Neofeudalistisches Google-Monopol

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von Caillea

Im Feuilleton der FAZ schrieb Vorstandschef  Mathias Döpfner der Axel Springer AG: “Wir haben Angst vor Google. Ich muss es einmal so klar und ehrlich sagen, denn das traut sich kaum einer meiner Kollegen.” Dieser Mann sprach die Angst aus, die inzwischen immer mehr bei Unternehmen und Privatpersonen aller Couleur zur Vorschein kommt. Nun endlich scheint darüber eine Debatte in Gang zu kommen, was positiv zu werten ist, unabhängig der Ergebnisse, welche die Politik für uns bereit hält. Wichtig ist hierbei die Bewusstwerdung, gerade auch bei den Bevölkerungen aller Länder. Denn es sind Sofortmaßnahmen erforderlich, wenn sich diese Angst nicht epidemisch ausbreiten soll.

Die Frage, die sich stellt lautet: Hat uns Google nun gezwungen, indem Google sich ermächtigt hat, von uns Informationen zu sammeln? Nein! Wir haben Google Millionen von Dokumenten zur Verfügung gestellt. Wir gaben Google nicht nur unsere Augen und Hände, sondern auch unsere Hirne anvertraut, ob es sich um private oder auch autorische Ergüsse handelt.

Ja, Google hat ein neofeudales Machtmonopol errichtet, jedoch halfen wir selbst, es gegen uns zu errichten. Wir haben unsere Falle selbst aufgestellt.

Gabor Steingart schreibt dazu in der FMit Speck fängt man MäuseAZ: “Natürlich lässt Google die Zutaten, die wir so geflissentlich anliefern, nicht unbearbeitet. Aus Informationspartikeln erwachsen Datenraster, welche wiederum zu Netzen versponnen werden mit dem Ziel, aus Lesern Käufer zu machen, die Welt der Lektüre in den Orbit des Konsums zu transformieren, das Idealistische in das Materialistische zu verwandeln. Wer liest, wird gelesen, wer kauft, wird selbst zum Produkt, so hat Frank Schirrmacher den Kern von Googles Geschäftsidee freigelegt. Fast dreizehn Milliarden Dollar verdiente das Unternehmen im vergangenen Jahr, vor allem durch das Verfügbarmachen von Lesestoff und Leserdaten gegenüber der Werbewirtschaft.

Wobei auf Seiten der Werbewirtschaft, spiegelverkehrt zu Döpfners Ängsten, eine Euphorie herrscht, die ebenfalls nur sehr lose mit der Wirklichkeit verbunden ist. Dem mündigen Internetbürger entgeht nicht, welche Anzeige ihm da von Seite zu Seite nachstiefelt; er ist dabei, Allergien zu entwickeln. Der Leser will, darf und wird sich nicht zur willenlosen Kauf- und Konsummaschine reduzieren lassen. Der Freiheitsdrang mag degeneriert sein, verschwunden ist er nicht. Stalking bildet auch im wahren Leben nicht das Vorspiel zur Eheschließung.

Die datengesteuerte Werbung im Internet erinnert mittlerweile auf fatale Weise an die Drückerkolonnen der frühen Nachkriegsjahre, als man Kosmetika, Plastikschüsseln, Zeitschriften und Lebensversicherungen an der Haustür vertrieb, ach was – verhökerte, verkloppte, aufschwatzte, nur dass die Avatare der damaligen Drücker heute englisch mit uns reden. Ihre Haustür ist unser Computerbildschirm, auf dem die Abgesandten aus der Welt der künstlich erzeugten Bedürfnisse mit Push-Mails, Overlayern und Pop-up-Windows unentwegt auf- und abmarschieren.”

Die Medienhäuser sowie die Politik sind Mittäter und haben diesen Moloch im Internet möglich gemacht. Lange haben beide ignoriert, nicht geahnt oder durch Gedankenlosigkeit dazu beigetragen, dass sich Google’s Praxis in eine Ungeheuerlichkeit verwandeln konnte.

Gier - Rike /pixelio.deGoogle stellt jährlich einen Forschungsetat von rund 8 Milliarden Dollar bereit, um aus den ermittelten und zugrunde liegenden Daten heraus neue Produkte zu entwickeln, z. B. Datenbrille, selbstfahrendes Auto oder auch die Drohne u.v.a.m.. Nun wollen sie in dem Projekt “Google Brain” das menschliche Gehirn nachahmen oder wenn möglich, es sogar übertreffen. Wer meint, dass Google mit solchen Projekten dem Größenwahn unterliegt, irrt. Es handelt sich hier durchaus um eine realistische Selbstsicht, die von Erfolg gekrönt sein könnte, denn wir alle füttern das System mit unseren Ansichten, Gefühlen, Emotionen, Wissen und vielem mehr. Wir wissen auch aus den Bereichen NSA, Facebook, Twitter und aus all dem kann Google materialistische Wünsche erkennen, die es umzusetzen weiß und die weitere hohe Umsatzrenditen versprechen. Google kann sicher sein, dass Abnehmer für all die weltweit unnützen Produkte gefunden werden und dabei handelt es sich ja nicht nur um die eigenen, auch wenn diese noch so abstrus sind. Google geht davon aus, dass in jedem Fall Abnehmer gefunden werden und viele Menschen stürzen sich geradezu darauf.

Google ist kein passives Werkzeug. Es wird selbst aktiv, auf eine für uns unsichtbae Art und Weise. Es geht ausschließlich um Vermarktung und das Produkt sind wir selbst. Frank Schirrmacher schrieb dazu “Ich lese und werde gelesen. Ich kaufe und werde Produkt.”.

Inzwischen ist eine Abhängigkeit von Google entstanden, die es kaum zu überbieten gilt. Diese Technologie steuert inzwischen die Wirtschaft. Es werden Unsummen bezahlt, damit man im Ranking an den ersten Plätzen gefunden wird. Rutschen Unternehmen im Ranking ab, dann besteht die Gefahr, dass sich ein spürbarer Umsatzverlust bemerkbar macht. Im privaten Umfeld ist diese Technologie nicht mehr wegzudenken und viele gerade junge Leute empfinden hier ein Lebensgefühl von Modernität. Die digitale Welt ist zu einer Lebensphilosophie geworden. Die Revolution des Personal Computers, Urahn aller weiteren digitalen Technologien, hat in den Augen aller die Menschen bereichert, daher fühlen sie sich auch nicht enteignet.

Evgeny Morozov schrieb in seinem unerbittlichen Beitrag „Wider digitales Wunschdenken“: Wir müssen die Mystifizierungen, die „das Internet“ umgeben, entzaubern. Denn so verführerisch glatt, bunt und simpel uns die Nutzeroberfläche des digitalen Wandels entgegentritt, so abgründig und undurchdringlich erscheinen dem durchschnittlichen Nutzer Programmierungen, Rückkopplungen und Abhängigkeiten hinter der glitzernden Fassade des world wide web. Die Aufforderung, in unseren Schulen Programmiersprache zum Pflichtfach zu machen, ist alles andere als absurd. Ihre Kenntnis bestimmt jedenfalls mehr über die persönliche Autonomie im digitalen Zeitalter als die Kenntnis antiker Sprachen.”

Hoffnung macht das Urteil des Europäischen Gerichtshofs in Sachen Google: Erstmals wird der Internetgigant dazu verpflichtet, sensible Daten zu löschen. Und nicht nur das. Das Gericht stellt die Souveränität des Rechts wieder her, indem es sagt, dass Google europäische Standards nicht deshalb umgehen kann, weil es seine Daten außerhalb der EU bunkert und verarbeitet. Die Bürger Europas bekommen durch den Richterspruch die Chance, sich gegen eine scheinbar ungreifbare Ausbeutung ihrer persönlichen Informationen zu wehren. Das sollte uns Mut machen, denn Google hat durchaus Respekt vor solch aufgeklärter Sicht. Im Börsenprospekt (Risikoeinschätzung) steht unter anderem: „Wir sind konfrontiert mit Risiken, die sich aus dem internationalen Datenschutz ergeben. Es ist möglich, dass diese Gesetze in einer Art interpretiert und angewandt werden, die nicht mit unserer Praxis im Umgang mit Daten übereinstimmt. Wenn dem so ist, müssten wir unsere Praxis verändern, was wiederum einen materiellen Effekt für unser Geschäft bedeutet.“

Hier entdecken wir einen wunden Punkt und diesen sollten wir nutzen. Dies beinhaltet jedoch, dass jeder von uns sich Gedanken über die Mechanismen dieses Monopols macht, wachsam ist und diese nicht gleichgültig wegschiebt. Die Zeit zum Losschlagen ist gekommen. Die Politik merkt, dass sie etwas tun muss, da die Bevölkerungen immer mehr aufwachen, der Europäische Gerichtshof ist willig und die Verlage haben die Phase ihrer Verwirrung überwunden.

Abschließend möchte ich noch einige Zitate des Humanisten Étienne de La Boëtie aufzeigen, der unter anderem in seinem Traktat “Von der freiwilligen Knechtschaft” folgendes schrieb:

„Der Mensch, welcher euch bändigt und überwältigt, hat nur zwei Augen, hat nur zwei Hände, hat nur einen Leib und hat nichts anderes an sich als der geringste Mann aus der ungezählten Masse eurer Städte; alles, was er vor euch allen voraus hat, ist der Vorteil, den ihr ihm gönnet, damit er euch verderbe.“ ….. „Je mehr man den Tyrannen gibt, je mehr man ihnen verdient, umso stärker und kecker werden sie; und wenn man ihnen nicht mehr gibt, wenn man ihnen nicht mehr gehorcht, stehen sie ohne Kampf und ohne Schlag nackt und entblößt da und sind nichts mehr, wie eine Wurzel, die keine Feuchtigkeit und keine Nahrung mehr findet, ein dürres und totes Stück Holz wird.“ ….. „Seid entschlossen, keine Knechte mehr zu sein, und ihr seid frei.“

Das vor knapp 500 Jahren erschienene Werk rief zur Aufklärung und zum Losschlagen auf.


Textquellen:

Gabor Steingart: “Unsere Waffen im digitalen Freiheitskampf” – FAZ

Mathias Döpfner: “Warum wir Google fürchten” – FAZ

Evgeny Morozov: “Der Preis der Heuchelei” – FAZ

Frank Schirrmacher: “Was die SPD verschläft” – FAZ

Bildquellen:

Bild 1: “Mit Speck fängt man Mäuse” – Rainer Sturm  / pixelio.de

Bild 2: “Gier” – Rike / pixelio.de

Beitragsbild: “Der gläserne User” – Bernd Kasper  / pixelio.de

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