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Das wandernde Auge

4 Jahre nach Fukushima: Frauen sind Japans Hoffnung

von Andreas Müller-Alwart

Aus Fukushima haben die Menschen gelernt, aber nicht der Betreiber der Anlage und leider auch nicht die Regierung. Dennoch gibt es Hoffnung für eine andere Energiepolitik. Mehr noch: Es gibt Gemeinden wie Yusuhara, die einhundertprozentig alternative Energiequellen einsetzen und autark von ortsfremden Energielieferanten geworden sind.

Am 11.03. ist der vierte Jahrestag der Fukushima-Reaktorkatastrophe. Für die im Umgang mit Erdbeben- und Tsunamikatastrophen erfahrenen Japaner war der anschließende Super-GAU im Atomkraftwerk zu viel des Schlechten. Noch immer glühen die durchgegangenen Reaktoren im Erdboden vor sich hin, müssen ständig mit frischem Meerwasser gekühlt werden und auch die fortlaufende Verseuchung des Erdreiches und vor allem des Pazifiks konnte bisher nicht gestoppt werden. Versuche, das Gelände um die havarierten Reaktoren einzufrieren, mit dem Ziel den Schadwasserabfluss zu unterbinden, waren gescheitert. Und bis heute gibt es keine Kühltürme oder andere Kühlsysteme, die in einem geschlossenen Wasserkreislauf die Reaktorkerne kühlen und gleichzeitig das aufgeheizte Kühlwasser wieder kühlen und rückführen könnten. Und bis heute haben weder TEPCO, die Betreiberfirma der Reaktoren, noch die Regierung wirklich etwas aus der Katastrophe gelernt. Wie leben die Menschen heute? Wird offen diskutiert? Welche positiven Beispiele gibt es in Japan, die aufzeigen, dass eine Trendwende in der Energiewirtschaft ohne Atomstrom nicht nur möglich, sondern geradezu ideal wäre?

Wyhl als Vorbild für eine atomfreie Welt

Es ist für uns Europäer, die wir selten in Asien waren und noch seltener die asiatische Kultur verstehen gelernt haben, sehr schwierig, die Situation vor Ort zu verstehen. Einblicke gewährt uns deswegen Erhard Schulz, der regelmäßig nach Japan reist und der fortlaufend Besuchergruppen aus Japan in seiner Innovation Academie e. V. in Freiburg empfängt. Schulz war 25 Jahre lang Geschäftsführer des Bund für Umwelt- und Naturschutz, Baden-Württemberg, war dessen Mitgründer und ist bis heute Sprecher der Bürgerinitiativen Umweltschutz. Er gehört quasi zu den Begründern der Pro-Alternative-Energien-Bewegung. Und Schulz wird vor allem deswegen gerne in Japan empfangen und gehört, weil er den Widerstand gegen das Atomkraftwerk Wyhl, das einzige, das je in Deutschland verhindert werden konnte, live begleitet hat. Man kann ein AKW verhindern? Das interessiert viele Japaner sehr. Schulz, der auch stellvertretender Landesvorsitzender des Bundesverband Windenergie (BWE) ist und in seiner Innovation Academie die Themen der alternativen Energieerzeugung darstellt, empfängt im Jahr 6.000 Besucher aus 45 Ländern.

In Japan ist sind vor allem Frauen sehr aktiv. ©Erhard Schulz, Innovation Akademie e. V.

In Japan ist sind vor allem Frauen sehr aktiv. ©Erhard Schulz, Innovation Akademie e. V.

Bürger und Gouverneure sind gedanklich weiter als die Regierung

In Japan, so berichtet er, gäbe es vor allem einen hohen Anteil sehr gebildeter Frauen, die auch sehr engagiert seien. Dass Frauen so herausragend aktiv sind, hat damit zu, dass asiatische Männer gegen die traditionell geprägte Angst kämpfen, sie könnten ihr Gesicht verlieren. „Diskussionen finden Sie im japanischen Fernsehen und bei regionalen Veranstaltungen kaum – schon gar nicht live.“ Aus demselben Grund: Es könnten ja kompromittierende Fragen gestellt werden, es könnte der Organisator oder der eingeladene Gast verletzt werden. Von den 128 Millionen Einwohnern Japans, sind 75 Prozent aller Frauen und 60 Prozent aller Männer gegen den weiteren Einsatz von Atomkraft. Sie haben die Gouverneure auf Ihrer Seite – Gouverneure entsprechen in etwa den bei uns bekannten Regierungspräsidenten. In Japan müssen diese Gouverneure die Atomkraftwerke genehmigen, was sie spätestens seit Fukushima nicht mehr tun. Die Zentralregierung hingegen hält weiterhin stoisch an dieser Technologie fest. Es gibt allerlei Indizien, die Mafia-ähnliche Strukturen zwischen Beamten und Energiebetreibern nahelegen.

Konsequenzen der Katastrophe bis heute nicht abschließend überschaubar

Um das Ausmaß der Katastrophe und den heutigen Status richtig einordnen zu können, muss man Land und Leute begreifen. Man muss wissen, dass Japan aus 6.000 Inseln besteht: Es wird kaum Fleisch gegessen, sondern überwiegend Gemüse und natürlich Fisch. Dort, wo die Flutwelle seinerzeit die Landstriche überschwemmt hat, wurden die Gärten und die Landwirtschaft vernichtet. Nach vier Jahren wird dort allerdings wieder angepflanzt. Nicht so natürlich im Sperrgebiet: Diese Anbauflächen sind auf Jahrzehnte verseucht. Niemand weiß genau für welchen  Zeitraum – zumal das Grundwasser weiter durch das Kühlwasser verseucht wird. Die Mehrzahl der Anwohner lebt im Küstenraum, ernährt sich nicht nur von Fisch, sondern Fischfang ist natürlich für viele Japaner auch eine wichtige Einnahmequelle.  So sind auch Fischer die einige Hundert Kilometer von der Katastrophe entfernt leben, in ihrer Existenz bedroht. Wenn die einst beliebten Muscheln der Muschelbänke und der Fischfang nicht mehr verkauft werden können.

Egal ob Friedhof, Gebäude oder Gemüseanbaufläche – der Tsunami hat kaum etwas stehen lassen und viele Böden im Umfeld der Reaktoranlage sind zusätzlich verseucht.
©Erhard Schulz, Innovation Akademie e. V.

Egal ob Friedhof, Gebäude oder Gemüseanbaufläche – der Tsunami hat kaum etwas stehen lassen und viele Böden im Umfeld der Reaktoranlage sind zusätzlich verseucht.
 ©Erhard Schulz, Innovation Akademie e. V.

Glück im Unglück: Die Windrichtung

Als die Reaktoren explodierten, trieb glücklicherweise eine frische Brise die radioaktive Wolke aufs Meer und nicht in Richtung der Millionenmetropole Tokio. Auf dem Meer kondensierte die radioaktive Last und wurde wieder landeinwärts getrieben, wo sie in den Tausend Meter hohen Bergen abregnete. Glücklicherweise leben dort nur wenige Menschen. Bis heute ist die Strahlung an diesen Hotspots noch so stark, dass die Zeiger der Messgeräte bis über den Anschlag hinauspendeln. Eine Messung ist somit unmöglich. Dennoch leben in einigen Regionen noch Farmer und ältere Menschen: Wo sollen sie auch hin? Ihre Heimat ist hier – ihre Existenz war hier. „Weder die Regierung noch die Betreiberfirma haben die Menschen über Radioaktivität und ihre Langzeitbelastung aufgeklärt, sondern diese Aufgabe haben engagierte Ärzte übernommen“, erklärt Schulz in einem Vortrag. Die Zuhörer schütteln fassungslos die Köpfe.

Die Reaktor-Havarie wird bis heute nicht wirklich aufgearbeitet

Auch sonst liegt in der Aufarbeitung der Katastrophe einiges im Argen. Offizielle Gedenktage befassen sich beispielsweise nur mit den Opfern, die der Tsunami gefordert hat. Dank ausgeprägter Frühwarnsysteme, konnten sich viele Menschen in den drei bis vier verbleibenden Stunden noch retten und so verursachte der Tsunami relativ wenige Opfer. Und die Situation auf den 6.000 Inseln? „Niemand kam ums Leben, alle gingen in die Berge“, berichtet Schulz. „Die Japaner sind sehr versiert im Umgang mit diesen Naturkatastrophen – sie sind sie ja gewohnt, aber die Reaktorkatastrophe waren sie nicht gewohnt.“ In Folge der Reaktorkatastrophe mussten jedoch 200.000 Menschen ihre Heimat verlassen. „Es ist ein Heimatverlust, der so gewaltig ist, dass viele Ehen daran zerbrochen sind. Die Selbstmordrate ist hoch. Darüber wird in den Medien nichts berichtet.“

Container-Auffang-Stätten anstatt Heimat

Viele Menschen wurden in einfache Noteinrichtungen – im Regelfall Container – umgesiedelt. Wie lange sie dort leben müssen? 10 Jahre, 20 Jahre – 40 Jahre? Japaner geben nicht auf, wollen nicht ihr Gesicht verlieren. Es gibt keine exakte Statistik darüber, wie viele Ehen zerstört wurden: Die Frauen zogen weg, die Männer versuchten die Existenz zu retten und blieben, aber nach vier Jahren hatten sie dann auch noch die Partnerin verloren. Die Ehefrauen hingegen reagierten flexibler und – so muss man wohl feststellen – pragmatischer.

Entrissen aus der Heimat, losgelöst vom gemütlichen, privaten Heim und in der Existenz entwurzelt: Die Containersiedlungen erinnern an Migrantenheime oder Auffanglager von Kriegsflüchtlingen. ©Erhard Schulz, Innovation Akademie e. V.

Entrissen aus der Heimat, losgelöst vom gemütlichen, privaten Heim und in der Existenz entwurzelt: Die Containersiedlungen erinnern an Migrantenheime oder Auffanglager von Kriegsflüchtlingen. ©Erhard Schulz, Innovation Akademie e. V.

Kein Atomstrom für Veranstaltung gegen Atomstrom: TEPCO veralbert sich selbst

Wie unbelehrbar und herzlos die Betreibergesellschaft TEPCO vorgeht und wie sehr sie sich dabei der Gunst der Regierung offensichtlich sicher sein kann, zeigt auch der erste Jahrestag von Fukushima. In Tokio wurde zu einer Großveranstaltung in einem sehr hübschen Park eingeladen – viele Tausende sind gekommen und wieder überwiegend Frauen. Den Strom für die Veranstaltung musste man aus Dieselgeneratoren erzeugen, weil die örtliche Strombetreibergesellschaft, eben jene TEPCO, nicht bereit war, für diese Veranstaltung Strom zu liefern. Auf der nach oben offenen Skala von mangelnder Ethik und Moral scheint TEPCO neue Höhen anstreben zu wollen. Oder man könnte es auch belustigt so betrachten: TEPCO veralbert sich geradewegs selbst mit solchen Aktionen.

Erhard Schulz war am ersten Jahrestag dabei und erzählt, er habe eine Atmosphäre wie in Wyhl vorgefunden. Es gab folkloristische Einlagen, Fachbeiträge, Musik und jede Menge andere Kultur, eben wie damals am Kaiserstuhl: „Der Widerstand, der aus der Kraft der Kultur kommt. Dieser Widerstand ist stark verankert.“ An diesem Jahrestag war sogar das Fernsehen präsent – interessant deswegen, weil die Berichterstattung in Japan immer noch sehr, sehr spärlich ist. „Doch der Deutsche, der da spricht, sei ja nur kurz zu Besuch, da könne man ruhig darüber berichten, der ist ja bald wieder weg“, so die Einschätzung vor Ort. Die Polizeipräsenz war hoch an diesem Tag, da man die Sorge hatte, die Menschen würden zum Parlament weiterziehen, um dort zu protestieren.


„Der Widerstand ist  tief mit der Kultur verankert!“ Einladungsplakat zur damaligen Veranstaltung – ein Jahr nach dem Unglück von Fukushima. ©Erhard Schulz, Innovation Akademie e. V.

„Der Widerstand ist tief mit der Kultur verankert!“ Einladungsplakat zur damaligen Veranstaltung – ein Jahr nach dem Unglück von Fukushima. ©Erhard Schulz, Innovation Akademie e. V.

Später dann zogen tatsächlich 30.000 Menschen vor das Parlament – für die Offiziellen überraschenderweise. „Es hilft nichts, dass man in einem schönen Park demonstriert“, meint Schulz. „Man muss dorthin, wo die Politik gemacht wird.“ Während die berufstätigen Männer aufgrund der drohenden Gefahr eines Gesichtsverlustes die Proteste kaum vorantreiben, sind es vor allem die engagierten und gebildeten Frauen, die nicht nachlassen, eine andere Energiepolitik einzufordern.


Ein engagierter Bürger klärt über Fukushima und die Folgen auf. Nur selten sind die Männer so aktiv – meistens sind es die Frauen. ©Erhard Schulz, Innovation Akademie e. V.

Ein engagierter Bürger klärt über Fukushima und die Folgen auf. Nur selten sind die Männer so aktiv – meistens sind es die Frauen. ©Erhard Schulz, Innovation Akademie e. V.

Yusuhara – atomfreie Gemeinde

Während auch vier Jahre nach der Katastrophe die Regierung weiterhin jegliche Aufklärung verweigert, sich jeglichem Lernprozess widersetzt und offensichtlich in Strukturen gefangen ist, die keinerlei Umdenken erlauben, sind viele Gemeinden, die Bürger und eben auch die genannten Gouverneure viel weiter. Der Jahrestag ist deswegen ein guter Zeitpunkt, um auch mal positive Beispiele zu betrachten. Die gibt es und es sind oft kleine Gemeinden, die besonders aktiv sind, zum Beispiel Yusuhara. Die Gemeinde verfügt über einen Waldanteil von 93 Prozent, die Siedlung liegt am bzw. im Gebirge und erstreckt sich über einen Höhenunterschied von fast 1.000 Metern. Bekannt ist die Siedlung weit über Japan hinaus wegen ihres Goldenen Tempels, der jedes Jahr 1,5 Millionen Touristen in den Ort lockt – überwiegend Chinesen.

100 % autarke Energieversorgung

Obwohl der Ort sehr viele denkmalgeschützte Gebäude umfasst, sind überall auf den Dächern Photovoltaik-Anlagen zu finden, die Strom für die Selbstversorgung liefern. Die Gemeinde nutzt in gesundem Maße alles, was sie an Ressourcen hat. Durch den Höhenunterschied können im Gebirge Windkraftanlagen betrieben werden, die das Zehnfache an Strom erwirtschaften wie beispielsweise eine Anlage auf dem höchsten Berg des Schwarzwaldes, dem Feldberg, einfahren würde. Gleichzeitig kann hier – wie überall in Japan – gut Erdwärme per Geothermie erzeugt werden – natürlich wird das Wasser im regionalen Schwimmbad damit erwärmt. Und natürlich werden auch Bergbäche und Flüsse für Wasserkraftwerke eingesetzt. Eine wichtige Rolle spielt in Yusuhara auch das Holz. Es finden sich viele Holzhäuser und viele davon mit reisstrohgedeckten Dächern. Umfangreiche Wälder, vor allem mit schönen Zedernhölzern, werden für den Hausbau genutzt: Besonders das große, fünfstöckige (!) Rathaus ist komplett aus Zedernholz gestaltet und die Atmosphäre im Gebäude ist demensprechend natürlich und heimelig. Übrigens: Der gemeindeeigene Fuhrpark besteht überwiegend aus Solarfahrzeugen und natürlich gibt es überall ausreichend Solarstrom-Tankstellen.

Das positive Beispiel findet langsam Nachahmer

Holz von mittelmäßiger Qualität wird für die Aufzucht der traditionell sehr beliebten Shiitake-Pilze verwendet. Und was dann noch an Holzabfall übrig bleibt, wird als Pellets aufbereitet. In großen Säcken abgefüllt wird es den Hausbesitzern zum Verheizen als saubere Energie angeliefert. Yusuhara hat nicht nur eine hundertprozentige Autarkie bei der Energieversorgung erreicht, sondern plant auch Überschüsse dieser nachhaltigen Energie zukünftig an Nachbargemeinden abzugeben. Erfreulicherweise haben die bereits begonnen, von Yusuhara zu lernen und planen ihr eigenes Konzept der nachhaltigen und autarken Energieversorgung.

Kurzum: Es stellt sich schon die Frage, warum japanische Delegationen nach Freiburg kommen, um sich über den Widerstand gegen das Atomkraftwerk Wyhl zu informieren und über alternative Möglichkeiten der Energieerzeugung zu informieren, wenn doch perfekte Beispiele quasi vor der eigenen Haustüre zu besichtigen sind.

Dafür wiederum weiß Erhard Schulz eine Erklärung. Es sei in Japan nicht üblich, sich an Vorbildern kleinerer Gemeinden zu orientieren. Eine große Stadt verlöre quasi ihr Gesicht, wenn sie zugeben müsste, gute Beispiele von einer kleinen Nachbargemeinde abzukupfern. Ein Gesinnungswandel hat sicherlich eingesetzt, dauere aber eben seine Zeit.

Und was wäre, wenn die Bürger die Energieumstellung über eine Eigenfinanzierung, also eine Bürgerbeteiligung, anstoßen würden? Das wiederum – hat Schulz erfahren müssen – sei ein No-Go, da Japaner vom Staat erwarten, dass dieser sich um alles kümmere.

Deutsche Energiewende als Vorbild

Bleibt also die Erkenntnis: Vielleicht, ja sogar sicher, hat Fukushima die Energiewende eingeläutet. Vielleicht ist das das einzige Gute an diesem GAU. Die Energiewende wird von ein paar kleinen Gemeinden und vor allem von gebildeten, engagierten Frauen in Japan unaufhaltsam weiter vorangetrieben. Dieses Engagement ist tief mit der Kultur der Japaner verbunden, muss teilweise traditionelle Sichtweisen überwinden, wird aber am Ende zu einer atomstromfreien Gesellschaft führen. Daran werden weder Mafiastrukturen, noch Energieversorger und schon gar nicht die Regierung auf Dauer etwas ändern. Der Transformationsprozess beschleunigt sich. Es ist erfreulich, wenn die Deutsche Energiewende – mit allen Problemen, die wir diskutieren und lösen müssen – ein Vorbild für den asiatischen Raum ist.

Andreas Müller-Alwart


Autor Andreas Müller-Alwart ist selbständiger Journalist, Coach sowie Requirement Engineering Manager und er ist Mitglied in unserem Redaktions-Team. Hier geht es zu seiner Webseite 02-08-2014 10-40-44 als LOGO ohne Untertext.

Weiterführende/Ergänzende Links:


Yusuhara Wooden Bridge Museum (zeigt eindrucksvoll die Zedernholz-Baukunst)

Das fünfstöckiges Rathaus aus Zedernholz (Website ProHolz, Österreich)


Die Innovation Academy (Projekt von Erhard Schulz) in Freiburg

Bundesverband Windenergie

Bildquelle: ©Erhard Schulz, Innovation Akademie e. V. – http://www.innovation-academy.de/ 

Beitragsbild: „Die Welt sehen“ – http://pixabay.com

Paul_Krugman_Professor_Neue_Oekonomische_Geographie_Wirtschaftsnobelpreis_2008_Klimawandel_The_Intergovernmental_Panel_on_Climate_Change_Saral_Sarkar_IPCC_Erderwaermung_New_York_Times

Krugmans Illusion: Wir werden immer reicher, schädigen aber die Umwelt nicht

von Saral Sarkar

Vor etwa zwei Wochen las/hörte ich in deutschen Medien Berichte über den fünften IPCC-Report (⇒ zur engl.-sprachigen Webseite: The Intergovernmental Panel on Climate Change) zum Klimawandel, vor allem über den dritten und letzten Teil davon. Inzwischen haben wir uns an die regelmäßigen Hiobsbotschaften vom IPCC gewöhnt; wir sind gegen dieses Thema fast unempfindlich geworden. Aber eine Aussage von Prof. Dr. Ottmar Edenhofer, einer der drei Ko-Vorsitzenden der dritten Arbeitsgruppe, hat mich aufhorchen lassen. Er sagte: „Es würde nicht die Welt kosten, den Planeten zu retten“; die Kosten für die Begrenzung der Erderwärmung auf 2 Grad Celsius würden nur 0,06 Prozent weniger jährliches Wachstum sein, als das, was sonst möglich wäre.

Dann, ein paar Tage später, las ich in der New York Times in der Ausgabe vom 17.04.2014 einen Artikel von Prof. Dr. Paul Krugman (siehe Foto, Nobelpreisträger 2008 in Wirtschaftswissenschaften) mit dem Titel „Climate Change: Salvation Gets Cheap“ (Klimawandel: Rettung wird billig). Bezugnehmend auf die frohe Botschaft über die Kosten für die Rettung des Planeten, die von der IPCC, schrieb Krugman, er denke, dass das drohende Problem Klimawandel gelöst sei. Er ging sogar noch weiter. Er schrieb: “ … es gibt keinen Grund, warum wir nicht reicher werden und dabei unsere negative Auswirkung auf die Umwelt reduzieren können.“

Man darf vielleicht noch die Hoffnung hegen, dass die Menschheit irgendwie, im letzten Augenblick, die Bedrohung des Klimawandels würde abwenden können. Aber ich denke, es ist unmöglich, dass wir alle reicher werden können, ohne dabei die Umwelt zu ruinieren. Das sind zwei verschiedene, wenn auch verwandte, Sachen.

Sind die erneuerbaren Energien Emissionsfrei?

Krugman bezieht sich auf eine Studie des Energieministeriums der USA – eine mit dem Titel Revolution Now – und kommentiert: „Das klingt nach Übertreibung. Aber Sie begreifen, dass das keine ist, wenn Sie erfahren, dass der Preis von Solarmodulen allein seit 2008 um mehr als 75 Prozent gefallen ist.“ Nehmen wir an, dass diese bestimmte Information zuverlässig ist. Aber was hat das mit der Abwendung der Gefahr des Klimawandels zu tun? In allen Fällen industrieller Produktion, gibt es Kosten, die so genannten Externalitäten (externalisierte Kosten), die nicht oder nicht ganz von den Unternehmen getragen werden, die die betreffenden Waren produzieren. Solche Kosten werden deshalb auch nicht in der Form von höheren Preisen an die Käufer weitergereicht. Atmosphärische und Meeresverschmutzung durch Schadstoffemissionen sind die besten Beispiele dafür. Solche Kosten werden entweder gar nicht, von niemandem, getragen, oder sie werden sozialisiert, d.h. von allen Mitgliedern einer Gemeinschaft getragen – eines Dorfes, eines Landes, einer Region, der Nachbargemeinschaften oder der gesamten Weltgemeinschaft. Wie es deutsche Ökologen ausdrücken, Preise sagen nicht die ganze Wahrheit über die Kosten. Sozialisierte Kosten können für die betroffenen Gemeinschaften einige unmittelbare Geldkosten zur Folge haben. Es kann aber auch sein, dass die zukünftigen Generationen eines Tages diese Kosten in irgendeiner Form würden tragen müssen – entweder als Geldkosten (z.B. für die Reparatur der Schäden) oder als Verschlechterung der Gesundheit und/oder als Umweltzerstörung verschiedener Arten.

Wir wissen, dass wir, im Falle des Klimawandels, heute unter den negativen Auswirkungen von in der Vergangenheit in großem Ausmaß externalisierten Kosten leiden. Gemeint ist hier die Emission von Treibhausgasen in die Atmosphäre, die auch in der Gegenwart tagtäglich geschieht. Darum ist es besonders wichtig, Folgendes zu fragen: Werden nicht Treibhausgase auch von solchen Industrien emittiert, die an der Produktion oder Extraktion der Rohstoffe und Ausrüstungen beteiligt sind (Silizium, Solarmodule, Windturbine, Rotoren, Palmöl etc. etc.), die bei der Erzeugung von erneuerbaren Energien verwendet werden? Es besteht kein Zweifel, die Antwort ist: doch. Solche Industrien werden zumeist mit konventioneller Energie betrieben, die zum größten Teil durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe erzeugt werden.

Smog_in_Tokyo_Luftverschmutzung_Emissionen_Treibhausgase_Treibhauseffekt_Atmosphaere_fossile_Brennstoffe_peak_oil_climate_change_IPCC_report_by_Wilhelm_Joys_Andersen_from_Oslo_Norway

Wir wissen, dass im Stadium der direkten Umwandlung vom Sonnenschein und Wind in Strom keine Treibhausgase emittiert werden. Aber die Lieferung des so erzeugten Stroms an die Verbraucher benötigt auch Rohstoffe und Ausrüstungen, so werden wieder Treibhausgase emittiert. Denn Kupferkabel, Strommaste, Transformatoren, Speicher wie Batterien etc. werden von Industrien hergestellt, die zumeist konventionelle Energie verbrauchen, die größtenteils durch Verbrennung von fossilen Brennstoffen erzeugt wird. Das heißt: auch die Lieferung von erneuerbaren Energien verursacht Emission von Treibhausgasen.

Man könnte meinen, dass alles in allem, d.h. bei der Produktion und Lieferung einer gewissen Menge Strom, Solar- und Windkraftwerke weniger Treibhausgase emittieren als Kohle- oder Ölkraftwerke vergleichbarer Größe, weil sie ja im Stadium der Umwandlung vom Sonnenschein und Wind in Strom keine fossilen Brennstoffe verbrennen. Das mag stimmen oder nicht. Ich kenne keine Vergleichszahlen zu dieser Frage. Es muss sehr schwierig sein, einigermaßen richtige Zahlen zu dieser Frage auszurechnen. Aber wir können eine Ahnung davon haben, wenn wir das Thema Energiekosten der Produktion von erneuerbaren Energien behandelt haben.

Preis versus Energiekosten von Energie, oder der EROEI

Jeder Ökonom weiß, dass der Preis einer Ware von vielen Faktoren abhängt: Angebot und Nachfrage, Produktionskosten, Steuern, Wettbewerbslage auf den verschiedenen relevanten Märkten, Gewinnerwartung der Unternehmer, ob die Branche Subventionen und andere Begünstigungen (z.B. durch Schutzzoll) von ihrem Staat erhält etc. Produktionskosten hängen vom Stand der Technik, Löhnen und Gehältern, Größenordnung der Produktion und den Preisen der benötigten Rohstoffe und Zwischenerzeugnisse (z.B. Energie), die wiederum von allen diesen Faktoren abhängen.

sparlampe-3Aber wenn wir über die Produktion von Energie sprechen, dann müssen wir noch eine andere Sache in Betracht ziehen. Abends wollen wir Licht, für das wir Energie in Form von Strom oder einer Flamme auf einer Öllampe verbrauchen. Licht und Energie sind zwei verschiedene Dinge. Wir mögen bereit sein, jede Menge Energie zu verbrauchen, um Licht in gewünschter Menge und Intensität zu bekommen. Aber wenn wir Energie mit Energieverbrauch produzieren wollen, dann wäre es nicht sinnvoll, wenn wir, sagen wir, 9 Einheiten Energie mit Verbrauch von 10 Einheiten Energie produzieren.

Wir müssen auch zwischen verschiedenen Energieformen unterscheiden. In Wärme- und Kernkraftwerken wird elektrische Energie durch Umwandlung von Wärmeenergie produziert, die wir durch Verbrennung von Kohle, Öl oder Gas, oder durch Spaltung von Atomkernen produzieren. (Wir produzieren elektrische Energie auch durch die Nutzung der Energie des fallenden Wassers.) Da wir unbedingt elektrische Energie brauchen – für Hunderte Arten von Arbeit, z. B. für Arbeit mit einem Computer –, mögen wir bereit sein, jede Menge an Wärmeenergie (oder Energie des fallenden Wassers) zu verbrauchen, um die gewünschte Menge an elektrischer Energie zu bekommen. Nachdem elektrische Energie erzeugt ist, wird sie an Millionen von Betrieben, Haushalten usw. geliefert, wo sie für verschiedene Arten von Arbeit verwendet wird.

Jetzt kommt der für unser heutiges Thema sehr relevante Punkt. Fabriken, die Photovoltaik-Module, Windturbine, Rotoren usw. herstellen, verbrauchen Strom. Selbst wenn sie für bestimmte Schritte im Produktionsprozess etwas Wärmeenergie brauchen, benutzen sie in der Regel Strom, um die Wärme zu erzeugen. Da Photovoltaik-Anlagen, Windkraftanlagen usw. elektrische Energie erzeugen, also die gleiche Form von Energie, die die Fabriken verbrauchen, um diese Anlagen herzustellen, machen solche Anlagen nur Sinn, wenn sie in ihrer gesamten Lebensdauer von ca. 15 bis 20 Jahren mehr Energie erzeugen als die Menge, die verbraucht wird, um sie herzustellen – mit anderen Worten, wenn ihre Energiebilanz positiv ist. Heutzutage gebraucht man auch den Kürzel-Begriff EROEI (energy return on energy invested), um das Verhältnis der erzeugten Energie zu der investierten Energie anzugeben.

Es gibt viel Ungewissheit über die Energiebilanz (Energy Returned on Energy Invested = ERoEI) sowohl von Photovoltaik- als auch von Windturbinentechnologie zur Erzeugung von Strom. Es gibt Leute (mich eingeschlossen), die bezweifeln, dass die Energiebilanz von Photovoltaik-Technologie überhaupt positiv ist. Was die Windenergietechnologie betrifft, denken diese Leute, dass ihre Energiebilanz zwar positiv ist (2 – ?/1), dass sie aber nicht positiv genug ist, um erfolgreich mit Wärmekrafttechnologie konkurrieren zu können. http://de.wikipedia.org/wiki/ERoEI

Solartechnik Solaranlage Solarfeld erneuerbare Energie 484253_by_Andreas Hermsdorf_pixelio.de_Diese Ungewissheiten und Zweifel halten an, weil es sehr schwierig, vielleicht sogar unmöglich, ist, den genauen EROEI dieser Technologien auszurechnen. Zu viele Aspekte der Studien, die bisher gemacht worden sind, um zu den derzeit bekannten unterschiedlichen Ergebnissen zu kommen, beruhten (beruhen mussten) auf Annahmen und Mutmaßungen. Ich lese Berichte über solche Studien seit etwa Anfang der 1990er Jahre. Ich fand, dass im Jahre 1991 einige Forscher behaupteten, dass in europäischen Klimas die Energierücklaufzeit (energy pay-back time = EPBT) der Photovoltaik-Technologie – die Zeit, die ein Photovoltaik-Modul braucht, die Menge Energie zu ernten, die in seine Herstellung investiert wurde, – 1,2 bis 2,1 Jahren war. Diese Zahlen waren im Großen und Ganzen vergleichbar mit denen der großen Wärme- und Kernkraftwerke; d.h. die Photovoltaik-Technologie war angeblich schon 1991 wettbewerbsfähig. Aber im Jahre 1995 – nach vier Jahren weiterer Forschung und Entwicklung – rechnete ein anderer Forscher aus, dass diese Zahl (d.h. die EPBT der Photovoltaik-Technologie in europäischen Klimas) 9 Jahre war. Ähnlich, während eine Studie 1984 feststellte, dass der EROEI der Photovoltaik-Technologie 1,7/1 bis 10/1 betrug (offensichtlich in verschiedenen Klimazonen), rechnete 1996 eine andere Studie aus, dass er 0,41/1 (d.h. negativ) betrug.

Die jüngsten Zahlen, die ich habe, sind aus einem Artikel von Ted Trainer (April 2014), der auch seit langem diese Frage studiert. Er schreibt vorsichtig: „… mehrere neuerliche Studien haben herausgefunden, dass, wenn alle relevanten Faktoren berücksichtigt werden, das Verhältnis von mit einem Photovoltaik-Modul in seiner gesamten Lebensdauer erzeugter Energiemenge zu der Energiemenge, die nötig ist, es herzustellen, ist nicht 10/1, wie allgemein angenommen wird, oder 60/1, wie einige Verfechter dieser Technologie behauptet haben, sondern wahrscheinlich zwischen 4/1 und 2,4/1“ (die EROEI- und EPBT-Zahlen sind von Sarkar 1999: Kapitel 4; Heinberg 2003: 152f; Trainer 2014).

Diese Ergebnisse sind nicht nur deswegen ungenau, weil sie zu großem Teil auf Vermutungen und vielen Annahmen beruhen mussten, sondern wohl auch deswegen, weil die Forscher nicht die gleiche Methodologie verwendeten. Auch die Zeit und der Ort der Studien unterschieden sich (die Zeit ist relevant für die technologische Entwicklung und der Ort für die Menge und Intensität des Sonnenscheins). In einer solchen Situation, denke ich, ist es zulässig, Logik und gesunden Menschenverstand zurate zu ziehen, um ein annähernd richtiges Bild von den Aussichten und Versprechungen der erneuerbaren Energien zu erhalten. Dann kann man nicht umhin, ein paar Fragen zu stellen:

Grevenbroich, Kraftwerk Frimmersdorf, StrommastenWenn Solarstromanlagen seit 2008 so billig geworden sind, warum bestehen Energieunternehmen in aller Welt immer noch darauf, neue auf Kohle- und Ölverfeuerung basierende Wärmekraftwerke zu bauen? Und warum suchen Ölgesellschaften immer noch nach Öl, zu enormen Kosten, tief unter dem Meeresboden im Atlantik oder dem Nordpolarmeer? Warum will die japanische Regierung die Atomkraftwerke, die im Gefolge der Fukushima-Katastrophe abgeschaltet worden waren, wieder in Betrieb nehmen? Warum hat Indien, das sehr reich an Sonnenschein und Wind ist und das eine lange Küste besitzt, noch nicht entschieden, Abschied von konventionellen Strom-Technologien zu nehmen, die auf Kohle und Uran basieren? Warum zahlt es immer noch jedes Jahr eine enorme Summe für Ölimporte? Die Entscheidungsträger all dieser Unternehmen und Regierungen können doch gut rechnen!

Und warum müssen Erzeuger von Ökostrom in Deutschland immer noch die Garantie fordern und gewährt bekommen, dass ihnen jede produzierte Menge Strom abgekauft wird, und das zu garantierten Preisen, die sehr viel höher liegen als die Preise für konventionell erzeugten Strom? Das ist eindeutig Subventionierung. Offenbar können sich erneuerbare Energietechnologien im Wettbewerb mit den konventionellen nicht durchsetzen.

Hier sind ein paar Worte über Subventionen notwendig. Auch andere Industrien erhalten Subvention dieser oder jener Art. In Deutschland z.B. erhält der Steinkohlebergbau den so genannten „Kohlepfennig“. Aber es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen der Preissubvention, die die erneuerbaren Energietechnologien erhalten, und den Kohlepfennig. Wenn die letztere Subvention nicht mehr bezahlt wird, wird der Steinkohlebergbau in Deutschland nicht mehr existieren, weil die deutsche Steinkohle aus Kostengründen nicht mehr wettbewerbsfähig ist. Aber der Steinkohlebergbau an sich wird weiterleben – in anderen Ländern. Aber die erneuerbaren Energietechnologien würden vielleicht gar nicht existieren können, nirgendwo, wenn die Preissubvention ausfällt, weil eben ihr EROEI negativ oder zu wenig positiv ist. Es gibt auch andere Arten von Subventionen, deren Zweck es ist, den Preis einer Ware aus politischen Gründen niedrig zu halten. In Indien wird z.B. Benzin subventioniert. Wenn die Subvention entfällt, wird der Benzinpreis steigen, und es wird politische Unruhen geben, aber die Benzinindustrie wird nicht aufhören zu existieren. Denn sowohl Erdölförderung als auch Benzinproduktion sehr hohe EROEI-zahlen aufweisen.

Die Aussichten für erneuerbare Energien

Aber werden sie in Zukunft in der Lage sein, die konventionellen Energietechnologien auszustechen? Oder können sie in nächster Zukunft diese überflüssig machen und den gesamten Energiebedarf der Industriegesellschaften decken, wie manche Optimisten hoffen? Ich denke, die Aussichten für erneuerbare Energien sind negativ. Wir wissen, dass leicht zugängliche und leicht ausbeutbare Rohstoffquellen, insbesondere solche von konventionellen fossilen Brennstoffen, allmählich erschöpft werden und dass neue Funde die verbrauchten Mengen nicht kompensieren können (wir hören ja von peak oil). Die geographischen und geologischen Bedingungen, unter denen die neuen Quellen erschlossen und ausgebeutet werden, verschlechtern sich zunehmend. Wir können solche Bedingungen nicht ändern. Denken wir an Erdölförderung aus dem Boden unter dem Arktischen Ozean! Folglich muss mehr und mehr Energie investiert werden, um Rohstoffe zu extrahieren: Kohle, Öl, Gas, Uran, Metallerze, Sand und Steine, seltene Erden etc. Das heißt, ihre energetischen Produktionskosten (die teilweise auch in ihren finanziellen Produktionskosten reflektiert werden) steigen stetig an.

Solaranlagen Solarfeld Solarenergie 604800_by_Rainer Sturm_pixelio.de_Nun werden alle Ausrüstungsgegenstände aller erneuerbaren Energietechnologien – Solar- und Windkraftanlagen, Biokraftstofffabriken usw. – genau mit solchen Rohstoffen gebaut. Das heißt, die Energie-Investition (EI) in den Bau solcher Kraftwerke steigt kontinuierlich an. Aber der durchschnittliche Energiegehalt vom Sonnenschein und die Tatsache, dass die Sonne nicht in der Nacht scheint, sind kosmologische Konstanten. Klimaforscher sagen voraus (und wir merken es schon), dass mit dem Klimawandel die Windgeschwindigkeit bei Stürmen stark zunehmen wird. Aber das wird Windkraftanlagen wenig nützen. Denn bei starkem Wind müssen deren Generatoren ausgeschaltet werden. Bei solchem Stand der Dinge kann künftig der EROEI der erneuerbaren Energietechnologien nicht steigen. Er wird eher zurückgehen, trotz kleineren technologischen Verbesserungen, die schon möglich sind. Wunder geschehen nicht.

Aber eine Frage bleibt noch: Wie kommt es, dass Preise von Solarmodulen stark gefallen sind? Wie oben gesagt, Preise von Waren hängen von mehreren Faktoren ab. Im Falle von Solarmodulen ist es bekannt, dass die Hauptursache für deren Preisverfall ist, dass die chinesischen Hersteller in großem Stil auf den Weltmarkt getreten sind. Sie haben keinen technologischen Durchbruch geschafft. Aber ihre Löhne sind sehr viel niedriger als die in Europa und Amerika; sie haben weniger Umwelt- und andere Auflagen; und ihr Staat gewährt ihnen Subventionen und andere kommerzielle Begünstigungen. Und obendrein bieten sie ihre Produkte zu Dumping-Preisen an. Die fünf oder sechs deutschen Hersteller, die vor kurzem in Konkurs gegangen sind, und die, die vom Konkurs bedroht sind, geben diese Gründe für ihre Misere an. Sie beschwerten sich bei der EU-Kommission und forderten sie auf, Beschränkungen über chinesische Ausfuhren der Ware nach Europa zu verhängen. Der Fall endete mit einem Kompromiss. Aber das half den deutschen Herstellern nicht, die bereits bankrott waren. Eine weitere Erklärung für den Preisrückgang ist die Vergrößerung des Produktionsumfangs, die durch die Fördermaßnahmen des Staates in den reichen Ländern ermöglicht wurde.

Ich denke, der Disput wird in den nächsten zehn Jahren entschieden sein – durch konkrete Fakten vor Ort. „Inzwischen räumen auch EE [erneuerbare Energie]-Befürworter ein“, stellt ein grüner Wissenschaftler fest, „dass mit einer dauerhaft rentablen Solarstromerzeugung nördlich des Mittelmeers nicht zu rechnen ist“ (Wiesenthal 2013:29).

Der Unterschied zwischen „machbar “ und „lebensfähig“

„Aber“, Enthusiasten von erneuerbaren Energien fragen mich, „warum schließen Sie ganz aus, dass es Industriegesellschaften eines Tages gelingen wird, nicht-erneuerbare Energien hundertprozentig durch erneuerbare zu ersetzen?“ Im Prinzip könnte das natürlich auch irgendwann möglich werden. Die Zukunft ist im Prinzip immer ungewiss. Aber wir müssen schon heute beginnen zu handeln, um vorhersehbare Katastrophen in nicht allzu ferner Zukunft zu verhindern. Das bedeutet, wir müssen auf der Grundlage von weniger als 100prozentig sicherem Wissen handeln. Um effektiv handeln zu können, müssen wir dann zumindest wissen, oder versuchen, aus bekannten Tatsachen zu schließen, was wahrscheinlich ist und was nicht. Ich halte es nicht für wahrscheinlich, dass selbst die besten Erneuerbare-Energie-Technologien der Zukunft es schaffen werden, eines Tages den gesamten Energiebedarf der Industriegesellschaften zu decken.

Wenn wir mit Licht von Öllampen zufrieden sein könnten und alle Arbeiten mit manueller und tierischer Arbeitskraft plus Wärmeenergie von Holzfeuer verrichten könnten, dann bräuchten wir keine fossilen oder nuklearen Energiequellen. Aber das wäre keine industrielle Wirtschaft, die ohne Strom und ohne flüssige oder gasförmige Energie nicht funktionieren kann. Alle diese letzteren Formen von Energie von Sonnenschein oder Wind zu bekommen, ist zwar machbar, aber die betreffenden Energietechnologien sind nicht lebensfähig. Ein Naturgesetz, nämlich das Entropiegesetz, steht dem Vorhaben im Wege, eine nachhaltige industrielle Wirtschaft zu schaffen. Ich erkläre.

Windpark_Offshore_Windstrom_Windkraftanlagen_wind_turbines_Energiewende_Netzbetreiber_Energiekonzerne_Energiegewinnung_Energieversorgung_Solarthermie_Photovoltaik_StrompreiseDie Energie der Sonne erreicht uns in einem Hochentropie-Zustand, d.h. in hoch zerstreuter Form. Das ist ausreichend für die Landwirtschaft und Pflanzenwachstum, von dem wir Holz für Feuer bekommen. Aber für Stromerzeugung müssen wir eine große Menge an hoch zerstreutem Sonnenschein konzentrieren – mit Hilfe von Photovoltaik-Modulen oder Aluminium-Spiegeln. Die Produktion dieser Geräte, der so genannten Kollektoren, erfordert aber den Verbrauch einer großen Menge an konzentrierter, d.h. niedrig-entropischer Energie, die wir vor allem von in der Natur zu findenden fossilen Brennstoffen erhalten. Das heißt, zur Stromerzeugung können wir diese Technologien nur solange anwenden, wie ausreichende Mengen an leicht extrahierbaren fossilen Brennstoffen (oder Uran) verfügbar sind. Darum nannte Nicholas Georgescu-Roegen (1978) Solarstromtechnologien Parasiten.

Mehr oder weniger ähnlich verhält es sich auch mit der Windenergie. Ohne den Wirt (fossile und nukleare Energien) sind Parasiten (Solar- und Windenergien) nicht lebensfähig. Die letzteren wären nur lebensfähig, wenn die zweite Generation der Kraftwerke, d.h. alle benötigten Ausrüstungen von A bis Z – Sonnenkollektoren, Aluminiumspiegel, Windturbinen, Fabriken, Straßen, Fahrzeuge, etc. etc. etc. – ohne den Verbrauch von konventionellen Energien, d.h. nur mit Solar-oder Windenergie gebaut/hergestellt werden könnten. Das wäre nicht möglich, wenn der EROEI (erzeugte netto Energie) von Solar- und Windenergietechnologien so niedrig bliebe, wie er heute ist. Wenn wir davon ausgehen, dass, wie Ted Trainer schreibt, der EROEI von Sonnenkollektoren 2/1 ist, dann würde, nachdem wir diese Energie für unser tägliches Leben und die anderen üblichen Aktivitäten verbraucht haben, kein Überschuss bleiben für die nötige Investition in die Produktion der zweiten Generation von Solar- und Windkraftwerken. Trainer schreibt: „In der Literatur findet man Schätzungen, die besagen, dass für eine Energietechnologie das Verhältnis [der EROEI] mindestens 7/1 sein muss, wenn sie lebensfähig sein soll.“ Es ist sehr unwahrscheinlich, dass das in Zukunft der Fall sein wird, weil, wie ich oben schon ausgeführt habe, der Trend in die entgegengesetzte Richtung zeigt.

Dieses Problem kann auch dann nicht gelöst werden, wenn wir versuchen, die enormen Mengen an hoch intensivem Sonnenschein in den Wüsten der Erde zu nutzen. Ein solches Projekt, das Desertec-Projekt von einigen der größten europäischen Konzernen, liegt heute auf seinem Sterbebett.

Schluss

Betrachten wir das Ergebnis von Jahren der Förderung erneuerbarer Energietechnologien in Deutschland durch hohe Preissubventionen, die von allen Privatverbrauchern, arm und reich, und Unternehmen (außer einigen) finanziert werden. Heute ist der Strompreis so hoch, dass Zehntausende von armen Deutschen ihre Stromrechnung nicht regelmäßig bezahlen können. Ihre Stromversorgung vom Netz wird oft abgestellt. Obwohl auch andere Faktoren – z.B. hohe Kohlepreise auf dem Weltmarkt – zu dieser Misere beitragen, gibt es einen Konsens darüber, dass die hohen Preissubventionen für die erneuerbaren Energien die Hauptschuld daran tragen. Die gegenwärtige Bundesregierung will also die Förderung dieser Branche beschneiden, was die letztere in Panik versetzt hat. Wir sehen also, dass auch die berühmte Energiewende des reichen Deutschlands ins Stocken gerät. Und die Regierung wird von Pseudo-Grünen und Pseudo-Umweltschützern dafür kritisiert, dass sie diese bremst.

Meeresverschmutzung_Wasserverschmutzung_Treibgut_Seetrift_Kunststoffabfaelle_Schwemmgut_Marine_debris_litter_Hawaiian_coast_plastic_bags_Plastikmuell_Meeresstroemung_Verschmutzung_OzeaneKrugman meint, wir können alle reicher werden, während wir die negativen Auswirkungen unseres Wirtschaftens auf die Umwelt reduzieren. Dies ist auch das Mantra vieler Pseudo- Grünen und Pseudo- Umweltschützer in der ganzen Welt, die Illusionen von grünem Wachstum, nachhaltigem Wachstum, grünem New Deal etc. propagieren. Edenhofer, der IPCC-Mann, geht in der Mitte einer Stagnationskrise naiv davon aus, dass die Weltwirtschaft regelmäßig in einer jährlichen Rate von zwei Prozent wachsen wird (⇒ Quelle: Süddeutsche vom 13.04.2014). Aber Krugman, der Starökonom, der seit Jahren beharrlich für eine wachstumsfördernde Wirtschaftspolitik eintritt, hätte es eigentlich besser wissen müssen. Er argumentiert: „Wenn andere Sachen gleich bleiben, bedeutet mehr Wachstum tendenziell mehr Umweltverschmutzung. Was verwandelte China zum größten Verursacher von Treibhausgasemission? Explosives Wirtschaftswachstum. Aber andere Sachen müssen nicht gleich bleiben. Es gibt kein unabänderliches Eins-zu-eins-Verhältnis zwischen Wirtschaftswachstum und Umweltverschmutzung.“ Das ist richtig. Aber andere Sachen können auch schlimmer werden als zuvor, sodass die Umwelt auch zerstört werden kann, ohne dass die Wirtschaft wächst. Selbst bei null Prozent Wachstum setzt eine industrielle Wirtschaft ihr umweltzerstörerisches Werk fort.

Die Umwelt ist viel mehr als das Klima, das nach Krugman einfach dadurch gerettet werden kann, dass wir konventionelle Energien durch erneuerbare ersetzen. Und die Umweltkrise ist eine viel größere Angelegenheit als die Klimakrise. Sie umfasst neben der Erderwärmung Luft- und Wasserverschmutzung, Verschmutzung der Ozeane, Flüsse und Seen; sie umfasst die Abholzung der Wälder und den Rückgang der Artenvielfalt; sie umfasst auch den schlechten Zustand des Agrarbodens, der Quelle unserer Nahrungsmittel. Krugman scheint nicht zu wissen, dass es, wenn wir alle reicher werden sollten, nicht genügen würde, mehr Solar- und Windkraftanlagen aufzustellen. Das würde erfordern, dass wir mehr und mehr Güter produzieren, mehr und mehr fossile Brennstoffe und Erze extrahieren, dass wir mehr und mehr bauen: Fabriken, Straßen, Häuser, Stadien, Autos, Flugzeuge, Staudämme und so weiter. Das wird der Umwelt den Todesstoß versetzen. Vierzig Jahre lang haben die Chinesen wie verrückt produziert und gebaut. Jetzt können sie ihre Luft nicht atmen; jetzt haben sie Angst vor ihren Lebensmitteln.

Meeresverschmutzung_Wasserverschmutzung_Treibgut_Seetrift_Kunststoffabfaelle_Schwemmgut_Marine_debris_litter_Oceanic_gyres_plastic_bags_Plastikmuell_Meeresstroemung_Verschmutzung_OzeaneMeine einzige Hoffnung ist, dass das Projekt – nämlich wir werden alle reicher – gar nicht mehr möglich ist. Denn nicht nur hat die Ölförderung ihren Höchstpunkt erreicht, sondern auch die anderen Ressourcen werden rapide erschöpft. Vor kurzem sah ich einen Dokumentarfilm, der zeigt, dass die banalste aller Ressourcen, Sand, inzwischen so knapp geworden ist, dass es gestohlen wird. Für große Bauprojekte wird sogar das auf Meeresboden liegende Sand ausgebaggert, was dazu führt, dass die nahe gelegenen Strände absacken und unter der Wasseroberfläche verschwinden. Eigentlich sollten wir jetzt weltweit darüber diskutieren, wie wir uns auf einen sparsamen Lebensstil vorbereiten können. Ich bin der festen Überzeugung, dass das nur in einer Weltgesellschaft möglich ist, in der die immer knapper werdenden Ressourcen egalitär verteilt werden.

Vielleicht müssten wir uns auf viel schlimmere Dinge vorbereiten. In letzter Zeit führte eine Gruppe von amerikanischen Wissenschaftlern ein Forschungsprojekt durch, dessen Ziel es war, die Bedingungen zu ermitteln, unter denen vergangene Zivilisationen kollabierten. Das Projekt wurde zum großen Teil von der NASA finanziert, der Organisation, deren Zweck es war, Menschen auf den Mond zu setzen. Die Wissenschaftler kamen zu dem Schluss, dass es starke Hinweise darauf gibt, dass sich unsere gegenwärtige Zivilisation auf dem Weg zum Kollaps befindet (Ahmed 2014).

Saral Sarkar, Köln


Literatur:

Ahmed, Nafeez (Dr.) (2014): „Nasa-Funded Study: Industrial Civilisation Headed For ‚Irreversible Collapse‘?“.  > Artikel (14.03.2014).

Georgescu-Roegen, Nicholas (1978): „Technology Assessment: The Case of the Direct Use of Solar Energy“, in Atlantic Economic Journal. Dezember.

Heinberg, Richard ( 2003): The Party Is Over. Forest Row: Clairview.

Sarkar, Saral (1999): Eco-Socialism or Eco-Capitalism? – A Critical Analysis of Humanity’s Fundamental Choices. London: Zed Books.

Trainer, Ted (2014): Relax! Solar Energy Can Save Us, Krugman Says So. > Artikel

Wiesenthal, Helmut (2013): “Der Solarstrom – Lackmustest grüner Energiepolitik“, in Böll Thema – Es grünt, Berlin, Nr. 1.


Bild- und Grafikquellen:

1. Paul Robin Krugman (Beitragsbild) (* 28. Februar 1953 in Albany, New York) ist ein US-amerikanischer Professor für Volkswirtschaftslehre an der Princeton University, Centenary Professor an der London School of Economics, Sachbuchautor und Träger des Wirtschaftsnobelpreises 2008. Krugman ist Begründer der Neuen Ökonomischen Geographie. In den Vereinigten Staaten ist er besonders durch seine wöchentlichen Kolumnen in der New York Times über Fachkreise hinaus bekannt geworden. Foto: Prolineserver. Quelle: Wikimedia Commons. Es ist erlaubt, die Datei unter den Bedingungen der GNU-Lizenz für freie Dokumentation, Version 1.2, veröffentlicht von der Free Software Foundation, zu kopieren, zu verbreiten und/oder zu modifizieren.

2. Smog in Tokio. Die Stadt hat derzeit knapp über neun Millionen Einwohner. Das Stadtzentrum Tokios kann man im Hintergrund gerade noch erkennen, der Tokyo Dome befindet sich links, die Rainbow Bridge und der Tokyo Tower sind rechts erkennbar. Foto: Wilhelm Joys Andersen aus Oslo, NOR. Quelle: Wikimedia Commons. Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 generisch“ (US-amerikanisch) lizenziert.

3. Glühbirnen im Weinglas – Foto: Viktor Mildenberger. Quelle: www.pixelio.de

4. SolarstromerzeugungFoto: Andreas Hermsdorf. Quelle: pixelio.de

5. Grevenbroich: Braunkohlekraftwerke Frimmersdorf. Freileitungsmasten mit Überlandleitungen. Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F041795-0009 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA Quelle: Wikimedia Commons. Diese Datei ist unter der Creative Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland lizenziert.

6. SolaranlageFoto: Rainer Sturm. Quelle: pixelio.de

7. Lillgrund Wind Farm’s Windturbinen in der Umgebung von Kopenhagen und Malmö. Foto: Mariusz Paździora Quelle: Wikimedia Commons . Diese Datei ist unter der Creative Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported lizenziert.

8. Treibgut infolge stark zunehmender Meeresverschmutzung, hier an der Küste von Hawaii. Foto: NOAA. Quelle: Wikimedia Commons. This image is in the public domain because it contains materials that originally came from the U.S. National Oceanic and Atmospheric Administration, taken or made as part of an employee’s official duties.

9. Meeresströmungen (Ocean Qyres) Foto: NOAA. Quelle: Wikimedia Commons. This image is in the public domain because it contains materials that originally came from the U.S. National Oceanic and Atmospheric Administration, taken or made as part of an employee’s official duties.

Mit freundlicher Genehmigung von  Kritisches Netzwerk