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Welt in der Zange

Politik zum Vergessen

»Kaufen, was einem die Kartelle vorwerfen; lesen, was einem die Zensoren erlauben; glauben, was einem die Kirche und Partei gebieten. Beinkleider werden zur Zeit mittelweit getragen. Freiheit gar nicht.« – Kurt Tucholsky

von Michael Parmentier

Moderne Gesellschaften wie die unsere wollen sich verändern, sind an Entwicklung interessiert. Sie suchen die ständige Innovation und damit die Abgrenzung von den Handlungen der Vorfahren und die Überwindung vorhandener Traditionen. Deshalb brauchen sie ein historisches Bewußtsein. Sie brauchen es, um im Sog der Veränderungen ihrer selbst gewiß zu bleiben und die Orientierung in die Zukunft nicht zu verlieren.

Paradoxerweise wird aber die Ausbildung eines solchen historischen Bewußtseins ausgerechnet von derjenigen Wirtschaftsweise erschwert, wenn nicht verhindert, die als Motor der Entwicklung seit Jahrhunderten das Tempo der gesellschaftlichen Veränderung immer weiter beschleunigt und schließlich in schwindelerregende Höhen getrieben hat: der kapitalistischen Ökonomie.

Je mehr sie das Leben dominiert, desto stärker verengt sich der zeitliche Blickwinkel. Ihrer inneren Logik nach ist die kapitalistische Wirtschaftsweise nämlich auf Geschichte nicht angewiesen. Sie braucht für die Aufrechterhaltung ihrer Kreisläufe kein langfristiges, über Jahrhunderte reichendes Planungsverhalten. Und sie braucht erst recht kein ebenso weitreichendes Erinnerungsvermögen. »Die Wirtschaft benötigt ein Gedächtnis«, wie Niklas Luhmann erkannte, »ausschließlich im Zusammenhang mit Kredit.« Und dabei geht es um vergleichsweise kurze Zeitspannen. Wie es scheint werden sie sogar immer kürzer. Die herrschende finanzmarktgetriebene Form des Kapitalismus ist nur noch an schnellen Gewinnen interessiert. Alles verantwortungsvolle Planen, das die Folgewirkungen der eigenen Wirtschaftsweise auf die zukünftigen Generationen miteinkalkuliert, und alles geschichtskundige Erinnern, das über die Auswertung von Feedbackdaten hinausgeht, wird von einer an der jeweils höchsten Rendite orientierten Rationalität als Effizienzbremse gebrandmarkt.

Gleichzeitig und wie zum Hohn wird die bislang von der Profitgier verschonte Vergangenheit und Zukunft nun selbst von der ökonomischen Zentrifuge zu Magma verrührt und in konsumentenfreundlicher Verpackung in die Verwertungsketten eingespeist. Der »Geschichtsmarkt« (Aleida Assmann) quillt inzwischen über von Angeboten. Mal boomt die Antike, mal das Mittelalter, mal der erste, mal der zweite Weltkrieg. Jedes Jubiläum wird ausgeschlachtet, jeder nur denkbare historische Stoff zum Auflagen- und Quotenbringer gemacht.

All diese Formen von Historienspektakel, Retromoden und Jubiläumstrubel befriedigen natürlich irgendwelche Bedürfnisse, aber sie erzeugen in ihrer Disparität bei uns Konsumenten kein historisches Bewußtsein. Das bleibt den Experten vorbehalten und wird de facto nur noch im Umkreis der seriösen gesellschaftlichen Erinnerungsorgane gepflegt: in den historischen Wissenschaften, einigen Museen oder dem Denkmalschutz. Die Laien bleiben meist draußen vor und sind der historischen Vergnügungsindustrie und ihren Geschichtsverfälschungen ausgeliefert.

Dem Geschäft mit der Vergangenheit korrespondiert – kaum weniger abstoßend – das Geschäft mit der Zukunft. Sein problematischster Aspekt zeigt sich in der fortschreitenden Zerstörung des staatlichen Rentensystems zugunsten privater Versicherungskonzerne. Die finanzielle Vorsorge fürs Alter soll nicht mehr der Solidarität der Bürger anvertraut werden, sondern dem, wie sich gerade in den letzten Jahren gezeigt hat, hochriskanten Kapitalmarkt. Hier wird für den augenblicklichen Gewinn im wahrsten Sinne des Wortes die Zukunft verkauft, natürlich die Zukunft der andern.

Der ökonomisch motivierte »Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit«, der nach Alexander Kluge dazu führt, daß »die Gegenwart in der Lage ist, alle Zukünfte und Vergangenheiten zu erschlagen«, transformiert die Kultur der Erinnerung in eine Kultur der Aufmerksamkeit. Das Gesetz des Marktes verlangt nicht, sich an Dinge und ihre Gebrauchsweisen von vorgestern zu erinnern, sondern im aktuellen Warenangebot den jeweils günstigsten Tauschwert schnellstmöglich herauszufinden, also nicht das Diachrone, sondern das Synchrone zu vergleichen. Anders gesagt: Das Gesetz des Marktes verlangt allein den Blick auf Preis- und Ranking-listen. Je weiter dieses Marktkalkül in alle Lebensbereiche vordringt und auch die bisher weitgehend verschonten Subsysteme der Bildung, der Wissenschaft, der Gesundheit, der Kultur und der Altersvorsorge erfaßt, desto mehr schrumpft das historische Bewußtsein unserer Gesellschaft auf das Zeitmaß von Zinszyklen und Kreditverträgen.

Niemand in der politischen Klasse veranschaulicht diese Schrumpfung des historischen Bewußtseins besser als Kanzlerin Angela Merkel. Sie ist Opfer dieses Prozesses, aber sie treibt ihn auch voran. Sie vollstreckt die neoliberale Agenda mit jenem »punktartigen Horizont«, von dem schon Nietzsche gesprochen hat. Wenn Merkel sich mit Geschichte beschäftigt, dann erschöpft sich das, wie in ihrer letzten Neujahrsansprache, in der schematischen Aufzählung von Jahreszahlen, oder es bleibt, wie die Rede von Osterhammel auf ihrem 60. Geburtstag, bloße Dekoration. Geschichte wird abgefeiert. Auf die Politik der Bundesregierung jedenfalls wirkt sie sich nicht aus. Genausowenig wie der Blick in die Zukunft. Er verschwimmt in der nebulösen Fortschreibung des Status quo: »Es gibt viel zu tun, damit Deutschland auch in Zukunft stark bleibt.« (Neujahrsansprache 2013/14). Merkel zieht weder die Lehren aus der deutschen Vergangenheit, noch interessiert sie sich wirklich für ein anderes, besseres Deutschland. Visionen sind ihr völlig fremd. Sie fährt »auf Sicht«.

Für die Passagiere, vormals Bürgerinnen und Bürger, ist das nicht besonders angenehm, denn sie wissen nicht – nach einem Bild, das dem verstorbenen Sozialdemokraten Peter Struck zugeschrieben wird – wo sie schließlich landen werden. Um in dieser Situation der Ziellosigkeit wenigstens das Gleichgewicht, sprich: den Machterhalt zu sichern, oszilliert Merkels Politik in einer fast tollkühnen Manier zwischen unschlüssigem Abwarten und abrupten Kehrtwendungen.

Die Fähigkeit zum Abwarten war bei Merkel schon früh zu erkennen. So hat sie lange gezögert und sich erst post festum, nachdem die Mauer gefallen war, dem Demokratischen Aufbruch angeschlossen. Merkel kann warten. In akuten Situationen vermeidet sie, Stellung zu beziehen, manchmal taucht sie ganz ab. Entscheidungen trifft sie erst dann, wenn kein Risiko mehr besteht. Man hat dieses Verhalten als rational bezeichnet und in ihm den Ausdruck klugen Abwägens gesehen. Im Hinblick auf den bloßen Machterhalt ist das wohl auch zutreffend. Doch dahinter verbirgt sich tiefe politische Orientierungslosigkeit.

In beängstigendem Kontrast zu dem schon fast habituellen Zögern, das im Grunde auf eine Richtlinienkompetenzverweigerung hinausläuft, stehen die abrupten Kehrtwendungen, die sich im politischen Leben von Angela Merkel beobachten lassen. Das berühmteste Beispiel dafür ist die Energiewende, bei der es Merkel gelungen war, über Nacht genau das Gegenteil von dem zu vertreten, was sie kurz vorher noch als »Atomkanzlerin« für »unverzichtbar« hielt. Ähnliches gilt für den »Mindestlohn«: erst dagegen, dann dafür. Man muß kein Prophet sein, um vorherzusagen, daß sie auch das TTIP-Abkommen, das sie gegenwärtig noch vehement vertritt, in dem Augenblick fallenlassen wird, indem der öffentliche Widerstand dagegen – hoffentlich – ihre Macht bedroht.

Damit die Bürger und Bürgerinnen oder – um im Bild zu bleiben – die Passagiere angesichts derart wankelmütiger Manöver nicht in Panik geraten, müssen sie beruhigt oder besser noch – mit einer Formulierung von Roger Willemsen – »chloroformiert« werden. Zu diesem Zweck nutzt Merkel zwei höchst wirkungsvolle Strategien. Die eine Strategie betrifft ihren Umgang mit den Bildmedien, die andere ihren Umgang mit der Sprache.

In den Bildmedien inszeniert sich Merkel – oder läßt sich inszenieren – als Mutter der Nation. Sie erscheint dort als jemand, der sich jenseits des kleinlichen Parteiengezänks unermüdlich und selbstlos um alles und jeden kümmert, um die Hochwasseropfer in Bitterfeld genauso wie um die Kindergärten in Dresden. Mal spricht sie im Festsaal vor Handwerken, mal freut sie sich in der Kabine mit den Jungs der Weltmeisterelf. Auch international ist sie allgegenwärtig. Sie empfängt die Großen dieser Welt und wird von ihnen empfangen. Mit Obama und Putin ist sie ständig am Telefonieren. Bei all dem hebt sie nicht ab. Sie scheint eine von uns geblieben, eine bescheidene Frau ohne Pomp und ohne Allüren. Eine Frau, die sich – anders als ihr einstiger Konkurrent Steinbrück – nicht über die Höhe des Kanzlergehaltes beklagt, gerne selber kocht und backt und Kartoffelsuppe liebt. Die Botschaft dieser visuellen Betäubungsstrategie ist klar: Ihr kennt mich. Ich bin immer da. Ihr könnt mir vertrauen. Welche Krise auch immer uns trifft, wir werden gestärkt daraus hervorgehen.

Die Sprache nutzt die Kanzlerin, um vor allem in ihren öffentlichen Reden den Betäubungseffekt noch einmal zu verstärken. Das geschieht zunächst negativ, durch die Weigerung, Vorgänge von höchster politischer Bedeutung überhaupt zu thematisieren. So kommen etwa der NSU-Prozeß, der Abhörskandal, der Afghanistankrieg oder gar Lampedusa und die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa in ihrer letzten Neujahrsansprache erst gar nicht vor. Statt dessen werden die Bürgerinnen und Bürger mit Unverbindlichkeiten abgespeist: Mit belanglosen Bekenntnissen (»Ich selbst nehme mir eigentlich immer vor, mehr an die frische Luft zu kommen«), mit abgegriffenen Kalenderweisheiten (»Oft jagt ein Ereignis das andere. Manchmal verändert eines davon vieles, wenn nicht gar alles in unserem Leben«) oder mit vermeintlich mitfühlenden Platitüden von privatem Glück und Unglück (»Und natürlich ist fern der großen Schlagzeilen auch in unserem persönlichen Leben viel geschehen, Schönes wie Enttäuschendes«). Dazu kommen die üblichen Appelle an die »Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen« zu »Leistungsbereitschaft, Engagement, Zusammenhalt« und der Entwurf einer politischen Agenda, der ziemlich allgemein bleibt und sich im Grunde in Selbstverständlichkeiten erschöpft (Finanzen »geordnet übergeben«, »Energiewende zum Erfolg führen«, »gute Arbeit und ein gutes Miteinander in unserem Land«, »Familien unterstützen«, »bestmögliche Bildung«). Derartige Schlichtheiten passen zum Mutti-Image und bekräftigen es. Sie bilden nach dem gelegentlich fast unverschämten Schweigen die zweite Variante ihrer »Ich-sag-nix-Strategie«. Die dritte Variante dieser Strategie steht im Kontrast dazu. Sie liefert keine Schlichtheiten in der sprachlichen Rede, sondern Monstren. Einige davon grenzen an nichtssagende Tautologien: »Wenn alles normal läuft, dann kann ich zusagen, daß unsere Vorhaben auf einer guten Grundlage sind« (zitiert nach 3sat »Kulturzeit«, 16.7.2014), andere gehören wohl eher ins Kuriositätenkabinett: »Schließlich haben wir erreicht, daß darauf hingewiesen wird, daß es notwendig ist, insbesondere für die ostbayrischen Landkreise entlang der tschechischen Grenze, Beihilferegelungen anzustreben, die die Brüche zwischen der tschechischen Republik und Bayern nicht zu groß werden lassen« (im Parlament am 21.2.2013). Donnerwetter. Was für eine Leistung: Man hat erreicht, daß darauf hingewiesen wird, daß es notwendig ist, etwas anzustreben. Solche Sätze täuschen Kompetenz und Leistung vor und sind doch nur Belege einer genauso monströsen wie hohlen Rhetorik.

All diese sprachlichen Strategien, das stoische Schweigen, die Verkündigung von Schlichtheiten und die umständliche Imponierrhetorik laufen auf die Verbreitung von Nullbotschaften hinaus. Zusammen mit der visuellen Inszenierung machen sie nicht nur Merkel unangreifbar, sie lassen auch das historische Bewußtsein der Menschen auf das Niveau von vertrauensseligen Kleinkindern schrumpfen. Die Menschen sollen vergessen und sich wohl fühlen. Politische Urteilskraft ist nicht mehr gefragt.

Während so durch die Ausdehnung der »Betäubungszone« (Roger Willemsen) die Bevölkerung eingelullt wird, schreitet die neoliberale Zerstörung unseres Gemeinwesens fort: Die Eliten setzen sich ab, der Zusammenhalt zerbricht, die Reichen werden reicher und die Armen ärmer, das Parlament verliert an Einfluß, die öffentliche Daseinsfürsorge wird zurückgefahren, die Infrastruktur zerfällt, die Konkurrenz untereinander wächst, die Zahl prekärer Beschäftigungen steigt, die Militarisierung der Außenpolitik erreicht die Grenze zur Kriegstreiberei, die Meinungsmanipulation durch interessegeleitete Umfrageforschung, mediale Desinformation und Schönfärberei nimmt zu, und die Überwachung der Privatsphäre erreicht flächendeckende Ausmaße.

Der Fluchtpunkt dieser neoliberalen Dynamik ist die »marktkonforme Demokratie«, eine Fassadendemokratie, hinter der sich nichts anderes verbirgt als die neue westliche Regierungsform des Finanzfeudalismus. Im Verein mit der geschichtsvergessenen und entpolitisierten Biedermeieridylle unserer gesellschaftlichen Oberfläche ergibt dies ein explosives Gemisch. Deutschland »döst«, wie es Habermas 2013 im Spiegel formulierte, »auf einem Vulkan«.

Michael Parmentier


Quelle:  Erschienen in Ossietzky, der Zweiwochenschrift für Politik / Kultur / Wirtschaft – Heft 24/2014 > zum Artikel

Ossietzky, Zweiwochenschrift für Politik, Kultur, Wirtschaft, wurde 1997 von Publizisten gegründet, die zumeist Autoren der 1993 eingestellten Weltbühne gewesen waren – inzwischen sind viele jüngere hinzugekommen. Sie ist nach Carl von Ossietzky, dem Friedensnobelpreisträger des Jahres 1936, benannt, der 1938 nach jahrelanger KZ-Haft an deren Folgen gestorben ist. In den letzten Jahren der Weimarer Republik hatte er die Weltbühne als konsequent antimilitaristisches und antifaschistisches Blatt herausgegeben; das für Demokratie und Menschenrechte kämpfte, als viele Institutionen und Repräsentanten der Republik längst vor dem Terror von rechts weich geworden waren. Dieser publizistischen Tradition sieht sich die Zweiwochenschrift Ossietzky verpflichtet – damit die Berliner Republik nicht den gleichen Weg geht wie die Weimarer.

Wenn tonangebende Politiker und Publizisten die weltweite Verantwortung Deutschlands als einen militärischen Auftrag definieren, den die Bundeswehr zu erfüllen habe, dann widerspricht Ossietzky. Wenn sie Flüchtlinge als Kriminelle darstellen, die abgeschoben werden müßten, und zwar schnell, dann widerspricht Ossietzky. Wenn sie Demokratie, Menschenrechte, soziale Sicherungen und Umweltschutz für Standortnachteile ausgeben, die beseitigt werden müßten, dann widerspricht Ossietzky. Wenn sie behaupten, Löhne müßten gesenkt, Arbeitszeiten verlängert werden, damit die Unternehmen viele neue Arbeitsplätze schaffen, dann widerspricht Ossietzky – aus Gründen der Humanität, der Vernunft und der geschichtlichen Erfahrung.

Ossietzky erscheint alle zwei Wochen im Haus der Demokratie und Menschenrechte, Berlin – jedes Heft voller Widerspruch gegen angstmachende und verdummende Propaganda, gegen Sprachregelungen, gegen das Plattmachen der öffentlichen Meinung durch die Medienkonzerne, gegen die Gewöhnung an den Krieg und an das vermeintliche Recht des Stärkeren.

http://www.ossietzky.net/

Beitragsbild: Bernd Kasper / pixelio.de

Analyse

Die FAZ und der “Verschwörungsjournalismus”

von Jens Berger

Am 09.12.2014 wollte es die FAZ offenbar allen Kritikern an ihrer Ukraine-/Russland-Berichterstattung so richtig zeigen. Im Artikel „Ist halt so, ist die Wahrheit!“ versucht sich FAZ-Autorin Anna Prizkau in einer Art Reportage über die neue Friedensbewegung. Was dabei herausgekommen ist, ist jedoch ein Pamphlet, dem man förmlich anmerkt, das es hier um weit mehr geht als „nur“ um eine Reportage über eine neue Bewegung. Prizkau geht es auch um die Ehre der FAZ und des „Qualitätsjournalismus“. Doch diesen Kampf um die Ehre verliert Frau Prizkau – sie macht die Sache nur noch schlimmer.

Man kann der neuen Friedensbewegung ja durchaus einige – meist in der Vergangenheit liegende – Fehler vorwerfen. Aber das, was Anna Prizkau in der FAZ macht, hat mit Journalismus nun wirklich nicht das Geringste zu tun. Da wird alles aus dem erweiterten Umfeld der Friedensbewegung in einen Topf geschmissen und ohne Sinn und Verstand zu einem boshaften Brei vermischt, der reaktionär und fad schmeckt. Wie man sieht, liegt Pedram Shahyar mit seinem „McCarthy-Vergleich“ goldrichtig.

Wäre Frau Prizkau in den späten Sechzigern aktiv gewesen, hätte sie sicher auch über die „langhaarigen Gammler“ gezetert, die auf ihren „Klampfen“ Liedgut zum Besten geben, das dem feingeistigen Geschmack der FAZ-Schreiberin nicht mundet. Anders ist die reaktionäre Passage über den „Info-Rapper“ nicht zu deuten. Man kann solche Musik mögen oder auch nicht – ich mag sie beispielsweise nicht. Die Häme, die hier jedoch aus jeder Zeile tropft, ist peinlich und fällt auch auf die Autorin zurück. Die Montagsdemos haben ja in der Tat ihre Probleme, sich glaubhaft von rechter Unterwanderung zu distanzieren. Sie sind aber – und das liest man in FAZ und Co. nie – links. Das ist ja eigentlich auch logisch – wie sollte eine rechte Bewegung von rechts unterwandert werden?

Wer seine Informationen über die Montagsdemos und die neue Friedensbewegung aber ausschließlich von FAZ und Co. bekommt, könnte glatt glauben, dass es sich hier tatsächlich um eine rechte demokratiefeindliche Bewegung handelt. Das ist Unsinn. Richtig ist jedoch, dass es auf den zahlreichen dezentralen Veranstaltungen durchaus einzelne Auftritte gibt, die man aus diesem Grund kritisieren muss. Eine konstruktive Debatte und auch eine konstruktive Kritik ist jedoch auf der Basis, die sie FAZ und Co. liefern, kaum mehr möglich. Was die versammelte Medienschar da abzieht, ist eine lupenreine Schmutzkampagne.

Doch diese Kampagne greift nicht und daran sind die Medien selbst schuld. Ihre Einseitigkeit – gerade beim Themenfeld Ukraine/Russland – ist mittlerweile den meisten Lesern bekannt und jede noch so angestrengte Vorwärtsverteidigung nach dem Motto „Haltet den Dieb“ wird von vielen Lesern als Meinungsmache erkannt. Wäre das Thema nicht so traurig, man könnte glatt lachen – durch ihre übertriebene Einseitigkeit haben die Meinungsbildner von einst ihre Deutungshoheit verspielt. Und anstatt sich seriös und konstruktiv diesem Problem zu stellen, überzieht man lieber komplett und verspielt damit auch noch den letzten Rest an Glaubwürdigkeit.

p.s.: Wenn Ihnen nach (unfreiwilliger) Satire ist, dann lesen Sie sich doch bitte (noch) einmal den letzten Absatz von Pritzkaus Text durch.

Jens Berger


Textquelle: Nachdenkseiten zum Artikel

Beitragsbild: „Analyse“ – pixabay.com

Der Pressespiegel

Wie die Medien für die Mächtigen zum Krieg trommelten

von Herbert Ludwig

Die gefährlichsten Massenvernichtungswaffen sind die Massenmedien.

(M.A. Verick)

Immer wieder wird behauptet, es sei ein Verdienst der EU und ihrer Vorgängerorganisationen, seit nunmehr siebzig Jahren verhindert zu haben, dass die Völker nach den zwei Weltkriegen des vorigen Jahrhunderts wieder übereinander herfallen konnten. Das ist eine Verschleierung der Wahrheit. Kriege gingen und gehen nie von den Völkern aus, sondern immer von den Herrschenden bzw. deren Fäden ziehenden Hintermännern, die mit Hilfe der von ihnen gelenkten Medien die Menschen täuschen, belügen und in den Krieg treiben.Und von den Herrschenden wird auch heute über die Köpfe der Menschen hinweg die diktatorische EU veranstaltet. In den modernen Machtstaaten, die mit Gesetzen den Willen der Menschen grundrechtswidrig von außen lenken (vgl. „Die Macht macht untertan“) – da besteht zwischen Diktaturen und „Demokratien“ kein Unterschied – sind die Medien Bestandteil der bestehenden Machtstrukturen. Denn durch nichts kann das Bewusstsein der gutgläubigen Menschen so total manipuliert werden. Über dieses Zusammenspiel sollen hier Schlaglichter auf drei am Ersten Weltkrieg beteiligte Länder geworfen werden.

Die Funktion der Presse in England vor dem Ersten Weltkrieg

In England hatte sich 1909 um Lord Alfred Milner ein elitärer Kreis einflussreicher Politiker und Gelehrter unter dem Namen  The Round Table mit dem Ziel gebildet, immer mehr Einfluss auf die britische Politik zu nehmen, um aus dem Anspruch gottgewollter Überlegenheit der englischen „Rasse“ intensiv für eine imperialistische Ausbreitung des Britischen Empire zu wirken. Dazu sahen sie einen Krieg mit Deutschland als unausweichlich an. Zum engeren Kreis der voll in die Ideen und Impulse Eingeweihten rechnet der amerikanische Historiker Carrol Quigley neben Lord Milner: Lord Esher, Earl Albert Grey, A.J. Balfour, W.T. Stead, Philip Kerr, Lionel Curtis und weitere 9 Mitglieder. Um sie herum bestand ein weiterer Kreis, der wohl nicht mit allen Aspekten der Sache vertraut war. Dann kam noch ein äußerer Kreis von Helfern hinzu, der eine relativ große Zahl von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens umfasste, zu denen auch der von 1905 – 1916 als Außenminister amtierende Edward Grey gehörte. Geistige Heimat des Kreises war die Universität Oxford, speziell die Colleges Balliol und New College sowie die beispiellose Einrichtung des All Souls College, das als geistiger Kern des Britischen Empire gilt. (Vgl.: „Wie einflussreiche Kreise“)

Britisches PropagandaplakatFrüh war man von der Notwendigkeit überzeugt, Zugang zu Einrichtungen des Bildungswesens und insbesondere der Presse zu erhalten, um Einfluss auf das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu gewinnen. Man erreichte, dass Geoffrey Dawson, Milners Privatsekretär in dessen Zeit in Südafrika, Herausgeber der Times und damit der führende Newspaperman in Großbritannien wurde. Andere Round Tablers wie Philip Kerr  [1] (unter dem Pseudonym „Voyageur“) veröffentlichten in der Times Artikel. „Kerr schrieb außerdem regelmäßige Kolumnen für den Christian Science Monitor, aber auch in The Spectator, Nation and Athenaeum sowie Contemporary Reviews.“  [2]  Kerr war zudem Chefredakteur der eigenen Hauszeitschrift The Round Table. Das Mitglied Edward Grigg  [3] publizierte in den eher rechten National und Fortnightly Reviews sowie in John Garvins Observer. „Die Zeitschrift International Conciliation, finanziert und herausgegeben von ( dem amerikanischen Bankier) J. P. Morgan, druckte ganze Artikel aus The Round Table nach, aber veröffentlichte auch neue von Kerr und Brand.  [4] (…) Zu den Direktoren der Nachrichtenagentur Reuters zählten Malcolm, Grigg, John Buchan und Sir Roderick Jones.“  [5]  Schließlich bildete der Historiker Reginald Coupland, Professor für die Geschichte des Britischen Empire und für Kolonialgeschichte in Oxford, nach eigenen Worten „ein Gefäß der Imperialen Arbeit“. [6]

Durch dieses Geflecht waren sozusagen konzertierte Aktionen möglich. Beispielsweise

verkündet ein Staatsmann (und Mitglied der Gruppe) eine politische Entscheidung. Ungefähr zur selben Zeit veröffentlicht das Royal Institute of International Affairs eine Studie über dasselbe Thema, und ein führender Akademiker aus Oxford, ein Fellow aus All Souls (und Mitglied der Gruppe) veröffentlicht ebenfalls einen Band über das Thema (…). Die politische Entscheidung des Staatsmanns wird in einem Leitartikel von ´The Times´ einer kritischen Analyse unterzogen und schließlich gutgeheißen, während die beiden Bücher in einer einzigen Rezension in ´The Times Literary Supplement´ besprochen werden. Sowohl der Leitartikel wie die Buchbesprechung sind anonym, aber von Mitgliedern der Gruppe verfasst. Und schließlich tritt, ungefähr gleichzeitig, ein anonymer Artikel in (der eigenen Hauszeitschrift)´The Round Table´ für die gleiche politische Entscheidung ein. [7]

Bereits in der ersten Nummer der Hauszeitschrift The Round Table im November 1910 lenkte Philip Kerr das Bewusstsein der Öffentlichkeit auf einen angeblichen Gegensatz zwischen England und Deutschland, wobei letzteres als kriegslüstern und England als friedliebend dargestellt wurden:

Der Gegensatz zwischen England und Deutschland bildet die zentrale Tatsache der heutigen internationalen Situation. Deutschland ist der Unruheherd, dessen Rüstung und Ehrgeiz die Welt in einem Krieg zu verschlingen drohen. England ist die Macht, deren höchstes Interesse in der Wahrung des Friedens liegt. (…) Hierin besteht ein ewiger Konflikt. Es ist kein bloßer Wettstreit der Rivalen über die Frage, wer der Größte sein soll. Es ist ein Konflikt zwischen den freiheitsliebenden Bürgern des Britischen Empire und den enthusiastischen Vertretern der nationalen Größe Deutschlands. [8]

Auf diese Weise wurde die Bevölkerung langsam für einen Krieg gegen Deutschland eingestimmt, dessen Ausbruch 1914 wesentlich von der englischen Regierung mitherbeigeführt wurde (Vgl.: „Wie einflussreiche Kreise“). – Die enge Verflechtung von führenden Kreisen, staatlichen Machtstrukturen und der Presse in England wird hier etwas minutiös geschildert, weil sie gewissermaßen exemplarische Bedeutung hat.

Die korrumpierte Presse in Frankreich vor dem Ersten Weltkrieg

Feldpostkarte von 1919 "Un gros bonjour de Bochie" (Viele Grüße aus Deutschland)

Feldpostkarte von 1919 „Un gros bonjour de Bochie“ (Viele Grüße aus Deutschland)

Seit der Niederlage von 1871 gegen Deutschland wuchs in elitären Kreisen Frankreichs der Wille nach Revanche, nahm in den Bündnisverträgen mit Russland und England konkrete Form an und erreichte Anfang des 20. Jahrhunderts einen Höhepunkt. Ein Hauptvertreter war Raymond Poincaré, der im Januar 1912 Ministerpräsident und Außenminister wurde und von 1913 bis 1922 als Staatspräsident die französische Politik prägte.

In einem kürzlich erschienen Essay „Die Schuld lag nicht bei Deutschland“ weist der Franzose Phillippe Simonnot darauf hin, dass es in Frankreich schon früh vereinzelte Stimmen gab, die Poincaré  als regelrechten Kriegstreiber entlarvten und resümiert dazu: „In der Tat handelte es sich weniger um Völker oder Nationen (als Kriegstreiber), sondern um die Fürsten, die regierten.“ So schrieb 1920 Fernand Gouttenoire de Toury: „Die Regierungen, allesamt in der Hand finanzieller Mächte, (…) bereiten permanent und entgegen ihrer Behauptungen derartige Kriege vor. Dies geschieht durch den Unterhalt von Armeen, und so kommt der Tag, dass die unglücklichen Völker gegeneinander in die Schlacht geworfen werden.“ „Der Präsident der Französischen Republik hat sich entschlossen, (…) Anhänger des zaristischen Panslawismus zu werden, um Frankreich einen Revanche-Krieg zu ermöglichen und so die verlorenen Provinzen Elsass und Lothringen wieder zu erlangen.“ [9]

Noch radikaler drückte sich 1933 Félicien Challaye aus: „So war nach dem Willen von Poincaré der Krieg niemals ein Verteidigungskrieg, der die Verteidigung der Grenze zum Ziel hatte. Er war vielmehr ein Revanche-Krieg, der die Rückeroberung von Elsass und Lothringen zum Gegenstand hatte. Im Bewusstsein mehrerer französischer und russischer Führer war dies sogar ein sehr viel weiter gehender Eroberungskrieg, bei dem es darum ging, das Saargebiet, die linksrheinischen Gebiete und Konstantinopel sowie die Dardanellen in den Griff zu bekommen.“ [10]

Die französische Presse galt von vor dem 1. Weltkrieg bis zum Beginn des 2. Weltkrieges als die bestechlichste der Welt. „Um die pazifistischen und antimilitaristischen Strömungen im Land vor 1914 zum Schweigen zu bringen, bediente sich die französische Regierung auf Anraten des Finanzministers Rouvier gern der Geldmittel aus Russland. Zeitungen wie Le Temps (Vorgänger von Le Mond), Le Figaro, Le Gaulois, Le Petit Parisien, Le Martin, Le Journal officiel  bekamen regelmäßige Zuwendungen aus einem Spezialfonds, der allein währen der Balkankriege 1912 und 1913 jeweils 300.000 Francs betrug und der von Poincaré abgesegnet und überwacht wurde, um die ihm feindlich gesonnenen Journalisten zu neutralisieren. (Der russische) Botschafter Izvol´skij, der persönlich Journalisten wie Jules Hedeman (London Korrespondent von Matin) und André Tardieu vom Temps (von 1926 bis 1932 mehrmals französischer Minister und Ministerpräsident) täglich aufsuchte und finanziell versorgte, zahlte allein 1913 eigenhändig 374.000 Francs. Dabei mahnte er seinen Vorgesetzten Sazonow im Dezember 1912, die Geldmittel nicht versiegen zu lassen. ´Jeden Tag bemühe ich mich, die wichtigsten Zeitungen persönlich zu beeinflussen`, hob er hervor.“ [11]

Die Verbindungen der französischen Presse „mit dem Außenministerium hatten etwas in Europa Einzigartiges“, schreibt Phillipp Simonnot. Sie gingen in beiderlei Richtung „und zwar in der Weise, dass niemand so recht wusste, in welcher Richtung der Transmissionsriemen nun wirklich funktionieren würde.“ Der Einfluss der Zeitungen wurde dadurch noch verstärkt, „dass die Hälfte der Minister der Dritten Republik irgendwann in ihrem Leben einmal eine literarisch-journalistische Laufbahn absolviert hatte. Der Journalismus wurde wie eine natürliche Vorstufe zur Politik angesehen, und Journalisten wurden sogar Abgeordnete. Viele behielten finanzielle Verbindungen mit ihren Zeitungen.“ [12]

Die abhängige Presse in den USA vor dem Ersten Weltkrieg

US-Plakat 1917Es ist kein Geheimnis, dass in den USA die eigentliche Macht in den Händen führender Finanzkreise liegt, aus denen die Politiker entweder hervorgehen oder von ihnen gesteuert werden. Einer der Politiker, der es wissen muss, Franklin D. Roosevelt, US-Präsident von 1933-1945, schrieb in einem vertraulichen Brief: „Die tatsächliche Wahrheit ist, dass seit den Tagen von Andrew Jackson (US-Präsident 1829-1837) gewisse Teile der großen Finanzzentren die Regierung beherrschen.“ [13]

Einen Höhepunkt hatte diese private Finanzmacht erreicht, als am 23. 12. 1913 Präsident Woodrow Wilson das vorher (in den Weihnachtsferien) vom Kongress beschlossenes Gesetz über das „Federal-Reserve-System“ (FED) in Kraft setzte, mit dem die Notenbank mit dem Geld- und Kreditsystem einem privaten Bankenkonsortium übertragen wurde. Woodrow Wilson wurde erst später bewusst, an was er mitgewirkt hatte: „Ich bin ein höchst unglücklicher Mann. Ich habe unbeabsichtigter Weise mein Land ruiniert. Eine große Industrienation wird nun von ihrem Kreditsystem beherrscht. Unser Kreditsystem liegt konzentriert in den Händen einiger Weniger. Wir sind zu einer (…) der am meist kontrollierten und dominierten Regierung der Welt geworden, (…) Unsere Regierung basiert nicht länger auf der freien Meinung, noch auf der Überzeugung und dem Mehrheitsbeschluss, es ist nun eine Regierung, welche der Überzeugung und dem Zwang einer kleinen Gruppe marktbeherrschender Männer unterworfen ist.“ [14]

Es versteht sich, dass diese Machtzirkel neben der Regierung auch die wichtigsten Medien in der Hand haben müssen, um das Bewusstsein der Menschen zu besetzen und öffentlichen Druck auf die Politik ausüben zu können. Der Bürgermeister von New York John Francis Hylan traute sich 1922 in einer Rede offen darauf hinzuweisen:

Die wahre Bedrohung unserer Republik ist diese unsichtbare Regierung, die wie ein Octopus ihre schleimigen Tentakeln über Stadt, Staat und Nation ausbreitet. Um nicht bei bloßen Generalisierungen zu bleiben, lassen Sie mich aussprechen, dass der Kopf dieses Octopus die Rockefeller Standard Oil Interessen und eine kleine Gruppe mächtiger Banken sind …. Diese kleine geschlossene Gesellschaft mächtiger internationaler Banker leitet praktisch die US-Regierung im Sinne ihrer eigenen selbstsüchtigen Interessen. Sie kontrollieren praktisch beide politischen Parteien, schreiben politische Programme, machen Parteiführer zu ihren Handlangern, benutzen die führenden Männer privater Organisationen und greifen auf jeden Trick zurück, um nur solche Kandidaten zur Nominierung für hohe politische Ämter zu platzieren, die sich dem Diktat des korrupten ‘big business’ fügsam zeigen. Diese internationalen Banker und Rockefeller-Standard Oil Interessen kontrollieren die Mehrheit der Zeitungen und die Kolumnen dieser Zeitungen, um diejenigen Inhaber öffentlicher Ämter in die Unterwerfung zu zwingen oder aus dem Amt zu drängen, die es ablehnen, den machtvollen, korrupten Cliquen zu dienen, aus denen die unsichtbare Regierung besteht. [15]

John Swinton, einer der bedeutendsten Journalisten New Yorks Ende des 19 Jahrhunderts, der auch zehn Jahre bei der New York Times gearbeitet hatte, brachte bereits 1880 die Abhängigkeit der Presse schonungslos auf den Punkt. Auf einem ihm zu Ehren gegebenen Bankett von Kollegen lobte jemand in einem Trinkspruch die Freiheit der Presse. Doch Swinton sprach zum Schock der anderen unverblümt die Wahrheit aus:

Es gibt hier und heute in Amerika nichts, was man als unabhängige Presse bezeichnen könnte. Sie, liebe Freunde wissen das, und ich weiß es gleichfalls. Es gibt keinen unter Ihnen, der es wagt, seine ehrliche Meinung zu schreiben, und wenn Sie sie schrieben, wüssten Sie im Voraus, dass sie niemals gedruckt würde. Ich werde wöchentlich dafür bezahlt, meine ehrliche Überzeugung aus der Zeitung, der ich verbunden bin, herauszuhalten. (…) Jeder von Ihnen, der so dumm wäre, seine ehrliche Meinung zu schreiben, stünde auf der Straße. (…) Das Gewerbe eines Publizisten ist es vielmehr, die Wahrheit zu zerstören, geradezu zu lügen, zu verdrehen, zu verleumden, die Füße des Mammon zu küssen und sich selbst und die Gesellschaft um des täglichen Brotes willen wieder und wieder zu verkaufen. (…) Wir sind die Werkzeuge und Vasallen reicher Finanzgewalten hinter der Szene. Wir sind die Marionetten, sie ziehen die Schnüre und wir tanzen. Unsere Talente, unsere Fähigkeiten und selbst unser Leben gehören diesen Männern. Wir sind intellektuelle Prostituierte. [16]

1912 schrieb der Abgeordnete Joseph Sibley, ein Vertreter der Rockefeller-Interessen im Parlament, an John D. Archbold von Standard Oil: “Wir benötigen ein effizientes Büro für Pressefragen, nicht für einen Tag oder für eine Krise, sondern für eine ständige gesunde Kontrolle der Associated Press (globale Nachrichtenagentur) und vergleichbarer Organisationen.“ So etwas realisierte sich einige Jahre später. Der Kongressabgeordnete Callaway stellte fest: “Im März 1915 hat sich eine Interessengemeinschaft bestehend aus Vertretern von J.P.Morgan, der Stahl-, Werft- und Munitionsindustrie und ihrer angeschlossenen Firmen gebildet, die 12 hochrangige Vertreter aus der Medienlandschaft auswählte und sie beschäftigte, um die einflussreichsten US Zeitungen auszuwählen und um eine Anzahl dieser in ihrer täglichen Berichterstattung zu kontrollieren.”  Der Medienkritiker Patrick S. J. Carmack bemerkt dazu: „Diese Interessengemeinschaft fand heraus, dass es lediglich notwendig war, die 25 größten Zeitungen aufzukaufen. Man traf eine Vereinbarung, und die Grundsätze und Ausrichtung dieser Zeitungen wurden sprichwörtlich aufgekauft, ein Editor wurde für jede Zeitung eingestellt, um vor allem die Themen der Kriegsvorbereitung für den Eintritt der USA in den ersten Weltkrieg sowie alle militärischen und finanziellen Fragen und anderen Themen mit nationalen und internationaler Bedeutung im Sinne der Käufer zu überblicken und notfalls zu editieren.“ [17]

Neunzig Prozent der amerikanischen Bevölkerung waren gegen jegliche Beteiligung der USA am Ersten Weltkrieg. Daher betonte die Regierung auch eine strikte Neutralität. Die stand allerdings nur auf dem Papier. Denn zwischen 1914 und 1917 vergaben die Wallstreet-Banken mehr als 1,5 Milliarden Dollar Kredit an die Gegner Deutschlands, und auch Waffen- und Munitionslieferungen nach England fanden statt. Es lag also im Interesse der führenden Kreise der USA, dass die Gegner Deutschlands den Krieg gewannen, und es war Englands Interesse in der Not des Krieges, die USA auch aktiv kämpfend an seine Seite zu ziehen. England benutzte gegen internationales Recht Passagierschiffe für versteckte Waffen- und Munitionstransporte aus den USA. Am 7.5.1915 versenkte deshalb ein deutsches U-Boot vor Irland – nach dem Kriegsrecht berechtigtermaßen – das Passagierschiff Lusitania, mit dem 1198 Menschen untergingen.

Die Nachricht löste ein politisches Erdbeben aus. Wütend empörten sich Londoner Zeitungen über die moralische Verkommenheit Deutschlands. Die Versenkung der Lusitania sei das gemeinste der vielen gemeinen Verbrechen, mit denen sich die deutschen Streitkräfte besudelt haben, das unheimlichste Verbrechen der Geschichte. Die weltpolitische Lage drohte zu eskalieren, als bekannt wurde, dass von den 159 US-Bürgern an Bord 128 starben. Der US-Botschafter in London empfahl nach Washington: “Die USA müssen den Krieg erklären, oder sie verlieren den Respekt der Europäer.” US-Präsident Woodrow Wilson nannte die Tat “den schlimmsten Akt von Seeräuberei in der Geschichte der Menschheit”. [18] Zudem gab die amerikanische Regierung die falsche Meldung heraus, dass deutsche Schulkinder am Tage des Unterganges der Lusitania schulfrei bekommen hätten, um dies zu feiern. [19] Eine entsprechende Hetze brach in der US-Presse los. Die New York Tribune schrieb: „Seit dem 7. Mai werden Millionen in diesem Land bedauern, daß in Flandern keine Amerikaner mitfechten gegen Hunnen und Vandalen.“ So wurde die öffentliche Meinung zum Umschwenken gebracht, und immer mehr Stimmen sprachen sich offen für einen Kriegseintritt der USA gegen das Deutsche Reich aus. Der Lusitania-Fall bereitete in Amerika das Klima, in dem US-Präsident Wilson dann zwei Jahre später auf Seiten der Westmächte in den Ersten Weltkrieg eintrat.

„Die gefährlichsten Massenvernichtungswaffen sind die Massenmedien“, schrieb M.A. Verick. [20] Sie müssen als solche entlarvt werden. Denn sie treiben auch heute im Auftrag der Mächtigen ihr explosives Spiel.

Herbert Ludwig


Autor Herbert Ludwig: Nach kaufmännischer Lehre Studium und Ausbildung zum Rechtspfleger, 4 Jahre Tätigkeit an hessischen Amtsgerichten. Danach Studium an der Pädagogischen Hochschule Reutlingen mit den Schwerpunkten Erziehungswissenschaften, Philosophie, Geschichte, Deutsch, sowie Waldorfpädagogik am Waldorflehrer-Seminar Stuttgart. 27 Jahre Lehrer an der “Goetheschule – Freie Waldorfschule – Pforzheim”. Ruhestand.

http://fassadenkratzer.wordpress.com

Bild- und Grafikquellen:

  1. Beitragsbild: „Der Pressespiegel“ – RainerSturm  / pixelio.de
  2. „Britisches Propagandaplakat“ – Wikipedia CC-Lizenz
  3. „Viele Grüße aus Deutschland“ – Wikipedia CC-Lizenz
  4. „US-Plakat 1917“ – Wikipedia CC-Lizenz

Fußnoten:

  1. Philip H. Kerr (Lord Lothian, 1882-1940), Privatsekretär von Premier Lloyd George 1916-21, Sekretär des Rhodes-Trust 1916-21, Unterstaatssekretär für Indien 1931-32, Botschafter in den USA 1939-40. Nach Markus Osterrieder: Welt im Umbruch, Stuttgart 2014, S. 885
  2. hier und im Folgenden a. a. O. S. 897
  3. Edward Grigg (Lord Altrincham, 1879-1955), Mitarbeiter von The Times 1903-13, Sekretär von Edward VIII. 1919-20, Privatsekretär von Lloyd George 1921/22, Parlamentsabgeordneter 1922-25 und 1933-45, Sekretär des Rhodes-Trust 1921-25, Gouverneur von Kenia 1925-31, diverse Regierungsposten 1939-45. Nach Osterrieder S. 886
  4. Robert H. Brand (Lord Brand 1878-1963), nach 1910 Geschäftsführer des Bankhauses Lazard Bros. & Co., Co- Direktor der Lloyd´s Bank und von The Times, Osterrieder S. 885
  5. (Sir) Dougal Malcolm (1877-1955), Privatsekretär von Lord Selborne (Hochkommissar) in Südafrika und Earl Grey in Kanada, seit 1913 Direktor und seit 1938 Präsident der Brirish South Africa Company. John Buchan (Lord Tweedsmuir, 1875-1940), Privatsekretär von Milner 1901-03, Director of Information for The War Office 1917/18, Korrespondent der Times, Kanzler der Universität Edinburgh, Generalgouverneur von Kanada 1935-40)
  6. Osterrieder a. a. O. S. 898
  7. Carrol Quigley, zitiert von Osterrieder, S. 896 f.
  8. Osterrieder a. a. O. S. 899-900
  9. Phillippe Simonnot „Die Schuld lag nicht bei Deutschland, Berlin o.J., S. 20-21
  10. a. a. O. S. 22, 23
  11. Markus Osterrieder: Welt im Umbruch, Stuttgart 2014, S. 434
  12. Phillipp Simonnot a. a. O. S. 52, 53
  13. Brief vom 21.11.1933 an Col. Edward Mandell House in: Seine persönlichen Briefe, 1928-1945, herausgegeben von Elliott Roosevelt, New York: Duell, Sloan und Pearce, 1950, S. 373.
  14. Wilson, Woodrow – “The New Freedom, A Call For the Emancipation of the Generous Energies of a People, Section VIII “Monopoly or Opportunity?” New York, Doubleday, Page & Co., 1913, S. 163 – 191
  15. John Francis Hylan (1868-1936), Bürgermeister von New York, Rede vom 26.3.1922 vor dem Kolumbus-Ritterorden. Zitat in: Almagamated Sheet Metal Worker’s Journal, Bd. 27-28, April 1922, S. 33.
  16. John Swinton, (1830-1901), unter anderem 10 Jahre bei der New York Times, vor Redakteuren im Jahr 1880; Quelle: Labor’s Untold Story, by Richard O. Boyer and Herbert M. Morais, published by United Electrical, Radio & Machine Workers of America, NY, 1955/1979
  17. “Moneychangers” von Patrick S. J. Carmack, freie Übersetzung von Dirk Gerhardt http://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=2&ved=0CCoQFjAB&url=http%3A%2F%2Fwww.911-archiv.net%2Fcategory%2F2-dokumente-allgemein.html%3Fdownload%3D7&ei=KOYjVK7TDOvg7QbRpYGQCA&usg=AFQjCNF2RZwLJquW74t17zfdJEFJLfCpew&sig2=tpUhSyceq0A1Y7sOLmIekA&bvm=bv.76247554,d.ZGU
  18. Spiegel-online 23.12.2008
  19. Kopp-online 26.1.2009
  20. in: Das Medienmonopol. Gedankenkontrolle und Manipulation, 2006
Kein Mensch ist illegal

Das verlogene Flüchtlingsdrama

von Zigorio Der Nachrichtenspiegel

In der ganzen Menschheitsgeschichte waren noch nie so viele Flüchtlinge unterwegs. Tägliche Meldungen in den Zeitungen über Flüchtende erreichen langsam einen Sättigungsgrad, der Mitleid leider in Fremdenhass mutieren lässt. Aufgrund der immer weiter wachsenden Zahl von fliehenden Menschen, wächst die Unsicherheit beim einheimischen Volk und sie wissen nicht, wie sie mit den ganzen Flüchtlingen umgehen sollen. Angeheizt wird die Diskussion mit aufreisserischen Schlagzeilen, welche die Flüchtlinge als Wirtschaftsschmarotzer, Kriminelle, Unruhestifter, Drogendealer, Ebola-Kuriere und Halsabschneider betiteln. Die Masse der Michels verlässt sich immer noch auf die Berichterstattung der Verblödungsblätter und sobald ein Text ihren inneren Frust beschreibt, wird gleichzeitig mit dem Finger auf die Schuldigen gezeigt, egal ob sie wirklich schuldig sind oder nicht. Aber in der Massenmeinung ist das Wort Flüchtling allmählich als Schimpfwort etabliert worden.

Flüchtlinge

Das haben wir den lieben Journalisten zu verdanken, die mit brauner Tinte ihr Gedankengut unters Volk verteilen, bis jeder nur noch in einem Ausländer einen Feind sieht. Das führt mitunter zu paradoxen Szenerien. Unlängst haben Rechtsextreme und Hooligans gegen Salafisten, im Grunde gegen jeden Muslim, demonstriert, wollen alle aus dem Land werfen und in einer Grölpause geht man schnell zur Frittenbude und lässt sich von einem solchen Ausländer den Magen füllen. Möglichst noch mit einem Döner, dem urtypisch deutschen Snack. Man stopft sich den Junk-Food in die Birne und bevor man runtergeschluckt hat wird schon wieder „Ausländer raus“ durch den vorgekauten Döner geschrien. Ist das Toleranz, Dummheit oder einfach nur kollektives Gejohle?

Um hier ein wenig Klarheit zu vermitteln, möchte ich die Geschichte der Flüchtlinge erläutern. Nicht Einzelschicksale, sondern generell dass Flüchtlings-Phänomen erörtern.

Seit es Menschen gibt, gibt es auch Flüchtlinge. Als wir noch mit Lendenschurz und Keule unterwegs waren, flüchteten wir, falls die Wunschhöhle schon von einem wilden Tier bewohnt oder wenn das Wasserloch von einer grösseren Sippe beansprucht wurde. Flucht ist also ein natürliches Verhalten, das einzig dem Lebenserhalt dient. Heute hat sich daran nichts geändert. Die Ursachen sind teils die Gleichen geblieben. Viele Menschen haben nach wie vor keinen Zutritt zu sauberem Wasser und nach drei Tagen ohne Flüssigkeit macht man den Schirm zu. Also flüchtet man zur nächsten Wasserstelle. Dasselbe mit der Nahrung. Millionen von Menschen flüchten von Essensration zu Essensration. Hier haben sie wenigstens drei Wochen Zeit, bis der Körper seinen Dienst versagt. Einzig die wilden Tiere sind verschwunden und machen Bomben und Sprengfallen Platz. Das Resultat ist ebenfalls das Gleiche. Die heimische „Höhle“ wird unbewohnbar was wiederum eine Flucht nach sich zieht.

Dann hören die Flüchtenden vom reichen Europa, wo es immer Geld hat, wo die Geschäfte so voll mit Konsumgütern sind, dass nicht einmal alle verkauft werden können und sogar weggeschmissen werden. Alle sind schön angezogen, die Autos glänzen , jeder ist satt und am Himmel fliegen grosse Vögel, die einen überall hinbringen wohin man will. Jetzt mal ehrlich, wenn ihre Heimat zerbombt wurde, die Familie kurz vor dem Verhungern ist und ihr ganzes Hab und Gut verloren haben, würden Sie nicht auch dorthin gehen, wo das Überleben ihrer Familie eine grössere Chance hätte. Oder würden Sie in ihrem zerstörten Haus bleiben mit der Gefahr, dass ihre Liebsten vergewaltigt, getötet, verschleppt oder gefoltert werden? Ich glaube es ist verständlich, wenn jeder versucht in dieser Situation sein Heil in der Flucht zu finden.

Dabei ist es ja nicht so, dass die Flüchtlinge einen Familienausflug machen mit anschliessender Kreuzfahrt über das Mittelmeer. In der Regel kratzen sie die letzten Groschen zusammen, um sie den mafiösen Schleppern zu geben, in der Hoffnung, dass ihre Familie überlebt. Dann beginnt die Reise in einem Schlauchboot, völlig überbelegt und mit ungewissem Ausgang. Mittlerweile arbeiten die Menschschlepper mit den europäischen Politikern zusammen und versenken die Flüchtlingsboote mitten auf dem Meer. Die Schlepper werden von Schnellbooten abgeholt und die Zurückgelassenen lässt man absaufen. Für die Politiker und Militär wäre es ein Einfaches, einen Korridor über das Mittelmeer zu errichten, um den Flüchtlingen eine sichere Überfahrt zu gewähren, aber das machen sie nicht. In ihren Augen ist jedes gesunkene Boot weniger Arbeit. Sonst müssten sie mal zu denken anfangen, wie man die vielen Flüchtlinge unterstützen kann, ohne das eigene Volk zu brüskieren. Aber eben, das mit dem Denken in den Führungsetagen ist so eine Sache.

Dabei sind viele Deutsche selber Flüchtlinge. Sie sind sogar in der Flüchtlingsgruppe vertreten, die am meisten verurteilt wird. Die sogenannten Wirtschafts-Flüchtlinge. Haben selber volle Supermärkte, bekommen vom Staat Gratis-Geld, haben ein Dach über dem Kopf. Sie sind aber immer noch unzufrieden und wollen mehr. Da kein Feind in der Nähe ist, die Wohnung bewohnbar, das Auto mit symbolischen Materialismus vollgestopft und die Kinder nach wie vor auf dem Handy daddeln können, muss man unbedingt seinen sich eigeredeten, mittellosen Standard verbessern und ins angrenzende Ausland flüchten. Ich habe es jetzt extra ein wenig überspitzt ausgedrückt, aber eines müssen wir Europäer uns gefallen lassen. Die grössten Wirtschaftsflüchtlinge sind wir selber. Nicht die, welche ums nackte Überleben kämpfen.

Früher prangerten wir die vielen Spanier, Italiener, Türken und sonstige Arbeiter aus dem Süden als Wirtschaftsflüchtlinge an. Dabei sind die wenigsten Einheimischen bereit, die Drecksarbeit zu machen, welche wir den Ausländischen Arbeitern gerne aufgetragen haben. In meiner Zeit auf dem Bau waren 8 von 10 Arbeitern Ausländer und machten sich wirklich schmutzig. Die Einheimischen sah man höchstens mit Krawatte oder im Bauwagen. Selten im Dreck. Mittlerweile geht es dem europäischen Volk so schlecht, aufgrund länderübergreifender, politischer Inkompetenz, dass sie selber zu den verhassten Flüchtlingen werden. Jetzt haben wir wieder die gleiche Situation wie vor tausenden von Jahren am Wasserloch. Die Sippe der einheimischen Flüchtlinge ist grösser als die Dazugekommenen. Also werden die neuen „Mundräuber“ verjagt, respektive durch die Medien denunziert.

Sind wir immer noch solche Barbaren? Da wird in verschiedenen, heilig gemachten Büchern die Nächstenliebe propagiert und in der Realität betrifft die Nächstenliebe nur die eigene Nasenspitze. Wir glauben immer noch, dass die Flüchtlingswelle ein Problem ist, übersehen aber, dass nur die Politiker ein Problem daraus machen. Würden sie nicht Milliarden an Steuergeldern zum Fenster rausschmeissen, alle hätten genug, sogar die neuen Flüchtlinge. Dasselbe mit dem Platz. Da stöhnen Gemeinden und Kommunen über die hohen Flüchtlingszahlen. Kein Wunder, wenn man alle auf kleinem Raum zusammenpfercht, sieht es schnell überbevölkert aus. Auch hier haben die Politiker versagt. Aber das hat System.

Die geschürte Unzufriedenheit des eigenen Volkes ermöglicht den Ausbau des Überwachungsstaates. Man hetzt jeden gegen jeden auf und darf dafür das Verteidigungs-Budget aufstocken. Sie wollen keinen sozialen Frieden. Denn wäre er da, könnten sich die Leute mit den kriminellen Machenschaften in Berlin und Brüssel auseinandersetzen. Aber so sind sie mit dem gezüchteten Feindbild „Ausländer“ vollends beschäftigt und werden erfolgreich von den politischen Kungeleien abgelenkt. Die HoGeSa-Fetischisten lassen sich so vor den politischen Dreckskarren spannen und merken es nicht.

Es würde mich interessieren, was passiert, wenn jeder Hooligan und Rechtsextreme sich plötzlich für die Flüchtlinge einsetzen würden? In Brüssel, Berlin, Paris und überall dort, wo die politische Elite den Fremdenhass für ihre Zwecke instrumentalisiert, bräche die Panik aus. Schnell organisierten sie verkleidete Geheimdienstler, die sich als Salafisten ausgeben und gezielt gegen das einheimische Volk vorgehen. Nur damit die Fremdenhass-Flamme nicht erlischt. Diese Strategie konnte man in der Ukraine, Türkei, Syrien, Hong Kong und Griechenland sehr gut beobachten. In diversen YouTube-Filmchen sieht man blonde Radikale, die viele Sprachen beherrschen, ausser arabisch.

Es wird Zeit, dass der Michel schnallt, dass die Flüchtlingswellen politisch gewollt sind um im eigenen Land eine Destabilisation zu erreichen. Einzig zum Zweck, die politische Führung zu schützen und von ihren unlauteren Methoden abzulenken. Ein perverses Treiben, dass bereits tausenden Unschuldiger das Leben gekostet hat. Ich gehe sogar soweit zu behaupten, dass zum Beispiel die italienische Regierung einen Deal mit den Schleppern hat, wieviele Boote nach Lampedusa kommen dürfen und wie viele versenkt werden. Sie haben ja bereits beste Verbindungen zur Mafia und helfen ihnen seit Jahrzehnten Industriemüll, radioaktiven Abfall und Gefahrengut im Meer zu versenken. Da liegt es auf der Hand, dass diese guten geschäftlichen Beziehungen gepflegt werden. Was versenkt wird ist schlussendlich egal, Hauptsache man kann seinen Ferienpalast in der Toscana mit vergoldeten WC-Deckeln verzieren oder mit Minderjährigen ausschweifende Partys feiern.

So gesehen sind Flüchtlinge kein Problem, sie werden zu einem gemacht. Solange wir das Gesülze von problematischen Immigranten den Zeitungen und ihren Diktierern abkaufen, solange wird weiter Hass geschürt und auf den Buckeln derer entladen, die eigentlich nur ums nackte Überleben kämpfen. So wie wir mittlerweile auch.


Passend zu diesem Thema lohnt es sich auf jeden Fall, die Anstalt vom 18.11.2014 anzuschauen:


Grafik- und Textquelle: Der Nachrichtenspiegel

Beitragsbild: „Kein Mensch ist illegal“ – Initiative Echte Soziale Marktwirtschaft (IESM)  / pixelio.de

Spinnenweb

Neue Herrschaft über Content und Tomaten

Der Trend zum Selbstgemachten reicht vom Gartenbau bis zum Verlagswesen. Ein Einblick in die gravierenden, spannenden und insgesamt positiven Veränderungen. Freiheit für die Bio-Tomaten. Freiheit für die Gedanken, die Meinungsfindung und die Bildung.

von Andreas Müller-Alwart

Ein Buch wie ein Tagtraum

Buch mit LampeDiese unbändige Lust. Dieses Prickeln. Das Lechzen. Die Vorfreude. Und dann währenddessen: Das Loslassen des Alltags, das Genießen, das tiefe, phantasievolle Eintauchen in eine Geschichte. Glückshormone werden ausgeschüttet: Endorphine. Nichts, das den Fluss von Gedanken, Bildern und Phantasien unterbrechen konnte, keiner, der wirklich dabei stören konnte. Genuss pur – Leidenschaft pur. Diesen „Flow“ kennen nur Leser, es gibt ihn nur beim Lesen, jedenfalls nicht beim Fernsehen oder Video schauen. Ein gutes Buch, eine gute Zeitschrift ist seltener geworden, aber ist jedem Fernsehbeitrag bei Weitem überlegen. Bei Lesen eines guten Buches oder Artikels entsteht eine fast intime Beziehung, eine Vereinigung zwischen Text und Leser. Bei einem guten Text stellt sich eigentlich gar nicht die Frage, wem der Text gehört, denn ein Meister der Sprache ist jemand, der den Leser in seine Zeilen so tief eintauchen und am Geschehen teilhaben lässt, dass der Autor die Hoheit über die gedanklichen Gebilde, die beim Leser entstehen, ganz oder teilweise verliert. Der Leser hängt zwischen den Zeilen und darüber in Tagträumen nach, lässt die Charaktere bildhaft werden, animiert die beschriebenen Szenen und findet sich empathisch im Gedruckten wieder. Das gilt nicht nur für Liebesromane, Abenteuerromantik, historische Schinken – nein: Dieses Eintauchen in die Welt des Autors ist bei jedem Genre möglich. Ein guter Sachbuchautor oder Wissenschaftsjournalist zeichnet sich eben gerade dadurch aus, eine komplexe, schwer verständliche Welt dem Leser alltagsfreundlich, spannend und amüsant näher zu bringen. Wer sich in ein Thema verliebt hat und darin aufblüht, ist als Autor in der Regel auch in der Lage, diesen Funken der Begeisterung auf die Leser überspringen zu lassen. Wer jedoch nur gegen Geld Auftragsarbeiten erstellen muss, wer nicht für Qualität, sondern nach Menge und Zeit (Geschwindigkeit) bezahlt wird – und dies ohne Ansehen der Inhalte und des Stiles, der wird seinen Lesern nur eher zufällig dieses Glücksgefühl bereiten können.

Ökonomisierung vor Kunst und Bildung

Die Ökonomisierung des Journalismus, die es schon seit Jahrzehnten gibt und die anfangs zu einem normalen Verdrängungswettbewerb geführt hat, hat sich radikal durch das Internet beschleunigt. Es geht um weit mehr als die Frage, wie zukünftig mit Bild und Text im Web Geld verdient werden kann und ob der uns bislang bekannte Journalismus diesen Umbruch überlebt. Es geht – wie so oft im Internet – vielmehr um die Frage, wem gehört etwas und wer darf es in welcher Form nutzen. Internetuser haben weitgehend unbegrenzten Zugang zu Millionen von Texten – zu Lexika wie Wikipedia, zu statistischem Hintergrundmaterial wie bei destatis.de, zu Büchern wie bei google.de und zu vielen Webseiten von einst reinen Printmedien. Die User haben Zugang zu vielen Videos und Blogs und sie sind einerseits auf der Suche nach Unterhaltung, andererseits auf der Suche nach Wahrheiten und Hintergründen. Viele Printmedien haben es verschlafen, diese Hintergründe und Zusammenhänge darzustellen und sich dadurch ein Alleinstellungsmerkmal zu verschaffen. Sie haben es verschlafen, ihre Art der Recherche und Wahrheitsfindung den Lesern plausibel und transparent zu machen. Schlimmer noch: Sie haben oftmals die Leser durch Weglassen oder Verzerren wichtiger Informationen vergrault. Dies taten sie in einer Zeit, in der ihre Thesen und Berichte für jedermann nachprüfbar wurden. Sie taten dies in einer Zeit, in der jedermann in Chats, Blogs, Foren und vor allem in den sozialen Medien andere Thesen aufstellen und die Nachhaltigkeit der einstigen Wortführer, der Printmedien, in Frage stellen konnte. Die Diskussionen waren zudem außerhalb der Kommentarwelten der Printmedien aussagekräftiger, kontroverser und sie waren erkenntnisreicher. Dabei darf nicht verschwiegen werden: So manche dort geführte Debatte glitt von einer qualitativ hochwertigen Diskussion ab in emotional-persönliche Angriffe und endete in anonym geposteter Vulgärsprache – das pure Gegenteil des Qualitätsjournalismus, wobei die jeweilige Diskussionsrunde auch diese meist anonym erstellten, verbalen Entgleisungen recht rasch in die Schranken verwies. Was bleibt, ist bei den Usern bzw. Lesern die Erkenntnis: Die Profi-Journalisten wissen es oft nicht anders und meist nicht besser als die vielen User im Netz.

Fließgleichgewicht von Inhalten und Meinungen

Birne, LampeEs kommt hinzu: Es gibt wohl nicht nur eine Meinung (Surprise! Surprise!), sondern man kann ein Thema unter verschiedensten Lebensauffassungen und ideologischen Färbungen dialektisch diskutieren. Das wiederum führt zur aufregendsten Erkenntnis: Alles ist in Bewegung, es gibt sie nicht, die eine, allheilbringende, richtige Meinung. Es gibt immer nur Momentbetrachtungen und alle Betrachtungen sind gefiltert durch die Denkweise des Schreibenden ebenso wie durch die Abstraktionen des Lesenden. Wenn doch aber alles im Fluss ist, wozu benötige ich dann noch gedruckte Buchstaben. Bis diese trocken sind und auf Papier ausgeliefert werden, ist die tagesaktuelle Diskussion längst ganz woanders angelangt. Und was es an grundsätzlichen Erkenntnissen in der Welt zu erforschen und zu erlesen gibt, findet sich von jeher besser in allerlei Klassikern wieder und davon wiederum befinden sich viele heute als gescannte Dateien in Onlinebibliotheken. Wozu also eine gedruckte Tageszeitung? Twitter ist schneller, Bücher sind nachhaltiger und intensiver, Blogs sind ebenfalls schneller, oftmals authentischer und eigentlich immer dialektischer in der Darstellung.

Es geht nicht nur ein Geschäftsmodell verloren

Was hier den Verlagen verloren geht, ist nicht nur einfach ein Geschäftsmodell. Hier geht die Hoheit der Verlage verloren, Meister des Inhaltes, Quelle der Meinungsbildung und Förderer der Wahrheit zu sein. Meint die Frankfurter Allgemeine Zeitung dazu: „Die Zukunft des Journalismus entscheidet sich hier und jetzt!“ Nur mit Größe und Qualität – so meinen die Verlage – und mit der ständigen Suche nach neuen Geschäftsmodellen, könnten sie noch überleben. Doch selbst wenn sie ein Geschäftsmodell finden: Sie werden nie wieder die Chefs des Inhalts, die „Master of Content“ sein. Dies liegt nicht nur an den Fehlern, die sie in der Vergangenheit gemacht haben, sondern hängt auch damit zusammen, dass durch das Internet das Wissen der Vielen strömt, gleichzeitig und im selben Raum. Das Internet ist angefüllt mit Experten, die an einem Thema zeitlich oder räumlich näher dran sind, die es kontinuierlicher bearbeiten und die es oftmals besser verstehen. Die Vermittlerfunktion von Journalisten – vor allem bei komplexen Themen – wird zunehmend und sehr rasch abgelöst durch einfache Bürger wie Dich und mich, die zu ihrem Hobby, Fachgebiet oder anderen sie bewegenden Themen, viel praxisnäher, verständlicher und lebhafter schreiben. Warum denn auch sollte der Trend zu „Prosumenten“ (Konsumenten, die gleichzeitig etwas produzieren) gerade vor dem Onlinejournalismus halt machen? Auf dem Weg vom Amateurjournalismus zum gestalteten Profijournalismus gibt es nur noch eine Barriere, die haben aber schreibende Leser wie bei Profijournalisten zu überwinden: Es ist die Barriere des Zugangs zu Primärdaten, zu den echten, unverfälschten und möglichst aktuellen Statistiken, die für die meiste Berichterstattung essenziell sind. Auch dies ist – von wenigen Ausnahmen abgesehen – im schnelllebigen Journalismus oft eher eine Schwachstelle, eher ein Minus als ein Plus der Profiautoren. Denn gerade für nachhaltige, aufwändige Recherchen fehlt auch ihnen die Zeit. Viele Zugänge zu unabhängigen, aktuellen Recherche-Datenbanken sind teuer, Suchanfragen sind zeitaufwändig wie auch die grafisch ansprechende Aufbereitung der Rohdaten. So werden letztlich gerne mit Handkuss gut aufbereitete Grafiken und Statistiken der PR- und Nachrichtenagenturen immer häufiger völlig unreflektiert und unbearbeitet an den Leser weitergegeben. Also sind die Redaktionen auch an dieser Stelle – unter Zeitdruck und ökonomischem Druck stehend – nicht besser dran als manche Freizeit-Blogger. Die statistischen Quellen und die Plausibilität der Daten kann der Leser im Printmedium fast nie nachvollziehen oder nachprüfen. Und so mancher Journalist schaut vielleicht neidisch auf den einen oder anderen Blog, weil dessen Autor den Blog als Hobby betreibt und einfach viel mehr Zeit und einen besseren Zugang zu Informationen hat. Hinzu kommt: In den Blogs tummeln sich immer mehr Gleichgesinnte und Experten. Dort werden Themen häufig völlig unabhängig von einer Tagesaktualität über Monate in einer unvorstellbaren Vielschichtigkeit und Tiefe diskutiert. Echte Bildung, echte Meinungsbildung ist dort möglich. Bildung entsteht ja gerade nicht durch das reine Lesen eines Inhaltes, sondern durch die Beschäftigung mit dem Gelesenen und durch das Nachdenken darüber. Der Erkenntnisgewinn hieraus ist durch keine Tagespresse der Welt zu ersetzen. Dies umso weniger als Zeitungen mit hohem dialektischem, meinungsbildendem Anspruch allesamt vom deutschen Markt verschwunden sind – allen voran „Die Woche“ und die „Financial Times Deutschland“. Stattdessen gibt es immer mehr kleine Fachmagazine, die günstig per PDF produzieren oder die auch im hochpreisigen Segment ihre Leser finden. Etablierte Redaktionen, die seit Jahren auf einen qualitativ hohen Anspruch und auch investigativen Journalismus setzen, haben auch in einer Onlinewelt als „Offline-Printmagazin“ weniger Probleme als andere Magazine. Die „Wirtschaftswoche“ und vor allem „Brand Eins“ sind sicherlich solche Ausnahmen, wobei „Brand Eins“ als gedrucktes Medium geradezu einen „haptischen Kultcharakter“ hat. Man kann hier die Textqualität riechen und fühlen und dies gehört eben zum Gesamterlebnis so wie das Knistern einer Langspielplatte eben ein besonderes Prädikat sein kann. Wir hatten es schon davon: Ein MP3-File knistert nicht und ein PDF raschelt nicht beim Umblättern.

Die Öffentlichkeit befindet sich im Strukturwandel

Das ist allerdings eine Nische, die dem Internet noch eine Weile verborgen bleiben dürfte. Internetseiten riechen nicht und lassen sich nicht anfassen. Ein Thema, das auch die TV-Macher immer wieder als Nachteil empfinden, wobei derzeit die haptische Interaktion zwischen dem Benutzer eines Smartphones und einer Website bei Weitem höher ist als die zwischen einer Fernbedienung eines Fernsehzuschauers und dem gezeigten Bild. Allein der Wischeffekt ist auf Seiten des Smartphones im Haben zu verbuchen. Doch bleiben wir mal nur beim Text, nur beim Content. „Es findet ein umfassender Strukturwandel der Öffentlichkeit statt, in dessen Verlauf die gedruckte Presse das Informationsmonopol und die Hoheit über die Meinungsbildung verloren hat“, schreibt Thorsten Hinz für das selbst recht junge Printmedium „Junge Freiheit“. Das Bemerkenswerte an diesem Zitat kann leicht überlesen werden: Nicht die Verlagswelt strukturiert sich um, sondern allem voran strukturiert sich die Öffentlichkeit um. Das Internet hat also zu einem Wandel der Struktur der Öffentlichkeit geführt und dies bedingt einen Strukturwandel der Verlage. Das Ansinnen, die Verlage zu einem Internetunternehmen zu wandeln, ist deswegen per se der falsche Ansatz, weil der Strukturwandel der Öffentlichkeit das Verlagswesen insgesamt in Frage stellt – jedenfalls auf die bisherige Vorherrschaft über den Content. Die Verlage sind jetzt Teil des Internets und somit Teil der Öffentlichkeit, sowie eben auch die Inhalte frei zugänglich sind.

Inhalte fließen zwischen Leser und Autor hin und her – die Rollen vermischen sich

Leser und AutorDie Macht über den Content ergießt sich vom Verlagswesen in die Onlinewelt zu den Internetprotagonisten und erstmalig erlebt auch die Meinungsbildung so etwas wie ein ökologisches Fließgleichgewicht. Es gibt keine statische Meinung, sondern sie wird ständig neu modelliert und dies im Kontext mit allen Usern des Internets. Das war schon immer so, wird aber jetzt mit atemberaubender Geschwindigkeit global transparent. An den Schnittstellen dieser meinungsbildenden Gruppen werden Konflikte über Ursachen, Wechselwirkungen und Zusammenhänge ausgetragen. Es wird gestritten, aber nicht gekämpft. Es werden richtige Wege gesucht und es werden viele neue Möglichkeiten gefunden, die ständig angerissen, sogleich wieder vom konservativen Mainstream in der Meinungsbildung zerrissen werden, um dann doch als neue Idee irgendwo in Nischen, kleinen „Foren-Biotopen“, geschützt vor dem Massenansturm der Mainstream-Meinungen und im kleinen Kreis weiter gedacht zu werden: Oft so lange, bis sie sich wieder als mehrheitsfähig erscheinende neue Vision und mit längerer Version im Web 2.0 festsetzen.

Evolution und Epigenetik von Inhalten

Es ist eine Art Evolution des Contents – eine Art Quantenphilosophie der Inhalte. Das Internet ist wie das „Meer der Inhalte“ – entsprechend dem „Meer der Möglichkeiten“ bzw. dem PSI-Feld des Universums in der Quantenphilosophie. Dort schöpft die Internetgemeinde ununterbrochen Teilaspekte ab, manifestiert Meinungen für eine gewisse Zeit mit ihren Gedanken und Diskussionen, materialisiert diese in Textbeiträgen in Blogs und Foren. Mal bildet sich dann ein Meinungsbild, das längere Zeit Bestand hat, mal verschwindet dieses materialisierte Bild wieder im Meer der Möglichkeiten – also im Internet. Dort ist immer alles vorhanden, aber wir sehen nicht immer alles, wir erkennen nicht immer alle Zusammenhänge und wir finden nur das, wonach wir suchen. Was wir finden hängt von der Frage ab, die wir uns und der Suchmaschine stellen. Je ungewöhnlicher, je seltener die Fragestellung, desto schwieriger wird es, die Antwort zu finden, aber desto spannender wird es auch, sie zu finden. Man könnte frei nach Saint-Exupéry „Man sieht nur mit dem Herzen gut“, für die Onlinewelt formulieren: „Man sieht nur mit der Suchmaschine gut.“ In beiden Fällen gilt. Man kann nur das sehen, was man auch sehen will. Das Internet fördert diese freie Suche und Sichtweise – Printmedien und TV hingegen fördern diese nicht. Im Gegenteil: sie lenken permanent auf die festgefahrenen Gedanken des Alltags und lenken permanent vom Hinterfragen des Gesehenen und Gelesenen ab.

Unsere Gedanken bestimmen die Inhalte

Für das Internet gilt das Gleiche wie für das „Meer der Möglichkeiten“, für die Interwelt der Quantenphilosophen: Alles ist möglich, alles ist immer irgendwie da, aber alles ist abhängig vom Betrachter. So wie er sucht, so findet er. So wie er die Beiträge im Web betrachtet, so wird er bestätigt oder widerlegt. Einst waren die Verlage die beständige Konstante, die Basis für alle Inhalte, die in verschiedenen Varianten aufbereitet wurden. Ob ein Inhalt dann als Bild-Reportage in einer Illustrierten, als Kurzmeldung in einer Tageszeitung, als Dossier in einer Wochenzeitung erschien oder dem Leser gar nicht vermittelt wurde, dies war alles eine Entscheidung von wenigen Redakteuren und Verlagen. Die Verlagswelt war die DNA der Meinungsbildung, die Medienformate waren nur die epigenetischen Schalter, die das eine Thema mehr, das andere weniger reißerisch aufbereitet und somit die Leser beeinflusst haben. Auch diese Hoheit über die Medienformate haben die Verlage weitgehend verloren. Im Internet finden sich praktisch alle Themen multikanalfähig. Ein Teil der Leser ist begeistert von den Videowelten, andere vertiefen sich in die sozialen Medien oder reine Blogs. Oftmals macht gerade die Kombination – möglichst interaktiv – gerade den besonderen Reiz aus.

„Video kills Print“

FilmstripDa sind wir bei einem weiteren Aspekt, der den Profijournalisten entglitten ist: Video kills Print. Kurze Bild- und Videobeiträge liegen im Trend. Neben Textbeiträgen und Fotostrecken sind es vor allem die zahlreichen, didaktisch oft hervorragend aufbereiteten Videos – allen voran die Erklär-Videos – die innerhalb kürzester Zeit komplexeste Inhalte verständlich und einprägsam aufbereiten können. Das Medium Video (Internetvideo) ist zurzeit auch dem Fernsehen bei Weitem überlegen, jedenfalls noch so lange, wie die Mehrzahl der User kein internetfähiges Fernsehgerät hat. Denn ohne Internet ist ein Fernsehbeitrag nicht viel mehr als eine kontinuierlich ablaufende Präsentation, die nicht mal eben gestoppt und bei der nicht mal eben zurückgespult werden kann, wenn man etwas nicht verstanden hat oder kurz in Gedanken gedöst hat. Es gibt viele mehrstündige Videos im Internet, die eine „Ansichtsquote“ von weit über 100 Prozent haben: Das Video wurde von demselben Benutzer mehrfach gesehen und/oder es wurden Teile des Videos mehrfach betrachtet. Messbar ist auch, wie viele User den Beitrag nicht zu Ende sehen und abbrechen. Die Fernsehgesellschaften sind hier immer noch weitgehend blind. Sie wissen aber nach wie vor nicht, welcher Zuschauer welchen TV-Beitrag gesehen hat. Die Einschaltquoten sind Hochrechnungen, deren Werthaltigkeit seit Jahren in der Diskussion steht. Die Printmedien hingegen wissen nur über Umfrage und Leserbriefe, wer sie liest und was gelesen wird. Nur das Web aber ist in der Lage eine Echtzeitmessung zu liefern. Eine Messung über Anzahl Klicks, die Verweildauer der Zuschauer oder gar eine Bewertung der Beiträge wie im Internet üblich, ist beim Fernsehen derzeit nur für wenige Zuschauer, die Internet und Fernsehen integriert haben, möglich.

Der Qualitätsjournalismus der Verlage wird grundsätzlich in Frage gestellt – ebenso wie der Aspekt der Bildung

Den Profis geht also nicht nur die Hoheit über den Content verloren, sie verlieren auch den Überblick über ihre Printleser. Zudem geraten sie in der Welt zwischen Print- und Onlinecontent auf einer Gratwanderung unterschiedlichster Erwartungen ins Schlittern. Derzeit erleben wir, wo diese Rutschpartie endet: Weder der Onlinecontent noch der Printcontent heben sich wirklich durch bessere Qualität, höheren Wahrheitsgehalt oder andere elementare Kriterien von dem ab, was die Internetgemeinschaft selbst produziert. Thorsten Hinz meint dazu: „Die als Agenturmeldungen getarnten, volkspädagogisch intendierten Einheitsartikel häufen sich.“ Damit sind wir beim nächsten Aspekt, den die Verlage nicht verstanden haben: Der Strukturwandel der Öffentlichkeit bezieht sich nicht nur auf die Meinungshoheit, sondern die Internetgemeinde ist längst bei den Wurzeln des Übels angelangt: Bei der Bildung. Hatten Printmedien und Fernsehen noch einen Anspruch auf Bildungsvermittlung, so wird ihnen dieser Anspruch inzwischen völlig aberkannt – jedenfalls bis auf wenige Sendeformate, die 3SAT, ARTE und sogenannte „Dritte Programme“ anbieten. Schlimmer noch: Fernsehen wird als Zeitfresser und ständige Verblödungsmaschinerie empfunden. Die Anzahl derjenigen, die keinen Fernseher mehr als Möbelstück in der Wohnung stehen haben, nimmt zu und folgt proportional dem Trend derjenigen Menschen, die ihre Ernährung umstellen und z. B. Vegetarier werden. Print und TV verlieren nicht nur die Meinungshoheit, sondern auch die Bildungshoheit. Die Veränderung ist aber noch tiefgreifender. Je weniger wahrheitsfördernd und unabhängig berichtend sich Print und TV darstellen, desto mehr werden sie als staatsnahe Organe empfunden. Da sind zum einen die Allianzen führender Journalisten mit staatlichen Organisationen wie die „Atlantik-Brücke“ zu nennen und zum anderen die fehlenden anderslautenden Meinungen. Man munkelt, dass bei heiklen Themen Journalisten erst einmal die führende Meinung einer Süddeutsche Zeitung oder Frankfurter Allgemeine Zeitung sondieren und sich dann – auch dies unter anderem aus Zeitgründen – sehr gut überlegen, ob sie sich die Mühe machen, eine andere Meinung mit viel Aufwand zu recherchieren, zu Papier zu bringen und dies letztlich auf die Gefahr hin, allein auf verlorenem Posten angegriffen zu werden. Auf der Suche nach Wahrheit und Erkenntnis – gerade zum Zwecke der Bildung – sind viele Mitglieder der Internetgemeinde abgewandert von Print und TV in das „Meer der Möglichkeiten“. Sie haben sich zum Beispiel die zahlreichen Youtube-Videos von Vera F. Birkenbihl, Professor Gerald Hüther, Professor Richard David Precht u. v. a. m. angesehen. Sie wissen: Es läuft in der Bildung etwas Grundlegendes verkehrt – sowohl bei den vermittelten Inhalten, als auch bei der Art der Vermittlung. Viele spüren auch, wie sehr in den Schulen Spiritualität und Empathie als Balance bzw. Förderer des Lernspaßes und der Erkenntnis fehlen. Lernen ist heute Stress. Mobbing und Prügeleien an Schulen sind die Regel – nicht die Ausnahme. Das Notensystem ist ein Auslesesystem – ein typisches System, mit dem die jungen Leute lernen, sich gegenseitig auszuspielen, gegenseitige Konkurrenz zu erleben, diese zu ertragen und letztlich zu leben. Doch die konkurrierende Gesellschaft ist angesichts übergreifender, weltweiter Probleme nicht mehr tragfähig. Sie hat zunehmend keine Akzeptanz mehr. Gleichzeitig bleiben bei dieser Art der Bildung Ethik und Moral auf der Strecke – mit fatalen Folgen für die junge Generation. Völlige Empathielosigkeit wird herangezogen, Egoismus ist ein Lernziel und Altruismus wird geradezu als Warmduscherei abgetan und aberzogen. Kein Wunder, dass viele Eltern auf der Suche nach Bildungseinrichtungen sind, die dieses Konkurrenzprinzip vermeiden und mehr Spiritualität, mehr Empathie, mehr moralische Werte und mehr Kooperation fördern.

Selbstbestimmte Gedanken anstelle vorgefertigter Meinung

Gleichzeitig erhalten die Leser immer mehr Erkenntnisse darüber, wie wichtig es ist, Herr seiner eigenen Gedanken zu sein. Die Dauerberieselung mit bedeutungslosen Themen, die gleichermaßen über das Fernsehen wie über die Printmedien erfolgt, lenkt häufig von eigenen guten Ideen, vom eigentlichen Sinn des Lebens und von einer selbstbestimmten Lebensführung ab. Damit sind wir beim letzten, einem sehr wichtigen Trend, den die einstigen Herren des Contents übersehen haben oder nicht sehen wollen? Die Zeiten der Bevormundung und Fremdbestimmung sind vorbei. Die Menschen bauen die Tomate wieder selbst im Garten an und für den Content gilt zunehmend das Gleiche: Auf gemeinsamen Informationsfeldern die Saat für Wahrheit und Freiheit zu säen. Es ist doch so: Für den Reifegrad einer selbst angebauten Tomate und für deren wunderbaren Geruch und Geschmack ist es völlig unerheblich, über welche EU-Tomatenverordnung die Tagesschau berichtet, was die Süddeutsche dazu kommentiert und was Frau Merkel und Herr Gabriel dazu zu sagen haben. Um im Bild zu bleiben: Was die Politiker mit ihren Tomaten auf den Augen zu verkünden haben, interessiert mehr als die Hälfte der Bevölkerung nicht mehr – siehe Wahlbeteiligungen. Und der Ifo-Geschäftsklimaindex ist vergleichsweise unbedeutend für unsere eigene kleine Tomatenzucht. Sie kennt den Index nicht, sie will nur ausreichend bewässert werden. Und ob das Bruttoinlandsprodukt wächst, ist für den Hobby-Tomatenbauer weniger aufregend wie die Ernte und der Genuss des eigenen Biogemüses. Keiner glaubt mehr an ein endloses Wirtschaftswachstum oder an eine Vollbeschäftigung, was Politik und Medien aber immer noch als Maxime predigen. Wenn Print und TV also verkünden, was die Regierung und irgendwelche Statistik-Apostel uns mitteilen möchten, so findet das keine Beachtung mehr. Ständig die gleichen, nicht nachvollziehbaren, häufig manipulierten Statistiken. Noch dazu zu Kennzahlen, deren Wert für den Sinn des Lebens eines einzelnen Bürgers völlig wertlos ist. Wie viel sinnvoller ist da das „Erklärvideo“ zum Thema „Mein erster Tomatenanbau“. Wie viel erkenntnisreicher ist da ein Buch zu dem Thema. Und wie viel spannender ist es, sich in Forum, Blog oder in den sozialen Medien praktische Tipps zu holen. Den Printmedien fehlt häufig der Tiefgang, die Individualität und die Ehrlichkeit. Gerade das aber fordert der Strukturwandel der Öffentlichkeit. Mit Tracking (siehe meinen Bericht „Spurenleser Web 2.0“) ist einem solchen Strukturwandel nicht zu begegnen.

Wie lange gibt es Print noch?

Wenn heute orakelt wird, dass herkömmliche Zeitschriften und Zeitungen bis 2017 in den USA und bis 2030 in Deutschland ganz verschwunden sein werden, so mag das so sein. Es spricht aber derzeit eigentlich nichts dafür, dass diese papierene Welt noch so lange erhalten bleiben sollte – außer eben dass Papier so gut riecht und sich so gut anfühlt. Bücher mögen noch viele Jahrzehnte nicht wegzudenken sein. So wie Langspielplatten auch heute noch einen ganz eigenen, besonderen Wert haben und nicht völlig verdrängt werden konnten. Eine Langspielplatte hat ja auch eine ganz eigene Qualität. „Bei diesem Knirschen und Hüpfen des Tonarms von Pink Floyds Song Money haben Papi und Mami Dich damals gezeugt …“ wird da dem Sprössling erklärt, der ungläubig die Augen rollt und sich entsetzt über die altertümlich wirkende Romantik seiner Erzeuger die Kopfhörer aufsetzt und den MP3-Player lauter dreht. Da knirscht und springt nichts – egal wie die Bude wackelt. Dass jemand mit einer gedruckten Ausgabe von „Die Bunte“ ein ähnlich nostalgisches Erlebnis verbindet, scheint eher selten der Fall zu sein. Eher bleibt da die Sehnsucht an die gute alte „Bunte“. Ein einst großformatiges, durchgängig mit Bildreportagen durchzogenes Magazin auf hohem Niveau. Anstelle von Königshäusern und Promitratsch, waren die Reporter dicht am Schah von Persien, standen hinter Adenauer oder fotografierten aus (!) der brennend abstürzenden Militärmaschine. Und was sonntags passierte, war auch spätestens Donnerstag im Heft. Heute wissen wir schon – noch während die Maschine fliegt – per Twitter, dass uns diese gleich auf den Kopf stürzen könnte. Bis wir zuhause angelangt sind, sehen wir schon die ersten Videos im Netz. Sicherlich auch kein Qualitätsjournalismus, zeigt aber: Zur verlorenen Meinungshoheit, Bildungshoheit und dem verloren gegangenen Wahrheitsanspruch gesellt sich auch noch die Tatsache, dass auch der Entertainmentaspekt der Printmedien vom Web 2.0 überholt wurde.

Ob denn die Leser bereit wären, für gute Inhalte und Qualitätsjournalismus zu bezahlen und wie man das gestalten könne. Darüber wird scheinbar endlos debattiert und diskutiert – mittlerweile sind weit mehr als 10 Jahre ins Land gegangen, seit der Strukturwandel begann. Wie mager sind die Ergebnisse. Dabei muss man sich nur mal ein einziges – nur eines von hunderten – Beispielen im Web ansehen, um zu begreifen, dass gute Inhalte bezahlt werden – und zwar freiwillig und auch nachträglich. KenFM TV wird von Ken Jebsen als youtube-Television quasi alleine gestaltet, hat hohen Zuspruch und wird eben von jenen finanziert, die keine Tomaten auf den Augen, aber mit Sicherheit im Garten haben, von den neuen Damen und Herren der Meinungs- und Bildungshoheit, von den „Masters of tomatoes and content“. Die Philosophie dahinter ist übrigens sehr ähnlich: Selbstgemachtes schmeckt besser und man weiß, was man isst, weil man sich selbst damit beschäftigt hat. Das gilt nun ebenso für Tomaten wie für Inhalte. Wenn ich auf die Entstehung der Inhalte vertrauen kann und mich damit wirklich auseinandersetzen kann, ist der Genuss ein ganz anderer, als wenn staatsnahe Verkündigungsorgane die immer gleichen Phrasen dreschen.

Zum Schluss etwas Salz in die Suppe dieser neuen, heilen und ach so freiheitlichen Content-Welt im Internet: So ganz frei von Macht und Bevormundung ist das Web 2.0 ja nun auch nicht mehr. Beherrschten einst Verlage das Meinungsbild in unterschiedlichen Printformaten, so haben wir es heute mit einer Marktmacht aus Suchmaschinen und Social-Media-Unternehmen zu tun. Hier wäre es nun an der Zeit, dass die neuen Damen und Herren des Contents und Tomatenanbaus prüfen, auf welchem Boden sie ihre Saat ausstreuen, mit welchem Wasser sie wässern und welchen Ursprungs Kompost oder Dünger sind, den sie einsetzen. Der nächste Strukturwandel – und der läuft bereits – wird nämlich vor allem zu einer Entscheidung darüber führen, ob das Web 2.0 so frei und offen bleibt wie es ist oder ob die ehemaligen Verbündeten der Meinungs- und Bildungshoheit zusammen mit den Newcomern des eCommerce wieder eine beherrschende Rolle einnehmen werden. Auch bei diesem Strukturwandel geht es um viel mehr als um Macht: Es geht um die Frage, ob das im Internet weit verbreitete Prinzip der offenen Kooperation wieder von einem übergestülpten konkurrierenden System manipuliert und womöglich wieder von einer herrschenden Klasse besessen wird. Ich glaube nicht an eine Rückkehr zu Fremdbestimmung und zu einer Herrschaft einzelner Firmen über Inhalte, Meinungen und Bildung. Die neuen Herren von Content und Tomaten haben jetzt Appetit auf eigene Bildung gefunden und lassen sich nicht mehr bedingungslos berieseln.

Andreas Müller-Alwart


Autor Andreas Müller-Alwart ist selbständiger Journalist, Coach sowie Requirement Engineering Manager und Mitglied des Reflektion-Teams.

Bild- und Grafikquellen:

  1. »Das Spinnenweb« – pepsprog  / pixelio.de
  2. »Buch mit Lampe« – http://pixabay.com/de
  3. »Birne, denken« – http://pixabay.com/de
  4. »Leser und Autor« – http://pixabay.com/de
  5. »Filmstrip« – http://pixabay.com/de

Rembrandt fuer das Leben der Menschen und ihr Glueck zu sorgen

Kalter Krieg – Wirtschaftskrieg – heißer Krieg?

von Winfried Wolk

Am 14. August 2014 meldeten laut Spiegel online zwei britische Journalisten auf ihren Twitter-Profilen, daß eine Kolonne von 23 gepanzerten Fahrzeugen im Schutze der Dunkelheit die russisch-ukrainische Grenze überquert haben soll. Sie soll dafür ein Loch im Drahtzaun genutzt haben. Die Fahrzeuge sollen »offen als russisches Militär« gekennzeichnet gewesen sein.

Sinn oder UnsinnIch lese diese Meldung und mache mir Gedanken. Nicht das ukrainische Militär oder deren Geheimdienste hatten diese die westlichen Politiker in höchste Aufregung versetzende Information in die Öffentlichkeit gebracht. Es war eine Kurzmitteilung zweier Journalisten, die zwar twittern konnten, aber nicht fotografieren, um die gemeldeten Beobachtungen zu dokumentieren. Auch wenn in der durch keine Beweise unterfütterten Nachricht erstaunlich oft das vage Wort »sollen« verwendet wird, nehmen NATO und Bundesregierung die Twitter-Meldung umgehend zum Anlaß, Rußland eine gefährliche Eskalation im Ukraine-Konflikt vorzuwerfen, wie ich einen Tag später an gleicher Stelle lesen kann. Der russische Inlandsgeheimdienst, später auch der russische Grenzschutz bestreiten die Richtigkeit der Meldung. Die UNO konnte den Vorfall ebensowenig bestätigen wie die einschlägigen Behörden der USA, die mit ihren Spionagesatelliten sonst so präzise Fotos machen können, daß Autokennzeichen gut zu entziffern sind.

Trotzdem sprach etwas später auch das ukrainische Militär von einer Grenzverletzung, ja mehr noch, der Armeesprecher Alexej Dmitraschkiwski erklärte, daß eine solche Aktion keine Ausnahme sei, denn »diese Bewegungen auf ukrainischem Gebiet passieren praktisch jeden Tag, um die ukrainische Seite zu provozieren«. Kurz darauf lese ich, daß nach Angaben des Büros von Präsident Poroschenko die meisten der Fahrzeuge des Konvois zerstört worden seien. Von all dem gibt es weder Fotos noch andere vorzeigbare Beweise. Eine nicht nachprüfbare unpräzise Twitter-Meldung genügt, um die westlichen Regierungen und auch die Medien auf klaren Kriegskurs zu bringen. Kurze Zeit später fordert die ukrainische Regierung militärische Unterstützung von NATO und EU. Der ukrainische Außenminister Pawlo Klimkin macht die Bitte am 17. August in einem Interview im Deutschlandfunk öffentlich, er spricht eine deutliche Sprache.

Was mag hinter solchen Berichten stecken? Der Wahrheitsgehalt der Meldung ist nicht nachprüfbar. Nicht existierende Massenvernichtungswaffen, die den zweiten Irakkrieg auslösten, gab es bereits. Falls also die Twitter-Meldung der Journalisten kein übler Joke oder eine mit deutlicher Absicht verbreitete Lüge war, bleibt für mich die Frage unbeantwortet, welchen militärischen Sinn eine Invasion mit 23 Fahrzeugen für Rußland haben könnte, die durch ein Loch im Drahtzaun und bei Dunkelheit, aber mit deutlich erkennbaren russischen Kennzeichen erfolgt sein soll? Welchen politischen Zweck würde eine solche Aktion erfüllen? Wem würde sie nützen?

Die Meldung ergibt dann einen Sinn, wenn man sie mit der unmittelbar folgenden Forderung der ukrainischen Führung nach militärischer Unterstützung an das westliche Militärbündnis verbindet. Schon seit Wochen gibt es ein stetig wachsendes, politisches und mediales Bemühen, die Ukraine-Krise nicht nur immer weiter zu verschärfen, sondern sie als einen ukrainisch-russischen Konflikt darzustellen. Und seit langem agieren Akteure von jenseits des Atlantiks, um mit allen Mitteln die Ukraine aus ihren Bindungen zu Rußland zu lösen. Da verkündete beispielsweise der US-Botschafter Geoffrey Pyatt auf einer Veranstaltung im Oktober 2013 in Kiew, daß die Ukraine »keinen besseren Freund als die Vereinigten Staaten« hätte, und versprach den Ukrainern, an der Seite der Amerikaner eröffneten sich ihnen »Myriaden von Möglichkeiten«. Auch US-Senator John McCain verkündete im Dezember auf dem Maidan »Amerika ist mit euch!«

Nun ist nichts Verwerfliches daran, daß die USA der beste Freund der Ukraine sein möchten. Betrachtet man allerdings die Theorien des US-Geopolitikers Zbigniew Brzezinski, die er bereits 1997 in seinem Buch »The Grand Chessboard« als strategisches Programm für die US-Politik formuliert hat, bekommen diese netten Worte einen seltsamen Beigeschmack (Titel der von Angelika Beck übersetzten deutschen Ausgabe: »Die einzige Weltmacht«). Nach Brzezinskis Einschätzung gehört die Ukraine zu den fünf Ländern, die als geopolitisch bedeutsame Dreh- und Angelpunkte für die USA von außerordentlichem Interesse sind. Die Bedeutung leite sich nicht nur aus den umfangreichen Ressourcen ab, sondern auch von der Tatsache, daß die Ablösung der Ukraine von Rußland ein entscheidender Faktor wäre, um Rußland als Konkurrent auf der globalen Bühne ausschalten zu können. Dieses Ziel verfolgt die US-amerikanische Strategie seit Jahren, die Ukraine ist dabei nur Mittel zum Zweck.

Das Auftreten John McCains und vieler anderer US- und europäischer Politiker bis hin zum US-Außenminister auf dem Maidan verdeutlicht diese Strategie.

Mittlerweile wurde ein rußlandfreundlicher Oligarch und Präsident durch einen dem Westen verbundenen Oligarchen und Präsidenten ersetzt, ebenso die führenden Politiker. Die Lage ist zu einem Bürgerkrieg eskaliert, der im Osten des Landes tobt, dort, wo sich die großen Unternehmen der Ukraine befinden, Stahlwerke, Schiffs- und Turbinenbau, deren Markt bisher ausschließlich in Rußland lag. Seit Monaten werden uns immerzu Untaten und Grenzverletzungen vermeldet, deren Verursacher immer »die Russen« sind, allen voran Putin. Beweise müssen nicht erbracht werden, denn alle wissen es doch längst, daß dort »die Bösen« sitzen. Sanktionen werden verhängt und verschärft. Der Wirtschaftskrieg ist in vollem Gange.

Die Medien berichten nahezu einhellig in fast gleichem Wortlaut. Und nicht nur das. Manche, sogar die einst als seriös bezeichneten, machen jetzt richtig scharf und fordern mit Nachdruck eine harte Bestrafung des ausgemacht Schuldigen. Wer zweifelt, stellt sich selbst ins Abseits.

Hatten wir Ostdeutschen nicht vor genau 25 Jahren die Herrschaft einer Partei abgeschafft, die von sich behauptete, im Besitz der alleingültigen, historischen Wahrheit zu sein, und die Zweifel daran bereits als Feindschaft wertete? Wollten wir damals nicht endlich Medien haben, die uns tatsächlich wahrheitsgemäß über alles Wissenswerte auf der Welt berichten, ohne Lügen, ohne Schönfärberei und ohne Hetze? Und war es nicht auch unser Ziel, einem allmächtigen staatlichen Überwachungsapparat zu entkommen und nie mehr in eine solche angstmachende und das eigene Denken und Verhalten so negativ prägende Situation zu geraten?

nato_logo_nord_atlantische_terror_organisation_qpressHätte jetzt nicht endlich Frieden sein können, nachdem das »Reich des Bösen«, wie ein US-Präsident die Sowjetunion einmal bezeichnet hatte, nicht mehr existierte? Auch die unglaubliche, ressourcenverschlingende Hochrüstung wäre nicht mehr vonnöten, da der stets dafür angeführte Grund einer übermäßigen potentiellen Bedrohung durch das östliche Militärbündnis nicht mehr vorhanden ist.

Der alte Feind des Westens ist entschwunden. Aber fast umgehend hat sich die als Sieger gebärdende Supermacht wieder ein neues Feindbild geschaffen, eine neue »Achse des Bösen« konstruiert und damit neue Begründungen geliefert, die Rüstungsetats wieder anschwellen zu lassen. Wir alle haben erlebt, wie schnell es ging, daß lokale Konflikte durch hochgeputschte nationalistische und religiöse Differenzen sich zu Kriegen ausweiteten, auch mitten in Europa, wobei dann auch deutsche Soldaten erstmalig nach dem Zweiten Weltkrieg beteiligt waren. Deutschland sei erwachsen geworden, meinen führende deutsche Politiker, deshalb müsse nicht nur fremdes, sondern auch wieder deutsches Blut vergossen werden. Und das nicht nur in Jugoslawien, wo die von den USA geführte NATO ohne Mandat der UNO eingriff, sondern auch am Hindukusch. Dort verteidigen nun seit über zehn Jahren deutsche Soldaten unsere Freiheit.

Der offensichtlich auch durch Vetos der UNO nicht zu bremsende Griff der USA nach Ressourcen anderer Länder wie im Irak brachte dort nie die propagierte Freiheit und Demokratie, sondern Hundertausenden unschuldigen Zivilisten den Tod, schuf unvorstellbares menschliches Elend, zerstörte unwiederbringliche Zeugnisse menschlicher Kultur und ist verantwortlich für Destabilisierung und Chaos. Allerdings ist das die Voraussetzung dafür, dort Militärstützpunkte zu errichten und den großen, multinationalen Konzernen die Möglichkeit zu schaffen, auf die dortigen Ressourcen zugreifen zu können. Auch die deutsche Rüstungsindustrie ist mit im Boot und verdient prächtig daran, daß deutsche Waffen trotz aller Verbote über Umwege dennoch in die Krisenregionen gelangen.

Als die Sowjetunion als eine der ehemaligen Siegermächte des Zweiten Weltkrieges den von ihr besetzten Teil Deutschlands freigab und sich einverstanden erklärte, daß auch das geeinte Deutschland Mitglied der NATO sein könnte, war das eine Voraussetzung für die deutsche Einheit. Die westlichen Politiker sicherten Rußland zu, daß es keine weitere Ausweitung des NATO-Gebietes nach Osten geben würde. Doch mittlerweile hat sich dieses Militärbündnis bis an die Grenzen Rußlands ausgedehnt. Nach der Integration fast aller ehemaligen Staaten des Warschauer Paktes in die NATO erweckt nun der Griff nach der Ukraine den totgesagten Kalten Krieg wieder zu neuem Leben. Die Ausführung des langfristig angelegten Plans ist weit fortgeschritten. »Regime change«, die Strategie US-amerikanischer Politik, ist dort vollzogen und ein der USA-Politik freundlich gesonnenes Regime etabliert. Dafür wurden lange schon mehrere Milliarden Dollar investiert. Auch Armenien, Aserbaidschan und die Republik Moldau stehen ganz aktuell auf der Agenda der US-geführten NATO. Diese Länder sollen nun durch geeignete Maßnahmen ermutigt werden, die »Interoperabilität« ihrer Armeen mit denen der Allianz zu steigern. Dazu gehören gemeinsame Manöver, wie das in einem vertraulichen Dokument zu lesen ist, über das Spiegel online im April dieses Jahres berichtete. Das Signal, das die NATO hier aussendet, ist eindeutig. Es ist keines, das auf Frieden ausgerichtet ist, 100 Jahre nach Beginn des Ersten und 75 nach Beginn des Zweiten Weltkrieges.

Winfried Wolk


Buch: Vom Verhalten in GrenzgebietenAutor Winfried Wolk gehört zur ersten Schülergeneration der „Leipziger Schule”. Seine Lehrer waren die Professoren Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer und Werner Tübke, bei denen er freie Graphik und Malerei an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig studierte. Wolks künstlerisches Werk ist durch Ausstellungen im In- und Ausland bekannt und wurde mit einer Reihe von Preisen ausgezeichnet.

Technischen Experimenten zugetan, ist Wolk nicht nur ein brillanter Zeichner und Maler, er beherrscht meisterlich unterschiedliche grafische Techniken wie Radierung, Lithografie und Siebdruck. Er illustrierte und gestaltete Bücher, schuf darüber hinaus großformatige Farbglasgestaltungen und mehrere Keramikreliefs für öffentliche Räume. Seit 1992 beschäftigt sich Winfried Wolk kreativ mit den digitalen Medien. Mit den Display-Paintings gelang ihm die Verbindung des in der traditionellen Malerei üblichen flächigen Nebeneinander der Bildelemente mit der Möglichkeit eines zeitlichen Nacheinanders der heutigen Medienkunst.

Von Winfried Wolk erschien soeben im Kerber Verlag das Buch »Vom Verhalten in Grenzgebieten. Zwischen Erfolgen und Niederlagen«, 208 Seiten, 29,90 € – siehe auch auf unserer Webseite «Lesetipps»

Quelle:  Erschienen in Ossietzky, der Zweiwochenschrift für Politik / Kultur / Wirtschaft – Heft 18/2014 > zum Artikel

Ossietzky, Zweiwochenschrift für Politik, Kultur, Wirtschaft, wurde 1997 von Publizisten gegründet, die zumeist Autoren der 1993 eingestellten Weltbühne gewesen waren – inzwischen sind viele jüngere hinzugekommen. Sie ist nach Carl von Ossietzky, dem Friedensnobelpreisträger des Jahres 1936, benannt, der 1938 nach jahrelanger KZ-Haft an deren Folgen gestorben ist. In den letzten Jahren der Weimarer Republik hatte er die Weltbühne als konsequent antimilitaristisches und antifaschistisches Blatt herausgegeben; das für Demokratie und Menschenrechte kämpfte, als viele Institutionen und Repräsentanten der Republik längst vor dem Terror von rechts weich geworden waren. Dieser publizistischen Tradition sieht sich die Zweiwochenschrift Ossietzky verpflichtet – damit die Berliner Republik nicht den gleichen Weg geht wie die Weimarer.

Wenn tonangebende Politiker und Publizisten die weltweite Verantwortung Deutschlands als einen militärischen Auftrag definieren, den die Bundeswehr zu erfüllen habe, dann widerspricht Ossietzky. Wenn sie Flüchtlinge als Kriminelle darstellen, die abgeschoben werden müßten, und zwar schnell, dann widerspricht Ossietzky. Wenn sie Demokratie, Menschenrechte, soziale Sicherungen und Umweltschutz für Standortnachteile ausgeben, die beseitigt werden müßten, dann widerspricht Ossietzky. Wenn sie behaupten, Löhne müßten gesenkt, Arbeitszeiten verlängert werden, damit die Unternehmen viele neue Arbeitsplätze schaffen, dann widerspricht Ossietzky – aus Gründen der Humanität, der Vernunft und der geschichtlichen Erfahrung.

Ossietzky erscheint alle zwei Wochen im Haus der Demokratie und Menschenrechte, Berlin – jedes Heft voller Widerspruch gegen angstmachende und verdummende Propaganda, gegen Sprachregelungen, gegen das Plattmachen der öffentlichen Meinung durch die Medienkonzerne, gegen die Gewöhnung an den Krieg und an das vermeintliche Recht des Stärkeren.

http://www.ossietzky.net/

Bild- und Grafikquellen:

  1. «Fuer das Leben der Menschen und ihr Glueck zu sorgen» – Wilfried Kahrs  www.qpress.de
  2. «Sinn oder Unsinn» – www.pixabay.com
  3. «North Atlantic Terror Organ.» – Wilfried Kahrs  www.qpress.de
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Spurenleser Web 2.0: Kein guter Journalismus ohne Werbung und Tracking?

von Andreas Müller-Alwart

Die Verlage, Zeitungen und Zeitschriften werden nicht müde, in ihren Onlineauftritten vor den bösen großen „Datenfressern“ im Internet zu warnen, die jeden unserer Schritte aufsaugen, notieren und weitersagen, wo wir wann waren und was wir da gemacht haben. Woher wir kamen und wohin wir dann anschließend gingen. Dabei wird allen voran das Unternehmen Google verteufelt, das mit zahlreichen Tools und Algorithmen unglaublich viel über seine Nutzer weiß. Doch sind die Verlage die heiligen Kühe des Internet? Und ist Qualitätsjournalismus ohne diese modernen Trackingmethoden nicht mehr realisierbar?

Nicht nur die Suchmaschine Google, sondern zahlreiche mit Google verbundene oder in Google eingebundene Unternehmen wie z. B. YouTube oder Googlemail, liefern dem Unternehmen eine faszinierende Möglichkeit, aus dem Datentopf, dem sogenannten Big Data, zu schöpfen.


Abschließende Cookie-Richtlinie lässt auf sich warten

Während der Gesetzgeber immer noch an der Optimierung einer Cookie-Richtlinie herumschraubt, überholen ihn links und rechts neue Techniken, mit denen das Surfverhalten der User mitgeschrieben – neudeutsch: getrackt – und als Big Data gespeichert wird. Dabei haben viele Internetuser inzwischen gelernt, das Cookies kleine Codezeilen sind, die sie im Browser löschen können. Viele User wissen auch, dass sie in den Browsereinstellungen Cookies ablehnen können. Manche Websites funktionieren ohne Cookies jedoch dann nicht mehr reibungslos. Die Betreiber der Websites wurden jetzt dazu verpflichtet, anzuzeigen, wenn sie Cookies auf der Website nutzen. Bei YouTube erscheint dann eine Informationszeile, die darauf hinweist, man verwendet Cookies zur Optimierung. Diese Infozeile kann der User wegklicken. Will er Cookies ausschalten, ist er auch weiterhin darauf angewiesen, in die Browsereinstellungen einzugreifen.

Fingerabdruck des Rechners als User-Identifizierung

Fingerabdruck - Download WebWie erwähnt: Während immer mehr User sich anschicken, diese Zusammenhänge zu begreifen und routiniert den Zwischenspeicher ihres Browsers samt Cookies löschen, sind die Pioniere des Trackings längst mit einer neuen, viel filigraneren Methode des Trackings unterwegs. Sinnigerweise nennt sich die Methode Fingerprinting (Canvas Fingerprinting), also Fingerabdruck. Nicht erschrecken: Es ist nicht so, dass dabei Ihre Fingerabdrücke auf der Tastatur erkannt werden, sondern Canvas Fingerprinting ist eigentlich „ein Sammelbegriff für mehrere User-Tracking-Methoden, um Online-Benutzer ohne Verwendung von Cookies eindeutig identifizieren zu können. Sobald die Identifizierung möglich ist, kann beispielsweise das Internetnutzungsverhalten beobachtet und analysiert werden. Canvas Fingerprinting kann mit Standardeinstellungen des Browsers nur schwer verhindert werden (Stand: Juli 2014) und wird als nichtlöschbarer Cookie-Nachfolger betrachtet.“ (Wikipedia, 18.09.2014).

Funktionsweise Canvas Fingerprinting (lt. Wikipedia) 
Beim Canvas Fingerprinting wird der Effekt ausgenutzt, dass bei Canvas-Elementen die Darstellung von Text je nach Betriebssystem, Browser, Grafikkarte, Grafiktreiber und installierten Fonts variiert. Um beim Seitenbesucher einen spezifischen Fingerabdruck zum Zeitpunkt des Seitenaufrufs zu erstellen, wird dem Browser ein versteckter Text zur Anzeige übergeben. Durch die einzigartige Darstellung kann ab diesem Zeitpunkt der Benutzer mit hoher Wahrscheinlichkeit wiedererkannt und damit auch sein Surfverhalten beobachtet werden. In einer Studie der Electronic Frontier Foundation konnte nachgewiesen werden, dass im Rahmen der Studie eine Eindeutigkeit von 83,6 % gegeben ist. Problematisch ist aber die Veränderung des Fingerabdruckes über einen Zeitraum hinweg, da der Fingerabdruck des Browsers sich verändert wenn beispielsweise eine neue Schrift im Browser aktiviert wird.

Wenn die Verlage gegen Google & Co wettern und sie für ihre Algorithmen und Datensammelwut kritisieren, so ist dies Heuchelei: Die Verlage und Werbeindustrie bekommen alles mit: Wer, wann wo surft, wie lange die Leser bleiben und worauf sie klicken.

Verlage integrieren Tools ohne vollständige Kenntnis ihrer Funktionsweise

Bis zu 40 Trackingtools haben sie als Programmschnipsel auf ihren Webseiten integriert wie Experten wie Stefan Wehrmeyer von der Open Knowledge Foundation herausgefunden haben. Das Laden dieser Programmteile erfolgt im Hintergrund und bleibt dem gewöhnlichen Internetuser verborgen, so wie einst auch die Cookies ohne besondere Meldung im Hintergrund geladen wurden. Und wozu verwenden die Verlage diese Tools? Letztlich um herauszufinden, was ihre Leser interessiert, auf welche Seiten sie klicken, wie lange sie dort verweilen und wohin sie anschließend abwandern. Es klingt sehr kundenfreundlich, wenn man den Lesern ein zielgerichtetes Angebot anbieten möchte. Die Verlage ersparen sich auf diese Weise die Umfragen, die früher zeitweise von der Chefredaktion an die Leser versandt wurden: Was lesen Sie? Was mögen Sie besonders? Was mögen Sie nicht so sehr? Diese und viele andere Fragen müssen jetzt gar nicht mehr explizit gestellt werden, weil der User die Antworten durch sein Leseverhalten auf diesen Websites praktisch im Vorübergehen übermittelt.

Blendwerk „Zielgerichtete Content-Anzeige“

Sklaven des InternetsDen Verlagen geht es aber nicht nur um die Verbesserung der Nachrichtenangebote, sondern natürlich auch um die zielgerichtete und zielgruppenoptimierte Positionierung von Werbeanzeigen. Die integrierten Tools beantworten nicht nur die Frage, ob ein bestimmtes Thema eher morgens oder abends, ob es eher als Bildreportage oder Glosse Beachtung findet, sondern eben auch, ob die Leser eines bestimmten Beitrages für dieses oder jenes Werbeangebot besonders aufgeschlossen sind. Die Benutzer der Google-Dienste als „Sklaven des Internets“ darzustellen und gleichsam selbst das Einsammeln der Daten zu betreiben, ist pure Augenwischerei. Und dabei gibt es noch einen gravierenden Unterschied zu Google. Google weiß selbst immerhin, welche Daten zu welchem Zweck analysiert werden. Die Verlage selbst haben oft Tools integriert, die ihnen bestimmte Daten liefern, gleichzeitig aber eine Vielzahl weiterer Daten an Google – suprise! surprise! – und die Anbieter der Trackingsoftware liefern. Dabei haben die Verlage oftmals weder die Kenntnis und schon gar nicht die Kontrolle darüber, was mit diesen eingesammelten Daten in der Folge noch passiert. Welche Firmen im Detail hinter den integrierten Tools stecken und was diese genau tun, ist oft hausintern gar nicht bekannt. Das führt zu diesem Paradoxon: „Die Werbetracker können herausfinden, wo der Leser war, selbst wenn die Verlage dies nicht wissen“, erklärt Stefan Wehrmeyer von der Open Knowledge Foundation.

Datenschutzerklärung als Schutzbehauptung

Dabei bewegen sich all diejenigen, die dieses Fingerprinting einsetzen, in einer Grauzone: Das Einsammeln von Daten ohne konkrete Angaben über die Verwendung und die Art der Speicherung verstößt gegen das Datenschutzgesetz. Gegenargument der Verlage: Es gäbe ja eine Datenschutzerklärung auf den Websites und die User würden diese mit der Nutzung der Website ja anerkennen. Auch die Trackingfirmen, mit denen auf der Website zusammengearbeitet wird, würden in der Erklärung aufgelistet. Natürlich stellt sich die Frage: Wer findet diese Erklärung? Wer liest sie durch? Wer versteht diese Erklärung? Und – last but not least – erwarten die Verlage nicht ein wenig viel von ihren Lesern, wenn sie selbst nicht genau sagen können, was mit den einzelnen von diesen integrierten Tools getrackten Daten alles passiert?

Alternative Seiten für die werbe-/trackingfreie Lektüre

Leser, die das alles nicht zufriedenstellt, können ausweichen auf Websites, bei denen sie sich von der Werbung und vor allem vom Tracking freikaufen können. Bei golem.de beispielsweise kann man sich ab 2,50 Euro/Monat von Werbung freikaufen – die komplette Werbefreiheit ist allerdings teurer. Und ob dies das richtige Prinzip ist, darf man hinterfragen. Es wäre etwa so, als würde man an die Deutsche Post jeden Monat 2,50 Euro überweisen, um dafür dann keine Postwurfsendungen mehr zu bekommen. Stefan Plöchinger, Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, zeigt sich in einem Interview mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen jüngst ganz gelassen: Anzeigen seien immer ein geeignetes Mittel für die Finanzierung von Journalismus. Er sehe deswegen keinen Sinn darin, wenn durch Gegenmaßnahmen das Anzeigengeschäft beschädigt werde. Dies mag für Printanzeigen gelten, gilt aber sicherlich nicht für Tracking. Wer in einer Tageszeitung eine Anzeige liest, der hinterlässt keine Spur darüber, ob er sie komplett gelesen hat, woher er kam, wie lange er sie las und wohin er anschließend mit dem Auge weitergewandert ist. Im Übrigen ist noch lange nicht das letzte Wort darüber gesprochen, ob qualitativ hochwertiger Journalismus sich nur durch Anzeigengeschäft aufrechterhalten lässt. Die „Finanztest“ – das Anlageschutzmagazin der Stiftung Warentest – betont immer wieder, dass sich das Magazin aus den Abonnementgebühren allein trage. Weder müsse die Stiftung Geld hinzuschießen, noch sei die redaktionelle Tätigkeit durch staatliche Subventionierung eingefärbt.

„Vermutlich überlebenswichtig“

Die Chefredaktion der „Süddeutsche Zeitung“ hält es auch für geradezu essenziell („vermutlich überlebenswichtig“ Plöchinger) Nutzercluster erstellen zu können, wobei sie dies vor allem mit dem Nachrichtenangebot begründet. Die zugrunde liegende Methode ist in keiner Weise neu: Auch Rundfunkanstalten haben analysiert und wissen ganz genau, was die „Hausfrau“ morgen hören und erfahren möchte, welche Werbung am besten geschaltet werden muss und ab welcher Uhrzeit die Werbung für das Feierabendbier sinnvoll ist. Natürlich dann, wenn der Ehemann nach Feierabend auf dem Weg zum Supermarkt ist, um eigentlich nur noch eine Tüte Milch und eine Packung Windeln zu besorgen. Dennoch: Der Unterschied ist gravierend. Im einen Fall haben wir es mit Erfahrungswerten von Zielgruppen zu tun, im anderen Fall werden die Spuren jedes einzelnen Nutzers mitverfolgt und dann in Cluster integriert – in Echtzeit und jederzeit ist eine neue Clusterbildung zu einem anderen Zweck denkbar.

Qualitätsjournalismus braucht Nutzercluster und Tracking?

Es mag sein, dass Onlinejournalismus (derzeit) nur funktioniert, wenn die Verlage die richtige Mischung aus Werbung und Bezahlschranke herstellen. Es kann aber gut sein, dass sich solche Projekte wie Krautreporter etablieren oder das Bezahlsystem laterpay. Bei Krautreporter bietet ein Pool professionell arbeitender Qualitätsjournalisten in einem transparenten Prozess verschiedene journalistische Genres zu einem Monatsabonnementpreis an – gewissermaßen nach dem Motto: All you can read. Bei laterpay ist das Konzept noch nutzerfreundlicher. Der Leser bezahlt erst nach dem Lesen und die Bezahlung ist somit auch ein Zeugnis dafür, ob ihm der Beitrag gefallen hat. Wer allerdings bei laterpay nur liest und nie bezahlt, wird nach einer Toleranzzeit als Schmarotzer identifiziert und gesperrt. Welche Tools Krautreporter oder laterpay einsetzen, um die Usergewohnheiten zu erkennen und ihre Inhalte zu optimieren, wäre zu prüfen. Denn laterpay und Krautreporter sind vor allem eines: Werbefrei – was nicht gleichbedeutend mit trackingfrei sein muss.

Was also kann der gewöhnliche User tun, um sich gegen Canvas Fingerprinting zu wehren?

Zum einen gibt es eine Übersichtsseite (siehe Linksammlung), auf der alle Websites gelistet sind, von denen bekannt ist, dass sie das neue Verfahren einsetzen. Im Mai 2014 waren dies bereits über 5.600 Websites. Per Suchfunktion können bevorzugte Onlineseiten geprüft werden.

Dann gibt es die Möglichkeit JavaScript auszuschalten, da die Programmschnipsel ohne JavaScript kein Tracking vornehmen können. In der Praxis funktioniert dies oft nicht, da praktisch alle gängigen Websites JavaScript für die korrekte Darstellung benötigen – das gilt insbesondere für Shopping-Websites.

Schutzprogramm erst in Beta-Version erhältlich

Canvas FingerprintingBei der Electronic Frontier Foundation (EFF) ist ein Canvas-Fingerprinting-Schutzprogramm in der Entwicklung. Es trägt den Namen Privacy Badger. Derzeit gibt es eine Version im Beta-Stadium. Bekannte Programme wie z. B. Adblock Plus versuchen die Übermittlung der gesammelten Canvas-Grafiken zu verhindern, was de facto auch zu einem Abschalten des User-Trackings führen kann. Während Adblock Plus und vergleichbare Schutzprogramme wie Disconnect und Ghostery eher die Übermittlung der Daten zu verhindern versuchen, versucht der Privacy Badger von EFF eher die Algorithmen und Logik der Trackingtools zu verwirren und damit die eingesammelten Daten wertlos werden zu lassen. Zwischen neuen Trackingmethoden und den dagegen eingeleiteten Schutzmaßnahmen findet ein Wettlauf statt. Die Verlage machen hier mit und brauchen nicht mit dem Finger auf Google & Co. zu zeigen. Drei Finger dieser Hand, die auf andere Schuldige zeigt, zeigen in diesem Fall auch zurück.

Von der Anbieter- zur Nachfrager-Gesellschaft

Die fast bedingungslos anmutende Anbiederung von Journalismus und gelenkten Inhalten mit Werbetools sowie die erneut damit einhergehende Ökonomisierung sollte nochmals ganz gründlich überdacht werden. Der größte Denkfehler, der nämlich diesen Überlegungen zu Grunde liegt – und das hat jüngst Jeremy Rifkin in seinem wunderbaren Buch zur „Null-Grenzkosten-Gesellschaft“ aufgezeigt – ist der, dass die Verlage meinen, auch zukünftig die Hoheit über den anzuliefernden Content inne zu haben. Dafür spricht allerdings nichts. Die Leser sind zunehmend enttäuscht über zahlreiche entlarvte Webfehler im bisherigen investigativen Journalismus eines „Spiegel“. Sie sind enttäuscht über die propagandistische Einheitsjournalismus-Soße, die z. B. im Fall der Ukraine über die Leser ausgekippt wird. Sie sind enttäuscht über die Verbindungen führender Journalisten mit mehr oder weniger geheim agierenden Elitegruppen. Und sie entdecken gerade auf den vielen kostenlosen Blogs im Internet einen besseren, einen plausibleren Journalismus, als in den Mainstream-Medien.

Wie die wahre Entwicklung aussieht

Die Leser werden dorthin abwandern, wo ihnen die Meinungsvielfalt, die dargebotene Wahrheit und der Schreibstil am besten gefallen. Es mögen sie Trackingtools nicht daran hindern, auf den konventionellen Medienseiten zu lesen, aber was nützt das den Verlagen, wenn ein Gros der Leser zu den Blogs abwandert. Es können nur User getrackt werden, die auf der eigenen Website vorbeischauen. In erster Linie muss also der Qualitätsjournalismus wieder stimmig gemacht werden. Der Nutzer findet diesen dann schon, auch wenn der für ihn bestimmte Beitrag vielleicht außerhalb seines getrackten Nutzerclusters angeboten wird. Die Verlage wollen uns hier online eine Welt verkaufen, in der sie scheinbar altruistisch ständig die Inhalte nach unserem Gusto besser anpassen und besser positionieren. Diesen Unfug glauben ihnen nicht einmal die Leser im Kindergarten. Jeder interessierte, gebildete Fernsehzuschauer hat einen Festplattenrekorder oder nutzt die Mediatheken der Sender, weil die intellektuell anspruchsvollen Inhalte immer erst ab 22.45 Uhr gesendet werden – völlig vorbei am Nutzercluster. Die Massenthemen werden nach vorne zur Primetime platziert, um dort die höchsten Werbeeinnahmen zu erzielen. Ebenso werden die Verlage das Tracking dazu benutzen, um Inhalte mit höheren Werbeeinnahmen entsprechend des Nutzerclusters zu platzieren. Wer uns etwas anderes erzählt, der will uns schlicht und einfach verschaukeln.

Rechtliche Situation beim Canvas Fingerprinting:
 Rechtlich ist die Lage übrigens eindeutig, wie der Anwalt Marcus Beckmann weiter ausführt: „Wer auf seiner Website illegale Tracking-Methoden einsetzt, dem droht Ungemach von zwei Seiten: Zunächst kann die zuständige Datenschutzbehörde ein Ordnungsgeld verhängen. Außerdem werden Datenschutzverstöße allgemein von der Rechtsprechung als Wettbewerbsverstoß eingestuft. Damit besteht die Gefahr einer Abmahnung durch einen Wettbewerber oder eine Verbraucherschutzorganisation.“ (Internet World Business, Ausgabe Nr. 16/2014).

Ist Qualitätsjournalismus wirklich abhängig von Werbung?

Der PressespiegelEs ist nicht so wie Herr Plöchinger das vorgibt: Qualitätsjournalismus ist nicht abhängig von Werbung, sondern von der Qualität. Werbung wiederum ist abhängig von einer hohen Anzahl von Lesern. Die Kernfrage ist also: Hat Qualitätsjournalismus noch ausreichend Leser? Falls ja – so wird dort auch die Werbung platziert werden. Falls nein – wird es mal Zeit, sich Gedanken um die Qualität zu machen. Selbst wenn sich alle bekannten Verlage einig wären und ihren Journalismus nur noch hinter einer Bezahlschranke offerieren würden, so wäre dies kein Grund für den Leser, diese Schranke öffnen zu müssen. Videos, Vorträge, Schulungen, Blogs usw. usf. gibt es zuhauf kostenfrei im Internet und ein Leser informiert den anderen. Denn auch für die Leser gilt doch längst: Sie sind keine Buchstabenkonsumenten mehr, sondern sie sind interaktiv unterwegs. Sie liefern Feedback, schreiben eigene Berichte und sie tun dies gratis, weil die Themen sie bewegen, weil sie die Erkenntnisse weiterreichen möchten und weil sie wiederum direkt Feedback und Erkenntnisse zurückerhalten. Wer diese Dynamik nicht begreift und meint, er könne mit Nutzerclustern und anderem technischen Schnickschnack mittelfristig die grundlegenden Änderungen im Journalismus Marke Web 2.0 unterdrücken, der hat das komplette Web 2.0 nicht verstanden. „Das Zeitalter der Anbieter ist vorbei. Es kommt das Zeitalter der Nachfrager“, erklärt Professor Peter Kruse. Warum auch sollte das, was für den Handel propagiert wird, dass nämlich Konsumenten gleichzeitig zu Produzenten (Prosumenten) werden, nicht auch für den Bereich von Dienstleistungen und das Verlagswesen gelten? Marcus Beckmann (Anwalt für Wettbewerbs- und IT-Recht) fordert im Branchenmagazin „Internet World Business“: Der Nutzer muss die Möglichkeit haben, dem Tracking zu widersprechen.“ Diese Forderung ist sicherlich berechtigt. Doch die Grauzone, in der sich die Verlage bewegen, die diese Technik einsetzen, ist wie eben dargelegt viel größer.

Andreas Müller-Alwart


Autor Andreas Müller-Alwart ist selbständiger Journalist, Coach sowie Requirement Engineering Manager und Mitglied des Reflektion-Teams.

Quellen/Weiterführende Links:

Suchmaschine für Websites, die Canvas Fingerprinting benutzen (Mai 2014= aktuellster Stand)

https://securehomes.esat.kuleuven.be/~gacar/sticky/index.html

Gegenprogramm „Privacy Badger“ zu Trackingtools (! Betaversion !)

https://www.eff.org/privacybadger

Website des Bezahlsystems laterpay (Erst Lesen, dann bezahlen)

https://laterpay.net/

Reporterpool, der Reportagen zum Abonnementpreis anbietet


https://krautreporter.de/das-magazin

Informationen von Prof. Peter Kruse (Zahlreiche Videobeiträge von ihm finden sich bei youtube.de)

http://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Kruse

Link zur Anwaltskanzlei von Marcus Beckmann


http://www.beckmannundnorda.de

Open Knowledge Foundation


http://okfn.de/


Bild- und Grafikquellen:

  1. Beitragsbild: «Online Time Tracking» – http://www.epaysystems.com/online-time-tracking/
  2. «Fingerabdruck – Download Web» – Juergen Jotzo  / pixelio.de
  3. «Sklaven des Internets» – http://pixabay.com
  4. «Canvas Fingerprinting» – http://www.digitalstrategyconsulting.com/intelligence/2014/07/new_web_tracking_tool_thats_nearly_impossible_to_block.php
  5. «Der Pressespiegel» – Rainer Sturm  / pixelio.de
Ukraine

Die Ukraine, korrupter Journalismus und der Glaube der Atlantiker

von Karel van Wolferen

(Der nachfolgende Beitrag von Karel van Wolferen erschien bereits am 14.08.2014. Der Artikel ist immer noch aktuell und ein passender Beitrag zum Antikriegstag. Lesenswert.)

Europa im FadenkreuzDie europäische Union wird nicht (mehr) von Politikern geführt, die ein Verständnis von Geschichte haben, eine nüchterne Einschätzung der globalen Wirklichkeit oder auch nur gesunden Menschenverstand in Verbindung mit den langfristigen Zielen dessen, was sie führen. Falls es noch eines Beweises bedurft hätte, ist der spätestens mit den Sanktionen erbracht, die sie vorige Woche beschlossen haben und die Russland bestrafen sollen.

Ein Weg, ihre Dummheit zu ergründen, wäre, bei den Medien anzufangen, denn welche Ansicht oder welche Besorgnis die Politiker auch immer persönlich haben mögen, sie müssen wahrgenommen werden als diejenigen, die das richtige tun, und darum kümmern sich Fernsehen und Zeitungen.

In weiten Teilen der europäischen Union leitet sich das allgemeine Verständnis der globalen Wirklichkeit seit dem schrecklichen Schicksal der Menschen an Bord des malaysischen Flugzeugs aus den Mainstream Zeitungen und Fernsehsendern ab, die die Herangehensweise der angloamerikanischen Mainstream-Medien kopiert und ‚Nachrichten‘ präsentiert haben, in denen Andeutungen und Verunglimpfungen die saubere Berichterstattung ersetzen. Renommierte Publikationen wie die Financial Times oder das früher sehr angesehene niederländische NRC Handelsblad, für das ich sechzehn Jahre als Ostasien-Korrespondent gearbeitet habe, haben in diesen korrupten Journalismus nicht nur eingestimmt, sondern selbst dazu beigetragen, irrwitzige Feststellungen zu verbreiten. Die Expertisen und Leitartikel die dabei herausgekommen sind, sind weiter gegangen als alle vorherigen Beispiele fortgesetzter Medienhysterie, an die ich mich erinnern kann, die für politische Zwecke angeheizt wurden. Das abscheulichste Beispiel, das mir über den Weg gelaufen ist, ein Anti-Putin-Aufmacher im Economist Magazine (vom 26. Juli), war vom Tonfall wie Shakespeares Heinrich der Fünfte, der seine Truppen vor der Schlacht von Agincourt einschwört, als er in Frankreich einmarschiert.

Man sollte immer daran denken, dass es keine europaweite Zeitung oder Publikation gibt, die eine europäische Öffentlichkeit bietet im Sinne einer Plattform für politisch interessierte Europäer, um über große internationale Entwicklungen zu sinnieren oder zu debattieren. Weil diejenigen, die sich für Weltpolitik interessieren, normalerweise die internationalen Ausgaben der New York Times oder der Financial Times lesen, sind Fragen und Antworten zu geopolitischen Fragestellungen in aller Regel dadurch geprägt oder zumindest stark beeinflusst, was die Redakteure in New York und London für wichtig erachten. Gedanken, die davon signifikant abweichen, wie man sie jetzt in Der Spiegel, der Frankfurter Allgemeine Zeitung, Die Zeit und dem Handelsblatt finden kann, überschreiten die deutschen Grenzen nicht. Dementsprechend können wir keine Entwicklung erkennen von so etwas wie einer europäischen Meinung zu globalen Fragen, selbst wenn diese direkten Einfluss auf die Interessen der Europäischen Union haben.

Die niederländische Bevölkerung wurde durch den Tod von 193 Landsleuten (zusammen mit 105 Menschen anderer Nationalitäten) in dem abgeschossenen Flugzeug rüde wachgerüttelt aus seiner allgemeinen Gleichgültigkeit hinsichtlich globaler Geschehnisse, und die nationalen Medien waren schnell dabei, in die von Amerika initiierten Schuldzuweisungen Richtung Moskau einzustimmen. Erklärungen, die nicht wenigstens irgendwie die Schuld des russischen Präsidenten beinhalteten, schienen völlig tabu zu sein. Das stand im genauen Gegensatz zu den Statements eines nüchternen niederländischen Premierministers, der unter beachtlichem Druck stand, auch in die Schuldzuweisungen einzustimmen, aber darauf beharrte, die gründliche Untersuchung der genauen Abfolge der Geschehnisse abzuwarten.

NeuigkeitenDie TV-Nachrichtensendungen, die ich in jenen Tagen direkt danach gesehen habe, hatten, neben anderen anti-russischen Kommentatoren, amerikanische, mit den Neokonservativen verbandelte Fachleute eingeladen, um einer verwirrten und aufgewühlten Zuschauerschaft die Situation zu erschließen. Ein niederländischer Außenpolitik-Experte erklärte, dass weder der Außenminister noch sein Stellvertreter die Absturzstelle aufsuchen könnten (wie es malaysische Beamte taten), um die sterblichen Überreste der niederländischen Staatsbürger zu bergen, weil das einer impliziten Anerkennung eines diplomatischen Status für die ‚Separatisten‘ gleichkäme. Wenn aber die Europäische Union en bloc ein Regime anerkennt, das durch einen von Amerika initiierten Staatsstreich an die Macht gekommen ist, dann muss man sich diplomatisch daran halten.

Die Einheimischen und Anti-Kiew-Kämpfer an der Absturzstelle wurden mit Bildern aus Youtube als unkooperative Kriminelle porträtiert, was für viele Zuschauer einer Bestätigung von deren Schuld gleichkam. Dies änderte sich, als später Berichte von Journalisten vor Ort schockierte und zutiefst besorgte Dorfbewohner zeigten, aber die Diskrepanz wurde nicht erläutert, und frühere Unterstellungen von Schurkereien wurden nicht abgelöst durch eine objektive Analyse, wofür diese Leute vielleicht überhaupt kämpfen. Tendenziöse Twitter- und Youtube-‚Nachrichten‘ waren zur Grundlage der offiziellen niederländischen Empörung über die Ostukrainer geworden, und eine allgemeine Stimmung machte sich breit, dass da etwas wieder geradegerückt werden müsse, was, so ebenfalls allgemein verbreitete Ansicht, durch eine große, landesweit im TV übertragene Inempfangnahme der menschlichen Überreste (die durch malaysische Vermittlung herausgegeben worden waren) in einer würdevollen, nüchternen und martialischen Zeremonie bewerkstelligt wurde.

Nichts, das ich gesehen oder gelesen habe, hat auch nur angedeutet, das die Ukraine-Krise – die zum Staatsstreich und Bürgerkrieg geführt hat – von Neokonservativen und ein paar R2P-Fanatikern („Responsibility to Protect“ – „Verantwortung zu schützen“) im Außenministerium und im Weißen Haus angefacht wurde, denen Präsident Obama offenbar freie Hand gelassen hatte. Die niederländischen Medien schienen sich auch nicht bewusst zu werden, dass die Katastrophe sofort zu einem politischen Spielball für die Zwecke des Weißen Hauses und des Außenministeriums umgedeutet wurde. Dass Putin wahrscheinlich Recht gehabt hat, als er sagte, dass die Katastrophe nicht passiert wäre, wenn man auf seinen Vorschlag eines Waffenstillstands eingegangen wäre, wurde nicht in Erwägung gezogen.

Es war nämlich so, dass Kiew die Waffenstillstandsvereinbarung – am 10. Juni – gebrochen hat in seinem Bürgerkrieg gegen russisch-sprechende Ostukrainer, die nicht regiert werden möchten von einer Sammlung von Verbrechern, Abkömmlingen ukrainischer Nazis und in den IWF und die EU verliebten Oligarchen. Die vermeintlichen ‚Rebellen‘ haben geantwortet auf beginnende ethnische Säuberungen (systematische Terror-Bombardierung und Gräueltaten – 30 oder mehr Ukrainer sind bei lebendigem Leib verbrannt), die Kiewer Truppen begangen haben, wovon wenig bis gar nichts in die europäischen Nachrichtensendungen durchdrang.

Es ist unwahrscheinlich, dass die amerikanischen NGOs plötzlich aus der Ukraine verschwunden sind, die öffentlich zugegebene fünf Milliarden Dollar für politische Destabilisierungsmaßnahmen im Vorfeld des Februar-Putsches in Kiew ausgegeben haben, oder dass amerikanische Militärberater oder Spezialeinsatzkräfte unbeteiligt dabeigesessen haben, als Kiews Militär und Milizen ihre Bürgerkriegs-Strategie aufgemalt haben; die neuen Verbrecher hängen als Regime schließlich am finanziellen Tropf von Washington, der Europäischen Union und des IWF. Wir wissen, dass Washington das fortlaufende Töten im Bürgerkrieg, das es ausgelöst hat, weiter befeuert.

Krieg der USAAber Washington hat konstant die besseren Karten gehabt in einem Propagandakrieg gegen einen – ganz im Gegensatz zu dem, was uns die Mainstream-Medien glauben machen wollen – im Grunde unwilligen Gegner. Wellen der Propaganda kommen aus Washington, die das Bild eines Putin stützen sollen, der, angetrieben und unterstützt von einem durch den Verlust des sowjetischen Imperiums erhöhten Nationalismus, versucht, die russische Föderation bis an die Grenzen jenes erloschenen Imperiums auszudehnen. Die abenteuerlicheren Expertisen, mit neokonservativem Fieber infiziert, lassen Russland als Bedrohung erscheinen, der den Westen umschließen will. So wird Europäern Glauben gemacht, Putin lehne Diplomatie ab, obwohl er fortdauernd darauf gedrängt hat. So hat die vorherrschende Propaganda den Effekt gehabt, dass nicht Washingtons, sondern Putins Aktionen als gefährlich und extrem angesehen werden. Jeder, der eine Story hat, die Putin oder Russland in schlechtes Licht rückt, muss sich jetzt bewegen; niederländische Redakteure scheinen im Moment unersättlich.

Zweifellos gibt es die Moskauer Propaganda, auf die häufig hingewiesen wird. Aber es gibt Wege für seriöse Journalisten, konkurrierende Propaganda abzuwägen und wahrzunehmen, wieviel Wahrhaftigkeit oder Lüge und Schwachsinn sie jeweils enthalten. In meinem Sichtbereich hat das lediglich in Deutschland ein wenig stattgefunden. Im übrigen müssen wir uns die politische Realität zusammenstückeln, indem wir uns auf die jetzt mehr denn je unverzichtbaren amerikanischen Webseiten verlassen, die Whistleblowern und investigativem Journalismus alter Prägung eine Plattform bieten, welche speziell seit dem Beginn des ‚war on terrorism‘ und der Invasion des Irak eine beständige Form des Samizdat-Publizierens bilden.

In den Niederlanden wird fast alles, was vom Außenministerium kommt für bare Münze genommen. Die amerikanische Geschichte wirklich atemberaubender Lügen seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion: über Panama, Afghanistan, Irak, Syrien, Venezuela, Libyen und Nordkorea; ihre Statistik gestürzter Regierungen; ihre geheimen und unter falscher Flagge geführten Operationen; und ihre verstohlenen Besetzungen des Planeten mit einigen tausend Militärbasen, wird praktisch nicht mit in die Betrachtung einbezogen. Die Beinahe-Hysterie während der Woche nach dem Flugzeugabschuss hat verhindert, dass Leute mit Wissen über einschlägige Geschichte ihren Mund aufmachten. Arbeitsplatzsicherheit ist in der heutigen Welt des Journalismus ziemlich wackelig, und gegen den Strom zu schwimmen käme fast einem Paktieren mit dem Teufel gleich, weil es die journalistische ‚Glaubwürdigkeit‘ beschädigen würde.

Was einer älteren Generation seriöser Journalisten als fragwürdig an der Glaubwürdigkeit der Mainstream-Medien erscheint, ist die redaktionelle Interesselosigkeit für potentielle Anhaltspunkte, die die offizielle Linie unterminieren oder zerstören könnten; eine Linie, die bereits die populäre Kultur durchdrungen hat, wie man an Ex-und-Hopp-Bemerkungen zur Ausschmückung von Buch- und Filmbesprechungen und vielem mehr erkennen kann. In den Niederlanden ist die offizielle Linie schon in Stein gemeißelt, wie zu erwarten ist, wenn sie zehntausende Male wiederholt wird. Man kann sie natürlich nicht einfach vom Tisch fegen, aber sie basiert nicht auf der Spur eines Beweises.

Die Anwesenheit zweier ukrainischer Kampfflugzeuge in der Nähe der malaysischen Maschine auf dem russischen Radar wäre ein möglicher Hinweis, den ich interessant fände, wenn ich entweder als Journalist oder als Mitglied des offiziell von den Niederlanden geführten Untersuchungsteams zu tun hätte. Dieser schien bekräftigt zu werden von einem BBC-Bericht mit Augenzeugenberichten von Dorfbewohnern vom Boden aus, die ein anderes Flugzeug, einen Kampfflieger, kurz vor dem Zeitpunkt des Absturzes deutlich nahe bei dem Passagierflugzeug gesehen haben, und die Explosionen am Himmel gehört haben. Dieser Bericht hat zuletzt Aufmerksamkeit auf sich gezogen, weil er aus dem BBC-Archiv entfernt wurde. Ich würde gerne mit Michael Bociurkiw sprechen, einen der ersten Inspektoren der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), der die Absturzstelle erreichte und mehr als eine Woche mit der Untersuchungen des Wracks beschäftigt war und CBC World News zwei oder drei „richtiggehend durchsiebte“ Teile des Flugzeugrumpfs beschrieben hat. „Es sieht fast aus wie eine Maschinengewehr-Salve; sehr, sehr starker Maschinengewehr-Beschuss, der diese eindeutigen Spuren hinterlassen hat, die wir sonst nirgendwo gesehen haben.“

Ich würde sicher auch mal einen Blick werfen wollen auf die angeblich konfiszierten Radar- und Funkverkehrs-Aufzeichnungen des Kiewer Flugsicherungs-Towers, um zu verstehen, warum der malaysische Pilot vom Kurs abdrehte und rapide sank kurz bevor das Flugzeug abstürzte, und herausfinden, ob ausländische Flugsicherungs-Mitarbeiter in Kiew wirklich direkt nach dem Absturz nach Hause geschickt wurden. Wie die ‚Veteran Intelligence Professionals for Sanity‘ würde ich sicherlich die amerikanischen Behörden mit Zugang zu Satellitenbildern dazu drängen, die Beweise zu zeigen, die sie zu haben behaupten für die BUK Flugabwehr-Einheiten in ‚Rebellenhand‘ und für russische Verstrickung, und ich würde sie fragen, warum sie das bisher nicht getan haben. Bisher verhält sich Washington wie ein Autofahrer, der sich weigert, einen Alkoholtest zu machen. Nachdem Geheimdienstmitarbeiter einigen amerikanischen Zeitungen gegenüber ausgedrückt haben, dass sie nicht ganz so sicher sind über die amerikanischen Gewissheiten, die der Welt vom Außenminister mitgeteilt wurden, wäre meine Neugier unerbittlich.

Um die europäische Medienloyalität Washington gegenüber in Sachen Ukraine und das sklavische Verhalten europäischer Politiker ins rechte Licht zu rücken, muss man den Atlantizismus kennen und verstehen. Es ist ein europäischer Glaube. Er ist natürlich nicht zu einer offiziellen Doktrin geworden, funktioniert aber wie eine. Es ist gut zusammengefasst durch den niederländischen Slogan zur Zeit des Irakkriegs „zonder Amerika gaat het niet“ (ohne Amerika geht es nicht). Unnötig zu sagen, dass der Atlantizismus ein Kind des Kalten Krieges ist. Ironischerweise hat er an Kraft gewonnen, als die Bedrohung durch die Sowjetunion für eine immer größere Zahl europäischer politischer Eliten immer weniger überzeugend wurde. Das war wahrscheinlich eine Sache des Generationenwechsels: Je weiter vom Zweiten Weltkrieg entfernt, umso weniger erinnerten sich europäische Regierungen daran, was es heißt, eine unabhängige Außenpolitik in Bezug auf Themen globaler Größenordnung zu haben. Die aktuellen Regierungschefs der Europäischen Union haben keine Erfahrungen mit praktischen strategischen Erwägungen. Routinemäßiges Denken über internationale Beziehungen und globale Politik ist tief in der Erkenntnislehre des Kalten Krieges verwurzelt.

Das ruft unvermeidlich auch ‚verantwortliche‘ Redaktionspolitiken auf den Plan. Der Atlantizismus ist inzwischen ein schlimmes Gebrechen für Europa: er fördert die Geschichtsvergessenheit, absichtliches Wegsehen und gefährlich missverstandene politische Wut. Aber er gedeiht auf einer Mischung aus noch immer unhinterfragten Gewissheiten aus der Ära des Kalten Krieges bzgl. Schutz, in der Allgemeinkultur verankerten Kalter-Krieg-Loyalitäten, purer europäischer Ignoranz und einem verständlichen Widerwillen, einzugestehen, dass man auch nur ein kleines bisschen einer Gehirnwäsche unterzogen worden ist. Washington kann unerhörte Dinge tun und den Atlantizismus dennoch intakt lassen wegen jedermanns Vergesslichkeit, wogegen die Medien wenig oder nichts unternehmen. Ich kenne Niederländer, die die Verunglimpfung Putins anwidert, aber der Gedanke, dass im Zusammenhang mit der Ukraine die Schuldzuweisung an Washington gehen sollte, ist geradezu unakzeptabel. Niederländische Publikationen können sich also, genau wie viele andere in Europa, nicht so positionieren, dass sie die Ukraine-Krise nüchtern betrachten, indem sie anerkennen, dass Washington sie ausgelöst hat und dass Washington wohl eher als Putin den Schlüssel zur Lösung in der Hand hält. Das würde sie zwingen, den Atlantizismus aufzugeben.

Der Atlantizismus bezieht viel von seiner Stärke aus der NATO, seiner institutionellen Verkörperung. Der Grund für die Existenz der NATO, der mit dem Untergang der Sowjetunion hinfällig war, ist größtenteils vergessen. Im Jahre 1949 ins Leben gerufen, basierte die NATO auf dem Gedanken, dass eine transatlantische Zusammenarbeit bei Sicherheit und Verteidigung notwendig geworden war angesichts des Kommunismus, der, orchestriert von Moskau, darauf aus war, den ganzen Planeten zu erobern. Viel weniger wurde über das innereuropäische Misstrauen geredet, als die europäischen Staaten die ersten Schritte zu einer wirtschaftlichen Integration unternahmen. Die NATO stellte eine Art amerikanischer Garantie dar, dass keine europäische Macht jemals versuchen würde, die anderen zu beherrschen.

NATO_Fadenkreuz_Visier_Imperialismus_Hegemonie_Kolonialismus_Staatsterrorismus_Krim_Krimhalbinsel_Angriffskrieg_Kolloborateure_Drohne_Drohnenkrieg_kalter_Krieg_arkadius_neumann_pixelio.de_Die NATO ist seit einiger Zeit eine Bürde für Europa, da sie die Entwicklung einer abgestimmten europäischen Außen- und Verteidigungspolitik verhindert und die Mitgliedsstaaten gezwungen hat, dienende Instrumente des amerikanischen Militarismus zu werden. Sie ist auch eine moralische Last, denn die in der ‚Koalition der Willigen‘ beteiligten Regierungen haben ihren Bürgern die Lüge verkaufen müssen, dass die in Irak und Afghanistan sterbenden europäischen Soldaten ein notwendiges Opfer seien, um Europa sicher gegen Terroristen zu machen. Regierungen, die Truppen in von den USA besetzte Gebiete versendet haben, haben dies im allgemeinen mit beträchtlichem Zögern getan, wodurch sie sich den Vorwurf einer Reihe amerikanischer Offizieller eingehandelt haben, dass Europäer zu wenig für das gemeinsame Ziel der Verteidigung von Demokratie und Freiheit täten.

Wie es für Ideologien typisch ist, ist der Atlantizismus ahistorisch. Als Medizin gegen die Qual einer fundamentalen politischen Zweideutigkeit, erzeugt sie ihre eigene Geschichte: eine, die von amerikanischen Mainstream-Medien umgeschrieben werden kann, während sie die Botschaft aus Washington verbreiten.

Dafür könnte es kaum eine bessere Veranschaulichung geben als die momentane niederländische Erfahrung. In den vergangenen drei Wochen habe ich in Gesprächen echte Überraschung angetroffen, wenn ich Freunde daran erinnert habe, dass der Kalte Krieg diplomatisch beendet wurde mit einem Abkommen zwischen Gorbatschow und dem älteren Bush im Dezember 1989 auf Malta, wo James Baker es geschafft hat, dass Gorbatschow die deutsche Wiedervereinigung und den Abzug der Truppen des Warschauer Pakts akzeptierte gegen das Versprechen, dass die NATO nicht auch nur um einen Zoll Richtung Osten erweitert würde. Gorbatschow verpflichtete sich, in Osteuropa keine Gewalt anzuwenden, obwohl er rund 350.000 russische Soldaten allein in Ostdeutschland hatte, im Gegenzug für Bushs Versprechen, dass Washington keinen Vorteil aus dem Rückzug der Sowjets aus Osteuropa ziehen würde. Bill Clinton brach diese amerikanischen Versprechen, als er aus rein wahltaktischen Gründen mit einer Ausweitung der NATO prahlte und 1999 die Tschechische Republik und Ungarn zu Vollmitgliedern machte. Zehn Jahre später wurden neun weitere Länder Mitglieder, wodurch sich die Anzahl der NATO-Länder im Vergleich zum Kalten Krieg verdoppelt hatte. Der berühmte amerikanische Russlandspezialist, Botschafter George Kennan, Begründer der Containment-Politik im Kalten Krieg, nannte Clintons Schritt „den verhängnisvollsten Fehler amerikanischer Politik der gesamten Ära nach dem Kalten Krieg.“

Vom Atlantizismus angestiftete Geschichtsvergessenheit zeigt sich schmerzlich in der Behauptung, der ultimative Beweis in der Sache gegen Wladimir Putin sei seine Invasion der Krim. Hier wurde die politische Realität wieder von den amerikanischen Mainstream-Medien gemacht. Es gab keine Invasion, denn russische Matrosen und Soldaten waren bereits dort, da dort ja der „Warmwasser“-Schwarzmeer-Heimatstützpunkt der russischen Marine ist. Die Krim war schon so lange ein Teil Russlands wie es die USA überhaupt gibt. 1954 gab Chruschtschow, der selbst aus der Ukraine kam, sie an die ukrainische sozialistische Republik, was nicht mehr war, als eine Region einer anderen Provinz zuzuordnen, da Russland und die Ukraine ja zu demselben Land gehörten. Der russisch-sprechenden Krim-Bevölkerung war das ganz recht, sie stimmten in einem Referendum erst für die Unabhängigkeit vom Kiew-Regime, das das Ergebnis eines Staatsstreichs war, und anschließend für eine Wiedervereinigung mit Russland.

Die, die meinen, dass Putin kein Recht hatte, so zu handeln, sind sich eines anderen Teils der Geschichte nicht bewusst, in dem die USA (Star Wars) Flugkörper-Verteidigungssysteme immer näher an die russischen Grenzen vorgeschoben hat, vorgeblich um feindliche Geschosse aus dem Iran abzufangen, die es dort gar nicht gibt. Scheinheiliges Gerede über territoriale Integrität und Souveränität ergibt unter diesen Umständen gar keinen Sinn, und wenn es aus einem Washington erklingt, das seinerseits das Konzept der Souveränität in seiner Außenpolitik längst verworfen hat, dann ist es geradezu grotesk.

Ein abscheulicher atlantizistischer Zug war der Ausschluss Putins von den Treffen und anderen Veranstaltungen zur Erinnerung an die Landung in der Normandie, erstmals seit 17 Jahren. Die G8 wurden daraufhin zur G7. Gedächtnisschwund und Ignoranz haben die Niederländer blind gemacht für eine Geschichte, die sie direkt angeht, denn die Sowjetunion hat das Herz aus der Nazi-Kriegsmaschine gerissen (die die Niederlande besetzt hielt) zum Preis einer unvergleichlich und unvorstellbar hohen Zahl toter Soldaten; ohne das hätte es niemals eine Invasion in der Normandie gegeben.

Vor nicht allzu langer Zeit sah es so aus, als ob die vollständigen militärischen Katastrophen im Irak und in Afghanistan die NATO an einen Punkt brächten, an dem ihre unvermeidliche Auflösung nicht mehr weit entfernt schien. Aber die Ukraine-Krise und Putins Entschiedenheit, zu verhindern, dass die Krim mit ihrer russischen Marinebasis möglicherweise in die Hände der Amerika-gehörenden Allianz fiel, war ein Geschenk des Himmels für diese taumelnde Institution.

Die NATO-Führung hat zur Stärkung ihrer Präsenz bereits Truppen in die baltischen Staaten verlegt und Raketen und Angriffsflugzeuge nach Polen und Litauen, und seit dem Abschuss der malaysischen Maschine hat sie weitere militärische Bewegungen vorbereitet, die zu gefährlichen Provokationen Russlands werden könnten. Es ist klar geworden, dass der polnische Außenminister gemeinsam mit den baltischen Staaten, die allesamt nicht NATO-Mitglieder waren, solange man deren Existenzberechtigung noch verteidigen konnte, die starke treibende Kraft hinter diesen Aktionen sind. In der vorigen Woche hat sich eine Mobilisations-Laune breitgemacht. Bei den Bauchrednerpuppen Anders Fogh Rasmussen
und Jaap de Hoop Scheffer kann man sich darauf verlassen, dass sie die Fernsehschirme übernehmen und über die Zurückhaltung der NATO-Mitglieder schimpfen. Rasmussen, der aktuelle Generalsekretär, erklärte am 7. August in Kiew, dass die „Unterstützung [der NATO] für die Souveränität und territoriale Integrität der Ukraine unerschütterlich“ sei und dass er die Partnerschaft mit dem Land beim Gipfeltreffen der Allianz im September stärken will. Die Partnerschaft sei schon stark, sagte er, „und als Antwort auf Russlands Aggression arbeitet die NATO umso enger mit der Ukraine an der Reformierung ihrer bewaffneten Truppen und Verteidigungsinstitutionen.“

Währenddessen haben im amerikanischen Kongress 23 republikanische Senatoren ein Gesetz eingebracht, das „Gesetz zur Verhinderung russischer Aggression“, das es Washington erlauben soll, die Ukraine zu einem Nicht-NATO-Alliierten zu machen, und das die Voraussetzungen schaffen könnte für einen direkten militärischen Konflikt mit Russland. Wir werden wahrscheinlich bis nach den Zwischenwahlen in Amerika warten müssen, ehe wir sehen, was daraus wird, aber es dient schon als politische Entschuldigung für diejenigen in Washington, die die nächsten Schritte in der Ukraine einleiten wollen.

Letztes Jahr im September hat Putin Obama geholfen, indem er es ihm möglich machte, die Forderungen nach einer Bombardierung Syriens zu stoppen, auf die die Neokonservativen gedrängt hatten, und er hat auch geholfen, den Nukleardisput mit dem Iran zu entschärfen, ein weiteres Projekt der Neokonservativen. Dies führte dazu, dass sich die Neokonservativen zusammentaten, um die Putin-Obama-Verbindung zu zerbrechen. Es ist kein Geheimnis, dass die Neokonservativen sehnlichst den Sturz Putins wünschen und am Ende die Zerstückelung der Russischen Föderation. Die Existenz zahlreicher NGOs, die in Russland daran arbeiten, ist in Europa weniger bekannt. Wladimir Putin könnte jetzt oder bald angreifen, um der NATO und dem amerikanischen Kongress zuvorzukommen, und die Ostukraine einnehmen – etwas, das er wahrscheinlich schon direkt nach dem Krim-Referendum hätte tun sollen. Das wäre in den Augen der europäischen Redakteure dann natürlich der Beweis für seine bösen Absichten.

wenn_krieg_die_antwort_istIm Lichte all dessen ist eine der schicksalhaftesten Fragen, die in Sachen Weltgeschehen zu stellen ist, die folgende: Was muss passieren, dass die Europäer aufwachen und erkennen, dass Washington mit dem Feuer spielt und aufgehört hat, der Beschützer zu sein, auf den sie sich bisher immer verlassen haben, und stattdessen ihre Sicherheit gefährdet. Wird der Moment kommen, in dem klar wird, dass es bei der Ukraine-Krise als allererstes darum geht, Star Wars Raketen auf einem langen Abschnitt der russischen Grenze in Stellung zu bringen, was Washington – in der wahnwitzigen Sprache der Nuklearstrategen – die Möglichkeit eines ‚Erstschlags‘ eröffnet?

Älteren Europäern dämmert es, dass die Vereinigten Staaten Feinde hat, die nicht die Feinde Europas sind, weil sie sie aus innenpolitischen Gründen brauchen; um eine wirtschaftlich enorm wichtige Kriegsindustrie am Laufen zu halten und im Schnellverfahren die politische Eignung von Kandidaten für öffentliche Ämter zu testen. Während Schurkenstaaten und Terroristen als Ziele für ‚gerechten Krieg‘ nie so richtig überzeugend waren, könnte Putins Russland, so wie es von einer militaristischen NATO dämonisiert wird, geeignet sein, den transatlantischen Status Quo zu bewahren. Ich dachte vom ersten Moment an, als ich davon hörte, dass die Wahrheit über das Schicksal des malaysischen Flugzeugs politisch determiniert würde. Die Blackboxen sind in London. In NATO-Händen?

Es bleiben andere riesige Hindernisse für ein Aufwachen; Finanzialisierung und neoliberale Politik haben eine enge transatlantische Verflechtung plutokratischer Interessen erzeugt. Zusammen mit dem Atlantizistischen Glauben haben sie die politische Entwicklung der Europäischen Union verhindert und dadurch Europas Fähigkeit, unabhängige politische Entscheidungen zu treffen. Washington hat Großbritannien seit Tony Blair in der Tasche, und seit Nicolas Sarkozy kann man das mehr oder wenigerauch über Frankreich sagen.

Bleibt Deutschland. Angela Merkel war deutlich unglücklich mit den Sanktionen, machte am Ende aber mit, weil sie es sich mit dem amerikanischen Präsidenten gut halten will, und die USA als Eroberer im Zweiten Weltkrieg sitzt dank einiger Abkommen noch immer an einem langen Hebel. Frank-Walter Steinmeier, der deutsche Außenminister, wies die Sanktionen im Fernsehen und in Zeitungsinterviews zurück und verwies auf den Irak und Libyen als Beispiele dafür, wohin Eskalation und Ultimaten führen, aber auch er drehte sich am Ende und fügte sich.

Der Spiegel ist eine der deutschen Publikationen, die Hoffnung geben. Einer ihrer Kolumnisten, Jakob Augstein, greift die „Schlafwandler“, die den Sanktionen zugestimmt haben, an und verurteilt die Schuldzuweisungen seiner Kollegen an Moskau. Gabor Steingart, Herausgeber des Handelsblatt, schimpfte gegen die „amerikanische Tendenz zu verbaler und dann militärischer Eskalation, zur Isolation, Dämonisierung und zum Angriff auf Feinde“ und folgert, dass der deutsche Journalismus „innerhalb weniger Wochen von besonnen auf aufgeregt umgeschaltet hat“. Das Meinungsspektrum hat sich auf das Sichtfeld eines Scharfschützen verengt.“ Es muss in anderen Teilen Europas mehr Journalisten geben, die so etwas sagen, aber ihre Stimmen dringen nicht durch den Lärm der Schmähungen.

Es wird wieder Geschichte geschrieben. Was Europas Schicksal entscheiden wird, ist, dass sich auch anständige Europäer – jenseits der Verteidiger des atlantizistischen Glaubens – nicht dazu durchringen können, an die Fehlfunktion und äußerste Unverantwortlichkeit des amerikanischen Staats zu glauben.


Karel van Wolferen ist ein niederländischer Journalist und pensionierter Professor der Universität von Amsterdam. Seit 1969 hat er über zwanzig Bücher über politische Themen veröffentlicht, die in elf Sprachen übersetzt und weltweit über eine Million Mal verkauft worden sind. Als Auslandskorrespondent für das NRC Dagblad, eine der führenden holländischen Zeitungen, hat er die höchste niederländische Auszeichnung für Journalisten erhalten, und seine Artikel sind im Laufe der Jahre in The New York Times, The Washington Post, The New Republic, The National Interest, Le Monde und vielen anderen Zeitungen und Zeitschriften erschienen.

Hier gibt es ein Podcast-Interview von Scott Horton mit Karel van Wolferen über seinen Artikel:

http://scotthorton.org/interviews/2014/08/15/081514-karel-van-wolferen/

Hier ist die englische Fassung des Beitrags.

Quelle: NachdenkseitenÜbersetzung: Carsten Weikamp

Bild- und Grafikquellen:

  1. Beitragsbild: Ukraine – http://pixabay.com
  2. Europa im Fadenkreuz – http://pixabay.com
  3. Neuigkeiten – http://pixabay.com
  4. NATO im Fadenkreuz – www.qpress.de
  5. Wenn Krieg die Frage ist … – www.qpress.de
Presse-Informationen

WPP – Die im Dunkeln sieht man nicht

von Christoph Jehle

Manch kritischem Beobachter fällt auf, dass sich die Meldungen der auflagenstärksten Medien kaum noch voneinander unterscheiden. Rein theoretisch könnten das lauter ungeplante Zufälle sein. Wer jedoch die Chance hat, ein wenig hinter die Kulissen zu schauen, erkennt da durchaus System und nicht nur Copy/Paste.

Man sollte jedoch nicht hinter jeder Straßenecke eine Verschwörung vermuten, nur weil man um die Zusammenhänge nicht hinreichend kennt. Und die verbergen sich manches Mal wie bei WPP auch hinter solch banalen Dingen wie aus Draht gefertigten Einkaufskörben. Der Namensgeber des heute als WPP plc firmierenden Unternehmens wurde 1971 unter dem Namen Wire and Plastic Products plc als Hersteller von Einkaufskörben gegründet und ist heute einer der weltweit führenden Meinungsmacher. Der profane Unternehmenszweck der Fertigung von Draht- und Kunststoffprodukten wird übrigens in Großbritannien heute noch unter dem Namen Delfinware Household Products über die 1969 gegründete Delfinware Domestic Wireware als lokale Marke weitergeführt.

WPP hat heute seinen Sitz in Saint Helier auf der britischen Kanalinsel Jersey. Solange es steuerlich vorteilhaft war (2008-2012), gab es einen registrierten Firmensitz in Dublin, Irland. WPP versteht sich als die größte Kommunikations-Dienstleistungs-Gruppe der Welt und beschäftigt 170.000 Mitarbeiter an 3.000 Standorten in 110 Ländern. Nummer zwei auf dem Weltmarkt ist die US-amerikanische Omnicom Group, Nummer drei die französische Publicis. Den aktuellen Überblick über die WPP-Konzern-Gesellschaften findet man hier. Da die geplante Fusion von Omnicom und Publicis im Mai 2014 abgesagt wurde, konnte WPP seine Position als weltweiter Marktführer halten.

Die Wandlung der WPP begann im Jahre 1985, als Martin Sorell, der seit 1977 bei Saatchi & Saatchi tätig war, mit der Kampage „Labour isn’t working“ massiv zum Erfolg des Wahlkampfs von Margarete Thatcher beigetragen hatten. Unter Sorell wurde 1987 die J. Walter Thompson Group (JWT), 1989 die Ogilvy Group, 2000 Young & Rubicam (Y&R) und 2005 die Grey Group übernommen, die seit 1956 für Procter & Gamble arbeitet und in Deutschland spätestens mit Boris Beckers Frage „Bin ich schon drin“ oder Visas „Die Freiheit nehm ich mir“ bekannt wurde. Zahlreiche weitere Übernahmen fanden in den folgenden Jahren statt. Ein Ende der Übernahmen scheint nicht abzusehen. Nach Fernost und Lateinamerika rückte inzwischen auch das südliche Afrika in den Fokus. Auch wenn die Unternehmen unter eigenständigen Namen weitergeführt werden, können sie auf zahlreiche Dienstleistungen innerhalb der Gruppe zurückgreifen.

Die Übernahme von JWT brachte auch die PR-Agentur Hill & Knowlton unter das Dach der WPP-Gruppe. Hill & Knowlton wurde einer interessierten Öffentlichkeit im ersten Irak-Krieg bekannt als Entwickler der Horrorgeschichte, die davon berichtete, dass irakische Soldaten in kuwaitischen Kliniken Neugeborene aus den Brutkästen gerissen und an die Wand geworfen hätten. Mit Ogilvy wurde auch deren Tochter Ogilvy Public Relations Worldwide (OPR) übernommen. 2005 soll wiederum deren Tochter Ogilvy Government Relations maßgeblich daran beteiligt gewesen sein, dass die China National Offshore Oil Corporation mit ihrem Gebot für die Union Oil Company of California (Unocal) (http://en.wikipedia.org/wiki/Unocal_Corporation) nicht zum Zuge kam und Unocal vom Ogilvy-Kunden Chevron übernommen wurde.

Y&R wurde in Deutschland bekannt mit Werbeaussagen wie „ Actimel aktiviert Abwehrkräfte“, „Fruchtzwerge: So wertvoll wie ein kleines Steak“ oder „Mit ARD und ZDF sitzen Sie in der ersten Reihe“. Mit Y&R wurde auch die PR-Agentur Burson-Marsteller übernommen, die für Augusto Pinochet, Nicolae Ceaușescu oder in jüngster Zeit in der Ukraine für die damalige Regierungspartei Partei der Regionen (PRU) von Präsident Janukowitsch tätig war. Für diese sollte man 2012 die vorwiegend aus dem Westen kommende ausländische Kritik an der Inhaftierung Julia Timoschenkos kontern und die Position der ukrainischen Regierung in ein besseres Licht rücken.

2008 erfolgte nach einem längeren Kampf mit der Nürnberger GfK (Gesellschaft für Konsumforschung) die feindliche Übernahme von TNS (Taylor Nelson Sofres plc.), die 2009 in die 1995 etablierte Zwischenholding Kantar-Group, die Marktforschungssparte von WPP eingegliedert wurde. Zu TNS gehören in Deutschland die TNS Emnid mit den Bereichen Medien-, Politik- und Sozialforschung sowie die TNS Infratest mit den Geschäftsfeldern strategische und operative Marketingforschung in den Bereichen Automobil, Tourismus, Verkehr, Energie, Finanzen, IT, Pharma sowie Investitions- und Konsumgüterindustrie. TNS Infratest hält zudem einen Anteil von 51 Prozent an der Infratest dimap, die beispielsweise den ARD-Deutschlandtrend erheben und von der ARD mit der Wahlberichterstattung beauftragt wurden. Kantar gilt heute im Bereich der Marktforschung nach der Nielsen Holdings N.V. mit Sitz in den Niederlanden weltweit die Nummer zwei [PDF – 6,1 MB]. 2004 gründete Kantar unter dem Namen AGB Nielsen ein 50:50-Joint-Venture mit dem Größten der Befragungsbranche, das inzwischen jedoch wieder aufgelöst wurde.

Die Tatsache, dass sich im Bereich von Werbung, PR und Umfrage immer größere, weltumspannende Unternehmen entwickeln, ist für den einzelnen Bürger nicht unbedingt erfreulich. Geradezu bedenklich ist im Falle der Befragungen jedoch die immer kleiner werdende Auswahl der Stichproben. Für eine repräsentative Befragung wird üblicherweise eine Stichprobe von 1000+ herangezogen, meist zwischen 1001 und 1010. Die klassische Befragung per Telefon konzentriert sich auf Festnetzanschlüsse. Man wählt dabei aus einem öffentlichen Telefonverzeichnis nach einer eigenen Systematik die Nummern von bestehenden Anschlüssen aus und modifiziert diese Nummern nach einem starren System, bei welchem beispielsweise immer die gleiche Zahl zur Ausgangsnummer addiert wird. Damit will man sicherstellen, dass auch Anschlüsse erreicht werden können, die in keinem Telefonbuch stehen. Anschlüsse im Mobilnetz erreicht man so jedoch nicht. Und da die Befragungen meist zu Bürozeiten durchgeführt werden, erreicht man Selbständige ohne Telefonanlage, Arbeitslose und Rentner.

Das Fachmagazin AdvertisingAge veröffentliche schon 2006 einen Beitrag, der klar zum Ausdruck brachte, dass Befragungen meist wiederholt die Gleichen befragen. So sollen in Großbritannien schon damals 50 % aller Antworten von weniger als 5 % der Bevölkerung gekommen sein. Wechselt man von den Telefonbefragungen auf ein Online-Befragungstool, wird das Ergebnis mitnichten besser. Bei Online-Befragungen lieferten 0,25 % der Bevölkerung 32 % der Antworten. Da wundert es nicht wirklich, wenn die Ergebnisse solcher Befragungen beispielsweise im Zusammenhang mit Produkteinführungen zwar schönes Zahlenmaterial bereitstellen, an der Ladenkasse jedoch häufig nicht bestätigt werden. Dies mag ärgerlich sein, fällt jedoch in den Bereich unternehmerisches Risiko. Werden jedoch derartige Befragungen als Grundlage für politische Entscheidungen herangezogen, sind verfälschte Ergebnisse nicht nur ärgerlich. In Kombination mit der konzertierten PR und Werbepower eines Kommunikations-Dienstleisters mit insgesamt 170.000 Mitarbeitern steht hier ein Beeinflussungspotential bereit, das in der Praxis letztlich nur limitiert wird durch das Kapital, das zur Finanzierung der Beeinflussung aufgebracht wird.

Das Trommelfeuer kommt aus unterschiedlichen Richtungen und es lässt sich für den einzelnen Bürger kaum nachvollziehen, was glaubhaft und was letztlich nur reine Propaganda ist. Und dahinter muss überhaupt keine Verschwörung stecken. Man muss den Akteuren nicht einmal Dummheit unterstellen. Meist wird eher eine Art Herdentrieb zugrunde liegen, der sich ja nicht immer als Schwarmintelligenz herausstellt. Nur wenige machen sich Freunde mit einer Minderheitenmeinung. Da ist es zumindest ein wenig erheiternd, dass sich die Lemminge in der Realität nicht kollektiv in den Abgrund stürzen, sondern nur bei Disney. Die Tatsache, dass sich die Geschichte mit den Lemmingen schon so lange hält, ist wiederum eher frustrierend.


Autor: Dr. Christoph Jehle arbeitet in der Recherche zu historischen und aktuellen, meist technischen Entwicklungen und schreibt als freier Autor für Online- und Printmedien in Europa, darunter Telepolis.

Erstveröffentlichung: Nachdenkseitenzum Artikel

Beitragsbild: Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

Willy Wimmer

KenFM im Gespräch mit: Willy Wimmer (Juni 2014)

von KenFM

Nie war die deutsche Außenpolitik so wenig souverän wie in unseren Tagen. Deutschland wird von seinem großen Bruder konsequent abgehört und parallel dazu gezwungen, auf dem eigenen Kontinent gegen ureigene Interessen zu verstoßen. In etwa gegen ein entspanntes Verhältnis zum Nachbarn Russland.

Welche Folgen hat diese Politik für die BRD, aber eben auch für Europa?

„Europa soll wieder fit gemacht werden für den Krieg.”
Zu diesem niederschmetternden Urteil kommt aktuell der langjährige CDU-Bundestagsabgeordnete Willy Wimmer.

Der Mann war unter anderem als Staatssekretär des Verteidigungsministeriums während der Kanzlerschaft Helmut Kohls tätig. Er begleitete als Diplomat die 2+4-Gespräche zur deutschen Wiedervereinigung. Von 1994 bis 2000 war Willy Wimmer Vizepräsident der Parlamentarischen Versammlung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, OSZE.

Die OSZE-Konferenzen waren die erfolgreichsten Staatentreffen in der Geschichte Europas, denn hier begegneten sich alle Teilnehmer auf Augenhöhe. Leben und leben lassen, war das gemeinsame Credo bei allen unterschiedlichen Interessen.

Seit dem Balkankrieg unter Rot/Grün 1990 geht es nicht nur diplomatisch in Europa bergab. Die aktuelle Europawahl trägt dem Rechnung. Es hat ein massiver Rechtsruck stattgefunden, dem die Bankenkrise vorausging, ausgelöst in den USA.

Seither befindet sich Europa in einer massiven sozialen Schieflage. Eine Spaltung in Arm und Reich ist die Folge und macht so Gräben auf, die seit Kriegsende ’45 mühsam geschlossen wurden.

Geschichte ist kein Zufall. Hinter ihr stecken Kräfte mit persönlichen Interessen. Diese Interessen decken sich in der Regel nicht mit den Wünschen der Mehrheit.

Wer Geschichte verstehen will, muss jeden Abschnitt, auch den der Gegenwart, als Teil eines großen Puzzles begreifen. Im Gespräch mit Willy Wimmer versuchen wir, dieses Gesamtbild zu skizzieren.

Wir streifen dabei die Themengebiete Status quo Ukraine, EU-Wahl und die Folgen und die aktuelle US-Außenpolitik nach der Rede Barack Obamas in Westpoint.

Ebenfalls zur Sprache kommt der geplante Abschied vom Parlamentsvorbehalt, sodass die Bundeswehr schon bald über Brüssel in alle Welt geschickt werden kann, ohne dass Berlin sich noch wehren könnte.

Willy Wimmer zitiert den ehemaligen US-Präsidenten Jimmy Carter, der der amerikanischen Demokratie ein ersthaftes Problem attestiert hat. Was ist los in Amerika und wie sollen Deutschland und Europa damit umgehen?

Final sprechen wir mit Wimmer über die Montagsmahnwachen, die in der BRD inzwischen in über 100 Städten stattfinden. Muss sich ein Bürger für sein ureignes Recht, auf die Straße zu gehen, entschuldigen?

Willy Wimmer hat viele unserer Fragen beantwortet, aber uns haben sich nach dem Gespräch noch weitere aufgetan. Wir werden das politische Urgestein Wimmer wohl erneut besuchen müssen, denn Politik ist ein Zug, der sich ständig bewegt und Schienen folgt, die ihn jederzeit in eine Richtung führen können, von der wir nicht wissen, wie der Endbahnhof heißt. Hier schlummert ein Risiko, das Krieg beinhaltet.

Nie waren politischer Sachverstand und jahrzehntelange Erfahrung auch während des Kalten Krieges mehr gefragt als dieser Tage.


Quelle: KenFM kenfm scrabble kang

Interviewpartner: Willy Wimmer

Seit 1959 Mitglied der CDU, Landesvorstand der Jungen Union Rheinland und Bezirkvorsitzender der Jungen Union Niederrhein.

1969 bis 1980 Mitglied des Stadtrats Mönchengladbach, 1975 bis 1979 Vorsteher des Stadtbezirks Rheydt-Mitte, 1975 bis 1976 Mitglied der Landschaftsversammlung Rheinland.

Von Juni 1986 bis November 2000 Vorsitzender des Bezirksverbandes Niederrhein der CDU Nordrhein-Westfalen – seit November 2000 Ehrenvorsitzender.

Von April 1985 bis Dezember 1988 Vorsitzender der Arbeitsgruppe Verteidigungspolitik der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.

Vom 19. Dezember 1988 bis 01. April 1992 Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister der Verteidigung mit den besonderen Schwerpunkten: Integration der Streitkräfte in Deutschland und Zusammenarbeit mit der Westgruppe der Truppen (ehemals SU, heute GUS).

Vizepräsident der Parlamentarischen Versammlung der OSZE von Juli 1994 bis Juli 2000.

Stellvertretender Leiter der Delegation des Deutschen Bundestags bei der Parlamentarischen Versammlung der OSZE.

Willy Wimmer ist unter Einschluss von Finanz- und Wirtschaftsfragen Experte für globale Sicherheitspolitik und führte über Jahrzehnte auf höchster staatlicher Ebene Gespräche.