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Die Militarisierung der Gesellschaft

von Rudolph Bauer

Bei der Militarisierung handelt es sich um einen gesamtgesellschaftlichen Prozeß, der teils schleichend und kaum wahrnehmbar, teils aber auch schnell beziehungsweise ganz plötzlich abläuft. Dabei nimmt das Zivile den Charakter des Militärischen an. Im Gegenzug anverwandelt das Militärische sich das Zivile – entweder in verdeckter Weise oder ganz offen, vor unser aller Augen.

Exemplarisch läßt sich dieser Prozeß im Sport aufzeigen, der ursprünglich zivil angelegt ist: als friedlicher Wettbewerb zur Gesunderhaltung und Zerstreuung. Im militärischen Kontext werden Formulierungen aus der Sportsprache übernommen. So heißt es wie beim Fußball, die Armee der Bundeswehr sei »gut aufgestellt«, Deutschland »spiele« wieder in der »Oberliga« der Weltmächte und dürfe militärisch nicht »im Abseits« stehen. Umgekehrt findet sich die militärische Semantik auch im Sport wieder. Da wird »verteidigt« und »angegriffen«, es gibt »Niederlagen« oder »Siege«. Obendrein beschäftigt die Bundeswehr mehr als 700 Spitzensportlerinnen und Spitzensportler in 15 Fördergruppen. Eine Bestleistung wird dann beispielsweise als die eines Bundeswehr-Obergefreiten gefeiert, erst in zweiter Linie als die eines Sportlers.

Wie beim Sport, so lassen sich auch auf weiteren Feldern Anzeichen der Militarisierung benennen. Grob können unter anderem folgende Bereiche unterschieden werden: der militärische und Sicherheitssektor, der industrielle und logistische Bereich, das ideologische und mediale Feld sowie die außenpolitische und die innenpolitische Arena.

Staatsbürger in UniformIn Schlagworten lassen sich die Prozesse im militärischen und Sicherheitssektor nachzeichnen als die einer Entwicklung von der allgemeinen Wehrpflicht zur Berufsarmee, »vom Staatsbürger in Uniform zum archaischen Kämpfer« (Jürgen Rose). Die Neomilitarisierung auf dem Feld der Industrie und Logistik erfolgte schrittweise von der Wiederbewaffnung für die Landesverteidigung hin zum aggressiven Export von Waffen, Rüstungsgütern und militärischem Know-how. Die Entwicklung im ideologischen und medialen Bereich führt von der kritischen Berichterstattung (Beispiel: Spiegel-Affäre des Jahres 1962) zum affirmativen »embedded journalism«, zur leitmedialen Kriegshetze und -propaganda. In der Innenpolitik läßt sich der Fortgang der Militarisierung im Paradigmenwechsel vom Datenschutz zur Totalüberwachung beobachten, bei der Außenpolitik im Wandel von der Diplomatie und Entwicklungshilfe hin zu »robusten« Militäreinsätzen im weltweiten Maßstab. Nicht zu vergessen: In Schule und Wissenschaft verbreitet sich der hegemoniale Habitus imperialer Normalität und militaristischer Forschungsgeilheit.

Die neuen Militarisierungsprozesse setzten unmittelbar mit dem Ende der Sowjetunion und des Warschauer Paktes ein. Zu diesem Zeitpunkt mußten die Militärspitzen und deren Bürokratieapparate ernsthaft befürchten, überflüssig zu werden, und die Rüstungsindustrie sah sich genötigt, Konversionsprojekten zuzustimmen. Es war aus militärischer Sicht höchste Zeit, neue Feindbilder zu schaffen, neue Strategien zu entwerfen und neue Waffen zu entwickeln.

Ein erstes Zeichen der Neomilitarisierung setzte 1992 der »Defence Planning Guidance« (Leitfaden zur Verteidigungsplanung) des Beraterstabes von Dick Cheney. Das entsprechende Papier des damaligen US-Verteidigungsministers wurde Washington Post und New York Times als Geheimdokument zugespielt und von ihnen veröffentlicht. Es enthielt drei zentrale Punkte. Erstens: Ziel US-amerikanischer Politik sollte es sein, zu verhindern, daß eine globale oder regionale Supermacht entsteht, die in der Lage ist, den Zielsetzungen der Vereinigten Staaten entgegenzutreten; zweitens die Forderung, den Zugang zu Rohstoffen zu sichern und die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen zu verhindern; drittens den Grundsatz, unilaterale Militäreinsätze zu billigen, um die genannten Ziele und Forderungen umzusetzen.

Etwa zeitgleich wurde in der Bundesrepublik ein Geheimpapier des Bundeswehr-Viersternegenerals und Generalinspekteurs Klaus Naumann bekannt. Naumann war bis 1999, dem Jahr der deutschen Beteiligung am Kosovokrieg, Vorsitzender des NATO-Militärausschusses und forderte eine Kompetenzerweiterung der NATO. Er empfahl einen »weiten Sicherheitsbegriff« zur Aufrechterhaltung des freien Welthandels und des Zugangs zu strategischen Rohstoffen. In diesem Sinne äußerten sich auch schon 1992 die Verteidigungspolitischen Richtlinien der deutschen Bundesregierung.

Seit dem Ende der 1990er Jahre vollzog sich ein weiterer Wandel hin zu einem umfassenden Sicherheitsbegriff, nach dem militärische und zivile Mittel gleichrangig und als miteinander verknüpft betrachtet werden. Im Gegensatz zum klassischen »erweiterten« Sicherheitsbegriff werden nun auch gesellschaftliche, ökonomische, ökologische und kulturelle Bedingungen als sicherheitsrelevant eingestuft.

1999 war es in der Bundesrepublik zur Gründung der Venusberg-Gruppe gekommen. Sie legte 2004 ihren ersten Bericht vor unter dem Titel »A European Defence Strategy« (Eine europäische Verteidigungsstrategie). Die Gruppe, benannt nach dem Ort ihres Treffens, dem Venusberg bei Bonn, entstand im Rahmen des vom Centrum für Angewandte Politikforschung (CAP) initiierten Projekts »Europas weltpolitische Verantwortung«. Ihre personelle Zusammensetzung mit Teilnehmern aus Ministerien, der Wissenschaft und militärnahen Institutionen erfolgte unter Leitung der Bertelmann-Stiftung und der »Bertelsmann-Forschungsgruppe Politik« des CAP.

2005 erschien ein zweiter Venusberg-Bericht: »Why the World needs a Strong Europe and Europe needs to be Strong. Ten Messages to the European Council« (Warum die Welt ein starkes Europa braucht und warum Europa stark sein muß. Zehn Botschaften an den Europäischen Rat). Hierauf folgte 2006 ein Dokument der Bertelsmann-Stiftung, überschrieben mit der Forderung »Deutschland braucht eine nationale Sicherheitsstrategie«. Zwei Jahre später erschien das dritte Venusberg-Papier: »Was folgt nach 2010? Leitlinien für die europäische Sicherheitspolitik im Zeitalter der Globalisierung«. Das Dokument enthielt Kapitel über Bedrohungsszenarien, die Fortschritte der Militarisierung sowie zur sicherheitspolitischen Strategieplanung. Es war im Jahr zuvor in englischer Sprache veröffentlicht worden.

Vor den Gefahren des Informationszeitalters warnte 2001 der US-Admiral a. D. Arthur K. Cebrowski in einem Interview. 2002 äußerte sich ähnlich Präsident George W. Bush im Vorwort zum Bericht der US-Regierung über die Nationale Sicherheitsstrategie: »Heutzutage können schattenhafte Netzwerke von Einzelpersonen großes Chaos und Leid über unser Land bringen – und es kostet sie weniger als ein einziger Panzer … Es ist eine Sache des gesunden Menschenverstandes, daß die Vereinigten Staaten gegen solche aufkommenden Bedrohungen vorgehen werden, bevor sie übermächtig werden.« Im Bericht selbst heißt es unmißverständlich: »Angesichts der Ziele von Schurkenstaaten und Terroristen können die Vereinigten Staaten nicht länger allein auf eine reaktive Haltung vertrauen … Wir dürfen unsere Feinde nicht zuerst zuschlagen lassen.«

An Stelle der Venusberg-Gruppe, deren letzter Bericht 2008 erschien, etablierte sich 2012 das Projekt »Elemente einer außenpolitischen Strategie für Deutschland«. Aus ihm ging 2013/14 eine Schrift hervor, auf die sich Bundespräsident Gauck und Ministerin von der Leyen bei der Münchner Sicherheitskonferenz 2014 bezogen: »Neue Macht. Neue Verantwortung. Elemente einer deutschen Außen- und Sicherheitspolitik für eine Welt im Umbruch«. Das zwischen November 2012 und September 2013 erarbeitete Papier fordert von der Bundesrepublik die Übernahme von mehr Verantwortung im Umgang mit »Störern der internationalen Ordnung«. Es plädiert für eine stärkere sicherheitspolitische Handlungsbereitschaft: »Europa und Deutschland müssen daher Formate für NATO-Operationen entwickeln, bei denen sie weniger auf US-Hilfe angewiesen sind. Das verlangt mehr militärischen Einsatz und mehr politische Führung. Vor allem muß Europa mehr Sicherheitsvorsorge in der eigenen Nachbarschaft betreiben; das ist Europas ureigene Verantwortung. Deutschland muß dazu einen seinem Gewicht angemessenen Beitrag leisten.«

Teilnehmer des Projekts, in dem »Neue Macht. Neue Verantwortung« konzipiert wurde, waren Vertreter aus Ministerien, Medien, Industrie, Parteien, Gewerkschaften, zivilgesellschaftlichen Organisationen und Stiftungen, darunter erneut die Bertelsmann-Stiftung. Gefördert wurde das Vorhaben durch den Planungsstab des Auswärtigen Amts der Bundesrepublik und initiiert durch den German Marshall Fund of the United States sowie die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Letztere wird unter anderem aus staatlichen Zuwendungen des Bundes gefördert. Im Bereich der Sicherheitspolitik arbeiten bei der SWP auch Offiziere der Bundeswehr.

I want youDie Aspekte des aktuellen Militarisierungsprozesses lassen sich wie folgt zusammenfassen: Die Neomilitarisierung verläuft nicht mehr allein im nationalen Maßstab, sondern im Zusammenhang transatlantischer Vasallenverpflichtung. In diesem Kontext beanspruchen die USA die Führungsrolle der exklusiven Supermacht. Ein erweiterter, umfassender Sicherheitsbegriff tritt an die Stelle des klassischen Verteidigungsmotivs. Als sicherheitsrelevant gilt der ungehinderte Zugang zu sämtlichen Rohstoffen außerhalb des eigenen Territoriums.

Ebenso wie die USA erachtet die BRD die Gefährdung des Welthandels und des Zugangs zu Rohstoffen als sicherheitsrelevant. Neben Rohstoffengpässen und Handelsrisiken gelten »Schurkenstaaten«, »Terroristen« und »Piraten« als Sicherheitsrisiken. Weitere neue Bedrohungen resultieren aus der informations-technologischen Entwicklung. Die USA beanspruchen für sich das Recht auf unilaterale militärische Erstschläge zur »Selbstverteidigung«. Gleicherweise ergeht sich die BRD aufgrund angeblich neuer Macht und Verantwortung in der Phantasie einer militärisch »neuen deutschen Rolle in der Welt«.

Gesamtgesellschaftliche Militarisierung bedeutet, daß die Gesellschaft ihr Objekt ist: Gesellschaft wird militarisiert. Militarisierung der Gesellschaft bedeutet aber auch, daß die Gesellschaft selbst der Akteur und das Subjekt der Militarisierung ist: Gesellschaft bewirkt Militarisierung. Anders formuliert: Es ist das gesellschaftliche System an und für sich, welches den Prozeß der Militarisierung hervorbringt und vorantreibt. Diese Seite der Militarisierung ist systemimmanent und läßt den prinzipiell kriegerischen Charakter der kapitalistischen Produktions- und Herrschaftsverhältnisse erkennen.

Meine Aussage deutet einerseits das Vergebliche des antimilitaristischen Kampfes an. In einem kapitalistischen System kann es keinen dauerhaften Frieden geben. Die Produktions- und Herrschaftsweise macht die Gesellschaft zum permanenten, offenen oder verdeckten Kriegsschauplatz. Andererseits aber enthebt die These vom kriegerischen Charakter des Gesellschaftssystems nicht der Notwendigkeit, über Militarisierung aufzuklären, daran entschiedene Kritik zu üben und der Furie des Krieges die Stirn zu bieten. Letzten Endes ist es aber eine Sache fundamental anderer politischer und ökonomischer Verhältnisse, die dazu beitragen werden, das kriegerische System abzuschaffen.

Dieser Beitrag basiert auf einer Rede, die Rudolph Bauer während der Ossietzky-Matinee gegen den Krieg am 3. Oktober in Berlin gehalten hat.


Quelle:  Erschienen in Ossietzky, der Zweiwochenschrift für Politik / Kultur / Wirtschaft – Heft 22/2014 > zum Artikel

Ossietzky, Zweiwochenschrift für Politik, Kultur, Wirtschaft, wurde 1997 von Publizisten gegründet, die zumeist Autoren der 1993 eingestellten Weltbühne gewesen waren – inzwischen sind viele jüngere hinzugekommen. Sie ist nach Carl von Ossietzky, dem Friedensnobelpreisträger des Jahres 1936, benannt, der 1938 nach jahrelanger KZ-Haft an deren Folgen gestorben ist. In den letzten Jahren der Weimarer Republik hatte er die Weltbühne als konsequent antimilitaristisches und antifaschistisches Blatt herausgegeben; das für Demokratie und Menschenrechte kämpfte, als viele Institutionen und Repräsentanten der Republik längst vor dem Terror von rechts weich geworden waren. Dieser publizistischen Tradition sieht sich die Zweiwochenschrift Ossietzky verpflichtet – damit die Berliner Republik nicht den gleichen Weg geht wie die Weimarer.

Wenn tonangebende Politiker und Publizisten die weltweite Verantwortung Deutschlands als einen militärischen Auftrag definieren, den die Bundeswehr zu erfüllen habe, dann widerspricht Ossietzky. Wenn sie Flüchtlinge als Kriminelle darstellen, die abgeschoben werden müßten, und zwar schnell, dann widerspricht Ossietzky. Wenn sie Demokratie, Menschenrechte, soziale Sicherungen und Umweltschutz für Standortnachteile ausgeben, die beseitigt werden müßten, dann widerspricht Ossietzky. Wenn sie behaupten, Löhne müßten gesenkt, Arbeitszeiten verlängert werden, damit die Unternehmen viele neue Arbeitsplätze schaffen, dann widerspricht Ossietzky – aus Gründen der Humanität, der Vernunft und der geschichtlichen Erfahrung.

Ossietzky erscheint alle zwei Wochen im Haus der Demokratie und Menschenrechte, Berlin – jedes Heft voller Widerspruch gegen angstmachende und verdummende Propaganda, gegen Sprachregelungen, gegen das Plattmachen der öffentlichen Meinung durch die Medienkonzerne, gegen die Gewöhnung an den Krieg und an das vermeintliche Recht des Stärkeren.

http://www.ossietzky.net/


Bild- und Grafikquellen:

  1. Beitragsbild: “Krieg ist keine Lösung” – Dietmar Meinert  / pixelio.de
  2. »I want you« – http://pixabay.com/de
  3. »Staatsbürger in Uniform« – Wikipedia CC-Lizenz

Globalisierte Barbarei

Ein Versuch, das Phänomen „Islamischer Staat“ zu begreifen.

von Tomasz Konicz

Auf ein Neues! Wieder einmal mobilisiert der Präsident der USA eine Koalition der Willigen, um gegen „Das Böse“ (SPON) zu Felde zu ziehen. Diesmal ist es die Terrortruppe „Islamischer Staat“ (IS), die in einem dreijährigen Feldzug niedergerungen werden soll, in dessen erster Phase die US-Airforce ihre Luftschläge auch auf Syrien ausweiten wird. Zugleich fordert das Weiße Haus vom Kongress die Kleinigkeit von 500 Millionen US-Dollar, um „moderate syrische Rebellen zu trainieren und zu bewaffnen“, wie Reuters berichtete.

Variante der IS-Flagge mit dem ersten Teil der Schahāda

Variante der IS-Flagge mit dem ersten Teil der Schahāda

Dieses Vorgehen weckt Erinnerungen an eine frühere Phase des syrischen Bürgerkrieges, als westliche Geheimdienste in trauter Gemeinsamkeit mit den fundamentalistischen Golfdespotien wie Saudi-Arabien die syrische Opposition unterstützten, aus der neben einer Vielzahl anderer islamistischer Milizen auch der Islamische Staat hervorging. Und selbstverständlich dominieren eben auch innerhalb der syrischen Oppositionsbewegung fundamentalistische Gruppierungen, die sich in Konkurrenz zum Islamischen Staat befinden und diesen bekämpfen.

Eine der wichtigsten syrischen Rebellengruppen stellt etwa die fundamentalistische Allianz Islamische Front dar, deren Führer Hassan Abboud jüngst bei einem mutmaßlich vom IS durchgeführten Attentat getötet wurde. Die Islamische Front stellt das größte Kontingent innerhalb der syrischen Rebellen dar – und sie verfügt über enge Kontakte zur Dschihadistengruppe al-Nusra.

Selbst dieser syrische Al-Kaida Ableger, die Jabhat al-Nusra, bemüht sich seit einer schweren Niederlage gegen den IS, durch Freilassungen von US-Geiseln sich vom Islamischen Staat zu distanzieren. Konsequenterweise werden diese „moderaten“ Rebellen künftig ihre militärische Ausbildung auf dem Territorium der Vorzeigedemokratie Saudi-Arabien absolvieren.

Um es klar auszusprechen: Der Westen ist mal wieder dabei, Islamisten zu bewaffnen, um Islamisten zu bekämpfen – und nebenbei seine geopolitischen Interessen zu verfolgen, die im Falle Syriens auf den Sturz des Assad-Regimes abzielen. Es stellt sich nur noch die Frage, welche Dschihadisten-Truppe, die jetzt noch als Teil der „moderaten Opposition“ gilt, in wenigen Jahren abermals außer Kontrolle gerät und vermittels militärischer Interventionen ausgeschaltet werden muss. Der Westen gleicht in seinem Windmühlenkampf gegen den islamischen Fundamentalismus dem berüchtigten Zauberlehrling, der die Geister, die er zwecks geopolitischer Instrumentalisierung in der vom Staatszerfall ergriffen Region herbeirief, nun nicht mehr loswird.

Dabei ist es nicht nur die westliche Geopolitik, die den Dschihadisten Auftrieb verschafft. Westliche Länder fungieren auch als wichtige Rekrutierungsfelder für den IS. Rund 3000 Dschihadisten aus Westeuropa, den USA, Kanada und Australien sollen amerikanischen Medienberichten zufolge in den Reihen des Islamischen Staates kämpfen. Von den rund 31.500 Kämpfern, die sich diesem Terrorgebilde angeschlossen haben sollen, ist insgesamt rund ein Drittel im Ausland – zumeist vermittels einer ausgefeilten Anwerbungskampagne – rekrutiert worden.

Ein in den kurdischen Autonomiegebieten Syriens gefangen genommener Selbstmordattentäter des IS berichtete gegenüber Medienvertretern von einem beständigen Zustrom von Dschihad-Touristen aus aller Welt, die sich den Kampfverbänden dieser Terrorarmee anschließen würden:

„Dort sind Nationalitäten aus aller Welt vertreten. Es sind viele Briten darunter. Sie kommen aus asiatischen Ländern, aus Europa und Amerika. Sie kommen von überall her.“

Der IS stellt somit gewissermaßen ein Nebenprodukt der krisenhaften kapitalistischen Globalisierung dar. Hierbei handelt es sich gerade nicht um eine autochthone, traditionalistische und aus den regionalen Sippenverbänden und „Stämmen“ hervorgegangene Aufstandsbewegung, sondern um eine im höchsten Maße globalisierte Besatzungsarmee, die sich in den sozioökonomischen und politischen Zusammenbruchsregionen des Zweistromlandes konstituierte. Deswegen massakriert der Islamische Staat nicht nur „Ungläubige“, sondern auch Sunniten, die sich dieser Fremdherrschaft zu widersetzen wagen. An die 700 Mitglieder eines sunnitischen Sippenverbandes in Ostsyrien wurden von dem IS Mitte August buchstäblich abgeschlachtet, nachdem deren Stammesführer den Dschihadisten die Gefolgschaft verweigerten.

Worin aber besteht das Wesen dieser „Fremdherrschaft“, die eine – zumindest in ihrer Führungsriege – größtenteils zugereiste Dschihadistentruppe in dieser Zusammenbruchsregion zu errichten trachtet? Das, was sich im Zweistromland in Gestalt des IS materialisiert, ist eine bitterböse Karikatur, ein Negativ der effizientesten Organisationsform, die der Spätkapitalismus hervorgebracht hat: der transnationalen Großkonzerne. Der Islamische Staat stellt eine hocheffiziente „Geldmaschine“ (Bloomberg) dar, die durch Einnahmen aus Ölschmuggel und sonstigen Geschäftsfeldern der Organisierten Kriminalität einen permanenten „Strom von Geldzuflüssen“ erzeugen konnte. „Der Islamische Staat ist wahrscheinlich die vermögendste Terrorgruppe, die wir jemals kennengelernt haben“, erklärte ein US-Analyst gegenüber Bloomberg.

Dieser Terrorkonzern, der regelrechte „Geschäftsberichte“ publiziert, verfügt über eine hocheffiziente interne Befehlsstruktur und eine sehr effektive Militärmaschine, er unterhält eine professionelle Public-Relations-Abteilung, die sich sehr erfolgreich der Rekrutierung neuer Mitglieder widmet – und er übt sich im „Lean Management“ der eroberten Gebiete, deren Verwaltung lokalen Würdenträgern überlassen wird, sofern sie dem „Kalifat“ Treue schwören und Gefolgschaft leisten. Die internationalen Verflechtungen dieser dschihadistischen „Geldmaschine“ beschränken sich nicht nur auf deren Mitgliederstruktur, auch die Anschubfinanzierung des IS erfolgte über internationale Finanzzuwendungen reicher Sponsoren aus den Golfstaaten.

Der wichtigste Unterschied zwischen dem global agierenden Konzern und dem Islamischen Staat besteht darin, dass für die transnationalen Konzerne die Akkumulation von Kapital den Selbstzweck ihrer gesamten Tätigkeit bildet. Alle Verwüstungen und Zerstörungen, die der Spätkapitalismus den Menschen und der Umwelt antut, bilden nur Nebenprodukte des blinden und uferlosen Strebens nach Kapitalverwertung, worin der irrationale Kern der kapitalistischen Produktionsweise nun einmal besteht. Für den Islamischen Staat stellt die Kapitalakkumulation hingegen nur ein Mittel zu einem anderen irrationalen Zweck dar, der in einem möglichst effizienten Vernichtungs- und Zerstörungswerk besteht. Nichts anderes stellen die besagten „Geschäftsberichte“ des IS dar, es sind Auflistungen der erfolgreichen Terroroperationen dieses „Unternehmens“. Die implizite Tendenz zur Selbstzerstörung, die dem Kapitalismus innewohnt, tritt beim IS somit offen zutage, sie wird explizit.

Vom IS kontrollierte Gebiete in Syrien und im Irak

Vom IS kontrollierte Gebiete in Syrien und im Irak

Der Islamische Staat nutzt somit die effektivsten Organisationsformen und rationellsten Methoden, die der krisengeplagte Spätkapitalismus hervorbrachte, um ein irres, ein wahnsinniges Ziel zu verfolgen: die buchstäbliche Auslöschung aller Ungläubigen. Spätestens hier wird eine Parallele zu dem bisher größten Zivilisationsbruch der Weltgesichte, dem Vernichtungswerk des deutschen Nationalsozialismus, offensichtlich. Auch die Nazis bedienten sich der damals modernsten Organisationsformen und Methoden, um mit Auschwitz eine fordistische Todesfabrik zu erschaffen, deren fließbandartig hergestelltes „Produkt“ in dem aus den Krematorien aufsteigenden Rauch verbrannter Menschenleiber bestand. So wie die Nazis im rassistischen Wahn eine effiziente negative Fabrik der Menschenvernichtung errichteten, um die Welt von Juden, Roma, slawischen Untermenschen oder Bolschewisten zu „säubern“, so konstituiert sich der IS in der Organisationsform eines negativen Konzerns, um sein irres Ziel eines religiös reinen Weltkalifats zu verfolgen. Die instrumentelle Rationalität und ökonomistische Vernunft des westlichen Kapitalismus, die zwecks effizientester Kapitalakkumulation immer weiter vervollkommnet wird, schlägt so in den Händen des IS in nackte Barbarei um.

Im Terrorkonzern, den der Islamische Staat errichtet, spiegelt sich somit die krisenhafte Irrationalität kapitalistischer Vergesellschaftung. Inzwischen scheinen sich erste Franchisenehmer auf dem globalisierten Terrormarkt einzufinden, die das massenmörderische Erfolgsrezept des IS zu kopieren versuchen. Eine zweite Welle der Globalisierung der dschihadistischen Barbarei setzt ein. Die „wachsende Popularität“ des IS in Südostasien könnte langfristige Sicherheitsbedrohungen nach sich ziehen, warnte etwa Aljazeera Mitte Juli. Tatsächlich hat sich auf den Philippinen kürzlich die Terrorgruppe Abu Sayyaf dem Islamischen Staat angeschlossen. Die westafrikanischen Dschihadisten der Boko Haram, die laut Neewsweek ein „Territorium von der Größe Irlands“ kontrollieren, bemühen sich ebenfalls, mit der Ausrufung ihres afrikanischen „Kalifats“ das Vorgehen des IS zu imitieren.

Um was konkurrieren die Terrorgruppen auf dem globalen Terrormarkt? Neben den Finanzzuwendungen vermögender Sponsoren aus den Despotien der arabischen Halbinsel ist es vor allem die Ware, die der Spätkapitalismus im Überfluss ausscheidet: Menschen. Viele der spektakulären Angriffe und Aktionen des IS – wie etwa die kurzfristige Okkupierung der Talsperre bei Mossul – zielen gerade auf einen propagandistischen Effekt ab, mit dem die Rekrutierung neuen Menschenmaterials beschleunigt werden soll. Mit Erfolg, wie eine US-Studie belegt. Demnach haben insbesondere die afghanischen Taliban, die unter enormen militärischen Druck geraten sind, einen herben Exodus ausländischer Kämpfer verzeichnen müssen, die nun gen Syrien und Irak aufbrechen, um sich den dortigen Dschihadisten anzuschließen:

„Kämpfer aus Usbekistan, China und Tschetschenien haben kaum Chancen, in ihre Heimatländer zurückzukehren, aber sie wissen, dass sie in Syrien und dem Irak willkommen sind, wo Jabhat al-Nusra und der Islamische Staat gegen den syrischen Präsidenten Assad, gegeneinander, und im Falle des Islamisches Staates gegen Kurden, Irakis und sogar den Iran kämpfen.“

Es ist ein Eingeständnis des völligen Scheiterns des brutalen westlichen „Krieges gegen den Terror“, der letztendlich unter Anwendung terroristischer Methoden geführt wurde. Nach rund 13 Jahren hat sich eine global agierende Schicht von Zehntausenden heimatlosen Gotteskämpfern herausgebildet, deren Heimat der „Heilige Krieg“ ist. Im Gegensatz zum global agierenden Al-Kaida-Netzwerk ist diese neue Generation von Dschihadisten aber bemüht, in den Zusammenbruchsgebieten des Weltmarktes Territorien zu erobern und zu halten, um ihr Wahngebilde eines weltumspannenden Kalifats zu verwirklichen.

Zurückgreifen kann der in Geld schwimmende Islamische Staat dabei auf die Heerscharen ökonomisch „überflüssiger“ junger Männer, die in der Peripherie – und zunehmend auch in den Zentren – des kapitalistischen Weltsystems ein marginalisiertes und elendes Dasein fristen. Ein Sold von wenigen Hundert US-Dollar im Monat und die Hoffnung auf ein jenseitiges Paradies reichten in vielen Fällen aus, um diese perspektivlosen Menschen, die in der Hölle zerfallender Staaten und Gesellschaften vegetieren, zum Beitritt in die Reihen des IS zu motivieren.

Doch was veranlasst Tausende Muslime aus dem Westen, sich dem dschihadistischen Terrornetzwerken anzuschließen? Eine Studie des Verfassungsschutzes, in der die Lebensläufe der knapp 400 aus Deutschland in den „Heiligen Krieg“ gezogenen Islamisten beleuchtet wurden, kommt zu dem Ergebnis, dass sich größtenteils marginalisierte Muslime den Dschihadisten angeschlossen haben. Einer geregelten Beschäftigung gingen nur 12 Prozent dieser Gotteskrieger nach, die überwältigende Mehrheit hiervon war im Niedriglohnsektor beschäftigt. Nur sechs Prozent hatten eine Ausbildung absolviert, zwei Prozent ein Studium. Rund ein Drittel dieser Islamisten war schon zuvor mit dem Gesetz in Konflikt geraten, größtenteils im Zusammenhang mit gettoüblicher Kleinkriminalität. Bei der Mehrheit der Ausgereisten handelte es sich somit um Angehörige der Unterschicht, die unter prekären Lebensbedingungen in den informellen Ausländergettos der BRD ein marginalisiertes Leben am Rande der Legalität fristen – bis sie in die Fänge der Salafistenszene geraten. Bezeichnend ist etwa, dass nur in 23 Prozent der Fälle die Eltern dieser Gotteskrieger einen fundamentalistischen Islam praktizierten. Ein Paradebeispiel für eine solche Karriere vom kleinkriminellen Gettokid zum Gotteskrieger stellt der Rapper Denis Cuspert dar, der inzwischen in den engeren Führungszirkel des IS aufgestiegen sein soll.

Es sind somit gerade keine traditionsbehafteten Muslime, die da in den Terrorkrieg ziehen, wie auch Tarfa Baghajati, Obmann der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen, in einem Interview mit Radio Free Europe erläuterte. Es gebe eine Reihe von Faktoren, auf die die Rekrutierungserfolge des IS in Europa zurückzuführen seien, so Baghajati:

„Am beachtenswertesten ist erstens, dass die jungen Leute, die sich diesen Gruppen anschließen, zuvor keine starken Bindungen an den Islam und andere Muslime hatten. Sie haben nie Moscheen besucht und einige von ihnen wussten zuvor gar nicht, wie man betet. Deswegen ist ihre religiöse Erfahrung sehr stark emotionsgeladen. … Der zweite Faktor besteht darin, dass diese jungen Menschen sich nicht als Teil der westlichen Gesellschaft sehen. Sie haben es nicht vermocht, sich positiv einzubringen. Zudem gibt es auch Diskriminierung und indirekte Verfolgung gegen den Islam und Muslime, die unter dem Begriff Islamophobie zusammengefasst wird.“

Die vom IS rekrutieren Muslime aus den Westen sehen sich nicht als Teil dieser Gesellschaften, weil sie es nicht sind, weil sie durch ökonomische Marginalisierung und zunehmenden Rassismus von der kriselnden kapitalistischen Arbeitsgesellschaft ausgeschlossen sind. Der europaweit krisenbedingt zunehmende Rassismus und Rechtsextremismus, der sich in den Wahlerfolgen der AfD, der britischen UKIP oder des französischen Front National manifestiert, zielt ja letztendlich auf den ökonomischen Ausschluss derjenigen Gruppen, die nicht als Teil der „Volksgemeinschaft“ verstanden werden („Arbeitsplätze zuerst für Deutsche“). Der Rechtsextremismus, der den Ausschluss bestimmter Bevölkerungsgruppen propagiert, stellt somit eine ideologische Waffe im krisenbedingt zunehmenden Konkurrenzkampf dar. Es verwundert somit nicht, dass der IS das europaweit größte Kontingent an Kämpfern in Frankreich, im krisengeplagten Land der Banlieues und des Front National, rekrutieren konnte.

Die Hinwendung zum extremistischen Islam unter europäischen Muslimen stellt somit eine Parallelentwicklung zu dem krisenbedingt zunehmenden Rechtsextremismus in Europa dar. Der militante und terroristische Dschihadismus stellt letztendlich eine religiös verbrämte Modifikation des Rechtsextremismus, eine Art postmodernen und globalisierten Klerikalfaschismus dar. Während im Westen die nationale Identität als ein Nährboden dient, aus dem rechtsextreme und faschistische Ideologien erwachsen, fungiert im arabischen Kulturkreis die Religion als eben dieser Nährboden, der Vernichtungsfantasien hervorbringt. Die Kategorie der Rasse, die in Europa die faschistische Vernichtungswut befeuerte, wurde im klerikalfaschistischen Dschihadismus durch die Kategorie des „Ungläubigen“ ersetzt.

Sowohl der Islamismus wie der europäische Rechtsextremismus stellen zudem einen Extremismus der Mitte dar, der die in der Gesellschaft dominierenden ideologischen Vorstellungen und Anschauungen ins geschlossene weltanschauliche Extrem treibt. Im Fall des Islamismus ist es die Religion, die in der „Mitte“ der arabischen Gesellschaften eine hegemoniale Stellung einnimmt, beim Rechtsextremismus ist es die längst zu einem ökonomistischen Standortdenken mutierte nationale Identität, die ins Extrem getrieben wird. Beide Ideologien können zudem als postmodern bezeichnet werden, da sie einen ideellen Ausfluss der Krise und des Scheiterns der kapitalistischen Moderne darstellen.

Der islamistische „Extremismus der Mitte“ kann letztendlich auch als eine Abart des Klerikalfaschismus begriffen werden. Faschismus – ob nun der deutsche Nationalsozialismus, Francos katholischer Faschismus in Spanien oder die faschistische Diktatur Pinochets in Chile – stellt eine offen terroristische Krisenform kapitalistischer Herrschaft dar. Rechtsextreme und faschistische Tendenzen gewinnen immer dann an Dynamik, wenn die bürgerlich-liberale kapitalistische Gesellschaft in eine ökonomische oder politische Krise gerät, die das Fortbestehen des Gesamtsystems gefährdet oder auch nur zu gefährden scheint (Weltwirtschaftskrise 1929, Sieg der Volksfront 1936 in Spanien oder Allendes Wahlerfolg 1970 in Chile).

Ob nun in Europas Metropolen oder in den Zusammenbruchsregionen des Zweistromlandes – der Konstitutionsprozess des rassistischen wie des klerikalen Rechtsextremismus verläuft in sehr ähnlichen Bahnen. In Reaktion auf Krisenerschütterungen, auf das Auseinanderbrechen der bestehenden Gesellschaftsordnung setzt oftmals eine verstärkte Identitätsproduktion in den betroffenen Gesellschaften ein. Wenn alles in Fluss, in Unordnung gerät, suchen die autoritär disponierten Individuen Halt – und den finden sie nur noch in der Identität, in dem, was sie scheinbar sind: Deutscher, Franzose, Sunnit, Schiit. Die Angst vor der Zukunft und den unverstandenen Umbrüchen führt zu einer Sehnsucht nach früheren, als idyllisch imaginierten Gesellschaftszuständen; sei es der rassereine Nationalstaat oder das frühmittelalterliche Kalifat.

Die Karte, auf der das riesige Land eingezeichnet ist, das der Islamische Staat für das neue Kalifat erobern will, wurde am Sonntag vom Islamistenumfeld auf Twitter veröffentlicht. Die Islamisten wollen laut Eigendarstellung in den kommenden fünf Jahren wesentliche Teile des schwarz dargestellten Landes erobern. Für die Unterwerfung Madrids nennen die Islamisten das Jahr 2020.

Die Karte, auf der das riesige Land eingezeichnet ist, das der Islamische Staat für das neue Kalifat erobern will, wurde am Sonntag vom Islamistenumfeld auf Twitter veröffentlicht. Die Islamisten wollen laut Eigendarstellung in den kommenden fünf Jahren wesentliche Teile des schwarz dargestellten Landes erobern. Für die Unterwerfung Madrids nennen die Islamisten das Jahr 2020.

Der große Selbstbetrug bei dieser Hinwendung zur Identitätspolitik besteht selbstverständlich darin, dass diese Identitäten sich ja nur in Wechselwirkung mit der kriselnden kapitalistischen Gesellschaft konstituieren und somit nur identitärer Ausdruck des spätkapitalistischen Krisenprozesses sind. Das, was unter „deutscher Identität“ in der gegenwärtigen Deutschland AG landläufig verstanden wird, hat recht wenig zu tun mit den Deutschlandvorstellungen des frühen Kaiserreichs oder gar mit denen der Paulskirchenversammlung. Dasselbe gilt für den Islam, der gerade im frühen Mittelalter oftmals viel toleranter war, als es die gegenwärtigen Gotteskrieger und postmodernen Kalifatsbauer je wahrhaben möchten. Es reicht hier, etwa daran zu erinnern, dass die Juden Spaniens gerade in der Frühphase der maurischen Herrschaft (von 711 bis zum Zusammenbruch des Kalifats von Córdoba 1031) weitgehende Religionsfreiheit und Rechtssicherheit genossen; vertrieben wurden sie erst durch die „Katholischen Könige“ nach der endgültigen Reconquista 1492.

Die gegenwärtige krisenbedingte Hinwendung zur nationalen oder religiösen Identität, die als ein ahistorisches und unabänderliches Kontinuum halluziniert wird, geht fast immer mit einer autoritären Charakterstruktur bei den betroffenen Personen einher. Der postmoderne Islamist unterwirft sich genauso blind der rigiden Koranauslegung, wie es die postmodernen Rechtsparteien mit den geheiligten Gesetzen des Marktes und des Kapitalkultes (in Gestalt der zum Wirtschaftsstandort verkommenen Nation) praktizieren. In beiden Fällen führt die Unterwerfung zum Hass auf all diejenigen, die dies anscheinend nicht genauso praktizieren (Ungläubige, „Sozialschmarotzer“, Arbeitslose, etc.).

Der den europäischen wie islamischen Faschismus charakterisierende Gleichklang von Unterwerfung und Hass resultiert daraus, dass diese Unterwerfung mit Triebverzicht erkauft wird. Die Träger dieser Ideologien leiden insgeheim unter den absurden Vorgaben und Geboten, die der Fetischdienst an Koran und Kapital diktiert, wobei die autoritäre Charakterstruktur ein Aufbegehren gegen diese Leidensquellen ausschließt. Deswegen richtet sich die so aufgestaute Wut gegen imaginierte äußere Feinde. Beiden Ideologien wohnt auch ein analcharakterhafter Reinheitswahn inne, der sich beim Rechtsextremismus auf die Reinhaltung des Volkes, der Nation oder des Wirtschaftsstandortes von „Parasiten“ erstreckt, während der Islamismus von der Manie um die Reinhaltung des religiösen Kultes verzehrt wird.

Die autoritären Dispositionen, die den Rechtsextremismus arabischer wie europäischer Prägung gleichermaßen antreiben, werden schon im Kleinkindalter in der patriarchalen oder kleinbürgerlichen Familie erworben, die der Psychoanalytiker Wilhelm Reich in seiner 1933 erschienen Studie „Massenpsychologie des Faschismus“ als die „Keimzelle des autoritären Staates“ bezeichnete. Der Staat und die Kirche setzten die in der autoritär-patriarchalen Familie eingeleitete autoritäre Strukturierung des Individuums fort. Zentral sei hierbei die Sexualunterdrückung, so Reich:

„Die autoritäre Strukturierung des Menschen erfolgt … zentral durch Verankerung sexueller Hemmung und Angst am lebendigen Material sexueller Antriebe. … Ist nämlich die Sexualität durch den Prozess der Sexualverdrängung aus den naturgemäß gegebenen Bahnen der Befriedigung ausgeschlossen, so beschreitet sie Wege der Ersatzbefriedigung verschiedener Art. So zum Beispiel steigert sich die natürliche Aggression zum brutalen Sadismus.“

Diese in Hinblick auf den deutschen Nationalsozialismus gemachten Beobachtungen treffen aber offenbar auch die Lebensrealität vieler Menschen in den krisengeplagten arabischen Ländern. Es ist nicht nur die bestialische Behandlung „erbeuteter“ Frauen durch Kämpfer des Islamischen Staates, in der sich der durch Sexualverdrängung konstituierte „brutale Sadismus“ äußert, auch die brutalen Übergriffe auf Frauen während des Aufstandes in Ägypten wurden durch diese sexuelle Frustration befeuert.

Teilweise ist der in den vergangenen Dekaden zunehmende Verschleierungsdruck in vielen islamischen Gesellschaften auf die Wechselwirkung von ökonomischer Krisendynamik und krisenbedingter Islamisierung zurückzuführen. Der Islam verbietet strikt vorehelichen Sex, doch zugleich bringt die Krise der kapitalistischen Arbeitsgesellschaft eine Heerschaar ökonomisch überflüssiger junger Menschen im arabischen Raum hervor, die sich die Gründung einer Familie schlicht nicht leisten können. Die ideologisch durch den Islamismus aufgenötigte Sexualverdrängung führt somit angesichts der sich zuspitzenden Krise zu dem überschäumenden Hass auf Frauen, deren Anblick der Islamist nur unter Vollverschleierung ertragen kann, ohne von seinem zum bloßen Sadismus degenerierten Sexualtrieb übermannt zu werden.

2014_08_25_slavemarket_w-300x216Die vom Islamismus angestrebte Verbannung der Frau aus dem öffentlichen Raum wird aber vor allem durch einen anderen Faktor angetrieben, der aus der gescheiterten kapitalistischen Modernisierung dieser peripheren Weltmarktregion resultiert. Die historische Durchsetzung des Kapitalismus ging mit der „Abspaltung“ all jener Bereiche der gesellschaftlichen Reproduktion einher, die nicht in dem Prozess der Kapitalverwertung aufgehen können, wie die Haushaltsführung und die Familienarbeit, die dann der Sphäre des „Weiblichen“ zugeordnet wurden. Die Familien- und Haushaltsarbeit wird bis zum heutigen Tage als wertlos angesehen, da sie keinen Wert schafft, nicht unmittelbar Teil des Verwertungsprozesses des Kapitals ist. Die Sphäre der wertbildenden Arbeit war hingegen bis weit ins 19. Jahrhundert ausschließlich männlich determiniert, der „harte“ und rationell handelnde Mann hatte sich als Ernährer auf dem Markt zu behaupten, während der Frau die Sphäre des Privaten, des Irrational-Sinnlichen und der Hege und Pflege zugewiesen war. Diese Scheidung zwischen männlich-öffentlicher Sphäre der wertbildenden Arbeit (sowie der Politik, Kunst und Wissenschaft) und der weiblich-privaten Sphäre der „wertlosen“ Arbeit bildete die Grundlage der Frauendiskriminierung in den kapitalistischen Ländern, die ja erst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zumindest formell aufgehoben werden konnte (Frauenwahlrecht).

In der mittelalterlichen patriarchalen Familie – die ja zu gut 90 Prozent eine Bauernfamilie war – bestand ebenfalls eine Arbeitsteilung zwischen Ehemann und Ehefrau, doch waren ihre Tätigkeiten gleichermaßen auf die direkte Bedürfnisbefriedigung gerichtet und nicht auf die Akkumulation von Kapital. Die Kategorien des Werts und der abstrakten Arbeit gab es schlicht und einfach nicht, weshalb die weiblichen Tätigkeiten auch nicht herabgesetzt werden mussten. Die Dämonisierung der Frau, des Sinnlich-Weiblichen setzte in Europa denn auch erst in der frühen Neuzeit ein, im Gefolge des Zusammenbruchs der mittelalterlich-ständischen Gesellschaftsverfassung und des Aufkommens erster Ansätze der kapitalistischen Wirtschaftsweise, die eben diese für die damaligen Menschen ungeheuerliche und unverstandene Abspaltung der Sphäre des Weiblich-Privaten von dem aufkommenden Regime der Kapitalverwertung mit sich brachte. Die Dämonisierung der Frau äußerte sich in dem Hexenwahn, der Europa und Nordamerika vom 16. bis zum 18. Jahrhundert im Würgegriff hielt, und dem Zehntausende von Frauen und Mädchen zum Opfer fielen. Zentral war bei nahezu allen zumeist von weltlichen Gerichten geführten Prozessen die Anschuldigung, die angeblichen Hexen hätten mit dem Teufel oder Dämonen Sexualverkehr praktiziert, um ihre „übernatürlichen Kräfte“ zu gewinnen. Und es war gerade die halluzinierte Anwendung eben dieser weiblich-dämonischen Kräfte, die für das Chaos verantwortlich gemacht wurde, in dem sich die in Systemtransformation begriffenen, frühneuzeitlichen Gesellschaften befanden.

Keine andere Anschuldigung bringt eine Frau im heutigen Afghanistan, Libyen oder Saudi-Arabien stärker in Lebensgefahr als die des außerehelichen Geschlechtsverkehrs. Die Systemtransformation zu Kapitalismus und Weltmarkt, die in Europa blutige Jahrhunderte in Anspruch nahm, brach in der Peripherie mit der Intensität einer Naturkatastrophe ein, sie vollzog sich in weitaus kürzerer Zeit (wenige Dekaden) – und sie hatte einen weitaus höheren ideologischen Legitimitätsdruck zur Folge, bei dem traditionell-patriarchale Strukturen mit den „neuartigen“ kapitalistischen Vergesellschaftungsformen – und der damit einhergehenden Abspaltung der weiblich konnotierten, der Kapitalverwertung unzugänglichen Lebensbereiche – in Übereinstimmung gebracht werden mussten.

Der große historische Unterschied zwischen Europa und Arabien besteht darin, dass die kapitalistische Modernisierung zwischen Hindukusch und Atlasgebirge dort nicht mehr gelingen konnte. In diesen krisengeplagten Ländern, die oftmals schon von Staatszerfall ergriffen sind, wird sich keine funktionierende kapitalistische Arbeitsgesellschaft mehr etablieren, die einer Säkularisierung dieser Gesellschaften Vorschub leisten könnte. Das Scheitern der Modernisierung und die damit um sich greifende Krisendynamik führen somit zu einer Verhärtung der islamistischen Krisenideologie und der regelrechten Tabuisierung des Weiblichen: Als ob die Totalverschleierung und totale Verbannung der Frau aus dem öffentlichen Leben es den Männern trotz der Weltkrise des Kapitals ermöglichen würde, sich noch als selbstherrliche Marktsubjekte zu betätigen.

In der barbarischen Gegenwart islamistischer Ideologie und Praxis findet der kapitalistisch-liberale Westen somit die Echos seiner eigenen blutgetränkten Vergangenheit. Mehr noch: Der barbarische Kern kapitalistischer Vergesellschaftung kommt im extremistischen Islamismus wie im Rechtsextremismus zum Vorschein. Auf die Gräuel des Islamischen Staates blickend schaut die westliche Wertegemeinschaft in den Spiegel. Nichts wäre verkehrter, als den von beiden extremistischen Seiten proklamierten „Kampf der Kulturen“ für bare Münze zu nehmen. Die westliche Kultur stellt keinen positiven Gegenpol zum dschihadistischen Wahnsinn dar. Die liberalen westlichen Zentren des kapitalistischen Weltsystems schwitzen in der gegenwärtigen Systemkrise sowohl den Rechtsextremismus wie den Islamismus aus.

Offensichtlich ist dies, wie eingangs dargestellt, auf der geopolitischen Ebene, wo die politische, finanzielle oder militärische Unterstützung des Dschihadismus seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts – als islamistische Fundamentalisten mit Unterstützung des Westens in den Heiligen Krieg gegen den gottlosen Kommunismus in Afghanistan zogen – zum Fundus westlicher Geopolitik gehört. Ein gewisser Osama Bin Laden hat seine ersten militärischen Erfahrungen unter den Fittichen der CIA in Afghanistan machen können. Saudi-Arabien, das wohl brutalste fundamentalistische Regime der Welt, ist ein enger Verbündeter des Westens, der mit milliardenschweren Waffenlieferungen hochgerüstet wird.

Doch es ist vor allem die von den Zentren ausgehende und die Peripherie verwüstende ökonomische Krise, die erst die Heerscharen ökonomisch überflüssiger junger Männer hervorbringt, die mangels Perspektiven bereit sind, sich dem Todeskult der Dschihadisten anzuschließen. Das mühselige Überleben in der Hölle der Zusammenbruchsökonomien Iraks, Syriens oder Afghanistans ist für immer mehr Menschen dermaßen unerträglich, dass sie bereit sind, dieses gegen die illusorische Aussicht auf ein jenseitiges Paradies zu tauschen.

Schließlich sind die ideologischen und identitären Reflexe auf diesen Krisenprozess im Abend- wie im Morgenland sehr ähnlich gelagert. Es findet eine autoritäre Rückbesinnung auf die religiöse oder nationale Identität statt, die vorhandene nationale oder religiöse Anschauungen ins ideologische Extrem treibt und zu einer militanten Mobilisierung gegen äußere Feindbilder oder innere Abweichler führt. Der Islamismus ist somit – genauso wie der Rechtsextremismus – ein Produkt der Weltkrise des Kapitals.

Tomasz Konicz


Quelle:  Streifzuege-Team – MAGAZINIERTE TRANSFORMATIONSLUST  – zum Artikel

Bild- und Grafikquellen:

  1. Beitragsbild: »Miliz Islamischer Staat« – © Militant Website, File/AP/dpa
  2. Flaggenvariante »Isamischer Staat« – Wikipedia CC
  3. »Vom IS kontrollierte Gebiete in Syrien und im Irak« – Wikipedia CC
  4. »Die Karte, auf der das riesige Land eingezeichnet ist, das der Islamische Staat für das neue Kalifat erobern will« – www.katholisches.info
  5. »Frauen als Sklaven der IS« – civaka-azad

Können China und Russland Washington aus Eurasien hinausdrücken?

Dies ist in meinen Augen eine gute Analyse, was keineswegs heißt, dass ich mit allem einverstanden bin. Dass auch Pepe Escobar so große Hoffnungen auf Deutschland setzt, wie Craig Roberts auch, finde ich interessant.

von Pepe Escobar

Ein Gespenst sucht das schnell alternde “Neue Amerikanische Jahrhundert” heim: die Möglichkeit einer künftigen Beijing-Moskau-Berlin strategischen Handels- und Wirtschafts-Allianz. Nennen wir sie BMB.

Das Nato-Hauptquartier in Brüssel.

Das Nato-Hauptquartier in Brüssel.

Deren Wahrscheinlichkeit wird ernsthaft auf höchster Ebene in Beijing und Moskau diskutiert und wird mit Interesse in Berlin, Neu Delhi und Teheran beobachtet. Aber sprecht nicht davon in Washingtons Umgebung oder im NATO-Hauptquartier in Brüssel.

Dort ist der Star der Show heute und morgen der neue Osama bin Laden: Kalif Ibrahim, alias Abu Bakr al-Baghdadi, der schwer fassbare, selbsternannte Enthauptungs-Prophet eines neuen Mini-Staates und einer Bewegung, die den Hysterikern in Washington und sonstwo ein Akronym-Fest bescherte – ISIS – ISIL – IS.

Egal, wie oft Washington ein Remix vom Globalen Krieg gegen den Terror macht, so verschieben sich die tektonischen Platten der eurasischen Geopolitik fortlaufend, und sie werden damit nicht aufhören, nur weil amerikanische Eliten sich weigern zu akzeptieren, dass ihr historisch kurzer “unipolarer Moment” am Schwinden ist. Für sie ist das Ende der Ära der “full spectrum dominance” (allumfassende Vorherrschaft – wie das Pentagon es zu nennen beliebt) unvorstellbar. Schließlich ist die Notwendigkeit für die unentbehrliche Nation, alle Räume zu kontrollieren – militärisch, ökonomisch, kulturell, Cyber und das Weltall – nahezu eine religiöse Doktrin. Im besten Fall bringt man es zu “Koalitionen der Willigen” wie jene, die mit “über 40 Ländern” vollgepackt wurde, um ISIS/ISIL/IS zu bekämpfen, die entweder applaudieren oder im Hintergrund Ränke schmieden oder die ein oder zwei überflüssige Flugzeuge nach Irak oder Syrien schicken.

Die NATO, die anders als ihre Mitglieder nicht offiziell den Dschihadismus bekämpfen will, bleibt ein von oben nach unten von Washington kontrolliertes Werkzeug. Sie bemühte sich nie ernsthaft, die EU aufzunehmen oder zu erlauben, dass die Russen sich als Europäer “fühlen”. Was den Kalifen angeht, ist er nur ein kleiner Zeitvertreib. Ein postmoderner Zyniker könnte sogar behaupten, er sei von China und Russland auf das globale Spielfeld geschickt worden, um den Blick der Hypermacht des Planeten vom Ball abzulenken.

Wie will man also ‘full spectrum dominance’ anwenden, wenn in der Tat zwei konkurrierende Mächte, Russland und China, ihre Anwesenheit bemerkbar machen? Washingtons Herangehen gegenüber beiden – in der Ukraine und in den Gewässern Asiens – könnte als ‘teile und isoliere’ Methode bezeichnet werden.

Um den Pazifik als klassischen “amerikanischen Teich” beizubehalten, hat Obama sich seit einigen Jahren Asien “zugewandt”. Das hat nur bescheidener militärischer Umstellungen bedurft, aber einen nicht so bescheidenen Versuch, den chinesischen Nationalismus gegen die japanische Variante anzustacheln, während man die Allianzen und Beziehungen in ganz Südostasien stärkte mit Fokus auf den Energiestreit im Südchinesischen Meer. Gleichzeitig versuchte man, ein künftiges Handelsabkommen, die Trans-Pacific Partnerschaft (TPP) unter Dach und Fach zu bekommen.

An Russlands westlicher Grenze hat Obama die Glut von Regimewechsel in Kiew zu einem Feuer angefacht (vom Beifall Polens und des Baltikums begleitet) und zu etwas, was für Putin und die russische Führung eindeutig wie eine existentielle Bedrohung aussah. Anders als die USA, deren Einflussbereich (und Militärbasen) global ist, hat Russland keinerlei bedeutenden Einfluss in seinem ehemaligen näheren Ausland beibehalten, außer in Kiew, das für die meisten Russen keineswegs “Ausland” ist.

Für Moskau sah es so aus, als ob Washington und seine NATO-Alliierten immer stärker interessiert waren, einen neuen eisernen Vorhang um ihr Land vom Balikum bis zum Schwarzen Meer zu errichten, von dem die Ukraine nur der Anfang war. In BMB-Begriffen kann man es als Versuch sehen, Russland zu isolieren und eine neue Barriere für die Beziehungen zu Deutschland zu errichten. Das ultimative Ziel würde sein, Eurasien zu spalten und künftige Bemühungen für Handels- und Wirtschafts-Beziehungen zu verhindern, die nicht von Washington kontrolliert werden.

Aus Beijings Gesichtspunkt war die Ukraine der Punkt, an dem Washington jede nur denkbare rote Linie überschritt, um Russland zu schikanieren und zu isolieren. Für seine Führer sieht es wie ein konzertierter Versuch aus, die Region zu destabilisieren in einer Art, die amerikanischen Interessen dient, der voll und ganz von Washingtons Eliten, angefangen bei den Neocons und ‘Kalter Krieg’-Liberalen bis zu den humanitären Interventionisten vom Schlag Susan Rice und Samantha Power gestützt wird. Wenn man natürlich der Ukraine-Krise von Washington aus gefolgt ist, sind derlei Perspektiven ebenso fremd wie Marsmenschen. Aber die Welt sieht vom Herzen Eurasiens anders aus als in Washington – besonders aus der Sicht des aufstrebenden China mit seinem gerade gemünzten “chinesischen Traum”.

Wie er von Präsident Xi Jinping dargelegt wurde, würde dieser Traum ein künftiges Netzwerk von chinesisch-organisierten neuen Seidenstraßen umfassen, wodurch das Äquivalent eines Trans-Asien-Express für den eurasischen Handel geschaffen würde. Wenn Beijing z. B. Druck von Washington und Tokyo an der Seefront spürt, ist Teil seiner Antwort ein zweigleisiges Vordringen auf der eurasischen Landmasse, ein Gleis über Sibirien und das andere durch die zentralasiatischen Länder, die mit “Stan” enden.

In diesem Sinn, obwohl ihr es nicht wüsstet, wenn ihr nur den US-Medien oder “Debatten” in Washington folgt, betreten wir potentiell eine neue Welt. Es war einmal, noch nicht so lange her, dass Beijings Führung mit der Idee spielte, das geopolitische/ökonomische Spiel gemeinsam mit den USA neu zu ordnen, während Putins Moskau die Möglichkeit andeutete, eines Tages der NATO beizutreten. Das ist vorbei. Heute sind beide Länder an einem möglichen künftigen Deutschland interessiert, das nicht mehr durch US-Macht und Washingtons Wünsche beherrscht wird.

BRICS 2014 Dilma Rousseff Brasilien Manmohan Singh Indien Vladimir Putin Russland Xi Jinping China Jacob Zuma Suedafrika Fortaleza Entwicklungsbank SchwellenlaenderMoskau hat tatsächlich nicht weniger als ein halbes Jahrhundert einen strategischen Dialog mit Berlin geführt, bei dem es um industrielle Kooperation und zunehmend wechselseitig Energie-Abhängigkeit ging. Dies ist in vielen Teilen des globalen Südens beobachtet worden und Deutschland wird schon als die sechste “BRICS”-Macht gesehen (nach Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika).

Inmitten der globalen Krise, die von Syrien bis Ukraine reicht, scheinen Berlins geostrategische Interessen langsam von Washingtons abzuweichen. Deutsche Industrielle insbesonders scheinen eifrig unbegrenzte Handelsdeals mit China und Russland zu verfolgen. Dies könnte ihr Land auf den Weg zu globaler Macht bringen, nicht beschränkt von EU-Grenzen, und langfristig ein Ende der Ära signalisieren, in der Deutschland, wie höflich auch immer behandelt, im wesentlichen ein amerikanischer Satellit war.

Es wird ein langer und gewundener Weg werden. Der Bundestag ist immer noch einer starken atlantischen Agenda verfallen und einem vorbehaltlosen Gehorsam gegenüber Washington. Es gibt immer noch Zehntausende amerikanische Soldaten auf deutschem Boden. Dennoch hat die deutsche Kanzlerin Angela Merkel zum ersten Mal gezögert, als es um noch mehr Sanktionen gegen Russland wegen der Situation in der Ukraine ging, weil nicht weniger als 300 000 Arbeitsplätze von den Beziehungen mit Russland abhängen. Industriekapitäne und das Finanz-Establishment haben bereits Alarm geschlagen, weil sie fürchten, dass derlei Sanktionen völlig kontraproduktiv sind.

Chinas Seidenstraßen Bankett

Chinas neue geopolitische Machtspiel in Eurasia hat wenig politische Parallellen in der modernen Geschichte. Die Tage, als der “Kleine Steuermann” Deng Xiaoping darauf bestand, dass das Land auf der globalen Ebene “sich unverdächtig verhalten” solle, sind längst vorbei. Natürlich gibt es Unstimmigkeiten und einander widersprechende Strategien, wenn es um das Verhalten zu den hot spots geht: Taiwan, Hongkong, Tibet, Xinjiang, das Südchinesische Meer, die Konkurrenten Indien und Japan, und problematische Alliierte wie Nordkorea und Pakistan. Und Unruhen im Volk in manchen von Beijing kontrollierten “Peripherien” erreichen ihren Brennpunkt.

Die wichtigste Priorität des Landes liegt im Inland und ist auf die Durchführung von Xis ökonomischen Reformen gerichtet, die Erhöhung der “Transparenz” und der Kampf gegen die Korruption in der herrschenden Kommunistische Partei. Lange danach kommt an zweiter Stelle die Frage, wie man sich nach und nach schützt gegen Pentagons “pivot”-(Schwerpunkt) Pläne in der Region – durch Ausbau der Hochseeflotte, atomare U-Boote und eine technologisch moderne Luftwaffe – ohne zu aggressiv zu wirken, dass Washingtons Establishment mit der “China-Bedrohung” im Kopf ausflippt.

Unterdessen, da die US-Navy auf absehbare Zeit noch die Weltwasserwege beherrscht, geht die Planung der neuen Seidenstraßen quer durch Eurasien flott voran. Das Endergebnis wird ein Triumph integrierter Infrastruktur sein – Straßen, Hochgeschwindigkeitstrassen, Pipelines, Häfen – die China mit Westeuropa und dem Mittelmeer, dem Mare Nostrum des alten Rom, in jeder erdenklichen Hinsicht verbindet.

In einer umgekehrten Marco Polo-Reise, ein Remix für die Google Welt, wird ein Schlüsselzweig der Seidenstraße von der früheren kaiserlichen Hautpstadt Xian über Ürümqi in der Provinz Xinjiang durch Zentralasien, Iran, Irak und Anatolien in der Türkei gehen und in Venedig enden. Ein weiterer Zweig wird maritimer Natur sein mit Beginn in der Provinz Fujian über die Straße von Malakka, den Indischen Ozean, Nairobi in Kenya und dann über den Suezkanal zum Mittelmeer.

Zusammengenommen ist es das, was Beijing den ökonomischen Gürtel der Seidenstraße nennt.

Neue Seidenstraße

Chinas Strategie ist es, ein Netzwerk von Zwischenverbindungen zu schaffen zwischen nicht weniger als fünf bedeutenden Regionen: Russland (die Brücke zwischen Asien und Europa), die “Stan”Länder Zentralasien, Südwestasien (mit wichtigen Rollen für Iran, Irak, Syrien, Saudiarabien und die Türkei), den Kaukasus und Osteuropa (einschließlich Belarus, Moldawien und – abhängig von seiner Stabilität – Ukraine. Und Afghanistan, Pakistan und Indien nicht zu vergessen, die man als extra Seidenstraße denken kann.

Diese extra Seidenstraße würde den ökonomischen Korridor Bangladesch-China-Indien-Myanmar mit dem ökonomischen Korridor China-Pakistan verbinden und könnte China einen bevorzugten Zugang zum Indischen Ozean bieten. Nochmal, das Gesamtpaket – Straßen, Hochgeschwindigkeitstrassen, Pipelines und Fiberoptic-Netzwerke – würde die Regionen mit China verbinden.

Xi persönlich machte die Indien-China Verbindung zu einem hübschen Paket in einem Leitartikel, der vor seiner Reise nach Neu Delhi in The Hindu veröffentlicht wurde. “Die Verbindung der ‘Fabrik der Welt’ mit dem ‘Büro der Welt’ “, so schrieb er, “wird die konkurrenzkräftigste Produktionsbasis und den attraktivsten Verbrauchermarkt hervorbringen.”

Der zentrale Knotenpunkt von Chinas ausgeklügelter Planung für die Zukunft Eurasiens ist Ürümqi, die Hauptstadt der Provinz Xinjiang und der Ort der größten Handelsmesse in Zentralasien, die China-Eurasia-Messe. Seit 2000 ist es eine von Beijings Top-Prioritäten gewesen, diese überwiegend aus Wüsten, aber erdölreiche Provinz um jeden Preis zu urbanisieren und zu industrialisieren. Und dazu gehört, wie Beijing es sieht, die eiserne Sinisierung der Region, mit der Begleiterscheinung der Unterdrückung jeder Möglichkeit von Widerspruch der Uighuren. Der General der Volksbefreiungsarmee Li Yazhou hat Zentralasien mit den Worten beschrieben: “das köstlichste Stück Kuchen, das der Himmel dem modernen China schenkte.”

Chinas Vision eines neuen Eurasien mit Beijing verknüpft auf jede Art von Transport und Kommunikation wurde lebendig und detailliert beschrieben in “Marching Westwards: The Rebalancing of Chinas Geostrategy” (Der Marsch nach Westen: Eine Neuausrichtung von Chinas Geostrategie), ein bedeutender 2012 veröffentlichter Essay von dem Wissenschaftler Wang Jisi vom Zentrum für Internationale und Strategische Studien an der Uni Beijing. Als Antwort auf solch eine Zukunft eurasischer Verbindung war das Beste, was Obama hervorbrachte, eine Version der Eindämmung zu Wasser zwischen Indischem Ozean und dem Südchinesischen Meer sowie der Verschärfung der Konflikte und Bildung strategischer Allianzen um China von Japan bis Indien. (Der NATO wird die Eindämmung Russlands in Osteuropa zugewiesen.)

Ein Eiserner Vorhang versus Seidenstraße

Der 400 Mrd. $ ‘Gasdeal des Jahrhunderts’, der von Putin und Xi Jinping im Mai unterzeichnet wurde, legte den Grund für den Bau der Sibirien-Pipeline, mit deren Bau in Yakutsk begonnen wurde. Sie wird eine Flut von russischem Naturgas auf den chinesischen Markt bringen. Sie stellt eindeutig den Beginn einer turbogeladenen, energiebasierten strategischen Allianz dar zwischen den beiden Ländern.

Struktur des russischen GasexportsUnterdessen ist deutschen Geschäftsleuten und Industriellen eine weitere Realität aufgegangen: so wie der Markt für Produkte Made-in-China über die neue Seidenstraße Europa sein wird, so gilt auch die Umkehrung. In einer möglichen Handelszukunft ist China bis 2018 als Deutschlands wichtigster Handelspartner vorgesehen, wobei die USA und Frankreich überholt werden.

Eine potentielle Barriere für solch eine Entwicklung ist der für Washington willkommene Kalte Krieg 2.0, der bereits nicht die NATO, aber die EU auseinanderreißt. In der EU gehört gegenwärtig England, Schweden, Polen, Rumänien und das Baltikum zum anti-russischen Lager. Italien und Ungarn können zum pro-russischen Lager gerechnet werden Das unberechenbare Deutschland ist der Schlüssel, ob die Zukunft einen neuen Eisernen Vorhang bringt oder eine “Ostwärts”-Gesinnung. Und dafür ist die Ukraine der Schlüssel. Wenn es erfolgreich finlandisiert wird (mit bedeutender Autonomie für seine Regionen), wie Moskau vorgeschlagen hat – ein Vorschlag, der in Washington Anathema ist – wird der “ostwärts”-Weg offen bleiben. Wenn nicht, wird eine BMB Zukunft ein riskantes Unterfangen sein.

Es sollte angemerkt werden, dass noch eine andere Vision einer eurasischen ökonomischen Zukunft am Horizont erkennbar ist. Washington versucht, eine Transatlantic Trade and Investment Partnership (TTIP) Europa und eine ähnliche Trans-Pacific Partnership (TPP) Asien aufzuzwingen. Beide sind von Vorteil für die globalisierten US-Multis und ihr Ziel ist eindeutig, den Aufstieg der BRICS-Wirtschaften und das Entstehen neuer Märkte zu behindern, und gleichzeitig die US-globale ökonomische Hegemonie zu festigen.

Zwei harte Fakten, sehr wohl in Moskau, Beijing und Berlin bemerkt, deuten auf die eiserne Geopolitik hinter diesen beiden “Handelsabkommen”. Die TPP schließt China aus und die TTIP Russland. Sie stellen die kaum verhüllten Stränge eines künftigen Handels/Geld-Krieges dar. Bei meinen Reisen erzählten mir wiederholt Produzenten von landwirtschaftlichen Qualitätsprodukten in Spanien, Italien und Frankreich, dass die TTIP nichts anderes als eine ökonomische Version der NATO ist, die Militär-Allianz, die Xi Jinping, vielleicht ein Wunschdenken, eine “obsolete Struktur” nennt.

Es gibt großen Widerstand gegen die TTIP in vielen EU-Ländern (besonders in den Club Med-Ländern Südeuropas) wie auch gegen die TPP in Ländern Asiens (besonders Japan und Malaysia). Genau dies gibt den Chinesen und Russen Hoffnung für ihre neuen Seidenstraßen und eine neue Art von Handel quer über das eurasische Herzland, mit Hilfe der russischen Eurasien-Union. Schlüsselfiguren der deutschen Geschäfts-und Industriewelt, für die Beziehungen zu Russland wesentliche bleiben, achten sehr genau auf diese Dinge.

Letztendlich hat Berlin keine überwältigende Sorge für den Rest der Krisen-geschüttelten EU (drei Rezessionen in fünf Jahren) gezeigt. Über die äußerst verachtete Troika – die Europäische Zentralbank, der IWF und die Europäische Kommission – ist Berlin, in jeder praktischen Hinsicht, bereits am Ruder Europas, wobei es gedeiht und ostwärts schaut nach mehr.

Zu den Regierungskonsultationen betont Merkel, wie wichtig es sei, "dass wir die Strukturen kontinuierlich gestalten, damit unsere Zusammenarbeit auf einer verlässlichen, berechenbaren Grundlage erfolgt".

Zu den Regierungskonsultationen betont Merkel, wie wichtig es sei, “dass wir die Strukturen kontinuierlich gestalten, damit unsere Zusammenarbeit auf einer verlässlichen, berechenbaren Grundlage erfolgt”.

Vor drei Monaten besuchte die deutsche Kanzlerin Beijing. Kaum berichtet in den Nachrichten wurde die politische Beschleunigung eines potentiell bahnbrechenden Projekts: eine durchgängige Hochgeschwindigkeitsverbindung zwischen Beijing und Berlin. Wenn sie wirklich gebaut wird, wird sie sich als Transport- und Handelsmagnet für dutzende Länder längs der Route von Asien nach Europa erweisen. Indem sie über Moskau führt, könnte sie der ultimative Seidenstraßenintegrator für Europa werden und der ultimative Alptraum für Washington.

Russland “verlieren”

Im Zentrum der Medien-Aufmerksamkeit hat der jüngste NATO-Gipfel in Wales nur eine bescheidene “schnelle Eingreiftruppe” für den Einsatz in einer künftigen Ukraine- ähnlichen Situation gebracht.

Unterdessen traf sich die expandierende Shanghai Cooperation Organization (SCO), eine mögliche asiatische Entsprechung für die NATO, in Dushanbe, Tadschikistan. In Washington und Westeuropa kaum beachtet. Hätte man aber sollen. Dort kamen China, Russland und vier ‘Stan’Länder Zentralasiens überein, eine eindrucksvolle Reihe neuer Mitglieder aufzunehmen: Indien, Pakistan und Iran. Die Implikationen sind weitreichend. Schließlich ist Indien unter Premier Narendra Modi kurz vor einer eigenen Version der Seidenstraßen-Manie. Dahinter steht die Möglichkeit einer “Chindia” ökonomischen Annäherung, die die eurasische geopolitische Karte verändern könnte. Gleichzeitig wird auch der Iran in die “Chindia”-Gruppe eingegliedert.

Shanghaier Organisation für ZusammenarbeitDie SCO entwickelt sich langsam aber sicher in die bedeutendste internationale Organisation in Asien. Es ist bereits klar, dass eins der wichtigsten langfristigen Ziele die Beendigung der Handels mit dem US-Dollar ist, bei gleichzeitiger Förderung des Petroyuan und Petrorubels im Energiehandel. Die USA werden natürlich nie in diese Organisation aufgenommen werden.

All dies liegt jedoch in der Zukunft. Gegenwärtig signalisiert der Kreml, dass er wieder Gespräche mit Washington aufnehmen will, während Beijing damit nie aufgehört hat. Doch die Obama-Verwaltung bleibt kurzsichtig in ihre Version eines Null-Summen-Spiels eingehüllt, indem sie sich auf ihre technologische und militärische Macht verlässt, ihre vorteilhafte Position in Eurasien zu behalten. Beijing jedoch hat Zugang zu Märkten und jede Menge Bargeld, während Moskau jede Menge Energie hat. Eine Dreieckskooperation zwischen Washington, Beijing und Moskau wäre zweifelsfrei – wie die Chinesen sagen würden – ein win-win-win-Spiel, aber erwartet nicht zu viel!

Erwartet stattdessen, dass China und Russland ihre strategische Partnerschaft vertiefen und weitere regionale eurasische Mächte an sich binden. Beijing hat Haus und Hof gewettet, dass die US/NATO-Konfrontation mit Russland wegen der Ukraine, Putin nach Osten treiben wird. Gleichzeitig wägt Moskau sorgfältig ab, was seine Reorientierung auf ein solche ökonomisches Kraftzentrum bedeuten wird. Es ist möglich, dass eines Tages Stimmen der Vernunft in Washington sich laut fragen werden, wie die USA Russland an China “verloren” haben.

Unterdessen könnt ihr von China als einem Magneten für eine neue Weltordnung in einem künftigen eurasischen Jahrhundert denken. Derselbe Integrationsprozess, dem Russland gegenübersteht, scheint z. B. auch zunehmend für Indien und andere eurasische Länder zu gelten und vielleicht, früher oder später auch für eine neutrales Deutschland. Am Ende eines solchen Prozesses wird sich die USA allmählich aus Eurasien rausgedrängt finden, und BMB wird das Spiel bestimmen. Platziert eure Wetten bald. 2025 werden sie fällig.

Pepe Escobar


Quelle: The Vineyard of the Saker – Deutsche Version – von

Autor: Der 1954 geborene Pepe Escobar aus Sao Paulo, Brasilien ist einer der herausragendsten Journalisten unserer Zeit. Escobar, der vom früheren CIA-Analysten Ray McGovern schlichtweg “der Beste“ genannt wird, arbeitet für Asia Times Online. Darüber hinaus ist er der Autor dreier Bücher: Globalistan: How the Globalized World is Dissolving into Liquid War, Red Zone Blues: a snapshot of Baghdad during the surge und Obama does Globalistan.

Escobar war als Auslandskorrespondent seit 1985 u.a. in London, Mailand, Los Angeles, Paris, Singapur und Bangkok tätig. Seit den späten 1990er Jahren hat er sich auf die Berichterstattung von geopolitischen Geschichten aus dem Nahen Osten und Zentralasien spezialisiert. In diesem Rahmen hat er im letzten Jahrzehnt aus Afghanistan, Pakistan, Irak, Iran, den zentralasiatischen Republiken, China und den USA berichtet. Im Frühjahr/Sommer 2001 war er in Afghanistan / Pakistan, hat den militärischen Führer der Anti-Taliban-Nordallianz, Ahmad Shah Massud, nur wenige Wochen vor dessen Ermordung interviewt, und erreichte als einer der ersten Journalisten die afghanische Hauptstadt Kabul nach dem Rückzug der Taliban. Er ist ein ausgewiesener Experte für das  Netzwerk von Pipelines, das die Länder des Nahen und Mittleren Ostens, Zentralasiens, Russlands und Europas umgibt – dem von ihm so getauften “Pipelineistan”.

Für Asia Times Online ist er als ‘The Roving Eye’, das heißt: “Das Wandernde Auge“ unterwegs, um vor allem geopolitische Weltereignisse, aber auch die Art, wie sie in den Medien präsentiert werden, zu diskutieren.

Bild- und Grafikquellen:

  1. Beitragsbild: »Das wandernde Auge« – Pixabay.com
  2. »Natohauptquartier in Brüssel« – http://www.nzz.ch (Bild: Imago)
  3. »BRICS 2014« – Wikipedia CC
  4. »Die neue Seidenstraße« – Quelle: french.xinhuanet.com
  5. »Struktur des russischen Gasexports« – http://de.ria.ru
  6. »Merkel zu Besuch in China« – http://www.bundeskanzlerin.de
  7. »Logo SCO« – Wikipedia CC

Islam und Islamismus – Eine Herausforderung für Deutschland?

von Studiengesellschaft für Friedensforschung e.V.

Grundlegendes über den Islam

In der heutigen Zeit kann man von drei grundlegenden Tatbeständen ausgehen. Zum ersten ist der Islam eine ungemein dynamische Erscheinung. Sie kann nicht mehr einfach mit Rückständigkeit, Modernisierungsfeindlichkeit und “Mittelalter” gleichgesetzt werden. Der Islam als Faktor gesellschaftlicher und politischer Umgestaltung ist nicht mehr auszublenden. Er ist heute weithin die einzige Kraft, über die breitere Massen in islamischen Ländern mobilisiert werden können. Mit Ideologien vergangener Jahrzehnte wie Sozialismus, Nationalismus, Säkularismus oder etwa Kommunismus sind Massenmobilisierung und Legitimation nicht mehr zu erreichen.

Zum zweiten ist der Islam auch aus europäischen Gesellschaften nicht mehr wegzudenken. Während der letzten 40 Jahre hat hier eine fundamentale Entwicklung stattgefunden. Hat es um 1950 erst rund 900.000 muslimische Bewohner in Europa gegeben, so sind es zu Beginn des 21. Jahrhunderts bereits rund 17 Millionen. Waren es Anfang der sechziger Jahre in der alten Bundesrepublik Deutschland nur einige zehntausend Muslime, die etwa als Ärzte, Ingenieure oder Studenten hier lebten, einige zehntausend, die überhaupt nicht auffielen in der Gesellschaft, so liegt heute die Anzahl der Muslime in Deutschland bei etwa 3,5 Millionen mit steigender Tendenz. [1] Sie sind hier und werden hier bleiben, als Minderheit in einer christlich-säkularen Mehrheitsgesellschaft. Das bedeutet, dass künftig auch der Islam aus dem Erscheinungsbild der deutschen Gesellschaft nicht mehr wegzudenken ist. Er ist unter uns und Teil unserer Gesellschaft.

Zum dritten ist klar, dass Islam nicht gleich Islam ist. Er existiert in vielen verschiedenen Variationen. Ein Muslim in Europa muss sich mit anderen Gegebenheiten auseinandersetzen als ein Muslim in Indonesien oder im Jemen und wird sich entsprechend anders verhalten. “Der Islam ist”, so die Berliner Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer, “überspitzt ausgedrückt, weitgehend das, was Muslime an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit als islamisch definieren und praktizieren”. So umfaßt der Islam so konträre Auffassungen wie die der gemäßigten Aleviten oder der radikalen Schiiten. Insgesamt gibt es in der islamischen Welt 76 verschiedene religiöse Strömungen und Richtungen.

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Bild 1: Organisation der islamischen Konferenz

Im September 1969 beschloss eine Konferenz islamischer Staatsoberhäupter in Rabat/Marokko die Gründung einer Institution , die auf den Namen Organisation der Islamischen Konferenz getauft wurde. Die Ziele sind in der 1972 verfassten Charta u.a. wie folgt festgeschrieben: Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten auf den Gebieten Wirtschaft, Soziales, Kultur und Wissenschaft, Kampf gegen Rassismus (Zionismus) und Kolonialismus sowie der Schutz der Heiligen Stätten des Islam. Der Organisation gehören heute 57 Mitgliedsstaaten sowie drei Länder mit Beobachterstatus an.

Der Islam ist die heute wohl vitalste, vor allem aber die kämpferischste aller Weltreligionen. Eine zentrale Eigenart des Islam – vom aufgeklärten Abendland als besonders bedrohlich empfunden – hatte schon der französische Historiker Alexis de Tocqueville im 19. Jahrhundert erkannt: die Verschmelzung von geistlicher und weltlicher Autorität, von Religion und Politik. “Der Mohammedanismus”, schrieb Tocqueville, “ist diejenige Religion, welche die beiden Machtbereiche am vollständigsten miteinander vermengt und vermischt hat, so dass alles Handeln im bürgerlichen und politischen Leben mehr oder minder vom religiösen Gesetz geregelt wird”. Mohammeds Lehre fordert die totale Unterwerfung unter den allgewaltigen Gott. Sie ist einfacher und konkreter als die älteren Religionen von Hindus, Buddhisten, Juden und Christen. Sie kennt nicht so Geheimnisvolles wie Wiedergeburt, Dreifaltigkeit, Fleischwerdung und Erlösung. Im Islam gibt es keine zentrale Institution – wie für die Katholiken der Vatikan -, die verbindliche Anweisungen erteilt. Dennoch bleibt kein Bereich des menschlichen Daseins von seiner Durchdringungskraft ausgespart. “Der Islam”, so befand der englische Philosophieprofessor Ernest Gellner bündig, sei nicht weniger als “der Entwurf einer Gesellschaftsordnung”. [2]

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Bild 2: Bilderverbot

Allah bleibt unsichtbar: Er offenbarte sich lediglich durch einen Text, den Koran, in dem von einem Bilderverbot jedoch nicht ausdrücklich die Rede ist. Dieses wurde vielmehr aus den Aufzeichnungen über das Leben und Wirken des Propheten (Hadith) hergeleitet. Engel, so habe er gesagt, beträten kein Haus, in dem sich eine bildliche Darstellung von Mensch oder Tier befinde. Ferner habe Mohammed Berichten zufolge bebilderte Vorhangstoffe zerschneiden und zu Kissenbezügen umarbeiten lassen. Um 1400 kamen dennoch erste Bilder mit Darstellungen des Prophetenleben auf.

Die Entstehung des Islam

Allgemeine Aussagen über den Islam sind schwierig. Schon das Wort Islam selbst wird für gewöhnlich in zwei unterschiedlichen, wenngleich verwandten Bedeutungen verwendet. Zum einen steht der Begriff für eine Religion, ein System des Glaubens und der Verehrung, zum anderen für die Zivilisation, die unter dem Zeichen dieser Religion gewachsen und aufgeblüht ist. So gesehen bezeichnet das Wort Islam mehr als vierzehn Jahrhunderte Geschichte, 1,3 Milliarden Menschen und eine enorm vielfältige religiöse und kulturelle Tradition.

Islam wörtlich übersetzt meint “Hingabe”, “Unterwerfung” oder auch “Sich-Gott-Ergeben” und kommt von der Wurzel Salam, die u.a. “Frieden” und “Ergebung in Gottes Willen” bedeutet. Vom selben Wortstamm abgeleitet ist Muslim: “der sich Ergebende”. Islam heißt also Frieden halten mit Gott, eine Lebensweise des Einzelnen und der Gemeinschaft im Rahmen der von Gott offenbarten Regeln. Der Islam ist in seinen Idealen auch eine Religion des Friedens. Große Teile der Menschheit haben über die Jahrhunderte hinweg in ihr Orientierung für ihr Leben gefunden.

Der Islam ist eine monotheistische Weltreligion mit über 1,3 Mrd. Anhängern. [3] Er ist nach dem Christentum entstanden und versteht sich wie dieses als eine universale Religion mit einem Wahrheitsanspruch, der sich potentiell an jeden Menschen richtet. Ein Wesenszug des Monotheismus ist der Alleinvertretungsanspruch; Monotheisten erklären alle anderen – einschließlich anderer Monotheisten – zu Ungläubigen.

Die historischen Ursprünge des Islam finden sich im Leben eines Mannes mit dem Namen Mohammed, geboren um 570 n. Chr. in der Stadt Mekka im heutigen Saudi-Arabien und verstorben 632 n. Chr. in der nahe gelegenen Stadt Medina. Der Islam ist insofern ein Sonderfall in der Religionsgeschichte, als sein menschlicher Begründer, der Prophet Mohammed, gleichzeitig Staatsmann und als solcher auch Militärführer war. Buddha und Jesus waren umherziehende Wanderprediger, die selbst wenig oder keinerlei Bezug zur Politik ihrer Länder hatten. Auch die alttestamentlichen Propheten waren äußerstenfalls Berater von Königen und Heerführern, aber sie zogen in aller Regel nicht selbst in den Krieg.

Mohammed sah sich selbst als Fortsetzer und Vollender einer langen Reihe von monotheistischen Propheten, zu denen auch die jüdischen Propheten und Christus gehören. Dennoch wendet sich Mohammed in seiner Verkündung, wie sie der Koran überliefert, auch gegen Judentum und Christentum. Aus der Sicht des Koran haben beide, Juden und Christen, die auf Moses und Jesus von Gott (arabisch Allah) selbst herab gesandten Heiligen Schriften verfälscht, was den Text oder aber zumindest was dessen authentische Bedeutung angeht. Es gibt somit zwischen Islam, Christentum und Judentum sowohl Gemeinsamkeiten als auch Gegensätzliches.

Als Mohammed gegen 570 n. Chr. in Mekka im Klan der Haschim vom Stamm der Kuraischiten geboren wurde, siedelten auf der arabischen Halbinsel Nomaden, Halbnomaden und sesshaft gewordene arabische Stämme. Die Kuraischiten waren bereits um etwa 500 n. Chr. in Mekka sesshaft geworden. Mekka lag am Kreuzungspunkt mehrerer Karawanenstraßen und beherbergte offenbar schon sehr lange ein vorislamisches, polytheistisches Heiligtum: die Kaaba, einen Tempel, in dessen südwestlicher Außenwandecke ein Meteorit, der heilige schwarze Stein, eingemauert war und der den Mittelpunkt eine riesigen Wallfahrtsbewegung bildete. Diese zu bestimmten Zeiten abgehaltenen Wallfahrten brachten der reichen Handelsstadt Mekka durch Messen und Märkte wirtschaftliche Vorteile; hier trafen sich im Schutze der heiligen Monate, in denen Kampf und Mord verboten waren, Vertreter aller arabischen Stämme. Südarabien, durch seinen Reichtum berühmt, hatte zur Zeit, als Mohammed geboren wurde, seine Glanzperioden hinter sich. Es war noch ein Gebiet magisch-kultischer Stammesreligionen, in dem sich zahlreiche Heiligtümer befanden: Bäume, Grotten und vor allem Steine wurden für heilig und machtgeladen gehalten. Die arabische Gesellschaft setzte sich ursprünglich aus Nomadenstämmen zusammen, deren Stammesrivalitäten in altarabischer Zeit Blutrache und Überfälle in den großen Wüstengebieten nach sich gezogen hatten. Neben den heidnischen Arabern lebten zu dieser Zeit auch schon christliche arabische Stämme und jüdische Familien auf der Halbinsel.

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Bild 3: Die Weltreligionen

Die überkommene Gesellschaftsordnung der Stämme auf der arabischen Halbinsel war im 6. Jahrhundert in eine Krise geraten. Das Stammeseigentum ging immer mehr über in das Eigentum einzelner Sippen und Familien, wodurch soziale Unterschiede wuchsen. Diese fortschreitende soziale Differenzierung zerstörte die ursprünglichen Ideale des Beduinentums – Stammessolidarität, Freiheit, Tapferkeit. Proteste wurden laut gegen das wachsende Unrecht. Der weithin zur leeren Formel erstarrte Polytheismus verlor an Attraktivität, zumal jüdische und christliche Gemeinden mit ihrem Monotheismus dem Bedürfnis nach stammesübergreifenden Gemeinwesen ein positives Beispiel gaben. Hanifen (“Gottsucher”), die als asketische Einsiedler in der Wüste lebten, vertraten den Glauben an einen einzigen Gott.

Mohammeds Vater starb, als dieser noch nicht geboren war. Mohammed war gerade erst sechs, als auch seine Mutter verstarb. So wuchs Mohammed zunächst unter der Obhut seines Großvaters auf. Dieser starb, als der Junge acht Jahre alt war, und einer von Mohammeds beiden Onkel väterlicherseits, Abu Talib, übernahm seine Erziehung und nahm ihn auch immer wieder auf Geschäftsreisen mit. Mohammed lebte in Mekka, bis er nach dem 20. Lebensjahr für eine wohlhabende Witwe namens Hakhiga zu arbeiten begann, die ihn als Karawanenführer u.a. nach Syrien schickte. Mit 25 Jahren heiratete er die damals 40-jährige Witwe und bewahrte ihr immer eine tiefe Zuneigung: Solange sie lebte, nahm er keine andere Gattin. Sie schenkte ihm sieben Kinder, von denen nur eine Tochter, Fatima, überlebte und selbst Nachkommen hatte.

Als Karawanenführer dürfte Mohammed sowohl Juden als auch Christen kennen gelernt und somit Kenntnisse über ihren von den arabisch-vorislamischen Vorstellungen völlig abweichenden Glauben erworben haben. Mohammed begab sich schon früh auf die Suche nach Gott, zog sich in die Einsamkeit der Berge und der Wüste zurück, meditierte in Höhlen und mit 40 Jahren, also im Jahre 610 n. Chr., setzte seine prophetische Sendung – die Offenbarung des Koran – ein.

“Die Wahrheit” kam schmerzlich über ihn, der nach Ansicht vieler Islamforscher ein Analphabet war. Seine prophetische Sendung begann im Traum. Sie erging auf einer Berghöhe (Hira) in der Nähe von Mekka, wohin er sich zurückzuziehen pflegte, an ihn. In einer Höhle, so ist überliefert, stand eines Nachts plötzlich eine geheimnisvolle Gestalt bei ihm. Der Engel Gabriel, den er vor sich sah, packte ihn mit aller Kraft und schnürte ihm die Luft ab, als er auf dessen Worte nicht reagieret: “Trage vor im Namen deines Herrn!” Noch einmal würgte der Engel ihn und forderte: “Trag vor!”

Endlich glaubte Mohammed begriffen zu haben – er sollte die ihm vorgebeteten Worte rezitieren und sich für alle Zeiten merken: Die Lehre von Gott, der ihn als seinen Gesandten dazu bestimmt habe, die Mitmenschen von ihrem heidnischen, egoistischen und unbarmherzigen Leben abzubringen, damit ihnen nicht am Tage des Jüngsten Gerichts “eine auseinander klaffende Erde, lodernde Feuer” und weitere Höllenqualen drohten. Ein Gedanke beherrscht die ersten Verkündigungen Mohammeds: das nahende Endgericht. In jagenden kurzen Zeilen klingender Reimprosa, in sich überstürzenden Bildern wird das Hereinbrechen der Stunde, des Tages der Abrechnung, der Auferstehung angekündigt. Diese Offenbarung, die in Mekka begann und sich später in Medina fortsetzte, war die Geburtsstunde des Islam. Mohammed trat aus der Höhle und hörte, wie eine Stimme ihn als den Gesandten Allahs grüßte. Als er die Stimme Allahs zum erstenmal hörte, war er anfänglich in Sorge, das Opfer eines teuflischen Betruges zu sein; doch allmählich wuchs der Glaube an die Echtheit der Offenbarung.

Durch die Vermittlung des Erzengels Gabriel wurde also der Koran offenbart, wobei die Sure 96 als die erste der Offenbarungen gilt. Mohammed galt als Träumer. Seiner Sendung war er sich anfangs keinesfalls sicher. Nur seiner Frau und wenigen Vertrauten erzählte er von den Offenbarungen, die ihm fortan in unregelmäßigen Abständen zuteil wurden. Nach drei Jahren erhielt er vom Engel Gabriel den Befehl zur offenen Verkündung: “Wenn du es nicht verkündest, hast du deine Sendung nicht erfüllt.” Im Trancezustand empfing er weitere Fragmente des Korans.

Gegen 613 begann er zu predigen, in kurzen, angstvollen, erregten Sätzen, die ganz von dem Gedanken an den göttlichen Zorn und das nahe Gericht erfüllt waren. Er predigte gegen Diebstahl und Verleumdung, von der sozialen Verpflichtung des Eigentums, dem pfleglichen Umgang mit Frauen, gegen Wucherzins, Glücksspiel und Alkohol, gegen Ehebruch und Mord an Kindern, die man nicht ernähren zu können glaubte, und für das Körperwaschen nach dem Sex. Aber Mohammed war nicht nur der Androher und Ermahner, sondern auch der Verkünder froher Botschaft: Der Fromme, welcher Gottes Befehlen gemäß lebt, wird ins Paradies eingehen, wo Bäche von Milch und Honig in kühlen, duftenden Gärten fließen und jungfräuliche Geliebte ihn erwarten. Auch Frauen und Kinder haben an der Paradiesseligkeit teil.

Handelte es sich in Mekka zumeist um eschatologische Themen vom Jüngsten Gericht, so richteten sich die späteren Medina-Botschaften vor allem auf das diesseitige Leben. Oft bezogen sich Mohammeds vom Himmel diktierte Eingebungen auf tagespolitische Ereignisse. Er fand glühende Anhänger unter seinen nächsten Angehörigen, darunter seine Frau Hakhiga und seinen jungen Vetter Ali; dazu kamen Freigelassene fremder Herkunft, junge Leute und solche, die sich in schwierigen und bedrückenden Lebensumständen befanden.

Als Mohammed in der Folge in Mekka zu predigen begann, brachten ihm die Kuraischiten vorerst wohl Interesse entgegen, als er jedoch sein Volk zu warnen begann, zur “Umkehr” und der Aufgabe ihres Kultes aufrief und es zur bedingungslosen Unterwerfung unter den einen, einzigen Gott aufforderte, musste Mohammed zwangsläufig von den Kuraischiten als Feind betrachtet werden. Er stellte nicht nur die althergebrachten Stammes- und Familienstrukturen in Frage, sondern auch die Grundlagen des Kuraischitischen Wohlstandes.

Mohammed wurde also in seiner sehr oligarchisch geprägten Heimatstadt Mekka von seinem eigenen Stamm verspottet, bekämpft und verfolgt, weil er eine echte Revolution gegen die Interessen der Kuraischiten auf mehreren Gebieten entfachte: religiös, da er eine neue Religion verkündete, die alle heidnischen, polytheistischen Religionen ersetzen und die jüdische und christliche berichtigen sollte; politisch, weil eine neue Ordnung etabliert werden sollte, die den Stamm durch eine islamische Gemeinde ersetzen sollte, in der zunächst die Araber (also die Halbinsel) vereinigt werden sollten; wirtschaftlich, weil der Islam auch hier die staatliche und gesellschaftliche Entwicklung bestimmen wollte, wobei eine größere Gerechtigkeit als im alten System angestrebt wurde.

Nach dem Tod seines Ersatzvaters Abu Talib und seiner Frau Hakhiga im Jahr 619, entschloss sich Mohammed am 16. Juli 622, mit einer kleinen Schar von Anhängern und Getreuen aus Mekka zu fliehen und einem Ruf jüdischer und arabischer Stämme der Stadt (“medina”) Yathrib (später Medina) zu folgen, wo er als Friedensstifter agieren sollte (Hedschra, Beginn der islamischen Zeitrechnung). Mohammed war 52, als er seiner Stadt den Rücken kehrte: Ein Prophet, der in seiner Heimat nichts galt. Ein Gescheiterter, der zwei Drittel seines Lebens hinter sich hatte und nicht viel mehr als einige Dutzend Anhänger um sich scharen konnte, die an ihn glaubten. Dass er in dieser Situation nicht an seiner Botschaft verzweifelte und aufgab, grenzt für den Ungläubigen an ein Wunder.

In Medina gab es zu dieser Zeit nicht nur einen, sondern fünf Stämme, die sich gegenseitig befehdeten. Es gab deshalb auch keine oberste politische Instanz und keine Ratsversammlung der Oberen wie in Mekka. Das Erste, was Mohammed in Medina demonstrierte, war das Integrationspotential seiner Offenbarung, da er an Stelle genealogischer Gemeinschaften eine religiöse Vergemeinschaftung verkündete. Deren Nutzen wurde allmählich von den Medinensern erkannt, denn schon nach wenigen Jahren entstand ein Bündnisvertrag (die sogenannte “Konstitution von Medina”), der die Muslime Medinas und die Zuwanderer aus Mekka zu einer religiös begründeten Gemeinschaft, der “Umma”, zusammenschloss.

Bald aber ging Mohammed einen Schritt weiter, denn nun forderte er in Medina Gehorsam gegen Gott und seinen Gesandten: “Und gehorchet Gott und seinem Gesandten und streitet euch nicht” (Sure 8 Vers 46, 47, 33). Da die Medinenser dieser Aufforderung Folge leisteten, hatte Mohammed sein Ziel erreicht: Er hatte einen staatsbildenden, dritten Monotheismus begründet und eine welthistorische Revolution eingeleitet. Diese Revolution war alleine das Werk Mohammeds mit seiner großen Ausstrahlungskraft. Er konnte sie aber dennoch nur realisieren, weil seine Botschaft mit ihrem Friedensappell (“Streitet euch nicht”) Sinn stiftete in einer nicht funktionierenden Gesellschaft, die sich aus verschiedenen genealogischen Gemeinschaften zusammensetzte.

In dieser Phase entsprach die Umma, die islamische Gemeinde, durchaus einer Theokratie, einer Gottesherrschaft. Als Prophet Gottes sorgte Mohammed dafür, dass der göttliche Wille auf Erden befolgt wurde. Dennoch, oder gerade deswegen, finden sich im Koran keine klaren Aussagen darüber, wie die Umma politisch organisiert werden sollte. Er geht über vage Anweisungen nicht hinaus. So werden die Gläubigen etwa an einer Stelle dazu aufgerufen, sich vor wichtigen Entscheidungen untereinander zu beraten. Dieses Prinzip, auf arabisch schura, nehmen reformorientierte Muslime heute als Beleg dafür, dass demokratische Elemente bereits im Koran angelegt und deswegen mit dem Islam vereinbar seien.

Von nun an nahm Mohammed in Medina die Stellung eines Staatsoberhauptes im Kleinen ein. Für den Religions-Stifter begann eine Zeit des Aufbaus seines neuen Reiches. Es ging Mohammed neben der Erfüllung seiner religiösen Aufgabe vor allem darum, für seine Emigrationsgefährten, die Muhadschirun (die Auswanderer) und seine neuen Verbündeten von Yatrib, die Ansar, ein gemeinsames Leben in gutem Einverständnis zu sichern und eine Einheit des Glaubens zu schaffen: Er betrachtete die ihm zuteil gewordene Offenbarung als Vollendung derjenigen, mit der Gott einst Moses und vor ihm Abraham, den gemeinsamen Ahnherrn der Juden und Araber, begnadet hatte.

Nichtmuslime vermögen leicht einzusehen, dass die trotz aller Verschiedenheit bestehenden Gemeinsamkeiten zwischen dem Koran und dem Alten Testament auf die Gespräche zurückgehen, die Mohammed und seine Freunde mit den Juden Medinas geführt haben. Äußeres Zeichen für die zunächst bestehende Nähe dieser dritten “Buchreligion” zu ihren Vorgängern war die von Mohammed zu Anfang angeordnete Ausrichtung beim Gebet nach Jerusalem. Noch die erste Moschee in Medina war mit der Stirnseite nach Jerusalem ausgerichtet, wohin sich die Gläubigen auch verneigten. Aber weil Mohammed von den Juden nicht als Prophet anerkannt und seine Lehren nicht akzeptiert wurden, kam es zum Bruch. Mohammed unterstellte jedoch Juden und Christen eine Verfälschung der Heiligen Schriften durch spätere Generationen. Sie hätten dort nach eigenem Gutdünken Texte eingefügt oder entfernt. Er gab die koranische Version des biblischen Stoffes als allein authentisch aus, proklamierte eine neue, von ihren Vorläufern losgelöste, verselbstständigte Religion und veränderte die Gebetsrichtung in Richtung Mekka.

Den Juden warf Mohammed vor, Jesus als einen Propheten Gottes abzulehnen, damit würden sie einen gewichtigen Teil der Wahrheit unterschlagen. Die Christen wiederum würden Jesus zu einem “Sohn Gottes” machen und außerdem noch den “Heiligen Geist” zu einer dritten Erscheinungsform des Göttlichen erklären. Gott aber in drei Formen, dies sei der erste Schritt zur Vielgötterei.

Mohammed beanspruchte auch den Stammvater Abraham ganz für sich, indem er ihn zum Ur-Muslim erklärte. Er behauptete, Abraham habe einst den schwarzen Stein in die Kaaba von Mekka gebracht und dort gebetet. Abrahams Name wird in 25 der 114 Koran-Suren erwähnt. Der Koran gebietet den Muslimen, dem Glauben Abrahams zu folgen: “… Abraham war weder Jude noch Christ, doch er war fest im Glauben und er war kein Götzendiener.” Damit erhebt Mohammed den Islam nicht nur zur Vollendung, sondern zum Ursprung aller monotheistischen Religionen.

Eine weitere Aufgabe, die Mohammed zu lösen hatte, bestand darin, das materielle Leben der Gemeinschaft zu sichern und sie moralisch im Kampf zusammenzuschweißen. Auch galt es, den Kuraischiten, welche die Bildung der feindlichen Zelle in Medina beunruhigte, so lange Widerstand zu leisten, bis sie in den neuen Staat eingefügt werden konnten. Die kriegerischen Zwischenfälle, von denen die Überlieferung so gern eingehend berichtet, setzten einerseits die alte Gewohnheit der Stammeskämpfe und Beutezüge fort, leiteten aber zugleich den Dschihad, den “Heiligen Krieg” der kommenden Zeit ein. Im Jahre 630 schließlich konnte Mohammed nach Mekka zurückkehren. Der alte Kult wurde abgeschafft, die Götzen in der Kaaba zerstört, die Kuraischiten unterwarfen sich, aber es gab keine Vergeltungsmaßnahmen. In Mekka hielt er auch seine letzte Rede, denn, kaum nach Medina zurückgekommen, erkrankte er und starb (632 n. Chr.).

Solange Mohammed lebte, wurden die Probleme von ihm selbst gelöst, das betraf sowohl die Religion als auch die Politik, Gesellschaft usw. So waren bereits in dieser frühen Phase Religionsgemeinschaft (arab. umma) und Staat prinzipiell eins. Deshalb wurde keine gesonderte Institution, keine Kirche, gegründet und diese Umstände führten auch dazu, dass der Islam – wie das Judentum, aber im Unterschied zum Christentum – eine Gesetzesreligion wurde: Alle Regelungen, die der Prophet als Staatsoberhaupt zu treffen hatte, galten von Anfang an als heilig und wurden so zu ewig gültigen, unabänderlichen Normen.

Dadurch ist der Islam deutlich mehr als andere Religionen – er ist auch der Entwurf einer Gesellschaftsordnung. Im Islam fehlt die Trennung zwischen Religion und weltlicher Macht von Anbeginn: Während christliche Gesellschaften über Jahrhunderte hinweg ganz selbstverständlich akzeptierten, dass es zwei Autoritäten gab, Gottes Stellvertreter und den Kaiser, war Mohammed von Anafang an Interpret des wahren Glaubens und weltlicher Herrscher in einem. Eine Trennung von Staat und Kirche ist zumindest im Ur-Islam undenkbar.

Der Kaufmannssohn feierte bereits zu Lebzeiten große militärische und politische Erfolge. Er schuf in Medina ein neues Gemeinwesen und eroberte dann auch seine Heimatstadt Mekka, aus der er hatte fliehen müssen. Er kommandierte Armeen, erhob Steuern, übte Rechte aus. Als er 632 verstarb, umfasste seine Gemeinschaft rund 104.000 Mitglieder.

Der Werdegang des Propheten Mohammed vollzog sich also in zwei Phasen. In der ersten Phase, in den Jahren, die er in seiner Geburtsstadt Mekka (570-622 n. Chr.) verbrachte, stand er in Opposition zu den heidnischen Herrschern. In der zweiten Phase, nach seinem Umzug von Mekka nach Medina (622-632), war er der Herrscher der Gemeinschaft. Diese beiden Phasen, die des Widerstands und die der Herrschaft, spiegeln sich im Koran wieder, in dem die Gläubigen in unterschiedlichen Versen und Suren einmal dazu angehalten werden, Gottes Stellvertreter auf Erden zu gehorchen, und dann wieder dazu, dem Pharao – Sinnbild des ungerechten und tyrannischen Herrschers – den Gehorsam zu verweigern.

Es ist für uns heute schwierig, einen Mann richtig zu beurteilen, der Stifter einer großen Religion wurde und doch zugleich tief in seiner Zeit verwurzelt war. Für den wahrhaft gläubigen Muslim ist er der Prophet Allahs, der Mittler, der dazu ausersehen war, den Menschen die Offenbarung zu bringen. Auch als Nichtmuslim muss man in diesem Mann eine überragende Persönlichkeit sehen, die mit der Kraft der Leidenschaft und mit unbestreitbarer Aufrichtigkeit das moralische und geistige Niveau der Menschen seines Lebenskreises zu heben suchte und die es verstand, ihre Botschaft dem Charakter und den Überlieferungen dieser Menschen mit so viel Verständnis und politischem Talent anzupassen, dass sie Lebenskraft gewann.

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Bild 4: Das Reich des Islam

Im Islam sind die sogenannten “vier Rechtsquellen” maßgeblich: Koran, Sunna, übereinstimmende Meinung der Rechtsgelehrten (Konsens) und Analogieschluss.Der Koran

Der Koran ist das heilige Buch, Grundlage und Stiftungsurkunde des Islam. Das arabische Wort “Qu’ran” bedeutet etwa “Lesung/Rezitation/Vortragstext”. Der Koran ist also Vortrag, vorgetragene Lesung. Nach islamischer Vorstellung handelt es sich dabei um das dem Propheten Mohammed zwischen 610 und 632 teils in Mekka, teils in Medina offenbarte Wort Gottes, das durch den Erzengel Gabriel übermittelt wurde. Alljährlich rief sich der Prophet den Wortlaut und die Reihenfolge der offenbarten Verse im Monat Ramadan erneut ins Gedächtnis, indem er sie vor dem Engel Gabriel noch einmal rezitierte. In dem Jahr, in dem er starb, rezitierte Mohammed den gesamten Koran sogar zweimal.

Zu Lebzeiten Mohammeds pflegten seine Begleiter die verkündeten Offenbarungen auswendig zu lernen oder auch schriftlich festzuhalten. Ausnahmslos alle Gefährten des Propheten kannten zumindest Teile des Korans, da diese während der gemeinsamen Gebete ständig rezitiert wurden. Da Mohammed weder lesen noch schreiben konnte, diktierte er die Offenbarungen an insgesamt 43 Sekretäre, die teils auf Stein, teils auf Holz, auf Leder oder auch Papyrusblätter schrieben. Zur Zeit des ersten Kalifen Abu Bakr wurden die einzelnen Suren gesammelt, geordnet und in die abschließende Form eines Buches gebracht. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Suren an unterschiedlichen Orten untergebracht. Der dritte Kalif Otman ließ den Koran sieben Mal vervielfältigen und in die Zentren des Islam schicken. Zwei der Orginalausgaben befinden sich heute in Istanbul und in Taschkent.

Der Koran ist in arabischer Sprache verfasst und besteht aus 114 Suren. Die meisten Suren (92 von 114) wurden in Mekka geoffenbart. Sie sind kurz, scharfsinnig, ja feurig und voll prophetischen Gedankengutes, Ausdruck der kämpferischen Zeit Mohammeds in seiner Vaterstadt. Thematisch zielen sie in ihrer Mehrheit darauf, die Sendung des Propheten zu bestätigen und die Gegner durch Bilder der Furcht zu überzeugen: von der Einzigkeit Allahs, seinen Attributen oder Eigenschaften, den moralischen Pflichten des Menschen und schließlich der Belohnung oder Bestrafung am Jüngsten Tag. Die restlichen 22 Suren, in Medina unter anderen Verhältnissen geoffenbart, sind Ausdruck des Siegers und Gesetzgebers, daher ihre Länge, die ungefähr die Hälfte des Korans ausmacht. Sie enthalten die verschiedenen islamischen Gesetze (oder deren Grundlagen) über Gebete, Fasten und Wallfahrt sowie Gebote und Verbote für alle Bereiche des Erdenlebens, die von Bedeutung waren. Die Offenbarungen, die über einen Zeitraum von 22 Jahren erfolgten, lassen sich historisch gliedern, was manche Aussagen widersprüchlich erscheinen lässt aufgrund der divergierenden Schwerpunkte. Diese widersprüchliche Haltung ist vermutlich auf den Unterschied im Sozialgefüge zwischen Mekka und Medina zurückzuführen und sorgt bis heute für Dispute und voneinander abweichende Interpretationen.

Die Vielfalt möglicher Interpretationen wurde in der islamischen Theologiegeschichte zumeist als göttliche Gnade und Beleg für den inneren Reichtum der Offenbarung empfunden. Die Anordnung der Suren, mit Ausnahme der ersten Sure, erfolgt einfach nach ihrer Länge: Sure 2 ist die längste, Sure 114 die kürzeste [4]. Die Suren sind in Reimprosa abgefasst und stellen das älteste arabische Prosawerk dar. Sie decken den gesamten Lebensbereich im Islam ab und sind allein aus diesem Grund auch politisch zu verstehen. Von den 6.236 Versen (mit 77.437 Wörtern) des Korans beinhalten etwa 500 rechtliche Regelungen in den unterschiedlichsten Rechtsbereichen. Allah kommt im Koran 2.685 mal vor. Er besitzt 99 Eigenschaften, in der Theologie Attribute genannt, an die die 99 muslimischen Rosenkranzkügelchen erinnern.

Der Koran gilt als unnachahmliches, übermenschliches Meisterwerk. Als besondere Leistung gilt es, den Koran in Koranschulen auswendig zu lernen, wobei es weniger darauf ankommt, den Inhalt zu verstehen, als die arabischen Laute, die Gottes Wort sind, auswendig zu können. Übersetzungen gibt es lediglich als Verdeutlichung, da Arabisch als Gottes Sprache gilt, weil Gott sich Mohammed auf Arabisch offenbart hat. Der Koran existierte lange Zeit nur in Arabisch, wodurch die arabische Sprache erst ihre weltweite Verbreitung fand. Arabisch bietet aber auch einen politischen Sprachschatz, der zur Abgrenzung gegenüber westlichem Dominanzstreben genutzt werden kann.

Was zu Lebzeiten Mohammeds noch ständige Erklärung und Anpassung an die wechselnden äußeren Umstände erfahren konnte, wurde nach seinem Tod als unabänderlich anerkannt, seiner Auslegung nur ein begrenzter Spielraum zugestanden. Die wichtigste Konsequenz für einen Muslim aus dem Koran als Wort Gottes ist, dass Gott und nur er – nicht etwa Mohammed oder ein anderer – der eigentliche Gesetzgeber ist, der prinzipiell mit seinen Anweisungen nichts im Leben unbeeinflusst lässt. Dadurch ist eine Trennung von Religion und täglichem Leben nicht möglich, im Gegenteil zu westlichen Vorstellungen bilden im Islam Religion und Staat (“din wa daula”) eine feste Einheit. Hieraus ergibt sich heute für islamische Fundamentalisten die logische Konsequenz der Wiedereinführung der Scharia, des islamischen Rechts, das infolge der Kolonialisierung im 19. Jahrhundert weitgehend durch europäische Codici abgelöst worden war. Da der Islam der Ausdruck des Willen Gottes, also der einzigen Wahrheit ist, die nicht diskutiert werden kann, kann sich kein Muslim außerhalb dieser Wahrheit stellen. Wer vom Glauben abfällt oder sich als Atheist bekennt, liefert sich dem Prinzip des “ridat” aus, d. h. es ist nicht nur erlaubt, sondern geboten, denjenigen umzubringen. Die gegen Schriftsteller wie Salman Rushdie und Nagib Machfuz ausgesprochenen Todesurteile sind Konsequenzen solcher rigoroser Schriftauslegung.

Die Sunna / die Hadithe

Neben dem Koran sind die Hadithe der zweite Grundlagentext der islamischen Religion. Zwischen den beiden Schriften besteht insofern ein grundsätzlicher Unterschied, als der Koran laut der orthodoxen Glaubenslehre das authentische Gotteswort ist, das durch den Erzengel Gabriel dem Propheten offenbart wurde. Die Hadithe dagegen sind nicht Gottes, sondern Mohammeds Aussprüche und Taten. Da aber der Prophet nach Auffassung der Theologen in allem unfehlbar war, was seine religiöse Sendung betraf, konnte sein Reden und Tun als direkt von Gott geleitet gelten. Ein Hadith ist demzufolge der Ausdruck des göttlichen Willens, der sich entweder in einer Handlung oder einem Ausspruch des Propheten selbst manifestiert oder aber in einer Handlung oder Aussage, die seine Zustimmung fand. Weil die Hadithe nicht Gottes eigenes Wort repräsentieren, sind sie den Koranversen untergeordnet; doch gelten auch sie als eine Form der göttlichen Offenbarung und demzufolge als eine verbindliche Basis für die islamische Lehre und die Lebens- und Glaubenspraxis der Muslime. Tatsächlich ist der Großteil der diesbezüglichen Vorschriften aus den Hadithen und nicht aus dem Koran abgeleitet. Dieser vermittelt mehrheitlich die umfassenden Lehren über Gott, den Menschen und das Universum; deren detaillierte Übertragung auf die Lebenswelt jedoch findet sich in den Hadithen. So beschränkt sich der Koran auf die Erwähnung der Pflicht zum regelmäßigen Gebet; die Hadithe informieren über die genaue Art und Weise, wann und wie die Gebete zu verrichten sind.

Die in den Hadithen entworfenen Glaubens- und Verhaltensregeln werden kollektiv als Sunna bezeichnet. Wörtlich bedeutet das arabische Wort “Weg”, in übertragenem Sinn auch “Brauch”. Im ersten Jahrhundert islamischer Zeitrechnung bezeichnete der Begriff die richtige Lebenspraxis der gesamten muslimischen Gemeinde, doch nach und nach verengte sich seine Bedeutung allein auf die exemplarische Lebensführung des Propheten; in diesem Sinn wird er auch heute verstanden. Vom 8. Jahrhundert an wurden diese Traditionen in Büchern zusammengestellt, nachdem Stücke vor allem auf Papyrus in sehr begrenztem Umfang schriftlich fixiert worden waren. Bis zu einer Million Hadithe zirkulieren in sechs kanonischen Büchern [5]: ein Sammelsurium von teilweise dubiosen Erzählungen und durchsichtig parteilichen Auslegungen von Mohammeds Worten. [6] Rund 9.000 werden gemeinhin anerkannt, auch davon sind mit einiger Sicherheit viele Fälschungen und wurden in offen tendenziöser oder sektiererischer Absicht nachträglich verfasst. Doch als die Hadithe im 8. und 9. Jahrhundert niedergeschrieben wurden, war eine Unterscheidung in authentisches und untergeschobenes Material kaum mehr möglich. Deshalb versucht sich jeder Hadith selbst dadurch zu rechtfertigen, dass er die ganze Überlieferungskette (die Isnad) von Gewährsmännern bis zurück zum Propheten angibt. Dementsprechend besteht jeder einzelne Hadith aus zwei Teilen: der Überlieferungskette (A hörte von B, dieser von C, etc.) sowie dem eigentlichen Text. Die als echt anerkannten Überlieferungen der Sunna werden in drei Gruppen eingeteilt:

  • Die echten authentischen: ursprünglich in ununterbrochener Tradition weitergegebenen Überlieferungen. Sie begründen verbindliche Rechtsnormen, denn die Rechtsgutachten von Muslimen, die den Propheten Mohammed selber noch befragen konnten, sind besonders wertvoll.
  • Die schönen: zwar später allgemein bekannte, zunächst aber nicht in ununterbrochener Tradition weitergegebene Überlieferungen. Sie begründen wegen des Bruchs in der Tradition keine verbindlichen Rechtsnormen.
  • Die schwachen: nur von einzelnen Gewährsmännern weitergegebenen Überlieferungen. Sie begründen unter genereller Anerkennung als Auslegungsregel eine gegenüber der zweiten und erst recht der ersten Gruppe nur abgeschwächte gewisse Wahrscheinlichkeit.

Der Konsens

Der Konsens bezeichnet die Übereinstimmung der Rechtsgelehrten, die nach dem Tode von Mohammed bei der Feststellung einer bestimmten praktischen Rechtsvorschrift zum Tragen kommt. Die Mehrheit der sachkundigen und kompetenten Gelehrten schreibt der Übereinstimmung einen bindenden und verpflichtenden Charakter zu. Die Gelehrten berufen sich dabei auf die überlieferten Aussagen und Handlungen des Propheten. Auch der Koran (Sure 4,59-83) betont den hohen Stellenwert der Gemeinschaft und bestätigt somit die fundamentale Wichtigkeit der übereinstimmenden Meinung qualifizierter Gelehrter.

Der Analogieschluss

Der Analogieschluss ist das System analoger Deduktionen auf der Grundlage von Koran, Sunna und übereinstimmender Meinung der sachkundigen Rechtsgelehrten. Die Analogie führt dadurch zur Festlegung der anzuwendenden Rechtsnorm, dass sie in den Grundlagen des Gesetzes Vorschriften oder Entscheidungen ausfindig macht, die eine Ähnlichkeit mit dem vorliegenden Fall aufweisen und damit ihre Anwendbarkeit im vorliegenden Fall rechtfertigen.

Gebet

Vor dem rituellen Gebet reinigen sich die Muslime durch rituelle Waschungen. Zudem müssen sie dafür sorgen, dass ihre Kleider und der Ort, an dem sie beten, ebenfalls sauber sind. Der Gläubige wendet sich gen Mekka (1) und richtet seine Gedanken auf die nun erfolgende Zwiesprache mit Gott. Er hebt beide Hände neben den Kopf (2) und spricht “Allahu akbar” – Gott ist groß. Nun legt er die Hände vor dem Bauch zusammen (3) und rezitiert die erste Sure des Koran (die fatiha), die mit der basmala beginnt: “Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes”. Danach spricht er leise noch eine weitere Sure des Koran, zumeist die 112. Die Handhaltung der Frauen weicht bei (2) und (3) geringfügig von jener der Männer ab. Der Gläubige verneigt sich. Die Handflächen berühren dabei seine Beine etwas oberhalb der Knie (4) und er spricht abermals “Allahu akbar” sowie dreimal “Ruhm und Preis meinem Gott, dem Allmächtigen”. Danach richtet er sich wieder auf sagt: “Möge Gott den hören, der ihn preist. Dir, mein Herr, die Lobpreisungen”. Der Gläubige lässt sich mit einem erneuten “Allahu akbar” auf die Knie nieder (5), berührt mit der Stirn den Boden und spricht: “Ruhm sei Gott, dem Höchsten”. Er setzt sich auf der Fersen (6) und spricht abermals “Allahu akbar”, dann: “Mein Gott, vergib mir, erbarme dich meiner”. Dann berührt er wieder mit der Stirn den Boden. Damit ist ein Gebetsabschnitt (rakaa) abgeschlossen, und der Gläubige verharrt auf den Fersen sitzend. Bevor er eine zweite rakaa beginnt, zitiert er erneut die erste Sure. Je nach Tageszeit bestehen die Gebete aus zwei bis vier Abschnitten. Am Ende der Zwiesprache mit Gott spricht der Gläubige dass Bezeugungsgebet, das mit den Worten endet: “Es gibt keinen Gott außer Gott; und ich bezeuge, dass Mohammed der Gesandt Gottes ist”. Abschließend entbietet der Betende einen Gruß nach recht und links (7): “El-salam alleikum!” – Der Friede sei mit euch und die Barmherzigkeit Gottes. Mit dieser Geste zeigt der Gläubige, dass er Teil der muslimischen Gemeinde ist.

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Bild 5: Das Gebet

Die Scharia

Im Islam umfasst die Scharia die das Leben eines Gläubigen bestimmenden Gesetze und Regelungen. Da der Koran von den Gläubigen fordert, in allen Bereichen des Alltags dem Wort Gottes zu folgen, kennt der Islam keine Trennung zwischen religiösem und weltlichem Recht: Die Scharia umfasst über 52 Bereiche der unterschiedlichsten Art – von den Riten über Reiten und Bogenschießen zu den Rechtsgebieten u.a. des Familien-, Erbschafts-, Wirtschafts-, Verwaltungs-, Straf- oder Prozessrechts. Das Strafrecht bildet also nur einen dieser 52 Bereiche. Von daher kann man das Strafrecht der Scharia als gewichtigen, nicht aber als abschließenden Maßstab für die Bewertung der Scharia nehmen, obwohl vom Umfang der strafrechtlichen Regelungen her dieses Gebiet rund drei Fünftel des islamischen Gesetzes ausmacht.

Grundlage der Scharia sind zuvorderst der Koran und die Sunna, die Lebenspraxis des Propheten. In allen strittigen Fragen, in denen diese Quellen keine Lösung bieten, gilt die Übereinstimmung der Rechtsgelehrten (idschmâ) als maßgeblich. Als vierte Grundlage dient der Analogieschluss (qiyâs), der auf den ersten drei Grundlagen beruht.

Die Scharia ist das arabische Wort für “der deutliche, gebahnte Weg” (zur Tränke), ist der Sammelbegriff für islamische Lebensregeln, religiöse Pflichten und das religiös begründete, auf Offenbarung zurückgeführte Recht des Islam. Es regelt nicht nur Rechtsfragen, z. B. Ehe- oder Strafrecht, sondern beinhaltet auch Kultvorschriften, Normen der Sozialethik und stellt somit eine umfassende Lebensordnung dar. Strafmündig ist im Islam jeder, der geschlechtsreif ist: Mädchen sind es mit neun, Jungen mit 15 Jahren. Mit der Neugründung islamischer Nationalstaaten hat sich fast überall ein modernes Zivil- und Strafrecht gegenüber der Scharia durchgesetzt, jedoch wird sie in vielen Staaten auch heute noch in vielen Bereichen des öffentlichen Rechts angewandt. Neben dem Iran greifen unter anderem auch Mauretanien, Pakistan, der Sudan, Saudi-Arabien, der Jemen, Afghanistan und seit 1999 zwölf von 36 Provinzen Nigerias auf das islamische Rechtssystem zurück.

Was das islamische Recht im Einzelnen beinhaltet, haben die Rechtsgelehrten herausgearbeitet und in jeweils nach Möglichkeit zusammenhängende Systeme gefasst. Die fünf wichtigsten Kategorien, mit denen diese Systeme menschliche Handlungen einteilen, sind: das zwingend gebotene oder verpflichtende Handeln (wadschib, mitunter auch fard), deren Unterlassung gerügt bzw. Bestraft wird, und zwar in der Regel im Jenseits; das empfohlene oder lobenswerte Handeln (mandub), die besondere Frömmigkeit und Gehorsam gegen Gott erkennen lässt und im Jenseits belohnt wird; Handlungen, die erlaubt und im Hinblick auf die sittliche Bewertung indifferent sind (mubah), Handlungen, die missbilligt und verabscheuenswert , aber rechtlich nicht verboten sind (makruh) und schließlich Handlungen, die verboten sind (haram) und die zur Bestrafung im Diesseits oder/und Jenseits führt. Haram meint alles, was Gott absolut verboten hat. Hierzu gehören: Diebstahl, Ungehorsam gegenüber den Eltern, Angriffe auf das Leben, die Ehre und das Eigentum anderer, Lügen, Betrug, Glückspiel, Genuss von Schweinefleisch, Blut, Alkohol. Es zieht Gottes Strafe im Jenseits und die gesetzliche Strafe im Diesseits nach sich. Alles, was nicht verboten ist und daher einer der anderen vier Kategorien zuzuordnen ist, wird auch als “erlaubt” (halal) bezeichnet. Zu den zwingend gebotenen Handlungen zählt vor allem die Praktizierung der fünf kultischen Pflichten.

Die praktische Anwendung des islamischen Gesetzes im Leben obliegt den einzelnen Gläubigen und der Gemeinschaft. Von Amts wegen haben die Gesamtleiter der islamischen Gemeinschaft und die Richter die Aufgabe, das Gesetz zur Anwendung zu bringen. Ihnen steht als Beratungsinstanz der Rechtsgelehrte zur Seite.

Die Fatwa

Die Fatwa ist ein religiöses Rechtsgutachten, das auf Anfrage von einem islamischen Rechtsgelehrten ausgestellt wird und Antwort darauf geben soll, was im Islam Recht und was nicht Recht ist. Eine Fatwa kann nur abgeben, wer durch ein Studium in islamischer Theologie und Jurisprudenz qualifiziert ist. Diese so genannten Muftis sind hoch angesehen und gelten in der Bevölkerung als zuverlässige Gelehrte. Mehrheitlich sind sie Privatgelehrte, die unabhängig vom staatlichen Justizsystem wirken, deren Funktion aber vielfach eng mit dem staatlichen Justizsystem verknüpft ist. In der Theorie ist die Meinung der Muftis bindend, jedoch fehlen Institutionen, die diese Rechtsmeinung durchsetzen, weshalb sie des öfteren ignoriert werden. Für die Rechtssprechung hat eine Fatwa die Bedeutung eines Gesetzes, trägt allerdings nur empfehlenden Charakter, ist also nicht rechtsverbindlich und kann daher weder “verhängt” noch zwangsweise vollstreckt werden. Sie soll religiös relevantes Wissen vermitteln und in allen Lebenslagen Anleitung zu einer islamischen Lebensführung geben.

Eine der bekanntesten Fatwas stammt von dem iranischen Revolutionsführer Ajatollah Ali Chomeini. In ihr wurden am 14. Februar 1989 alle Muslime zur Ermordung des Schriftstellers Salman Rushdie aufgefordert, da Chomeini Rushdies Roman “Die satanischen Verse” für blasphemisch befand und nach islamischem Recht Abtrünnige vom muslimischen Glauben dem Tode verfallen.

Ein Beispiel ist die berüht/berüchtigte “Kamel- Fatwa” aus Hessen aus dem Jahr 2000 durch den Vorsitzenden der Islamischen Religionsgemeinschaft Hessen (IRH): Demnach sollen muslimische Mädchen und Frauen in Hessen nicht mehr an Klassen- oder Studienfahrten teilnehmen, die weiter als 81 Kilometer führen. “Eine mehrtägige Reise mit Übernachtung außerhalb der elterlichen/ehelichen Wohnung ist für muslimische Frauen ohne die Begleitung eines Mahram (enger männlicher Verwandter) nicht erlaubt und verstößt gegen islamisches Recht”, befand Amir Zaida. Dabei beruft er sich auf den Propheten Mohammed, der bestimmt habe, dass eine Frau eine “Tages- und Nachtreise” nicht ohne Mahram zurücklegen dürfe. “Die Entfernung schätzen die islamischen Gelehrten heute auf ca. 81 Kilometer”, heißt es in der Fatwa. Bei dieser Entfernungsangabe handelt es sich um die Strecke, die eine Kamel-Karawane zu Zeiten des Propheten innerhalb von 24 Stunden zurücklegen konnte. Konkret bedeutet dies aber auch, dass muslimische Frauen höchstens im näheren Umkreis arbeiten dürfen oder niemals allein Verwandte in einer entfernteren Stadt besuchen können.

Der Dschihad (Jihad)

Der Dschihad stellt einen im Koran und im Leben des Propheten unübersehbaren Auftrag dar. Gleichwohl bildet er, außer bei den Schiiten und einigen islamistischen Bewegungen, keine “sechste Säule des Islam”. Nach dem klaren Schriftbefund im Koran heißt Dschihad an mehr als 80% der Fundstellen “einen Krieg um des Glaubens willen führen”. Darüber hinaus rufen die Verse 5 und 29 der neunten Sure des Korans, die als zeitlich letzte und damit alle anderen interpretierende Sure gilt, dazu auf, die Ungläubigen aktiv zu bekämpfen und, falls sie sich nicht ergeben und Muslime werden, zu töten. Die Vorstellung, dass die im Glaubenskrieg Gefallenen – nach islamischer Terminologie Märtyrer – unmittelbar ins Paradies eingehen, ist schon im Koran enthalten (Sure 3, 169; 2, 14; 22,58).

Dschihad heißt wörtlich “Anstrengung bei der Abwehr von etwas/jemanden” und übertragen das “Streben, der Kampf auf dem Pfad Gottes” und ist eines der am meisten missgedeuteten und missverstandenen Konzepte des Islam. Es schließt alle Taten ein, die entweder der Verteidigung des Islam oder der Förderung seiner Sache dienen. Man unterscheidet zwei Formen des Dschihad: den “größeren” (al-jihad al-akbar) und den “kleineren” (al-jihad al-asghar). Der größere Dschihad heißt auch Jihad al-nafs und bezeichnet den inneren, geistigen Kampf des Einzelnen gegen die niedrigen Regungen der eigenen Seele, gegen Laster, Leidenschaft und Unwissenheit. Diese Ansicht stützt sich auf ein Hadith, das allerdings in die sechs gemeinhin als kanonisch bezeichnete Sammlungen der Sunniten, die als zuverlässig gelten, keinen Eingang gefunden hat. Die meisten Muslime verstehen unter Dschihad den Einsatz für eine gute Sache. Jede Anstrengung wird als Dschihad bezeichnet, vor allem wenn damit Entbehrungen verbunden sind, wie etwa beim Universitätsstudium.

Der kleinere Dschihad bezeichnet den “Heiligen Krieg” gegen Ungläubige. Voraussetzung für diesen Dschihad ist, dass Gläubige (das schließt Juden und Christen ein) an der Ausübung ihrer Religion gehindert werden. Also darf nicht jeder Krieg, nicht einmal jeder Verteidigungskrieg, als Dschihad bezeichnet werden. Da der Islam als die letzte, höchste und universalste der von Gott verliehenen Religionen gesehen wird, herrscht die Überzeugung vor, dass der Dschihad so lange geführt werden muss, bis sich alle Völker der Erde dem Islam unterwerfen. In der traditionellen Lehre lag die Verantwortung zur Führung eines Dschihad in den Händen der Obrigkeit. Untertanen mussten dieser folgen, hatten aber selbst kein Recht, einen Dschihad autonom zu führen. Heute wird der Islam von den Muslimen weitgehend als von Hause aus friedfertige Religion dargestellt und die meisten muslimischen Autoren der Gegenwart halten nur noch den defensiven Charakter des Dschihad für erlaubt. Freilich bleibt das Problem dann, wie eigentlich der Verteidigungsfall genau definiert wird.

Wurde also der Dschihad in den Zeiten der Expansion als Rechtfertigung verstanden ähnlich den Kreuzzügen der Christen, so deuten in der heutigen Zeit politische Extremisten alle möglichen bewaffneten Aktivitäten als Dschihad um, obwohl sie sich aus dem traditionellen Dschihadkonzept so nicht rechtfertigen lassen und auch die Mehrheit der muslimischen Gesellschaft ihr Handeln als ungerechtfertigt ansieht. Heute gibt es muslimische Gruppen, die politische Ziele tatsächlich mit gewaltsamen Mitteln anstreben, sich selbst dabei aber nicht primär als Politiker, Krieger oder Terroristen ansehen, sondern sich als konsequente Muslime, ja als die einzig Rechtgläubigen einschätzen und gebärden. Solche Gruppen entwickeln manchmal eine ausgesprochen sektiererische Mentalität. Dazu kommt ein gewisser Fanatismus, der bis zur Selbstaufopferung für die Ziele der Gruppen gehen kann. Freilich geht der Hass von Angehörigen solcher Gruppen wohl mindestens ebenso sehr auf politische und soziale Ursachen zurück wie auf religiöse. Tatsächlich herrschen in zahlreichen islamischen Ländern Massenarmut und andere gravierende soziale Missstände, verursacht durch den repressiven Regierungsstil, die Misswirtschaft und die Korruptheit örtlicher politischer Führungen, aber auch durch bis heute spürbare Folgewirkungen europäischer Kolonialherrschaft, durch eine die westlichen Industrienationen begünstigende Weltwirtschaftsordnung und durch ein Bevölkerungswachstum, mit dem die Entwicklung neuer ökonomischer Ressourcen nicht Schritt halten kann.

Ein Beispiel für dieses Denken ist Saiyid Qutb (1906-1966). Nach seiner Ansicht ist eine künftige Weltfriedensordnung nur dadurch zu erreichen, dass die Muslime zuerst einmal in einem groß angelegten Dschihad die ganze Welt erobern. Diesen Vorgang preist er als einen zum Wohl der ganzen Menschheit gebotenen revolutionären Befreiungsprozess. Aufbauend auf diesen Überlegungen geschah dann in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts etwas, das die meisten Muslime noch nicht recht begriffen haben. Es entstand eine neue “Schule”, die eine andere Sicht des Islam propagierte. In Ägypten verfasste ein blinder Student an der altehrwürdigen Al Azhar, einer der berühmtesten theologischen Hochschulen des Islam, eine zweitausend Seiten umfassende Dissertation über den Dschihad. Darin behauptet Omar Abdel Rahman, die Überlieferung vom “Kleinen” und “Großen Dschihad” sei erfunden, der Prophet habe so etwas nie gesagt. Dschihad bedeute nur eines, nämlich zur Waffe zu greifen und die Ungläubigen aufzufordern, den Glauben anzunehmen oder sich zu ergeben und muslimischer Herrschaft unterzuordnen. Alle anderen Interpretationen des Dschihads seien nichts als Apologetik und seien aus der Furcht vor übermächtigen Kolonialmächten geboren. Das Gerede von der Selbstläuterung als “Großem Dschihad” sei verwerflich, damit mache man sich nur lächerlich.

Vergleichbar ist die Idee des Dschihad generell mit der Theorie des gerechten Krieges im Westen. So wird das Töten des Feindes durch den Soldaten gerechtfertigt. Wäre dies nicht so, würde er einen Mord begehen, der im Islam als schwere Sünde gilt. Im Umkehrschluss wird natürlich derjenige, der in der gerechten Sache des Dschihad stirbt, zum Märtyrer, dem die Sünden vergeben werden.

Grundlegend weicht der heutige Begriff des Dschihad von den traditionellen Dschihad-Lehren ab in Bezug auf die Privatisierung des Kampfes, die Aggression gegen muslimische Mitbrüder, die nicht der eigenen Lehre folgten, sowie das Selbstmordattentat als Abkürzungsweg ins Paradies. Grundsätzlich können sich Einstellungen zum Dschihad relativ schnell ändern: Als Ajatollah Chomeini 1979 über Schah Reza Pahlevi gesiegt hatte und seinen schiitischen Gottesstaat aufzubauen begann, rückten der Dschihad, der Heilige Krieg und der Märtyrertod an die erste Stelle schiitischer islamischer Tugenden. Mit den Worten: “Je mehr Menschen, vor allem junge Menschen, für unsere Sache sterben, desto stärker werden wir. Die Moslems müssen die Todesfurcht bezwingen, damit sie die ganze Welt bezwingen können”, kündete Chomeini getreu den schiitischen Traditionen am Tage seiner Ankunft im Iran auf dem Teheraner Friedhof Behescht-e-Sahra den Beginn eines “Zeitalters des Märtyrertums” [7] an. Und an die Kinder und Jugendlichen – nach islamischem Gesetz gilt jeder mit Erreichen des zwölften Lebensjahres bereits als volljährig – seines Landes appellierte der unerbittliche Großayatollah: “Der Islam war tot oder starb doch vierzehn Jahrhunderte lang. Wir haben ihn mit dem Blut unserer Jugend belebt. Euer vergossenes Blut wird den Baum des Islam gedeihen lassen. … Bald werden wir Jerusalem befreien und dort beten”. Dies hatte die Konsequenz, dass im achtjährigen ersten Golfkrieg 1980-88 zwischen dem Irak und dem Iran von den ca. 150.000 an den Fronten eingesetzten Schülern Zehntausende von Kindern den Märtyrertod starben. Sie waren aus ihren Familien unter Druck rekrutiert worden. Die “Bassidschi” mussten durch ihren Opfertod auf den Schlachtfeldern u.a. feindliche Minen hochgehen lassen, um so den in ihrem Schutze nachrückenden regulären iranischen Truppen, die sich praktisch hinter den Kindern des Landes versteckt hatten, eine Schneise durch die irakischen Minenfelder zu bahnen. Ihren Leichen und denen der anderen Märtyrer zu Ehren wurde in Teheran der makabre Blutsbrunnen erbaut.

Gesetzblatt der Islamischen Republik Mauretanien

(aus dem Jahre 1984)Artikel 306:

“Jeder Muslim, der sich in Wort oder Tat des Verbrechens schuldig macht, vom Glauben abzufallen … wird aufgefordert, innerhalb von drei Tagen zu bereuen. Bereut er nicht innerhalb dieser Frist, so wird er als Abtrünniger zum Tode verurteilt. Sein Hab und Gut wird zugunsten der Staatskasse konfisziert. … Jeder Muslim, der das Gebet verweigert, wird aufgefordert, der Gebetspflicht innerhalb der vorgeschriebenen Zeit nachzukommen. … Bleibt er bei seiner Weigerung … so wird er mit dem Tode bestraft”. Artikel 307:

“Jeder volljährige Muslim, gleich welchen Geschlechtes, der sich des Ehebruchs schuldig macht, wird öffentlich bestraft, ist er ledig, mit hundert Peitschenschlägen und einem Jahr Gefängnis… Beim verheirateten oder geschiedenen Paar wird in jedem Fall die Todessstrafe durch Steinigung (Radschum) ausgesprochen. Ist die Frau schwanger, so wird die Steinigung oder Geißelung bis zur Niederkunft ausgesetzt”.Artikel 308:

“Jeder volljährige Muslim, der eine unkeusche oder widernatürliche Handlung mit einer Person seines eigenen Geschlechtes begangen hat, wird durch öffentliche Steinigung mit dem Tode bestraft”.Artikel 341:

“Jeder volljährige Muslim, der freiwillig und bewusst Alkohol trinkt, wird mit vierzehn Peitschenhieben bestraft.”Artikel 351:

“Wer in täuschender Absicht etwas nimmt, was ihm nicht gehört, ist des Diebstahls schuldig und wird zur Amputation der rechten Hand verurteilt. … Wird er zum zweiten Mal schuldig, so wird ihm der linke Fuß amputiert. … Begeht er den dritten Diebstahl, so wird ihm die linke Hand amputiert. … Begeht er den vierten Diebstahl, so wird ihm der rechte Fuß amputiert”.

Die Eckpfeiler des Glaubens

Jeder, der sich als Muslim bezeichnet, soll an sechs grundlegende Dinge glauben, nämlich die Einheit Gottes, die Macht der Engel, die Offenbarung, das Prophetentum, die Existenz des jenseitigen Lebens und den Glauben an die Vorherbestimmung. Diese sechs Glaubensgrundsätze sind von einer so zentralen Bedeutung, dass sie “Pfeiler des Glaubens” genannt werden.

1. Einheit Gottes

Die Muslime glauben an die Einheit und Einzigartigkeit Gottes. Der Koran bestätigt an vielen Stellen dieses Wesen Gottes. Exemplarisch soll hier nur die sehr kurze, vollständige Sure 112 mit dem Namen “Der aufrichtige Glaube” angeführt werden:“Sprich: Er ist Gott, ein Einziger, Gott, der Undurchdringliche, Er hat nicht gezeugt, und Er ist nicht gezeugt worden, und niemand ist ihm ebenbürtig.”Dieses Koranzitat zeigt, dass Allah einzig und ewig ist und dass die Menschen Gott zwar über seine Eigenschaften wie Gnade, Gerechtigkeit, Erbarmen, Zorn und dergleichen begreifen, aber sein Wesen letztlich nicht erfassen können. Im Koran wird mehrfach betont, dass Gott keine Gefährtin und keinen Sohn hat. Vielmehr ist er der Schöpfer der Söhne, und eine Gefährtin oder einen Sohn zu haben, stünde im Widerspruch zur Einzigartigkeit Gottes. Die koranische Lehre widerspricht der Auffassung, dass Jesus der Sohn Gottes sei. Vielmehr wird Jesus als einer der großen Propheten Gottes von den Muslimen besonders geehrt und geachtet. Auch der Begriff der Dreifaltigkeit ist mit der islamischen Lehre von der Einheit Gottes unvereinbar und wird im Koran kategorisch verneint. Der Islam weist auch die Vorstellung zurück, dass Gott selbst die Gestalt Jesus angenommen habe, damit die Menschen ihn, Gott, erkennen könnten. Auch widerspricht der Islam der Behauptung, dass Jesus für die Sünden der Menschen am Kreuz gestorben sei.

2. Die Macht der Engel

Engel sind hauptsächlich Wesen, die Gott loben und preisen. Im Auftrag Gottes bewachen und schützen sie die Menschen, verzeichnen deren Taten und sind für den Empfang der Seelen der Toten zuständig. Der berühmteste Engel ist Gabriel, der bei der Offenbarung als Mittler zwischen Gott und Mohammed diente. Eine weitere wichtige Gestalt ist Iblîs, der gefallene Engel (Satan, vgl. Sure 7, 11-18). Er wurde aus dem Paradies vertrieben, weil er Gott den Gehorsam verweigerte. Daraufhin wurde er zum Satan, zum Herrscher über die Hölle, der versucht, die Menschen auf die falsche Bahn zu leiten. Wie viele Engel es gibt, das weiß allein Allah.

Doch vier große Engel unter ihnen sind bekannt: Dschebrail (Gabriel): Ihm obliegt es, den Propheten die Offenbarungen Allahs zu überbringen. Er ist ein Mittler zwischen Allah und seinen Gesandten. Mikail (Michael): Er hat die Aufgabe, bestimmte Naturereignisse auszulösen, wie Wind, Regen und Pflanzenwachstum. Israfil (Raphael): Er ist mit Obliegenheiten betraut, welchen den Anbruch des Jüngsten Tages durch das Blasen der Posaune und die Auferstehung der Menschen am Jüngsten Tag betreffen.

Azrail (der Todesengel): Er ist beauftragt, die Seelen der sterbenden Menschen in Empfang zu nehmen. Außerdem existieren bei jedem Menschen 384 beauftragte Engel. Darunter befinden sich die Schreibengel, die alle Taten der Menschen aufzeichnen und die Schutzengel.

3. Die Offenbarung

Die Propheten offenbarten den Menschen die Worte Gottes in verschiedenen Schriften. Vor dem Koran gab es die Thora (die fünf Bücher Moses), die Psalmen Davids und das Neue Testament Jesu als Schriften echter Offenbarung. Differenzen unter diesen vier Schriften ergeben sich nach islamischer Auffassung dadurch, dass die Menschen nicht immer bereit waren für die vollkommene Offenbarung Gottes und deswegen den Inhalt verfälschten. So wurde Gottes Offenbarung immer vollständiger, bis sie schließlich im Koran gipfelte, der die unabänderliche Fassung der Botschaft Gottes darstellt und gültig ist bis zum Ende der Zivilisationen.

4. Das Prophetentum

Gott berief auserwählte Menschen zu seinen Gesandten und Propheten. Er betraute sie mit der Aufgabe, seine Offenbarungen, die er ihnen zuteil werden ließ, anderen Menschen weiterzuvermitteln und sie die Art und Weise der gottgewollten Lebensführung zu lehren. Nur durch die Gesandten konnten die Menschen Kenntnis über die Eigenschaften Gottes, über seinen Willen und über das Jenseits erhalten. Die Muslime kennen eine Reihe von Propheten, zu denen z.B. Abraham, Moses und Jesus gehören.

Mohammed wird dabei als letzter Prophet gesehen, als Ende, Bekräftigung und Höhepunkt in dieser Reihe. Durch ihn hat Gott die Lehre des Islam für die Menschen zum vollkommenen Abschluss gebracht.

5. Das jenseitige Leben

Nach muslimischem Glauben wird die Welt eines Tages an ihr Ende gelangen. Nach dem Volksglauben gibt es eine Reihe von Zeichen, die diesen Jüngsten Tag ankündigen. Allerdings wird die Erde nicht vollkommen vernichtet, sondern vielmehr gänzlich verwandelt. An diesem jüngsten Tag werden alle Menschen, die je gelebt haben, auferstehen und gerichtet werden. Wer frei von jeder Sünde ist, wird direkt ins Paradies eingehen.

Andere werden einige Zeit in der Hölle verbringen, bis ihre Schuld gesühnt ist. Die Höllenqualen für die Gottlosen und Ungläubigen sind fürchterlich. Das Paradies dagegen ist paradiesisch schön mit allem, was ein Menschenherz erfreut. Nach der Vorstellung der meisten Muslime wird aber keiner der Gläubigen ewig im Feuer verbleiben, sondern irgendwann aus den Höllenqualen errettet.

6. Die Vorherbestimmung

Allah kennt alle Dinge in seiner Schöpfung und er hat die Macht, die Beschlüsse, die er in diesem anfanglosen und endlosen Wissen umfasst und für gut befindet, auch zu verwirklichen. Es gibt keine Macht, die sich seinem Willen entziehen könnte. Deshalb kann nichts gegen seinen Willen geschehen, und alles, was geschieht, geschieht mit seiner Erlaubnis. Dem steht die Wahlfreiheit des Menschen nicht entgegen. Gott hat dem Menschen einen freien Willen gegeben und ihn befähigt, entsprechend zu wählen und zu handeln. Deshalb ist Gott gerecht, wenn er den Menschen am Jüngsten Tag zur Verantwortung zieht.

Die Pfeiler der religiösen Praxis – Die fünf Säulen des Islam

Parallel zu den Pfeilern des Glaubens gibt es gewisse Rituale, die allen Muslimen abverlangt werden:

  • das Glaubensbekenntnis, die shahâda
  • das fünfmal am Tag zu leistende Gebet, die salât
  • das Almosengeben, die zakât
  • das Fasten, die saum
  • die Pilgerfahrt, die hâdsch.

Viele Muslime erkennen zwar die Bedeutung dieser Rituale an, führen sie aber im täglichen Leben nicht oder nicht vollständig durch. Das islamische Recht regelt genau, wann eine solche Pflichtaufgabe entfallen darf, und sieht die Möglichkeit der Kompensation des Versäumten vor. Da diese fünf Pflichten den gläubigen Muslim erst ausmachen, werden sie auch als die “Fünf Säulen des Islam” bezeichnet und oftmals durch einen fünfzackigen Stern symbolisiert (vgl. z.B. die Flaggen von Jemen, Libyen, Marokko, Pakistan, Syrien, Tunesien und Türkei).

Das Glaubensbekenntnis, die Schahada

Nicht Gegenstand des islamischen Rechts, sondern vielmehr Voraussetzung für seine Anwendung auf den Muslim ist die shahâda, das “Zeugnis”. Durch Ablegen dieses Zeugnisses bestätigt der Muslim die Einheit und Einzigartigkeit Gottes und die Aufgabe Mohammeds als Propheten und Überbringer der göttlichen Offenbarung. Die shahâda lautet: “Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist sein Prophet.” Wer nicht schon in die Gemeinschaft der Muslime hineingeboren ist, tritt in sie ein, indem er diese Glaubensformel, die shahada, mit den Worten “Ich bezeuge” aufrichtig und vor Zeugen ausspricht.

Er akzeptiert damit zugleich den Glauben an den Koran als das Wort Gottes, den Glauben an die Engel als Boten und Werkzeuge Gottes sowie den Glauben an den Tag des Jüngsten Gerichts. Nach solchem Bekenntnis gibt es kein Zurück mehr; auf Glaubensverrat steht der Tod. Die schiitische Minderheit fügt dem Glaubensbekenntnis die Worte hinzu: “Ali ist der Freund Gottes”. Die shahada wird täglich mehrmals durch die Gebetsrufer (Muezzins) in den Moscheen verkündet.

Das tägliche Pflichtgebet, die Salat

Neben den Festgebeten und dem Freitagsgebet spielen für den gläubigen Muslim vor allem die alltäglichen fünf Pflichtgebete (salât) in arabischer Sprache eine bedeutende Rolle. Daneben gibt es das private, innerliche Gebet (Dua = Anrufung, Bittgebet). Die salât-Gebete werden unmittelbar vor Sonnenaufgang (in der Morgendämmerung) verrichtet, gleich nachdem die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hat (Mittag), in der Mitte des Nachmittags, gleich nach Sonnenuntergang und nach Einbruch der Dunkelheit..

Die Zeiten des Gebets werden durch den Muezzin ausgerufen. Diese Gebete sind nach Haltung und Inhalt streng ritualisiert. Vor dem Gebet muss sich der Muslim durch rituelle Waschung (wudu) in einen Zustand ritueller Reinheit versetzen. So heißt es in einem Hadith: “Wenn einer sich reinigt und dabei die Waschungen richtig vollzieht, verlassen die Sünden seinen Leib, bis sie schließlich unter seinen Fingernägeln hinausgespült werden”. Dann muss er sich nach Mekka wenden, der Kaaba wegen. Nun folgt eine fest vorgeschriebene Reihe von Gebetsrufen und Bewegungsabläufen, bei der die präzise Ausführung der Körperbewegung genauso wichtig ist wie die begleitend stattfindende geistige Aktivität. Durch das Sprechen der Formel “Allâhu akbar”, “Gott ist sehr groß”, wird jedes Gebet eingeleitet. Der Freitag ist der heilige Tag der Muslime, das sehr beeindruckende Freitagsgebet vermittelt ein Gefühl von Gleichheit und Verbundenheit zwischen allen Gläubigen, die zusammen aufstehen und sich niederwerfen und die gleichen Worte beten, indem sie auf den Vorsteher, den Imam, blicken, der anfangs ihr Kalif, Emir oder Anführer gewesen war. Das Freitagsgebet ist zweiteilig; es enthält eine Unterweisung und am Ende das Gebet für den Herrscher. Männer und Frauen bleiben für gewöhnlich getrennt; die Frauen nehmen hinter den Männern oder in einem abgeschirmten Teil der Moschee am Gottesdienst teil.

Das vorgeschriebene Almosen, die Zakat

Als dritte Säule tritt das Almosengeben hinzu, sei es freiwillig (Sadat), sei es als religiöse Pflicht (zakat) zur Unterstützung der Bedürftigen, Witwen, Waisen, zur Ausrüstung der Freiwilligen für den Heiligen Krieg (Dschihad), für Sklaven, die sich freikaufen wollen, für notleidende Reisende und für Schuldner, die durch Schulden für ein gutes Werk Not leiden. Auch ist die zakat (wie in Pakistan) zum Aufbau religiöser Schulen verwendet worden. Jeder Muslim ist einmal im Jahr verpflichtet, einen gewissen Prozentsatz seines Vermögens als Almosen zu geben. Ganz wie im Gebet muss auch hier eine spezielle Form eingehalten werden, um den rituellen Charakter des zakâts zu unterstreichen. Das Almosengeben soll also der Anbetung Gottes dienen und zugleich den Unterschied zwischen Arm und Reich verringern. Welche Summe zu zahlen ist und wer wie viel davon erhalten soll, ist aber ein ständiger Konfliktpunkt unter den Rechtsgelehrten, und so gibt es viele verschiedene Ausübungsformen dieses Rituals. Ursprünglich eine freie, fromme Übung, wurde sie allmählich zu einer regelrechten Steuer, die einmal pro Jahr von allen erwachsenen Muslimen zu zahlen ist. Ansätze dieser Entwicklung gehen schon auf die medinische Zeit des Propheten zurück, in der er eine Art Staatskasse benötigte. Im Allgemeinen beträgt das Almosen 2,5 Prozent des Einkommens pro Jahr und wird allen Arten von Vermögen auferlegt. Mit der Einziehung der Steuer sind Beamte beauftragt. Die zakat ist, wenn sie richtig durchgeführt wird, durch eine gerechte Besteuerung der Reichen und Fürsorge für die Armen ein Schutzmittel gegen Kapitalismus und Kommunismus.

Das Fasten im Monat Ramadan, der Saum

Der neunte Monat im islamischen Kalender ist der Fastenmonat Ramadân. Dieser richtet sich nach dem Mondjahr, das mit zwölf Monaten zu abwechselnd 29 und 30 Tagen, insgesamt nur 354 Tage hat. Dadurch verschiebt er sich gegenüber dem Sonnenkalender (365 Tage) jährlich um 11 Tage. Der Ramadan beginnt also jedes Jahr früher. Er wurde aus vielen Gründen zum Fastenmonat erkoren. Er erinnert an den Monat, in dem der Prophet zum erstenmal Offenbarungen erlebte und seine Anhänger ihren ersten Sieg über die Mekkaner errangen. In diesem Monat müssen sich alle Muslime den ganzen hellen Tag (von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang “bis man einen weißen Wollfaden nicht mehr von einem schwarzen unterscheiden kann”) des Essens, Trinkens, Rauchens und des Geschlechtsverkehrs enthalten. Entschuldigt sind Alte, Kranke, Schwangere und stillende Frauen, Reisende und Schwerarbeiter.

Dabei soll nicht nur auf die Handlungen an sich verzichtet werden, sondern auch auf die Gedanken daran. Wie das Gebet soll das Fasten den Gläubigen Gott näher bringen, ihn an sein geistiges Leben jenseits von Essen und Trinken erinnern; es soll ihn lehren, seinen Körper zu beherrschen und das Leiden der Armen zu verstehen. Durch das Fasten bezeugt der Muslim, dass Gottes Gesetze Vorrang vor unseren menschlichen Trieben haben. Der eigentliche Zweck des Fastens ist somit der Gehorsam Gott gegenüber. Es gilt als besonders verdienstvoll, während des heiligen Monats den gesamten Koran zu rezitieren. In der 27. Nacht wird die “Nacht der Bestimmung”, Mohammeds Offenbarung, gefeiert. In diesen dreißig Tagen des Fastens ändert sich für den Muslim der gesamte Tagesablauf. Meist wird vor Sonnenaufgang reichhaltig gefrühstückt und gebetet. Nach der asketischen Anspannung des Tages wird abends wieder ein Festmahl in feierlicher Stimmung abgehalten, es herrscht dann Ferien- und Feststimmung. Abgeschlossen wird das Fasten des Ramadân mit dem zweitwichtigsten islamischen Fest, dem dreitägigen “Fest des Fastenbrechens” beim Erscheinen des Neumonds.

Die Wallfahrt nach Mekka, die Hadsch

Die Hadsch ist, wie auch die anderen vier Säulen, keine islamische Neuerung. Schon in grauer Vorzeit pilgerten die Araber zur Kaaba, dem kubusförmigen Bau im Herzen Mekkas, dessen Äußeres seit islamischer Zeit eine mit Koranversen bestickte Brokatdecke umhüllt. Genaue Kenntnisse über die Entstehung der Kaaba fehlen. Nach dem Koran soll sie von Adam im Auftrag Gottes gebaut worden sein, überstand dann die Sintflut und wurde von Abraham, dem gemeinsamen Stammvater von Muslimen, Juden und Christen, für Allah erneuert.

Einmal im Leben ist jeder freie, volljährige Muslim, der im Besitz seiner geistigen Kräfte ist, aufgerufen, im 12. Monat des islamischen Mondjahres die Pilgerreise nach Mekka zu unternehmen. Bedingungen, Vorbereitung und Ausführung der Pilgerfahrt orientieren sich an der Reise des Propheten Mohammed im Jahr 632, die als “Abschiedswallfahrt” in die Tradition eingegangen ist. Für die Vollziehung der Pilgerfahrt gibt es fünf Bedingungen: Den Zustand des “ihram”, den Zustand der Weihe, in dem sich der Gläubige befindet, nachdem er die vorgeschriebene Pilgerkleidung angelegt hat, zwei meist weiße Tücher, die ungenäht sind und um den Körper geschlungen werden, seine Absicht zur Pilgerschaft bekundet hat, sich nicht mehr kämmt und rasiert sowie in sexueller Abstinenz lebt; das Verweilen an den Ritualen am Berg Arafat, die siebenmalige Umkreisung der Kaaba, der siebenmalige Lauf um die zwei Orte Safa und Marwa, die “Steinigung des Satans”, indem dreimal sieben Steinchen auf eine bestimmte Stelle geworfen werden und schließlich das Schneiden der Haare. Dazu kommen weitere pflichtmäßige Übungen.

Die Pilgerfahrt ist an eine ganz bestimmte Zeit des Jahres gebunden und kann zu einer anderen Zeit nicht unternommen werden. Eine verkürzte Form, “umra” genannt, ist zu jeder Jahreszeit möglich. Sie beschränkt sich aber auf die Zeremonien unmittelbar in Mekka. Die Pilgerfahrt wird mit einem riesigen Opferfest abgeschlossen, das in der gesamten islamischen Welt als höchstes Fest des islamischen Kalenders gefeiert wird. Wer die Pilgerfahrt unternommen hat, kann nun den hohen Ehrentitel “Haddschi” führen, den Gott am Tag des Jüngsten Gerichts zu Gunsten des Betreffenden anrechnen wird.

Islamischer Fundamentalismus

“Islamismus” oder “islamischer Fundamentalismus” ist ein Überbegriff für verschiedene ideologische Strömungen, Gruppen und Grüppchen, deren politische Vorstellungen und Methoden äußerst divergieren. Pazifistische, reformistische, modernistische Strömungen sind ebenso vertreten wie traditionalistische und schließlich auch gewalttätig aktivistische, wobei bezeichnenderweise den Letzteren das Hauptinteresse der Medien gilt. Oft wird “Islamismus” mit “Fundamentalismus” gleichgesetzt, wobei Letzteres eine christliche, nicht unbedingt übertragbare Definition ist.

Der Begriff leitet sich aus der nordamerikanischen Kirchengeschichte ab. “Fundamentalists” wurden jene protestantischen Sekten in den Vereinigten Staaten genannt, die sich auf Bibelkonferenzen gegen Ende des 19. Jahrhunderts von liberalen Tendenzen ihrer eigenen lutherischen oder calvinistischen Großkirche abgrenzten. Diese Sekten warfen den “Kirchenchristen” vor, sie ließen sich viel zu sehr von “modernen” Ideen beeinflussen und hätten sich vom “Fundament” des Glaubens entfernt. Mit der Heiligen Schrift als Waffe in der Hand kämpften die “fundamentalists” z. B. gegen Darwins Evolutionstheorie.

Von Fundamentalismus ist schriftlich zum ersten Mal in Amerika die Rede in der zwölfbändigen Streitschrift für die Unfehlbarkeit des biblischen Buchstabens und gegen die Anerkennung der Naturwissenschaften: “The Fundamentals – A Testimony to the Truth” (“Ein Zeugnis der Wahrheit”), zwischen 1909 und 1915 von 64 britischen und amerikanischen Gelehrten und Predigern geschrieben. Die Reihe, in millionenfacher Auflage verbreitet, diente der Mobilisierung der kirchlichen Öffentlichkeit. Diese “Fundamentalists” verstanden sich als offensive Gegenbewegung zu einem Modernismus, der auch die christlich-protestantische Welt ergriffen hatte. Insbesondere war es eine Gegenbewegung gegenüber einer historisch-kritisch sich ausrichtenden Theologie, die sich daran machte, die überlieferten Glaubensbestände, besonders die biblischen Texte, in einer historisch-kritischen Perspektive auszulegen – ein Ergebnis des Bündnisses mit der modernen Wissenschaft, das der Protestantismus einging.Dieser amerikanische Fundamentalismus bibeltreuer protestantischer Christen ist also denkbar ungeeignet, um den islamischen Fundamentalismus zu deuten, jedoch lässt sich ein Merkmal religiös-fundamentalistischer Bewegungen daraus ableiten: Der unmittelbare Geltungsanspruch der religiösen Wahrheit über das politische Handeln.Für die Öffentlichkeit im Westen begann im Jahre 1979 mit der Revolution im Iran “die fundamentalistische Herausforderung” zunächst als Medienspektakel: Endlose Reihen von Betenden, Frauen im schwarzen Tschador, fanatisierte Mullahs, dann das Geiseldrama in der amerikanischen Botschaft, der Terror der Revolutionswächter gegen politisch Andersdenkende wie gegen religiöse und soziale Minderheiten (z.B. Homosexuelle) und schließlich der grausame, in Blutmystik verklärte “Heilige Krieg” gegen den Irak ab 1980. Verstärkt wurde die Wirkung der Bilder noch durch die unverblümte Absicht des Regimes, seine islamische Revolution zu exportieren.

So kann es kaum überraschen, dass einigen Kommentatoren Fundamentalismus im Allgemeinen, und der islamische im Besonderen, zu einer neuen Bedrohung geriet, zumal in den folgenden Jahren mit der Auflösung des Warschauer Paktes und dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion die alte “Gefahr aus dem Osten” schwand. Der Orientalist Heinz Halm aus Tübingen hat unter der Überschrift “Die Panikmacher” Folgendes dazu ausgeführt:”Die hierzulande grassierenden Ängste vor einem vermeintlich gefährlichen Islam, der angeblich unsere Zivilisation bedroht, ist das Spiegelbild der Ängste viele Muslime vor den Schrecken der westlichen Welt. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Eiferer der einen Seite den Eiferern der anderen in die Hände spielen. Nüchterne Information tut Not, und nicht das Geraune von einem Gotteskrieg, der angeblich bis in die Nacht der Zeiten zurückreicht.” [8] Parallel dazu wurde der Begriff, der in der heutigen Zeit negativ besetzt ist (selber ist man nie Fundamentalist, Fundamentalisten sind immer die anderen, sie gelten gemeinhin als konservativ, wenn nicht gar reaktionär), auf eine immer größere Zahl von Haltungen und Bewegungen bezogen – religiöse wie politische, quietistische wie militante und terroristische -, so dass “Fundamentalismus” zur schwammigen Modebezeichnung wurde und zugleich zu einem Kampfbegriff gegen all jene, die “die Moderne” ablehnen oder doch zumindest ihre Probleme mit ihr haben. Von Fundamentalismus zu sprechen ist also nur sinnvoll, wenn wir ihn als moderne Erscheinungsform verstehen, die unter den Struktur- und Kulturbedingungen moderner Gesellschaften entsteht. Er ist ein moderner Antimodernismus.Allgemein gesprochen kann man all jene islamische Fundamentalisten nennen, die für die gegenwärtigen Probleme der islamischen Welt nicht eine versäumte oder unzureichende Modernisierung verantwortlich machen, sondern die Ursache vielmehr in einer exzessiven Modernisierung sehen, die in ihren Augen einem Verrat an den unverfälschten islamischen Werten gleichkommt.

Für die Fundamentalisten besteht die einzige Lösung in der Rückkehr zum wahren Islam. Das beinhaltet für sie auch die Aufhebung aller vom Westen entlehnten Gesetze und sozialen Institutionen und die Wiedereinsetzung des islamischen Gesetzes, also der Scharia, als alleiniges Regelwerk. Ihrer Auffassung zufolge richtet sich der eigentliche Kampf nicht gegen die westlichen Eindringlinge, sondern gegen die hinter der Verwestlichung stehenden Verräter im eigenen Land. Als ihre gefährlichsten Gegner betrachten sie die falschen und abtrünnigen Herrscher der islamischen Länder, die die Werte und Institutionen des Westens ins Land geholt und den Muslimen unter ihrer Herrschaft aufgezwungen haben.Unter Islamismus sind damit Bestrebungen im Namen der islamischen Glaubenslehre zu verstehen, bestehende Herrschaftsstrukturen oder gesellschaftliche Ordnungen zu legitimieren, zu verändern oder auch als unislamisch zu destabilisieren und schließlich zu beseitigen oder unter Berufung auf den Islam innenpolitische, soziale und außenpolitische Forderungen durchzusetzen. Es geht also nicht um Religion, sondern um Ideologie zum Erringen und zum Bewahren politischer Macht.Der französische Philosoph Bernard-Henry Levy nannte “den Islam in seiner fundamentalistischen Form in gewisser Weise” den dritten Faschismus, “nach dem braunen und dem roten”. Und weiter: “In den Zuckungen des Islamismus erleben wir die letzten Höhepunkte des Totalitarismus aus dem 20. Jahrhundert.” Es handelt sich um Gebrauch, ja sogar Missbrauch des Islam zu ideologischen und politischen Zwecken, der sich in ähnlicher Form auch in der Geschichte anderer Weltreligionen nachweisen lässt. Als die beständigste und gefährlichste Bedrohung des Islam empfinden die Islamisten die Demokratie, die auf von Menschen gemachten Gesetzen beruht.

Wer sind die Islamisten?

Der Typus des Islamisten ist folgendermaßen zu beschreiben: Oft verfügt er über ein staatliches Diplom einer wirtschaftswissenschaftlichen, technischen, medizinischen oder naturwissenschaftlichen Studienrichtung. Häufig ist er Betriebswirt, Arzt, Technokrat oder Ingenieur. Unter Umständen hat er zusätzlich oder auch im Hauptfach Philosophie studiert, nicht nur die islamische, sondern zumeist die europäische von Hegel bis Heidegger. Der Typ des Islamisten lässt aus westlicher Sicht drei Hauptgruppierungen zu: [9] Zur ersten Gruppe gehören im wesentlichen hochgebildete Intellektuelle, die sich durch eine plötzliche Konversion, oft verbunden mit persönlichen Krisen, von westlichen Ideologien und Systemtheorien abwenden. In dieser Gruppe sind häufig auch Frauen anzutreffen.Seit Mitte der siebziger Jahre rekrutiert sich die zweite Gruppe aus sehr jungen Leuten, deren Durchschnittsalter etwa 20 Jahre beträgt. Sie kommen aus eher ländlichen Gegenden, meist aus traditionellem Milieu. Diese jungen Leute tragen die Last der Veränderung und der Anpassung von ländlichen Gesellschaftsformen an eine urbane Lebenswelt. Oft sind sie Aufsteiger mit akademischem Hintergrund und einer hohen Leistungsmotivation. Sie sehen sich der ungeheuer großen Erwartungshaltung ihrer Eltern, die ihnen unter Verzicht auf eigene Karriere und Lebensqualität eine gute Ausbildung ermöglichten, gegenüber gestellt. Durch die schlechte Arbeitsmarktsituation in urbanen Gegenden werden diese Leute zu enttäuschten akademischen Proletariern.Die dritte Gruppierung setzt sich zusammen aus Freiwilligen – meist allerdings keine Intellektuellen -, die im Afghanistankrieg 1989 auf Seiten islamischer Gruppen gegen die sowjetischen Besatzer und die afghanischen Kommunisten gekämpft hatten und bei Kriegsende rücksichtslos nach Nordafrika und in den nahen Osten abgeschoben wurden. Diese Abgeschobenen, einst von den USA und Saudi-Arabien für den Partisanenkrieg finanziert, wurden in ihrer neuen Umgebung zum Rückgrat islamischer Terroraktionen. Sie sind hauptsächlich in Palästina, Jordanien, Ägypten, im Jemen, in Algerien, Tunesien, Tschetschenien und Marokko aktiv.Unter den Bewegungen mit religiösen Zielen sieht Dia Rashwan, führender ägyptischer Kenner des Islamismus aus Kairo, vor allem pazifistische Gruppen, die den Islam über das Wort verbreiten und sich an der Frühzeit des Islam in Mekka ausrichten. Einen Dschihad hatte es in jenen Jahren vor der Auswanderung des Propheten nach Medina noch nicht gegeben. Zu den religiösen Gruppen zählt er auch die Dschihadisten, die sich auf eine andere Phase des Frühislam berufen: auf die Zeit in Medina, in der Mohammed ein Gemeinwesen aufgebaut hat.

Erst in jenen Jahren entstand der Aufruf zum Dschihad, wurde das Kämpfen Pflicht und die Politik ein integraler Bestandteil des Islam. Dschihadisten sind zunächst in ihren eigenen Ländern tätig gewesen, wie der Dschihad al Islamia in Ägypten und die GIA in Algerien. Ihr Ziel war, die Regime zu stürzen sowie Gesellschaft und Staat zu islamisieren.Auf diese Dschihadisten berufen sich auch separatistische Unabhängigkeitsbewegungen, die ihre islamischen Enklaven von einer nichtmuslimischen Umwelt befreien wollen. In Kaschmir und Tschetschenien kämpfen sie für die Errichtung eines islamischen Staates, gehen dabei aber keine Bündnisse mit nichtislamischen Bewegungen ein. Erst als jüngste Gruppierung sind die internationalistischen Dschihadisten entstanden, die die “Umma”, die Gemeinschaft der Muslime im Auge haben. Sie kämpfen gegen ausländische Mächte, genauer: gegen die Vereinigten Staaten und Israel, denen sie vorwerfen, muslimischen Boden besetzt zu halten. Neben diesen “religiös” argumentierenden Islamisten verfolgen andere islamistische Bewegungen auch soziale und politische Programme. Sie streben nach der politischen Macht und wollen das islamische Gesetz, die Scharia, als verbindliches Rechtssystem einführen. Im Rahmen der bestehenden politischen Ordnung streben in Ägypten die Muslimbrüder an die Macht, in Algerien der FIS. Anders als sie kämpfen indes die Hamas, der Islamische Dschihad und die Hisbollah gegen Besatzer und für die Unabhängigkeit. Dazu sind sie, im Unterschied zu den “separatistischen” Dschihadisten, auch in den politischen Institutionen präsent und arbeiten mit nichtislamischen Gruppen zusammen, etwa mit der PLO.Bei all diesen Gruppierungen nimmt lediglich die Attraktivität der “lokalen Dschihadisten” ab, die der anderen aber zu. In Ägypten und Algerien kann man beobachten, dass sich die lokalen Dschihadisten in Bewegungen mit einem sozialpolitischen Programm umwandeln und sich den Muslimbrüdern annähern. Keiner der “lokalen Dschihadisten” zieht sich aber aus der Politik zurück oder stößt zur säkularen Linken. Ihren Überzeugungen bleiben sie treu.

Nach Ansicht von Dia Rashwan ist der 11. September 2001 die Geburtstunde des islamischen Nationalismus. Die These vom Niedergang des extremistischen Islam, wie sie der französische Islam-Experte Gilles Kepel [10] vertritt, sei falsch. Der 11. September hat die Transformation der extremistischen Islamisten beschleunigt. Wer zuvor das eigene Regime bekämpft hat, richtet seine Waffe jetzt gegen einen äußeren Feind.Die Feindbilder der Islamisten sind stereotyp: Die Regierungen sämtlicher islamischer Länder sind abzulehnen, sofern sie die Scharia nicht als ausschließliche Grundlage ihres Rechtssystems oder überhaupt gelten lassen. Selbst Saudi-Arabien, das über die Muslimische Weltliga auch die gewalttätigsten Islamisten unterstützt, wird wegen seiner absolutistischen Herrschaftsform von diesen nicht akzeptiert. [11] Ständig apostrophierte Feinde sind zudem der Welt-Zionismus und der Staat Israel, oft ganz allgemein “die Juden”. Feind ist auch der Westen mit seinen Unterdrückungsformen und dabei ganz besonders die USA; nach der Überwindung des Kolonialismus ist die Existenz des Staates Israel ein Symptom des anhaltenden Neokolonialismus, wobei die USA als dessen Hauptpfeiler gelten.Militante Islamisten verwerfen die historisch gewachsene Interpretation des Dschihad und nehmen ihn als Rechtfertigung für ihren Krieg gegen die Ungläubigen. Sie beziehen sich dabei besonders auf einen Koranvers, in dem es heißt: “Und wenn die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Heiden, wo immer ihr sie findet, greift sie, umzingelt sie und lauert ihnen überall auf.” (Sure 9, Vers 5) Sie reißen diese Stelle aus dem Zusammenhang und wenden sie eins-zu-eins auf die heutige Situation an. Das entspricht aber nicht der historisch üblichen Koranauslegung: Es gab immer die Überzeugung, dass Stellen wie “tötet die Heiden, wo immer ihr sie findet” auf eine ganz eng begrenzte Situation der Rückeroberung Mekkas zu beziehen sind. Mohammed war in Medina und ging daran, Mekka wieder für die Gläubigen zu erobern. Das war sozusagen der Offenbarungsanlass. Darüber hinaus hat danach diese Interpretation keine weitere Geltung mehr.Diese Rückbesinnung auf den frühen, vermeintlich reinen Islam, wird als Salafismus (von arabisch al-Salalf al-Saalih, “die frommen Vorväter) bezeichnet. Um den unverdorbenen Urzustand der Generation des Propheten wieder herzustellen, so sehen es die Salafiten, haben sie jenen muslimischen Herrschern den Krieg erklärt, die sich nicht buchstabengetreu an der Scharia orientieren. Osama Bin Ladin ist ebenso ein Anhänger dieser puritanischen Minderheitslehre wie sein ebenfalls flüchtiger Stellvertreter Ayman al-Sawahiri. “Die modernen Salafija-Bewegungen”, stellt der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz in einem Dossier über Al Qaida fest, “wenden sich gegen den westlichen Kolonialismus beziehungsweise das, was sie dafür halten”.

Muslime in Deutschland – geschichtlicher Rückblick

Die ersten Muslime sind schon vor Jahrhunderten nach Mitteleuropa gekommen. Man könnte die Spurensuche bis in das hohe Mittelalter zurückverfolgen, als manche der in den Orient aufgebrochenen Kreuzritter in Begleitung arabischer Schönheiten zurückkehrten. An die ersten Muslime, die in Deutschland gelebt haben und hier verstorben sind, erinnern Grabsteine aus dem späten 17. Jahrhundert in Brake bei Lemgo und in Hannover. Sie waren Kriegsgefangene aus dem Osmanischen Reich oder sonst im Zusammenhang mit den Türkenkriegen nach Deutschland gekommen. In fast allen Vers-Epen der klassischen mittelhochdeutschen Literatur begegnen uns männliche und weibliche Anhänger der Lehre des Propheten. Am bekanntesten ist der “edle Heide” Feirefiz aus Wolfram von Eschenbach’s “Parzifal”. Der “Muselman” lehrt Parzifal das wahre Rittertum. Er wirft sein Schwert fort, verzichtet auf den Sieg und reicht dem Gegner über alle religiösen und nationalen Schranken hinweg die Hand. Manche Religionshistoriker sehen in dem “urdeutschen” Mythos vom Gral die Variation eines muslimischen Grundmotivs.Nicht in das Reich der Dichtung und Deutung fällt dagegen ein historisches Ereignis aus dem Jahre 1731. Damals vermachte der Herzog von Kurland dem Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. (1713-1740) zwanzig “türkische Gardesoldaten”. Für sie ließ der König im folgenden Jahr am Langen Stall in Potsdam einen Gebetssaal herrichten: die erste deutsche Moschee – unmittelbar neben der Garnisionskirche, deren Glockenspiel als der “Herzschlag Preußens” galt. Der Monarch legte größten Wert darauf, dass “seine Mohammedaner” ihren religiösen Pflichten nachgingen. Die falsche Bezeichnung “Mohammedaner”, die zu jener Zeit zum erstenmal in deutscher Sprache auftauchte, war von den preußischen Behörden nicht diskriminierend gemeint. Im Gegenteil: Die amtliche Bezeichnung sollte die Gleichrangigkeit der Muslime mit den Christen kenntlich machen. Was die Deutschen damals und darüber hinaus mit den Türken verband, war allerdings überwiegend Kriegsgeschichte: Türken kannte man als Soldaten oder als Kriegsgefangene.Es blieb nicht bei den zwanzig türkischen Gardesoldaten. Die Zahl der muslimischen Söldner in der preußischen Armee stieg rasch auf über tausend Mann an.

Als Friedrich der Große 1740 den Thron bestieg, entschied er als eine seiner ersten Amtshandlungen über eine Anfrage aus Frankfurt an der Oder. Der Rat der Stadt wollte wissen, ob in einer evangelischen Stadt ein Katholik das Bürgerrecht erwerben könnte. Der König bejahte die Frage uneingeschränkt und ergänzte seinen Bescheid mit dem Zusatz:”Alle Religionen sind gleich und gut, wenn nur die Leute, die sich zu ihnen bekennen, ehrliche Leute sind. Und wenn die Türken kämen und wollten hier im Lande wohnen, dann würden wir ihnen Moscheen bauen”.Der Preußenkönig blieb dieser Devise während seiner gesamten Regierungszeit treu. Neben den alteingesessenen Glaubensgemeinschaften der Protestanten und Reformierten erhielten auch Katholiken, Mennoniten, Juden und Muslime das Recht auf freie Religionsausübung – dank des Grundsatzes, dass in seinem Reiche jeder nach seiner Facon selig werden dürfe. Am 22. Juni 1740, in den ersten Tagen seiner Regierungszeit, schrieb er auf ein Aktenstück eine der ersten seiner berühmten Randbemerkungen: “Die Religionen müssen alle toleriert werden, und muss der Fiskal nur das Auge darauf haben, dass keine der anderen Abbruch tue, denn hier muss jeder nach seiner Fasson (d.h. Konfession) selig werden”.Die Zahl der muslimischen Söldner im preußischen Heeresdienst erhöhte sich im Jahre 1745 um ein Mehrfaches, als der albanische Juwelenhändler Sarkis dem König von Preußen eine ganze Schwadron bosnischer Lanzenreiter anbot – als Gegengewicht gegen die tatarischen Reiter, die im vereinigten sächsischen und polnischen Heer dienten. Friedrich nahm das Angebot an, war mit der Einsatzbereitschaft seiner Bosniaken mehr als zufrieden und beschloss nach dem Friedensschluss mit Sachsen und Polen, den bosnischen Reitersoldaten in Ostpreußen feste Garnisonen zuzuweisen.

Im Jahre 1760 streute die preußische Armee das Gerücht, der Sultankalif plane den “Heiligen Krieg” gegen Russland. Zahlreiche muslimische Soldaten der russischen Armee liefen daraufhin zu den mit dem Kalifen verbündeten Preußen über, weil sie fürchteten, in einen Krieg gegen das Osmanische Reich gezwungen zu werden. Durch Kabinettsorder vom 20. Januar 1762 entstand aus den Überläufern ein selbständiges “Bosniakenkorps”: zehn Eskadronen, zusammen mehr als tausend Mann (nach 1763 das 9. Husarenregiment “Bosniaken”). In den Soldbüchern dieser Truppeneinheit taucht auch der Name eines preußischen “Heeres-Imams” auf. Es handelt sich um “Leutnant Osman, Prediger der preußischen Mohammedaner”. Die muslimischen Reiter nahmen an fast allen Gefechten des Siebenjährigen Krieges teil und wurden vom König mit hohen Auszeichnungen bedacht. “Preußens Gloria” war nicht zuletzt auch ein wenig der grünen Fahne des Propheten zu verdanken, mit der die bosnischen Bataillone in den Kampf zogen.Die Toleranz gegenüber den Muslimen im eigenen Land stand im Einklang mit der preußischen Außenpolitik, die sich seit dem 17. Jahrhundert von der antitürkischen Eindämmungspolitik Russlands und Österreichs abzugrenzen versuchte und um freundschaftliche Beziehungen zum Osmanischen Reich bemüht war. Aus dem Jahr 1777 stammt ein hoffnungsfroher Bericht des Gesandten der Hohen Pforte in Berlin an den damaligen Sultan Abdulhamid I.: “Die Bevölkerung Berlins erkennt den Propheten Muhammad an und scheut sich nicht zu bekennen, dass sie bereit wäre, den Islam anzunehmen”.Die türkische Kolonie in Potsdam und Berlin umfasste schon im 18. Jahrhundert an die hundert Personen. Viele von ihnen betrachteten Deutschland als ihre zweite Heimat – sogar über den Tod hinaus. 1798, nach dem Tod des türkischen Botschafters Ali Azis Effendi, erwarb das Osmanische Reich in der Berliner Hasenheide ein Friedhofsgelände, auf dem fortan die verstorbenen Muslime nach eigenem Ritus begraben wurden. Die preußischen Behörden verhielten sich damit dem fremden Glauben gegenüber großzügiger als die zuständigen deutschen Instanzen heutzutage.

Der “Türkische Friedhof”, der Mitte des 19. Jahrhunderts an den Columbiadamm verlegt wurde, ist bis heute erhalten geblieben (allerdings finden keine Bestattungen mehr statt). Inmitten des Gräberfeldes erhebt sich eine kulturhistorisch wertvolle “Türbe”: eine acht Meter hohe halbmondgekrönte Gedenksäule, ein Geschenk des Sultankalifen Abdul Hamid Khan. Auch außerhalb Preußens lassen sich Spuren einer frühen islamischen Präsenz ausfindig machen. So ist in Hamburg seit dem frühen 18. Jahrhundert die Anwesenheit persischer Kaufleute, Teppich- und Gewürzhändler bezeugt. Nach der Reichsgründung unterhielten sie in der Speicherstadt im Freihafen einen eigenen Gebets- und Versammlungsraum. Dagegen ist die bekannte “Rote Moschee” im Schlosspark von Schwetzingen kein Zeugnis für den Glauben an den Propheten. Sie war nicht als Sakralbau gedacht, sondern wurde vom pfälzischen Kurfürsten 1785 als Mittelpunkt eines “türkischen Gartens” errichtet. Zum Gebetsraum wurde die Moschee erst nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71, als sie einem Lazarett angegliedert wurde, in dem verwundete algerische Schützen aus der französischen Armee, die sogenannten Turkos, gesundgepflegt wurden.

Probleme im Umgang mit dem Islam in Deutschland

Wenn man deutsche Fernsehsendungen mit den Augen der strengen Islamisten betrachten wollte, wären wir ein Volk von Perversen, von Sadisten und Masochisten. Fast jede der die Zuschauer überflutenden Talkshows befasst sich mit Promiskuität, Vergewaltigung, Ehebruch als Mittel, die eigene Ehe wiederzubeleben, Prostitution, Kindersex und Kinderpornographie. Sex in allen Stellungen und Lagen, sich lasziv und brünstig gebende, ausziehende Frauen in diversen Video-Clips im Fernseh-Nachtprogramm, Triebtäter, Massenmörder und bestellte Killer – kein “Nervenkitzel” wird ausgelassen. Das Bild, das hier vermittelt und von den Muslimen meist als einziges wahrgenommen wird, muss als Spiegel unserer Gesellschaft gedeutet werden. Die Älteren unter den frommen Muslimen setzen sich daher mit ihrer ganzen Kraft dafür ein, die Kinder und Jugendlichen vor diesem moralischen Sumpf zu bewahren und ihre islamisch-religiöse Identität zu fördern.Angesichts der Vielzahl von Problemen sollen nur drei Dimensionen angedeutet werden:

  1. Nach muslimischer Verkündung muss sich der Muslim, der seine Religion in vollem Sinne ernst nimmt, als im Besitz der absolut vollkommenen Religion fühlen. “Ihr seid die beste Gemeinde”, so steht es im Koran. Das in der christlichen Gemeinschaft gelebte Christentum wird als eine Abweichung von diesem vollkommenen Gotteswort verstanden. Mehr noch, der Muslim ist nicht nur Angehöriger einer spirituellen und religiösen Gemeinde; er ist der Bürger einer konkreten gesellschaftlichen Gemeinschaft, der umma, in der die göttliche Offenbarung gesellschaftliche, ethische und rechtliche Weisung bedeutet. Wenn ein Muslim seinen Glauben also ganz ernst nimmt, sitzt in ihm ein Vorbehalt gegenüber dieser nichtmuslimischen Gesellschaft, der er sich im tiefsten Inneren letztendlich überlegen fühlen muss. Er sieht freilich die Realität seines Status, die seiner Vorstellung nicht entspricht; somit geht er zu seinem gesellschaftlichen Umfeld gewissermaßen auf Distanz.
  2. Der Islam ist eine in hohem Maße sichtbare Religion. Während der moderne Christ sich zum Gebet oder anderen frommen Verrichtungen eher etwa in die Abgeschiedenheit einer Kirche oder Kapelle zurückzieht, macht der Muslim seine Gläubigkeit der gesamten Gemeinde sichtbar. Man betet gemeinsam, verrichtet das jährliche Fasten zusammen und sucht in der Gemeinde die Pilgerfahrt zu machen. Auch an der Kleidung (z.B. Kopftuch) oder an physischen Kennzeichen (z.B. Bart) macht er sich kenntlich.
  3. Der Muslim kann, wenn er seine Religion in ihrer spirituellen wie gesellschaftlichen Dimension wirklich ernst nimmt, seinen Glauben von der gesellschaftlichen, von der politischen Erscheinungsform seiner Gemeinde nicht trennen. Glaube und gesellschaftliche Legitimation sind untrennbar verbunden. Das bedeutet, dass ein Muslim die Säkularität, den Laizismus, der für unsere Gesellschaft als eine der wesentlichen Errungenschaften der letzten Jahrhunderte gilt und Grundlage ihrer Stabilität ist, so ohne weiteres nicht akzeptiert. Zumindest sind sie ihm ein Problem. Er muss mithin seinem Handeln beständig die Maxime seiner Religion zugrunde legen, während er doch hier einem anderen, nicht religiösen Gesetz unterliegt, und im Rahmen einer Verfassung lebt, die laizistisch ist. So ist er ständig mit der Frage konfrontiert, wohin er eigentlich gehört; die Entscheidung zwischen seinem Glauben, der sich mit dem islamischen Gesetz, der Scharia, verbindet auf der einen und seinem Leben in einer dem Glauben entfremdeten Welt auf der anderen Seite ist ein schmaler Grat, auf dem er sich ständig bewegt. Wird er sich mehr der Religion zuwenden, ihr in den täglichen Entscheidungen seines Lebens den Vorrang einräumen, das islamische Gesetz zu seiner Richtschnur machen oder kann er sich – und wenn ja, in welchem Umfang – mit der Säkularität abfinden? Hier liegt das entscheidende Problem im Zusammenleben zwischen Muslimen und Nichtmuslimen.

Schon lange vor dem Eintreffen von Menschen mit fremder Kultur hat bei uns eine multikulturelle Entwicklung begonnen. Wir haben uns aufgespalten in christliche und atheistische, in unzählige philosophische und politische Strömungen, in verschiedenste teils gegensätzliche Lebensformen. Aber ein solcher Wandel hat sich eben nur gegen vielerlei Widerstände durchsetzen können; das Ergebnis ist ein erzwungener, keineswegs ein von allen anerkannter Pluralismus. Und so bilden sich auch jetzt die verschiedensten Bewegungen, wenn es darum geht, eine islamische Kultur, eine größere Zahl von Muslimen zu integrieren.Am 15. Juni 2003 verabschiedete die “Konferenz der Leiter islamischer Zentren und Imame in Europa” während einer Tagung in der österreichischen Universitätsstadt Graz eine Resolution mit der Kernbotschaft, dass sich die in Europa lebenden Muslime zu Demokratie, Pluralismus und den Menschenrechten bekennen. Rund hundert führende Repräsentanten islamischer Gemeinden gaben damit den Muslimen wie den Nichtmuslimen zu verstehen, islamische und europäische Identität würde keinen unauflösbaren Widerspruch bedeuten. Und an die Muslime wandten sie sich darüber hinaus mit dem Bescheid, in ihrer Religion sei keine Bestimmung vorhanden, die sie daran hindere, Bürger eines nichtislamischen Staates zu sein und die dortigen Gesetze loyal zu befolgen. Außerdem erteilten die Konferenzteilnehmer eine klare Absage an jede Form von Fanatismus und Extremismus.

Heutige Situation der Muslime in Deutschland

Tatsächlich fängt die Geschichte des Islam in der Bundesrepublik Deutschland erst mit den Gastarbeitern an, die seit den sechziger Jahren in die damalige Bundesrepublik Deutschland geholt worden waren. Sie kamen nicht nur aus den südosteuropäischen, sondern zunehmend auch aus muslimischen Ländern, vor allem aus der Türkei, aber auch aus Marokko und Tunesien. Dass auf diese Weise binnen nur dreier Jahrzehnte die zweitgrößte Glaubensgemeinschaft (nach den Christen) Deutschlands entstehen würde, ahnte damals niemand. Man rechnete mit einer ständigen Fluktuation von Arbeitskräften, die man nach Belieben einstellen oder wieder entlassen könnte; ein Daueraufenthalt war nicht eingeplant, weder von den Deutschen noch von den Muslimen selbst. Die Gastarbeiter lebten in Deutschland ein einsames und entsagungsvolles Leben. Eine Statistik aus dem Jahr 1972 besagt, dass 89 Prozent der damaligen Migranten Männer waren. Der Anwerbestopp 1973 und die danach ermöglichte Familienzusammenführung veränderten die Situation grundlegend; im Jahr 1992 waren bereits 45 Prozent der Migranten Frauen.Die Folge dieser Politik war, dass sich die Familien hierzulande einzurichten begannen, wenn auch meist noch mit dem Gedanken, sich von hier aus in der Heimat eine Zukunftsexistenz aufzubauen und dorthin zurückzukehren. Jedoch ergaben sich bald neue Lebensumstände, denen Rechnung getragen werden musste: Die Kinder wuchsen in Deutschland auf, mussten hier die Schule besuchen und deshalb Deutsch lernen. Hatten auch die Frauen Arbeitsplätze bekommen, waren zudem Kindergartenplätze gefragt. Räume, um sich mit Landsleuten zu treffen, wurden angemietet und Gebetsstätten eingerichtet, Läden mit dem aus der Heimat vertrauten Warenangeboten eröffnet und die ersten Handelsfirmen gegründet.Auf die deutschen Institutionen kamen nicht wenige bis dahin völlig unbekannte Probleme zu. Zunächst wurden Kirchenleute von Muslimen darum gebeten, ihnen Räumlichkeiten zum Freitagsgebet verfügbar zu machen; das führte bis zu einem islamischen Gebetsgottesdienst im Kölner Dom am 3. Februar 1965. Im Erzbistum erinnert man sich noch an Briefe von Muslimen, die der Fehleinschätzung unterlagen, der Ort, an dem Muslime beten, gehöre ihnen auch, und die deshalb den Kölner Dom als ihren Besitz betrachteten. Im Jahr 1992 verbot ein päpstliches Dekret die Vergabe gottesdienstlicher Räume an nicht-christliche Religionen.

Sodann waren die Pädagogen auf allen Ebenen gefordert. Mit deren seit ca. 1980 entstandenen Untersuchungen und Studien beginnt auch die Auseinandersetzung mit dem hiesigen Islam und seinem andersartigen Wertesystem, das vor allem die Kindergarten-Arbeit und den Schulunterricht, aber auch den Umgang mit dem anderen Geschlecht betrifft. Gleichzeitig mit den Pädagogen meldeten sich auch Kirchenleute zu Wort. Mit der Einrichtung der “Ausländerbeauftragten” folgten die Politiker. Am spätesten haben Islam-Fachleute wahrzunehmen begonnen, was sich ereignet hatte. Es hat lange gedauert, bis allgemein klar geworden ist: Der Islam ist da, die Muslime sind da, und wir müssen uns endlich mit dieser grundlegenden Neuerung vertraut machen.Eigentlich weiß man nur, dass man kaum etwas über sie weiß. Während der Verfassungsschutz die wenigen tausend radikalen Islamisten in Deutschland seit Jahren auf Schritt und Tritt überwacht, ist über die unauffällige Mehrheit der Muslime in Deutschland wenig bekannt – nicht einmal ihre genaue Zahl. Fachleute schätzen sie auf 2,8 bis 3,2 Millionen Menschen. Dies sind rund doppelt so viele wie 1987, als die Volkszählung die Zahl von 1,65 Millionen erbrachte. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag hervor. [12] Auch in dem mehr als neunzig Seiten langen Dokument gelingt es nicht, alle Wissenslücken zu schließen. Einem Anteil von 66,8 Prozent Christen in der deutschen Bevölkerung stehen demnach rund 3,1 Prozent Moslems gegenüber. In Großbritannien (4,4 Prozent) und Frankreich (8,6 Prozent) sind die Zahlen deutlich höher.Gegenwärtig machen die Sunniten rund 85 bis 90% aller Muslime weltweit aus. In Deutschland liegt ihr Anteil mit 75 bis 80% erkennbar niedriger. Der Anteil der Schiiten liegt weltweit bei etwa 10%, in Deutschland hingegen bei nicht mehr als 4 bis 5% aller Muslime. Diese Unterschiede liegen darin begründet, dass der Anteil der Aleviten, einer weiteren Gruppe, die sich selbst zum Islam zählt, deren Zugehörigkeit von Sunniten aber oft nicht anerkannt wird, in Deutschland besonders hoch ist, weltweit aber nicht ins Gewicht fällt. [13] In Deutschland ist die Sunna größtenteils türkisch geprägt, die Schia iranisch.Von den rund 7,3 Millionen Ausländern in der Bundesrepublik bekennen sich – nach einer Erhebung des Soester “Zentralinstituts Islam-Archiv Deutschland” (ZIA) – über drei Millionen zum Islam. Drei Viertel von ihnen kommen aus der Türkei. Nach Aussagen von Faruk Sen, Leiter des Zentrums für Türkeistudien, sind lediglich sieben Prozent der türkischen Muslime in Deutschland, der mit Abstand größten Gruppe, streng religiös. Zwei Drittel bezeichnen sich als “eher religiös”, ein Viertel als “eher nicht religiös” und drei Prozent lehnten den Islam rundherum ab. [14]

Während die christlichen Kirchen registriert haben, wie viele Deutsche ihrer Konfession angehören, ist man bei den Muslimen auf Schätzungen angewiesen: Die meisten (2,1 bis 2,4 Millionen) sind nach diesen Angaben wohl Sunniten. Die zweitgrößte Gruppe bilden die Aleviten mit 400.000 bis 600.000 Gläubigen. Ihr Anteil am Islam liegt damit bei knapp 20%, d.h. vier- bis fünfmal so hoch wie der Anteil der Schiiten. Zu den Schiiten in Deutschland lassen sich etwa 125.000 Personen rechnen. Wie viele Muslime deutsche Staatsbürger sind, ist nicht klar. Wurden in der letzten Volkszählung von 1987 noch 48.000 erfasst, sind es heute vielleicht knapp zehn mal so viele. Die Zahl von 370.000 bis 450.000 ergibt sich aus komplizierten Berechnungen über Einbürgerungen sowie Schätzungen zu Übertritten zum Islam.

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Die Muslime und das deutsche Rechtssystem

Die Frage nach dem Recht des Menschen in der Welt ist nicht nur die Frage nach universal geltenden Menschenrechten und damit nach einem Weltrecht. In Zeiten weltweiter Migration ist es auch die Frage nach dem Recht des Menschen in einer anderen lokalen Welt als derjenigen, aus der er stammt. Es ist die Frage nach seinem Recht, dort als Fremder weiter in denjenigen Formen zu leben, die ihm vertraut, vielleicht sogar heilig sind. Es ist damit zugleich aber auch die Frage nach dem Recht der Einheimischen, ihre Lebensweisen und Werthaltungen mitsamt den rechtlichen Normen, die darauf beruhen, von den Zugewanderten beachtet zu sehen.Die Konflikte, die sich aus dem Zusammentreffen unterschiedlicher Kulturen ergeben, münden immer häufiger in Rechtsstreitigkeiten. Im Recht stellt sich die Frage aber gewöhnlich nicht im Großformat, sondern punktuell als Kollision zwischen Ge- und Verboten des einheimischen Rechts und bestimmten religiös begründeten Verhaltensanforderungen oder kulturell eingeübten Gewohnheiten des Herkunftslandes. Kollisionen dieser Art sind nicht von vorneherein zugunsten der allgemein geltenden Rechtsordnung auflösbar, weil sich die Zuwanderer auf Grundrechte berufen können, bei deren Formulierung an den Konflikt zwischen Kulturen zwar noch nicht gedacht war, die aber in ihrer allgemeinen Fassung gleichwohl auch für ihn Maßstäbe setzen.Zur Verdeutlichung dieser Problematik einige Beispiele [15] aus der Rechtssprechung:

  • Kann ein Motorrad fahrender Sikh unter Berufung auf seine religiöse Pflicht, einen Turban zu tragen, Befreiung von der allgemein geltenden Helmpflicht verlangen?
  • Muss einem jüdischen Häftling koscheres Essen vorgesetzt werden?
  • Hat ein islamischer Arbeitnehmer das Recht, seine Arbeit kurzzeitig für Gebete zu unterbrechen?
  • Kann einem Arbeitnehmer wegen Nichterscheinens zur Arbeit an hohen Feiertagen seiner Religionsgemeinschaft gekündigt werden?
  • Verliert ein aus diesen Gründen entlassener Arbeitnehmer seinen Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung?
  • Muss jüdischen Kaufleuten die Geschäftsöffnung am Sonntag erlaubt werden, weil sie am Samstag aus religiösen Gründen keine Verkäufe tätigen dürfen?
  • Hat eine islamische Schülerin ein Anrecht darauf, vom Sportunterricht befreit zu werden, weil sie sich dem anderen Geschlecht nicht in Sportkleidung zeigen darf?
  • Dürfen islamische Schülerinnen in der Schule das Kopftuch tragen?
  • Wie verhält es sich, wenn es um Lehrerinnen einer öffentlichen Schule geht?
  • Gilt für Ordensschwestern etwas anderes als für islamische Lehrerinnen?
  • Können Zuwanderer verlangen, Verstorbene ohne Rücksicht auf die einheimischen Friedhofsordnungen zu bestatten?
  • Dürfen die deutschen Behörden von einer Ausländerin, die in ihr Heimatland abgeschoben werden soll, verlangen, dass sie für ein Foto den Schleier anlegt, weil das Aufnahmeland nur Passfotos mit Schleier anerkennt?
  • Muss in deutschen Städten der mit Lautsprecher übertragene Ruf des Muezzin genauso zugelassen werden wie das Glockengeläut der Kirchen?
  • Muss Fremden das Schächten erlaubt werden, obwohl es den einheimischen Tierschutzregeln widerspricht?
  • Können ausländische Eltern ihre Töchter von höherer Bildung ausschließen oder ohne ihr Einverständnis verheiraten?
  • Ist eine Befreiung von der Schulpflicht nötig, wenn die Schule Erziehungsziele verfolgt, die den Werten einer fremdkulturellen Gruppe widersprechen?
  • Muss Mormonen die Polygamie hier gestattet werden, wenn sie ihnen im Herkunftsland erlaubt ist?
  • Darf ein “in heimatlichen Sitten und Rechtsvorstellungen verhafteter Türke” seine Ehefrau in Deutschland einsperren, weil er die Tat nach türkischem Recht für erlaubt hält?
  • Ist eine in Teheran durchgeführte Privatscheidung in Deutschland gültig?

Zweierlei wird aus dieser sicher nicht vollständigen Liste deutlich. Zum einen handelt es sich bei dem Grundrecht, auf das sich die Zuwanderer berufen können, besonders häufig um die Religionsfreiheit, die dadurch eine ganz neue Aktualität gewinnt. Daneben spielt das Elternrecht eine erhebliche Rolle. Zum anderen spitzen sich die Konflikte besonders häufig im so genannten besonderen Gewaltverhältnis, allem voran in der Schule, daneben in Arbeitsverhältnissen und in der Familie, zu.Unverzichtbar für den deutschen Staat ist und bleibt die Akzeptanz seiner Verfassung und seiner Gesetze durch jeden Einwohner, welche Religions- und Staatsangehörigkeit er auch immer ansonsten haben mag. Dieser Rechtsstaat kann nicht zweierlei Recht dulden und partiell die Scharia akzeptieren. Denn dies würde unweigerlich endgültig auf einen “Staat im Staate” hinauslaufen. Man muss aber leider davon ausgehen, dass unser Grundgesetz den meisten der hiesigen Muslime überhaupt nicht bekannt ist, weshalb dieser Staat dringendst Aufklärungsarbeit leisten muss.Alle islamischen Organisationen in Deutschland wird man vor allem an der Frage der Menschenrechte zu messen haben, insbesondere auch hinsichtlich der Stellung der Frau, der grundgesetzwidrigen rigiden Geschlechtertrennung, der Religionsfreiheit, ob z. B. Muslime zu einer anderen Religion konvertieren dürfen, und an deren Umgang z. B. mit den missionarischen Versuchen diverser Gruppierungen.Muslime, die in westlichen Demokratien leben, können sich der ihnen hier gewährten Religionsfreiheit erfreuen, und sie machen davon auch durchweg Gebrauch. Allerdings stößt hierzulande die vom Gesetz geforderte Toleranz gegenüber Muslimen gerade in einem Punkt immer wieder auf Kritik. Eine Reihe von muslimischen Ländern bietet nämlich Christen keine fairen Lebensmöglichkeiten und diskriminiert sie in kaum zu tolerierender Weise. Daher, so eine immer wieder zu hörende Meinung, dürfe man im Gegenzug den hier lebenden Muslimen nicht auch noch Toleranz bieten. Aber es ist aus gutem Grund nicht im Sinne unserer Verfassung, die Gewährung von Religionsfreiheiten an Bedingungen zu knüpfen – zumal an Bedingungen gegenüber anderen Staaten. Allerdings wäre viel gewonnen, wenn die hier lebenden Muslime sich in größerem Umfang dafür einsetzen würden, dass auch in islamischen Ländern volle Religionsfreiheit gewährt wird.Man darf wohl nicht erwarten, dass sich sämtliche Kultur- oder Religionskonflikte unter Rekurs auf die Grundrechte harmonisch lösen lassen. Gesellschaften, in denen schwer überbrückbare Gegensätze nicht zwischen Einheimischen und Migranten auftreten, sondern die Stammbevölkerung selbst durchziehen, wie in Israel, kann das zerreißen. In Gesellschaften, wo die Konfliktlinie zwischen der Stammbevölkerung und den Zuwanderern verläuft, bleibt im Kernbereich der einheimischen Verfassungsordnung für Angehörige der Minderheitenkultur eigentlich nur die Alternative von Anpassung oder Wegzug.

Zusammenprall der Zivilisationen?

Es scheint ein Phänomen unserer Zeit zu sein, in immer kürzeren Dimensionen zu denken. Der Blick auf die 1400 Jahre währende gemeinsame Geschichte beider Kulturen macht aber klar, wie sich immer und immer wieder die Perspektiven verschoben haben. Die gleiche hohe und moderne Zivilisation, welche heute der Westen für sich in Anspruch nimmt, hatten einst Araber oder Osmanen gegenüber dem mittelalterlichen Europa eingenommen; inklusive dem Anspruch auf moderne Staatsformen und wirtschaftlichem wie technischem Vorsprung. Nicht von ungefähr blickte einst Karl der Große neidvoll von Aachen nach Bagdad, wo die großen Wissenschaften jener Zeit betrieben wurden und die Menschen gebildeter waren. Eine der Erklärungen für die “Wut” der Araber, sich heute in umgekehrter Situation wiederzufinden. Keiner der beiden Protagonisten will sich unterordnen, weil beide eben als einzige große Weltkulturen praktikable Lebensmodelle für Staaten und Gesellschaften sowie universelle Ansprüche entwickelt haben. Notwendig ist daher, den alles entscheidenden Unterschied, der für den Konflikt zwischen beiden Kulturen verantwortlich ist, herauszuarbeiten. Es ist der Unterschied zweier Modelle, zwischen dem Islam einerseits, wo die Religion Sinn stiftender Wertüberbau für eine Gesellschaft ist, und andererseits dem Westen, für den Religion “nur” ein untergeordneter persönlicher Wertekodex ohne größere Bedeutung ist.Wie soll man dann mit dem Konfliktstoff umgehen, der sich aus dem Zusammentreffen von Einheimischen und Zuwanderern einer fremden, islamischen Kultur ergibt? Die öffentliche Debatte schwankt zwischen den Polen von Assimilationszwang [16] und Kulturfreiheit. Dahinter verbirgt sich einerseits die Furcht vor Überfremdung: Man kann sich im eigenen Land nicht mehr zu Hause fühlen. Andererseits die Furcht vor einem Kulturimperialismus: Zwingt man anderen nicht Wertvorstellungen und Verhaltensformen auf, die sie freiwillig nicht akzeptieren würden?Ohne Kenntnis der Ursachen ist keine Konfliktlösung möglich. Gefordert ist daher ein intensiver Dialog mit der islamischen Welt, vor allem mit den Vertretern der Zivilgesellschaft, die oftmals unter Lebensgefahr Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in ihrer Heimat einfordern, was in der Regel kaum jemand im Westen wahrnimmt, weil dieser Kampf ohne Fernsehbilder ausgetragen wird und den gängigen Klischees nicht entspricht.

Beispiele für das Aufeinanderprallen der Zivilisationen in Deutschland

Die Ungleichbehandlung von Mann und Frau

Die Stellung der Frau [17] gehört zu den wesentlichen Kritikpunkten der westlichen Welt an den islamischen Rechtsvorstellungen. Es gilt heute als großes Hindernis bei der Durchsetzung von Menschenrechten im Islam, dass die Frau – nach Auslegung der Vorschriften durch die Rechtsgelehrten – dem Mann untergeordnet ist.Im Koran, Sure 4, Vers 34 ff ist zu lesen:”Die Männer stehen über den Frauen, weil Gott sie von Natur vor diesen ausgezeichnet hat und wegen der Ausgaben, die sie von ihrem Vermögen gemacht haben … Und wenn ihr fürchtet, dass irgendwelche Frauen sich auflehnen, dann vermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie!”Der Mann ist in der patriarchalischen Struktur, die im religiösen Familienrecht festgeschrieben ist, das Oberhaupt der Familie, die Ehefrau schuldet ihm Gehorsam im Haus und in der Öffentlichkeit. Das islamische Recht billigt dem Mann zu, in gewissen Fällen seiner Frau den Unterhalt zu entziehen, auch wenn er im Prinzip dazu verpflichtet ist. Er darf sie auch schlagen und kann sie ohne Angabe von Gründen verstoßen.Die Ausnahmen, in denen eine Frau ihrerseits die Scheidung beantragen kann, sind beschränkt auf sexuelle Impotenz, unberechtigte Nichtgewähr von Unterhalt und unheilbare Erkrankung. Frauen besitzen gegenüber Männern auch unterschiedliche Rechtspositionen.

So zählt beispielsweise ihr Zeugnis vor Gericht nur die Hälfte (und das auch nur im Zivilrecht, im Strafrecht haben sie gar keine Zeugenqualität), das Erbrecht ist vermindert, bei Schließung einer Ehe müssen Frauen sich in der Regel durch einen männlichen Ehevormund vertreten lassen. [18] Männer sind berechtigt, bis zu vier Frauen gleichzeitig zu heiraten, während Frauen dies unter Androhung drastischer Strafen verboten ist. [19] Die Polygamieerlaubnis des islamischen Rechts beruht auf Sure 4, Vers 4. Sie ist dort allerdings an die Bedingung geknüpft, dass der Mann in der Lage ist, sich gegenüber seinen verschiedenen Ehefrauen gleichermaßen gerecht zu verhalten. In der heutigen Praxis etlicher islamischer Länder, die noch kein Polygamieverbot kennen (wie dies bereits in der Türkei und Tunesien der Fall ist), ist die Mehrehe selten geworden; so liegt ihr Anteil beispielsweise in Ägypten bei ca. 3,5 Prozent. Das hat zum Teil wirtschaftliche Gründe, beruht aber auch auf dem Wandel des Partnerschafts- und Familienideals, der sich in der Moderne vollzogen hat.

Die Geschlechtertrennung ist der Grundpfeiler der muslimischen Gesellschaftsordnung. Diese Praxis macht den häuslichen Bereich zum Territorium der Frau und die öffentliche Sphäre zur Domäne des Mannes. Jede Überschreitung seitens der Frauen wird von den Männern als Provokation empfunden. Weder der Koran noch die Überlieferungen verbieten es den Frauen, berufstätig zu sein. Aber das Festhalten an ihrer traditionellen Rolle im Haus setzt der Erwerbsarbeit enge Grenzen. Eine Frau braucht die Genehmigung des Mannes oder des Vormundes für die Arbeit außer Haus. Für die Lebenswirklichkeit der Frau im Islam ist bis heute das Recht des Mannes von Bedeutung, den Aufenthaltsort der Frau zu bestimmen. Er kann ihr z. B. das Verlassen der ehelichen Wohnung verbieten, mit der Folge, dass der Frau wesentliche Rechte wie Ausbildung oder Berufstätigkeit vorenthalten bleiben, die ein Verlassen der Wohnung erfordern. Eine Frau soll möglichst nur mit Frauen zusammenarbeiten und darf keine Stellung einnehmen, in der sie Männern Weisungen erteilt. Nur wirtschaftliche Not gilt als ausreichender Grund für Erwerbstätigkeit.

Es ist Frauen nicht gestattet, als religiöse Instanz zu wirken, zu richten oder eine politische Führungsposition zu übernehmen. Das “Blutgeld” für eine Frau beträgt halb so viel wie das eines Mannes, vor Gericht hat ihre Aussage weniger, in gewissen Fällen gar kein Gewicht. Das Erbteil der Töchter ist nur halb so groß wie dasjenige der Söhne – wobei freilich die Tatsache, dass überhaupt ein Erbrecht für Frauen festgeschrieben wurde, zur Entstehungszeit des Korans einen beträchtlichen Fortschritt darstellt. Aus heutiger Sicht bleibt festzuhalten, Frauen werden in Bezug auf Familienrecht, Zivilrecht und Strafrecht auch nach 1400 Jahren immer noch als Menschen zweiter Klasse behandelt.Seit sich die Frauen den Zugang zu formalem Wissen und zur Berufstätigkeit erobern, sind sie in den öffentlichen Raum vorgestoßen. Bis heute haben sich die Männer von diesem Schock nicht erholt. Die Regelverletzung hat ihre Identität ins Mark getroffen: Kämpferische islamische Frauen sehen in der Akzeptanz der von Islamisten propagierten “islamischen Kleiderordnung” einen gangbaren Weg, ihren Ehemann zur Zustimmung zum Verlassen der Wohnung und zu einer Teilnahme am öffentlichen Leben einschließlich z. B. einer eigenen Berufstätigkeit zu bewegen.

Die männlichen Mitglieder der islamischen Glaubensgemeinschaft, der umma, werden anhand ihres öffentlichen Ranges definiert. Die Mitgestaltung des öffentlichen Lebens und die Teilhabe an der politischen Macht verleihen ihnen Autorität. Die Ehre des Mannes hängt von der Kontrolle ab, die er über die Sexualität seiner Ehefrau(en) ausübt, sowie davon wie viele (vor allem männliche) Kinder sie ihm schenkt. Frauen in der Öffentlichkeit bedrohen die Familienehre und stellen die männliche Autorität und Kontrolle in Frage.Auch im Paradies werden Männer und Frauen nicht gleich behandelt, es wird nach den Worten des Propheten unterschiedliche Freuden geben:”Ich stand am Tor des Paradieses. Da waren die meisten, die eintraten, Männer. Und ich stand am Tor zur Hölle. Da waren die meisten, die eintraten, Frauen.”

Muslimische Mädchen und Schule: Koedukativer Unterricht

Muslimischen Schülerinnen verbietet ihr Glaube am gemischten Schulsportunterricht, wie er in vielen Bundesländern stattfindet, teilzunehmen, weil sie sich verhüllen sollen vor Männern und andererseits Männer in knapper Sportbekleidung nicht betrachten sollen. Nicht selten kam es in der Vergangenheit zu Klagen von Eltern muslimischer Schülerinnen. Die Gerichte haben die widersprüchlichsten Urteile gefällt. [20] Die betroffenen Schülerinnen und deren Eltern führen an, dass ein Zwang zum gemischten Schulsport gegen den Koran verstoße. Kritiker argumentieren dagegen, dass die Mädchen sich faktisch aus dem öffentlichen Leben zurückziehen müssten und dies widerspräche dem Grundsatz der Gleichstellung von Mann und Frau. Weiter wird angeführt, dass die Befreiung vom Sportunterricht ein Schritt hin zur Ausgrenzung der betroffenen Schülerinnen sei. Es sei den Mitschülern auch nicht zu vermitteln, warum Muslime eine Sonderstellung genössen und vom Sportunterricht befreit würden.

Schwierig ist bei diesem Thema auch, dass sich gerichtliche Beschlüsse zum gemischten Schulsport auch auf andere Fächer ausdehnen. Wie ist es zu beurteilen, wenn muslimische Eltern wünschen, dass ihre Töchter vom Sexualkundeunterricht befreit werden sollen oder am Aufklärungsunterricht zum Thema Aids oder Schwangerschaftsverhütung nicht teilnehmen sollen? Auch sind Klassenfahrten für muslimische Schülerinnen praktisch nicht möglich, da der Islam es für Frauen nicht vorsieht, ohne einen männlichen Begleiter zu verreisen (siehe “Kamelfatwa”).

Kopftuch

Der Koran schreibt keineswegs eindeutig das Tragen eines Kopftuches vor. In Sure 33, Vers 59 heißt es:”Prophet, sag deinen Gattinnen und Töchtern und den Frauen der Gläubigen, sie sollen sich etwas von ihrem Gewand über den Kopf ziehen. So ist es am ehesten gewährleistet, dass sie als ehrbare Frauen erkannt und daraufhin nicht behelligt werden. Gott aber ist barmherzig und bereit zu vergeben”.Es handelt sich hierbei um unterschiedliche Interpretationen, die nicht von allen Muslimen geteilt werden. Beispielsweise herrscht in Ländern wie Iran oder Saudi-Arabien strenger Kopftuchzwang, während dies in Syrien oder Ägypten nicht der Fall ist. Und ausgerechnet die Türkei, aus der die meisten der in Deutschland lebenden 3,2 Millionen Muslime stammen, praktiziert als streng laizistische Republik ein generelles Kopftuchverbot in allen staatlichen Stellen.In Deutschland hat die Kopftuchdebatte vor allem durch die muslimische Lehramtskandidatin Fereshta Ludin, deutsche Staatsbürgerin afghanischer Herkunft, für Schlagzeilen gesorgt. Sie klagte bereits in mehreren Instanzen um die Erlaubnis, während des Schulunterrichts im staatlichen Schuldienst das Kopftuch tragen zu dürfen.Die Lehrerin beruft sich auf ihr Recht auf Glaubensfreiheit und freie Berufswahl, während die baden-württembergische Kultusministerin Schavan dem das strikte Neutralitätsgebot des Staates sowie das demokratische Grundprinzip der Trennung von Staat und Religion entgegenhält. Dieser Fall ist nicht einmalig, sondern es sind in der Bundesrepublik rund 15 derartige Fälle bekannt geworden.Der Konflikt um die Einstellung von Fershta Ludin mit islamischem Kopftuch in den staatlichen Schuldienst hat das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil vom 24. September 2003 zumindest vorläufig zugunsten der Trägerin des Kopftuchs entschieden. Die Entscheidung verdient Respekt, aber nicht unbedingt große Zustimmung. Kritikwürdig ist insbesondere, dass das Verfassungsgericht der Frage nach dem Sinngehalt des islamischen Kopftuches nicht nachgegangen ist. Diese Zurückhaltung lässt sich nicht mit der Annahme rechtfertigen, dem Staat sei es verwehrt, den Gehalt des Kopftuches zu bewerten, da ihm wegen seiner religiös-weltanschaulichen Neutralität eine solche Wertung nicht zustehe. Eine solche Enthaltsamkeit würde dem Staat die Möglichkeit nehmen, die persönliche Eignung der sich um ein öffentliches Lehramt bewerbenden Personen umfassend zu ermitteln. Gerade hierzu ist der Staat aber verpflichtet, nicht zuletzt im Interesse der eigenen Funktionsfähigkeit und der Erhaltung der grundgesetzlichen Ordnung.

Das islamische Kopftuch ist Ausdruck einer minderen Stellung der Frau, so eine weitverbreitete Meinung. Allerdings wird von Verfechtern des religiösen Kopftuchgebots das Gegenteil behauptet: Während Frauen “im Westen” in Werbung, Fernsehshows, Geschäften oder Filmen zur Schau gestellt würden, symbolisiere das Kopftuch Befreiung aus der Sklaverei, Befreiung von Unterdrückung und Schutz der Menschenwürde.

Das islamische Kopftuch wird überdies in der Islam-Diaspora zunehmend als ein Mittel zur zivilisatorischen Abgrenzung zwischen Muslimen und Nichtmuslimen eingesetzt; es wird so Ausdruck der Distanz zum Westen, damit aber auch zum westlichen demokratischen System und zu seinen Werten. Wenn allerdings muslimische Frauen, die mit dem Tragen des Kopftuchs ja keineswegs durchweg ein fundamentalistisches Weltbild ausdrücken wollen, vom Schuldienst ausgeschlossen werden, nimmt sich die Gesellschaft selber die Möglichkeit, sie als Bürgerinnen beim Wort zu nehmen. Die autoritären Strukturen, in denen Mädchen oft zum Tragen des Kopftuches gezwungen werden, bleiben durch das Verbot unverändert; nur die Integrationsmöglichkeiten dieser Mädchen in die deutsche Gesellschaft würden verringert.Weil sich die Verfassungsrichter geweigert haben, das zu tun, was ihre Aufgabe ist, nämlich die Grundrechte auszulegen, wird nun also in jedem Bundesland das Grundrecht auf Religionsfreiheit anders gedeutet – so nämlich, wie es der jeweiligen Landesregierung passt. Und es wird eine fatale Diskussion weitergehen, die in das Kopftuch alles hineinwickelt, was es überhaupt an Bedrohlichem über den Islam zu sagen gibt – Scharia, Fundamentalismus und Terrorismus. Das Kopftuch wird zur Chiffre für alles Gefährliche. Das geht bis hin zu dem bösen Satz, das Kopftuch sei das “Hakenkreuz der Islamisten”. In solcher Maßlosigkeit entlädt sich weniger die Sorge um die Unterdrückung der Frau als Fremdenfeindlichkeit.Auch in privatwirtschaftlichen Bereichen gab es bereits ähnliche Fälle, wie zum Beispiel den von Fadime C., einer Kaufhausverkäuferin, der von ihrem Arbeitgeber im hessischen Schlüchtern gekündigt wurde, als sie nach ihrem zweiten Erziehungsurlaub verkündete, ihre religiösen Vorstellungen hätten sich geändert und sie wolle sich nicht mehr ohne Kopftuch zeigen. Der Arbeitgeber argumentierte, die Kopfbedeckung schrecke die Kundschaft ab und dies führe zu Umsatzeinbußen. Das Bundesarbeitsgericht in Erfurt hielt die Kündigung für rechtswidrig. Als der Kaufhausbetreiber vor das Bundesverfassungsgericht zog, nahm dieses die Beschwerde nicht an, da sie keine Aussicht auf Erfolg habe. Zur Urteilsbegründung des BAG hieß es, dass die Glaubensfreiheit der Arbeitnehmerin nicht auf einen bloßen Verdacht hin “beiseite gestellt” werde. [21]

Benutzung öffentlicher Bäder

Die Einrichtung eines eigenen “Frauenbadetags” in öffentlichen Bädern steht auf der Wunschliste verschiedener islamischer Frauengruppen ganz obenan. Die große rituelle Waschung, die den ganzen Körper einschließlich der Haare umfasst, ist nach dem Beischlaf und anderen “Verunreinigungen” – insbesonders durch Körpersekrete – eine religiöse Pflicht, die unbedingt eingehalten werden muss. Die üblichen Hallen- und Freibäder in Deutschland können von frommen Muslimen nicht besucht werden, weil der Islam auf Geschlechtertrennung besteht, ein gemeinsames Baden von Frauen und Männern also verboten ist. Gescheitert sind solche “Frauenbadetage” verschiedentlich an dem Verlangen der Musliminnen, die Bademeister müssten weiblich sein. Eigentlich müsste es auch einen islamischen “Männerbadetag” geben; denn wo sich Frauen im hautengen Badeanzug oder gar Bikini tummeln, sollte ein frommer Muslim doch nicht zugegen sein; aber seltsamerweise wird ein solcher “Männerbadetag” bisher nirgends verlangt.

Beschneidung

Männliche Muslime werden bereits im Kindesalter beschnitten. Der Zeitpunkt dieses Eingriffs variiert von Region zu Region zwischen wenigen Tagen nach der Geburt und dem Alter von etwa 13 Jahren. In den Ländern des arabischen Nahen Ostens, der Türkei und Iran liegt das traditionelle Beschneidungsalter meist zwischen fünf und sieben Jahren. Die Praxis der Beschneidung männlicher Nachkommen war bereits im vorislamischen Arabien verbreitet. Im Koran ist sie nicht erwähnt. Verschiedene überlieferte Aussprüche des Propheten Mohammed und sein persönliches Vorbild werden jedoch von Muslimen als Begründung dafür angeführt, dass man die Beschneidung von Alters her als löblichen Brauch betrachtet, dem die Gläubigen zu folgen haben. Beschnitten zu sein gilt gemeinhin als für Männer unverzichtbares Zeichen der Zugehörigkeit zur islamischen (aber auch zur mosaischen) Religion.In einer Reihe von Ländern vor allem Afrikas und Vorderasiens, darunter solchen, die größtenteils von Muslimen bewohnt sind oder in denen diese einen erheblichen Teil der Bevölkerung stellen, werden auch Frauen “beschnitten”. Dabei geht es aber um einen sehr viel drastischeren Eingriff als bei dem, was man bei Männern Beschneidung nennt: Es geht um eine brutale Verstümmelung in verschiedener Weise, die durchaus einer Folter gleichkommt und z.T. lebenslange körperliche und psychische Traumata und Folgen auslöst, ja in vielen Fällen durch die schlechten hygienischen Verhältnisse sogar zum Tode führt. [22]

Nach Schätzungen der WHO leben gegenwärtig auf der Erde etwa 135 Millionen Frauen, die diese verstümmelnden Prozeduren bereits über sich haben ergehen lassen müssen, und jeden Tag kommen etwa 6.000 dazu. In Somalia sind z.B. nach begründeten Schätzungen zur Zeit noch fast 100 Prozent der Frauen “beschnitten”, in Ägypten deutlich mehr als 90 Prozent, im Sudan, in Äthiopien, Eritrea und Mali etwa 90 Prozent, in Kenia, der Zentralafrikanischen Republik, Nigeria und Liberia ca. 50 Prozent. In Deutschland ist der Eingriff ein strafbares Offizialdelikt, und dass es hier vor Ort vorgenommen wird, scheint selten zu sein.Muslime, die die Genitalverstümmelung von Mädchen praktizieren, bekunden häufig, diese sei von ihrer Religion geboten. Das ist jedoch falsch: Im Koran kommt sie nicht vor. In einigen überlieferten Aussprüchen, die dem Propheten zugeschrieben werden, ist zwar von ihr die Rede. Aber erstens ist die Echtheit gerade dieser Aussprüche bereits nach traditionellen islamischen Kriterien fraglich, und zweitens erklärt kein einziger von ihnen diese Praxis zur Pflicht.

Sexualität

Für viele in Deutschland lebende Muslime mag der Umgang mit Sexualität hierzulande, besonders in den Medien und der Werbung, und das Tolerieren von sexuellen Neigungen, die im Islam als Tabu gelten, befremdlich sein, obwohl der Islam ausdrücklich die menschliche Sexualität ohne jeglichen Vorbehalt bejaht. So wurde der Prophet Mohammed zu Lebzeiten von Christen für sein unverkrampftes Verhältnis zur Sexualität kritisiert. Jedoch ist im Islam Heirat eine religiöse Regel und das islamische Recht sieht Homosexualität, Ehebruch, Unzucht und Prostitution als Sünden an, die schwer bestraft werden sollen. Was die Ehe und die Bestrafung von Verfehlungen betrifft, so sind die islamischen Vorschriften für Frauen sehr viel strenger als die für Männer. Mit diesem kulturellen Hintergrund kommen viele Muslime nach Deutschland und erleben den offenen Umgang mit Sexualität als moralisch verwerflich und unsittlich, besonders in seiner Wirkung auf ihre Kinder.

Rechtliche Stellung von muslimischen Vereinigungen

In Deutschland gibt es derzeit eine Vielzahl von Vereinen, welche die Muslime vertreten. Diese unterscheiden sich häufig nach nationaler Herkunft und kultureller Tradition, zumeist aber nicht – abgesehen allerdings zumindest von den Aleviten – nach den Besonderheiten einer bestimmten religiösen Richtung oder Schule. Deshalb können sie zwar mit einem gewissen Recht in Anspruch nehmen, für alle Muslime offen und für die Wahrnehmung von deren religiösen Interessen da zu sein. Zugleich aber haben die Moscheevereine in der Regel nur sehr begrenzte Mitgliederzahlen, da für die Teilnahme an dem in der Moschee zu verrichtenden Freitagsgebet die Vereinszugehörigkeit keine Relevanz hat.Im Unterschied zu den christlichen und jüdischen Gemeinden in Deutschland sind aber die muslimischen Glaubensgemeinschaften nicht einheitlich und bundesweit organisiert. Dies wäre Voraussetzung, dafür, als “Körperschaft des öffentlichen Rechts” anerkannt zu werden und somit wichtige Rechte und Vorteile zu erhalten: das Recht, Steuern zu erheben; das Recht, Dienstverhältnisse öffentlich-rechtlicher Art zu begründen; das Recht, als Träger der freien Wohlfahrtspflege und der freien Jugendhilfe zu wirken; das Recht auf bestimmte steuerliche Vergünstigungen und Befreiungen; das Recht auf einen erleichterten Zugang zur Seelsorge in öffentlichen Anstalten und Einrichtungen (z.B. Justizvollzug, Bundeswehr, Krankenhäuser, Heime); das Recht auf Entsendung von Vertretern in die Rundfunkräte und schließlich die vereinfachte Berücksichtigung von Bauvorhaben für Gottesdienste und Seelsorge in den Bauleitplänen.Natürlich haben auch die in Deutschland lebenden Muslime die Notwendigkeit erkannt, sich zu organisieren, was jedoch nur schwer gelingt, weil die Gräben zwischen den einzelnen Glaubensrichtungen zu tief sind, ebenso wie sich auch das sehr heterogene Spektrum von Weltanschauungen des Islams schwer in einer Instanz bündeln und repräsentieren lässt. Um in Deutschland eine einheitliche Repräsentanz zu etablieren, wäre es vordergründig von Wichtigkeit, dass der Islam in Deutschland sich zum Grundgesetz bekennt und dies auch lebt, indem sich Repräsentanten nicht nur öffentlich von jeglichem Fundamentalismus distanzieren, sondern auch gegen solche Strömungen innerhalb ihren Glaubensgemeinden wirken.

Moscheen/ Muezzin

Die Muslime müssen auch in Deutschland ihren Glauben in rechter Weise praktizieren können. Dies ist ein vom Grundgesetz garantiertes Recht. Schwerpunkt islamischer Glaubenspraxis ist das täglich fünfmal zu verrichtende rituelle Gebet das an jedem beliebigen Ort verrichtet werden kann. Nur muss der Boden, auf dem man betet, rein und als – aus dem profanen Bereich ausgegrenzte – Gebetsstelle gekennzeichnet sein. Der Gebetsteppich erfüllt diese Kriterien; notfalls reicht aber eine ausgebreitete Zeitung oder ein Tuch aus, um einen reinen Gebetsplatz zu markieren. Das rituelle Gebet ist Pflicht für Männer wie für Frauen. Die Musliminnen dürfen jedoch während der Menstruation und 40 Tage lang nach der Geburt eines Kindes das rituelle Gebet nicht durchführen. Ansonsten mag jeder Muslim im freien Gebet zu Gott beten, wann immer er will.Im Gegensatz zu den täglichen Gebeten ist das Freitagsgebet nur für die Männer obligatorisch; es wird anstelle des rituellen Mittagsgebets verrichtet und gilt als besonders heilbringend. Das gemeinsame Gebet hat einen höheren Wert als das Gebet des einzelnen. Ein Wort des Propheten Mohammed besagt: “Das Gebet der Gemeinschaft ist besser als das Gebet des einzelnen, und zwar siebenundzwanzigmal besser”. [23]

Die Moschee stellt das wohl markanteste Element islamischen Lebens dar. [24] Als Ort, an dem der erwachsene männliche Muslim am Freitagmittag das rituelle Pflichtgebet möglichst in Gemeinschaft zu verrichten hat, hat die Moschee neben ihrer kultischen weitere, zentrale Funktionen für das religiöse, soziale und politische Leben der islamischen Gemeinschaft. Dies gilt inzwischen für Westeuropa bzw. Deutschland ebenso wie für die islamischen Herkunftsländer. In nichtislamischer Umgebung kommt der Moschee, der häufig eine Koranschule angegliedert ist, als wichtigstem Faktor islamischer Sozialisation neben der Familie noch größere Bedeutung zu als in der jeweiligen Heimat. Deshalb sind Bau, Betrieb und Unterhaltung einer Moschee bis heute das erste und wichtigste Anliegen, zu dessen Verwirklichung Muslime in Deutschland sich in der Rechtsform des eingetragenen Vereins zusammenschließen.Die Diskussion um den Bau von Moscheen mit Minaretten sorgt regelmäßig für Zündstoff unter Kritikern und Befürwortern. Das Minarett, von dem früher der Muezzin die gläubigen Muslime zum Gebet rief, wird heute in der Regel mit Lautsprechern bestückt, die die Aufgabe des Gebetsrufers erfüllen. Vor allem dieser Ruf des Muezzins ist christlichen Kritikern ein Dorn im Auge. Während die Muslime den Vergleich mit dem Glockenläuten christlicher Kirchen heranziehen und sich auf Artikel 4 des Grundgesetzes berufen, der Religionsfreiheit garantiert, widersprechen christliche Kritiker dem und betonen, der Ruf des Muezzins habe missionarischen Charakter, da der Gebetsruf auch das Glaubensbekenntnis des Islam enthalte. [25]

Schächten

Hinsichtlich der Erlaubtheit des Verzehrs von Schlachtprodukten enthält der Koran vier Einschränkungen, die verhältnismäßig leicht einzuhalten sind: Unrein und damit verboten ist für Muslime 1. Aas, also Fleisch von Tieren, die schon vor der Schlachtung verendet waren, 2. Blut (in ausgeflossener Form oder in unausgeblutetem Fleisch), 3. Schweinefleisch und 4. Fleisch, über dem ein anderes Wesen als Gott angerufen worden ist, das also Götzen geopfert worden ist (Sure 2,173; Sure 5,3; Sure 6,145; Sure 16,115).Das Schächten ist die im Judentum und Islam vorgeschriebene Form des Schlachtens, bei der das Tier unbetäubt mit einem Schnitt durch Halsschlagader, Luft- und Speiseröhre getötet wird. Sinn ist es, dass das Tier vollständig ausblutet, da der Genuss von Blut sowohl im Judentum als auch im Islam verboten ist. Hintergrund für das rituelle Schächten ist auch, dass in den sehr heißen Ländern des Islams das Fleisch durch das vollständige Ausbluten haltbarer gemacht werden kann, was wiederum potentiellen Gesundheitsrisiken entgegenwirkt. Gegen das Betäuben der Tiere vor dem Töten spräche, so Befürworter der Schächtmethode, dass das Tier verkrampfen könnte und somit das vollständige Ausbluten verhindert werde.

In Deutschland kollidierte das betäubungslose Schächten bis zum Januar 2002, als das Bundesverfassungsgericht der Klage eines muslimischen Metzgers nachgab und das betäubungslose Schächten in Ausnahmefällen erlaubte, mit dem Tierschutzgesetz, welches untersagt, warmblütige Tiere ohne Betäubung zu töten. Das Bundesverfassungsgericht erlaubt Muslimen nun auch, was Juden schon lange dürfen. Wer eine Ausnahmegenehmigung beantragen will, muss nun “substantiiert und nachvollziehbar” darlegen, dass nach der Glaubensüberzeugung seiner Gruppe der Verzehr von Fleisch zwingend eine Schlachtung ohne Betäubung erfordert.Aber genau das ist der Grund, weshalb die Praxis anders aussieht: Vor dem muslimischen Opferfest gingen beispielsweise beim Land Hessen im Jahr 2002 ca. 600 Anträge auf Erlaubnis zum betäubungslosen Schächten ein, die allesamt abgelehnt wurden, weil die vom Verfassungsgericht “zwingenden religiösen Gründe” nicht schlüssig dargelegt wurden. Auch wenn es um das rücksichtsvolle Töten der Tiere, wie der Koran es vorschreibt, geht, sieht die Realität anders aus. Im städtischen Schlachthof von Karlsruhe bestand keiner der muslimischen Metzger die praktische Prüfung des Sachkundenachweises, der Voraussetzung für die Erlaubnis zum Schächten von Tieren ist, weil erhebliche Defizite in der Handhabung der Schächtmethode gegeben waren. Da auch der Tierschutz nun als Staatsziel in die Verfassung aufgenommen wurde, relativiert sich das Karlsruher Urteil, und somit ist das rituelle Schächten keineswegs in den deutschen Schlachthofalltag eingezogen. Bis heute ist dieses rituelle Schlachten von Tieren sehr umstritten. Tierschützer sehen darin ebenso eine Tierquälerei wie in der traditionellen deutschen Methode.

Bestattungen im Islam

Wenn ein Muslim stirbt, wird sein Leichnam nach islamischer Tradition durch einen Muslim gleichen Geschlechts gewaschen und von Kopf bis Fuß in weiße Baumwolltücher gewickelt – Frauen in fünf, Männer in drei Tücher. Der Imam verliest das Totengebet (dies ist eine Gemeinschaftspflicht der Männer), woraufhin die männlichen Angehörigen den Trauerzug möglichst schnell zur Grabstätte geleiten, um den Verstorbenen der Erde zu übergeben. Man wirft dreimal Staub auf den Toten. Das Grab soll auf einem muslimischen Friedhof oder einem ausgewiesenen Areal liegen. Der Leichnam wird so gebettet, dass er, auf der rechten Seite liegend, mit dem Gesicht nach Mekka blickt. So ruht der Verstorbene und darf nicht mehr gestört werden. Im Gegensatz zur christlichen Tradition ist es nicht üblich, dass Angehörige die Gräber ihrer Verstorbenen aufwändig schmücken. Grundsätzlich abgelehnt wird von Muslimen aus religiösen Gründen die Feuerbestattung; sie gilt als Hindernis für die leibliche Auferstehung der Toten.

Diese rituellen Vorschriften passen jedoch nicht zu der deutschen Rechtswirklichkeit. Zum einen tauchen auch hier wieder die Schwierigkeiten auf, dass in Deutschland Träger von Friedhöfen nur Körperschaften öffentlichen Rechts sein können, was für islamische Verbände in Deutschland derzeit nicht gilt. Daher gibt es auch als einzigen muslimischen Friedhof in Deutschland den Berliner Friedhof, der bereits belegt ist. Die Alternative dazu sind Gräberfelder, die in circa 70 deutschen Städten in reguläre Friedhöfe integriert sind. Des weiteren sind die deutschen Hygienegesetze nicht mit der Beerdigung ohne Sarg vereinbar [26] und auch die gesetzlich vorgeschriebene Mindestzeit von 48 Stunden vom Eintritt des Todes bis zu Beerdigung lässt sich nur schlecht damit vereinbaren, dass ein Leichnam im Islam möglichst noch am Todestag zu Grabe getragen werden soll. Außerdem ist die ewige Grabesruhe nicht gewährleistet, da die Liegezeiten auf deutschen Friedhöfen begrenzt sind, auch das Liegen des Leichnams Richtung Mekka ist nicht auf allen Friedhöfen möglich, weil die Friedhofsanlage dies nicht zulässt. Das Land Nordrhein-Westfalen hat hier einen ersten Schritt getan: Seit 1. September 2003 gilt hier für Muslime kein Sargzwang mehr und auch die Ruhefristen werden flexibler gehandhabt.

Tatsächlich werden von den in Deutschland lebenden Muslimen nach deren Tod etwa 90 Prozent in ihre Heimat überführt. Das Essener Zentrum für Türkeistudien hat in einer Umfrage herausgefunden, dass sich nur etwa 5 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime vorstellen können, hier begraben zu werden. Hinzu kommt, dass die Überführung in die Heimat nur etwa halb soviel kostet wie eine Bestattung in Deutschland.

Islamischer Religionsunterricht an deutschen Schulen

Für die etwa 700.000 muslimischen Schüler in Deutschland gibt es nach wie vor keine einheitlichen Bestimmungen, wenn es um islamischen Religionsunterricht geht. Auch hier ist eines der Hauptprobleme die uneinheitlich organisierten Strukturen der in Deutschland lebenden Muslime und die Tatsache, dass der Islam innerhalb seiner Glaubensgemeinschaften zu zerstritten ist, als dass man einen einzigen Ansprechpartner finden könnte, mit dem man gemeinsam die Inhalte für einen regulären islamischen Religionsunterricht festlegen könnte, denn Religionsunterricht ist Sache der Kirchen oder Religionsgesellschaften.

Wenn es zu einem islamischen Religionsunterricht in Deutschland kommt, gibt es einige Punkte, über deren Beachtung von deutscher Seite aus Einigkeit herrscht: der Unterricht muss in deutscher Sprache erfolgen, die Lehrer sollen nach deutschen Standards ausgebildet werden, die Lehrinhalte müssen mit dem Grundgesetz in Einklang stehen und der Religionsunterricht darf nicht den Maßstäben einer einzigen islamischen Glaubensrichtung entsprechen, sondern muss vielmehr universell für alle Muslime in Deutschland gestaltet sein.Der Nachbar Österreich hat es bereits geschafft, hier einheitliche Standards zu schaffen. Die Lehrer werden im eigenen Land ausgebildet, was eine gewisse staatliche Kontrolle ermöglicht. Jedoch gibt es von islamischer Seite dort einen einzigen Ansprechpartner, die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ), während in Deutschland zahlreiche Organisationen und Verbände die Muslime repräsentieren.Bisher gibt es in Deutschland lediglich Modellversuche, die über die “islamische Unterweisung” in Türkisch, Arabisch und Bosnisch religiöses Wissen über den Islam vermitteln, jedoch ausdrücklich nicht den Glauben verkünden oder dazu erziehen sollen. An der Universität im nordrhein-westfälischen Münster werden seit dem Herbst 2002 Lehrer für Islamkunde ausgebildet. Außerdem soll die Universität einen Lehrstuhl für Islamische Theologie erhalten. Ein günstiger Aspekt dieser Ausbildung ist, dass es in Zukunft möglich sein wird, Kenntnisse über den Islam unter staatlicher Kontrolle in deutsche Schulen zu bringen und somit verhindert werden kann, dass islamisch-fundamentalistische Inhalte vermittelt werden können.

In Nordrhein-Westfalen wird seit 1999 an mehreren Schulen Islamkunde als freiwilliges Fach in deutscher Sprache angeboten. Unterrichtsinhalte sind Geschichte, Ethik und Religion des Islam. Ziel der Regierung in NRW ist es, den islamischen Religionsunterricht in deutscher Sprache als reguläres Schulfach einzuführen.In Bayern wird derzeit in einem Pilotprojekt an einigen bayrischen Grundschulen erstmals islamischer Religionsunterricht angeboten. Die Unterrichtsrichtlinien für den auf Deutsch stattfindenden islamischen Religionsunterricht wurden vom bayerischen Kultusministerium und dem türkischen Schulministerium festgelegt. Gerade hierin sehen Kritiker Probleme: Es sei unverantwortlich, dass Institutionen aus anderen Ländern ein Mitspracherecht bei der Lehrplangestaltung eingeräumt werde, da diese Lehrinhalte erzkonservativen Werten entsprächen. Diese Kritiker fordern einen “deutschen Islam”, der modern und deutschen Verhältnissen entsprechend ist. Des weiteren verlangen sie eine länderübergreifende Regelung, die es ermöglicht, Mitglieder der verschiedenen Gruppierungen in die Lehrplangestaltung mit einzubeziehen. Gesellschaftlich ist der islamische Religionsunterricht unter Schirmherrschaft einer muslimischen Zentralinstanz und einer Staatsinstanz von Wichtigkeit, weil der jungen muslimischen Generation in Deutschland so die Möglichkeit gegeben werden kann, einen eigenen Standpunkt zu beziehen. Außerdem könnte man jungen Muslimen so das Finden einer eigenen religiösen Identität ermöglichen, um eigenverantwortlich am Gestaltungsprozess der Gesellschaft, in der sie leben, teilzunehmen. Der Spagat zwischen traditioneller islamischer Erziehung und dem westlichen Lebensstil in Deutschland könnte dieser Generation leichter fallen.

Medizin und Ärzte

Wenn Muslime in Deutschland krank werden, können sie auf eine Fülle von Unannehmlichkeiten stoßen. Da sind einerseits Sprachprobleme, die es vielen Muslimen schwer machen, einem Arzt mitzuteilen, welches gesundheitliche Problem sie haben. Es kommen aber auch kulturelle Schwierigkeiten hinzu. Viele Dinge, die für einen deutschen Patienten völlig selbstverständlich sind, wie zum Beispiel der Handschlag zur Begrüßung, das Entkleiden bei der Untersuchung oder die Behandlung einer Frau durch einen männlichen Arzt, können die Schamgefühle von Muslimen verletzen.

Medikamente mit Alkohol, die hierzulande ohne weiteres verordnet werden, kommen für einen Muslimen nicht in Frage. Herzklappen und gelatinehaltige Produkte sind tabu. Besonders schwierig ist eine Therapie während des Fastenmonats Ramadan. Während dieser Zeit sind nach islamischem Recht Injektionen, Infusionen, künstliche Ernährung und Nasen- oder Ohrentropfen nicht gestattet, was den Genesungsprozess eines Patienten beeinträchtigen kann.Das muslimische Verständnis von Kranksein ist ein anderes als das unserer westlichen Kultur. Es wird als Prüfung Gottes empfunden, welche helfen soll, den Glauben zu festigen. Außerdem sieht ein Muslim den Körper als von Gott geliehen. In islamischen Ländern wird ein Gebrechen erst als echte Krankheit angesehen, wenn es Schmerzen bereitet. Daher meiden viele Muslime in Deutschland Impfungen, routinemäßige Kinderuntersuchungen oder Vorsorgeuntersuchungen wie etwa beim Frauenarzt, Urologen oder Zahnarzt. Für viele Ärzte mag es befremdlich sein, wenn Muslime Rat bei einem Imam suchen, um den Konflikt zwischen der Wahrung der Gesundheit und den islamischen Pflichten zu bewältigen. Wenn der Imam sich nach dem Gesundheitszustand des Patienten beim Facharzt erkundigt, was für Muslime nichts Außergewöhnliches ist, kollidiert dies mit der ärztlichen Schweigepflicht.

Alternde Muslime

Viele Muslime in Deutschland gehören der Einwanderergeneration an, die zwischen 1963 und 1970 als Gastarbeiter nach Deutschland kamen. Fast 700.000 Einwanderer, darunter rund 200.000 Türken, werden in diesem Jahrzehnt ihren 60. Geburtstag feiern. Deshalb rechnen Experten mit einem ansteigenden Bedarf an Alten- und Pflegeheimplätzen, um die älter werdenden Muslime betreuen zu können.Der größte Anteil der ehemaligen Gastarbeiter hatte ursprünglich geplant, in die Heimat zurückzukehren. Dass dies nicht geschehen ist, bedeutet für viele von ihnen, dass sich ihre Lebensträume nicht erfüllt haben. Förderer von Alten- und Pflegeheimen, die Muslime integrieren wollen, halten es für sinnvoll, den Muslimen Zugeständnisse zu machen, wenn es darum geht, wie sie ihren Lebensabend verbringen sollen. Sie sollen ihre Muttersprache, ihr Essen, ihre Tradition und ihre Religion nicht aufgeben müssen. Dies setzt voraus, dass die Heime spezielle Einrichtungen für Gebetszeiten sowie die dazugehörigen Waschungen anbieten oder dass in den Küchen darauf geachtet wird, was nach islamischer Tradition gegessen wird und was nicht. Dazu gehört auch, dass ein strenggläubiger Muslim nichts von einem Teller essen wird, auf dem einmal ein Stück Schwein lag. Mitarbeiter müssten speziell diesen Bedürfnissen entsprechend geschult werden. Hinzu kommt beispielsweise auch der Umgang zwischen den Geschlechtern. Strenggläubige Musliminnen werden sich nicht von Männern pflegen lassen wollen. Dazu muss in der Organisation und Pflegepraxis der Heime vieles verändert werden.

Islamische Feste

Während für alle Einwohner Deutschlands – einschließlich der Nicht-Christen – die hohen christlichen Feste offizielle Feiertage sind, haben die Muslime hierzulande kein Anrecht auf Freistellung von der Arbeit anlässlich ihrer eigenen religiösen Feiern. Insbesondere gilt dies für das Fest des Fastenbrechens (iftar) am Ende des heiligen Monats Ramadan und für das Opferfest zur Zeit der Pilgerfahrt. Beides sind mehrtägige Feste. Das Problem dieser zeitlich “wandernden” islamischen Feste ist bei uns noch ungelöst. Muslimische Kinder bekommen z. B. in Hessen und auch in Bayern auf Antrag schulfrei, Erwachsene mitunter bezahlten Urlaub; doch lassen sich solche Sonderregelungen z. B. in Fabriken mit vielen muslimischen Mitarbeitern nur begrenzt praktizieren.

Haft und Strafvollzug

Die Anzahl muslimischer Inhaftierter in Deutschland ist aus einer Reihe von Gründen überproportional groß. So gehörten etwa im Jahr 2001 in Baden-Württemberg – bei steigender Tendenz – 21 Prozent der Insassen von Justizvollzugsanstalten muslimischen Glaubensgemeinschaften an. Viele von ihnen sind Ausländer in Untersuchungshaft, Menschen in der Fremde, die plötzlich hilflos einer fremden Behörde ausgeliefert sind. Dem Betreuungspersonal gelingt es aufgrund von Sprachschwierigkeiten auch bei gutem Willen kaum, sich mit den Inhaftierten angemessen zu verständigen. Diese ihrerseits zögern – auch aus Angst falsch verstanden zu werden – sich über ihre Bedürfnisse und Gefühle zu äußern. Somit leben sie sozusagen in “doppelter Isolation”, weil die traditionell starken familiären Bindungen oft nicht mehr greifen und die Schande oft nicht zu ertragen ist. Die Angst, abgeschoben zu werden, ist eine zusätzliche Belastung.Viele Muslime, Männer wie Frauen, empfinden das Ertragen der Haftsituation in den ersten Tagen nach der Inhaftierung als besonders schwer. Sie erleben es als noch demütigender und schwerer als andere Gefangene, wenn sie umgekleidet werden und ihnen die Privatsachen genommen werden. Das negativ Erfahrene führen sie leicht auf antiislamische Ressentiments der Beamten zurück. Die angestauten Aggressionen sind, wenn sie sich entladen, meist sehr massiv. Christlich-seelsorgerliche Bemühungen um islamische Gefängnisinsassen werden oft als Missionierungsversuche missverstanden. Muslimische Eigeninitiative gibt es jedoch nur ganz sporadisch. Mittlerweile kommen die Justizvollzugsanstalten muslimischen Inhaftierten in ihren religiösen Bedürfnissen wenigstens beim Befolgen der wichtigsten Glaubensvorschriften entgegen.

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Bild 6: Die Welt des Islam

Theorie und Praxis im Islam

Alle großen religiösen und ideologischen Bewegungen – besonders jene, die, inspiriert von heiligen Schriften, versuchen, diese zu verstehen und nach ihnen zu leben – vereinen zwei Ebenen in sich: auf der einen Seite die Ebene der Reflexion, der Theorie, und auf der anderen Seite die des Handelns und der Praxis. Dies gilt für jüdische, christliche und muslimische Bewegungen durch die Jahrhunderte ihrer Geschichte hindurch. Während in bestimmten Strömungen und Bewegungen hauptsächlich das Studium der Quellen der Inspiration hervorgehoben wird – was man durchaus als “Fundamentalismus” bezeichnen kann – , wird in anderen dagegen vor allem die Notwendigkeit der Praxis und des Handelns – sprich “Aktivismus” – betont. Beide Strömungen ergänzen einander und beherrschen die Diskussion.Die in der öffentlichen Diskussion gerne gemachte Grenzziehung zwischen Islam als Religion und Islam als Ideologie trägt die Gefahr in sich, dass wieder einmal irgendwelche Menschen im Westen darüber befinden, was der Islam wirklich ist. Das läuft auf eine neue Form dessen hinaus, was der bekannte palästinensische Islamwissenschaftler Edward Said als Orientalismus [27] beschrieb: Die Zunft der Wissenschaft der Orientalisten habe das Idealbild des “Orients” geschaffen, damit es als Gegensatz und Folie eines “Westens” diene, der sich positiv von den “Orientalen” abheben wolle. Die “Orientalen” erhalten daher alle Wesenszüge, von denen “der Westen” sich freisprechen möchte: Sie werden als irrational, emotional, unbeständig und unzuverlässig, unlogisch, naiv und grausam geschildert. Dies werde als ihre angebliche Essenz dargestellt. Das “westliche” Gegenbild wolle sich davon als im Wesentlichen rational, objektiv, effizient, logisch, wissenschaftlich und doch human abheben. Der künstlich erzeugte Gegensatz diene Machtzwecken. Er erlaube und rechtfertige koloniale und neokoloniale Machtanwendungen gegenüber den so konstruierten “unmündigen Orientalen”.

Das gegenwärtig in Europa vorherrschende Orientbild wird stark vom Nahost-Konflikt und den daraus folgenden politischen Entwicklungen beeinflusst. Durch den so heraufbeschworenen politischen jüdisch-islamischen Antagonismus werden andere wichtige Elemente dieses Bildes verdrängt. In Wirklichkeit aber ist der Orient ethnisch und religiös vielfältiger, als er in einem so polarisierten Bild erscheint. Die in ihrer Ursprungsregion koexistierenden Religionsgemeinschaften befinden sich in einem langen Prozess von Austausch und gegenseitiger Beeinflussung, dessen kulturelle Dimensionen deutlich spürbar sind. Theologisch behält der andere zwar sein Anderssein, er ist jedoch nicht der Fremde, sondern der andere, mit dem man vertraut ist. Diese Einstellung prägt insbesondere die Haltung des orientalischen Christentums zum Islam. Spätestens seit dem neunten Jahrhundert ist die arabische Sprache auch die Sprache der christlichen Liturgie und Theologie. Man verwendet in Gebet und Theologie dieselben Begriffe wie die Muslime. Arabische Angehörige beider Religionen nennen Gott Allah. Sie drücken ihren Glauben mit den gleichen Worten aus.Der Orient ist heterogen. Seine Heterogenität prägt Alltagsleben und Kultur, aber auch den religiösen Bereich. Die dort vorhandene Vielfalt von Religionen und Kulturen führt unvermeidlich dazu, dass die Einzelsphären im Laufe der langen Geschichte ihrer Koexistenz in ein Verhältnis zueinander treten. Dementsprechend lässt sich in verschiedenen Kulturbereichen sowie auf der Alltagebene beobachten, dass religiöse Gehalte unterschiedlichen Ursprungs ineinander übergehen und bei Angehörigen anderer Religionsgemeinschaften Geltung gewinnen. Insofern erscheint der geläufige Vergleich dieser Vielfalt mit einem Mosaikbild als nicht angemessen. Anders als in einem Mosaik sind es hier keine Steine, die starr nebeneinander gesetzt werden und sich deshalb nur in äußerlicher Berührung befinden. Es sind vielmehr Menschen unterschiedlicher religiöser Hintergründe, die zusammenleben und miteinander kommunizieren. Die alltägliche Kommunikation bringt Austauschstrukturen zustande, die kulturelle Formen gemischter religiöser Färbung produzieren. In Literatur, bildender und darstellender Kunst tritt dies deutlich zutage. So sehen moderne muslimische Dichter im Leiden des gekreuzigten Christus den Inbegriff menschlichen Leidens und beziehen es auf die Situation ihrer Völker – obwohl der Koran eindeutig verneint, dass Jesus am Kreuz starb. Im Geiste der Vielfalt gehört auch der Davidsstern zu den Abbildungen im Palast eines Drusenherrschers ebenso wie islamische Motive an den Häusern christlicher Familien.

Es spricht viel dafür, dass der Islam in der westlichen Gesellschaft als Projektionsfläche für eine dunkle Seite der Religion dient, die es, obgleich in unterschiedlichen Formen, auch in der christlichen und in anderen Religionen gibt. Man will sie aber in der eigenen Religion jeweils nicht wahrhaben. Aus diesem Grund fällt es schwer, dem Islam positive Seiten abzugewinnen und ihn in seiner kulturprägenden Wirkungsmacht zu würdigen, die kaum weniger Menschen geprägt hat als das Christentum.Die Debatte um Friedfertigkeit und Gewalt spielt in vielen Religionen eine zentrale Rolle. Dabei gibt es starke Verdrängungsmechanismen. Um das Friedensideal der eigenen Religion hochhalten zu können, wird die Gewaltseite jeweils der anderen zugeschoben. So wurde etwa die Wortverbindung “Heiliger Krieg”, die heute jeder mit dem Islam verbindet, nicht von Muslimen, sondern von den christlichen Ideologen der Kreuzzüge geprägt. Es war Papst Urban II., der am 27. November 1095 in Clermont mit seinem Befehl zum “Heiligen Krieg im Heiligen Land” die Geburtsstunde der Kreuzzüge einleitete. [28] Erst 1187, als Reaktion darauf finden sich Quellen, die den “Heiligen Krieg” in Verbindung mit dem Islam bringen, als nämlich der islamische Feldherr Saladin während der Befreiungskämpfe um Jerusalem einen “Heiligen Krieg” ausrief. Doch auch dieser islamische “Heilige Krieg” war noch ein Verteidigungskampf der Muslime zum Schutz der “Umma”, der islamischen Gemeinde, gegen die Kreuzritter. Das Problem ist also grundsätzlicherer Art.

Das Prinzip der Täuschung “taqiya”im Feindesland

Aufgrund einer muslimischen Besonderheit kommt es immer wieder zu der Frage: Kann man den Aussagen von Muslimen trauen? Genauso wie im Christentum ist es im Islam verboten zu lügen. Trotzdem lügen natürlich Christen wie Muslime bei allen möglichen Gelegenheiten; sie sind nun einmal Menschen. Dennoch haben die Orientalen unter bestimmten Umständen ein anderes “Wahrheitsverständnis” als wir Westler. Zwei völlig unterschiedliche Aspekte führen zu dieser Einschätzung: Der erste Aspekt ist kultureller, der zweite religiöser Art. Peter Heine hat in seinem Buch “Kulturknigge für Nichtmuslime” ein Kapitel überschrieben mit “Was ist Wahrheit?” und darin sehr anschaulich sowohl die Höflichkeit der Orientalen beschrieben als auch deren “andere Realitätssicht”. Orientalen wollen beispielsweise einem Gast keinen Wunsch abschlagen, auch wenn er unerfüllbar oder gar peinlich ist.

Doch es gibt über die kulturelle Besonderheit hinaus auch einen religiös bedingte Ausnahmesituation, die einen Muslim geradezu verpflichtet, unter ganz bestimmten Lebensumständen nicht die Wahrheit zu sagen, sondern “taqiya” zu üben. Dieser Begriff lässt sich kaum ins Deutsche übersetzen. Der Islam-Experte Heinz Halm hat ihn zunächst mit “Vorsicht” später jedoch mit “Verstellung” wieder gegeben. Bassam Tibi verwendet den Ausdruck “Täuschung der Ungläubigen”. Hans-Peter Raddatz beschreibt “taqiya” als “die islamische Praxis, die Glaubensverleugnung als Nutzenkalkül und pragmatisches Alternativkonzept zum Märtyrertum betreibt”. “Taqiya” bedeutet, dass ein Muslim seine religiöse Identität oder seine wahren Absichten im Fall einer Bedrohung zu verschweigen hat. Für die Schiiten ist “taqiya” vor allem dann geboten, wenn das eigene Leben oder das eines anderen Schiiten in Gefahr ist, aber auch, wenn sein Eigentum oder das Eigentum eines anderen Schiiten gefährdet ist. Obgleich “taqiya” nur für Schiiten obligatorisch ist und die Sunniten die Schiiten deshalb immer wieder wegen ihrer “Falschheit” anprangern, wird sie auch bei den Sunniten angewandt. Im nicht-muslimischen Umfeld ist eine solche Haltung also auch Sunniten nicht verboten und gegebenenfalls sogar religiös legitimiert, für die Schiiten aber ist sie religiöse Pflicht. Für den Dialog mit dem Islam bedeutet diese Doppelbödigkeit eines der Hauptprobleme. Gegenüber den Deutschen und in deutscher Sprache betont man unablässig auf dem Boden des Grundgesetzes zu stehen und den Dialog zu wollen. Gegenüber Muslimen und in türkischer oder arabischer Sprache überwiegen Hetzparolen gegen die deutsche Demokratie, den Pluralismus und die angeblich “sittlich verrottete” deutsche Gesellschaft.

Islamkritik in Deutschland

Der Islam weckt Emotionen. Spätestens seit der iranische Revolutionsführer Ajatollah Chomeini und die Mullahs 1979 im Iran gewaltsam die Macht übernommen und 1989 eine Todes-Fatwa gegen den Schriftsteller Salman Rushdie verhängt haben. Denn mit dem Erstarken radikal-islamistischer Strömungen keimen auch in Europa vielerorts Ängste, ob diese totalitäre Bewegung oder gar der Islam selbst zu einer Gefahr für den Westen werden könnte. Das Unbehagen wurde durch die Herrschaft der Taliban in Afghanistan und die Terroranschläge vom 11. September 2001 nicht weniger. Es besteht die Gefahr, dass Vertreter eines fundamentalistischen Islam und die von ihnen vertretene Auslegung des islamischen Glaubens verabsolutiert und als der Islam schlechthin angesehen werden.Bei der Bekämpfung des muslimischen Extremismus aber steht die deutsche Gesellschaft an einer Wegmarke Sie muss sich zwischen Abgrenzung und Offenheit, Naivität und Auseinandersetzung mit islamistischen Tendenzen entscheiden, muss deutliche Grenzen setzen gegenüber all denen, die die Rechte anderer einschränken wollen. Leider hat sich die Gesellschaft, anders als bei der Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus, bei der Beschäftigung mit islamistischen Organisationen, religiösem Fundamentalismus und den entsprechenden Funktionären noch nicht auf gemeinsame Grundlagen einigen können.

Auch wenn Rechtsextremismus und Islamismus nicht gleichgesetzt werden können, da die einen ihre Ungleichheitsideologien völkisch, die anderen hingegen religiös begründen, die einen sich auf das Blut, die anderen auf den Glauben berufen, gibt es Parallelen in der Ablehnung universeller Werte: Beide sind totalitäre Ideologien. Umso verwunderlicher ist es daher, dass bei den Reaktionen auf sie unterschiedliche Standards gelten.Es ist nicht zu leugnen, dass sowohl gewisse Aussagen des Propheten wie auch bestimmte Stellen im Koran eindeutig im Widerspruch zu den Grundsätzen der Menschenrechte stehen. Dies ist jedoch nicht das Entscheidende. Das Hauptproblem liegt darin, dass nach Auffassung der Islamisten nicht die Individuen im Mittelpunkt der Diskussion stehen, sondern Gott und der Glaube. Dementsprechend richtet sich die Aufmerksamkeit der Gelehrten nicht auf die Rechte und Freiheiten der Menschen, sondern auf die Pflichten, die Gläubige Gott gegenüber zu erfüllen haben. Damit wird der Glaube von ihnen auf einen Gesetzesdogmatismus verengt und die Einhaltung von Vorschriften und Erfüllung von Pflichten über die geistige und spirituelle Substanz der Religion gestellt. Dass dieses Problem nicht nur in einem konservativen Islam auftaucht, wissen wir aus der Bibel, wo die Haltung der Pharisäer der Haltung Jesu gegenübersteht.

Angesichts der Menschenrechte und des Grundgesetzes ergeben sich schwerwiegende Probleme für die Integration traditioneller Muslime in einen modernen demokratischen Staat. Die Ungleichheit der Menschen spiegelt sich nicht nur bei der fehlenden Gleichstellung der Geschlechter, sondern auch in anderen Bereichen der islamischen Gesellschaft wider. So genießen Geistliche gewisse Privilegien, nach der strikten schiitischen Auslegung bleibt ihnen sogar die Führung des Staates vorbehalten. Auch bezüglich der Meinungsäußerung verordnet der traditionelle Islam starke Einschränkungen, die dem in der Konvention der Menschenrechte verankerten Recht auf freie Meinungsäußerung konträr entgegenstehen. Einem Muslim ist es nicht gestattet, die Grundsätze der eigenen Religion in Frage zu stellen oder gar zu einer andere Religion überzutreten. Ein solches Vergehen wird mit dem Tode bestraft. In einem islamischen Staat, der von Islamisten regiert wird, sind Menschenrechte wie Freiheit der Meinungsäußerung, der Schrift, der Wahl des Glaubens praktisch außer Kraft gesetzt.Angeblich verlang Allah ebenso Strafen wie das abhacken der Hand bei Dieben, das Töten von Homosexuellen oder die Frauenbeschneidung in muslimischen Ländern Afrikas. All das wollen angeblich der Koran und das islamische Rechtssystem, die Scharia. Doch das, was viele islamische Schriftgelehrte als unumstößliche Glaubenssätze ausgeben, ist oft nur eine Mischung aus Tradition und Männermacht – mit dem eigentlichen islamischen Glauben hat es nur noch wenig zu tun. Es geht vor allem um den Einfluss extrem ausgerichtete Muslime – vor allem aus Saudi-Arabien, dem Land der Wahabiten.

Wie können nun die Reformer innerhalb der islamischen Welt, die für die Einhaltung der Menschenrechte eintreten, sich gegen diese konservative, islamistische Sichtweise zur Wehr setzen oder, noch wichtiger, wie sollen sie mit dem Koran und den Hadith verfahren, um den Islam mit den Menschenrechten und modernen Auffassungen von Politik und Gesellschaft in Einklang zu bringen?Bisherige Versuche, die betreffenden Passagen im Koran als sekundär zu betrachten oder sie forciert so zu interpretieren, dass der Widerspruch zu den Menschenrechten, wenn auch nur scheinbar, aufgehoben wird, sind abzulehnen. Die Lösung liegt auch nicht darin, dass man Strafmassnahmen wie Steinigen oder Abhacken von Händen aussetzt oder Frauen gegenüber gewisse rechtliche Zugeständnisse macht. Dies alles ist nichts als Synkretismus [29]. Bei den notwendigen Reformen geht es nicht um Einzelfragen, sondern um die gründliche Auseinandersetzung zwischen zwei unversöhnlichen Sichtweisen, zwischen einer modernen, an den Menschenrechten orientierten und einer traditionellen Auffassung vom Islam, vom Individuum und Glauben.

Die Lehre des Islam umfasst im Grunde vier Bereiche, den Bereich des Glaubens, den Bereich der Moral, den Bereich des Gebets und schließlich den Bereich der Anweisungen und Bestimmungen, die das Individualrecht, Handelsrecht, Strafrecht und dergleichen betreffen. Diese Bereiche, vor allem Glauben und Moral, sind natürlich eng verflochten, doch weisen mehr als 98 Prozent der Verse des Korans keinen Widerspruch zu den Menschenrechten auf. Unter den restlichen zwei Prozent, die vor allem den vierten Bereich betreffen, gibt es jedoch Bestimmungen und Gesetze, die an eine historische Epoche oder einen bestimmten kulturellen Raum, also an der Veränderung unterworfene Umstände, gebunden sind. Das im Islam vorgesehene Recht, die Verse des Korans und die Hadithe zu interpretieren und neue Anweisungen zu erteilen, was mit dem Begriff “Idjtihad” umschrieben wird, dient gerade dazu, zwischen dem ewig Gültigen und dem sich ständig Verändernden zu unterscheiden. Hier muss ein ernsthafter Reformversuch ansetzen, mit dem Ziel, die Vorschriften überall dort, wo sie im Widerspruch zu den Menschenrechten stehen, durch neue Regelungen zu ersetzen. Das betrifft auch Vorschriften, die im Koran stehen bzw. vom Propheten aus Sicht der damaligen geschichtlichen Situation überliefert sind. Nur so lässt sich die Religion lebendig erhalten und den Erfordernissen der Zeit anpassen.

Allzu oft tappt der Westen in die Kultur-Falle: Statt klar auf der Einhaltung universeller Menschenrechte für Männer, Frauen und Kinder zu bestehen, wird Verständnis auch noch für die spitzfindigsten Vorschriften gezeigt – etwa für die so genannte “Kamel-Fatwa”, wonach eine Frau nur 81 Kilometer unbegleitet reisen darf – so weit, wie eine Kamelkarawane in 24 Stunden zurücklegt. Auch Muslimen dürfen die allgemeinen Menschenrechte nicht vorenthalten werden. Wir müssen uns überall an den internationalen Standards orientieren und dürfen die Menschenrechte für islamische Länder nicht auf einem niedrigeren Level neu definieren. Maßstab muss weltweit die UN-Charta sein! Das, was in Deutschland derzeit in der Debatte um das Kopftuch deutlich wird, ist der weltweite Kampf um die Auslegung des Islam. Von Malaysia bis Saudi-Arabien, von Tunesien bis in den Iran kämpfen liberale gegen konservative Muslime. In Zukunft verläuft die Kluft nicht mehr zwischen dem Westen und der islamischen Welt, sondern innerhalb des Islam – soweit klafft die Auslegung des gemeinsamen Glaubens bereits auseinander. In gewisser Hinsicht muss die muslimische Welt in möglichst kurzer Zeit einen Entwicklungsprozess vollziehen, für den die christlich-westliche Welt seit der Aufklärung Zeit hatte.

Der Vorwurf, Deutschland und seine Bürger pflegen ein “Feindbild” Islam kann daher auch ein ideologisches Konstrukt sein, das in erster Linie den Interessen islamistischer Verbände und Gruppierung zuarbeitet. Denn ist der Konsens erst einmal hergestellt, die Islamfeindlichkeit sei das eigentlich dringliche Problem, dann stellen sich andere, unbequeme Fragen zum Beispiel nach der demokratischen Struktur muslimischer Verbände, deren Verhältnis zum Grundgesetz und zu der universellen Gültigkeit von Menschenrechten erst gar nicht. Tatsächlich bestimmen islamistische Gruppen seit Jahren, was in Deutschland im Kontext mit dem Thema Islam diskutiert wird und was nicht. So beklagt Johannes Kandel, im interreligiösen Dialog gäbe es eine ganze Reihe von Themen, die unerledigt bleiben: Menschenrechte, Religionsfreiheit, die Trennung von Staat und Religion, Frauen, koranische Hermeneutik und eben die These vom “Feindbild Islam”. [30]

Wer den Islamismus bekämpfen will, muss den Islamismus bekämpfen. Will sagen, es dürfen dann nicht über arbeits- und vereinsrechtliche Spitzfindigkeiten Scheingefechte geführt werden. Denn bislang können sich islamistische Organisationen in Deutschland recht ungestört entfalten, so lange sie nicht gravierende “Fehler”, beispielsweise Mord begehen, wie die Kaplan-Gruppe. Auch die Kopftuchfrage muss in diesem Zusammenhang gesehen werden. Hier wurden enorme Informationsdefizite über den Islamismus und seine undemokratischen Existenzbedingungen zutage gefördert.

Es kommt darauf an, was in den Köpfen der Lehrerinnen vorgeht und nicht vordergründig auf deren Bedeckung. Im Falle des Kopftuches wird aber teilweise sicher berechtigt befürchtet, dass es als Symbol des Islamismus benutzt werden könnte, und somit einen Hinweis auf die Einstellung der Frauen gibt, die es tragen. Wenn das Kopftuch in Deutschland als “Signal der Religionsfreiheit” gilt, als Freiheit für eine “Religion” also, die selbst die Religionsfreiheit gewaltsam verhindert und das Rechtssystem, das ihr die Freiheit dazu einräumt, bekämpfen muss, ist das ein Zeichen umfassender Inkompetenz. Die simple Schlussfolgerung jedoch: Kopftuch ist gleich Islamistin, ist realitätsfremd. Nicht jeder Islamist trägt ein Kopftuch. Allein schon deswegen, weil die meisten Islamisten in entscheidenden Positionen Männer sind. Auch bei der Suche nach Islamisten sollten Frauen nicht benachteiligt werden. Schließlich gibt es durchaus Frauen, die ein Kopftuch aus rein religiösen Gründen tragen. Pauschale Diffamierung führen hier zu ungewollten Solidaritätseffekten.

Anders als beim Rechtsextremismus wird bei Gruppen des politischen Islam seit Jahren der Diskurs mit den Verbandsfunktionären gesucht, die Basis hingegen weitgehend ignoriert. Das Fehlen von Standards im Dialog mit dem Islam ist Ergebnis der Tabus, die sich die Öffentlichkeit bei diesem Thema auferlegt. In der Vergangenheit wurden Religionswissenschaftler/innen, die über das schillernde Universum des politischen Islam aufklären wollten, in den Debatten marginalisiert. Bereits das öffentlich formulierte Erkenntnisinteresse geriet in den Verdacht, Islamfeindlichkeit zu befördern. Und Versuche, die Instrumentarien der Rechtsextremismusforschung auf das Untersuchungsfeld Islamismus anzuwenden, wurden jahrelang bekämpft.

Es gibt durchaus beunruhigende Anzeichen dafür, dass radikale Islamisten auf Medien und Wissenschaftler Druck ausüben, der über die Grenzen legitimer Interessenwahrnehmung hinausgeht und der mittlerweile mancherorts erhebliche Verunsicherung ausgelöst hat. Wie soll man sich sonst erklären, dass der Autor der historisch-philologischen Studie “Die syro-aramäische Lesart des Korans. Ein Beitrag zur Entschlüsselung der Koransprache” es vorzog, nicht unter seinem Namen, sondern nur unter dem Pseudonym Christoph Luxenberg zu publizieren. [31] Er diskutiert darin die Frage, ob der Koran wirklich ganz auf den Propheten Mohammed zurückzuführen ist, und zeigt das Fortwirken christlich-jüdischer Traditionen im Offenbarungstext der Muslime auf – gewiss eine Provokation für die Orthodoxie.

Die Folgen der Versäumnisse sind dramatisch: Die Öffentlichkeit weiß heute viel zu wenig über Inhalte, Struktur, Organisation und Differenzen innerhalb des politischen Islam, seine Nähe, Distanz und Abgrenzung zum Terrorismus. Ein idealer Nährboden für Ängste und Vorurteile. Nur wenn es gelingt, in der deutschen Gesellschaft die friedensstiftenden und gemäßigten Kräfte im Islam zu aktivieren, gibt es Hoffnung auf eine Lösung der Probleme.Dabei gilt es zu differenzieren zwischen dem Islam als religiösem Glauben und dem Islamismus als politische Ordnungsvorstellung; es ist ferner notwendig, innerhalb des Islamismus zu unterscheiden zwischen friedlichen und gewaltbereiten Islamisten. Die Ersteren lehnen Gewalt ab, sind dazu bereit, in demokratischen Institutionen zu arbeiten, jedoch mit dem langfristigen Ziel im Hinterkopf, ihren undemokratischen Staat mit friedlichen Mitteln durchzusetzen. Die gewaltbereiten Islamisten bekennen sich zum Dschihad in der neuen Bedeutung von irregulärem Krieg, also dem Terrorismus, um ihre Ordnungsvorstellungen voranzutreiben. Heute ist der politische Islam mit seiner Ordnungsvorstellung des Gottesstaates sowie seinen Kampfmethoden des Dschihadismus die neueste Spielart des Totalitarismus. Das Emblem des Islamismus kann das Kopftuch als Instrument und Uniform der zivilisatorischen Abgrenzung sein. In unserer Zeit entsteht damit ein Bündnis zwischen salafistisch-orthodoxen Wahabiten und halb modernen Islamisten als Einsatz für eine Gottesherrschaft, die weniger mit Religion als mit dem neuen Totalitarismus zu tun hat. Doch sind beide Feinde der offenen Gesellschaft im Sinne Karl Poppers. Das Problem scheint zu sein, dass die Europäer – darunter an vorderster Front die Deutschen – verlernt haben, sich offen mit strittigen Fragen auseinander zu setzen, Probleme klar zu benennen und Konsequenzen für die demokratische Verfasstheit der Gesellschaft im Sinne der wehrhaften Demokratie zu ziehen: nämlich einer klaren Abgrenzung gegenüber verfassungsfeindlichen Kräften.


50 Jahre Denkanstöße für eine friedlichere Welt

Text- und Grafikquelle: Studiengesellschaft für Friedensforschung

Die Studiengesellschaft für Friedensforschung hat verschiedene Schriften in Form von «Denkanstößen» herausgebracht, welche auch in gedruckter Form erhältlich sind. Wer hier Interesse hat, kann diese gerne unter der u.a. Kontaktadresse beziehen.

Studiengesellschaft für Friedensforschung e.V.
Fritz-Baer-Straße 21
81476 München
Telefon/Fax (0 89) 724 471 43
E-Mail: info@studiengesellschaft-friedensforschung.de

Fußnoten:

  1. In Europa leben zwischen 14 und 17 Millionen Muslime, überwiegend in Frankreich, Großbritannien und Deutschland. Nach Hochrechnungen wird ihre Zahl um das Jahr 2025 auf ca. 30 bis 40 Millionen angewachsen sein. Ihre Verteilung ist ethnisch: in Deutschland und Österreich überwiegend Türken, in Frankreich in der Mehrzahl Maghrebiner und in Großbritannien vorwiegend Südasiaten (Inder, Pakistani, Bangladescher).
  2. Vgl. Ernest Gellner, Leben im Islam. Religion als Gesellschaftsordnung, Stuttgart 1981
  3. Eine Lehre gilt dann als Weltreligion, wenn sie die Menschheitsgeschichte beeinflusst, aktuell von Bedeutung ist und prinzipiell jedem unabhängig von sozialer Herkunft, Rasse, Nationalität und Geschlecht offen steht. Durch Migration (wie z. B. beim Judentum) oder Mission (wie z. B. beim Christentum) entfernten sich die Glaubensbekenntnisse von ihrem Ursprungsland – und im Laufe der Zeit auch oft von den Ideen ihrer Gründer. Die drei abrahamitischen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam treffen sich in ihrem Monotheismus; sie sind jeweils exklusiv. Die in Indien und China entstandenen Heilslehren Hinduismus, Buddhismus, Taoismus und Konfuzianismus sind dagegen durch theologische Offenheit charakterisiert, die dem Gläubigen viele Freiheiten lässt.
  4. Vgl. Christoph Auffarth, Irdische Wege und himmlischer Lohn. Kreuzzug, Jerusalem und Fegefeuer in religionswissenschaftlicher Perspektive, Göttingen 2002; Christoph Reuter, Mein Leben ist eine Waffe. Selbstmordattentäter. Psychogramm eines Phänomens, München 2002; Joseph Croitoru, Der Märtyrer als Waffe. Die historischen Wurzeln des Selbstmordattentats. München 2003
  5. Der Koran entspricht in seiner Länge ungefähr dem Neuen Testament. Der Umfang der Hadith-Literatur dagegen ist wahrhaft enorm: Die Hadithe sind in rund 200 großen klassischen Sammlungen aufgezeichnet und damit sind sie das größte literarische Korpus, das eine prämoderne Zivilisation hervorgebracht hat.
  6. Die sechs kanonischen Bücher lauten wie folget: Bukhari vom Imam Bukhari (810-877); Muslim vom Imam Muslim (817-875); Abu Daud vom Imam Abu Daud (817-888); Tarmazi vom Imam Tarmazi (815-892); Ibn Majah vom Imam Ibn Majah (824-886); Nisa-ee vom Imam Nisa-ee (830-915).
  7. Allerdings ist die Sure 108 insgesamt die kürzeste des Koran.
  8. vgl. Heinz Halm, Die Panikmacher. Wie im Westen der Islam zum neuen Feindbild aufgebaut wird, in: SZ vom 16./17.2.1991
  9. vgl. Angelika Hartmann, Der islamische „Fundamentalismus“. Wahrnehmungen und Realität einer neuen Entwicklung im Islam, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, B 28/97 vom 4. Juli 1997
  10. vgl. Giles Kepel, Das Schwarzbuch des Dschihad. Aufstieg und Niedergang des Islamismus, München/Zürich 2002
  11. Die Beteiligung der Muslimbrüder an der blutigen Besetzung der Heiligen Moschee von Mekka im Jahre 1979 ist ein deutlicher Hinweis auf die islamistische Ablehnung des saudischen Königshauses.
  12. vgl. Deutscher Bundestag, 14. Wahlperiode, Drucksache 14/4530 vom 8.11.2000
  13. Die Selbstbezeichnung Alevi ist mit „Anhänger Alis“ zu übersetzen. Die Aleviten, die nicht mit den syrischen Alawiten (Nusairier) zu verwechseln sind, weisen sich somit als Muslime aus, die im Konflikt zwischen Ali und Muawiya mit den Schiiten Partei für Ali ergriffen haben. Mit Ausnahme der Pflicht zum Glaubensbekenntnis lehnen Aleviten die in Koran und Sunna begründeten religiös-rituellen Pflichten und auch das übrige aus Koran und Sunna entwickelte islamische Recht ab. Der Grund dafür ist, dass sie den Koran, wie er heute vorliegt, nicht als göttlich akzeptieren. Außerhalb der Türkei und der türkischen Diaspora gibt es nur wenige Aleviten. In der Türkei aber machen sie 20 bis 30% der Bevölkerung aus.
  14. Vgl. Muslime als „EU-citoyens“, in: Das Parlament, Nr. 9 vom 24. 2. 2003
  15. In der Datenbank „Juris“ gibt es momentan 51 Urteile, die sich allein mit dem Islam in Deutschland beschäftigen.
  16. „Ich sage Ihnen ganz offen: Die beste Form der Integration ist Assimilierung“, vgl. Otto Schily, „Ich möchte keine zweisprachigen Ortsschilder haben“, in: SZ vom 27.Juni 2002, S. 9
  17. Eine ihren islamischen Glauben bekennende Frau bezeichnet sich als „Muslima“. Manche sprechen von „muslimischen Frauen“ oder gebrauchen den ebenfalls neutralen Terminus „Muslimin“.
  18. Das schiitische Recht kennt neben der üblichen Ehe auch noch die zeitlich befristete Ehe, in der ein Mann und eine Frau vor dem Mullah eine Ehe eingehen, deren Dauer sie von vornherein befristen. Die Frist kann zwischen einer Stunde und 99 Jahren liegen.
  19. Das islamische Recht erlaubt es muslimischen Männern, eine Frau aus der Gruppe der Schutzbefohlenen (dhimmi) zu heiraten. Das sind Bekenner der zugelassenen und anerkannten Schrift- oder Buchreligionen. Eine Konversion der Frau, Christin oder Jüdin, zum Islam ist nicht notwendig. Umgekehrt kann ein „dhimmi“ eine Muslimin nur heiraten, wenn er seine Religion aufgibt und zum Islam übertritt. Das heißt, der Islam gibt seine Töchter nicht an Männer, deren Glauben er zwar achtet und schützt, jedoch nicht als von gleichem Rang ansieht. Eine islamische Ehe muss geschieden werden, wenn der muslimische Partner vom Islam abfällt, zum Beispiel zum Christentum konvertiert.
  20. Einen Erfolg im Kampf um die Befreiung vom koedukativen Unterricht sieht die „Deutschsprachige Islamische Frauengemeinschaft“ (DIF) darin, dass das Bundesverwaltungsgericht in einem Urteil am 25. August 1993 die beklagte Schule dazu verpflichtet habe, „die Schülerin vom koedukativ erteilten Unterricht zu befreien“. Die Schulen bestünden zwar meist auf der allgemeinen Schulpflicht und stellten Schüler nur aufgrund eines gesundheitlichen Attests vom Sportunterricht frei; juristisch sei aber klar, dass die Schule keinen Anspruch auf die Durchsetzung von koedukativen Sportunterricht habe, genauso wenig darauf, dass Schülerinnen das Kopftuch im Unterricht abnehmen müssen.
  21. Az. BAG 2 AZR 472/01 vom 10. Oktober 2002
  22. vgl. Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen (Hrsg.), Eine–Welt-Presse, N. 1/2000, Schwerpunkt Frauen. Dort findet man auch eine Reihe von Links mit sehr qualifizierten Dokumentationen.
  23. vgl. So sprach der Prophet. Worte aus der islamischen Überlieferung. Ausgewählt und übersetzt von Adel Theodor Khoury, Gütersloh 1988, S. 159. Eine andere Tradition bewertet das Gemeinschaftsgebet 55mal so hoch wie das Einzelgebet, ebd.
  24. Nach Angaben des Zentral-Instituts Islam-Archiv in Soest gibt es in Deutschland derzeit rund 70 klassische Moscheen und über 2.200 Gebetshäuser.
  25. Der Gebetsruf verkündet in islamischen Ländern den Beginn der Zeitspannen, innerhalb derer der Vollzug des täglich fünfmal zu verrichtenden rituellen Gebetes vom islamischen Recht her vorgeschrieben und gültig ist. Diese Zeitspannen richten sich nach dem Stand der Sonne und sind genauestens festgelegt. Für jeden Ort der Welt kann der Muslim sie auf die Minute genau auch aus Tabellen ersehen. Der Ruf erfolgt immer in der arabischen Sprache. Er hat folgenden Wortlaut: 1. „Gott ist größer“. 2. „Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer Gott“. 3. „Ich bezeuge, dass Mohammed Gottes Gesandter ist“. 4. „Auf zum Gebet“. 5. „Auf zum Heil“. 6. „Gott ist größer“. 7. „Es gibt keinen Gott außer Gott“. Ausschließlich von den Schiiten wird zwischen dem fünften und sechsten Element folgender Zusatz eingefügt: „Auf zum besten Werke“.
  26. Es gibt allerdings eine Fatwa, die Beerdigungen in Holzsärgen gestattet. Vgl. Muhammad Salim Abdullah, Islam für das Gespräch mit Christen, Gütersloh 1995, S. 98
  27. Vgl. Edward Said, Orientalismus, Frankfurt am Main 1981, Ullstein-Verlag
  28. „Der Soldat Christi, sage ich, tötet unbekümmert, noch sicherer stirbt er. Wenn er stirbt und wenn er tötet, überstellt er sich Christus. Denn nicht ohne Grund trägt er das Schwert: Er steht im Dienst Gottes, um den zu bestrafen, der Böses tut.“ So lesen wir in einem der Predigttexte Bernhards von Clairvaux, einem charismatischen Mystiker, der im Gedächtnis der Nachwelt als Heiliger, aber auch als namhafter Ideologe eines überaus aggressiven Kreuzzugsfanatismus weiterlebt. „Wenn der Soldat Christi den Übeltäter erschlägt, ist er gewiss kein Menschentöter, sondern ein Übeltäter…. Durch den Tod des Heiden wird der Christ verherrlicht. Die sind keine Mörder, die mit Eifer gegen die Feinde der Kirche kämpfen“. Vgl. Hartmut Sippel, Die Templer. Geschichte und Geheimnis, Wien 1996, S. 58 und 60
  29. Vermischung verschiedener Religionen, Konfessionen oder philosophischer Lehren, meist ohne innere Einheit
  30. vgl. Johannes Kandel, Lieber „blauäugig“ als blind? Anmerkungen zum „Dialog“ mit dem Islam, in: Integrieren statt ignorieren, Broschüre zur Woche der ausländischen Mitbürger, Frankfurt am Main 2003, S. 29
  31. Luxenberg zeigt in seinem im Jahr 2000 in Berlin erschienen Werk auf, dass der Koran an vielen Stellen von den arabischen Kommentartoren fehlgelesen und missdeutet wurde. Viele dunkle Stellen, die in über 1000 Jahren der Arbeit am heiligen Text selbst für arabische „native speakers“ rätselhaft blieben, kann er erhellen. Der Clou seiner Arbeit: Der Text des Korans zeigt sich in ungeahntem Maße von syrisch-christlichen Elementen durchwebt. Einige Neudeutungen Luxenbergs haben auch für den Laien sofort erkennbare ungeheure Brisanz. So klärt er zum Beispiel das Rätsel der Paradiesjungfrauen auf, der „großäugigen Huris“, die vermeintlich auf die Gottesfürchtigen im Paradies warten. Über die Sinnlichkeit der jenseitigen Männerfantasien haben sich schon seit je die Kommentatoren gewundert. Keine Religion des vorderasiatischen Raumes wusste ihren Gläubigen Derartiges zu versprechen, wie es etwa die Suren 44 und 52 tun. Für die christliche Polemik gegen den Islam waren die entsprechenden Stellen immer willkommen. Nach Luxenbergs Erkenntnissen laufen diese Angriffe ins Leere. Der Koran spricht nämlich gar nicht von Jungfrauen. Luxenberg zeigt, dass die Huris in Wirklichkeit nichts anderes sind als „weiße, kristallklare Trauben“. Früchte, die in den Paradiesvorstellungen des Orients von alters her als Sinnbild von Wohlleben und Behaglichkeit gelten.

Provozierter „Konfessionskrieg“ als Machtinstrument

Schlachtfeld Irak und Syrien: Die Menschen im Mittleren Osten sind auf der Suche nach einem Leben jenseits von Religiosität, Nationalismus, Dogmatismus, Fanatismus, Macht und kapitalistischer Ausbeutung

von Devris Çimen, Civaka Azad – Kurdisches Zentrum für Öffentlichkeitsarbeit e. V.

PKK_Arbeiterpartei_Abdullah_Oecalan_KurdenSyrien und in den letzten Monaten auch der Irak sowie der gesamte „konfliktreiche“ Mittlere Osten befinden sich in einer krisenhaften Übergangsphase. Momentan erleben wir dort eine weite Teile der Region betreffende „provozierte“ Eskalation. Gruppen von Sunniten und Schiiten intensivieren jeweils ihre Machtpolitik und forcieren auf unterschiedliche Weise gewaltförmige Auseinandersetzungen. In diesem Rahmen werden auch Menschen anderer Religionsgruppen, Ethnien oder politischer Meinung terrorisiert, verfolgt, vergewaltigt oder massakriert. Millionen von Menschen wurden zur Flucht getrieben.

Die êzîdischen Kurden in Sengal (Sindschar) sind die letzten Opfer auf diesem systematisch provozierten Schlachtfeld. Davor waren bereits die Turkmenen in Tal Afar, davor die Christen und Schabak-Kurden in Mûsil (Mosul), davor Kurden, Araber und Suryoye aus verschiedenen Städten in Syrien von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit durch die fanatischen Dschihadisten der Gruppe Islamischer Staat in Irak und Syrien (ISIS), neuerdings nur noch Islamischer Staat (IS), einen der aggressivsten und menschenverachtendsten künstlich erzeugten Akteur in der Region, betroffen.

Genau betrachtet geht es in den Auseinandersetzungen nicht, wie gern in den Medien behauptet wird, um den Streit zwischen Religionsgruppen oder konfessionelle Unterschiede, sondern um die Ausweitung von Macht in allen Lebensbereichen der Menschen. In erster Linie handelt es sich um einen Verteilungskrieg, der von internationalen Mächten und Akteuren in der Region zur Durchsetzung wirtschaftlicher, politischer und strategischer Interessen und zur Sicherung des Zugriffs auf Ressourcen geführt wird. Es geht um die Neuordnung des Mittleren Ostens – und diese Neuordnung hat auch Auswirkungen auf die gesamte Weltordnung. Die Verletzung von Freiheitsrechten, die Aushebelung demokratischer Standards, die Verletzung der Menschenwürde und von Frauenrechten, die Ausbeutung von Ressourcen und die Instrumentalisierung der Forderungen von Menschen in demokratischen Aufständen sind bei dieser Neuordnung einkalkuliert und untrennbar miteinander verbunden.

Und es geht gegen die Errungenschaften der Revolution in Rojava (Westkurdistan/Nordsyrien), ein Beispiel eines demokratischen Lösungsmodells für die gesellschaftlichen Probleme, das in der Region bisher einmalig ist. Das System des „Demokratischen Konföderalismus“ gibt der Gesellschaft die Möglichkeit, auf basisdemokratischer Ebene mit selbstverwalteten Strukturen ihre Belange selbst in die Hand zu nehmen. Somit entwickelt sich die Region zu einem eigenständigen Subjekt in Unabhängigkeit von anderen Großmächten.


… Schiiten versus Sunniten?

George_W._Bush_Nuri_Kamil_al-_Maliki_irakischer_Ministerpraesident_Irak_IrakkriegIn den regionalen und internationalen Medien werden die Konflikte, bzw. der Gesamtkonflikt, allerdings vollkommen anders dargestellt und gedeutet. Es wird behauptet, dass der Iran, das sich in einem intensiven, von außen befeuerten Stellvertreterkrieg befindliche Syrien, der bis vor kurzem noch von Nuri al-Maliki dominierte Irak, die Mehdi-Brigaden im Irak, die radikalislamische Hamas, die Hisbollah im Libanon und die in einer passiven Rolle mitwirkenden Staaten Jemen und Bahrain einen schiitischen Block bilden würden. Dagegen stünde der rivalisierende sunnitische Block unter der „Führung“ Saudi-Arabiens, Katars und der Türkei mit den von ihnen geförderten dschihadistischen Banden und Terrorgruppen – allen voran der Islamische Staat IS, die Al-Nusra-Front als Vertreterin von Al-Qaida und weitere. Auch den Muslimbrüdern nahestehende Organisationen in Jordanien und Ägypten sowie die Mehrheit der syrischen Auslandsopposition und die kurdische PDK (Partiya Demokrat a Kurdistanê, Demokratische Partei Kurdistan) von Masud Barzanî werden diesem Spektrum zugeordnet.

Mit einem Anteil von ca. 85 % bilden die Sunniten, neben ca. 10 % Schiiten, die größte Konfessionsgruppe im Islam. Der „Unterschied“ ist auf einen ca. 1400 Jahre alten Konflikt zurückzuführen. Zentraler Streitpunkt zwischen Sunniten und Schiiten ist, vereinfacht gesagt, wer die Moslems nach dem Tod des Propheten Mohammed führen sollte. Hier liegt eine der Wurzeln einer bis heute andauernden und auch historisch gern von Kolonialmächten instrumentalisierten Auseinandersetzung um Einfluss und Macht. Auch wenn es in der Geschichte zu blutigen Konfrontationen kam, waren die größten Wunden des äußerst komplexen Konflikts im Grunde genommen in den letzten Jahrzehnten in gewissem Maße geheilt.


… US-Intervention

Seit der Intervention der USA und ihrer Verbündeten im Irak im Frühjahr 2003 hat sich im Mittleren Osten und in weiten Bereichen des „islamischen Raums“ die sunnitisch-schiitische Kontroverse allerdings erneut ausgebreitet und vertieft. Die Intervention mündete in einem schrecklichen Bürgerkrieg. Unter der Herrschaft Nuri Al-Malikis haben sich die Verhältnisse im Gegensatz zu vorher umgekehrt. Unter Saddam Hussein hatte die jahrzehntelang politisch dominierende Minderheit der Sunniten die Bevölkerungsmehrheit der marginalisierten Schiiten unterdrückt und von politischer Teilhabe ausgeschlossen. Nun dominieren die Schiiten die Sunniten und verwehren ihnen die Teilhabe. Seit 2003 beherrschen aufgrund dieser Auseinandersetzung Terror- und Selbstmordanschläge, Morde an Sunniten und Schiiten den politischen Alltag im Irak.

2011 zogen sich die US-amerikanischen Soldaten aus dem Irak zurück, Tausende von ihnen hatten zuvor ihr Leben verloren. Einer US-Studie zufolge starben während des Irak-Krieges und der anschließenden Besatzung mindestens 500.000 Iraker. Und das ist eine „niedrige Schätzung“, schrieb die Süddeutsche Zeitung im Oktober letzten Jahres. [1] Seit 2003 hat sich auf diesem irakischen Schlachtfeld zudem u. a. die Gruppe Islamischer Staat (IS), zunächst unter dem Namen Tawhid und Dschihad, gebildet und entwickelt. International wurde sie ab 2013 unter dem Namen ISIS im syrischen „Stellvertreterkrieg“ bekannt. [2] Berüchtigt ist diese Terrorbande durch die von ihr verübten Kriegsverbrechen und Massaker. „Diese Ereignisse sind eine Folge der amerikanischen Intervention von 2003″, sagt dazu der Nahostexperte Dr. Michael Lüders im Gespräch mit der Deutschen Welle. [3]


… andere Faktoren sind identitätsbestimmend

In den letzten Jahren scheint sich der sunnitisch-schiitische Konflikt auch durch die demokratischen Aufstände, die oft „Arabischer Frühling“ genannt werden, vertieft zu haben. Es kam zunehmend zu einer Polarisierung und militärischen Auseinandersetzung zwischen Akteuren der „beiden Gruppierungen“. Ausgehend von den gegen totalitäre Herrschaftsformen gerichteten demokratischen Aufständen in Nordafrika und im Mittleren Osten sind interreligiöse Konflikte revitalisiert worden. Wir dürfen dabei nicht außer Acht lassen, dass diese Konflikte von regionaler und internationaler Seite ausreichend mit geschürt wurden. „Dabei ist es ebenso unzutreffend, von rein religiösen Motivationen auszugehen, wie von der Vorstellung zweier in sich geschlossener homogener sunnitischer und schiitischer Identitäten. Historische und aktuelle Konflikte waren immer eingebunden in politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Prozesse, und jenseits von Gruppenzuordnungen zu Sunniten und Schiiten waren und sind oftmals ganz andere Faktoren identitätsbestimmend“ [4], schrieb Dr. Sigrid Faath in ihrer Forschungsarbeit „Rivalitäten und Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten in Nahost“ für die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP).

Dieser Analyse zufolge sind also politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Prozesse identitätsbestimmend – und ein damit verbundenes Streben nach mehr Herrschaft und Macht. Politisch entwickelten sich despotische Staatsstrukturen, deren Eliten die Gewinne aus der Ausbeutung oder dem Ausverkauf von Ressourcen im Eigeninteresse ausschöpften. Gesellschaftlich beruhte deren Herrschaft vornehmlich auf Unterdrückung, Ausgrenzung und Verachtung der jeweils nicht an der Macht beteiligten religiösen oder ethnischen Minderheiten.

Die gewalttätigen Auseinandersetzungen und Kriege im Mittleren Osten, wie zuletzt die Konflikte in Syrien und im Irak, können demzufolge nicht einfach als Gegensatz zwischen Sunniten und Schiiten erklärt werden. Das ist nur die offensichtliche Oberfläche weit tiefer greifender und historisch gewachsener Probleme. Die tiefer liegende Ursache vieler Probleme und Konflikte ist die Bildung der jeweiligen Staaten als Folge einer Grenzziehung auf dem Reißbrett nach dem Ersten Weltkrieg, die hauptsächlich auf Betreiben der imperialistischen Siegermächte England und Frankreich umgesetzt worden war. Die aktuelle Ordnung im Mittleren Osten beruht nicht auf selbstbestimmten Entscheidungen der Gesellschaften, sondern vielmehr auf einer von reaktionären und feudalen Akteuren aufrechterhaltenen und von regionalen und internationalen Mächten unterstützten „künstlichen“ Struktur.


… Bildung von Nationalstaaten

„Zu Beginn der Industriellen Revolution vor mehr als zweihundert Jahren ging die Entwicklung des Nationalstaates Hand in Hand mit der unkontrollierten Kapitalakkumulation auf der einen Seite und der ungehinderten Ausbeutung der schnell wachsenden Bevölkerung auf der anderen Seite. Die neue Bourgeoisie, die aus dieser Revolution erwuchs, wollte sich an den politischen Entscheidungen und am Staatsaufbau beteiligen. Der Kapitalismus, ihr neues Wirtschaftssystem, wurde so zu einem natürlichen Bestandteil des neuen Nationalstaates. Der Nationalstaat brauchte die Bourgeoisie und die Macht des Kapitals, um die auf Stammesstruktur und Erbrecht beruhende alte Feudalordnung und ihre Ideologie durch eine neue nationale Ideologie zu ersetzen, die alle Stämme und Sippen unter dem Dach der Nation vereinte. Auf diese Weise wurden Kapitalismus und Nationalstaat so eng miteinander verbunden, dass die Existenz des einen ohne den anderen unvorstellbar wurde. Infolgedessen wurde Ausbeutung vom Staat nicht nur erlaubt, sondern sogar erleichtert und gefördert.“ [5] Diese von Abdullah Öcalan beschriebene „Erleichterung“ und „Förderung“ des Kolonialismus haben auch dazu geführt, dass die kurdische Region auf den Iran, die Türkei, den Irak und Syrien aufgeteilt wurde. Heute sind die Kurden, die jahrzehntelang unter dieser kolonialistischen Aufteilung gelitten haben, ein wichtiger politischer Akteur, der auf Grundlage eigener politischer Lösungskonzepte für Stabilität, ein respektvolles Zusammenleben der unterschiedlichen Religionsgruppen und Ethnien und Verständigung wirkt.


… kurdischer Widerstand

PKK_Arbeiterpartei_Abdullah_Oecalan_Kurden_Kurdistan_Workers_Party_PYD_by_Richy MeyerUnter anderem die PDK und die YNK (Yekîtiya Nîstimanî ya Kurdistanê, Patriotische Union Kurdistan) leisteten jahrzehntelang im irakischen Teil Kurdistans Widerstand gegen Unrecht. Die von Abdullah Öcalan geführte PKK (Arbeiterpartei Kurdistan) und die in ihrem Umfeld entstandene neue kurdische Freiheitsbewegung kämpfen seit mehr als vierzig Jahren gegen Unrecht und für die legitimen Rechte der Kurden in der Türkei. Erst durch diesen Widerstand wurde die kurdische Frage zu einer „internationalen Angelegenheit“, die die Entwicklungen im gesamten Mittleren Osten beeinflusst und momentan im Fokus der neuesten Ereignisse in der Region steht.

Heute führen die PKK und die kurdische Freiheitsbewegung Verhandlungen über eine friedliche Lösung, die innerhalb der bestehenden Grenzen eine Demokratisierung der Türkei und eine demokratisch-autonome Region Kurdistan ermöglichen soll. Auf diese Art könnten den Kurden Rechte und Freiheiten gewährt werden. Auch die Kurden in Syrien, die jahrzehntelang vom Baath-Regime unterdrückt und ausgegrenzt wurden, agieren im Rahmen des Aufstands in Syrien mit einem neuen Politikverständnis und schlagen friedliche und stabilisierende Lösungswege vor, die von der Weltöffentlichkeit wahrgenommen werden. Sie fordern keine Abtrennung vom syrischen Staat, sondern, als „Dritten Weg“, das Recht auf demokratische Selbstorganisierung und freie Entfaltung für sämtliche in Syrien lebenden ethnischen und religiösen Bevölkerungsgruppen u. a. in einer demokratisch-autonomen Region Rojava. Im Iran fordert die Mehrheit der Kurden eine Dezentralisierung der Macht und demokratische Reformen, in deren Rahmen sie sich in einer selbstverwalteten autonomen kurdischen Region organisieren können. Die genannten Lösungsvorschläge basieren auf dem Politikverständnis und den Ideen Abdullah Öcalans.


… die Suche nach Lösung

Durch die „Loslösung von der Forderung nach einem kurdischen Nationalstaat“ [6] öffnen sich auch alternative Wege für die Lösung der ethnischen und religiösen Probleme im Mittleren Osten. Diese Vorstellung mag idealistisch und utopisch wirken – ihre Umsetzung ist jedoch nicht unmöglich. „Wir erkannten genauso eine Verbindung zwischen der kurdischen Frage und der globalen Herrschaft des modernen kapitalistischen Systems. Ohne diesen Zusammenhang zu hinterfragen und Alternativen zu entwickeln, wäre eine Lösung nicht möglich geworden. Andernfalls hätten wir uns nur in neue Abhängigkeiten begeben.“ [7] So beschreibt Öcalan seinen gedanklichen Hintergrund der Distanzierung von der Forderung nach einem kurdischen Nationalstaat.

Heute führen der Widerstand der kurdischen Freiheitsbewegung und deren Suche nach einer Lösung sowie die im Rahmen der Aufstände im Mittleren Osten formulierten Anliegen zu einem absehbaren dynamischen Prozess. Schon am 26. März 2003 gelangte über seine Anwälte folgende Botschaft Abdullah Öcalans an die Öffentlichkeit: „Die rückständigen Diktaturen des Mittleren Ostens werden sich auflösen. […] Das imperialistische kapitalistische System und der Mittlere Osten stehen in einem tiefen Widerspruch zueinander. Entweder werden neue Regierungen in der USA eine andere Politik betreiben oder der demokratische Frühling der Völker wird sich entwickeln. […] Wir durchleben eine Übergangsphase.“ [8]

Die krisenbehaftete Übergangsphase, von der Öcalan vor mehr als elf Jahren sprach, hält weiter an. Und diejenigen Akteure, die keine Lösung anbieten können, erzeugen mit ihrer fatalen Politik terroristische Banden wie ISIS/IS oder weitere Extremisten.


… „Good Governance“ statt freier Gesellschaft

Die USA streben mit dem „Greater Middle East Project“ wahlweise eine Aufteilung und Neuordnung des Mittleren Ostens und Nordafrikas anhand von Trennlinien zwischen Religionen, Ethnien und Clans oder Regierungswechsel im eigentlichen Sinne an. Ähnliche außenpolitische Konzepte verfolgen auch die bestimmenden Kräfte der EU. Dazu sollen entweder Regimewechsel in bestehenden Nationalstaaten gemäß dem Motto „Good Governance“ durchgeführt werden – was nichts anderes bedeutet, als dass eine willfährige Elite eingesetzt wird – oder die Staaten sollen, wenn das nicht möglich ist, von innen heraus zerstört und neu gegliedert werden. Beides ist fatal und mörderisch. Denn innerhalb der Grenzen der bisherigen Nationalstaaten in der Region wurden die Freiheiten und Rechte der verschiedenen Bevölkerungsgruppen stets systematisch und oft auf grausame Weise begrenzt und verletzt. Und diese beiden Konzepte würden daran nichts ändern.

Folgte man der These „jede Bevölkerungsgruppe braucht einen Staat“, müsste jeder der Bevölkerungsgruppen, deren Existenz uns oft erst durch die Rebellionen in der Region bewusst wurde, ein Nationalstaat zugestanden werden. Das beträfe dann u. a. die Assyrer in Syrien, die Tuareg in Nordafrika, die Christen in Ägypten oder in Syrien, die Turkmenen im Irak und in Syrien, um nur einige wenige zu nennen. Mehr als fraglich ist jedoch, ob ein Nationalstaat oder ein Religionsstaat – ein Kalifat, wie ihn der IS anstrebt – die einzige Möglichkeit für die gemeinsame Gestaltung einer Gesellschaft ist? Es muss doch andere Wege geben, die das Leiden der Menschen, das Leiden der verschiedenen benachteiligten ethnischen und religiösen Gruppen beenden könnten. Neue Wege jenseits von religiösem Fanatismus, Nationalismus, Dogmatismus, Militarismus, Kapitalismus und Machtfixierung müssen gewagt werden, um ein respektvolles Zusammenleben der unterschiedlichen Akteure und Gruppen in multiethnischen und multireligiösen Gesellschaften zu ermöglichen. Egal welches Land in der Region wir uns ansehen: Die künstlich geschaffenen Grenzen der Nationalstaaten erzeugen keine Lösung der ethnischen, religiösen, sprachlichen, kulturellen und weiteren Spannungen und Probleme.

Im Mittleren Osten und in Nordafrika sind die Staaten überwiegend so strukturiert, dass auch von außen gestützte Gruppen/Familien/Clans unter Zuhilfenahme des gesamten Staatsapparates über andere Gruppen/Familien/Clans herrschten und die Ressourcen sowie die Menschen ausbeuteten. Es gibt kein einziges Beispiel für eine solche gesellschaftliche Formation, in der nicht undemokratische Mittel sowie massive Gewalt gegen ethnische und religiöse Minderheiten angewandt wurden bzw. werden.


… Aufstand gegen Herrschaft

Es greift zu kurz, die gesellschaftlichen Aufbrüche in Nordafrika und im Mittleren Osten als „Arabischer Frühling“ zu bezeichnen. Diese Rebellionen werden von dutzenden verschiedenen ethnischen Bevölkerungsgruppen getragen, von denen wir zuvor oftmals wenig gehört und gewusst haben. Deswegen wäre es passender, von einem „demokratischen Aufstand der Völker“ zu sprechen. Die Völker haben durch die Aufstände u. a. Husni Mubaraks dreißigjährige Herrschaft in Ägypten und die mehr als zwei Jahrzehnte andauernde Herrschaft von Staatspräsident Zine el-Abidine Ben Ali in Tunesien beendet. Sie haben darüber hinaus auch die mehr als vierzigjährige Herrschaft der Familie Assad in Syrien, den langjährigen Herrscher Ali Abdallah Saleh im Jemen sowie derzeit den vierzig Jahre herrschenden Ministerpräsidenten Prinz Khalifa Ben Salman al-Khalifa (und dessen Clan) in Bahrein infrage gestellt – und zudem die korrupten und auf Klientelismus basierenden Staatsstrukturen aufgedeckt, die jahrzehntelang auf dem Rücken der eigenen Bevölkerung eigene Interessen und solche außenstehender Akteure bedient haben.

Die regionalen und internationalen Mächte können sich heute nicht als unschuldig darstellen – als hätten sie nicht gewusst, was diese autoritären Regime der jeweiligen Bevölkerung angetan haben. Anstatt die notwendigen Konsequenzen zu ziehen und die jeweilig Herrschenden zur Einhaltung von Menschenrechten und demokratischen Standards zu bewegen, hat man ihnen jahrzehntelang u. a. durch politische, militärische und wirtschaftliche Beziehungen den Rücken gestärkt. Der Machterhalt der jeweils herrschenden autoritären Akteure in diesen Staaten diente nicht der Bevölkerung, sondern kapitalistischem Profitstreben und der Ausbeutung von Ressourcen. Die Herrscher wurden deshalb legitimiert, deren Familien und Umfeld zu Milliardären gemacht und die Bevölkerung in die Armut getrieben.


… „verspäteter Widerstand“

Das, was Öcalan vor elf Jahren als „demokratischen Frühling der Völker“ beschrieb, benennt der amerikanisch-iranische Islam-Experte Hamid Dabashi Anfang 2011 als „verspäteten Widerstand“ gegen die vom europäischen Kolonialismus aufgebauten Nationalstaaten in der Region.

Dabashi sagt in einem Interview mit Miriam Shabafrouz über die Staaten, in denen sich Widerstand entwickelte: „Es sind alles post-koloniale Gesellschaften, von Marokko bis Syrien, denen eine Art von innerstaatlicher Tyrannei, die nach Ende des europäischen Kolonialismus entstand, gemeinsam ist. Es sind falsche und künstliche postkoloniale Staaten.“ Und führt weiter aus: „In diesen Teilen der Welt revoltieren die Menschen erstens: gegen den Kolonialismus, der diese Bedingungen hervorgebracht hat, zweitens: gegen die innerstaatlichen Tyranneien, die die koloniale Vergangenheit geerbt haben, und drittens: gegen das derzeitige imperialistische Projekt, das den gesamten Globus lenken will. Die Tatsache, dass diese Revolten stattfinden, ist eine Konsequenz des dysfunktionalen globalen Kapitalismus, der systematisch Armut produziert.“ [9]

Weitere Staaten, wie z. B. Irak, Iran, Saudi-Arabien, Katar, Türkei, Jordanien, Kuwait, Oman oder in Nordafrika Algerien und Marokko, werden ebenfalls nicht von demokratisch gesinnten Regierungen geführt, sondern vielmehr von autoritären und korrupten Präsidenten, Königen, Generälen und Politikern unterdrückt. Die Notsignale der Bevölkerung sollten gehört werden. Deren große Mehrheit stellt die Staatsapparate und deren „korrupte Hüter“ infrage – die „Völkergemeinschaft“ tut dies nicht. Ganz im Gegenteil wird versucht, die genannten Staaten in ihren bisherigen Strukturen zu erhalten oder mit neuen anderen – aber vom Prinzip her ähnlich undemokratischen Strukturen und/oder Machthabern – zu restaurieren. Das kommt im Grunde genommen dem Versuch gleich, einen Wolf in ein Schaf zu verwandeln.


… innerlich „verfallen“, äußerlich „schonen“

Es ist jedoch absehbar, dass diese Art Staaten mehr und mehr innerlich „verfallen“ werden, solange innerhalb der Gesellschaft keine demokratische Öffnung des Raumes stattfindet, der momentan von den genannten Gewaltmonopolen beherrscht wird. Ohne eine demokratische Öffnung könnte eine weitreichende neue Form totalitärer Herrschaft im radikalen und religiösen Gewand hegemonial werden – vor allem angesichts der katastrophalen politischen und wirtschaftlichen Lage in der Region. Die radikalen, dschihadistischen Gruppen gewinnen mehr und mehr Zulauf, weil sie die Zustände und die berechtigte Unzufriedenheit der Menschen für ihr politisches Kalkül ausnutzen und eine scheinbare Alternative bieten. Der vermeintlich unausweichliche Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten wird in diesem Zusammenhang mehr und mehr als Vorwand benutzt, um zu verhindern, dass sich demokratische Räume im Mittleren Osten öffnen. Um das zu verhindern, wird der „konfessionelle“ Konflikt auch von außen bewusst geschürt und eskaliert.

Der ehemalige US-Sonderbotschafter -Antiterrorkoordinator und Direktor des John Sloan Dickey vom Center for International Understanding sagte dazu im Wall Street Journal am 24.06.2014: „Nachdem die sunnitischen Dschihadisten von ISIS im Nordirak eine Stadt nach der anderen eingenommen haben und schwarz gekleidete schiitische Milizionäre antraten, um sie zurückzuschlagen, ist es verlockend, Jahrhunderte altem religiösem Hass die Schuld für das Chaos zu geben. Aber der heutige Konflikt ist weniger das unerklärliche Produkt urweltlicher Missstände als das vorhersehbare Ergebnis neuzeitlicher Machtpolitik.” [10]


… Interventionen schüren Chaos

Auf die Rolle der USA und europäischer Mächte im Rahmen dieser Machtpolitik geht Cemil Bayik, der Kovorsitzende des Exekutivrats der Gemeinschaft der Gesellschaften Kurdistans (KCK) kritisch ein und sagt: „So wie das Nationalstaatsverständnis der kapitalistischen Moderne wird auch diese neue Kollaborationspolitik keine Antwort für die Probleme der Region haben. Denn es trägt in seinem Wesen keinen demokratischen Charakter. Es wird kein System aufgebaut, das auf dem demokratischen Leben und der Freiheit aller ethnischen und religiösen Gemeinschaften basiert, mit Kollaboration soll die Gesellschaft am Zügel gehalten werden. Insofern sich nicht von der Politik abgewendet wird, die Widersprüche immer wieder auszunutzen und so die Kontrolle zu behalten, ist kein Mittlerer Osten gewollt, der auf einer demokratischen Gesellschaft beruht, in dem Widersprüche aufgehoben sind und alle ethnischen und religiösen Gruppen und andere soziale Gemeinschaften sich frei organisieren und partizipieren. Denn eine demokratische Gesellschaft ist eine willensstarke und gestärkte Gesellschaft, die sich folglich den Forderungen und Zumutungen der Kräfte von außerhalb nicht beugt.

Demokratie und Demokratisierung schaffen im Grunde eine Situation, in der der Einfluss der herrschenden und ausländischen Kräfte reduziert oder sogar gänzlich abgebaut ist. In dieser Hinsicht werden eine Politik und eine Praxis, die eine Demokratisierung und Befreiung des gesamten Mittleren Ostens mit sich bringen, die internationalen Mächte natürlich beunruhigen. Die werden nicht begeistert sein von einer freien, auf demokratischer Organisierung beruhenden Gesellschaft. Insofern wird, weil die US- und europäische Intervention im Mittleren Osten und die damit verbundene Neuordnung der Region die Gesellschaft nicht befrieden und keine Antwort für deren Bedürfnisse haben werden, die Position der Gesellschaft zu Organisierung und Widerstand weiter Gültigkeit haben. Weder werden die Probleme im Mittleren Osten verschwinden, noch wird der Widerstand gegen die Quelle dieser Probleme, nämlich die internationalen Mächte und deren Kollaborateure, enden.“ [11]


… Instrumentalisierung von Religion

Religionsunterschiede oder die Konfession werden im Mittleren Osten aus den genannten Gründen für Machtkämpfe instrumentalisiert. So wie die „Hüter des Nationalstaates“, in dessen Namen die Menschen unterdrückt und massakriert wurden, sind es jetzt die Imame, Prediger, Mullahs, Sheikhs (Scheichs), Emire und Kalifen, die Fatwas erteilen und damit Andersdenkende im Namen Allahs abschlachten lassen und das weniger aus religiösen als aus machtpolitischen Gründen tun. Islam, Christentum, Judentum oder Buddhismus sind als Religion nicht gefährlich – sie werden lediglich dann bedrohlich, wenn sie für machtpolitische Zwecke missbraucht werden. In diesem Kontext sollten wir auch das Erstarken der geistig im Mittelalter verwurzelten Gruppe IS/ISIS in Syrien und Irak verstehen.


… Wer steht hinter ISIS/IS?

Islamischer_Staat_IS_PKK_Arbeiterpartei_Abdullah_Oecalan_Kurden_Kurdistan_Workers_PartyEs ist allerdings auch notwendig zu sehen: Ohne eine Unterstützung von außerhalb Syriens und des Irak hätte eine Gruppe wie ISIS/IS nicht so schnell wachsen und Fuß fassen können. „Wer steht hinter ISIS/IS“ [12] ist die wichtige Frage, die wir uns stellen müssen, um zu verstehen, wer von deren grausamem Vorgehen profitiert. Folgt man den Spuren, führen sie von Saudi-Arabien und Katar über die Türkei und den Kaukasus bis nach Europa. Haben wir je eine ernsthafte Kritik von der Regierung Erdogan oder den Regierungen Saudi-Arabiens oder Katars am IS gehört? Soweit ich weiß, nicht. Wie konnte sich der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu erlauben, IS zu verharmlosen, als er am 7. August gegenüber einem türkischen Fernsehsender erklärte, bei der Organisation handele es sich um eine wütende Gemeinschaft? Er fuhr fort: „Eine Struktur wie der IS mag auf den ersten Blick wie eine radikale und terroristische Organisation erscheinen, aber in ihr sind Massen organisiert. Im IS gibt es sunnitische Araber und auch nicht wenige Turkmenen.“

Unterscheiden sich die Islamvorstellungen Erdogans und Davutoglus von denen des IS, müssten sie ihn doch kritisieren. In dieser Hinsicht hinterfragt der türkische Journalist und Autor Cengiz Çandar „Wo steht die Türkei in Sachen ‚Islamischer Staat‘?“ und schreibt: „Das Gespann Erdogan/Davutoglu hat regelrecht ‚Geburtshilfe‘ für den ‚Islamischen Staat‘ an der gesamten Südgrenze unseres Landes geleistet. Dies sollte verhindern, dass ‚kein zweites autonomes Kurdistan entsteht und um etwaige Forderungen der Kurden in der Türkei abzuwenden‘.“ [13] Er verweist in seinem Artikel auf Äußerungen Patrick Cockburns, der in seiner Argumentation im Artikel „ISIS Consolidates“ noch weiter gehe: „Die Rolle der Türkei war anders, aber nicht weniger wichtig als die Hilfe Saudi-Arabiens an ISIS und andere dschihadistische Gruppen. Ihre wichtigste Handlung war das Offenhalten der 510 Meilen langen Grenze zu Syrien. Die irakischen Sicherheitsbehörden vermuten eine große Unterstützung der 2011 neu aufgebauten ISIS durch den militärischen Geheimdienst der Türkei.“

Doch kommen wir nochmals zum Thema Islam und Konfessionen. Die Probleme des Mittleren Ostens entstehen nicht durch den Islam oder dessen Konfessionen, wie gerne behauptet wird. Für ein tieferes Verständnis ist es wichtig zu sehen, dass die Definition von Gruppen als dem etwaigen politischen Islam oder gemäßigten Islam zugehörig immer vom Standpunkt derjenigen Akteure abhängt, die das gerade definieren. Egal ob in diesem oder anderem politischen Zusammenhang wird oft durch eine Negativzuschreibung einer Gruppe als „feindlich“ oder deren etwaige Negierung versucht, den eigenen Nationalismus, die eigene autoritäre Politik, bewusste Umweltzerstörung, Ausbeutung von Ressourcen (Öl, Wasser, Gas), patriarchale Unterdrückung und die Unterschiede zwischen Arm und Reich zu kaschieren.


… Kapitalismus

Kapitalistische_Demokratie_Kapitalismus_Entdemokratisierung_Volksverdummung_Es geht mir nicht darum, den Islam in Schutz zu nehmen. Es geht mir vielmehr darum, die Probleme richtig zu analysieren. In jeder Region der Welt, in Afrika, in Asien, in Südamerika und in Europa werden genau betrachtet ähnliche Probleme wie derzeit im Mittleren Osten offensichtlich. Die Ursache dafür können und wollen wir nicht in Religionskonflikten finden, da es diese in den betroffenen Regionen offensichtlich überwiegend nicht gibt. Es wird viel eher deutlich, dass es machtzentrierter und ungehemmter Kapitalismus ist, durch den die Rechte und die Würde sowie die Existenz der Menschen infrage gestellt und angegriffen werden – durch den die Natur zerstört wird und Ressourcen ausgebeutet werden. Dieser ungehemmte Kapitalismus bewirkt eine ungleiche Verteilung, durch die eine kleine Gruppe in Luxus und Wohlstand lebt und die große Mehrheit der Menschen in absoluter Armut.

Der sich intransparent und mit großer Geschwindigkeit – ohne Übergangsphasen – in das Leben der Menschen im Mittleren Osten schleichende Kapitalismus ist in vielerlei Hinsicht nicht weniger brutal und wild als der dschihadistische Islamismus. Gegenseitig unterstützen sie sich auf dem „Weg in Richtung Chaos“. Die Bombardierung von Moscheen, Kirchen und anderen Gebetsstätten im Irak wird von den Dschihadisten ausgeführt, die dafür verwendeten Waffen und Bomben stammen aus der Produktion kapitalistischer Staaten.

Niemand kann rechtfertigen, dass u. a. in den USA, England, China, Russland, Deutschland und anderen EU-Staaten produzieren Waffen weiterhin exportiert werden. Auch bezüglich der Tragödie in Sengal, nach dem Angriff und dem grausamen Genozid-Versuch des IS an Êzîden, ist die Diskussion über „notwendige“ Waffenlieferungen schnell in den Vordergrund gerückt worden – anstatt den nötigen Schutz und die humanitäre Hilfe in den Mittelpunkt des Denkens und Handelns zu stellen. Die Außenminister der Europäischen Union haben sich am 15.08.2014 auf eine gemeinsame Erklärung geeinigt, in der sie die Lieferung von Waffen an Kurden im Irak durch einzelne EU-Mitgliedstaaten begrüßten. In Sachen Rechte und Freiheiten für Kurden waren die EU-Staaten noch nie so schnell und „großzügig“ wie bei diesem Beschluss „EU für Waffenlieferungen an Kurden“ [14].

Obwohl den Despoten in der Region durch Waffenlieferungen sowie bedingungslos gepflegte politische und wirtschaftliche Beziehungen jahrelang der Rücken gestärkt und dadurch die Grundlage für diese Tragödie geschaffen worden ist, lässt sich bisher kein Bewusstseinsprozess erkennen. Es waren doch nicht die Menschen aus dem Mittleren Osten, die die Akteure in Syrien und im Irak jahrzehntelang mit Waffen versorgt und somit militarisierte Gesellschaften ermöglicht haben.


… Es gibt keinen gerechten Kapitalismus

Kapitalismus_Kapitalismuskritik_Armut_Altersarmut_Verarmung_Armutsindex_bedingungsloses_Grundeinkommen_Mindestlohn_Transferzahlung_BankenretungDie Menschen sind eigentlich nicht gezwungen, zerstörerischen Ideologien wie dem modernen Kapitalismus oder dem dschihadistischen Islamismus zu folgen. Unter den gegebenen Bedingungen haben die herrschenden Kräfte, die Bourgeoisie und die Vertreter der kapitalistischen Moderne allerdings nahezu weltweit eine gesellschaftliche Struktur und Organisierung in ihrem Sinne etabliert, die dem Rest der Gesellschaft vorschreibt, dass sie nach ihren Vorstellungen, also denen der Herrschenden, zu leben haben oder ausgegrenzt und marginalisiert werden. Die herrschenden Akteure drängen sozusagen den Gesellschaften ihr System auf, in dem für den eigenen Profit andere benachteiligt werden. Es gibt keinen gerechten Kapitalismus, nicht in Europa, nicht in Afrika, nicht im Mittleren Osten und nirgends.

Der Verlauf und die Ergebnisse der demokratischen Aufstände sind noch offen. Möglich ist auch, dass radikale islamistische Strömungen gestärkt daraus hervorgehen. Aber diese Ideologien können sich in den Gesellschaften nicht langfristig tief verankern, weil sie nicht demokratisch sind und keine alternative Perspektive zur vorherigen Unterdrückung bieten. Vielmehr wiederholen sie unter islamistischem Deckmantel die alte autoritäre, totalitäre und barbarische Praxis der durch die Aufstände gestürzten oder hinterfragten Regime.


… Gibt es eine Lösung für die genannten Probleme?

Als Erstes sollten alle internationalen und regionalen reaktionären Akteure im Mittleren Osten, die an den Konflikten beteiligt sind, ihr politisches und wirtschaftliches Kalkül ändern und sich nicht mehr hauptsächlich auf die gewinnorientierte Plünderung der natürlichen Ressourcen, Wasser, Öl und Gas, konzentrieren. Um die Lage zu deeskalieren und den barbarischen und zerstörerischen IS zurückzudrängen, sollten Räume für zivilgesellschaftliche Organisierung, NGOs und demokratische Organisationen in der Region geschaffen werden. Dadurch würde die Möglichkeit eröffnet, dass die Menschen mitdiskutieren und ihr eigenes Schicksal bestimmen können. Parallel dazu sollten die Menschen, die sich an den Aufständen beteiligt haben, auch die Möglichkeit bekommen, den gesellschaftlichen Transformationsprozess mitzugestalten.

Politische und religiöse Parteien, die durch demokratische Wahlen, nach den Aufständen in den arabischen Staaten an die Macht gekommen sind, müssen sich an demokratische Regeln und die Menschenrechte halten. Dadurch könnte ein Weg zur gesellschaftlichen Neuorganisierung eröffnet werden. Unter anderem Frauen, Jugendliche, Studenten und Arbeiter sollten ihre Organisierung selbst übernehmen können und dadurch ebenfalls neue demokratische Strukturen schaffen. Menschen, die nicht mehr hinnehmen wollen, erniedrigt und von demokratischer Teilhabe ausgeschlossen zu werden, können so ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen. Das ist ein harter und langer Weg, der nur Schritt für Schritt gegangen werden kann. Dazu bedarf es Ausdauer, Geduld und Bewusstsein – da nicht jeder Schritt sofort als Erfolg wahrnehmbar sein wird und gesellschaftliche Transformationsprozesse jahrzehntelang dauern können.


… wofür waren die Aufstände?

Man muss sich auch fragen, aus welchen Motiven die Menschen die Aufstände durchgeführt haben. Wurden sie für eine demokratische neue Ordnung in der Region durchgeführt, so müssen viele Konfliktparteien Abstand von ihrer bisherigen Politik nehmen. Möchte man im Mittleren Osten ernsthaft eine demokratische Transformation beschleunigen, so gibt es Voraussetzungen, die verschiedene Akteure zu erfüllen haben. Die kapitalistischen und internationalen Mächte müssten ihren eurozentrisch-orientalistischen, oberflächlichen Blick auf die Region ablegen – und daraus Rückschlüsse ziehen, auf deren Grundlage sie ihre Außenpolitik und ihre Beziehungen dementsprechend umzugestalten hätten. Westliche Ideen und Ideologien lassen sich im Mittleren Osten nicht so ohne Weiteres umsetzen. Die gesellschaftlichen Grundvoraussetzungen und die historischen Gegebenheiten sind vollkommen andere als z. B. in den USA oder Europa.


… Orientalismus verschleiert die Wahrheit

Es sollte ein vernünftiger Dialog auf Augenhöhe geführt werden. Denn der eurozentrische Orientalismus verschleiert bewusst die Wahrheit über die Gesellschaften in der Region und bedient in erster Linie politisches Kalkül und Profitinteressen. Die westlichen Staaten müssen zudem aufhören, die Region lediglich als potenziellen Raum zur Ausbeutung von Ressourcen und zur Sicherung neuer oder alter Absatzmärkte zu sehen. Der libanesische Analyst Hazem Saghieh schreibt zu den Folgen einer solch rückständigen Politik in einem Interview: „Die konservativen arabischen Monarchien haben noch eine andere, traditionelle Legitimationsbasis. Und einige dieser Monarchien, besonders die in der Golfregion, besitzen aufgrund ihrer Ölressourcen die Fähigkeit, gesellschaftliche Loyalitäten zu erkaufen. Somit haben diese Herrschaften mit den totalitären Regimes im modernen und ideologischen Sinne wenig zu tun. Vielmehr stellen sie eine orientalische und primitive Form des Despotismus dar.“ [15]

Diese orientalische und primitive Form des Despotismus ist heute in der Politik Saudi-Arabiens, Katars und im Rahmen der AKP-Herrschaft in der Türkei zu beobachten. In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu fragen, auf wessen Kosten der wirtschaftliche Boom in der Region, wie zum Beispiel in Dubai oder in Doha in Katar, geschaffen wird. Saghieh hinterfragt diese Art der Förderung: „Ich denke nicht, dass die gigantischen Türme in Dubai – im Gegensatz zum Parlament – den Weg in eine demokratische Moderne ebnen können. Ich glaube, dass man vielmehr die Grundlagen für eine zivile Gesellschaft schaffen sollte, jenseits der Autorität der Religion und der Logik des Familienclans. Die materielle und architektonische Modernisierung an sich könnte diese alten, vormodernen Strukturen sogar weiter fördern.“ [16]

Schauen wir uns boomende Länder an, erkennen wir die Wahrheit in Saghiehs Äußerungen. Sei es in Dubai, in den Vereinigten Arabischen Emiraten, in Doha in Katar oder in Hewlêr (Arbil) in der nordirakischen kurdischen Region, in Riad in Saudi-Arabien oder in Istanbul oder weiteren Städten in der Türkei, die mit ihren gigantischen Türmen die Moderne symbolisieren: Sie erfüllen im Gegensatz zu diesen repräsentativen „Errungenschaften“ nur wenige Merkmale der Demokratie. Das allein sollte schon ein Warnsignal sein, dass eine Politik, die meist an autoritäre Herrscher und Familienclans gebunden ist, unterlassen werden sollte. Von internationalen Akteuren wie auch von den Menschen vor Ort sollten ernsthafte Konsequenzen gezogen werden.


… Versagen von Nationalstaaten

Die Fixierung auf den Nationalstaat führt ebenfalls in eine Sackgasse. „Die alte Staatsordnung funktioniert nicht. Es braucht neue, dezentrale Strukturen für das 21. Jahrhundert. Das Zeitalter des Nationalstaats ist vorbei.“, schrieb Georg Diez zu Recht in seiner wichtigen Kolumne „Der Nationalstaat muss sterben“ im Spiegel. [17] Denn durch die Reproduktion autoritärer gesellschaftlicher Formationen werden lediglich Akteure stark gemacht, die einfache, aber oft noch verheerendere Alternativen anbieten, wie zum Beispiel der IS. Dessen Massaker sind nur die sichtbare Oberfläche der beschriebenen tieferen Probleme. Deshalb muss über demokratische und friedliche Alternativen nachgedacht werden, in deren Rahmen alle Bevölkerungsgruppen, alle Ethnien und alle Religionsgruppen die Gesellschaft – mit Respekt voreinander – gemeinsam demokratisch gestalten können. Hierbei statuiert der Gesellschaftsvertrag [18], welcher von den Völkern Rojavas geschlossen wurde, regelrecht ein Exempel.

So kommt jetzt der kurdischen Freiheitsbewegung die Aufgabe zu, den Widerstand für den demokratischen Frühling der Völker in der Region voranzutreiben. Der Schutz der Revolution von Rojava, auch gegen IS, ist ein gelungenes Beispiel für die Organisierung kollektiven Widerstands. Eine solche Entwicklung könnte auch im Irak und in Südkurdistan möglich sein.

Der denkbar schlechteste Weg im Kampf gegen die Dschihadisten wäre, auf die Unterstützung der westlichen Mächte, allen voran die USA, zu setzen. In diesem Kontext ist zu fragen: Wer hat den Irak in die Krise gestürzt und so den perfekten Nährboden für radikalislamistische Gruppen hinterlassen? Wer hat ISIS im Kampf gegen das Baath-Regime in Syrien überhaupt erst groß gemacht? Die Verantwortung des Westens ist unübersehbar. Und nun sollen die in erster Linie für das Chaos in der Region Verantwortlichen die Sache wieder geradebiegen? Eines ist sicher, eine demokratische und freiheitliche Perspektive kann nur aus dem demokratischen Widerstand vor Ort keimen – nicht durch Intervention von außen.

Oder sehen wir uns die Situation in Israel/Palästina an.

  • Wie kann dieser über Jahrzehnte anhaltende Konflikt, beide Seiten anerkennend, gelöst werden?
  • Kann die favorisierte Zweistaatenlösung überhaupt noch als aktueller Lösungsweg begriffen werden, ist sie tatsächlich hinreichend für einen dauerhaften Frieden, ein gleichberechtigtes Zusammenleben?
  • Wie können beide Seiten nach der langen Zeit des Krieges gemeinsame Wege entwickeln, um sich auf Augenhöhe zu begegnen, um ein Miteinander zu bewirken?
  • Zeigt sich nicht an diesem Konflikt, in dem zwei Völker ein Territorium als ihr Siedlungsgebiet beanspruchen, dass das nationalstaatliche Denken keinen Lösungsweg aufzeigen kann?

… Brücken des Friedens zwischen den Völkern des Mittleren Ostens

Es wäre falsch, das von der kurdischen Freiheitsbewegung vorgeschlagene Lösungskonzept, ohne den Sinn dahinter zu verstehen, zu ignorieren. Sämtliche erwähnten Probleme werden von der kurdischen Freiheitsbewegung infrage gestellt – und Lösungen dafür entwickelt. Allein das Diskutieren über diese Problemfelder gibt den Menschen in der Region Mut, gegen das scheinbar unabwendbar Vorgegebene zu rebellieren und Alternativen zu schaffen. „Inmitten des Chaos im Mittleren Osten zeigen die Kurden in Rojava, wie eine mögliche Lösung aussehen kann. Indem sie bewaffnete Konflikte vermeiden und die ‚Demokratische Autonomie‘ mit Respekt für alle ethnischen Gruppen und religiösen Minderheiten aufbauen, präsentieren sie eine Alternative zu nationalistischen und islamistischen Staatsmodellen. Ihr Modell ist nicht aus dem Nichts entstanden. Abdullah Öcalan spricht sich seit vielen Jahren für eine multiethnische, dezentrale demokratische Selbstverwaltung aus und straft damit alle Lügen, die ihm immer noch eine separatistische oder nationalistische Agenda unterstellen. Wie Nelson Mandela in Südafrika baut er in Wirklichkeit Brücken des Friedens zwischen den Völkern des Mittleren Ostens.“ [19]

Auch wenn das zunächst lediglich wie ein Modell für die Lösung der kurdischen Frage aussieht, können viele Fragen im Mittleren Osten anhand dieser Ideen, die man auch das „Projekt des Demokratischen Mittleren Ostens“ [20] nennen kann, gelöst werden. Auch religiöse Fragen lassen sich auf dieser Grundlage beantworten. Das gilt vor allem, wenn verschiedene Religions- und Volksgruppen auf relativ engem Raum miteinander leben.

Die Akteure, die auf die Konflikte in Syrien, im Irak und in der Region Einfluss nehmen können, sollten die Rolle und die Lösungsmodelle der kurdischen Freiheitsbewegung nicht übersehen. Die Suche nach Möglichkeiten einer gemeinsamen politischen Lösung der Konflikte und einer Entspannungspolitik in Syrien und im Irak führt auch zu den Ideen der Kurden. Wie z. B. in Rojava zu sehen ist, können Religions- und ethnische Gruppen in einer demokratisch-autonomen oder föderativen Struktur sehr gut gemeinsam leben und eine positive gesellschaftliche Dynamik des Verständnisses füreinander entfalten. In Anbetracht der momentanen Situation in der Region braucht es dafür aber auch das Recht, sich gegen jede von außen kommende Gefahr selbst zu verteidigen. Diese Erkenntnis bedarf eines Überdenkens der bisherigen zum Teil auch dogmatischen Politik des Westens. Ein guter Schritt wäre es, mit Rojava anzufangen und die dortigen Entwicklungen anzuerkennen – und mit den sie tragenden Akteuren dort zu reden. Wenn das nicht der Anfang einer Art Renaissance in der Region werden kann, was dann?

Devris Çimen, Civaka Azad


Quelle:  Chivaka Azad – Kurdisches Zentrum für Öffentlichkeitsarbeit e. V. > Artikel

Vielen Dank an Helmut Schnug für diesen Artikel – Kritisches Netzwerk

Über Civaka Azad:

Seit Jahrzehnten gibt es in Kurdistan einen Krieg gegen das kurdische Volk. Dabei ist die Forderung der Kurden ausschließlich die Anerkennung ihrer Identität und ihrer Rechte. Allerdings ist diese Forderung Grund genug für die Regierungen der Staaten Türkei, Iran, Irak und Syrien, in denen die Kurden leben, um sie aufs Bitterste bekämpft. Und es ist ein Krieg, der in der Weltöffentlichkeit mehrheitlich keine Beachtung findet. Das ermutigt die Staaten bei Gelegenheit auch auf eine „schmutzige Kriegsführung“ zurückzugreifen. So werden sowohl zivile Opfer billigend in Kauf genommen, als auch Waffen eingesetzt, die nach Genfer Kriegskonvention geächtet sind. Die Schaffung von Öffentlichkeit und ihre Sensibilisierung für die Geschehnisse in Kurdistan können einen wichtigen Beitrag dazu leisten, diesen Krieg einzudämmen und mittelfristig den Weg für eine friedliche Lösung zu ebnen. Hierzu möchten wir als Civaka Azad unseren Beitrag leisten.

„Only bad news, are good news“, so lautet die Maxime vieler Mainstream Medien hierzulande. Die Ereignisse aus Kurdistan werden, wenn überhaupt, nur einseitig mit dem Fokus auf den Krieg beleuchtet. Allerdings werden in Kurdistan seit Jahren trotz permanenten Kriegszustands auch Projekte für eine kommunale Selbstverwaltung und zivilgesellschaftliche Organisierung der Bevölkerung vorangetrieben. Die Menschen fangen an die Probleme ihrer Region basisdemokratisch selbst zu lösen. Es keimt ein freiheitliches, demokratisches, ökologisches und geschlechterbefreiendes Bewusstsein in der Bevölkerung auf. Mit diesem Bewusstsein und den fortschrittlichen Projekten bauen die Menschen aus Kurdistan ihre Civaka Azad – ihre freie Gesellschaft – gegen die permanenten Repressalien durch die jeweiligen Staatsapparate auf. Auch diesbezüglich haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, diese Projekte in eine breitere Öffentlichkeit zu tragen, um sowohl einen Schutz vor Repressalien zu bilden als auch Interessierten einen Einblick in das Projekt der Demokratischen Autonomie zu gewähren.

bitte hier weiterlesen


Bild- u. Grafikquellen:

  1. YPG (People’s Protection Units) forces in the Kobanê region of West Kurdistan. Foto / Quelle: Firat News Agency (kurd. Ajansa Nûçeyan a Firatê, Abk. ANF), eine kurdische Nachrichtenagentur.
  2. Ex US-Präesident Georg W. Bush jun. mit dem aktuellen irakischen Ministerpräsident Nuri al-Maliki. Foto: U.S. Government Quelle: Wikimedia Commons. Diese Datei ist ein Werk eines Mitarbeiters der Streitkräfte der Vereinigten Staaten oder des Verteidigungsministeriums der Vereinigten Staaten, aufgenommen oder hergestellt während seiner offiziellen Anstellung. Als amtliches Werk der Bundesregierung der Vereinigten Staaten ist dieses Bild gemeinfrei.
  3. Verbot der Arbeiterpartei Kurdistans (Eigenbezeichnung: Partiya Karkerên Kurdistan, Abk. PKK) aufheben und Freiheit für Abdullah Öcalan. Die Fotos entstanden am 1. Sept 2014 während des Antikriegstages in München. Fotograf: Richy Meyer.
  4. IS-Kämpfer bei Kobanê. Foto / Quelle: Firat News Agency (kurd. Ajansa Nûçeyan a Firatê, Abk. ANF), eine kurdische Nachrichtenagentur.
  5. “Kapitalische Demokratie” Grafikbearbeitung: Wilfried Kahrs / QPress.de
  6. “Wenn die Reichen die Armen ausrauben, nennt man das Kapitalismus. Wenn die Armen die Reichen ausrauben, nennt man es KRIMINALITÄT”. Grafikbearbeitung: Wilfried Kahrs / QPress.de

Fußnoten:

  1. 500.000 Tote durch Irak-Krieg – weiter
  2. Syrien: Stellvertreterkrieg und »Dritter Weg« – weiter
  3. Nordirak: Erste Erfolge der US-Intervention? – weiter
  4. Rivalitäten und Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten in Nahost, DGAP, Januar 2010, S. 25-26
  5. Demokratischer Konföderalismus, Abdullah Öcalan, S. 10 – weiter (PdF)
  6. Kurdischer Staat: „Cui bono?“ – Wem nutzt es?, Devris Çimen, Civaka Azad,- weiter
  7. Demokratischer Konföderalismus, Abdullah Öcalan, S. 7,- weiter (PdF)
  8. Öcalan’in Imrali Günleri, C. Kapmaz, 2011, Ithaki Yayinlari, (Das Buch befasst die Gespräche von A. Öcalan mit seinen Anwälten auf der Gefängnisinsel Imrali)
  9. Die Idee der Demokratie wird jetzt von anderen neu definiert, Interview mit Hamid Dabashi, 24.05.2011,- weiter
  10. Hatreds Bred by Power Politics, Daniel Benjamin, WSJ, 24.06.2014,- weiter
  11. Die Neugestaltung des Mittleren Ostens, Cemil Bayik im Interview, Juli 2013, gekürzte deutsche Fassung- weiter
  12. Wer steht hinter ISIS?, Bewertung von Civaka Azad, 19.06.2014,- weiter
  13. siehe radical.com – weiter
  14. Irak-Krise: EU für Waffenlieferungen an Kurden,- weiter
  15. Jenseits der Autorität der Religion und der Herrschaft der Familienclans, Interview vom 05.04.2012 in Qantara,- weiter
  16. ebd.
  17. Der Nationalstaat muss sterben, Georg Diez, Spiegel, 20.06.2014,- weiter
  18. Der Gesellschaftsvertrag von Rojava,- weiter (PdF)
  19. Der Öcalan-Moment,- weiter
  20. Das Projekt des Demokratischen Mittleren Ostens, Salih Muslim, Kurdistan Report Nr. 168, Juli/August 2014, S. 40–41,- weiter (PdF)

Ist ein Leben ohne Vorurteile und Feindbilder möglich?

Wie können wir sinnvoll mit ihnen umgehen?

von der Studiengesellschaft für Friedensforschung

Kinder, Jugendliche, alte Menschen, Frauen, Männer, Juden, Iraker, Schweizer, Russen, Prostituierte, Türken, Homosexuelle, Amerikaner, Christen usw. – es gibt keine Gruppe von Menschen, keine Nationalität, keine Religion für die es keine Klischees gäbe und die nicht mit bestimmten Eigenschaften besetzt wären. Wir können uns leider dem Phänomen nicht entziehen, dass wir in Stereotypen denken.

Karrikatur Frieden 1“Der Begriff Stereotype bezieht sich auf eine Reihe gleicher Eigenschaften, die Gruppen zugeschrieben werden. Bei der Wahrnehmung von Gruppen bedienen wir uns einiger typischer Eigenschaften, um Mitglieder dieser Gruppe zu kennzeichnen.” (Norbert Kühne u. a., S. 23)

Das ist problematisch, weil dadurch Schubladen entstehen, die für Individualität, kritisches Hinterfragen, Verstehen anderer Personen oder Gruppen wenig Raum lassen. Zu leicht entstehen aus solchen Schubladen Vorurteile und Feindbilder. Deshalb drängen sich einige fundamentale Fragen auf:

Ist ein Leben ohne Vorurteile und Feindbilder für uns Menschen möglich? Kann der Mensch überhaupt die Realität als solche wahrnehmen? Ist er zu objektiver und aggressionsfreier Wahrnehmung fähig? Kann er wahrnehmen, ohne gleich zu interpretieren?

Normalerweise eher nicht. Denn wir haben als Menschen bereits sehr früh die Tendenz, die Wirklichkeit, das, was wir erleben und was uns begegnet, zu kategorisieren: in gut und böse, in richtig und falsch. Damit geben wir unserem eigenen Weltbild die Struktur, die wir zur Orientierung in unserem Leben brauchen. Auch wenn Vorurteile und Feindbilder vom Inhalt her austauschbar sind, ohne sie wird kaum ein Mensch leben können. Die entscheidende Frage muss deshalb lauten: Wie können wir konstruktiv damit umgehen?

1. Begriffliche Bestimmungen

Schauen wir uns zum besseren Verständnis zuerst einmal die beiden Begriffe “Vorurteile” und “Feindbilder” genauer an.

Wenn wir von einem Gespräch mit dem neuen Lehrer unseres Kindes zurückkommen und sagen: “Ich hätte nicht gedacht, dass der Neue so aufgeschlossen ist”, dann haben wir ein ganz harmloses Vorurteil korrigiert. Bei “wirklichen” Vorurteilen, die tief sitzen, ist das anders.

1.1 Was sind Vorurteile?

Vorurteile sind – als vorgefasste Meinungen und ungeprüfte Ablehnungen – soziale Einstellungen, die sich auf soziale Gruppen bzw. Individuen beziehen. Sie sind oft aus Vorausurteilen entstanden, die ohne eingehendere Prüfung zu falschen Verallgemeinerungen werden. “Ein Vorurteil ist eine dem Stereotyp nahestehende Einstellung (Meinungsbildung), die kaum auf Erfahrung (Information, Sachkenntnis), um so mehr auf subjektiver Eigenbildung bzw. Generalisierung von Ansichten usw. beruht. Kennzeichnend für das Vorurteil ist auch die zähe, unflexible, unreflektierte Fortdauer und die meist zerstörerische (selten förderliche) Wirkung, die es im Gemeinschaftsleben entfalten kann.” (F. Dorsch, S. 741)

Haben Vorurteile auch einen Nutzen und wenn ja welchen? Vorurteile erleichtern uns das Leben ähnlich einem Reiseführer durch eine uns fremde Region. Sie können in Gruppen einen gewissen Zusammenhalt schaffen und verstärken die Bereitschaft zu gemeinsamen Aktivitäten. Dieser soziale Vorteil kann sich sowohl auf den privaten wie auf den öffentlichen Bereich beziehen.

Man unterscheidet negative und positive Vorurteile. Beide basieren kaum auf objektiv gesicherten Informationen, sondern vor allem auf subjektiven Einstellungen, Gefühlen und Wertungen (s. Arthur S. Reber, S. 590).

Positive Vorurteile entstehen z. B. schnell in der Phase der Verliebtheit zwischen zwei Menschen. Als Beispiel für negative Vorurteile seien hier die ethnischen Gruppen der “Sinti und Roma” genannt. Ihnen werden häufig folgende Charakteristika zugeschrieben: “Ihre moralischen Eigenschaften zeigen eine sonderbare Mischung von Eitelkeit und Gemeinheit, Ziererei, Ernst und wirklicher Leichtfertigkeit, fast einen gänzlichen Mangel männlichen Urteils und Verstandes, welcher von harmloser List und Verschlagenheit, den gewöhnlichen Beigaben gemeiner Unwissenheit, begleitet ist; dabei zeigen sie noch entwürdigende Kriecherei in Tun und Wesen, darauf berechnet, andere durch List zu übervorteilen; sie haben nicht die geringste Rücksicht auf Wahrheit und behaupten und lügen mit einer nie errötenden Frechheit …” (Benz, S. 175)

Fragen Sie sich selbst: Was verbinden Sie mit “Zigeunern”? Was fällt Ihnen spontan und als erstes ein? Sind Sie nicht auch in irgendeiner Weise von solchen Vorurteilen geprägt?

Vorurteile werden, abhängig vom Inhalt, mitunter auch als “interessenbestimmte Lügen” definiert (Werner Bergmann, S. 5). Wir Menschen haben die Tendenz, das herauszugreifen, was wir sehen wollen und blenden das aus, was uns nicht gefällt. Damit belügen wir – bewusst oder unbewusst – uns selbst und andere. In der Regel werden Vorurteile anderer schneller erkannt als die eigenen. Wie auch immer: Der Kontakt mit Menschen, gegen die wir Vorurteile hegen, wird gemieden, die Kommunikation mit ihnen reduziert.

Vorurteile und diskriminierendes Verhalten stehen oft in engem Zusammenhang. Ist beispielsweise der Personalchef einer Firma der Ansicht, dass Frauen “an den Küchenherd” gehören, so wird er Frau P., die sich um eine hausinterne Führungsposition bewirbt, bei der Vergabe der Stelle übergehen (aus: HansWerner Bierhoff, S. 265).

Diskriminierendes Verhalten als Folge von Vorurteilen ist auch sonst in unserem Alltag sehr häufig zu beobachten, z. B. auf Spielplätzen, wenn Eltern bewusst ihre Kinder von bestimmten Ausländergruppen fernhalten, oder bei der Wohnungssuche, wo eine leerstehende Wohnung nicht an Personengruppen bestimmter Nationalitäten vermietet wird (nationale Vorurteile).

Kölner Schüler haben folgendes Experiment durchgeführt:

“,Heh, Ali, du nix anfasse’, sagt die deutsche Verkäuferin im Spielwarengeschäft in der Kölner Innenstadt barsch zu dem Jungen und zieht den Stecker zu den Telespielen heraus, die dort zum Ausprobieren aufgestellt sind. Der Junge hat schwarze Haare, trägt einen abgewetzten Parka und spricht das gebrochene Deutsch der Türken. Vor der Ladentür sagt der 13jährige in akzentfreiem Deutsch: ‚Unverschämt! Die deutschen Kinder durften an den Vorführgeräten rumfummeln. Ich aber nicht – nur weil mich die Verkäuferin für einen Türken gehalten hat.’ Der schwarzhaarige Junge ist in Wirklichkeit blond. Sein Name ist nicht Ali, sondern Jan. Und er ist kein Türke, sondern ein Deutscher. Zusammen mit anderen Schülern aus der siebten Klasse der integrierten Gesamtschule Köln Holweide hatte sich Jan als Türke verkleidet. … ,Dieser Anschauungsunterricht’, so sagt Jan, ‚ist allen in der Klasse unheimlich unter die Haut gegangen, weil die Deutschen plötzlich anders zu einem sind.'” (ART, Heigl 2000)

1.2 Zum Begriff “Feindbild”

Vorurteile können unabhängig von Feindbildern wie auch zusammen mit ihnen existieren. Das heißt, man kann ein Vorurteil über eine bestimmte Gruppe von Menschen haben, aber daraus muss sich noch nicht zwangsläufig ein Feindbild ergeben. Feindbilder hingegen basieren fast immer auf Vorurteilen, denn Vorurteile und Stereotypen dienen meist als Reservoir für Feindschaft (s. Brehl/Platt, S. 29). Feindbilder leiten sich oft aus politischen und sozialen Vorurteilen ab.

Karrikatur Frieden 2Feinde im Sinne von Widersachern und Gegnern hat es schon immer gegeben, seit Menschengedenken. Sie sind Teil der Menschheitsgeschichte. Feindbilder spiegeln wider, was wir zu diesem Feind/zu diesen Feinden denken, empfinden, vermuten und erwarten. Sie sind die krasseste Form geschürter Vorurteile als konsistent negative Einstellung gegenüber einzelnen Menschen oder Gruppen von Menschen. Feindbilder sind stereotyper und negativer als Vorurteile und deshalb auch nur schwer zu korrigieren. Wer zum Feind deklariert wird, kann darauf kaum Einfluss nehmen.

Feinde sind damit abgestempelte Menschen. Im Ersten Weltkrieg etwa galten folgende Feindbilder: Engländer wurden als hinterlistig, Franzosen als atheistisch, schlampig und arrogant, Italiener als feige und treulos und Russen als Barbaren gesehen (s. Benz S. 9 – 10).

Feinde dienen dazu, die eigene Identität zu definieren, Macht und Herrschaft zu erlangen, unangenehme eigene Auseinandersetzungen abzuwehren und die Projektion unverarbeiteter Ängste und Wünsche zu ermöglichen (s. Brehl/Platt, S. 13). Der Feind ist damit ein Resultat aus diesen vorausgegangenen Prozessen und ein typisches Phänomen im politischen Kontext.

Neben privaten Feindbildern gibt es auch kollektive Feindbilder, die mit Gleichgesinnten bis hin zur Gesellschaft, in der man lebt, geteilt werden. Sie werden wie ein Schema gespeichert, das von nun an jederzeit abrufbar ist.

“Der politische Sinn der Feindschaft liegt in der Verschiebung interner Rivalitäten einer Gemeinschaft nach außen. Mittels einer nach außen gerichteten Feindschaft erweist sich die Möglichkeitsbedingung von Freundschaft und Solidarität in einem politischen Gemeinwesen. Damit mittels politischer Feindschaften interne Spannungen und Rivalitäten erfolgreich nach außen verlagert werden können, bedarf es einer gewissen Verkennung des Sinns der Feindschaft. Wo das Problem als internes bekannt ist, kann der äußere Feind nicht mehr als Blitzableiter dienen.” (Brehl/Platt, S. 73) Feindschaft kann also auch interne Bürgerkriege verhindern.

Feinde schaffen Konflikte. Sie widersetzen sich dem, was wir vorhaben, wollen, für wichtig finden usw. Deshalb stellt ein Feind sowohl in unserem Bewusstsein wie in der faktischen Realität für uns immer eine Gefahr oder ein Risiko dar. Und deshalb reagieren wir auch einem Feind gegenüber meist so aggressiv. Das aggressive Verhalten, das sich gegen einen anderen oder eine ganze Gruppe richten kann, hat das Ziel, den einzelnen Feind oder die feindliche Gruppe zu vertreiben oder zu unterdrücken (s. F. Dorsch).

Dazu folgendes Beispiel aus dem Ersten Weltkrieg:

Die Serben sind alle Verbrecher, ihr Land ist ein dreckiges Loch. Die Russen, die sind nicht viel besser, und Keile kriegen sie doch.”
(Zitat nach Ernst Johann, S. 20)

Feindbilder gehen, wie auch dieses Beispiel zeigt, mit negativen Emotionen einher. Feinde lösen Angst aus, denn durch Feinde fühlen wir uns im tiefsten Inneren bedroht. Diese Bedrohung kann sehr weitreichend sein und uns physisch, emotional und/oder intellektuell belasten. In letzter Konsequenz kann dadurch der ganz starke Wunsch und Drang entstehen, den Feind zu vernichten.

Verena Kast sagt das so: “Wir werden auch immer wieder aus Angst um unsere Lebensgrundlagen Feindbilder entwerfen. Wir werden unser schlechtes Selbstwertgefühl, als einzelner oder auch als Volk, rasch durch Feindbilder konsolidieren wollen … Aber Feindbilder sind abstrakt, klischeehaft, ungerecht. Feindbilder … verdecken die Realität mehr, als dass sie sie enthüllen.” (Verena Kast, S. 163)

Werden Angst und Aggression in einem fortlaufenden Prozess auf unser Gegenüber projiziert, wundert es letztendlich nicht, dass der andere beginnt, sich gemäß dem projizierten Bild zu verhalten (selffulfilling prophecy).

Feindbilder haben – zusammengefasst – also drei Wirkungszusammenhänge:

  1. Selbstbestätigung und Ausgrenzung (im Sinne von: “Ich bin/Wir sind richtig und entsprechen der Norm.”)
  2. Schuldzuweisung und Sinnstiftung (im Sinne von: “Ich bin/Wir sind die Guten, moralisch Überlegeneren.”)
  3. Angst und Realitätsverweigerung (im Sinne von: “Ich muss mich/Wir müssen uns schützen.”) (s. Wolfgang Benz, S. 9)

Mit Feinden will man nichts zu tun haben. Man spricht sie noch weniger an als Menschen, gegen die man Vorurteile hegt. Feindbilder schaffen deshalb in ihrer weiteren Konsequenz Ungerechtigkeit, Unmenschlichkeit und Voraussetzungen für Aggressionen, für gewaltsame Konfliktlösung und für Krieg. Sie haben Hochkonjunktur in Zeiten von Bedrohung, Sinnkrisen und Stress, in Phasen des Umbruches und der Angst, weil der Mensch dann ein besonderes Bedürfnis nach Sicherheit, Orientierung und Ausgrenzung hat.

Was begünstigt die Entstehung von Vorurteilen und Feindbildern? Dazu zunächst einige grundsätzliche Anmerkungen zur menschlichen Wahrnehmung. Dieses Wissen über unsere Wahrnehmung ist notwendig, um die Phänomene “Vorurteile” und “Feindbilder” besser zu verstehen.

2. Menschliche Wahrnehmung

Unsere Wahrnehmung ist von Natur aus über unsere Sinne begrenzt. Wir können über Augen, Nase, Ohren, Mund und unsere Haut immer nur einen kleinen Teil unserer Umwelt wahrnehmen. Wir können über Objektivität sprechen, aber wir können die Sachverhalte nicht absolut objektiv wahrnehmen oder erkennen. Hier haben wir als Menschen unsere Grenzen. Es bleibt immer eine Subjektivität, die Ausgangsbasis unserer Wahrnehmung und der mit ihr einhergehenden Prozesse ist.

Darüber hinaus wird unsere Wahrnehmung von bestimmten Gesetzmäßigkeiten bestimmt, die zum Teil angeboren sind und zum Teil anerzogen werden. Im positiven Sinne helfen sie uns, damit wir uns im Leben trotz unserer Begrenztheit zurechtfinden und zwar von klein an.

Unsere Wahrnehmung ist zudem durch unsere jeweiligen Bedürfnisse und Gefühle geprägt: Wenn z. B. physiologische Bedürfnisse wie Hunger oder Durst sehr stark sind, dann sind sie normalerweise weitgehend darauf begrenzt, wo es etwas zu essen oder zu trinken gibt. Neben Gefühlen und Bedürfnissen haben auch Erfahrungen, Motive, Erwartungen und Einstellungen einen ganz erheblichen Anteil daran, was und wie wahrgenommen wird.

Ein weiteres Merkmal unserer Wahrnehmung: Wir neigen dazu, zu vereinfachen und die Informationsfülle der sehr komplexen Realität zu reduzieren. Jeder Mensch, egal wo auf der Welt, unabhängig von Status, beruflicher Aufgabe, persönlicher Situation usw. hat nur eine eingeschränkte, ausschnitthafte Sichtweise der Dinge. Das ist von Natur aus so angelegt und trägt positiv, wie bereits erwähnt, zum Überleben bei. Aus Sicht der Evolution ist dies höchst sinnvoll, denn blitzschnell können wir so in Notsituationen aufgrund der uns vorliegenden Informationen Entscheidungen treffen, die unser Überleben sichern. Das geht dann reflexartig.

Die negative Seite allerdings ist, dass wir aufgrund dieser Begrenzung, nach den Erkenntnissen der Gestaltpsychologie einem automatisch ablaufenden Gliederungsprozess in unserer Wahrnehmung unterliegen. Wir blenden dabei wichtige Informationen aus, die sonst ein vollständigeres Bild ergeben würden.

Von klein an haben wir gelernt, das, was uns umgibt, sofort einzustufen und zu bewerten. Sobald wir sehen, interpretieren wir auch. Schlüsselreize genügen dazu bereits. So machen wir uns innerhalb weniger Augenblicke von einem fremden Menschen oder von Menschengruppen ein eigenes Bild. Es ist uns angeboren, Mimik und Gestik des anderen zu lesen. Eine halbe Sekunde genügt, um anhand des Gesichts des Gegenübers Alter, Intelligenz, ja sogar Charaktereigenschaften einer Person einzuschätzen. Das kann eine Überlebensstrategie sein. Gleichzeitig sind aber auch Vorurteile und Feindbilder ein – negatives – Ergebnis dieser sehr begrenzten und selektiven Wahrnehmung der Wirklichkeit.

Dieser erste Eindruck lässt sich nur schwer revidieren, obwohl es erwiesen ist, dass der Mensch mit seinen ersten, blitzschnellen Eindrücken oft sehr daneben liegen kann.

“Wir beobachten ständig andere Menschen oder Gruppen von Menschen und machen uns von ihnen ein mehr oder weniger zutreffendes Bild. Aus der Fülle der wahrgenommenen Daten wählen wir uns die passenden aus. Wir ziehen Schlüsse über Motive, Absichten und Eigenschaften anderer Menschen.” (Norbert Kühne, S. 20 – 21)

Wir entwickeln aber auch Abwehrmechanismen, die mit daran beteiligt sind, dass wir manches, z. B. Unangenehmes, aus der Wahrnehmung ausblenden. Dadurch entsteht eine Reduktion des Informationsflusses, die eine nicht zu unterschätzende Wirkung auf das Verhalten von uns Menschen hat. Wir sind weniger offen und agieren möglicherweise aufgrund von starren, normativen Einstellungen, die Vorurteile und Feindbilder weiter schüren. So ist die Wirkung unserer begrenzten Wahrnehmung, die bei jedem individuell unterschiedlich ist, auf die Begünstigung von Vorurteilen und Feindbildern nicht zu unterschätzen.

Zur Erkenntnis dieser durch verschiedene Faktoren begrenzten menschlichen Wahrnehmung gehört auch das Wissen um damit einhergehende Wahrnehmungsfehler.

Einige Wahrnehmungsfehler, die sehr häufig auftreten und denen wir alle unterliegen, sind:

HaloEffekt: Ein dominantes Merkmal, das wir beobachten, überstrahlt die ganze wahrgenommene Person und wird mit weiteren Merkmalen kombiniert: Hat z. B. ein Mensch einmal einen klugen Beitrag geleistet, so wird er von jetzt an in jeder Situation als klug gesehen. Dieses Merkmal wird unter Umständen mit weiteren Merkmalen wie Freundlichkeit, hohem persönlichen Einsatz usw. gekoppelt.

Logischer Fehler: Er besagt, dass in unserer Vorstellung bestimmte Eigenschaften immer zusammen auftreten, z. B.: Ein starker Junge ist auch aggressiv und aktiv (Norbert Kühne, S. 22).

Projektionen: Eigene Erwartungen, Bedürfnisse, Hoffnungen, Annahmen, Befürchtungen, Probleme etc. werden auf eine Person bzw. andere Personen übertragen. Wenn ich z. B. selbst Probleme habe, besteht die Tendenz, diese auch anderen zu unterstellen.

Verallgemeinerungen: Wir neigen dazu, durch den Gebrauch von Worten wie “immer, alle, keiner” usw. Verallgemeinerungen herzustellen. Sie sind wenig nützliche Wahrnehmungsfilter, denn sie stellen kognitiv etwas her, das wir im Grunde nie überprüfen können. Hier haben Aussagen wie “Wer lügt, stiehlt auch.” oder “Alle Dicken sind auch gemütlich.” ihren Ursprung.

Was kann die Folge dieser Wahrnehmungsfehler sein, die uns täglich widerfahren? Ein bekanntes Phänomen ist der RosenthalEffekt. Der Amerikaner Rosenthal hat deutlich gemacht, dass Menschen, insbesondere junge Menschen, eine Tendenz haben, sich so zu verhalten, wie es auf Grund von Vorurteilen erwartet wird (selffulfilling prophecy). Damit werden sie unter Umständen in negative Rollen und Verhaltensweisen gedrängt.

3. Entstehung von Vorurteilen und Feindbildern

3.1 Psychologische Betrachtungsweisen

Vorurteile sind nicht rational geprägt. Sie gehen oft mit Emotionen einher, insbesondere mit Sympathien oder Antipathien. Wir empfinden Sympathie für Menschen, die uns ähnlich sind, die ähnlich denken, ähnlich kommunizieren, ähnliche Interessen und Bedürfnisse haben wie wir.

Die Emotionen und inneren Bilder, die wir in uns tragen, basieren aus tiefenpsychologischer Sicht sehr häufig auf frühkindlichen Erlebnissen und Erfahrungen, die, wie wir wissen, unser ganzes weiteres Leben wesentlich beeinflussen.

In der Phase, in der ein Kind sein ÜberIch, also die Instanz für Werte und Normen entwickelt, werden Einstellungen und Vorurteile der Bezugspersonen mittels Identifikation übernommen.

Menschen mit niedrigem Selbstwertgefühl, starken Minderwertigkeitsgefühlen, mit ungelösten Autoritäts oder Vaterproblemen, Menschen, die in ihrer frühen Kindheit zu wenig Liebe und positive Zuwendung erfahren haben oder die aus einem sehr strengen und autoritären Elternhaus oder Erziehungsumfeld stammen, tendieren in der Regel stärker dazu, aufgrund ihrer normativen Prägung ihr Leben auf festgefügten Beurteilungen und Vorurteilen aufzubauen.

Vorurteile und Feindbilder entstehen zunächst in uns und werden dann im Außen auf verschiedene Menschen, Gruppen, Nationalitäten etc. übertragen, die diesen Bildern entsprechen. Sie kommen in Projektionen zum Tragen. Projektionen sind das Hinausverlegen von Innenvorgängen nach außen (s. Dorsch, S. 508).

“Immer und überall, wo wir Menschen begegnen, erstellt unsere Psyche autonom ein ihr gemäßes Bild vom anderen. Dieses Bild vom anderen beruht zwar sicherlich auf bestimmten, möglicherweise rudimentären Erfahrungen und entspricht damit freilich zu einem gewissen Teil der Wirklichkeit dieses anderen Menschen. Auf jeden Fall aber entspricht es unseren zunächst sicherlich unbewussten Bedürfnissen. Wir projizieren also. Und wir projizieren immer.” (Peter Michael Pflüger, S. 10)

Nun gibt es zwei Arten von Projektionen, die als Ursache für Vorurteile und im zweiten Fall auch für Feindbilder in Frage kommen:

  • Wir projizieren auf einen Menschen, dessen Begegnung in uns besonders angenehme Gefühle erweckt, unsere Ideale. Und er wird uns zum Freund, zum Vertrauten, zum Geliebten. Wir blenden unbewusst seine dunklen Züge, seine Mängel, seine Schattenseiten aus: “Er hat sie nicht oder doch nur in einem ganz geringem Maß. Und so vermögen wir ihm in Offenheit und ohne Angst zu begegnen.” (Peter Michael Pflüger, S. 10)
  • Und wir projizieren auf einen anderen Menschen, dessen Wesen oder Verhalten einen gewissen “Aufhänger” für das zu bieten scheint, was wir selbst an negativen Gedanken und “Unrat” in uns tragen – oft ohne uns dessen wirklich bewusst zu sein. “Wir können dann unsere Ablehnung, Abneigung, unser moralisches Verurteilen dieses Bösen an ihm ausleben und brauchen ihm nicht anders denn als Feind zu begegnen.” (Peter Michael Pflüger, S. 10). Vorurteile und Feindbilder sind, so verstanden, Ausdruck der Abwertung eigener persönlicher Schattenseiten, die auf andere übertragen werden. Diese Schatten sind Aspekte in uns, die wir verdrängen, nicht wahrhaben wollen, negieren und die uns “helfen”, Sündenböcke zu finden. Schatten sind in uns vernachlässigte Eigenschaften, die sich zusammensetzen können aus teils nicht gelebten und teils verdrängten psychischen Zügen. Aus sozialen, erzieherischen oder sonstigen Gründen war diese Verdrängung notwendig (Dorsch, S. 582).

Vorurteile und Feindbilder können auch Ausdruck eigener ungelöster Konflikte sein und darin ihre Entstehung haben. Der Mensch “verschiebt seine Aggression auf Ersatzobjekte … oder sieht seine eigenen negativen Züge vornehmlich in anderen (Projektion).” (Werner Bergmann, S. 6). Wie stark und intensiv dieser Prozess bei jedem Menschen abläuft, ist sehr unterschiedlich.

Vorurteile helfen uns, Emotionen wie Angst zu vermeiden, denn: “Wer sich mit fremden Meinungen einlässt, muss befürchten, dass seine eigenen, altvertrauten dazu in Widerspruch stehen. Es kann sich, bei genauer Prüfung, herausstellen, dass manches von dem uns Selbstverständlichen und uns lieb Gewordenen ziemlich unbedacht übernommen wurde und nun sich auflöst. Den Verlust gewohnter Normen, die ja nicht nur Einhalt, sondern auch Rückhalt, also Sicherheit geben, erlebt der Mensch immer mit Angst.” (s. Kögl)

Feindbilder, als Ausdruck höchster Antipathie, sind mit zutiefst ablehnenden Gefühlen bis hin zum Hass verbunden. Diese Gefühle sind auch die Antriebsfeder für destruktives Verhalten. Das Bewusstsein oder die Tatsache, von Feinden umgeben zu sein, erzeugt Angst. Angst begünstigt unangemessenes Verhalten, weil Angst wiederum unsere Wahrnehmung sehr einschränkt.

Aus psychologischer Sicht muss außerdem folgendes berücksichtigt werden: Es gilt nicht nur für einzelne Menschen, sondern auch für Gesellschaften, dass bestimmte triebhafte Bedürfnisse (z. B. Aggressionen) aufgrund bestehender Normen unterdrückt werden müssen. Diese Unterdrückung führt zu einem Triebüberschuss, der dann nach außen auf Ersatzobjekte verlagert wird. Durch diese Verlagerung ist es möglich, die triebhaften Bedürfnisse so auszuleben, dass es nicht zu Gewissenskonflikten kommt. So können aus ungelebten Triebwünschen Hassobjekte entstehen, die mit sehr negativen Attributen besetzt werden (s. dazu Alexander Mitscherlich). Das kann eine Ursache für rassistisches Denken sein.

Wer in sich selbst Misstrauen, Aggression, Hass und Wut trägt, wird unwillkürlich die Welt, in der er lebt, dieser Emotionen wegen beschuldigen (s. Josef Rattner).

Feindbilder sind damit Ausdruck destruktiver Projektionen, d. h. negativer Anteile von uns selbst, die wir auf andere übertragen. Es gilt nicht, sie zu bekämpfen, sondern sich diese Anteile zunächst einmal bewusst zu machen.

Durch das Erkennen bisher unbewusster Anteile in sich, so C. G. Jung, wird der Mensch ganzheitlicher. Das ist eine gute Basis dafür, unseren Schatten “mitleben” zu lassen, ohne auf die dennoch unumgänglichen moralischen Entscheidungen im eigenen Leben zu verzichten. Nur wer sich seiner eigenen Minderwertigkeit bewusst ist, hat die Chance, sie anzunehmen und positiv zu verarbeiten im Wissen um die eigenen Grenzen.

Aus psychologischer Sicht ist der Feind ein Feind auf Zeit. “Feindschaft als Ergebnis eines Konflikts wäre allein auf den Fall und die Dauer eines aktuellen Konfliktes begrenzt. … Aus psychologischer Sicht bliebe Feindschaft also (auf) lösbar …” (Brehl/Platt, S. 8)

Aber reicht das schon, um zu verstehen, warum Menschen von tiefer gegenseitiger Missachtung getrieben sind, einander ablehnen und den anderen im Extremfall sogar vernichten wollen? Es gibt weitere Erklärungsansätze, die in Betracht zu ziehen sind.

3.2 Sozialpsychologische und soziologische Betrachtungsweisen

Ehe wir den Einfluss von Umwelt und Gesellschaft auf unsere Prägung betrachten, soll folgender Aspekt thematisiert werden:

Es gibt Einflussfaktoren, die weiter zurückreichen können als frühkindliche, erzieherische und aktuell soziologische Einflüsse.

Harald Welzer beschreibt in seinem Buch “Das Soziale Gedächtnis” die unterschiedlichen Formen des Gedächtnisses: das individuelle, das kollektive, das bewusste und unbewusste, das traumatische, das alltägliche, das kommunikative und das kulturelle. Sie sind letztendlich alle Bestandteil des sozialen Gedächtnisses. Wir wissen, “dass unsere eigene Erinnerung sich nicht abkoppeln lässt von den sozialen und historischen Rahmenvorgaben, die unseren Wahrnehmungen und Erinnerungen erst eine Form geben, dass viele Aspekte der Vergangenheit bis in unsere gegenwärtigen Gefühle und Entscheidungen hineinwirken, dass es transgenerationelle Weitergaben von Erfahrungen gibt, die bis in die Biochemie der neuronalen Verarbeitungsprozesse der Kinder und Enkel reichen, und dass uneingelöste Zukunftshoffnungen aus vergangenen Zeiten plötzlich und unerwartet handlungsleitend und geschichtsmächtig werden können.” (Welzer, S. 11/12)

Das würde erklären, dass wir bewusst oder unbewusst Erfahrungen und Erinnerungen in uns tragen, die unser aktuelles Wahrnehmen und Verhalten aus einer anderen Perspektive heraus verursachen, mitbestimmen und mit beeinflussen. Dass wir etwas im weitesten Sinne bereits Vorprogrammiertes mitbringen, das sich in unserer Sichtweise der Welt manifestiert, gilt für alle Menschen. Die aus der Vergangenheit gespeicherten Wahrnehmungen kommen in unserem persönlichen Lebensprogramm zum Tragen. Dieses kulturelle Gedächtnis wird definiert als “Sammelbegriff für alles Wissen, das im spezifischen Interaktionsrahmen einer Gesellschaft Handeln und Erleben steuert und von Generation zu Generation zur wiederholten Einübung und Einweisung ansteht.” (Jan Assmann, S. 9). So wird Erlebtes und Erfahrenes aus der Vergangenheit weitertransportiert in die Gegenwart und bestimmt hier unser Handeln mit. Diese Erinnerungen sind allerdings sehr subjektiv, sehr ausschnitthaft, niemals vollständig. Schon das alleine birgt die Möglichkeit in sich, schnell und spontan in der Gegenwart etwas zu interpretieren und in einer Richtung zu verstehen, die, gespeist aus diesen “Erinnerungen” der Vergangenheit, zu Vorurteilen und Feindbildern führen kann.

Als zusätzliche Faktoren für die Entstehung von Vorurteilen und Feindbildern sind in diesem Zusammenhang noch zu nennen:

  1. Geschichtliche Überlieferungen und Ereignisse, insbesondere hoch eskalierte Konfliktsituationen wie z. B. Kriege. Je verheerender Kriege sind oder waren, desto stärker sind die Feindbilder, die auch nach einem Krieg noch lange andauern können. Vorurteile und Feindbilder werden so von Generation zu Generation weitergegeben.
  2. Faktoren, die einen ideologischen Charakter haben (z. B. religiös motivierter Fanatismus)
  3. Systembedingte soziale Entwicklungstendenzen
  4. Nationale Begebenheiten und konkrete Situationen
  5. Die reale Politik der Staaten und ihre Wechselwirkung (nach Pflüger, S. 91)

Unsere Sicht der Realität wird weiter gefiltert durch unsere einzigartigen Erfahrungen, durch Kultur, Glaubenssätze, Einstellungen, Werte, Interessen und Annahmen. Jeder Mensch lebt in seiner jeweils eigenen Welt, die auf seinen Sinneseindrücken und individuellen Lebenserfahrungen begründet ist, und wir handeln auf der Basis dessen, was wir wahrnehmen: Das ist unser “Modell der Welt” (s. Joseph O’Connor, John Seymour). Dabei schauen wir in der Regel in dieser Welt bevorzugt auf das, was uns interessiert. Anderes lassen wir eher beiseite.

Elternhaus, Schule und wichtige Bezugspersonen sind entscheidende Einflussfaktoren, da sie Werte, Grundhaltungen, Ansichten vermitteln, verstärken und auf Kinder und Jugendliche übertragen. Daraus entstehen Lebenserfahrungen für junge Menschen. Sie zeigen sich etwa darin, wen man mag und wen nicht, wer einem sympathisch ist oder nicht, wer zu einem gehört und wer nicht. Damit entsteht ein Ordnungsprinzip, das Orientierung und Sicherheit gibt. Das bedeutet auch: Wir bringen Vorurteile nicht mit – sie werden uns anerzogen. Wenn Eltern, Lehrer und wichtige Bezugspersonen durch starke Vorurteile und Feindbilder geprägt sind, ist es schwer, sich als junger Mensch davon unabhängig zu machen. Hört man abwertende Bemerkungen immer und immer wieder, so verinnerlicht man diese leicht als Norm oder “Wahrheit”. Kinder, die erfahrungsgemäß leichter zu beeinflussen sind als Erwachsene, übernehmen viel schneller Stereotypen und Urteile. Insbesondere solche, die von ihren Bezugspersonen vorgelebt werden.

Kinder, bei denen jede Form von Aggression in der Kindheit unterdrückt bzw. bestraft wurde, suchen im Jugend und Erwachsenenalter nach Ventilen für die aufgestaute Wut und den aufgestauten Hass. Feindliches Verhalten hat darin oft seinen Grund. Denn Vorurteile und Feindbilder nehmen zu, je autoritärer ein Mensch geprägt bzw. erzogen worden ist; aber auch je begrenzter der Erkenntnis und Wahrnehmungshorizont ist, je weniger internationale Erfahrungen vorliegen, je weniger positive persönliche Berührungspunkte mit anderen Nationalitäten, Religionen und andersdenkenden Gruppen bestehen. Denn je fremder uns Menschen sind durch ihr Verhalten, durch das Leben, das sie führen, desto leichter besteht die Gefahr, dass sie uns feindlich erscheinen können (s. Verena Kast).

Zuletzt muss erwähnt werden, dass auch eine negative Grundeinstellung zum Leben, stark negatives Denken verbunden mit pessimistischen Sichtweisen und Lebenshaltungen Vorurteile und Abwertungen gegenüber anderen Menschen, Nationalitäten und Religionen schüren können.

3.3 Grenzen unserer sprachlichen Verständigung

Da wir nicht nur in unserer Wahrnehmung, Konfliktfähigkeit und Erziehung, sondern auch in unserer Kommunikation Grenzen unterliegen, können Vorurteile und Feindbilder auch hier ihre Wurzeln haben: “Wollten wir uns in jedem Gespräch sicher sein, dass andere Menschen genau das verstehen, was wir meinen – wir kämen zu keinem Ende. Uns bleibt also nichts anderes übrig, als zu akzeptieren, dass unsere Verständigung nur eine ungefähre ist und dieses Ungefähre in vielen Situationen ausreicht. Aber nicht in allen …” (Georg Harald ZawadzkyKrasnopolsky, S. 33)

Es ist für uns oft eine große Überraschung, was Menschen an Informationen aufnehmen und wie sie diese dann weitergeben. Was ist aus der ursprünglichen Botschaft geworden? Sie ist manchmal kaum wiederzuerkennen, weil sie mit der Subjektivität jedes einzelnen, der am Kommunikationsprozess beteiligt war, vermischt wurde. Durch solchermaßen fehlende und verfälschte Kommunikation werden Vorurteile und Feindbilder aufgebaut und geschürt.

3.4 Vorurteile und Feindbilder propagiert durch Medien

Die öffentliche Meinung wird durch Medien täglich und situativ beeinflusst und in ungünstigen Fällen durch ausschnitthafte und einseitige Informationen gezielt manipuliert. Was “böse” ist, wer Schuld hat, wer versagt hat, wer dazugehört und wer nicht, wer schlecht ist – hier ist die “Logik” der Massenmedien aktiv.

“Feindbilder können allerdings nicht völlig ,aus der Luft’ gegriffen werden.” (Das Bild vom Feind, S. 8). Es muss zumindest der Anschein bestehen, und darauf wird viel Wert gelegt, dass es sich bei diesen Informationen um realistische Beschreibungen des Feindes handelt. Auch wenn das in Wirklichkeit nicht so ist.

“Voraussetzung für den Aufbau und die Instrumentalisierung von Feindbildern ist immer ein Kristallisationskern von Realität oder von auf allgemeinem Konsens beruhender Überzeugung als Pseudorealität; ein Körnchen solcher Wahrheit muss dem Vorurteil zugrunde liegen, damit es breite Wirksamkeit entfalten kann.” (Benz, S. 11 – 12)

Medien sind deshalb ebenso und in großem Ausmaß Quelle und Ursache von Vorurteilen und Feindbildern. Besonders skandalöse Situationen werden gezielt “verkauft”. Die Fernseh-, Film- und Eventkultur lebt davon und wir, wenn wir ehrlich sind, hören viel zu sehr darauf. Der “Erlebnischarakter” von Film und Fernsehen hat dabei nachweislich eine größere und nachhaltigere Wirkung als der geschriebene Beitrag einer einzelnen Person und wird viel schneller als “Wahrheit” vom Zuschauer gedanklich aufgenommen.

In Krisenzeiten haben Vorurteile und Feindbilder besonders gute Konjunktur in den Medien. Denn meist resultieren – als Konsequenz aus den Ängsten der Menschen – daraus Aggressionen, die in extrem belastenden politischen, wirtschaftlichen oder sozialen Situationen auf fruchtbaren Boden fallen. “Der Fremde wird als böswilliger Verursacher eines konkreten Übelstandes denunziert, dann generell als Feind markiert, und weit über den konstruierten Anlass hinaus wird der Kampf gegen ihn als sinnvoll propagiert.” (Benz, S. 16)

So kann, wie es im Nationalsozialismus geschah, die Feindschaft gegen eine Minderheit zum zentralen Aspekt einer Ideologie werden. Auf diese Minderheit werden dann alle Unzulänglichkeiten projiziert. Durch gezielte Propaganda werden so Ängste mobilisiert und in entsprechende Feindbilder umgesetzt.

“Es lassen sich auch Vorurteile gegen Minderheiten und Randgruppen innerhalb der eigenen Gesellschaft sensibilisieren und zum Feindbild verdichten. Marxisten, Freimaurer, Juden (um drei wichtige Gruppen zu nennen) wurden zu unterschiedlichen Zeiten, im 19. Jahrhundert und wieder nach dem Ersten Weltkrieg, instrumentalisiert … Z. B. die Juden wurden wie die Freimaurer als fremd und als verschwörend, als den Staat und die Gesellschaft unterwühlend, Sitte und Ordnung “zersetzend” diffamiert.” (Benz, S. 13 14)

Besonders empfänglich sind dabei wiederum Kinder und Jugendliche: Nach fortlaufenden Wiederholungen einseitig selektierter Informationen glauben viele am Ende, dass dies, was ihnen eingeflößt wird, tatsächlich so ist, und lassen sich davon in ihrem Verhalten leiten. Ein erschreckendes Beispiel aus dem Schulalltag für das Verhalten von in dieser Weise irregeleiteten Jugendlichen ist es etwa, wenn nach dem Unterricht deutsche Jugendliche, die einer bestimmten “Szene” angehören, ohne ersichtlichen Grund einen ausländischen Mitschüler treten, bis dieser schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert werden muss.

3.5 Vorurteile und Feindbilder als Ausdruck ungelöster, eskalierter Konflikte

Konflikte haben unterschiedliche Anteile: intrapersonale und extrapersonale. Nicht gelöste Konflikte mit anderen bzw. Erfahrungen aus diesen übertragen wir schnell auf ähnliche Personengruppen. Wenn uns etwa ein Arzt nicht gut behandelt hat, sind wir schnell geneigt, diese Erfahrung auf andere Ärzte zu übertragen, insbesondere wenn ein klärendes Gespräch mit dem betreffenden Arzt wegen der “schlechten Behandlung” nicht möglich war oder von ihm abgelehnt wurde.

Frieden Tabelle 1Frieden Tabelle 2Frieden Tabelle 3Frieden Tabelle 4

(aus: Petra Coleman, S. 85ff.)

Unter der Belastung von andauernden, zunehmend weiter eskalierenden und sich verhärtenden Konfliktsituationen können Vorurteile und Feindbilder entstehen und sich immer mehr verfestigen.

F. Glasl hat die Entwicklung und Eskalation von Konflikten untersucht und dabei 9 Eskalationsstufen herausgearbeitet, die im folgenden im Überblick dargestellt werden.

Vorab sei bereits gesagt: Ab der Stufe 3 verengt sich die Wahrnehmung zunehmend. Diese verengte Wahrnehmung ist der Nährboden für Vorurteile und spätere Feindbilder. Ab der Stufe 4 steuern Vorurteile und Feindbilder die Konfliktdynamik bereits in aller Deutlichkeit.

Fassen wir die wichtigsten Aspekte für unser Thema aus diesen Eskalationsstufen für Konflikte zusammen: Eine hohe Stufe der Konflikteskalation ist bereits bei Stufe 4 erreicht, da feindselige Haltungen auf beiden Seiten sichtbar sind und in jeder Handlung bestätigt werden. Die Einstellungen der Konfliktparteien werden damit zunehmend starrer und aggressiver, was die Kommunikation erheblich erschwert.

“Es ist ein stereotypes Bild, das nicht mehr durch andere Erfahrungen korrigiert werden kann, sondern fixiert ist. … Zwischen dem strahlenden Selbstbild und dem schmutzigen Feindbild gibt es kaum Zwischentöne. Die Stereotypen sind stark polarisiert und soziale Antipoden.” (Fritz Glasl, S. 239). Diese Feindbilder sind projektiv entstanden. Indem der Feind abgewertet wird, wird man selbst aufgewertet. “Im Eskalationsgeschehen laden sich die polarisierten, antithetischen Stereotypen noch weiter auf und bewirken einen Spannungsstau, der sich in den Interaktionen kräftig entladen kann.” (Glasl, S. 240)

Karrikatur Frieden 3Diese fixierten Bilder, die nicht mehr durch andere Erfahrungen korrigiert werden können, stehen ab jetzt und für alle weiteren Eskalationsstufen zwischen den Konfliktpartnern. Es findet nur mehr ein Denken in Dualitäten, also reine SchwarzWeißMalerei statt. Die Abwertung des anderen gilt der eigenen Aufwertung. Es gibt ein positives Selbstbild und ein negatives Feindbild. Das drückt sich auch in der Kommunikation aus. Auf der Stufe 4 werden keinerlei positive Eigenschaften des Feindes mehr gesehen. Einzig und allein stereotype Bilder bestimmen das Handeln.

Um so wichtiger ist es, Konflikte bereits in einem sehr viel früheren Stadium zu thematisieren und aufzuarbeiten, damit es mit Hilfe von professionellem Konfliktmanagement bzw. durch Mediation nicht zu weiteren Eskalationen kommt. Gelingt dies vor der Stufe 4, so bestehen gute Aussichten, dass keine nachhaltig wirkenden Vorurteile und Feindbilder entwickelt werden.

Auf der Stufe 5 nimmt die Eskalation nochmals gewaltig zu. Die Polarität verschärft sich von “Über/Untermensch” (Stufe 4) zu “Himmel/Hölle” bzw. “Engel/Teufel” auf der Stufe 5. Durch alle möglichen Provokationen und Handlungen wird versucht, den Gegner zur besinnungslosen Raserei zu bringen. Dieses provozierte Verhalten des Gegners wird dann als Beweis für die Richtigkeit des eigenen Schattenbildes von ihm betrachtet.

Mit noch weiter zunehmender Eskalationsstufe (Stufe 6 – 9) regredieren dann die am Konflikt Beteiligten auf niedrigere Stufen menschlichen und ethischen Verhaltens. Dazu folgende Situation:

1945 wurden in Mähren Menschen “zu Paketen zusammengeschnürt, kreuzweise verknotet und so auf die Balustrade der Brücke über die March gehoben. Ein einbeiniger Greis stößt die Aufgereihten, ruhig und langsam, ganz systematisch arbeitend, mit seiner Krücke in den Fluss. Wenn eine Reihe fertig ist, werden die nächsten Menschenbündel auf das Geländer gepackt. Manche Pakete baten um Gnade. Andere schwiegen verbissen. Die Pakete winselten … beteten auch.” (Benz, S. 48)

Wie viel Schreckliches, wie viel Verletzendes, welcher Hass, geschürt durch Vorurteile und Feindbilder, mag hier vorausgegangen sein, bevor Menschen zu so etwas fähig sind?

4. Konsequenzen und Schlüsse daraus: Umgang mit Vorurteilen und Feindbildern

“Feindbilder gehören offensichtlich zum Leben
und die Problematik besteht damit nicht
in deren Abbau, sondern im Umgang mit ihnen.”

(Peter Michael Pflüger, S. 7)

Wir selbst stehen in einer hohen Verantwortung den Bildern gegenüber, die wir uns von Menschen machen und die in Vorurteilen und Feindbildern münden können. Auf Grund unserer menschlichen wie politischen Verantwortung ist es notwendig, dass wir uns mit diesen Bildern viel stärker auseinandersetzen, als wir es normalerweise tun. Dies ist unsere eigene persönliche Aufgabe, nicht die anderer. Hier lässt sich nichts delegieren.

Was können wir als Personen, als Mitbeteiligte am Weltgeschehen, als Mitgestalter für ein friedvolleres Miteinander auf dieser Welt konkret und bewusst tun, um dem Prozess der Bildung und Entstehung von Vorurteilen und Feindbildern konstruktiv zu begegnen und ihm entgegenzuwirken?

  • Es gilt, uns jeden Tag aufs Neue der begrenzten Wahrnehmungsmöglichkeit, der wir selbst und andere Menschen unterliegen, bewusst zu werden und zu versuchen, Wünsche nach Erfüllung eigener Erwartungen, nach Allmächtigkeit oder Perfektionismus zu minimieren.
  • Als verantwortungsbewusste Menschen haben wir die Aufgabe, unsere eigenen Urteile und Vorurteile ständig zu hinterfragen und ganz bewusst zu akzeptieren, dass jeder Mensch auf dieser Welt zunächst die gleiche Berechtigung hat wie wir. VorUrteile dürfen keine EndUrteile werden, sondern sollten ein Anlass sein, uns dem Fremden und Neuen zunächst einmal offen zu stellen (s. Walter Kögl).
  • Wir müssen uns intensiv darum bemühen, vorschnelles oder zu spontanes Urteilen beim Denken wie beim Sprechen zu vermeiden im Sinne von: Das ist richtig, das ist falsch. Denn wir neigen dazu, viel zu schnell alles und jedes zu bewerten. Hier etwas zu verändern ist wichtig, vor allem auch in unserer Kommunikation nach außen.

Karrikatur Frieden 4

  • Jeder von uns kann – wenn auch in einem längeren und manchmal mühevollen Prozess – an seinen eigenen Blockaden arbeiten, seine eigenen “Schatten” und “Projektionen” erkennen lernen, beleuchten und transformieren in eine Haltung, die von Akzeptanz und Wertschätzung geprägt ist. Zunächst einmal für sich selbst und im zweiten Schritt auch für alle anderen Menschen, denen er in diesem Leben direkt oder indirekt begegnet. “Schattenakzeptanz bedeutet zu sehen, dass der Schatten zu uns gehört und damit zu vermeiden, dass wir ihn projizieren, oder zumindest die Bereitschaft, die Projektionen auch immer wieder zu hinterfragen. Das bedeutet aber Konflikt, Kränkung unseres Selbstwertgefühls, einmal akzeptiert dann aber auch Entlastung, Freiheit und Stärkung unseres Selbstwertgefühls. … Die Akzeptanz des Schattens hat weitreichende Konsequenzen. Wenn wir unseren Schatten kennen, seine Existenz akzeptieren und verantwortlich damit umgehen, dann rechnen wir auch mit dem Vorhandensein von Schatten in anderen Menschen. Wir gehen wohlwollender mit Schwächen und Fehlern um, werden toleranter.” (Verena Kast, S. 159/160)
  • Einmal gemachte Erfahrungen (Vorausurteile) mit einzelnen Menschen oder Menschengruppen dürfen nicht verallgemeinert werden.
  • Es ist gefährlich und wenig hilfreich, andere mit unseren eigenen Maßstäben zu messen. Jede SchwarzWeißMalerei im Sinne von: “Das, was in der eigenen Gruppe, in der eigenen Kultur usw. geschieht, ist richtig, normal, angebracht und das, was fremde Kulturen oder Gruppen leben oder wie sie handeln, ist falsch”, muss vermieden werden.
  • Wir brauchen den echten Dialog und geduldiges Zuhören. Wir brauchen mehr interkulturelle Begegnungen für uns selbst, aber besonders auch unter Kindern und Jugendlichen, um hier persönliche Erfahrungen zu schaffen. Das bewirkt mehr Aufklärung und bessere Information, um die Unterschiedlichkeit, die verschiedenen Kulturen, Religionen und Nationalitäten besser verstehen zu können. Insbesondere rechtzeitig dort, wo sich Konflikte anbahnen.
  • Viele Menschen tun sich schwer, ihre Meinung und ihre Standpunkte zu revidieren, selbst wenn sie diese als falsch oder unzutreffend erkannt haben. Die Angst, eigene Fehler einzugestehen, ist groß. Um dem inneren Konflikt zu entrinnen, werden Indizien gesucht, die doch für die eigenen Behauptungen sprechen – selbst wenn man weiß, dass diese letztendlich vorschnell und falsch sind. Das verlangt von uns die Bereitschaft, selbstkritischer mit uns zu werden und umzulernen, gerade dann, wenn wir Irrtümer in unserer eigenen Argumentation erkennen. Dadurch hören wir auf, Vorurteile und Feindbilder weiter zu schüren. Das gelingt, wenn wir Argumente einsetzen, die einen konstruktiven Weg zueinander ebnen.
  • “Ein großes Wissen, aber vor allem intellektuelle Flexibilität, die Bereitschaft, neue Erfahrungen zu machen, Kritik zu verarbeiten und andere Standpunkte einzunehmen, gehen mit einer geringeren Vorurteilsneigung einher.” (W. Bergmann, S. 7)
  • Menschen, denen wir in unserem Leben begegnen, haben ein Recht darauf, dass wir ihnen offener gegenübertreten, ihnen wenigstens eine realistische Chance geben und ihnen nicht gleich unterstellen, was in unseren Köpfen oder Herzen bereits im Sinne des kollektiven Gedächtnisses vorprogrammiert ist.
  • Es ist notwendig, dass wir lernen, unsere Wahrnehmungen zu differenzieren und zu hinterfragen, so dass es höchstens zu Vorausurteilen, aber nicht zu Vorurteilen und Feindbildern kommen kann. Wir haben durchaus die Möglichkeit, diese Bilder in uns zu revidieren, zu relativieren und im günstigsten Fall zu überwinden.

Für die eigene Reflexion können dazu folgende Fragen helfen:

  • Was deute und interpretiere ich in andere hinein?
  • Wo und wie stelle ich Ansprüche und Forderungen an andere, die sie gar nicht erfüllen können?
  • Wo habe ich meine blinden Flecke und projiziere meine eigenen Unzulänglichkeiten auf andere?
  • Wie kann ich Menschen, die mich umgeben, auch denen, die andere Lebensvorstellungen haben, konstruktiv und wertschätzend gegenübertreten?
  • Wo kann ich verzeihen, meine Aggression und Wut zurücknehmen?
  • Wie kann ich Probleme thematisieren, ohne andere mental in Schubladen zu stecken?
  • Wie kann ich mehr Empathie entwickeln, mich in andere hineinversetzen, ihre Perspektive besser verstehen?
  • Wie kann ich selbst Achtung und Respekt anderen Menschen gegenüber verstärkt vorleben?
  • Es ist notwendig, uns bewusst zu machen, dass Menschen, die andere Werte, andere, konträre Lebens und Grundeinstellungen haben als wir, nicht unbedingt unsere Feinde sein müssen.
  • Es ist wichtig, uns selbst die Zeit zu nehmen, Informationen zu hinterfragen bzw. die Mühe und Anstrengung zu unternehmen, eigene Informationen zu wichtigen Themen einzuholen.
  • Alle Menschen verdienen Gleichbehandlung, Mitmenschlichkeit, Empathie (= Einfühlungsvermögen) und Respekt (s. Werner Bergmann, S. 3). Vorurteile und Feindbilder verstoßen durch vorschnelles Urteilen gegen diese Grundsätze der Menschenrechte, gegen die Normen der Rationalität und die Gerechtigkeit. Auch aus diesem Grund gilt es, sie abzubauen.
  • Jede Politik und jeder politisch Verantwortliche hat deshalb die Aufgabe, Feindschaften möglichst gewaltarm zu kanalisieren. Unsere Aufgabe ist es, eine Politik zu fordern und zu unterstützen, die das zu ihrem Prinzip gemacht hat.
  • Der konstruktive Abbau von Vorurteilen und Feindbildern ist eine zentrale Aufgabe besonders der Medien. Hier finden wir einen Bereich, auf den wir durch Auswahl, Resonanz und Kritik besonderen Einfluss haben.

Es ist nicht leicht, aber wir können es schaffen, uns zugefügte Verletzungen, erlebte Herabsetzung, persönliche Erniedrigungen usw., die wir durch andere Menschen erfahren haben, anzunehmen, negative Emotionen aufzuarbeiten und zu transformieren – zu unserem eigenen Besten und damit wir innerlich in uns wieder Ruhe und Frieden erfahren können. Es ist wichtig, Menschen, die uns verletzt haben, nicht als Feinde zu deklarieren, auch wenn unsere negativen Emotionen für sie sehr tief gehen. Die Tiefe der Emotionen zeigt die Tiefe des Schmerzes, den wir erlebt haben.

Dennoch: Nur, wenn wir uns von diesen tiefen, schmerzhaften Emotionen lösen und wieder frei machen können, ist ein neuer Weg möglich.

Ganz besonders gilt – das soll abschließend an dieser Stelle bewusst noch einmal hervorgehoben werden – sich dem Prozess der eigenen Projektionen offen zu stellen. Ohne das ist kaum ein konstruktiver Weg für die Zukunft möglich. Es ist unsere Aufgabe, unsere eigenen inneren Bilder, die wir auf andere übertragen, genauer anzuschauen und uns dabei zu fragen: Was hat das mit mir selbst zu tun? Welchen Teil von mir sehe ich in dem anderen? Nur so kann es gelingen, die Überzeugungen, die wir über andere Menschen gewonnen haben, in Frage zu stellen, zu überprüfen und zu korrigieren.

Es geht darum, differenzierter hinzusehen: Was entspricht der Wirklichkeit und was übertrage ich, ohne mir dessen bewusst zu sein? Hier liegt eine ganz große Chance für notwendige Veränderungen, auch wenn wir uns der Tatsache bewusst sein müssen, dass uns die Rücknahme von Projektionen immer nur in Teilen gelingen wird und wir wohl nie dahin kommen werden, anderen Menschen vollkommen vorurteilsfrei begegnen zu können.

Vorurteile und Feindbilder verhindern die Unvoreingenommenheit, die in unserer Zeit und Welt der Globalisierung so wichtig ist. Sie verhindern Toleranz, die eine tragende Säule eines weltweiten, konstruktiven Miteinanders in Gegenwart und Zukunft ist.

Karrikatur Frieden 5

5. Toleranz – eine Vorstufe zum Frieden

“Feind wie Freundbilder verdecken, wenn sie auf Völker oder sonstige Gruppen angewandt werden, die komplexe Realität. Sie verstellen den Zugang zum einzelnen Menschen, sie verhindern die Analyse der sozialen und politischen Bedingungen, die die Menschen geprägt haben … wer aber seiner eigenen Identität sicher ist und zugleich genügend Distanz zu ihren kollektiven Komponenten hat, der braucht nicht die Abwertung des anderen, kann das Anderssein des anderen tolerieren …”
(Peter Michael Pflüger, S. 65/66)

Toleranz verstanden als Einbindung und nicht Ausgrenzung, als Respekt vor den unterschiedlichen Kulturen auf dieser Welt, als Anerkennung unterschiedlicher Identitäten kann nur da entstehen, wo man bereit ist, sich selbst zu hinterfragen und seine eigenen unterdrückten Gefühle und Konflikte aufzuarbeiten.

Wir versagen als Menschen, wenn wir den Dialog miteinander nicht fortführen, auch wenn das eigene Überwindung, das Springen über den eigenen Schatten bedeutet, insbesondere in bereits angespannten, konfliktgeladenen Situationen. Wir müssen stärker an uns arbeiten, uns unsere Wahrnehmungen, Gefühle, Phantasien, Absichten, Bewertungen, Gedanken usw. schneller bewusst machen und überprüfen. Das ist Toleranz und Friedensarbeit uns selbst gegenüber.

Diese praktisch gelebte Toleranz – im Unterschied zur repressiven Toleranz – bedeutet weder das Tolerieren von sozialem Unrecht, noch die Schwächung eigener Überzeugungen, sondern, dass jedem einzelnen Menschen auf dieser Welt die Freiheit auf die Wahl seiner Überzeugungen zugestanden wird, sofern er die Rechte anderer anerkennt.

Um Vorurteile und Feindbilder zu überwinden, bedarf es zwischen Gruppen, Nationen und Völkern viel Zeit, Geduld und guten Willen. Dabei ist eine günstige Atmosphäre wichtig, damit wieder Vertrauen aufgebaut werden kann. Auch das ist Toleranzarbeit. Wir können diesem Phänomen “Vorurteile und Feindbilder” nur konstruktiv begegnen, wenn wir eine positive, entwicklungsfördernde Wertebasis in uns tragen bzw. immer wieder von neuem aufzubauen und zu stärken suchen. Der Wert “Toleranz” spielt dabei eine besondere Rolle.

Wo Toleranz, Respekt, gegenseitige Wertschätzung fehlen, entstehen Vorurteile und Feindbilder häufiger, schneller, unkontrollierter. Ohne positive, entwicklungsfördernde Wertebasis führen menschliche Erfahrungen wie Abwertung und Geringschätzung vor allem in Verbindung mit Emotionen wie Aggression, Hass und Wut leicht zu Feindbildern.

Wenn wir lernen, Andersartigkeit zu akzeptieren, wenn wir der Vielfalt in dieser Welt eine Chance geben und daran glauben, dass es genügend Raum für alle Unterschiedlichkeiten gibt, wenn wir erneut beginnen, miteinander zu reden, und Konflikte frühzeitig gemeinsam und miteinander konstruktiv bearbeiten, dann kann eine Neuentwicklung angebahnt und verwirklicht werden.

Toleranz ist gerade dort gefordert, wo uns Fremdes begegnet. Sie ist keine einmalige Errungenschaft, sondern braucht jeden Tag neue Zeichen. Tolerant sein heißt aktiv sein, bedeutet aktives Verstehen, aktives Aufeinanderzugehen, aktive Wertschätzung. Nur so kann es uns bei allen ethischen, kulturellen, politischen und religiösen Unterschieden gelingen, das Gegeneinander, das Ab und Ausgrenzen abzubauen und ein sinnerfülltes Miteinander und Füreinander aufzubauen. Ein langer Weg, eine tägliche Herausforderung!

Was uns im ersten Anlauf so schwierig erscheint: Es hängt von uns selbst und unserer inneren Bereitschaft ab, zu lernen in großzügigeren Dimensionen zu denken, unser Lösungsrepertoire zu erweitern und nicht zu schnell zu urteilen und zu verurteilen. Aber auch davon, dass wir gedanklich Lösungsmöglichkeiten zulassen, an die wir bisher noch gar nicht gedacht haben oder von denen wir nicht geglaubt hätten, dass es sie gibt. Toleranz erfordert letztendlich vor allem Geduld: uns und anderen gegenüber.

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Text- und Grafikquelle: Studiengesellschaft für Friedensforschung

Die Studiengesellschaft für Friedensforschung hat verschiedene Schriften in Form von «Denkanstößen» herausgebracht, welche auch in gedruckter Form erhältlich sind. Wer hier Interesse hat, kann diese gerne unter der u.a. Kontaktadresse beziehen.

Studiengesellschaft für Friedensforschung e.V.
Fritz-Baer-Straße 21
81476 München
Telefon/Fax (0 89) 724 471 43
E-Mail: info@studiengesellschaft-friedensforschung.de


Beitragsbild: «Frieden» – www.pixabay.com/de

Literaturverzeichnis

ART, Antirassismustraining für Jugendliche – ein Baustein zum Projekt ‚Miteinander leben’, Heigl, 2000
Jan Assmann, Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität, in: Jan Assmann und Tonio Hölscher (Hrsg.), Kultur und Gedächtnis, Frankfurt am Main 1988
Wolfgang Benz, Feindbild und Vorurteil, München 1996
Werner Bergmann, Was sind Vorurteile? in: Informationen zur politischen Bildung, Vorurteile – Stereotype – Feindbilder, Nr. 271/2001
Medardus Brehl, Kristin Platt (Hrsg.), Feindschaft, München 2003
HansWerner Bierhoff, Michael Jürgen Herner, Begriffswörterbuch Sozialpsychologie, Stuttgart 2002
Petra Coleman, The Way of Change – 7 Basics für erfolgreiche Veränderungsprozesse in Unternehmen, München 2002
Das Bild vom Feind, Arbeitsgemeinschaft Friedenspädagogik, München 1983
F. Dorsch, Psychologisches Wörterbuch, 10. Auflage, Bern Stuttgart Wien 1982
Fritz Glasl, Konfliktmanagement, Stuttgart 1999
Bert Hellinger, Der Friede beginnt in den Seelen, Heidelberg 2003
Ernst Johann (Hrsg.), Innenansicht eines Krieges. Bilder, Briefe, Dokumente 1914 – 1918, Frankfurt a. M. 1968
Verena Kast, Sich wandeln und sich neu entdecken, Freiburg 2000
Norbert Kühne u. a., Psychologie für Fachschulen und Fachoberschulen, Köln München 2001
Walter Kögl, Vortrag an der Stiftungsfachhochschule für Sozialwesen, München
Alexander Mitscherlich, Vorurteile – ihre Erforschung und Bekämpfung, Frankfurt am Main 1957
Joseph O’Connor, John Seymour, Neurolinguistisches Programmieren – Gelungene Kommunikation und persönliche Entfaltung, Freiburg im Breisgau 1997
Peter Michael Pflüger, Freund und Feindbilder, Olten 1986
Josef Rattner, Aggression und menschliche Natur, Frankfurt am Main 1973
Arthur S. Reber, Dictionary of Psychology, 2. Auflage, London 1995
Harald Welzer, Das Soziale Gedächtnis, Hamburg 2001
Georg Harald ZawadzkyKrasnopolsky, Leadership ohne Vorurteile, Beobachten statt Behaupten, München 2002

Die Funktion des Feindes

von Wolfgang Lieb

Gespaltene und krisengeschüttelte Gesellschaften bedürfen eines äußeren Feindes, um sich zu einen und ein großes „Wir“ über den inneren Zerreißungen entstehen zu lassen. „Wer keinen Feind mehr hat, begegnet ihm im Spiegel“, hat Heiner Müller sarkastisch bemerkt. Und wer will das schon? Nach dem Untergang des „Ostblocks“ war die Position des Feindes eine Zeit lang vakant. Spätestens seit dem 11. September 2001 hat diese Funktion „der islamistische Terror“ übernommen.

Sozialpsychologische Anmerkungen von Götz Eisenberg:

Auf einer Autofahrt durch NRW hörte ich am Samstagnachmittag WDR 2. Man brachte unablässig Reportagen über den Kampf gegen die IS-Milizen. Unter anderem wurde von einer Frau aus den Vereinigten Emiraten berichtet, die einen Kampfjet fliegt, der auch im Kampf gegen IS zum Einsatz kommt. Sie trage unter dem Helm ein Kopftuch, hieß es. Man nenne die attraktive junge Frau inzwischen „Lady Liberty“. Der Umstand, dass eine Frau Bomben auf sie wirft, sei für die IS-Milizen ein Albtraum und die schlimmste Demütigung, wurde mehrfach genüsslich wiederholt. Dann berichtete der Sprecher, dass der Einsatz der Dame in den sozialen Netzwerken weltweit begeistert gefeiert werde. Bei Twitter sei zum Beispiel gepostet worden: „Hallo, IS-Milizen, ihr werdet gerade von einer Frau plattgemacht!“

So etwas wird einfach unkommentiert gesendet, als handele es sich nicht auch bei den IS-Milizionären um Menschen, wie fanatisch und verbohrt sie auch sein mögen. Der Krieg findet auch sprachlich statt. Eine sprachliche Verrohung bereitet den Boden für unsere Bereitschaft, kriegerische Lösungen von Konflikten hinzunehmen und ihnen zuzustimmen. Aber was soll man erwarten, wenn US-Präsident Obama von ISIS als einem „Krebs“ spricht, „der die ganze moslemische Welt verheert“?

Adrian Kreye hat in der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung darauf hingewiesen, dass wir solche Metaphern aus der NS-Geschichte kennen. Sie führen mitten ins Grauen des Völkermords, der dargestellt wird als ein Rettungsakt, als ein chirurgischer Eingriff, der vorgenommen werden muss, um den gesunden Körper der Völkergemeinschaft zu retten.

„Das Böse“ nimmt von Zeit zu Zeit Gestalt an und kommt als Plage über uns wie Ebola oder das Erdbeben von Lissabon oder eben der Terror. Nirgends erfährt man etwas über die Beweggründe der ISIS-Kämpfer und die gesellschaftlichen Ursachen des Fundamentalismus. Im Kampf gegen die militanten Gotteskrieger der ISIS entsteht ein großes „Wir“ über den krisengeschüttelten Gesellschaften des Westens. Sogar der Aushilfs-Schurke Putin und der Ukraine-Konflikt verblassen dagegen und treten in den Hintergrund. ISIS sei Dank, können „Wir“ all die anderen Probleme vergessen.

Ist das nicht wunderbar: Ein vom Westen selbst mit geschaffener und aus der Flasche gelassener Geist dient nun dazu, uns alle im Kampf gegen ihn zu einen! Im Schlagschatten dieses neuerlichen Anti-Terror-Kampfes breiten sich islamophobe Einstellungen wie ein Flächenbrand aus. Am Sonntagabend lieferte Günther Jauch ein Beispiel dafür, als er die Zuschauer, die einem in die Sendung eingeladenen Imam gelegentlich Beifall spendeten, als von diesem mitgebrachte Claqueure bezeichnete. Endlich haben wir wieder einen Feind!

„Nach dem Sieg hat man es mit sich selbst zu tun“, sagte Toqueville. Man sucht verzweifelt nach einem neuen Widerpart. Die Schwierigkeit, hinter der Nebelwand diffuser Bedrohungen einen robusten politischen Feind zu verorten, ist einer der Gründe dafür, dass Aggressionen sich mehr und mehr blind und ziellos entladen. Moderne Nationalstaaten sind immer weniger in der Lage, eine bestimmte Zentralgefahr in der Gestalt eines Feindes zu unterstellen, um im Anschluss daran legitime und illegitime Ängste zu unterscheiden und entsprechende Loyalitätsleistungen zuzumuten. Seit die Teilung zwischen Ost und West nicht mehr existiert und kein feindlicher Block mehr auszumachen ist, den wir für unser Unglück verantwortlich machen können, hat sich der Feind fortgepflanzt in eine Vielzahl kleiner und mittlerer Satane, die in allen möglichen Formen und Gestalten auftreten können. Der „Weltkommunismus“ war der Feind, der hätte erfunden werden müssen, wenn er nicht schon vorhanden gewesen wäre – ein Feind, dessen Stärke die Verteidigungswirtschaft und die Mobilisierung des Volkes im nationalen Interesse rechtfertigte und es erlaubte, die innerkapitalistischen Konflikte und Spannungen zu verdrängen.

Früher einmal stand der Feind vor allem im Osten, jetzt lauert er überall. In der Zeit des sogenannten Kalten Krieges wurden persönliche Ängste vor Zerrüttung ebenso wie familiäre Dramen mühelos dem Ost-West-Konflikt aufgebürdet und in seinen Termini ausgedrückt und buchstabiert. Eine politische Entspannung kann psychisch gerade die gegenteiligen Folgen haben: Verschwindet ein Feind durch Entspannung oder Kapitulation, schwindet auch die Möglichkeit, eigene Konflikte auf ihn abzuwälzen. Das Bild des „Bösen“, das uns in Gestalt des jeweiligen Sündenbocks und Feindes präsentiert wird, ist das beste Gefäß für alle möglichen Bedrohtheits- und Unsicherheitsgefühle. Denen wären wir ausgeliefert, hätten wir nicht den jeweiligen „Feind der Saison“, der uns eine Verschiebung unserer diffusen Ängste ermöglicht, diese konkretisiert und im Kampf gegen die vermeintliche Angstquelle zugleich beruhigt. „Wir tun etwas, um das Übel zu beseitigen“, ist ja die Botschaft, die Obama verkündet. Nun werfen wir wieder Bomben. Den ISIS-Kämpfern am Boden zu begegnen, uns ihnen zu stellen und in die Augen zu sehen, sind wir zu feige. Wir lösen solche Probleme aus der Luft, machen uns die Hände und Uniformen nicht blutig. Den Kampf am Boden überlassen wir den kurdischen Peschmerga-Milizen, denen wir Waffen schicken. Lange Zeit waren die Kurden der Inbegriff des Schrecklichen, jetzt sind sie plötzlich die Repräsentanten des Guten und unsere tapfere Vorhut.

Wolfgang Lieb


Textquelle: NACHDENKSEITEN – zum Artikel

Beitragsbild: «Feindbild» – www.gutezitate.com

 

Weltkrieg, “Urkatastrophe” und linke Scheidewege

von Stefan Bollinger

Mit dem Niedergang von Realsozialismus und Ostblock wird Geschichte neu geschrieben. Lückenlos. Verorteten einst Marxisten-Leninisten in der Oktoberrevolution einen Epochenanfang, dem nachhaltigsten und gewaltsamstem Ausbruch aus dem 1. Weltkrieg – was unter je eigenen Vorzeichen als Beginn eines Weltbürgerkriegs bis in die Rechte hinein akzeptiert wurde –, so wird nun die “große Unübersichtlichkeit” der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart weit in die Vergangenheit transferiert. Zugleich wird Eric Hobsbawms Diktum vom “Zeitalter der Extreme” [1] in diesem ideologischen Kampf um Geschichtsdeutung und Sicherung der heutigen kapitalistischen Politik verfälscht: Es sei ja eine von linken wie rechten Totalitarismen geprägte Zeit, die erst mit der assistierten “Selbstbefreiung” des Ostblocks 1989/91 glücklich zu Ende ging.

Das Jubel- und Erinnerungsjahr 2014 wird so zur glücklichen Fügung, in der die Jahrestage von 1914, 1939 und 1989, dazu noch 2004 (EU-Osterweiterung) zusammenfließen. Die “Stiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur” kann so das Konzept dieser Erinnerungspolitik rechtzeitig festschreiben:

“2014 lässt sich somit aufzeigen, wie die Geschichte von Demokratie und Diktatur im Europa des 20. Jahrhunderts miteinander verflochten sind. Der Blick auf die europäische Zeitgeschichte vermag das Verständnis dafür zu schärfen, dass die ökonomischen Probleme der europäischen Gegenwart vor dem Hintergrund der unseligen gemeinsamen Vergangenheit lösbar sind und gemeinsam gelöst werden müssen […]. Eine Perspektive auf die europäische Zeitgeschichte, die die Jahre 1914/1939/1989 verbindet, kann dazu beitragen, die europäische Erinnerungskultur zusammen zu führen, in der die Teilung Europas vor 1989 bis heute fortbesteht.” [2]

Die Stiftung scheut keine Kosten und Mühen, das Jahr 2014 mit einer Wanderausstellung und reichlichem Druckmaterial zu begleiten. Gemeinsam mit dem Münchener “Institut für Zeitgeschichte” wird versprochen zu “zeigen, wie die ‘Urkatastrophe’ des 1. Weltkriegs mit ihrer Gewalterfahrung den Aufstieg der totalitären Bewegungen im 20. Jahrhundert begünstigt” habe. Letztlich erzählt die Ausstellung “Diktatur und Demokratie im Zeitalter der Extreme” “Europas 20. Jahrhundert als dramatische Geschichte zwischen Freiheit und Tyrannei, zwischen Demokratie und Diktatur” [3].

Dieser Weg des Triumphs der Demokratie muss kritisch unter die Lupe genommen werden, wozu sich das Jubiläum 1. Weltkrieg zwangsläufig anbietet. Dabei werden 2014 die Erinnerungen und (Neu-)Bewertungen des ersten großen Krieges des 20. Jahrhunderts zentral sein. Wobei ein nahtloser Übergang auch zu einer Erinnerung an den folgenden Weltkrieg Nummer Zwei als Revanche-Krieg des Verlierers wesentlich sein wird. Letzterer wird dabei zweifelsohne als ein Krieg beschrieben werden, der von zwei Paria der Weltgemeinschaft, von Hitlers Deutschland im Bündnis mit Stalins Sowjetunion verursacht wurde – gegen die Demokratien Europas. Beide Diktatoren werden als Produkt dieser Urkatastrophe deklariert. Nicht untypisch, wenn auch etwas grotesk ist das anekdotenhafte Beschreiben einer möglichen Begegnung des Bildermalers Adolf Hitler und des Berufsrevolutionärs Josef Stalin im Park des Wiener Schlosses Schönbrunn. Dank des hochgelobten Bestseller-Autor Florian Illies wird die sonst noch heile, obschon fragile Welt des Jahres 1913 zum Panoptikum glücklicher wie unglücklicher Intellektueller am Ende der Belle Époque, wird die totalitarismusschwangere, natürlich unbelegte Begegnung der künftigen Diktatoren zur ernst gemeinten Farce. So liefert auch das Feuilleton zeit- und termingerecht das Gewünschte. [4]

Streit um Geschichte ist Streit um Gegenwart

Jean_Jaures_Reformsozialismus_SozialismusDiverse Historiker, eher Männer als Frauen, und Organisationen erinnern sich jener Ereignisse vor 100 Jahren, die damals und für die Zwischenkriegszeit, aber auch noch für die Auseinandersetzungen im und nach dem 2. Weltkrieg relevant schienen. Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks sind die erledigt geglaubten Nationalismen wieder aufgetaut und schaffen neue Feindschaften. Gleichzeitig sucht eine künstlich belebte Europa-Euphorie einstige Gräben zuzuschütten, während dank Weltwirtschafts- und Euro-Krise teilweise genau in den damals als Pulverfass wirkenden Regionen diese Gräben und das Ringen um zumindest europäische Vormacht neu aufbrechen. Dabei zeichnen sich einige zentrale Verständnislinien ab, die für eine kritische, emanzipatorische Theorie, Geschichtspolitik und Politik eigentlich Anlass zum Gegenhalten sein müssten. Dies zumal, weil Anlässe und faktische Auslöser des Krieges – Stichwort Attentat von Sarajewo am 28. Juni 1914 – wenig mit den tieferen Ursachen von Krieg und imperialistischer Konkurrenz zu tun haben. Nicht zuletzt auch deshalb, weil selbst diese Attentats-Auswahl selektiv ist und zum Verständnis jener Konstellation von 1914 zumindest für die Linke ein zweites Attentat, jenes auf den französischen Sozialistenführer Jean Jaurès [s. Foto] am 31. Juli in Paris, hinzugezogen werden müsste. Der vehemente Kriegsgegner wurde von einem Nationalisten [Raoul Villain] – natürlich ungesühnt – ermordet, der Linken wie den Pazifisten ihre Grenzen gewiesen. “Kaltes Blut tut not”, Jaurès Aufmacher für die “L’Humanité” von diesem Tage verhallte ungehört. [5]

In heutigen Sichtweisen auf den 1. Weltkrieg ist es schwierig, die wirklichen sozialen, ökonomischen, ideologischen und machtpolitischen Konstellationen zu erfassen, gar Grundmechanismen von Kapitalismus und Imperialismus. Einstige marxistische Darstellungen sind verdrängt und vergessen. Selbst ihre Autoren erinnern vor allem der Grenzen und Einseitigkeiten parteipolitischer Korrektheit. [6] Dadurch ging manch komplexerer Zug von Ereignissen, Organisationen und Personen verloren, weniger die klare sozioökonomische Verordnung des Krieges, seiner Anstifter und Profiteure. [7] Es gibt gute neuere Gesamtdarstellungen mit dem besonderem Schwerpunkt auf die politischen und militärpolitischen Aspekte, [8] es greifen konzentrierte Gesamtdarstellungen nicht zuletzt auch aus deutscher Sicht, [9] es gibt gar kritische Versuche linksliberaler Suche nach den Kriegsursachen [10], die aber schon jenseits des Mainstreams ihre Leser finden müssen. Neuerdings überlagert eine gesteuerte Bestsellermanie um Christopher Clarks “Schlafwandler”  [11] alle Diskussion jenseits einer historisch-kritisch, sozial-ökonomisch fundierten, geschweige denn marxistischen Analyse. Dagegen finden sich bei manchen Autoren, die die Kriegs- und Gewaltprozesse des 20. Jahrhunderts kritisch analysieren durchaus bedenkenswerte Einsichten  [12] und der Blick auch auf die Kriegsgegner [13]. Hier können die für die politische und theoretische Auseinandersetzung mit dem Krieg relevanten Verständnislinien nur skizziert werden:

Erstens wird der Krieg von 1914 als Bruch in einer eigentlich friedlichen, demokratischen, sich gar sozialistisch-sozialdemokratisch entwickelnden europäischen Welt eines langen Friedens mindestens seit 1871 interpretiert. Ein genauerer Blick lässt erkennen, dass selbst diese eurozentristische Sicht bewusst in die Irre leitet. Der Focus richtet sich vor allem auf das Neben- und Zusammenleben dreier zivilisierter Mächte – Deutsches Reich, Frankreich, Großbritannien, dazu einige zentraleuropäischer Staaten. Da interessieren die permanenten Kriege an der Peripherie Europas, insbesondere auf dem Balkan nur insofern, als ihr erneutes Aufflackern 1911-1913 den Glutfunken für die Zündschnur zum großen Knall lieferte. Der Balkan und speziell die serbische Frage werden zum Nabel der Welt. In dieser Region trafen die unterschiedlichen Interessen der Großmächte aufeinander, insofern wirkte sie als Katalysator [14], aber eben nicht als Ursache dieser imperialistischen Konflikte. Dabei wird ausgeblendet, dass vermeintlich so zivilisierten Länder weltweit, mitunter gemeinsam, gelegentlich in Wettbewerb und Konfrontation Kriege in und um Kolonien und abhängige Gebiete führten.

Jede der 1914 beteiligten Armeen, vom British Empire bis zum heimtückisch überfallenen neutralen Belgien, hatte Blut sehr ungleicher Kampfhandlungen in der später so apostrophierten 3. Welt an den Händen zu kleben. Es waren Kriege, die, wenn auch oft etwas verstiegen, für ökonomische Ziele, um Rohstoffe und Märkte geführt wurden. Die heute beschworene Friedensordnung der Vorkriegszeit ist die einer bis dato mehr oder minder austarierten Ordnung der Großmächte, die den langen Frieden vor allem als eine langfristige Vorbereitung auf einen künftigen Waffengang zur eigenen Expansion betrieben. Dafür rüsteten sie zu Lande und zur See, bald auch in der Luft und schmiedeten oft brüchige Allianzen – zwischen Dreibund (Deutschland, Österreich-Ungarn, Italien) und Triple Entente (Frankreich, Russland, Großbritannien). Diese Bündnisse erwiesen sich im Ernstfall als nicht unbedingt zuverlässig (Italien schwenkt nach kurzer Neutralität 1915 zur Entente). Ausschlaggebend waren machtpolitische und wirtschaftliche Interessenlagen und vor allem Möglichkeiten. Die “Völkergefängnisse” Österreich-Ungarn, Osmanisches Reiches und Russisches Reich waren mit nationalen und sozialen Konflikten geschlagen. Sie suchten, ihre Einflusszonen zu behaupten, was sie speziell am Balkan aufeinandertreffen ließ – mit oft fragilen, aber reinweg kampfeslüsternen Verbündeten. Die zaristische Selbstherrschaft war zudem nach dem Krieg mit Japan und der Revolution von 1905 in ihren Grundfesten erschüttert. Andere einstige Großmächte in Europa (Spanien) oder in Asien (China) waren lange ausgeschaltet, hatten nach Niederlagen gegenüber den USA bzw. Japan kaum Spielräume. Mit beiden letzteren Mächten, vor allem der “virtuellen Großmacht” USA [15], deutete sich eine in Europa nur vage, vielleicht als “gelbe Gefahr” erahnte grundsätzliche Machtverschiebung zu Lasten des alten Kontinents an. Frankreichs (trotz der Niederlage 1870) und Großbritanniens Macht und Kolonialreiche waren unumstritten. Ihre Probleme lagen in den Kolonien, für die Briten selbst am anderen Ufer der Irish Sea.

Bündnissysteme vor dem Ersten Weltkrieg:

Dreibund (Deutschland, Österreich-Ungarn, Italien*).

Triple Entente (Frankreich, Russland bis nach der Oktoberrevolution 1917, Vereinigtes Königreich Großbritannien und Irland)

Neutrale

* Das Königreich Italien gehörte bis 1915 zum Dreibund, trat aber 1914 nicht in den Krieg ein. Stattdessen erklärte Italien 1915 seinem vormaligen Bündnispartner Österreich-Ungarn den Krieg.

Alianzen_in_Europa_1914_Erster_Weltkrieg_1918_Dreibund_Deutschland_Triple_Entente_Military_alliances_Imperialismus

Indes trat seit 1871 das Deutsche Kaiserreich mit “Blut und Eisen” als neue Großmacht mit dem damals dynamischsten Wirtschaftswachstum, wachsendem Wohlstand und unbändigem Expansionsdrang auf die Tagesordnung. Was 1887 noch vage Zukunftsmusik schien, als der spätere Reichskanzler Bernhard von Bülow unter Bravo-Rufen der Reichstagsabgeordneten verkündete, “wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne” [16], war bald Realität – in den deutschen Rüstungsschmieden, die weltweit verkauften, in den deutschen Kasernen und nun auch auf den Ozeanen. Nach des Kaisers Palästinareise (1898) und vor allem dem Bau der Bagdad-Bahn (ab 1903), dem deutschen Engagement bei der Niederwerfung des Boxeraufstands 1900, der “Pazifizierung” der wenigen deutschen Kolonien, dem “Panthersprung” nach Agadir (1911) halfen auch die vermeintlich guten Verwandtschaftsbeziehungen der Herrschaftshäuser und die intellektuelle Freizügigkeit wenig. Der Kuchen musste neu verteilt werden. Ein russischer Revolutionär schrieb später:

“Für den Imperialismus ist gerade das Bestreben charakteristisch, nicht nur agrarische Gebiete, sondern sogar höchst entwickelte Industriegebiete zu annektieren (Deutschlands Gelüste auf Belgien, Frankreichs auf Lothringen), denn erstens zwingt die abgeschlossene Aufteilung der Erde, bei einer Neuaufteilung die Hand nach jedem beliebigen Land auszustrecken, und zweitens ist für den Imperialismus wesentlich der Wettkampf einiger Großmächte in ihrem Streben nach Hegemonie, d.h. nach der Eroberung von Ländern, nicht so sehr direkt für sich als vielmehr zur Schwächung des Gegners und Untergrabung seiner Hegemonie (für Deutschland ist Belgien von besonderer Wichtigkeit als Stützpunkt gegen England; für England Bagdad als Stützpunkt gegen Deutschland usw.).” [17]

Berlin war eine akute politische Bedrohung für die anderen Mächte. Trotz einer achtbaren pazifistischen Friedensbewegung mit Bertha von Suttner, Norman Angell und anderen bürgerlichen Aktivisten, trotz einer sich antimilitaristisch und internationalistisch erklärenden ArbeiterInnenbewegung, trotz der Versuche, dem Krieg seine Schrecken durch internationale Verträge zu nehmen: Es war nur ein langer Frieden, in dem sich die Herrschenden, die Unternehmer, vor allem die Militärs und nicht wenige Intellektuelle auf einen neuen Krieg vorbereiteten. Zudem ist nicht zu übersehen, dass diese Friedensordnung zumindest im Herzen Europas mit dem Tod von zehntausenden Männern und Frauen der Kommune in Paris 1871 eingeleitet wurde. Über alle nationalistischen Dünkel hinweg wussten deutsche Autokraten wie französische Demokraten, dass der wirkliche Feind im Zweifel im eigenen Land gegen sie stehen wird. Die Kommunarden waren Opfer eines Klassenkrieges, der nun in neuer Weise neben die Kriege und Metzeleien der nationalistisch drapierten Eroberungskriege trat.

Pyramide-des-kapitalistisches-Systems_Kapitalismuskritik_Klassenkampf-Kritisches-NetzwerkZweitens ist das expansive Bestreben der meisten der Großmächte mit veränderten innenpolitischen Bedingungen verbunden. Starke ArbeiterInnenbewegungen und linke Parteien suchten Einfluss und Macht zu gewinnen. Sie taten dies mit unterschiedlicher Radikalität und waren mit differenzierten Gegenstrategien der Herrschenden konfrontiert. Zwischen der Russischen Revolution von 1905 und dem Millerandismus  [18] des Klassenkompromisses lagen Welten. Beide Prozesse verweisen aber auch auf die Schwierigkeiten des Übergangs zum Monopolkapitalismus und den Konflikt zwischen revolutionärem oder reformistischem Strategien gegen den Kapitalismus wie den Gegenstrategien der Herrschenden. Noch schien die Sozialdemokratie entschlossen, die Verhältnisse umzustürzen und sah die Gefahr eines großen Krieges, der all ihre Fortschritte zunichtemachen würde. Dagegen waren sie grenzüberschreitend bereit zu kämpfen, wie der Stuttgarter Sozialistenkongress 1907 als Grundsatz festschrieb:

“Droht der Ausbruch eines Krieges, so sind die arbeitenden Klassen und deren parlamentarische Vertretungen in den beteiligten Ländern verpflichtet …, alles aufzubieten, um durch die Anwendung der ihnen am wirksamsten erscheinenden Mittel den Ausbruch des Krieges zu verhindern, die sich je nach der Verschärfung des Klassenkampfes und der Verschärfung der allgemeinen politischen Situation naturgemäß ändern. Falls der Krieg dennoch ausbrechen sollte, ist es die Pflicht, für dessen rasche Beendigung einzutreten und mit allen Kräften dahin zu streben, die durch den Krieg herbeigeführte wirtschaftliche und politische Krise zur Aufrüttelung des Volkes auszunutzen und dadurch die Beseitigung der kapitalistischen Klassenherrschaft zu beschleunigen.” [19]

Dennoch war dieser Resolutionstext nicht unumstritten und vorsätzlich so vage gefasst. Sowohl die russischen Sozialdemokraten wollten Verschärfungen als auch die französischen. Letztere wollten die Kampfmethoden klar benannt haben. August Bebel wandte sich gegen “Uniformregeln”. Wortreich wurde vor den Delegierten betont, dass die deutschen Sozialdemokratie dies “nicht aus Furcht vor Verfolgungen getan hätten”. Vielmehr waren es “die Bedürfnisse der Partei […], die uns veranlassten, eine andere Form zu wählen, die unseren Notwendigkeiten entsprach”. [20] Sieben Jahre später wurde manches klarer, auch die Folgen des unabgeschlossenen Ringens mit revisionistischen und überzogen reformistischen Positionen. Die SPD war wie die Genossen in den meisten europäischen Staaten von den Aussichten des Parlamentarismus beeindruckt, begriff sich in weiten Teilen mehr und mehr als staatstragend. Dies, obwohl trotz erheblicher Stimmgewinne der Zugang zur Macht bis zum Kriegsende verwehrt bleiben sollte. Trotzdem wurden die Klassenkämpfe auch in den scheinbar zivilisierten europäischen Staaten oft hart ausgetragen, war der Einsatz der repressiven Gewalt schnell zur Hand. Nicht nur in Russland, auch in Deutschland schwebte ständig die Gefahr einer gewaltsamen Unterdrückung über der Linken.

Konkretheit der Analyse

Herrschaft_Macht_Widerstand_Tyrannei_Diktatur_UnterdrueckungDrittens verschwimmt dank vielfältiger Forschungen und dem Streben, eine andere Geschichtsinterpretation durchzusetzen wieder die Schärfe der Analyse zu Ursachen, Interessenlagen und Strategien, die schließlich zum großen Krieg führten. Bezeichnend ist die Einsicht Clarks, den nicht das “Warum”, sondern nur noch das “Wie des Weges” in den Krieg interessiert. [21] Letztlich dürfte seine aktuell hochgekochte “Schlafwandler”-These dominieren. Sie entspricht dem positivistischen Zeitgeist, bedient das Personalisieren von Geschichte, scheint Parallelen zu heutiger Politikinterpretation zu bieten – und wird massiv medial verbreitet. Überforderte Politiker (und heute auch Politikerinnen) schlittern in einen Krieg, in dem Sachzwänge alle Schritte bis hin zum großen Kladderadatsch vorbestimmen. Was bewegt da die lange Vorbereitung auf den Krieg, die Interessen der Rüstungsindustrie, was bedeutet da die militärstrategische, materielle, ideologische Zurichtung der Gesellschaften in allen Großmächten. [22] Wozu bedarf es da einer kritischen Hinterfragung des Chauvinismus und Militarismus, die keineswegs nur deutsche Spezifika waren. Da braucht es dann keiner Imperialismustheorien, keines John A. Hobson, keiner Rosa Luxemburg oder gar eines Wladimir Iljitsch Lenins – wobei letzterer im Krieg selbst dessen sozialökonomische Logik sezierte und beschrieb. [23]

So bleibt kein Platz für die sozialökonomische Logik, die sich aus der imperialistischen Entwicklung, hier der großen Staaten, und ihren Interessenlagen ergab – die Expansion notwendig machte zumal für die, die zu spät gekommen waren. Dabei dominierte damals der offene militärische Einsatz, weniger das Setzen auf die ökonomischen Argumente eines stealth imperialism [24], wobei dessen Methoden, wie der Bau der Bagdad-Bahn zeigte, durchaus bekannt und zielführend sein konnten. Allerdings auch mit der Sonderheit, dass das Deutsche Reich mit seinem Engagement im Nahen und Mittleren Osten sowie auf dem Balkan überfordert war. Indirekt stellt sich naturgemäß auch die Frage, ob 1918 die Phase des Imperialismus beendete, was heute Gemeinplatz ist, oder ob genau diese imperialistische, expansive Profitmacherei zum Wesensmerkmal kapitalistischer Politik und Wirtschaft gehört. Auf jeden Fall ging es nicht um das Retten der Demokratie und Verhindern despotischer Diktatur. Abgesehen davon, dass alle Kriegsparteien sich wahlweise jeweils der Demokratiefeindschaft bezichtigten – der Kaiser den Zaren, Paris und London den Kaiser usw. usf. machten alle Kriegsbeteiligten selbst den Weg zur faktischen Militärdiktatur durch.

Viertens stellt sich in diesem Kontext die Frage nach der Kriegsschuld. Im Zuge des Neuschreibens der Geschichte, zumal der deutschen, bahnt sich eine Entschuldung des Deutschen Reiches wie ihrer politisch und wirtschaftlich herrschenden Klassen an. Dabei steht die Frage nach der besonderen Verantwortung jener Mächte, die jenseits der zwar tödlichen, aber doch sekundären Konflikte auf dem Balkan tatsächlich Expansionsbedingungen global suchten. Das betraf zuerst jene, die zu spät gekommen waren, um ihren “Platz an der Sonne” zu gewinnen. Logischerweise war dies für das Deutsche Reich von zentraler Bedeutung und erst nach Jahrzehnten der Verharmlosung und Schuldleugnung mit Fritz Fischers “Griff nach der Weltmacht” [25] endlich geschichtsnotorisch gemacht. Genau dies wird heute in multikausalen Ansätzen aufgelöst. Der Versuch einer Neuaufteilung der Welt durch das zu spät gekommene Deutsche Reich entfesselte einen Weltkrieg, indem die anderen imperialistischen Mächte begierig und mit eigenen Interessen eingriffen. Darum standen Wilhelm II. und die Militärs der K.u.k.-Monarchie bei.

Theobald_von_Bethmann_Hollweg_Erster_Weltkrieg_1914_1918_Kaiserreich_Sozialdemokratie_Konservatismus_Imperialismus_Reichskanzler_Wilhelm_II_Bundesarchiv_Bild_146-1970-023-03Das keiner der Beteiligten den Krieg bekam, den er wollte und den bald jubelnde Massen erhofften, lag in der Logik der Sache. Verständlich ist auch, dass diese Logik unter dem Eindruck der Nachgeschichte des 1. Weltkriegs und des Weges in den 2. zumindest für Deutsche kaum zu verdrängen sein sollte. Das allerdings ist eine zusätzlich Bürde, die dem Wunsch und der Realität deutscher nationaler Normalität und Hegemonie in der Gegenwart im Wege steht. Wer will schon immer die Pickelhaube und das Hakenkreuz vorgehalten bekommen, wenn deutsche Euros und Rettungsrezepte für Ordnung und Abhängigkeit sorgen. Immerhin könnte sich eine solche Sicht auf Normalität auf die weitsichtigen Europa-Ideen der Reichsleitung berufen. In seinen im September 1914 aufgeschriebenen Kriegszielen warb Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg [s. Foto] “Es ist zu erreichen die Gründung eines mitteleuropäischen Wirtschaftsverbandes durch gemeinsame Zollabmachungen, unter Einschluss von Frankreich, Belgien, Holland, Dänemark, Österreich-Ungarn, Polen und eventl. Italien, Schweden und Norwegen. Dieser Verband, wohl ohne gemeinsame konstitutionelle Spitze, unter äußerlicher Gleichberechtigung seiner Mitglieder, aber tatsächlich unter deutscher Führung, muss die wirtschaftliche Vorherrschaft Deutschlands über Mitteleuropa stabilisieren.” [26] Davor stehe allerdings die dauerhafte Niederwerfung und Ausplünderung Frankreichs, das Herausdrängen Russlands einschließlich des Brechens der russischen “Herrschaft über die nichtrussischen Vasallenvölker”, die Verwandlung Belgien in einen “Vasallenstaat”, Annexionen in Frankreich (Erzbecken von Briey) und Belgien (Lüttich und Verviers), der Anschluss Luxemburgs usw. [27] Später machte Friedrich Naumann  [28] diese Europa-Idee weiter hoffähig. Es schert heute wenig, dass sie bis 1945 zur deutschen Vorherrschaft und nach 1945 zur antikommunistischen Blockbildung gebraucht wurde, ohne das Linke wirklich dieses Europa zu prägen vermochten.

Freilich steht ein solches Betonen einer deutschen Kriegsschuld oder zumindest einer hervorgehobenen Mit-Schuld im Kontrast zu linker Politik. Für die war diese Frage im Unterschied zu den Konfliktgegnern sekundär – auch im Blick auf die Friedensbewegung und die Linke. Sie machten hier keine großen Unterschiede, trieben doch alle Mächte, ihre Unternehmer, ihre Intellektuellen zum Krieg. Für die Kriegspropaganda war die Schuldfrage relevant, gab sie doch Argumente für die Vaterlandsverteidigung für alle Kriegsbeteiligte. Insofern war sie auch für die SPD wichtig, die nun alle Marx-Zitate zum russischen Despotismus hervorkramte. Die Schuldfrage wurde mit der Frage von Despotie und Unterdrückung noch verstärkt – ob gegen Russland oder Deutschland gerichtet. Nicht zuletzt wurde die Schuldfrage durch die einseitige Belastung Deutschlands die Grundlage für den Friedensvertrag von Versailles 1919, der die Gründe für neue Konflikte und Vertreibungen bot, vor allem aber für den Revanchekrieg eines deutschen Faschismus ebnete.

Unbenommen von diesen Einschränkungen ist jedoch die besonders aggressive deutsche Kriegsführung: Mit dem Brechen der Neutralität von Belgien und Luxemburg, Kriegsverbrechen gegen vermeintliche Franc-tireurs, mit frühzeitigen Luftbombardements, der aktiven Hinnahme des Völkermordes an Armeniern durch die verbündeten Osmanen, den Abnutzungsschlachten á la Verdun [s. Schlacht um Verdun], dem Ersteinsatz von Chemiewaffen und dem uneingeschränkten U-Boot-Krieg schrieb Deutschland Kriegsgeschichte und beschleunigte den Weg der Massenvernichtung für das 20. Jahrhundert. Nicht zuletzt erprobte Deutschland im Osten ein perfektes System der Unterwerfung “neuen Lebensraumes” gegenüber den eroberten Slawen wie der bolschewistischen Gefahr. [29]

Gegen den Krieg, gegen den Kapitalismus

Oktoberrevolution_Bolschewiken_Bolschewistische_Revolution_Lenin_UdSSR_Sozialismus_Kommunismus_Imperialismus_NeokolonialismusDas große Verhängnis des Krieges, das Zerplatzen aller Illusionen vom friedvollen Zusammenleben, aber auch von den Möglichkeiten einer organisierten proletarischen Bewegung war das Scheitern der Antikriegsbewegung(en) im August 1914. Es gab Resolutionen, Protestkundgebungen. Dann aber triumphierten Kriegspropaganda, Chauvinismus und Militarismus allerorten – auch unter Arbeitern und Arbeiterinnen, Parteimitgliedern und ihren Funktionären wie Intellektuellen – gleichwohl in Berlin, Wien, London, Paris oder St. Petersburg. Das Schicksal der bürgerlichen, pazifistischen Bewegung gehört dazu, aber noch mehr das Scheitern der Sozialdemokratie und der II. Internationalen. Sie ergriffen mit ihren Mitgliedern und Anhängern angesichts der Kriegsgefahr die Gelegenheit beim Schopfe, nun national und “staatstragend” werden zu können. Das galt für alle Linken mit der Ausnahme der Bolschewiki und der Bulgarischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (Engsozialisten).

Die erfolgreiche Manipulation der Gesellschaften und die nationalistische wie militaristische Verblendung wirkten in allen europäischen Ländern, aber eben auch in dem Land mit der stärksten Linken. Um den Preis der politischen Anerkennung durch die Herrschenden war hier die SPD in ihrer Mehrheit bereit, die Anti-Kriegspolitik auf dem “Feld der Ehre” zu opfern. Typisch ist jene Erklärung von Hugo Haase, dem Parteivorsitzenden, am 4. August 1914 bei der Zustimmung zu den Kriegskrediten:

“Wir lassen in der Stunde der Gefahr das eigene Vaterland nicht im Stich. Wir fühlen uns dabei im Einklang mit der Internationale, die das Recht jedes Volkes auf nationale Selbständigkeit und Selbstverteidigung jederzeit anerkannt hat, wie wir auch in Übereinstimmung mit ihr jeden Eroberungskrieg verurteilen […]. Wir hoffen, dass die grausame Schule der Kriegsleiden in neuen Millionen den Abscheu vor dem Kriege wecken und sie für das Ideal des Sozialismus und des Völkerfriedens gewinnen wird.” Davon “geleitet, bewilligen wir die geforderten Kriegskredite”. [30]

In Deutschland fand sich hierfür der Begriff der “Burgfriedenspolitik“, der aber nicht abdeckt, dass einflussreiche Sozialdemokraten sich längst in der Verantwortung für die bestehende Ordnung und längerfristige Reformen in ihr sahen. Wilhelm II. kannte nun sowieso keine Parteien mehr, sondern nur noch Deutsche. [31]

Allerdings bewegte die Kriegsgegner, zumal die Linke, die Kriegsschuld weniger, wenn man die Positionen der radikalen Kräfte rekapituliert. Sie waren überzeugt, dass allein der Kampf gegen die jeweiligen nationalen Kriegstreiber Frieden bringen konnte. Dass hier die radikale Linke Lenins vorpreschte und die letzte Konsequenz der Umwandlung der imperialistischen Krieges in eine Revolution beschritt, war eine Option, die dann tatsächlich eine neue historische Situation mit Chancen wie Risiken eröffnete. In Konfrontation mit den anderen linken Parteien und im Bruch mit erheblichen Teilen der sich zur “Vaterlandsverteidigung” bekennenden Sozialdemokratie in Russland ließ Lenin keinen Zweifel, dass der reaktionäre Charakter des Krieges und seine sozialen Folgen die Stimmung anheizen würden.

“Es ist unsere Pflicht, diese Stimmungen bewusst zu machen, zu vertiefen und ihnen Gestalt zu geben. Diese Aufgabe findet ihren richtigen Ausdruck nur in der Losung: Umwandlung des imperialistischen Kriegs in den Bürgerkrieg, und jeder konsequente Klassenkampf während des Krieges, jede ernsthaft durchgeführte Taktik von ‘Massenaktionen’ muss unvermeidlich dazu führen. Man kann nicht wissen, ob eine starke revolutionäre Bewegung im Zusammenhang mit dem ersten oder mit dem zweiten imperialistischen Krieg der Großmächte, ob sie während des Krieges oder nach dem Kriege auf flammen wird, jedenfalls aber ist es unsere unbedingte Pflicht, systematisch und unentwegt in eben dieser Richtung zu wirken.” [32]

Karl_Liebknecht_Marxist_Antimilitarist_Deutsches_Kaiserreich_Reichstag_SPD_Karl_Marx_Erster_Weltkrieg_Imperilismus_Internationale_Spartakusbund_Attentat_1919_Rosa_Luxemburg_SozialdemokratieIn der Konsequenz unterschiedlich wird das Umfallen der Sozialdemokratie im Sommer 1914 zum Ausgangspunkt für eine dauerhafte Spaltung der organisierten ArbeiterIinnenbewegung und zum Bruch zwischen reform- und revolutionsorientierten Linken, zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten, wie sie bald heißen sollten. Mit den Konferenzen in Zimmerwald und Kienwald 1915 bzw. 1916 formierte sich mühsam eine internationale linke Zusammenarbeit gegen den Krieg und das Preisgeben der linken Friedensziele. In Deutschland war dies der Weg über die Gruppe Internationale, den Spartakusbund und die USPD bis hin zur Gründung der KPD. Karl Liebknecht, dessen Ablehnung der Kriegskredite am 2. Dezember 1914 endlich auch im Reichstag den offenen Bruch mit der Kriegspolitik und der SPD-Politik demonstrierte und Rosa Luxemburg wurden in Deutschland zu den herausragenden, aber auch verfolgten Führern einer Antikriegsbewegung und einer Neuformierung der Linken. Haase brach schließlich auch mit der SPD, wurde Mitbegründer der USPD und wie die beiden anderen 1919 Opfer eines Mordanschlages.

Zu den wichtigsten Erfahrungen dieser sich reorganisierenden antimilitaristischen, internationalistischen ArbeiterIinnenbewegung wie auch pazifistischer Kräfte und vieler einfacher Soldaten, Bürger und Bürgerinnen, insbesondere der Arbeiterfrauen gehörte, dass Widerstand schwierig, aber möglich war. Das belegt nicht allein das private Ausbrechen von tausenden Soldaten Weihnachten 1914 [33] oder das Handeln anarchistischer Arbeiter [34] und die vielfältigen Protest- und Widerstandshandlungen desillusionierter, oft schlich hungernder Frauen und Jugendliche. Dazu gehörten in deutscher Perspektive die Streiks 1916, 1917, der Munitionsarbeiterstreik 1918, der Aufstandsversuch in der Hochseeflotte 1917. In Österreich kam es 1918 zum Jännerstreik, hinter den französischen Linien wurde 1917 gemeutert und gestreikt, selbst im fernen Australien gab es im gleichen Jahr einen Generalstreik. Nicht zuletzt erwiesen sich die russischen Revolutionen 1917, vor allem die Oktoberrevolution mit ihrem “Dekret über den Frieden”, als wichtige Katalysatoren von Antikriegsbewegung wie sozialem Umbruch.

Urkatastrophe als Zäsur und Katalysator

Set drei Jahrzehnten macht der Begriff “Urkatastrophe” als Synonym für den 1. Weltkrieg seine Runde. Georg F. Kennan, einst einer der “Erfinder” des Kalten Krieges, kam in seinem späteren Leben zu Einsichten, die nicht nur die Blockkonfrontation als Irrweg ansahen. Er untersuchte auch den Zusammenbruch jener feingestrickten, auf Ausgleich bedachten Sicherheitsarchitektur des alternden Reichskanzlers Otto von Bismarck, die seine Nachfolger angesichts der sich neu eröffnenden globalen Perspektiven so leichtfertig zerstörten. In diesem Kontext schrieb er:

“Viel später, nach Jahren im kommunistischen Russland und nationalsozialistischen Deutschland und angesichts des Phänomens des Zweiten Weltkrieges, wurde mir klar, in welch überwältigendem Maß die entscheidenden Zeiterscheinungen der Spanne zwischen den beiden Kriegen – der russische Kommunismus und der deutsche Nationalsozialismus – wie auch der Zweite Weltkrieg selbst das Resultat jener ersten großen Vernichtungskatastrophe von 1914/1918 waren: Die Rache der Natur, wenn man so will, für das entsetzliche Verbrechen am Ablauf des menschlichen Lebens, das jene Massenvernichtung dargestellt hatte; jedoch, wie das offenbar in der Natur liegt, eine Rache an einer späteren, unschuldigen Generation. So kam ich dazu, den Ersten Weltkrieg so zu betrachten, wie ihn viele denkenden Menschen zu sehen gelernt haben: als die Ur-Katastrophe dieses Jahrhunderts, das Ereignis, in dem stärker als in irgendeinem anderen – mit Ausnahme der Entdeckung von Kernwaffen und der Entwicklung der Bevölkerungs- und Umweltkrise – Versagen und Niedergang unserer westlichen Zivilisation begründet liegen.” [35]

Auch wenn diese Ereignisse nicht als Naturprozesse, sondern als in der Natur einer profitdominierten Gesellschaft gesehen werden, in denen jedoch die politischen und sozialen Akteure ihre eigenen Entscheidungsspielräume haben, bleibt dieser besondere Charakter des Einschnitts von 1914/18 und seiner revolutionären wie konterrevolutionären Nachwehen. Dass dieser Krieg nur Teil einer Gesamtgeschichte, einer globalen Durchsetzung des Kapitalismus war, könnte unstrittig sein. [36] Hilfreich ist allerdings, genauer Einschnitte und neuen Qualitäten zu benennen, die diesen Krieg so prägend für die imperialistischen Rivalitäten und Klassenkämpfe einschließlich der alsbaldigen Systemauseinandersetzung mit den kommunistischen Ausbrechern machen sollte. Der Weltkrieg wirkte tatsächlich als “Urkatastrophe” des 20. Jahrhunderts. Und dies in mehrfach:

Zunächst war er der Beginn eines ungeheuren Zivilisationsbruchs, in dem Massenarmeen Krieg führten und in hoch industrialisierten, vermeintlich zivilisierten Ländern Verfahren der industrialisierten Massentötung – noch vor allem als Kriegsinstrument – praktizierten. Gewalt wurde Alltag für Millionen Männer und Frauen in Europa und zeitgleich in weiten Teilen der Welt. Die mühsam in den vorhergehenden Jahrzehnten gewachsene zivilisatorische Kruste zerbrach, Gewalt wurde selbstverständlich und so wurden alle anderen Konflikte in der Folge offen oder verdeckt ausgetragen oder drohten ausgetragen zu werden.

Gleichzeitig brachte dieser Krieg und das Verhalten der Linken ein verhängnisvolles, dauerhaftes, bis heute wirkendes Schisma zwischen vermeintlich staatstragend-reformorientierten, aber eben “vaterlandsverteidigenden” Linken und jenen hervor, die keine Alternative zum revolutionären Beenden von Krieg und Kapitalismus mehr sahen. Darüber hinaus ist festzustellen, so bedeutsam die Antikriegsaktivitäten während des Krieges waren, ihre Zuspitzung fanden sie regelmäßig und letztendlich im Versuch, bei teilweisem Erfolg einer gewaltsamen Antikriegspolitik durch Aufstände und schließlich Revolutionen. Vor allem brachte der Krieg den zumindest versuchten radikalen Bruch mit jenen, die für ihn verantwortlich gemacht wurden. Tatsächlich rollten die Kronen über das Pflaster und eine ganze Periode revolutionärer Aufbrüche und ihrer konterrevolutionären Niederschlagung durchzogen Europa, aber auch Kolonien und abhängige Länder. [37] Schließlich formierte sich in diesem gewaltsamen Ringen der extremste politische Ausdruck diese Urkatastrophe, faschistischer Bewegungen und Diktaturen, die den Weg in Richtung Sozialismus und umfassenderer Demokratisierung aufhalten wollten. Schlussendlich. Die Fortsetzung dieses Krieges und seines ungerechten Friedens von Versailles war in diesem Gemisch von Bekämpfung der Linken, neuem Nationalismus und Revanche die konsequente Folge. Dazu kann der Zusammenhang zu dem Revanchekrieg von 1939 hergestellt werden, in dem nun ein faschistisches Deutschland mit seinen Verbündeten die Folgen von Versailles und Russischem Oktober korrigieren wollte und gleichzeitig seinen Chauvinismus und Antisemitismus tödlich über Europa, Nordafrika und Asien zu stülpen suchte. Das wäre allerdings ein neues Kapitel, das vielleicht mit dem Ende des Kalten Krieges und der staatlich organisierten radikalen Linken geendet haben könnte.

Jupp Schleifstein hatte kurz nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus auf die Gemeinsamkeiten der Krisen der Linken ab 1914 und ab 1989 verwiesen. [38] Dieser Ansatz ist anregend. Denn von der radikalen Linken damals im harten Ringen in Gestalt kommunistischer Parteien und sich sozialistisch verstehender Revolutionen gefundene Lösungen haben sich als so problematisch erwiesen, dass sie das Material für den Zusammenbruch 1989/91 lieferten. Unverkennbar ist allerdings, dass der Rückblick auf das linke Versagen 1914 vor allem hochaktuelle Fragen offenbart, auf die es wieder keine einfachen Antworten – zumal nach den anderen Ereignissen des 20. Jahrhunderts – gibt: Wie “staatstragend” darf linke Politik im Kapitalismus sein, wieweit kann sie mit den Herrschenden zusammengehen, ohne sich zu verbiegen? Kann im Interesse eines gesicherten Platzes in Gesellschaft und politischem System die Analyse der kapitalistischen Ordnung, ihres Profitprinzips wie ihres Expansionismus, ihres Imperialismus abgeschwächt werden? Bedeutet das Verlagern der expansiven Züge der Profitrealisierung weg von offener militärischer Gewalt zu den Formen struktureller, nicht zuletzt ökonomischer Gewalt ein Ende des Imperialismus? Wie ernst muss linke Politik ihren antimilitaristischen, friedensorientierten Anspruch nehmen, wo sind mögliche Zugeständnisse zu machen? Wie muss linke Politik zu jenen Begründungen für militärische Mittel stehen, in denen es um die Verteidigung von Demokratie, Menschenrechten oder um die Beseitigung der Unterdrückung anderer Völker und Gruppen geht? Kann Europa bei einem gegebenen Kräfteverhältnis ein linkes Projekt sein?

Die Ursachen und Kämpfe des 1. Weltkrieges harren ihrer (Wieder-)Aneignung durch emanzipatorische Bewegungen. Manch gesicherte antiimperialistische Erkenntnis ist mit dem Zusammenbruch des Realsozialismus leichtfertig begraben worden. Es ist eine Zeit des Kampfes um Frieden und eines Kampfes um das politische Profil einer Linken. Es ist aber auch die Zeit der verhängnisvollen Entwicklung von Fortschritts- und Demokratiefeindlichkeit, von Konterrevolution und Terror.

Stefan Bollinger


Quelle:  Grundrisse – Zeitschrift für linke Theorie & Debatte > Artikel

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Bild- und Grafikquellen:

1. Beitragsbild “Warum gibt es eigentlich Kriege?” Grafikbearbeitung: Wilfried Kahrs / QPress

2. Jean Jaurès (* 3. September 1859 in Castres, Tarn, Frankreich; † 31. Juli 1914 in Paris) war ein französischer Historiker und sozialistischer Politiker sowie in seinem Heimatland einer der bekanntesten Vertreter des Reformsozialismus am Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts.

Als einer der profiliertesten Verfechter des Reformsozialismus auf humanistisch-pazifistischer Grundlage setzte sich Jaurès am Vorabend des Ersten Weltkrieges leidenschaftlich für die Sache des Pazifismus und gegen den drohenden Krieg ein. Bei Friedensdemonstrationen und im Parlament trat er für eine politische Verständigung mit Deutschland ein. Dafür war er bei der politischen Rechten verhasst. Sein Denken wurde von so unterschiedlichen Personen wie Pierre J. Proudhon, Auguste Blanqui, Karl Marx, Henri de Saint-Simon, Auguste Comte, Immanuel Kant, Johann Gottlieb Fichte, Ferdinand Lassalle oder Pjotr Alexejewitsch Kropotkin geprägt.

Unmittelbar vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde Jean Jaurès am 31. Juli 1914 in einem Pariser Café bei einem Attentat von dem französischen Nationalisten Raoul Villain ermordet. Nach dem siegreichen Krieg und entsprechend langer Untersuchungshaft wurde der Mörder des Kriegsgegners am 29. März 1919 von einem Geschworenengericht freigesprochen. Zudem wurden die Kosten der Witwe Jaurès’ aufgebürdet.

Foto: Nadar (* 6. April 1820 in Paris; † 21. März 1910 ebenda; eigentlich Gaspard-Félix Tournachon). Quelle: Wikimedia Commons. Dieses Werk ist gemeinfrei, weil seine urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist.

3. Europakarte: Bündnissysteme vor dem Ersten Weltkrieg. Bearbeitete Version: Wiki-User Furfur. Unbearbeitete Karte: Wiki-User Alphathon. Quelle: Wikimedia Commons. Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“ lizenziert.

4. Pyramide des kapitalistischen Systems. Eine Publikation des Industrie-Arbeiters (IWW) von 1911, die für die Organisation der Arbeiter wirbt. Sie zeigt eine der Kritiken am Kapitalismus. Sie basiert auf dem Flugblatt der „Union Russischer Sozialisten“, das 1900 und 1901 verteilt wurde. Autor / Künstler: nicht benannt. Veröffentlicht durch International Pub. Co., Cleveland, Ohio. Quelle: Wikimedia Commons.

5. “Die Grenzen des Tyrannen werden bestimmt durch die Leidensfähigkeit der Unterdrueckten”. Grafik: Wilfried Kahrs / QPress.de

6. Porträt Theobald von Bethmann Hollweg (* 29. November 1856 in Hohenfinow, Provinz Brandenburg; † 2. Januar 1921 ebenda) war ein deutscher Politiker in der Zeit des Kaiserreichs. Seine Karriere begann als Verwaltungsbeamter und gipfelte in der Amtszeit als Reichskanzler von 1909 bis 1917. Foto: Nicola Perscheid Dieses Bild wurde im Rahmen einer Kooperation zwischen dem Bundesarchiv und Wikimedia Deutschland aus dem Bundesarchiv für Wikimedia Commons zur Verfügung gestellt. Inventarnummer: Bild 146-1970-023-03. Quelle: Wikimedia Commons. Dieses Werk ist gemeinfrei, weil seine urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist.

7. Oktoberrevolution 1917: Der Bolschewik (Ölgemälde von Boris Kustodijew; 1920). Foto: Russian Avant-gard Gallery. Quelle: Wikimedia Commons. Dieses Werk ist gemeinfrei, weil seine urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist. Dies gilt für die Europäische Union und alle weiteren Staaten mit einer gesetzlichen Schutzfrist von 80 oder weniger Jahren nach dem Tod des Urhebers.

8. Briefmarke der Deutsche Post (Sowjetische Besatzungszone, 1949) zum 30. Todestag von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, Erstausgabetag: 15. Januar 1949. Quelle: Wikimedia Commons.

Fußnoten:

  1. Siehe Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts. München-Wien 1995.
  2. Wanda Ott/Ulrich Mählert: Editorial, in: Aufarbeitung aktuell. Ein Newsletter der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Berlin 2012, H. 2, S.1.
  3. Diktatur und Demokratie im Zeitalter der Extreme. Streiflichter auf die Geschichte Europas im 20. Jahrhundert. Eine Ausstellung des Münchner Instituts für Zeitgeschichte und der Bundesstiftung Aufarbeitung. o.O. o.J. (Berlin-München 2013), S.2 – http://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/uploads/2014-ausstellung/werbeflyer_web.pdf [09.11.2013 17:46].
  4. Siehe Florian Illies: 1913. Der Sommer des Jahrhunderts. Frankfurt/M. 2012.
  5. Siehe Volker Ullrich: Krieg dem Krieg. Ein Leben lang kämpfte Frankreichs Sozialistenführer Jean Jaurés gegen das große Morden – am Vorabend des Ersten Weltkriegs wurde er in Paris erschossen, in: Die Zeit. Hamburg 2009, H. 37, S.88.
  6. Siehe Fritz Klein: Die Weltkriegsforschung der DDR, in: Gerhard Hirschfeld/ Gerd Krumeich Irina Renz, (Hrsg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg. Paderborn-München-Wien-Zürich 2009, akt. u. erw. Studienausgabe, S.315-319.
  7. Siehe umfassend Fritz Klein: Deutschland im Ersten Weltkrieg. 3 Bd. Von einem Autorenkollektiv unter Leitung von Fritz Klein. Berlin 1970/71; Neuausgabe Leipzig 2004.
  8. Siehe u.a. Gerhard Hirschfeld/ Gerd Krumeich Irina Renz, (Hrsg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg. A.a.O.; Stephan Burgdorff/Klaus Wiegrefe (Hg.): Der Erste Weltkrieg. Die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. München 2004; Sönke Neitzel: Weltkrieg und Revolution 1914-1918/19. Berlin 2008; Oliver Janz: Der Große Krieg. Frankfurt/M.-New York 2013.
  9. Siehe z.B. Wolfgang J. Mommsen: Die Urkatastrophe Deutschlands. Der Erste Weltkrieg 1914-1918. Stuttgart 2002, 10., völlig neu bearb. A.; Jürgen Angelow: Der Weg in die Urkatastrophe. Der Zerfall des alten Europas 1900-1914. Berlin-Brandenburg 2010.
  10. Siehe Luciano Canfora: August 1914. Oder: Macht man Krieg wegen eines Attentats? Köln 2010.
  11. Siehe Christopher M. Clark: Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog. München 2013.
  12. Siehe z.B. Michael Howard: Der Krieg in der europäischen Geschichte. Vom Mittelalter bis zu den neuen Kriegen der Gegenwart. Bonn 2010, 2., akt. A.; James J. Sheehan: Kontinent der Gewalt. Europas langer Weg zum Frieden. Bonn 2008.
  13. Siehe Adam Hochschild: Der Große Krieg. Der Untergang des alten Europa im Ersten Weltkrieg 1914-1918 [Originaltitel: To End all Wars. A Story of Loyalty and Rebellion]. Stuttgart 2013.
  14. So die durchgängige Argumentation Christopher M. Clarks: Die Schlafwandler. A.a.O., z.B. S.703.
  15. Eric Hobsbawm: The Age of Empire. 1875–1914. London 1989, S.23.
  16. Bülow, Bernhard von: Deutschland und Haiti – Kiautschou. Sitzung des Reichstages vom 6. Dezember 1897, in: Fürst Bülows Reden nebst urkundlichen Beiträgen zu seiner Politik. Mit Erlaubnis des Reichskanzlers gesammelt und hrsg. von Johannes Penzler. 1. Bd. 1897-1903. Berlin 1907, S.8.
  17. Wladimir Iljitsch Lenin: Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus. Gemeinverständlicher Abriss, in: ders.: Werke. Bd. 22, Berlin 1960, S.273.
  18. Der Sozialist Alexandre Millerand trat 1899 in eine bürgerliche Regierung als Minister ein, fünf Jahre später trennte sich seine Partei von ihm. Seine Person und der Millerandismus standen um die Jahrhundertwende im Zentrum innerlinker Auseinandersetzungen nicht nur in Frankreich. 1914/15 war er französischer Kriegsminister. Der Millerandismus beschreibt die Einordnung sozialdemokratischer Politiker in die bürgerliche Politik (meistens eine Republik oder Demokratie) und in den kapitalistischen Staat. Das Aufkommen des Millerandismus rief starke Auseinandersetzungen zwischen den marxistischen Kräften und den Opportunisten in der französischen und in der internationalen Arbeiterbewegung hervor. Vor allem Rosa Luxemburg, die den Marxisten zuzuordnen ist, hatte eine starke Abneigung gegen den Millerandismus.
  19. Internationaler Sozialisten-Kongreß zu Stuttgart, 18. bis 24. August 1907. Berlin 1907, S.66.
  20. Ebd., S.67.
  21. Siehe Christopher M. Clark: Die Schlafwandler. A.a.O., S.17.
  22. Siehe exemplarisch zur Wirkungsweise dieser Nationalismen u.a. Volker Ullrich: Die nervöse Großmacht. Aufstieg und Untergang des deutschen Kaiserreichs 1871-1918. Frankfurt/M. 1997; Jakob Vogel: Nationen im Gleichschritt. Der Kult der “Nation in Waffen” in Deutschland und Frankreich 1871-1914. Göttingen 1997; Sabine Grabowski: Deutscher und polnischer Nationalismus. Der Deutsche Ostmarken-Verein und die polnische Straz 1894-1914. Marburg 1998; Andreas Wirsching: Vom Weltkrieg zum Bürgerkrieg? Politischer Extremismus in Deutschland und Frankreich 1918-1933/39. Berlin und Paris im Vergleich. München 1999.
  23. Siehe Stefan Bollinger (Hrsg.): Imperialismustheorien. Historische Grundlagen für eine aktuelle Kritik. Wien 2004.
  24. Chalmers Johnson: Blowback. The Costs and Consequences of American Empire. New York 2001, S.65.
  25. Siehe Fritz Fischer: Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18. Königstein/Ts. 1979, 2. A. [1967, 1. A.].
  26. Aus den ganz geheimen Richtlinien Theobald v. Bethmann Hollwegs vom 9. September 1914 über die Kriegszielpolitik und dem Begleitschreiben des Reichskanzlers an Staatssekretär Clemens Delbrück, in: Dokumente zur deutschen Geschichte 1914-1917. Hrsg. vom Dieter Fricke. Bearbeitet von Willibald Gutsche. Berlin 1976, S.44.
  27. Ebd., S.43/44.
  28. Siehe Friedrich Naumann: Mitteleuropa. Berlin 1916.
  29. Siehe Vejas Gabriel Liulevicus: Kriegsland im Osten. Eroberung, Kolonialisierung und Militärherrschaft im Ersten Weltkrieg. Hamburg 2002; Carola Sachse (Hrsg.): “Mitteleuropa” und “Südosteuropa” als Planungsraum. Wirtschafts- und kulturpolitische Expertisen im Zeitalter der Weltkriege. Göttingen 2010.
  30. Aus der Erklärung des Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Hugo Haase, im Namen der sozialdemokratischen Fraktion zur Bewilligung der Kriegskredite im Reichstag am 4. August 1914. In: Dokumente zur deutschen Geschichte 1914-1917. A.a.O., S.30. Erklärung und Person stehen aber auch für die Zwiespältigkeit der Situation, dann Haase hatte sich vehement gegen die sozialdemokratische Unterstützung des Krieges gewandt. Die Führungsgremien votierten anders und der Ko-Vorsitzende (neben Friedrich Ebert) exekutierte die Beschlusslage.
  31. Siehe mit unterschiedlichen Bewertungen u.a. Jürgen Kuczynski: Der Ausbruch des ersten Weltkrieges und die deutsche Sozialdemokratie. Chronik und Analyse. Berlin 1957; Susanne Miller: Burgfrieden und Klassenkampf. Die deutsche Sozialdemokratie im Ersten Weltkrieg. Düsseldorf 1974; Heinz Niemann: Geschichte der deutschen Sozialdemokratie 1914-1945. Berlin 2008.
  32. Wladimir Iljitsch Lenin: Sozialismus und Krieg (Die Stellung der SDAPR zum Krieg), in: A.a.O. Bd. 21. Berlin 1960, S.314.
  33. Siehe Michael Jürgs: Der kleine Frieden im Großen Krieg. Westfront 1914: Als Deutsche, Franzosen und Briten gemeinsam Weihnachten feierten. München 2003.
  34. Siehe z.B. Helge Döhring: Syndikalismus in Deutschland 1914 -1918. “Im Herzen der Bestie”. Lich/Hessen 2013.
  35. George F. Kennan: Bismarcks europäisches System in der Auflösung. Die französisch-russische Annäherung 1875 bis 1890. Frankfurt/M.-Berlin-Wien 1981, S. 11f.
  36. Siehe kritisch Aribert Reimann: Der Erste Weltkrieg – Urkatastrophe oder Katalysator?, in: Aus Politik und Zeitgeschichte – Beilage zu Das Parlament. Bonn. 2004. H. B 29-30, S.30-38.
  37. Das hatte schon 27 Jahre zuvor Friedrich Engels prophezeit: ders.: Einleitung [zu Sigismund Borkheims Broschüre “Zur Erinnerung für die deutschen Mordspatrioten. 1806-1807”], in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke. Bd. 21. Berlin 1975, bes. S.350f.
  38. Siehe Josef Schleifstein: Historische Krisen und ihre Verarbeitung. Das Beispiel des August 1914 [Erstdruck 1990], in: Z – Zeitschrift Marxistische Erneuerung. Essen. 2012, H. 91, S.126-131.

Tiefenereignisse und die globale Drogen-Connection der CIA

Der nachfolgende Artikel wurde von Lars Schall ausdrücklich und persönlich für reflektion.org autorisiert.

In diesem Essay versucht Peter Dale Scott zunächst, die komplexe Geografie des Milieus der globalen Drogen-Connection und dessen Verbindungen zur „Alternativ-CIA“ darzulegen. Sodann zeigt er auf, wie dieses Netzwerk aus Banken, Finanzeinflussagenten und der alternativen CIA zur Infrastruktur des Kennedy-Attentats und einer Reihe von anderen, wichtigen Tiefenereignissen beitrug.

Von Peter Dale Scott, Übersetzung Lars Schall

Kürzlich veröffentlichte ich zwei Artikel, die auf Ähnlichkeiten zwischen den wiederkehrenden Tiefenereignissen in der jüngeren amerikanischen Geschichte hinwiesen – jene Ereignisse, die aufgrund ihrer geheimdienstlichen Aspekte in den amerikanischen Medien ignoriert, falsch dargestellt oder vertuscht werden. Der erste Artikel wies auf generelle Ähnlichkeiten vieler Tiefenereignisse seit dem Zweiten Weltkrieg hin. Der zweite zeigte auf überraschende Vergleichspunkte in den beiden Tiefenereignissen, denen kurz darauf große US-Kriege folgten: das John-F.-Kennedy-Attentat und 9/11. Ich nahm an, dass sich im Zusammenhang all dieser Ereignisse wiederkehrende Hinweise auf das Milieu fanden, welches „Geheimdienstbeamte mit Elementen aus der Drogenhandel-Unterwelt kombiniert.” [1]

In diesem Essay werde ich zunächst versuchen, die komplexe Geografie oder das Netzwerk dieses Milieus darzulegen, das ich die globale Drogen-Connection nenne, und seine Verbindungen zu dem, was man eine „Alternativ-” oder „Schatten-CIA“ genannt hat. Ich werde dann zeigen, wie dieses Netzwerk aus Banken, Finanzeinflussagenten und der alternativen CIA zur Infrastruktur des Kennedy-Attentats und einer Reihe von anderen, oberflächlich unzusammenhängenden, wichtigen Tiefenereignissen beitrug.

In dieser Erzählung sind die Namen von Personen, ihren Institutionen und ihren Verbindungen relativ unwichtig. Was zählt, ist zu sehen, dass so ein Milieu existierte; dass es fortdauerte, gut verbunden und geschützt war, und dass es mit zunehmender Unabhängigkeit von staatlichen Restriktionen eine Rolle in großen Tiefenereignissen des letzten halben Jahrhunderts spielte.

Das stärkt natürlich die wichtige Hypothese, die untersucht werden muss, dass dieses fortdauernde Milieu möglicherweise auch zur Katastrophe von 9/11 beigetragen haben könnte.


Paul Helliwell, das OPC und die CIA

In Gebieten, wo kommunistische Kräfte stark erschienen, unterstützten die Vereinigten Staaten, zumindest seit 1945, immer wieder die Kontergewalt von Gangstern, die im Drogenhandel beteiligt waren. Zunächst waren diese Arrangements, wie im Italien der Nachkriegszeit, temporär und ad hoc, wie beispielsweise als Vito Genovese, ein New Yorker Mafia-Führer, als Dolmetscher im Büro der alliierten Militärregierung von Oberst Charles Poletti, einem ehemaligen New Yorker Tammany-Politiker, installiert wurde.  [2] Dann im Jahre 1947 finanzierte William Donovan, jetzt ein Firmenanwalt und nicht mehr der Kopf des Office of Strategic Services (OSS), angeblich ein Massaker am Ersten Mai an Linken in Sizilien, von der kürzlich abgeschobenen Detroiter Mafia-Figur Frank Coppola organisiert. [3]

Solche Arrangements wurden 1948 zentralisierter, nachdem der neu geschaffene Nationale Sicherheitsrat ein Office of Policy Coordination (OPC) kreierte, um „Subversion gegen feindliche Staaten” durchzuführen – das heißt, das Begehen von Gesetzesbruch als nationale Politik. Durch das OPC begannen die USA, organisierten Drogenhändlern auf der ganzen Welt, im Fernen Osten, in Europa und schließlich im Nahen Osten und in Lateinamerika erhebliche verdeckte Unterstützung zu geben.

Diese weltweiten Aktivitäten wurden mehr und mehr miteinander verknüpft. Seit mindestens 1950 hat es eine weltweite CIA-Drogen-Connection gegeben, die mehr oder weniger kontinuierlich operierte. Insbesondere hat diese Connection im Laufe der Zeit  zu unerklärlichen Tiefenereignissen und der Konsolidierung der globalen Dominanz-Mentalität, daheim wie im Ausland, beigetragen. Genauer gesagt, ist die globale Drogen-Connection ein Faktor, der unter solch unerklärten Tiefenereignissen wie der Ermordung von JFK, dem zweiten Tonkin-Zwischenfall von 1964 und Iran-Contra liegt.

Die globale Drogen-Connection ist nicht nur eine Quer-Verbindung zwischen CIA-Außendienstmitarbeitern und deren drogenhandelnden Kontakten. Es ist signifikanter ein globaler Finanz-Komplex von heißem Geld, das herausragende Geschäfts-, Finanz- und Regierungs- sowie Unterwelt-Figuren vereint. Es behält seinen eigenen politischen Einfluss durch die systematische Bereitstellung von illegalen Finanzmitteln, Gefälligkeiten und sogar Sex an Politiker auf der ganzen Welt, einschließlich den Anführern beider Parteien in den Vereinigten Staaten. Das Ergebnis ist ein System, das indirektes Imperium genannt werden könnte, eines, das in seiner Suche nach ausländischen Märkten und Ressourcen zufrieden ist, bestehende Regierungsformen zu untergraben, ohne eine progressive Alternative anzuordnen.

Paul Lionel Edward Helliwell

Paul Lionel Edward Helliwell

Ein wesentlicher Organisator der globalen Nachkriegs-Drogen-Connection – zwischen CIA, organisierter Kriminalität und ihrem gegenseitigen Interesse am Drogenhandel – war der ehemalige OSS-Offizier Paul L.E. Helliwell. [4] Helliwell, der Leiter des Sondergeheimdienstes des OSS in Kunming und später ein Beamter des OPC und der CIA, war gleichzeitig der Besitzer der Bank of Perrine in Key West, Florida, ein „zweiteiliger Geldwäscheapparat für den Lansky-Mob und die CIA”, und deren Schwester-Institut Bank of Cutler Ridge. Hier werden wir eine Reihe von miteinander verbundenen Mob-CIA-Geldwäsche-Banken in der globalen Drogen-Connection sehen, von denen die größte zweifellos die Bank of Credit and Commerce International (BCCI) war.

Die meisten Menschen haben noch nie von Paul Helliwell gehört. Mainstream-Bücher über Fehlverhalten der CIA, wie Tim Weiners Legacy of Ashes, erwähnen weder ihn, noch seine wichtige mit der CIA zusammenhängende Bank, die Castle Bank auf den Bahamas, noch die wichtigere Nachfolgerbank von Castle, BCCI. In der Flut der CIA-Dokumente, die seit 1992 freigegeben wurden, findet man den Namen Helliwell nicht in den Archivindizes des National Archive, National Security Archive oder der Federation of American Scientists. In den Millionen freigegebenen Seiten, die auf der Website der Mary Ferrell Foundation indiziert und gespeichert sind, erscheint Helliwells Name genau einmal – und das ist auf einer Liste von Dokumenten, die von der Überprüfung bei der Suche der CIA im Jahre 1974 nach Dokumenten im Zusammenhang mit, ausgerechnet, Watergate, vorenthalten wurden!  [5] Diese Stille, auch in internen CIA-Akten, um den Hauptarchitekten der Nachkriegs-CIA-Drogen-Connection ist beredt.

Das meiste, was wir über Helliwell wissen, stammt aus der Presse-Reaktion auf die erfolgreichen Bemühungen der CIA, eine IRS-Untersuchung in den 1970er Jahren, als Operation Tradewinds bekannt, ihrer Geldwäsche-Banken zu blockieren. Dieser Kampf mit Helliwell und der CIA begann 1972, als dem IRS-Ermittler Richard Jaffe, der den Geldern des verhafteten Marihuana- und LSD-Händlers Allan George Palmer nachspürte, bekannt wurde, dass Palmer „einiges von seinem Geld persönlich in den Süden zur Perrine-Cutler Ridge Bank zur Einzahlung gebracht hatte.” [6]

Jaffe fand auch heraus, dass die Gelder in das Konto einer Bank auf den Bahamas namens Castle Bank hinterlegt wurden. Laut Jim Drinkhall im Wall Street Journal war diese Bank „gegründet und maßgeblich kontrolliert“ von Helliwell, der „entscheidend war bei der Leitung eines Netzwerks von verdeckten Operationen und ,Eigentümern‘ der CIA.”  [7] Drinkhall schrieb, dass die CIA Jaffes Untersuchung der Caste Bank beendete, weil Castle:

„die Leitung für Millionen von Dollar war, die von der CIA für die Finanzierung von Geheimoperationen gegen Kuba und anderen verdeckten Geheimdienstoperationen bestimmt waren, die sich gegen Länder in Lateinamerika und im Fernen Osten richteten.“ [8]

Drinkhall merkt ferner an, wofür Helliwell wahrscheinlich am bekanntesten ist (und worüber ich in The War Conspiracy geschrieben habe):

„1951 half Herr Helliwell Sea Supply Corp. einzurichten und zu betreiben, ein Konzern, der von der CIA als Front-Organisation geleitet wird. Fast 10 Jahre lang wurde Sea Supply verwendet, um große Mengen an Waffen und Ausrüstung an 10.000 Nationalistische Chinesische [KMT] Truppen in Burma als auch an Thailands Polizei zu liefern.“ [9]

Aber Drinkhall wies nicht darauf hin, was jetzt nicht bestritten wird, dass die KMT-Truppen in Burma und die thailändische Polizei die beiden Hauptarme der CIA-KMT-Burma-Thai-Drogen-Connection waren und sich zusammen im Anbau und Handel von Opium für den Weltmarkt beteiligten, einschließlich den Vereinigten Staaten. [10]

Helliwells Gefälligkeiten für die CIA waren nicht auf den Fernen Osten beschränkt. Zusammen mit zwei alten Mitarbeitern aus der KMT-Burma-Drogen-Connection, Frank Wisner von der CIA und General Claire Chennault von der CIA-Airline CAT, arbeitete Helliwell „bereits um 1953-1954 auch bei CIA-Operationen in Mittelamerika mit. In jenen Tagen war Guatemala und seine Regierung das Ziel.” [11]

Wie Chennault und seine alten Mitarbeiter aus seiner Zeit in China, Whiting Willauer und William Pawley, assistierte Helliwell sodann 1954 bei den CIA-Operationen gegen Guatemala, und nach 1960 gegen Castro. Laut Drinkhall:

„Ein ehemaliger Bundesbeamter, der half, Castle zu untersuchen, sagt: ,Castle war einer von den CIA-Finanzierungskanälen für Operationen gegen Kuba.‘ Herr Helliwell war angeblich einer der Zahlmeister für die unglückliche Schweinebucht-Invasion 1961, als auch für andere ,extensive‘ CIA-Operationen in ganz Lateinamerika.“ [12]

Was die Verbindung des Ex-Sträflings Wallace Groves zur CIA angeht, haben eine Reihe von CIA-Dokumenten, die seither veröffentlicht wurden, diese Beziehung bestätigt. Laut einem von ihnen:

„Der Wallace GROVES, von dem in den Anlagen erwähnt wird, dass er mit Meyer LANSKY und Mary Carter Malen Co . / Resorts International, Inc. verbunden ist, ist identisch mit dem Wallace GROVES, der Gegenstand von OS-Akte #473 865 ist. Diese Akte spiegelt wider, dass GROVES von April 1966 bis April 1972 von Interesse war für das [CIA] Office of General Counsel für die Nutzung von GROVES als Berater oder möglicher Offizier von einem der Projekt █ Einheiten. Zusätzliche Informationen in dieser Akte legten nahe, dass GROVES mit Meyer LANSKY verbunden war.“ [13]

Ich vermute, dass diese „Projekt █ Einheiten“ die Verwendung von Geldern außerhalb der Bilanzen miteinbezog, die im autorisierten CIA-Budget nicht enthalten waren.


Helliwells Verbindung zu Off-the-Books-Operationen

Seit der Veröffentlichung von Drinkhalls Artikel hat fast jeder Verweis auf Helliwell ihn als Zahlmeister für die Schweinebucht-Invasion beschrieben, eine Behauptung, die ich in Frage stelle. Aber ein Gefühl für den Umfang der finanziellen Verwicklung Helliwells mit der CIA kann aus der CIA-Sequestrierung von fast 5 Millionen Dollar von einer anderen mit Helliwell verbundenen Organisation, Intercontinental Diversified (I.D.C.), gesammelt werden. Abermals Drinkhall:

„Obwohl es keinen Hinweis auf die CIA im SEC-Verfahren bezüglich Intercontinental gibt, machte ein ehemaliger CIA-Beamter kürzlich in einem Interview eine erstaunliche Aussage. Er sagte, dass zwischen 1970 und 1976 $ 5 Millionen Dollar an Intercontinental-Geldern für den Einsatz durch die Behörde abgezweigt worden waren, ,weil wir dort Freunde hatten.‘ Tatsächlich hatte die CIA offenbar ein besseres Arrangement als eine bloße Freundschaft. CIA-Dokumente zeigen, dass Wallace Groves, der Gründer von Intercontinental und Inhaber von 46 % der Aktien, bis er seinen Anteil 1978 für $ 33.1 Millionen verkaufte, von 1965 bis 1972 heimlich für die CIA arbeitete.“

Sicherlich transferieren Banker nicht Millionen von Dollar aus Freundschaft. Eine glaubwürdigere Spekulation ist, dass Helliwell der Zahlmeister war, nicht für offiziell autorisierte Operationen wie die Schweinebucht-Invasion, aber für die Abgabe eines Teils der Mittel aus den Off-the-Books-Operationen wie dem KMT-Drogenhandel aus Burma, der von seinen eigenen Kreationen unterstützt wurde, den CIA-Eigentümern Sea Supply and Cat Inc. (später Air America).

Castle Bank & Trust BahamasJonathan Marshall schrieb einmal kategorisch, dass „Helliwell CIA-Gelder durch die auf den Bahamas ansässige Castle Bank wusch“  [14] Aber diese Behauptung bedarf einer Klärung. I.D.C. war ein Ableger eines asiatischen Unternehmens, Benguet Mining, das von Helliwells Firma vertreten wurde und teilweise dem philippinischen Diktator Ferdinand Marcos gehörte.  [15] Also erreichten I.D.C. Zahlungen aus Asien, und es ist meine Vermutung, dass es eher diese Off-the-Books-Gelder waren, statt Mittel aus dem vom Kongress genehmigten CIA-Budgets, die von Helliwell verwendet wurden, um Off-the-Books-Operationen zu finanzieren. [16]

„Eine von ihnen waren vielleicht politische Auszahlungen, beginnend auf den Bahamas selbst.

In den frühen 1970er Jahren berichteten IRS-Agenten von Hinweisen, die aus aufgezeichneten Gesprächen zusammengetragen wurden, dass Intercontinental, durch Castle Bank operierend, dem Ministerpräsidenten der Bahamas, Lyndon O. Pindling, $ 100.000 bezahlt hatte, um der Holdinggesellschaft eine zweijährige Verlängerung ihrer [Grand Bahama-] Casino-Glücksspiel-Lizenz zu gewähren.“ [17]

Aber die CIA wie auch das Casino hatten eine Vorliebe für Korruption, und Castle war nur ein Teil eines Netzwerks von Banken und Agenten, die Regierungen weltweit korrumpieren. Dementsprechend tätigte Castle:

„auch geheimnisvolle Transaktionen mit einer Firma auf den Cayman-Inseln, der ID Corp. IDs Alleineigentümer, der Amerikaner Shig Katayama, wurde bekannt als einer der wichtigsten Vermittler von Lockheed Corps riesigen Auszahlungen an japanische Politiker im Gegenzug für Flugzeugverträge. Ein japanischer Journalist beschuldigte Katayama, ,seine eigentliche Aufgabe (in den frühen 1950er Jahren) war die Handhabung von Drogen für die US-Geheimdienstarbeit.‘” [18]

In den 1960er Jahren, wenn nicht früher, nutzte die CIA ihre globale Verbindung, um nicht-staatliche Gelder durch Einflussagenten wie Adnan Khashoggi und Yoshio Kodama zu verteilen, in Form beispielsweise von Auszahlungen, die die internationalen Lockheed-Kaufverträge ergänzten.  [19] Im Mai 1965, fünf Monate vor dem Anti-Sukarno-Staatsstreich von September 1965, wurden die Lockheed-Auszahlungen in Indonesien weg von einem Unterstützer von Präsident Sukarno hin zu einem neuen Zwischenhändler umgeleitet, der den Anti-Sukarno General Suharto unterstützte. [20]

Das war zu einer Zeit, als „der Kongress beschlossen hatte, die US-Finanzierung des indonesischen Militärs (anders als die Hilfen für jedes andere Land) als verdeckte Angelegenheit zu behandeln, damit die Überprüfung seitens des Kongresses der Bestimmungen des Präsidenten zur indonesischen Hilfe für zwei Senatsausschüsse und den House Speaker blockierend, die derzeit mit der Aufsicht der CIA betraut waren.” Lockheed-Zahlungen, die über Mittelsmänner liefen, wurden benutzt, um den ausdrücklichen Willen des US-Senats, der eine Resolution zur Kürzung der Militärhilfe an Indonesien verabschiedet hatte, zu vereiteln. [21]


Helliwells Verbindungen zum Mob

Alvin „Al“ Ira Malnik ist ein US-amerikanischer Anwalt und millionenschwerer Geschäftsmann und Unternehmer in Miami. Bekannt wurde er durch seine Tätigkeit für den Mobster Meyer Lansky und als Berater des Popstars Michael Jackson

Alvin „Al“ Ira Malnik ist ein US-amerikanischer Anwalt und millionenschwerer Geschäftsmann und Unternehmer in Miami. Bekannt wurde er durch seine Tätigkeit für den Mobster Meyer Lansky und als Berater des Popstars Michael Jackson

Wenn aber Helliwells CIA-Verbindungen große waren, so waren es seine Verbindungen zur Mafia, und insbesondere zu Meyer Lansky, nicht minder. Die Bank of Perrine war der bevorzugte Verwahrer von Lansky-Geldern, die Amerika über die Bank of World Commerce auf den Bahamas erreichten, gegründet 1961 von Lanskys Weichensteller John Pullman.  [22] Einer der Direktoren der Bank war Alvin Malnik, Lanskys Erbe in Miami Beach, und ein Aktionär war Ed Levinson, ein Geschäftspartner von Lyndon Johnsons Senat-Referent Bobby Baker, dessen Titel Sekretär der demokratischen Mehrheit im US-Senat war, bevor er verhaftet und wegen Steuerhinterziehung verurteilt wurde.  [23] Helliwell hatte eine zweite Lansky-Verbindung als Rechtsberater der kleinen Miami National Bank, von Meyer Lansky benutzt, um seine ausländischen Profite und Gewinnabschöpfungen aus den Casinos in Las Vegas zu waschen. [24]

Obwohl in der Regel als eine von Lansky kontrollierte Mob-Bank beschrieben, öffnete die Bank of World Commerce auf internationaler Szenerie, in der die CIA ein Interesse hatte. Es erreichten sie Gelder von der International Credit Bank in der Schweiz, die vom israelischen Waffenschmuggler Tibor Rosenbaum gegründet worden war, und handelte:

„als Bank für gemeinsame Geschäftsunternehmungen von europäischen Juden und dem Staat Israel. Aber sie finanzierte auch den Erwerb und die Bewegung von Waffen an Israel und seinen Verbündeten, insbesondere in Afrika und Zentralamerika, und handelte angeblich in Europa als Zahlmeister für den Mossad, den israelischen Geheimdienst.“ [25]

Meyer Lansky, 1958

Meyer Lansky, 1958

Laut Alan Block hatte Pullmans Bank eine weitere Tochtergesellschaft auf den Bahamas, „auf schattenhafte Weise vereint mit der Intra Bank in Beirut, Libanon.” Intra besaß das Casino de Liban, „dessen Glücksspiel-Konzession von Marcel Paul Francisi kontrolliert wurde, Frankreichs Top-Heroin-Händler. Einige Forscher waren überzeugt, dass Lansky und Francisi Partner im Heroinhandel waren, und dass Lansky und seine Verbündeten auch einen Anteil an dem Casino hielten.”  [26] Francisi wiederum machte gemeinsame Sache mit einem lokalen libanesischen Exporteur von Morphinbase, Sami El Khoury, der wiederum „eine langfristige Geschäftsbeziehung” mit Lucky Luciano in Sizilien hatte, Lanskys Vorkrieg-Verbündetem in New York City und nunmehr ein großer europäischer Drogenhändler. [27]

Sami El Khoury hatte Schutz von der libanesischen Polizei, und möglicherweise auch von der CIA. Alfred McCoy sah die offizielle Korrespondenz des Federal Bureau of Narcotics (FBN), die im August 1963 diskutierte, „ob Sami El Khoury als Informant benutzt werden soll, jetzt da er aus dem Gefängnis entlassen worden ist.”  [28] Einer der beiden FBN-Korrespondenten, Dennis Dayle, erzählte später James Mills, dass El Khoury, „unter den internationalen Top-Drogenhändlern aller Zeiten”, ein Informant wurde.  [29] Und in den 1990er Jahren erzählte Dennis Dayle, nachdem er als Top-DEA-Ermittler im Nahen Osten in den Ruhestand getreten war, einer Anti-Drogen-Konferenz, dass „in meiner 30-jährigen Geschichte in der Drug Enforcement Administration und in Partnerorganisationen stellte sich über die Hauptziele meiner Untersuchungen fast immer heraus, dass sie für die CIA arbeiteten.” [30]

Die Castle Bank war eine weitere „Doppelte-Zweck-Waschanlage”, die sowohl der CIA wie auch dem Mob diente. Das Interesse des Mobs an Castle wurde in Jim Drinkhall Wall Street Journal-Artikel stark untergewichtet, der lediglich erwähnte, dass unterden Kontoinhabern bei Castle drei Männer gewesen seien – „Morris Dalitz, Morris Kleinman und Samuel A. Tucker – die in Dokumenten des Justizministeriums als Figuren der organisierten Kriminalität beschrieben werden.”  [31] (Kleinman und Helliwell hatten zahlreiche gemeinsame Immobilien-Investitionen mit Burton Kanter, dem Anwalt aus Chicago, der mit Helliwell die Castle Bank organisierte.) [32]

Alan Block legt nahe, dass Castle in der Tat eine aktive Bank wurde, als es notwendig war, Gelder von Mercantile Bank and Trust auf den Bahamas abrupt zu transferieren, einer anderen Helliwell-Bank, die „wie Castle … ein Kanal für CIA-Geld war”  [33] und im Begriff stand, unterzugehen. Die Gelder wurden „auf kräftiges Drängen” von Kanter bewegt:

weil unter den Konten, die in Gefahr standen, eines von Morris Kleinman war, einer berüchtigten Figur der organisierten Kriminalität seit den Tagen der Prohibition. In dieser Angelegenheit erklärte Castles Präsident Sam Pierson … es musste getan werden oder ,Kanter wird kopfüber im Chicago River enden.‘” [34]

Kanter scheint sich auf den Umgang mit den steuerlichen Aspekten legitimierten Mob-Reichtums spezialisiert zu haben. Neben der Gründung der Castle Bank mit Helliwell war er „energisch an der Arbeit in Kalifornien” in der La Costa-Immobilien-Entwicklung, an der auch das ehemalige Cleveland-Syndikatmitglied Moe Dalitz beteiligt war, „ein Teil-Eigentümer von mehreren Spielkasinos, einschließlich des Desert Inn und des Stardust Hotels.”  [35] Block verbindet Kanter mit La Costas Fähigkeit, große Finanzmittel aus dem korrupten Teamsters Central States Pension Fund zu erhalten: „Kanters Zugang zum Pension Fund kam wahrscheinlich von Allen Dorfman, einem Freund und Geschäftspartner. 1985 ermordet, um ihn daran zu hindern, über Mob-Investionen zu sprechen, war Dorfman ein wichtiger Fund-Offizieller und Gangster.” [36]


Die CIA, der Mob und Off-the-Books-Operationen

Helliwell war weder die einzige CIA-Verbindung zur Mafia, noch die am höchsten platzierte. Plots zur Tötung Castros im Jahre 1960 wurden vom Sicherheitsbüro der CIA durch einen Vermittler, Robert Maheu, initiiert, dessen unabhängiges Unternehmen mit Hilfe eines Vorschusses des Sicherheitsbüros startete. Es war Maheu, der den CIA-Ermordungsvorschlag zu John Roselli trug. [37]

James Jesus Angleton

James Jesus Angleton

Eine dauerhaftere Beziehung zum Mob wurde vom Personalchef der CIA-Spionageabwehr (Counterintellience, CI), James Angleton, gehalten. Auch er verwendete einen Mittler – den New Yorker Anwalt Mario Brod –, der von 1952 bis 1971 nach Angaben eines CIA-Memos ein CI-Mitarbeiter in New York war.  [38] Einer der heiklen CI-Agenten, die von Brod in New York betreut wurden, war Jay Lovestone, der Chef der AFL-CIO International Affairs, der Gelder an Schwerstwaffen-Gangs in Marseille übergab, die mit korsischen Drogenhändlern verbündet waren, die Teil der globalen Lansky-Luciano-Drogen-Connection waren. [39]

Laut Doug Valentine war Lovestones Assistent Irving Brown in Drogenschmuggel-Aktivitäten in Europa verwickelt, zur gleichen Zeit, da er CIA-Gelder verwendete, um:

„eine ,kompatible linke‘ Gewerkschaft in Marseille zusammen mit Pierre Ferri-Pisani (einzurichten). Im Auftrag von Brown und der CIA heuerte Ferri-Pisani (ein Drogenschmuggler, der mit Marseilles Verbrechensherrscher Antoine Guerini verbunden war) Berufsschläger an, um streikende kommunistische Hafenarbeiter vernichtend zu schlagen.“ [40]

Lovestone, ein ehemaliger Kommunist, der sich zum militanten Anti-Kommunisten gewandelt hatte, hatte zusammen mit seinem Mentor David Dubinsky von der International Ladies’ Garment Workers’ Union auch die Schaffung der militanteren CIO-Gewerkschaftsbewegung in den 1930er Jahren bekämpft, und die United Auto Workers von Walter und Victor Reuther im Besonderen.  [41] Die Rivalen von UAW-AFL, die Lovestone favorisierte, wandten sich für Muskeln an Mobster und heuerten als New Yorker Regionaldirektor John Dioguardi an, ein Mitglied der Mafia-Familie Lucchese.  [42] Dioguardi wurde später von US-Staatsanwalt Paul Williams für die Blendung des Gewerkschaftsjournalisten Victor Riesel und die anschließende Ermordung des Mannes, der die Säure in Riesels Gesicht warf, verantwortlich gemacht. [43]

Ein weiterer heikler Agent, der von CI-Personalmitarbeiter Brod, Angletons Mittelsmann zum Mob, betreut wurde, war der russische Überläufer Anatoliy Golitsyn, den Angleton von der regulären CIA-Bürokratie in seiner unendlichen Suche nach einem hochrangigen Maulwurf in der CIA trennte. Angleton baute (laut seinem Biografen Tom Mangold) „leise eine alternative CIA auf”, mit ihrem eigenen Kommunikationssystem, Archiv und Tresorraum, das die dubiosen Informationen von Lovestone und Golitsyn verwendete. Das Herzstück dieser alternativen CIA war CIs „Allerheiligstes: die super-geheime Special Investigation Group” (CI/SIG) , wo Akten zusammengetragen wurden, um zu zeigen, dass Henry Kissinger und Averell Harriman mögliche KGB-Maulwürfe waren. [44]

Ein dritter heikler Agent, der von Brod betreut wurde, war Herbert Itkin, ein umstrittener Doppelagent, der auf der einen Seite mit dem Mob arbeitete, auf der anderen mit der CIA und dem FBI. Aber wie Itkin hatte auch Brod selbst „Kontakte mit der Mafia.”  [45] Ein CIA-Eklat trat 1970 auf, als Itkin vom Justizministerium und dem FBI verwendet wurde, um eine Reihe von Mob-Figuren mit einstigen Verbindungen nach Havanna, wie James Plumeri, Ed Lanzieri und Sam Mannarino, für illegale Absprachen mit den Teamsters zu verfolgen. Der US-Staatsanwalt rief den CIA-Rechtsberater an, um ihn zu benachrichtigen, dass Mario Brod den Gerichtssaal betreten hatte, um mit der Verteidigung zusammenzuarbeiten. [46]

Nach Angaben der Gerichtsakten: „Die Verteidigung versuchte, Mario Brod aufzurufen, der als Itkins Kontakt bei der Central Intelligence Agency beschrieben wurde. Es wurde gesagt, dass Brod unter Eid aussagen würde, dass er Itkin nicht glaube und Itkins Ruf der Wahrhaftigkeit schlecht war.”  [47] Der CIA-Rechtsberater trat mit der US-Staatsanwaltschaft zusammen, um Brods Aussage zu blockieren. Sein Büro merkte Brods Erklärung seines Verhaltens fürs Protokoll an: ,Einer der Angeklagten mit dem Namen Lenzieri [(sic), d.h., Edward the Buff Lanzieri] war Brods einziger Kontakt innerhalb der Mafia, die Brod warnen würde, wenn er persönlichen in Gefahr sein sollte.‘” [48]

Aber Brod könnte aus mehr als Eigennutz gehandelt haben, denn es wurde vermutet, dass einige der Mafia-Angeklagten in den Absprache-Verfahren auch eine tiefere CIA-Verbindung hatten, wenngleich abseits der Bücher (“off the books”). Laut Dan Moldea waren zwei der Angeklagten, John La Rocca und Gabriel Mannarino, mit Hoffa an kubanischen Waffenschmuggel-Operationen beteiligt, und er legt nahe, dass Hoffa La Rocca und Mannarino überzeugte, zusammen mit zwei anderen Absprache-Angeklagten (Salvatore Granello und James “Jimmy Doyle” Plumeri) „mit der Agency zusammenarbeiten.”  [49] Darüber hinaus waren alle der Angeklagten in den Verfahren, in denen Itkin aussagte und Brod für die Verteidigung einzugreifen versuchte, Mitglieder der so genannten „Papier-Einheimischen” (“paper locals“) in den Teamsters (und zuvor in UAW-AFL), die durch Plumeris Neffen, John Dioguardi, kontrolliert wurden.

Im Juni 1975, sechs Monate nach dem Informationsleck über Angleton und der Operation CHAOS, das zu Angletons Sturz führte, mutmaßte Time-Magazine, dass die CIA Brods Mafia-Kontakte, Plumeri und Granello, genutzt habe, „um einige Spionage in Kuba in Vorbereitung für die 1961er Schweinebucht-Invasion durchzuführen.”  [50] (Ich habe keine Bestätigung für Times Behauptung in veröffentlichten CIA-Dokumenten gefunden.)

Wie Brod hatte Angleton angeblich selbst Mafia-Kontakte, und in mindestens einem Fall intervenierte er, um einen anderen Teil der CIA von der Untersuchung des Bankings von illegalen Lansky-Gewinnabschöpfungen aus Las Vegas abzuhalten. Ein hochrangiger Beamter in Robert Kennedys Justizministerium forderte John Whitten, den einstigen Chef der CIA in Mexico / Panama in der Western Hemisphere Division, dazu auf, nummerierte Bankkonten in Panama zu untersuchen, da sie von Spielern aus Las Vegas genutzt wurden, um Cash zu schmuggeln, „das sie von der Spitze ihrer täglichen Einnahmen abschöpften.“ Sein CIA-Pseudonym “John Scelso” benutzend, sagte Whitten vor dem Church-Komitee über Angletons Aktionen aus:

„Zu jener Zeit waren wir in einer ausgezeichneten Position, um dies zu tun …. Ich dachte, es war eine tolle Idee. Und das erreichte prompt Herrn Angletons Aufmerksamkeit, und wir mussten ihn informieren, und er sagte, na ja, wir werden nichts damit zu tun haben. Dies ist das Geschäft des Bureaus [FBI]. Und whammo, Ende des Gesprächs. Wir wurden abberufen. Ich ging zu Oberst JC King, der zu dieser Zeit der Chef der WH-Abteilung war, und sagte ihm das, und JC King sagte … nun, wissen Sie, Angleton hat diese Verbindungen zur Mafia, und er wird nichts unternehmen, um sie zu gefährden. Und dann sagte ich, das habe ich nicht gewusst. Und er sagte, ja, es hatte mit Kuba zu tun.“ [51]

Angletons Verteidigung von Lanskys Gewinnabschöpfungen kann nicht von seiner zweiten Funktion in der CIA getrennt werden; als Betreuer des Israel-Desks. Angletons Verbindungen mit dem Mossad datierten zurück zum Zweiten Weltkrieg, als er OSS-Operationen in Italien mit dem jüdischen Untergrund koordinierte, der lokal von Teddy Kollek (später Israels Bürgermeister von Jerusalem) geleitet worden war. [52]


Angletons „Alternativ-CIA” und deren Vermächtnis

Darüber hinaus beeinträchtigte CI/SIG, das „Allerheiligste” von Angletons „Alternativ-CIA“, die US-Geschichte deutlich im Jahre 1963. Ihre sogenannte 201- oder „Personen-“Akte zu „Henry Lee Oswald” (der Mann, der der Welt als Lee Harvey Oswald bekannt ist) war mit falschen und gefälschten Informationen gefüllt worden, seit sie im Dezember 1960 eröffnet worden war. Und zwei Meldungen in der 201-Akte wurden erneut im Oktober 1963 gefälscht, um so zu ermöglichen, dass Oswald ein glaubwürdiger „designierter Verdächtiger” in der Ermordung von John F. Kennedy einen Monat später sein würde. [53]

Die Fälschung von Oswalds 201-Akte kann als legitime Gegenspionage-Operation entstanden sein. Ich habe argumentiert, dass die gefälschten Nachrichten eindeutig Teil eines sogenannten “Marked Card-” oder “Barium“-Tests waren, um festzustellen, ob und wo Lecks von sensiblen Informationen auftreten würden. Dies war eine bekannte Technik, und stand in der Verantwortung des CI/SIG, die für die 201-Akte verantwortlich war. [54]

Aber bis Oktober 1963 sehen wir Anzeichen, dass CIA-Kabel zu Oswald ebenfalls manipuliert wurden, um ihm zu ermöglichen, ein designierter Verdächtiger in der Ermordung von Präsident Kennedy am 22. November zu werden. Ein CIA-Fernschreiben an das FBI im Oktober 1963 (durch einen CI/SIG-Beamten aufgesetzt) hielt die offensichtlich wichtige Information zurück, dass Oswald angeblich in Mexiko-Stadt mit einem sowjetischen Vizekonsul, Valeriy Kostikov, zusammengetroffen war, von dem CIA-Beamte annahmen, dass er ein Offizier des KGB war.  [55] Dieses Zurückhalten trug dazu bei, dass Oswald nicht durch das FBI nach der angeblichen Begegnung unter Überwachung gestellt wurde; eine Überwachung, die seine Fähigkeit, ein designierter Verdächtiger durch seine Anwesenheit an einer besonders sensiblen Ecke auf Kennedys Paradestrecke in Dallas sein zu können, vermutlich erheblich eingeschränkt hätte. Ich habe argumentiert, dass ähnliches Informationszurückhalten der CIA vor dem FBI über zwei angebliche 9/11-Hijacker, Nawaz al-Hamzi und Khalid al-Mihdar, es ihnen ebenfalls ermöglichte, die Rolle designierter Verdächtiger zu spielen, indem die FBI-Überwachung ebenso verhindert wurde. [56]

CIA-Direktor William Colby zwang Angleton zum Rücktritt von der CIA im Post-Watergate-Klima im Dezember 1974, nach öffentlichen Enthüllungen über Angletons Engagement in der möglicherweise illegalen Operation CHAOS der CIA (die Überwachung der US-Amerikaner in den Vereinigten Staaten). Dies bedeutete das Ende von Angletons „alternativer CIA” im Spionageabwehr-Team. Denn ungefähr ein Jahr darauf enthüllten Lecks wie jenes, das wir über die CIA-Links zu Brods Mafiosi sahen, weiterhin den Morast der CIA-Verbindungen zu kubanischen Exil-Terroristen und anderen Mitgliedern der globalen Drogen-Connection (und halfen ihn damit zu beenden).

Doch 1976 veränderte sich das Klima dramatisch, nachdem Donald Rumsfeld und Dick Cheney im sogenannten „Halloween-Massaker” (von Präsident Fords Weißem Haus aus gemanagt) CIA-Direktor Colby mit George H.W. Bush ersetzten und Rumsfeld aus dem Weißen Haus schickten, um Verteidigungsminister zu werden. Wenn 1975 das Post-Watergate-Jahr der dramatischen Enthüllungen über CIA-Verwicklungen mit kubanischen Exilanten und Gangstern bei Ermordungsbemühungen war, dann war 1976 das Jahr, in dem sich Mob-verbundene Exilkubaner und der chilenische Geheimdienst DINA, beide im Drogenhandel verwickelt, in einer Welle von Terrormorden ergingen. Dazu gehörten die Sprengung eines zivilen Verkehrsflugzeugs der Air Cubana und die Ermordung des früheren chilenischen Außenministers Orlando Letelier in Washington. [57]

Allerdings war die CIA nicht mehr länger der einzige oder womöglich sogar der Hauptpunkt des US-Kontakts mit der DINA-gesponserten internationalen Operation CONDOR, die mehrere Morde durchführte. Der US-Botschafter in Paraguay Robert White, ein Karriere-Beamter des State Department, dessen Abneigung gegen diese Morde ihn den Job kostete, nachdem Reagan gewählt wurde, hörte vom Kommandanten der paraguayischen Streitkräfte, dass „Geheimdienstchefs aus Brasilien, Argentinien, Chile, Bolivien, Paraguay und Uruguay ,ein verschlüsseltes System innerhalb des US-[Militär]Telekommunikationsnetz[werks]‘ nutzten, das ganz Lateinamerika abdeckte, um ,Geheimdienstinformationen zu koordinieren.‘“ [58]

Henry Kissinger, der 1976 in seinem letzten Jahr als Außenminister war, spielte bestenfalls eine zweideutige Rolle vis-à-vis dieser Welle der rechten Gewalt. Vor der öffentlichen Belehrung Chiles in Santiago für seine Menschenrechtsverletzungen („Der Zustand der Menschenrechte … hat unsere Beziehung zu Chile beeinträchtigt und wird dies auch weiterhin tun”), versicherte Kissinger Pinochet privat, dass er von der US-Politik gezwungen sei, dies zu sagen, und dass in der Tat seine Hauptsorge die Bewegung im US-Kongress war, die Hilfe für Chile zu kürzen. [59]

Der US-Schutz und sogar die Unterstützung der USA für die Terroristen von 1976 hat sich bis zum heutigen Tag fortgesetzt. Luis Posada Carriles, der Hauptarchitekt der Air Cubana-Bombardierung, „saß im Gefängnis in Venezuela für die Cubana-Bombardierung”, und „später, in den 1980er Jahren, arbeitete er wieder im Auftrag der CIA in Mittelamerika und half, das Contra-Versorgungsnetz zu koordinieren.”  [60] Posada wurde 2000 in Panama wieder verhaftet und für einen Attentatsversuch auf Fidel Castro verurteilt, diesmal mit Guillermo Novo, einem der Letelier-Mörder. Beide Männer wurden sofort von Panamas scheidenden Präsidenten begnadigt.  [61] Im Mai 2008 wurde Posada von 500 kubanischen Amerikanern bei einer ausverkauften Gala in Miami geehrt, nachdem Anschuldigungen gegen ihn wegen illegaler Einreise in die Vereinigten Staaten von einem Bundesrichter in Texas verworfen worden waren. [62]

CIA-Direktor Bush beförderte auch Theodore Shackley, der seit Jahren die Maverick-Exilkubaner der CIA in Miami betreute. Laut Kevin Phillips:

„Ende 1976 hatte Bush auch eigensinnige Agenten-Veteranen – Veteranen, die alles von chilenischen Morden über Vietnams Phoenix-Programm bis hin zu unsachgemäßer inländischer Überwachung gemacht hatten – vor der Anklage von Präsident Fords Justizministerium geschützt.“ [63]

Aber der Geist der Post-Watergate-Zurückhaltung kehrte unter Präsident Carter und seinem CIA-Direktor Admiral Stansfield Turner in die CIA zurück. Vor allem dank einer Reihe von Informationslecks über seinen Freund Edwin Wilson sank Shackleys Ansehen in der CIA, bis er 1978 ging. [64]

Es ist jedoch der Standpunkt von William Corson und Joseph Trento, dass der Geist einer alternativen und aktivistischeren CIA unter Shackley im Exil überlebte. Trento schreibt, dass Shackley vom Safari Club des iranischen Schahs (siehe unten) und von Richard Helms, dem US-Botschafter im Iran, unterstützt wurde. Der reguläre CIA-Chef im Iran „klagte immer wieder, dass Helms seine eigenen Geheimdienstoperationen von der Botschaft aus zu führen schien”, und dass CIA-Veteranen, die unter dem CIA-Beamten Theodore Shackley gearbeitet hatten, „den Kader einer privaten Schatten-Spionageorganisation innerhalb Amerikas offiziellem Nachrichtendienst (bildeten).” [65]


Helliwell, Castle und die Oberwelt

Wir haben noch nicht die Oberwelt-Verbindungen von Castle Bank behandelt. Die wohlhabendsten Einleger dort „waren Mitglieder der märchenhaft reichen Pritzker-Familie aus Chicago, Kunden der Kanter-Firma.”  [66] Block stellt fest, dass die Pritzkers, deren weitgestreuter Besitz die Hyatt-Hotelkette einschließt, auch ein Darlehen vom Teamsters Pension Fund für ein Hotel-Casino-Investment in Nevada erhielten, und dass „Jimmy Hoffa und Allen Dorfman persönlich an Pritzker-Darlehen arbeiteten.” [67]

Kanter und Castle Bank planten auch Entwicklungen mit anderen Mitgliedern der Oberwelt, wie Henry Ford II und seiner Frau Christina.  [68] Mercantile, die Vorgänger-Bank von Castle, vertrat Investitionen von zwei Schifffahrts-Magnaten: des Milliardärs Daniel K. Ludwig und des äußerst wohlhabenden norwegischen Schiffbauers Inge Gordon Mosvold, vielleicht ein Frontmann für Ludwig. [69]

Mercantile und Castle waren eng mit einer anderen Bahamas-Bank von Helliwell verbandelt, Underwriters Bank Limited. Hier war der Mehrheitseigentümer mit 95 Prozent der amerikanische Versicherungskonzern American International Underwriters Corp [AIUC], der als Teil des Versicherungsimperiums des ehemaligen OSS-Agenten C.V. Starr begann und heute Teil des riesigen multinationalen Konzerns AIG ist. Block berichtet korrekterweise, dass AIUC „ein Versicherungskonglomerat mit verdächtigten Verbindungen zur CIA in Südostasien war.” [70]

Ich habe an anderer Stelle geschrieben, wie die C.V. Starr-Gruppe in Washington von Thomas (“Tommy the Cork”) Corcoran vertreten und nach dem Zweiten Weltkrieg von Corcorans ehemaligen Rechtspartner, William S. Youngman, geleitet wurde. Sie war also mit dem sogenannten Chennaults-Kreis (oder Chennaults „Washington-Geschwader”) verzahnt, jene mächtige Clique, die mit Roosevelt Segen im Jahre 1940 zusammengesetzt wurde, um die Ausrüstung, das Personal und die finanzielle Unterstützung von General Claire Chennaults Flying Tigers in China zu ermöglichen. [71]

Corcoran war seit den 1930er Jahren eine Schlüsselfigur in Washington gewesen, als er „FDRs informellen Geheimdienst und internationale Spionage-Operationen“ leitete, „lange bevor es einen OSS gab.”  [72] In den 1950er Jahren, als über ihn von Fortune gesagt wurde, dass er „den besten Nachrichtendienst in Washington” halte, waren seine Lobbying-Aktivitäten eng mit der Beeinflussung von verdeckten Operationen der CIA verbunden:

„Die meisten [seiner Kunden] sind Unternehmen mit internationalen Interessen, und er hat eine Wahl-Klientel in diesem Bereich. Diese enthält United Fruit Co., American International Underwriters Corp (Teil der C.V. Starr-Interessen in Asien und anderswo) und General Claire Chennaults Civil Air Transport, Inc. Ende 1951 ließ Corcoran seinen Nachrichtendienst beispielsweise Überstunden leisten, um mit der amerikanischen Politik zum Iran mitzuhalten – was das Außenministerium in dieser Angelegenheit tun würde, würde eine Anleitung dafür sein, was es tun oder nicht tun könnte, um seinen Mandanten, United Fruit, vor dem Rauswurf aus Guatemala zu bewahren.“ [73]

Helliwell und Corcoran spielten zusammen eine entscheidende Rolle bei der Verlängerung des asiatischen Einflusses Chennaults, als die beiden Männer Frank Wisner vom OPC überredeten, Chennaults Nachkriegs-Fluggesellschaft CAT (später der CIA-Eigentum Air America) zu kaufen und zu refinanzieren. Auch beteiligt an dieser wichtigen Entscheidung war William Pawley, eine Schlüsselfigur in Chennaults sogenanntem „Washington-Geschwader ” im Zweiten Weltkrieg.  [74] Gemeinsam mit Sea Supply Inc., Helliwells anderer Schöpfung, wurde aus CAT die hauptsächliche logistische Infrastruktur für die drogenhandelnden KMT-Truppen in Burma. [75]


Helliwell und die Politik des Einflusses

Helliwells und Corcorans Anwaltskanzlei, Corcoran und Rowe, arbeitete auch mit William Donovan bei der Verwendung von Thai-Geld zur Beeinflussung des Kongresses zusammen. Helliwell selbst war ein wichtiger Organisator für die Republikanische Partei in Florida; er half, den Staat 1952 für Eisenhower zu gewinnen und damit den Start der republikanischen Vorherrschaft im Süden zu beginnen. (Helliwell stand später eng mit Nixons Kumpan Bebe Rebozo.) [76]

Thomas Corcoran

Thomas Corcoran

Corcoran und Rowe waren indes Demokraten, letzterer war eng mit dem kommenden Texas-Senator Lyndon Baines Johnson vertraut. Corcoran hatte in den 1940er Jahren die Konten und das politische Geschäft von Chiang Kai-sheks Schwiegersohn, T.V. Soong, gemanagt, der durch die Umleitung von Millionen an chinesischem Gold auf seine Konten in Kalifornien zu einem der reichsten Männer der Welt geworden war.

Zusammen mit Soong trieb Corcoran erfolgreich Lobbyarbeit für ein Leih- und Pachtprogramm an das nationalistische (KMT-) China und an eine private American Volunteer Group, die Piloten von den Streitkräften für ein privates Unternehmen rekrutierte, das von Corcorans Freund William Pawley geleitet wurde. Tatsächlich wurden die Piloten rekrutiert, um in China als Teil von Chennaults irregulärer Air Force für Chiang Kai-shek und die KMT zu kämpfen. [77]

„In der Tat betrieb Corcoran einen Off-the-Books-Privatkrieg, in dem ein Privatunternehmen, China Defense Supplies, einiges von dem Kriegsmaterial, das für China bestimmt war, an eine Privatarmee, die American Volunteer Group, umleitetete.“ [78]

Nach dem Krieg wurden Soong, Corcoran und Pawley starke Unterstützter der Pro-KMT-China-Lobby.  [79] Die Beamten des State Department, die in T.V. Soongs „Schwarzbuch” eingetragen wurden, wurden zur Zielscheibe der Säuberungen, die erst von J. Edgar Hoover und später von Joseph McCarthy durchgeführt wurden. [80]

Die Geschickte der von Soong gedeckten China-Lobby gingen dramatisch mit denen von McCarthy im Jahre 1954 darnieder. An diesem Punkt kollaborierten Corcoran und Donovan (die zuvor 1949 bei Chennaults Verkauf von Chinas Handelsluftflotte via CAT zusammengearbeitet hatten), um den Fluss an Geldern aus Asien zur Beeinflussung des Kongresses aufrechtzuhalten. Die neue Quelle war der Thai-Diktator Phao Sriyanon, einer der größten Nutznießer des KMT-Drogennetzwerkes, das von Helliwell, Sea Supply und CAT etabliert worden war. (Zum Zeitpunkt seines Todes im Exil in der Schweiz wurde von Phao gesagt, dass er „einer der reichsten Männer der Welt” war.) [81]

„Nachdem Skandale und Enthüllungen die Aufpolierung der China-Lobby in Washington erzwangen, bot der private Arm der Thai-Lobby seine eigenen Ressourcen auf…. Durch Donovan, [OSS-Veteran Willis] Bird [Sea Supplys Einkäufer in Bangkok] oder seinen anderen CIA-Verbindungen hatte Phao zu dieser Zeit den Rechtsanwalt Paul Helliwell … als Lobbyist neben Donovan angeheuert. Donovan [der von der thailändischen Regierung gemeldete $ 100.000 erhielt] und Helliwell teilten den Kongress untereinander auf, indem Donovan die Verantwortung für die Republikaner und Helliwell die für die Demokraten übernahm.“ [82]

Wie „übernahm“ Helliwell, ein einflussreicher Republikaner-Anwalt, der Vollzeit in Miami arbeitete, die Demokraten? Durch das Wirken in seiner Rolle als Thai-Konsul in Miami: seine Jahresberichte als Lobbyist von Ausländern zeigen, dass er Zehntausende von Dollar pro Jahr an James Rowe von Corcoran und Rowe gab.


Helliwell, Resorts International und die Politik der Korruption

Helliwell und seine Banken wickelten auch echte Investitionen für die Lansky-Leute ab:

„Unter den Immobilienunternehmen in Florida, die von Helliwells Fingerfertigkeit profitierten, war die General Development Corporation, kontrolliert von Louis Chesler, einem Florida-Immobilien-Entwickler und Mitarbeiter von Lansky, sowie von “Trigger Mike” Coppola, einem Lansky-Kumpan. Chesler war der Partner von Wallace Groves …. Chesler und Groves waren Partner in einem Glücksspielunternehmen zusammen mit Resorts International durch ein Bahamas-Unternehmen, dessen Rechtsrat die Kanzlei Helliwell, Melrose und DeWolf war.“ [83]

Resorts International, ehemals die Mary Carter Paint Company, die von James Crosby kontrolliert wurde, war Mehrheitsbesitzer eines Bahamas-Resorts, Paradise Island, das nicht in der Lage war, an eine Lizenz zu kommen, ehe Wallace Groves 1966 als Partner reingeholt wurde. Die bekannte Reaktion eines Offiziellen des US-Justizministeriums zu diesem Eigentümerwechsel war: „Die Atmosphäre scheint das Richtige für ein Lansky-Gewinn zu sein.” Jahre später sollten „Anwälte der Gaming Enforcement Division New Jersey der Erteilung einer Glücksspiel-Lizenz an Crosby und seine Firma [Resorts International] unter Berufung auf ,Verbindungen zu anrüchigen Personen und Organisationen‘, und speziell auf ihre Bilanz auf Paradise Island, Widerstand leisten.” [84]

Wie Helliwell und Groves, so war auch Resorts International Teil der weltweiten CIA-Mob-Connection. Laut einem CIA-Memorandum von 1976, das in der Meyer Lansky-Sicherheitsakte enthalten ist:

„Resorts International, Inc., ist der Gegenstand der OS [Office of Security] Akte # 591 722. Diese Akte spiegelt wider, dass Resorts International, Inc. 1972 und 1973 von Interesse war für Cover- und Handelsmitarbeiter von DDO [Operations Directorate].“ [85]

Wallace Groves

Wallace Groves

Wie das gleiche CIA-Memo deutlich macht, war dies nachdem ein 1969 erschienenes Buch, The Grim Reapers von Ed Reid, Verbindungen des Unternehmens zu Wallace Groves und durch den Casino-Manager Eddie Cellini zu dem, was das CIA-Memo als ,die Glücksspielaktivitäten vom Chef der organisierte Kriminalität, Meyer LANSKY ‘ bezeichnete, enthüllt hatte.  [86] Resorts International nahm also mit anderen Worten die Mittlerrolle zwischen der CIA und Eddie Cellini ein, so wie (das werden wir gleich sehen) 1960 eine ähnliche Rolle vom Anführer der CIA-Schweinebucht-Invasion Tony Varona ausgeführt worden war.

1972, dem Jahr, in dem Resorts „von Interesse” für die CIA wurde, war auch das Jahr , in dem Meyer Lansky zusammen mit Dino Cellini (Eddies Bruder) in Miami angeklagt wurde. Einer der Vorwürfe in der Anklageschrift war, dass „Lansky 1968 zumindest eine gewisse Kontrolle über die Laufvergnügungsreisen (ein profitable Teil eines Casino-Betriebs) beim Paradise Island Casino kontrollierte“  [87] Ich werde später argumentieren, dass in diesen zwei Jahren sowohl Resorts, als auch die Lansky-Anklage „von Interesse”  für die CIA wegen des Showdowns waren, der in dieser Zeit zwischen Nixon und der CIA im Zuge des Watergate-Einbruchs stattfand.

Die CIA war sich möglicherweise über die Vorwürfe bewusst, die 1972 auftauchten, dass die Gelder aus dem Paradise Island Casino von einem Casino-Mitarbeiter heimlich zu Nixon und seinem Freund Bebe Rebozo gebracht wurden. Dieser Mitarbeiter war Seymour (Sey) Alter, auf der einen Seite ein Verbündeter von Lansky und seinem Mann Eddie Cellini, und auf der anderen Seite „ein Freund von Nixon und Rebozo seit 1962.”  [88] Die Gelder kamen von der Paradise Island Bridge Company, einem Unternehmen, das teilweise einem Offiziellen von Benguet International gehörte, einer Firma, die von Paul Helliwell vertreten wurde.  [89] Es ist wahrscheinlich, dass Nixon selbst einen versteckten Anteil an der Bridge Company hielt, was die Enthüllung im Zuge der Operation Tradewinds erklären könnte, dass ein „Richard M. Nixon ” (nicht anders identifiziert) ein Konto bei Helliwells Castle Bank hatte. [90]


Die CIA, Eddie Cellini, Edward K. Moss und die CIA-Mafia-Plots

Aber es gab noch mehr an der CIA-Resorts-Verbindung. 1967 hatte Casino Resorts (zu dieser Zeit Paradise Island) Eddie Cellini als Casino-Manager angeheuert, der früher Lanskys Casino in Havanna, Hotel Internacional, gemanagt hatte.  [91] 1967 war das Jahr, in dem der CIA-Generalinspekteur in seinem Bericht über CIA-Plots zur Ermordung Fidel Castros geschrieben hatte, dass über Eddie Cellini und seinem berühmteren Bruder Dino:

„geglaubt wurde, dass sie in Kontakt mit [Tony] Varona [Mitglied der CIA-Frontgruppe für die Schweinebucht-Operation] waren … und es wurde berichtet, dass sie Varona große Summen Geld für seine Operationen gegen Castro angeboten haben, mit dem Verständnis, dass sie eine privilegierte Behandlung ,im Kuba der Zukunft‘ erhalten würden.” [92]

Der Bericht des Generalinspekteurs wurde geschrieben, um mit dem politischen Eklat umzugehen, der durch Jack Anderson spektakuläre Behauptung im Jahre 1967 auftrat, dass John F. Kennedy möglicherweise als Folge eines Mordkomplott gegen Castro getötet worden sei, „der dann möglicherweise nach hinten losging”, um sich gegen Kennedy selbst zu richten.  [93] Jack Andersons ultimative Quelle für die Geschichte war John Roselli, ein Mob-Mitglied, das verärgert darüber war, dass seine Zusammenarbeit mit der CIA bei den Mordplänen ihn nicht vor einer Anklage und möglichen Abschiebung schützte.

Eddi Cellini

Eddie Cellini

Der Forscher Alan A. Block stellt fest, dass es seltsam unklug von Paradise Island war, Eddie Cellini 1967 angestellt zu haben, da es gerade erst einen eigenen Skandal von organisierter Kriminalität hinter sich hatte.  [94] Aber die CIA war mit einem noch größeren Skandal von organisierter Kriminalität durch Jack Andersons Kolumne konfrontiert, und der IG-Bericht hatte CIA-Direktor Helms gerade erst mitgeteilt, dass Cellini möglicherweise ein Vermittler in den Mordplänen zwischen den beiden Plot-Anführern Varona und Santos Trafficante gewesen war.  [95] Eine Möglichkeit ist, dass Cellini von Resorts angeheuert worden war, um sicherzustellen, dass er sich nicht Roselli anschließen würde, um an die Öffentlichkeit zu gehen.

Es gibt einen wichtigen FBI-Bericht, der unbeanstandet in einem CIA-Dokument in der Lansky-Sicherheitsakte reproduziert wurde, die fast frei von Verweisen auf Lansky ist, aber sehr wohl eine Akte zu den CIA Mafia-Verschwörungen genannt werden kann.  [96] Nach diesem FBI-Bericht kam es zu dem Kontakt zwischen Varona und den Cellini-Brüdern, die den Mob repräsentierten, durch einen in Washington ansässigen PR-Agenten namens Edward K. Moss:

„Verona [sic] hat auf Edward K. Moss als seinen Assistenten für die Beschaffung von Finanzmitteln zur Finanzierung von Operationen gegen Castro zurückgegriffen. … Julia Cellini ist angeblich Moss’ Geliebte und betreibt einen Sekretariats-Service, [der] in Wirklichkeit eine Front für Edward K. Moss‘ Aktivitäten ist. … Julia Cellinis Bruder Dino Cellini und sein Bruder (Vorname unbekannt) sind aktive Fronten für zwei der größten Kasinos, die in Kuba bis zum Batista-Regime betrieben wurden. … Es wird behauptet, dass die Cellini-Brüder in engem Kontakt mit Tony Verona [sic] durch Edward K. Moss sind und angeboten haben, erhebliche Summen (von bis zu zwei Millionen Dollar wurde berichtet) durch Edward K. Moss an Tony Verona beizutragen, um Operationen gegen das Castro-Regime zu finanzieren, mit dem Verständnis, dass sie eine große Scheibe ,im Kuba der Zukunft‘ abbekommen würden.” [97]

Dem gleichen CIA-Memo zufolge war Moss ein ehemaliger Präsident der Public Relations Society of America. Zur gleichen Zeit, nach einem mündlichen Bericht von Dun und Bradstreet an den damaligen CIA-Agenten Edwin P. Wilson, „,scheint Moss’ Operation in Regierungsaufträgen für die Unterwelt und möglicherweise die Beobachtung von Mafia-Geld in legalen Geschäftsaktivitäten zu liegen.” [98]

Mr. Edward K. Moss, PR counsel to Embassy introduces Miss Julia T. Cellini to Vice President Tolbert

Mr. Edward K. Moss, PR counsel to Embassy introduces Miss Julia T. Cellini to Vice President Tolbert

All dies liefert einigen Kontext zur Entscheidung des CIA-Amtes für Sicherheit (CIA Office of Security) am 7. November 1962, eine Covert Security Approval (CSAS) für den Einsatz von Moss durch die Political Action Group des Covert Action-Mitarbeiterstabs (CA) der CIA zu sichern.  [99] Das war natürlich mehr als ein Jahr, nachdem das FBI der CIA angeblich mitgeteilt hatte, dass „die Cellini-Brüder in Kontakt mit Varona durch Moss sind und angeboten haben, so viel wie zwei Millionen Dollar beizutragen, um Anti-Castro-Operationen zu finanzieren.”  [100] Außerdem wiesen FBI-Informationen an die CIA darauf hin, dass Moss‘ Geliebte Julia Cellini und ihr Bruder Dino Cellini angeblich Zuhälter waren, während „die Cellini-Brüder seit langem mit Drogen- und Prostitutions-Sklavenhandel-Gangstern in Kuba in Verbindung gebracht wurden.”  [101] Die CIA selbst benachrichtigte das FBI am 16. Dezember 1960, dass Julia “Cellino” darauf hingewiesen hatte, dass ihr Brüder „seit langem im Drogen- und Prostitutions-Sklavenhandel in Kuba verbunden war.” [102]

Weitere FBI-Informationen deuteten darauf hin, dass Dino Cellini „ehemals mit Joseph Francis Nesline, einem WFO [d.h. Washington] Top-Ganoven, in einem Spielbetrieb verbunden war.”  [103] Ich habe an anderer Stelle geschrieben, wie Meyer Lansky und Joe Nesline “systematisch sexuelle Erpressung [d.h. durch modernen Sklavenhandel] benutzten, um eine Reihe von Menschen in Washington, die politisch einflussreich waren, zu kompromitieren.” [104]

Die CIA erinnerte sich, dass Moss ein fragwürdiger Charakter war: ein Memo vom 28. November 1962 verwies auf seine „,skrupellosen und unmoralischen‘ Geschäftspraktiken”[105] Laut dem IG-Bericht und anderen Memos: „Ein Memorandum, das vom CA [Covert Action] Mitarbeiterstab 1965 vorbereitet worden war, sagt aus, dass die Datensätze keine Verwendung von Moss zeigen“[106] aber diese sorgfältig formulierte Sprache schließt natürlich keine Verwendung von Moss abseits der Bücher aus. In der Tat bestätigen die Dokumente des Moss-Ordners das Interesse der CIA an ihm, und viele Dokumente betreffen Julia, Eddie, Dino und Goffredo Cellini.

Die Unterlagen über Moss, die Cellinis und Varona sind sehr aufschlussreich. Das FBI alarmierte die CIA über ihre Beziehung und das Angebot von zwei Millionen Dollar an Varona „im Hinblick auf die schwerwiegenden Folgen von [Mafia-] Infiltration dieser CIA-gestützten Aktivität [gegen Castro].”  [107] Am 23. Januar 1961 kommunizierte das FBI seine Anliegen mit dem neuen Generalstaatsanwalt, Robert Kennedy, damals für weniger als eine Woche in seinem Amt. [108]

Die Reaktion der CIA war das Gegenteil von dem, was die Anstandsregeln erwartet hätten: Statt sich von Moss und seinen Mitarbeitern zu distanzieren, erwärmte sich die CIA ihrer. Die CIA ordnete die Weitergabe von Giftpillen über die Mafia an Varona an, der im Februar 1961 der Weichensteller im CIA-Mafia-Plot zur Tötung Castros wurde.  [109] 1962 wurde Varona erneut ausgewählt, um sich als ZRRIFLE-2 an William Harveys erneuerten Mordplänen gegen Castro zu beteiligen.  [110] Und im gleichen Jahr, wie wir gesehen haben, unternahm die CIA Schritte, um Moss selbst zu verwenden.


Mehr über die CIA, Moos und die Politik der Korruption: Adnan Khashoggi

Die indirekte Beziehung der CIA zu Moss durch einen Mittelsmann (Varona) scheint bis in die 1970er Jahre hinein überlebt zu haben. Zu diesem Zeitpunkt war der Mittelsmann Adnan Khashoggi, der für eine Weile (wie T.V. Soong und Phao Sriyanon vor ihm) als „der reichste Mann der Welt” bekannt wurde. Khashoggi wurde auch in dem Kerry-Brown-BCCI-Report als einer der „ausländischen Hauptagenten der USA” aufgelistet, und irgendwann in den 1970er Jahren engagierte er Edward K. Moss als seinen PR-Agenten.

Khashoggi replizierte die Politik des korrupten Einflusses durch Geld und Sex, der wir schon begegneten. Seine Beiträge zu Nixons Wahlkampfkampagnen – manche legal, manche illegal – wurden durch den Watergate-Ausschuss des Senats untersucht. Über Khashoggi wird von einigen gesagt, dass er 1972 bis zu $ 1 Million heimlich an Nixon gegeben habe, angeblich in einer Aktentasche, die er „versehentlich” in Nixons San Clemente-Residenz zurückgelassen habe.

Zusätzlich ist von Khashoggi bekannt, dass er mehrere Millionen Dollar in der Bank von Nixons Freund Bebe Rebozo hinterlegt hatte (manche sagen $ 200 Millionen).  [111] Er „entnahm alles bis auf $ 200.000 in Form von Schecks, die zu ,Cash‘ gemacht und ans Sands Hotel (in Las Vegas) überschrieben wurden“[112] Es war, als ob Khashoggi das Sands als seinen persönlichen Waschsalon nutzte. Bekannt als „der größte High Roller, der je in Las Vegas eintraf”, sollte Khashoggi mit einem Wurf so viel wie $ 250.000 verlieren. [113]

Adnan Khashoggi

Adnan Khashoggi

Das Sands war eines der Las Vegas-Casinos, die ursprünglich teilweise im Besitz von Meyer Lansky waren, und von deren Erlöse Gewinnabschöpfungen in der Miami National Bank hinterlegt wurden (wie wir gesehen haben).  [114] In den 1970er Jahren war das Sands nunmehr im Besitz von Howard Hughes; aber zwei Veteranen der Lansky-Ära, Carl Cohen und Jack Entratter, arbeiteten weiterhin im Casino.  [115] Khashoggi verwickelte inzwischen den Manager von Hughes‘ Eigentümern in Vegas, F. William Gay, in seine Geschäfte; und schließlich, als Hughes heimlich von Vegas zu Wallace Groves‘ Resort in Freeport, Bahamas gebracht wurde, geschah dies in Khashoggis Flugzeug. [116]

Selbst in der Ära Hughes blieben Las Vegas-Casinos weiterhin bevorzugte Standorte für die Wäsche von Geld (als Glücksspiel-Verluste getarnt). Diese Praxis wurde so gut etabliert, dass der US-Zoll schließlich in der Operation Casablanca ein gefälschtes Casino in der Nähe von Las Vegas aufmachte, in dem sich mexikanische Top-Level-Bankbeamte versammelten und „eifrig diskutierten, wie die neueste halbe Milliarde Dollar an Drogenerlösen gehandhabt werden sollte.”  [117] In einem wichtigen Fall wurden tausende von Dollar in einem Geld-Umschlag aus dem Stardust Casino (oben erwähnt worden) in einem mutmaßlichen Drogenschmuggelflugzeug in Florida gefunden. [118]

Es gibt auch Berichte, dass Khashoggi neben Geld „Sex verwendete, um US-Führungskräfte zu gewinnen.” Die Rechnung für die Frau, die ihm en masse Mädchen auf seine Yacht im Mittelmeer lieferte, belief sich auf Hunderte von Tausenden von Dollar. [119]

Das CIA-Interesse an Khashoggi und Moss begrenzte sich nicht auf die Gelder, die den beiden Männern zugänglich waren. In den 1970er Jahren war Moss Vorsitzender des elitären Safari Club in Kenia, wo er Khashoggi einlud, Mehrheitseigentümer zu werden.  [120] Und wie der ehemalige saudische Geheimdienstchef Prinz Turki bin Faisal einmal öffentlich offenbarte, trafen sich die Geheimdienstchefs aus einer Gruppe von Ländern (Frankreich, Ägypten, Saudi-Arabien, Marokko und Iran unter dem Schah) regelmäßig im Safari Club, um verdeckte Operationen durchzuführen, die die CIA im Zuge des Watergate-Skandals nicht durchführen konnte. [121]

CIA-Beamte wie Miles Copeland und James Critchfield wurden Teil des Khashoggi-Milieus. Sie berieten Khashoggi bei diplomatischen Initiativen, wie z. B. ein geplanter Nahost-Friedensfonds, der Israel und Palästina für das gegenseitige Anerkennen belohnen sollte.  [122] Khashoggi hatte die Fähigkeit, mit den Israelis zu verhandeln; er soll durch den ehemaligen Waffenschmuggler Hank Greenspun, dem politisch einflussreichen Herausgeber der Las Vegas Sun, bei den Israelis eingeführt worden sein. [123]

Im Allgemeinen repräsentierte Khashoggi die Nachkriegs-Offshore-Auswanderung immensen Reichtums und die Macht, die es förderte. Er diente als „Mittelsmann“ (“cut-out“) oder Vertreter in einer Reihe von Operationen, die denen, die er vertrat, untersagt waren. Lockheed für seinen Teil war auf der Liste der militärischen Auftragnehmer, die illegal an Nixons Wahlkampf 1972 zahlten, auffällig abwesend. Aber es gab kein Gesetz, dass der offizielle Repräsentant, Khashoggi, nicht $ 200 Millionen durch die Bank von Nixons Freund Bebe Rebozo lenken konnte. [124]

All dies deutet darauf hin, dass das CIA-Interesse an Moss – wie später an Khashoggi, an Wallace Groves, an Operation █, und an Eddie Cellinis Arbeitgeber Resorts International – mit irregulären Finanzierungen von verdeckten Off-the-Books-Operationen zu tun hatte. Und wenn solche Finanzierungsmittel übergeben wurden, so legt der Kontext nahe, dass der Mann, der sie zu behandeln bestimmt wurde, Paul Helliwell gewesen sein dürfte, der Mann, über den das Wall Street Journal berichtete, dass er „,tief involviert’ (war) in die Finanzierung einer Reihe von verdeckten Unternehmungen gegen Kuba zwischen 1964 und 1975.“ [125]


Helliwell, Castle Bank, Bruce Rappaport und BCCI

Durch diesen schnellen Überblick von Helliwells Banken haben wir gesehen, dass er zentral war für eine Connection zwischen der Welt der Geheimdienste, der organisierten Kriminalität, des globalen Drogenhandels, politischen Einflusses und der spekulativen Investitionen, oftmals in Hotel-Casinos, mit Figuren der Oberwelt.

Aber die Connection war keine, die von Helliwell selbst entwickelt worden war, es gab andere mächtige Leute im Hintergrund, von denen einige die Verbindung aufrecht erhalten sollten, nachdem Helliwell 1976 starb (als Castle Bank gerade begann, die Aufmerksamkeit von Zeitschriften wie Newsweek auf sich zu ziehen).

Einer der wichtigsten war vielleicht der ehemalige OSS-Chef William Donovan (über den wir noch mehr zu sagen haben). Laut Pete Brewton:

„Einer der Anwälte im Einer flog übers Kuckucksnest-Fall gab die Erklärung ab, dass Kanter Helliwell durch General William J. ‘Wild Bill‘ Donovan vorgestellt worden war, dem berühmten Führer des OSS im Zweiten Weltkrieg, und durch Helliwells OSS-Chef. Kanter bestritt dies. ,Ich bin Bill Donovan persönlich nie begegnet. Ich glaube, ich könnte ihn mal per Telefon auf Wunsch von Paul Helliwell gesprochen haben…‘” [126]

Eine weiterer, direkter beteiligter OSS-Figur war Helliwells Partner in der Florida-Bank-Holdinggesellschaft (HMT genannt, und später Florida Shares), dem die Bank of Perrine und die Bank of Cutler Ridge gehörte. Dies war:

„E.P. Barry, der im Zweiten Weltkrieg als US-Militär-Geheimdienst-Offizier im Office of Strategic Services (OSS) gewesen war. Am Ende des Krieges war er der Leiter der US-Spionageabwehr (X-2) in Wien. … Barry … war ein langjähriger Mitarbeiter von [CIA-Direktor] William Casey, laut einem Castle Bank-Offiziellen.“ [127]

Barry war gleichzeitig ein Hauptaktionär von Florida Shares und in der Inter Maritime Bank von Bruce Rappaport, ein enger Freund und Geschäftspartner von William Casey. Von Rappaport, ein Ölhändler und Öltanker-Makler, wurde „gedacht, dass er Beziehungen zu Geheimdiensten der USA und Israels hatte”; er besaß zahlreiche Verbindungen zum weltweit größten Geheimdienst-Drogen-Waschautomaten, den es je gab – die Bank of Credit und Commerce International (BCCI).  [128] Die Gokal-Versand-Familie aus Pakistan, die BCCIs Investoren anführte, die später zur BCCI-Pleite beitrugen, war auch Aktionär zusammen mit Rappaport und Barry in der Inter Maritime Bank.  [129] Alfred Hartmann, Vorstandsmitglied der BCCI, war sowohl stellvertretender Vorsitzender von Rappaports Schweizer Bank, Bank of New York-Intermaritime, als auch Leiter der Schweizer Tochtergesellschaft von BCCI, die Banque de Commerce et de Placements (BCP). [130]

Und laut Angaben von Block und Weaver „bearbeitete Rappaport die National Bank of Oman (ein Joint Venture von BCCI / Bank of America), um dabei zu helfen, Millionen an CIA- und Saudi-Dollar an Pakistan für die afghanischen Rebellen während des 1980er Jahre-Kriegs mit den Sowjets zu leiten.”  [131] Rappaports zentraler Mann in Oman war Jerry Townsend, ein angeblicher ehemaliger CIA-Agent, der jetzt Colonial Shipping Co. in Atlanta leitete, wo er BCCI-Gesellschafter Bert Lance kannte.

BCCI und ein israelischer Geheimdienstler waren auch an Medellin-Waffenverkäufen beteiligt, über eine „Melonen-Farm” auf Antigua, die teilweise von William Caseys Freund Bruce Rappaport finanziert wurde. [132]

„Bruce Rappaport … besaß das Land, auf dem Maurice Sarfati, ein ehemaliger israelischer Militär-Offizier, seine Melonen-Farm eingerichtet hatte. Und eine von Rappaports Banken auf Antigua gab Sarfati einen großen Kredit – der nie zurückgezahlt wurde. Sarfati (der auch ein von OPIC, der US-Regierungs-Versicherungsagentur gewährtes Darlehen nicht bediente) übernahm es von dort, kultivierte zunächst Regierungsbeamte und verschaffte dann ein Entree in ihre Büros für seinen Landsmann Yair Klein.

Kleins Arbeit [war] in Kolumbien, wo seine israelisch lizenzierte “Sicherheits”-Firma, Spearhead Ltd … die Killerkommandos des Medellin-Kokain-Kartells in Mord- und Bomben-Techniken trainierte, unwillkommene Aufmerksamkeit zu erregen begann. .. 1988 war Klein auf Antigua, indem er nach einem neuen Weg suchte, um Waffen an seinen Medellin-Kunden Jose Gonzalo Rodriguez Gacha zu liefern.“ [133]

Bruce (Baruch) Rappaport 1922-2010

Bruce (Baruch) Rappaport 1922-2010

Rappaports scheinbare Links zum Mossad werfen die Frage auf, ob Helliwells Verbindungen zu Lanskys Bank of World Commerce und zu Tibor Rosenbaum nicht auch eine Verbindung zum Mossad bildeten. Die gleiche Frage wird von Helliwells rechtlicher Vertretung (laut dem Martindale-Hubbell-Rechtsregister) aufgeworfen, der Eastern Development Company: eine Firma dieses Namens kooperierte mit Lansky, Hank Greenspun und anderen bei der Lieferung von Waffen an den im Entstehen begriffenen Staat Israel. [134]

Es ist klar, dass Juden, wie viele andere Minderheiten, ein Bestandteil der globalen Drogen-Connection waren. Noch wichtiger ist, sie waren ein wichtiger Teil der Finanzinfrastruktur dieser Connection – aber selbst auf diesem Niveau operierten sie nicht allein. Die globale Drogen-Connection kombinierte jüdischen Banken in Florida und in der Schweiz mit jenen der Teochew-, Fujian- und Hokkien-Chinesen in Südostasien und Hong Kong, mit den Muslimen der Bank Intra und später von BCCI im Nahen Osten, und darüber hinaus mit italienischen Banken, wie die von Michele Sindona und Roberto Calvi, beide Mitglieder der geheimdienstlich-verknüpften Freimaurerloge P-2, und beide ermordet, nachdem ihre Banken durch Mafia-Beteiligung gescheitert waren.  [135] Mein Eindruck ist, dass keine dieser ethnischen Minderheiten-Elemente je an Macht die dominierende Rolle der Mainstream-Figuren wie Donovan und Helliwell übertraf.

(Als eine Person, die zutiefst der Gewaltlosigkeit verpflichtet ist, muss ich auch zugeben, dass die Gewalt der ethnischen Gruppen in der globalen Drogen-Connection, wenn sie auch später mächtig und geheimdienstlich-bezogen wurde, ihren Ursprung in Abhilfe-Gewalt gegen ein System hatte, das vor allem von europäischen und amerikanischen Interessen dominiert war.)

Eine dieser Mainstream-Figuren war der mysteriöse E.P. Barry, ein Investor sowohl von Helliwell, als auch von Rappaport. Eine von sehr wenigen Sachen, die über Barry bekannt sind, ist, dass er während des Zweiten Weltkriegs im OSS war und dass Donovan ihn gegen Ende des Krieges zum Leiter der OSS-Gegenspionage (X-2) in Wien ernannte. [136]

Die OSS-X-2 oder -Gegenspionage war die geheimste und am höchsten klassifizierte der OSS-Abteilungen und diejenige, deren genaue Mission darin bestand, den deutschen Sicherheitsdienst (SD) zu durchdringen.  [137] Laut einem OSS-Report von 1946: „Eine gleichermaßen interessante X-2-Aktivität war die Untersuchung von RSHA (SD) Finanztransaktionen“ (Operation Safehaven). [138] Im Laufe dieser Untersuchungen nahm die Dritte US-Armee einen SD-Major „auf mehrere Reisen nach Italien und Österreich, und als Resultat dieser vorausgehenden Reisen wurden über $500.000 an Gold und auch Juwelen gesichert.“ [139] Einiges von dem unter der Oberaufsicht von Barry gesicherten Nazi-Golds wurde daraufhin benutzt, um US-Geheimdienstoperationen in den unmittelbaren Nachkriegsjahren in Deutschland zu finanzieren.

Barry steht mit diesem faszinierenden Hintergrund für die Kontinuität zwischen der Helliwell-Geheimdienst-Drogen-Connection, die bis 1972 blühte (dem Jahr, in dem die IRS-Operation Tradewinds begann, die Bank of Perrine zu untersuchen), und der BCCI-Geheimdienst-Drogen-Connection, die nach 1972 erblühte (dem Jahr, in dem BCCI gegründet wurde).

Wie Khashoggi zuvor, besaß BCCI die Fähigkeit, arabisch-israelisch-chinesische Waffengeschäfte zu vermitteln, sowie Kontakte zu westlichen Geheimdiensten und Politikern. In der Tat scheint die Bank weitgehends Khashoggis Funktion als Einflussagent im Nahen Osten und anderswo geerbt zu haben, nachdem die Vereinigten Staaten durch den Corrupt Federal Practices Act von 1978 Direktzahlungen von US-Unternehmen an ausländische Personen verboten. [140]

BCCI erbte und expandierte auch Khashoggis Verwendung von Geld, um amerikanische Politiker zu beeinflussen und zu korrumpieren. BCCIs pakistanischer Präsident, Agha Hasan Abedi, rettete Jimmy Carters Finanzminister Bert Lance vor dem Bankrott, und entwickelte dadurch eine Beziehung zu Carter selbst. [141]

Ein Senatsbericht zu BCCI schloss, dass:

„BCCI sich systematisch auf Beziehungen mit und bei Bedarf Zahlungen an prominente Politiker in den meisten der 73 Länder (verließ), in denen BCCI operierte. … Das Ergebnis war, dass die BCCI Beziehungen unterhielt, die von fragwürdig bis unsachgemäß und vollkommen korrupt mit Beamten aus allen Ländern der Welt reichten, darunter Argentinien, Bangladesch, Botswana, Brasilien, Kamerun, China, Kolumbien, Kongo, Ghana, Guatemala, die Elfenbeinküste, Indien, Jamaika, Kuwait, Libanon, Mauritius, Marokko, Nigeria, Pakistan, Panama, Peru, Saudi-Arabien, Senegal, Sri Lanka, Sudan, Surinam, Tunesien, die Vereinigten Arabischen Emirate, die Vereinigten Staaten, Sambia und Simbabwe.“ [142]

Und aus zwei gut recherchierten Büchern von Journalisten von Time und dem Wall Street Journal erfahren wir, dass unter den später hochgestellten Empfängern der Großzügigkeit von BCCI, ihren Besitzern und Tochtergesellschaften:

„Ronald Reagans Finanzminister James Baker, der sich weigerte, BCCI zu untersuchen, [143] und der demokratische Senator Joseph Biden und der republikanische Senator Orrin Hatch, die Mitglieder des Rechtsausschusses des Senats, die sich weigerten, BCCI zu untersuchen“, waren. [144]


Die CIA, BCCI und eine „lange Tradition von anrüchigen Banken”

Scheich Zayid bin Sultan Al Nahyan (1998), bedeutendster Anteilseigner der Bank

Scheich Zayid bin Sultan Al Nahyan (1998), bedeutendster Anteilseigner der Bank

Aber Barry ist nicht die einzige Verbindung zwischen den Drogenbanken von Helliwell und BCCI. Eine zentrale Figur ist General George Olmsted, der Leiter der Washingtoner Bank-Holdinggesellschaft, die als International Bank bekannt war.  [145] Im März 1973 ließ Olmsted die International Bank (die „einen Ruf als CIA-Bank hatte”) 66 Prozent des Grundkapitals der gescheiterten Mercantile Bank auf den Bahamas kaufen (dem Vorgänger von Castle), obwohl „Internationals Angestellte um den Ist-Zustand von Mercantiles finanzieller Gesundheit wussten.”  [146] Ab 1977 begann International, ihre Aktien an Financial General Bankshares (später als First American bekannt), einer großen amerikanischen Bank-Holding, an Front-Männer von BCCI zu verkaufen, die später für BCCI die First American übernahmen. [147]

Die häufigste Erklärung ist, dass die CIA die Bank nicht nur verwendete, sondern auch entwickeln half. Die Journalisten Peter Truell und Larry Gurwin, die Autoren des definitiven Buchs über BCCI, spekulierten, dass die CIA-Beziehung zu ihrem Gründer, Agha Hasan Abedi, vor die BCCI-Gründung im Jahre 1972 zurückgereicht haben könnte. Sie beobachteten auch, dass die BCCI nur die jüngste in einer überlappenden Reihe von Geldwäsche-Banken war, die Dienstleistungen für die CIA-Deak & Company, Castle Bank & Trust, und Nugan Hand erledigte. [148]


Die globale Connection und Drogen

Guillermo Hernandez-Cartaya

The corporation was founded in 1971 by the Cuban expatriate banker Guillermo Hernandez-Cartaya

Eine von diesen verknüpften Banken, die World Finance Corporation in Florida, wurde das Ziel „der vielleicht größten Drogenfahndung des Jahrzehnts.” Aber die Untersuchung, an der „viele Bundes- und Landesagenten beteiligt“ waren, „musste nach einem Jahr verschrottet werden, weil die CIA sich beim Justizministerium beschwerte, dass ein Dutzend Top-Verbrecher ,von Interesse‘ für sie sei.” [149]

Eine weitere mit Drogen verbundene Bank war die australische Nugan Hand Bank, die 1976 entschied, Price Waterhouse auf den Bahamas als Wirtschaftsprüfer zu engagieren, dem Jahr, in dem sowohl Castle, als auch Mercantile zusammenbrachen. [150] Nach ihrem spektakulären Zusammenbruch 1980, schlossen australische Ermittler, dass Nugan Hand in der Finanzierung von großen Drogengeschäften sowie in der Geldwäsche von Gewinnen verwickelt gewesen war: zwei offizielle Untersuchungen „platzierten Nugan Hand in die kritische Rolle der heimlichen Übertragung von Drogen-Einkommen ins Ausland, wo es offensichtlich in noch mehr illegale Drogen reinvestiert werden konnte.” [151]

Paul Helliwell meeting Michael Hand and Frank Nugan

Paul Helliwell meeting Michael Hand and Frank Nugan

Nugan Hand sammelte eine beeindruckende Anzahl ehemaliger CIA-Beamteter, einschließlich des „geheimnisvolles Puppenspielers” Bernie Houghton, der in den 1950er Jahren angeblich die Stelle von Helliwell in Bangkok einnahm, und des ehemaligen CIA-Direktors William Colby. Von besonderem Interesse ist die Verwicklung der Nugan Hand mit Thomas Clines, einem CIA-Beamten in Laos unter Theodore Shackley, der später zurücktrat, um im ausgelagerten Geheimdienst-Netzwerk von Edwin Wilson zu arbeiten. Als Nugan Hand Bank 1980 spektakulär zusammenbrach (mit dem Selbstmord von oder Mord an Frank Nugan), war es Thomas Clines, der Houghton leise aus Australien heraus half. [152] Die beiden Männer nahmen danach zusammen mit Edwin Wilson und Theodore Shackley und BCCI an verdeckten Off-the-Books-Operationen gegen die Sowjets in Afghanistan teil, indem sie nicht für die CIA, sondern für den Safari Club arbeiteten. [153]

Das CIA-Büro in Chiang Mai war, als das Hauptgeschäft in der Stadt der Opiumhandel war, auf der gleichen Etage wie das örtliche Büro der DEA einerichtet. Laut Jonathan Kwitny:

„Die DEA-Rezeption beantwortete Nugan Hands Telefonanrufe und nahm Benachrichtigungen an, wenn die Vertreter der Bank außerhaus waren.” Der dortige Repräsentant von Nugan Hand, Neil Evans, „sagte, dass er anwesend gewesen sei, als Michael Hand und Ron Pulger-Frame – der ehemalige Deak & Company-Kurier, der zu Nugan Hand gegangen war, um dort zu arbeiten – die Lieferung von CIA-Geld in den Nahen Osten, nach Saudi-Arabien und Panama diskutierten. Evans hat gesagt, dass Nugan Hand zeitweise bis zu $ 50 – 60 Millionen für die CIA bewegte, und auch, dass Nugan Hand an Dritte-Welt-Waffengeschäften beteiligt war.“ [154]

Evans sagte dem australischen Fernsehen auch, dass die Millionen, die er behandelt hatte, „durch die Drogen, die durch die Gegend gingen, eingesammelt“ wurden. „Die Bank, formulierte er es krass, war eine ,Waschanlage‘ für Meo [Hmong] Stammesangehörige und andere Mohnbauern.” [155]

In The Road to 9/11 beschreibe ich, wie Caseys Abhängigkeit von der BCCI, um US-Hilfe für die afghanischen Mudschaheddin im Kampf gegen die Russen zu verteilen, dazu führte, dass der roßteil der Hilfen die Fraktion von Gulbuddin Hekmatyar erreichte, dem führenden Drogenhändler in Afghanistan, der bald (dank der Hilfe der USA und von Pakistan) der vielleicht führende Heroinhändler der Welt wurde. [156]

Dieses Muster einer Drogen-Connection wiederholte sich in den 1990er Jahren, nachdem sich die Sowjetunion aus Afghanistan zurückzog und BCCI bald darauf zusammenbrach. In Aserbaidschan (unter dem Cover von Ölgesellschaften) gründeten Veteranen der CIA-Operationen unter Shackley und Clines in Laos wie Richard Secord, Heinie Aderholt und Ed Dearborn eine Fluggesellschaft nach dem Modell der Air America, die bald „Hunderte von Mudschaheddin-Söldner aus Afghanistan abholte.” [157] Die Azeri-Operationen der arabischen Afghanen wurden auch mit afghanischem Heroin finanziert.

Loretta Napoleoni hat argumentiert, dass es eine islamistische Drogen-Route von al-Qaida-Verbündeten in Nord-Zentral-Asien gibt, die von Tadschikistan und Usbekistan durch Aserbaidschan und Tschetschenien in den Kosovo reicht. [158] Das führt uns zu der paradoxen Tatsache, dass Clinton im Jahre 1998 die von al-Qaida gestützte Kosovo-Befreiungsarmee (Kosovo Liberation Army, KLA) unterstützte. Er tat dies, obwohl „das US-Außenministerium die KLA 1998 als … internationale Terrororganisation (listete), indem es sagte, dass sie ihre Operationen mit den Erträgen aus dem internationalen Heroinhandel und Darlehen von bekannten Terroristen wie Osama bin Laden finanzierte hatte.” [159]

Zuletzt, wenn man der ehemaligen FBI-Übersetzerin Sibel Edmonds glaubt, hat dieser gleiche Fluss von Heroin auch die Korruption des Kongresses unter George W. Bush finanziert. Edmonds wurde 2002 vom FBI gefeuert, nachdem sie einen Kollegen beschuldigt hatte, ein Sicherheitsrisiko zu sein. Sie hat ihre Entlassung seither in einem Whistleblower-Gerichtsverfahren angefochten, den die Regierung durch Berufung auf das Staatsgeheimnis-Privileg blockiert hat. Ihr wurde es auch verboten, öffentlich über ihren Fall zu sprechen.

Laut Daniel Ellsberg ist Edmonds’ Anliegen die von Napoleoni beschriebene Al-Qaida-Connection:

„Al-Qaida, hat sie dem Kongress gesagt, wird nach Angaben dieser Interviews zu 95% von Drogengeld finanziert – einem Drogenhandel, bei dem sich die US-Regierung blind stellt und den sie ignoriert, weil er Verbündete und Geheimdienst-Assets von uns stark miteinbezieht, wie zum Beispiel die Türkei, Kirgisistan, Tadschikistan, Pakistan, Afghanistan – all die ;Stans‘ –, in einem Drogenhandel, bei dem das Opium aus Afghanistan stammt, in der Türkei verarbeitet und nach Europa gebracht wird, wo es 96 % des europäischen Heroins liefert, und zwar durch Albaner, entweder in Albanien oder im Kosovo, durch albanische Muslime im Kosovo – im Grunde durch die KLA, die Kosovo-Befreiungsarmee, die wir in dieser Episode am Ende der Jahrhunderts stark unterstützten. … Sibel sagt, dass Koffer von Bargeld dem Sprecher des Repräsentantenhauses, Dennis Hastert, in dessen Haus in der Nähe von Chicago geliefert wurden, von türkischen Quellen, wohlwissend, dass eine Menge davon Drogengeld war.“ [160]

2005 wurden Sibel Edmonds’ Anschuldigungen teilweise in Vanity Fair berichtet. Dort wurde bekannt, dass sie Zugang zu FBI-Lauschangriffen von Gesprächen zwischen den Mitgliedern des American-Turkish Council (ATC) über die Bestechung gewählter US-Offizieller gehabt hatte, sowie über das, „was wie Verweise auf große Drogenlieferungen und andere Verbrechen klang.” [161]


Fazit: Eine kontinuierliche Folge von mit Drogen verbundenen Tiefenereignissen

Mafias und Imperien haben gewisse Gemeinsamkeiten. Beide können als die systematische Gewalt-Aufzwingung von Governance in Räumen mit Unter-Governance angesehen werden. Beide verwenden Gräueltaten, um ihre Ziele zu erreichen; beide aber werden in der Regel in dem Maße toleriert, insofern das Ergebnis ihrer kontrollierten Gewalt eine Verminderung der unkontrollierten Gewalt herbeiführt. (Ich würde versuchsweise vorschlagen, einen wichtigen Unterschied zwischen der Mafia und Imperien zu treffen: im Laufe der Zeit neigen Mafias dazu, mehr und mehr Teil der Zivilgesellschaft zu werden, deren Regeln sie einst brachen, wohingegen Imperien dazu neigen, mehr und mehr in unversöhnlichen Konflikt mit den Gesellschaften zu geraten, die sie einstmals kontrollierten.)

Wir haben eine Überlappung zwischen den Infrastrukturen der amerikanischen Mafia und des indirekten amerikanischen Imperiums gesehen. Ich habe versucht, das Epizentrum dieser Überlappung in einem Milieu zu beschreiben, das an seinen Außengrenzen zu einem globalen Nexus expandierte, den ich die globale Drogen-Connection nannte, mit engen Verbindungen zur USA-Unterwelt und zur US-Oberwelt. Der Nexus verbindet US-Geheimdienste mit den Nachrichtendiensten vieler anderer Länder, darunter Taiwan, Israel, Italien und Chile. Er überwacht auch finanzielle Beiträge an führende Politiker in vielen Ländern, darunter der beiden Parteien der Vereinigten Staaten.

Alle großen Tiefenereignisse in der jüngsten amerikanischen Geschichte und alle großen Erweiterungen des indirekten US-Imperiums seit dem Zweiten Weltkrieg können mit dieser globalen Drogen-Connection verknüpft werden:

  • Die erste US-Nachkriegspräsenz in Ost-Asien wurde in Verbindung mit den drogenfinanzierten KMT in Taiwan etabliert.
  • Die US-Präsenz in Südostasien begann mit Sea Supplys Unterstützung für KMT-Drogenhändler in Ost-Burma, expandierte dann in der Mitte der fünfziger Jahre mit der drogenfinanzierten PARU-Streitkraft in Laos, während die CIA Saigon durch die Kontrolle der dortigen Drogendistribution sicherte.
  • Die verknüpfte Finanzierungsgesellschaft Deak & Company, die von OSS-Veteran Nicholas Deak gegründet worden war, „wurde von der CIA angeblich zur Finanzierung von verdeckten Operationen genutzt, einschließlich des Sturzes des demokratisch gewählten iranischen Premierministers Mohammed Mossadegh von 1953.” [162]
  • Die Sturz des demokratisch gewählten guatemaltekischen Präsidenten Jacobo Arbenz von 1954 wurde teilweise mit Unterstützung des nicaraguanischen Diktators Anastasio Somoza erreicht, eine wichtige Figur in Lanskys Waffen-Pipeline nach Israel in den 1940er Jahren, dessen Guardia Nacional danach tief im Drogenhandel in der Karibik verstrickt war.
  • Die Einführung von verdeckten Kräften der CIA in Laos im Jahre 1960, die schließlich zu einer drogenfinanzierten, irregulären Armee von Zehntausenden anwuchs, wurde mit einer Kraft erreicht, die aus dem Sea Supply-Betrieb in Thailand herauswuchs. Der Privatkrieg der CIA in Laos, den Präsident Kennedy vergeblich einzudämmen versuchte, war der wahre Ausgangspunkt des US-Kriegs in Vietnam. [163]
  • Angletons „alternative CIA”, CI/SIG, manipulierte und fälschte ihre „Geheiminformationen“ über Lee Harvey Oswald in einer Weise, die ihn darauf vorbereitete, der designierte Verdächtige in der Ermordung von Präsident John F. Kennedy zu sein.
  • Der Sturz des demokratisch gewählten indonesischen Präsidenten Sukarno im Jahre 1965 wurde zum Teil durch verdeckte Unterstützung durch Zahlungen des Lockheed-Konzerns erreicht, und zum Teil durch die Intervention von Ryoichi Sasakawa, einem CIA-Einflussagenten, zusammen mit seinem Freund Yoshio Kodama von der Yakuza in Japan. [164] Sasakawa und Kodama waren auch Empfänger von Lockheed-Zahlungen, teilweise durch Deak & Company, teilweise durch Shig Katayama, dessen ID Corp. auf den Cayman-Inseln mysteriöse Geschäfte mit Helliwells Castle Bank durchführte. [165]
  • BCCI stellte die anfängliche Infrastruktur für die CIA-Intervention in Afghanistan im Jahre 1979 und das anschließende Bündnis mit dem großen Drogenhändler Gulbeddin Hekmatyar bereit. Pakistans Präsident Zia arrangierte für Zbigniew Brzezinski, Carters Sicherheitsberater, mit Generalleutnant Fazle Haq zusammenzuarbeiten, während ein BCCI-Informant den US-Behörden sagte, dass Fazle Haq „stark im Drogenhandel und im Bewegen des Heroingelds durch die [BCCI] Bank tätig war.” [166] Hekmatyar erhielt in den nächsten zehn Jahren mehr CIA-Hilfe als jedes andere CIA-Asstet vorher oder seitdem.
  • 1970 wurde ein CIA-Beamter mit dem Pseudonym Henry J. Sloman, der auch „ein direkt mit der Mafia verbundener Hoch-Risiko-Schmuggler“ war, nach Chile geschickt, wo er sich an der rechten Verschwörung zur Ermordung von René Schneider, dem Oberkommandierenden der chilenischen Armee, beteiligte. [167]
  • Orlando Letelier wurde im September 1976 in Washington von einem Team aus exil-kubanischen Drogenhändlern ermordet, die für den durch Drogen finanzierten chilenischen Geheimdienst DINA arbeiteten. Obwohl die US-Regierung bereits Kenntnis von DINAs Operation CONDOR für solche Morde im Ausland besaß, entschied CIA-Direktor Bush öffentlich, den Verdacht von DINA abzulenken. [168]
  • Nach Angaben von Robert Parry arrangierte Alexandre de Marenches vom Safari Club für William Casey (ein gemeinsamer Ritter von Malta) ein Treffen mit iranischen und israelischen Vertretern in Paris im Juli und Oktober 1980, wo Casey versprach, dem Iran im Austausch für eine Verzögerung der Rückgabe der US-Geiseln im Iran benötigte US-Rüstungsgüter zu liefern. (Das war die sogenannte republikanische „Oktober-Konter-Überraschung.”) Parry vermutet eine Rolle der BCCI sowohl bei der der Finanzierung der Zahlungen für den geheimen Deal, als auch beim anschließenden Fluss israelischer Waffen in den Iran. [169]
  • 1981 versuchte Mehmet Ali Agca, ein Mitglied der türkischen, mit Drogen handelnden Grauen Wölfe, Papst Johannes Paul II. zu ermorden. Le Monde diplomatique berichtete später, dass das Attentat auf Wunsch des türkischen Mafia-Chefs Bekirs Celenk durch Abdullah Catli organisiert wurde, einem mit Drogen handelnden Führer der Grauen Wölfe und von Todesschwadronen des türkischen Geheimdienstes. Le Monde diplomatique fügte hinzu, dass Catli Untergrundoperationen für den türkische Zweig der Gladio (Stay-behind-) Organisation der CIA durchführte, und dass Catli ein Jahr später zusammen mit dem berüchtigten Operation CONDOR-Killer Stefano delle Chiaie Miami besuchte. [170]
  • Shackley, Khashoggi und BCCI waren maßgeblich an der Eröffnung der illegalen Iran-Contra-Connection von 1985 bis 1986 beteiligt, die Gelder aus Waffenverkäufen an den Iran zur Unterstützung der Contras in Honduras und Costa Rica umleitete. [171]
  • Die Plünderung Russlands während der Jelzin-Ära in den 1990er Jahren sah, dass Gelder durch Rappaports Inter Maritime Bank in die Bank of New York kanalisiert wurden, wo Rappaport wichtige, wenn nicht beherrschende Anteile hielt. [172]
  • 1991 schuf Shackleys Kollege Richard Secord eine Fluggesellschaft in Aserbaidschan, die Hunderte von Mudschaheddin aus Afghanistan hereinflog, die von Gulbuddin Hekmatyar rekrutiert worden waren. [173]
  • Die US-Unterstützung für die Kosovo-Befreiungsarmee im Jahre 1998, einer von al-Qaida unterstützten und zum Teil durch Drogen finanzierten Gruppe, führte zu Offenbarungen, das mindestens einer der Führer der KLA eine langjährige Beziehung mit dem privaten US-Militär-Unternehmen MPRI hatte. [174] (Noch 1997 war die KLA von den USA als terroristische Gruppe anerkannt worden, die zum Teil durch Heroinhandel unterstützt wurde.)

(Die Liste könnte beliebig erweitert werden. Beispielsweise kann die Umwandlung von Australien zu einem verlässlichen Verbündeten der USA auf den Sturz des demokratisch gewählten Labor-Premierministers Gough Whitlam im Jahre 1975 datiert werden, in dem Penny Lernoux und andere die verborgene Hand der Nugan Bank erkannten. [175])

Diese tiefe Kontinuität, die der US-Expansion seit dem Zweiten Weltkrieg zugrunde lag, macht das verblüffende Phänomen glaubwürdig, dass Tiefenereignisse wie die Ermordung Kennedys und 9/11 nicht unzusammenhängend oder das Produkt von Kräften sind, die Amerika von außen angreifen. Vielmehr gelangen sie zumindest teilweise an die Oberfläche des öffentlichen Bewusstseins aus der tiefen Connection, die hier beschrieben wurde; eine Connection, deren Präsenz zwar fortdauernd ist, aber auch fast gänzlich unerkannt.


Weiteres Fazit: Die zunehmende Bedrohung für die stabile Demokratie

Wenn diese Liste von verdeckten Interventionen und Tiefenereignissen aber synoptisch betrachtet wird, kann ein Muster der zunehmenden Abweichung von der Politik des öffentlichen Staats gesehen werden. Die Hilfe der globalen Connection für die Interventionen der CIA im Iran (1953) und Guatemala (1954) geschah zur Unterstützung der Operationen, die zuvor vom National Security Council (und zuvor vom Council on Foreign Relations) abgesegnet worden waren.

Aber die durch Drogen finanzierte Entwicklung einer von der CIA ausgebildeten Streitkraft in Thailand in eine offensive Kraft, die in Laos eindrang, war eine Operation, die explizit nicht vom National Security Council genehmigt worden war. Wie Daniel Fineman festgestellt hat:

„Die Präferenz der JCS [Joint Chiefs of Staff] für Direktbeihilfen an französische Kräfte zwangen den NSC [National Security Council] im September [1953] dazu, nur die Umsetzung der Phase Eins [,die Stärkung des thailändischen Willens und der Fähigkeit, Widerstand zu leisten‘] zu genehmigen, indem die Ausführung der Bestimmungen in der zweiten Phase, um den psychologischen Krieg in die Nachbarländer hinein zu tragen, auf unbestimmte Zeit verschoben wurden.“ [176]

Und die Verfälschung von Oswalds Akte durch Angletons CI/SIG, obwohl sie ursprünglich als legitimes Mittel bei der Suche nach einem angeblichen Maulwurf in der CIA zugelassen worden sein könnte, erleichterte letztlich die erfolgreiche Ermordung von John F. Kennedy und die anschließende Vertuschung. An dem Punkt war die globale Connection nicht mehr einfach eine Kraft, die zur Unterstützung des öffentlichen amerikanischen Staats agierte; sie hatte Beziehungen zu Kräften entwickelt, die den öffentlichen Staat angriffen.

Chef des OPC war damals Frank Wisner, ein weiterer Wall Street-Anwalt. Zu den Projekten der Gruppe, die über Jahrzehnte hinaus Wirkung entfalten sollten, gehörte unter anderem die Schaffung und Unterstützung der sogenannten "Stay Behind"-Truppen

Chef des OPC war damals Frank Wisner, ein weiterer Wall Street-Anwalt. Zu den Projekten der Gruppe, die über Jahrzehnte hinaus Wirkung entfalten sollten, gehörte unter anderem die Schaffung und Unterstützung der sogenannten “Stay Behind”-Truppen

Dieses Muster der zunehmenden Abweichung kann verwendet werden, um unsere Vorstellung vom amerikanischen Tiefenstaat zu verfeinern. Anfänglich kann der Tiefenstaat mit dem Office of Policy Coordination (OPC) (weiterführender Artikel von Heise) identifiziert werden, der Kreation (unsichtbar zu der Zeit) des National Security Council, die die ursprüngliche Helliwell-CIA-Mob-Connection erleichterte. Mit der Aufnahme des OPC in die CIA im Jahre 1953 hörte der amerikanische Tiefenstaat für viele Jahre auf, die relativ kohärente und disziplinierte Konzentration an Autorität zu zeigen, die man in den Tiefenstaaten der Türkei oder Italien oder Kolumbien oder zeitweise in Chile und Argentinien sieht. In diesem Stadium wurde der amerikanische Tiefenstaat von der Drogenökonomie vereint, aber sonst von nicht viel mehr. Seine nebulöse Verbindung zu legitimer Macht war auf Angletons „alternative CIA” zusammengeschrumpft, und selbst diese endete, als Angleton im Dezember 1974 entlassen wurde.

Nach Joseph Trento wurde die Connection jedoch indirekt durch eine „Schatten-CIA” wiederhergestellt, die für den Safari Club und den saudischen Geheimdienst arbeitete, und bis in die 1980er Jahre arbeitete diese Schatten-CIA „nicht nur für die Israelis, sondern auch in verdeckten Operationen von Zentralamerika bis in den Iran.” [177] Es ist sicher, dass Shackley, Khashoggi und ihre Kontakte mit dem Segen von Casey – der seine eigenen direkten Kontakte zu Rappaport, BCCI und der globalen Drogen-Connection hatte – zu Iran-Contra führten. [178] Mindestens ein Mitglied der Shackley-Gruppe, Richard Secord, schuf dann eine Fluggesellschaft, die islamistische Mudschaheddin nach Afghanistan brachte. Ein weiteres, der Neocon Michael Ledeen, trug nicht nur zu Iran-Contra bei, sondern zusammen mit Donald Rumsfeld und Dick Cheney auch zur Schaffung des Project for the New American Century (PNAC). [179]

Tatsächlich kann die Entscheidung von William Casey zur Zusammenarbeit mit der globalen Connection, und insbesondere mit BCCI und Theodore Shackleys Kontakten in Iran-Contra, nicht vollständig durch die Konzentration auf die Geschichte der globalen Drogen-Connection allein verstanden werden. Caseys Aktionen müssen im Rahmen dessen gesehen werden, was Irving Kristol die intellektuelle Konterrevolution der 1970er Jahre nannte, die erfolgreiche Umkehrung der Schritte von Kissinger und Carter zu einer Entspannung mit der Sowjetunion und der Post-Watergate-Reformen, die von Senator Frank Church und anderen eingeführt worden waren. Wie ich schon an anderer Stelle geschrieben habe, war ein Schlüsselmoment das sogenannte Halloween-Massaker im Jahre 1975, das unter anderem die Entlassung von Angletons Nemesis William Colby, die Ernennung von Rumsfeld zum Verteidigungsminister, und das Ende der langen Zeit von Kissinger als Nationalem Sicherheitsberater sah. [180]

Bis 1976 hatte die intellektuelle Konterrevolution eine neue Anti-Kissinger-Koalition konsolidiert, bestehend aus a) Cheney und Rumsfeld in der Ford-Administration, b) dem Committee on the Present Danger, das Lobbyarbeit für einen stark erhöhten Verteidigungshaushalt trieb, und c) den Neocons wie Richard Perle und Paul Wolfowitz, die zusammen kamen, um gegen Kissingers SALT-Vereinbarungen zu arbeiten und (mit Hilfe des neuen CIA-Direktors George H.W. Bush) die CIA-Einschätzung der sowjetischen Bedrohung radikal zu eskalieren. Casey spielte eine wichtige Rolle in dieser anti-sowjetischen Koalition, und im Jahre 1976 trat er mit langjährigen Mitgliedern der globalen Connection wie Ray Cline (Helliwells alter OSS-Gefährte in Kunming), Jay Lovestone und George Olmsted ins CPD ein.

Die Anti-Regierungs-Voreingenommenheit der neuen neokonservativen Rechten verlängerte sich zu einer erhöhten Abneigung gegen die CIA, die jetzt eher als Feind und nicht als Verbündeter angesehen wurde. [181] Aber selbst die neuen ausgelagerten Kräfte der Gewalt in privaten Sicherheitsfirmen (Private Security Companies, PSCs) wie Blackwater haben aus den gewalttätigen Ressourcen der alten globalen Drogen-Connection Leute rekrutiert – im Fall von Blackwater insbesondere aus den paramilitärischen Kräften in Ländern wie Kolumbien. [182]

Kurz gesagt, hat der Rückgriff auf die illegale Gewalt des globalen Drogenhandels, der in der Panik der frühen Jahre des Kalten Krieges begann, seitdem immerzu angedauert, um weiter zu steigen und zu metastasieren, bis er nunmehr eine zunehmende Bedrohung der verfassungsmäßigen Demokratie darstellt. Für die meisten Menschen ist es nicht einfach, das zu verstehen. Kurzfristig gebiert illegale Gewalt eine gewalttätige Opposition, die ihre Existenz rechtfertigt – so dass heute die PSCs im Irak und in Afghanistan Multimillionen-Dollar-Verträge verdienen, um den Widerstand zu bekämpfen, den sie selbst provoziert haben.

Aber das neue System des indirekten Imperiums scheint nicht stabil zu sein: wenn es eine momentane Atempause im Irak gibt, so gibt es sie aufgrund dessen, dass gegnerische Kader es als fruchtbarer erachten, in Afghanistan zu kämpfen. Vielmehr ist ein indirektes Imperium ein gewalttätiger Ersatz für Politik, um mit Situationen umzugehen, die nur die Politik verbessern kann.

Wenn dieses Land es mit seinem Wunsch, mit dem Problem des Terrorismus umzugehen, ernst meinte, würde es versuchen, die Unterdrückung, die die Abhilfe-Gewalt in Afghanistan, im Irak, in Tschetschenien, Kaschmir, im Libanon und in Palästina hervorbringt, zu reduzieren, statt sie zu steigern. Der vorliegende Kurs wird eher zur Verschlechterung des Status quo und auch zur Beschleunigung des Nachlassens der amerikanischen Ressourcen, des Einfluss und guten Willens, auch unter unseren Verbündeten, beitragen.

Ist es utopisch zu denken, dass der gegenwärtige Kurs korrigiert werden kann? Wahrscheinlich ja, so lange wie die meisten Amerikaner glauben, dass 9/11 ein Angriff war, der nur durch eine Gruppe von bösartigen Arabern entwickelt wurde. Aber eine vernünftigere Politik könnte folgen, wenn ihnen gezeigt würde, dass 9/11, wie Sibel Edmonds angedeutet hat, ein Tiefenereignis war, an dem Elemente aus Amerikas globaler Drogen-Connection beteiligt waren.

CocaineWas ich Amerikas globale Drogen-Connection nannte, ist in der Vergangenheit für globale terroristische Aktivitäten wie die Operation CONDOR und auch für die Stärkung des Drogennetzwerks als sogenannte Parallel-Regierungen in Ländern wie Laos, Pakistan, dem Libanon, der Türkei und Kolumbien verantwortlich gewesen. Seit Jahrzehnten hat sich dieses Land weitgehend geweigert, die US-Mitschuld an diesem Zustand anzuerkennen, indem die Verantwortung für den Terrorismus stattdessen auf die Sowjetunion („das Reich des Bösen”) und zuletzt auf den Irak und den Iran („die Achse des Bösen”) projiziert wurde. [183]

Diese jahrzehntelange Verweigerung zu überwinden wird nicht einfach sein. Aber es ist ein notwendiger Schritt zur Verringerung des Terrorismus und der Wiederherstellung einer gesünderen Welt.

Peter Dale Scott


Weitere Artikel und Hintergründe von Lars Schall:


Autor Peter Dale Scott, einer der scharfsinnigsten und provokantesten Denker unserer Zeit, ist ein ehemaliger kanadischer Diplomat und Professor für Englisch an der University of California, Berkeley. Der Sohn des bekannten kanadischen Dichters und Verfassungsrechtlers F.R. Scott und der Malerin Marian Dale Scott, der in Montreal, Kanada am 11. Januar 1929 geboren wurde, zog im Laufe der letzten Jahrzehnte eine Menge Aufmerksamkeit für seine politisch-historischen Schriften an.

Scott studierte an der McGill University, Montreal und am University College, Oxford. Seine Dissertation schrieb er zum Thema “Die sozialen und politischen Ideen von T.S. Eliot”. Er unterrichtete zunächst an der Sedbergh School und an der McGill University. Danach trat er in dem kanadischen Department of External Affairs (1957-1961) und der kanadischen Botschaft in Warschau, Polen (1959-1961) bei. Ins akademische Leben zurückkehrend, lehrte Peter Dale Scott 30 Jahre lang an der University of California, ehe er 1994 emeritierte.

Seine Prosa-Bücher umfassen u. a.:

  • The War Conspiracy (1972)
  • Crime and Cover-Up: The CIA, the Mafia, and the Dallas-Watergate Connection (1977)
  • Einleitung zu Henrik Krugers The Great Heroin Coup: Drugs, Intelligence, & International Fascism (1980)
  • The Iran-Contra Connection (in Zusammenarbeit, 1987)
  • Cocaine Politics: Drugs, Armies, and the CIA in Central America (in Zusammenarbeit, 1991, 1998)
  • Deep Politics and the Death of JFK (1993, 1996)
  • Oswald, Mexico, and Deep Politics (1994, 2013)
  • Drugs, Oil and War (2003)
  • The Road to 9/11: Wealth, Empire and the Future of America (2007)
  • The War Conspiracy: JFK, 911, and the Deep Politics of War (2008 Neuauflage und Erweiterung der Ausgabe von 1972)
  • American War Machine: Deep Politics, the CIA Global Drug Connection, and the Road to Afghanistan (2010)

Seine wichtigsten Gedichtbände sind die drei Bände der Trilogie “Seculum”:

  • Coming to Jakarta: A Poem About Terror (1989)
  • Listening to the Candle: A Poem on Impulse (1992)
  • Minding the Darkness: A Poem for the Year 2000 (2000)

Zusätzlich hierzu veröffentlichte er:

  • Crossing Borders: Selected Shorter Poems (1994)
  • Mosaic Orpheus (2009)
  • Tilting Point (2011)

In seinen Prosa-Büchern ist Scott besonders daran interessiert, die so genannte “Tiefenpolitik“ / “Deep Politics” zu untersuchen. Er definiert “Deep Politics” auf diese Weise: “All jene politischen Praktiken und Arrangements, absichtlich oder nicht, die im öffentlichen Diskurs eher verdrängt, statt anerkannt werden.“ Damit verbunden sind “Tiefenereignisse” / “Deep Events”, die Scott als  “die traumatischen und unerwarteten Episoden” definiert, “die in unserer Geschichte immer wieder vorkommen und sie grundlegend verändern, allerdings immer zum Schlimmeren. Diese ‘Tiefenereignisse’ können niemals angemessen untersucht oder verstanden werden, weil sie eine geheimdienstliche Dimension aufweisen, die sowohl seitens der Regierung, als auch seitens der etablierten Medien zu einem gesellschaftlich auferlegten Mantel des Schweigens führt.”

Scotts eigene Website findet sich unter: www.peterdalescott.net.


Textquelle: Lars Schall wurde am 31. August 1974 in Herdecke an der Ruhr geboren. Er studierte an den Universitäten Dortmund und Knoxville, Tennessee in den USA unter anderem Journalistik. Er ist freier Finanzjournalist mit den Schwerpunkten Energie, Edelmetalle, Geldsystem und Geopolitik. Er veröffentlicht u. a. auf ASIA TIMES ONLINE. Darüber hinaus arbeitet er als Übersetzer von Finanz- und Wirtschaftstexten.

Bild- und Grafikquellen:

  1. Beitragsbild: «CIA Headquarter» – http://pixabay.com
  2. «Paul Lionel Edward Helliwell» – http://www.spartacus.schoolnet.co.uk/JFKhelliwell.htm
  3. «Castle Bank & Trust Bahamas» – http://de.wikipedia.org/wiki/Castle_Bank_%26_Trust_%28Bahamas%29
  4. «Alvin Ira Malnik» – http://de.wikipedia.org/wiki/Alvin_Ira_Malnik
  5. «Meyer Lansky» – http://de.wikipedia.org/wiki/Meyer_Lansky
  6. «James Jesus Angleton» – http://de.wikipedia.org/wiki/James_Jesus_Angleton
  7. «Thomas Corcoran» – http://bcr.tv/firm-history
  8. «Wallace Groves» – http://en.wikipedia.org/wiki/Wallace_Groves
  9. «Eddie Cellini» – http://chicagoargus.blogspot.de/2013/11/political-pope-now-free-to-be-political.html
  10. «Edward K. Moss» – http://webapp1.dlib.indiana.edu/images/item.htm?id=http://purl.dlib.indiana.edu/iudl/lcp/tubman/VAA7927-3813
  11. «Adnan Khashoggi» – http://de.wikipedia.org/wiki/Adnan_Chaschuqdschi
  12. «Bruce (Baruch) Rappaport» – http://www.focus.technion.ac.il/feb10/memoriamStory2.htm
  13. «Scheich Zayid bin Sultan Al Nahyan (1998)» – http://de.wikipedia.org/wiki/Bank_of_Credit_and_Commerce_International
  14. «Guillermo Hernandez-Cartaya» – http://en.wikipedia.org/wiki/World_Finance_Corporation
  15. «Nugan Hand Bank» – http://spartacus-educational.com/JFKnuganbank.htm
  16. «Frank Gardiner Wisner» – http://de.wikipedia.org/wiki/Frank_Gardiner_Wisner
  17. «DEATH» – http://pixabay.com

Fußnoten:

  1. “9/11, Deep State Violence and the Hope of Internet Politics,” Global Research; cf. Peter Dale Scott, The Road to 9/11: Wealth, Empire, and the Future of America (Berkeley and Los Angeles: University of California Press, 2007), 4-7, 14-17, etc.
  2. Alan A. Block, East Side-West Side: Organizing Crime in New York, 1930-1950 (New Brunswick, NJ: Transaction Books, 1983), 109.
  3. Gaia Servadio, Mafioso (New York: Dell, 1976), 125-28.
  4. R.T. Naylor, Hot Money and the Politics of Debt (New York: Linden/Simon and Schuster, 1987), 295 (“laundromat”). For Helliwell’s ownership, see Alan A. Block, Masters of Paradise (New Brunswick, NJ: Transaction Publishers, 1991), 165-66.
  5. CIA Memo dated 24 April 1974, “RYBAT/JMSPUR/PLVWCADET Traffic Removed from C/WHD Personal Files during Watergate File Search. Traffic can be found in sealed sensitive envelope in safe No. 1322 located in WH/COG, Room 3D46,” NARA # 104-10095-10326. C/WHD (Chief of Western Hemisphere Division) in 1974 was Theodore Shackley, discussed below. All of the CIA and FBI documents discussed in this essay can be seen on the Mary Ferrell website, http://www.maryferrell.org/.
  6. Block, Masters of Paradise, 161-62, 166.
  7. Alan Block subsequently learned that it was the bank’s co-founder, Chicago lawyer “Burt Kanter, more so than Helliwell, who was instrumental in Castle’s formation.” He cites speculation that it was originally set up on behalf of the former Cleveland mob racketeer, Morris Kleinman (Block, Masters of Paradise, 172).
  8. Jim Drinkhall, “IRS vs. CIA: Big Tax Investigation Was Quietly Scuttled By Intelligence Agency,” Wall Street Journal, April 18, 1980.
  9. Wall Street Journal, April 18, 1980.
  10. Alfred W. McCoy, The Politics of Heroin (Chicago: Lawrence Hill Books/ Chicago Review Press, 2001), 168-74; Block, Masters of Paradise, 169 (Thai police).
  11. Alan A. Block and Constance A. Weaver, All Is Clouded by Desire: Global Banking, Money Laundering, and International Organized Crime (Westport, CN.: Praeger, 2004), 38; citing Stephen Schlesinger and Stephen Kinzer, Bitter Fruit: The Untold Story of the American Coup in Guatemala (Garden City, NY: Anchor Books, 1983), 119. Cf. Peter Dale Scott, The War Conspiracy: JFK, 9/11, and the Deep Politics of War (Ipswich, MA: Mary Ferrell Foundation Press, 2008), 47, 67.
  12. Wall Street Journal, April 18, 1980.
  13. CIA Memo of 18 August 1976 for Chief, Security Analysis Group, NARA #104-10059-10013. The margin of the memo carries the following handwritten reference to Sam Giancana, the major figure in the CIA-mafia assassination plots against Fidel Castro: “for file/ Sam GIANCANA/ not mentioned.”
  14. Jonathan Marshall, Drug Wars: Corruption, Counterinsurgency and Covert Operations in the Third World (Forestville, CA: Cohan and Cohen, 1991), 54; citing Drinkhall, Wall Street Journal, April 18, 1980.
  15. Block notes that the spinoff of I.D.C. from Benguet was accompanied by a “payment of $329,439 to a Hong Kong Bank” (possibly into a Marcos account) (Block, Masters of Paradise, 98).
  16. Profits from the Philippine gold mine, and possibly gold itself, reached I.D.C. from Asia. But I have not seen corroboration for the claim of Sterling and Peggy Seagraves that Groves and Helliwell were actually moving parts of the Japanese wartime gold hoard to the Bahamas “out of the Philippines, masquerading as gold from Benguet Mines” (Sterling and Peggy Seagrave, Gold Warriors: America’s Secret Recovery of Yamashita’s Gold [London: Verso, 2003], 147). It is, however, of interest that the Marcos family also entered into business dealings with the CIA-related Nugan Hand Bank (see below), which some say included negotiations for the surreptitious shipment of Marcos’ gold (Jonathan Kwitny, The Crimes of Patriots [New York: Norton, 1987], 182, 186-87, 190).
  17. Lernoux, In Banks We Trust, 83.
  18. Marshall, Drug Wars, 54-55. Cf. U.S. Congress, House, Committee on Government Operations, Oversight Hearings into the Operations of the IRS (Operation Tradewinds, Project Haven, and Narcotics Traffickers Tax Program), Hearings (Washington: GPO, 1975, 909; Peter Dale Scott, Coming to Jakarta: A Poem about Terror (New York: New Directions, 1989), 99-103. It is not known if ID Corp. and I.D.C. were related.
  19. For the CIA’s close involvement in Lockheed payoffs, see Anthony Sampson, The Arms Bazaar (New York: Viking, 1977), pp. 137, 227-8, 238. The U.S. Air Force was also involved. San Francisco Chronicle, October 24, 1983, p. 22, describes one such USAF-Lockheed operation in Southeast Asia, “code-named ‘Operation Buttercup’ that operated out of Norton Air Force Base in California from 1965 to 1972.”
  20. “The United States and the Overthrow of Sukarno, 1965-1967,” Pacific Affairs, LVIII, 2 (Summer 1985), 239-64: “A 1976 Senate investigation into these [Lockheed] payoffs revealed, almost inadvertently, that in May 1965, over the legal objections of Lockheed’s counsel, Lockheed commissions in Indonesia had been redirected to a new contract and company set up by the firm’s long-time local agent or middleman. Its internal memos at the time show no reasons for the change, but in a later memo the economic counselor of the U.S. Embassy in Jakarta is reported as saying that there were “some political considerations behind it.” If this is true, it would suggest that in May 1965, five months before the coup, Lockheed had redirected its payoffs to a new political eminence, at the risk (as its assistant chief counsel pointed out) of being sued for default on its former contractual obligations. The Indonesian middleman, August Munir Dasaad, was `known to have assisted Sukarno financially since the 1930’s.’ In 1965, however, Dasaad was building connections with the Suharto forces, via a family relative, General Alamsjah, who had served briefly under Suharto in 1960, after Suharto completed his term at SESKOAD. Via the new contract, Lockheed, Dasaad and Alamsjah were apparently hitching their wagons to Suharto’s rising star: ‘When the coup was made during which Suharto replaced Sukarno, Alamsjah, who controlled certain considerable funds, at once made these available to Suharto, which obviously earned him the gratitude of the new President. In due course he was appointed to a position of trust and confidence and today Alamsjah is, one might say, the second important man after the President.’”
  21. A Senate amendment in 1964 to cut off all aid to Indonesia unconditionally was quietly killed in conference committee, on the misleading ground that the Foreign Assistance Act “requires the President to report fully and concurrently to both Houses of the Congress on any assistance furnished to Indonesia” (U.S. Cong., Senate, Report No. 88-1925, Foreign Assistance Act of 1964, p. 11). In fact the act’s requirement that the president report “to Congress” applied to eighteen other countries, but in the case of Indonesia he was to report to two Senate Committees and the Speaker of the House: Foreign Assistance Act, Section 620(j).
  22. Tom J. Farer, Transnational Crime in the Americas: An Inter-American Dialogue Book (New York: Routledge, 1999), 65.
  23. Ed Reid and Ovid Demaris, The Green Felt Jungle (New York: Pocket Books, 1964), 217-20. Levinson had fronted for Lansky at the Sands casino in Las Vegas.
  24. Peter Dale Scott, Drugs, Oil, and War: The United States in Afghanistan, Colombia, and Indochina (Lanham, MD: Rowman & Littlefield, 2003), 7, 60-61, 198, 207; citing Penny Lernoux, In Banks We Trust (Garden City, NY: Anchor/Doubleday, 1984), 42-44, 84.
  25. Naylor, Hot Money and the Politics of Debt, 22.
  26. Block, Masters of Paradise, 51. Intra Bank also had a Bahamian branch, Intra Bahamas Trust Ltd.
  27. Newsday, staff and editors of, The Heroin Trail (New York: Holt, Rinehart and Winston, 1974), 137 (Francisi); McCoy, The Politics of Heroin, 39 (Luciano). El-Khoury “used Luciano’s money to buy off Lebanese police and customs agents” (Alexander Cockburn and Jeffrey St. Clair, Whiteout: The CIA, Drugs, and the Press [London: Verso, 1998], 131).
  28. McCoy, Politics of Heroin, 541.
  29. James Mills, The Underground Empire: Where Crime and Government Embrace (New York: Dell, 1978), 70.
  30. Scott and Marshall. Cocaine Politics (paperback edition), x-xi. Dayle made this statement during a videotaped teleconference, in the presence of Marshall and myself.
  31. Wall Street Journal, April 18, 1980. Dalitz, Kleinman, and Tucker, all veterans of the gambling scene in Cleveland, later had a controlling interest in the Desert Inn casino in Las Vegas (Investigation of Organized Crime in Interstate Commerce: Hearings before the [Kefauver] Special Committee to Investigate Organized Crime in Interstate Commerce, U.S. Senate, 81st Cong., 2nd Sess. and 82nd Congress, 1st Sess., Part 10, US Government Printing Office, [Washington DC: 1950], pp. 907-926). Block’s and Weaver’s later and more detailed study claims that Dalitz did not have an account at Castle, but adds former Lansky associate Lou Rothkopf to the list of mob figures who did (Block and Weaver, All Is Clouded by Desire, 45).
  32. Block, Masters of Paradise, 189.
  33. Penny Lernoux, In Banks We Trust (Garden City, NY: Anchor/Doubleday, 1984; citing Wall Street Journal, May 23, 1977, February 17, 1981; also, Parapolitics, Spring 1981), 88: “Like Castle, Mercantile was a conduit for CIA money, and Price Waterhouse accountants were `under orders’ to make sure `outsiders’ did not have access to the books. If they probed around, said a CIA source, they ‘could unravel a trail to the intelligence community.’”
  34. Block and Weaver, All Is Clouded by Desire, 40; cf. Block, Masters of Paradise, 188-91, where Kleinman is called “perhaps a hidden owner” of Castle.
  35. Block, Masters of Paradise, 163; New York Times, September 1, 1989 (“part owner”).
  36. Block, Masters of Paradise, 164.
  37. CIA Inspector General’s Report of 1967 on CIA-Mafia Plots to Assassinate Castro, pp. 15-16, NARA #151993.08.11.16:44:08:750007, pp. 3-4.
  38. Memo of 5 September 1975 to DDO from CI Staff Chief George Kalaris, NARA #104-1010-10003, p. 2.
  39. Tom Mangold, Cold Warrior: James Jesus Angleton: The CIA’s Master Spy Hunter (New York: Touchstone/ Simon & Schuster, 1991), 314-15.
  40. Douglas Valentine, “The French Connection Revisited: The CIA, Irving Brown, and Drug Smuggling as Political Warfare,” Covert Action, http://www.covertaction.org/content/view/99/75/.
  41. Paul Buhle, “Lovestone’s Thin Red Line,” Nation, May 6, 1999, http://www.thenation.com/doc/19990524/buhle.
  42. House Select Committee on Assassinations, Investigation of the Assassination of President John F. Kennedy, Appendix to Hearings, Volume IX (March 1978), 47.
  43. Ed Reid, The Grim Reapers: The Anatomy of Organized Crime in America (New York: Bantam, 1969), 174.
  44. Mangold, Cold Warrior, 329-30; cf. 305, 337. Other authors have written that Dulles and Angleton maintained a “second agency,” or “agency-within-the Agency;” see e.g. Mark Aarons and John Loftus, Unholy Trinity (New York: St. Martin’s Press, 1991), 260.
  45. Mangold, Cold Warrior, 105.
  46. Memo of 4 November 1970 from John K. Greaney, Assistant General Counsel, CIA, NARA #104-10106-10374.
  47. “United States of America, Appellee, v. Leonard Russo, et al., Defendants-Appellants”
  48. Memo of 4 November 1970 from John K. Greaney, Assistant General Counsel, CIA, NARA #104-10106-10374. Robert Sam Anson once claimed that two of the defendants in these kickback trials, John Larocca and Gabriel Mannarino, were acquitted in 1971 when “one of the star witnesses turned out to be the local head of the CIA” (Robert Sam Anson, “They’ve Killed the President,” [New York: Bantam, 1975], 296). Anson told me that this witness was Brod, but I have found no court record that Brod’s testimony was accepted into the court record.
  49. Dan E. Moldea, The Hoffa Wars: Teamsters, Rebels, Politicians, and the Mob (New York: Paddington Press, 1978), 130-31.
  50. Time, June 9, 1975, 14.
  51. Church Committee, Testimony of John Scelso, 7 May 1976, 41-42, NARA #157-10014-10083, 45-46. Angleton’s response suggests that he may have believed what Hank Messick and others later charged: that Lansky had somehow obtained protection from the Bureau [Hank Messick, John Edgar Hoover (New York: David McKay Co., 1972], 229-31, etc).
  52. William R. Corson, Susan B. Trento, Joseph J. Trento, Widows (New York: Crown, 1979), 71.
  53. For details see Scott, War Conspiracy, 387; Peter Dale Scott, Deep Politics II: The New Revelations in U.S. Government Files, 1994-1995 (Ipswich, MA: Mary Ferrell Foundation Press, 2007), 30-33.
  54. See Peter Dale Scott, Deep Politics II: The New Revelations in U.S. Government Files, 1994-1999 (Ipswich, MA: Mary Ferrell Foundation Press, 2007), 17-18, 92; also Peter Dale Scott, “Oswald and the Hunt for Popov’s Mole,” The Fourth Decade, III, 3 (March 1996), 3; www.maryferrell.org/mffweb/archive/viewer/showDoc.do?absPageId=519798.
  55. Peter Dale Scott, Deep Politics II, 30-33.
  56. See discussion in Peter Dale Scott, “The JFK Assassination and 9/11: the Designated Suspects in Both Cases,” Global Research, July 5, 2008, http://www.globalresearch.ca/index.php?context=va&aid=9511.
  57. J. Patrice McSherry, Predatory States: Operation Condor and Covert War in Latin America (Lanham, MD: Rowman & Littlefield, 2005), 139-75; John Dinges, The Condor Years: How Pinochet and His Allies Brought Terrorism to Three Continents (New York: New Press, 2004), 190-98, 248-50; Peter Kornbluh, The Pinochet File: A Declassified Dossier on Atrocity and Accountability.
  58. McSherry, Predatory States, 95; citing White cable of October 13, 1978, foia.state.gov/documents/State/Chile3/000058FD.pdf (a URL inactive in 2008); also Diana Jean Schemo, “New Files Tie U.S. to Deaths of Latin Leftists in 1970s,” New York Times, March 6, 2001.
  59. “I can do no less, without producing a reaction in the U.S. which would lead to legislative restrictions. The speech is not aimed at Chile…My evaluation is that you are a victim of all left-wing groups around the world, and that your greatest sin was that you overthrew a government which was going communist” (Dinges, The Condor Years, 159-62); citing Department of State Bulletin 75 (July 5, 1976), 4 (public speech).
  60. McSherry, Predatory States, 159.
  61. McSherry, Predatory States, 161.
  62. Los Angeles Times, May 7, 2008, http://articles.latimes.com/2008/may/07/nation/na-posada7.
  63. Kevin Phillips, American Dynasty: Aristocracy, Fortune, and the Politics of Deceit in the House of Bush (New York: Viking, 2004), 280.
  64. Joseph J. Trento, The Secret History of the CIA (New York: Forum/Prima/Random House, 2001), 436-37. In 1978 Trento himself was the recipient of a leak linking Wilson to Shackley.
  65. Trento, The Secret History of the CIA, 395 (Helms), 344 (cadre).
  66. Block, Masters of Paradise, 191.
  67. Block, Masters of Paradise, 192: “The major Pritzker link to the Teamsters was crafted by Stanford Clinton, “ a lawyer “who represented some of Chicago’s leading hoodlums” and also had a Castle account.
  68. Block, Masters of Paradise, 195.
  69. Block, Masters of Paradise, 171; cf. 32-33.
  70. Block, Masters of Paradise, 172-73, 182.
  71. Scott, The War Conspiracy, 46-47, 60, 64-68, 263, 278-79.
  72. OSS officer and Corcoran friend Ernest Cuneo, quoted in David McKean, Peddling Influence: Thomas “Tommy the Cork” Corcoran and the Birth of Modern Lobbying (Hanover, NH: Steerforth, 2004), 286.
  73. “Lawyers and Lobbyists.” Fortune, February 1952, p. 142; quoted in Scott, The War Conspiracy, 47.
  74. Joseph J. Trento, Prelude to Terror: The Rogue CIA and the Legacy of America’s Private Intelligence Network (New York: Carroll and Graf, 2005), 9.
  75. Scott, The War Conspiracy, 278-79
  76. Block, Masters of Paradise, 170.
  77. McKean, Peddling Influence, 140-43; Scott, War Conspiracy, 64-65.
  78. McKean, Peddling Influence, 149-50.
  79. Bruce Cumings, The Origins of the Korean War, Vol II (Princeton: Princeton UP, 1990), 107, 153; Trento, Prelude to Terror, 9.
  80. Oral History Interview with Arthur R. Ringwalt, June 5, 1974, Truman Library, http://www.trumanlibrary.org/oralhist/ringwalt.htm.
  81. Bertil Lintner, Burma in Revolt: Opium and Insurgency Since 1948 (Chiang Mai: Silkworm Books, 1999), 192; Scott, Drugs, Oil, and War, 51, 187, 192-93, etc.
  82. Daniel Fineman, A Special Relationship: The United States and Military Government in Thailand, 1947-1958 (Honolulu: University of Hawai’i Press, 1997), 214-15; cf. 206.
  83. Penny Lernoux, In Banks We Trust (Garden City, NY: Anchor/Doubleday, 1984), 82-83.
  84. Anthony Summers with Robbyn Swann, The Arrogance of Power: The Secret World of Richard Nixon (New York: Viking, 2000), 242.
  85. Memo of 18 August 1976 to Chief, Security Analysis Group, NARA #104-10059-10013; also partially released as p. 6 of Meyer Lansky Security File, 1993.08.13.17:42:12:560059.
  86. Memo of 18 August 1976 to Chief, Security Analysis Group, NARA #104-10059-10013; Reid, The Grim Reapers, 119-23.
  87. Jeff Gerth, in Sid Blumenthal and Harvey Yazijian (eds.), Government by Gunplay: Assassination Conspiracy Theories from Dallas to Today (New York : New American Library, 1976), 138. 
  88. Summers with Swan, The Arrogance of Power, 242, 252; Jim Hougan, Spooks, 398. Cf. Denny Walsh, New York Times, January 21, 1974; Gerth, in.Government by Gunplay, 137-39.
  89. Block, Masters of Paradise, 94-96; Summers with Swan, The Arrogance of Power, 244-45.
  90. Summers with Swan, The Arrogance of Power, 244-45, 253-54.
  91. Block, Masters of Paradise, 46, 101.
  92. Inspector-General’s report on CIA Plots to Assassinate Fidel Castro, 29-30; quoted in Peter Dale Scott, Deep Politics II: The New Revelations in U.S. Government Files, 1994-1995 (Ipswich, MA: Mary Ferrell Foundation Press, 2007), 60.
  93. San Francisco Chronicle, March 3, 1967, 41; quoted in Scott, Deep Politics II, 67.
  94. Block, Masters of Paradise, 100-01.
  95. Inspector-General’s report on CIA Plots to Assassinate Fidel Castro, 29-30; quoted in Peter Dale Scott, Deep Politics II, 59
  96. Some of the documents in this file, including the FBI Report quoted in this paragraph, are incorporated into the Inspector-General’s report on CIA Plots to Assassinate Fidel Castro, 29-30; quoted in Peter Dale Scott, Deep Politics II, 59. In addition, the CIA’s report on its interest in Resorts International, quoted above, carries the handwritten notation “for file/ Sam GIANCANA/ not mentioned.” The allusion to Giancana makes sense in the context of the CIA-mafia plots, but as far as I know not otherwise.
  97. “MOSS, Edward K. #172 646,” CIA Memo of 14 May 1973, in Meyer Lansky Security File, p. 9, NARA #1993.08.13.17:42:12:560059. The CIA used the misspelling “Verona” which occurred just once in the FBI source document, and ignored the correct spelling “Varona” which was abundantly used as well. Note below their use of “Cellino” (rather than “Cellini”) and “Lenzieri” (for Lanzieri) in related CIA documents. By this device both the FBI and CIA could avoid responding to document searches for the correct name. For example in the 1940s the CIA told the French that they had no documents on the SS war criminal Klaus Barbie, whom they were harboring. The American documents referred to him systematically as “Barbier.”
  98. “MOSS, Edward K. #172 646,” CIA Memo of 14 May 1973 from Jerry G. Brown for Deputy Chief, Security Research Staff, NARA #1993.08.13,17:42:12:560059.
  99. “Moss, Edward K. #172 646,” CIA Memo of 19 April 1967 [at the time of the I-G Report mentioning Moss], NARA #104-10122-10006; Inspector General’ Report on CIA-Mafia Plots to Assassinate Fidel Castro (henceforth I-G Report), NARA # 104-10213-10101, p. 38. Cf. memo of 7 November 1962 in CIA’s Edward K. Moss folder, p. 26, NARA #1994.05.03.10:54:53:780005.
  100. “Manuel Antonio Varona,” FBI Memorandum of January 16, 1961 to A. H. Belmont, 105-76826-20; NARA #124-90055-10139.
  101. “Manuel Antonio Varona,” FBI Memorandum of January 16, 1961 to A. H. Belmont, p. 2, 105-76826-20; NARA #124-90055-10139. Cf. “Moss, Edward K. #172 646,” CIA Memo of 14 May 1973, in Meyer Lansky Security File, p. 9, NARA #1993.08.13.17:42:12:560059; CIA letter of 16 December 1960 to FBI, FBI file 105-76826-18; NARA #124-90055-10133.
  102. CIA letter of 16 December 1960 to Director, FBI, FBI File 105-76826-18; NARA #124-90055-10133. Apparently no copy of this letter has been released from CIA files.
  103. “Manuel Antonio Varona,” FBI Memorandum of January 16, 1961 to A. H. Belmont, p. 2, 105-76826-20; NARA #124-90055-10139.
  104. Peter Dale Scott, Deep Politics and the Death of JFK (Berkeley: University of California Press, 1998), 145; cf. 238-40.
  105. “Moss, Edward K. #172646,” CIA Memo of 28 November 1962, NARA #1994.05.03.10:54:53:780005.
  106. I-G Report, p. 38.
  107. “Manuel Antonio Varona,” FBI Memorandum of January 16, 1961 to A. H. Belmont,” p. 2, 105-76826-20; NARA #124-90055-10139.
  108. FBI Memorandum to Attorney General, January 23, 1961, NARA # 124-90055-10140.
  109. Anthony Summers with Robbyn Swann, The Arrogance of Power: The Secret World of Richard Nixon (New York: Viking, 2000), 194; citing I-G Report.
  110. Don Bohning, The Castro Obsession: U.S. Covert Operations Against Cuba (Washington: Potomac Books, 2005), 181.
  111. Summers with Swann, Arrogance of Power, 283 ($1 million); Robert Baer, Sleeping with the Devil (New York: Crown, 2003), 43 (briefcase); Kessler, The Richest Man in the World, 170 (“several million”); Renata Adler, “Searching for the Real Nixon Scandal,” Atlantic (December 1976), 76–84 ($200 million). Khashoggi admitted publicly to a gift of $43,000 to the Nixon campaign in 1972.
  112. Kessler, Richest Man in the World, 170.
  113. Kessler, Richest Man in the World, 142, 181.
  114. It has been alleged that at the Sands in 1960 the FBI saw the casino’s courtesy prostitutes “running in and out of” Senator Jack Kennedy’s suite, and a million dollars was allegedly given to Kennedy in a brown leather satchel by the hotel’s owners (John William Tuohy, “The Sands,”AmericanMafia, August 2001, http://www.americanmafia.com/Feature_Articles_155.html).
  115. Omar Garrison, Howard Hughes in Las Vegas (New York: Dell, 1970), 48-49, 56, 58; Peter Dale Scott, Crime and Cover-Up: The CIA, the Mafia, and the Dallas-Watergate Connection (Palo Alto, CA: Ramparts Press, 1977), 29.
  116. Kessler, Richest Man in the World, 149-50.
  117. Sally Denton and Roger Morris, The Money and the Power: The Making of Las Vegas and Its Hold on America, 1947-2000 (New York: Knopf, 2001), Prologue. Sally Denton later enlarged on the details: “When it became clear 70 United States, American, banks were involved, had the complicity, knew about every single one of the wire-transfers and transactions — banks including Chemical Bank, Bank of New York, CitiBank, American Express –… President Clinton and Madeline Albright stepped in and intervened and stopped the entire investigation and closed all of the cases” (Discussion at Taos Community Auditorium on October 12, 2002; http://www.taosplaza.com/taosplaza/2003/pages/tmff_drugs.php).
  118. Gigi Mahon, The Company That Bought the Boardwalk (New York: Random House, 1980), 136.
  119. Kessler, Richest Man in the World, 275–78. A friend of Khashoggi’s, Larry Kolb, reports that Khashoggi himself essentially corroborated the story that Khashoggi and John Kennedy had a friendship in the 1950s that “evolved primarily out of whoring together” (Larry J. Kolb, Overworld: The Life and Times of a Reluctant Spy [New York: Riverhead/Penguin, 2004], 236). The woman who destroyed the presidential aspirations of Senator Gary Hart in 1987 was one of Khashoggi’s many girls.
  120. Kessler, The Richest Man, 238, 240.
  121. Prince Turki bin Faisal gave Georgetown University alumni a frank account of the Safari Club’s formation in response to post-Watergate restrictions: “In 1976, after the Watergate matters took place here, your intelligence community was literally tied up by Congress. It could not do anything. It could not send spies, it could not write reports, and it could not pay money. In order to compensate for that, a group of countries got together in the hope of fighting Communism and established what was called the Safari Club. The Safari Club included France, Egypt, Saudi Arabia, Morocco, and Iran.”
  122. Kolb, Overworld, 238, 242–43.
  123. Sally Denton and Roger Morris, The Money and the Power: The Making of Las Vegas and Its Hold on America, 1947-2000 (New York: Knopf, 2001), 72; citing laudatory article on Greenspun in the Jerusalem Post, July 1993.
  124. Investigative reporter Jim Hougan reports the incredulity of congressional investigators that Lockheed was the only large corporation not to have made a contribution to Nixon’s 1972 election campaign (Hougan, Spooks: The Haunting of America—The Private Use of Secret Agents [New York: William Morrow, 1978], 457–58).
  125. Drinkhall, Wall Street Journal, April 18, 1980. Drinkhall also reported that “Helliwell reputedly was one of the paymasters for the ill-fated Bay of Pigs invasion in 1961,” a claim repeated in virtually every book dealing with Helliwell since that time (except my own). I have looked at dozens if not hundreds of CIA Bay of Pigs documents, many of them concerning financial payments to anti-Castro individuals and groups, and I have never seen any document involving either Helliwell or an unidentified cryptonym.
  126. Pete Brewton, The Mafia, CIA and George Bush (1992), 296-97
  127. Block and Weaver, All Is Clouded by Desire, 36-37; citing Robin Winks, Cloak & Gown: Scholars in the Secret War, 1939-1961 (New York: William Morrow, 1987), 377-78 (X-2 in Vienna).
  128. Peter Truell and Larry Gurwin, False Profits: The Inside Story of BCCI, the World’s Most Corrupt Financial Empire (Boston: Houghton Mifflin, 1992), 384 (“ties”).
  129. Block and Weaver, All Is Clouded by Desire, 86. Abbas Kassimali Gokal, whom British prosecutors accused of stealing $1.3 billion from BCCI, was a board member of the Inter Maritime Bank from 1978 through 1982. In 1997 Gokal was sentenced to 13 years by a UK court for his role in the BCCI fraud.
  130. Truell and Gurwin, False Profits, 384. Truell and Gurwin claim that Hartmann went from Intermaritime to BCCI; the Kerry-Brown BCCI Report claims that Rappaport recruited Hartmann from BCCI/BCP for his own bank.
  131. Block and Weaver, All Is Clouded by Desire, 85.
  132. U.S. Congress. Senate, 102nd Cong., 2nd Sess. The BCCI Affair: A Report to the Senate Committee on Foreign Relations from Senator John Kerry, Chairman, and from Senator Hank Brown, Ranking Member, Subcommittee on Terrorism, Narcotics, and International Operations,… September 30, 1992, 1-2. Cited henceforth as the Kerry-Brown Report, 69.
  133. Jane Hunter “Covert Operations: The Human Factor,” The Link , August 1992, Volume 25, Issue 3, 8, http://www.ameu.org/page.asp?iid=139&aid=183&pg=8.
  134. Leonard Slater, The Pledge (New York: Pocket Books, 1971), 175.
  135. Sindona had links to the Italian intelligence service SISMI, to drug traffickers like Rosario Gambino, and to the Nixon Administration. See Jonathan Marshall, Peter Dale Scott, and Jane Hunter, The Iran-Contra Connection: Secret Teams and Covert Operations in the Reagan Era (Boston: South End Press, 1987), 71, 73; Lernoux, In Banks We Trust, 178-79, 193-95, etc.
  136. Block and Weaver, All Is Clouded by Desire, 36; citing Robin W. Winks, Cloak & Gown: Scholars in the Secret War, 1939-1961 (New York: William Morrow, 1987), 377-78.
  137. Smith, OSS, 165.
  138. Operation Safehaven began as a U.S. Treasury effort to trace the movements of stolen Nazi gold, and possibly implicate Nazi collaborators in America. Taken over by OSS X-2, it recuperated SS assets that were used instead to support former SS agents.
  139. Anthony Cave Brown, The Secret War Report of the OSS / edited by Anthony Cave Brown (New York: Berkeley, 1976), 565-66.
  140. Ronald Kessler, The Richest Man in the World (New York: Warner Books, 1986), 162, 300; Jonathan Beaty and S.C. Gwynne, The Outlaw Bank: A Wild Ride into the Secret Heart of BCCI (New York: Random House, 1993), 54, 80, 263-64.
  141. Truell and Gurwin, False Profits, 83-87.
  142. Kerry-Brown Report.
  143. Beaty and Gwynn, 357.
  144. Truell and Gurwin, False Profits, 373-77.
  145. Olmsted’s intelligence connections dated back to wartime service on the staff of General Albert Wedemeyer in China, where he was in charge of clandestine operations and in that capacity worked with OSS. He was thus a senior figure in what I am tempted to call the OSS China connection, which united so many of the people who were prominent in Helliwell’s post-war global drug connection. We have already mentioned Helliwell himself, who was head of the Special Intelligence branch of OSS in Kunming before he created Sea Supply Corp in Bangkok. Willis Bird was the deputy chief of OSS China and then became the most important figure in Sea Supply after Helliwell’s return in 1951 from Bangkok to America. C.V Starr, later represented by Corcoran, opened his insurance empire in China to the creation of an OSS network outside the OSS-KMT cooperation agreement. See Richard Harris Smith, OSS: The Secret History of America’s First Central Intelligence Agency (Berkeley: University of California Press, 1972), 267 (Starr), 273 (Bird), 326 (Helliwell). But this is not the whole picture. Elsewhere I have dealt with the post-war activities of other members of the small OSS Detachment 202 under Paul Helliwell in Kunming: E. Howard Hunt, Ray Cline, Lou Conein, John Singlaub, and Mitchell WerBell. All of these men went on to develop post-war connections for the CIA with drug-traffickers: Hunt in Mexico, Cline in Taiwan, Conein in Vietnam, WerBell in Laos, and Singlaub with the World Anti-Communist League which Hunt and Cline had helped to create (Scott, Drugs, Oil, and War, 20, 207).
  146. Block and Weaver, All Is Clouded by Desire, 41; cf. Block, Masters of Paradise, 191.
  147. Block and Weaver, All Is Clouded by Desire, 41-42; Truell and Gurwin, False Profits, 40-43, etc.
  148. Truell and Gurwin, False Profits, 123-24; cf. 128-29: Expanding over seven pages on these and many other intelligence connections, they asked whether the bank’s illegal acquisition of an American bank holding company, First American Bankshares, was not in fact serving the purposes of U.S. intelligence:

    “No one can deny that virtually every major character in the takeover was connected in one way or another to U.S. intelligence: Olmsted who controlled the company [First American] for years; Middendorf, who headed the group that acquired it from him; Abedi, who arranged for clients of BCCI to buy the company from Middendorf’s group; [Mohammed Rahim Motaghi] Irvani,, the chairman of one of the dummy companies set up to carry out the acquisition; [his partner Richard] Helms, who advised Irvani; [former Saudi intelligence chief Kamal] Adham, the lead investor in Abedi’s group; [Clark] Clifford, who steered the deal through the regulatory maze and then became the chairman of the company….Can all this be a coincidence? Or is it possible that First American was affiliated with U.S. intelligence all along and that it was simply passed from one group of CIA associates to another, and then another? No proof has emerged that this is what happened, but it is certainly not a far-fetched theory.”

  149. Jonathan Kwitny, The Crimes of Patriots (New York: Norton, 1987), 96.
  150. Kwitny, The Crimes of Patriots, 162. BCCI also used Price Waterhouse as its auditor. In addition, BCCI and Nugan Hand used the same law firm and registered agent (Bruce Campbell & Company) in the Cayman Islands (Truell and Gurwin, False Profits, 125).
  151. Kwitny, The Crimes of Patriots, 243.
  152. Kwitny, The Crimes of Patriots, 334-35.
  153. Trento, Prelude to Terror, 313-14.
  154. Kwitny, The Crimes of Patriots, 207, 208.
  155. James A. Nathan, “Dateline Australia: America’s Foreign Watergate?” Foreign Policy (Winter 1982-83), 183; quoted in Jonathan Marshall, Peter Dale Scott, and Jane Hunter, The Iran-Contra Connection: Secret Teams and Covert Operations in the Reagan Era (Boston: South End Press, 1987), 38.
  156. Scott, The Road to 9/11, 126-27.
  157. Thomas Goltz, Azerbaijan Diary: A Rogue Reporter’s Adventures in an Oil-Rich, War-Torn, Post-Soviet Republic (Armonk, NY: M. E. Sharpe, 1999), 272-75. Richard Secord was allegedly attempting also to sell Israeli arms, with the assistance of Israeli agent David Kimche, another associate of Oliver North. The mujahideen were recruited in Afghanistan by Gulbuddin Hekmatyar, the leading recipient of CIA assistance in Afghanistan in the 1980s, and most recently a leader of the al Qaeda-Taliban resistance to the U.S. and its client there, Hamid Karzai. See Scott, Drugs, Oil, and War, 7, 8, 20.
  158. Loretta Napoleoni, Terror Incorporated: Tracing the Dollars Behind the Terror Networks (New York: Seven Stories Press, 2005), 90-97: “[IMU leader] Namangiani’s networks in Tajikistan and in Central Asia were used to smuggle opium from Afghanistan. It was partly thanks to Namangiani’s contacts in Chechnya that heroin reached Europe” (91)…. “It was thanks to the mediation of Chechen criminal groups that the KLA and the Albanian mafia managed to gain control of the transit of heroin in the Balkans” (96). Napoleoni does not mention Azerbaijan, which however lies between Uzbekistan and Chechnya.
  159. “KLA Funding Tied To Heroin Profits,” Washington Times, 5/3/99.
  160. Daniel Ellsberg with Kris Welch, KPFA, 8/26/06, http://wotisitgood4.blogspot.com/2006/10/ellsberg-hastert-got-suitcases-of-al.html.
  161. Vanity Fair, September 2005. According to the ATC web site, “As one of the leading business associations in the United States, the American-Turkish Council (ATC) is dedicated to effectively strengthening U.S.-Turkish relations through the promotion of commercial, defense, technology, and cultural relations. Its diverse membership includes Fortune 500, U.S. and Turkish companies, multinationals, nonprofit organizations, and individuals with an interest in U.S.-Turkish relations.” It is thus comparable to the American Security Council, whose activities in 1963 are discussed in Scott, Deep Politics, e.g. 292.

    Edmonds has been partially corroborated by Huseyin Baybasin, another Turkish heroin kingpin now in jail in Holland, in his book Trial by Fire: “I handled the drugs which came through the channel of the Turkish Consulate in England.” But as he adds: “I was with the Mafia but I was carrying this out with the same Mafia group in which the rulers of Turkey were part.” Baybasin claimed he was assisted by Turkish officers working for NATO in Belgium (“The Susurluk Legacy,” By Adrian Gatton, Druglink Magazine, Nov/Dec 2006, http://adriangatton.com/archive/1990_01_01_archive.html).

  162. Marshall, Drug Wars, 55; citing Tad Szulc, “The Money Changer,” New Republic, April 10, 1976, 10-11.
  163. See Scott, The War Conspiracy.
  164. Peter Dale Scott, “The United States and the Overthrow of Sukarno, 1965-1967″ Pacific Affairs (Vancouver, B.C.) 58.2 (Summer 1985), pp. 239-64.
  165. AMPO (Japan), January 1974, 44 (Indonesia); David E. Kaplan and Alec Dubro, Yakuza [New York: Macmillan, 1986], 90 (Deak); Marshall, Drug Wars, 54-55 (Katayama, Kodama). Kodama and Sasakawa were both arrested by the U.S. for war crimes but not prosecuted. In 1941 Kodama had plotted the assassination of Japan’s Prime Minister Konoye by dynamite, to block his attempted peace negotiations with the U.S. Kodama then made a fortune in Shanghai during World War II, allegedly in part through his control of the drug traffic in conjunction with the kempeitai. Kodama and Sasakawa both became staunch supporters of the Asian People’s Anti-Communist League,that as we have seen has had persistent connections to the post-war Asian drug traffic.
  166. Beaty and Gwynn, The Outlaw Bank, 48.
  167. Seymour Hersh, The Price of Power: Kissinger in the White House (New York: Summit, 1983), 279, 290.
  168. Dinges, The Condor Years,, 190-98.
  169. Robert Parry, Secrecy & Privilege: Rise of the Bush Dynasty from Watergate to Iraq (Arlington, VA: Media Consortium, 2004), 112-38, etc.; Scott, Road to 9/11, 99-107. According to Parry, Michael Ledeen was also part of this effort.
  170. “Turkey’s pivotal role in the international drug trade,” Le Monde diplomatique (July 1998), http://mondediplo.com/1998/07/05turkey. Cf. Daniele Ganser, NATO’s Secret Armies: Operation Gladio and Terrorism in Western Europe (London: Frank Cass Publishers, 2005), 237-38. Author Claire Sterling attempted to blame the KGB for the assassination attempt, and her view that the KGB was the heart of what she called a global “terror network” was forced on CIA analysts by William Casey and Robert Gates (see final footnote below).
  171. Iran-Contra Affair, Report of the Congressional Committees Investigating the Iran-Contra Affair, 100th Congress. 1st Session, H. Rept No 100-433, S. Rept No. 100-216, pp. 164, 166, 228, etc.
  172. Block and Weaver, All Is Clouded by Desire, 95-116, etc. Burt Kanter, the co-founder of Castle Bank, was recurringly involved in Rappaport’s IMB-BONY dealings (Block and Weaver, 100, 102, 193, 105, 113).
  173. Scott, Road to 9/11, 163-65, 351; Thomas Goltz, Azerbaijan Diary, 272-75.
  174. Scott, Road to 9/11, 167-68, citing Michel Chossudovsky, “Macedonia: Washington’s Military-Intelligence Ploy,” Transnational Foundation for Peace and Future Research, http://www.transnational.org/SAJT/forum/meet/2001/Chossudov_WashingtPloy.html.
  175. Lernoux, In Banks We Trust, 72; cf. Mother Jones, March 1984.
  176. Daniel Fineman, A Special Relationship: The United States and Military Government in Thailand, 1947-1958 (Honolulu: University of Hawai’i Press, 1997), 179-80; cf. FRUS, 1952-1954, 12, 1, 689-90.
  177. Trento, The Secret History of the CIA, 410.
  178. Report of the Congressional Committees Investigating the Iran-Contra Affair, 100th Congress. 1st Session, H. Rept No 100-433, S. Rept No. 100-216, p. 164.
  179. Trento, Prelude to Terror, 283-84.
  180. Scott, Road to 9/11, 52-53.
  181. See Rowan Scarborough, Sabotage: America’s Enemies Within the CIA (Washington: Regnery, 2007); Kenneth R. Timmerman, Shadow Warriors: The Untold Story of Traitors, Saboteurs, and the Party of Surrender (New York: Crown/ Random House, 2007).
  182. “It works like this: Blackwater, for example, will win a U.S. government contract; it will then subcontract with itself–that is, with Greystone–to do the job. From there, Greystone looks to its network of international affiliates, firms like Pizarro’s Grupo Tactico in Chile or ID Systems in Colombia, which maintain informal relationships with what are known in the trade as “briefcase recruiters”–individuals with connections to the local paramilitary scene” (Bruce Falconer and Daniel Schulman, “Blackwater’s world of warcraft,” Mother Jones, March-April 2008). Cf. Jeremy Scahill, Blackwater: The Rise of the World’s Most Powerful Mercenary Army (New York: Nation Books, 2008).
  183. This false ideology was enforced even inside the CIA. Author Claire Sterling wrote a book called The Terror Network, claiming “that all major terrorist groups were controlled by the Soviet Union.” The book, with little credibility today, was warmly endorsed by then Secretary of State Alexander Haig, who passed it to William Casey, who presented its thesis to the Senate Select Committee on Intelligence. Casey also assigned top CIA terrorist analysts and Soviet experts to prepare a special national intelligence estimate, or SNIE, based on Sterling’s book. When the experts reported there was no merit to Sterling’s claims, Casey’s Deputy Director of Intelligence, Robert Gates, had their negative assessment rewritten and reversed by new low-level personnel who had just arrived in the Agency. See Mark Perry, Eclipse: The Last Days of the CIA (New York: William Morrow, 1992), 47-49, 319-320. Today Robert Gates is America’s Secretary of Defense.

Die USA und ihre Verbündeten berufen sich auf Artikel 51 der UN Charta

von Andreas Müller-Alwart

Gegen die IS ist nun jedes Mittel recht. Die westlichen Staaten haben in der betroffenen Region so ziemlich alles falsch gemacht, was man nur falsch machen kann. Sie sind verantwortlich für die Destabilisierung und auch für das jetzige Aufkeimen der Gewalt durch sogenannte Terrorgruppen, die auf – ebenfalls sogenannte – autonome kurdische Bürger treffen. Letztlich geht es nicht um den Schutz der Kurden, sondern um den Schutz des Zugangs zum Erdöl, das sich in den Kurdengebieten befindet. Die Verbrechen an der Zivilbevölkerung – so grausam und unvorstellbar sie sind – haben alleine noch niemals die Staatengemeinschaft zum Eingreifen bewogen. Erst geostrategische Überlegungen sind der Trigger, der die Truppen und Aktionen startet. Auch Deutschland liefert nun Waffen – die Flugzeuge sind jetzt am 24.09. – unterwegs. Ein völkerrechtliches Mandat für das Eingreifen gibt es nicht. Im Gegenteil.

Artikel 51 lässt sich nicht beliebig interpretieren

Die USA berufen sich nun auf Artikel 51 der UN Charta. Dieser besagt sinngemäß, dass sich ein Mitgliedsland der UN, das angegriffen wird (!), auch dann gegen diesen Angriff verteidigen darf, wenn der Weltsicherheitsrat noch keine Entscheidung getroffen und noch keine Maßnahmen beschlossen hat.

Artikel 51

Diese Charta beeinträchtigt im Falle eines bewaffneten Angriffs gegen ein Mitglied der Vereinten Nationen keineswegs das naturgegebene Recht zur individuellen oder kollektiven Selbstverteidigung, bis der Sicherheitsrat die zur Wahrung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit erforderlichen Maßnahmen getroffen hat. Maßnahmen, die ein Mitglied in Ausübung dieses Selbstverteidigungsrechts trifft, sind dem Sicherheitsrat sofort anzuzeigen; sie berühren in keiner Weise dessen auf dieser Charta beruhende Befugnis und Pflicht, jederzeit die Maßnahmen zu treffen, die er zur Wahrung oder Wiederherstellung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit für erforderlich hält.

Es geht hier nicht um die Nato. Es geht hier nicht um einen Bündnisfall, bei dem ein UN-Land den Angriff auf ein anderes UN-Land ohne Beschluss des Weltsicherheitsrates gegen einen Angriff verteidigen soll. Insofern fordert Russland völlig zu Recht erst einen Beschluss des Weltsicherheitsrates an, bevor de facto militärisch eingegriffen wird. Alles andere missachtet den Weltsicherheitsrat als Gremium. Dann könnte die Völkergemeinschaft ja gleich hingehen und so vorgehen, dass die USA immer gleich eingreifen sollen und gar nicht auf den Weltsicherheitsrat warten müssen. Es gab in der Tat Fälle in Afrika, bei denen überhaupt keine Truppen gegen einen Genozid aufmarschiert sind und man sich gewünscht hätte, dass ein schnelles Eingreifen das Morden gestoppt und das Leid der Bevölkerung gelindert hätte. Diese Länder hatten allerdings keine nennenswerten Rohstoffe und so wundert es wenig, wenn sich kein UN-Land auf Artikel 51 berufen und den Verteidigungsfall erkannt hat. Im Übrigen stelle man sich mal vor, Russland würde die Geschehnisse um die Ukraine als Angriff auf sein Land bezeichnen und losmarschieren, ohne sich an den Weltsicherheitsrat zu wenden. Da wäre die Propaganda gegen diese Aggression natürlich evident. Den hierzu passenden Spiegel-Aufmacher „Stoppt Putin“ hatten wir ja bereits.

Beliebige Auslegung der UN-Charta schadet dem Gremium Weltsicherheitsrat

Der Weltsicherheitsrat hat jetzt die unangenehme und zweifelhafte Aufgabe, das geltend gemachte Selbstverteidigungsrecht nun im Nachhinein in einer Resolution anzunehmen oder abzulehnen wie z. B. seinerzeit 1990 im Fall von Kuwait. Sofern der Weltsicherheitsrat dieses Recht ablehnen würde, wäre das Vorgehen völkerrechtswidrig und wir Deutschen wären mit unseren Waffenlieferungen mittendrin. Die unfruchtbaren Diskussionen, ob Deutschland souverän ist und wir eine echte Verfassung und einen Friedensvertrag haben, sind dann obsolet.

UN-Charta beinhaltet eine Präventivdoktrin und eine Gewaltverbot

Zwei Rafales und eine Mirage (Mitte) der französischen Luftwaffe

Zwei Rafales und eine Mirage (Mitte) der französischen Luftwaffe

Wer sich allerdings auf die UN-Charta beruft, sollte die Prämissen und eigentliche Intention der UN-Charta kennen und berücksichtigen. Die Vorgehensweise der USA und ihrer Verbündeten widerspricht nämlich auch der Präventivdoktrin der UN-Charta und dem Gewaltverbot. Dieses Gewaltverbot ist eine ganz wesentliche Prämisse der UN-Charta – es ist glasklar in Artikel 2 der UN-Charta geregelt:

„Alle Mitglieder unterlassen in ihren internationalen Beziehungen jede gegen die territoriale Unversehrtheit oder die politische Unabhängigkeit eines Staates gerichtete oder sonst mit den Zielen der Vereinten Nationen unvereinbare Androhung oder Anwendung von Gewalt.“ (Quelle : Charta der Vereinten Nationen und Statut des Internationalen Gerichtshofs, Kapitel 1, Artikel 2 Absatz 4: Regionales Informationszentrum der Vereinten Nationen für Westeuropa)

Im Grunde genommen müssten UN-Mitgliedsländer, die fortlaufend gegen dieses Gewaltverbot verstoßen, abgemahnt, mit Sanktionen belegt und gegebenenfalls konsequenterweise ausgeschlossen werden. Noch unerträglicher wird das Ganze, wenn die betroffenen UN-Mitgliedsländer auch noch einen festen Sitz im Weltsicherheitsrat haben.

Völkerrecht muss für alle Völker gelten – der Kerngedanke der UN-Charta muss erhalten bleiben

Völkerrecht kann nur wirksam sein und eine Akzeptanz haben, wenn sich alle Völker daran halten. Die UN-Charta und ihr grundlegender Gedanke auf ein friedliches Zusammenleben der Völker über die Kontinente, Religionen und Lebensweisen hinweg, kann nur Bestand haben, wenn sie nicht durch Einzelne ausgehöhlt wird. Auch der Einsatz eines NATO-Landes,  einer USA-Weltpolizei, selbst ein akut kritischer Zustand in einem Land, muss unter der Maxime eines Weltsicherheitsrates besprochen und Maßnahmen müssen in diesem Gremium beschlossen werden. Wenn die Beschlussfassung des Weltsicherheitsrates zu lange andauert, so kann und darf dies nicht regelmäßig ein Grund dafür sein, dass eine NATO oder eine Weltpolizei in andere Länder einmarschiert oder dorthin Waffen liefert. Der Weltsicherheitsrat hat gerade auch die Aufgabe die langfristigen Folgen von Waffenlieferungen und Eingriffen in die Staatengemeinschaft im Auge zu behalten. Dabei darf er sich nicht unter dem Deckmantel des akuten Schutzes der Zivilbevölkerung davon blenden lassen, dass geostrategische Ziele eine bedeutende Rolle spielen können und dass das jeweilige – als humanitäre und die Demokratie stabilisierende Hilfe getarnte – Eingreifen zum Aushebeln des Artikels 2 der UN-Charta führt. Im Falle der IS ist die Lage besonders prekär, da die USA letztlich – ausgehend von Kuwait und ausgehend vom 11. September 2001 den Irak selbst destabilisiert haben. Weder der 11. September noch Kuwait waren ein legitimer, völkerrechtlicher Grund für die Angriffe auf den Irak. So kommt ein Unrecht zum anderen und anstatt die Bundesregierung hier klare Position für die UN-Charta und zu diesen völkerrechtswidrigen Maßnahmen bezieht, steigt sie in diese Spirale der Gewalt bedingungslos ein. Im Irak versuchen die USA seit Jahrzehnten nur eines zu sichern: Den Zugang zum Erdöl.

Andreas Müller-Alwart


Autor Andreas Müller-Alwart ist selbständiger Journalist, Coach sowie Requirement Engineering Manager und Mitglied des Reflektion-Teams.

Bild- und Grafikquellen:

  1. Beitragsbild: «Generalversammlung der Vereinten Nationen» – Rainer Sturm  / pixelio.de