Gesetzgebung, welche die Todesstrafe zulässt, um missliebige Eventual-Terroristen wegzuputzen, wenn er Bündnispartner der USA ist? Einen dreifachen Salut auf die Nato. Und wenn dabei gerade jemand vor dem Kanonenrohr steht – Pech gehabt. Kollateralschaden. Kein Problem, solange der Dollar rollt.

Da wir gerade von Geld reden, benutzt Ihr eigentlich noch Bares? Ja? Ihr Verbrecher!

Jetzt guckt nicht so entsetzt. Nach Meinung unseres Finanzrollators (und das ist keine geschmacklose Anspielung auf seine körperliche Behinderung, sondern auf das Tempo, mit dem Herr Schäuble unsere Steuergelder in die gierigen Hände der EU rollt), wird Bargeld – ein laut Schäuble „intransparentes Zahlungsmittel“ – nämlich hauptsächlich von lichtscheuen Elementen genutzt, und zwar zum Zweck der Geldwäsche und der Verschleierung seiner Herkunft.

Wenn Oma Else also ihre Lebensmittel im Supermarkt lieber bar bezahlt, weil sie sich die blöde PIN für ihre EC-Karte einfach nicht merken kann, ist nicht auszuschließen, dass sie in ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung mit Balkon ein kriminelles Unternehmen aufgezogen hat (illegale Prostitution fällt mir dabei als Möglichkeit ein, oder auch illegales Glücksspiel) und die natürlich ebenfalls illegalen Gewinne jetzt durch den Kauf von Backzutaten und Küchenkräutern verschleiert. Böse Omi! Und wie ist das mit dem von Grund auf verdorbenen Zweitklässler, der seinen als Taschengeld getarnten mutmaßlichen Drogenerlös ganz schamlos zur nächsten Eisdiele trägt und in Erdbeer- und Vanilleeis investiert? Eine nicht zu unterschätzende Gefahr für jeden aufrechten Bürger! (Ob die Uschi ihre Drohnen eigentlich auch im Inland einsetzen darf? Laut Grundgesetz geht das ja nicht. Aber laut Grundgesetz haben wir auch nur eine Verteidigungsarmee, darf von deutschem Boden nie wieder Krieg ausgehen und geht alle Macht vom Volke aus. Unter diesen Umständen sollte fragen doch erlaubt sein, oder? Zumal die Polizei ja gerade in Kreuzberg festsitzt…)

Okay, lassen wir das.

Nun, da die EU sich doch so aufmerksam um das Recht eines jeden Einzelnen auf ein Girokonto bemüht [4], sollten solche Finsterlinge jedenfalls bald der Vergangenheit angehören. Genau wie so düstere und undurchschaubare Vorgänge wie zum Beispiel Privatverkäufe von persönlichem Eigentum, Trinkgelder im Servicebereich (die übrigens meist bei der Lohnberechnung bereits berücksichtigt wurden) oder auch der äußerst illegale Zwanziger zum Geburtstag eines Hartz4-Empfängers.

437392_web_R_by_Dieter Schütz_pixelio.deOhne intransparentes Bargeld oder gar den perfiden Sparstrumpf unter dem Kopfkissen, der den Banken den zinslosen Zugriff auf die finanzielle Reserve jedes Einzelnen verwehrt, wird solch niederträchtigen Eigentumsverschleierungen ganz schnell der Riegel vorgeschoben – sehr zur Freude des Fiskus (und damit auch des Herrn Schäuble). Und natürlich des Sachbearbeiters, der dem oben erwähnten Hartz4-Empfänger sein Geburtstagsgeschenk von der nächsten Regelleistung wieder abziehen darf.

Eine Frage hätte ich allerdings in diesem Zusammenhang: Wie, bitte schön, kann es sein, dass Umweltschutzverbände in ganz Europa auf die Barrikaden gehen, weil ein dänischer NATO-Depp Verschwörungstheorien über sie und ihre angebliche Anti-Fracking-Zusammenarbeit mit Putin, dem Gottseibeiuns des amerikanischen Erdgases, dass durch einen eklatanten Fehler während der Planetenentwicklung ausgerechnet in Russland gelandet ist, verbreitet, aber niemand – absolut NIEMAND – sich darüber aufregt, dass man uns von Seiten unseres Finanzministeriums auf so peinlich durchsichtige Weise ans Eingemachte will?

Ja, der Irrsinn geht um – und nicht nur in Berlin!

Er tut es im Schatten der Fußballweltmeisterschaft, zu einem Zeitpunkt, da beinahe die gesamte Bevölkerung unseres Landes den Erkältungssymptomen einiger unserer Kicker mehr Aufmerksamkeit schenkt, als der aktuellen Politik. Er hat Methode. Und er wird uns weit mehr kosten als eine möglicherweise wegen eines gewöhnlichen Schnupfens versemmelte WM.

Sagt dann bitte nicht, man hätte Euch nicht gewarnt!


Autorin: Heidi Langer – Mutter von drei Kindern

Textquelle: www.politropolis.de

Bild 1: „Sind hier alle irre geworden?“ – Wolfgang / pixelio.de

Bild 2: „Heute schon bezahlt? – Dieter Schütz / pixelio.de

Beitragsbild: „Vernunft gegen Wahnsinn“ – Wolfgang Pfensig / pixelio.de

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Mit Vielfalt statt Einfalt – Marsch gegen Monsanto

Erst die Kuh, dann Du

Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

Die Artenvielfalt wird zerstört. Kreisläufe und Gleichgewicht der Natur geraten aus den Fugen. Patente auf unzählige Naturprodukte ruinieren Landwirte. Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Rechtsprechung und Bildungseinrichtungen stehen unter Einfluss der Konzerne. Das sind nach den Erkenntnissen der ca. 40 mit veranstaltenden Organisationen die Auswirkungen der Machenschaften von Unternehmen wie Monsanto, die mittels der so genannten Gentechnik gegen die Interessen der Menschen – insbesondere in der Landwirtschaft – eine künstliche, profit-orientierte Welt schaffen wollen. Düsseldorf ist der Ort, in dem der Konzern Monsanto, der sich selbst als „Life-Sciences-Unternehmen“ bezeichnet, seine geschäftliche Hauptniederlassung für Deutschland hat. Unter dem Motto „Vielfalt statt Einfalt“ haben am 31. Mai 2014 mehr als 1.000 Menschen hier demonstriert.

1985 war die Soziologie-Professorin Maria Mies Mitveranstalterin des ersten, internationalen, feministischen Anti-Gen-Kongress „Diverse Women for Diversity“ in Bonn. Ein Satz, den die unbestechliche Ökofeministin mit geprägt hat, lautet: „Wozu brauchen wir das alles?“ Die Antworten der im Auftrag der Konzerne forschenden Wissenschaftler sind stereotyp und unzutreffend: Gentechnik sei notwendig, um den Hunger in der dritten Welt zu bekämpfen. Außerdem sei sie völlig ungefährlich. In dieses Verblendungsgebilde passt die Umbenennung von Gen- in Biotechnologie mittels manipulativem Greenwashing.

Nicht-reproduktives Saatgut und Gebärfähigkeit

„Wir haben unseren Kongreß (1985) ganz bewußt nicht nur auf die Gentechnik in der Landwirtschaft beschränkt,“ sagte die Kritikerin der neoliberalen Globalisierung anläßlich des 2004 in der Kölner Messe stattfindenden Kongresses „Agricultural Biotechnology International Conference (ABIC)“, einer Konferenz der Nahrungsmittel-Konzerne zur „Bio“technologie. In ihrem Beitrag zur damaligen Gegenkonferenz betonte sie: „Wir wussten, daß die Gentechnik die Grenzen zwischen den Arten überschreitet. Die Gentechnik, die Pflanzen verändert, ist dieselbe Gentechnik, die tierische Organismen verändert. Es ist dieselbe Gentechnik, die Menschen verändert, die Frauen ihrer Gebärfähigkeit enteignet.“ Aus dieser Erkenntnis prägten die Frauen den griffigen Slogan: „Erst die Kuh, dann du!“

Seit 1985 habe sich „an den Begründungen der Gentechniker und vor allem der so genannten Life Science Konzerne nichts geändert.“ Das einzige, was sich geändert habe, sei die Politik, „vor allem in Deutschland. Damals waren die Grünen noch strikt gegen die Gentechnik. Auch die SPD war nicht ganz dafür. Heute (2004) hat die rotgrüne Regierung ein neues Gentechnik-Gesetz erlassen, dass den globalen Bio-Konzernen Tür und Tor öffnet.“

Monsanto und Bayer und Agent Orange

Wie verantwortungslos die profitorientierte Wirtschaft (und Politik) mit ethischen Standards umgeht, ist seit 35 Jahren Thema öffentlicher Aufklärung der Coordination gegen Bayer-Gefahren (CBG) – noch im April 2014 anlässlich der Hauptversammlung der Bayeraktionäre (⇒ siehe NRhZ-Fotogalerie) in Köln. Als Teilnehmerin am Düsseldorfer Monsanto-Protestmarsch erinnert die CBG an das von ihrer in den 60er Jahren gegründeten Tochterfirma MoBay (Monsanto und Bayer) produzierte hochgiftige Entlaubungsmittel Agent Orange für den Vietnamkrieg. CBG-Vorstandsmitglied Philipp Mimkes: „Wir beteiligen uns heute am March against Monsanto, um darauf hinzuweisen, dass die Firmen Monsanto und Bayer eine lange gemeinsame Geschichte haben.“ Das Leiden ihrer Opfer führt nicht zu einer Entschuldigung geschweige einer Entschädigung (siehe NRhZ-Fotogalerie).

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Philipp Mimkes: „Monsanto und Bayer haben im Bereich Gentechnik ein sehr ähnliches Geschäftsmodell: sie verkaufen genmanipuliertes Saatgut, z.B. Soja, Mais oder Baumwolle, das resistent gegen ein hauseigenes Herbizid ist. Glyphosat im Fall von Monsanto, Glufosinat im Fall von Bayer. Durch den Kauf des Saatguts sind die Landwirte somit gezwungen, im Doppelpack auch das korrespondierende Pestizid zu kaufen. Der Wirkstoff von Bayer, Glufosinat, ist so giftig (insbesondere embryonenschädigend), dass die EU das Präparat vom Markt nimmt. Dies hindert Bayer nicht, in den USA momentan eine neue Glufosinat-Fabrik zu bauen. Ein klassischer Fall doppelter Sicherheits-Standards.“

Gegen die Einfalt von Konzernherrschaft und neoliberaler Politik

Maria Mies gründete aus Protest gegen das Multilaterale Investitionsabkommen MAI, einem erfolgreich verhinderten Vorläufer des TTIP, den „Infobrief gegen Konzernherrschaft und neoliberale Politik“. Ihre 2004 geäußerte Erkenntnis: „Nicht wir, die Verbraucher in Nord und Süd brauchen diese Technologie. Das Kapital braucht sie, weil es weiter wachsen will und muss“, bleibt – solange keine Systemänderung erwirkt wird – hochaktuell.


Grußwort der alternativen Nobelpreisträgerin Vandana Shiva / Indien

(Übersetzung Bernward Geier / Olivia Tawiah)

Ich sende meine Grüße und meine Botschaft der Solidarität Euch allen, die Ihr Euch hier für den Marsch gegen Monsanto zusammengefunden habt. Marschieren gegen Monsanto bedeutet marschieren für Freiheit und Demokratie, für Gesundheit und Lebensmittel-Sicherheit, sowie für Saatgut und Biodiversität.

Monsanto_Gentechnik_Gentechnikkritik_Gentechnologie_Biotechnologie_Arbeiterfotografie_Maria_Mies_Vandana_Shiva_Greenwashing_Nahrungsmittel_Lebensmittel_gentechnisch_CBG_Bayer_Glufosinat_PestizidIch werde oft gefragt, warum Monsanto? Meine Antwort darauf lautet: “Nicht wir haben uns Monsanto als Ziel herausgesucht.” In Wahrheit hat Monsanto selbst die Freiheit des Saatguts und der Lebensmittel, unsere wissenschaftlichen und demokratischen Institutionen, letztendlich unser aller Leben in seiner Gesamtheit sich zur Zielscheibe gemacht. Monsanto selbst hat zugegeben, dass sie die Grundlage der Vertragstexte der WTO zu den sogenannten geistigen Eigentumsrechten geschrieben haben, die es Monsanto ermöglichen, Saatgut zum geistigen Eigentum zu deklarieren. Und nur diese Patentgesetze haben es Monsanto ermöglicht, sich vom Giftproduzenten zum Saatgut-Giganten zu entwickeln, der bereits heute die größten Anteile des Saatgutmarkts besitzt. In Indien kontrolliert Monsanto schon 95 % des Saatguts für Baumwolle, und es sind diese unglaublichen Profite durch die Lizenzgebühren, die unsere Kleinbauern in die Falle von nicht rückzahlbaren Krediten getrieben haben. 284.000 Bauern haben bis heute in Indien Selbstmord begangen, weil sie wegen teurem Saatgut und Agrarchemie keinen Ausweg aus der Schuldenfalle mehr sahen.

Multinationale Unternehmen wie Monsanto stehen hinter dem EU-Saatgutgesetz, das die Diversität und den Nachbau bzw. die Erhaltung von Saatgut in Europa illegal gemacht hätte. Zum Glück hat das Parlament den Entwurf zurück an die Europäische Kommission verwiesen. Wir müssen dafür sorgen, dass auch das morgen neu gewählte Parlament dieses Gesetz nicht verabschiedet.

In den USA nutzt Monsanto sein unermessliches Vermögen, um das Recht der US-Bürger zu untergraben, nämlich zu wissen, was sie essen. Aktuell bedroht der Konzern den Bundesstaat Vermont, weil dort ein Gesetz zur Kennzeichnungspflicht von Gentechnik erlassen wurde. Auch hat Monsanto dafür gesorgt, dass im amerikanischen Kongress eine Gesetzesvorlage eingereicht wurde, die den Titel trägt „Das sichere und korrekte Lebensmittel-Kennzeichnungsgesetz“ – populär bekannt unter dem passenderen Akronym „Dark“. Dies steht als Abkürzung für “Deny Americans the Right to Know”, was ins Deutsche übertragen bedeutet: “Verweigere den Amerikanern das Recht zu wissen”. Dies ist ein weiterer Angriff auf die Demokratie und auf die Freiheit der Bürger.

Während Monsanto bekannt gibt, dass es sich aus Europa zurückzieht, überflutet es die osteuropäischen Länder mit Gentechnik. Und sie üben Druck aus auf die Verhandlungen zum Freihandelsabkommen TTIP, um dadurch Europas nach wie vor relative Gentechnikfreiheit zu untergraben und um noch stärkere Rechte für ihre Besitzansprüche auf Saatgut zu bekommen.

Monsanto hat bis heute bereits mehr als 1.500 Patente auf Klimaresistenz beantragt. Sie hoffen, dass sie auch die Klimakatastrophe instrumentalisieren können, um noch größere Profite zu machen. Vor kurzem erst hat Monsanto das Unternehmen The Climate Corporation aufgekauft, und hofft damit Klima- und Wetterdaten genauer kontrollieren und kommerzialisieren zu können. Monsanto will mittels totaler Kontrolle über Natur und Menschheit riesige Profite machen.

Wir fordern Saatgutfreiheit, wir fordern Lebensmittelfreiheit und wir brauchen eine Demokratie der Erde, in der alle Lebewesen auf unserem Planeten frei sind, und in der das Gemeinwohl alle schützt, durch Fürsorge und Teilhabe, durch Liebe und Mitgefühl, durch die Erkenntnis, dass genug für alle da ist. Wir lassen nicht zu, dass Gier und Gewalt eines Konzerns das Leben auf unserer Erde, das Leben unserer Farmer und das Leben unserer Kinder zerstören. Deshalb marschieren wir gegen Monsanto.

Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann


Quelle: erstveröffentlicht in der NRhZ > Artikel mit weiteren Fotos sowie

Kritisches Netzwerk

Bildquelle: alle Fotos © Arbeiterfotografie > Webseite > Galerie

Hinweise:

  • ArbeiterfotografieStop Monsanto, Düsseldorf – weiter
  • Reportage – Düsseldorf, 24.5.2014: Demonstration „March against Monsanto – Vielfalt statt Einfalt – We don’t need Monsanto & Co“ (in 3 Teilen) – weiter

  • Wer ist Arbeiterfotografie?weiter
Willy Wimmer

KenFM im Gespräch mit: Willy Wimmer (Juni 2014)

von KenFM

Nie war die deutsche Außenpolitik so wenig souverän wie in unseren Tagen. Deutschland wird von seinem großen Bruder konsequent abgehört und parallel dazu gezwungen, auf dem eigenen Kontinent gegen ureigene Interessen zu verstoßen. In etwa gegen ein entspanntes Verhältnis zum Nachbarn Russland.

Welche Folgen hat diese Politik für die BRD, aber eben auch für Europa?

„Europa soll wieder fit gemacht werden für den Krieg.”
Zu diesem niederschmetternden Urteil kommt aktuell der langjährige CDU-Bundestagsabgeordnete Willy Wimmer.

Der Mann war unter anderem als Staatssekretär des Verteidigungsministeriums während der Kanzlerschaft Helmut Kohls tätig. Er begleitete als Diplomat die 2+4-Gespräche zur deutschen Wiedervereinigung. Von 1994 bis 2000 war Willy Wimmer Vizepräsident der Parlamentarischen Versammlung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, OSZE.

Die OSZE-Konferenzen waren die erfolgreichsten Staatentreffen in der Geschichte Europas, denn hier begegneten sich alle Teilnehmer auf Augenhöhe. Leben und leben lassen, war das gemeinsame Credo bei allen unterschiedlichen Interessen.

Seit dem Balkankrieg unter Rot/Grün 1990 geht es nicht nur diplomatisch in Europa bergab. Die aktuelle Europawahl trägt dem Rechnung. Es hat ein massiver Rechtsruck stattgefunden, dem die Bankenkrise vorausging, ausgelöst in den USA.

Seither befindet sich Europa in einer massiven sozialen Schieflage. Eine Spaltung in Arm und Reich ist die Folge und macht so Gräben auf, die seit Kriegsende ’45 mühsam geschlossen wurden.

Geschichte ist kein Zufall. Hinter ihr stecken Kräfte mit persönlichen Interessen. Diese Interessen decken sich in der Regel nicht mit den Wünschen der Mehrheit.

Wer Geschichte verstehen will, muss jeden Abschnitt, auch den der Gegenwart, als Teil eines großen Puzzles begreifen. Im Gespräch mit Willy Wimmer versuchen wir, dieses Gesamtbild zu skizzieren.

Wir streifen dabei die Themengebiete Status quo Ukraine, EU-Wahl und die Folgen und die aktuelle US-Außenpolitik nach der Rede Barack Obamas in Westpoint.

Ebenfalls zur Sprache kommt der geplante Abschied vom Parlamentsvorbehalt, sodass die Bundeswehr schon bald über Brüssel in alle Welt geschickt werden kann, ohne dass Berlin sich noch wehren könnte.

Willy Wimmer zitiert den ehemaligen US-Präsidenten Jimmy Carter, der der amerikanischen Demokratie ein ersthaftes Problem attestiert hat. Was ist los in Amerika und wie sollen Deutschland und Europa damit umgehen?

Final sprechen wir mit Wimmer über die Montagsmahnwachen, die in der BRD inzwischen in über 100 Städten stattfinden. Muss sich ein Bürger für sein ureignes Recht, auf die Straße zu gehen, entschuldigen?

Willy Wimmer hat viele unserer Fragen beantwortet, aber uns haben sich nach dem Gespräch noch weitere aufgetan. Wir werden das politische Urgestein Wimmer wohl erneut besuchen müssen, denn Politik ist ein Zug, der sich ständig bewegt und Schienen folgt, die ihn jederzeit in eine Richtung führen können, von der wir nicht wissen, wie der Endbahnhof heißt. Hier schlummert ein Risiko, das Krieg beinhaltet.

Nie waren politischer Sachverstand und jahrzehntelange Erfahrung auch während des Kalten Krieges mehr gefragt als dieser Tage.


Quelle: KenFM kenfm scrabble kang

Interviewpartner: Willy Wimmer

Seit 1959 Mitglied der CDU, Landesvorstand der Jungen Union Rheinland und Bezirkvorsitzender der Jungen Union Niederrhein.

1969 bis 1980 Mitglied des Stadtrats Mönchengladbach, 1975 bis 1979 Vorsteher des Stadtbezirks Rheydt-Mitte, 1975 bis 1976 Mitglied der Landschaftsversammlung Rheinland.

Von Juni 1986 bis November 2000 Vorsitzender des Bezirksverbandes Niederrhein der CDU Nordrhein-Westfalen – seit November 2000 Ehrenvorsitzender.

Von April 1985 bis Dezember 1988 Vorsitzender der Arbeitsgruppe Verteidigungspolitik der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.

Vom 19. Dezember 1988 bis 01. April 1992 Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister der Verteidigung mit den besonderen Schwerpunkten: Integration der Streitkräfte in Deutschland und Zusammenarbeit mit der Westgruppe der Truppen (ehemals SU, heute GUS).

Vizepräsident der Parlamentarischen Versammlung der OSZE von Juli 1994 bis Juli 2000.

Stellvertretender Leiter der Delegation des Deutschen Bundestags bei der Parlamentarischen Versammlung der OSZE.

Willy Wimmer ist unter Einschluss von Finanz- und Wirtschaftsfragen Experte für globale Sicherheitspolitik und führte über Jahrzehnte auf höchster staatlicher Ebene Gespräche.

Europäische Kommission

Brüssel Business – Wer steuert die Europäische Union?

von Helmut Schnug

EU_steht_fuer_soviel_mehr_ueberwachung_kontrolle_Diktatur_eudssr_qpress_EntdemokratisierungEine informative wie auch zugleich beklemmende Dokumentation von F. Moser und M. Lietaert über die dichten Verflechtungen von Industrie/Lobbyisten und EU. Wieviel Einfluss haben Konzernvertreter auf die EU?

Aufgezeigt wird, dass der ERT und die EU-Kommission enge Kontakte haben und Hand in Hand arbeiten. Alle 6 Monate findet ein Treffen statt, das 2 Jahre im Voraus geplant wird. Dabei wird deutlich, dass es sich bei den Treffen um einen “CLUB” von Top-Wirtschaftsvertretern und vereinnahmten EU-Politikern handelt. Zu jedem Treffen spricht entweder ein Premierminister oder ein EU-Außenminister. Der neoliberale Masterplan dieses elitären Clubs lautet: liberalisierte Entwicklung des Binnenmarktes, Währungsunion, Deregulierung, Infrastrukturprojekte, flexibilisierter Arbeitsmarkt, Reduzierung (und Privatisierung) öffentlicher Dienstleistungen usw.

Interessant auch Minute 44: Zitat: Pascal Kerneis (Lobbyist von “European Service Forum ESP): “Das Interessante am Internationalen Handel ist: ein internationaler Vertrag von der Europäischen Union unterschrieben, steht über dem EU-Gesetz. Alle Länder der Europäischen Union müssen einen internationalen Vertrag respektieren, den die EU unterzeichnet hat.”

Ganz Europa wird also regiert von einem “Privat-Club von Wirtschaftsvertretern”, der soviel Macht hat, unser Grundgesetz, die nationale und europäische Gesetzgebung und unsere demokratischen Bürgerrechte (von einem “Wohnzimmer in Brüssel” aus) in den Müll zu stampfen.

Dann schaffen wir doch unser Justizsystem und den EUGH gleich ganz ab und überlassen das ein paar privaten Wirtschaftskanzleien!

Diese EU hat den Boden der Demokratie längst verlassen.


ARTE-Themenabend:

The Brussels Business – Die Macht der Lobbyisten

In Brüssel sind rund 2.500 Lobby-Organisationen angesiedelt und bilden die zweitgrößte Lobby-Industrie der Welt; nur die in Washington DC ist größer. Rund 15.000 Lobbyisten scheuen weder Kosten noch Mühen, um die Kommission und die Parlamentarier intensiv über die Bedürfnisse der Interessenverbände zu informieren. Rund 80 Prozent der gesamten Gesetzgebung, die direkten Einfluss auf den Alltag der Europäischen Bürger hat, wird hier initiiert.

„Die EU-Gesetzgebung ist kompliziert, sie durchläuft viele Stufen“, erklärt Olivier Hoedeman, Gründer von Corporate Europe Observatory. „Alles beginnt mit der Europäischen Kommission. Dort werden neue Anträge für Gesetze und Richtlinien entworfen, welche dann die Institutionen durchlaufen – das Parlament und den EU-Ministerrat. Vom Moment an, in dem die Europäische Kommission erste Schritte zu neuen Gesetzen und Richtlinien unternimmt, ist die Industrie vor Ort um sie zu beeinflussen.“

Die Bemühungen, den Lobbyismus in der EU zu regulieren, stießen zunächst auf wenig Resonanz.

Dann geschah im Winter 2004/2005 etwas Unerwartetes: Siim Kallas, EU-Kommissar aus Estland, zuständig für Verwaltung, griff das Thema auf. Im Zuge der Europäischen Transparenzinitiative sollte der Lobbyismus in Brüssel streng reguliert werden – ein Pflichtregister, Auskunftspflicht, Offenlegung der Geldflüsse. Nach drei Jahren politischer Streitereien und Bemühungen stellte Siim Kallas schließlich im Sommer 2008 das Lobby-Register vor. Doch die Enttäuschung war groß: Das Lobby-Register war freiwillig – und damit völlig zahnlos.

Im Oktober 2008, einen Monat nach Ausbruch der weltweiten Finanzkrise, ernannte Kommissionspräsident José Manuel Barroso eine unabhängige hochrangige Gruppe zur Aufsicht der Finanzmärkte. Ihre Aufgabe ist die Regulierung dieser Märkte, um einen Weg aus der Krise zu finden. Doch bei näherem Hinsehen entpuppt sich diese Gruppe von acht „EU-Weisen“ als gar nicht so unabhängig: drei der acht Weisen sind direkt mit jenen US-Banken verbandelt, die die Krise ausgelöst haben. Der Kopf der Gruppe ist Vorsitzender einer großen Finanzlobby.

Steht nach 20 Jahren Deregulierung und Liberalisierung die Europäische Union selbst plötzlich am Rande des Zusammenbruchs? Und steht nicht vielmehr die Demokratie selbst auf dem Spiel, und mit ihr jene Werte, die uns teuer sind?

Horst Seehofer, Bayrischer Ministerpräsident: „Diejenigen, die entscheiden sind nicht gewählt, und diejenigen, die gewählt werden, haben nicht zu entscheiden.“ (⇒ Quelle: ZDF „Pelzig“ 28.05.10)

Joseph Pulitzer (1847-1911), ungarisch-amerikanischer Journalist, Herausgeber, Zeitungsverleger und Stifter des nach ihm benannten Pulitzer-Preises.: „Es gibt kein Verbrechen, keinen Kniff, keinen Trick, keinen Schwindel, kein Laster, das nicht von Geheimhaltung lebt. Bringt diese Heimlichkeiten ans Tageslicht, beschreibt sie, attackiert sie, macht sie vor allen Augen lächerlich. Und früher oder später wird die öffentliche Meinung sie hinwegfegen. Bekannt machen allein genügt vielleicht nicht – aber es ist das einzige Mittel, ohne das alle anderen versagen…“

Jean-Claude Juncker, EU-Spitzenkandidat:

Jean-Claude-Junker-Clown-EU-Diktatur-Kapitalismuskritik-Staatsverschuldung


Autor: Helmug Schnug – Gründer von Kritisches Netzwerk

Bildquellen: Beide Grafiken wurden von Wilfried Kahrs / QPress erstellt.

Beitragsbild: „Europäische Kommission“ – Fluke  / pixelio.de