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Medien, Macht, Manipulation

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von Caillea

Heute ist vielen klar, dass die Medien die Welt nicht nur widerspiegeln, sondern sie auch verändern. Den meisten Menschen ist aber nicht klar, wohin das führen wird. Medien gehören seit jeher zu der Menschheit, wie die Sprache. Sie sind allgegenwärtig im Alltag und dies bedeutet, dass sie Macht haben. Was ist das für eine Macht?

Medienmacht heißt zunächst Herrschaft über die Auswahl aus dem Nachrichtenpool. Zeitung und Tagesschau suggerieren, was sie melden, sei das Wichtigste vom Tage. Es wird selektiert und Tendenzen festgelegt. Dreiste Rhetorik und affektive Bilder sorgen für die weitgepriesene Meinungsmache – von Alfred Hugenberg über Springer bis Rupert Murdoch. Und die Macht der Medien wächst weiter.

Walter Scheel sagte dazu schon 1977:

„Schon allein die Tatsache, dass vieles, was geschieht, überhaupt nur geschieht, damit es in der Presse steht, zeigt, welchen Einfluss die Presse auf den Gang der Ereignisse hat.“

Werden Nachrichten industriell hergestellt um zunehmend auf Zielgruppen ausgerichtet?

Global 50 Medien-Groups

Quelle: mediadb.eu – Die „Rangliste“ hat sich in den letzten Jahren nur unwesentlich verändert.

Nahezu alle auflagenstarken Zeitungen und Zeitschriften gehören zu Verlagskonzernen, die das Ziel haben Gewinne zu erwirtschaften. Und dazu gehört vor allem die Veröffentlichung von Anzeigen. Die Leser sind also vor allem Werbe-Zielgruppe. Für eigene Recherchen gibt es kaum Raum. Der „Echtzeitjournalismus“ hat Einzug gehalten. So wird oft das abgeschrieben, was andere Medien von sich geben, vom Verleger gewünscht oder von den Nachrichtenagenturen kolportiert ist – kleinere Lokalzeitungen haben oft nur einen Zulieferer.

Journalisten müssen sich dadurch nicht mit den staatstragenden Institutionen anlegen oder auseinandersetzen und werden, wenn sie „vertauenswürdig“ sind, zu den nächsten Presseterminen eingeladen und kommen unter Umständen an „zusätzliche“ Informationen heran. Die „ZEIT-ONLINE“ nimmt den Bereich Politik auf und schreibt schon im Mai 2010 über das Thema: „Gefährliche Nähe zwichen Politik und Medien“.

„… Vor allem im persönlichen Hintergrundgespräch gibt jeder das preis, das ihm nützt – und am wenigsten schadet. Meng war während seiner Karriere bei der Frankfurter Rundschau in Bonn und Berlin selbst zehn Jahre lang Mitglied in zwei der legendenschwersten Hintergrundkreise: der „Gelben Karte“ und dem „Wohnzimmerkreis“.

Auch heute sind beide Kreise Inbegriff für Vertraulichkeit und Exklusivität. Aufgenommen wird nur, wer sich einem strengen Verschwiegenheitsritual unterwirft, das schon damit beginnt, dass Anwärter nur von Mitgliedern empfohlen werden können. …“

Klaus von Welser – GAZETTE – schreibt in einem seiner Artikel:

„… Heute produzieren Medien Prominenz – und stampfen sie nach Belieben wieder ein. In diesem Sinne sind Medien inzwischen mächtiger als Politik. Der Politiker hat geringe Chancen, den die Medien nicht vorkommen lassen. Das entmachtet – von den reibungslos funktionierenden Medien in Diktaturen ganz abgesehen – auch die Demokratie, da die agierenden Journalisten bekanntlich nicht vom Volk gewählt sind. Sie sind niemandem Verantwortung schuldig, allenfalls dem Strafgesetz. Und dennoch sollen wir glauben, dass eine Macht, die keine Kontrollinstanz über sich hat, sich selbst kontrolliert und ihre Macht nicht missbraucht? Es wäre wohl das erste Mal in der Geschichte. …“

Gerade junge Journalisten werden entsprechend „gefördert“. Zu nennen ist hier z.B. das Journalists Network e.V. Dieser Verein organisiert für junge Journalisten bis zu einem Alter von 35 Jahren Recherchereisen. Er will auf diese Weise die Auslandskompetenz hiesiger Nachwuchsjounalisten fördern, weltweit Journalisten miteinander vernetzen und zur Völkerverständigung beitragen. Organisiert werden diese Reisen z.B. von der Süddeutschen Zeitung, SPIEGEL, Deutschlandfunk, WDR, Münchner Merkur oder Stuttgarter Zeitung. Grundsätzlich wäre dies natürlich eine gute Sache. Dieser Verein finanziert sich jedoch nicht von den „Reiseveranstaltern“. Die Förderer sind nach eigenen Angaben des Vereins z.B. Air Berlin, Allianz Group, BASF, BMW British Petroleum, Goldman Sachs, Robert Bosch Stiftung, Volkswagen usw. Tamara Anthony, welche inzwischen sehr umstritten ist (z.B. Artikel zu ihrem ARD-Beitrag über die Situation der Hebammen), ist zusammen mit zwei Journalistinnen des Springer-Blatts Die Welt im Vorstand von Journalists-Network. Im Beirat sitzt ihr Bruder Michael Anthony, Gründer des Netzwerks, früher Reporter für Die Welt, jetzt Sprecher der Allianz SE.

Bis auf ganz wenige stehen die meisten Journalisten im Fadenkreuz der Lobbyisten und werden auf „ordentliche Arbeit“ überprüft. Für die Kontrolle leisten Unternehmen wie Media-Control und Pressebeobachtungsdienste eine wertvolle Hilfe. PR-Abteilungen von Unternehmen, Agenturen und Lobbyvereinigungen lassen sich regelmäßig die Artikel und Fernsehbeiträge, nach Stichworten und Themen vorsortiert, ins Haus kommen. So wird für einen kritischen Journalisten die jährliche Einladung in die Karibik schnell zu einer zukunftsbedrohenden Kulisse.

Um Streuverluste für die Werbewirtschaft zu vermeiden, hat die jeweilige Redaktion die Aufgabe, die vordefinierte Zielgruppe möglicht genau zu erreichen. Dies betrifft Geschlecht, Alter, Konsumgewohnheiten, Neigungen, Einkommenssituation, Wohnort etc. Die Themen und Artikelinhalte sind vor allem diesen Vorgaben untergeordnet.

In einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung findet sich nachfolgender Abschnitt, welcher gut verdeutlicht, was mit Nachricht und Nachrichtenempfänger in der heutigen Medienlandschaft passiert:

Am Beispiel der Medienlandschaft lässt sich eine unheilvolle Entwicklung für die Demokratie aufzeigen, die eng mit der Ökonomisierung aller Lebensbereiche zusammenfällt. Waren etwa Zeitungen immer schon auch ein Produkt, das sich auf einem Markt gegen andere Produkte durchsetzen musste, müssen wir jetzt einen qualitativen Sprung feststellen.

Begegneten sich Leser und Redaktion durch die Medien als Nachfrager und Anbieter von Nachrichten, so hat sich dieses Verhältnis grundlegend gewandelt. Dadurch, dass Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehen heute ihre Rentabilität nicht unmittelbar mit der verkauften Auflage bzw. der Zuschauerzahl erreichen, sondern mit der verkauften Werbezeit, werden faktisch die Leser oder Fernsehzuschauer verkauft. Denn die Auflage bzw. Quote bestimmt den Preis, der für die Werbung bezahlt wird. Damit sind aber die Lesenden bzw. Zuschauenden nicht mehr Nachfragende, sondern tatsächlich das Produkt (Türcke 2002, 22) – in anderen Worten: Das Individuum wird auch in diesem Vorgang zum Objekt gemacht.

Diese qualitative Veränderung hat einen feststellbaren Wandel der Öffentlichkeit zur Folge. Unter dem Druck, nicht die Nachricht, sondern die Zuschauer zu verkaufen, verändert sich der Inhalt der Medien. Die Orientierung am kleinsten gemeinsamen Nenner führt zu einer Regression des Lesens und des Sehens. Um die Zuschauer nicht zu überfordern, wird das für die aktive Teilhabe an der Gesellschaft notwendige Wissen über politische Zusammenhänge auf Schlaglichter reduziert. Die Welt ist komplex, so dass dauerhafte Komplexitätsreduktion Unwahrheit hervorbringt und es den Menschen nicht mehr möglich macht, aufgrund der mangelnden informationellen Teilhabe an der Gesellschaft auch politisch an ihr teilzuhaben.

Da die privatwirtschaftlich arbeitenden Zeitschriften und Sender als Unternehmen der wirtschaftlichen Logik folgen müssen, Profit zu realisieren, bedarf es einer stärkeren Pflichtnahme des öffentlich-rechtlichen Sektors. Hier verfügt die Politik über gestalterische Möglichkeiten, etwa die Sender stärker als bisher auf die Einhaltung des Bildungsauftrags zu verpflichten (Decker 2007) und nicht die Formate der privaten Sender zu kopieren.

Konforme Berichterstattung wird ebenso vorausgesetzt, wie die Erzeugung einer den Eliten angenehme Stimmung. Debatten und Kritik müssen sich in einem informell vorgezeichneten Kreis und dürfen sich niemals außerhalb dieses Zirkels bewegen. Das Hinnehmen der aufgehenden Schere zwischen Arm und Reich, Kapitalismus ist das beste Wirtschaftssystem, die USA ist unser wichtigster Partner, der Lissabon-Vertrag ist gut für Europa, Datenabgreifung für den Kampf gegen den Terror, Aufbau von Feindbildern, sind nur einige Beispiele für informelle Vorgaben, an die sich Journalisten zu halten haben, wenn sie bei großen westlichen Medien arbeiten wollen.

Dieser Kreislauf kann nur unterbrochen werden, wenn mehr und mehr Journalisten sich anfangen zu distanzieren und andere Wege gehen. Gemeinsam wären sie sehr stark, doch die Verlockungen und das Geld stehen dem Verlust der eigenen Existenz im Wege und daher wird sich nicht so schnell etwas ändern. Es ist leichter im Überfluss Halb- und Unwahrheiten zu verbreiten, als mit wenig Einkommen und eventuellem Rufverlust gut recherchierte Nachrichten zu machen.

Doch es gibt auch noch Gegenbeispiele. In seinem Artikel „3. Weltkrieg? Ukraine, Medien und Montagsdemo“ nimmt Michael Freitag von der Leipziger Internetzeitung unter anderem Stellung zu dem Thema Macht und Medien.

„Angesichts der Entwicklungen in der Ukraine in den vergangenen 24 Stunden sehe ich mittlerweile das endgültige Eintreten Orwellscher Sprachverdrehung erfüllt. Aus Krieg wird Frieden, aus Frieden Krieg. …

… Ist es falsch verstandene Vaterlandstreue und moralische Überheblichkeit der etablierten Massenmedien, wenn man nur noch über die wahrscheinlichen Ziele Putins sinniert und sich nicht einmal mehr fragt, ob das Handeln der NATO in Zusammenarbeit mit der Kiewer Übergangsregierung falsch sein könnte? Das fragt sich offenbar der größte Teil der Journalisten in Deutschland nicht mehr. Auch nicht mehr, was wäre mit mir selbst, wenn ich eine Waffe führen müsste. Sind sie alle schon zu alt, um sich da so sicher zu sein? Oder glauben sie wirklich, es richten immer andere für uns, während wir zusehen, klug kommentieren, berichten, was wir glauben. Wie gesagt, glauben, da ist zu wenig Wissen über die inneren Zuammenhänge in diesem Konflikt. 

Ich habe mich heute Morgen angesichts der immer neuen Nachrichten entschieden: Kein Ukrainer, kein Russe, kein Krim-Tartar, nicht mal die Swoboda-Faschisten in Kiew, kein Amerikaner oder irgendwer anderer in diesem Konflikt ist mein Feind. Nie gewesen.

Und deshalb fordere ich Euch Kollegen auf, legt endlich die Hände vor die Tastatur, schließt die Augen und fragt Euch etwas ganz einfaches: Was könnte ich nun tun, damit es aufhört mit dem Drohen, Angreifen, Schießen, Morden und Lügen?

Fragt Euch endlich, denn auch Ihr tragt Verantwortung, die Ihr nicht delegieren könnt. Denn da ist keiner, der es für Euch übernehmen wird. …“

Hochachtung Herr Freitag und vielen Dank für diesen fantastischen Artikel!!!


Bild 1:mediadb.eu

Artikel-Quellen:

1. Die Zeit –  „Gefährliche Nähe zwichen Politik und Medien“.

2. Klaus von Welser – Artikel

3. Michael Freitag –  „3. Weltkrieg? Ukraine, Medien und Montagsdemo“

4. Studie der Friedrich Ebert-Stiftung – Ein Blick in die Mitte

Beitragsbild: S. Hofschlaeger  / pixelio.de

 

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