image_pdfimage_print

Immer mehr Kernprobleme … na, Hau(p)tsache gesund !

von Guido Vobig

And now to something completely different …

Wie viel Geld gibt eine Person in einer modernen Gesellschaft für die Haar- und Körperpflege aus, Lotionen und sonstige Cremes inklusive ? Mindestens 50 Euro im Jahr ? Eher 200 Euro, oder ? Wie viele verschiedene Inhaltstoffe sind für diese Produkte im Jahr notwendig ? Wie viele davon basieren auf Erdöl oder sind anderweitig künstlicher ‘Natur’ ? Wie viele Verpackungen braucht man dafür im Jahr ? Wie viele verschiedene Stoffe werden dafür benötigt ? Wie viele auf Erdölbasis ? Ok … genug Fragen. Weiter im Text …

Kosmetik einkaufenEs ist nicht zu übersehen, dass immer mehr Menschen sich nicht wohl in ihrer Haut fühlen und so alles Mögliche in Anspruch nehmen, um den Anspruch an gesellschaftliche Erwartungen zu erfüllen, soweit es ihr Geldbeutel zulässt bzw. ihre Geldsäcke es möglich machen. Dabei wird jedoch völlig außer Acht gelassen, dass die verkörperte Erscheinung ein Spiegelbild der Beziehung des Wesens zum jeweils herrschenden Zeitgeist ist, während der Zeitgeist selbst ein Spiegelbild der Gesellschaft ist, in der sich das verkörperte Wesen bewegt.

Stehen sich zwei Spiegel gegenüber, dann rückt Naheliegendes in weite Ferne … und kann mit keinem Geld der Welt aus selbiger geschaffen werden, solange man sich des Naheliegenden nicht direkt annimmt.

Dass wir EINEN, wir Menschen, viel Geld für Kosmetik ausgeben, zeigt sich nicht nur in Deutschland. Dass ein großer Teil des Geldes dabei für Hautpflege ”draufgeht” überrascht nicht, ist die Haut doch der naheliegende Spiegel körperlicher Befindlichkeit, zumal mit gesunder Haut Vitalität und Jugendlichkeit verbunden wird und offensichtliches Altern nicht gerade das ist, worüber sich eine Gesellschaft definiert. Je glatter und reiner die Haut, desto näher meint manch EINE(R) dem Schönheitsideal zu sein … und das lässt man sich Einiges kosten.

Verrückt ist in diesem Zusammenhang der Zusammenhang zwischen gesellschaftlichem Zeitgeist und der Hautbeschaffenheit, denn je mehr sich der Zeitgeist zu verkörpern und auf der Haut darzustellen vermag, desto saurer wird das Hautmilieu und desto unwohler fühlt sich das Wesen in unserer Haut. Geschickt propagiert der Zeitgeist das Märchen vom Säureschutzmantel und zeigt sein strahlendes Lachen perfekter Zähne aus dem Dentallabor. Näheres über dieses moderne Märchen, geeignet für Jung und Alt, gibt es hier:

… ”Der sogenannte Säureschutzmantel hat einen pH-Wert zwischen 5,2 und 5,9, er liegt also im sauren Bereich. Schaut man um mehr als 50 Jahr zurück, so lag damals der Mittelwert höher, im Bereich von 6,2. Das Baby im Mutterleib verweilt neun Monate im Fruchtwasser, welches absolut basisch ist. Wer möchte nicht eine solch zarte Haut haben, wie sie bei den Babys vorkommt. Die Säure, die sich in späteren Jahren dann auf der Haut befindet und als Säureschutzmantel bezeichnet wird, entsteht mitunter durch die Säuren, die im Körper sind, nach außen dringen und sich dann auf der Hautoberfläche ablagern.” …

Babies, die in der Fruchtblase dem jeweiligen Zeitgeist nicht direkt ins Auge blicken müssen, haben daher die vielbeworbene Babyhaut zum Nulltarif, weil die Fruchtblase vor den Einflüssen des Zeitgeistes bewahrt und das Fruchtwasser basisch ist, um die Einflüsse des Zeitgeistes auf die Mutter auszugleichen.

Doch schaut man sich an womit der Jugendwahn seine Jünger(innen) sich pflegen lässt und was, im Namen des Zeitgeistes, längst außer Mode gekommen ist, dann offenbart sich auch hier, dass Naheliegendes eher auf die lange Bank geschoben bzw. in weite Ferne verschoben wird und so für normal angesehen wird, was aber Symtom von systematischer Unausgewogenheit ist. Obendrein wird die Unausgewogenheit noch dadurch gefördert, dass weitere Probleme durch die Normalisierung bzw. Beibehaltung der Symptome ins Leben gerufen werden und somit systemisch werden können.

Dazu genügt ein Vergleich der Begleiterscheinungen von modernen Kosmetika und der einfachen Hautpflege mittels Kernseife, die basisch ist und im Jahr gerade mal mit 5 Euro (!) zu Buche schlägt, um zu erkennen, was moderne Kosmetika alles nach sich ziehen, sei es in Bezug auf Forschung, Verpackung, Tierversuche, Vermarktung, Produktion, Inhaltsstoffe, Nebenwirkungen und Haltbarkeit bzw. Konservierung. Cradle-to-Grave, wie es offensichtlicher kaum sein kann, während ein Stück Seife mit sehr wenig auskommt und mit Leichtigkeit die Symptome zu neutralisieren vermag, die viele Fortgeschrittene mit modernen Mitteln, reichlich Geld inklusive, am Leben erhalten, indem sie versuchen diese Symptome dorthin zurückzudrängen, woraus sie hervorgehen, nämlich aus dem Wesen(tlichen) des Lebens, welches gefangen ist zwischen zwei, künstlich auf Hochglanz polierten, Spiegeln. Ganz zu schweigen davon, dass all die künstlichen Duftstoffe, die mit wohlklingenden Namen aufwendig beworben und vermarktet werden, rein gar nichts mit dem Namen zu tun haben, den man selber sein ganzes Leben lang trägt, was dazu führt, dass in der Begegnung all der duftenden Menschen wortlos Erzählungen ausgetauscht werden, die nichts mit der wahren Geschichte des Lebens gemeinsam haben.

Solange Kosmetik dergestalt von uns EINEN genutzt wird, um Unausweichliches in weite Ferne zu verschieben, desto weiter lässt sich zudem der Kosmos, als Spiegelkabinett, und mitunter als Spiegellabyrinth, gestalten und aufhübschen. Genau der Kosmos, in welchen wir EINEN blicken und das Entfernte mit Spiegelteleskopen wieder näher holen, in der Hoffnung zu verstehen, was wir, bedingt durch die Möglichkeiten des Zeitgeistes, geschaffen haben … aber PSSST … das ist längst kein Geheimnis mehr.

AlterNun sollte man nicht der Vermutung verfallen, dass ein Stück basische Seife, für nicht mal einen Euro pro Stück und unscheinbar verpackt, tiefgreifende Probleme zu lösen vermag und so beseitigen kann, was der Zeitgeist im Körper über Jahre hinweg an Spuren hinterlassen hat. Seife kontra Kosmetika soll hier einfach verdeutlichen, wie leicht es dem Zeitgeist gemacht wird die Problematisierung des PROBLEMS mittels immer weiterer Gräber zu realisieren.

Was ihm ermöglicht wird ist jedoch notwendig, auch davon war bereits die Rede, denn genau aus dieser Notwendigkeit heraus geht in manch EINEM die Bewusstwerdung hervor, dass Friedhöfe keine Lösung sind, um das Leben zum Ziel zu führen, und so eine Not, in der Tat, zu einer Wende führen muss.

Womit ich natürlich wieder zu den ANDEREN, nicht menschlichen Lebewesen, komme und man sich fragen muss, warum sie weder Friedhöfe, noch Kosmetikketten, Beautyshops, Wellness-Oasen, keine Schönheitschirurgen und Zahnärzte benötigen und trotzdem zu HARMONISIEREN vermögen, was uns sauer aufstößt. Und all das ohne ein weiteres Grab zu hinterlassen. Und wenn doch ein Grab realisiert werden muss, dann liegt das einzig daran, dass wir EINEN die Bedingungen dafür ermöglichten, weshalb auch wir es sind, die das Grab letztendlich schaufeln, um einen der Unsrigen darin zu begraben, oder ein Unternehmen, welches zwar auf dem Wesen(tlichen) des Lebens aufgebaut wurde, aber den Zeitgeist nach und nach mehr und mehr zu spüren bekommt.

Man mag jetzt einwerfen, dass es doch Elefantenfriedhöfe gibt, doch vielleicht handelt es sich dabei eher um eine weitere geistreiche Idee unsererseits, oder aber um eine irreführende Erwartung. Hier und hier findet sich diesbezüglich näher Erklärendes.

Ja, Wasser genügt all jenen, die ohne Emotionen und schönen Schein zu HARMONISIEREN vermögen. So haben die ANDEREN  gar keine Seife nötig, zumal sie nicht die Bewusstwerdung benötigen, die wir Menschen nötig haben, um dem PROBLEM näher kommen zu können … und jene Bewusstwerdung, welche die ANDEREN durch uns EINEN erfahren, ebenfalls keine Seife notwendig macht, auch nicht all jene Dienstleistungen im Namen kosmetischer Korrekturen, die wir EINEN offensichtlich für immer notwendiger erachten, um weiter gesellschaftsfähig bleiben zu können.

Die ANDEREN zeigen immer ihr wahres Wesen und geben nicht vor zu sein, was sie nicht sind oder nicht sein wollen … auch dann nicht, wenn sie uns ihre Zähne zeigen oder offen zur Schau stellen, was der Zahn der Zeit ihnen, in ihrem Vermögen die HARMONIE zu bewahren, abverlangte. Und da sie ihrem Wesen derart treu bleiben ist auch ihr Beitrag für die Realisierung des Kosmos ein ganz ANDERER … worin sich zeigt, dass sie stets das Unmittelbare angehen und nicht erst in weite Ferne rücken, was sich unmittelbar um sie herum abspielt.

Dass das Hautmilieu das wesentliche Symptom dessen ist, was sich im Körper, aufgrund äußerer Ungleichgewichte, abspielt, wissen daher die ANDEREN zu nutzen, damit die HARMONISIERUNG auch weiterhin möglich ist, so, eventuell, indirekt für weitere Gräber sorgend:

Mückenstiche: Hautbakterien locken Blutsauger an

Malaria parasite ‘can manipulate body odour of mice’

Doch auch diesbezüglich hat der Zeitgeist schon wieder eine Antwort parat, wie hier gezeigt wird … erst recht, wenn Parasiten im Spiel sind, wie in einem zurückliegenden Artikel bereits beschrieben wurde. Offensichtlich bleibt auch Gaia selbst vor kosmetischen Eingriffen seitens des Zeitgeistes nicht verschont …

Guido Vobig


Autor Guido Vobig – Initiator der Projekte:

http://www.gold-dna.de
http://www.gold-dna.de/phi.html
http://www.gemeinsaminstal.de

Danke Martin und Guido für diesen Beitrag: FaszinationMensch

Bild- und Grafikquellen:

  1. Beitragsbild: «Der Untergang der Menschheit…» – qpress.de
  2. «Kosmetik einkaufen …» – www.pixabay.com
  3. «Alter» – www.pixabay.com

Sklavenarbeit vor der Haustüre

von Andreas Müller-Alwart

Sie leben ohne Strom, ohne Wasser, ohne Papiere. „Hier ist es immer noch besser als bei uns zu Hause“, sagt einer der Arbeiter, der hier in der Landwirtschaft schuftet – nicht selten in Gewächshäusern oder unter Plastikplanen bei über 60 Grad. Hier – das ist nicht Afrika oder Asien. Hier – das ist Europa. Südeuropa. Es ist in Griechenland. Wenn in Europa bzw. in einem europäischen Land die Wirtschaft ganz oder teilweise am Boden liegt, wenn die Löhne sinken und die Preise steigen, dann gibt es immer noch Einwanderer, für die es sich lohnt hierher zu kommen. Einwanderer aus Bangladesch beispielsweise. Aus einem der ärmsten Länder der Welt. Wer aus Bangladesch auswandert, der findet fast überall auf der Welt bessere Lebensbedingungen, er wird aber auch überall auf der Welt wie ein Sklave, wie ein Leibeigener behandelt.

Besser als schlecht zu leben, ist nicht gleichbedeutend mit gutem und freiem Leben

 Ein Arbeiter transportiert auf einer Plantage im indischen Uttar Pradesh geschnittenes Zuckerrohr ab.

Ein Arbeiter transportiert auf einer Plantage im indischen Uttar Pradesh geschnittenes Zuckerrohr ab.

Überall auf der Welt gibt es diese Art der Leibeigenschaft. Wer seinen Urlaub in der Dominikanischen Republik verbringt und per Bus oder auf eigene Faust über die Insel fährt, sieht die endlosen Zuckerrohrfelder. Jene Felder, die als Symbol für den Ursprung der Sklavenarbeit stehen, die in keinem US-Film zu diesem Thema fehlen dürfen. Zwischen meterhohen Zuckerrohrpflanzen sind die Arbeiter eingeschlossen, ohne auch nur mehr als fünf Meter in die Ferne blicken zu können. Von der Landstraße aus – eingebettet zwischen den riesigen Feldern – sind mächtige Villen zu erkennen, in die sich die Feudalherren wie in eine Festung zurückgezogen haben. Nicht selten – so erfährt man bei einer geführten Tour über die  DominikanischeRepublik – sind die prächtigen Herrensitze in der Dominikanischen Republik ein Rückzugsgebiet für Drogenbarone, die ihre Gewinne aus dem Zuckerrohrgeschäft in das noch lukrativere Drogengeschäft investiert haben. Sie können hier nicht belangt werden.

Illegalität – eine ganz wichtige Basis für moderne Sklaverei

Obgleich die Dominikanische Republik einerseits zu den aufsteigenden Ländern gehört, ist die Armut andererseits immer noch hoch. Denn an der Tourismusindustrie verdienen überwiegend jene, die schon immer verdient haben – nämlich nur die, die Kapital für Investitionen haben und das sind die internationalen Konzerne und Vermögenden. Es sind eben nicht die einfachen einheimischen Dominikaner, die vom aufstrebenden Tourismusleben profitieren. Und doch gibt es auch hier noch Ärmere: Die Haitianer, die vor Armut, Erdbeben und aus politischen Gründen aus Haiti geflüchtet sind und die lieber auf den Zuckerrohrfeldern der dominikanischen Herren leben, als in der noch unerträglicheren Armut. Sie verdienen schlecht, werden schlecht behandelt und sind de facto vogelfrei. Sie sind meistens illegal, also ohne Papiere, eingereist und das heißt eben auch immer hier zu leben ohne Rechte und ohne die Möglichkeit, für sich Grundlegendes wie ein menschenwürdiges Leben einzufordern. Diese Illegalität ist die Basis für jede moderne Sklaverei. Wer sich auf einem Territorium illegal aufhält, ist dort auf rechtsfreiem Gebiet. Er kann weder auf die Rechte pochen, die ihm in seinem Herkunftsland zustehen, noch auf die Rechte die die Menschen üblicherweise in dem Land haben, in das er eingewandert ist. Dieser rechtsfreie Raum ist der Nährboden der Sklaverei, er ermöglicht es, dass die Menschen auf menschenunwürdige Weise gehalten und erniedrigt werden können.

Saisonarbeit muss keine Sklavenarbeit sein

Gemüseernte SaisonarbeiterHinter den Kulissen der Tourismus-Idyllen und vor allem unter dem Deckmantel der Effizienz in der Produktion unserer Marktwirtschaft geht die Sklaverei weiter – sie ist nicht überwunden, wie uns die Filmindustrie oft Glauben machen möchte, wenn sie vor allem die amerikanische Sklavengeschichte aufzubereiten versucht. Der Konkurrenzkampf ist enorm – weltweit –, aber eben auch und gerade in Griechenland. Viele Straßen zu den produzierten Betrieben sind in Griechenland nicht ausgebaut und viele Bahnstrecken werden nicht mehr oder nicht ausreichend bedient. Dadurch sind die Transportwege oftmals zu langsam. Wenn Früchte wie z. B. Erdbeeren erntereif sind, müssen diese logistischen Transportprobleme überwunden werden und – wie in Deutschland auch – werden sehr viele saisonale Arbeiter benötigt, um diese Ernte möglichst rasch und vollständig einzubringen und auszuliefern. Und so machen die Griechen letztlich nichts anderes, als die Deutschen: Sie setzen saisonale Arbeiter ein. Es gibt allerdings einen gravierenden Unterschied: Saisonarbeiter können in Deutschland sozialversicherungsrechtlich als befristete Arbeiter eingestellt und versichert werden. Sie können legal einreisen und sie haben zumindest gewisse Rechte.

Mit der Schrotflinte gegen Arbeiter, die ihren Lohn einfordern

Anders in Griechenland: Angesichts der Marktlage und Arbeitslosigkeit gibt es einen Einreisestopp. Die Menschen aus fernen Ländern halten sich deswegen überwiegend illegal auf, die Polizeibehörden der Kommunen müssten sie eigentlich in Gewahrsam nehmen und ausliefern. Doch die Vetternwirtschaft funktioniert weiterhin und die Solidarität in den Kommunen gilt natürlich in erster Linie den Griechen. Wer wollte es ihnen verdenken. Die illegalen Arbeiter haben deswegen – ohne Papiere und ohne Rechte – einen sehr schweren Stand. Oftmals arbeiten sie als Tagelöhner und müssen letztlich zu jedem Stundenlohn arbeiten, den man ihnen anbietet. 1-2 Euro sind üblicher Durchschnitt, wobei schon alle froh sind, wenn sie wenigstens diesen Lohn am Ende ihrer Arbeit tatsächlich erhalten. Leider kommt es immer wieder vor, dass noch weniger ausbezahlt wird oder Mitarbeiter monatelang gar keinen Lohn erhalten. Wenn sich dann die so geprellten Arbeiter zusammenfinden und gegen diese Unterschlagung aufbegehren, kommt es immer wieder zu dramatischen Ereignissen. Erst jüngst wurde beispielsweise ein Vorarbeiter wegen mehrfacher, schwerer Körperverletzung verurteilt, weil er auf mehrere protestierende Mitarbeiter mit der Schrotflinte geschossen hatte. Über 100.000 Euro Lohnschulden hatten sich angesammelt, bis die saisonal Beschäftigten sich gegen den Arbeitgeber auflehnten. Solche Extreme sind glücklicherweise Ausnahmen, zeigen aber nur zu deutlich, wie blank die Nerven liegen.

Gut gemeint und falsch gemacht?

Wer Trauben, Spargel und Erdbeeren aus Griechenland kauft, der unternimmt dies sicherlich auch mit der Intention, dass er etwas bei Menschen kauft, die er im geliebten Urlaubsland kennen und schätzen gelernt hat. Aus der gleichen Liebe zur Heimat kauft der gleiche Verbraucher ja auch lokal angebauten Spargel oder einheimischen Wein. Wer denkt schon daran, dass er beim Kauf der griechischen Agrarprodukte ein System unterstützt, das asiatische Mitbürger so unwürdig behandelt? Und was wäre die Konsequenz, wenn ihm dies bewusst wäre? Griechische Spargel, Erdbeeren und Weintrauben nicht mehr kaufen? Nur noch einheimische Produkte auf dem Regionalmarkt erwerben? Dieser Weg scheint insofern richtiger zu sein, als der regionale Markt überschaubarer ist. Wir würden es wohl wissen und einschätzen können, wenn Mitarbeiter aus östlichen Ländern bei uns völlig unwürdig und illegal am Rande der Spargelfelder gehalten werden würden. Vielen von uns würde dabei der Appetit vergehen. Wir würden nach alternativen Einkaufsmöglichkeiten forschen oder vielleicht gäbe es sogar Proteste gegen den Umgang mit diesen Mitbürgern. Deswegen gilt: Gut gemeint und falsch gemacht, ist letztlich eben falsch gemacht. Die Marktwirtschaft versteht nur das Gesetz von Preis und Nachfrage. Emotionale Liebhabereien sind hier nicht vorgesehen …

Das System der Sklaverei ist weitgehend resistent

Krabben ThailandWir müssen erneut erkennen: Am eigentlichen System ändert dies nichts. Wo immer es Ungleichheiten zwischen den Produktionsbedingungen verschiedener Länder gibt, wo immer die Umverteilung nicht funktioniert, werden Menschen auf davon profitieren, während auf der anderen Seite die Sklavenhaltung nie aussterben wird. Mal ist es die Kinderarbeit – wie bei den Kindern im Steinbruch von Burkina Faso oder bei der Kakaoernte in der Elfenbeinküste. Mal ist es die Prostitution, die das Wirtschaftsgefälle zwischen West und Ost sowie zwischen Nord und Süd gleichermaßen anzieht. Immer findet sich ein Weg, mit den Menschen wirtschaftlich ärmerer Länder Geld zu verdienen, um den Konsumbedarf der wirtschaftlich reicheren Länder zu decken. Der deutsche Steuerzahler subventioniert dies noch alles: Einmal indem seine Steuern in die Infrastruktur einfließen, die dieses Wachstum und diesen übersättigten Konsum hier bei uns überhaupt erst ermöglicht. Andererseits dadurch, dass er die angebotenen Produkte ohne Kenntnis der Produktionsbedingungen dem Markt abnimmt. Dabei wissen wir alle: Wenn wir über die Produktionsbedingungen nichts wissen und die Ware über den globalisierten Markt zu uns kommt, ist immer irgendwo der Wurm in der Produktionskette. Im günstigsten Fall ist es einfach klimaschädlich, ein Produkt aus der Ferne einzufliegen. So bleibt wirklich nur der Weg, Produkte aus intransparenten Produktions- und Transportketten nicht mehr zu kaufen. Der globalisierte Markt hat immer trübe Untiefen, nur der regionale Markt bietet die Möglichkeit weitgehend im klaren Wasser nach Produkten aus wirklich sozialer, nachhaltiger Herstellung auszuwählen.

Sklavenarbeit gibt es so lange wie es Nachfrage nach den so erzeugten Produkten gibt

Für die von der Sklavenarbeit betroffenen Menschen ist es kaum ein Unterschied, ob sie in der Dominikanischen Republik, in Griechenland oder andernorts ausgebeutet werden. Wenn eine deutsche Erdbeere besser schmeckt als eine aus entlegeneren Ländern, so mag dies auch mit dem fahlen Beigeschmack zu tun haben, der entsteht, wenn man sich ansieht, wie andere Erdbeeren hochgepäppelt und geerntet wurden. Weder den Griechen noch den Einwanderern ist langfristig geholfen, wenn die so hergestellten Produkte weiterhin Absatz finden. Wer Sklavenarbeit und vergleichbare Auswüchse des globalisierten, freien Marktes verhindern oder zumindest reduzieren möchte, der muss das Prinzip der Beweislast umkehren. Sollen doch Hersteller und Verkäufer lückenlos nachweisen, unter welchen ökologischen und sozialen Bedingungen sie produziert haben. Wenn dies der angelieferten Erdbeere oder Traube nicht nachprüfbar bescheinigt werden kann, möge sie doch im Laden verfaulen, denn faule Geschäfte wollen wir uns nicht mehr auf der Zunge zergehen lassen. Faules gehört auf den Kompost. Solidarität mit Griechenland und mit Bangladesch hin oder her – das System der globalen Marktwirtschaft lernt nur über die Nachfrage. Nur über diesen Weg lässt es sich in ein kooperatives System transformieren und nur in der Kooperation lassen sich die Ungleichheiten überwinden, die das System der Sklaverei ermöglichen.

©Andreas Müller-Alwart


Autor Andreas Müller-Alwart ist selbständiger Journalist, Coach sowie Requirement Engineering Manager und Mitglied des Reflektion-Teams.

Bild- und Grafikquellen:

  1. Beitragsbild: «Skavenarbeit in Deutschland» –  http://www.atelier-behr.de/
  2. «Zuckerrohrernte» – (Bild: PRASHANTH VISHWANATHAN / BLOOMBERG)
  3. «Saisonarbeiter» – (Bild: dpa)
  4. «Arbeiter auf einem Fischkutter» – (Bild: dpa)

Tschüss BIP

von Andreas Müller-Alwart

Jedes Quartal und natürlich einmal am Ende eines Jahres blickt die wirtschaftsorientierte Klientel Deutschlands auf das BIP. Das Bruttoinlandsprodukt. Mit viel Akribie und auf zwei Nachkommastellen exakt berechnet, werden die Werte verkündet – wobei der Blick von Jahr zu Jahr mehr auf die Nachkommastellen fokussiert werden muss, denn vor dem Komma will das BIP nicht mehr so viel wachsen. Jedenfalls nicht im Vergleich zu China: Hier hat ein großer Nachholbedarf in Sachen Konsum und Produktion zu viel ansehnlicheren Wachstumsraten geführt. Diese Zeiten sind aber inzwischen auch vorbei und der chinesischen Statistik hat ohnehin kaum jemand so ganz getraut. Zweierlei muss allerdings gleich geklärt werden.

Dreimal bereinigte Werte

BIP Brutto Inlandsprodukt QuartalWährend die deutschen BIP-Werte dreimal gereinigt werden, sind die chinesischen eher weniger porentief vorbehandelt. Damit nämlich die BIP-Werte in Deutschland überhaupt vergleichbar sind, werden sie preis-, saison- und kalenderbereinigt und dann wird noch hier und da verkettet, wie der Statistiker das nennt. Warum diese Reinheit ohnehin bald überflüssig sein dürfte, folgt gleich. Der Vergleich mit Wachstumsraten anderer Länder muss jedenfalls immer in Relation zu den nominalen Zahlen gesehen werden. Ein Wachstum von 7 Prozent kann 107 Euro gegenüber 100 Euro des Vorjahres bedeuten. Wenn also jemand von 50 Prozent redet, die er verspricht, sollte die Rückfrage immer lauten: 50 Prozent wovon? Und als Antwort sollte man keinesfalls gelten lassen: „von 100 Prozent“; die korrekte Antwort muss immer den Bezugswert enthalten und z. B. lauten: „von einer oder von zehn Millionen Euro“.

Kein Profit? Schade für das BIP

Wir wollen uns hier gar nicht lange damit aufhalten, dass es seit Jahren vielerlei Kritikpunkte an der Sinnhaftigkeit des BIP gibt: Ist es für eine Volkswirtschaft wirklich so wertvoll, wenn eine Kennzahl auch wertvoller wird, je mehr Blechschäden und Verletzte wir haben oder je mehr Operationen wir durchführen mussten? Dazu wurde alles schon mal irgendwo geschrieben. Das BIP kann sich als Kennzahl der volkswirtschaftlichen Leistung einer Gesellschaft schon ohne dies Fachdebatte und aus einem anderen Grunde verabschieden: In einer Welt, in der immer mehr gemeinnützige Organisationen, Stiftungen und Vereine weitgehend in Kooperation und unentgeltlich, Leistungen erbringen und Mehrwerte schaffen, die in keiner Statistik als monetäre Zuwächse vermerkt werden, drückt das BIP nicht mehr das aus, was den Wert einer Gesellschaft darstellt. Der Wechsel zu einer kooperierenden Gesellschaft– zu einer Gesellschaft, die nicht mehr monetären Profit als Hauptziel vor Augen hat – ist in vollem Gange. Und die Volkswirtschaftler und ihre Statistiker haben das BIP dieser Veränderung niemals angepasst. Fatal, denn soziale Gemeinschaften sind alles andere als eine kleine, am Markt teilnehmende Gruppe. „Nichtsdestoweniger ist diese soziale Ökonomie eine beeindruckende Kraft“, weiß auch Jeremy Rifkin in seinem neuen Buch („XERO“). Er verweist dabei auf eine Studie des Center for Civil Society Studies der Johns Hopkins University, die sich 40 Länder angesehen hat. Ergebnis: „Die Betriebsaufwendungen der Non-Profit-Commons belaufen sich auf 2,2 Billionen Dollar.“ In acht der untersuchten Länder, nämlich USA, Kanada, Japan, Frankreich, Belgien, Australien, Tschechien und Neuseeland „macht der Non-Profit-Sektor im Durchschnitt 5 Prozent des BIP aus. Sein Anteil übersteigt den Anteil aller Versorgungsunternehmen zusammengenommen, ist gleich dem des Bausektors und fast so groß wie der Anteil von Banken, Versicherungen und Finanzdienstleistern.“ Wir wissen alle schon lange, dass ohne diese sozialen, caritativen und unentgeltlichen Leistungen unsere Gesellschaft nicht funktionieren würde. Was sollen, was wollen wir also weiterhin mit einer Kennzahl anfangen, die diese elementare Basis unserer Gesellschaft einfach ignoriert? Sie ist nicht mehr zeitgemäß.

Kooperation statt Konkurrenz? Schade für das BIP

Das BIP wird weiterhin an Sinn und Wert verlieren, wenn die Entwicklung zur kooperierenden statt konkurrierenden Gesellschaft weiter anhält. Rein volkswirtschaftlich betrachtet ist es heute schon schwer herauszurechnen, was eigentlich im Inland produziert und was im Ausland produziert und dann im Inland weiterverarbeitet wurde. In einem globalen Markt verliert das BIP an vergleichendem Wert, weil der Handel sich immer mehr internationalisiert. Überhaupt misst das BIP nur die Werte, die gehandelt und fakturiert werden. Kooperationsgeschäfte ohne Handel und ohne Fakturierung, erscheinen im BIP nicht. Wenn zwei Familien sich gegenseitig beim Umzug helfen und so gegenseitig ein paar Tausend Euro Umzugskosten sparen, guckt das BIP in die Röhre. Den angemieteten Umzugs-LKW kann es noch verbuchen – das war‘s dann aber schon.

„Kost nix – ist nix!“ – Das gilt so nicht mehr.

Es hat eine Weile gedauert, bis die unentgeltlichen Nachbarschaftsleistungen aus der örtlichen Nähe in das globale Web gewandert sind. Doch es ist nicht mehr umkehrbar: Wir haben riesige Peer-To-Peer-Netzwerke, in denen sich Menschen gegenseitig helfen. Menschen mit gleichen Problemen, Menschen mit gleichen Hobbys und natürlich auch viele Menschen mit wirtschaftlichen Anliegen. Wenn ich eine Rechtsberatung benötige, kenne ich einen Anwalt, von dem ich diese erhalte. Wenn der Anwalt einen Pressetext für seine PR benötigt, kennt er mich. Sein und mein Netzwerk sind so angelegt, Kosten und Steuern zu vermeiden: WIN-WIN statt BIP. Ich stelle Dir nichts in Rechnung und Du stellst mir nichts in Rechnung. Dennoch entsteht ein Mehrwert für die Gesellschaft – aber eben nur für die soziale Gesellschaft: Gehandelt wurde ja nichts.

Qualität entsteht? Ist dem BIP egal …



Die Rollen der Menschen im Wirtschaftsalltag sind heute vielfältig – sie verändern sich teilweise binnen Tagen oder sogar Minuten: Tagsüber bin ich vielleicht jemand, der mit Kunden spricht und ihnen etwas verkauft. Abends bin ich vielleicht selbst ein Konsument, der aber einer Firma kostenfrei Ideen und Produkttipps liefert. Dafür erhalte ich vielleicht vorrangige Informationen oder es macht mir einfach Spaß, an einer Qualitätsverbesserung mitzuarbeiten. „Eigennutz wird gemildert durch kollaborative Interessen, und der traditionelle Traum, es vom armen Schlucker zum Millionär zu bringen, wird ersetzt durch den neuen Traum von einer nachhaltigen Lebensqualität.“ (Rifkin) Wir sind nicht mehr fest in einer Rolle verankert, wir wollen nicht mehr abhängig sein in einer reinen geldorientierten, wachstumsbezogenen Gesellschaft, sondern verlassen den Hafen und gehen auf die Reise im Internet – wann immer wir das wollen. Wir haben verstanden, dass die Lebensqualität sich nicht in Besitztümern und Geld ausdrückt, sondern in der Qualität des jeweiligen Momentes, den es zu nutzen gilt. Nun könnte man meinen: Ok – dann werden wir halt doch so etwas wie ein Glücks-BIP haben, das misst wie glücklich die Menschen sind. Man kann darüber diskutieren, man kann sich aber auch fragen, wozu eine solche Messung gut sein soll. Heute stellen wir dem BIP oft andere statistische Werte gegenüber und prangern damit Missstände an: Anzahl misshandelter Kinder, Anzahl Operationen, Gesundheitsaufwendungen, Unfalltote usw. Das zeigt doch: Was offensichtlich nicht gut läuft, wird durch ständiges Messen auch nicht besser, sondern nur durch Handeln. Soziale Gemeinschaften können Handeln, aber brauchen dazu den Messwert nicht.

Beim BIP wird jedes Jahr ermittelt, welche Beiträge private Konsumenten oder staatliche Investitionen beitragen. Was interessiert denn noch das Zustandekommen einer Kennzahl, wenn die Kennzahl selbst nicht mehr relevant ist. Auch das können wir uns zukünftig sparen. Die Staatsquote oder Investitionsquote kann ja weiterhin separat gemessen werden. Warum aber in einer Gesellschaft, in der immer weniger Menschen Arbeit finden, in der immer mehr Schulden bei privaten wie auch staatlichen Haushalten angehäuft werden und in der ein wachsender Anteil des Einkommens (somit auch des BIP) in die Taschen der Reichen wandert, warum in dieser Zeit sich noch mit dem BIP beschäftigen?

Niedrige Grenzkosten mindern das BIP fortlaufend

Kommt hinzu: Wir werden immer günstiger produzieren, weil es heute oft möglich ist, kleine Mengen in entfernteste Gegenden zu liefern. Es ist für mich als Autor kein Problem, einem deutschen Leser mein Buch als PDF nach Indonesien zu schicken und den Betrag per Kreditkarte zu erhalten. Ich brauche keine Druckerei, keine Setzerei. Layout und das Buch (PDF) mache ich selber – das Lektorat bekommt einen Teil des Autorenhonorars ab. Fertig. Die Marge ist gering – das BIP wird dadurch kaum erfreut. Das ist die Geschäftswelt, in der wir schon leben und dieser Trend wird sich zügig verstärken. „Und je mehr Güter und Dienstleistungen so gut wie umsonst zu haben sind, desto weniger wird auf dem Marktplatz gekauft – auch das mit negativen Folgen für das BIP“ (Jeremy Rifkin). Die ganzen Zwischenhändlermargen (z. B. von Groß- und Einzelhändler, Transporteur, Lagerist …) fallen alle weg.

Statt Handel und Kauf – Tausch und Teilhabe


Es kommt der Trend zur Tausch- und Teilwirtschaft hinzu. Musik wird nicht mehr als Tonträger gekauft und ins Regal gestellt. Immer mehr Menschen hören Musik in der Cloud oder streamen. Bei Videos/Filmen der gleiche Trend. Einen größeren Aufsitz-Rasenmäher teilen sich zukünftig vielleicht mehrere Leute in einer Siedlung, die qualitativ gute Bohrmaschine darf zukünftig teurer sein, gehört aber der ganzen Hausgemeinschaft. Zugang geht vor Besitz, wie der Bestsellautor Jeremy Rifkins übrigens schon zum Ende des letzten Jahrhunderts in „Access“ plausibel erklärte und vorhergesehen hatte. Und ist es nicht zusätzlich widersinnig, eine nachhaltige Wirtschaftspolitik anstreben zu wollen, gleichzeitig aber sowohl umweltschonende wie auch umweltschädliche Methoden gleichermaßen in einer Kennzahl einzurechnen? Das BIP interessiert sich nicht dafür, zu welchem Zweck etwas produziert und gehandelt wird. Ob ein Messer für Köche oder die Militärjunta produziert wird, ist dem BIP egal.

Tschüss BIP!

Es ist wahrscheinlich tief gestapelt, wenn Rifkin meint: „Das BIP als Indikator wirtschaftlicher Leistung wird wahrscheinlich in den kommenden Jahrzehnten mit dem Rückgang der Marktwirtschaft an Bedeutung verlieren.“ Das ist so seine Art uns zu sagen: Verabschiedet Euch schnell, solange es noch lebt … Sagt: „Tschüss BIP!“.

Zum Schluss ein Blick zum Anfang

Kaum jemand erinnert sich, wann und warum überhaupt das BIP seinerzeit in Deutschland eingeführt wurde. Die Wirtschaftswoche schrieb es einst knapp so: „Die Entscheidung zugunsten des BIP als entscheidendem Parameter der Wohlstandsmessung fällt erst in den zwanzig Krisenjahren von 1930 bis 1950 – die wichtigen Stichworte lauten: New Deal, Zweiter Weltkrieg, Marshallplan.“ Die etwas ausführlichere, aber sicherlich deswegen streitbare Fassung: Eigentlich sollte ja Deutschland nach zwei Kriegen nicht mehr auf die Füße kommen. Strafe muss sein. Dann aber stellte sich heraus, dass ein starkes Deutschland als kapitalistischer Block gegenüber den kommunistischen Oststaaten strategisch bedeutsam sein könnte. So führten die Alliierten, vor allem natürlich die USA, das BIP in Deutschland ein, um sich einen Überblick zu verschaffen wie es um die deutsche Wirtschaft steht. Für den Marshallplan waren diese Kennzahlen seinerzeit von großem Wert. Uns zeigt dies heute: Der einst historische Anlass zur Einführung des BIP ist aus heutiger Sicht überholt. Die Skeptiker unter Ihnen werden gerade dies als Steilvorlage nehmen, um dem BIP weitere bedeutsame Jahre zu wünschen – nach dem Motto: Mal sehen wie nahe uns die Ostländer in den nächsten Monaten wieder kommen und ob wir dann nicht wieder einen Überblick à la BIP brauchen. Ganz ehrlich: Wenn sich diese Krise weiter zuspitzt, dürfte die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung unser geringstes Problem sein, oder?

Andreas Müller-Alwart


Autor Andreas Müller-Alwart ist selbständiger Journalist, Coach sowie Requirement Engineering Manager und Mitglied des Reflektion-Teams.

Bild- und Grafikquellen:

  1. Beitragsbild: “Das Mikado der Staatshilfen” – Dr. Klaus-Uwe Gerhardt  / pixelio.de
  2. “BIP preisbereinigt” – Statistisches Bundesamt

Investieren Sie weiter in den Hungertod – nachhaltig!

von Andreas Müller-Alwart

Zynismus ist eigentlich nicht angebracht, doch wie darf man das eigentlich verstehen, wenn eine deutsche Bank immer und immer wieder erklärt, Investments in Rohstoff-Agrar-Fonds seien bei ihr nicht mehr möglich, die sarkastische Wahrheit aber eine andere zu sein scheint. Die Deutsche Bank wollte im Jahr 2012 vorübergehend keine neuen börsengehandelten Finanzprodukte auf Basis von Agrar-Rohstoffen auflegen. Nach Recherche von Foodwatch und der Entwicklungsorganisation Oxfam hat sie sich nicht daran gehalten. Und so können Sie und ich in diese Welt der Ernährungswirtschaft investieren – nachhaltig versteht sich. Das ist der Zynismus von dem ich schrieb, denn die Renditen sind in der Regel gut und wirklich nachhaltig. Die Folgen für die Betroffenen, wenn es mal wieder um die Frage geht, wie lange Nahrungsmittel eingelagert und zurückgehalten werden, um die Preise in die Höhe zu treiben, während andernorts die Leute verhungern, sind bestens bekannt.

Rendite versus Ernährung

Dieser Zusammenhang ist nicht immer direkt vorhanden, aber er ist auch nicht zu leugnen. So stellt sich die Frage, ob die Deutsche Bank es wirklich nötig hat, ihr ohnehin seit Jahren beschädigtes Image durch dieses zweifelhafte Investment nachhaltig zu verschlechtern. Und wissen die Anleger eigentlich, dass sie involviert sind? Vielleicht schütteln Sie angesichts dieser Frage ungläubig den Kopf. Doch es ist manchmal gar nicht so einfach für einen Anleger, der z. B. einen Fondssparplan hat, zu erkennen, dass sein Investmenttopf vielleicht wieder in einen anderen Topf investiert wurde, der dann eben auch Agrar-Rohstoff-Fonds beinhaltet. Die Suche nach überdurchschnittlicher Rendite ist schließlich gerade in Zeiten niedriger Zinsen für den Großanleger ebenso eine Herausforderung wie für den Kleinsparer.

Deutsche Bank täuscht Öffentlichkeit?

Foodwatch und Oxfam sprechen jedenfalls von einer Täuschung der Öffentlichkeit. Mindestens fünf dieser unmoralischen Finanzprodukte auf Basis von Agrar-Rohstoffen seien neu aufgelegt worden, während gleichzeitig das Gegenteil versprochen worden war, erklären die beiden Organisationen. Und es bleibt dabei, dass die Banken weiterhin als Hauptargument für derartige Investitionen die Preisabsicherungsmöglichkeit für Landwirte und Großbäckereien anführen. Im Übrigen sei ja ein direkter Bezug zwischen Nahrungsmittelspekulation und Unterversorgung der Bevölkerung so nicht nachzuweisen. Diese Sichtweise soll dem Anleger vermitteln, es sei alles in Ordnung, man halte die Landwirtschaft sicher und warm und schütze sie vor Ausfällen bei Hagel, Frost und Wind. Die unbestreitbare Tatsache aber, dass Hunger ein Umverteilungsthema ist und Umverteilung etwas mit Handel und Preisbildung zu tun hat, in die Spekulationsgeschäfte nun einmal eingreifen, ignoriert diese Sichtweise eiskalt. Umso glühender und empathischer argumentieren deswegen die Befürworter, die sich für Menschenleben und deswegen gegen diese Nahrungsmittelspekulation einsetzen: Die Preisabsicherungsmöglichkeit der Landwirte ließe sich auch anders gestalten und betreffe im Übrigen nur einen Bruchteil dessen, was an Geldmengen im Agrar-Rohstoff-Handel bewegt werde. Bezeichnenderweise ist ein Vielfaches von investiertem Kapital an den Terminbörsen unterwegs, als es überhaupt abzusichernde Agrar-Rohstoffe gibt. Der impulsivste Verfechter des Ausstiegs aus diesen Spekulationen ist sicherlich Jean Ziegler. Seine Bücher sind Beststeller und seine Sprache ist mit der gleichen Deutlichkeit im medialen Raum unterwegs, mit der sich ein Hungergefühl im Bauchraum eines Unterernährten rumpelnd und polternd bemerkbar macht. Man kann seine Erkenntnis nicht ignorieren:

„Nahrungsmittelspekulation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“,

sagte er immer wieder – z. B. in einem Interview im September 2012 in der Süddeutschen Zeitung. 

Mit dem Hungertod und dem Investment in Agrar-Rohstoff-Fonds ist das so ein wenig wie mit unserem Fleischkonsum. Viele von den Menschen, die live bei einer Ausschächtung im Schlachthof dabei waren, haben danach das Bedürfnis weniger, bewusster oder gar kein Fleisch mehr zu essen. Man muss es erlebt haben, man muss diese Betroffenheit spüren, man muss fühlen, dass man eine Verantwortung dafür trägt, dass ein Tier stirbt. Der in Scheiben aufgeschnittenen, in Plastikfolie eingeschweißten Lyoner ist die Massentierhaltung und der unvermeidliche Tod der Sau nicht mehr anzusehen – die Packung ziert nicht der Schlächter und nicht das ausblutende Vieh, sondern das glückliche Tier auf dem – oft nicht existierenden – Bauernhofidyll der Umverpackung. Dies soll erleichtern, die eigene Verantwortung und Betroffenheit zu übersehen und zu übergehen.

Investiere nur in etwas, das Du wirklich verstehst …



Mit dem Hunger ist es das Gleiche: Wer hat schon jemals von uns direkt einen Bezug zu einem Hungernden gehabt? Wer von uns hat schon jemals selbst gehungert? Wer von uns weiß, dass Hungernde ab einem bestimmten Stadium der Unterernährung nur noch mit Spezialnahrung und auch dann kaum noch zu retten sind? Und wer weiß schon, dass es bis zum bitteren Ende eine Qual ist? Wer würde – wirklich mit dem Hungertod direkt in Berührung stehend – noch ein solches Investment tätigen wollen? Wer würde sich hinter der Scheindebatte verstecken wollen, dass ein direkter Zusammenhang nicht direkt bewiesen ist? Die Mehrzahl der Anleger würde einem solchen Investment ausweichen, und zwar schon dann, wenn es unmoralisch sein könnte – und nicht erst, wenn dies bewiesen ist. Aber auf dem Fondsprospekt sind keine Bilder verdorrter Felder oder hungernder Menschen zu sehen, die auf unsere vollgefüllten Getreidelager starren, die an anderer Stelle dieses Planeten auf einen Preisanstieg und maximale Rendite warten. Nein – ein solches Investment funktioniert nur, weil die PR-Maschinerie es den Leuten als etwas anderes verkauft und ihnen somit ein relativ reines Gewissen einzuschenken versucht. Nur wer nicht hinter die Verpackung schaut, nur wer beide Augen zumacht, wird nichts Unmoralisches finden. 
Witzig: Eine alte Anleger-Binsenweisheit besagt eigentlich, man solle nicht in etwas Investieren, das man nicht wirklich kennt und versteht. Meine Empfehlung: Einfach mal zwei Wochen hungern und dann prüfen, ob das ein Investment ist, das einem liegt. Sie sehen: Der Zynismus bleibt uns bei diesem Thema als roter Faden erhalten.

Es ist schade: Was wäre das für ein toller Bericht, wenn ich hier mal schreiben könnte: „Die Deutsche Bank hat es verstanden!“ Hat sie aber nicht. Sie kann Werbung, sie kann PR und sie kann Investment. Für die Empathie, dafür den Kundenwillen aufzunehmen und die Unmoral zu schmecken, reicht es nicht. Die Deutsche Bank wolle sich ernsthaft ändern? So die Erklärung erst kürzlich vor der Hauptversammlung. Wenn die Änderung so aussieht, dass man weiter macht wie bisher, so ist diese Ankündigung eine Drohung – sie erscheint als Warnung. Sie hat die Glaubhaftigkeit eines zum dritten Mal verurteilten Sexualstraftäters, der vor Gericht beteuert, dass er sich ändern wolle und werde. Die besonders kritischen Finanzproduktstrategien – wie z. B. die Momentumstrategie – sind auch weiterhin im Produktportfolio. Veränderung sieht wirklich anders aus.

Foodwatch hat deswegen auf seiner Website eine Aktion gestartet, mit der sich Jedermann gegen diese Spekulationen wenden kann. Über 60.000 Personen hatten sich bislang eingetragen – es könnten gerne ein paar Millionen werden. Ich freue mich auf den Tag, an dem ich hier schreiben kann, welche Investments eingestellt wurden. Und noch mehr würde ich mich über den Tag freuen, an dem wir kein Umverteilungsproblem bei Nahrungsmitteln mehr haben und keiner mehr Hunger leiden muss.

World Foot Programme

Eigentlich – und nicht eigentlich, sondern mit Sicherheit – müsste ein weiterer Protest gestartet werden, denn es gibt auch zahlreiche politische Komponenten, bei denen einfach vor dem Hunger in der Welt die Augen verschlossen werden, z. B. beim Welternährungsprogramm. „Das WFP hatte 2008 ein Budget von sechs Milliarden Dollar, heute sind es 2,8 Milliarden Dollar – wegen der Bankenrettung. Es gibt keine Opposition gegen Kürzungen beim WFP.“ Das WFP (World Food Programme, Welternährungsprogramm (WEP)) lebt von Zuschüssen und Spenden.

Hungernde weltweit

Die Zahl der Hungernden hat im Vergleich zu 1990 bereits abgenommen.Aber das Milleniumsentwicklungsziel wurde noch nicht erreicht. Momentan leiden 868 Millionen Menschen an Hunger. Das sind im Vergleich zu 1990 136 Millionen Hungernde weniger.

Anzahl der Hungernden weltweit

1990-1992 1 Mrd.

1999-2001 919 Mio.

2004-2006 898 Mio.

2007-2009 867 Mio.

2010-2012 868 Mio.

Gemessen in Prozent an der Weltbevölkerung

1990-1992 18.6 %

1999-2001 15.0 %

2004-2006 13.8 %

2007-2009 12.9 %

2010-2012 12.5 %

«So unterstützte WEP im Jahre 2008 102 Millionen Menschen in 78 Ländern mit Ernährungshilfe. 2012 musste WEP über 90 Millionen Menschen in 75 Ländern mit Ernährungshilfe unterstützen.

Obwohl das extrem hohe Preisniveau mittlerweile gesunken ist, kostet Getreide immer noch deutlich mehr als vor der Nahrungsmittelkrise. Dies trifft Menschen in Armut, die schon vorher zwei Drittel bis drei Viertel ihres Einkommens für Essen ausgeben mussten, sehr hart. Die Welternährungskrise gefährdet somit auch die bisherigen Erfolge im Kampf gegen den Hunger: Noch vor 30 Jahren hungerte mehr als jeder dritte Mensch auf der Erde. Heute ist es noch jeder sechste, und das trotz Welternährungs-, Wirtschafts- und Finanzkrise und einer massiven Zunahme der Weltbevölkerung.»

Wie wäre es denn mal mit einem Investment in eine solche Einrichtung? Und wo bleibt der Protest, wenn Milliarden – ach was: Billionen – zur Bankenrettung investiert werden, aber das WFP immer weniger Geld erhält? Da werden auch noch die gerettet, die nicht einmal auf Nahrungsmittelspekulationen verzichten wollen oder wie ist diese Logik eigentlich zu verstehen?

Mein Tipp für alle Unterstützer des Rohstoffhandels und des ungebremsten Fleischkonsums: «Gehen Sie mal in einen Schlachthof und schauen Sie sich die Tierschlachtung an. Sie bekommen sofort wieder mehr Respekt und werden achtsamer – bezogen auf Ihren Fleischkonsum. Vielleicht ist weniger mehr. Und dann gehen Sie doch einfach mal in die Deutsche Bank und fragen nach diesen Fonds. Der Fondsverkäufer möge Ihnen doch mal erklären, warum dieses Investment solche Renditen erwirtschaftet, wo es doch eigentlich nur eine Schadensabsicherung für Landwirte ist. Und er möge Ihnen erklären, wie man sicherstellen kann, dass diese Spekulationsgeschäfte nichts mit dem Hunger- und Umverteilungsproblem zu tun haben. Dann nehmen Sie den Prospekt mal mit, notieren sich die Fakten aus der Beratung und recherchieren Sie einmal selbst, ob dieses Investment moralisch oder unmoralisch ist. Beim Wurstkauf schauen Sie inzwischen ja auch auf die Verpackung, woher die Wurst kam und welche Inhaltsstoffe darin enthalten sind. Falls nicht: Weiterhin guten Appetit und maximale Rendite!»

Andreas Müller-Alwart


Autor:

Andreas Müller-Alwart ist selbständiger Journalist, Coach sowie Requirement Engineering Manager und Mitglied des Reflektion-Teams.

Weiterführende Literatur/Links
:

  1. Interview mit Jean Ziegler – http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/jean-ziegler-im-gespraech-nahrungsmittelspekulation-ist-ein-verbrechen-gegen-die-menschlichkeit-1.1469878
  2. Aktion von foodwatchhttps://www.foodwatch.org/de/informieren/agrarspekulation/e-mail-aktion-deutsche-bank/
  3. Mehr über die Arbeit von Jean Ziegler (seine Homepage) – http://www.righttofood.org/
  4. Welternährungsprogrammhttp://de.wfp.org/?gclid=CLGBqYX3t8ACFesBwwodq6gALg
  5. Tipp – anschauliche Grafiken zum Thema Hungerfakten!
 – http://cdn.wfp.org/de/hungerfacts/index.html
  6. Weiteres Illustrationsmaterial (über WFP)http://de.wikipedia.org/wiki/Welternährungsprogramm_der_Vereinten_Nationen

 Bild- und Grafikquellen:

  1. Alles über die UN World Food Programme – http://de.wfp.org/artikel/infografik-alles-über-wfp
  2. Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen sowie das Zitat – http://de.wikipedia.org/wiki/Welternährungsprogramm_der_Vereinten_Nationen
  3. Beitragsbild: «Hunger» – http://rationalfaiths.com/language/de/milgram-pt-2/

Veränderung der globalen Kräfteverhältnisse

– ökonomisch, politisch, militärisch

von Conrad Schuhler / Vorsitzender des isw (Institut für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung e.V.)

Wir erleben derzeit mehrere Prozesse weitreichender Umgestaltung in der weltpolitischen Kräfteverteilung. Zum einen entwickelt sich ein neuer „Block“ von Entwicklungs- und Schwellenländern, angeführt von den sog. BRICS-Staaten (B = Brasilien, R = Russland, I = Indien, C = China, S = Südafrika), gegen die alten Metropolen USA, Europa und Japan. Zum anderen streben diese alten Metropolen der G7-Staaten zu neuen Formierungen ihrer wirtschaftlichen Kraft, wie sie sich in TTIP (Transatlantische Handels- und Investitions-Partnerschaft) und TPP (Transpazifische Partnerschaft) ausdrücken.

Dieser Anspruch auf anhaltende und auszubauende Dominanz wird koordiniert und befeuert durch die USA, die wie in den Zeiten der früheren System-Konfrontation den Anspruch auf die führende Rolle in der Weltwirtschaft und Weltpolitik erheben. Präsident Obama in seiner jüngsten außenpolitischen Grundsatzrede in Westpoint: „There is something in the American character that will always triumph… I believe in American exceptionalism with every fiber of my being.” (Da gibt es etwas im amerikanischen Charakter, das immer triumphieren wird … Ich glaube an das Amerikanische Auserwähltsein mit jeder Faser meines Wesens.) Seine Schlussfolgerung: „America must always lead on the world stage.” (Amerika muss auf der Weltbühne stets führen.)

Griff nach der WeltSchauen wir uns zunächst die Entwicklung des globalen Kräfteverhältnisses während der letzten Jahrzehnte an. Nach dem 2. Weltkrieg stand der von den USA dominierte Block des Westens dem „sozialistischen Weltsystem“ gegenüber. Der Westen entschied diese Systemkonkurrenz zu seinen Gunsten, sowohl ökonomisch-politisch als auch ideologisch. Francis Fukuyama schrieb 1992 sein Buch „Ende der Geschichte“, wo konstatiert wurde, dass die Frage Kapitalismus oder Sozialismus ein für alle Mal entschieden sei – zum Kapitalismus gäbe es keine sinnvolle Alternative mehr, daher das „Ende der Geschichte“.

Diesen Sieg trug damals ein Kapitalismus davon, der sich entscheidend vom Nachkriegskapitalismus 1945 bis rund 1975 unterschied. Es handelte sich um den neoliberalen Kapitalismus, der als Devise die Globalisierung ausgerufen hatte. In der „sozialen Marktwirtschaft“ oder dem „Fordismus“, der bis Mitte der Siebziger Jahre die Imperative für die kapitalistischen Regimes geliefert hatte, stand die Ausweitung der inländischen Massennachfrage als Voraussetzung des Wachstums von Produktion und Profiten im Vordergrund. Mit dem Neoliberalismus gab es eine neue zentrale Größe, nach der man sich zu richten hatte: den Weltmarkt. Für ihn, den angeblich unbegrenzten, wurde nun produziert. Man brauchte national die weltweit besten Standards in Sachen Arbeitsleistung, Arbeitslohn, Besteuerung von Gewinnen, Einkommen und Vermögen, um im weltweiten Wettbewerb zu obsiegen.

Würden in einer Gesellschaft diese Kriterien ungenügend beachtet, dann würden die Investoren weiterziehen, in eine andere Nation, die profitablere Bedingungen anbot. Die Entwicklung der Nachrichten- und Transporttechnik machte diese Strategie perfekt möglich. Die globale Wertschöpfungskette wurde die beherrschende Produktionsform in der Weltwirtschaft. Heute sind 80 % des grenzüberschreitenden weltweiten Handels auf Lieferungen der Transnationalen Konzerne im Rahmen ihrer globalen Wertschöpfungsketten zurück zu führen.

Damit aber kam es zu einer Verschiebung der wirtschaftlichen Schwerpunkte in den verschiedenen wirtschaftlichen Regionen der Welt. Die alten Metropolen USA/Europa/Japan, die sog. Triade, die sich eine Weile als Sieger der Geschichte gefühlt hatten, mussten feststellen, dass ihnen im Rahmen der Globalisierung neue Gegenspieler entgegen traten: die große Zahl der Entwicklungsländer und vor allem: die Schwellenländer, nach den Anfangsbuchstaben gerne die BRICS-Länder genannt. Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika.

Globale Neuentwicklung Anteile von G7 und BRICS am Welt- BIP in Prozent Suedafrika Brasilien Russland China Indien TTIP TPP UNDP ISW

Die Grafik zeigt, dass der Anteil der G7-Staaten  – die alten Metropolen – am Welt-BIP von 66,4 % im Jahr 2000 auf 46,4 % im Jahr 2013 zurück gegangen ist, während der Anteil der BRICS-Staaten im selben Zeitraum von 8,6 % auf 21,5 % gestiegen ist. Die USA erlebten einen Rückgang von 30,7 % auf 22,7 %; Japan schrumpfte von 14,7 % auf 6,6 %, Deutschland ging von 6,0 % auf 4,9 % zurück. Der größte Gewinner war China, das seinen Anteil am Welt-BIP in den letzten 13 Jahren fast vervierfachte. Russland konnte ihn verdreifachen.

Nach Kaufkraftparitäten konnten die G7-Staaten 2000 300 % mehr als die BRICS-Länder aufbringen, 2013 waren es nur noch 25 % mehr.

Das UNDP, United Nations Development Program, schätzt diese Entwicklung so ein: „Der Aufstieg des Südens hat sich in beispielloser Geschwindigkeit und in  einem nie gekannten Ausmaß vollzogen. Nie zuvor in der Geschichte haben sich die Lebensbedingungen und Zukunftsaussichten so vieler Menschen so dramatisch und so schnell geändert.“

Und die Entwicklung wird so weiter gehen. China meldet für das laufende Jahr ein Wachstum von 7,5 %, während sich ein solches in den meisten G7-Ländern, wenn es denn überhaupt ein positives geben sollte, zwischen Null und Eins bewegt.

Diese Verschiebung der Proportionen im internationalen wirtschaftlichen Kräfteverhältnis hat bereits zu einschneidenden Veränderungen in der Global Governance, im Gefüge der weltwirtschaftlichen Kooperation, geführt. Angeführt von den BRICS-Ländern haben sich die Entwicklungs- und Schwellenländer in der WTO den Versuchen der alten Metropolen widersetzt, die weitere „Liberalisierung“ von Handel und Investitionen im Weltmaßstab zugunsten der Industrieländer zu akzeptieren. Seit der WTO-Konferenz in Doha 2001 treten alle diese Vorhaben auf der Stelle. Nun haben die BRICS-Länder noch nachgelegt. Mitte Juli 2014 haben sie in Brasilien beschlossen, bis 2016 einen eigenen Fonds für Devisenreserven und eine eigene Entwicklungsbank mit einem Startkapital von 50 Milliarden Dollar zu gründen. Damit bilden sie ein Gegengewicht zu IMF (Der Internationale Währungsfonds IWF; englisch International Monetary Fund, IMF; auch bekannt als Weltwährungsfonds) und Weltbank. In der Zielrichtung geht es um eine eigene, den Dollar konterkarierende inter-nationale Währung und um die Mobilisierung von Mitteln für eigene Entwicklungsvorhaben der BRICS-Länder. Der Kampf in der Weltwirtschaftspolitik wird intensiver und auch konfliktreicher.

Ein Hauptgrund für die wachsende Konflikt- und Kriegsgefahr kommt der Handelspolitik der alten Metropolen zu, die mit rabiatem Handelsimperialismus zu beschreiben ist. Im Mittelpunkt steht heute der Versuch, mit den Handels- und Investitionsabkommen TTIP transatlantisch und mit TPP transpazifisch sich zu rüsten für die globale Wirtschaftsschlacht. Wobei die Schlacht durchaus ins Militärische übergreifen könnte, wie sich schon an Hillary Clintons Wortprägung von TTIP als „ökonomischer Nato“ ablesen lässt.

TTIP und TPP sind der Versuch, die immer noch dominante, wenn auch bröckelnde Stellung der alten Metropolen zu festigen und auszubauen. Das Machtpotential ist in der Tat gewaltig.

TTIP Weltniveau Weltanteile BIP UNCTAD BRICS Brasilien Indien China Russland Suedafrika Weltbank Kaufkraft Investitionen Exporte Importe IWF

Zusammengeführt werden 18 % der Weltbevölkerung, die 61 % des Welt-BIPs produzieren, 65 % aller Investitionen tätigen und 47 % aller Exporte. Das Scharnier und das politische Zentrum des neuen Welt-Blocks bilden die USA, die im Pazifik und Atlantik die weitaus größte nationale Macht sind. Es ist das erklärte Ziel, mit Hilfe der in diesem globalen Wirtschaftsblock gesetzten Standards die Dominanz über das gesamte globale Wirtschaftsgeschehen zu gewinnen.

Nun ergeben sich hier einige Fragen zu der Annahme, wir hätten es mit einer „neuen Block-Konfrontation“ zu tun, nicht mehr West gegen Ost, sondern alte Metropolen versus BRICS.

1. Wenn wir es mit  globalen Wertschöpfungsketten als dem dominanten Typus der Transnationalen Konzerne zu tun haben,  was sagen dann diese Konzerne zu dem Hochziehen von Block-Grenzen? Lassen sie das zu, fördern sie es sogar?

2. Die Export-Import-Strukturen, die globalen Finanzmärkte und die globalen Input-Output-Rechnungen belegen eine enge Verwobenheit der nationalen Volkswirtschaften. Wie verträgt sich dies mit einer neuen Block-Bildung?

Zu 1) der Rolle der TNK (Transnationale Konzerne).  Ohne Frage wäre es den TNK lieber, sie hätten eine globale Investitions- und Handelspolitik nach ihren Bedürfnissen. Dies aber ist angesichts der Mehrheitsverhältnisse in der WTO derzeit nicht durchsetzbar. In der WTO gilt, im Gegensatz zu IMF und Weltbank, wo die Einlagen ein Übergewicht der alten Metropolen festlegen, das Mehrheitsprinzip – ein Land, eine Stimme. Die Entwicklungs- und BRICS-Länder haben sich längst in eine Veto-Position gebracht.

Deshalb beschreiten die USA und ihre Partner im Atlantik- und Pazifik-Raum diesen Umweg über TTIP und TPP. Sie tun dies nicht nur mit Zustimmung der TNK, sondern im wesentlichen unter deren Diktat. Während die Öffentlichkeit inkl. der Parlamente von den Geheimverhandlungen über die neuen Verträge ausgeschlossen bleiben, gehören die Vertreter der TNK sowohl bei TTIP wie bei TPP zu den Machern – sie sind im Vorfeld und bei den Verhandlungen selbst zugegen. Sie sollen durch die Verträge zu Subjekten des Völkerrechts werden, können Staaten, die sich auf profitmindernde Gesetze und Verordnungen einigen, vor privaten Sonder-Schiedshöfen auf Schadenersatz verklagen.

Zwar ist die globale Verwobenheit der Volkswirtschaften und die Internationalisierung der TNK in der Tat sehr hoch, doch ist die ökonomische Verflechtung und kapitalmäßige Durchdringung zwischen den USA und der EU besonders eng. Nach Javier Solanas, dem ehemaligen „Außenminister“ der EU, sind die amerikanischen Investitionen in Europa dreimal höher als die in Asien. Die europäischen Investitionen in den USA betragen das Achtfache derjenigen in China und Indien zusammen.

TTIP Transatlantisches Freihandelsabkommen

Nimmt man dazu den politischen Zugriff der TNK auf die politischen Apparate, dann wird klar, warum die TNK diesen Weg über TTIP und TPP nehmen, um ihr Diktat möglichst global durchzusetzen. Denn während die USA nicht zu denken sind ohne Wall Street und die TNK, und EU-Europa an der kurzen Leine von TNK und Groß- und Investmentbanken gehalten wird, sind die politischen Regime in den BRICS-Staaten weiter weg von der Kommandogewalt der TNK. Vor allem die beiden größten, China und Russland, entwickeln sich als „sozialistische Marktwirtschaft“ oder als staatlich gelenkte Oligarchie, zum Teil außerhalb des direkten Einflussbereiches der TNK.

Konkurrierende politische Systeme sind für die TNK in der Global Governance nichts Neues. Sie sind im Gegenteil Bestandteil eines globalen Systems, in dem man die politischen Einheiten gegeneinander antreten lässt in der Konkurrenz um globale Investoren. Die Frage allerdings ist, wie weit die TNK zulassen können oder wollen, dass sich in Zonen der Weltwirtschaft Herrschaftssysteme durchsetzen, die sich den Imperativen des globalen Kapitalismus widersetzen.. Dass dies nicht geschieht, ist ein wichtiges Motiv hinter der Herstellung eines dominanten weltwirtschaftlichen Blocks vom Atlantik bis zum Pazifik.

Zu 2) Was die Weltwirtschaft anlangt, wusste schon Tucholsky, so ist sie verflochten.

Europas wichtigste Handelspartner USA Schweiz China Russland Importe Exporte BRICS Weltbank BIP Weltwirtschaft Staatspapiere IWFEuropa exportiert Waren im Wert von 288 Milliarden Euro nach den USA, aber allein für 148 Milliarden nach China und für 120 Milliarden nach Russland. China und Russland sind als Exportmärkte für Europa also in derselben Dimension wie die USA. Bei den Importen wird dies noch klarer. Europa importiert aus den USA Waren im Wert von 196 Milliarden Euro, aus China hingegen im Wert von 280 Milliarden und aus Russland im Wert von 207 Milliarden Euro. Die Importe aus China und Russland sind also um das 2 ½ fache höher als die aus den USA.

Dazu gehört als nächstes die Tatsache, dass der größte Gläubiger der hochverschuldeten USA China ist, das über 2 Billionen Dollar an Staatspapieren der USA hält. Würde China seine US-Papiere auf den Markt werfen, wären die USA von einem auf den andern Tag pleite. Allerdings wären die Chinesen auch um viele hunderte Milliarden Dollar ärmer. Was uns zu der Schlussfolgerung führt: Die Nationen der Weltwirtschaft, insbesondere die stärksten unter ihnen – die alten Metropolen wie die BRICS-Länder – sind in einem so hohen Maß miteinander verflochten, dass ein Großkonflikt, insbesondere ein militärischer, eher unwahrscheinlich ist. Das heißt aber nicht, dass in dem Gefüge von „Konflikt und Kooperation“ nicht scharfe, auch bewaffnete Konflikte um den Vormarsch der einzelnen Blöcke möglich sind.

Die Auseinandersetzungen in der Ukraine beweisen, dass der frühere „Westen“, die Nato-Staaten, das Roll-Back des Gegners Russland zur Richtschnur ihrer Strategie in der eurasischen Region gemacht haben, im Zweifel auch mit militärischen Mitteln und unter Zuhilfenahme faschistischer Partner in den umkämpften Regionen. In den 24 Jahren seit der Wende 1990 sind zehn ehemalige Warschauer-Pakt-Staaten zu NATO-Mitgliedern gemacht worden, dazu noch Slowenien und Kroatien. Im Fall der Ukraine hat sich Russland erstmals ernsthaft gegen eine weitere Ost-Ausdehnung von EU und NATO zur Wehr gesetzt. Der ehemalige Außenminister Joschka Fischer: „Die Europäer stehen jetzt mit schreckgeweiteten Augen vor der Tatsache, dass es sich bei der EU eben nicht nur um eine bloße Wirtschaftsgemeinschaft handelt, sondern um einen machtpolitischen Akteur, eine politische Einheit mit gemeinsamen Werten und Sicherheitsinteressen. Die strategischen und normativen Interessen Europas haben sich mit Macht zurückgemeldet.“ Fischers abschließende Empfehlung: „Europa, bleibe hart!“

Die NATO, Europa und die USA, sind entschlossen, die Auseinandersetzung auf dem „Eurasischen Schachbrett“, wie der frühere US-Sicherheitsberater Zbigniew Brzeziński das Gebiet nannte, mit aller Härte zu führen und der frühere deutsche Außenminister Fischer lässt wissen, dass eine Wirtschaftsgemeinschaft immer auch ein machtpolitischer Akteur ist, der seine „strategischen und normativen Interessen“ durchzusetzen habe.


Die Militärpolitische Lage

In seinem letzten Jahrbuch hat das SIPRI für 2013 folgende Haupt-Tatsachen vermeldet: Die globalen Militärausgaben sind längst wieder auf und sogar über dem Niveau zur Zeit der Systemauseinandersetzung zwischen Ost und West.

Weltweite Militärausgaben 1988 – 2013

Weltweite Militaerausgaben USA Ruestungsexporte Waffenhandel Ruestungsausgaben Russland Warschauer Pakt NATO Zbigniew Brzezinski

Meldungen über Rückgänge sind de facto irreführend. Seit 2009 verharren die globalen Militärausgaben auf dem Rekordniveau um 1,8 Billionen Dollar.

Die 15 Länder mit den höchsten Militärausgaben 2013

Weltweite Militaerausgaben 15 USA Ruestungsexporte Waffenhandel Ruestungsausgaben Russland Warschauer Pakt NATO Zbigniew Brzezinski

Wie die Tabelle zeigt, entfallen fast vier Fünftel der globalen Ausgaben auf 15 Länder. Mit weitem Abstand stehen die USA an der Spitze – auf sie kommen allein 37 % der Welt-Militärausgaben. Das viermal an Einwohnern größere China, das an zweiter Stelle steht, weist nicht einmal ein Drittel der Stärke der USA auf.

Alle Einschätzungen von Veränderungen müssen im Rahmen dieser drückenden Überlegenheit der USA gewichtet werden. Der Westen außerhalb der USA hat seit 2004 an militärischer Stärke verloren. Während die USA um 12 % zugelegt haben, sind die Ausgaben in Frankreich, in Großbritannien und in Italien zurückgegangen. Nur in Deutschland sind sie gestiegen, um 3,8 %. Dies war auch im letzten Jahr der Fall. Deutschland ist hier vom neunten auf den siebten Platz in der Rangliste der Staaten mit den höchsten Militärausgaben vorgerückt. Begleitet wird diese Aufrüstung durch eine intensive Propaganda tragender politischer Parteien und Figuren, dass Deutschland international militärisch mehr tun müsse und seine angeblich bisher praktizierte zurückhaltende Rolle aufgeben müsse. Der Außenminister erklärte, Deutschland müsse bereit sein, sich außen- und sicherheitspolitisch früher, entschiedener und substanzieller einzubringen, dürfe sich nicht in Empörungsrhetorik erschöpfen und wolle und werde Impulsgeber sein für eine gemeinsame europäische Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Entsprechendes äußerten Bundespräsident Gauck und Verteidigungsministerin von der Leyen und steht auch im Koalitionsvertrag der Großen Koalition.

Deutschland ist also militärisch ein Anheizer der sich gefährlich zuspitzenden internationalen Konflikte, so wie es als Exportüberschussweltmeister der größte Störenfried im internationalen Wirtschaftsgefüge ist.

Dass die deutschen Halali-Fanfaren jetzt zum Angriff blasen, geschieht mitten in einem militär-politischen Umbruch, der dem veränderten wirtschaftspolitischen Gefüge folgt. Die BRICS-Länder erhöhen ihre Militäretats weitaus schneller als der alte Westen. In den letzten 10 Jahren hat China seinen Militäretat um 170 % erhöht, Russland um 108 %, Brasilien um 48 %, Indien um 45 % – ein Vielfaches der Wachstumsraten der West-Militärhaushalte. Das Wachstum der Militärausgaben entspricht in der Regel dem wirtschaftlichen Wachstum der BRICS-Staaten. So ist der Anteil der Militärausgaben am BIP in der Regel gleich geblieben.

BRICS 2014 Dilma Rousseff Brasilien Manmohan Singh Indien Vladimir Putin Russland Xi Jinping China Jacob Zuma Suedafrika Fortaleza Entwicklungsbank Schwellenlaender

Sind die Anteile am BIP gleich geblieben, so ist das Volumen an Waffen- und Truppenstärke enorm gewachsen. Die militärische Offensivstrategie, wie sie in der Nato v.a. von den USA und Deutschland forciert wird, trifft mithin auf einen stärkeren Gegner im Weltmaßstab, der sich mit seinem wirtschaftlichen Wachstum auch weiter militärisch stärken wird.

Diese hochgefährliche Konfrontation wird noch schärfer, wenn man die Atomwaffen in die Rechnung mit einbezieht. Von den 16.300 Atomwaffen, die Anfang 2014 von SIPRI gezählt wurden, entfällt mehr als die Hälfte auf die BRICS-Länder Russland (allein 8000), China und Indien. Dieses „Gleichgewicht des Schreckens“ ist aber keine Garantie, dass ein zugespitzter Kampf der Wirtschaftsblöcke stehen bleibt bei regionalen Konflikten, die durch Eingreiftruppen, Drohnen u.ä. gewonnen werden könnten.

In Lateinamerika haben sich seit 2004 die Militärausgaben um 58 %, in Zentralamerika und der Karibik um 94 % erhöht; in Afrika um 81 %;  in Asien und Ozeanien um 62 %; im Mittleren Osten um 56 %.  Die Welt rechnet mit militärischen Überfällen aus den alten Metropolen und auch mit der notwendigen militärischen Sicherung gegen etwaige demokratische Erhebungen. So hat Saudi Arabien seinen Militäretat in den letzten 10 Jahren um 118% erhöht, auf jetzt 9,3 % des BIP, dem weltweit höchsten Anteil am Bruttoinlandsprodukt.

Der Hauptpunkt in der Wertung der Gefahren im Rahmen der weltpolitischen Machtumverteilung ist der: Die Entschlossenheit des „Westens“, die Umverteilung zugunsten der Schwellen- und Entwicklungsländer mit militärischer und wirtschaftlicher Nato und entsprechenden Einrichtungen im pazifischen Raum aufzuhalten und zurückzudrehen, ist eine Gefahr für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung und für den Weltfrieden. Die Alternative muss eine Weltordnung sein, die sein muss: demokratisch, sozial, nachhaltig und friedlich. Also das Gegenteil von NATO und TTIP.

Conrad Schuhler


Mehr Informationen und Fragen zur isw:

isw – Institut für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung e.V.

Johann-von-Werth-Straße 3
80639 München

Fon 089 – 13 00 41
Fax 089 – 16 89 415

isw_muenchen@t-online.de

www.isw-muenchen.de  /  https://www.facebook.com/iswmuenchen


Infos über Institut für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung e.V. :

Im Juni 1990 haben kritische Wirtschafts- und SozialwissenschaftlerInnen zusammen mit GewerkschafterInnen in München das isw – Institut für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung e.V. gegründet. Seitdem haben wir fast zweihundert Studien und Berichte veröffentlicht.

Das isw versteht sich als Wirtschaftsforschungs-Institut, das alternativ zum neoliberalen Mainstream Analysen, Argumente und Fakten für die wissenschaftliche und soziale Auseinandersetzung anbietet. Unsere Themen und Forschungen beziehen sich deshalb in besonderem Maß auf die “Bedürfnisse” von Gewerkschaften und von sozialen, ökologischen und Friedensbewegungen. Unser Anspruch ist, Wissenschaft in verständlicher Form darzustellen und anschaulich aufzubereiten. Deshalb sind isw-Ausarbeitungen auch besonders geeignet für Unterricht und Schulungsarbeit und als Grundlage für Referate und Diskussionen. Die Mehrheit unserer LeserInnen, AbonnentInnen und Förder-Mitglieder sind Menschen, die sich in Bewegungen und Gewerkschaften engagieren.

  • Im Zentrum unserer wissenschaftlichen Analysen und Forschungsarbeit stehen Fragen und Probleme der Globalisierung, der Bewegung des transnationalen Kapitals, der Rolle und Wirkungen der Multis und transnationalen Institutionen (IWF, WTO, OECD, G7, etc).
  • Einen weiteren Arbeitsschwerpunkt bilden Verteilungsfragen: Einkommens- und Vermögensverteilung, Interdependenz von privatem/gesellschaftlichem Reichtum und Armut.
  • Im Rahmen der Friedensforschung befassen wir uns mit Aspekten der Rüstungsökonomie (z.B. Konzentration in der Rüstungsindustrie), der Militärstrategie und Auswirkungen von Rüstung und Krieg.
  • Im ökologischen Bereich konzentrieren wir uns auf Fragen der Energiewirtschaft und -konzerne.
  • Schließlich beschäftigen wir uns kontinuierlich mit Untersuchungen zur Entwicklung der Sozialsysteme, der Konjunktur- und zyklischen Entwicklung der Weltwirtschaft.

Auf Veranstaltungen und jährlich stattfindenden isw-Foren werden Erfahrungen ausgetauscht, Gegenstrategien diskutiert und Alternativen erarbeitet. Wir freuen uns über Vorschläge und Anregungen, aber auch über solidarische Kritik.

Ein alternatives Projekt wie das isw ist auf aktive Mitarbeit und auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Die materielle Grundlage unserer Arbeit schaffen unsere Leserinnen und Leser. Weder Parteien noch Verbände noch Stiftungen alimentieren uns. Unsere Publikationen finanzieren wir, neben der Selbstausbeutung der Autorinnen und Autoren und der zahlreichen Aktiven im Institut, aus den Beiträgen der rund 1.500 FörderInnen und AbonnentInnen. Wir schaffen derzeit eine plus/minus Null-Bilanz. Eine neue Steuerregelung kostet uns allerdings viel Substanz. Jeder Euro, jedes zusätzliche Fördermitglied, jedes zusätzliche Abonnement ist von Bedeutung. Spenden sind in voller Höhe steuerlich absetzbar. weiter


Bild- u. Grafikquellen:

  1. Globale Weltwirtschaft – der Weltmarkt ist ein riesiger Warenkorb. Foto: Thorben Wengert. Quelle: Pixelio.de
  2. Griff nach der Welt – die globalen weltpolitischen Kräfteverhältnisse verschieben sich gewaltig.  Foto: Thorben Wengert. Quelle: Pixelio.de
  3. Grafik “Globale Neugewichtung”. Quelle: IWF, Weltbank
  4. Grafik “TTIP-Anteile am Weltniveau”. Informationsquellen: UNCTAD, Weltbank, IWF; eigene Recherchen. Erstellung: isw e.V., München
  5. Grafik “STOP TTIP”. Grafik: Umweltinstitut München e.V. – Webseite
  6. Grafik “Europas wichtigste Handelspartner”. Informationsquelle: Eurostat. Erstellung: isw e.V., München
  7. Grafik “Weltweite Militärausgaben”. Quelle: SIPRI FACT SHEET April 2014
  8. Grafik “Die 15 Länder mit den höchsten Militärausgaben 2013”. Schätzung von SIPRI. Quelle: SIPRI FACT SHEET April 2014
  9. Die 5 BRICS-Staatenlenker in Fortaleza, Brasilien, wo das 6. Gipfeltreffen mit Gründung der Entwicklungsbank vom 15. bis 16. Juli 2014 stattfand. Wladimir Putin (Russland), Narendra Modi (seit 26. Mai 2014 neuer indischer Premierminister), Dilma Rousseff (Brasilien), Xi Jinping (China) und Jacob Zuma (Südafrika).  Foto: Presidential Press and Information Office / www.kremlin.ru. Quelle: Wikimedia Commons. Diese Datei stammt von der Webseite des russischen Präsidenten und ist lizenziert unter der Creative Commons Attribution 3.0 Unported-Lizenz.

Dieser Beitrag wurde uns zur Verfügung gestellt von Kritisches Netzwerk

Das Ende der Politik

Die Hassliebe des Bildungsbürgers gegenüber der Politik

von Erich Ribolits

Bürger, MenschenketteDie Haltung des Bildungsbürgers – also des prototypischen etablierten Vertreters der Industriegesellschaft – gegenüber Politik ist von einer eigentümlichen Ambivalenz gekennzeichnet. Politik erscheint ihm als „notwendiges Übel“ – er glaubt zwar emphatisch an Politik als Prinzip, verachtet sie jedoch zugleich in ihrer realen Erscheinungsform. Ähnlich erscheint ihm die parlamentarische Demokratie zwar als die optimale Form der Regelung gesellschaftlichen Zusammenlebens, zugleich ist er allerdings der Meinung, dass Demokratie nicht wirklich funktionieren kann, da die Menschen (noch) nicht gelernt haben, sich konsequent ihrer Vernunft zu bedienen. Politik und Demokratie sind für den Bildungsbürger nur gemeinsam vorstellbar, er erwartet sich von diesem Doppelgespann zwar die Verbesserung des menschlichen Zusammenlebens, allerdings nur über den Zwischenschritt der „Veredelung“ der Menschen durch die Hervorbringung ihrer Vernunft. Nur qua Wissen und rationaler Auseinandersetzung erscheinen ihm die hochgehaltenen Ziele einer wahrlich humanen Gesellschaft erreichbar. Dementsprechend prioritär erscheint dem Bildungsbürger die Förderung von Bildung im Sinne des Hervorbringens der Selbststeuerungspotenziale des Menschen. Politik bedeutet für ihn dagegen bloß Kampf egoistischer Interessen und das Streben nach Macht. Das heißt allerdings nicht, dass er sich ihrer nicht dennoch bedient – von sich selbst ist der typische Bildungsbürger in der Regel ja durchaus überzeugt, über entsprechende Klarheit der Vernunft zu verfügen und politisch „abgeklärt“ zu agieren.

Was den Bildungsbürger richtig schmerzt, ist ein „Einmengen“ der Politik ins Bildungsgeschehen. Indem er Bildung als das Hervorbringen der vorgeblich objektiven Vernunft idealisiert, ist ihm jeder Einfluss der Politik – von der er ja der Meinung ist, dass bei ihr die Vernunft nur eine untergeordnete Rolle spielt – auf den Bildungsbereich zutiefst zuwider. Aktuell „erzwingt“ die immer deutlicher zutage tretende Verwertungskrise, die mit Einschränkungen des finanziellen Spielraums von Staaten und dem Druck verbunden ist, das Bildungswesen verstärkt (nur noch) unter den Aspekt der Produktion von Humankapital in den Fokus zu nehmen, allerdings eine politisch gesteuerte Neuordnung des Bildungsgeschehens. Der Bildungsbereich wird dabei – dem Auslöser entsprechend – logischerweise vor allem unter ökonomischen Gesichtspunkten fokussiert: Die Bildungsausgaben sollen sich rentieren, für den Einzelnen in Form von (erhöhten) Arbeitsplatzchancen und „für die Wirtschaft“ in Form eines bedarfsgerecht zugerichteten Arbeitskräftepools und entsprechend optimierter Verwertungsbedingungen. Dieses Zur-Kenntlichkeit-Kommen des bisher ideologisch vielfach verbrämten letztendlichen Zwecks von Schule, Universität und Erwachsenenbildung ruft im Sinne der obigen Argumentation bildungsbürgerliche Irritationen und Widerstand auf den Plan. Mit allen (demokratisch verfügbaren) Mitteln wird deshalb an die Politik appelliert: Bildung darf nicht der Ökonomie geopfert werden. Im Bildungsbereich soll nämlich partout nicht gelten, was die Gesellschaft ansonsten grundsätzlich bestimmt und den Bildungsbürger in der Regel auch gar nicht stört: Dass eben „alles seinen Preis hat“, „was nichts kostet, auch nichts wert ist“, sich „Ausgaben rentieren müssen“ und „man nur so viel ausgeben kann, als man eingenommen hat“.

Generell gilt: Die Kritik, dass ökonomische Prinzipien auf Bereiche angewendet werden, die „früher“ als gemeinwohlorientiert gegolten haben – neben dem Bildungswesen gilt das zum Beispiel auch für das Gesundheits- und Sozialwesen –, geht in der Regel mit dem Vorwurf an die Politik einher, dass sie sich heute allzu bereitwillig der Ökonomie unterwirft und nur unzureichende Bemühungen setzt, diese in die ihr zukommenden Grenzen zu verweisen. Eine solche Argumentation impliziert die Vorstellung, dass Politik und Ökonomie zwei voneinander klar abgegrenzte und gewissermaßen um die Vormachtstellung kämpfende autonome Sphären repräsentieren sowie dass der Staat souveräne Einwirkungsmöglichkeiten auf das (kapitalistische) Wirtschaftsgeschehen hätte. Argumentiert wird, dass es in der Gesellschaft durchaus marktgesteuerte Bereiche geben soll, aber eben auch andere, in denen es gilt, den Markt außen vor zu halten. Als Konsequenz dieses Postulats wird häufig ein „Primat der Politik“ gefordert – Politik soll Rahmenbedingungen vorgeben, die es der Wirtschaft verunmöglichen, politisch definierte Interessen zu unterlaufen; vor allem soll Politik sich nicht von ihren Gemeinwohlaufgaben zurückziehen und die entsprechenden gesellschaftlichen Aufgabenfelder nicht ökonomischen Mechanismen überantworten. Eine etwas modifizierte Fassung der Vorstellung der kontradiktorisch gegenüberstehenden Sphären Politik und Ökonomie äußert sich im nostalgische Bedauern darüber, dass jene Zeiten vorbei wären, in denen Ökonomie und Politik einander noch „auf derselben Augenhöhe“, nämlich im selben nationalen Kontext begegnet seien, weil zwischenzeitlich zwar die Ökonomie die vordem gegebenen nationalen Begrenzungen weitgehend überwunden hat, die Politik dagegen weiterhin im nationalen Korsett festgehalten sei. Je nach weltanschaulicher Ausrichtung wird als Konsequenz dann entweder der Ausbau transnationaler politischer Ansätze (Stichwort: Bundesstaat Europa) oder eine Renationalisierung der Ökonomie (Stichwort: Raus aus der EU) gefordert.

Warenform – die abstrakte Allgemeinheit moderner Gesellschaften

Der vorgebliche kontradiktorische Gegensatz der verschiedenen, sich als Gegenspieler präsentierenden Polaritäten der Warengesellschaft – Citoyen–Bourgeois, Privatheit–Öffentlichkeit, Arbeit–Freizeit, … und eben auch Politik–Ökonomie – hält einer kritischen Überprüfung nicht stand. Wie bei allen anderen Gegensatzpaaren gilt auch für Politik und Ökonomie, dass sie nur scheinbar „unterschiedlichen Welten“ angehören, tatsächlich allerdings nur Ausformungen derselben „abstrakten Allgemeinheit“ sind, die in modernen Gesellschaften durch die Warenform bestimmt ist und die durch die Inszenierung der verschiedenen einander angeblich unversöhnlich gegenüberstehender Kontrahenten bloß kaschiert wird. Die für die vermeintlichen Gegenspieler gleichermaßen gegebene Unterordnung unter das durch Ware und Geld artikulierte „Glaubenssystem Kapitalismus“ ist allerdings erst durchschaubar, wenn von der Vorstellung Abschied genommen wird, dass Politik und Ökonomie überhistorische Größen darstellen würden und es die Phänomene, die wir heute mit diesen Begriffen ansprechen, grundsätzlich immer schon gegeben hätte. Tatsächlich sind Politik und Ökonomie als solche, genauso wie ihre Wahrnehmung als Gegensätzlichkeiten jedoch bestimmende Elemente der kapitalistischen Moderne und haben mit dem, was bei der Interpretation vormoderner Gesellschaften häufig mit denselben Begriffen apostrophiert wird, herzlich wenig zu tun.

Wie der deutsche gesellschaftskritische Publizist Robert Kurz formuliert, hatten „die vormodernen Gesellschaften […] zwar einen ‚Stoffwechselprozess mit der Natur‘, aber keine ‚Ökonomie‘; und sie hatten zwar innere wie äußere Konflikte, aber keine ‚Politik‘. Selbst in der eigenen westlichen Tradition und Geschichte, aus der diese Begriffe stammen, bedeuteten sie ursprünglich etwas grundsätzlich anderes als heute […]. Es gab keine gesellschaftlich ausdifferenzierte ‚ökonomische Sphäre‘, schon gar nicht als dominierende, und demzufolge auch keine ‚ökonomischen‘ Kriterien: diese analytisch herauszudifferenzieren und als bestimmend anzunehmen, ist eine Leistung des modernen Bewusstseins ex post und verstellt schon den Blick auf das Wesen der untersuchten geschichtlichen Formationen. Logischerweise gab es auch keine ausdifferenzierte ‚politische‘ Sphäre, schon gar nicht als eine zur ‚Ökonomie‘ komplementäre, und also auch keine eigenen ‚politischen‘ Kriterien. Die gemeinschaftlichen Angelegenheiten folgten ganz anderen Motiven. […] Die ‚abstrakte Allgemeinheit‘ der vormodernen Gesellschaften, d.h. der agrarischen Hochkulturen, war wesentlich durch ein Fetischsystem bestimmt, dessen Reste heute als ‚Religion‘ bezeichnet werden. Aber im modernen Sinn meint dieser Begriff bereits eine ausdifferenzierte Sphäre (marginal komplementär zu den Sphären von ‚Ökonomie‘ und ‚Politik‘), während das religiöse Moment in den vormodernen Gesellschaften die Reproduktion des Lebens selbst erfasste. Auch wenn es sich für ein modernes Bewusstsein als reine Paradoxie anhört, müsste man sagen, dass die Religion ‚Ökonomie‘ und ‚Politik‘ in sich einschloss, also keine ‚Religion‘ im modernen (ausdifferenzierten) Sinne sein konnte. Die Religion war kein ‚ideologischer Überbau‘, sondern basale Vermittlungs- und Reproduktionsform, in der Naturbeziehung ebenso wie in der gesellschaftlichen Verkehrsform.“ (Kurz 1994: 1)

Kapitalismus_Konsum_Wachstumswahn_Ausbeutung_Natur_Umweltzerstoerung_Resourcenverschwendung_Klimawandel_Wirtschaftssystem_Systemfrage_ImperialimusAls Pendant der vormodernen gesellschaftlichen abstrakten Allgemeinheit „Religion“ hat sich in der Moderne die „Warenform“ etabliert. Das heißt, dass in modernen Gesellschaften Güter und Dienstleistungen nahezu ausschließlich nur als „Waren“, das heißt nur im Tausch – in der Regel gegen Geld –, zugänglich sind. Der Begriff „Ware“ weist darauf hin, dass es dabei um Dinge geht, die zwar Eigenschaften besitzen, die von Menschen als „nützlich“ geschätzt werden – die also einen „Gebrauchswert“ verkörpern – und dementsprechend begehrt sind, die aber nicht aus diesem Grund in die Welt gesetzt werden, sondern wegen ihres (Tausch-)Werts, der sich durch den am Markt realisierten Preis ausdrückt. Der Gebrauchswert von Waren stellt gewissermaßen nur das Mittel zum tatsächlichen Zweck ihrer Verwirklichung, dem Realisieren von Wert, dar – der letztendliche Zweck aller Produktion, Distribution und des Bereitstellens von Dienstleistungen ist das „Verwandeln von Geld in mehr Geld“. Moderne Gesellschaften sind dadurch charakterisiert, dass das Prinzip der Verwertung, also das Generieren von Wert qua Tausch, nahezu uneingeschränkt herrscht, somit tendenziell alle Dinge und Dienstleistungen nur mehr in „Warenform“ in Erscheinung treten. Die sich in ihrer sinnlich vermittelten Nützlichkeit ausdrückende „Naturbeziehung“ des Menschen zu Dingen und Dienstleistungen tritt weitgehend in den Hintergrund, die Bedeutung derselben leitet sich (nur noch) aus ihrer „gesellschaftlichen Verkehrsform“ – dem Wert – ab.

Während in vormodernen Gesellschaften Ware und Geld ein untergeordnetes Phänomen innerhalb der religiös bestimmten gesellschaftlichen Verfasstheit dargestellt hatten, haben sich die Verhältnisse in der Moderne umgekehrt. Nun definiert die Orientierung an Ware und Geld das gesellschaftlich Allgemeine – und Religion stellt innerhalb der Gesellschaft nun bloß noch ein marginales Moment dar. Mit anderen Worten: Die in der Vormoderne herrschende Unterordnung der Menschen unter die Macht der religiös konstituierten „Wahrheiten“ und ihrer irdischen „Vertreter“ wurde abgelöst durch die Unterordnung unter die Macht der der Warenform entsprechenden „Wahrheiten“. Von der neuen gesellschaftlichen Orientierungsperspektive unbeeinflusst, blieb das menschliche Dasein dabei allerdings selbstverständlich seiner (ersten) Natur verhaftet. Der Mensch blieb weiterhin auf den sinnlichen Austauschprozess mit der Natur angewiesen – er braucht ungebrochen ihm dienliche materielle Dinge, wie Nahrung, Bekleidung oder Behausung …, und er bedarf weiterhin der „Unterstützung“ durch andere Menschen. Die gewandelte abstrakte Allgemeinheit zwingt ihm nun allerdings eine gesellschaftliche (zweite) Natur im Sinne der Warenform auf. Außer in kleinen (und immer kleiner werdenden) Bereichen, in denen (Nächsten-)Liebe und Freundschaft die zwischenmenschliche Beziehung bestimmen, ist dem Menschen alles, was er zur Befriedigung seiner selbst als „naturverhaftetes Wesen“ braucht, nur mehr als Ware, im Tausch gegen Geld, zugänglich – allen Dingen und Dienstleistungen haftet, dem gemeinen Bewusstsein wie eine „natürliche Eigenschaft“ erscheinend, ein „Wert“ an. Das Leben des Menschen ist somit bestimmt durch das Ausgespannt-Sein zwischen der von ihm unmittelbar sinnlich erlebten „ersten Natur“ und der gesellschaftlich bedingten, ihm nur über sein Bewusstsein zugänglichen „zweiten Natur“. Diese „Zerrissenheit“ gab die Grundlage ab für die Aufspaltung der abstrakten Allgemeinheit „Warenform“ in ein System getrennter, einander scheinbar kontradiktorisch gegenüberstehender gesellschaftlicher Sphären, in denen sich die totale Warenform quasi mit sich selbst vermittelt. „Das nunmehr institutionalisierte strukturelle Spaltungsirresein lässt die getrennten Sphären in der Gestalt von logischen und institutionellen Gegensatzpaaren erscheinen, in denen der Vermittlungszusammenhang an der Oberfläche sich darstellt, ohne die Spur seiner Genesis zu zeigen. Wie die warenförmige Totalität dabei in den strukturellen Gegensatz von ‚Individuum‘ und ‚Gesellschaft‘, der gesellschaftliche Raum in den Gegensatz von ‚Privatheit‘ und ‚Öffentlichkeit‘ und die Lebenswelt des einzelnen in den Gegensatz von ‚Arbeit‘ und ‚Freizeit‘ zerfällt, so spaltet sich der Funktionszusammenhang dieser Totalität in den Gegensatz von ‚Ökonomie‘ und ‚Politik‘ auf. […] Der institutionelle Raum der Funktionssphäre ‚Ökonomie‘ ist der Markt; der institutionelle Raum der Funktionssphäre ‚Politik‘ ist der Staat.“ (Ebd.: 3)

Politik und Ökonomie – weder Gegenspieler noch souverän

Schieflage-Armut-ReichtumPolitik und Ökonomie präsentieren sich in diesem Sinn zwar als gesellschaftliche Gegenspieler und waren in der (Durchsetzungs-)Geschichte der Moderne demgemäß auch eine ganz wesentliche Grundlage ideologischer Gegensätze und Kämpfe zwischen wirtschaftsliberalen und etatistischen Positionen. Tatsächlich sind die vorgeblichen Gegenspieler aber gleichermaßen der abstrakten Allgemeinheit des kapitalistischen Systems unterworfen und auch im Zur-Geltung-Bringen ihrer vorgeblichen Gegnerschaft entsprechend eingeschränkt. Beide Sphären sind weder autonom noch ist es ihnen möglich, ihre Relationen souverän zu gestalten; sie sind durch die Kodierung der Warenform gebrandet und deren sogenannten Gesetzmäßigkeiten unerbittlich unterworfen. Während kapitalistische Ökonomie unmittelbar der Realisierung des Verwertungsprinzips dient, stellt Politik nichts anderes als die Über- und Umsetzung der zur Verwertung erforderlichen Rahmenbedingungen auf staatliche Pragmatik dar. Letztendlich bedeutet Politik somit ebenfalls nur Vollstreckung der aus den gesellschaftlichen Prämissen Ware und Wert abgeleiteten Notwendigkeiten. Die innerhalb dieser Vorgabe verbleibenden Gestaltungsspielräume sind begrenzt dadurch, dass Politik in einer am Tropf der Verwertung hängenden Gesellschaft zuallererst selbst „Spielgeld“ benötigt und dieses einzig über den Weg einer im Sinne des Systems „erfolgreiche Ökonomie“ lukrieren kann. Den somit eigentlich als politische Re Akteure zu bezeichnenden Politikern bleibt gar nichts anderes übrig, als sich um „das Wohl der Wirtschaft“ zu sorgen – nur wenn es dieser „gut geht“, kann der Staat überhaupt Steuern, Gebühren und Abgaben einnehmen, und es wird kein übermäßig großer Teil des Budgets durch die Notwendigkeit aufgezehrt, nicht in den Verwertungsprozess integrierte Arbeitskräfte „durchfüttern“ und verwertungsmäßig (wieder) „auf Vordermann bringen“ zu müssen. Nur über den Weg gelingender Verwertung kann sich die Politik einen Rest an Handlungsfähigkeit sichern, der somit aber logischerweise niemals dafür genützt werden kann, die Prämissen der Verwertung selbst zu unterlaufen. Auch wenn es dem demokratisch formierten Subjekt zutiefst zuwider ist, gilt: „Politik ist Umsetzung gesellschaftlicher Notwendigkeiten, […] in die Sprache des Geldes (Budget) und des Rechts (Gesetzgebung)“ (Schandl 1995: 17). “Innerhalb dieser Notwendigkeiten lotet Politik selbstverständlich Möglichkeiten aus und schöpft (noch vorhandene) Gestaltungsspielräume im Sinne ihrer jeweiligen „weltanschaulichen Orientierung“ aus, „diese Möglichkeiten verlassen jedoch nie den Rahmen der Notwendigkeiten, können ihn nicht sprengen“ (ebd.).

Politik und Ökonomie sind wie zwei Lastochsen, Seite an Seite im selben Joch eingespannt, und stehen beide unter derselben Knute „Verwertung“. Politik ist kein Prinzip, das über die Ökonomie hinausgeht oder hinausgehen kann. Sie ist Element der durch Ware und Wert bestimmten gesellschaftlichen Strukturen – ein Zur-Disposition-Stellen derselben steht nicht in ihrer Macht. Dementsprechend absurd ist es, wenn im Zuge der Verschärfung der Verwertungsbedingungen heute verschiedentlich gefordert wird, dass sich die Politik der sogenannten Ökonomisierung entgegenstellen möge. Zwar ist derzeit tatsächlich kaum mehr zu übersehen, dass sich Politik immer vordergründiger und eindimensionaler als Wirtschaftspolitik geriert – ähnlich wie in vormodernen Gesellschaften alles und jedes religiös begründet werden musste, muss heute alles und jedes ökonomisch begründet werden. Damit verwirklicht sich allerdings kein neues, bisherige Politik konterkarierendes Prinzip, es wird bloß kenntlich, was immer schon gegolten hat: „Politik ist das Ein- und Auspendeln gesellschaftlicher Möglichkeiten auf der Ebene der aktuellen kapitalistischen Verwertungsbedingungen. Die Entideologisierung verdeutlicht nur, dass diese sich immer direkter und nackter durchsetzen, den Schein der Weltanschauung ganz einfach nicht mehr zulassen können“ (ebd.: 18). Die aktuelle, der abnehmenden Potenz des Kapitalismus zur Verwertung menschlicher Arbeitskraft geschuldete „Verwertungskrise“ und die sich damit massiv verschärfende Konkurrenz zwischen den Verwertungsräumen hebelt die für die Politik bis vor wenigen Jahren gegebenen Gestaltungsspielräume zum Setzen ideologisch begründeter Schwerpunkte weitgehend aus. „Die relative Autonomie der Politik wird noch weiter relativiert.“ (Ebd.)

Isolierte BildungDementsprechend absurd ist es, wenn aus der bildungstheoretischen Ecke, aus der ansonsten kaum je Kritik am Verwertungssystem zu vernehmen ist, derzeit an die Politik appelliert wird, den Bildungsbereich doch bitte nicht (auch) den Maßgaben der Ökonomie zu unterwerfen, da es dort doch um die Entfaltung des Menschlichen am Menschen, seine Mündigkeit und die Fähigkeit zur Kritik ginge. Indem im Zuge der aktuellen Verwertungskrise sich einerseits die budgetären Spielräume von Staaten verringern und ein betriebswirtschaftliches Herangehen (auch) bei Schul- und Ausbildungsfragen somit der Not der Stunde geschuldet ist sowie andererseits die verschärfte Standortkonkurrenz erzwingt, dass (auch) Bildungspolitik rückhaltlos den Verwertungsaspekt fokussiert, findet gegenwärtig tatsächlich ein Entsorgen bürgerlicher Bildungsideologien statt. Während das Geschehen in Bildungseinrichtungen noch bis Ende des vorigen Jahrhunderts regelmäßig damit verbrämt wurde, dass es dort ja um wesentlich mehr als um die Zurichtung Heranwachsender zu angepassten Staatsbürgern und brauchbaren Arbeitskräften ginge, wird heute offen bildungsökonomisch argumentiert. Ganz unverblümt geht es um Input-Output-Relationen: Wie viel Geld wird hierzulande und anderswo für öffentlich organisiertes Lernen ausgegeben und welchen Rankingplatz erreichen hiesige Schüler oder Studenten bei Vergleichstests hinsichtlich wirtschaftlich relevanter Kompetenzen. Auch wenn in den entsprechenden Argumentationen manchmal noch das eine oder andere der diversen bildungsbürgerlichen Plastikwörter (Pörksen) benützt wird, ist klar, dass es bei den (Länder-)Vergleichen ganz sicher nicht um eine Mündigkeit geht, die Menschen in die Lage versetzt, sich der in den Prämissen der Warengesellschaft eingeschriebenen Macht entziehen und Strategien für ein Leben entwickeln zu können, das diesen nicht (völlig) unterworfen ist. Grundsätzlich hat das Bildungssystem bei den ihm Unterworfenen immer die Bereitschaft zur und die Potenziale der Verwertung gefördert und tut das letztendlich sogar, wenn es sich die Förderung von Mündigkeit und Kritik auf die Fahnen heftet. Der Bildungsbegriff ist Ausfluss des bürgerlichen Systems und ist Seite an Seite mit dem aufsteigenden Kapital bedeutsam geworden. Dass nun von bildungstheoretischer Seite appelliert wird, den Bildungsbereich nicht zu „verbetriebswirtschaften“, ohne zugleich eine grundsätzliche Kritik der Warengesellschaft vorzunehmen, zeugt davon, dass die Theoretiker menschlichen Lernvermögens zum einen offenbar ungebrochen daran glauben, dass sie dafür bezahlt bekommen, die Heranbildung von Outcasts zu fördern – von Menschen, die unbrauchbar für das von ihnen ansonsten befürwortete System sind –, und dass sie zum anderen glauben, dass Politik es sich aussuchen könne, wieweit sie den Prämissen der Verwertung zuarbeitet.

Der Glaube an die Politik erodiert

Politiker-Wachstum-SteigungDer sich rasch verringernde Gestaltungsraum der Politik macht es zunehmend immer unbedeutender, Politiker welcher Couleur als Exekutionsorgane der sich qua Verwertungsprämisse artikulierenden Macht tätig sind. Der massiv verschärfte Konkurrenzkampf zwischen Staaten um die kapitalfreundlichsten Verwertungsbedingungen sowie die Hand in Hand damit vor sich gehende Reduzierung budgetärer Spielräume und die gegebene Not, politische „Entscheidungen“ immer eindimensionaler am Ziel ausrichten zu müssen, „Kapital ins Land zu locken“, zwingt Politikern völlig unterschiedlicher „weltanschaulicher Positionierungen“ – sobald sie sich in der zunehmend durchaus als „peinlich“ zu bezeichnenden Situation wiederfinden, ihre „politische“ Ausrichtung praktisch werden lassen zu müssen – heute ein weitgehend identes (Re-)Agieren ab. Auf diese Art findet zum einen eine zunehmende „Entschlackung“ der Politik von weltanschaulichen Beigaben und Resten, letztlich quasi eine „Entpolitisierung von Politik“ statt; zum anderen gilt es für Politiker immer mehr, sich (zumindest) durch eine medienwirksame Inszenierung von der Konkurrenz abzuheben. Unterschiede zwischen Politikern zeigen sich in diesem Sinn zunehmend nur noch in ihrem Auftreten, ihrem mehr oder weniger virtuos-populistischen Verwenden politischer Schlagwörter und Generalrezepte oder auch darin, ob sie dem zunehmenden Sichtbarwerden der für Politik und Ökonomie gleichermaßen gegebenen Unterordnung unter Verwertungsvorgaben durch den Verweis auf eine Karriere als (ehemals) erfolgreicher Wirtschaftstreibender begegnen können.

Als Folge des zunehmenden Offensichtlich-Werdens der Ohnmacht der Politik gegenüber dem sich immer unerbittlicher Durchsetzen der Diktatur der Warenform zeigt sich eine rasant um sich greifende „Politikmüdigkeit“ beziehungsweise „Skepsis“ gegenüber Politik und Politikern. Von Wahl zu Wahl steigt die Zahl derer, die gar nicht mehr zur Wahl gehen, und jene, die noch von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen, werden in ihrem Wahlverhalten immer sprunghafter und weniger einschätzbar. Vielfach wissen sie bis in die Wahlzelle hinein nicht, wen sie wählen sollen, und geben ihre Stimme dann offenbar ziemlich „wahllos“ einmal der einen und beim nächsten Mal einer ganz anders ausgerichteten Gruppierung. Eine ideologische Bindung an eine Partei ist zwischenzeitlich generell weitgehend passé – kein Wunder, da ja auch die Parteien sich immer weniger auf ein nachhaltiges ideologisches Konzept berufen, sondern sich (letztendlich mit gutem Grund) bloß noch als die besseren Manager der sich krisenhaft entwickelnden Verwertungszwänge präsentieren. Zur meist unreflektierten Skepsis gegenüber der Politik als solcher gesellt sich ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber Politikern. Sie verkörpern zwischenzeitlich ähnlich wie Bankmanager eine Gesellschaftsgruppe, die unter Generalverdacht steht. Da ihnen noch immer Macht zugeschrieben wird, sich im Laufe ihrer jeweiligen Amtsperioden aber regelmäßig herausstellt, dass sich die Dinge für die Majorität der Bevölkerung nicht zum Besseren wenden, wird ihnen im besten Fall Unfähigkeit, in der Regel jedoch Korruptheit vorgeworfen. Taucht eine neue politische Gruppierung mit neuen, möglicherweise auch noch recht forsch auftretenden Exponenten auf, projizieren in diesem Sinn oftmals große Wählergruppen ihre Hoffnungen auf die Neuen, deren Westen logischerweise noch weitgehend unbefleckt erscheinen. Gibt es keine neue Gruppe, auf die die alten Hoffnungen projiziert werden können, werden bei der nächsten Wahl oft genau jene gewählt, die man bei der vorigen per Stimmabgabe „abzustrafen“ versucht hat.

Enttäuschung-verworfene PläneDass Politiker beim Wahlvolk permanent Enttäuschungen produzieren, ist darin begründet, dass man ihnen (noch immer) Lösungskapazität in Bereichen zuschreibt und sie auch selbst eine solche suggerieren (müssen), wo ihre Macht längst beschnitten ist beziehungsweise nie hingereicht hat. Dadurch, dass sie als Moderatoren der – tatsächlich in den Systemprämissen eingeschriebenen – Machtverhältnisse auftreten, wird ihnen zugeschrieben, wirklich Macht über das System zu haben. Real nimmt aber sogar der Spielraum, den Politik innerhalb der Systemprämissen hat, in allen demokratischen Staaten rapid ab; die Systemzwänge, die letztlich nichts anderes sind als die der Verwertungskrise geschuldeten Notwendigkeiten, beschneiden ihren Möglichkeitsraum noch einmal gewaltig. Dennoch muss Politik – will sie nicht vollends unglaubwürdig werden und sich quasi selbst aufgeben – ständig behaupten, die weit außerhalb ihrer Einflusssphäre liegenden, den Prämissen und Grenzen des Systems geschuldeten Probleme lösen zu können. Einerseits muss sie alles tun, um dem Verwertungssystem zuzuarbeiten, indem sie den Standort, für den sie „verwaltungsmäßig“ zuständig ist, optimal für das Kapital aufbereitet, andererseits soll sie die sozialen, ökologischen oder gesundheitlichen Folgen genau ihres dem Verwertungssystem Zuarbeitens verhindern oder zumindest abfedern. Sie soll gewissermaßen gleichzeitig Gas geben und bremsen, ein ziemlich hoffnungs- und letztendlich – sieht man von der Gefahr ab, dabei ziemlich ins Schleudern zu kommen – auch wirkungsloses Unterfangen.

Politikverweigerung – das Tor zur Überwindung der Warengesellschaft?

Politik lebt von der Vorstellung, dass das auf der Verwertung von allem und jedem beruhende System prinzipiell schon in Ordnung wäre und nur im Sinne des Gemeinwohls „vernünftig“ gemanagt werden muss, dass also ein per se unvernünftiges System qua Politik zur Vernunft gebracht werden kann. Kritiker vorgeblich „schwacher“ Politik und Politikverdrossenheit gehen konsequent davon aus, dass Politik die Macht hätte, das aktuell Amok laufende betriebswirtschaftliche Kalkül in bestimmten gesellschaftlichen Bereichen „produktiv zu nützen“ und in anderen „in Schranken zu weisen“. Selbst der Warengesellschaft durchaus kritisch Gegenüberstehende sind kaum je in der Lage, gesellschaftliche Vorstellungen zu entwickeln, die jenseits von Staat, Markt und korrelierender Politik angesiedelt sind. Gesellschaftsveränderung wird qua bürgerlich-demokratischer Politik phantasiert – so als ob Politik eine außerhalb des Systems befindliche Größe wäre. In diesem Sinn schwärmt beispielsweise auch der allgemein als „gesellschaftskritisch“ eingestufte Sozialwissenschaftler Oskar Negt in seinem Buch „Der politische Mensch“ davon, den „Kapitalismus auf das kontrollierte Normalmaß begrenzten wirtschaftlichen Handelns zurückzudrehen“ (Negt 2010: 543). Die Hoffnung auf die Politik als Gegenkraft zur Diktatur der Warenform wird jedoch nicht aufgehen, da Politik selbst bloß eine Funktion der Verwertung ist. Politik ist ein „bürgerliches Formprinzip“, das allerdings aktuell „an seinen Instrumenten verfault“ (Schandl 1995: 20). Schon allein die Tatsache, dass Politik ohne das ökonomische Medium Geld, somit ohne gelingende Kapitalakkumulation und die Möglichkeiten, aus dieser Geld in die eigenen Kassen zu spülen, nichts kann, zeigt, dass sie bloß eine Funktion der Gesellschaftsprämisse „Verwertung“ darstellt und nicht ihr kritisches Korrektiv sein kann. Weder kann die Hoffnung aufgehen, mit Hilfe „richtiger Politik“ ungeschoren die Krise des Verwertungssystems überstehen zu können, noch kann es funktionieren, jenes System Politik, das sich im Gleichklang mit der Moderne herausgebildet hat, dafür zu nützen, um die Irrationalität der modernen warenproduzierenden Gesellschaft insgesamt zu überwinden. Politik ist gemeinsam mit Demokratie und Staat als Instrument des bürgerlichen Kapitalismus groß geworden – und ist dementsprechend fest mit diesem verbunden.

Nein, ablehnenIn diesem Sinn gehen auch Bildungsbemühungen, die sich der Aufgabe verschreiben, Heranwachsenden die Politik (wieder) schmackhaft zu machen, ihnen den Wert und die Wichtigkeit von Demokratie, politischem System sowie der Beteiligung an diesem als Wähler nahezubringen, weil damit vorgeblich auch Kritik an den gegebenen Machtverhältnissen und Emanzipation von denselben Platz greifen kann, an der Realität vorbei. Politik als solche – und nicht die einer bestimmten Ausformung derselben – ist integrales Moment der Machtverhältnisse und als Mittel zu deren Schwächung nicht bloß ungeeignet, sondern letztendlich kontraproduktiv. Dagegen wäre es angebracht – ähnlich den seit einiger Zeit in zarten Ansätzen vorgenommenen Überlegungen, inwieweit „Bildungsverweigerung als kritisches Potenzial“ (Holzer 2010: 39) begriffen werden muss –, das hinter der Verweigerung einer anwachsenden Zahl von Menschen, sich vom „Politikspiel“ vereinnahmen zu lassen, steckende kritische Potenzial zu reflektieren. Politikverdrossenheit kann gewissermaßen als ein Transzendieren der das Subjekt immer wieder an das System rückbindenden konstruktiven Kritik bezeichnet werden. Politikverweigerung ist alles andere als konstruktiv – sie ist keine politische und auch keine antipolitische, sondern schlichtweg eine unpolitische Reaktion. Allerdings stellt auch nur eine derartige „unpolitische Reaktion“ eine adäquate Antwort auf die Erkenntnis der letztendlichen Ohnmacht der Politik dar, das verändern zu können, was tatsächlich die Grundlage des unbefriedigenden Lebens von Menschen darstellt.

Im Zuge einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Arbeitsfetisch moderner Gesellschaften habe ich an anderer Stelle (Ribolits 2000: 128) Faulheit als „das Tor zur Muße“ bezeichnet und dabei ausgeführt, dass Faulheit nicht mit Muße, als einer bewussten Entscheidung zur Selbstbefreiung vom allumfassenden Verwertungszwang moderner Gesellschaften, gleichgesetzt werden kann. Faulheit stellt nur eine „blinde“, quasi „bewusstlose“ Verweigerung des Arbeitszwangs dar und weist noch keinen Millimeter über die Grenzen des Systems hinaus. In ähnlicher Form kann möglicherweise auch Politikverweigerung als das Einfallstor für eine gesellschaftliche Verfasstheit wahrgenommen werden, die erst jenseits der kapitalistischen Warengesellschaft möglich wird. So wie Faulheit ist auch Politikverweigerung ein individualistischer, durchaus als a (jedoch nicht anti )sozial zu bezeichnender Ansatz und entspringt in der Regel „nur“ einem unreflektierten Widerstand gegen ein oktroyiertes Unterwerfungsritual der Verwertungsgesellschaft. Sie ist bloßer Reflex, um dem Ghetto der Entfremdung zu entfliehen, und stellt nur einen „Totstellreflex“ hinsichtlich des Zwangs zur Loyalität mit dem System und keine an einer besseren Zukunft ausgerichtete Lösung dar. Allerdings gilt es bei einer derartigen Einschätzung zu berücksichtigen, dass etwas als Lösung immer nur begreifbar ist, wenn es sich innerhalb der Prämissen des herrschenden Gesellschaftssystems bewegt, also vor der systemimmanenten „Wahrheit“ Bestand hat. Zu einem gewissen Grad erinnert die Situation an die biblische Geschichte von Lot, dem durch göttliche Hilfe samt seiner Familie zur Flucht aus der dem Untergang geweihten Stadt Sodom verholfen wird. Die Sache geht so lange gut, bis Lots Frau das Verbot, nicht zurückzublicken, bricht und augenblicklich „nachhaltig“ in ihrer Flucht gebremst wird, indem sie zur Salzsäule erstarrt. Wahlen können ja durchaus als ein essentielles Element des „Gottesdienstes“ zu Ehren des „Werts“ begriffen werden; wer sich ihnen verweigert, ist zwar noch weit von einer Perspektive entfernt, die über die Warenform hinausweist, er hat aber zumindest aufgehört, seinen Fokus auf das dem Untergang geweihte System zu richten.


Literatur

Holzer, Daniela (2010): Bildungsverweigerung als kritisches Potenzial, Vortragsskizze, in Dokumentation: The dark side of LLL, Vol. 2, Räume für Markt- und Machtkritik. Workshop in der Reihe: Dialog Lebenslanges Lernen. www.forschungsnetzwerk.at/downloadpub/2010_The_dark_side_02_2010.pdf (August 2013).
Kurz, Robert (1994): Das Ende der Politik. Thesen zur Krise des warenförmigen Regulationssystems, in: Krisis. Nr. 14, Berlin: Horlemann Verlag, hier zitiert nach: www.exit-online.org/druck.php?tabelle=schwerpunkte&posnr=34 (August 2013).
Negt, Oskar (2010): Der politische Mensch. Demokratie als Lebensform, Göttingen: Steidl Verlag.
Pörksen, Uwe (1988): Plastikwörter. Die Sprache einer internationalen Diktatur, Stuttgart: Klett-Cotta.
Ribolits, Erich (2000): Arbeit macht nicht frei, in: Trube, A./Wittig-Koppe, H. (Hg.): Effekthascherei oder: Wie effektiv ist die Arbeitsmarktpolitik? Beiträge einer DPWV-Fachtagung, Münster: Lit-Verlag, 118–130.
Schandl, Franz (1995): Politik – Zur Kritik eines bürgerlichen Formprinzips, in: Weg und Ziel 2/1095, Wien, 17–24.

Dieser Artikel wurde uns zur Verfügung gestellt von  Streifzuege-Team

Bildquellen:

  1. Beitragsbild:  Parteiübergreifend – H.-Joachim Schiemenz / pixelio.de
  2. Bürger, Menschenkette – Juergen Jotzo  / pixelio.de
  3. Der Untergang der Menschheit – Wilfried Kahrs / qpress.de
  4. Schieflage – Dr. Klaus-Uwe Gerhardt  / pixelio.de
  5. Isolierte Bildung – PublicDomainPictures / pixabay.com
  6. Wachstum, Politiker – Geralt / pixabay.com
  7. Enttäuschung, verworfene Pläne – S. Hofschlaeger  / pixelio.de
  8. Nein, Ablehnung – Geralt / pixabay.com

Die Geldschöpfung der Banken – Lizenz zum legalen Betrug?

von Herbert Ludwig – FASSADENKRATZER

Weitaus die meisten Menschen gehen davon aus, dass die Banken nur das Geld weiterverleihen, das bei ihnen angelegt, ihnen also als Darlehen anvertraut ist. In Wahrheit dürfen die Banken ein Vielfaches davon als Kredit ausgeben, obwohl sie so viel Geld gar nicht haben. Sie besitzen das einzigartige Privileg, selbst Geld aus dem Nichts zu schöpfen und gegen Zinsen auszuleihen. Mit jedem Kredit durch eine Bank entsteht neues Geld: Buch- oder Giralgeld, das als Buchungsvorgang auf dem Girokonto erscheint und das Geldvolumen vermehrt. Was bedeutet das, und wie ist das zu verstehen?

Das Entstehen des Papiergeldes

goldbarren09Ursprünglich bestand die Goldwährung. Eine Münze aus purem Gold hatte einen realen Eigenwert, der mit einer Ware, der man denselben Wert zuschrieb, getauscht wurde. Doch die Kaufleute gingen wegen der Gefahr, auf den langen Handelswegen ausgeraubt zu werden, immer mehr dazu über, das Goldgeld nicht mitzuführen, sondern sicherheitshalber bei Banken zu deponieren. Im London des 17. Jahrhunderts hatten diese Funktion vor allem die Goldschmiede. Von ihnen erhielten sie eine entsprechende Quittung, eine „Banknote“, auf der die hinterlegte Summe bestätigt wurde und mit deren Vorlage sie jederzeit ihr Gold wieder einlösen konnten. Diese Sicherheit, die mit der Banknote verbunden war, führte dazu, dass sie allmählich selber anstelle des Goldes als Zahlungsmittel akzeptiert wurde. Der Empfänger brauchte die Banknote gar nicht mehr gegen das Gold bei der Bank einzulösen, sondern gab sie ebenfalls als Zahlungsmittel weiter. Und so erhielt die Banknote mehr und mehr dasselbe Vertrauen, dieselbe Kaufkraft wie das Gold, dessen Hinterlegung sie eigentlich nur quittierte. Man konnte sie ja jederzeit gegen das Gold eintauschen. So war das Papiergeld entstanden, das aber noch voll durch Gold gedeckt war. (Vgl. Bernd Senf: Der Nebel um das Geld, Kiel 2007, S. 46)

Nun stellte sich im Laufe der Gewöhnung an die zunächst voll gedeckten Banknoten heraus, dass beispielsweise nur noch jeder Vierte zur Bank ging und die Banknoten in Gold einlöste. Die Bank brauchte also nach der Erfahrung nur ein Viertel des Goldvorrates für die Herausgabe gegen Banknoten bereitzuhalten, die anderen drei Viertel konnte sie als Kredit an andere gegen Zins ausleihen und so zusätzlich Geld verdienen. Ja, man kam auf die Idee, anstelle des Goldes die vierfache Menge an Banknoten oder mehr als Kredite zu vergeben, im Vertrauen darauf, dass nur jede vierte Banknote zur Einlösung vorgelegt würde.

Was liegt hier vor? An die Stelle des Goldgeldes, das einen Eigenwert hatte, trat das Papiergeld, das zunächst als Surrogat auf das Goldgeld nur hinwies und von ihm gedeckt war. Dann wurde das Papiergeld, mit dem das Versprechen der Deckung und jederzeitigen Einlösbarkeit verbunden war, vervierfacht und als Kredit ausgegeben. Drei Viertel davon waren aber nicht mehr von Goldgeld gedeckt, sie täuschten eine solche Deckung nur vor. Sie waren ein „Nichts“ und wurden als Scheingeld oder gefälschtes Geld ausgeliehen, für das zudem noch Zins und Zinseszins erhoben wurden. Die Kreditnehmer mussten aber das gefälschte Geld, dem kein Wert entsprach, sowie Zins und Zinseszins durch Geld „zurückzahlen“, das durch ihre Leistung erarbeitet worden war. Die Sache flog indessen nur auf, wenn alle Besitzer der Banknoten gleichzeitig zur Bank eilten, um das damit versprochene Goldgeld einzulösen: Dann gingen drei Viertel leer aus. Sie waren einem gewaltigen Betrug zum Opfer gefallen.

Die Parallele im modernen Geldsystem

Dieses Prinzip der Kreditschöpfung aus dem Nichts hat das heutige Geldsystem noch perfektioniert. Heute gibt es keine Golddeckung des Geldes mehr. Sein Volumen ist auf die Menge der Waren und Dienstleistungen des Währungsraumes und auf die Preisstabilität bezogen. Es basiert auf dem Vertrauen der Menschen, und für seine Stabilität haben die Notenbanken zu sorgen. Es besteht nur zum geringsten Teil aus Bargeld, der größte Teil ist Buch- oder Giralgeld (ca. 10:90). Das Giralgeld wird von den Notenbanken und den Geschäftsbanken aus dem Nichts geschöpft. Dies beschreibt die Deutsche Bundesbank in ihrem Bericht „Geld und Geldpolitik“ wie folgt:

Geld entsteht durch „Geldschöpfung“. Sowohl staatliche Zentralbanken als auch private Geschäftsbanken können Geld schaffen. Im Eurosystem entsteht Geld vor allem durch die Vergabe von Krediten, ferner dadurch, dass Zentralbanken oder Geschäftsbanken Vermögenswerte ankaufen, beispielsweise Gold, fremde Währungen, Immobilien oder Wertpapiere. Wenn die Zentralbank einer Geschäftsbank einen Kredit gewährt und den Betrag auf dem Konto der Bank bei der Zentralbank gutschreibt, entsteht „Zentralbankgeld“. Die Geschäftsbanken benötigen es zur Erfüllung ihrer Mindestreservepflicht, zur Befriedigung der Bargeldnachfrage und für den Zahlungsverkehr.

Die Geschäftsbanken können auch selbst Geld schaffen, das sogenannte Giralgeld. Der Geldschöpfungsprozess durch die Geschäftsbanken lässt sich durch die damit verbundenen Buchungen erklären: Wenn eine Geschäftsbank einem Kunden einen Kredit gewährt, dann bucht sie in ihrer Bilanz auf der Aktivseite eine Kreditforderung gegenüber dem Kunden ein – beispielsweise 100.000 Euro. Gleichzeitig schreibt die Bank dem Kunden auf dessen Girokonto, das auf der Passivseite der Bankbilanz geführt wird, 100.000 Euro gut. Diese Gutschrift erhöht die Einlagen des Kunden auf seinem Girokonto – es entsteht Giralgeld, das die Geldmenge erhöht. (Zitiert nach Oliver Janich: Das Kapitalismus-Komplott, München 2011, S. 83, 84)

Die Banken müssen nur genügend Bargeld für die Kunden vorrätig haben, die ihr Geld abheben wollen. Zur Zeit wird von der EZB eine Mindestreserve von 1% der Bank-Einlagen vorgeschrieben, was bedeutet, dass eine Bank für 100 Euro Spareinlagen 10.000 Euro Kredit vergeben kann. Nehmen wir an, der Kunde lässt sich diesen Betrag in bar auszahlen und kauft dafür ein Motorrad. Der Händler zahlt das Geld auf sein Girokonto bei der Bank ein. Deren Einlagen erhöhen sich dadurch entsprechend, so dass sie weitere 1 Millionen Euro Kredit gewähren kann. Die Ausdehnung der Geldmenge ist unbegrenzt möglich. (Vgl. den sehr empfehlenswerten Bestseller von Matthias Weik & Marc Friedrich: Der größte Raubzug der Geschichte, Bastei-Lübbe TB, S. 30. In diesem Buch werden die Auswirkungen des Geld- und Bankensystems in den heutigen Finanzkrisen ausführlich aufgezeigt.)

Die Lenker des Geldsystems sind sich durchaus bewusst, dass diese Geldschöpfung der Banken eine Fortsetzung derjenigen der Goldschmiede des 17. Jahrhunderts ist. In einer Broschüre „Modern Money Mechanics“ der Federal Reserve Bank of Chicago heißt es auf Seite drei:

Es begann mit den Goldschmieden. Jeder fand schnell heraus, dass es viel einfacher war, die Verwahrungsquittungen direkt als Zahlungsmittel zu benutzen. Dann entdeckten die Banker, dass sie Geld verleihen konnten, einfach indem sie das Versprechen abgaben zu zahlen oder Banknoten (Goldqittungen) an die Kreditnehmer ausgaben. Auf diese Weise begannen Banken, Geld zu schöpfen. Mehr Noten konnten ausgegeben werden, als es Gold oder Münzen gab, denn nur ein Bruchteil der Noten wurde zu jedem Zeitpunkt tatsächlich für Zahlungen präsentiert. Kontokorrentkonten sind das moderne Gegenstück zu den Banknoten. Es war ein kleiner Schritt vom Drucken der Noten hin dazu, einen Bucheintrag zu machen. (Zitiert nach Oliver Janich a.a.O. S. 85, 86)

O. Janich merkt an: „Die Federal Reserve gibt zu, dass sie die betrügerischen Machenschaften der Goldschmiede kopiert hat! Sie feiert das Betrugssystem als bedeutende Errungenschaft modernen Bankwesens. Ein kleiner Schritt für die Fed, aber ein großer Schritt für die Menschheit!“ Worin besteht der Betrug?

Das Problem des geschöpften Buchgeldes der Geschäftsbanken

Das Buchgeld entsteht also durch einen Buchungsvorgang, indem auf dem Girokonto des Kunden ein vereinbarter Kredit in der entsprechenden Währung als Sichteinlage gutgeschrieben wird. Es wird etwas plötzlich als Geld ausgegeben, das als reales Geld bei der Bank vorher nicht vorhanden war. Es handelt sich daher auch nicht um ein Darlehen, das dem Begriffe nach einen Eigenbesitz voraussetzt, der nun zeitlich befristet ausgeliehen wird. Es wird eine „Art Kreditvergabe“ geschaffen, die dem ursprünglichen Wortsinne nach (lat. credere = glauben) tatsächlich nur auf dem Glauben, der Annahme beruht, dass es sich um Geld handele. Die Banken verschleiern das dadurch, dass sie den „Kredit“ einmal als Forderung an den Kreditnehmer buchen und dann als Verbindlichkeit bei eben dem Kreditnehmer. Der Wirtschaftswissenschaftler Franz Hörmann aus Wien brachte das mit folgenden Worten auf den Punkt:

Das Geld hat vorher noch gar nicht existiert. Es ist ein Buchungssatz: Forderung an Verbindlichkeit. Und beide Male an denselben Menschen, den Kreditnehmer. Und das ist – ich bin ja Rechnungswesen-Professor – ziemlich pervers. Denn die Bank hat eine Forderung, die sie verzinsen lässt, und sie gesteht bilanzrechtlich gleichzeitig ein, dass sie noch nicht geliefert hat. Denn Verbindlichkeit heißt: Ich bin das, was ich eigentlich liefern wollte, nach wie vor schuldig. Und eine Forderung mit einer eigenen Schuld zu begründen, ist zumindest nicht sehr schlüssig. (Am 27.10.2011 „Bei Beckmann“ NDR, http://www.youtube.com/watch?v=Tp8BQgr1Tc4)

Die Buchung der Bank hebt sich de facto auf. Es ist ein Zirkel in sich. Diese – international übliche – Buchungspraxis der Banken stelle, wie Hörmann in einem privaten Gutachten von 2013 ausführt, nicht nur einen offensichtlichen Widerspruch zur rechtlichen Definition des Kredits dar, sondern verstoße auch, wie bereits Prof. Michael Schemmann festgestellt habe, gegen die internationalen Rechnungslegungsvorschriften: „Banken haben keine schon existierenden Geldreserven in Form gesetzlicher Zahlungsmittel, die sie verleihen könnten, ausgenommen vielleicht minimale Beträge, die nur einen Bruchteil ihrer Kredit-Portfolios darstellen. Oder anders gesagt: Banken schaffen Sichteinlagen aus dem Nichts, und diese Sichteinlagen bleiben deshalb auch ein „Nichts“. Diese Unsitte konnte sich einbürgern, weil öffentlich beeidigte Wirtschaftsprüfer die oben beschriebene Praxis absegnen, indem sie die Jahresabschlüsse der Banken testieren. Dadurch entstehen übermäßige Kreditexpansion, „moral hazard“-Probleme, Vermögensblasen, Liquiditäts-Stress auf den Finanzmärkten, Bank-runs und gegebenenfalls globale Finanzkrisen.“ (Aus Franz Hörmann: Argumente gegen die Möglichkeit eines wirtschaftlichen Schadens von Banken bei Kreditausfällen …,  http://gerschneider.files.wordpress.com/2013/10/gutachten_giralgeldschoepfung-hocc88rmann.pdf)

Die Giralgeldschöpfung der Geschäftsbanken ist also ein reiner Schreibvorgang auf den Konten der Bank, die dazu über keinerlei Zahlungsmittel verfügen. Ebenso stellen die Rückzahlung (Tilgung) oder ein Kreditausfall bloße Schreibvorgänge dar, wodurch das aus dem Nichts geschöpfte „Geld“ wieder im Nichts verschwindet. Dass Geld von Sparern verliehen werde, ist ein Irrglaube, der „von den Banken aufrechterhalten wird, um ihre Vorteilsnahme infolge der Giralgeldschöpfung zu verschleiern.“ (Horst Seiffert zitiert nach Hörmann a.a.O.) Da es sich bei dem Giral“geld“ um eine reine Information und kein materielles Tauschmittel mehr handelt, erfüllt es von den drei allgemein anerkannten Funktionen des Geldes: Tausch, Wertmaßstab und Wertaufbewahrung auch nur eine einzige. Zum Tausch wäre ein eindeutiges Identifikationsmerkmal erforderlich, wie es Geldscheine oder auch elektronisches Geld wie der Bitcoin mit der Seriennummer haben. Nur Gegenstände mit eindeutiger Identität eignen sich aus rein logischen Gründen als Tauschmittel. Auch zur Wertaufbewahrung taugt es nicht, da es nur in einer unsicheren Buchungs-Forderung besteht. Lediglich kann ihm die Funktion des Wertmaßstabes (Rechenmittelfunktion) zugestanden werden. „Die Vergabe eines Hypothekarkredits in Höhe von € 100.000,- müsste dann jedoch wirtschaftlich so interpretiert werden, dass die Bank den Wert des Grundstücks auf € 100.000,- schätzt und dann diesen Wert (den Wert des Grundstücks des Kreditnehmers) auf ihre Konten schreibt. Wieso dieser Bewertungsvorgang dann rechtlich einer Leihe gesetzlicher Zahlungsmittel gleichgestellt sein sollte, ist nicht erklärbar.“ (Hörmann a.a.O., S. 5)

Gewinne und Verluste der Geschäftsbanken

Bei der vorstehend von Horst Seiffert zitierten Feststellung der „Vorteilsnahme infolge Giralgeldschöpfung“ handelt es sich im Grunde um Betrug. Einem bloßen Buchungssatz der Banken ohne eigenen Wert stehen regelmäßig wirtschaftliche Werte des Kreditnehmers gegenüber, die dieser als Sicherheiten bereitstellen bzw. an die Bank verpfänden muss. Es ist ein System der Enteignung.

Hinzu kommt der ungeheure Gewinn der Banken an Zins und Zinseszins, den genauer zu betrachten Franz Hörmann aufmerksam macht (a.a.O, S, 6). Gewährt die Bank einen „Kredit“ von 100.000 €, braucht sie nur eine Mindestreserve von 1% an eigenem echten Geld vorzuhalten, also 1.000 €. Erhebt sie von dem aus dem Nichts geschöpften Kredit von 100.000 € einen Zins von nur 5%, ergibt das in einem Jahr einen Gewinn (ohne Zinseszins) von 5.000 €. Das ist das Fünffache des eingesetzten eigenen Geldes. Die Bank macht also einen Gewinn von 500%. Bei einem eingeräumten Kredit aus der Überziehung des Girokontos sind das derzeit mit 9,75% Zins stattliche 975% Gewinn. Ein Kredit aus der darüber hinausgehenden geduldeten Überziehung erbringt mit 13,75% Zins einen schier unglaublichen Gewinn von 1.375 %. Hier von Wucher zu reden, wäre eine Verharmlosung des tatsächlichen Tatbestandes. (Zum Problem Zinseszins: hier)

Hat die Bank einen Verlust, wenn ein Kredit nicht zurückgezahlt wird? Da „der gesamte Kreditbetrag als Giralgeld vor der Kreditvergabe überhaupt noch nicht existierte (er wird ja als Buchgeld erst bei der Kreditvergabe erzeugt), kann eine Bank aus wirtschaftlicher Sicht bei Kreditausfall auch niemals einen Verlust erleiden.“ (Hörmann a.a.O., S. 7) Daher sind für die Banken nicht die Tilgungen der Kredite das Wesentliche, sondern die Zinseinnahmen. „Ziel der Banken ist es immer, Kunden möglichst lange in der Zinszahlungspflicht zu halten.“ (Weik/Friedrich: Der größte Raubzug, S. 28, 29)

Fazit

Die durch die Kreditvergabe der Geschäftsbanken weltweit praktizierte elektronische Geldschöpfung führt zur Vortäuschung von Zahlungsmitteln (Tauschgeld), die (mangels Identitätsmerkmal wie z.B. Seriennummern und fehlender gesetzlicher Grundlage) tatsächlich nicht vorhanden sind. „Dies stellt einen Missbrauch der internationalen Rechnungslegungsvorschriften dar. … Geld im Sinne gesetzlicher Zahlungsmittel (Geldscheine, Münzen oder Einlagen von Sparern) werden in diesem Zusammenhang überhaupt nicht als Kredite verwendet.“ Daher „handelt es sich bei der buchmäßigen Geldschöpfung der Geschäftsbanken auch nicht um Kredite im rechtlichen Sinne, da ein Kredit die „Verleihe eigener Mittel“ repräsentiert, diese „eigenen Mittel“ bei der Bank hingegen überhaupt nicht vorhanden sind, sondern bloß durch eine Falschbuchung vorgetäuscht werden.“ Folglich kann der Bank bei Kreditausfall auch kein wirtschaftlicher Schaden entstehen. (Vgl. Hörmann a.a.O. S. 10)

Aus all diesen Gründen muss die Geldschöpfung den Privatbanken entzogen werden. Dann sind Banken wieder auf das reduziert, was ihre eigentlich Aufgabe ist: Vermittler zwischen Sparern und Kreditnehmern zu sein. Dies wird auch von vielen fachlich kompetenten geldkritischen Bewegungen gefordert, wie z.B. die Monetative e.V. in Berlin und die Vollgeld-Initiative in der Schweiz. Wer das Recht auf Geldschöpfung ausschließlich haben soll, ob eine staatliche Notenbank oder ein Organ eines selbstverwalteten Wirtschaftslebens, muss indessen von einem umfassenderen gesellschaftspolitischen Gesichtspunkt aus beantwortet werden.


Textquelle: http://fassadenkratzer.wordpress.com

Bild: “Goldbarren” – www.bundesbank.de

Beitragsbild: “Eurokrise” – www.piqs.de

Neofeudalistisches Google-Monopol

von Caillea

Im Feuilleton der FAZ schrieb Vorstandschef  Mathias Döpfner der Axel Springer AG: “Wir haben Angst vor Google. Ich muss es einmal so klar und ehrlich sagen, denn das traut sich kaum einer meiner Kollegen.” Dieser Mann sprach die Angst aus, die inzwischen immer mehr bei Unternehmen und Privatpersonen aller Couleur zur Vorschein kommt. Nun endlich scheint darüber eine Debatte in Gang zu kommen, was positiv zu werten ist, unabhängig der Ergebnisse, welche die Politik für uns bereit hält. Wichtig ist hierbei die Bewusstwerdung, gerade auch bei den Bevölkerungen aller Länder. Denn es sind Sofortmaßnahmen erforderlich, wenn sich diese Angst nicht epidemisch ausbreiten soll.

Die Frage, die sich stellt lautet: Hat uns Google nun gezwungen, indem Google sich ermächtigt hat, von uns Informationen zu sammeln? Nein! Wir haben Google Millionen von Dokumenten zur Verfügung gestellt. Wir gaben Google nicht nur unsere Augen und Hände, sondern auch unsere Hirne anvertraut, ob es sich um private oder auch autorische Ergüsse handelt.

Ja, Google hat ein neofeudales Machtmonopol errichtet, jedoch halfen wir selbst, es gegen uns zu errichten. Wir haben unsere Falle selbst aufgestellt.

Gabor Steingart schreibt dazu in der FMit Speck fängt man MäuseAZ: “Natürlich lässt Google die Zutaten, die wir so geflissentlich anliefern, nicht unbearbeitet. Aus Informationspartikeln erwachsen Datenraster, welche wiederum zu Netzen versponnen werden mit dem Ziel, aus Lesern Käufer zu machen, die Welt der Lektüre in den Orbit des Konsums zu transformieren, das Idealistische in das Materialistische zu verwandeln. Wer liest, wird gelesen, wer kauft, wird selbst zum Produkt, so hat Frank Schirrmacher den Kern von Googles Geschäftsidee freigelegt. Fast dreizehn Milliarden Dollar verdiente das Unternehmen im vergangenen Jahr, vor allem durch das Verfügbarmachen von Lesestoff und Leserdaten gegenüber der Werbewirtschaft.

Wobei auf Seiten der Werbewirtschaft, spiegelverkehrt zu Döpfners Ängsten, eine Euphorie herrscht, die ebenfalls nur sehr lose mit der Wirklichkeit verbunden ist. Dem mündigen Internetbürger entgeht nicht, welche Anzeige ihm da von Seite zu Seite nachstiefelt; er ist dabei, Allergien zu entwickeln. Der Leser will, darf und wird sich nicht zur willenlosen Kauf- und Konsummaschine reduzieren lassen. Der Freiheitsdrang mag degeneriert sein, verschwunden ist er nicht. Stalking bildet auch im wahren Leben nicht das Vorspiel zur Eheschließung.

Die datengesteuerte Werbung im Internet erinnert mittlerweile auf fatale Weise an die Drückerkolonnen der frühen Nachkriegsjahre, als man Kosmetika, Plastikschüsseln, Zeitschriften und Lebensversicherungen an der Haustür vertrieb, ach was – verhökerte, verkloppte, aufschwatzte, nur dass die Avatare der damaligen Drücker heute englisch mit uns reden. Ihre Haustür ist unser Computerbildschirm, auf dem die Abgesandten aus der Welt der künstlich erzeugten Bedürfnisse mit Push-Mails, Overlayern und Pop-up-Windows unentwegt auf- und abmarschieren.”

Die Medienhäuser sowie die Politik sind Mittäter und haben diesen Moloch im Internet möglich gemacht. Lange haben beide ignoriert, nicht geahnt oder durch Gedankenlosigkeit dazu beigetragen, dass sich Google’s Praxis in eine Ungeheuerlichkeit verwandeln konnte.

Gier - Rike /pixelio.deGoogle stellt jährlich einen Forschungsetat von rund 8 Milliarden Dollar bereit, um aus den ermittelten und zugrunde liegenden Daten heraus neue Produkte zu entwickeln, z. B. Datenbrille, selbstfahrendes Auto oder auch die Drohne u.v.a.m.. Nun wollen sie in dem Projekt “Google Brain” das menschliche Gehirn nachahmen oder wenn möglich, es sogar übertreffen. Wer meint, dass Google mit solchen Projekten dem Größenwahn unterliegt, irrt. Es handelt sich hier durchaus um eine realistische Selbstsicht, die von Erfolg gekrönt sein könnte, denn wir alle füttern das System mit unseren Ansichten, Gefühlen, Emotionen, Wissen und vielem mehr. Wir wissen auch aus den Bereichen NSA, Facebook, Twitter und aus all dem kann Google materialistische Wünsche erkennen, die es umzusetzen weiß und die weitere hohe Umsatzrenditen versprechen. Google kann sicher sein, dass Abnehmer für all die weltweit unnützen Produkte gefunden werden und dabei handelt es sich ja nicht nur um die eigenen, auch wenn diese noch so abstrus sind. Google geht davon aus, dass in jedem Fall Abnehmer gefunden werden und viele Menschen stürzen sich geradezu darauf.

Google ist kein passives Werkzeug. Es wird selbst aktiv, auf eine für uns unsichtbae Art und Weise. Es geht ausschließlich um Vermarktung und das Produkt sind wir selbst. Frank Schirrmacher schrieb dazu “Ich lese und werde gelesen. Ich kaufe und werde Produkt.”.

Inzwischen ist eine Abhängigkeit von Google entstanden, die es kaum zu überbieten gilt. Diese Technologie steuert inzwischen die Wirtschaft. Es werden Unsummen bezahlt, damit man im Ranking an den ersten Plätzen gefunden wird. Rutschen Unternehmen im Ranking ab, dann besteht die Gefahr, dass sich ein spürbarer Umsatzverlust bemerkbar macht. Im privaten Umfeld ist diese Technologie nicht mehr wegzudenken und viele gerade junge Leute empfinden hier ein Lebensgefühl von Modernität. Die digitale Welt ist zu einer Lebensphilosophie geworden. Die Revolution des Personal Computers, Urahn aller weiteren digitalen Technologien, hat in den Augen aller die Menschen bereichert, daher fühlen sie sich auch nicht enteignet.

Evgeny Morozov schrieb in seinem unerbittlichen Beitrag „Wider digitales Wunschdenken“: Wir müssen die Mystifizierungen, die „das Internet“ umgeben, entzaubern. Denn so verführerisch glatt, bunt und simpel uns die Nutzeroberfläche des digitalen Wandels entgegentritt, so abgründig und undurchdringlich erscheinen dem durchschnittlichen Nutzer Programmierungen, Rückkopplungen und Abhängigkeiten hinter der glitzernden Fassade des world wide web. Die Aufforderung, in unseren Schulen Programmiersprache zum Pflichtfach zu machen, ist alles andere als absurd. Ihre Kenntnis bestimmt jedenfalls mehr über die persönliche Autonomie im digitalen Zeitalter als die Kenntnis antiker Sprachen.”

Hoffnung macht das Urteil des Europäischen Gerichtshofs in Sachen Google: Erstmals wird der Internetgigant dazu verpflichtet, sensible Daten zu löschen. Und nicht nur das. Das Gericht stellt die Souveränität des Rechts wieder her, indem es sagt, dass Google europäische Standards nicht deshalb umgehen kann, weil es seine Daten außerhalb der EU bunkert und verarbeitet. Die Bürger Europas bekommen durch den Richterspruch die Chance, sich gegen eine scheinbar ungreifbare Ausbeutung ihrer persönlichen Informationen zu wehren. Das sollte uns Mut machen, denn Google hat durchaus Respekt vor solch aufgeklärter Sicht. Im Börsenprospekt (Risikoeinschätzung) steht unter anderem: „Wir sind konfrontiert mit Risiken, die sich aus dem internationalen Datenschutz ergeben. Es ist möglich, dass diese Gesetze in einer Art interpretiert und angewandt werden, die nicht mit unserer Praxis im Umgang mit Daten übereinstimmt. Wenn dem so ist, müssten wir unsere Praxis verändern, was wiederum einen materiellen Effekt für unser Geschäft bedeutet.“

Hier entdecken wir einen wunden Punkt und diesen sollten wir nutzen. Dies beinhaltet jedoch, dass jeder von uns sich Gedanken über die Mechanismen dieses Monopols macht, wachsam ist und diese nicht gleichgültig wegschiebt. Die Zeit zum Losschlagen ist gekommen. Die Politik merkt, dass sie etwas tun muss, da die Bevölkerungen immer mehr aufwachen, der Europäische Gerichtshof ist willig und die Verlage haben die Phase ihrer Verwirrung überwunden.

Abschließend möchte ich noch einige Zitate des Humanisten Étienne de La Boëtie aufzeigen, der unter anderem in seinem Traktat “Von der freiwilligen Knechtschaft” folgendes schrieb:

„Der Mensch, welcher euch bändigt und überwältigt, hat nur zwei Augen, hat nur zwei Hände, hat nur einen Leib und hat nichts anderes an sich als der geringste Mann aus der ungezählten Masse eurer Städte; alles, was er vor euch allen voraus hat, ist der Vorteil, den ihr ihm gönnet, damit er euch verderbe.“ ….. „Je mehr man den Tyrannen gibt, je mehr man ihnen verdient, umso stärker und kecker werden sie; und wenn man ihnen nicht mehr gibt, wenn man ihnen nicht mehr gehorcht, stehen sie ohne Kampf und ohne Schlag nackt und entblößt da und sind nichts mehr, wie eine Wurzel, die keine Feuchtigkeit und keine Nahrung mehr findet, ein dürres und totes Stück Holz wird.“ ….. „Seid entschlossen, keine Knechte mehr zu sein, und ihr seid frei.“

Das vor knapp 500 Jahren erschienene Werk rief zur Aufklärung und zum Losschlagen auf.


Textquellen:

Gabor Steingart: “Unsere Waffen im digitalen Freiheitskampf” – FAZ

Mathias Döpfner: “Warum wir Google fürchten” – FAZ

Evgeny Morozov: “Der Preis der Heuchelei” – FAZ

Frank Schirrmacher: “Was die SPD verschläft” – FAZ

Bildquellen:

Bild 1: “Mit Speck fängt man Mäuse” – Rainer Sturm  / pixelio.de

Bild 2: “Gier” – Rike / pixelio.de

Beitragsbild: “Der gläserne User” – Bernd Kasper  / pixelio.de

FED – Machtgelüste an der Spitze sind gefährlich!

Wall-Street-Legende Victor Sperandeo und Edwin Vieira im Interview: “Fed ist verfassungswidrig und potenziell extrem korrupt”

von Valentin Schmid – EPOCH TIMES

Der Anwalt für amerikanisches Verfassungsrecht, Edwin Vieira Jr., erklärt die Geschichte und die rechtliche Struktur des Federal Reserve Systems (FED). Einleitendes Statement von der Wall-Street-Legende Victor Sperandeo.

Epoch Times: Mr. Sperandeo und Mr. Vieira, Sie sind die beiden Co-Autoren von „Crash Maker“, einem fast 1500 Seiten langen Buch, das sich mit der Federal Reserve, einem instabilen Finanzsystem und Gold befasst. Könnten wir nicht als Auftakt das Gespräch über das Buch ein wenig beiseite lassen und Themen besprechen, die auf dem heutigen Markt und für die Gesellschaft relevant sind?

Victor Sperandeo: Dieses Buch aus dem Jahr 2000 handelt von einem Bösewicht und es ist als ein fiktives Buch geschrieben. Der Bösewicht ist der Vorsitzende des Federal Reserve Board. Es wird versucht, in einer allegorischen Form zu zeigen, wie mächtig diese Position ist; wenn jemand sehr intelligent ist, aber auch noch korrupt, könnte er erheblichen Schaden für die Bürger der Vereinigten Staaten verursachen.

Dies ist nicht die Art, in der die Verfassung geschrieben wurde. Der Federal Reserve Act von 1913 ist verfassungswidrig. Das Geldsystem, das wir haben, ist verfassungswidrig, und es ist potenziell extrem korrupt. Das ist die Quintessenz des Buches. Es zeigt, wie es von den Machtgelüsten des Vorsitzenden der Fed beschädigt werden kann.

Epoch Times: Mr. Vieira, was haben Sie als Staatsrechtler über die Fed zu sagen?

Edwin Vieira Jr.: Was die meisten Menschen nicht kennen, ist die Geschichte der Federal Reserve, die wirklich bis zu den Anfängen des Landes und Alexander Hamilton zurückreicht. [Anm. der Red.: Alexander Hamilton (* 11. Januar 1757; † 12. Juli 1804 in New York) gilt als einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten.]

Er wollte die großen finanziellen Interessen des Landes mit dem US-Finanzministerium  kombinieren, so dass die großen finanziellen Interessen eine Unterstützung der neuen Regierung sein würden.  Das war die Grundlage für seine Annahme von der neuen Bundesregierung zum Zustand der revolutionären Kriegsschulden. So entstand diese Art von Symbiose oder inzestuöser Beziehung zwischen Bankiers und Finanziers in der Privatwirtschaft auf der einen Seite und dem US-Finanzministerium auf der anderen.

Das ging weiter mit der Ersten Bank der Vereinigten Staaten, die eine Privatbank war, angemietet vom Kongress. Und dann die Zweite Bank der Vereinigten Staaten, die in der berühmten Bankenkrise mit Präsident Andrew Jackson entstand, als Jackson im Wesentlichen die Bank besiegte und die Bank ihre Zulassung verlor.

Eine andere dieser inzestuösen Beziehungen war das Nationale Währungsgesetz, welches das nationale Bankensystem geschaffen hat und heute ein Teil der Federal Reserve ist.

Alle diese nationalen Banken gehen zurück auf Bürgerkriegsrecht. Das System hatte eine inhärente Instabilität, da es ganz auf minimale Reserven gegründet war, und in diesem speziellen Fall war es gebunden an die Höhe der bestehenden US-Schulden.

Damals waren die Regierung der Vereinigten Staaten und die Bevölkerung nicht daran interessiert, die Schulden auszuweiten, aber die Banker mochten das nicht. Also wurde das Federal Reserve System wieder auf dieser gleichen symbiotischen Beziehung aufgebaut, das Finanzministerium auf der einen Seite, die Banker auf der anderen, um das gesamte System zu stabilisieren.

Gebunden an die Verschwendungssucht der Banken

Epoch Times: Das Minimalreservesystem war für die meisten der finanziellen Panikattacken in den späten 1800er- und frühen 1900er-Jahren verantwortlich.

Vieira: Wenn man sie richtig interpretiert, würden Sie sehen, dass sie an die Verschwendungssucht der Banken gebunden waren, aber die Banker sagten: „Gut, das ist so, weil wir keinen Kreditgeber der letzten Instanz haben. Wenn wir jemanden hätten, der Liquidität hineinpumpen könnte, wenn wir diese Paniksituationen haben, weil das Mindestreserve-System zusammenbricht; wenn wir solch eine Art von System hätten, dann könnten wir die Panik in den Griff bekommen. Wir würden nie eine Inflation haben, und wir würden wir nie eine Depression bekommen.“

Also, das System steht auf und in der Zeit für den Ersten Weltkrieg bleibt am Laufen im Jahr 1914. Doch nach dem Ende des Ersten Weltkrieges von 1921 bis 1922 sieht man die erste Depression unter der Federal Reserve.

Dann kommt die Bankenkrise nach dem Börsenkrach 1929. In den Jahren 1931 und 1932 war dies der große Zusammenbruch des Federal Reserve System.

Roosevelt kommt 1933 ins Amt, greift nach dem Gold der amerikanischen Bürger, macht aus den Federal Reserve-Noten zum ersten Mal ein gesetzliches Zahlungsmittel, und hebt alle Goldklausel Verträge auf, die öffentlich oder privat bestanden.

Die Währungseinheit war Silber oder Gold – gemessen in Silber

Epoch Times: Warum ist das alles verfassungswidrig?

Vieira: Erstens, wenn Sie nach der Währungseinheit suchen, verlangt die Verfassung eine Währungseinheit als eine Silber-Einheit, den sogenannten Dollar. Das war der spanische Metall-Dollar; er wurde vom Kontinentalkongress verabschiedet und er wurde vom Kongress verabschiedet, nachdem die Verfassung ratifiziert worden war.

Und Gold musste auch im System sein, in einem, was ich Zwei-Metall-System nennen würde. Die Währungseinheit war Silber oder Gold und musste in Silber gemessen werden, aber beide sollten nebeneinander umlaufen.

Aber die Banken arbeiteten nach dem Mindestreserve-Prinzip und erzeugten Währung basierend auf Schulden und nicht auf der Basis der tatsächlichen Gold- oder Silberreserven. Dies war die Instabilität im System. Sie liehen mehr Geld aus, als sie an echtem Geldwert im Tresor hatten.

Epoch Times: Und wenn die Leute jemals ihre Währung einlösen wollten, waren die Banken mit ihrem eigenen Bankrott konfrontiert.

Vieira: Das ist richtig. Dann wandten sich die Banken an die Regierung und der erste Schritt war, was sie eine Aussetzung der Zahlungen von Geldnoten nannten.

Die Regierung sagte: „Nun, Sie müssen nicht den Gegenwert dieser Geldnoten auszahlen; Sie müssen diese Geldnoten für einige Zeit nicht einlösen, während Sie gerade Ihre Kreditportfolios in Ordnung bringen.“

Einige von ihnen ging natürlich Pleite, einige von ihnen nicht. Aber das war ein Sonderfall, dass die Regierung ins Spiel kam, um die privaten Banker zu schützen.

Das war in den 1820er-Jahren, den 1830-ern, vor dem US-Bürgerkrieg. Dann, nach dem Bürgerkrieg, mussten die in symbiotischer Beziehung stehenden nationalen Banken US-Schulden kaufen und erhielten 90 Prozent vom Nominalwert dieser Schuld in der Währung, die sie dann nach dem Mindestreserve-Prinzip ausleihen konnten.

Die Schwierigkeit in diesem System war, dass zu dieser Zeit die Amerikaner nicht bereit waren, eine endlose Ausweitung der Schulden zu tolerieren, so dass die Banken nicht in der Lage waren, die Menge der Währungen und Kredite zu erhöhen.

Und die Fed löst dieses Problem für die Banken?

Epoch Times: Und die Fed löst dieses Problem für die Banken?

Vieira: Die Federal Reserve löst dieses Problem für sie, aber sie hatte immer noch, in ihrer ursprünglichen Formulierung, einer Goldverbindung.

So mussten sie die loswerden, und sie wurden sie los auf der Grundlage eines Notfalls, der durch den Ausfall des Systems (Die Große Depression) verursacht wurde.

Wie konnten die Menschen diese Art der Argumentation akzeptieren?

Es ist unglaublich, wie die Menschen diese Art der Argumentation akzeptieren konnten.

Wenn Sie nun fragen, warum es verfassungswidrig ist, so hat es letztlich zu tun mit dieser Beziehung zur Währungs-Schöpfung.

Der Kongress soll die Prägung überwachen. Der Dollar soll eine Münze sein und Gold soll in Form von Münzen oder Barren zirkulieren, nicht in der Kredit-Form; diese Kreditform ist an das US-Finanzministerium gebunden.

Wenn Sie es wieder historisch betrachten, hatte der Kontinentalkongress im Unabhängigkeitskrieg die Macht, das zu tun, was sie nennen „Banknoten auszugeben“.

Als die Verfassung diskutiert wurde, gab es für diese Macht einen Entwurf, die Macht Geld zu leihen und „Banknoten auszugeben “. Sie hatten eine Debatte und schlugen es aus.

Unter unserem Verfassungssystem hat der Kongress nur die Befugnisse, die ihm von der Verfassung gegeben werden. Sie schlugen diese Bestimmung aus den Artikeln der Konföderation aus, also folgt daraus logischerweise, dass die Befugnis nicht da ist. Es gibt keine Macht im Kongress, um Papierwährung nach der auf Schulden basierenden Art zu erstellen.

Epoch Times: Aber Sie haben noch einen anderen Grund herausgefunden.

Vieira: Die Federal Reserve ist ein Kartell-Struktur. Sie haben 12 Regionalbanken und obendrauf ist das alles sehende Auge der Pyramide, der Board of Governors und das Federal Open Market Committee. Dann darunter in der Pyramide haben Sie alle privaten Mitgliedsbanken.

Wenn Sie diese Struktur nun mit einem Verfassungs-Auge betrachten, wo ich das schon mal gesehen habe, das ist in der Struktur, die Roosevelt im Jahre 1933 geschaffen hat in seinem ersten Versuch, die Depression zu überwinden.

Der „Fall krankes Huhn“

Es wurde der National Industrial Recovery Act genannt. Sie schufen eine von diesen kleinen Pyramiden in allen wichtigen Industriezweigen – für Stahl, für Kohle. Sie hatten eine für Geflügel. Es gab einen berühmten Fall Schechter gegen  die Vereinigten Staaten, genannt der „Fall krankes Huhn“.

In dieser Branche wurde ein gesetzlicher Code von den Teilnehmern erstellt, von den privaten Parteien. Unter diesem Code konnte ein Huhn-Verkäufer nicht ein Huhn allein verkaufen.

Er musste sie paarweise verkaufen. Wenn der Kunde sagt: „Ich mag nicht dieses Huhn, für mich sieht es krank aus, ich will nur das eine Huhn“, und du hast ihm nur ein Huhn verkauft, dann war das eine kriminelle Verletzung des Codes. Das geht bis vor den Obersten Gerichtshof in dem Schechter Fall und sie erklären einstimmig, dass die Struktur verfassungswidrig ist, weil es hinaus lief auf eine Delegierung von gesetzgebender Gewalt an private Parteien.

Das ist die genaue Struktur des Federal Reserve System: es ist eine Delegierung von einer Art Währungsbehörde an private Parteien, die 12 regionalen Reservebanken.

Natürlich haben sie das Board of Governors an der Spitze, aber der National Industrial Recovery Act hatte auch die National Recovery Administration als kleine Agentur, als oberste Aufsicht über alles.

Also, warum gibt es die Federal Reserve hier noch? Weil ihre Satzung 1913 erlassen wurde, und sie war nicht ein Teil des National Industrial Recovery Act.

Niemandem gelang es bisher, einen Fall vor den Obersten Gerichtshof zu bringen, um das Federal Reserve System auf der gleichen Grundlage herausfordern, auf der der National Industrial Recovery Act für verfassungswidrig erklärt wurde.


Edwin Vieira Jr., hat vier akademische Titel von Harvard: AB (Harvard College), A. M. und Ph.D. (Harvard Graduate School of Arts and Sciences) und JD (Harvard Law School).

Seit mehr als 30 Jahren ist er als Anwalt tätig, mit Schwerpunkt auf verfassungsrechtlichen Fragen. Er ist auch einer der bedeutendsten Verfassungs-Anwälte der USA, nachdem vier Fälle vom Obersten Gerichtshof angenommen wurden und er drei von ihnen gewonnen hat.

Sein zweibändiges Buch „Pieces of Eight: The Monetary Powers and Disabilities of the United States Constitution” ist die umfassendste Studie in der Existenz des amerikanischen Währungsrechts und der Geschichte aus verfassungsrechtlicher Perspektive.

Das Interview wurde für die Kürze und Klarheit bearbeitet.

Originalartikel auf Englisch: Is the Fed Unconstitutional?


Beitragsbild: “Edwin Vieira Jr. in New York, 22. Mai 2014” Quelle: http://www.epochtimes.de

Textquelle: EPOCH TIMES

Deflationsgefahr ein Hoax von Draghi

von Dr. Georg Erber

Mario Draghi hat lange Zeit das Gespenst der Deflationsgefahr in der Eurozone an die Wand gemalt. Jetzt schwenkt er öffentlich zwar um, aber er verwendet weiterhin dieses Argument zur Legitimation seiner exzessiv expansiven Geldpolitik. Durch einen erneuten Mengentender, d.h. jede Geschäftsbank erhält zu einem vorgegeben niedrigen Zinssatz von 0,2% der EZB die gewünschte Zuteilungsmenge an Zentralbankgeld, die voraussichtlich im Herbst dieses Jahres starten soll, – man rechnet hier mit einem Volumen von rund 400 Mrd. Euro – soll angeblich der Deflationsgefahr entgegengewirkt werden. Allerdings sollen diese Gelder zweckgebunden sein, d.h. die Geschäftsbanken müssten nachweisen, dass sie diese Mittel nicht wie bisher in großem Umfang bei der EZB parken. Um dem noch Nachdruck zu verleihen wird ein Strafzins für solche Anlagen bei der EZB von 0,1% eingeführt. Wie diese Zweckbindung im Einzelnen ausgestaltet werden soll, bleibt derzeit noch offen.

EZB-Chef Mario Draghi erkennt einen Rückgang beim Konsum der Haushalte in der EU. (Foto: JULIEN WARNAND/dpa)

EZB-Chef Mario Draghi erkennt einen Rückgang beim Konsum der Haushalte in der EU. (Foto: JULIEN WARNAND/dpa)

Gleichzeitig räumt man nun offiziell ein, dass die zuvor beschworene Deflationsgefahr selbst aus Sicht der EZB gar nicht aktuell existiert. Nachdem man also die jetzigen geldpolitischen Beschlüsse durchgesetzt hat, hat der Mohr – sprich Deflation – seine Schuldigkeit getan. Man will jetzt als anderes Ziel die Kreditklemme bekämpfen, da offensichtlich weiterhin die Geschäftsbanken bei der Kreditvergabe insbesondere an kleinere und mittlere Unternehmen oder Privatkunden große Zurückhaltung üben. Stattdessen wurden die liquiden Mittel weiterhin in großem Stil in die Aktien-, Immobilienmärkte und in höher verzinsliche Staatsanleihen der Eurozone, d.h. insbesondere der Krisenländer investiert. Das hat zwar die Zinsen für Staatsanleihen im Vergleich zu denen zu Beginn der Eurokrise deutlich gesenkt, aber eben nicht die Privatwirtschaft dieser Länder in Schwung gebracht.

Die Legende, dass mittels Eurobonds und die dadurch erzielbare Senkung der Zinskosten der Staaten der Krisenländer der Eurozone alles wieder ins Lot zu bringen sei, ist damit jetzt bereits empirisch widerlegt. Trotz erneut niedriger Zinsen in den Krisenländern – sogar niedriger als vor Ausbruch der Eurokrise -, ist von einem kräftigen Wirtschaftsaufschwung dort nichts zu bemerken. Erst recht nicht am Arbeitsmarkt. So wenig das Deflationsmärchen etwas mit der Realität zu tun hat, so wenig hat die Zinslegende der Eurobonds die tatsächlichen Ursachen der Krise in Europa offengelegt.

Kann de EZB die Banken zwingen verstärkt Kredite auszureichen?

Auch das jetzige Maßnahmenpaket dient nicht den Zwecken, die die EZB vorgibt damit bekämpfen zu wollen. Man wird – um es mit Keynes zu sagen – die Pferde zwar zur Tränke führen können, aber saufen müssen sie schon selber. Die Geschäftsbanken werden sich durch die EZB nicht zwangsweise zu Kredit zwingen lassen, die man nicht vergeben möchte. Des Pudels Kern findet sich stattdessen in der Bankenunion und dem angekündigten Stresstest, der AQR. Man muss die Bilanzen der Geschäftsbanken schönen, damit es nicht zu einer Bankenkrise aufgrund maroder Bankbilanzen kommt.

Bankenkrise ist Folge eines überdimensionierten Finanzsektors in Europa

Europa ist Overbanked, d.h. hat zu viele Geschäftsbanken, die eigentlich Pleite sind und derzeit nur mittels der Liquiditätshilfen der EZB am Leben gehalten werden. Deswegen hätte im Zuge eine massive Bereinigung im Bankensektor stattfinden müssen und hierfür gerechterweise auch deren Kapitaleigner und Einleger für die Verlustabdeckung zur Verantwortung herangezogen werden müssen (Stichwort: Haftungskaskade).

Die Politik der EU-Kommission, die EZB und die nationalen Regierungen haben sich anders entschieden und ohne eine solche grundlegende Bereinigung der Bankenlandschaft weitgehend alle Banken mittels gewaltiger Staatsbürgschaften, wie beispielsweise bei der HRE oder IKB in Deutschland vor dem Finanzkollaps auf Kosten der Steuerzahler „gerettet“. Das ließ die Staatsverschuldung explodieren und wurde nur teilweise mit Kürzungen der Sozialleistungen „finanziert“. Die Staatsschuldenquoten sind bei der Mehrheit der Länder weiter deutlich gestiegen und steigen auch weiterhin. Gespart wird de facto nicht, gespart wird an den Sozialleistungen, aber die Staatsverschuldung steigt. Wer aber zu Lasten der Bürger und nicht derjenigen konsolidieren möchte, schafft die Grundlage für soziale Unruhen. Das gilt nicht nur für die EU, sondern weltweit. Eine Politik der sozialen Ungerechtigkeit, die die Lasten einer hemmungslosen Spekulation der Vermögensbesitzer mittels Hedgefonds und Großbanken, den übrigen Bürger anlastet, ist der Hintergrund einer neuen Verteilungsdebatte über Einkommen und Vermögen. Cui bono? Wem nützt die derzeitige Politik auch der EZB?

Zudem hat man den größten Banken, die weltweit mit hochriskanten Derivatgeschäften operieren gemeinsam mit den anderen Ländern insbesondere den USA, Japan, der Schweiz und der VR China den Status von systemrelevanten Banken verliehen, die letztendlich auf eine Staatshaftungsgarantie, d.h. weitere bail-outs zu Lasten der Steuerzahler vertrauen können. Die Frage des damit verbundenen moralischen Risikos wurde ignoriert. Man begnügte sich damit, den Sifi-Banken höhere Eigenkapitalquoten in Aussicht zu stellen. Im Falle einer erneuten systemischen Krise dürften diese jedoch keineswegs ausreichend kapitalisiert sein, um ihre Verluste aus den vorhandenen Eigenmitteln dann auch abzudecken. Es ist und bleibt ein Feigenblatt. Der Steuerzahler bleibt indirekt über den Staat als lender-of-last-resort in der Haftung.

Bankenunion eine Scheinlösung

Mit der demnächst geplanten Europäischen Bankenunion werden die Probleme de facto auch nicht gelöst. Es werden nur Haftungsrisiken für Banken vergemeinschaftet. Deutsche Steuerzahler haften dann eben gemeinsam mit Italienern und Franzosen für marode Banken in ihren Ländern. Man hofft mit der Bankenunion einen Bankennationalismus , der bisher das Verhalten der einzelnen Regierungen prägte, verhindern zu können. Ob gemeinsame europäische Institutionen dafür ausreichend stark sein werden, bleibt aber mehr als zweifelhaft. Der Lackmustest wäre dann fällig, wenn beispielsweise eine Großbank eines Landes abgewickelt werden müsste.

Würde beispielsweise es die italienische Regierung akzeptieren, wenn die kriselnde italienische Bank Monte de Paschi , deren Aktien vom Börsenhandel erst kürzlich ausgesetzt werden mussten , analog der HRE abgewickelt werden müsste, da sie nicht nur illiquide sondern insolvent ist? Die Zustimmung dürfte entscheidend davon abhängen wer am Ende die Zeche zahlt. Ebenso wie Österreich hofft durch einen Schuldenschnitt der Hype Alpe Adria zu Lasten der Gläubiger insbesondere auch der Bayern LB die Kosten ins Ausland verschieben zu können , stimmen vermutlich viele Regierungen der Bankenunion nur zu, weil sie im Stillen hoffen, dass sie dabei einen Vorteil im Zuge der unausweichlichen Bankensanierung der EU für sich herausschinden können. Da das aber natürlich bei einem Nullsummenspiel nicht möglich sein wird, dürfte der Streit erst mit Beginn der Bankenunion richtig losgehen.

Zwar hätte dann die EZB als oberste Aufsichtsbehörde die Zuständigkeit für diese Entscheidung, aber es bleibt völlig offen, ob sich die jeweiligen Länder und deren Regierungen einer Entscheidung beugen werden, wenn es eine ihrer Banken tatsächlich treffen sollte. Die Einführung der Bankenunion wird also nicht die Lösung liefern, sondern vertagt derzeit nur den Streit auf den Zeitpunkt danach.

Wie der Streit um die Besetzung des Postens des EU-Kommissionspräsidenten bereits anschaulich dokumentiert, scheren sich die Regierungschefs wenig um institutionelle Gepflogenheiten und Regelungen, wenn ihnen das damit vorgegebene Ergebnis missfällt. Es ist daher meiner Ansicht nach nur eine weitere Illusion, dass fragile europäische Institutionen kontroverse Entscheidungen besser regeln können. Wie die Drohung Großbritanniens, aus der EU notfalls auszutreten , bereits zeigt, ist die Autonomie des Landes David Cameron wichtiger als die Unterordnung unter einem institutionellen Rahmen der EU. Die Hoffnungen, die Institutionalisten in die Reform der EU setzen, könnten sich daher rasch als Luftschloss erweisen.

Statt rasch nach Ausbruch der Finanzkrise die Bankensanierung auf nationaler Ebene sofort voranzutreiben und insolvente Banken abzuwickeln, hat die Politik die Zombiebanken immer weiter mit Geld durch die EZB zu versorgen, dazu geführt, dass ein Attentismus eingetreten ist, weil man eben darauf spekuliert durch die Kollektivhaftung in der Bankenunion billiger aus der Angelegenheit herauszukommen.

Es wundert daher nicht, dass einige Beobachter japanische Verhältnisse in Europa diagnostizieren. Dort wurde auch die Konsolidierung des Finanzsektors über mehr als ein Jahrzehnt verschleppt und hat damit maßgeblich zur langandauernden Stagnation der japanischen Wirtschaft und eine explodierende Staatsverschuldung beigetragen.

Die unorthodoxe Geldpolitik der EZB

Foto: Markus Vogelbacher  / pixelio.de

Alles wird gut !!!

Hat die EZB mit ihrer Geldpolitik die Währungsunion gerettet? Zweifel sind angebracht. Man hat es den Regierungen ermöglicht die Konsolidierung des Finanzsektors auf nationaler Ebene nicht voranzutreiben, da man ja die EZB in der Rolle des lenders-of-last-resort zusammen mit dem EFSF und dem ESM kostengünstiger in Anspruch nehmen konnte.

Dass eine solche Politik kumulativ steigende Lasten mit sich bringt, wird dabei geflissentlich unter den Teppich gekehrt. All diese uneinbringlichen Forderungen müssen ja mit Zins und Zinseszins in die Zukunft fortgeschrieben werden. So muss die Fed in den USA bereits verkünden, dass man auf Jahre hinaus die gewaltig aufgeblähte Bilanz wohl aufrechterhalten müsse, da es keine realistische Chance gibt, die Papiere ohne erhebliche Wertberichtigungen zurück in den Finanzmarkt zu schleusen. Es ist letztendlich das Eingeständnis, das die Politik von Ben Bernanke ein toxisches Erbe hinterlassen hat. Eine Bilanzbereinigung ist aber wegen der dann fälligen Verluste und der Notwendigkeit einer Rekapitalisierung der Fed unerwünscht. Also schleppt man die Lasten weiterhin in die Zukunft. Die Fed ist de facto bereits jetzt eine Zombiezentralbank. Allerdings führt die Bilanzschwäche der Notenbanken dazu, dass man im Falle einer erneuten schweren globalen Finanzkrise weitgehend handlungsunfähig sein wird. Noch einmal kann man nicht einen so gewaltigen bail-out stemmen.

Trotzdem führt dieses Risiko nicht zur Einsicht bei den Akteuren der Großbanken vorsichtiger zu operieren. Man tanzt weiter solange die Musik auf dem Börsenparkett spielt und versucht nebenbei seine Schäfchen rechtzeitig ins trockene zu bringen. Es ist eben eine Politik des l’après moi, le deluge. Die Flut kam in Frankreich in Form der französischen Revolution. Ludwig der XV wusste also was er sagte. Nur verhindert hat er die Katastrophe nicht.

Wenn aber zu hohen Buchwerten zu niedrige Realwerte gegenüber stehen, ist die Richtung der Korrektur am Ende klar. Die Buchwerte werden sich den Realwerten anpassen müssen. Diesen Vorgang kann man dann Vermögensabgabe, Schuldenschnitt oder Inflation bzw. Hyperinflation nennen. Jede dieser Ausprägungen ist jedoch alles andere als eine weiche Landung. Es ist ein Schock. Nur Deflation ist es nicht. Be prepared.


Autor: Dr. Georg Erber

Nach dem Studium der Volkswirtschaftslehre am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Freien Universität Berlin war Erber dort wissenschaftlicher Assistent am Institut für Versicherungsmathematik und Statistik mit dem Schwerpunkt Ökonometrie und Statistik. Er wurde dort zum Dr. rer. pol. in Volkswirtschaftslehre promoviert.

Seitdem arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Seine Forschungsschwerpunkte sind:

Netzwerkökonomie und Marktregulierung von Netzwerkindustrien insbesondere im Bereich der Telekommunikation, Wettbewerbspolitik im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien, Wirtschaftswachstum, Produktivität, Industriepolitik, Technologiepolitik und Innovationspolitik. Erber hatte Gastprofessuren in der VR China (Zhejiang-Universität, Hangzhou) und in Thailand (Thammasat-Universität, Chulalongkorn-Universität). Als GTZ-Kurzzeitexperte war er in Südamerika (INP – National Planning Institute, Lima, Peru) und Asien (ENAG – École National d’Administration et de Gestion, Vientiane, Laos).

Im Rahmen von Forschungskooperationen hatte Erber Gastaufenthalte in den USA (Harvard-Universität) und in England (Cambridge University). Im Jahre 2008 ist er am 7. Forschungsrahmenprogramm der EU, Intangible Assets and Regional Economic Growth (IAREG), beteiligt. Er war Gründungsmitglied, Managing Editor und später Associate Editor der wirtschaftswissenschaftlichen Zeitschrift Structural Change and Economic Dynamics (SCED). Zwischenzeitlich war Erber Mitherausgeber der Internationalen Technologie Berichterstattung im Auftrag des Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Er ist seit Mai 2009 Gründungsmitglied der OpenSpectrum Alliance, die sich für einen Regulierungsrahmen für unlicensed spectrum sharing und white space in Europa einsetzt und wurde von der WGL Leibniz-Gemeinschaft zum Allianz-Delegierten einer Arbeitsgruppen Adjusting to the Globalisation of Innovation des Committee for Scientific and Technological Policy (CSTP) der OECD in Paris ernannt. Seit 2006 publiziert Erber regelmäßig Kommentare zu Politik und Wirtschaft in der Readers Edition.

Beitragsbild: Guenter Hamich  / pixelio.de

Bild 2: “Alles wird gut” – Markus Vogelbacher / pixelio.de