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Nährstoff des Neides

Rede von Gert Heidenreich

In Zeiten, in denen ich als Bürger nachhaltig gedrängt werde, nach vorn zu sehen, blicke ich als Privatmann gern zurück. Gern auch sehr weit. Im vierten vorchristlichen Jahrhundert stoße ich auf den Satz: Man muss dafür sorgen, dass der Gegensatz der Reichen und Armen sich möglichst ausgleicht oder dass der Mittelstand wächst.

Die Forderung stammt aus der Staatslehre des Aristoteles von Stageira, einem Werk, dessen anhaltende Aktualität mich immer wieder fasziniert. Ihm zufolge kommt es in der Demokratie auf zwei wesentliche Elemente an: Freiheit (eleutheria) und Gleichheit (isonomia), wobei erstere auch Unabhängigkeit meint und letztere sowohl Rechtsgleichheit als auch Gleichberechtigung. Beide Grundelemente erst, meint Aristoteles, erlaubten dem Menschen, sein Leben so zu führen, wie es ihm angenehm ist.

Fügen wir der Vollständigkeit halber noch eine weitere aristotelische Forderung hinzu: Namentlich muss man bedacht sein, durch die Gesetze die Verhältnisse so zu regeln, dass niemand aufkommen kann, der allzu mächtig ist durch Anhang oder Reichtum.

Nun fällt auf, wie weit wir es gebracht haben: In nahezu jeder Hinsicht versagt die gegenwärtige Gesellschaft vor den fast zweieinhalbtausend Jahre alten demokratischen Grundforderungen. Ja, träte heute einer wie Aristoteles auf und würde die Einlösungen oder Einhaltung seiner Regeln fordern, er wäre sofort mit dem Vorwurf konfrontiert, dass er der Neidgesellschaft das Wort rede. Der Begriff des Neiders füllt exakt dieselbe rhetorische Rolle aus, die in der Adenauerzeit das Wort Kommunist inne hatte und, nicht weniger unbedenklich genutzt, das Wort Faschist in den Manifesten von ´68: Es geht darum, unerwünschte Kritik zu denunzieren und Nachdenklichkeit präventiv zu unterbinden. Im Vergleich zur Unterstellung ideologischer Voreingenommenheit ist freilich die jüngere Polemik raffinierter: Sie verfährt psychologisch und ordnet den als missgünstig abqualifizierten Kritiker in die Kartei der nicht ganz Zurechnungsfähigen ein ein politisch nicht nur bedenkliches, sondern gefährliches Verfahren.

managerMich erfüllt darum mit wachsender Unruhe, wie in unserer Republik reflexartig das Wort Neid ausgestoßen wird, wenn man auf den zerbrechenden, wenn nicht zerbrochenen sozialen Zusammenhang der Gesellschaft hinweist. Wenn man fragt, ob es eigentlich gerecht und nötig ist, Glücklosigkeit im öffentlichen Amte mit Abschiedssummen zu vergolden, die mancher Betriebskrankenkasse aus ihrer Zahlungsnot helfen würden. Denkt einer darüber nach, Vermögen zu besteuern, ruft es aus vermögenden Etagen herab: Neidsteuer! Werden in der Presse die astronomischen Abschlagszahlungen für entlassene Spitzenversager angeprangert, schreit sofort die Lobby der Vorstände: Neidgesellschaft!

Denn auch ihr Versagen könnte eines Tags zur Debatte stehen. Darum ist der Wille zur Solidarität heute in den Chefetagen höher als der Wille zur Konkurrenz.

Auch hinter einem solchen Satz wird gewiss Neid vermutet, so als würde ich das Geld denen neiden, die es verdienen. Ist das wahr? Leben wir in einer Neidgesellschaft, repräsentieren wir sie? Und was meint der Begriff eigentlich?

Ein gerichtetes, missgünstiges Gefühl gegenüber Einzelnen oder Gruppen wegen eines Wertes, dessen Besitz dem Neider nicht gegeben ist. So definiert der Brockhaus den Neid. Schenkt man dem Kirchenlehrer Johannes Chrysostomos Glauben, ist der Neid ein Übel, das die Seele martert, den Körper verdorren lässt, hohläugig macht, blass und dürr, und den Leib zerfrisst wie die Motte ein Kleid.

Traditionell gehört der Neid zu den sieben Todsünden. Für den Apostel Paulus ist er ein Werk des Fleisches. Laut Friedrich Schiller aber hat er scharfe Augen, und Bertrand Russell zufolge bildet der Neid gar die Grundlage der Demokratie. Doch Russell gilt als Anarchist. Immerhin wissen wir, welche Farben diese Variante der Missgunst trägt: Da erschrak die Königin und ward gelb und grün vor Neid, heißt es im Grimm´schen Märchen von Schneewittchens Stiefmutter. Die Dame wird aus Neid mehrere Mordanschläge unternehmen.

Und auch hier soll heute die Rede sein von dem Zusammenhang, dem möglichen, zwischen Neid und Gewalt.

Erschrecken Sie bitte nicht ich will nicht in die Fußstapfen des Kollegen Hochhut treten, der mit seinem McKinseyStück angeblich das Leben deutscher Banker bedroht; ich winke nicht mit der Idee des Tyrannenmords; aber ich will versuchen, öffentlich darüber nachzudenken, was mit unserer Gesellschaft geschieht, die meiner Beobachtung zufolge sehenden Auges und wissentlich auf ihren Zerfall zusteuert. Also spreche ich nicht aus Neid auf jene, die verdienter oder unverdientermaßen über großen Reichtum an Geld und Privilegien verfügen. Ich weiß auch nicht, ob es sich damit so verhält, wie Schopenhauer uns lehrt: Der Reichtum gleicht dem Seewasser – je mehr man davon trinkt, desto durstiger wird man. Mag sein, er hat recht; mir fehlt die Erfahrung; ihm fehlte sie übrigens auch.

Ich spreche aus Sorge. Aus Furcht. Denn ich kann, zumal mit Blick auf die Geschichte, nicht glauben, dass die weithin empfundene Unsicherheit und die verbreitete Fassungslosigkeit angesichts von unverhältnismäßig wachsenden Einkommensunterschieden auf Dauer von bürgerlicher Geduld begleitet oder durch Kontrolle ruhiggestellt werden kann jedenfalls durch keine Kontrolle, die sich noch mit den Prinzipien des Rechtsstaates vertrüge. Kein Staatswesen verträgt auf Dauer die Spaltung in Luxus und Verarmung.

Anders gesagt: Ich fürchte mich vor einer Akkumulation von Unzufriedenheit, durchwirkt und verstärkt von Existenzangst; vor dem Überschlag des gegenwärtig deutlich zu vernehmenden Zorns in besinnungslose Wut. Gegen wen die sich richten würde, ist geschichtlich bis in unsere Zeit hinein hinreichend belegt: gegen alle. Niemand hat je für irgendwen Sicherheit garantieren können, wenn erst Zerstörung als gerecht, Gewalt als hilfreich galten.

Da rettet dann keine Nachbarschaft. Wir haben sämtliche Bilder parat. Da wird nicht fein unterschieden zwischen politischen, sozialen, religiösen Motiven, zwischen Jungen und Alten, Kindern und Greisen. Ist erst einmal die Zivilisation entkräftet, erhebt sich Barbarei. Zerfällt das Regelwerk unseres Alltags, wird auch der Freund zum Feind. Nahezu jeder von uns ist derart gefährdet, nahezu jeder dafür talentiert. Auch Kultur schützt nicht. Denn das Hindernis für die Barbarei ist nicht die Kultur. Sondern die Zivilisation. Sind wir als zivilisierte Wesen nicht mehr gefordert, garantiere keiner für sich. In jedem, sieht er sich in die Enge getrieben, lauert ein Barbar.

Gewalt ist keine LösungDie Anfänge sind nicht spektakulär. Eine Emulsion aus Enttäuschung, Verbitterung und Resigniertheit gießt sich über das Land aus. Erlahmende Wahlbeteiligung, Ansehensverlust der Demokratie und ihrer Institutionen, fehlende Vorbildlichkeit nicht nur in der Politik, gesellschaftliche Abstinenz der jungen Generationen, Ellenbogenmentalität und Verachtung von Solidarität, propagierter Egoismus, wachsende Korruption und Schlamperei, stetige Verschlechterung öffentlicher Dienstleistungen bei steigenden Gebühren und nicht zuletzt die Marginalisierung der Bildung. Eine Beschädigung folgt aus der anderen und wird zugleich Ursache oder Bedingung weiterer Risse im Gesellschaftskonzept des sozialen Friedens.

Wie auf einem Barometer lässt sich das Klima ablesen. Noch scheint es einigermaßen gut zu sein. Solange keiner ans Deckglas des Messinstrumentes klopft und die Nadel in den UnruheBereich zuckt. Dass sie längst dorthin weist, belegen nicht so sehr die wilden Streiks bei Opel und die Demonstrationen gegen Hartz IV, als vielmehr die jüngsten Wahlergebnisse und die Einigung der beiden rechtsextremistischen Parteien auf eine geeinsame Strategie. Die Rückkehr der Nazis in Landesparlamente, wo seinerzeit auch die NSDAP ihre ersten Gewinne erzielte, geht mit einem öffentlichen Gleichmut einher, der als Souveränität missverstanden wird. Oder ist es bereits die Angst, die den Skandal als kindlichen Trotz der Wähler niederstuft und sich mit dieser lächerlichen Lüge beruhigt? Ein wenig tüchtig dargebotene Empörung, akkordiert mit etwas Entsetzen und geschenkten Paukenschlägen, war den Kameras und Mikrophonen geschuldet. Allenfalls zielen parteiinterne Überlegungen der Demokraten darauf, wie der so genannte Rechte Rand wieder mit der Mitte zu verkleben sei und wem man dies unappetitliche Geschäft überlassen soll.

Dabei ist offensichtlich, dass wir ein massives Gerechtigkeitsproblem haben, das die Nazis ausbeuten. Was da heranwächst und das ist nicht allein ein deutsches, nicht einmal nur ein europäisches Problem ist eine weitere Variante des Terrorismus; und sie wächst ebenso wie alle Hoffnung auf Gewalt aus dem Gefühl, zu kurz zu kommen, betrogen worden zu sein, kein lebenswertes Leben zu haben. Dass im Jahr 2004 vorwiegend junge Menschen Nazis gewählt haben, zeugt weniger von ihrer Unbildung als von ihrem Gefühl der Aussichtslosigkeit. Und diese Stimmung, sei sie nun durch die Verhältnisse gerechtfertigt oder nicht, kann sich kein Staat, der sich erhalten will, bei seiner Jugend leisten. Jugend kann aufmüpfig sein, verträumt, überkritisch, idealistisch, auch ungehörig und rücksichtslos – hoffnungslos darf sie nicht sein. Dann fällt sie in die Hand der Schwätzer, und die Republik fällt ihnen nach. Der Vorgang ist bekannt, er ist absehbar und doch neigen wir zu einer verblüffenden Unempfindlichkeit in dieser Überlebensfrage.

Hie und da hört man Ermahnungen, kleine Empörung muckt auf, und weil für alles, was nicht wunschgemäß verläuft, die Globalisierung verantwortlich gemacht wird, gibt es auch öffentlich Globalisierungsgegner.

Wo bleiben die Gegner unserer hausgemachten Selbstgefährdung? Welche aussichtsreiche Partei hat soziale Verhältnismäßigkeit und die Gleichheit der Chancen sich nicht nur auf die Fahne, sondern als zwingende Selbstverpflichtung in ihre Handlungsentwürfe geschrieben? Sich nur christlich zu nennen oder sozial oder demokratisch oder alles zugleich, kostet nichts und ist nicht mehr wert als des Kaisers neue Kleider.

Wer eigentlich verpflichtet den Staat, die Globalisierung und Öffnung der Märkte für unantastbar zu halten, die Existenz arbeitender Menschen aber damit jeder Verwerfung preiszugeben? Ist die offen vollzogene und sogar noch gepriesene Abwendung vom Primat der Humanität in der Politik etwa nicht skandalös? Reicht es, sie mit mehr oder minder großem Bedauern hinzunehmen?

Müssen die Kirchen mit christlich orientierten Kanzelreden eigentlich immer erst warten, bis keine andere öffentliche Stimme mehr Menschlichkeit predigt? Warum sind die Gewerkschaften in einem Augenblick verstörend hoher Arbeitslosigkeit von einer programmatischen und rhetorischen Schwäche befallen, die man nur mit Entsetzen betrachten kann? Warum gelingt es ihnen nicht, ihr altes Seit´anSeit´ mit der Sozialdemokratie aufzugeben, wenn das Traditionsbündnis offensichtlich nicht mehr die Arbeitnehmerinteressen schützt?

Was ist mit einer Verwaltung los, deren Dienstleistung zunehmend darin besteht, die Arbeit, für die sie entlohnt wird, auf Steuerkosten nach außen zu verlagern, und die dann Beratung nennt, was nichts anderes ist als Minderung der eigenen Verantwortung bei Vervielfachung der öffentlichen Ausgaben? Hier ist weder Dienst, noch Leistung, und die Bedeutung von dienen, nämlich behilflich und nützlich sein, scheint ebenso verloren wie der Inhalt des Wortes Dienst: Es meint die pflichtgemäße Ausübung einer Tätigkeit und nicht bloß die körperliche Anwesenheit am Arbeitsplatz.

Mühelos könnte der Katalog erweitert und spezifiziert werden. Jeder von uns kann Belege beitragen. Untereinander erzählen wir uns empörende Erfahrungen. Doch der private Diskurs der Beschwerde zerrinnt am Ende zur Gleichgültigkeit. Man kann ja nichts machen. Es ist jetzt nun einmal so. Und wer will schon als nöckernder Greis dastehen, der jammert, früher sei alles besser gewesen …

Was aber, wenn es stimmt? Wenn nicht nur der alte Aristoteles um vieles klarer gedacht hat als alle hochmögenden Kommissionen in Berlin? Wenn auch Verhältnisse, nicht alle freilich; wenn auch politische Reden, freilich nicht jede; wenn auch das Bildungsniveau, nicht bei allen freilich, mal besser waren, als sie heute sind? Muss man da nicht nöckern, auf die Gefahr hin, sich unbeliebt zu machen?

Hilft man der jungen Generation, wenn man sie erst um ihre Chancen bringt und dann auch noch über die Zeit belügt, in der sie lebt?

Du sollst keine Angst machen, lautet eine der Regeln, die wir aus den achtziger Jahren mitbekommen haben. Angst sei ein schlechter Ratgeber. Ja, als Ratgeber taugt sie nicht, aber als Anfang des Zweifels ist sie nicht schlecht. Im Übrigen wird derzeit so viel Angst gemacht wie noch nie.

Die Spezialisten für Angst-Schlagzeilen können die Lettern nicht groß genug wählen, wenn es um die Abschläge bei den Renten geht, um das Eintrittsgeld für Arztpraxen, das die Ärzte nicht wollen, um die Ausbildungsabgabe, die angeblich Kleinbetriebe in den Ruin stürze. Über die scheinbar gelähmte Konjunktur.

Über Geld wird andauernd geredet und geschrieben. Nur nicht über den Reichtum. Und seine politischen und gesellschaftlichen Folgen. Nicht darüber, dass 2003, als hier so viel geklagt wurde, für die Superreichen ein ausgezeichnetes Jahr war. Das private Gesamtvermögen aller, vom amerikanischen Wirtschaftsmagazin Forbes gezählten Milliardäre stieg im vergangenen Jahr von 1,4 auf 1,9 Billionen US$. Die Liste der Milliardäre es sind 587 wird angeführt von Bill Gates: Er gewann in diesem Jahr zu seinen 40,6 Milliarden US$ sechs weitere Milliarden hinzu. Unter den ersten zwanzig der Reichsten der Reichen wir sprechen da von einem persönlichen Vermögen zwischen 46,6 und 12,4 Milliarden US$, ist auch Europa vertreten: zwei aus Deutschland, einer aus Frankreich, einer aus Russland, einer aus Schweden. Also keiner aus Italien, Großbritannien, Spanien. Aus den USA sind es 11.

Werden unsere Top Two öffentlich mit Neid betrachtet? Offenbar nicht. Erfolgreich arbeitende Unternehmer sind nicht umstritten. Umstritten sind höchstens ihre Methoden der Angestellteneinschüchterung.

Es ist die Kaste der oberen Manager, die sich selbst in den letzten Jahren unbedenklich desavouiert hat. Korrupten Politikern und raffgierigen Gewerkschaftsbossen folgend, haben einige von ihnen dafür gesorgt, dass die Leitfiguren der Wirtschaft mit Scharlatanen gleichgesetzt werden, die mit einer Schamlosigkeit sondergleichen ihre luxemburgisierten Vermögen und Abfindungen vermehren und zugleich die Entlassung von Arbeitern und Angestellten als neue Freiheit zur Selbstverantwortung preisen …

Wie lange, frage ich mich, werden wir noch mit sardonischem Gelächter zusehen, wenn dem Topmanagement bei Karstadt erst bei einem Defizit von 13 Milliarden Euro auffällt, dass wohl irgendetwas nicht läuft wie es sollte? Dass die Spitzenverdiener im Weltkonzern General Motors ihre Kraftfahrzeuge mit feinster Technik ausrüsten lassen, wirtschaftlich aber offenbar bloß die Handbremse bedienen können?

Zynismus, SchattenspielIch erinnere mich gut an meine jugendliche Frage: Warum verdienen denn die Direktoren soviel? Nun, weil sie eine so große Verantwortung und das ganze Risiko tragen, lautete damals, Anfang der Sechziger, die Antwort. Da lacht die vereinte Republik. Wie lange noch? Der Spott ist die Brücke zur Wut. Sehen Sie in die Gesichter derer, die vor den Toren der Opelwerke und den Türen der Kaufhäuser stehen und nicht wissen, wie lange noch, ob überhaupt noch, dahinter Arbeit sein wird. Ratlosigkeit. Unsicherheit. Bitterkeit. Angst. Das genau sind die Ingredienzien, aus denen der Volkszorn gemischt wird. Es genügt eine KanzlerBemerkung gegen die Mitnahmementalität von Sozialleistungsempfängern, um die Mischung entflammbar zu machen. Unerheblich ist, ob Schröders Feststellung stimmt: Er hätte wissen müssen, von wem der eine oder andere Schnorrer seine Selbstbedienungshaltung abgeschaut hat von der Belletage misswirtschaftender Manager. Verstehen Sie mich recht: Mir liegt nichts an Feindbildern wie meine Generation sie ´68 ziemlich pauschal entworfen hat. Was ich sehe, ist schlimmer: eine Oligarchie der Zyniker, denen meines Wissens ein einziger deutscher Politiker eine schlüssige Argumentation entgegenstellte: Heiner Geißler in seinem 1983 veröffentlichten Buch Kritik der zynischen Vernunft. Bezeichnend, dass seine Argumentation ihn bereits vor zwei Jahrzehnten den Parteifreunden suspekt gemacht hat. Er ist in seinem Denken einfach nicht bestechlich genug und spricht inzwischen mit bemerkenswerter Deutlichkeit von einem McKinseyStalinismus in der Weltwirtschaft.

Die Oligarchie derer, die via Kapital und Marktsteuerung jederzeit die Zahl der Arbeitslosen erhöhen und mit Arbeitsverlagerung ins Ausland drohen können, haben längst mehr Einfluss auf die Politik, als der Demokratie gut tut. In Zeiten hoher Arbeitslosigkeit können große Konzerne fast jede Maßnahme zur Gewinnmaximierung durch Erpressung erzielen: Tarifverträge aushebeln, Massenentlassungen durchsetzen, mit denen die Produktionskosten gesenkt und die Sozialsysteme der Gesellschaft belastet werden. Die Schamlosigkeit, mit der selbst ein nicht eben regierungsferner Großkonzern wie Volkswagen auf diesen Zug der Zeit aufspringt, verschlägt einem die Sprache. Was euphemistisch “Verschlankung” der Konzerne genannt wird, produziert vor allem eines: den Neid derer, die dem kaum mehr gebremsten Realkapitalismus schlichtweg geopfert werden. Diese Neidproduktion geschieht mit einer Bedenkenlosigkeit, die man entweder für Dummheit oder, dafür spricht vieles, für Zynismus halten muss.

Vermutlich wäre die Dominanz der Oligarchen wei terhin stillschweigend akzeptiert worden, hätten nicht zwei Faktoren die Lage geändert. Zum einen wurde die Erwartung an die rotgrüne Koalition in Berlin, bei notwendigen Reformen auf soziale Gerechtigkeit zu achten, enttäuscht. Zum andern haben die Oligarchen der Wirtschaft sich in einer Weise selbst bedient und über jede Kritik daran derart flegelhaft hinweggesetzt, dass sie inzwischen nur noch als gierig verschrien sind und zudem ihre Glaubwürdigkeit als Fachleute eingebüßt haben.

Die Selbstbeschädigung führender Personen in Wirtschaft und Politik ist von destruktiver Wirkung auf die gesamte Demokratie. Ich halte diese Zerstörung von oben für wesentlich gefährlicher als die Zerschlagungslust autonomer Gruppen an der Basis. Flächendeckende Politikverdrossenheit ist noch die mildeste unter den sozialpsychologisch erfassbaren Folgerungen. Wer sich und sein Amt der Lächerlichkeit preisgibt, wie dies beispiels weise Exbundeskanzler Kohl und Ministerpräsident Koch in ihren Spendenaffären getan haben, hat dem Ansehen unserer Demokratie und ihrer Institutionen vermutlich mehr geschadet als alle alten und jungen Nazis zwischen Eberswalde und Rosenheim. Von letzteren erwartet man nichts anderes als dummdreiste Demagogie. Von einem Kanzler oder Ministerpräsidenten jedoch muss das verlangt werden, was in der Staatslehre des Aristoteles Areté genannt wird. Ein Begriff, der Tugend und Tüchtigkeit, Können und Vortrefflichkeit verbindet, und zusammengefasst als Vorbildlichkeit übersetzt werden kann.

Wer als Staatsmann diese Areté durch Verlogenheit und windige Ausreden preisgibt, ja sich von ihr trennt, indem er Nebenverdienste oder Geldgeschäfte im Interesse der eigenen Partei falsch oder nicht angibt, der kann juristisch so unbelangbar sein wie ein Unschuldiger der Schaden, den er dem Ansehen der politisch verantwortlichen Klasse seines Landes zugefügt hat, überragt jede zivil oder strafrechtliche Dimension.

Darum fordert Aristoteles: Die Hauptsache aber ist in jeder Verfassung, dass durch Gesetze und die ganze übrige Staatseinrichtung die Verhältnisse so geordnet sind, dass man sich an den Staatsämtern nicht bereichern kann. Wenn nämlich die große Masse glaubt, dass die Regierenden sich am öffentlichen Gut vergreifen, dann schmerzt sie beides: sowohl von den Ehrenämtern ausgeschlossen zu sein als auch vom Gewinn.

Wenn heutzutage ein Lehrer seinen Schülern die Teilnahme an der Demokratie nicht mehr als erstrebens und erhaltenswert empfehlen kann, weil sie ihm mit sardonischem Gelächter die Namen Kohl und Koch entgegenrufen, dann ist diese Jugend in Gefahr, für ihre Begeisterungsfähigkeit und den altersgemäßen Hochmut andere Felder zu suchen, wo sie etwas oder jemanden findet, dem sie Achtung entgegenbringen kann. Ich bin überzeugt, dass jede Generation hinter ihrer natürlichen Ablehnung von Autorität nicht nur nach Identifikation mit selbst gewählten Leitfiguren strebt, sondern auch nach Persönlichkeiten in der politischen Klasse sucht, die achtbar wären. Findet sich die Areté aber nirgends, versagt Aristoteles zufolge auch die Erziehung. Und versage sie, so erwachse daraus ein Schaden für die Verfassung.

Wie eigentlich soll man einem jungen Menschen von Anfang Zwanzig, der nach Abschluss seiner Ausbildung keine sinnvolle Betätigung findet, beweisen, dass er in der bestmöglichen aller Staatsformen lebt? Und selbst wenn er das in Bezug auf die Freiheit noch glaubt,

  • was soll er in Bezug auf die zweite Säule der Demokratie, die Gleichheit, denken, wenn er sieht, wie Firmenvorstände, die aufgrund von Misswirtschaft oder Planungsunfähigkeit ihren Posten räumen müssen, dabei Abfindungen in einer Höhe mitgehen lassen, die er vermutlich bis zum Rentenalter nicht zusammenverdienen kann;
  • was schließlich von der dritten Säule der Demokratie, der Gerechtigkeit, wenn er doch weiß, dass Spendenvertuschung und Steuerhinterziehung geradezu sportlich betrieben werden, weil nur der geringste Teil je einer juristischen Ahndung anheimfällt;

und was von der charakterlichen Eignung von Politikern, wenn er hört, dass schwarze Gelder wahrheitswidrig als jüdische Vermächtnisse ausgegeben werden, in der Hoffnung, die Justiz werde dann nicht nachfragen. Diese abgefeimte Form des Antisemitismus, die den Holocaust als Tabuzone missbraucht, hat ihren hessischen Urheber nicht einmal die Wählbarkeit gekostet.

Wird ein junger Mensch mit diesen Erfahrungen nicht zu Recht fragen: Was bitte soll an dieser Demokratie frei, gleich und gerecht sein? Wo ist da noch Vorbildlichkeit? Warum soll das die beste gesellschaftliche Organisationsform sein? Und wofür soll ich mich engagieren, wenn die Werte der Demokratie ihren Repräsentanten so wenig bedeuten?

Wir müssten längst in breitem Maße diese Diskussion führen, die durchaus zum Vorteil der Demokratie zu bestehen ist, wenn wir die Schäden und die Schwächen benennen und öffentlich auf Abhilfe sinnen.

Doch was geschieht?

Wir diskutieren die Neidgesellschaft. Neid ist das SchlagWort, mit dem es gelingt, den Denkbann über die notwendigen Fragen zu verhängen. Auch in den nicht bibelfesten Zeitgenossen erhält sich geradezu archetypisch das Wissen vom Brudermord des Kain an Abel, der aus Neid darauf geschah, dass Gott Abels Opfer annahm, das von Kain aber nicht. Neid wird dadurch nicht nur als eine Schwäche unterstellt, die wir nicht eingestehen wollen: Wer möchte schon als missgünstig angesehen werden sondern der Neider gilt als gleichsam prädestiniert für Brudermord, den ersten und schlimmsten aller Morde.

Selbstverständlich wissen das diejenigen, die mit dem Wort Neid Erörterungen ersticken wollen, deren Ergebnisse für sie nicht erfreulich wären. Da sie die Information nicht kontrollieren können, streben sie nach Kontrolle über Schlussfolgerungen.

Die Zustände liegen in Form von Zahlenwerken auf dem Tisch man teilt uns ja die Abfindungssummen für Inkompetenz oder Käuflichkeit in der Presse mit. Wir erfahren genau, wie viele Angestellte von der Deutschen Bank im Jahr des Rekordgewinnes entlassen worden sind. Wer aber die Zahlen in einen argumentativen Zusammenhang bringt, wird bezichtigt, er schüre den Neid. Wo geschürt wird, muss Glut sein, und wo Glut ist, war zuvor ein Feuer. Wie wäre es denn, wenn man aus den Gewinnen des Geldinstituts, dividiert durch die gleichzeitigen Entlassungen seines Personals, einen Zynismusfaktor errechnete? Ich weiß, dass der sich eigentlich Dividende nennt. Aber der vorgeschlagene Begriff träfe die Sache doch besser.

Wer nährt den Neid? Wer spielt mit dem Feuer? Wer sind die Neidproduzenten? Jene, die wie ich hier darüber sprechen, dass der Titel Skandal für die uns allen bekannten Tatsachen eine Verharmlosung ist? Oder jene, die sich verschwenderische Apanagen und Abfindungen genehmigen oder genehmigen lassen und dann noch erklären, verglichen mit amerikanischen Managern seien sie arme Schlucker?

Wenn einige, weil sie zu tief in die Kasse gegriffen haben, dann doch wie aus Versehen vor einem Gericht erscheinen müssen, feixend und mit hochgestreckten VictoryFingern, habe ich den Wunsch, ihnen ein Gedicht von Erich Kästner vorzulesen; Ansprache an Millionäre heißt es, weil Milliardäre damals nicht vorstellbar waren. Ein Neidgedicht, in dem die Angesprochenen lesen:

Warum wollt ihr solange warten, / bis sie euren geschminkten Frauen / und euch und den Marmorpuppen im Garten / eins über den Schädel hauen? (…) Ihr seid die Herrn von Maschinen und Ländern. / Ihr habt das Geld und die Macht genommen. / Warum wollt ihr die Welt nicht ändern, / bevor sie kommen? (…) Der Mensch ist schlecht. Er bleibt es künftig. / Ihr sollt euch keine Flügel anheften. / Ihr sollt nicht gut sein, sondern vernünftig. / Wir sprechen von Geschäften. Das Gedicht, sehr viel länger und mit noch heftigeren strophischen Drohungen, stammt aus den frühen zwanziger Jahren.

Die politische These teilt Kästner mit Rolf Hochhuths McKinseyStück: Die Akkumulation von Geld und Einfluss in einer Oligarchie bei gleichzeitigen Einschnitten ins Volkseinkommen führt notwendig erst zum Bedürfnis nach einem Aufstand gegen die Oligarchen und schließlich zu kollektiver Gewalt.

Das will uns, vor allem in der Weise, wie Hochhuth es auf die Bühne gebracht hat, trotz Verständnis für den zugrunde liegenden Zorn etwas naiv vorkommen. In der Spaßgesellschaft ist weit und breit keine charismatische Person, kein revolutionärer Text, geschweige denn eine Bewegung sichtbar, die sich in der Lage sähe, das wachsende Potential an Zorn und Verbitterung zu einem Fanal zu bündeln. Auch sind die Institutionen des Rechts hierzulande so intakt, dass Jakob Burckhardts These vom Tyrannenmord nicht anwendbar ist. Dennoch stellt sich die Frage, wie lange das so bleibt, ob der unterstellte Neid sich nicht sehr rasch in konkreten und kollektiven Neid verwandeln kann, und was daraus folgen würde. Die Politologin Antje Schrupp stellt in ihrer Untersuchung des Neidgefühls fest: Neid, so wie er hierzulande kulturell verstanden wird, hat etwas mit Privilegien zu tun und mit der Vorstellung, dass den Menschen die Dinge, die sie haben dürfen, irgendwie zustehen müssen, dass sie ein Recht auf bestimmte Dinge haben und auf andere Dinge nicht. (…) Neid entsteht dann, wenn die Zuteilung der Privilegien mit diesen Rechten nicht übereinstimmt.

Was ist der rechte Weg?Das heißt: Der Neid erwischt uns an der Schaltstelle zwischen Recht und Unrecht in unserer Empfindung. Damit wäre er eine soziale Triebkraft auf dem Weg zur subjektiven Gerechtigkeit und genau so wird er in der linken Theorie auch gesehen. Alle politischen und sozialen Errungenschaften verdanken sich dem kreativen Potential des Neides. Nicht nur die Arbeiterbewegung auch der Kapitalismus, dessen Motor, der Wettbewerb, darauf beruht, dass jeder mindestens so viel haben will, wie der andere. Um zu sehen, wie gut das funktioniert, genügt es, einige Werbespots im Fernsehen auf ihre Wirkungsweise hin zu betrachten.

So weit, so gut. Jahrzehnte lang schien die Entwicklung abgeschlossen. Ein austariertes Gefüge von Maßnahmen sicherte eine gewisse soziale Balance, der Staat hatte ein Netz gespannt, für Erwerbslosigkeit, Krankheit, Arbeitsunfähigkeit waren Auffangsysteme eingerichtet, die dem Einzelnen das Gefühl gaben, ein so weit dies möglich ist gesichertes Leben zu führen. Jeder war nach Maßgabe seiner Fähigkeiten in die Pflicht für alle eingebunden jedenfalls gemäß der akzeptierten Theorie.

Dieses Gefühl verschwindet, seit der Schritt vom Kapitalismus zum Realkapitalismus vollzogen wurde. Plötzlich werden Verluste in einem Maße sozialisiert, das die Leistungsmöglichkeiten des Staates übersteigt. Einsparungen an den sozialen Gewährungen sind die Folge. Die Parolen wechseln von den Sachzwängen zur Globalisierung, und die Tatsache, dass die Schwächsten der Gesellschaft überhaupt keine Wahl haben, sich gegen die Beschneidung ihrer Interessen zu wehren, dass man ihnen gleichsam mitten in der Demokratie die Freiheit nimmt, wird mit der Formel bemäntelt: Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit. Kaum jemandem fällt auf, dass dies exakt der zynische Grundsatz des Realsozialismus gewesen ist, mit dem sich die DDR gegen den individuellen Freiheitsbegriff der westlichen Demokratien abgesetzt hatte.

Ist das nun bloß eine Verwirrung der Begriffe aufgrund einer verworrenen Vereinigung? Wohl kaum. Die Behauptung, man könne Sachzwängen nur folgen, ohne sie vorher interpretieren zu müssen; die Unterstellung, jeder Protest gegen das Verfahren der sogenannten Reformen entspringe dem Neid; die Preisgabe des Freiheitsbegriffs an eine, im übrigen interessengesteuerte Definition von unausweichlichen Maßnahmen all dies ist nicht nur ein philosophischer Verstoß gegen die DemokratieVoraussetzungen, wie Aristoteles sie erarbeitet hat.

Es ist zugleich die Bankrotterklärung sozialdemokratischer Politik. Man stelle sich nur einmal vor, die Sozialdemokraten hätten das Glück, in solcher Lage aus der Opposition heraus argumentieren zu können. Die gesamte gegenwärtige Rhetorik müsste ausgetauscht werden. Was nicht heißt, ich wünschte mir für die Reformen einen konservativen Vollzug. Er sähe vermutlich noch zynischer aus.

Ich nehme den üblichen Einwand vorweg und gebe zu: Nein, besser machen kann ich es freilich nicht. Ich habe mich wohlweislich niemals an eine solche Stelle wählen lassen. Das heißt nicht, Augen, Ohren und Mund zu verschließen. Vergessen wir nicht: Aristoteles war kein Staatsmann, er hielt Vorlesungen. Er dachte nach. Er beobachtete, zog Folgerungen. Und behielt stets die Zukunft, also die Jugend, folglich die Frage der Erziehung im Blick.

Die empfindlichste Stelle der Demokratie sind die Demokraten. Das heißt, die Demokratie bedarf einer Mehrheit von Menschen, die entscheidungsfähig sind. Das griechische Wort dafür heißt kritikós. Demokraten müssen kritisch sein können. Das bedeutet, sie bedürfen hinreichender Kenntnisse und der Fähigkeit, sie anzuwenden. Hierfür braucht es Geistesbildung. Demokratie ist durch Dummheit in Gefahr zu bringen. Mit Bildung meine ich nicht die Anhäufung von für kanonisch erklärten Kenntnissen die allerdings nicht schadet. In meinem Verständnis ist Bildung die Verwandlung von Wissen in Bewusstsein.

Rund hundert Jahre vor Aristoteles hat Demokrit von Abdera, der schöne Sätze über die Erziehung verfasst hat, gesagt: Bildung ist den Glücklichen Schmuck, den Unglücklichen Zuflucht. Er war es auch, der wusste: Es gibt gelegentlich Verstand bei den Jungen und Unverstand bei den Alten. Aber seinen unauffälligsten Satz Mehr Leute werden durch Übung tüchtig als durch Anlage greift Aristoteles in seiner Bildungstheorie auf, wo er sagt: Man muss in jeder Fähigkeit und Kunst zur Ausübung vorgebildet und vorher geübt worden sein, und so offenbar auch für das tugendhafte Verhalten.

Daraus leitet er das Schulmonopol des Staates in der Demokratie ab: Dass sich der Gesetzgeber in erster Linie um die Erziehung der Jungen kümmern muss, wird wohl niemand bestreiten. Wo es in den Staaten nicht geschieht, da erwächst auch ein Schaden für die Verfassung. Die Menschen müssen ja im Hinblick auf die jeweilige Verfassung erzogen werden.

Ich glaube, es ist nicht nötig, auszuführen, worin der Gegensatz zwischen unserer Lage im Bildungssystem und den genannten Grundforderungen besteht. Auch dass die Erziehungsaufgabe des Staates nicht den Vorrang hat, den sie haben müsste, weiß jeder. Ebenso, dass Schule nicht Ersatz bieten kann für das Gespräch am häuslichen Tisch, das vielerorts verstummt ist.

Doch eines will ich noch hinzufügen, das bei Aristoteles, vermutlich weil es so selbstverständlich war, nicht vorkommt: Demokraten bedürfen der Phantasie. Sie müssen nämlich in der Lage sein, Alternativen zum augenblicklichen Zustand zu erdenken, zu gestalten oder zu verwerfen. Von dieser Bewegung lebt Demokratie. Andernfalls verfällt sie zu einem bloßen Wettstreit um Besitzstandswahrung.

Die Phantasie nun, mit der jeder Mensch geboren wird, ist nicht beliebig verfügbar, sie muss trainiert werden wie ein Muskel. Neurophysiologen sagen: Das beste Training ist Lesen.

Auch hierzu muss ich keine weitere Beschwerde führen, jeder weiß, wie es darum steht und was die Folgen sind. Nur so viel an eigener Beobachtung: Lese ich an Schulen aus meinen Büchern, soll sich zumeist ein Gespräch anschließen, das ich gern führe. Zunehmend lästig wird, dass wir uns auf nichts mehr verständigen können: Ich will ja einen Austausch, greife nach Literaturkenntnissen, nach Geschichte, nach Kunst immer häufiger ist da nichts oder nur Nebelhaftes in diesen Leistungskursen vorhanden. Selbstverständlich ist das keine Frage der Intelligenz. Im Gegenteil, mir kommen die Schüler schneller, wendiger im Geist vor, als wir es waren. Was fehlt, sind Kenntnisse, auf deren Grundlage wir kommunizieren könnten. Nicht einmal die Geschichten des Alten und des Neuen Testaments lassen sich mehr voraussetzen. Komme ich auf Sagen, auf Märchen zu sprechen, rede ich in blanke Gesichter.

Man kann der Ansicht sein, dies sei nur ein Problem der Literatur, die sich ja, weil sie anders nicht kann, immer bezieht auf die Fülle der sprachlichen Kultur und ihre vorangegangenen Autoren. Wenn das nicht mehr verstanden wird, wenn also unser Schreiben auf keinen Kontext in den Köpfen der Leser mehr trifft nun, dann bleiben immer noch die Romane, die auf jeder beliebigen Tabula rasa ihre Trivialität ausbreiten; Zeitvertreibliteratur.

Es geht mir aber nicht um die Frage, ob wir vielleicht vor dem Ende der Literatur stehen, sondern darum, wovon das Gespräch zwischen den Generationen handeln kann. Ich bin kein Pädagoge, ich rede mich manchmal um Kopf und Kragen.

Regelmäßig frage ich Schüler, warum man eigentlich Literatur lesen sollte, und erhalte meist brave Antworten, Bücher gehörten nun mal zur Kultur. Wenn mich der Hafer sticht, entgegne ich: Literatur lesen wir, um zu erfahren, wie es anderen Menschen anderswo anderswann ergangen ist. Und zwar mit Kopf und Herz zu erfahren, nicht als Geschichtsbuchsatz, nicht als Statistik, sondern mitlebend, weinend, lachend, entsetzt oder voller Furcht. Wir lesen, weil wir wissen wollen, was das Leben sei. Das löst, weil ich nicht von Kunst spreche, immerhin zuweilen Protest aus und führt uns über kurz oder lang zur Frage nach dem persönlichen Glück.

Wenn wir dann alle materiellen Glücksattribute zurückgewiesen und abgelegt haben was ein schöner Grundkurs in Phantasie ist geraten wir oft in ein längeres Gespräch, das für mich die reine Freude ist. So offen und sanft über das Leben nachdenken konnten wir in diesem Alter nicht. Irgendwie kommen wir dann doch zurück auf die Frage der Bildung, und ich greife zu meinem Demokrit: Bildung ist den Glücklichen Schmuck, den Unglücklichen Zuflucht. Nun wissen vielleicht manche besser, wie hilfreich es sein kann, im Kopf Bücher mit sich herumzutragen, die bestehen, wenn alles andere sich als unbeständig erwies.

Es ist ein ebenso großes Verbrechen an den Jugendlichen, sie nicht an die Möglichkeiten ihrer Phantasie heranzuführen, wie ihnen keine Ausbildungsplätze anzubieten. Es ist ein Verbrechen, kein Versäumnis. Es ist, als ob man ihnen ein Bein oder einen Arm abschlüge. Und es ist für den Bestand der Demokratie geradezu grob fahrlässig, wenn wir Wähler heranwachsen lassen, die aufgrund mangelnder Bildung und mangelnder Phantasie ihre möglichen Fähigkeiten zur Entscheidung verfehlen.

Täuschen wir uns nicht: Je geringer die Lust an der Ausübung des Wahlrechts, umso stärker die mögliche Attraktion simpler, scheinbar griffiger Po litikmodelle. Ideologie und Gewalt profitieren stets von Ratlosigkeit, Neid, Verzweiflung, Bildungsmangel und ungerichteter Begeisterungsfähigkeit.

Es muss daraus keine Bewegung entstehen. Schon wachsende Unruhe kann eine Demokratie an den Rand ihrer Selbstzerstörung treiben, weil sie zum eigenen Schutz Methoden ergreift, die ihre Freiheitlichkeit beschädigen. Ich erinnere mich gut an die späten Siebziger, als die Bundesrepublik zur Bekämpfung der RAF sich fast in jenen Staat verwandelte, den die Terroristen sich als Feindbild erfunden hatten.

Auch heute gilt: Wirksame TerrorBekämpfung beschädigt immer zugleich die bürgerlichen Freiheiten. Also muss auch hier der vorauslaufenden politischen Vermeidung von Gewalt alle Priorität zukommen. Aber das ist ein anderes, weites Feld. Nur sollten wir uns von der weltideologischen Parole Kampf gegen den Internationalen Terrorismus nicht so viele Freiheitsbegrenzungen aufschwätzen lassen, dass wir uns am Ende fragen müssen, was an unserer Gesellschaft eigentlich noch die Verteidigung lohnt.

Nehme ich abschließend zusammen: den Übermut der Ämter mit dem Zynismus der Funktionäre; den Verlust von Vorbildlichkeit in der Politik mit der Schwäche der demokratischen Institutionen; die Bildungsmisere mit dem Chancenmangel der jungen Generation dann kann ich nicht anders: Ich muss daraus Alarmzeichen lesen und sie auch so benennen. Nicht aus Neid auf die Milliardäre. Nicht aus Nostalgie für die Revolte meiner Jugendzeit. Sondern aus Sorge. Ich möchte gern gewissenhaft und mit dem notwendigen Maß an Rechtssicherheit und Ruhe nachdenken dürfen und, auf der Kraft des Wortes insistierend, meinen Beruf ausüben. Ich bin nicht bereit, für ein paar Spitzenegoisten und die Laufruhe ihrer Zwölfzylinder das Feuer an meiner Haustür zu riskieren. Ich bin ein spießiger Demokrat. Nicht neidisch. Aber an Frieden interessiert.

Gert Heidenreich


50 Jahre Denkanstöße für eine friedlichere Welt

Quelle: Studiengesellschaft für Friedensforschung

Die Studiengesellschaft für Friedensforschung hat verschiedene Schriften in Form von «Denkanstößen» herausgebracht, welche auch in gedruckter Form erhältlich sind. Wer hier Interesse hat, kann diese gerne unter der u.a. Kontaktadresse beziehen.

Studiengesellschaft für Friedensforschung e.V.
Fritz-Baer-Straße 21
81476 München
Telefon/Fax (0 89) 724 471 43
E-Mail: info@studiengesellschaft-friedensforschung.de

Bild- und Grafikquellen:

  1. Beitragsbild: »Zitat Karl Gutzkow« – http://gutezitate.com
  2. »Manager« – www.pixabay.com
  3. »Gewalt ist keine Lösung« – moritz rothacker  / pixelio.de
  4. »Zynismus, Schattenspiel« – www.pixabay.com
  5. »Was ist der rechte Weg?« – www.pixabay.com

Können China und Russland Washington aus Eurasien hinausdrücken?

Dies ist in meinen Augen eine gute Analyse, was keineswegs heißt, dass ich mit allem einverstanden bin. Dass auch Pepe Escobar so große Hoffnungen auf Deutschland setzt, wie Craig Roberts auch, finde ich interessant.

von Pepe Escobar

Ein Gespenst sucht das schnell alternde “Neue Amerikanische Jahrhundert” heim: die Möglichkeit einer künftigen Beijing-Moskau-Berlin strategischen Handels- und Wirtschafts-Allianz. Nennen wir sie BMB.

Das Nato-Hauptquartier in Brüssel.

Das Nato-Hauptquartier in Brüssel.

Deren Wahrscheinlichkeit wird ernsthaft auf höchster Ebene in Beijing und Moskau diskutiert und wird mit Interesse in Berlin, Neu Delhi und Teheran beobachtet. Aber sprecht nicht davon in Washingtons Umgebung oder im NATO-Hauptquartier in Brüssel.

Dort ist der Star der Show heute und morgen der neue Osama bin Laden: Kalif Ibrahim, alias Abu Bakr al-Baghdadi, der schwer fassbare, selbsternannte Enthauptungs-Prophet eines neuen Mini-Staates und einer Bewegung, die den Hysterikern in Washington und sonstwo ein Akronym-Fest bescherte – ISIS – ISIL – IS.

Egal, wie oft Washington ein Remix vom Globalen Krieg gegen den Terror macht, so verschieben sich die tektonischen Platten der eurasischen Geopolitik fortlaufend, und sie werden damit nicht aufhören, nur weil amerikanische Eliten sich weigern zu akzeptieren, dass ihr historisch kurzer “unipolarer Moment” am Schwinden ist. Für sie ist das Ende der Ära der “full spectrum dominance” (allumfassende Vorherrschaft – wie das Pentagon es zu nennen beliebt) unvorstellbar. Schließlich ist die Notwendigkeit für die unentbehrliche Nation, alle Räume zu kontrollieren – militärisch, ökonomisch, kulturell, Cyber und das Weltall – nahezu eine religiöse Doktrin. Im besten Fall bringt man es zu “Koalitionen der Willigen” wie jene, die mit “über 40 Ländern” vollgepackt wurde, um ISIS/ISIL/IS zu bekämpfen, die entweder applaudieren oder im Hintergrund Ränke schmieden oder die ein oder zwei überflüssige Flugzeuge nach Irak oder Syrien schicken.

Die NATO, die anders als ihre Mitglieder nicht offiziell den Dschihadismus bekämpfen will, bleibt ein von oben nach unten von Washington kontrolliertes Werkzeug. Sie bemühte sich nie ernsthaft, die EU aufzunehmen oder zu erlauben, dass die Russen sich als Europäer “fühlen”. Was den Kalifen angeht, ist er nur ein kleiner Zeitvertreib. Ein postmoderner Zyniker könnte sogar behaupten, er sei von China und Russland auf das globale Spielfeld geschickt worden, um den Blick der Hypermacht des Planeten vom Ball abzulenken.

Wie will man also ‘full spectrum dominance’ anwenden, wenn in der Tat zwei konkurrierende Mächte, Russland und China, ihre Anwesenheit bemerkbar machen? Washingtons Herangehen gegenüber beiden – in der Ukraine und in den Gewässern Asiens – könnte als ‘teile und isoliere’ Methode bezeichnet werden.

Um den Pazifik als klassischen “amerikanischen Teich” beizubehalten, hat Obama sich seit einigen Jahren Asien “zugewandt”. Das hat nur bescheidener militärischer Umstellungen bedurft, aber einen nicht so bescheidenen Versuch, den chinesischen Nationalismus gegen die japanische Variante anzustacheln, während man die Allianzen und Beziehungen in ganz Südostasien stärkte mit Fokus auf den Energiestreit im Südchinesischen Meer. Gleichzeitig versuchte man, ein künftiges Handelsabkommen, die Trans-Pacific Partnerschaft (TPP) unter Dach und Fach zu bekommen.

An Russlands westlicher Grenze hat Obama die Glut von Regimewechsel in Kiew zu einem Feuer angefacht (vom Beifall Polens und des Baltikums begleitet) und zu etwas, was für Putin und die russische Führung eindeutig wie eine existentielle Bedrohung aussah. Anders als die USA, deren Einflussbereich (und Militärbasen) global ist, hat Russland keinerlei bedeutenden Einfluss in seinem ehemaligen näheren Ausland beibehalten, außer in Kiew, das für die meisten Russen keineswegs “Ausland” ist.

Für Moskau sah es so aus, als ob Washington und seine NATO-Alliierten immer stärker interessiert waren, einen neuen eisernen Vorhang um ihr Land vom Balikum bis zum Schwarzen Meer zu errichten, von dem die Ukraine nur der Anfang war. In BMB-Begriffen kann man es als Versuch sehen, Russland zu isolieren und eine neue Barriere für die Beziehungen zu Deutschland zu errichten. Das ultimative Ziel würde sein, Eurasien zu spalten und künftige Bemühungen für Handels- und Wirtschafts-Beziehungen zu verhindern, die nicht von Washington kontrolliert werden.

Aus Beijings Gesichtspunkt war die Ukraine der Punkt, an dem Washington jede nur denkbare rote Linie überschritt, um Russland zu schikanieren und zu isolieren. Für seine Führer sieht es wie ein konzertierter Versuch aus, die Region zu destabilisieren in einer Art, die amerikanischen Interessen dient, der voll und ganz von Washingtons Eliten, angefangen bei den Neocons und ‘Kalter Krieg’-Liberalen bis zu den humanitären Interventionisten vom Schlag Susan Rice und Samantha Power gestützt wird. Wenn man natürlich der Ukraine-Krise von Washington aus gefolgt ist, sind derlei Perspektiven ebenso fremd wie Marsmenschen. Aber die Welt sieht vom Herzen Eurasiens anders aus als in Washington – besonders aus der Sicht des aufstrebenden China mit seinem gerade gemünzten “chinesischen Traum”.

Wie er von Präsident Xi Jinping dargelegt wurde, würde dieser Traum ein künftiges Netzwerk von chinesisch-organisierten neuen Seidenstraßen umfassen, wodurch das Äquivalent eines Trans-Asien-Express für den eurasischen Handel geschaffen würde. Wenn Beijing z. B. Druck von Washington und Tokyo an der Seefront spürt, ist Teil seiner Antwort ein zweigleisiges Vordringen auf der eurasischen Landmasse, ein Gleis über Sibirien und das andere durch die zentralasiatischen Länder, die mit “Stan” enden.

In diesem Sinn, obwohl ihr es nicht wüsstet, wenn ihr nur den US-Medien oder “Debatten” in Washington folgt, betreten wir potentiell eine neue Welt. Es war einmal, noch nicht so lange her, dass Beijings Führung mit der Idee spielte, das geopolitische/ökonomische Spiel gemeinsam mit den USA neu zu ordnen, während Putins Moskau die Möglichkeit andeutete, eines Tages der NATO beizutreten. Das ist vorbei. Heute sind beide Länder an einem möglichen künftigen Deutschland interessiert, das nicht mehr durch US-Macht und Washingtons Wünsche beherrscht wird.

BRICS 2014 Dilma Rousseff Brasilien Manmohan Singh Indien Vladimir Putin Russland Xi Jinping China Jacob Zuma Suedafrika Fortaleza Entwicklungsbank SchwellenlaenderMoskau hat tatsächlich nicht weniger als ein halbes Jahrhundert einen strategischen Dialog mit Berlin geführt, bei dem es um industrielle Kooperation und zunehmend wechselseitig Energie-Abhängigkeit ging. Dies ist in vielen Teilen des globalen Südens beobachtet worden und Deutschland wird schon als die sechste “BRICS”-Macht gesehen (nach Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika).

Inmitten der globalen Krise, die von Syrien bis Ukraine reicht, scheinen Berlins geostrategische Interessen langsam von Washingtons abzuweichen. Deutsche Industrielle insbesonders scheinen eifrig unbegrenzte Handelsdeals mit China und Russland zu verfolgen. Dies könnte ihr Land auf den Weg zu globaler Macht bringen, nicht beschränkt von EU-Grenzen, und langfristig ein Ende der Ära signalisieren, in der Deutschland, wie höflich auch immer behandelt, im wesentlichen ein amerikanischer Satellit war.

Es wird ein langer und gewundener Weg werden. Der Bundestag ist immer noch einer starken atlantischen Agenda verfallen und einem vorbehaltlosen Gehorsam gegenüber Washington. Es gibt immer noch Zehntausende amerikanische Soldaten auf deutschem Boden. Dennoch hat die deutsche Kanzlerin Angela Merkel zum ersten Mal gezögert, als es um noch mehr Sanktionen gegen Russland wegen der Situation in der Ukraine ging, weil nicht weniger als 300 000 Arbeitsplätze von den Beziehungen mit Russland abhängen. Industriekapitäne und das Finanz-Establishment haben bereits Alarm geschlagen, weil sie fürchten, dass derlei Sanktionen völlig kontraproduktiv sind.

Chinas Seidenstraßen Bankett

Chinas neue geopolitische Machtspiel in Eurasia hat wenig politische Parallellen in der modernen Geschichte. Die Tage, als der “Kleine Steuermann” Deng Xiaoping darauf bestand, dass das Land auf der globalen Ebene “sich unverdächtig verhalten” solle, sind längst vorbei. Natürlich gibt es Unstimmigkeiten und einander widersprechende Strategien, wenn es um das Verhalten zu den hot spots geht: Taiwan, Hongkong, Tibet, Xinjiang, das Südchinesische Meer, die Konkurrenten Indien und Japan, und problematische Alliierte wie Nordkorea und Pakistan. Und Unruhen im Volk in manchen von Beijing kontrollierten “Peripherien” erreichen ihren Brennpunkt.

Die wichtigste Priorität des Landes liegt im Inland und ist auf die Durchführung von Xis ökonomischen Reformen gerichtet, die Erhöhung der “Transparenz” und der Kampf gegen die Korruption in der herrschenden Kommunistische Partei. Lange danach kommt an zweiter Stelle die Frage, wie man sich nach und nach schützt gegen Pentagons “pivot”-(Schwerpunkt) Pläne in der Region – durch Ausbau der Hochseeflotte, atomare U-Boote und eine technologisch moderne Luftwaffe – ohne zu aggressiv zu wirken, dass Washingtons Establishment mit der “China-Bedrohung” im Kopf ausflippt.

Unterdessen, da die US-Navy auf absehbare Zeit noch die Weltwasserwege beherrscht, geht die Planung der neuen Seidenstraßen quer durch Eurasien flott voran. Das Endergebnis wird ein Triumph integrierter Infrastruktur sein – Straßen, Hochgeschwindigkeitstrassen, Pipelines, Häfen – die China mit Westeuropa und dem Mittelmeer, dem Mare Nostrum des alten Rom, in jeder erdenklichen Hinsicht verbindet.

In einer umgekehrten Marco Polo-Reise, ein Remix für die Google Welt, wird ein Schlüsselzweig der Seidenstraße von der früheren kaiserlichen Hautpstadt Xian über Ürümqi in der Provinz Xinjiang durch Zentralasien, Iran, Irak und Anatolien in der Türkei gehen und in Venedig enden. Ein weiterer Zweig wird maritimer Natur sein mit Beginn in der Provinz Fujian über die Straße von Malakka, den Indischen Ozean, Nairobi in Kenya und dann über den Suezkanal zum Mittelmeer.

Zusammengenommen ist es das, was Beijing den ökonomischen Gürtel der Seidenstraße nennt.

Neue Seidenstraße

Chinas Strategie ist es, ein Netzwerk von Zwischenverbindungen zu schaffen zwischen nicht weniger als fünf bedeutenden Regionen: Russland (die Brücke zwischen Asien und Europa), die “Stan”Länder Zentralasien, Südwestasien (mit wichtigen Rollen für Iran, Irak, Syrien, Saudiarabien und die Türkei), den Kaukasus und Osteuropa (einschließlich Belarus, Moldawien und – abhängig von seiner Stabilität – Ukraine. Und Afghanistan, Pakistan und Indien nicht zu vergessen, die man als extra Seidenstraße denken kann.

Diese extra Seidenstraße würde den ökonomischen Korridor Bangladesch-China-Indien-Myanmar mit dem ökonomischen Korridor China-Pakistan verbinden und könnte China einen bevorzugten Zugang zum Indischen Ozean bieten. Nochmal, das Gesamtpaket – Straßen, Hochgeschwindigkeitstrassen, Pipelines und Fiberoptic-Netzwerke – würde die Regionen mit China verbinden.

Xi persönlich machte die Indien-China Verbindung zu einem hübschen Paket in einem Leitartikel, der vor seiner Reise nach Neu Delhi in The Hindu veröffentlicht wurde. “Die Verbindung der ‘Fabrik der Welt’ mit dem ‘Büro der Welt’ “, so schrieb er, “wird die konkurrenzkräftigste Produktionsbasis und den attraktivsten Verbrauchermarkt hervorbringen.”

Der zentrale Knotenpunkt von Chinas ausgeklügelter Planung für die Zukunft Eurasiens ist Ürümqi, die Hauptstadt der Provinz Xinjiang und der Ort der größten Handelsmesse in Zentralasien, die China-Eurasia-Messe. Seit 2000 ist es eine von Beijings Top-Prioritäten gewesen, diese überwiegend aus Wüsten, aber erdölreiche Provinz um jeden Preis zu urbanisieren und zu industrialisieren. Und dazu gehört, wie Beijing es sieht, die eiserne Sinisierung der Region, mit der Begleiterscheinung der Unterdrückung jeder Möglichkeit von Widerspruch der Uighuren. Der General der Volksbefreiungsarmee Li Yazhou hat Zentralasien mit den Worten beschrieben: “das köstlichste Stück Kuchen, das der Himmel dem modernen China schenkte.”

Chinas Vision eines neuen Eurasien mit Beijing verknüpft auf jede Art von Transport und Kommunikation wurde lebendig und detailliert beschrieben in “Marching Westwards: The Rebalancing of Chinas Geostrategy” (Der Marsch nach Westen: Eine Neuausrichtung von Chinas Geostrategie), ein bedeutender 2012 veröffentlichter Essay von dem Wissenschaftler Wang Jisi vom Zentrum für Internationale und Strategische Studien an der Uni Beijing. Als Antwort auf solch eine Zukunft eurasischer Verbindung war das Beste, was Obama hervorbrachte, eine Version der Eindämmung zu Wasser zwischen Indischem Ozean und dem Südchinesischen Meer sowie der Verschärfung der Konflikte und Bildung strategischer Allianzen um China von Japan bis Indien. (Der NATO wird die Eindämmung Russlands in Osteuropa zugewiesen.)

Ein Eiserner Vorhang versus Seidenstraße

Der 400 Mrd. $ ‘Gasdeal des Jahrhunderts’, der von Putin und Xi Jinping im Mai unterzeichnet wurde, legte den Grund für den Bau der Sibirien-Pipeline, mit deren Bau in Yakutsk begonnen wurde. Sie wird eine Flut von russischem Naturgas auf den chinesischen Markt bringen. Sie stellt eindeutig den Beginn einer turbogeladenen, energiebasierten strategischen Allianz dar zwischen den beiden Ländern.

Struktur des russischen GasexportsUnterdessen ist deutschen Geschäftsleuten und Industriellen eine weitere Realität aufgegangen: so wie der Markt für Produkte Made-in-China über die neue Seidenstraße Europa sein wird, so gilt auch die Umkehrung. In einer möglichen Handelszukunft ist China bis 2018 als Deutschlands wichtigster Handelspartner vorgesehen, wobei die USA und Frankreich überholt werden.

Eine potentielle Barriere für solch eine Entwicklung ist der für Washington willkommene Kalte Krieg 2.0, der bereits nicht die NATO, aber die EU auseinanderreißt. In der EU gehört gegenwärtig England, Schweden, Polen, Rumänien und das Baltikum zum anti-russischen Lager. Italien und Ungarn können zum pro-russischen Lager gerechnet werden Das unberechenbare Deutschland ist der Schlüssel, ob die Zukunft einen neuen Eisernen Vorhang bringt oder eine “Ostwärts”-Gesinnung. Und dafür ist die Ukraine der Schlüssel. Wenn es erfolgreich finlandisiert wird (mit bedeutender Autonomie für seine Regionen), wie Moskau vorgeschlagen hat – ein Vorschlag, der in Washington Anathema ist – wird der “ostwärts”-Weg offen bleiben. Wenn nicht, wird eine BMB Zukunft ein riskantes Unterfangen sein.

Es sollte angemerkt werden, dass noch eine andere Vision einer eurasischen ökonomischen Zukunft am Horizont erkennbar ist. Washington versucht, eine Transatlantic Trade and Investment Partnership (TTIP) Europa und eine ähnliche Trans-Pacific Partnership (TPP) Asien aufzuzwingen. Beide sind von Vorteil für die globalisierten US-Multis und ihr Ziel ist eindeutig, den Aufstieg der BRICS-Wirtschaften und das Entstehen neuer Märkte zu behindern, und gleichzeitig die US-globale ökonomische Hegemonie zu festigen.

Zwei harte Fakten, sehr wohl in Moskau, Beijing und Berlin bemerkt, deuten auf die eiserne Geopolitik hinter diesen beiden “Handelsabkommen”. Die TPP schließt China aus und die TTIP Russland. Sie stellen die kaum verhüllten Stränge eines künftigen Handels/Geld-Krieges dar. Bei meinen Reisen erzählten mir wiederholt Produzenten von landwirtschaftlichen Qualitätsprodukten in Spanien, Italien und Frankreich, dass die TTIP nichts anderes als eine ökonomische Version der NATO ist, die Militär-Allianz, die Xi Jinping, vielleicht ein Wunschdenken, eine “obsolete Struktur” nennt.

Es gibt großen Widerstand gegen die TTIP in vielen EU-Ländern (besonders in den Club Med-Ländern Südeuropas) wie auch gegen die TPP in Ländern Asiens (besonders Japan und Malaysia). Genau dies gibt den Chinesen und Russen Hoffnung für ihre neuen Seidenstraßen und eine neue Art von Handel quer über das eurasische Herzland, mit Hilfe der russischen Eurasien-Union. Schlüsselfiguren der deutschen Geschäfts-und Industriewelt, für die Beziehungen zu Russland wesentliche bleiben, achten sehr genau auf diese Dinge.

Letztendlich hat Berlin keine überwältigende Sorge für den Rest der Krisen-geschüttelten EU (drei Rezessionen in fünf Jahren) gezeigt. Über die äußerst verachtete Troika – die Europäische Zentralbank, der IWF und die Europäische Kommission – ist Berlin, in jeder praktischen Hinsicht, bereits am Ruder Europas, wobei es gedeiht und ostwärts schaut nach mehr.

Zu den Regierungskonsultationen betont Merkel, wie wichtig es sei, "dass wir die Strukturen kontinuierlich gestalten, damit unsere Zusammenarbeit auf einer verlässlichen, berechenbaren Grundlage erfolgt".

Zu den Regierungskonsultationen betont Merkel, wie wichtig es sei, “dass wir die Strukturen kontinuierlich gestalten, damit unsere Zusammenarbeit auf einer verlässlichen, berechenbaren Grundlage erfolgt”.

Vor drei Monaten besuchte die deutsche Kanzlerin Beijing. Kaum berichtet in den Nachrichten wurde die politische Beschleunigung eines potentiell bahnbrechenden Projekts: eine durchgängige Hochgeschwindigkeitsverbindung zwischen Beijing und Berlin. Wenn sie wirklich gebaut wird, wird sie sich als Transport- und Handelsmagnet für dutzende Länder längs der Route von Asien nach Europa erweisen. Indem sie über Moskau führt, könnte sie der ultimative Seidenstraßenintegrator für Europa werden und der ultimative Alptraum für Washington.

Russland “verlieren”

Im Zentrum der Medien-Aufmerksamkeit hat der jüngste NATO-Gipfel in Wales nur eine bescheidene “schnelle Eingreiftruppe” für den Einsatz in einer künftigen Ukraine- ähnlichen Situation gebracht.

Unterdessen traf sich die expandierende Shanghai Cooperation Organization (SCO), eine mögliche asiatische Entsprechung für die NATO, in Dushanbe, Tadschikistan. In Washington und Westeuropa kaum beachtet. Hätte man aber sollen. Dort kamen China, Russland und vier ‘Stan’Länder Zentralasiens überein, eine eindrucksvolle Reihe neuer Mitglieder aufzunehmen: Indien, Pakistan und Iran. Die Implikationen sind weitreichend. Schließlich ist Indien unter Premier Narendra Modi kurz vor einer eigenen Version der Seidenstraßen-Manie. Dahinter steht die Möglichkeit einer “Chindia” ökonomischen Annäherung, die die eurasische geopolitische Karte verändern könnte. Gleichzeitig wird auch der Iran in die “Chindia”-Gruppe eingegliedert.

Shanghaier Organisation für ZusammenarbeitDie SCO entwickelt sich langsam aber sicher in die bedeutendste internationale Organisation in Asien. Es ist bereits klar, dass eins der wichtigsten langfristigen Ziele die Beendigung der Handels mit dem US-Dollar ist, bei gleichzeitiger Förderung des Petroyuan und Petrorubels im Energiehandel. Die USA werden natürlich nie in diese Organisation aufgenommen werden.

All dies liegt jedoch in der Zukunft. Gegenwärtig signalisiert der Kreml, dass er wieder Gespräche mit Washington aufnehmen will, während Beijing damit nie aufgehört hat. Doch die Obama-Verwaltung bleibt kurzsichtig in ihre Version eines Null-Summen-Spiels eingehüllt, indem sie sich auf ihre technologische und militärische Macht verlässt, ihre vorteilhafte Position in Eurasien zu behalten. Beijing jedoch hat Zugang zu Märkten und jede Menge Bargeld, während Moskau jede Menge Energie hat. Eine Dreieckskooperation zwischen Washington, Beijing und Moskau wäre zweifelsfrei – wie die Chinesen sagen würden – ein win-win-win-Spiel, aber erwartet nicht zu viel!

Erwartet stattdessen, dass China und Russland ihre strategische Partnerschaft vertiefen und weitere regionale eurasische Mächte an sich binden. Beijing hat Haus und Hof gewettet, dass die US/NATO-Konfrontation mit Russland wegen der Ukraine, Putin nach Osten treiben wird. Gleichzeitig wägt Moskau sorgfältig ab, was seine Reorientierung auf ein solche ökonomisches Kraftzentrum bedeuten wird. Es ist möglich, dass eines Tages Stimmen der Vernunft in Washington sich laut fragen werden, wie die USA Russland an China “verloren” haben.

Unterdessen könnt ihr von China als einem Magneten für eine neue Weltordnung in einem künftigen eurasischen Jahrhundert denken. Derselbe Integrationsprozess, dem Russland gegenübersteht, scheint z. B. auch zunehmend für Indien und andere eurasische Länder zu gelten und vielleicht, früher oder später auch für eine neutrales Deutschland. Am Ende eines solchen Prozesses wird sich die USA allmählich aus Eurasien rausgedrängt finden, und BMB wird das Spiel bestimmen. Platziert eure Wetten bald. 2025 werden sie fällig.

Pepe Escobar


Quelle: The Vineyard of the Saker – Deutsche Version – von

Autor: Der 1954 geborene Pepe Escobar aus Sao Paulo, Brasilien ist einer der herausragendsten Journalisten unserer Zeit. Escobar, der vom früheren CIA-Analysten Ray McGovern schlichtweg “der Beste“ genannt wird, arbeitet für Asia Times Online. Darüber hinaus ist er der Autor dreier Bücher: Globalistan: How the Globalized World is Dissolving into Liquid War, Red Zone Blues: a snapshot of Baghdad during the surge und Obama does Globalistan.

Escobar war als Auslandskorrespondent seit 1985 u.a. in London, Mailand, Los Angeles, Paris, Singapur und Bangkok tätig. Seit den späten 1990er Jahren hat er sich auf die Berichterstattung von geopolitischen Geschichten aus dem Nahen Osten und Zentralasien spezialisiert. In diesem Rahmen hat er im letzten Jahrzehnt aus Afghanistan, Pakistan, Irak, Iran, den zentralasiatischen Republiken, China und den USA berichtet. Im Frühjahr/Sommer 2001 war er in Afghanistan / Pakistan, hat den militärischen Führer der Anti-Taliban-Nordallianz, Ahmad Shah Massud, nur wenige Wochen vor dessen Ermordung interviewt, und erreichte als einer der ersten Journalisten die afghanische Hauptstadt Kabul nach dem Rückzug der Taliban. Er ist ein ausgewiesener Experte für das  Netzwerk von Pipelines, das die Länder des Nahen und Mittleren Ostens, Zentralasiens, Russlands und Europas umgibt – dem von ihm so getauften “Pipelineistan”.

Für Asia Times Online ist er als ‘The Roving Eye’, das heißt: “Das Wandernde Auge“ unterwegs, um vor allem geopolitische Weltereignisse, aber auch die Art, wie sie in den Medien präsentiert werden, zu diskutieren.

Bild- und Grafikquellen:

  1. Beitragsbild: »Das wandernde Auge« – Pixabay.com
  2. »Natohauptquartier in Brüssel« – http://www.nzz.ch (Bild: Imago)
  3. »BRICS 2014« – Wikipedia CC
  4. »Die neue Seidenstraße« – Quelle: french.xinhuanet.com
  5. »Struktur des russischen Gasexports« – http://de.ria.ru
  6. »Merkel zu Besuch in China« – http://www.bundeskanzlerin.de
  7. »Logo SCO« – Wikipedia CC

Macht macht untertan – Die Unvereinbarkeit von staatlicher Macht und Demokratie

von Herbert Ludwig

Die Macht über Menschen ist allen bisherigen Herrschaftsformen des Staates immanent. Die umfassendste Ausprägung uneingeschränkter Herrschaft Einzelner über alle anderen finden wir geschichtlich in den vorderasiatischen Theokratien und im späteren Gottesgnadentum der Monarchien (s. Der Staat als Instrument). In ihnen erlebte sich der einzelne Mensch noch als ein unselbständiges Glied der Gemeinschaft des Stammes oder Volkes, die vom Herrscher repräsentiert wurde. Das von diesem gelenkte soziale Ganze war Selbstzweck und Rechtfertigung in sich. Es umhüllte und versorgte kulturell, wirtschaftlich und durch die Sicherheit der staatlichen Ordnung den Einzelnen, der dem gleichsam übermenschlichen Herrscher dafür Dankbarkeit und selbstverständlichen Gehorsam entgegenbrachte. Dieser hierarchische Staat „setzte ein kindhaftes unmündiges Volk von Untertanen voraus. Die Überlegenheit staatlicher Autorität über den Einzelnen entsprach durchaus dem väterlichen Willen auf Gehorsam von Seiten des Kindes.“ [1]

Die Emanzipation der Persönlichkeit

FreiheitAus dieser Unmündigkeit hat sich die Menschheit allmählich herausentwickelt. Mit der in Griechenland entstehenden Fähigkeit des begrifflichen Denkens erwachte in den Menschen ein wachsendes Selbstbewusstsein, das sich darauf stützte, die Wahrheit im eigenen Denken selbst erkennen und danach handeln zu können, ohne auf die Autorität von Herrschern und Priestern angewiesen zu sein (s. Die Aufgabe Europas). Darin wurden alle Menschen gleich: aus eigener Erkenntnis ihr Handeln selbst bestimmen und darin ihre Persönlichkeit frei entfalten zu können. Das macht letztlich die Würde des Menschen aus.  [2] Jeder Anspruch eines der Gleichen, den anderen ihr Denken und Handeln inhaltlich vorzuschreiben, ist die hohle Anmaßung, ihnen nicht gleich zu sein, sondern höher zu stehen. Es ist der Rückgriff in überwundene Zeiten, das egoistische Festkrampfen an hierarchischen Machtstrukturen, das sich feindlich der Entwicklung des Menschen entgegenstellt. Es ist die fundamentale Verletzung der Gleichheit und Freiheit, der Würde des anderen Menschen.

Es war ein langer Weg, die Usurpatoren der Macht vom angemaßten Thron zu stoßen, der in der Französischen Revolution eine Kulmination erreichte. Aber Freiheit wurde nur als Freiheit vom Joch der Königs- und Adelsherrschaft verstanden, und an deren Stelle trat die „Herrschaft des Volkes“ bzw. die Herrschaft einer gewählten Mehrheit von Volksvertretern. Damit ist die Befreiung des Menschen auf halbem Wege stecken geblieben, bis heute. Denn es geht doch darum, „die Alleinherrschaft eines Einzelnen in eine Herrschaft aller Einzelnen umzuwandeln, d. h., das Selbstbestimmungsrecht des einzelnen Bürgers sollte den absoluten Herrschaftsanspruch überhaupt ablösen.“ Es kommt nicht darauf an, „den Machtstaat in den Händen eines Einzelnen und einer gesellschaftlichen Oberschicht durch den Machtstaat in den Händen einer ´demokratischen´ Mehrheit abzulösen, sondern die Macht von Menschen über Menschen überhaupt zu beseitigen.“ [3]

Unterdrückung der Persönlichkeit

Die in alter Zeit dem Einzelnen übergeordnete Gemeinschaft, die ihn unter der Führung des Herrschers umfassend wirtschaftlich versorgte, geistig leitete und staatlich schützte, hat mit der Emanzipation der Persönlichkeit ihre omnipotente Berechtigung verloren. Sie wird aber heute auch in der „Demokratie“ weitgehend in bürokratisch perfektionierter Form fortgeführt. Die organisierte Gemeinschaft kann als Staat jedoch heute nur die Aufgabe haben, die auf der Gleichheit ruhende Freiheit und Selbstbestimmung der Menschen zu ermöglichen und zu schützen. Es ist nicht mehr ihre Angelegenheit, die wirtschaftliche Versorgung und die geistig-kulturelle Entwicklung der Menschen irgendwie inhaltlich zu lenken oder zu bestimmen, da unter der Führung der jetzt „demokratisch“ Herrschenden dadurch „von oben“ die Freiheit und Selbstbestimmung der Menschen ausgeschaltet wird. Ein „Oben“ kann es in der Gleichheit überhaupt nicht mehr geben. Es bringt immer ein „Unten“ mit sich, das ihm untergeben, untertan ist, in dem die Gleichheit aufgehoben ist.

UnterdrückungWilhelm von Humboldt wies bereits 1792 in einer wenig beachteten genialen Jugendschrift darauf hin, dass dem Staat nicht mehr „die Sorgfalt für das positive Wohl der Bürger“, d. h. für die bestmögliche Entwicklung ihres physischen und moralisch-geistigen Lebens zustehe, sondern nur noch die Sorgfalt für das „negative Wohl“ der Bürger, für ihre Sicherheit; also die Sorge  vor der Gefährdung ihres Wohlergehens, die ihnen durch äußere Feinde und Naturkatastrophen, im Inneren durch Störungen des Rechtsfriedens drohen. Es sei „das Prinzip, dass die Regierung für das Glück und das Wohl, das physische und das mo­ralische (geistige), der Nation sorgen muss, der ärgste und drückendste Despotis­mus.“  [4]  Für das physische Wohl wird im Wirtschaftsleben, für das geistig-moralische Wohl im Geistesleben gesorgt, das im Bildungsleben veranlagt wird. Beide Bereiche der Gesellschaft liegen daher außerhalb der Zuständigkeit des Staates. In ihnen hat allein die sich in Freiheit und Selbstbestimmung entfaltende Persönlichkeit des Menschen zu wirken. Gesetze des Staates, die das Handeln der Menschen inhaltlich diktieren, und wären es die bestmöglichen, bedeuten hier nichts anderes als eben Diktatur.

Ein Staat, in welchem die Bürger … genötigt oder bewogen würden, auch den besten Ge­setzen zu folgen, könnte ein ruhiger, friedliebender, wohlhabender Staat sein; allein er würde mir immer ein Haufen ernährter Sklaven, nicht eine Vereinigung freier, nur, wo sie die Grenze des Rechts übertreten, gebundener Menschen scheinen.  [5]

Die Wurzeln der heute unrechtmäßigen Macht des Staates liegen darin, dass historisch überlebte gesellschaftliche Strukturen des früheren theokratischen totalen Versorgungsstaates unzeitgemäß aufrechterhalten werden. Die staatliche Macht ist usurpiert, sie ist die widerrechtliche Aneignung eines Gewaltinstrumentes durch wenige, um über die Anderen zu herrschen. Widerrechtlich ist sie deshalb, weil sie gegen das Naturrecht des Menschen verstößt, das jedem staatlichen Recht vorgeht.

Das Naturrecht

Freiheit und Gleichheit sind nicht staatlich zugeteilte Rechte, sondern Zustände, Verfasstheiten der Menschen, die aus der historischen Entwicklung hervorgegangen und errungen worden sind. Sie gehören der seelisch-geistigen Natur des Menschen an, sind sozusagen mit ihm geboren. Sie sind seine natürlichen Rechte, die jeder menschlichen Einrichtung, wie dem Staat, vorausgehen, die dieser vorfindet, voraussetzen und als ein Faktum damit rechnen muss. Der Staat hat sie lediglich rechtlich zu formulieren und als etwas aufzunehmen, das unabhängig von ihm bereits vorhanden, von ihm nicht veränderbar ist und als  von vorneherein, unmittelbar geltende Naturrechte des Menschen seinem eigenen Recht zugrunde liegt. Dies wird im deutschen Grundgesetz auch so gesehen. Am Anfang steht treffend das oberste Grundrecht, das alle weiteren Grundrechte in sich schließt, die aus ihm hervorquellen:

 Art. 1: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.  

Das deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.

Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.

Also die Würde des Menschen sowie die sie ausmachenden und aus ihr hervorgehenden  Gleichheits- und Freiheitsrechte sind für den Staat tabu, unantastbar und unabänderlich, da sie ihm vorausgehen und gerade seine Grundlage bilden, aus der er erst Berechtigung, Sinn und Gestalt bezieht. Sie binden seine Gesetze und Handlungen als bereits vor ihm bestehende, unmittelbar geltende Natur-Rechte des Menschen.

Daraus werden aber nicht die vollen Konsequenzen gezogen. Die Handlungsfreiheit und Selbstbestimmung des Menschen wird auch von den Juristen nicht in ihrer ideellen Reinheit, unabhängig vom Gewordenen, gefasst, und dieses dann daran gemessen. Die traditionellen Strukturen der Staatsmacht werden gar nicht vor den Richterstuhl des Selbstbestimmungsrechts gestellt, sondern einfach als Tatsachen ungeprüft übernommen. Ja, der Freiheitsbegriff wird umgekehrt ihrer Existenz angepasst, das heißt aber in seinem Wesen ein­geschränkt und verkrüppelt.

So fordert der frühere Bundesverfassungsrichter Udo di Fabio aus dem obersten Grundrecht der Würde des Menschen treffend „dass kein Mensch zum bloßen Objekt auch der demokratischen Staatsgewalt degradiert, verächtlich gemacht werden darf.“  [6]   Und etwas später schreibt er:

Das Grundgesetz ist von der Überzeugung durchdrungen, dass Menschen mit möglichst wenig staatlicher Lenkung und Gängelung am besten eine glückliche Gesellschaft hervor­bringen. Wer sich dies in Erinnerung ruft, mag zweifeln, ob trotz der starken Stellung der Grundrechte und des Bundesverfassungsgerichts, trotz des prägnanten Leitbildes der Freiheit nicht doch inzwischen unsere Rechtsordnung in einem erschreckendem Ausmaß überreglementiert ist, ob nicht das Gesetz, das ursprünglich der Verbündete des freien Bürgers war, in seiner großen Zahl und seiner dirigierenden, manchmal unsystemati­schen Vielschichtigkeit inzwischen doch eine Bedrohung für die Freiheit geworden ist. [7]

In diesen Worten zeigt sich der entscheidende Punkt. Er sieht die staatliche Gängelung als ein quantitatives Problem (möglichst wenig). Erst in der großen Zahl und Vielschichtigkeit der dirigierenden Gesetze sieht er eine Bedrohung für die Freiheit, was auch noch eine Verharmlosung ist, denn dirigierende Gesetze bedrohen die Freiheit nicht nur, sondern schließen sie aus. Verfassungsrechtlich kommt es gerade darauf an, zu verhindern, dass der Staat Gesetze – gleichgültig, ob wenige oder viele – erlassen kann, die gegen die Handlungsfreiheit des Menschen in seinen Lebensgebieten gerichtet sind. Denn damit wird er ja gerade zum bloßen Objekt der Staatsgewalt degradiert. Das Gesetz ist dann der Verbündete des freien Bürgers, wenn es sich auf Förderung und Schutz seiner Freiheit und der anderen Grundrechte beschränkt.

Begriff des Rechts

Das führt zu dem zentralen Problem, dass nicht streng zwischen Gesetzen, die den Schutz der physischen und seelisch-geistigen Integrität des einzelnen Menschen betreffen, und solchen unterschieden wird, die aktiv das physische und geistig-sittliche Wohl der Menschen von außen fördern und entwickeln wollen. Nur die ersteren bilden das eigentliche Recht, das Aufgabe des Staates ist. Für sein leibliches und moralisch-geistiges Wohl zu sorgen, ist Sache jedes Menschen selbst. Darin besteht gerade die selbstbestimmte, freie Entwicklung und Entfaltung seiner Persönlichkeit.

Menschenwuerde_Die_Wuerde_des_Menschen_ist_unanstastbar_Grundgesetz_Unantastbarkeit_Menschlichkeit_Unmenschlichkeit_Respekt_Toleranz_Empathie_Solidaritaet_Rudolf_Kuhr_Humanismus_Kritisches-_NetzwerkDem Handeln liegt immer eine im weitesten Sinne gute oder schlechte moralische Vorstellung zugrunde, wie etwas Bestehendes  verändert oder etwas Neues gestaltet werden soll. Diese Vorstellung gründet im menschlichen Geiste, in dem er absolut frei ist und frei sein muss. Wenn sein Handeln aber verletzend oder zerstörend in die physische oder seelisch-geistige Integrität eines anderen eingreift, also in Gesundheit, Leben, Eigentum, Freiheit des Willens usw., muss die staatliche Gemeinschaft einschreiten und diese Handlungen unter Strafe stellen bzw. im Zivilrecht durch geltende positive Regeln gerechten Verhaltens rechtlich ungültig machen. Gerecht sind die Beziehungen, wenn in Verträgen Rechte und Pflichten wie auf einem Waagebalken gleichgewichtig sind und einer den anderen nicht übervorteilt. „Gegenseitigkeit ist die Formel der Gerechtigkeit“, brachte bereits Aristoteles die Sache auf den Punkt.

Auf die Frage, was Recht eigentlich sei, sagte einmal in einem Gespräch ein Rechtsgelehrter knapp: ´Das Recht gehört zur Moral. Es verhindert oder sanktioniert den Teil des moralischen Handelns, der in gravierendem Maße sozial zerstörend wirkt. In der Moral sind wir frei, aber das Recht nimmt diesen Teil aus der Freiheit heraus und macht ihn für alle gleichermaßen verbindlich.`

Indem aber auch Teile des übrigen moralischen Handelns per Gesetz für verbindlich erklärt werden, wird dieses nicht zum Recht, sondern im Kostüm des Rechts zum staatlichen Unrecht, das die selbstbestimmte, freie Entfaltung der Persönlichkeit ausschließt. Dies ist z. B in allen Versorgungseinrichtungen des Staates wie den gesetzlichen Sozialversicherungen und Sozialleistungen der Fall. Sie schaffen Zwangsverhältnisse  und treten an die Stelle selbstverantwortlichen Handelns des Menschen. Sie haben zudem ein Ausmaß erreicht, das nur auf das Versagen des Rechtsstaates zurückzuführen ist, der es versäumt, durch das Recht wirtschaftliche Übermacht und Ausbeutung zu verhindern.

Heute besonders erlebbar übt der Staat eine gewaltige Macht durch das Geldsystem über die Menschen aus. Das Geld ist zwar ein verbindliches Rechtsdokument, seine Verwaltung und Regulierung gehört aber in nicht in die Hände des Staates bzw. anonymer Finanzkreise, sondern in die Hand von im Wirtschaftsleben tätigen Menschen, dort, wo der Austausch von Waren und Dienstleistungen durch das Geld vermittelt wird, das im rechten Verhältnis zu ihnen stehen muss (s. Staatsanleihen). Im Geistesleben wird besonders eklatant durch das staatliche  Bildungssystem  in die Freiheit der Lehrer und Eltern eingegriffen und der Quell des Kultur- und Geisteslebens den Zielen des Staates und der sie beherrschenden Kräfte unterworfen (s. Das staatl. Schulsystem).

Innerstaatliche Macht

Hier liegt der entscheidende Punkt, der das, was heute Demokratie genannt wird, noch immer mit obrigkeitsstaatlichen Herrschaftsstrukturen durchsetzt und den freien Bürger, den Souverän der Demokratie zum unmündigen Untertan macht. Die fraglose Ermächtigung des Parlamentes, auch solche Gesetze zu beschließen, die in die inhaltliche Gestaltung der Handlungsbereiche des wirtschaftlichen und des kulturell-geistigen Lebens eingreifen und den Willen des freien Menschen dem Willen der Herrschenden unterwerfen, macht auch die Demokratie zum Machtstaat.

Die moderne parlamentarische Demokratie hat in ihrer Rechtskonzeption den Wesens- und Bewusstseinswandel des Menschen zur freien, sich selbst bestimmenden Individualität nicht mitvollzogen. Infolgedessen zieht ihr gebliebener Machtapparat gerade solche Menschentypen an, die von dieser Entwicklung am meisten verschont geblieben sind. Weit davon entfernt, die Triebe und Begierden ihrer niederen Natur zu überwinden und sich zum Erleben der inneren Freiheit zu erheben, können sie auch im Anderen keine Freiheit, sondern nur egoistisches Streben erblicken, das es mit Macht zu unterdrücken gilt. Eine gierige politisch-finanzkapitalistische Kaste kann sich  mit Hilfe der staatlichen Macht die Wirtschaft und das Geistesleben nach den eigenen niederen Interessen formen.

Diese Staatsmacht ist, insofern sie über das skizzierte reine Recht hinausgeht, vor dem Naturrecht des freien Menschen und damit auch vor den wohlverstandenen Grundrechten des Grundgesetzes widerrechtlich. Sie hat keine innere Berechtigung, sie ist hohl, eine Anmaßung, sie verletzt und schändet die Würde des Menschen. Wer sie ausübt, ist geschichtlich zurückgeblieben, hat die tatsächliche Höhe der abendländischen Geistesentwicklung der Menschheit nicht erreicht und stellt sich feindlich gegen sie. Die Staatsmacht trägt insofern sozialpathologische Züge. Die soziale Ordnung freier Menschen gestattet dem einzelnen nur einen „Herrschaftsanspruch“: die Herrschaft über sich selbst. Der Machtmensch vermeidet dies. Statt sich selbst zu beherrschen und zum freien Menschen zu bilden, beherrscht er mit den Gewaltmitteln des Staates die anderen.

Die internationale Macht

AndersdenkendeIm heutigen Staatsgedanken hat sich die vorchristliche theokratische Idee eines mystischen Gesamtwillens, den der Herrscher repräsentiert und realisiert, auf unreflektierte Weise erhalten. Die modernen Machthaber beanspruchen in ihrer Hybris, Repräsentanten der Nation, des Volkes, der Bevölkerung Europas zu sein und deren rechtlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Willen, im Staat zusammengefasst, gegenüber den Machthabern anderer Staaten zu vertreten. Aber es gibt keinen Willen der Menschenansammlungen Nation, Volk oder Europäische Gemeinschaft. Das ist eine Fiktion. Einen Willen haben nur die einzelnen individuellen Menschen, und die sind sehr verschieden. Der Wille des Staates ist in Wahrheit der Wille derjenigen, die sich den staatlichen Herrschaftsapparat als Instrument ihrer Machtsucht zur Beute gemacht haben.

Die politisch Herrschenden identifizieren sich mit dem Staat als der verfassten Gesamtheit aller. Ihr machtsüchtiges Ego bläht sich auf zum machtsüchtigen Staat, durch den sie nun mit den Machthabern der anderen Staaten um die Vergrößerung ihrer Macht und ihres Einflusses ringen, was unter dem nichtssagenden Begriff der internationalen Politik verschleiert wird. Die Macht der Herrscher speist sich aus der Kraft der Wirtschaft, die sich durch ihre kapitalistische Form in den Händen weniger konzentriert und zur wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Macht wird, die äußerlich der Politik dient, in Wirklichkeit aber diese im Sinne ihrer Profitinteressen bestimmt. Die Macht breitet sich heute primär durch die Globalisierung der kapitalistischen Real- und Finanzwirtschaft aus, welche die nötige Abhängigkeit erzeugt. Und aus der Wirtschaft wächst die militärische Macht hervor, die den politischen Machtansprüchen Nachdruck verleiht und ihnen schließlich mit Gewalt Geltung verschafft.

Kriege sind die brutalen Gewaltausbrüche von Machtpsychopathen, die in ihrer seelischen Entwicklung zur Menschlichkeit zurückgeblieben sind. Durch den Machtapparat des Einheitsstaates ist es ihnen möglich, das Wirtschaftsleben und das Geistesleben der Menschen dafür zu instrumentalisieren und insbesondere über die prostituierten Medien das Bewusstsein der Menschen zu manipulieren und weitgehend in autoritätsgläubige Dumpfheit zu versetzen.

Dies kann nur dadurch gestoppt und in menschenwürdige Bahnen gelenkt werden, dass der staatliche Machtapparat aufgelöst wird, indem eine Verfassungsänderung die Gesetzgebungs-Kompetenz der staatlichen Legislative auf das oben skizierte reine Rechtsgebiet beschränkt. Die Aufgaben der ausführenden Verwaltung, die heute noch in der unbewussten Tradition des Königtums (lat. rex, regis) Regierung (von lat. regere = lenken, herrschen) genannt wird, reduzieren sich dadurch entsprechend. Das Wirtschafts- sowie das Geistesleben mit seinem Zentrum, dem Schul- und Hochschulwesen, erhalten eine je eigene Selbstverwaltung, in denen es keine vertikalen Direktiven, sondern nur horizontal koordinierende Vereinbarungen und Verträge entsprechender sachkundiger Gremien gibt. Der Staat hat da überhaupt nicht mehr hineinzuwirken. Er setzt lediglich das verbindliche Recht, in dem sich die jeweiligen freien Handlungen und Beziehungen der Menschen bewegen müssen, um die physische und seelisch-geistige Integrität des Menschen, d. h. seine freiheitlichen Grundrechte zu wahren.

Herbert Ludwig


Quelle: FASSADENKRATZER

Autor Herbert Ludwig: Nach kaufmännischer Lehre Studium und Ausbildung zum Rechtspfleger, 4 Jahre Tätigkeit an hessischen Amtsgerichten. Danach Studium an der Pädagogischen Hochschule Reutlingen mit den Schwerpunkten Erziehungswissenschaften, Philosophie, Geschichte, Deutsch, sowie Waldorfpädagogik am Waldorflehrer-Seminar Stuttgart. 27 Jahre Lehrer an der “Goetheschule – Freie Waldorfschule – Pforzheim”. Ruhestand.

Bild- und Grafikmaterial:

  1. Beitragsbild: »Psychologie der Macht« – www.pixabay.com
  2. »Freiheit« – Loewyne / pixelio.de
  3. »Unterdrückung« – www.pixabay.com
  4. »Menschenrechte« – Wikipedia
  5. »Andersdenkende« – Sokaeiko / pixelio.de

Fußnoten:

  1. Heinz Hartmut Vogel: Jenseits von Macht und Anarchie, Köln und Opladen 1961, S. 23
  2. „Die Würde des Menschen besteht darin, dass der Mensch als geistig-sittliches Wesen von Natur darauf angelegt ist,  in Selbstbewusstsein und Freiheit sich selbst zu bestimmen, sich zu gestalten und sich in der Umwelt auszuwirken.“ (Josef Wintrich, Präsident BVerfG. Nachweis Heinz Hartmut Vogel Anm.3, S. 134)
  3. a. a. O. S. 24, 25
  4. Wilhelm von Humboldt: Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen,  Stuttgart 1962, S. 93
  5. a. a. O. S. 172
  6. Einführung in das Grundgesetz, in Beck-Texte Grundgesetz u. a. dtv  41. Aufl., S. XII
  7. a. a. O. S. XIV

Lauter Simulanten

von Maria Wölflingseder

Als Simulant bezeichnet zu werden, ist nicht gerade schmeichelhaft. Aber mit geschärftem Blick fällt auf, dass an allen Ecken und Enden immer mehr und immer heftiger simuliert wird, dass die Menschen offenbar unter großem inneren und äußeren Druck einen Perfektionismus im Täuschen und Tarnen entwickelt haben. Wir sind ständig am Beabsichtigen, am Herumschrauben an unserer Karriere, an unserem Image, an unserer Marke, vor allem am Immerzu-etwas-scheinen-Müssen. Wir simulieren aber nicht nur aktiv, sondern wir werden quasi auch simuliert: Immer öfter schwant mir, unser Dasein sei zu dem von Laborratten und Versuchskaninchen umfunktioniert worden.

Als Simulant wird jemand bezeichnet, der etwas – besonders eine Krankheit – simuliert. Simulieren heißt nachahmen, vortäuschen, sich verstellen; in der Fachsprache auch: Sachverhalte und Vorgänge mit technischen oder (natur-)wissenschaftlichen Mitteln modellhaft nachbilden, in den Grundzügen wirklichkeitsgetreu nachahmen – insbesondere zu Übungs- und Erkenntniszwecken.

Eine der bedeutendsten Simulieranstalten sind die Zwangskurse für Erwerbsarbeitslose. Je weniger bezahlte Arbeit es gibt, desto hemmungsloser wird Arbeit simuliert. Da es mitnichten um das Wohl der Menschen geht, sondern um die grandiose Performance des AMS – insbesondere im Vergleich zu den übrigen Ländern in Europa und der Welt –, werden die Unverwertbaren bis ein halbes Jahr vor der Pension regelmäßig zu Bewerbungstrainings und Jobcoachings zwangsverpflichtet. Österreich sei Europameister im Minimieren der Arbeitslosen, wird an jedem Monatsersten hinausposaunt.

Die Überzähligen, die Nicht-Subjekte (also auch die sogenannten Asylwerber) werden in besondere „Labors“ eingewiesen. Aber auch alle anderen – Kinder, Jugendliche und Erwachsene – sind nicht ausgenommen vom ständigen Gelenkt-, Überwacht- und Beurteilt-Werden und vom Abgreifen und Verwerten ihrer Daten. Eine regelrechte Verdschungelcampisierung des Lebens! – Ranking von allem und jedem wurde zum Fetisch erhoben. Die dazugehörigen Methoden und Vokabeln sind die Zauberformeln der Moderne: etwa „Nation Brands Index“ – kurz „NBI“. Konkurrenz in jeder Hinsicht, auf allen Ebenen, in jeder Lebenslage.

Eine rare Bemerkung ließ mich aufhorchen: „Der tägliche Wutanfall“ von Hermann Schlösser in der Wiener Zeitung extra (14./15. Dezember 2013). Es geht um den „aggressiven Grundton“ auf den „das derzeitige Leben gestimmt“ ist. „Nicht Heiterkeit und Freundlichkeit bestimmen die Atmosphäre, sondern der Zorn in all seinen Spielarten: vom mühsam unterdrückten Groll bis zum offen ausbrechenden Hass.“ Ja, Angespanntheit und Gereiztheit, Reserviertheit und Misstrauen haben die Oberhand gewonnen über entspannte Verspieltheit im Umgang miteinander. Hat der Schalk im Nacken endgültig den Geist aufgegeben? Die meisten Menschen machen einen Eindruck, als ob sie unter großem Druck stünden, als ob sie einen Härtetest im Labor zu bestehen hätten. Wen wundert es da, wenn selbst Kleinkinder von null bis vier Jahren immer öfter Antidepressiva bekommen?

Wut, Groll, EndzweiungMerkwürdig, obwohl in den letzten hundertfünfzig Jahren Sitten, Normen und Konventionen immer mehr gelockert wurden – wir können heute in weiten Bereichen tun und lassen, was uns beliebt, – sind wir, auch wenn es um persönliche Beziehungen geht, mehr denn je am Simulieren. Unser Verhalten ist gleichförmig, klinisch, wie programmiert. Sinnlichkeit wird immer mehr in Labors, in kostenpflichtige Seminare mit Körperarbeit aller Art ausgelagert. Lebendiges, Phantasievolles, Unberechenbares, sich Einlassen, sich Hingeben verschwinden immer mehr. Berechnung schleicht sich überall ein. Menschen machen einander zum Objekt, das auf passende Kriterien hin überprüft oder zurechtgezimmert wird. Wie singt die norwegische Schlagersängerin Wencke Myhre im Lied „Eingeliebt, ausgeliebt“ (2010): „…ich hab ihn entdeckt, durchgecheckt, hab in ihm den Mann geweckt, hab ihn instruiert, inspiriert, hab ihn emanzipiert, ich hab ihn belehrt und bekehrt, Gott und die Frauen erklärt, hab ihn missioniert, kultiviert, als Mann perfektioniert.“

Der Paar- und Beziehungsberater Michael Mary kritisiert im Interview mit Gerald Schmickl den Glauben an generelle Machbarkeiten: „Es ist ein tragisches Moment, … dass man glaubt, man könnte Glück ,machen‘ oder glückliche Beziehungen ,gestalten‘ – alles soll jetzt durch die richtigen Strategien und Techniken produziert werden. Letztlich kommt bei diesen Life-Management-Versuchen aber nur eine zunehmende Verelendung heraus.“ (Wiener Zeitung extra, 23./24. März 2013)

Noch mulmiger wird’s, wenn man sich den Real-Life-Weltsimulator vor Augen führt, in dem wir alle sitzen, den unabschätzbaren Wirkungen all der technischen Errungenschaften ohne Umwelt- und Menschzertifikat ausgesetzt. Wie werden die Menschenratten auf Radioaktivität und Gentechnik, auf elektromagnetische Strahlung oder auf die 68 Millionen chemischen Verbindungen – von denen zahlreiche über Luft, Wasser, Nahrung, Kleidung und Gebrauchsgegenstände in den Körper geraten – reagieren? Der Arzt John Diamond schreibt im Buch „Der Körper lügt nicht“, in dem es um die einfache Methode geht, mittels kinesiologischen Muskeltests den Körper Schwächendes festzustellen (Freiburg 1983): „Im Grunde genommen sind wir Versuchsobjekte, nur die Ergebnisse liegen noch nicht vor.“ – Ebenfalls hervorragende „Labors“ sind die im Dauersmog blickdicht gewordenen chinesischen Großstädte, in denen das schädigende Konzentrat 23 Mal höher ist als der WHO-Grenzwert. Wer eines der zahlreichen Geschäfte betritt, in denen Kleidung, Schuhe, Taschen, Spielwaren made in Fernost aus 100 Prozent Plastik angeboten werden, dem verschlägt es auch hierzulande ob der stark riechenden Ausgasungen den Atem. Wir sind weltflächendeckend zu „Forschungsmaterial“ geworden. Nicht-kontaminierte Vergleichsgruppen gibt es bald keine mehr.

Über all diesem nie da gewesenen Destruktionsgetümmel schwebt eine Meta-Simulation. Vorhandene Kritik hin oder her, letztlich wird so getan, als ob wir noch zu retten wären – auch wenn wir so weiter tun wie bisher. Nicht nur Genies täte es gut, anstatt das Leben simulierend zu vergeuden, zur Besinnung zu kommen: „Es braucht viel Zeit, ein Genie zu sein, man muss so viel herumsitzen und nichts tun, wirklich nichts tun.“ Gertrude Stein (Schriftstellerin 1874–1956).

Maria Wölflingseder


Quelle: Streifzüge 60/2014 – Kolumne Dead Men Working – zum Artikel

Bild- und Grafikquellen:

  1. Beitragsbild: »Versuchslabor« – Tim Reckmann  / pixelio.de
  2. »Entweiung« – http://pixabay.com

 

Deutsches Staatswohl

Kaufen, was einem die Kartelle vorwerfen; lesen, was einem die Zensoren erlauben; glauben, was einem die Kirche und Partei gebieten. Beinkleider werden zur Zeit mittelweit getragen. Freiheit gar nicht. – Kurt Tucholsky

von Georg Rammer

Die Bundesregierung hat entschieden: Das Interesse, die Machenschaften US-amerikanischer und deutscher Geheimdienste aufzuklären, muß hinter das Staatswohl zurückstehen. Denn die Einladung Edward Snowdens nach Deutschland zur Vernehmung dieses sachkundigen Zeugen widerspreche wichtigen politischen Interessen der Bundesrepublik Deutschland. Von der Regierung definiertes Staatswohl gegen Demokratie: Diese Prioritätensetzung wird in politischen Grundsatzfragen zur Regel.

Was ist »Staatswohl«? Schon der Begriff ist widersinnig und absurd. Als hätte ein System öffentlicher Institutionen körperliche und seelische Bedürfnisse wie ein Kind (»Kindeswohl«), die verletzt werden könnten. Vollends fragwürdig und gefährlich wird das Reden von Staatswohl, wenn es ausgespielt wird gegen die Interessen und Bedürfnisse der Menschen, die nach dem Grundgesetz dem Staat und seinen Institutionen die Legitimation verleihen: »Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.« Putschisten, autoritäre Regime und Diktatoren benutzen den Terminus gern zur Begründung ihrer Herrschaft.

Beruft sich ein Repräsentant auf das Staatswohl oder auf dessen Verwandte, die Staatsräson, so will er den Staat vor der Bevölkerung und deren Einflußnahme schützen. Er betrachtet ihn quasi als seinen Besitz. Er handelt nicht im Auftrag der Bevölkerung, also in unserem Auftrag, sondern autokratisch. Die Konsequenz: BürgerInnen müssen einem solchen Gebilde, dessen Wohl geschützt werden muß, Informationen über entscheidende, alle Menschen betreffende Absichten und Handlungen abtrotzen, wobei staatliche Repräsentanten uns ständig belügen und sich überhaupt nicht um unsere, des Volkes Belange scheren. Fast alle gegenwärtig brisanten Themen sind – im Interesse einer »Elite« – geprägt von Geheimhaltung: die Verhandlungen zum Freihandel, die Profiteure der Bankenrettung, die Aufrüstung gegen Aufstände und die Geheimdienstaktivitäten sowieso. Vorgebliches »Staatswohl« herrscht über Grundrechte.

VolksvertreterZwar versichern uns die Spitzen des Staates, daß sie unablässig ihrem Eid gemäß für unser Wohl tätig sind – aber nachprüfen sollen wir es auf keinen Fall. Dort, wo wir durch Whistleblower Einblicke gewinnen, da sehen wir das Gegenteil. Das Staatswohl ist nicht das des Volkes, dient nicht etwa der Daseinsvorsorge oder der sozialen Sicherheit. Am besten ist das an Beispielen zu verfolgen, wenn die wirtschaftlich-politischen Stützen des Staates und die Bundesregierung strategische Ziele und Interessen verfolgen, die vom Souverän, nämlich vom Volk, partout nicht geteilt werden.

Der Bundespräsident und verschiedene MinisterInnen verlangen mit Nachdruck die robuste Durchsetzung deutscher Interessen auch mit militärischen Mitteln. Damit stehen sie im krassen Widerspruch zur Bevölkerung: Nur 13 Prozent wollen ein stärkeres Engagement der Bundeswehr. Dagegen sagen 82 Prozent, das deutsche Militär sollte sich weniger stark in der Welt engagieren. Derselbe Widerspruch zur Politik der Bundesregierung erhebt sich auch bei der Frage von Waffenlieferungen: 13 Prozent der Menschen wollen mehr verkaufen, aber 82 Prozent weniger. Militärpolitiker und die Verteidigungsministerin halten die Anschaffung von Kampfdrohnen für unerläßlich. Aber 65 Prozent der Bevölkerung sind dagegen (TNS Infratest-Umfrage der Körber-Stiftung, 20.05.2014).

Man mag erfreut zur Kenntnis nehmen, daß eine geradezu überwältigende Mehrheit von 93 Prozent der Bevölkerung Deutschlands den Schutz der Menschenrechte als wichtigstes Ziel der Außenpolitik ansieht. Aber genau das alarmiert Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD). Er sieht den »tiefen Graben« zwischen der breiten öffentlichen Meinung und der außenpolitischen Elite. Seine Schlußfolgerung: »Politik muß sich über solche Gräben hinwegbewegen, damit sie handlungsfähig bleibt«, zitiert ihn der Stern. Offensichtlich ist die Mehrheit nicht kriegsreif.

Außenpolitik ist ein »Eliteprojekt«, stellt IP, »Deutschlands führende außenpolitische Zeitschrift« (Selbsteinschätzung) fest. Die Charakterisierung ist zutreffend. Eine ganze Armee williger Wissenschaftler und Publizisten schreibt Artikel, hält Vorträge, gründet Initiativen mit dem Ziel, die Militarisierung der Außenpolitik zu legitimieren, die weltweiten Einsätze der Bundeswehr zum Normalfall zu erklären und die Kritiker der Militarisierung zu diffamieren. Der Direktor des Instituts für Sicherheitspolitik der Universität Kiel, Joachim Krause, sieht sogar in der deutschen Außenpolitik eine »pazifistische Ideologisierung« (in »Review 2014 – Außenpolitik weiter denken«). Deutschland sei »nicht mehr gewohnt, in Kategorien militärischer Bedrohung zu denken. Das muß sich ändern.« Steinmeier, die Bundesregierung und die Militärstrategen wissen, daß sie gegen eine breite Mehrheit regieren. Also sehen sie ihre Aufgabe darin, die vom Volk abgelehnten Ziele so geschickt zu »kommunizieren«, daß sie dennoch durchsetzbar werden.

Herfried Münkler

Herfried Münkler auf der Leipziger Buchmesse 2009

Dieser PR-Strategie hat sich der Politologe Herfried Münkler besonders verschrieben. Schon vor Jahren hat er im Spiegel den denkwürdigen Satz geschrieben: »Die Erfolgsgeschichte des Staates ist ganz entscheidend an die Monopolisierung des politischen Geheimnisses gebunden.« Immer wieder befaßt er sich mit der Notwendigkeit der »Selbstbehauptung des Staates, der Staatsräson«. Indem er über den Staatsphilosophen Machiavelli (1469–1527) und sein Werk »Der Fürst« spricht, formuliert er zugleich Strategien für heutige politische Akteure, die ihre Ziele und die Sicherung der Herrschaft nur an Kriterien der Zweckrationalität binden sollten. Die als Analyse getarnte Darstellung machiavellischer Empfehlungen an den Fürsten ist zugleich Münklers Rat an die aktuelle Politik. Die Frage – für die Demokratie konstituierend –, wer die Ziele für welche Interessen definiert, bleibt außen vor. Als wäre es egal, ob strategische Ziele, die Mittel ihrer Durchsetzung oder Verteilungsfragen vom Fürst, von Banken und Konzernen oder »vom Volke« bestimmt werden.

Insofern verwundert auch nicht, daß Münkler in der aktuellen Debatte den Einsatz von Kampfdrohnen machtpolitisch zweckrational begründet (ARD, 30.6.14): In unserer »postheroischen Gesellschaft« ohne das Ideal der Männlichkeit, des Krieges und des Vaterlandes brauche man für die Kampffähigkeit technologische Krücken. Zu fragen sei: Wie viele junge Männer hat man? Wie viele Opfer kann man riskieren? Münkler, der seine Dissertation über Machiavelli schrieb und sich über Staatsräson habilitierte, hält Kritiker einer Politik nach dem Motto »der Zweck heiligt die Mittel« für politisch ahnungslos; und er unterstellt »dem Schwarm frommer Mädchen« im grünen Gefolge von Joschka Fischer eine Politik nach der Formel »piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb.« (brand eins 9/11)

Hier zeigt sich Münkler, Mitglied im Beirat der Bundesakademie für Sicherheitspolitik, als Apologet einer Militarisierung und Geheimpolitik, die dem Willen der Bevölkerung entgegensteht. Mit zynischen Sprüchen gibt Münkler KritikerInnen dieser Politik der Lächerlichkeit preis. Mit seinem Menschenbild, das er dabei offenbart, mit seinem Herrschaftsmodell jenseits von jedem Demokratieverständnis scheint er sich der Elite andienen zu wollen; seine Einstellung, wie sie in den Äußerungen zum Ausdruck kommt, steht jedenfalls Machiavelli näher als dem Grundgesetz oder den Menschenrechten.

Inzwischen gibt es kein relevantes Thema der Außen-, Sicherheits- oder Wirtschaftspolitik, bei dem Geheimhaltung nicht mit Hinweis auf das »Staatswohl« oder die »Staatsräson« gerechtfertigt würde. Ein Beispiel für das Argumentationsmuster ist das offensichtliche Bemühen des Staates, die Aufklärung der NSU-Morde und die Verwicklung staatlicher Stellen durch Lügen, Vernichtung von Unterlagen und Beweismitteln und Behinderung des parlamentarischen Untersuchungsausschusses zu hintertreiben. In seiner Vernehmung vor dem Ausschuß rekurrierte der frühere Vizepräsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz Klaus-Dieter Fritsche immer wieder auf den »Staatswohlgedanken«; dieser stehe im Spannungsverhältnis zur Aufklärung. Deshalb sei es geboten, dem Ausschuß bestimmte Unterlagen gar nicht oder nur geschwärzt zur Verfügung zu stellen. »Es dürfen keine Staatsgeheimnisse bekannt werden, die ein Regierungshandeln unterminieren.« Welches Handeln der Regierung ist hier eigentlich gemeint?

Für Münkler ist diese Haltung nicht nur legitim, sondern eine pure Notwendigkeit. Die Staatsräson bringe »das Ensemble der Fähigkeiten und Interessen eines politischen Akteurs zum Ausdruck, der Begriff bezeichnet die Rationalität seines Handelns«. Ist das mit der Verfassung konform? Nun, »Staatsräson ist eine Verfügungskategorie der politischen Akteure, soweit sie bestehende Normen durchbrechen oder Verfassungsbestimmungen bis zu ihrer Grenze ausdehnen […] Not kennt kein Gebot. Das gilt für Situationen, in denen politische Akteure mit dem bestehenden Normgefüge nicht weiter kommen.« (Südwestpresse, 5.6.12) Mit dieser Argumentation legitimiert der Politikwissenschaftler Münkler jede staatliche Maßnahme am Volk als Souverän und am Parlament vorbei.

StaatswohlWird staatlichen Instanzen – einschließlich Geheimdiensten – ein solcher Freibrief ausgestellt, so wird ein »Abgrund an geheimen und nicht kontrollierbaren Parallelstrukturen im Staat rechtlich etabliert«, wie Micha Brumlik und Hajo Funke mit Bezug auf den NSU-Komplex feststellen. Der Begriff Staatswohl wird herangezogen, »um offene Gesetzesbrüche und Straftaten im Geiste eines nicht mehr demokratischen Maßnahmestaates zu legitimieren«. (Blätter, 8/13) Damit werde die geheimgehaltene Institutionalisierung eines Ausnahmezustandes legitimiert; dafür gibt es den Begriff des »tiefen Staates« – ein Begriff, der zuerst für die Parallelstrukturen der Geheimdienste in der Türkei geprägt wurde. (Erinnert sei an das abgehörte Telefongespräch hochrangiger Vertreter des NATO-Landes Türkei – Außenminister, General, Geheimdienstchef –, die einen fingierten Raketenangriff auf das eigene Land planten, um dies Syrien anlasten und das Land angreifen zu können. In Deutschland wurde darüber in den Medien nur kurz berichtet.)

Die Vernehmung Snowdens um jeden Preis zu verhindern, ist da eine logische Folge. Die totalitäre weltweite Überwachung und Kontrolle aller Menschen durch ein Imperium soll nicht aufgeklärt, schon gar nicht behindert werden. Es dürfen keine Geheimnisse bekannt werden, die das Kontrollinteresse des Staates im Dienste bestehender Macht- und Besitzverhältnisse behindern könnten. Das ist das »Supergrundrecht« (Ex-Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich) der inneren Sicherheit, das über allen Grund- und Menschenrechten steht. Dabei dienen »Staatswohl und -räson« dazu, ein abgeschottetes Geheimwissen und eine Immunität der Herrschenden gegen die Bevölkerung zu etablieren.

Außenpolitische Militarisierung, geheimdienstliche Ausforschung, Aufrüstung für Aufstandsbekämpfung et cetera geheimzuhalten und dies mit dem Wohl des Staates zu begründen, zeigt ein autoritäres Verständnis. Als gäbe es legitim Themen, über die die Menschen nichts erfahren dürften. Als wäre der Staat das höchste Rechtsgut, das vor der Bevölkerung geschützt werden müßte. Derartiges Denken und Handeln ist demokratiefeindlich. Prüft man, wann und für welche Interessen das Argumentationsmuster genutzt wird, offenbart sich ein ideologisches Machtinstrument des Klassenstaates. Damit werden jegliche demokratiemißachtenden Herrschaftsansprüche einer Klasse legitimiert. Zu den Geheimverhandlungen über das Freihandelsabkommen TTIP bemerkte der Vertreter der deutschen Wirtschaft in Washington, Peter J. Esser, folgerichtig: »Manche Sachen sind wahrscheinlich besser hinter verschlossenen Türen getan. Demokratisch ist es nicht, aber was ist schon in diesem Leben demokratisch!«

Georg Rammer


Quelle:  Erschienen in Ossietzky, der Zweiwochenschrift für Politik / Kultur / Wirtschaft – Heft 17/2014 > zum Artikel

Ossietzky, Zweiwochenschrift für Politik, Kultur, Wirtschaft, wurde 1997 von Publizisten gegründet, die zumeist Autoren der 1993 eingestellten Weltbühne gewesen waren – inzwischen sind viele jüngere hinzugekommen. Sie ist nach Carl von Ossietzky, dem Friedensnobelpreisträger des Jahres 1936, benannt, der 1938 nach jahrelanger KZ-Haft an deren Folgen gestorben ist. In den letzten Jahren der Weimarer Republik hatte er die Weltbühne als konsequent antimilitaristisches und antifaschistisches Blatt herausgegeben; das für Demokratie und Menschenrechte kämpfte, als viele Institutionen und Repräsentanten der Republik längst vor dem Terror von rechts weich geworden waren. Dieser publizistischen Tradition sieht sich die Zweiwochenschrift Ossietzky verpflichtet – damit die Berliner Republik nicht den gleichen Weg geht wie die Weimarer.

Wenn tonangebende Politiker und Publizisten die weltweite Verantwortung Deutschlands als einen militärischen Auftrag definieren, den die Bundeswehr zu erfüllen habe, dann widerspricht Ossietzky. Wenn sie Flüchtlinge als Kriminelle darstellen, die abgeschoben werden müßten, und zwar schnell, dann widerspricht Ossietzky. Wenn sie Demokratie, Menschenrechte, soziale Sicherungen und Umweltschutz für Standortnachteile ausgeben, die beseitigt werden müßten, dann widerspricht Ossietzky. Wenn sie behaupten, Löhne müßten gesenkt, Arbeitszeiten verlängert werden, damit die Unternehmen viele neue Arbeitsplätze schaffen, dann widerspricht Ossietzky – aus Gründen der Humanität, der Vernunft und der geschichtlichen Erfahrung.

Ossietzky erscheint alle zwei Wochen im Haus der Demokratie und Menschenrechte, Berlin – jedes Heft voller Widerspruch gegen angstmachende und verdummende Propaganda, gegen Sprachregelungen, gegen das Plattmachen der öffentlichen Meinung durch die Medienkonzerne, gegen die Gewöhnung an den Krieg und an das vermeintliche Recht des Stärkeren.

http://www.ossietzky.net/

Bild- und Grafikquellen:

  1.  Beitragsbild: »Verantwortung« – www.pixabay.com/de
  2. »Volksvertreter« – Stephan Bratek/geralt  / pixelio.de
  3. »Herfried Münkler« – WikipediaCC-BY-SA-3.0-de
  4. »Staatswohl« – www.pixabay.com/de

Immer mehr Kernprobleme … na, Hau(p)tsache gesund !

von Guido Vobig

And now to something completely different …

Wie viel Geld gibt eine Person in einer modernen Gesellschaft für die Haar- und Körperpflege aus, Lotionen und sonstige Cremes inklusive ? Mindestens 50 Euro im Jahr ? Eher 200 Euro, oder ? Wie viele verschiedene Inhaltstoffe sind für diese Produkte im Jahr notwendig ? Wie viele davon basieren auf Erdöl oder sind anderweitig künstlicher ‘Natur’ ? Wie viele Verpackungen braucht man dafür im Jahr ? Wie viele verschiedene Stoffe werden dafür benötigt ? Wie viele auf Erdölbasis ? Ok … genug Fragen. Weiter im Text …

Kosmetik einkaufenEs ist nicht zu übersehen, dass immer mehr Menschen sich nicht wohl in ihrer Haut fühlen und so alles Mögliche in Anspruch nehmen, um den Anspruch an gesellschaftliche Erwartungen zu erfüllen, soweit es ihr Geldbeutel zulässt bzw. ihre Geldsäcke es möglich machen. Dabei wird jedoch völlig außer Acht gelassen, dass die verkörperte Erscheinung ein Spiegelbild der Beziehung des Wesens zum jeweils herrschenden Zeitgeist ist, während der Zeitgeist selbst ein Spiegelbild der Gesellschaft ist, in der sich das verkörperte Wesen bewegt.

Stehen sich zwei Spiegel gegenüber, dann rückt Naheliegendes in weite Ferne … und kann mit keinem Geld der Welt aus selbiger geschaffen werden, solange man sich des Naheliegenden nicht direkt annimmt.

Dass wir EINEN, wir Menschen, viel Geld für Kosmetik ausgeben, zeigt sich nicht nur in Deutschland. Dass ein großer Teil des Geldes dabei für Hautpflege ”draufgeht” überrascht nicht, ist die Haut doch der naheliegende Spiegel körperlicher Befindlichkeit, zumal mit gesunder Haut Vitalität und Jugendlichkeit verbunden wird und offensichtliches Altern nicht gerade das ist, worüber sich eine Gesellschaft definiert. Je glatter und reiner die Haut, desto näher meint manch EINE(R) dem Schönheitsideal zu sein … und das lässt man sich Einiges kosten.

Verrückt ist in diesem Zusammenhang der Zusammenhang zwischen gesellschaftlichem Zeitgeist und der Hautbeschaffenheit, denn je mehr sich der Zeitgeist zu verkörpern und auf der Haut darzustellen vermag, desto saurer wird das Hautmilieu und desto unwohler fühlt sich das Wesen in unserer Haut. Geschickt propagiert der Zeitgeist das Märchen vom Säureschutzmantel und zeigt sein strahlendes Lachen perfekter Zähne aus dem Dentallabor. Näheres über dieses moderne Märchen, geeignet für Jung und Alt, gibt es hier:

… ”Der sogenannte Säureschutzmantel hat einen pH-Wert zwischen 5,2 und 5,9, er liegt also im sauren Bereich. Schaut man um mehr als 50 Jahr zurück, so lag damals der Mittelwert höher, im Bereich von 6,2. Das Baby im Mutterleib verweilt neun Monate im Fruchtwasser, welches absolut basisch ist. Wer möchte nicht eine solch zarte Haut haben, wie sie bei den Babys vorkommt. Die Säure, die sich in späteren Jahren dann auf der Haut befindet und als Säureschutzmantel bezeichnet wird, entsteht mitunter durch die Säuren, die im Körper sind, nach außen dringen und sich dann auf der Hautoberfläche ablagern.” …

Babies, die in der Fruchtblase dem jeweiligen Zeitgeist nicht direkt ins Auge blicken müssen, haben daher die vielbeworbene Babyhaut zum Nulltarif, weil die Fruchtblase vor den Einflüssen des Zeitgeistes bewahrt und das Fruchtwasser basisch ist, um die Einflüsse des Zeitgeistes auf die Mutter auszugleichen.

Doch schaut man sich an womit der Jugendwahn seine Jünger(innen) sich pflegen lässt und was, im Namen des Zeitgeistes, längst außer Mode gekommen ist, dann offenbart sich auch hier, dass Naheliegendes eher auf die lange Bank geschoben bzw. in weite Ferne verschoben wird und so für normal angesehen wird, was aber Symtom von systematischer Unausgewogenheit ist. Obendrein wird die Unausgewogenheit noch dadurch gefördert, dass weitere Probleme durch die Normalisierung bzw. Beibehaltung der Symptome ins Leben gerufen werden und somit systemisch werden können.

Dazu genügt ein Vergleich der Begleiterscheinungen von modernen Kosmetika und der einfachen Hautpflege mittels Kernseife, die basisch ist und im Jahr gerade mal mit 5 Euro (!) zu Buche schlägt, um zu erkennen, was moderne Kosmetika alles nach sich ziehen, sei es in Bezug auf Forschung, Verpackung, Tierversuche, Vermarktung, Produktion, Inhaltsstoffe, Nebenwirkungen und Haltbarkeit bzw. Konservierung. Cradle-to-Grave, wie es offensichtlicher kaum sein kann, während ein Stück Seife mit sehr wenig auskommt und mit Leichtigkeit die Symptome zu neutralisieren vermag, die viele Fortgeschrittene mit modernen Mitteln, reichlich Geld inklusive, am Leben erhalten, indem sie versuchen diese Symptome dorthin zurückzudrängen, woraus sie hervorgehen, nämlich aus dem Wesen(tlichen) des Lebens, welches gefangen ist zwischen zwei, künstlich auf Hochglanz polierten, Spiegeln. Ganz zu schweigen davon, dass all die künstlichen Duftstoffe, die mit wohlklingenden Namen aufwendig beworben und vermarktet werden, rein gar nichts mit dem Namen zu tun haben, den man selber sein ganzes Leben lang trägt, was dazu führt, dass in der Begegnung all der duftenden Menschen wortlos Erzählungen ausgetauscht werden, die nichts mit der wahren Geschichte des Lebens gemeinsam haben.

Solange Kosmetik dergestalt von uns EINEN genutzt wird, um Unausweichliches in weite Ferne zu verschieben, desto weiter lässt sich zudem der Kosmos, als Spiegelkabinett, und mitunter als Spiegellabyrinth, gestalten und aufhübschen. Genau der Kosmos, in welchen wir EINEN blicken und das Entfernte mit Spiegelteleskopen wieder näher holen, in der Hoffnung zu verstehen, was wir, bedingt durch die Möglichkeiten des Zeitgeistes, geschaffen haben … aber PSSST … das ist längst kein Geheimnis mehr.

AlterNun sollte man nicht der Vermutung verfallen, dass ein Stück basische Seife, für nicht mal einen Euro pro Stück und unscheinbar verpackt, tiefgreifende Probleme zu lösen vermag und so beseitigen kann, was der Zeitgeist im Körper über Jahre hinweg an Spuren hinterlassen hat. Seife kontra Kosmetika soll hier einfach verdeutlichen, wie leicht es dem Zeitgeist gemacht wird die Problematisierung des PROBLEMS mittels immer weiterer Gräber zu realisieren.

Was ihm ermöglicht wird ist jedoch notwendig, auch davon war bereits die Rede, denn genau aus dieser Notwendigkeit heraus geht in manch EINEM die Bewusstwerdung hervor, dass Friedhöfe keine Lösung sind, um das Leben zum Ziel zu führen, und so eine Not, in der Tat, zu einer Wende führen muss.

Womit ich natürlich wieder zu den ANDEREN, nicht menschlichen Lebewesen, komme und man sich fragen muss, warum sie weder Friedhöfe, noch Kosmetikketten, Beautyshops, Wellness-Oasen, keine Schönheitschirurgen und Zahnärzte benötigen und trotzdem zu HARMONISIEREN vermögen, was uns sauer aufstößt. Und all das ohne ein weiteres Grab zu hinterlassen. Und wenn doch ein Grab realisiert werden muss, dann liegt das einzig daran, dass wir EINEN die Bedingungen dafür ermöglichten, weshalb auch wir es sind, die das Grab letztendlich schaufeln, um einen der Unsrigen darin zu begraben, oder ein Unternehmen, welches zwar auf dem Wesen(tlichen) des Lebens aufgebaut wurde, aber den Zeitgeist nach und nach mehr und mehr zu spüren bekommt.

Man mag jetzt einwerfen, dass es doch Elefantenfriedhöfe gibt, doch vielleicht handelt es sich dabei eher um eine weitere geistreiche Idee unsererseits, oder aber um eine irreführende Erwartung. Hier und hier findet sich diesbezüglich näher Erklärendes.

Ja, Wasser genügt all jenen, die ohne Emotionen und schönen Schein zu HARMONISIEREN vermögen. So haben die ANDEREN  gar keine Seife nötig, zumal sie nicht die Bewusstwerdung benötigen, die wir Menschen nötig haben, um dem PROBLEM näher kommen zu können … und jene Bewusstwerdung, welche die ANDEREN durch uns EINEN erfahren, ebenfalls keine Seife notwendig macht, auch nicht all jene Dienstleistungen im Namen kosmetischer Korrekturen, die wir EINEN offensichtlich für immer notwendiger erachten, um weiter gesellschaftsfähig bleiben zu können.

Die ANDEREN zeigen immer ihr wahres Wesen und geben nicht vor zu sein, was sie nicht sind oder nicht sein wollen … auch dann nicht, wenn sie uns ihre Zähne zeigen oder offen zur Schau stellen, was der Zahn der Zeit ihnen, in ihrem Vermögen die HARMONIE zu bewahren, abverlangte. Und da sie ihrem Wesen derart treu bleiben ist auch ihr Beitrag für die Realisierung des Kosmos ein ganz ANDERER … worin sich zeigt, dass sie stets das Unmittelbare angehen und nicht erst in weite Ferne rücken, was sich unmittelbar um sie herum abspielt.

Dass das Hautmilieu das wesentliche Symptom dessen ist, was sich im Körper, aufgrund äußerer Ungleichgewichte, abspielt, wissen daher die ANDEREN zu nutzen, damit die HARMONISIERUNG auch weiterhin möglich ist, so, eventuell, indirekt für weitere Gräber sorgend:

Mückenstiche: Hautbakterien locken Blutsauger an

Malaria parasite ‘can manipulate body odour of mice’

Doch auch diesbezüglich hat der Zeitgeist schon wieder eine Antwort parat, wie hier gezeigt wird … erst recht, wenn Parasiten im Spiel sind, wie in einem zurückliegenden Artikel bereits beschrieben wurde. Offensichtlich bleibt auch Gaia selbst vor kosmetischen Eingriffen seitens des Zeitgeistes nicht verschont …

Guido Vobig


Autor Guido Vobig – Initiator der Projekte:

http://www.gold-dna.de
http://www.gold-dna.de/phi.html
http://www.gemeinsaminstal.de

Danke Martin und Guido für diesen Beitrag: FaszinationMensch

Bild- und Grafikquellen:

  1. Beitragsbild: «Der Untergang der Menschheit…» – qpress.de
  2. «Kosmetik einkaufen …» – www.pixabay.com
  3. «Alter» – www.pixabay.com

Ausstieg aus der Apokalypse

von Fabian Scheidler

Einer der markantesten Züge dessen, was wir die „westliche Zivilisation“ nennen, ist ihre Apokalyptik. Ein Blick in die nächste Videothek genügt, um festzustellen, dass das Kino von der Idee der Weltzerstörung geradezu besessen ist. Apokalypsen endeten jedoch ursprünglich nicht mit dem Weltuntergang, sondern mit der Schaffung einer Neuen Welt, eines Himmlischen Jerusalems. Die Utopien der frühen Neuzeit – Thomas Morus’ Utopia, der Sonnenstaat von Campanella, das Nova Atlantis von Bacon – waren ebenso apokalyptisch inspiriert wie die Bewegungen der Reformation und der Täufer. Im 20. Jahrhundert trugen die futuristischen Stadtentwürfe eines Le Corbusier oder das Projekt der Erschaffung eines Neuen Menschen in der frühen Sowjetunion – auch wenn ihre Schöpfer jeden religiösen Zusammenhang weit von sich gewiesen hätten – Züge eines apokalyptischen Programms, das mehr als 2000 Jahre alt ist. Die rechtwinkligen Straßenmuster moderner Finanzdistrikte und ihre Glasfassaden, in denen sich der Himmel spiegelt, erinnern nicht zufällig an die Beschreibung des Neuen Jerusalems in der Offenbarung des Johannes. Die Apokalyptik erweist sich in der Geschichte als ausgesprochen hartnäckig und in erstaunlicher Weise systemübergreifend. Sie ist im Christentum ebenso zuhause wie im atheistischen Fortschrittskult. Sie findet sich in den Hoffnungen auf einen Neubeginn der Menschheit im Kommunismus und in der Vision vom Triumph des Kapitalismus als „Ende der Geschichte“, wie er Francis Fukuyama vorschwebte.

abgezirkelt und ausgerichtet

Abgezirkelt und ausgerichtet: Die Vision des Neuen Jerusalem (16. Jh.) und Le Corbusiers Neues Paris.

Doch nicht nur das Imaginäre ist apokalyptisch besetzt. Keine andere Zivilisation der Geschichte hat es bisher geschafft, mehrere reale Weltuntergangsoptionen zu produzieren, vom Atomkrieg bis zum globalen Umweltgau. Diese realen Szenarien sind auf eigenartige Weise an die imaginären gekoppelt: Es scheint fast so, als würde die jahrtausendelange Suche nach dem Neuen Jerusalem genau die Zerstörungspotentiale hervorbringen, die heute unsere Zukunft bedrohen. Denn die Kehrseite der Schönen Neuen Welt, die uns die entfesselte Produktion und Konsumption beschert, ist ein geplünderter, ausgebrannter Planet; die Kehrseite der Beherrschung der Atomkräfte – an die sich seit den 50er Jahren die kühnsten Utopien knüpften – ist die Möglichkeit eines allesvernichtenden Krieges. Was aber sind die Ursprünge der für unsere Zivilisation so eigentümlichen Suche nach einer ganz anderen, neuen Welt, die die alte, korrumpierte ersetzt? Und wie ist es möglich, dass radikal entgegengesetzte Gesellschaftsentwürfe gleichermaßen von der Apokalyptik inspiriert wurden?

Apokalypsen als Antwort auf das Trauma der Macht

Apokalypsen sind Visionen einer totalen Verzweiflung. Sie entstehen in den Verwüstungsspuren der Imperien, wo die Welt so tief korrumpiert erscheint, dass Rettung nur noch in der totalen Vernichtung und Neuschöpfung des Kosmos vorstellbar ist. Das apokalyptische Denken hat die Verwüstung immer schon hinter sich. Nicht zufällig entsteht die früheste apokalyptische Literatur an einem Ort und in einer Zeit, die von massiver ökonomischer und physischer Gewalt geprägt waren: Palästina in der Epoche, die auf die Eroberungskriege Alexanders des Großen folgte.

Die griechische Militärmaschinerie hatte ein System in den Nahen Osten gebracht, das David Graeber in seinem Buch Schulden. Die ersten 5000 Jahre als ein Dreieck von Geldwirtschaft, Krieg und Sklaverei beschrieben hat: Die Erfindung des Münzgeldes erlaubte es erstmals in der Geschichte, ein dauerhaftes Söldnerheer zu unterhalten; das Silber dafür wurde von Sklaven – die meisten davon Kriegsgefangene – in gewaltigen Bergwerken gefördert. Damit die Söldner für das Silber, mit dem sie bezahlt wurden, auch etwas kaufen konnten, musste die Gesellschaft einer radikalen Kommerzialisierung unterworfen werden. Das wichtigste Mittel dazu waren die Steuern: Bauern und Handwerker wurden durch die Umstellung des Steuerwesens von Naturalien auf Münzgeld gezwungen, für den Markt zu produzieren statt für die Selbstversorgung. Viele gerieten dadurch in einen Verschuldungskreislauf, der Landbesitz konzentrierte sich zunehmend in den Händen von Großgrundbesitzern. Der Widerstand gegen dieses System konnte wiederum mit den neu geschaffenen Söldnerheeren unterdrückt werden. Die Ausweitung von Markt- und Staatsmacht gingen Hand in Hand. Die Kehrseite dieser extremen Machterweiterung auf Seiten der Eliten waren ebenso extreme Ohnmachtserfahrungen auf Seiten der Bevölkerung, besonders an den Rändern des Empires – und genau dort entstand die apokalyptische Literatur.

Eine der ersten uns überlieferten Apokalypsen findet sich im biblischen Buch Daniel, entstanden um das Jahr 164 v. u. Z. unter der Herrschaft des Antiochos Epiphanes, der mit den Mitteln des neuen ökonomisch-militärischen Systems über den Nahen Osten herrschte. Das siebte Kapitel des Buches erzählt von einer Abfolge von vier Imperien, die durch verschiedene Tiere symbolisiert werden. Das vierte Tier war „anders als alle anderen, ganz furchtbar anzusehen, mit Zähnen aus Eisen und mit Klauen aus Bronze, das alles fraß und zermalmte und, was übrig blieb, mit den Füßen zertrat“. Dieses letzte Tier – Antiochos – wird schließlich von einem Strafgericht, dessen Vorsitz eine göttliche Gestalt führt, dem Feuer übergeben und vernichtet.

Anders als in späteren Offenbarungen wird hier noch nicht das gesamte Universum der Vernichtung anheim gegeben, sondern nur der Übeltäter selbst. Doch auch schon bei Daniel wird in der Imagination die Erfahrung von Ohnmacht und Erniedrigung durch das Aufgebot gewaltiger himmlischer Heerscharen kompensiert. Die Allmacht des sie anführenden Gottes spiegelt die Macht irdischer Herrscher und überbietet sie. Und genau an diesem Punkt kippt die Apokalyptik von der Hoffnung auf Rettung und Wiedergutmachung in eine Spiegelung der traumatisierenden Erfahrung: Was man selbst erfuhr, wird nun am anderen vollstreckt, und zwar mit noch massiverer Gewalt. Die Apokalyptik bricht nicht mit dem Prinzip der Macht, sondern multipliziert es. Am Ende steht keine Befreiung, sondern ein neues Reich, das Reich des „Höchsten, dem alle Mächte dienen und gehorchen“. Mit dem Wort gehorchen endet die Vision. Doch fügt der Autor noch hinzu: „Mich, Daniel, erschreckten meine Gedanken sehr, und ich erbleichte.“

Die Vernichtung von Himmel und Erde

Ein solches Erschrecken und Erbleichen fehlt dagegen in dem mit Abstand einflussreichsten apokalyptischen Text: der Offenbarung des Johannes, geschrieben etwa um das Jahr 90 n. Chr. Der Autor ist mit der Logik der Vernichtung vollkommen im Einvernehmen. Zur Disposition stehen nicht nur ein paar Tyrannen und ihre Handlanger, sondern der gesamte Kosmos soll ausgelöscht und neu geschaffen werden.

Diese Radikalisierung der apokalyptischen Vision antwortete auf eine Radikalisierung der Herrschaft: Das Römische Imperium hatte das System aus Geldwirtschaft und Krieg perfektioniert und erzeugte damit, vor allem an den Rändern seines Herrschaftsgebietes, kollektive traumatische Ohnmachtserfahrungen. Exemplarisch dafür steht der vierjährige Vernichtungskrieg Roms gegen die Erhebung jüdischer Rebellen in Palästina, der im Jahr 70 mit der Zerstörung Jerusalems und des jüdischen Tempels endete. Die Zahl der Toten soll eine Million überstiegen haben, Tausende wurden gekreuzigt. Die alptraumhaften Ereignisse waren im kollektiven Gedächtnis der Zeitgenossen tief verankert. Die Bösartigkeit der Welt schien so überwältigend und die Ohnmacht so total, dass als Ausweg nur eine Vernichtung der gesamten Erde und eine vollständige Neuschöpfung durch himmlisches Eingreifen möglich erschien: „Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, auch das Meer ist nicht mehr. Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem von Gott her aus dem Himmel herabkommen.“

Das Himmlische Jerusalem und der Schwefelsee

Das Neue Jerusalem ist kein Ort für alle Menschen. Es ist keine Utopie einer friedlichen, gerechten und versöhnten Welt, wie man sie in den Evangelien in der Rede vom „Himmelreich“ oder bei den Propheten des Alten Testaments findet. Es ist ein Ort der radikalen Spaltung der Menschheit in Auserwählte und Verworfene. Auf der einen Seite gibt es diejenigen, die in das Buch des Lebens eingetragen sind: Für sie wird die Himmlische Stadt, das Neue Jerusalem erschaffen, „bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat“. Auf der anderen Seite stehen die Aussortierten, Unbrauchbaren, Verworfenen: Wer nicht im Buch des Lebens verzeichnet ist, wird für alle Ewigkeit in einen See aus brennendem Schwefel geworfen.

Diese Vision ist bis heute – durch alle Säkularisierungen hindurch – prägend für die westliche Zivilisation geblieben. Mit der Entstehung einer kapitalistischen Weltwirtschaft seit dem 16. Jahrhundert erfuhr sie zugleich eine Renaissance und eine Umdeutung, vor allem durch die Lehren der Calvinisten und Puritaner, die in den kapitalistischen Zentren der Niederlande, Großbritanniens und später der USA sehr einflussreich wurden.

Nach den Lehren des Johannes Calvin aus Genf waren die Menschen von Gott noch vor der Erschaffung der Welt in Auserwählte und ewig Verdammte geschieden. An diesem vorbestimmten Schicksal könne kein Mensch etwas ändern, weder durch gute Taten noch durch Glauben. Allerdings könne er auch nie mit Sicherheit wissen, zu welcher Gruppe er gehört. Daher sei er auf Zeichen angewiesen – und das deutlichste Zeichen dafür, zu den Auserwählten zu gehören, ist laut Calvin unermüdlicher Arbeitseifer und wirtschaftlicher Erfolg.
In der calvinistischen Ideologie verbindet sich die apokalyptische Tradition mit dem kapitalistischen Projekt. Die Spaltung der Menschheit in Auserwählte und Verdammte, wie sie die Johannes-Offenbarung verkündet, wird auf das Wirtschaftsgeschehen projiziert, göttliche Ordnung und Marktlogik werden eins. Den Armen gehört nicht das Himmelreich, sie erscheinen vielmehr als von Gott Verworfene, die unrettbar der Hölle bestimmt sind, während die Reichen in die Rolle der Auserwählten schlüpfen. Keine irdische Macht ist für diese Segregation verantwortlich, sondern Gottes unhinterfragbarer Ratschluss vor Anbeginn der Zeit. Dass sich diese Lehre in den Zentren des wirtschaftlichen Umbruchs so rasant ausbreitete, lag zweifellos daran, dass sie einen wichtigen Zweck erfüllte: Sie legitimierte die soziale Spaltung und entzog sie der Debatte.

Die Puritaner trugen diese Lehre in die nordamerikanischen Kolonien. Erfüllt von der Vorstellung, das Ende der Zeiten sei nahe, war Amerika für sie der Ort, wo das Neue Jerusalem entstehen würde: die „City upon a Hill“. Und wie das Neue Jerusalem so sollte auch Neu-England kein Ort für alle Menschen sein. Die dort lebenden Pequot etwa wurden innerhalb von wenigen Jahren fast vollständig ausgelöscht.

Die Siedler verbanden ihre apokalyptische Mission mit wirtschaftlichen Ambitionen. Die Kolonisierung wurde von Aktiengesellschaften – nach dem Muster der holländischen und englischen Ostindien-Kompanien – vorangetrieben, denen die englische Krone die Verfügungsgewalt über bestimmte Territorien verliehen hatte. Die ärmeren Kolonialisten verkauften sich an diese Kompanien für sieben Jahre als Leibeigene. Ihr Auftrag war es, in der Neuen Welt Profite für die Shareholder in London zu erwirtschaften, egal mit welchen Mitteln.

Die Verbindung von Eschatologie und ökonomischer Expansion verlieh dem Projekt eine utopische Aura, die über die harte Realität in den frühen Kolonien hinwegstrahlte. Die Himmlische Stadt würde nicht vom Himmel kommen, sondern sie konnte nun hergestellt werden. Die Kolonisierung Amerikas war der erste Schritt. Um die Neue Welt zu bauen, musste die alte, vorgefundene Welt zerstört werden. An ihre Stelle sollte eine Schöpfung aus der Hand des neuen Meisters der Erde treten: des weißen Mannes, der selbst Werkzeug eines weißen, männlichen, autoritären Gottes war.

Green Zones und die Unsichtbare Hand des Marktes

Die von Calvinisten und Puritanern in die Logik des Kapitalismus übersetzte Vorstellung einer radikalen Spaltung der Menschheit in Auserwählte und Verdammte ist heute von geradezu unheimlicher Aktualität. Himmlisches Jerusalem und Schwefelsee liegen in den modernen Global Cities häufig nah beieinander. Während die Auserwählten in gläsernen Türmen Zahlen, Buchstaben und Bilder über ihre Bildschirme laufen sehen, versinken wenige Straßenecken weiter die vom globalen Markt Verworfenen in Fäkalien- und Müllbergen, die von den Himmlischen produziert werden. Was Slumbewohner und Aufsteiger voneinander scheidet, sind Ziffern, die in der zeitgenössischen Variante des Lebensbuches verzeichnet sind: dem Konto. Wer nicht in das Buch der Bank eingetragen ist, für den ist im 21. Jahrhundert nur der Schwefelsee vorgesehen.

Hand am Puls

Die Hand am Puls des Gelds… …oder am qualmenden Schwefel

Auf dem Thron sitzt kein Gott mehr, sondern die Unsichtbare Hand des Marktes, die Gewinner- und Verliererlose verteilt. Sie spaltet den Raum in zwei radikal getrennte Sphären. Deren Bruchstellen sind an den Stacheldrahtzäunen, die Europa und die USA zu Festungen machen, ebenso zu sehen wie an den Mauern, die Israel und Palästina trennen. Auf der ganzen Welt entstehen Netzwerke von Gated Communities, von Green Zones, verbunden durch Hochsicherheitskorridore. Die Highways, auf denen die Erwählten in klimatisierten SUVs mit getönten Scheiben fahren, durchschneiden das Land der Verlierer, denen nur der Staub und der aus dem Fenster geworfene Müll bleibt. Das Himmlische Jerusalem unserer Zeit wird von Polizeirobotern und Drohnen gegen diejenigen, die dem Schwefelsee zu entkommen versuchen, geschützt.

Wie in der Offenbarung verläuft die Spaltung der Welt heute entlang einer Linie der Abstraktion: Die irdische, konkrete, naturgegebene Welt wird verworfen, sie mutiert zum Feuersee; vom Himmel dagegen kommt eine vollständig abstrakte, rechtwinklige Stadt, die „aus reinem Gold, wie aus reinem Glas ist“ und mit einem goldenen Maßstab vermessen wird. Auf unheimliche Weise ist die Phantasie des Johannes heute in den Downtowns von São Paulo, Singapur, Dubai, Houston usw. Wirklichkeit geworden. An die Stelle Gottes sind die Ingenieure und Baumeister der modernen Welt getreten, die an einer zweiten, künstlichen Schöpfung arbeiten. In dieser Welt soll „der Tod nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal.“ Doch der Preis für dieses hybride Projekt ist die Zerstörung der ersten Schöpfung. Es ist eine bittere Pointe der Geschichte, dass die Vision totaler Macht über die Schöpfung ursprünglich einem Impuls der Revolte gegen die Macht entsprang.

Die andere Apokalyptik

Die dualistische, autoritäre Apokalyptik war jedoch nicht die einzige Spielart des radikalen Traums von einer Neuen Welt. Gegen den sich im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit erneut formierenden Geld-Krieg-Komplex, erhoben sich vom 13. bis 16. Jahrhundert massive soziale Bewegungen, die von der Vision einer egalitären Gesellschaft inspiriert waren. Ähnlich wie in der Antike ging mit dem Aufstieg von Geldwirtschaft und Militarisierung eine zunehmende Kommerzialisierung und soziale Polarisierung einher. Die kapitalistische Weltwirtschaft war im Entstehen begriffen – und mit ihr eine neue Welle der Apokalyptik. Je massiver sich die neuen ökonomischen und militärischen Mächte formierten, je größer die Ohnmacht der Bevölkerung war, desto lauter wurden die apokalyptischen Töne in den sozialen Bewegungen.

Die Reihe von solchen apokalyptisch inspirierten egalitären Bewegungen reicht von den Armutsbewegungen des 13. Jahrhunderts über die böhmischen Hussiten des 15. Jahrhunderts bis zu den deutschen Bauernkriegen und der Täuferbewegung des 16. Jahrhunderts. Thomas Müntzer, der die Bauernbewegung in der Reformation – gegen Martin Luther – unterstützte, sah in den Auseinandersetzungen einen endzeitlichen Kampf, der in der Schlacht bei Frankenhausen (1525) gipfeln würde. Doch die mit Heugabeln und Dreschflegeln bewaffneten Bauern warteten dort vergeblich auf den Beistand des Heiligen Geistes: Mehr als 5000 von ihnen wurden in einem regelrechten Massaker von einer erdrückend überlegenen Armee niedergemacht, die selbst nicht einmal ein Dutzend Soldaten verlor.

Nicht einmal zehn Jahre später riefen in Münster die sogenannten Täufer eine Gütergemeinschaft nach dem Vorbild der Jerusalemer Urgemeinde aus und verbrannten die Schuldenregister des Stadtarchivs. Während sich um die Stadt bereits die kaiserlich-bischöflichen Truppen zusammenzogen, schwangen sich apokalyptische Propheten als Führer der Bewegung auf und verkündigten das bevorstehende Erscheinen Christi. Der Heiland aber erschien nicht, stattdessen wurde die Stadt im Jahr 1535 von den übermächtigen Truppen erobert. Die Führer der Bewegung wurden öffentlich gefoltert und hingerichtet, ihre Leichen am Kirchturm aufgehängt und zur Schau gestellt, damit „sie allen unruhigen Geistern zur Warnung und zum Schrecken dienten, dass sie nicht etwas Ähnliches in Zukunft versuchten oder wagten“.

Die apokalyptische Wendung der Bauernrevolte und das Ende des Münsteraner Täuferreichs zeigen die Tragik der egalitären Bewegungen, die angesichts ihrer Ohnmacht gegenüber dem erstarkten Geld-Militär-Komplex in apokalyptische Phantasmen entglitten – ähnlich wie bereits die antiken Apokalyptiker angesichts der Übermacht römischer Legionen.

In der Französischen Revolution tauchten einige Züge der egalitären Apokalyptik wieder auf; der Beginn einer neuen Zeitrechnung in Form des Revolutionskalenders steht symbolisch für diese Tradition. Auch einige Strömungen der sozialistischen und kommunistischen Bewegungen im 19. und 20. Jahrhundert trugen, bewusst oder unbewusst, die Erbschaft der egalitären Apokalyptik aus der frühen Neuzeit weiter. Die Vorstellung von einem vorgezeichneten historischen Prozess, der in einen ewigen Endzustand – den Kommunismus – mündet, ist z.B. eindeutig apokalyptischen Ursprungs.

Doch die sozialen Bewegungen der letzten Jahrzehnte haben aus der Geschichte gelernt. Der berühmt gewordene zapatistische Slogan „Fragend gehen wir voran“ etwa gibt die Vorstellung eines vorgezeichneten geschichtlichen Pfads, der in einen ebenso vorgezeichneten Endzustand mündet, auf. Der Glaube an eine revolutionäre Elite, die ein esoterisches Wissen über den Lauf der Geschichte besitzt, ist in den neueren sozialen Bewegungen ebenso verschwunden wie die Vorstellung, dass es einen Dies irae, einen endzeitlichen „Tag des Zorns“ geben wird, an dem alles umgeworfen wird und eine neue Epoche beginnt. Es hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass ein Ausstieg aus der tödlichen Logik der Kapitalakkumulation nur als Prozess und nicht als Ereignis vorstellbar ist – und zwar als ein Prozess mit vollkommen offenem Ausgang.

Der Ausstieg aus dem apokalyptischen Denken bedeutet dabei keineswegs das Ende aller Utopien. Wie der Weltsystemtheoretiker Immanuel Wallerstein es formuliert hat, hängt in der derzeitigen instabilen Phase des Weltsystems die Zukunft von einer beinahe unendlichen Anzahl von Entscheidungen einer beinahe unendlichen Anzahl von Menschen ab. Ob daraus tatsächlich etwas Neues hervorgeht, wie dieses Neue aussehen wird, ob es besser oder – was durchaus möglich ist – schlechter als die Gegenwart sein wird, all das ist weder vorhersehbar noch planbar. Die gute Nachricht ist: Es kommt auf uns alle an. Wir müssen nicht auf ein Zeichen von oben warten, um uns auf den Weg zu machen.

Der Artikel basiert auf einem Kapitel des voraussichtlich im Frühjahr 2015 erscheinenden Buches „Zivilisationswende“.

Fabian Scheidler


Text- und Grafikquellen: Streifzuege-Team– Heft 61/2014 – zum Artikel

Beitragsbild: «Zusammenbruch» – www.pixabay.com/de

Ist ein Leben ohne Vorurteile und Feindbilder möglich?

Wie können wir sinnvoll mit ihnen umgehen?

von der Studiengesellschaft für Friedensforschung

Kinder, Jugendliche, alte Menschen, Frauen, Männer, Juden, Iraker, Schweizer, Russen, Prostituierte, Türken, Homosexuelle, Amerikaner, Christen usw. – es gibt keine Gruppe von Menschen, keine Nationalität, keine Religion für die es keine Klischees gäbe und die nicht mit bestimmten Eigenschaften besetzt wären. Wir können uns leider dem Phänomen nicht entziehen, dass wir in Stereotypen denken.

Karrikatur Frieden 1“Der Begriff Stereotype bezieht sich auf eine Reihe gleicher Eigenschaften, die Gruppen zugeschrieben werden. Bei der Wahrnehmung von Gruppen bedienen wir uns einiger typischer Eigenschaften, um Mitglieder dieser Gruppe zu kennzeichnen.” (Norbert Kühne u. a., S. 23)

Das ist problematisch, weil dadurch Schubladen entstehen, die für Individualität, kritisches Hinterfragen, Verstehen anderer Personen oder Gruppen wenig Raum lassen. Zu leicht entstehen aus solchen Schubladen Vorurteile und Feindbilder. Deshalb drängen sich einige fundamentale Fragen auf:

Ist ein Leben ohne Vorurteile und Feindbilder für uns Menschen möglich? Kann der Mensch überhaupt die Realität als solche wahrnehmen? Ist er zu objektiver und aggressionsfreier Wahrnehmung fähig? Kann er wahrnehmen, ohne gleich zu interpretieren?

Normalerweise eher nicht. Denn wir haben als Menschen bereits sehr früh die Tendenz, die Wirklichkeit, das, was wir erleben und was uns begegnet, zu kategorisieren: in gut und böse, in richtig und falsch. Damit geben wir unserem eigenen Weltbild die Struktur, die wir zur Orientierung in unserem Leben brauchen. Auch wenn Vorurteile und Feindbilder vom Inhalt her austauschbar sind, ohne sie wird kaum ein Mensch leben können. Die entscheidende Frage muss deshalb lauten: Wie können wir konstruktiv damit umgehen?

1. Begriffliche Bestimmungen

Schauen wir uns zum besseren Verständnis zuerst einmal die beiden Begriffe “Vorurteile” und “Feindbilder” genauer an.

Wenn wir von einem Gespräch mit dem neuen Lehrer unseres Kindes zurückkommen und sagen: “Ich hätte nicht gedacht, dass der Neue so aufgeschlossen ist”, dann haben wir ein ganz harmloses Vorurteil korrigiert. Bei “wirklichen” Vorurteilen, die tief sitzen, ist das anders.

1.1 Was sind Vorurteile?

Vorurteile sind – als vorgefasste Meinungen und ungeprüfte Ablehnungen – soziale Einstellungen, die sich auf soziale Gruppen bzw. Individuen beziehen. Sie sind oft aus Vorausurteilen entstanden, die ohne eingehendere Prüfung zu falschen Verallgemeinerungen werden. “Ein Vorurteil ist eine dem Stereotyp nahestehende Einstellung (Meinungsbildung), die kaum auf Erfahrung (Information, Sachkenntnis), um so mehr auf subjektiver Eigenbildung bzw. Generalisierung von Ansichten usw. beruht. Kennzeichnend für das Vorurteil ist auch die zähe, unflexible, unreflektierte Fortdauer und die meist zerstörerische (selten förderliche) Wirkung, die es im Gemeinschaftsleben entfalten kann.” (F. Dorsch, S. 741)

Haben Vorurteile auch einen Nutzen und wenn ja welchen? Vorurteile erleichtern uns das Leben ähnlich einem Reiseführer durch eine uns fremde Region. Sie können in Gruppen einen gewissen Zusammenhalt schaffen und verstärken die Bereitschaft zu gemeinsamen Aktivitäten. Dieser soziale Vorteil kann sich sowohl auf den privaten wie auf den öffentlichen Bereich beziehen.

Man unterscheidet negative und positive Vorurteile. Beide basieren kaum auf objektiv gesicherten Informationen, sondern vor allem auf subjektiven Einstellungen, Gefühlen und Wertungen (s. Arthur S. Reber, S. 590).

Positive Vorurteile entstehen z. B. schnell in der Phase der Verliebtheit zwischen zwei Menschen. Als Beispiel für negative Vorurteile seien hier die ethnischen Gruppen der “Sinti und Roma” genannt. Ihnen werden häufig folgende Charakteristika zugeschrieben: “Ihre moralischen Eigenschaften zeigen eine sonderbare Mischung von Eitelkeit und Gemeinheit, Ziererei, Ernst und wirklicher Leichtfertigkeit, fast einen gänzlichen Mangel männlichen Urteils und Verstandes, welcher von harmloser List und Verschlagenheit, den gewöhnlichen Beigaben gemeiner Unwissenheit, begleitet ist; dabei zeigen sie noch entwürdigende Kriecherei in Tun und Wesen, darauf berechnet, andere durch List zu übervorteilen; sie haben nicht die geringste Rücksicht auf Wahrheit und behaupten und lügen mit einer nie errötenden Frechheit …” (Benz, S. 175)

Fragen Sie sich selbst: Was verbinden Sie mit “Zigeunern”? Was fällt Ihnen spontan und als erstes ein? Sind Sie nicht auch in irgendeiner Weise von solchen Vorurteilen geprägt?

Vorurteile werden, abhängig vom Inhalt, mitunter auch als “interessenbestimmte Lügen” definiert (Werner Bergmann, S. 5). Wir Menschen haben die Tendenz, das herauszugreifen, was wir sehen wollen und blenden das aus, was uns nicht gefällt. Damit belügen wir – bewusst oder unbewusst – uns selbst und andere. In der Regel werden Vorurteile anderer schneller erkannt als die eigenen. Wie auch immer: Der Kontakt mit Menschen, gegen die wir Vorurteile hegen, wird gemieden, die Kommunikation mit ihnen reduziert.

Vorurteile und diskriminierendes Verhalten stehen oft in engem Zusammenhang. Ist beispielsweise der Personalchef einer Firma der Ansicht, dass Frauen “an den Küchenherd” gehören, so wird er Frau P., die sich um eine hausinterne Führungsposition bewirbt, bei der Vergabe der Stelle übergehen (aus: HansWerner Bierhoff, S. 265).

Diskriminierendes Verhalten als Folge von Vorurteilen ist auch sonst in unserem Alltag sehr häufig zu beobachten, z. B. auf Spielplätzen, wenn Eltern bewusst ihre Kinder von bestimmten Ausländergruppen fernhalten, oder bei der Wohnungssuche, wo eine leerstehende Wohnung nicht an Personengruppen bestimmter Nationalitäten vermietet wird (nationale Vorurteile).

Kölner Schüler haben folgendes Experiment durchgeführt:

“,Heh, Ali, du nix anfasse’, sagt die deutsche Verkäuferin im Spielwarengeschäft in der Kölner Innenstadt barsch zu dem Jungen und zieht den Stecker zu den Telespielen heraus, die dort zum Ausprobieren aufgestellt sind. Der Junge hat schwarze Haare, trägt einen abgewetzten Parka und spricht das gebrochene Deutsch der Türken. Vor der Ladentür sagt der 13jährige in akzentfreiem Deutsch: ‚Unverschämt! Die deutschen Kinder durften an den Vorführgeräten rumfummeln. Ich aber nicht – nur weil mich die Verkäuferin für einen Türken gehalten hat.’ Der schwarzhaarige Junge ist in Wirklichkeit blond. Sein Name ist nicht Ali, sondern Jan. Und er ist kein Türke, sondern ein Deutscher. Zusammen mit anderen Schülern aus der siebten Klasse der integrierten Gesamtschule Köln Holweide hatte sich Jan als Türke verkleidet. … ,Dieser Anschauungsunterricht’, so sagt Jan, ‚ist allen in der Klasse unheimlich unter die Haut gegangen, weil die Deutschen plötzlich anders zu einem sind.'” (ART, Heigl 2000)

1.2 Zum Begriff “Feindbild”

Vorurteile können unabhängig von Feindbildern wie auch zusammen mit ihnen existieren. Das heißt, man kann ein Vorurteil über eine bestimmte Gruppe von Menschen haben, aber daraus muss sich noch nicht zwangsläufig ein Feindbild ergeben. Feindbilder hingegen basieren fast immer auf Vorurteilen, denn Vorurteile und Stereotypen dienen meist als Reservoir für Feindschaft (s. Brehl/Platt, S. 29). Feindbilder leiten sich oft aus politischen und sozialen Vorurteilen ab.

Karrikatur Frieden 2Feinde im Sinne von Widersachern und Gegnern hat es schon immer gegeben, seit Menschengedenken. Sie sind Teil der Menschheitsgeschichte. Feindbilder spiegeln wider, was wir zu diesem Feind/zu diesen Feinden denken, empfinden, vermuten und erwarten. Sie sind die krasseste Form geschürter Vorurteile als konsistent negative Einstellung gegenüber einzelnen Menschen oder Gruppen von Menschen. Feindbilder sind stereotyper und negativer als Vorurteile und deshalb auch nur schwer zu korrigieren. Wer zum Feind deklariert wird, kann darauf kaum Einfluss nehmen.

Feinde sind damit abgestempelte Menschen. Im Ersten Weltkrieg etwa galten folgende Feindbilder: Engländer wurden als hinterlistig, Franzosen als atheistisch, schlampig und arrogant, Italiener als feige und treulos und Russen als Barbaren gesehen (s. Benz S. 9 – 10).

Feinde dienen dazu, die eigene Identität zu definieren, Macht und Herrschaft zu erlangen, unangenehme eigene Auseinandersetzungen abzuwehren und die Projektion unverarbeiteter Ängste und Wünsche zu ermöglichen (s. Brehl/Platt, S. 13). Der Feind ist damit ein Resultat aus diesen vorausgegangenen Prozessen und ein typisches Phänomen im politischen Kontext.

Neben privaten Feindbildern gibt es auch kollektive Feindbilder, die mit Gleichgesinnten bis hin zur Gesellschaft, in der man lebt, geteilt werden. Sie werden wie ein Schema gespeichert, das von nun an jederzeit abrufbar ist.

“Der politische Sinn der Feindschaft liegt in der Verschiebung interner Rivalitäten einer Gemeinschaft nach außen. Mittels einer nach außen gerichteten Feindschaft erweist sich die Möglichkeitsbedingung von Freundschaft und Solidarität in einem politischen Gemeinwesen. Damit mittels politischer Feindschaften interne Spannungen und Rivalitäten erfolgreich nach außen verlagert werden können, bedarf es einer gewissen Verkennung des Sinns der Feindschaft. Wo das Problem als internes bekannt ist, kann der äußere Feind nicht mehr als Blitzableiter dienen.” (Brehl/Platt, S. 73) Feindschaft kann also auch interne Bürgerkriege verhindern.

Feinde schaffen Konflikte. Sie widersetzen sich dem, was wir vorhaben, wollen, für wichtig finden usw. Deshalb stellt ein Feind sowohl in unserem Bewusstsein wie in der faktischen Realität für uns immer eine Gefahr oder ein Risiko dar. Und deshalb reagieren wir auch einem Feind gegenüber meist so aggressiv. Das aggressive Verhalten, das sich gegen einen anderen oder eine ganze Gruppe richten kann, hat das Ziel, den einzelnen Feind oder die feindliche Gruppe zu vertreiben oder zu unterdrücken (s. F. Dorsch).

Dazu folgendes Beispiel aus dem Ersten Weltkrieg:

Die Serben sind alle Verbrecher, ihr Land ist ein dreckiges Loch. Die Russen, die sind nicht viel besser, und Keile kriegen sie doch.”
(Zitat nach Ernst Johann, S. 20)

Feindbilder gehen, wie auch dieses Beispiel zeigt, mit negativen Emotionen einher. Feinde lösen Angst aus, denn durch Feinde fühlen wir uns im tiefsten Inneren bedroht. Diese Bedrohung kann sehr weitreichend sein und uns physisch, emotional und/oder intellektuell belasten. In letzter Konsequenz kann dadurch der ganz starke Wunsch und Drang entstehen, den Feind zu vernichten.

Verena Kast sagt das so: “Wir werden auch immer wieder aus Angst um unsere Lebensgrundlagen Feindbilder entwerfen. Wir werden unser schlechtes Selbstwertgefühl, als einzelner oder auch als Volk, rasch durch Feindbilder konsolidieren wollen … Aber Feindbilder sind abstrakt, klischeehaft, ungerecht. Feindbilder … verdecken die Realität mehr, als dass sie sie enthüllen.” (Verena Kast, S. 163)

Werden Angst und Aggression in einem fortlaufenden Prozess auf unser Gegenüber projiziert, wundert es letztendlich nicht, dass der andere beginnt, sich gemäß dem projizierten Bild zu verhalten (selffulfilling prophecy).

Feindbilder haben – zusammengefasst – also drei Wirkungszusammenhänge:

  1. Selbstbestätigung und Ausgrenzung (im Sinne von: “Ich bin/Wir sind richtig und entsprechen der Norm.”)
  2. Schuldzuweisung und Sinnstiftung (im Sinne von: “Ich bin/Wir sind die Guten, moralisch Überlegeneren.”)
  3. Angst und Realitätsverweigerung (im Sinne von: “Ich muss mich/Wir müssen uns schützen.”) (s. Wolfgang Benz, S. 9)

Mit Feinden will man nichts zu tun haben. Man spricht sie noch weniger an als Menschen, gegen die man Vorurteile hegt. Feindbilder schaffen deshalb in ihrer weiteren Konsequenz Ungerechtigkeit, Unmenschlichkeit und Voraussetzungen für Aggressionen, für gewaltsame Konfliktlösung und für Krieg. Sie haben Hochkonjunktur in Zeiten von Bedrohung, Sinnkrisen und Stress, in Phasen des Umbruches und der Angst, weil der Mensch dann ein besonderes Bedürfnis nach Sicherheit, Orientierung und Ausgrenzung hat.

Was begünstigt die Entstehung von Vorurteilen und Feindbildern? Dazu zunächst einige grundsätzliche Anmerkungen zur menschlichen Wahrnehmung. Dieses Wissen über unsere Wahrnehmung ist notwendig, um die Phänomene “Vorurteile” und “Feindbilder” besser zu verstehen.

2. Menschliche Wahrnehmung

Unsere Wahrnehmung ist von Natur aus über unsere Sinne begrenzt. Wir können über Augen, Nase, Ohren, Mund und unsere Haut immer nur einen kleinen Teil unserer Umwelt wahrnehmen. Wir können über Objektivität sprechen, aber wir können die Sachverhalte nicht absolut objektiv wahrnehmen oder erkennen. Hier haben wir als Menschen unsere Grenzen. Es bleibt immer eine Subjektivität, die Ausgangsbasis unserer Wahrnehmung und der mit ihr einhergehenden Prozesse ist.

Darüber hinaus wird unsere Wahrnehmung von bestimmten Gesetzmäßigkeiten bestimmt, die zum Teil angeboren sind und zum Teil anerzogen werden. Im positiven Sinne helfen sie uns, damit wir uns im Leben trotz unserer Begrenztheit zurechtfinden und zwar von klein an.

Unsere Wahrnehmung ist zudem durch unsere jeweiligen Bedürfnisse und Gefühle geprägt: Wenn z. B. physiologische Bedürfnisse wie Hunger oder Durst sehr stark sind, dann sind sie normalerweise weitgehend darauf begrenzt, wo es etwas zu essen oder zu trinken gibt. Neben Gefühlen und Bedürfnissen haben auch Erfahrungen, Motive, Erwartungen und Einstellungen einen ganz erheblichen Anteil daran, was und wie wahrgenommen wird.

Ein weiteres Merkmal unserer Wahrnehmung: Wir neigen dazu, zu vereinfachen und die Informationsfülle der sehr komplexen Realität zu reduzieren. Jeder Mensch, egal wo auf der Welt, unabhängig von Status, beruflicher Aufgabe, persönlicher Situation usw. hat nur eine eingeschränkte, ausschnitthafte Sichtweise der Dinge. Das ist von Natur aus so angelegt und trägt positiv, wie bereits erwähnt, zum Überleben bei. Aus Sicht der Evolution ist dies höchst sinnvoll, denn blitzschnell können wir so in Notsituationen aufgrund der uns vorliegenden Informationen Entscheidungen treffen, die unser Überleben sichern. Das geht dann reflexartig.

Die negative Seite allerdings ist, dass wir aufgrund dieser Begrenzung, nach den Erkenntnissen der Gestaltpsychologie einem automatisch ablaufenden Gliederungsprozess in unserer Wahrnehmung unterliegen. Wir blenden dabei wichtige Informationen aus, die sonst ein vollständigeres Bild ergeben würden.

Von klein an haben wir gelernt, das, was uns umgibt, sofort einzustufen und zu bewerten. Sobald wir sehen, interpretieren wir auch. Schlüsselreize genügen dazu bereits. So machen wir uns innerhalb weniger Augenblicke von einem fremden Menschen oder von Menschengruppen ein eigenes Bild. Es ist uns angeboren, Mimik und Gestik des anderen zu lesen. Eine halbe Sekunde genügt, um anhand des Gesichts des Gegenübers Alter, Intelligenz, ja sogar Charaktereigenschaften einer Person einzuschätzen. Das kann eine Überlebensstrategie sein. Gleichzeitig sind aber auch Vorurteile und Feindbilder ein – negatives – Ergebnis dieser sehr begrenzten und selektiven Wahrnehmung der Wirklichkeit.

Dieser erste Eindruck lässt sich nur schwer revidieren, obwohl es erwiesen ist, dass der Mensch mit seinen ersten, blitzschnellen Eindrücken oft sehr daneben liegen kann.

“Wir beobachten ständig andere Menschen oder Gruppen von Menschen und machen uns von ihnen ein mehr oder weniger zutreffendes Bild. Aus der Fülle der wahrgenommenen Daten wählen wir uns die passenden aus. Wir ziehen Schlüsse über Motive, Absichten und Eigenschaften anderer Menschen.” (Norbert Kühne, S. 20 – 21)

Wir entwickeln aber auch Abwehrmechanismen, die mit daran beteiligt sind, dass wir manches, z. B. Unangenehmes, aus der Wahrnehmung ausblenden. Dadurch entsteht eine Reduktion des Informationsflusses, die eine nicht zu unterschätzende Wirkung auf das Verhalten von uns Menschen hat. Wir sind weniger offen und agieren möglicherweise aufgrund von starren, normativen Einstellungen, die Vorurteile und Feindbilder weiter schüren. So ist die Wirkung unserer begrenzten Wahrnehmung, die bei jedem individuell unterschiedlich ist, auf die Begünstigung von Vorurteilen und Feindbildern nicht zu unterschätzen.

Zur Erkenntnis dieser durch verschiedene Faktoren begrenzten menschlichen Wahrnehmung gehört auch das Wissen um damit einhergehende Wahrnehmungsfehler.

Einige Wahrnehmungsfehler, die sehr häufig auftreten und denen wir alle unterliegen, sind:

HaloEffekt: Ein dominantes Merkmal, das wir beobachten, überstrahlt die ganze wahrgenommene Person und wird mit weiteren Merkmalen kombiniert: Hat z. B. ein Mensch einmal einen klugen Beitrag geleistet, so wird er von jetzt an in jeder Situation als klug gesehen. Dieses Merkmal wird unter Umständen mit weiteren Merkmalen wie Freundlichkeit, hohem persönlichen Einsatz usw. gekoppelt.

Logischer Fehler: Er besagt, dass in unserer Vorstellung bestimmte Eigenschaften immer zusammen auftreten, z. B.: Ein starker Junge ist auch aggressiv und aktiv (Norbert Kühne, S. 22).

Projektionen: Eigene Erwartungen, Bedürfnisse, Hoffnungen, Annahmen, Befürchtungen, Probleme etc. werden auf eine Person bzw. andere Personen übertragen. Wenn ich z. B. selbst Probleme habe, besteht die Tendenz, diese auch anderen zu unterstellen.

Verallgemeinerungen: Wir neigen dazu, durch den Gebrauch von Worten wie “immer, alle, keiner” usw. Verallgemeinerungen herzustellen. Sie sind wenig nützliche Wahrnehmungsfilter, denn sie stellen kognitiv etwas her, das wir im Grunde nie überprüfen können. Hier haben Aussagen wie “Wer lügt, stiehlt auch.” oder “Alle Dicken sind auch gemütlich.” ihren Ursprung.

Was kann die Folge dieser Wahrnehmungsfehler sein, die uns täglich widerfahren? Ein bekanntes Phänomen ist der RosenthalEffekt. Der Amerikaner Rosenthal hat deutlich gemacht, dass Menschen, insbesondere junge Menschen, eine Tendenz haben, sich so zu verhalten, wie es auf Grund von Vorurteilen erwartet wird (selffulfilling prophecy). Damit werden sie unter Umständen in negative Rollen und Verhaltensweisen gedrängt.

3. Entstehung von Vorurteilen und Feindbildern

3.1 Psychologische Betrachtungsweisen

Vorurteile sind nicht rational geprägt. Sie gehen oft mit Emotionen einher, insbesondere mit Sympathien oder Antipathien. Wir empfinden Sympathie für Menschen, die uns ähnlich sind, die ähnlich denken, ähnlich kommunizieren, ähnliche Interessen und Bedürfnisse haben wie wir.

Die Emotionen und inneren Bilder, die wir in uns tragen, basieren aus tiefenpsychologischer Sicht sehr häufig auf frühkindlichen Erlebnissen und Erfahrungen, die, wie wir wissen, unser ganzes weiteres Leben wesentlich beeinflussen.

In der Phase, in der ein Kind sein ÜberIch, also die Instanz für Werte und Normen entwickelt, werden Einstellungen und Vorurteile der Bezugspersonen mittels Identifikation übernommen.

Menschen mit niedrigem Selbstwertgefühl, starken Minderwertigkeitsgefühlen, mit ungelösten Autoritäts oder Vaterproblemen, Menschen, die in ihrer frühen Kindheit zu wenig Liebe und positive Zuwendung erfahren haben oder die aus einem sehr strengen und autoritären Elternhaus oder Erziehungsumfeld stammen, tendieren in der Regel stärker dazu, aufgrund ihrer normativen Prägung ihr Leben auf festgefügten Beurteilungen und Vorurteilen aufzubauen.

Vorurteile und Feindbilder entstehen zunächst in uns und werden dann im Außen auf verschiedene Menschen, Gruppen, Nationalitäten etc. übertragen, die diesen Bildern entsprechen. Sie kommen in Projektionen zum Tragen. Projektionen sind das Hinausverlegen von Innenvorgängen nach außen (s. Dorsch, S. 508).

“Immer und überall, wo wir Menschen begegnen, erstellt unsere Psyche autonom ein ihr gemäßes Bild vom anderen. Dieses Bild vom anderen beruht zwar sicherlich auf bestimmten, möglicherweise rudimentären Erfahrungen und entspricht damit freilich zu einem gewissen Teil der Wirklichkeit dieses anderen Menschen. Auf jeden Fall aber entspricht es unseren zunächst sicherlich unbewussten Bedürfnissen. Wir projizieren also. Und wir projizieren immer.” (Peter Michael Pflüger, S. 10)

Nun gibt es zwei Arten von Projektionen, die als Ursache für Vorurteile und im zweiten Fall auch für Feindbilder in Frage kommen:

  • Wir projizieren auf einen Menschen, dessen Begegnung in uns besonders angenehme Gefühle erweckt, unsere Ideale. Und er wird uns zum Freund, zum Vertrauten, zum Geliebten. Wir blenden unbewusst seine dunklen Züge, seine Mängel, seine Schattenseiten aus: “Er hat sie nicht oder doch nur in einem ganz geringem Maß. Und so vermögen wir ihm in Offenheit und ohne Angst zu begegnen.” (Peter Michael Pflüger, S. 10)
  • Und wir projizieren auf einen anderen Menschen, dessen Wesen oder Verhalten einen gewissen “Aufhänger” für das zu bieten scheint, was wir selbst an negativen Gedanken und “Unrat” in uns tragen – oft ohne uns dessen wirklich bewusst zu sein. “Wir können dann unsere Ablehnung, Abneigung, unser moralisches Verurteilen dieses Bösen an ihm ausleben und brauchen ihm nicht anders denn als Feind zu begegnen.” (Peter Michael Pflüger, S. 10). Vorurteile und Feindbilder sind, so verstanden, Ausdruck der Abwertung eigener persönlicher Schattenseiten, die auf andere übertragen werden. Diese Schatten sind Aspekte in uns, die wir verdrängen, nicht wahrhaben wollen, negieren und die uns “helfen”, Sündenböcke zu finden. Schatten sind in uns vernachlässigte Eigenschaften, die sich zusammensetzen können aus teils nicht gelebten und teils verdrängten psychischen Zügen. Aus sozialen, erzieherischen oder sonstigen Gründen war diese Verdrängung notwendig (Dorsch, S. 582).

Vorurteile und Feindbilder können auch Ausdruck eigener ungelöster Konflikte sein und darin ihre Entstehung haben. Der Mensch “verschiebt seine Aggression auf Ersatzobjekte … oder sieht seine eigenen negativen Züge vornehmlich in anderen (Projektion).” (Werner Bergmann, S. 6). Wie stark und intensiv dieser Prozess bei jedem Menschen abläuft, ist sehr unterschiedlich.

Vorurteile helfen uns, Emotionen wie Angst zu vermeiden, denn: “Wer sich mit fremden Meinungen einlässt, muss befürchten, dass seine eigenen, altvertrauten dazu in Widerspruch stehen. Es kann sich, bei genauer Prüfung, herausstellen, dass manches von dem uns Selbstverständlichen und uns lieb Gewordenen ziemlich unbedacht übernommen wurde und nun sich auflöst. Den Verlust gewohnter Normen, die ja nicht nur Einhalt, sondern auch Rückhalt, also Sicherheit geben, erlebt der Mensch immer mit Angst.” (s. Kögl)

Feindbilder, als Ausdruck höchster Antipathie, sind mit zutiefst ablehnenden Gefühlen bis hin zum Hass verbunden. Diese Gefühle sind auch die Antriebsfeder für destruktives Verhalten. Das Bewusstsein oder die Tatsache, von Feinden umgeben zu sein, erzeugt Angst. Angst begünstigt unangemessenes Verhalten, weil Angst wiederum unsere Wahrnehmung sehr einschränkt.

Aus psychologischer Sicht muss außerdem folgendes berücksichtigt werden: Es gilt nicht nur für einzelne Menschen, sondern auch für Gesellschaften, dass bestimmte triebhafte Bedürfnisse (z. B. Aggressionen) aufgrund bestehender Normen unterdrückt werden müssen. Diese Unterdrückung führt zu einem Triebüberschuss, der dann nach außen auf Ersatzobjekte verlagert wird. Durch diese Verlagerung ist es möglich, die triebhaften Bedürfnisse so auszuleben, dass es nicht zu Gewissenskonflikten kommt. So können aus ungelebten Triebwünschen Hassobjekte entstehen, die mit sehr negativen Attributen besetzt werden (s. dazu Alexander Mitscherlich). Das kann eine Ursache für rassistisches Denken sein.

Wer in sich selbst Misstrauen, Aggression, Hass und Wut trägt, wird unwillkürlich die Welt, in der er lebt, dieser Emotionen wegen beschuldigen (s. Josef Rattner).

Feindbilder sind damit Ausdruck destruktiver Projektionen, d. h. negativer Anteile von uns selbst, die wir auf andere übertragen. Es gilt nicht, sie zu bekämpfen, sondern sich diese Anteile zunächst einmal bewusst zu machen.

Durch das Erkennen bisher unbewusster Anteile in sich, so C. G. Jung, wird der Mensch ganzheitlicher. Das ist eine gute Basis dafür, unseren Schatten “mitleben” zu lassen, ohne auf die dennoch unumgänglichen moralischen Entscheidungen im eigenen Leben zu verzichten. Nur wer sich seiner eigenen Minderwertigkeit bewusst ist, hat die Chance, sie anzunehmen und positiv zu verarbeiten im Wissen um die eigenen Grenzen.

Aus psychologischer Sicht ist der Feind ein Feind auf Zeit. “Feindschaft als Ergebnis eines Konflikts wäre allein auf den Fall und die Dauer eines aktuellen Konfliktes begrenzt. … Aus psychologischer Sicht bliebe Feindschaft also (auf) lösbar …” (Brehl/Platt, S. 8)

Aber reicht das schon, um zu verstehen, warum Menschen von tiefer gegenseitiger Missachtung getrieben sind, einander ablehnen und den anderen im Extremfall sogar vernichten wollen? Es gibt weitere Erklärungsansätze, die in Betracht zu ziehen sind.

3.2 Sozialpsychologische und soziologische Betrachtungsweisen

Ehe wir den Einfluss von Umwelt und Gesellschaft auf unsere Prägung betrachten, soll folgender Aspekt thematisiert werden:

Es gibt Einflussfaktoren, die weiter zurückreichen können als frühkindliche, erzieherische und aktuell soziologische Einflüsse.

Harald Welzer beschreibt in seinem Buch “Das Soziale Gedächtnis” die unterschiedlichen Formen des Gedächtnisses: das individuelle, das kollektive, das bewusste und unbewusste, das traumatische, das alltägliche, das kommunikative und das kulturelle. Sie sind letztendlich alle Bestandteil des sozialen Gedächtnisses. Wir wissen, “dass unsere eigene Erinnerung sich nicht abkoppeln lässt von den sozialen und historischen Rahmenvorgaben, die unseren Wahrnehmungen und Erinnerungen erst eine Form geben, dass viele Aspekte der Vergangenheit bis in unsere gegenwärtigen Gefühle und Entscheidungen hineinwirken, dass es transgenerationelle Weitergaben von Erfahrungen gibt, die bis in die Biochemie der neuronalen Verarbeitungsprozesse der Kinder und Enkel reichen, und dass uneingelöste Zukunftshoffnungen aus vergangenen Zeiten plötzlich und unerwartet handlungsleitend und geschichtsmächtig werden können.” (Welzer, S. 11/12)

Das würde erklären, dass wir bewusst oder unbewusst Erfahrungen und Erinnerungen in uns tragen, die unser aktuelles Wahrnehmen und Verhalten aus einer anderen Perspektive heraus verursachen, mitbestimmen und mit beeinflussen. Dass wir etwas im weitesten Sinne bereits Vorprogrammiertes mitbringen, das sich in unserer Sichtweise der Welt manifestiert, gilt für alle Menschen. Die aus der Vergangenheit gespeicherten Wahrnehmungen kommen in unserem persönlichen Lebensprogramm zum Tragen. Dieses kulturelle Gedächtnis wird definiert als “Sammelbegriff für alles Wissen, das im spezifischen Interaktionsrahmen einer Gesellschaft Handeln und Erleben steuert und von Generation zu Generation zur wiederholten Einübung und Einweisung ansteht.” (Jan Assmann, S. 9). So wird Erlebtes und Erfahrenes aus der Vergangenheit weitertransportiert in die Gegenwart und bestimmt hier unser Handeln mit. Diese Erinnerungen sind allerdings sehr subjektiv, sehr ausschnitthaft, niemals vollständig. Schon das alleine birgt die Möglichkeit in sich, schnell und spontan in der Gegenwart etwas zu interpretieren und in einer Richtung zu verstehen, die, gespeist aus diesen “Erinnerungen” der Vergangenheit, zu Vorurteilen und Feindbildern führen kann.

Als zusätzliche Faktoren für die Entstehung von Vorurteilen und Feindbildern sind in diesem Zusammenhang noch zu nennen:

  1. Geschichtliche Überlieferungen und Ereignisse, insbesondere hoch eskalierte Konfliktsituationen wie z. B. Kriege. Je verheerender Kriege sind oder waren, desto stärker sind die Feindbilder, die auch nach einem Krieg noch lange andauern können. Vorurteile und Feindbilder werden so von Generation zu Generation weitergegeben.
  2. Faktoren, die einen ideologischen Charakter haben (z. B. religiös motivierter Fanatismus)
  3. Systembedingte soziale Entwicklungstendenzen
  4. Nationale Begebenheiten und konkrete Situationen
  5. Die reale Politik der Staaten und ihre Wechselwirkung (nach Pflüger, S. 91)

Unsere Sicht der Realität wird weiter gefiltert durch unsere einzigartigen Erfahrungen, durch Kultur, Glaubenssätze, Einstellungen, Werte, Interessen und Annahmen. Jeder Mensch lebt in seiner jeweils eigenen Welt, die auf seinen Sinneseindrücken und individuellen Lebenserfahrungen begründet ist, und wir handeln auf der Basis dessen, was wir wahrnehmen: Das ist unser “Modell der Welt” (s. Joseph O’Connor, John Seymour). Dabei schauen wir in der Regel in dieser Welt bevorzugt auf das, was uns interessiert. Anderes lassen wir eher beiseite.

Elternhaus, Schule und wichtige Bezugspersonen sind entscheidende Einflussfaktoren, da sie Werte, Grundhaltungen, Ansichten vermitteln, verstärken und auf Kinder und Jugendliche übertragen. Daraus entstehen Lebenserfahrungen für junge Menschen. Sie zeigen sich etwa darin, wen man mag und wen nicht, wer einem sympathisch ist oder nicht, wer zu einem gehört und wer nicht. Damit entsteht ein Ordnungsprinzip, das Orientierung und Sicherheit gibt. Das bedeutet auch: Wir bringen Vorurteile nicht mit – sie werden uns anerzogen. Wenn Eltern, Lehrer und wichtige Bezugspersonen durch starke Vorurteile und Feindbilder geprägt sind, ist es schwer, sich als junger Mensch davon unabhängig zu machen. Hört man abwertende Bemerkungen immer und immer wieder, so verinnerlicht man diese leicht als Norm oder “Wahrheit”. Kinder, die erfahrungsgemäß leichter zu beeinflussen sind als Erwachsene, übernehmen viel schneller Stereotypen und Urteile. Insbesondere solche, die von ihren Bezugspersonen vorgelebt werden.

Kinder, bei denen jede Form von Aggression in der Kindheit unterdrückt bzw. bestraft wurde, suchen im Jugend und Erwachsenenalter nach Ventilen für die aufgestaute Wut und den aufgestauten Hass. Feindliches Verhalten hat darin oft seinen Grund. Denn Vorurteile und Feindbilder nehmen zu, je autoritärer ein Mensch geprägt bzw. erzogen worden ist; aber auch je begrenzter der Erkenntnis und Wahrnehmungshorizont ist, je weniger internationale Erfahrungen vorliegen, je weniger positive persönliche Berührungspunkte mit anderen Nationalitäten, Religionen und andersdenkenden Gruppen bestehen. Denn je fremder uns Menschen sind durch ihr Verhalten, durch das Leben, das sie führen, desto leichter besteht die Gefahr, dass sie uns feindlich erscheinen können (s. Verena Kast).

Zuletzt muss erwähnt werden, dass auch eine negative Grundeinstellung zum Leben, stark negatives Denken verbunden mit pessimistischen Sichtweisen und Lebenshaltungen Vorurteile und Abwertungen gegenüber anderen Menschen, Nationalitäten und Religionen schüren können.

3.3 Grenzen unserer sprachlichen Verständigung

Da wir nicht nur in unserer Wahrnehmung, Konfliktfähigkeit und Erziehung, sondern auch in unserer Kommunikation Grenzen unterliegen, können Vorurteile und Feindbilder auch hier ihre Wurzeln haben: “Wollten wir uns in jedem Gespräch sicher sein, dass andere Menschen genau das verstehen, was wir meinen – wir kämen zu keinem Ende. Uns bleibt also nichts anderes übrig, als zu akzeptieren, dass unsere Verständigung nur eine ungefähre ist und dieses Ungefähre in vielen Situationen ausreicht. Aber nicht in allen …” (Georg Harald ZawadzkyKrasnopolsky, S. 33)

Es ist für uns oft eine große Überraschung, was Menschen an Informationen aufnehmen und wie sie diese dann weitergeben. Was ist aus der ursprünglichen Botschaft geworden? Sie ist manchmal kaum wiederzuerkennen, weil sie mit der Subjektivität jedes einzelnen, der am Kommunikationsprozess beteiligt war, vermischt wurde. Durch solchermaßen fehlende und verfälschte Kommunikation werden Vorurteile und Feindbilder aufgebaut und geschürt.

3.4 Vorurteile und Feindbilder propagiert durch Medien

Die öffentliche Meinung wird durch Medien täglich und situativ beeinflusst und in ungünstigen Fällen durch ausschnitthafte und einseitige Informationen gezielt manipuliert. Was “böse” ist, wer Schuld hat, wer versagt hat, wer dazugehört und wer nicht, wer schlecht ist – hier ist die “Logik” der Massenmedien aktiv.

“Feindbilder können allerdings nicht völlig ,aus der Luft’ gegriffen werden.” (Das Bild vom Feind, S. 8). Es muss zumindest der Anschein bestehen, und darauf wird viel Wert gelegt, dass es sich bei diesen Informationen um realistische Beschreibungen des Feindes handelt. Auch wenn das in Wirklichkeit nicht so ist.

“Voraussetzung für den Aufbau und die Instrumentalisierung von Feindbildern ist immer ein Kristallisationskern von Realität oder von auf allgemeinem Konsens beruhender Überzeugung als Pseudorealität; ein Körnchen solcher Wahrheit muss dem Vorurteil zugrunde liegen, damit es breite Wirksamkeit entfalten kann.” (Benz, S. 11 – 12)

Medien sind deshalb ebenso und in großem Ausmaß Quelle und Ursache von Vorurteilen und Feindbildern. Besonders skandalöse Situationen werden gezielt “verkauft”. Die Fernseh-, Film- und Eventkultur lebt davon und wir, wenn wir ehrlich sind, hören viel zu sehr darauf. Der “Erlebnischarakter” von Film und Fernsehen hat dabei nachweislich eine größere und nachhaltigere Wirkung als der geschriebene Beitrag einer einzelnen Person und wird viel schneller als “Wahrheit” vom Zuschauer gedanklich aufgenommen.

In Krisenzeiten haben Vorurteile und Feindbilder besonders gute Konjunktur in den Medien. Denn meist resultieren – als Konsequenz aus den Ängsten der Menschen – daraus Aggressionen, die in extrem belastenden politischen, wirtschaftlichen oder sozialen Situationen auf fruchtbaren Boden fallen. “Der Fremde wird als böswilliger Verursacher eines konkreten Übelstandes denunziert, dann generell als Feind markiert, und weit über den konstruierten Anlass hinaus wird der Kampf gegen ihn als sinnvoll propagiert.” (Benz, S. 16)

So kann, wie es im Nationalsozialismus geschah, die Feindschaft gegen eine Minderheit zum zentralen Aspekt einer Ideologie werden. Auf diese Minderheit werden dann alle Unzulänglichkeiten projiziert. Durch gezielte Propaganda werden so Ängste mobilisiert und in entsprechende Feindbilder umgesetzt.

“Es lassen sich auch Vorurteile gegen Minderheiten und Randgruppen innerhalb der eigenen Gesellschaft sensibilisieren und zum Feindbild verdichten. Marxisten, Freimaurer, Juden (um drei wichtige Gruppen zu nennen) wurden zu unterschiedlichen Zeiten, im 19. Jahrhundert und wieder nach dem Ersten Weltkrieg, instrumentalisiert … Z. B. die Juden wurden wie die Freimaurer als fremd und als verschwörend, als den Staat und die Gesellschaft unterwühlend, Sitte und Ordnung “zersetzend” diffamiert.” (Benz, S. 13 14)

Besonders empfänglich sind dabei wiederum Kinder und Jugendliche: Nach fortlaufenden Wiederholungen einseitig selektierter Informationen glauben viele am Ende, dass dies, was ihnen eingeflößt wird, tatsächlich so ist, und lassen sich davon in ihrem Verhalten leiten. Ein erschreckendes Beispiel aus dem Schulalltag für das Verhalten von in dieser Weise irregeleiteten Jugendlichen ist es etwa, wenn nach dem Unterricht deutsche Jugendliche, die einer bestimmten “Szene” angehören, ohne ersichtlichen Grund einen ausländischen Mitschüler treten, bis dieser schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert werden muss.

3.5 Vorurteile und Feindbilder als Ausdruck ungelöster, eskalierter Konflikte

Konflikte haben unterschiedliche Anteile: intrapersonale und extrapersonale. Nicht gelöste Konflikte mit anderen bzw. Erfahrungen aus diesen übertragen wir schnell auf ähnliche Personengruppen. Wenn uns etwa ein Arzt nicht gut behandelt hat, sind wir schnell geneigt, diese Erfahrung auf andere Ärzte zu übertragen, insbesondere wenn ein klärendes Gespräch mit dem betreffenden Arzt wegen der “schlechten Behandlung” nicht möglich war oder von ihm abgelehnt wurde.

Frieden Tabelle 1Frieden Tabelle 2Frieden Tabelle 3Frieden Tabelle 4

(aus: Petra Coleman, S. 85ff.)

Unter der Belastung von andauernden, zunehmend weiter eskalierenden und sich verhärtenden Konfliktsituationen können Vorurteile und Feindbilder entstehen und sich immer mehr verfestigen.

F. Glasl hat die Entwicklung und Eskalation von Konflikten untersucht und dabei 9 Eskalationsstufen herausgearbeitet, die im folgenden im Überblick dargestellt werden.

Vorab sei bereits gesagt: Ab der Stufe 3 verengt sich die Wahrnehmung zunehmend. Diese verengte Wahrnehmung ist der Nährboden für Vorurteile und spätere Feindbilder. Ab der Stufe 4 steuern Vorurteile und Feindbilder die Konfliktdynamik bereits in aller Deutlichkeit.

Fassen wir die wichtigsten Aspekte für unser Thema aus diesen Eskalationsstufen für Konflikte zusammen: Eine hohe Stufe der Konflikteskalation ist bereits bei Stufe 4 erreicht, da feindselige Haltungen auf beiden Seiten sichtbar sind und in jeder Handlung bestätigt werden. Die Einstellungen der Konfliktparteien werden damit zunehmend starrer und aggressiver, was die Kommunikation erheblich erschwert.

“Es ist ein stereotypes Bild, das nicht mehr durch andere Erfahrungen korrigiert werden kann, sondern fixiert ist. … Zwischen dem strahlenden Selbstbild und dem schmutzigen Feindbild gibt es kaum Zwischentöne. Die Stereotypen sind stark polarisiert und soziale Antipoden.” (Fritz Glasl, S. 239). Diese Feindbilder sind projektiv entstanden. Indem der Feind abgewertet wird, wird man selbst aufgewertet. “Im Eskalationsgeschehen laden sich die polarisierten, antithetischen Stereotypen noch weiter auf und bewirken einen Spannungsstau, der sich in den Interaktionen kräftig entladen kann.” (Glasl, S. 240)

Karrikatur Frieden 3Diese fixierten Bilder, die nicht mehr durch andere Erfahrungen korrigiert werden können, stehen ab jetzt und für alle weiteren Eskalationsstufen zwischen den Konfliktpartnern. Es findet nur mehr ein Denken in Dualitäten, also reine SchwarzWeißMalerei statt. Die Abwertung des anderen gilt der eigenen Aufwertung. Es gibt ein positives Selbstbild und ein negatives Feindbild. Das drückt sich auch in der Kommunikation aus. Auf der Stufe 4 werden keinerlei positive Eigenschaften des Feindes mehr gesehen. Einzig und allein stereotype Bilder bestimmen das Handeln.

Um so wichtiger ist es, Konflikte bereits in einem sehr viel früheren Stadium zu thematisieren und aufzuarbeiten, damit es mit Hilfe von professionellem Konfliktmanagement bzw. durch Mediation nicht zu weiteren Eskalationen kommt. Gelingt dies vor der Stufe 4, so bestehen gute Aussichten, dass keine nachhaltig wirkenden Vorurteile und Feindbilder entwickelt werden.

Auf der Stufe 5 nimmt die Eskalation nochmals gewaltig zu. Die Polarität verschärft sich von “Über/Untermensch” (Stufe 4) zu “Himmel/Hölle” bzw. “Engel/Teufel” auf der Stufe 5. Durch alle möglichen Provokationen und Handlungen wird versucht, den Gegner zur besinnungslosen Raserei zu bringen. Dieses provozierte Verhalten des Gegners wird dann als Beweis für die Richtigkeit des eigenen Schattenbildes von ihm betrachtet.

Mit noch weiter zunehmender Eskalationsstufe (Stufe 6 – 9) regredieren dann die am Konflikt Beteiligten auf niedrigere Stufen menschlichen und ethischen Verhaltens. Dazu folgende Situation:

1945 wurden in Mähren Menschen “zu Paketen zusammengeschnürt, kreuzweise verknotet und so auf die Balustrade der Brücke über die March gehoben. Ein einbeiniger Greis stößt die Aufgereihten, ruhig und langsam, ganz systematisch arbeitend, mit seiner Krücke in den Fluss. Wenn eine Reihe fertig ist, werden die nächsten Menschenbündel auf das Geländer gepackt. Manche Pakete baten um Gnade. Andere schwiegen verbissen. Die Pakete winselten … beteten auch.” (Benz, S. 48)

Wie viel Schreckliches, wie viel Verletzendes, welcher Hass, geschürt durch Vorurteile und Feindbilder, mag hier vorausgegangen sein, bevor Menschen zu so etwas fähig sind?

4. Konsequenzen und Schlüsse daraus: Umgang mit Vorurteilen und Feindbildern

“Feindbilder gehören offensichtlich zum Leben
und die Problematik besteht damit nicht
in deren Abbau, sondern im Umgang mit ihnen.”

(Peter Michael Pflüger, S. 7)

Wir selbst stehen in einer hohen Verantwortung den Bildern gegenüber, die wir uns von Menschen machen und die in Vorurteilen und Feindbildern münden können. Auf Grund unserer menschlichen wie politischen Verantwortung ist es notwendig, dass wir uns mit diesen Bildern viel stärker auseinandersetzen, als wir es normalerweise tun. Dies ist unsere eigene persönliche Aufgabe, nicht die anderer. Hier lässt sich nichts delegieren.

Was können wir als Personen, als Mitbeteiligte am Weltgeschehen, als Mitgestalter für ein friedvolleres Miteinander auf dieser Welt konkret und bewusst tun, um dem Prozess der Bildung und Entstehung von Vorurteilen und Feindbildern konstruktiv zu begegnen und ihm entgegenzuwirken?

  • Es gilt, uns jeden Tag aufs Neue der begrenzten Wahrnehmungsmöglichkeit, der wir selbst und andere Menschen unterliegen, bewusst zu werden und zu versuchen, Wünsche nach Erfüllung eigener Erwartungen, nach Allmächtigkeit oder Perfektionismus zu minimieren.
  • Als verantwortungsbewusste Menschen haben wir die Aufgabe, unsere eigenen Urteile und Vorurteile ständig zu hinterfragen und ganz bewusst zu akzeptieren, dass jeder Mensch auf dieser Welt zunächst die gleiche Berechtigung hat wie wir. VorUrteile dürfen keine EndUrteile werden, sondern sollten ein Anlass sein, uns dem Fremden und Neuen zunächst einmal offen zu stellen (s. Walter Kögl).
  • Wir müssen uns intensiv darum bemühen, vorschnelles oder zu spontanes Urteilen beim Denken wie beim Sprechen zu vermeiden im Sinne von: Das ist richtig, das ist falsch. Denn wir neigen dazu, viel zu schnell alles und jedes zu bewerten. Hier etwas zu verändern ist wichtig, vor allem auch in unserer Kommunikation nach außen.

Karrikatur Frieden 4

  • Jeder von uns kann – wenn auch in einem längeren und manchmal mühevollen Prozess – an seinen eigenen Blockaden arbeiten, seine eigenen “Schatten” und “Projektionen” erkennen lernen, beleuchten und transformieren in eine Haltung, die von Akzeptanz und Wertschätzung geprägt ist. Zunächst einmal für sich selbst und im zweiten Schritt auch für alle anderen Menschen, denen er in diesem Leben direkt oder indirekt begegnet. “Schattenakzeptanz bedeutet zu sehen, dass der Schatten zu uns gehört und damit zu vermeiden, dass wir ihn projizieren, oder zumindest die Bereitschaft, die Projektionen auch immer wieder zu hinterfragen. Das bedeutet aber Konflikt, Kränkung unseres Selbstwertgefühls, einmal akzeptiert dann aber auch Entlastung, Freiheit und Stärkung unseres Selbstwertgefühls. … Die Akzeptanz des Schattens hat weitreichende Konsequenzen. Wenn wir unseren Schatten kennen, seine Existenz akzeptieren und verantwortlich damit umgehen, dann rechnen wir auch mit dem Vorhandensein von Schatten in anderen Menschen. Wir gehen wohlwollender mit Schwächen und Fehlern um, werden toleranter.” (Verena Kast, S. 159/160)
  • Einmal gemachte Erfahrungen (Vorausurteile) mit einzelnen Menschen oder Menschengruppen dürfen nicht verallgemeinert werden.
  • Es ist gefährlich und wenig hilfreich, andere mit unseren eigenen Maßstäben zu messen. Jede SchwarzWeißMalerei im Sinne von: “Das, was in der eigenen Gruppe, in der eigenen Kultur usw. geschieht, ist richtig, normal, angebracht und das, was fremde Kulturen oder Gruppen leben oder wie sie handeln, ist falsch”, muss vermieden werden.
  • Wir brauchen den echten Dialog und geduldiges Zuhören. Wir brauchen mehr interkulturelle Begegnungen für uns selbst, aber besonders auch unter Kindern und Jugendlichen, um hier persönliche Erfahrungen zu schaffen. Das bewirkt mehr Aufklärung und bessere Information, um die Unterschiedlichkeit, die verschiedenen Kulturen, Religionen und Nationalitäten besser verstehen zu können. Insbesondere rechtzeitig dort, wo sich Konflikte anbahnen.
  • Viele Menschen tun sich schwer, ihre Meinung und ihre Standpunkte zu revidieren, selbst wenn sie diese als falsch oder unzutreffend erkannt haben. Die Angst, eigene Fehler einzugestehen, ist groß. Um dem inneren Konflikt zu entrinnen, werden Indizien gesucht, die doch für die eigenen Behauptungen sprechen – selbst wenn man weiß, dass diese letztendlich vorschnell und falsch sind. Das verlangt von uns die Bereitschaft, selbstkritischer mit uns zu werden und umzulernen, gerade dann, wenn wir Irrtümer in unserer eigenen Argumentation erkennen. Dadurch hören wir auf, Vorurteile und Feindbilder weiter zu schüren. Das gelingt, wenn wir Argumente einsetzen, die einen konstruktiven Weg zueinander ebnen.
  • “Ein großes Wissen, aber vor allem intellektuelle Flexibilität, die Bereitschaft, neue Erfahrungen zu machen, Kritik zu verarbeiten und andere Standpunkte einzunehmen, gehen mit einer geringeren Vorurteilsneigung einher.” (W. Bergmann, S. 7)
  • Menschen, denen wir in unserem Leben begegnen, haben ein Recht darauf, dass wir ihnen offener gegenübertreten, ihnen wenigstens eine realistische Chance geben und ihnen nicht gleich unterstellen, was in unseren Köpfen oder Herzen bereits im Sinne des kollektiven Gedächtnisses vorprogrammiert ist.
  • Es ist notwendig, dass wir lernen, unsere Wahrnehmungen zu differenzieren und zu hinterfragen, so dass es höchstens zu Vorausurteilen, aber nicht zu Vorurteilen und Feindbildern kommen kann. Wir haben durchaus die Möglichkeit, diese Bilder in uns zu revidieren, zu relativieren und im günstigsten Fall zu überwinden.

Für die eigene Reflexion können dazu folgende Fragen helfen:

  • Was deute und interpretiere ich in andere hinein?
  • Wo und wie stelle ich Ansprüche und Forderungen an andere, die sie gar nicht erfüllen können?
  • Wo habe ich meine blinden Flecke und projiziere meine eigenen Unzulänglichkeiten auf andere?
  • Wie kann ich Menschen, die mich umgeben, auch denen, die andere Lebensvorstellungen haben, konstruktiv und wertschätzend gegenübertreten?
  • Wo kann ich verzeihen, meine Aggression und Wut zurücknehmen?
  • Wie kann ich Probleme thematisieren, ohne andere mental in Schubladen zu stecken?
  • Wie kann ich mehr Empathie entwickeln, mich in andere hineinversetzen, ihre Perspektive besser verstehen?
  • Wie kann ich selbst Achtung und Respekt anderen Menschen gegenüber verstärkt vorleben?
  • Es ist notwendig, uns bewusst zu machen, dass Menschen, die andere Werte, andere, konträre Lebens und Grundeinstellungen haben als wir, nicht unbedingt unsere Feinde sein müssen.
  • Es ist wichtig, uns selbst die Zeit zu nehmen, Informationen zu hinterfragen bzw. die Mühe und Anstrengung zu unternehmen, eigene Informationen zu wichtigen Themen einzuholen.
  • Alle Menschen verdienen Gleichbehandlung, Mitmenschlichkeit, Empathie (= Einfühlungsvermögen) und Respekt (s. Werner Bergmann, S. 3). Vorurteile und Feindbilder verstoßen durch vorschnelles Urteilen gegen diese Grundsätze der Menschenrechte, gegen die Normen der Rationalität und die Gerechtigkeit. Auch aus diesem Grund gilt es, sie abzubauen.
  • Jede Politik und jeder politisch Verantwortliche hat deshalb die Aufgabe, Feindschaften möglichst gewaltarm zu kanalisieren. Unsere Aufgabe ist es, eine Politik zu fordern und zu unterstützen, die das zu ihrem Prinzip gemacht hat.
  • Der konstruktive Abbau von Vorurteilen und Feindbildern ist eine zentrale Aufgabe besonders der Medien. Hier finden wir einen Bereich, auf den wir durch Auswahl, Resonanz und Kritik besonderen Einfluss haben.

Es ist nicht leicht, aber wir können es schaffen, uns zugefügte Verletzungen, erlebte Herabsetzung, persönliche Erniedrigungen usw., die wir durch andere Menschen erfahren haben, anzunehmen, negative Emotionen aufzuarbeiten und zu transformieren – zu unserem eigenen Besten und damit wir innerlich in uns wieder Ruhe und Frieden erfahren können. Es ist wichtig, Menschen, die uns verletzt haben, nicht als Feinde zu deklarieren, auch wenn unsere negativen Emotionen für sie sehr tief gehen. Die Tiefe der Emotionen zeigt die Tiefe des Schmerzes, den wir erlebt haben.

Dennoch: Nur, wenn wir uns von diesen tiefen, schmerzhaften Emotionen lösen und wieder frei machen können, ist ein neuer Weg möglich.

Ganz besonders gilt – das soll abschließend an dieser Stelle bewusst noch einmal hervorgehoben werden – sich dem Prozess der eigenen Projektionen offen zu stellen. Ohne das ist kaum ein konstruktiver Weg für die Zukunft möglich. Es ist unsere Aufgabe, unsere eigenen inneren Bilder, die wir auf andere übertragen, genauer anzuschauen und uns dabei zu fragen: Was hat das mit mir selbst zu tun? Welchen Teil von mir sehe ich in dem anderen? Nur so kann es gelingen, die Überzeugungen, die wir über andere Menschen gewonnen haben, in Frage zu stellen, zu überprüfen und zu korrigieren.

Es geht darum, differenzierter hinzusehen: Was entspricht der Wirklichkeit und was übertrage ich, ohne mir dessen bewusst zu sein? Hier liegt eine ganz große Chance für notwendige Veränderungen, auch wenn wir uns der Tatsache bewusst sein müssen, dass uns die Rücknahme von Projektionen immer nur in Teilen gelingen wird und wir wohl nie dahin kommen werden, anderen Menschen vollkommen vorurteilsfrei begegnen zu können.

Vorurteile und Feindbilder verhindern die Unvoreingenommenheit, die in unserer Zeit und Welt der Globalisierung so wichtig ist. Sie verhindern Toleranz, die eine tragende Säule eines weltweiten, konstruktiven Miteinanders in Gegenwart und Zukunft ist.

Karrikatur Frieden 5

5. Toleranz – eine Vorstufe zum Frieden

“Feind wie Freundbilder verdecken, wenn sie auf Völker oder sonstige Gruppen angewandt werden, die komplexe Realität. Sie verstellen den Zugang zum einzelnen Menschen, sie verhindern die Analyse der sozialen und politischen Bedingungen, die die Menschen geprägt haben … wer aber seiner eigenen Identität sicher ist und zugleich genügend Distanz zu ihren kollektiven Komponenten hat, der braucht nicht die Abwertung des anderen, kann das Anderssein des anderen tolerieren …”
(Peter Michael Pflüger, S. 65/66)

Toleranz verstanden als Einbindung und nicht Ausgrenzung, als Respekt vor den unterschiedlichen Kulturen auf dieser Welt, als Anerkennung unterschiedlicher Identitäten kann nur da entstehen, wo man bereit ist, sich selbst zu hinterfragen und seine eigenen unterdrückten Gefühle und Konflikte aufzuarbeiten.

Wir versagen als Menschen, wenn wir den Dialog miteinander nicht fortführen, auch wenn das eigene Überwindung, das Springen über den eigenen Schatten bedeutet, insbesondere in bereits angespannten, konfliktgeladenen Situationen. Wir müssen stärker an uns arbeiten, uns unsere Wahrnehmungen, Gefühle, Phantasien, Absichten, Bewertungen, Gedanken usw. schneller bewusst machen und überprüfen. Das ist Toleranz und Friedensarbeit uns selbst gegenüber.

Diese praktisch gelebte Toleranz – im Unterschied zur repressiven Toleranz – bedeutet weder das Tolerieren von sozialem Unrecht, noch die Schwächung eigener Überzeugungen, sondern, dass jedem einzelnen Menschen auf dieser Welt die Freiheit auf die Wahl seiner Überzeugungen zugestanden wird, sofern er die Rechte anderer anerkennt.

Um Vorurteile und Feindbilder zu überwinden, bedarf es zwischen Gruppen, Nationen und Völkern viel Zeit, Geduld und guten Willen. Dabei ist eine günstige Atmosphäre wichtig, damit wieder Vertrauen aufgebaut werden kann. Auch das ist Toleranzarbeit. Wir können diesem Phänomen “Vorurteile und Feindbilder” nur konstruktiv begegnen, wenn wir eine positive, entwicklungsfördernde Wertebasis in uns tragen bzw. immer wieder von neuem aufzubauen und zu stärken suchen. Der Wert “Toleranz” spielt dabei eine besondere Rolle.

Wo Toleranz, Respekt, gegenseitige Wertschätzung fehlen, entstehen Vorurteile und Feindbilder häufiger, schneller, unkontrollierter. Ohne positive, entwicklungsfördernde Wertebasis führen menschliche Erfahrungen wie Abwertung und Geringschätzung vor allem in Verbindung mit Emotionen wie Aggression, Hass und Wut leicht zu Feindbildern.

Wenn wir lernen, Andersartigkeit zu akzeptieren, wenn wir der Vielfalt in dieser Welt eine Chance geben und daran glauben, dass es genügend Raum für alle Unterschiedlichkeiten gibt, wenn wir erneut beginnen, miteinander zu reden, und Konflikte frühzeitig gemeinsam und miteinander konstruktiv bearbeiten, dann kann eine Neuentwicklung angebahnt und verwirklicht werden.

Toleranz ist gerade dort gefordert, wo uns Fremdes begegnet. Sie ist keine einmalige Errungenschaft, sondern braucht jeden Tag neue Zeichen. Tolerant sein heißt aktiv sein, bedeutet aktives Verstehen, aktives Aufeinanderzugehen, aktive Wertschätzung. Nur so kann es uns bei allen ethischen, kulturellen, politischen und religiösen Unterschieden gelingen, das Gegeneinander, das Ab und Ausgrenzen abzubauen und ein sinnerfülltes Miteinander und Füreinander aufzubauen. Ein langer Weg, eine tägliche Herausforderung!

Was uns im ersten Anlauf so schwierig erscheint: Es hängt von uns selbst und unserer inneren Bereitschaft ab, zu lernen in großzügigeren Dimensionen zu denken, unser Lösungsrepertoire zu erweitern und nicht zu schnell zu urteilen und zu verurteilen. Aber auch davon, dass wir gedanklich Lösungsmöglichkeiten zulassen, an die wir bisher noch gar nicht gedacht haben oder von denen wir nicht geglaubt hätten, dass es sie gibt. Toleranz erfordert letztendlich vor allem Geduld: uns und anderen gegenüber.

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Text- und Grafikquelle: Studiengesellschaft für Friedensforschung

Die Studiengesellschaft für Friedensforschung hat verschiedene Schriften in Form von «Denkanstößen» herausgebracht, welche auch in gedruckter Form erhältlich sind. Wer hier Interesse hat, kann diese gerne unter der u.a. Kontaktadresse beziehen.

Studiengesellschaft für Friedensforschung e.V.
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Telefon/Fax (0 89) 724 471 43
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Beitragsbild: «Frieden» – www.pixabay.com/de

Literaturverzeichnis

ART, Antirassismustraining für Jugendliche – ein Baustein zum Projekt ‚Miteinander leben’, Heigl, 2000
Jan Assmann, Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität, in: Jan Assmann und Tonio Hölscher (Hrsg.), Kultur und Gedächtnis, Frankfurt am Main 1988
Wolfgang Benz, Feindbild und Vorurteil, München 1996
Werner Bergmann, Was sind Vorurteile? in: Informationen zur politischen Bildung, Vorurteile – Stereotype – Feindbilder, Nr. 271/2001
Medardus Brehl, Kristin Platt (Hrsg.), Feindschaft, München 2003
HansWerner Bierhoff, Michael Jürgen Herner, Begriffswörterbuch Sozialpsychologie, Stuttgart 2002
Petra Coleman, The Way of Change – 7 Basics für erfolgreiche Veränderungsprozesse in Unternehmen, München 2002
Das Bild vom Feind, Arbeitsgemeinschaft Friedenspädagogik, München 1983
F. Dorsch, Psychologisches Wörterbuch, 10. Auflage, Bern Stuttgart Wien 1982
Fritz Glasl, Konfliktmanagement, Stuttgart 1999
Bert Hellinger, Der Friede beginnt in den Seelen, Heidelberg 2003
Ernst Johann (Hrsg.), Innenansicht eines Krieges. Bilder, Briefe, Dokumente 1914 – 1918, Frankfurt a. M. 1968
Verena Kast, Sich wandeln und sich neu entdecken, Freiburg 2000
Norbert Kühne u. a., Psychologie für Fachschulen und Fachoberschulen, Köln München 2001
Walter Kögl, Vortrag an der Stiftungsfachhochschule für Sozialwesen, München
Alexander Mitscherlich, Vorurteile – ihre Erforschung und Bekämpfung, Frankfurt am Main 1957
Joseph O’Connor, John Seymour, Neurolinguistisches Programmieren – Gelungene Kommunikation und persönliche Entfaltung, Freiburg im Breisgau 1997
Peter Michael Pflüger, Freund und Feindbilder, Olten 1986
Josef Rattner, Aggression und menschliche Natur, Frankfurt am Main 1973
Arthur S. Reber, Dictionary of Psychology, 2. Auflage, London 1995
Harald Welzer, Das Soziale Gedächtnis, Hamburg 2001
Georg Harald ZawadzkyKrasnopolsky, Leadership ohne Vorurteile, Beobachten statt Behaupten, München 2002

Die Funktion des Feindes

von Wolfgang Lieb

Gespaltene und krisengeschüttelte Gesellschaften bedürfen eines äußeren Feindes, um sich zu einen und ein großes „Wir“ über den inneren Zerreißungen entstehen zu lassen. „Wer keinen Feind mehr hat, begegnet ihm im Spiegel“, hat Heiner Müller sarkastisch bemerkt. Und wer will das schon? Nach dem Untergang des „Ostblocks“ war die Position des Feindes eine Zeit lang vakant. Spätestens seit dem 11. September 2001 hat diese Funktion „der islamistische Terror“ übernommen.

Sozialpsychologische Anmerkungen von Götz Eisenberg:

Auf einer Autofahrt durch NRW hörte ich am Samstagnachmittag WDR 2. Man brachte unablässig Reportagen über den Kampf gegen die IS-Milizen. Unter anderem wurde von einer Frau aus den Vereinigten Emiraten berichtet, die einen Kampfjet fliegt, der auch im Kampf gegen IS zum Einsatz kommt. Sie trage unter dem Helm ein Kopftuch, hieß es. Man nenne die attraktive junge Frau inzwischen „Lady Liberty“. Der Umstand, dass eine Frau Bomben auf sie wirft, sei für die IS-Milizen ein Albtraum und die schlimmste Demütigung, wurde mehrfach genüsslich wiederholt. Dann berichtete der Sprecher, dass der Einsatz der Dame in den sozialen Netzwerken weltweit begeistert gefeiert werde. Bei Twitter sei zum Beispiel gepostet worden: „Hallo, IS-Milizen, ihr werdet gerade von einer Frau plattgemacht!“

So etwas wird einfach unkommentiert gesendet, als handele es sich nicht auch bei den IS-Milizionären um Menschen, wie fanatisch und verbohrt sie auch sein mögen. Der Krieg findet auch sprachlich statt. Eine sprachliche Verrohung bereitet den Boden für unsere Bereitschaft, kriegerische Lösungen von Konflikten hinzunehmen und ihnen zuzustimmen. Aber was soll man erwarten, wenn US-Präsident Obama von ISIS als einem „Krebs“ spricht, „der die ganze moslemische Welt verheert“?

Adrian Kreye hat in der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung darauf hingewiesen, dass wir solche Metaphern aus der NS-Geschichte kennen. Sie führen mitten ins Grauen des Völkermords, der dargestellt wird als ein Rettungsakt, als ein chirurgischer Eingriff, der vorgenommen werden muss, um den gesunden Körper der Völkergemeinschaft zu retten.

„Das Böse“ nimmt von Zeit zu Zeit Gestalt an und kommt als Plage über uns wie Ebola oder das Erdbeben von Lissabon oder eben der Terror. Nirgends erfährt man etwas über die Beweggründe der ISIS-Kämpfer und die gesellschaftlichen Ursachen des Fundamentalismus. Im Kampf gegen die militanten Gotteskrieger der ISIS entsteht ein großes „Wir“ über den krisengeschüttelten Gesellschaften des Westens. Sogar der Aushilfs-Schurke Putin und der Ukraine-Konflikt verblassen dagegen und treten in den Hintergrund. ISIS sei Dank, können „Wir“ all die anderen Probleme vergessen.

Ist das nicht wunderbar: Ein vom Westen selbst mit geschaffener und aus der Flasche gelassener Geist dient nun dazu, uns alle im Kampf gegen ihn zu einen! Im Schlagschatten dieses neuerlichen Anti-Terror-Kampfes breiten sich islamophobe Einstellungen wie ein Flächenbrand aus. Am Sonntagabend lieferte Günther Jauch ein Beispiel dafür, als er die Zuschauer, die einem in die Sendung eingeladenen Imam gelegentlich Beifall spendeten, als von diesem mitgebrachte Claqueure bezeichnete. Endlich haben wir wieder einen Feind!

„Nach dem Sieg hat man es mit sich selbst zu tun“, sagte Toqueville. Man sucht verzweifelt nach einem neuen Widerpart. Die Schwierigkeit, hinter der Nebelwand diffuser Bedrohungen einen robusten politischen Feind zu verorten, ist einer der Gründe dafür, dass Aggressionen sich mehr und mehr blind und ziellos entladen. Moderne Nationalstaaten sind immer weniger in der Lage, eine bestimmte Zentralgefahr in der Gestalt eines Feindes zu unterstellen, um im Anschluss daran legitime und illegitime Ängste zu unterscheiden und entsprechende Loyalitätsleistungen zuzumuten. Seit die Teilung zwischen Ost und West nicht mehr existiert und kein feindlicher Block mehr auszumachen ist, den wir für unser Unglück verantwortlich machen können, hat sich der Feind fortgepflanzt in eine Vielzahl kleiner und mittlerer Satane, die in allen möglichen Formen und Gestalten auftreten können. Der „Weltkommunismus“ war der Feind, der hätte erfunden werden müssen, wenn er nicht schon vorhanden gewesen wäre – ein Feind, dessen Stärke die Verteidigungswirtschaft und die Mobilisierung des Volkes im nationalen Interesse rechtfertigte und es erlaubte, die innerkapitalistischen Konflikte und Spannungen zu verdrängen.

Früher einmal stand der Feind vor allem im Osten, jetzt lauert er überall. In der Zeit des sogenannten Kalten Krieges wurden persönliche Ängste vor Zerrüttung ebenso wie familiäre Dramen mühelos dem Ost-West-Konflikt aufgebürdet und in seinen Termini ausgedrückt und buchstabiert. Eine politische Entspannung kann psychisch gerade die gegenteiligen Folgen haben: Verschwindet ein Feind durch Entspannung oder Kapitulation, schwindet auch die Möglichkeit, eigene Konflikte auf ihn abzuwälzen. Das Bild des „Bösen“, das uns in Gestalt des jeweiligen Sündenbocks und Feindes präsentiert wird, ist das beste Gefäß für alle möglichen Bedrohtheits- und Unsicherheitsgefühle. Denen wären wir ausgeliefert, hätten wir nicht den jeweiligen „Feind der Saison“, der uns eine Verschiebung unserer diffusen Ängste ermöglicht, diese konkretisiert und im Kampf gegen die vermeintliche Angstquelle zugleich beruhigt. „Wir tun etwas, um das Übel zu beseitigen“, ist ja die Botschaft, die Obama verkündet. Nun werfen wir wieder Bomben. Den ISIS-Kämpfern am Boden zu begegnen, uns ihnen zu stellen und in die Augen zu sehen, sind wir zu feige. Wir lösen solche Probleme aus der Luft, machen uns die Hände und Uniformen nicht blutig. Den Kampf am Boden überlassen wir den kurdischen Peschmerga-Milizen, denen wir Waffen schicken. Lange Zeit waren die Kurden der Inbegriff des Schrecklichen, jetzt sind sie plötzlich die Repräsentanten des Guten und unsere tapfere Vorhut.

Wolfgang Lieb


Textquelle: NACHDENKSEITEN – zum Artikel

Beitragsbild: «Feindbild» – www.gutezitate.com

 

Der Staat als Instrument der Machtsucht Einzelner

von Herbert Ludwig

Es ist der Fluch der Zeit, dass Tolle Blinde führen!  (Shakespeare)

Psychologie der Macht

Psychologie der MachtEs gibt viele Formen, Macht über andere Menschen auszuüben. In jedem Fall dient sie dazu, den Willen anderer zu unterdrücken oder zu überwältigen, sie dem eigenen Willen zu unterwerfen und ihre Freiheit damit auszuschalten. Die primitivste Form der Macht wird durch die größere physische Stärke ausgeübt, wie sie im Tierreich dominiert. Der dem Tierreich scheinbar entwachsene Mensch verstärkt sie mit Hilfe seines verschlagenen Verstandes noch durch physische Waffen. Oft genügt es schon, ihren schrecklichen Einsatz anzudrohen, um die zu Beherrschenden gefügig zu machen, sie entweder zu murrenden Gefolgsleuten oder devoten Sklaven  zu erniedrigen. Oder eben es kommt zum Kampf bzw. zum Krieg.

Der aggressive persönliche Kampf dient dazu, den Anderen durch körperliche Schmerzen zur Aufgabe seines eigenen Willens zu zwingen, ihn also als eigenständige Person mit freiem Willen seelisch auszuschalten und – fügt er sich nicht, ihn auch physisch zu eliminieren. Der Angriffskrieg hat das Ziel, viele Menschen physisch zu vernichten oder mindestens zu verstümmeln und Zerstörung, Leid und Not zu verbreiten, damit die Überlebenden ihren eigenen Willen aufgeben und sich der seelischen Unterwerfung fügen. Mit dieser Machtausübung der physischen Vernichtung und seelischen Ausschaltung anderer Menschen ist in der Reihe des Lebendigen die eigentliche Menschenstufe natürlich noch nicht erreicht.  Der Mensch gebraucht das Himmelslicht der Vernunft, seine Anlage zur Menschwerdung, „nur tierischer als jedes Tier zu sein“ (Goethe: Faust I, Prolog).

Dem Machtstreben liegt die eigensüchtige und zugleich hasserfüllte Ausdehnung des eigenen Ego über andere Menschen und ihre Güter zugrunde. In gesteigertem Selbstgefühl maßlos aufgeblasen, sucht es nach einem weiteren Anwachsen seiner selbst, indem es sich Andere untertan macht. Es erlebt sich in der Macht über die Erniedrigten verstärkt und erhöht, und diesen narzisstischen Rausch möchte es nicht mehr missen. Daher ist es ständig von Argwohn und Furcht erfüllt, seine Macht wieder an einen Stärkeren zu verlieren. Denn es empfindet unbewusst die Hohlheit und Hybris des eigenen Machtanspruchs. Das  Streben nach Macht steigt aus innerer geistiger Schwäche auf und lebt in ständiger Furcht, die sich in Hass Luft macht, der sich in Gewalt austobt.

Geschichtliche Entwicklung der Macht

Machtausübung einzelner über die anderen hat es in der Menschheitsgeschichte natürlich immer gegeben. Sie hat in der Geschichte der Menschheit im wesentlichen drei Entwicklungsphasen durchlaufen. [1]  In den orientalischen Reichen der Assyrer, Babylonier oder Ägypter des 3., 2. Jahrtausends v. Chr. erlebten die Menschen die Macht des Herrschers als eine göttliche Macht. Der Priesterkönig oder Pharao war ihnen ein auf Erden erschienener Gott, ein Sohn des Himmels, dessen Macht keine äußere Gewalt bedeutete, sondern in der überlegenen göttlichen Weisheit und Güte bestand, aus der heraus er das Leben der Menschen zu ihrem Heile ordnete und leitete, wozu sie selbst noch nicht imstande waren. Der Herrscher und seine Minister wurden als etwas Höheres als gewöhnliche Menschen erlebt; Götter und Untergötter sprachen und wirkten in ihnen. Eroberungen anderer Länder bedeuteten eine Ausdehnung des Gottesreiches.

In der weiteren Entwicklung, die in Griechenland und Rom begann und durch ein Erwachen des begrifflichen Denkens und die damit verbundene stärkere Selbständigkeit des Einzelnen gekennzeichnet ist (siehe Aufgabe Europas), zogen sich sozusagen die Götter etwas zurück. Es trat eine Spaltung in eine mehr weltliche und eine kirchliche Macht ein. Der Herrschende wurde nicht mehr als der Gott selbst, sondern als der von Gott Beauftragte und Inspirierte erlebt, als der Herrscher von Gottes Gnaden. Er war ein Mensch wie alle anderen, aber aus ihnen herausgehoben durch den Adel seiner Seele, der es dem Gotte ermöglichte, ihn für seine leitenden Aufgaben zu inspirieren, derer die Menschen in einer gewissen Weise noch immer bedurften. Der Herrscher war ein Symbol, ein Bild dessen, was nicht mehr in der irdischen Welt da war. Er war mit seinen Taten nicht mehr der Gott selbst, sondern nur noch der Ausdruck von dessen machtvoller Weisheit, Güte und Gerechtigkeit, die sich durch ihn in die irdische Welt ergießen und realisieren sollten. Jetzt konnte eigentlich erst das Diskutieren über öffentliche Angelegenheiten entstehen, da sich unterschiedliche Auffassungen darüber bilden konnten, ob das, was sich im Physischen abspielte, ein wirkliches Abbild des Göttlichen war.

Mit der Neuzeit setzte wieder eine gewaltige Bewusstseinsveränderung ein, in der sich der einzelne Mensch immer mehr auf die Spitze der eigenen Persönlichkeit zu stellen begann, um aus eigener Erkenntnis sein Leben selbst zu gestalten. Luthers Worte auf dem Reichstag zu Worms: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir!“, die er Kaiser, Fürsten und kirchlichen Würdenträgern entgegenschleuderte, sind für die innerlich zur Unabhängigkeit erwachte Persönlichkeit besonders kennzeichnend. Der Herrscher wurde nicht mehr als Gottgesandter erlebt, der durch höhere Erkenntnis andere zu lenken berechtigt wäre. Jeder fühlte sich selbst in der Lage und berechtigt, zu den benötigten Erkenntnissen zu kommen. Der Anspruch des „Gottesgnadentums“ war hohl geworden, hielt sich aber noch lange auf dem Thron. Seine Macht  war jedoch vollkommen entgeistigt und veräußerlicht. Was vorher Symbol war, das noch mit einer Wirklichkeit in Verbindung stand, wurde zur Phrase, die pompös vortäuscht, was nicht mehr vorhanden ist. Was als innere Macht in selbstverständlicher Autorität gewirkt hatte, wurde nun, geistig entleert, zur äußeren Macht, die sich nur als Gewalt durchsetzen und behaupten konnte.

Machiavellismus

Niccolò Machiavelli, Detail aus dem Bildnis von Santi di Tito

Niccolò Machiavelli, Detail aus dem Bildnis von Santi di Tito

Die Macht, die im Geistigen ihren Ursprung und ihre Legitimation hatte, war im Interesse der menschlichen Freiheit versiegt. Aber an ihre Stelle setzte sich die äußere Gewalt, die aus dem nackten Egoismus der irdischen Persönlichkeit aufstieg und sich den Staat als Instrument gestaltete. Auf den Egoismus hat Machiavelli (1469 – 1527) seine Theorie vom Staat gegründet, die ungeheuren Einfluss auf die Entwicklung des modernen Staates genommen hat. Er ging dabei von der Voraussetzung aus, dass die Menschen von Natur aus schlecht seien und es auch unveränderlich blieben, da es keine fortschreitende Entwicklung in der Menschheitsgeschichte gebe, sondern nur einen ewig sich wiederholenden Kreislauf. Die Konsequenz daraus war für ihn der zum Prinzip erhobene Egoismus, der notwendig das Regieren des Fürsten bestimme. Das egoistisch-kluge politische Handeln unterscheide prinzipiell nicht zwischen guten und üblen Mitteln, sondern setze beide ein, je nach ihrer Zweckmäßigkeit für den erstrebten Erfolg, die Sicherung und Erweiterung der äußeren Macht. [2]

„Sein Staats-„Zweck“ ist Macht um ihrer selbst willen. Das äußere Ziel der staatlichen Entwicklung war Machiavelli die Bildung eines starken, geschlossenen, wohlgeordneten Staates, beruhend auf Zentralisation, vor allem aber der Nationalstaat. Das Schwergewicht liegt aber bei Machiavelli nicht auf diesen Zielen, sondern auf den Mitteln des politischen Handelns. Gerade hier zeigt sich der „Machiavellismus“ am unverfälschtesten, und gerade hiermit hat Machiavelli (die damalige politische Wirklichkeit theoretisierend) Schule gemacht. Verbrechen aller Art spielen hier gleichsam ihre „legitime“ Rolle. Machiavellis Schriften sind erfüllt von Schilderung und Empfehlung von Lüge, Betrug, List, Täuschung, Verrat, Treubruch, Gewalttätigkeit jeder Art, Vernichtung anderer Menschen, Mord und Grausamkeit. (…) Auch die „guten“ Mittel werden nur aus Egoismus angewandt: z. B. fördert der Fürst die Untertanen nicht um ihrer selbst willen, sondern weil er an ihrer Wohlfahrt, ihrer Zufriedenheit usw. ein egoistisches Interesse hat.” [3]

Der Machiavellismus hat im politisch-sozialen Leben bis heute seine starken Wirkungen entfaltet. Jeder kann sie am Verhalten und Handeln der meisten führenden Politiker beobachten. Und auch im System des modernen Staates sind sie deutlich wahrnehmbar:

„Wer von dem Misstrauen gegen die menschliche Natur ausgeht, muss allen Nachdruck darauf legen, dass der Mensch durch äußeren Zwang zu einem einigermaßen sozialen Verhalten gezwungen werden muss. Dazu muss sich der Staat zu einem Machtstaat ausbilden, der auch wirklich die umfassende Gewalt hat, um den Zwang durchzuführen. Mit der immer stärkeren Ausschaltung der Sittlichkeit in der Politik wird das eigentlich Menschliche ausgeschaltet, dasjenige, das den Menschen vom Tier und von den leblos-mechanischen Kräften unterscheidet. An die Stelle des menschlich-sittlichen Handelns wird daher ein mechanisches Spiel der Interessen, eine Abwägung und Ausbalancierung der Machtfaktoren treten; die Politik wird etwas wie ein Schachspiel werden, der Staat sich zu einem Unpersönlich-Maschinellen entwickeln.” [4]

Der absolutistische Einheitsstaat

Was in Italien in der Renaissancezeit mehr punktuell begonnen hatte, wurde in Frankreich in systematischer und planmäßiger Weise auf breiterem Boden ausgebaut und weitergeführt. Es erreichte einen Höhepunkt im Absolutismus Ludwig IV. (1643-1715). Dessen Egoismus steigerte sich in einem solchen Maße, dass sich sein Ich gleichsam zu einer eingebildeten „Sonne“ aufblähte, die alles im Staate beschien, das gesamte Leben des Volkes, die Kultur und das merkantilistische Wirtschaftsleben umschloss, für die eigene Macht instrumentalisierte und zentral lenkte. In größenwahnsinniger Maßlosigkeit fühlte sich das Ego des Herrschers ausgeweitet zum alles umfassenden Staate  – „L´État c´est moi“ (Der Staat bin ich). Der „Sonnen-König“ sah sich mit dem Ganzen des Staates identisch, ordnete alles nach seinem Willen. Alle hatten ihm zu gehorchen und zu dienen, denn sie dienten damit dem Staate, von dem sie ein funktionierendes Teilchen waren. Karl Heyer schreibt dazu:

„So werden vom staatlichen Zentrum aus alle drei sozialen Lebensgebiete ergriffen und zu einer straffen, militanten Einheit zusammengeschweißt, die von einem Geist beherrscht wird: das politisch-verwaltungsmäßig-militärische Gebiet, das wirtschaftliche und das kulturelle. Und alles dient dem Könige.“ [5]

Es wurde so eine hierarchisch aufgebaute bürokratische Staatsmaschinerie geschaffen, in die der einzelne Mensch hilflos eingegliedert war. Der König an der Spitze und seine Beamten saßen an den Schaltstellen dieses riesigen Herrschaftsapparates, der ein perfektes Instrument für ihn war, alle anderen Menschen mit unausweichlicher Gewalt seiner persönlichen Machtsucht zu unterwerfen.

„Aber die Staatsentwicklung bei Ludwig XIV. ist wirklich nur ein besonders signifikantes Beispiel und das größte und imposanteste der Zeit für die Entwicklungsdynamik, die damals in allen Staaten des Fürstenabsolutismus überhaupt herrschte.“ [6]

Dieser absolutistische Einheitsstaat wurde prägend für die ganze neuere Zeit.

Der liberal-demokratische Einheitsstaat

Sturm auf die BastilleMit Empörung stemmten sich immer mehr die Kräfte des Individuums gegen diese unzeitgemäße, entwicklungsfeindliche Dynamik unberechtigter Machtausübung. Sie fegten in der Französischen Revolution von 1789 die hohl gewordene Monarchie Frankreichs grausam hinweg. Von England, in dem schon hundert Jahre zuvor in der Glorious Revolution die Monarchie zu einem nur noch geduldeten Schattendasein verurteilt worden war, übernahm man die Ideen des Liberalismus und der parlamentarischen Demokratie, durch welche die Macht auf die ganze Bevölkerung, repräsentiert durch ihre gewählten Vertreter, übergehen sollte. Aber die Problematik des Einheitsstaates wurde nicht durchschaut. Der vom Absolutismus übernommene Machtapparat blieb nicht nur bestehen, sondern wurde noch weiter ausgebaut und perfektioniert. So suchte der liberale Freiheitsimpuls gegen den omnipotenten Einheitsstaat nur einen persönlichen Freiheitsraum für den Einzelnen geltend zu machen, der aber nur sehr begrenzt durchdrang und in der Wirtschaft als wirtschaftlicher Liberalismus zum Egoismus-Exzess des Kapitalismus führte.

Mit der Demokratie machte sich die berechtigte Forderung der Individualität geltend, die Gesetze sich nicht von oben diktieren zu lassen, sondern bei der Entstehung des Rechts mitzuwirken. In dem Maße aber, wie die Rechtsorganisation, der Staat, eine Allzuständigkeit für jedes Lebensgebiet in Anspruch nahm und durch Gesetze reglementierte, wurden in das Recht, das nur die Beziehungen zwischen den einander gleichberechtigten Menschen zu regeln hat, inhaltliche Gestaltungen des Lebens aufgenommen, die Angelegenheit der sachkundig im Wirtschafts- und Kulturleben wirkenden Menschen selbst sind. Das führte dazu, dass der Impuls der Selbstbestimmung sich noch in der Debatte artikulieren kann, im Moment der Abstimmung aber ausgeschaltet wird, denn damit sind alle gleichermaßen an die daraus folgenden inhaltlichen Regelungen gebunden und müssen – von außen bestimmt – nach ihnen handeln. Aus dem Streben des Individuums nach Selbst- und Mitbestimmung entstanden, führt der Parlamentarismus in der Abstimmung zu ihrer Vernichtung. Er „geht hervor aus der Geltendmachung der Persönlichkeit und endet mit der Auslöschung der Persönlichkeit.“ [7]  Im Geistes- und im Wirtschaftsleben kann es keine gesetzgebenden Körperschaften geben, die „von oben“ reglementieren, sondern nur horizontale Beratungs- und Kooperationsorgane freier und solidarisch einander zugewandter Bürger.

Nur auf dem Gebiete des Rechts selbst ist der Parlamentarismus berechtigt, denn Fragen des gerechten Verhaltens untereinander, des Schutzes des inneren und äußeren Friedens, können nicht vom Einzelnen, sondern nur durch gemeinsam vereinbarte Regeln aller gelöst werden. Sie sind es, welche die Bildung ei­ner Gemeinschaft als Staat erst nötig machen und ihm konstitutiv zugrunde liegen. Hier ist auch jeder Mündige urteilsfähig. Die Abstimmung führt zwar auch hier zu einem gewissen Nivellement der Persönlichkeit, doch hat sie ihre relative Berechtigung, denn das für alle gleichermaßen geltende Gesetz ist gerade das angestrebte Ziel. Wenn sich die Gesetze darauf beschränken, den rechtlichen Rahmen für die inhaltliche Tätigkeit der Menschen im Kultur- und im Wirtschaftsleben zu bilden, wird durch sie die Freiheit und Selbstbestimmung nicht ausgeschaltet, sondern gerade ermöglicht. Und das Justiz und Polizei verliehene Gewaltmonopol dient nicht der Macht über Menschen, sondern ihrem Schutz vor denen, die in die körperliche oder seelische Integrität anderer gewaltsam eingreifen.

Der demokratische Einheitsstaat als Instrument der Gewalt

BedrohungWir sahen: Die Macht hat seit Beginn der Neuzeit, mit dem Erwachen der freien Individualität, ihren geistigen Inhalt verloren. Damit ist prinzipiell jede Herrschaft von Menschen über Menschen innerlich unberechtigt geworden. Sie ist eine Anmaßung, eine Usurpation. Goethe formulierte daher, dass die Regierung die beste sei, die uns lehre, uns selbst zu regieren. Macht ist heute mehr oder weniger offene oder versteckte Gewalt, die den anderen überwältigt, ihm einen fremden Willen aufzwingt und ihn dessen beraubt, was ihn erst zum Menschen macht: der Freiheit seines eigenen Erkennens und Wollens.

Die Geschichte der Neuzeit ist gekennzeichnet durch den Kampf der Kräfte des Egoismus um den Staat als Instrument der Gewalt. Ob absoluter Fürstenstaat, konstitutionelle Monarchie oder demokratische Republik – der Staat wächst als zentralistisches, bürokratisches Riesengebilde, als hierarchischer Befehlsmechanismus, der sich über alle Lebensgebiete legt, immer mehr ins Gigantische, nimmt immer gewaltigere, erdrückendere Ausmaße an. Hand in Hand damit geht „die Atomisierung der Untertanen oder Staatsbürger zu einer homogenen Masse von Individuen, die man (…) von außen her durch abstrakte Gesetze zusammenhält.“ [8]  Der Einheitsstaat wird ein immer perfekteres Instrument in den Händen derjenigen, die an den Schaltstellen sitzen – gleichgültig wie „demokratisch“ sie sich zu legitimieren suchen -, um die Masse der Menschen mit direkter oder indirekter Gewalt nach ihrem Willen zu formen und zu lenken.

Mit der Gewalt, die den Mitmenschen überwältigt, handelt noch nicht der Mensch, sondern das Tier in ihm. Das wird schon im innenpolitischen Kampf um die Macht sichtbar. Der peruanische Nobelpreisträger für Literatur Mario Vargas Llosa, der 1987 als Präsidentschaftskandidat für drei Jahre in die Politik ging, schilderte seine Erfahrungen so:

„Sie können die hehrsten Ideen haben, aber sobald es an deren Verwirklichung geht, sind Sie Intrigen, Verschwörungen, Paranoia, Verrat und Abgründen an Schmutz und Niedertracht ausgesetzt. Wenn ich eins über den Morbus der Politik gelernt habe, dann dies: Der Kampf um die Macht lockt die Bestie in uns hervor. Was den Berufspolitiker wirklich erregt und antreibt, ist das maßlose Verlangen nach Macht. Wer diese Obsession nicht hat, wird der kleinlichen und trivialen Praxis der Politik angeekelt den Rücken zukehren.“ [9]

Die Möglichkeit der Machtausübung zieht die egoistischen Machtnaturen an, und so sorgt der „demokratische“ Einheitsstaat für die Auslese der Schlechtesten. Haben sie die Herrschaft über den Staatsapparat errungen, weitet sich ihr Ego ebenso besitzergreifend wie bei Ludwig IV. über den Staat aus. Der Staat gehört ihnen. Die Rekrutierungsorganisationen dieses Menschenschlages werden zu „staatstragenden Parteien“, die sich den Staat zur Beute gemacht haben.

Noch offener tritt das Tier auf die Bühne in der Außenpolitik, in der angeblich Völker miteinander in Beziehung treten, in Wahrheit aber kleine Cliquen mit dem Instrument des Einheitsstaates in der Hand gegeneinander um die Erhaltung und Ausdehnung ihrer Macht kämpfen. Mit dem ganzen Arsenal des höheren Tieres, mit Täuschung, Lüge und Drohung, Intrigen, Verschwörungen und Sanktionen, versteckten Terrorunternehmungen und Regierungsumstürzen bis zur primitivsten Form der offenen Gewalt, dem Krieg, wird in der internationalen Machtpolitik unentwegt versucht, die andern zurückzudrängen, zu schwächen und sie schließlich samt ihrer hilflosen Völker mit brutalster Waffengewalt physisch zu überwältigen und dem eigenen Willen zu unterwerfen. Insbesondere das 20. und das begonnene 21. Jahrhundert sind von diesen Kämpfen der menschlichen Bestien gegeneinander gekennzeichnet. Wir leben mitten darin.

Man muss sich endlich klar werden, dass diesem sozialpathologischen Wahnsinn nur Einhalt geboten werden kann, wenn die Allmacht des Staates aufgelöst, er auf das reine Rechtsleben beschränkt wird und das Wirtschafts- und Geistesleben in die horizontal koordinierende Selbstverwaltung der dort tätigen sachkundigen Menschen entlassen werden. Die herrschenden Egomanen können nur entmachtet werden, indem ihnen ihr staatliches Machtinstrument aus der Hand genommen wird (vgl. Die Überwucherung). Sonst wird die Selbstzerstörung der Menschheit weiter fortschreiten.

Herbert Ludwig


Autor Herbert Ludwig: Nach kaufmännischer Lehre Studium und Ausbildung zum Rechtspfleger, 4 Jahre Tätigkeit an hessischen Amtsgerichten. Danach Studium an der Pädagogischen Hochschule Reutlingen mit den Schwerpunkten Erziehungswissenschaften, Philosophie, Geschichte, Deutsch, sowie Waldorfpädagogik am Waldorflehrer-Seminar Stuttgart. 27 Jahre Lehrer an der “Goetheschule – Freie Waldorfschule – Pforzheim”. Ruhestand.

Textquelle: FASSADENKRATZER, zum Artikel

Bild- und Grafikquellen:

  1. Beitragsbild: «Herrscher im Orbit» – Didi01  / pixelio.de
  2. «Psychologie der Macht» – www.pixabay.com
  3. «Niccolò Machiavelli» – http://de.wikipedia.org/wiki/Niccol%C3%B2_Machiavelli
  4. «Sturm auf die Bastille» – http://www.franzoesische-revolution.com/
  5. «Bedrohung» – Marion Beßler / pixelio.de

 

 

Fußnoten:

  1. Sie sind besonders treffend von Rudolf Steiner in drei Vorträgen skizziert worden unter dem Titel  “Die geschichtliche  Entwicklung des Imperialismus”, Vorträge 20.-22. Febr. 1920, im Band 196 der Gesamtausgabe
  2. Karl Heyer: Machiavelli und Ludwig XIV., Stuttgart 1964, S. 226
  3. Karl Heyer a. a. O. S. 227
  4. Vgl. Karl Heyer a. a. O. S. 93, 94
  5. Karl Heyer a. a. O. S. 95, 96
  6. Karl Heyer a. a. O. S. 99, 100
  7. Rudolf Steiner, zitiert nach Karl Heyer a. a. O. S. 218
  8. Karl Heyer a. a. O. S. 224
  9. Zitiert nach André F. Lichtschlag in „eigentümlich frei“ Aug./Sept. 2013, S. 40