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Wie reizvoll!

Kolumne Dead Men Working

von Maria Wölflingseder

Eine treffende Diagnose der aktuellen kollektiven Verfassung lautet Reizüberflutung. Vielerlei Reize sind so anziehend oder so aufdringlich, dass wir uns ihnen kaum entziehen können. Von den Infoscreens in den U-Bahnstationen und in der Straßenbahn bis zu den Verlockungen, die Smart-Phone und TV bieten. Von der ständigen persönlichen Musik-Begleitung zu den unendlichen Reizen des Worldwidewebs. Von den Printmedien bis zur öffentlichen Dauerbeschallung. Sei es als Auto-, Flug- oder Baulärm, als Musik, Werbung und Geplapper eigener Supermarktradiosender oder lautstarkes Gedudel in den übrigen Geschäften und in der Gastronomie. Nicht nur der Informationshunger ist groß, auch der Hunger nach Geruch und Geschmack ist gekonnt geweckt worden. Je mehr zum Himmel stinkt – Abgase und reizende Ausgasungen von Kunststoffen, Farben und Lacken –, desto mehr steigt die Parfümierung mit synthetischen Stoffen: von der Klimaanlage in den öffentlichen Verkehrsmitteln, die Gerüche ventilieren, bis zum Klopapier, vom Raumspray bis zum Autoduftbäumchen, vom Waschpulver bis zur Seife. Die olfaktorischen Erlebnisse werden immer intensiver, wenn auch nicht bekömmlicher. Und die künstlichen Geschmacksstoffe in vielen Nahrungsmitteln erfüllen durchaus den kommerziellen Zweck der Abhängigkeit.

Um trotz dieses Reizhypes inklusive der Folgen von geistiger und körperlicher Überbeanspruchung noch einen Tag-Nacht-, einen Anspannungs-Entspannungsrhythmus zu finden, werden Unmengen an stimulierenden sowie sedierenden Substanzen konsumiert. Höchste Gereiztheit herrscht in jedem Fall.

Nehmen wir die Erscheinungen der digitalen Flut an Informationsreizen ein bisschen genauer unter die Lupe. Historisch betrachtet, wurde die Arbeit vom Acker über das Fließband an den Computer verlagert. Mit der Möglichkeit, gigantische Datenmengen zu sammeln, zu speichern und zu verbreiten, wurde ein ebenso großes Suchtpotential geschaffen. Mittlerweile hat sich das digitale Suchtverhalten von der Arbeit bis in unsere intimsten Bereiche ausgebreitet.

Mitunter stellen zwar schon junge Menschen, denen der Computer buchstäblich in die Wiege gelegt wurde, das digitale Leben infrage. Manche wollen in den neuen Strick-, Häkel- und Nähgruppen gar eine Trendwende erkennen. Mir fallen jedoch vielmehr die in letzter Zeit vermehrt aus der Öffentlichkeit verschwundenen Blicke auf. Sie kleben nur mehr am Display. In den öffentlichen Verkehrmitteln sowieso, aber auch zuhauf in Konzerten und im Theater. Bin ich krank, wenn ich mich dadurch beim Kunstgenuss gestört fühle? – Mein Freund J. wohnt in Salzburg am Mönchsberg. Mit traurigem Kopfschütteln erzählte er: „Ich bin neugierig, ob mich jemals wieder jemand nach dem Weg zur Festung fragen wird. Alle suchen ihn stur auf ihren Screens, anstatt in die Landschaft oder gar jemandem in die Augen zu blicken.“ – Das GPS im Auto lotst Nutzer mitunter gar in die Irre. Kürzlich las ich über die Gefahr, bei ständiger Verwendung digitaler Orientierungshilfen, sich ohne diese gar nicht mehr zurechtzufinden. Aber mittlerweile kann ja jede Reise „lückenlos“ geplant werden, wie eine App verspricht: Man leite einfach alle Mails über Flug, Hotel, Mietwagen etc. an den Dienst und bekommt einen minutiösen Plan darüber, wann welcher Schritt wohin gemacht werden muss. Wird die Reise selbst gar bald durch eine digitale ersetzt?

Freundschaft, Sinnlichkeit und Sex haben sich ebenfalls stark in die Virtualität verlagert. „Jeder Vierte schaut gerade Pornos!“, so der Titel eines kleinen Artikels von Todor Ovtcharov, einem gebürtigen Bulgaren, in der Wiener Zeitschrift biber (Mai 2014, S. 70). Professionelle Pornos werden durch private ersetzt. Mit der gleichen Routine, mit der Selfies und das Frühstück ins Netz gestellt werden, wird der hauseigene Sex gepostet. Bulgarien steht weltweit an sechster Stelle, was das diesbezügliche Mitteilungsbedürfnis und die einschlägige Neugierde betrifft. Deutschsprachige Pornos waren in Bulgarien während der Pubertät des Autors extrem populär. Sprüche wie „Ja, ja, das ist fantastisch!“ wurden zur „Stadtfolklore“. Wer glaubt, das seien Reize ohne Seele, schaue sich den Film „Her“ von Spike Jonze an. Theodor verliebt sich in sein OS, in sein Operating System namens Samantha. Obwohl seine Freundin mit 8316 weiteren Menschen und Betriebssystemen in engem Kontakt steht und mit 641 davon eine Liebesbeziehung hat, beteuert sie, dass dies ihre innige Liebe zu ihm in keiner Weise herabsetze. Am Schluss bleibt Theodor traurig zurück, weil sich Samantha in eine neue virtuelle Existenz verabschiedet hat. Wovon Publikum und Kritik hellauf begeistert sind, ist für mich ziemlich langweilig.

Manche meinen, mit den Möglichkeiten der Digitalität höchste Authentizität vermitteln zu können. Aber wozu brauche ich in drei Minuten Radioweltnachrichten fünf O-Töne von Politikern und Experten und als Hintergrundsound Maschinengewehrgeknatter? Oder die ewige schillernde Berichterstattung über der Promis Cellulite, Hängepos und unendlich viel ähnlich Spannendes.

Da sich im Kapitalismus jeglicher Junk bestens bewährt und schnell verbreitet, tut er das im Netz umso effizienter. Dass jegliche Information – genauso wie alles andere – von der marktwirtschaftlichen Verwertbarkeit gesteuert wird, ist klar. Ein anderer Kontext hat sich bis dato erst minimal ausgewirkt. Vor allem Fragen nach dem Warum all der aufgeherrschten Zumutungen sind schlicht tabu. Das wichtigste Fragewort, warum, wurde bei der Programmierung der Computer klammheimlich unter den Tisch fallen gelassen. Sonst würde vielleicht das System abstürzen. Wie kann sich bei unentwegter Beschäftigung mit dieser Flut an (zu 97 Prozent Junk-) Infos noch solch Altmodisches wie Konzentration, Überlegtheit, Verbindlichkeit oder gar Nähe entwickeln? Ganz zu schweigen von Neugierde, Phantasie oder Geheimnisse. Quantität – die tägliche Überdosis an digitalen Daten, die jeder verschlingt – schlägt gehörig in Qualität um.

Oft wird die Quelle der kommunikativen Missverständnisse von Mails und SMS in ihrer bloß schriftlichen Form gesehen. Aber liegt es nicht vielmehr an der mangelnden Sorgfalt und an der Häufigkeit, mit der mitunter gar mit mehreren gleichzeitig digital geplaudert wird? Warum sollen Mails und SMS nicht mit der gleichen Aufmerksamkeit und Hingabe geschrieben werden wie früher vertrauliche Briefe? Dann gäbe es sicher weniger Missdeutungen und mehr Freude.

Maria Wölflingseder


Textquelle: Streifzüge 61/2014 – Streifzuege-Team – zum Artikel

Weiterführender Artikel: «Was hilft gegen Reizüberflutung» von Marco Gloor – zum Artikel

Beitragsbild: «Reizüberflugung» –  http://www.gloormarketing.ch

Collapse – Über den Zusammenbruch der Wirtschaft

Michael C. Ruppert hat im September 2009 seinen aufrüttelnden Dokumentarfilm „Collapse“ vorgestellt, der beim “Toronto International Film Festival 2009” Premiere feierte und dort bereits überaus positive Kritiken erhielt. Regisseur ist Chris Smith, Buch und Darsteller Michael (kurz Mike) Ruppert, der sein Weltbild dokumentiert. Der Film wurde erstmals in Deutschland auf der 60. Berlinale im Februar 2010 gezeigt.

Michael_C_Ruppert_Collapse_From_The_Wilderness_Peak_Oil_Oelfoerdermaximum_fossile_Energien_Derivate_Zineszins_Wachstumsparadigma_Nachhaltigkeit_bumpy_plateau_Elisabeth_Kuebler_RossMichael C. Ruppert (auch Mike Ruppert; * 3. Februar 1951 in Washington, D.C.), ist ein ehemaliger LAPD Police officer (Drogenfahnder). Den Dienst quittierte er 1978 nach Schikanen und Todesdrohungen, als er den Drogenschmuggel durch die CIA aufdeckte und sich konsequent weigerte, Teil dieser kriminellen Machenschaften zu werden. Seine Erkenntnisse und Vorwürfe sollten sich erst viele Jahre später durch offizielle Regierungsunterlagen bestätigten. Ruppert arbeitete weiter als freier investigativer Journalist, whistleblower, Buchautor, Gründer und Chefredakteur von “From The Wilderness”, einer bekannten politischen Internetseite in den USA. Die Webpräsenz und der zugehörige Newsletter beschäftigten sich von 1988 bis Ende 2006 vor allem mit der journalistischen Aufdeckung von staatlichen verdeckten Operationen und der Hintergrundanalyse politischer Ereignisse.

Was 2006 geschah und warum Michael Ruppert mit seiner Webseite ‘From the Wilderness’ aufhörte, war ein Skandal und bezeichnend für das korrupte, bösartige US-amerikanische politische System und dem Geheimdienst CIA. Über Nacht war die CIA in sein Office eingedrungen und hatte alles kurz und klein geschlagen, natürlich in erster Linie alle Computer, aus denen sie sicherheitshalber auch noch die Harddisks rausgerissen hatten. Das Büro wurde förmlich wie nach einem Bombeneinschlag verwüstet.  Michael wusste, was die Uhr geschlagen hatte und rannte um sein Leben. Sein Freund Stan Goff gab ihm 1000 Dollar und Michael bestieg das nächste Flugzeug nach Venezuela.

Dies ist wohl der erste Beweis dafür, dass Michael nicht über ‘lächerliche Konspirationstheorien’ schrieb. Und der zweite ist, dass er mit Stan Goff befreundet war, der in der US-Armee diente und zuletzt an Westpoint (die Spitzen-Militärakademie der USA) ‘Strategie und Taktik’ unterrichtete, bevor er die Brocken hinschmiss, als er sich zu einem glänzenden Marxisten entwickelt hatte. Stan Goff hat schon wenige Wochen nach 9/11 die offizielle Story von Washington als kompletten Unsinn entlarvt. Eine Auffassung, der sich inzwischen tausende und aber tausende von Experten, Wissenschaftlern jeder Art bis hin zu den Spitzenkräften für Demolierung von Hochhäusern angeschlossen haben. Von wegen Konspiration!

Die einzigen, die ständig und immer Konspirationen gegen das Volk ausbrüten sind die Regierungen. Und die einfach in ihre Trickkiste greifen, um gegen jene, von denen die Wahrheit enthüllt wird, den Bann ‘Konspirationstheoretiker’ schleudern.

In Venezuela fand sich Ruppert nicht zurecht, zumal er die Sprache nicht konnte, fiel in eine tiefe Depression und wurde krank. Zog dann nach Kanada, wo er nach Jahren endlich genas. Obwohl er 2006 gesagt hatte, er werde sich nie mehr mit Politik beschäftigen, konnte er es halt doch nicht lassen. Aber was er um sich herum sah und hörte, trug nicht gerade dazu bei, Lebensfreude zu wecken. Das wissen wir alle, die wir uns mit dem gegenwärtigen Zustand der Dinge beschäftigen.

Lest, was Michael Ruppert gesagt und geschrieben hat und urteilt selbst. Es hat sich doch alles als wahr herausgestellt.

Ruppert zog sich aus dem öffentlichen Leben und von den meisten Freunde zurück, zahlte seine offenen Rechnungen, gab weg was er hatte und verließ die “saubere Welt” Kaliforniens vor er zwischenzeitlich wohnte. Er konnte und wollte nicht mehr länger “funktionieren” und publizistisch auf die Probleme dieser Welt hinweisen. Ihm war kalt, er fühlte sich krank, resigniert, depressiv, “all messed up” und “facing to death”. Seit August 2012 lebt Ruppert mit seinem Hund Rags in bescheidenen Verhältnissen in Moffat / CO, wird aber lt. einer Aussage vom 2.2.2014 in Kürze ein paar Meilen weiter nach Crestone im San Luis Valley, 4-5 Meilen vom “Great Sand Dunes National Park and Preserve” im Süden Colorados, ziehen. Dort unterhält er einen innigen Kontakt zu einer Gruppe spiritueller Menschen namens “The Singing Stone“, die für ihn Freunde und Familie sind und Inspiration und Energie geben.

Mike macht als Singer/Songwriter mit der Band “New White Trash” Musik, moderiert einmal die Woche eine 1-stündige Radioshow “Lifeboat Hour radio show” und hat weiterhin den Blick auf die irrationalen, selbstzerstörerischen Verhaltensweisen der Spezies homo sapiens und die wirklichen Bedrohungen der Menschheit gerichtet, die er dank klaren Verstandes und fundiertem Wissen analysiert und erschreckend eindeutig benennt.

Ruppert beschäftigt sich in einem aufrüttelnden und nicht ganz emotionsfreien 80-minütigen Interview mit einer Vielzahl von Themen, die ich für Euch zunächst in Schlagworten mitgeschrieben habe. Diese sollen Euch aber nur als Einstieg dienen und auf das vorbereiten, was ihr in der großartigen Doku erwarten dürft.

Thomas Jefferson: „In jeder der Generation ist eine Revolution nötig“. Wir sind faul geworden. Eine Revolution ist unserem Denken ist längst überfällig. Sie muß in Geist und Seele stattfinden.

Collapse_Michael_Mike_C_Ruppert_Steht_unsere_Welt_kurz_vor_dem_Kollaps_Peak_Oil_fossile_Energien_The_Singing_Stone_Crossing_the_Rubicon_Energieprobleme, globales Ölfördermaximum (Peak-Oil), fossile Energie, Projektsgruppe zur nationalen Energiepolitik unter Vize Dick Cheney, Saudi-Arabien besitzt 25% der bekannten Ölvorkommen, Irak und die Okkupation zur Kontrolle des Öls, dort größtes US-Botschaftsgelände der Welt ..

Arktis und die Polarkappen, verschiedene Bilanzierungsbegriffe, Energie effizienter nutze, Wachstum, Konsum der 70er und 80er, Ethanol ist ein Witz, Nettoenergiekonzept, Strom ist keine Energiequelle, Strom entsteht durch Verbrennen oder nutzen anderer Energiequellen, Elektrizität, Windparkprobleme, lächerliche Werbespots

Nährstoffe im Boden, Fruchtwechsel, Gleichgewicht, Spezies Mensch hat sich von der Erde entfremdet, Kunstdünger, Bewässerungsanlagen, Pestizide, Nahrungsmittel sind sehr kohlenwasserstoffintensiv ..

über 109 mysteriöse Todesfälle oder Selbstmorde beim US-Militär, Enthüllungen der CIA-Verstrickungen und Drogenhandel, CNN hat gelogen, ..

Raus aus den Schulden, weg von Kreditkartenbelastungen, Derivate, Hokuspokus um das heilige Geld, Geldschöpfung, Zinseszins, Wachstumsparadigma, Schneeballsystem, Darwinismus ..

Volkswirtschaften brechen zusammen, Vorhang der Verzweiflung, ein Paradigma ist das was man von etwas denkt bevor man darüber nachdenkt, Weltbevölkerungswachstum, Insolvenz des Einlagensicherungsfonds, „bumpy plateau“, Paradigmenwechsel solange Infrastruktur noch besteht, Überleben in der Übergangsphase, Situationsanalyse vor Ort, neues Denkmuster, das größte Hindernis des kritischen Denkens ist das Ernstnehmen von Massenmedien ..

Elisabeth Kübler-Ross (schweizerisch-US-amerikanische Psychiaterin), 5 Trauerphasen nach einer überwältigenden lebensverändernden Situation: das Nichtwahrhabenwollen,  Zorn (Menschen haben die Schwelle zur Zornphase gerade erst überschritten, nur destruktiver Zorn möglich), Verhandeln, Depression (das Bewußtwerden) und die Akzeptanz ..

Alle Aspekte menschlicher Existenz liegen offen auf dem Tisch. Sämtliche Parteien sind nicht mehr zeitgemäß. Sie alle sind Produkte vergangener Jahrhunderte. Die Menschheit braucht sich nicht mehr um Ideologien zu sorgen, nur noch darum wie sie überlebt. Kapitalismus, Sozialismus und Kommunismus sind alles Begriffe die direkt in die Tonne getreten werden können, da sie alle basierend auf der Annahme unendlicher Ressourcen entstanden. Nicht eine einzige dieser Ideologien, die nichts als tote Dinosaurier, archaische Fossilien und deshalb irrelevant für unsere Lebensform sind, berücksichtigen, daß  Wachstum, Ressourcen und Planet im Gleichgewicht sein müssen.

Nichts wächst ewig. Unendliches Wachstum gibt es nicht, der Mensch muß sich weiterentwickeln. Die Liebe zum Geld ist die Wurzel allen Übels. Das ist die fundamentale Wahrheit.

Mike Ruppert erschoss sich Sonntag Nacht, 13. April 2014, nachdem er seine “Lifeboat Hour radio show” aufgenommen hatte. Sein Tod wurde am Montag abend auf Facebook von seiner Mitarbeiterin und Autorin Carolyn Baker bekannt gegeben, die ihren Anhängern versicherte, dass Rupperts Tod kein “Schein-Selbstmord” war.

“Er war sehr gut von Mike geplant, der uns nur wenige Hinweise gab, aber genaue Anweisungen, wie wir ohne ihn weitermachen sollten,” sagte Baker, die beim letzten Programm zu Gast war und die Rupperts kommende Radio Show in Memoriam moderieren wird.


Link zur Doku mit deutscher Übersetzung – weiter

Link zur engl.-sprachigen Originalversion des Interviewsweiter

Elisabeth Kübler-Ross (schweizerisch-US-amerikanische Psychiaterin) bei Wikipedia – weiter

Beitragsbild: «Zusammenbruch» – www.pixabay.com

Dieser Beitrag wurde uns zur Verfügung gestellt von Kritisches Netzwerk

 

 

 

GENDER’ismus, GENDER-Studies! Gleichschalterei?

Die Genderforschung behauptet, dass die Unterschiede zwischen Mann und Frau kulturell konstruiert sind. Eine Stellungnahme aus Sicht einer “kulturell konstruierten” Frau.

von Caillea

Die meisten Leute können sich unter den Wörtern “Gender”, “Gender Mainstreaming” und “Gender Studies” nicht viel vorstellen. Doch was ist damit gemeint? Woher stammt diese Benennung? Wo wird dieser Begriff angewendet?

Was ist Gender?

In der Linguistik bezeichnet das Wort gender zunächst im Englischen den Genus bzw. das grammatikalische Geschlecht – d.h. die Unterscheidung zwischen weiblich, männlich und sächlich. Im wissenschaftlichen Sprachgebrauch wird gender als Bezeichnung für das soziale Geschlecht und in Abgrenzung dazu sex als biologisches Geschlecht definiert.

Als Begrifflichkeit wurde gender erstmals in der Medizin in der Forschung mit Intersexuellen in den 1960er Jahren verwendet, um die Annahme zu verdeutlichen, dass die Sozialisation der Individuen für die Geschlechterzugehörigkeit bzw. Geschlechtsidentität verantwortlich ist. So wurde das soziale Geschlecht (gender) im weiteren Verlauf als unabhängig vom biologischen Geschlecht (sex) betrachtet. In den 70er Jahren wurde der englische Begriff gender im feministischen Sprachgebrauch als Analysekategorie aufgenommen, um die Unterscheidung zwischen biologischem und sozialen Geschlecht zu betonen und so einen Ansatz zu entwickeln, der die Veränderbarkeit von Geschlecht in den Blickpunkt rückt: Geschlechterrollen sind kein biologisches Phänomen, sondern stellen soziale Zuschreibungen dar. Sie werden in sozialen Interaktionen und symbolischen Ordnungen konstruiert und sind damit veränderbar. Mit gender werden scheinbare geschlechtsspezifische Fähigkeiten, Zuständigkeiten und Identitäten in Frage gestellt und kritisiert – danach gibt es keine homogene Gruppe von “Frauen” oder “Männern” bzw. keine Definition für das was es heißt männlich oder weiblich zu sein. [1]

Gender Mainstreaming” bedeutet, dass alle Geschlechter in sämtlichen Bereichen gleichgestellt werden, Männer, Frauen, auch Gruppen wie Homosexuelle oder Intersexuelle.

Ein Blick in die Genderforschung

Genderforscher glauben, dass “Männer” und “Frauen” nicht eine Idee der Natur sind, sondern eine Art Konvention, ungefähr wie die Mode oder der Vatertag. Klar, es gibt natürlich den kleinen Unterschied und leider lässt sich dies wohl nicht wegdiskutieren, jedoch abgesehen davon gibt es gemäß der Genderforschung keine Unterschiede. Bei Franziska Schößler, deren Buch 2008 erschienen ist, liest sich das so: “Es sind vor allem kulturelle Akte, die einen Mann zum Mann machen.”

Diese These ist gewagt. Was ist mit dem Hormon Testosteron? Spielt dieses nicht bei der Mannwerdung ebenso wie die Evolution eine ziemlich große Rolle? In den gängigen Einführungen, welche ich gelesen habe, tauchte das Wort “Hormon” nur am Rande auf und das Wort “Evolution” überhaupt nicht. Es fiel mir ebenso auf, dass sogar hinter die Existenz des Penis im Licht der Genderforschung zumindest ein Fragezeichen gesetzt wird. “Anatomie ist ein soziales Konstrukt”, sagt Judith Butler, eine der Ahnfrauen der Genderforschung. Es sei Willkür, wenn Menschen nach ihren Geschlechtsteilen sortiert werden, genauso gut könne man die Größe nehmen oder die Haarfarbe. Die seien genauso wichtig oder unwichtig.

Genderforscherin Heike Wiesner schreibt in ihrem Buch “Die Inszenierung der Geschlechter in den Naturwissenschaften”:

“Ob Verhaltensbiologie, Soziobiologie, Pflanzenbestimmung, Gene, Gehirnforschung oder Hormone – allen gemein ist die Kontruktion von Männlichkeit versus Weiblichkeit. Zu allen genannten Ansätzen liegen mittlerweile kritische Analysen von Biologinnen vor. Allein die Konstruktion von männlichen versus weiblichen Hormonen erweist sich als fragwürdig. [2]

Auf den ersten Blick scheint eine Demarkationslinie zwischen einzelnen Disiplinen zu verlaufen: anders als in der Biologie, sehen die mathematischen, physikalischen und chemischen Wissenschaften von einem expliziten Gebrauch einer weiblich- versus männlich-Konzeption in der Regel ab: “Menschen, Tieren, Pflanzen, ja sogar Wetterlagen wird ein Geschlecht zugeordnet, aber geht es um Moleküle, Atome, Quantenzustände und Elementarteilchen, ist auf den ersten Blick kein Zusammenhang mit dem Geschlechterverhältnis zu erkennen.” [3]

Die meisten Genderforscherinnen pflegen das Feindbild der Naturwissenschaft. In ihren extremen Ansichten ähneln sie den Kreationisten, die Darwin für einen Agenten des Satans und die Bibel für ein historisches Nachschlagewerk halten. Die Genderforschung scheint eine Antiwissenschaft zu sein, eine Wissenschaft, die nichts herausfinden, sondern mit aller Kraft etwas widerlegen will.

Gender und Schule

Hannelore Faulstich-Wieland, Genderforscherin, Pädagogin und Gleichstellungsbeauftragte an der Hamburger Uni, mit dem Schwerpunkt “Männer und Schule”, hat einmal in einem Interview gesagt, dass es gesellschaftliche Gründe habe, wenn Männer im Marathonlauf schneller sind als Frauen.

Interessant ist in dem Zusammenhang ein veröffentlichter Vortrag von Frau Faulstich-Wieland vom 05.08.2010: “Es stellt sich die Frage, ob bestehende Ansätze und Maßnahmen von Schulprogrammen Geschlechterungleichheiten entgegenwirken können. Um dies zu beantworten, müssen die zugrunde gelegten Gendertheorien analysiert werden. Bei den meisten Maßnahmen für eine geschlechterbewusste Arbeit handelt es sich um die Realisierung von geschlechtergetrennten Angeboten, wie z.B. im Informatikbereich, bei Berufswahlkursen oder im Sexualkundeunterricht, die oftmals mit „grundlegenden Differenzen zwischen den Geschlechtern“ begründet werden. Problematisch wird diese besondere Hervorhebung und Dramatisierung von Differenz, wenn eine Dichotomisierung von den Mädchen und den Jungen einhergeht. Nach Faulstich-Wieland finden aber deutliche Überschneidungen zwischen den Gruppen der Mädchen und Jungen statt, so dass dieser „geschlechtsspezifische“ Unterricht zu einer Verfestigung von Stereotypen und Hierarchien führen kann, anstatt diese abzubauen. …… Da es auch andere Differenzen gibt, mit denen sich Schülerinnen und Schüler identifizieren oder abgrenzen, wie z.B. „doing student“ oder „doing adult“, bei denen Geschlecht Relevanz haben kann, aber nicht muss, fordert Faulstich-Wieland eine Entdramatisierung von Geschlecht

.Damit ließen sich die allgegenwärtige Wahrnehmung der Geschlechterdifferenzen verringern, Stereotype vermeiden und auch Differenzen innerhalb der Geschlechtergruppen sichtbarer machen. Jedoch soll eine Entdramatisierung von Geschlecht keine vermeintliche Geschlechtsneutralität bedeuten, da Geschlechterunterschiede nicht durch eine Dethematisierung aufgehoben werden können. Vielmehr sollte pädagogisches Handeln immer auf Selbstreflexionen des eigenen doing gender auf der Basis von Genderkompetenz beruhen. Wünschenswert wäre also eine Balance zwischen einer Dramatisierung und Entdramatisierung von Geschlecht. Konkret hieße das ein pädagogischer Umgang mit Jungen, der keine Remaskularisierung provoziert, sowie ein Umgang mit Mädchen, der auf Protektionismus verzichtet.” [4]

Einige Genderforscher propagieren, dass es mehr männliche Lehrer an der Grundschule geben sollte, weil Männer unter Umständen mit der Aggressivität schwieriger Jungs besser umgehen könnten. Faulstich-Wieland hält Erzieher dagegen für gefährlich. Die Gefahr bestehe darin, dass “Jungen auf ein Stereotyp von Männlichkeit programmiert werden”. Weiterhin enthalte der Ruf nach mehr Lehrern eine Diskriminierung in Bezug auf Lehrerinnen. Dies sei eine Abwertung von Frauen. Faustich-Wieland hält das aggressivere Verhalten der Jungs für anerzogen. Folglich müsse es aberzogen werden. Jungs hätten eine negative Einstellung zum Lernen, was damit zusammenhänge, dass sie schon früh auf eine männliche Rolle festgelegt würden. Schon Babys würden ja verschieden behandelt, daher komme die Verschiedenheit von Mädchen und Jungs.

Das Wort “männlich” scheint bei Genderforscherinnen negativ belegt zu sein. Hier stellt sich die Frage, ob Mütter ihre Söhne schon von klein auf dazu bringen müssen, sich wie Mädchen zu verhalten. Weiterhin könnte man, aufgrund der Genderforscherinnen, den Müttern unterstellen, schon ihren Babys beizubringen, schwierige Raufbolde zu werden. An Frau Hannelore Faulstich-Wieland kommt man selbst mit wissenschaftlichen Studien nicht zu Potte, denn “Naturwissenschaft ist eine Konstruktion.”.

Was sagt die Naturwissenschaft?

In diesem Zusammenhang schrieb Harald Martenstein schon 2013 einen Artikel in der ZEIT:

“Robert Plomin hat das Aufwachsen von 3000 zweieiigen Zwillingen beobachtet, Jungen und Mädchen, die in derselben Familie aufwuchsen. Im Alter von zwei Jahren war der Wortschatz der Mädchen bereits deutlich größer. Die Neurowissenschaftlerin Doreen Kimura hat einen Zusammenhang zwischen Testosteronspiegel, Berufswahl und räumlichem Vorstellungsvermögen nachgewiesen – bei Männern und Frauen. Den höchsten Testosteronspiegel haben übrigens Schauspieler, Bauarbeiter und Langzeitarbeitslose, den niedrigsten haben Geistliche. Der Osloer Kinderpsychiater und Verhaltensforscher Trond Diseth hat neun Monate alten Babys in einem nur von Kameras überwachten Raum Spielzeug zur Auswahl angeboten, Jungs krochen auf Autos zu, Mädchen auf Puppen. Der Evolutionsbiologe Simon Baron-Cohen, ein Vetter des Filmemachers Sascha Baron-Cohen, hat die Reaktionen von Neugeborenen erforscht, da kann die Gesellschaft noch nichts angerichtet haben: Mädchen reagieren stärker auf Gesichter, Jungen auf mechanische Geräte. Richard Lippa hat 200.000 Menschen in 53 Ländern nach ihren Traumberufen gefragt, Männer nannten häufiger “Ingenieur”, Frauen häufiger soziale Berufe. Die Ergebnisse waren in so unterschiedlichen Ländern wie Norwegen, den USA und Saudi-Arabien erstaunlich ähnlich. Wenn es wirklich einen starken kulturellen Einfluss auf die Berufswahl gäbe, sagt Lippa, dann müssten die Ergebnisse je nach kulturellem Kontext schwanken.

Der Hirnforscher Turhan Canli, ein Amerikaner, hat festgestellt, dass Frauen emotionale Ereignisse meist in beiden Hirnhälften speichern, Männer nur in einer. An einen Ehestreit oder den ersten Kuss können sich Männer deshalb im Durchschnitt nicht so gut erinnern wie Frauen. Wenn auf Fotos Gesichter zu sehen sind, traurige oder fröhliche, dann entschlüsseln Männer die Emotionen der abgebildeten Personen im Durchschnitt schlechter. Mein Lieblingsexperiment hat Anne Campbell an der Universität Durham veranstaltet: Männer und Frauen wurden zu einem Test eingeladen. Dann teilte man ihnen mit, dass sie schmerzhafte Elektroschocks erdulden müssten. Es dauere noch ein paar Minuten. Die Frauen warteten gemeinsam, in Gruppen. Die Männer warteten lieber alleine.

Die Wissenschaft ist sich einig: Geschlechterunterschiede sind zum Teil sicher anerzogen. Vieles hängt aber auch mit der Evolution und mit den Hormonen zusammen. Ist das alles wirklich nur Ideologie? Gibt es eine Art Weltverschwörung, gegen die Genderforschung? Und wenn ja: Wo bleiben eigentlich die Gegenstudien? Genderprofessorinnen gibt es doch reichlich.

An der Berliner Charité wird medizinische Genderforschung betrieben, zur Frage, warum Frauen und Männer für Krankheiten unterschiedlich anfällig sind. Im Regelfall aber ist diese Wissenschaft eher theoretischer Natur. Das hängt stark mit John Money zusammen, einem amerikanischen Sexualforscher, der die Gendertheorie in den fünfziger Jahren miterfunden hat. Um seine These zu beweisen – Geschlecht ist nur erlernt –, hat Money den zweijährigen Bruce Reimer 1966 von seinem männlichen Genital befreit und als Mädchen aufwachsen lassen. Der Penis des Kindes war bei der Beschneidung verletzt worden, deshalb ließen sich die Kastration und die Herstellung von Schamlippen wohl als eine Art “Therapie” darstellen. Eine Ethikkommission wurde offenbar nicht konsultiert. Alice Schwarzer hat dieses nicht sehr menschenfreundliche Experiment als eine der wenigen Forschungen zum Geschlechterverhältnis gewürdigt, die “nicht manipulieren”, sondern “aufklären”. Der erwachsene Reimer ließ die Umwandlung rückgängig machen und erschoss sich. Seitdem muss die Theorie ohne Beweisversuche auskommen. Geschadet hat das ihrer Verbreitung nicht wirklich.”

Es ist erstaunlich, womit sich Genderforscherinnen so alles auseinandersetzen.

Uta Brandes ist Professorin für Gender und Design in Köln, seit 1995. Eine ihrer früheren Studentinnen heißt Gesche Joost und gehörte zum “Kompetenzteam” des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück. In den neunziger Jahren hat die SPD-Ministerin Anke Brunn jeder Hochschule in Nordrhein-Westfalen eine neue Professorenstelle versprochen, vorausgesetzt, es handelte sich um eine Genderprofessur. Das führte zu einem Boom. Uta Brandes hat einmal erklärt: “Alles, was aufrecht steht, ist eher männlich.” Durch die Negativbelegung findet sie anscheinend deshalb auch “Kirchtürme zu phallisch”, so ein Kirchturm penetriere das Dorf geradezu. Uta Brandes hat unter anderem das Verhalten an Fahrkartenautomaten erforscht, sie ist also keine Theoretikerin. Sie hat herausgefunden, dass Männer an Automaten weniger Angst vor Misserfolgen haben, Methode “Trial and Error”. Frauen überlegen länger, bevor sie einen Knopf drücken. Die Ergebnisse lassen einen irgendwie an Peer Steinbrück und Angela Merkel denken.

Auf der Webseite der HTWG-Konstanz schreibt man über Brandes:

“»My desk is my castle« – Empirie mit Unterhaltungsfaktor hatte Uta Brandes im Gepäck. Die Gender-Forscherin hat weltweit 686 Schreibtische von Menschen fotografiert und systematisch festgehalten, welche Gegenstände darauf und darin nichts mit der Arbeit zu tun haben. Kann man an diesen Gegenständen erkennen, ob der Schreibtischbesitzer tatsächlich ein Besitzer oder vielleicht eine Besitzerin ist? Die wenig überraschende Antwort: Man kann. Typische geschlechtliche Accessoires sind über alle kulturellen Grenzen hinweg eindeutig erkennbar – aber natürlich nur deswegen, weil der Betrachter schon ein festes Bild davon hat, was typisch männlich und typisch weiblich ist. »Es gibt kein Entrinnen«, so Brandes. Stereotype Vorstellungen prägten die Analyse von vornherein, und stereotype Vorstellungen prägen natürlich auch das Verhalten dessen, der sich seinen Schreibtisch einrichtet. Solche bösartigen Probleme methodisch zu erfassen und zu beschreiben ist zumindest ein Anliegen der Professorin. Und ganz abseits vom gedanklichen Teufelskreis hatte der Blick auf die zahlreichen Schreibtische einen hohen Unterhaltungsfaktor.”

Das Geschlechter-Paradox

Die kanadische Psychologin Susan Pinker hat sich ausgiebig mit dem “Teufelszeug” Testosteron befasst, ihr Buch Das Geschlechter-Paradox wurde in viele Sprachen übersetzt. Testosteron macht Menschen risikofreudiger und kräftiger, Männer haben meistens mehr davon. Leider macht es auch kurzlebiger, weil es das Immunsystem schwächt. Postoperative Infektionen verlaufen bei 70 Prozent der Männer tödlich, aber nur bei 26 Prozent der Frauen, daran sind weder die Ärzte schuld noch das soziokulturelle Umfeld. Jungs haben relativ viel Probleme in der Schule und dies hängt u.a. auch mit Testosteron zusammen. Mädchen wiederum halten sich eher an die Regeln.

Männer sind extremer und Steven Pinker vertritt wie sein Kollege die Meinung: “Bei den Männern gibt es mehr Genies und mehr Idioten.” Noch schöner hat es die Kulturhistorikerin Camille Paglia gesagt: “Ein weiblicher Mozart fehlt, weil es auch keinen weiblichen Jack the Ripper gibt.” Martenstein meint dazu: “Extremes Verhalten und obsessive Fixierung auf eine bestimmte Sache – so was ist eher ein Männerding. Der Typ, der Amok läuft, um sich für eine Kränkung zu rächen: fast immer ein Mann. Der Mensch, der eine 90-Stunden-Woche nach der anderen herunterschrubbt, weil er Chef werden will, und am Ziel tot umfällt: wahrscheinlich ein Mann. Ein extremer Einzelgänger und Hypochonder, der Klavier spielt und sonst fast nichts tut: Glenn Gould. Ein Mensch, der in jeder freien Minute Wörterlisten auswendig lernt, nur weil er, völlig sinnlos, Scrabble-Weltmeister werden will: Joel Wapnick. Wer sich einen Sonderling oder einen Eigenbrötler mal genauer anschaut, entdeckt fast immer einen Penis.”

Er führt weiter aus, dass “das Geschlechter-Paradox darin besteht, dass sich in freien Gesellschaften mit ausgeprägten Frauenrechten nicht weniger, sondern mehr Frauen für angeblich typische Frauenberufe entscheiden, soziale oder kreative Berufe. Wenn Frauen die Wahl haben, tun sie eben nicht das Gleiche wie die Männer. Sie werden, ohne Druck, im Durchschnitt lieber Ärztin, Lehrerin oder Journalistin als Statikerin, Ingenieurin, Schachprofi oder Patentanwältin. Über Individuen sagen solche Statistiken natürlich nichts aus, es kann auch hervorragende, glückliche Notarinnen geben und Physik-Nobelpreisträgerinnen. Wer aber glaubt, dass wir alle dem gleichen Normgeschlecht angehören und deshalb überall in der Gesellschaft ein Verhältnis von 50 zu 50 herrschen muss, der kann dies, laut Susan Pinker, nur mit staatlichen Zwangsmaßnahmen erreichen. Weder Hannelore Faulstich-Wieland noch Uta Brandes kannten ihre Kollegin Susan Pinker.”

Gleichstellung?

Gender Männer FrauenMaybritt Hugo, Jahrgang 1960, arbeitet seit 1992 als städtische Gleichstellungsbeauftragte bei der Stadt Braunschweig. Vorher hat sie Politik und Germanistik studiert und war Fraktionsgeschäftsführerin bei den Grünen. Eine ihrer Aufgaben ist es, den Anteil der Frauen im Personal – vor allem im Führungspersonal – zu steigern und die sich selbst rekrutierenden Männerlobbys aufzubrechen.

Maybritt Hugo hat bei der Braunschweiger Feuerwehr etwas «Wichtiges» erreicht. Beim Eignungstest sind die Bewerberinnen fast immer durchgefallen. Das lag unter anderem an den Klimmzügen. Frauen fallen Klimmzüge schwerer als Männern. Außerdem wurde von allen Bewerbern eine abgeschlossene handwerkliche Ausbildung verlangt. Inzwischen dürfen Bewerber, um ihre Kraft unter Beweis zu stellen, einen schweren Kanister eine Treppe hochtragen, und die Feuerwehr akzeptiert auch eine Ausbildung im Gesundheitswesen. Seitdem steigt die Zahl der Feuerwehrfrauen. [5]

Wie geht eigentlich die Genderforschung oder auch eine Gleichstellungsbeauftragte mit Bereichen um, in denen die Männer benachteiligt sind? Obdachlosigkeit zum Beispiel. 70 bis 80 Prozent der Obdachlosen sind Männer. Laut Martenstein antwortet Maybritt Hugo sehr freundlich, “dass die Statistik ein falsches Bild ergebe. Frauen seien genauso von Obdachlosigkeit betroffen. Sie würden dann eben bei Freundinnen oder Verwandten unterschlüpfen.” 

Dies klingt in meinen Augen so, als seien alle obdachlose Männer selbst schuld an ihrer Situation. Vielleicht sollten sich Männer einfach ein bisschen weiblicher verhalten? Warum werden selbst bestens belegbare Erkenntnisse der naturwissenschaftlichen Geschlechterforschung von vielen Genderfrauen abgelehnt oder gar nicht erst zur Kenntnis genommen? Warum können sie mit Natur und Evolution nichts anfangen? Natürlich wurden Frauen jahrhundertelang «klein» gehalten und konnten angeblich dieses nicht und jenes nicht, sie galten als eitel, dumm, schwach, hysterisch, zänkisch, schwatzhaft und charakterlich fragwürdig. Frauen wurden gerne unterdrückt, damit einige Männer, wohlbemerkt nicht alle, ihre Machtposition ausüben konnten.

Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen, dass auch Frauen alles erreichen können, wenn sie nur wollen. Manchmal muss man sich etwas mehr durchsetzen, doch Wissen und Know How wird zumindest heutzutage auch von Männern anerkannt. Viele Männer gehen heute in Elternteilzeit und betreuen die Kinder mit. Viele Männer arbeiten ebenfalls im Haushalt und machen davon kein Aufhebens. Meine Tochter wollte mal Dachdecker werden und es wäre kein Problem gewesen, diesen Beruf zu ergreifen. Sie hatte mehrere Ausbildungsangebote. Doch warum hat sie diesen Beruf nicht ergriffen? Weil sie körperlich sich nicht dazu in der Lage fühlte. Hätte sie sich männlicher verhalten sollen?

Frauen können Kinder bekommen und Männer nicht, wenn dies von Genderfrauen auch nur als ein geringer Unterschied anerkannt wird, der jedoch für jede Frau eine Zumutung ist. Wer die etablierte Familie aus Vater, Mutter und Kind auflösen und an ihre Stelle immer mehr gleichgeschlechtlichen Patchworks setzen will,  der muss die künstliche Befruchtung propagieren und darf auf keinen Fall zulassen, dass diese in irgendeiner Weise problematisiert wird. Frau Sibylle Lewitscharoff würde es begrüßen, wenn es über biochemische Prozesse gelänge, die gebärende Frau zu ersetzen. Anders gesagt: Wenn es gelänge, die biologischen Grundlagen des Menschseins mittels High Tech zu verändern.

Die US-Amerikanerin Donna Haraway geht noch weiter. Den banalen Gender Mainstream-Ansatz verschärft Harawy durch die Anbetung der naturwissenschaftlichen Entwicklung: Durch die Hybridisierung der Menschen mit Maschinen sollen Zwitterwesen entstehen, Cybernetic organisms oder kurz Cyborgs, die die alte Trennung in Adam und Eva überwinden. In ihrem „Manifest für Cyborgs“ (1995) träumt sie von einer „Neuerfindung der Natur“: „Im späten 20. Jahrhundert, in unserer Zeit, einer mythischen Zeit, haben wir uns alle in Chimären, theoretisierte und fabrizierte Hybride aus Maschine und Organismus verwandelt, kurz, wir sind Cyborgs.“ Harawy träumt von einem neuen Geschlecht namens MannFrau© in Anlehnung an die Erfindung der OncoMouse™ – dem ersten patentierten transgenen Lebewesen, einer Maus, der man für Forschungszwecke Brustkrebsgene eingepflanzt hatte. Beides seien Geschöpfe, die die naturgegebene Grenze der Spezies überschritten hätten. „Die große Trennung zwischen Mensch und Natur sowie ihre Grenzen für die Geschlechter, die die Geschichte der Moderne begründete, ist durchbrochen worden.”

Das ist in meinen Augen nicht nur krank, sondern auch noch gefährlich!

Die Genderfrauen gehen in meinen Augen davon aus, dass biologische Forschung insgesamt ein Herrschaftsinstrument der Männer sein muss. Deshalb sagen sie: Es gibt keine Unterschiede, basta. Warum? Weil es einfach keine geben darf. Genderforschung ist eine Antiwissenschaft. Sie beruht auf einem unbeweisbaren Glauben, der nicht in Zweifel gezogen werden darf.

Dabei ist in Wirklichkeit die Biologie längst weiter. Sie kann zeigen, dass Männer und Frauen in vielen Bereichen gleich sind, in anderen verschieden. Sonst wäre die Evolution ja sinnlos gewesen – wozu zwei Mal das gleiche Modell entwickeln? Beide Geschlechter haben Stärken und Schwächen, die sich ergänzen, und ganz sicher ist keines “besser” als das andere.

Ich möchte abschließend darauf hinweisen, dass ich nichts gegen Gleichstellung habe. Das Motto moderner, aufgeklärter Gesellschaften ist seit der französischen Revolution “Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit”. Historisch und etymologisch betrachtet hat der darin enthaltene Begriff “Gleichheit” inhaltlich immer bedeutet, dass alle Menschen gleichwertig sein und gleiche Rechte bzw. die gleiche Rechtsstellung haben sollen. Wenn eben diese Gleichstellung als Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit verstanden wird, habe ich nicht das Geringste gegen Gleichstellung und deren Durchsetzung. Im Gegenteil, trotz aller Bemühungen klafft gerade in diesem Land nach wie vor eine große Lücke zwischen Anspruch und Realität. Wenn darunter aber Gleichschaltung und Gleichmacherei verstanden wird, werde ich dagegen protestieren, denn diese waren damit nie gemeint. Dies sage ich als eine Frau, die in jeder Hinsicht “ihren Mann gestanden hat” und dies weiterhin tut.

Die Natur hat viele Lebewesen geschaffen und kein Lebewesen auf dieser Welt ist gleich und das nennt man Vielfalt. Gleichwertige und geschätzte Vielfalt ist das Schönste, was uns auf dieser Welt passieren kann.

Caillea


Passend dazu noch zwei Vorträge von Vera F. Birkenbihl:

Der norwegische Filmemacher Eia geht der Frage nach, ob Mädchen und Jungen entsprechend der Gender-Lehre in ihrem Sozialverhalten unmittelbar nach der Geburt absolut identisch sind und die Kausalität aller manifestierten Verhaltensunterschiede ausschließlich in der sich anschließenden Prägung durch das soziale Umfeld liegt. Er hinterfragt die Aussagen der “Gender”-Forschung und vergleicht sie mit den Erkenntnissen der klassischen Wissenschaften wie Anthropologie und Biologie. Die Reportage lief 2010 im norwegischen Fernsehen anläßlich einer 7-teiligen Themenreihe.


 

Bild- und Grafikquellen:

  1. Beitragsbild: “Das kritische Auge” – www.pixabay.com
  2. “Gender Mainstreaming” – http://www.contra-magazin.com/tag/gender-mainstreaming/

 

 

Fußnoten:

  1. Quelle: http://www.uni-bielefeld.de/
  2. “Die inzenierung der Geschlechter in den Naturwissenschaften”, Heike Wiesner, S. 31
  3. ebd. S. 32
  4. Vortrag Hannelore Faulstich-Wieland – http://www.genderkompetenz.info/veranstaltungs_publikations_und_news_archiv/genderlectures/051108glhu
  5. Auch interessant: «Mit Männerquote gegen Ärzte» – http://www.wgvdl.com/forum2/board_entry.php?id=172882

Schiefergas: Spekulationsblase oder Wunder?

von Alfredo Jalife-Rahme

Auf der ganzen Welt verurteilen Stimmen den Mythos von Schiefergas. Neben der Spekulationsblase die er hervorruft, wird dieser Betrug nicht ohne schwere Folgen für die Vereinigten Staaten bleiben. Tatsächlich hat sich die Obama-Administration selbst überzeugt, dass das Land eine nachhaltige Energie-Unabhängigkeit erleben wird.

Mit einer schönen Grafik ist es sehr überzeugend.

Mit einer schönen Grafik ist es sehr überzeugend.

Es gibt keine Diskussion über Schiefergas; ist es ein Wunder der US-Technik, wie es über alle Dächer der angelsächsischen Medien ausposaunt wird, ein Prometheus-Kunststück, oder eine vulgäre, von den Befürwortern der Finanzleitung aufgebauschte Spekulationsblase, wie es die These vom Zentrum der geostrategischen Reflexion DeDefensa.org ist, mit Sitz in Brüssel?  [1].

Diese Debatte sollte es jedoch wirklich geben, da die neue atemberaubende Position, die die USA anstreben, von ihrer Schlussfolgerung abhängen wird: eine globale Energiemacht, fähig mit Russland und der OPEC zu konkurrieren, wenn die Gas-Manna sich bestätigt, oder nur ein erbärmlicher Versuch von Agitprop für die Verzögerung des Verfalls der einstigen unipolaren Supermacht?

Ein hoch platzierter Banker-Freund der anonym bleiben will meint, dass das Fracking (die Spaltung des unterirdischen Gesteins in 4.000 m Tiefe, mit einer enormen Menge von Wasser) ist eine neue Desinformation-Operation, weil es absolut nicht machbar ist. Er fügt hinzu, dass Fracking-Investitionen ein Fass ohne Boden sind, und das durch den Verkauf von Öl generierte Geld nicht ausreichen wird, um dieses neue Industriewachstum zu finanzieren, weil die durch Fracking erstellten Bohrlöcher sehr schnell versiegen. Um eine Produktion auf gutem Niveau zu halten, müssen ständig neue Bohrungen gemacht werden. Das ist unvermeidbar und wird kaum für mehr als eine bestimmte Produktion ausreichen.

« Dieses Verfahren bietet nicht die Vorteile der traditionellen Ölproduktion, die Quelle von ungeheurem Reichtum war, den Ausbau der Produktion sicherte oder Investitionen in anderen Bereichen ermöglichte. Nein, das Fracking verschlingt alle Ressourcen; Es erfordert enorme Kreditaufnahmen, und eines Tages wird dann daraus eine Krise. Am Ende wird es sich kaum mehr als ein neues Manöver der Wall Street erweisen, um Kleinanleger in die Falle zu locken, die verzweifelt profitable Investitionen suchen.“

Die Argumentation ist sehr überzeugend, da Aubrey McClendon, Gründer von Chesapeake Energy, der größte Produzent von Erdgas in den USA, von seinen Investoren wegen mangelndem Profit zum Rücktritt gezwungen wurde, während dessen das Unternehmen sich ernsthaft verschuldet hatte; es ist ein finanzieller Kollaps infolge des Preisabsturzes von Erdgas und der Mangel an Liquidität  [2].

Unterdessen kündigt die DeDefensa.org-Website das Ende des Mythos der Revolution von Schiefergas für die kommenden maximal 18 oder 24 Monate an. Es wurde bereits von ihr ein Thema ’Shalegas-Gate’ erstellt und sie hält diese Produktionsart für eine “Massenvernichtungswaffe” [die die USA umbringen wird], verweisend auf den durchschlagenden Versager der Cheesapeak Energy. Kurz gesagt, die EUR, (estimated ultimate recovery), die endgültig erwarteten Dividenden, seien sehr übertrieben gewesen   [3].

Die Öl-geologen und die unabhängigen Geophysiker, die die Fata Morgana der EUR denunziert haben, wurden natürlich von den großen internationalen Konferenzen zum Thema Öl und Gas evakuiert. Aber die Hexenjagd genügte nicht, um die Zweifler zum Schweigen zu bringen und die New York Times war gezwungen, den Gedanken zu formulieren, dass vielleicht die Gas-Industrie-Zahlen manipuliert worden wären  [4].

Man hatte eine sehr große Produktion von Erdgas in den USA in den letzten Jahren, die eine verfeinerte Analyse der Produktion von perforierten-Bohrungen zuließ, und man entdeckt, dass die Produktion deutlich unter den Prognosen war.

Der Geologe Arthur Berman, der seit 25 Jahren in der Amoco (Oil Company Chicago, Ex-Standard-Oil) gearbeitet hat, analysierte drei historische Bereiche: Barnett, Fayetteville und Haynesville; er zeigt die Hyperinflation der EUR, die man den von den Bankiers verblendeten Investoren, die nichts über die Feinheiten des Schiefergas wissen, verbirgt.

Auf den Antipoden hat man einen Bericht von der Internationalen Agentur für Energie – die immer wieder bei Desinformations-Operationen ertappt wurde – der ganz locker sagt, dass alle großen Gas- und Öl-Firmen in Eagle Ford, Utica, Marcellous und Bakken, den USA ermöglichen werden, der erste Öl-Produzent im Jahr 2017, vor Saudi-Arabien, zu werden   [5].

Aber DeDefensa zitiert dagegen den Texas-Geologen, Ingenieur Gary Swindell, der die fabelhafte Eagle Ford-Brunnen-Produktion halbiert  [6].

Und die britische Agentur Reuters bezweifelt das fabelhafte Geheimnis in Utah, die wunderbaren Felder von Utica  [7].

Und die britische Agentur Reuters bezweifelt das fabelhafte Geheimnis in Utah, die wunderbaren Felder von Utica  [8]. In der Tat, DeDefensa, sehr pessimistisch, bezweifelt die technischen Fähigkeiten, und nicht nur die Zahlen, die munter vom Leiter der IEA, Fath Birol, dem fraglichen Ökonomen am 12. November 2012 angekündigt wurden, nämlich dass 2017 die USA die weltweit führenden Ölproduzenten würden.

Das Schiefergas wird daher zweifellos Bestandteil des US-Energiekorbs, aber wird das geopolitische Spiel nicht stören, weil die USA kein LNG (Liquefied Natural Gas) exportieren werden. Russland wird auf dem europäischen Markt nicht bedroht werden und die australischen Flüssig-Erdgas-Projekte werden weitergeführt werden können.

Schiefergas wird darüber hinaus nicht billig sein, sodass seine Ansprüche, die strategische Lage zu revolutionieren, aus dem neoliberalen Mexiko (durch eine Regierung vertreten, die nicht fähig ist, zurückzuschalten) vielleicht den großen Verlierer machen werden.

Alfredo Jalife-Rahme

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Autor: Professor für politische und soziale Wissenschaften an der nationalen autonomen Universität von Mexico (UNAM). Er veröffentlicht Berichte der internationalen Politik im Tageblatt La Jornada und in der Wochenzeitung Contralínea.

Text- und Grafikquellen:

„Schiefergas: Spekulationsblase oder Wunder?“, von Alfredo Jalife-Rahme, Traduction Horst FrohlichLa Jornada , Voltaire Netzwerk, www.voltairenet.org

Fußnoten:

  1. DeDefensa.org ist die Internet-site der Revue DDE Crisis, über Abonnement erhaltbar, 22, rue du Centenaire, B-4624 Fléron, Belgique. Tél. : + 32 4 355 05 50, Fax : + 32 4 355 08 35
  2. « Breakingviews : SEC goes where Chesapeake board feared to tread », von Christopher Swann, Reuters, 1. März 2013. « La SEC a assigné à comparaître l’ex-patron de Chesapeake», AFP, 1. März 2013
  3. «Gaz de schiste : à la “bulle” nul n’échappera…», I, II, III, DeDefensa.org, 16 novembre 2012, 11 et 16 janvier 2013.
  4. Am 26.Juni 2011, gab die New York Times eine grosse Menge von Dokumenten online, die die Hoffnung auf Schiefergas in Frage stellen documents officiels posant de sérieux doutes sur les espoirs mis dans le gaz de schiste
  5. World Energy Outlook 2012, Agence Internationale pour l’Énergie, 12 novembre 2012.
  6. Cité in «$8 Natural Gas: We’re Right On Schedule», par Richard Finger, Forbes, 14 octobre 2012)
  7. «Insight: Is Ohio’s “secret” energy boom going bust?», par Edward McAllister et Selam Gebrekidan, Reuters, 22 octobre 2012.
  8. Variability of Distributions of Well Scale Estimated Ultimate Recovery for Continuous (Unconventional) Oil and Gas Resources in the United States, U.S. Geological Survey Oil and Gas Assessment Team. Document téléchargeable.

Warum Veränderung Wahnsinn braucht

von Nicolas Schrode

Ein Manifest zwischen Wissenschaft und Politik

„Die wenig erprobte Alternative in dunklen Zeiten: der helle Wahnsinn.“ (Brigitte Fuchs, Lyrikerin)

In der heutigen Zeit zu erklären, es bräuchte mehr Wahnsinn, erscheint sicherlich vielen BetrachterInnen als wahnsinnig: Die Menschen sind umgeben von Dingen, die sie für „Wahnsinn“ halten. Seien es platzende Milliardenluftblasen und zur Rettung eilende StaatspolitikerInnen in Europa und den USA, in Gleichzeitigkeit zu den andauernden humanitären Katastrophen in Indien, Afrika oder Asien. Seien es die Millionen Liter Öl, die Monate lang ungestoppt ins Meer sprudeln und die gleichzeitige politische Forderung von umweltbewussten BürgerInnen.

Viel plaktativer können die Beispiele eigentlich nicht sein, gleichwohl jedoch kaum die Wahrnehmung lebensweltlich gewordener Absurditäten vieler Individuen tief ins Mark treffend.

Diese Perzeptionen von Widersprüchlichkeit, für deren Einordnung Menschen oft schlicht keine anderen sinnvollen Kategorien mehr finden als jene des Wahnsinns oder der absoluten Unvernunft, unterscheiden sich vom (zugeschriebenen) Wahnsinn einer Einzelperson: Sie sind Nebenfolgen kollektiven menschlichen Handelns, welches höchst sinnvoll (rational) begründet verfolgt wurde (vgl. dazu: Beck 1986 und 2007). Auf solchen „Wahnsinn der Zeit“ wird viel geschimpft – aus ihm werden hingegen wenige Lehren gezogen. Auch wird kaum reflektiert, was man „Wahnsinn“ entgegensetzen kann (egal, wie man ihn nun genau definiert; es geht um die menschliche Perzeption von Phänomenen und Personen als „wahnsinnig“).

Dieses Essay, ein „Manifest für den Wahn-Sinn“, will „Wahnsinn“ grundsätzlich als soziales Konstrukt begreifen, das mit bestimmten Politiken der Herstellung, in Diskursen und Dispositiven der Macht immer neu erschaffen wird (Abschnitt 1). Unter diesen Bedingungen sollen die Chancen, die in der Moderne der Nebenfolgen („Zweite Moderne“; vgl. Beck 1986) liegen, erörtert werden (Abschnitt 2), um daraufhin nach den notwendigen Grundsätzen für den einzelnen Menschen zu fragen, die nötig sind, um eine Welt zu schaffen, die für ihn besser, weniger „wahnsinnig“, dafür jedoch „richtiger“ ist (Abschnitt 3).

Dabei sollte das Essay grundlegend als solches gelesen werden: Es handelt sich weder um einen klassischen wissenschaftlichen Artikel, noch um ein Manifest im streng politischen Sinne, sondern vielmehr um ein Gedankenexperiment, das den LeserInnen Argumente anbietet und zur weiteren Diskussion anregen soll.

Es geht daher auch nicht darum, einen Beitrag zur Findung eines „korrekten“ oder „besten“ theoretischen Begriffs von „Wahnsinn“ oder „Vernunft“ und „Normalität“ zu leisten – diese sind historisch wandelbar und ihre Reflexion von kaum überschätzbarem Wert. Jedoch sollten sie an anderer Stelle als in diesem Essay ausgehandelt werden. Vielleicht erscheint es in diesem Sinne gewissermaßen wahnsinnig, einzelne Begrifflichkeiten völlig offen zu lassen; doch auch das ist, wo es geschieht, so gewollt. Der Argumentation dürfte gefolgt werden können, egal ob man es beim „sozialen Handeln“ eher mit Max Weber oder mit Erving Goffman hält.

Und noch eine letzte Vorbemerkung sei gestattet: Das Essay soll die wissenschaftliche Diskussion in diesem Band einleiten, nicht führen. Es ist (selbstverständlich) subjektiv und normativ, verlässt stellenweise die klassisch-wissenschaftliche Argumentationslogik. Es mag, dem Thema entsprechend, auch verrückt erscheinen. Es soll bereits in seiner Struktur dazu anregen, die gewohnten Denkschemata zu verlassen und sich Neuem zu öffnen.

1. Wahnsinn – die Kontingenz des Anderen der Vernunft

Steigen wir bei Foucault ein, der die philosophische, psychiatrische und soziologische Diskussion mit seinem Werk „Wahnsinn und Gesellschaft“ (Foucault 1993) nachhaltig bereichert hat. Foucault zeichnet darin die sich historisch wandelnden Formen der Pathologisierung und Stigmatisierung bestimmter Formen sozialen Handelns als „Wahnsinn“ nach – welche stets dem Schutz des ‚Normalen‘, des Common Sense über das gesellschaftlich Erwünschte und Unerwünschte dien(t)en. Dies gilt, ganz gleich, ob man den Wahnsinn als solchen ausstellt – wie bis ins 19. Jahrhundert geschehen (vgl. ebd.: 139), oder ob man ihn wegsperrt – wie bis heute. Nur in einem vorwissenschaftlichen Raum könne aus Foucaults Blickwinkel die Trennung zwischen Normalität und Wahnsinn als beliebig, ihre Verfasstheit als eine Machtfrage erkannt werden. Die wissenschaftliche Sprache der Psychiatrie dagegen ist nach Foucault eine „Archäologie des Schweigens“ (ebd.: 7) und macht diese ursprüngliche Kontingenz unsagbar, da sie selbst bereits in der Sprache dieser Vernunft verfasst ist (vgl. ebd.: 246).

Letztlich besteht Foucaults Leistung in „Wahnsinn und Gesellschaft“ also unter anderem im Aufzeigen der Tatsache, dass auch Vernunft von jeher ein historisch wandelbares Konstrukt ist. Dieser Gedanke wiederum muss für ‚den Vernünftigen‘ (purer) Wahnsinn sein, da er die Vernunft in Frage stellt und so – nimmt man dieses Infragestellen ernst – dem Wahnsinn Tür und Tor öffnet.

Im Folgenden soll die These skizziert werden, dass es in den heutigen Zeiten des stetigen Wandels gerade der Wahnsinn ist, der uns für einen „Wahn-Sinn“ öffnen kann. Der Prozess, der beschrieben wird, zeichnet eine radikale Abwendung von gewohnten Dispositiven in Form eines individuell wie kollektiv schmerzhaften Dekonstruktivismus vor, der uns über die Öffnung unserer Sinne zur Frage bringt, inwieweit der bestehende gesellschaftliche Wahn-Sinn macht und uns anregt, Gesellschaft in neuen Rahmen und Möglichkeiten zu denken.

2. Die „Zweite Moderne“ als Chance für Neues

Doch wie werden solche „Rahmen, in denen man denkt“ überhaupt zu denselben? Eine mögliche Antwort liefern Peter Berger und Thomas Luckmann (Berger/Luckmann 1969): Den dialektischen Prozess, in dem das Bestehende von uns Menschen geschaffen wird, sich als objektive Realität manifestiert und schließlich wieder auf uns Menschen wirkt und uns formt, nennen die beiden Autoren „die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ (vgl. ebd.). Ihre Anschauung zeigt, dass Strukturen, gesellschaftliche Unterscheidungen (und somit auch Machtverhältnisse) grundsätzlich immer auch anders möglich wären, als sie es sind. Die menschlichen Konstrukte werden ihrer Theorie nach von ihren SchöpferInnen internalisiert – werden in ihrer Wahrnehmung zu objektiven Gegebenheiten, zu unhinterfragten Basisselbstverständlichkeiten, an welchen sie ihr Handeln ausrichten (ebd.: 148ff.). Bestimmte Handlungsweisen werden somit für je bestimmte Kontexte normal, werden das Normale („Internalisierung“, vgl. ebd.).

In diesem epistemologisch gefassten Verständnis von Normalität kann der vernünftige Mensch, für den immer ein bestimmter Begriff von Vernunft gilt, diese also selbst eine solche Normalität ist, nicht aus dieser Dialektik entfliehen: Das Bestehende wird von ihm geschaffen und formt dann sein Handeln, dieses schafft wieder das daraufhin Bestehende, welches wiederum sein zukünftiges Handeln formt – und so weiter.

An diesem Punkt stellt sich die hoch interessante Frage nach dem „Wie“, also über welche konkreten Praktiken die Herstellung von Normalität geschieht. Oftmals unhinterfragt wurde die These der Normalität als konstruierte soziale Wirklichkeit übernommen, ohne sie hierin weiterzudenken (vgl. Link 2009: 38ff.). Foucault hat mit seinem Abstellen auf Diskurse, sprachliche und institutionalisierte Praktiken, Regeln und Maßgaben wesentlich dazu beigetragen, von einer allzu unreflektierten Übernahme eines rein epistemologischen Normalitätsbegriffes wie ihn, so zeigt Link (2009), beispielsweise Niklas Luhmann verwendet (vgl. hierzu ebd.: 158f.), zu einem eher konkret praxelogischen Verständnis der Normalität zu gelangen. Als Beispiel für ein solches Verständnis sei wiederum auf Link (2009) verwiesen, welcher im „Protonormalismus“ und im „Flexibilitätsnormalismus“ normalistische Strategien moderner Gesellschaften erkennt (vgl. zur Übersicht: ebd.: 57f.).

Doch selbst bevor man die Black Box öffnet und die Praktiken der sozialen Konstruktion realer „Objektivitäten“ betrachtet, wird klar, dass „das Normale“ nicht ‚von heute auf morgen‘ das ist, was es ist. Vielmehr liegt dem ein langer, höchst voraussetzungsreicher Prozess zugrunde, der bestimmte Handlungs- und Sichtweisen sozial aus ihrer Kontingenz entbindet, indem sie über Institutionalisierung (bindende Festlegung auf bestimmte Formen) und Legitimierung (empirische Untermauerung ihrer Notwendigkeit) letztlich internalisiert werden (vgl. hierzu Berger/Luckmann 1969: 49ff., 148f.).

Hierin liegt auch der Grund, warum gesamtgesellschaftliche Innovationen selten und bahnbrechende soziale Neuerungen die Ausnahme sind: Dieser Modus bringt seiner Logik nach nur sehr langsam Neues in den die Gesellschaft konstituierenden Kreislauf, da die lebensweltlichen Basisselbstverständlichkeiten den Menschen in seine gewohnten Bahnen leiten. Diese verlassen seine Gedanken meist nicht – was nicht zuletzt funktional ist, da der Mensch ohne Komplexitätsreduktionen dieser Art nicht handlungsfähig wäre.

Enge - NormalitätSein Denken stößt dann allerdings deswegen an seine Grenzen, weil keine Loslösung vom Gewohnten mehr passiert (Verharrung). Auf diese Art und Weise werden viele Gedanken gar nicht erst denkbar. Vielmehr geschieht dann das typische, so genannte „Schubladen-Denken“, bei dem neue Informationen schlicht in ein vorgefertigtes (und imaginäres) Schubfach des Gehirns eingeordnet werden (und dort nur schwer wieder herauskommen) und zur Reproduktion immer gleicher Denk- und Handlungsmuster führen. So entstehen Vor-Urteile, da man in seinem Kopf von vornherein zu wissen glaubt, wie die Welt ist. Hier begegnen wir den Basisselbstverständlichkeiten und einem starren, vermeintlichen Abbild der Welt im kognitiven System. Bei diesem Modus handelt es sich um eine humane Reduktion von Komplexität einer gänzlich unübersichtlichen Sozialwelt: Diese wird letztlich ganz ökonomisch – nämlich so einfach wie möglich und so komplex wie nötig – wahrgenommen.

In diesem Modus war und ist es möglich, ein normales Leben zu führen. Doch wird dies zunehmend schwerer. Einerseits ist der Mensch nicht frei, sich zu individualisieren, sondern ist zur Individualisierung gezwungen: Er kann sich nicht, sondern er muss sich, seine Handlungen und Einstellungen, seine Verortung im Sozialen reflektieren (vgl. Beck 1993: 152). Andererseits sind die Basisselbstverständlichkeiten, die der Mensch sich selbst geschaffen hat, sichtbar am Zerbröckeln: Das gilt beispielsweise für den Lebensberuf, die Ehe, die moderne Kernfamilie und anderes mehr (vgl. Beck 1986).

Ulrich Beck fand hierfür den Terminus einer „geteilten Moderne“, in der die Errungenschaften der Ersten Moderne auf eine Zweite zurückwirken – teils mit katastrophalen Folgen (z.B. Umweltkatastrophen durch rücksichtsloses Wirtschaften), also die reflexive Modernisierung (vgl. ebd.). Doch wie kann dies, insbesondere aus dem hier eingenommenen konstruktivistischen Blickwinkel, verstanden werden?

Der Mensch ist in diesem Prozess ja sozusagen von sich selbst überrascht. Denn schließlich ist es gerade er, der diese Wandlungen der Institutionen vollbringt, und nicht etwa eine extrapolierte unsichtbare Hand. Und dennoch steht er einigermaßen erstaunt bis gelähmt vor diesem rapiden Wandel – eben weil ihm diese Schaffungen als objektive Realitäten erscheinen und der Wandel sein komplettes sozialisiertes Weltbild ins Wanken bringt.

Gleichsam begegnet er so jedoch einem Wandel, dessen Chance darin gesehen werden kann, sich der Tatsache dieser eigenen sozialen Welt-Konstruktionsleistung bewusster zu werden. Geschieht dies, so muss sich der einzelne Mensch unweigerlich auch seiner Gestaltungsfähigkeit bewusst werden: dass er die Welt ist, in der er lebt.

3. Stirb und Werde

Was sich daraus ergibt, hat Goethe prominent in seiner „Selige[n] Sehnsucht“ (vgl. Richter 1996: 21) zugespitzt: Nur wenn wir mit dem Bestehenden brechen, können wir wirklich Neues in die Welt bringen („Stirb und Werde“).

Man denke beispielhaft an prominente, kreative Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kunst und Politik wie Nikolaus Kopernikus, Galileo Galilei, Leonardo da Vinci, Mahatma Gandhi oder Martin Luther (King). Diese haben das Bestehende angezweifelt und Gegenentwürfe erdacht, gelebt und verfolgt. Dafür mussten sie aber, wie oft vermutet wird, nicht nur den radikalen Bruch mit dem common sense wagen, den manifestierten Bildern von Welt ihrer Zeit. Diese Bilder ihrer Zeit waren anfänglich genauso ihre Bilder, die sie so vermittelt bekommen und internalisiert hatten. Der erste Schritt bestand also darin, ihren Geist in dem Sinne zu öffnen, dass sie das, was auch sie zunächst für selbstverständlich und gegeben hielten, überwinden konnten. Eine solche Einstellung wird oft als „über den eigenen Tellerrand schauen können“ beschrieben, und birgt doch in gewisser Weise mehr: Denn man erweitert seinen Horizont nicht nur an Horizonten Anderer, sondern bricht völlig mit dem Bestehenden, man denkt und sagt das Undenkbare und Unsagbare. Als Galilei das geozentrische Weltbild überwand, da Vinci Anatomie an Leichen studierte, King die Rassentrennung anprangerte, taten sie genau dies: Sie dachten das anscheinend Undenkbare und sprachen das damals Unsagbare aus, kurz: Sie begingen Tabu-Brüche.

Die der Macht inhärente Disziplinierungsfunktion (vgl. Foucault 2000 und 2008), die sich im gesellschaftlichen Konstruktionsprozess in ihr manifestiert hat, wirkte dahingehend, all die aufgezählten Wegbereiter mundtot zu machen und sie vom Bruch mit den bestehenden Vorstellungen abzubringen. Sie wurden als Ketzer, Verrückte oder Wahnsinnige bezeichnet. Und da die Macht durch ihre Disziplinierung immer Definitionsmacht ist, waren sie auch objektiv wahnsinnig (zu Foucaults Machtbegriff vgl. ders. 1983: 113 – „Nicht weil sie alles umfaßt, sondern weil sie von überall kommt, ist Macht überall“).

Allerdings waren diese Denker nicht nur wahnsinnig, sondern gleichsam Wahn-sinnig. Denn sie hatten den Sinn dafür, dass es vielmehr wahnsinnig sei, dauerhaft vorgefertigten Gedankengebäuden zu gehorchen, als ihren eigenen Sinnen. Ihre Antwort auf die Frage: „Macht dieser Wahn Sinn?“ war ein klares „Nein“. Sie erteilten als Avantgardisten kritischen Denkens dem unhinterfragten Glauben an menschlich geschaffene Basisselbstverständlichkeiten eine Absage, drehten eine Logik um, indem sie den herrschenden Vernunftbegriff als Wahnsystem geißelten. Oder: Sie wiesen durch ihre andere Sichtweise auf dessen grundsätzliche Kontingenz hin. Somit waren sie durch ihre Wahn-Sinnigkeit wahnsinnig.

Zwei Thesen lassen sich aus diesen Überlegungen ableiten:

Erstens waren es also Wahnsinnige – und somit Menschen, die über sozial gewachsene Disziplinerungsmechanismen exkludiert werden sollten –, die soziale Wirklichkeiten nachhaltig verändert haben. Zweitens hatten diese Menschen eine Art „Fühler“ für den herrschenden Wahn, die Fehlerhaftigkeit des dogmatischen Festhaltens am Alten: einen Wahn-Sinn.

Was bedeutet das für uns? Was können wir von diesen Weltveränderern lernen?

Zum einen meint es, dass wir mit den gängigen Vorstellungen von Welt brechen müssen, um offen sehen zu können. Dies ist ein Prozess, der schmerzhaft ist, da wir uns von einer bequemen Haltung des „Es ist nun einmal so“, von den Idealisierungen des Schützschen „Und so weiter…“ und des „Ich kann immer wieder…“ (Schütz/ Luckmann 1994: 42) – einem bloß gewohnheitsmäßigen Handeln also – verabschieden müssen, und stattdessen die Unsicherheit suchen und Realitäten erkennen, die uns oftmals verletzen. Dieser Prozess wird so zu einem Dekonstruktivismus doloris, da wir uns dabei unserer eigenen Schwächen und Verwundbarkeiten bewusst werden.

Eine solche Haltung birgt die Chance, in der Konsequenz verändernd zu wirken. Erst dadurch nämlich wird es möglich, die Kontingenz dessen, was wir wahrnehmen und was wir vorfinden, zu erkennen. Der nächste Schritt ist, dies in einen neuen Rahmen bringen zu können; es anders, aus anderen Blickwinkeln denken zu können. Letztlich kann es möglich werden, dem stetig gewordenen Wandel vorausblickend zu begegnen und von der im Entstehen begriffenen Zukunft aus zu handeln, also einen Prozess anzustoßen, wie ihn zum Beispiel C. Otto Scharmer (Scharmer 2009) in seiner „Theorie U“ beschreibt. Das beinhaltet einerseits die vollkommene Überwindung der Basisselbstverständlichkeiten, und andererseits über das In-einen-neuen-Kontext-Stellen hinaus nicht nur Anderes denkbar zu machen, sondern es erfolgreich und antizipativ in die Welt zu bringen. Ähnlich, wie es die hier genannten historischen Persönlichkeiten, die gesellschaftlich tiefgreifende Veränderungen provozierten, getan haben.

4. Die Reintegration des Anderen der Vernunft

694857_web_R_B_by_Bernd Wachtmeister_pixelio.de„Wahnsinn“ meinte also ‚von je her‘, aus dem gesellschaftlichen Rahmen zu fallen und als normal definierte Handlungsmuster aufzusprengen. Das stiftete Unverständnis, Verwirrung, Unmut, offenbarte einen Mangel an zurechtgelegten Umgangsmodi mit dem Neu- und Andersartigen, daraus resultierende Ängste und Protektionismen. Nicht wenige wurden daher, je nach historischem Zeitpunkt, auf verschiedene Weisen mundtot (oder tot) gemacht, für verrückt erklärt, weggesperrt oder anderweitig gesellschaftlich exkludiert (vgl. Foucault 1993). Viele, die ebenso in einer ersten Reaktion, im Reflex als wahnsinnig abgetan wurden, waren aber genau diejenigen, die in größtem Maße Neues und die bis dato tiefgreifendste Veränderung in die Welt brachten. Um in ihrem Sinne wahnsinnig zu sein, mussten sie auch einen Sinn für den herrschenden Wahn – der von der Fehlmeinung einer einzigen objektiven Wahrheit ausging – haben und gleichzeitig so wahnsinnig sein, diesen anzuprangern und das Neue in die Welt zu bringen, das sie dem Alten entgegensetzen wollen.

Sowohl dieser (zugeschriebene) Wahnsinn historischer weltverändernder Persönlichkeiten, als auch deren Wahn-Sinn bleiben nicht bloße Hypothesen, sondern lassen sich aus einem historisch-empirischen Blickwinkel durchaus nachweisen. Das Gros der Genies wurde in unterschiedlicher Art und Deutlichkeit zuallererst für wahnsinnig erklärt und ihre Gedanken und Werke abgetan oder gar verteufelt. Dies brachte sie jedoch nicht davon ab, einen speziellen Sinn weiterzuentwickeln, einen Sinn dafür, den Wahn der Verharrung zu bekämpfen und das Neuartige und völlig anders Gedachte protektionistischen Angstreaktionen zum Trotz in die Welt zu bringen.

Die Forderung, die daraus folgt, liegt nun auf der Hand: Wir brauchen mehr wahnsinnige Wahn-Sinnige für eine schöpferische Zerstörung unserer Gesellschaft! Gesellschaftliche Innovation braucht Wahnsinn und Wahn-Sinn: Abweichung von der gesellschaftlich definierten Normalität ebenso, wie die Wahrnehmung der Konservierungen gewisser Normalitätsvorstellungen und den Mut, diese aufzubrechen.

Ja, so lässt sich im Bezug auf die Einleitung abschließen, wir müssen in der Tat dem „Wahnsinn“ Tür und Tor öffnen, um eine bessere Gesellschaft zu ermöglichen. Vor allem aber sollten wir uns davor hüten, jemanden für wahnsinnig und seine Gedanken für absurd zu erklären, und stattdessen versuchen, selbst wahn-sinnig zu werden, um unsere Ideen und Überzeugungen auch gegen große Widerstände in die Welt bringen zu können.


Autor: Nicolas Schrode, studierte bis zum Dezember 2009 Soziologie (Diplom) an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Ab 2010 beschäftigt er sich als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Gesellschaft für Ausbildungsforschung und Berufsentwicklung GAB München mbH mit berufspädagogischen und -soziologischen Themenkomplexen wie dem Kompetenzerwerb in Netzwerken, im Arbeitsprozess und am eigenen Problem, der praktischen Umsetzung erfahrungsgeleiteten Arbeitens und Lernens sowie verschiedenen Facetten europäischer Berufsbildungsforschung. Des Weiteren arbeitet er an neuen Konzepten wissenschaftlicher Begleitung und Evaluation von Berufsbildungsprojekten und -programmen sowie an Grundlagen der Qualitätssicherung in der interdisziplinären Begleitforschung mit.

Beitragsbild: Markus Wegner  / pixelio.de

Bild “Enge-Normalität”: Etienne Rheindahlen / pixelio.de

Bild “Verzicht”: Bernd Wachtmeister  / pixelio.de

Literaturverzeichnis:

Beck, Ulrich (1986): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Modern. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Beck, Ulrich ( 1993): Die Erfindung des Politischen. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

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