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Interview mit Finanzwelt über Zentralbanken und Geldsozialismus

Finanzwelt: Die so genannte „nicht-konventionelle“ Geldpolitik der Zentralbanken steuert seit einigen Jahren die Preise von Anleihen, von Aktien wie auch die Geldmenge und die Zinsen. Welche Absichten verfolgen die Zentralbanker und wie wird sich dies Ihrer Meinung nach auf die Mitte unserer Gesellschaft, auf die Mitbürgerinnen und Mitbürger auswirken?

Frank Schäffler: Die Notenbanken wollen die Konjunktur steuern und damit beleben. Dies haben sie historisch immer über ihre Zinspolitik versucht, doch jetzt sind die Möglichkeiten der Zinspolitik ausgereizt und dennoch springt die Konjunktur nicht richtig an. Deshalb kaufen die wichtigsten Notenbanken Schulden von Unternehmen, Banken und den eigenen Staaten an, um den Langfristzins zu drücken und neuen „Spielraum“ in den Staatshaushalten und Bilanzen zu schaffen. Alle Hyperinflationen in der Geschichte haben damit begonnen, dass Notenbanken die Schulden der Staaten durch Gelddrucken finanziert haben. Das geht nicht lange gut.

Finanzwelt: Worauf gründet sich die Auffassung der Zentralbanker, das, kaum vorstellbar große, Aufkäufe von Staatsanleihen, von Aktien (z.B. durch die SNB und BoJ) und von Asset-Backed-Securities eine Stimulation der Realwirtschaft ergeben könnte? Wer verkauft eigentlich diese Finanzprodukte an die Zentralbanken und was geschieht damit?

Frank Schäffler: Es gründet sich aus der Vergangenheit. Schauen Sie nach Spanien. Dort ist durch die billigen Zinsen in den 2000er Jahren ein Immobilienboom erzeugt worden, der das ganze Land mitzog. Nicht nur die Bauindustrie profitierte, sondern auch die Nebengewerbe, der Konsum. Und selbst der Staat profitierte vom Wachstum durch höhere Steuereinnahmen und niedrigere Sozialausgaben. Doch dieser Boom war auf Sand gebaut, es bildete sich eine Blase, die platzte, als die Investoren nicht mehr an die weiter steigenden Immobilienpreise glaubten. Am Ende blieben die Banken auf den faulen Krediten sitzen und wandten sich an den spanischen Staat und der an den europäischen Steuerzahler und Sparer. Jetzt will die EZB diese faulen Kredite den Banken abkaufen, damit die Party wieder von vorne los gehen kann.

Finanzwelt: Die meisten Länder leiden unter sinkenden Realeinkommen der breiten Bevölkerungsschicht. Wie ist der logische Argumentationsweg des Zentralbankers, durch Geldmengenausweitung eine Realwirtschaft, die zwischen 60-70 % von Konsum abhängig ist aber unter sinkenden Realeinkommen leidet, überhaupt stimulieren zu können?

Frank Schäffler: Die Zentralbanken können nur zwischen Pest und Cholera wählen. Würden sie die Insolvenz von Staaten und Banken zulassen, hätte dies eine Schrumpfung der Kredit- und damit der Geldmenge zur Folge. Dies wollen die Zentralbanker auf jeden Fall verhindern, daher wollen sie Inflation und damit die Enteignung der Sparer befördern und noch mehr Geld ins System pumpen. Damit dreht sich das „Hamsterrad“ immer schneller bis breite Bevölkerungsschichten nicht mehr an die Werthaltigkeit dieses Geldes glauben. Dann kann es sehr schnell gehen.

Finanzwelt: Janet Yellen, die Vorsitzende der amerikanischen Fed, war Studentin und Doktorantin von James Tobin, nach dem die „Tobin-Steuer“ benannt wurde, einem Etatisten und Keynesianer. Frau Yellens Sprache ist geprägt vom Keynsianismus alter Schule: Mit Begriffen wie „Slack“ (Schlaffheit) des Arbeitsmarktes, „potential GDP“ (potentiellem BSP) und dem Modell der Badewanne des BSP, die es durch keynesianische Steuerung stets bis an den Rand aufzufüllen gilt, ist eine strenggläubige Keynesianerin im Zentrum des Kapitalismus angekommen. Wie sehen Sie die langfristigen Folgen eines solchen ideologischen Wandels?

Frank Schäffler: Es ist nur konsequent, dass Yellen an die Spitze der FED gerückt ist, denn alle Regierungen und alle Notenbanken auf dieser Welt sind sich über den geldpolitischen Kurs weitgehend einig. Doch ich will Ihnen an anderer Stelle widersprechen. Yellen ist nicht im Zentrum des Kapitalismus, sondern im Epizentrum des Geldsozialismus angekommen. Wir befinden uns in einer Geldplanwirtschaft, die vom Staat geschaffen und verteidigt wird. In einem kapitalistischen Wirtschaftssystem würde sich nicht dauerhaft ein Geldmonopol bilden, sondern es würde Wettbewerb herrschen und sich das beste Geld durchsetzen.

Finanzwelt: Was sind die Folgen der Politik des billigen Geldes auf politischer, auf realwirtschaftlicher – insbesondere der Mitbürger und Mitbürgerinnen die früher „Mittelstand“ heute vom Finanzminister schon „Gutverdiener“ genannt werden – und gesellschaftlicher Ebene?

Frank Schäffler: Sie führt zu immer mehr Staat, mehr Überwachung, mehr Steuern und mehr Schulden. Immer dann, wenn die nächste Blase noch viel stärker platzt als die davor, dann reagiert der Staat mit noch mehr Gesetzen, Willkür und Bürokratie. Am Ende leidet die Marktwirtschaft, das Recht und die Freiheit aller.

Finanzwelt: Noch vor wenigen Jahren hat die Politik die private Vorsorge, nicht zuletzt für das Alter, lautstark angemahnt. Heute sieht es so aus, als werde der vorsichtige Sparer und Vorsorger bestraft. Wie sehen Sie diesen plötzlichen Stimmungswandel in der Politik?

Frank Schäffler: Einen Stimmungswandel kann ich nicht feststellen. Die Politik duckt sich weg. Es ist eine stillschweigende Übereinkunft aller, dass die Sparer still und heimlich enteignet werden sollen. Denn wenn der Zins abgeschafft wird, damit der Staat seine Ausgaben dauerhaft finanzieren kann, dann können diejenigen, die in die Schulden des Staates ihr Geld anlegen auch keine Rendite erwirtschaften. Das betrifft mehr oder weniger alle Bürger, den fast jeder hat Produkte wie Lebensversicherungen, Riester-Verträge, betriebliche Altersvorsorge, private Krankenversicherungen oder zahlt in ein Versorgungswerk ein.

Finanzwelt: Herr Asoka Wöhrmann, Chefanlagestratege der Deutschen Asset & Wealth Management, wurde kürzlich in der “Welt am Sonntag” wie folgt zitiert: “Statt sich arm zu sparen, müssen wir Deutschen wieder mehr konsumieren und gleichzeitig vernünftig investieren”. Würden Sie dem folgen?

Frank Schäffler: Keine Gesellschaft auf dieser Welt ist dauerhaft zu Wohlstand gekommen, indem es möglichst viel konsumiert hat. Das ist doch kein Selbstzweck! Konsum- und Investitionsentscheidungen sind individuelle Prozesse, die nicht vom Staat gelenkt werden dürfen, das ist doch gerade unser heutiges Problem.

Finanzwelt: Herr Wöhrmann spricht im zitierten Artikel vom „vernünftig investieren“, was durchaus differenziert und in sich richtig ist. Was bleibt in einer Welt, die für Preisbildungen zunehmend auf die Handlungen der Zentralbanken schaut, für den Berater und den Anleger als vernünftigen Orientierungsmaßstab seiner Entscheidungen übrig?

Frank Schäffler: Wer soll das „vernünftige investieren“ denn entscheiden? Frau Merkel wie bei der Energiewende? Oder Herr Wowereit wie beim Berliner Flughafen? Nein, vernünftig investieren können nur Unternehmer und Bürger, die selbst ihre Entscheidungen planen und das Risiko dafür tragen. Sich diesem System dienlich zu machen, versaut eine ganze Gesellschaft und macht den Geldsozialismus nur noch schlimmer.

Finanzwelt: Ist das Risiko derzeit noch Entscheidungskriterium mancher institutioneller Anleger?

Frank Schäffler: Denn das Subprime-Segment boomt scheinbar wieder. Nein wir sind wieder da, wo wir 2000 und 2007 waren. Es sind die gleichen Signale der Übertreibung an den Immobilien- und Aktienmärkte. Wir sind jetzt nur einige Jahre weiter und die Verschuldung hat weiter zugenommen.

Finanzwelt: Die Inflation wird von den Zentralbanken ohne jede wissenschaftliche Grundlage als positiv, ja begrüßenswert, angepriesen, es werden Inflationsziele gesetzt, die Deflation als Gefahr deklariert. Wäre dies korrekt, so müsste Gideon Gono, Präsident der Zentralbank von Zimbabwe der es auf rund 200 % jährlicher Inflation bringt, bald Rockstar-Status haben. Wem nützt Inflation, wem schadet sie, Ihrer Ansicht nach?

Frank Schäffler: Die Ausweitung der Geld- und Kreditmenge führt aktuell nicht in erster Linie zur Steigerungen der Konsumgüterpreise, sondern zu einer Steigerung der Vermögensgüterpreise bei Aktien und Immobilien. Davon profitieren sehr viele. Die Banken, die mit Aktien handeln und Immobilien finanzieren; der Staat der mehr Steuereinnahmen und geringere Zinsausgaben hat; die Exportindustrie, die ihre Produkte billiger ins Ausland liefern kann; und der Häuslebauer, der sich viel mehr Immobilie bei 2 Prozent Hypothekenzinsen leisten kann als bei 5 oder 6 Prozent. Dauerhaft zurückgehende Preise würde dagegen all diese Gruppe hart treffen, deshalb wehren sie sich dagegen.

Finanzwelt: Als einer der wenigen deutschen Politiker besitzen Sie persönlich Erfahrung was das System der unabhängigen Beratung von Vorsorgern, Sparern und Anlegern betrifft. Was können Sie unseren Lesern, den unabhängigen Maklern, Beratern und Vermittlern in dieser zunehmend absurd erscheinenden Zeit für Ihre Arbeit auf den Weg geben?

Frank Schäffler: Gute Beratung ist so wichtig, aber wahrscheinlich auch so schwierig wie noch nie. Es gelten jedoch die klassischen Tugenden nach wie vor: Ehrlichkeit, Verlässlichkeit für den Aufbau einer langfristigen Kundenbeziehung. Das erfordert, dass man die Zusammenhänge versteht und daraus die richtigen Lehren für sich uns seine Kunden zieht. Staatsanleihen und Produkte die darin investieren sind dabei ein absolutes No-Go.


Das Interview erschien in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift “Finanzwelt”, Ausgabe 6/2014. Das Interview führte Christoph Sieciechowicz.

Textquelle: http://www.frank-schaeffler.de

Beitragsbild: «Interview» – pixabay.com

Politik zum Vergessen

»Kaufen, was einem die Kartelle vorwerfen; lesen, was einem die Zensoren erlauben; glauben, was einem die Kirche und Partei gebieten. Beinkleider werden zur Zeit mittelweit getragen. Freiheit gar nicht.« – Kurt Tucholsky

von Michael Parmentier

Moderne Gesellschaften wie die unsere wollen sich verändern, sind an Entwicklung interessiert. Sie suchen die ständige Innovation und damit die Abgrenzung von den Handlungen der Vorfahren und die Überwindung vorhandener Traditionen. Deshalb brauchen sie ein historisches Bewußtsein. Sie brauchen es, um im Sog der Veränderungen ihrer selbst gewiß zu bleiben und die Orientierung in die Zukunft nicht zu verlieren.

Paradoxerweise wird aber die Ausbildung eines solchen historischen Bewußtseins ausgerechnet von derjenigen Wirtschaftsweise erschwert, wenn nicht verhindert, die als Motor der Entwicklung seit Jahrhunderten das Tempo der gesellschaftlichen Veränderung immer weiter beschleunigt und schließlich in schwindelerregende Höhen getrieben hat: der kapitalistischen Ökonomie.

Je mehr sie das Leben dominiert, desto stärker verengt sich der zeitliche Blickwinkel. Ihrer inneren Logik nach ist die kapitalistische Wirtschaftsweise nämlich auf Geschichte nicht angewiesen. Sie braucht für die Aufrechterhaltung ihrer Kreisläufe kein langfristiges, über Jahrhunderte reichendes Planungsverhalten. Und sie braucht erst recht kein ebenso weitreichendes Erinnerungsvermögen. »Die Wirtschaft benötigt ein Gedächtnis«, wie Niklas Luhmann erkannte, »ausschließlich im Zusammenhang mit Kredit.« Und dabei geht es um vergleichsweise kurze Zeitspannen. Wie es scheint werden sie sogar immer kürzer. Die herrschende finanzmarktgetriebene Form des Kapitalismus ist nur noch an schnellen Gewinnen interessiert. Alles verantwortungsvolle Planen, das die Folgewirkungen der eigenen Wirtschaftsweise auf die zukünftigen Generationen miteinkalkuliert, und alles geschichtskundige Erinnern, das über die Auswertung von Feedbackdaten hinausgeht, wird von einer an der jeweils höchsten Rendite orientierten Rationalität als Effizienzbremse gebrandmarkt.

Gleichzeitig und wie zum Hohn wird die bislang von der Profitgier verschonte Vergangenheit und Zukunft nun selbst von der ökonomischen Zentrifuge zu Magma verrührt und in konsumentenfreundlicher Verpackung in die Verwertungsketten eingespeist. Der »Geschichtsmarkt« (Aleida Assmann) quillt inzwischen über von Angeboten. Mal boomt die Antike, mal das Mittelalter, mal der erste, mal der zweite Weltkrieg. Jedes Jubiläum wird ausgeschlachtet, jeder nur denkbare historische Stoff zum Auflagen- und Quotenbringer gemacht.

All diese Formen von Historienspektakel, Retromoden und Jubiläumstrubel befriedigen natürlich irgendwelche Bedürfnisse, aber sie erzeugen in ihrer Disparität bei uns Konsumenten kein historisches Bewußtsein. Das bleibt den Experten vorbehalten und wird de facto nur noch im Umkreis der seriösen gesellschaftlichen Erinnerungsorgane gepflegt: in den historischen Wissenschaften, einigen Museen oder dem Denkmalschutz. Die Laien bleiben meist draußen vor und sind der historischen Vergnügungsindustrie und ihren Geschichtsverfälschungen ausgeliefert.

Dem Geschäft mit der Vergangenheit korrespondiert – kaum weniger abstoßend – das Geschäft mit der Zukunft. Sein problematischster Aspekt zeigt sich in der fortschreitenden Zerstörung des staatlichen Rentensystems zugunsten privater Versicherungskonzerne. Die finanzielle Vorsorge fürs Alter soll nicht mehr der Solidarität der Bürger anvertraut werden, sondern dem, wie sich gerade in den letzten Jahren gezeigt hat, hochriskanten Kapitalmarkt. Hier wird für den augenblicklichen Gewinn im wahrsten Sinne des Wortes die Zukunft verkauft, natürlich die Zukunft der andern.

Der ökonomisch motivierte »Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit«, der nach Alexander Kluge dazu führt, daß »die Gegenwart in der Lage ist, alle Zukünfte und Vergangenheiten zu erschlagen«, transformiert die Kultur der Erinnerung in eine Kultur der Aufmerksamkeit. Das Gesetz des Marktes verlangt nicht, sich an Dinge und ihre Gebrauchsweisen von vorgestern zu erinnern, sondern im aktuellen Warenangebot den jeweils günstigsten Tauschwert schnellstmöglich herauszufinden, also nicht das Diachrone, sondern das Synchrone zu vergleichen. Anders gesagt: Das Gesetz des Marktes verlangt allein den Blick auf Preis- und Ranking-listen. Je weiter dieses Marktkalkül in alle Lebensbereiche vordringt und auch die bisher weitgehend verschonten Subsysteme der Bildung, der Wissenschaft, der Gesundheit, der Kultur und der Altersvorsorge erfaßt, desto mehr schrumpft das historische Bewußtsein unserer Gesellschaft auf das Zeitmaß von Zinszyklen und Kreditverträgen.

Niemand in der politischen Klasse veranschaulicht diese Schrumpfung des historischen Bewußtseins besser als Kanzlerin Angela Merkel. Sie ist Opfer dieses Prozesses, aber sie treibt ihn auch voran. Sie vollstreckt die neoliberale Agenda mit jenem »punktartigen Horizont«, von dem schon Nietzsche gesprochen hat. Wenn Merkel sich mit Geschichte beschäftigt, dann erschöpft sich das, wie in ihrer letzten Neujahrsansprache, in der schematischen Aufzählung von Jahreszahlen, oder es bleibt, wie die Rede von Osterhammel auf ihrem 60. Geburtstag, bloße Dekoration. Geschichte wird abgefeiert. Auf die Politik der Bundesregierung jedenfalls wirkt sie sich nicht aus. Genausowenig wie der Blick in die Zukunft. Er verschwimmt in der nebulösen Fortschreibung des Status quo: »Es gibt viel zu tun, damit Deutschland auch in Zukunft stark bleibt.« (Neujahrsansprache 2013/14). Merkel zieht weder die Lehren aus der deutschen Vergangenheit, noch interessiert sie sich wirklich für ein anderes, besseres Deutschland. Visionen sind ihr völlig fremd. Sie fährt »auf Sicht«.

Für die Passagiere, vormals Bürgerinnen und Bürger, ist das nicht besonders angenehm, denn sie wissen nicht – nach einem Bild, das dem verstorbenen Sozialdemokraten Peter Struck zugeschrieben wird – wo sie schließlich landen werden. Um in dieser Situation der Ziellosigkeit wenigstens das Gleichgewicht, sprich: den Machterhalt zu sichern, oszilliert Merkels Politik in einer fast tollkühnen Manier zwischen unschlüssigem Abwarten und abrupten Kehrtwendungen.

Die Fähigkeit zum Abwarten war bei Merkel schon früh zu erkennen. So hat sie lange gezögert und sich erst post festum, nachdem die Mauer gefallen war, dem Demokratischen Aufbruch angeschlossen. Merkel kann warten. In akuten Situationen vermeidet sie, Stellung zu beziehen, manchmal taucht sie ganz ab. Entscheidungen trifft sie erst dann, wenn kein Risiko mehr besteht. Man hat dieses Verhalten als rational bezeichnet und in ihm den Ausdruck klugen Abwägens gesehen. Im Hinblick auf den bloßen Machterhalt ist das wohl auch zutreffend. Doch dahinter verbirgt sich tiefe politische Orientierungslosigkeit.

In beängstigendem Kontrast zu dem schon fast habituellen Zögern, das im Grunde auf eine Richtlinienkompetenzverweigerung hinausläuft, stehen die abrupten Kehrtwendungen, die sich im politischen Leben von Angela Merkel beobachten lassen. Das berühmteste Beispiel dafür ist die Energiewende, bei der es Merkel gelungen war, über Nacht genau das Gegenteil von dem zu vertreten, was sie kurz vorher noch als »Atomkanzlerin« für »unverzichtbar« hielt. Ähnliches gilt für den »Mindestlohn«: erst dagegen, dann dafür. Man muß kein Prophet sein, um vorherzusagen, daß sie auch das TTIP-Abkommen, das sie gegenwärtig noch vehement vertritt, in dem Augenblick fallenlassen wird, indem der öffentliche Widerstand dagegen – hoffentlich – ihre Macht bedroht.

Damit die Bürger und Bürgerinnen oder – um im Bild zu bleiben – die Passagiere angesichts derart wankelmütiger Manöver nicht in Panik geraten, müssen sie beruhigt oder besser noch – mit einer Formulierung von Roger Willemsen – »chloroformiert« werden. Zu diesem Zweck nutzt Merkel zwei höchst wirkungsvolle Strategien. Die eine Strategie betrifft ihren Umgang mit den Bildmedien, die andere ihren Umgang mit der Sprache.

In den Bildmedien inszeniert sich Merkel – oder läßt sich inszenieren – als Mutter der Nation. Sie erscheint dort als jemand, der sich jenseits des kleinlichen Parteiengezänks unermüdlich und selbstlos um alles und jeden kümmert, um die Hochwasseropfer in Bitterfeld genauso wie um die Kindergärten in Dresden. Mal spricht sie im Festsaal vor Handwerken, mal freut sie sich in der Kabine mit den Jungs der Weltmeisterelf. Auch international ist sie allgegenwärtig. Sie empfängt die Großen dieser Welt und wird von ihnen empfangen. Mit Obama und Putin ist sie ständig am Telefonieren. Bei all dem hebt sie nicht ab. Sie scheint eine von uns geblieben, eine bescheidene Frau ohne Pomp und ohne Allüren. Eine Frau, die sich – anders als ihr einstiger Konkurrent Steinbrück – nicht über die Höhe des Kanzlergehaltes beklagt, gerne selber kocht und backt und Kartoffelsuppe liebt. Die Botschaft dieser visuellen Betäubungsstrategie ist klar: Ihr kennt mich. Ich bin immer da. Ihr könnt mir vertrauen. Welche Krise auch immer uns trifft, wir werden gestärkt daraus hervorgehen.

Die Sprache nutzt die Kanzlerin, um vor allem in ihren öffentlichen Reden den Betäubungseffekt noch einmal zu verstärken. Das geschieht zunächst negativ, durch die Weigerung, Vorgänge von höchster politischer Bedeutung überhaupt zu thematisieren. So kommen etwa der NSU-Prozeß, der Abhörskandal, der Afghanistankrieg oder gar Lampedusa und die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa in ihrer letzten Neujahrsansprache erst gar nicht vor. Statt dessen werden die Bürgerinnen und Bürger mit Unverbindlichkeiten abgespeist: Mit belanglosen Bekenntnissen (»Ich selbst nehme mir eigentlich immer vor, mehr an die frische Luft zu kommen«), mit abgegriffenen Kalenderweisheiten (»Oft jagt ein Ereignis das andere. Manchmal verändert eines davon vieles, wenn nicht gar alles in unserem Leben«) oder mit vermeintlich mitfühlenden Platitüden von privatem Glück und Unglück (»Und natürlich ist fern der großen Schlagzeilen auch in unserem persönlichen Leben viel geschehen, Schönes wie Enttäuschendes«). Dazu kommen die üblichen Appelle an die »Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen« zu »Leistungsbereitschaft, Engagement, Zusammenhalt« und der Entwurf einer politischen Agenda, der ziemlich allgemein bleibt und sich im Grunde in Selbstverständlichkeiten erschöpft (Finanzen »geordnet übergeben«, »Energiewende zum Erfolg führen«, »gute Arbeit und ein gutes Miteinander in unserem Land«, »Familien unterstützen«, »bestmögliche Bildung«). Derartige Schlichtheiten passen zum Mutti-Image und bekräftigen es. Sie bilden nach dem gelegentlich fast unverschämten Schweigen die zweite Variante ihrer »Ich-sag-nix-Strategie«. Die dritte Variante dieser Strategie steht im Kontrast dazu. Sie liefert keine Schlichtheiten in der sprachlichen Rede, sondern Monstren. Einige davon grenzen an nichtssagende Tautologien: »Wenn alles normal läuft, dann kann ich zusagen, daß unsere Vorhaben auf einer guten Grundlage sind« (zitiert nach 3sat »Kulturzeit«, 16.7.2014), andere gehören wohl eher ins Kuriositätenkabinett: »Schließlich haben wir erreicht, daß darauf hingewiesen wird, daß es notwendig ist, insbesondere für die ostbayrischen Landkreise entlang der tschechischen Grenze, Beihilferegelungen anzustreben, die die Brüche zwischen der tschechischen Republik und Bayern nicht zu groß werden lassen« (im Parlament am 21.2.2013). Donnerwetter. Was für eine Leistung: Man hat erreicht, daß darauf hingewiesen wird, daß es notwendig ist, etwas anzustreben. Solche Sätze täuschen Kompetenz und Leistung vor und sind doch nur Belege einer genauso monströsen wie hohlen Rhetorik.

All diese sprachlichen Strategien, das stoische Schweigen, die Verkündigung von Schlichtheiten und die umständliche Imponierrhetorik laufen auf die Verbreitung von Nullbotschaften hinaus. Zusammen mit der visuellen Inszenierung machen sie nicht nur Merkel unangreifbar, sie lassen auch das historische Bewußtsein der Menschen auf das Niveau von vertrauensseligen Kleinkindern schrumpfen. Die Menschen sollen vergessen und sich wohl fühlen. Politische Urteilskraft ist nicht mehr gefragt.

Während so durch die Ausdehnung der »Betäubungszone« (Roger Willemsen) die Bevölkerung eingelullt wird, schreitet die neoliberale Zerstörung unseres Gemeinwesens fort: Die Eliten setzen sich ab, der Zusammenhalt zerbricht, die Reichen werden reicher und die Armen ärmer, das Parlament verliert an Einfluß, die öffentliche Daseinsfürsorge wird zurückgefahren, die Infrastruktur zerfällt, die Konkurrenz untereinander wächst, die Zahl prekärer Beschäftigungen steigt, die Militarisierung der Außenpolitik erreicht die Grenze zur Kriegstreiberei, die Meinungsmanipulation durch interessegeleitete Umfrageforschung, mediale Desinformation und Schönfärberei nimmt zu, und die Überwachung der Privatsphäre erreicht flächendeckende Ausmaße.

Der Fluchtpunkt dieser neoliberalen Dynamik ist die »marktkonforme Demokratie«, eine Fassadendemokratie, hinter der sich nichts anderes verbirgt als die neue westliche Regierungsform des Finanzfeudalismus. Im Verein mit der geschichtsvergessenen und entpolitisierten Biedermeieridylle unserer gesellschaftlichen Oberfläche ergibt dies ein explosives Gemisch. Deutschland »döst«, wie es Habermas 2013 im Spiegel formulierte, »auf einem Vulkan«.

Michael Parmentier


Quelle:  Erschienen in Ossietzky, der Zweiwochenschrift für Politik / Kultur / Wirtschaft – Heft 24/2014 > zum Artikel

Ossietzky, Zweiwochenschrift für Politik, Kultur, Wirtschaft, wurde 1997 von Publizisten gegründet, die zumeist Autoren der 1993 eingestellten Weltbühne gewesen waren – inzwischen sind viele jüngere hinzugekommen. Sie ist nach Carl von Ossietzky, dem Friedensnobelpreisträger des Jahres 1936, benannt, der 1938 nach jahrelanger KZ-Haft an deren Folgen gestorben ist. In den letzten Jahren der Weimarer Republik hatte er die Weltbühne als konsequent antimilitaristisches und antifaschistisches Blatt herausgegeben; das für Demokratie und Menschenrechte kämpfte, als viele Institutionen und Repräsentanten der Republik längst vor dem Terror von rechts weich geworden waren. Dieser publizistischen Tradition sieht sich die Zweiwochenschrift Ossietzky verpflichtet – damit die Berliner Republik nicht den gleichen Weg geht wie die Weimarer.

Wenn tonangebende Politiker und Publizisten die weltweite Verantwortung Deutschlands als einen militärischen Auftrag definieren, den die Bundeswehr zu erfüllen habe, dann widerspricht Ossietzky. Wenn sie Flüchtlinge als Kriminelle darstellen, die abgeschoben werden müßten, und zwar schnell, dann widerspricht Ossietzky. Wenn sie Demokratie, Menschenrechte, soziale Sicherungen und Umweltschutz für Standortnachteile ausgeben, die beseitigt werden müßten, dann widerspricht Ossietzky. Wenn sie behaupten, Löhne müßten gesenkt, Arbeitszeiten verlängert werden, damit die Unternehmen viele neue Arbeitsplätze schaffen, dann widerspricht Ossietzky – aus Gründen der Humanität, der Vernunft und der geschichtlichen Erfahrung.

Ossietzky erscheint alle zwei Wochen im Haus der Demokratie und Menschenrechte, Berlin – jedes Heft voller Widerspruch gegen angstmachende und verdummende Propaganda, gegen Sprachregelungen, gegen das Plattmachen der öffentlichen Meinung durch die Medienkonzerne, gegen die Gewöhnung an den Krieg und an das vermeintliche Recht des Stärkeren.

http://www.ossietzky.net/

Beitragsbild: Bernd Kasper / pixelio.de

Hartz IV und andere Sündenfälle

von Heinz Sauren

Es hätte alles so schön werden können, damals zu den Millennium-Feiern, als das neue Jahrtausend begann. Das 20.te Jahrhundert verabschiedete sich mit Erwartungen, die lange Zeit, während seines Verlaufes nicht zu erhoffen waren. Die große Errungenschaft des ausgehenden Jahrhunderts ist historisch gesehen der Friede, für die Menschen jedoch zuerst Wohlstand und soziale Sicherheit. Daraus begründeten sich die freudigen Erwartungen an das neue Jahrtausend. Die gefühlten Lebensumständen, die in dem gerade vergangenen Jahrzehnt, immer besser geworden schienen, ließen verheißungsvoll auf das neue Jahrtausend blicken.

Es war ein Trugschluss, wie wir heute wissen. Am Neujahrsmorgen des neuen Millenniums blickte nicht nur mancher Bürger, sondern auch die Bundesregierung verkatert in die Zukunft. Im politischen Berlin hatte es sich längst herum gesprochen, das die Weichenstellungen, die zehn Jahre zuvor vorgenommen wurden, nicht in die blühenden Landschaften, sondern auf das wirtschaftliche Abstellgleis führten. Hätte Herr Kohl seinerzeit den Mahnern zugehört, hätte er das wissen können, aber er ahnte wohl auch, das er das Ende des toten Gleises als politischer Zugführer nicht mehr erleben würde und zog es vor, seine historische Rolle als Wiedervereinigungskanzler, nicht mit dem unschönen Aspekt des wirtschaftlichen Niedergangs zu beflecken. Obwohl er dieses seinem politischen Widersacher und Nachfolger überließ, ist es doch das eigentliche Erbe, welches er diesem Land hinterließ.

Der zu Beginn der 1990er Jahre, zerfallende Kommunismus war das Gegengewicht zum Kapitalismus und zwang diesen nicht nur in eine räumliche Beschränkung, sondern auch zur Aufrechterhaltung sozialer Standards, zur Erhaltung der Attraktivität als politisches Gegenmodell. Der Wegfall dieses Gegengewichtes entfesselte den ungehemmten und unbegrenzten Kapitalismus, den wir heute Globalisierung nennen. Dies war der Zug auf den Herr Kohl dieses Land, ohne die geringsten Bedenken aufspringen ließ und er führte auf ein totes Gleis, da er auf unbegrenztes Wirtschaftswachstum setzte und dabei ignorierte, das eine unbegrenzte Expansion in einem geschlossenen System nicht möglich ist. Kurzfristig und so dachte Herr Kohl wohl, befreite dieser Weg ihn aber, eine Lüge einzugestehen. Versprach er doch den Deutschen, um die Zustimmung zur Wiedervereinigung zu erhalten, die damals nicht so selbstverständlich war wie sie heute zu sein scheint, nicht nur blühende Landschaften, sondern auch das Unmögliche. Die Wiedervereinigung werde niemanden auch nur einen Pfennig kosten. Kohl brauchte Geld und konnte es durch sein eigenes Versprechen, nicht von den Bürgern fordern. Der Export sollte es richten, das Geld sollte von außen kommen und so wurde der Einstieg in die Globalisierung kritiklos und ohne regulierende Maßnahmen, von der Politik forciert.

Young Mill WorkerEs war nicht so, das niemand erkannte, welch fatale Folgen dieser Weg haben würde, doch die, die ihre Stimme erhoben fanden kein Gehör. Zu weit links schienen die Bedenken und links galt als das überwundene, das falsche Wirtschaftssystem. Dabei konnte jeder Student der Wirtschaftswissenschaften bereits im ersten Semester erahnen, dass die freie Konkurrenz der Märkte weltweit, nicht nur die Waren in Konkurrenz zueinander stellt, sondern auch die Löhne und Sozialsysteme. Ein Umstand der zwingend die Angleichung aller Systeme fordert und nur für die Länder positiv sein kann, die aus einem geringeren Level nach oben angleichen, während alle Länder mit gehobenen Standards, nach unten abgleichen müssen. Dieser Umstand wurde in den 1990er Jahren durch indirekte Subventionierung der Löhne und direkte Subventionierung der Sozialsysteme kompensiert, bis zu Beginn des neuen Jahrtausends dies, aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr möglich war.

Mit Beginn des neuen Millenniums war der gefeierte Wohlstand und die beruhigende soziale Sicherheit, die Kernpunkte des wiedervereinigten Deutschlands, eine gewaltige Subventionsblase, die nun zu platzen drohte. So sah sich Bundeskanzler Schröder 2001 genötigt, in einer Rede vor dem Bundestag die Wohlfühlrepublik aufzulösen, indem er mehr Eigenverantwortung forderte und damit sagte, das der Staat in Zukunft nicht mehr, seiner bis dahin selbstverständlichen Verantwortung gegenüber seinen Bürgern, nachkommen werde. Es war das Ende der sozialen und der Beginn der freien Marktwirtschaft, die bald die Hartz Gesetze zur Folge haben sollte.

Peter Hartz der Namensgeber, eines im globalen Kontext zu verstehenden Sozialsystems, profilierte sich gegenüber seinem, nun als Wirtschaftskanzler gelten wollendem Herrn Schröder und Busenfreund, als Wegbereiter eines neoliberalen Wirtschaftssystems nach amerikanischem Vorbild und bewies seine mangelnde soziale Kompetenz nicht nur in einem bisher nicht dagewesenem Gesetzbuch der sozialen Rücksichtslosigkeit, sondern auch durch seine Griffe in die Sozialkassen seines Arbeitgebers, der VW AG, für die er dann später gerichtlich zur Rechenschaft gezogen wurde. Das erste Jahrzehnt des Neuen Jahrtausends wurde zur Dekade der sozialen Entrechtung, begleitet durch den vierstufigen Vollzug eines neuen Sozialgesetzbuches, das in seiner Vollendung als Hartz IV bekannt wurde und bis heute höchst umstritten ist.

Die Lektüre dieser Sozialgesetzbücher offenbart einen völlig neuen Gebrauch von gesetzlichen Normen und erklärt die mangelnde Akzeptanz in großen Teilen der Bevölkerung. Im allgemeinen Verständnis, sind Gesetze kein Verhaltenskodex aus denen zu entnehmen wäre, wie man sich korrekt zu verhalten habe, sondern Negativabgrenzungen die bestimmen, welches Verhalten nicht geduldet wird. Sie erhalten somit einen Rechtsraum der Eigenverantwortung in dem sich die Menschen frei bewegen und nur bei Ausbrüchen daraus, sich zu verantworten haben. Diesen Grundsatz stellen die Hartz Gesetze auf den Kopf, in dem sie einen zuvor generell und in allen anderen Gesetzen gegebenen Rechtsgrundsatz außer Kraft setzen und die Beweisumkehr einführen. Nunmehr ist es nicht der Staat der eine Behauptung des Bürgers als unrichtig zu beweisen hat, sondern der Bürger dem die Beweispflicht obliegt und damit die Richtigkeit seiner Behauptung zu belegen hat. Der elementare Rechtsgrundsatz der Unschuldsvermutung ist damit aufgehoben. Im weiteren wird die Vertraulichkeit des Rechtsverhältnisses gegenüber dem Staat aufgehoben. Mag man noch verstehen das jemand, der Hartz IV beantragt, seine wirtschaftlichen Verhältnisse offen legen muss, um Mißbrauch zu vermeiden, lässt sich jedoch im allgemeinen Rechtsverständnis nicht begründen, warum auch unbeteiligte Dritte, zum Beispiel in einem verwandtschaftlichen Verhältnis Stehende, ihre wirtschaftlichen Verhältnisse minutiös erklären müssen. Es war einmal eine gefeierte Errungenschaft freiheitlichen Rechtes, die Sippenhaft abgeschafft zu haben. Auch andere Rechtsgrundsätze, die die Grundsätzlichkeit eines Rechtsstaates begründen, wurden über Bord geworfen. Es galt zuvor das Zeugnisverweigerungsrecht, welches Verwandte ersten Grades und Ehepartner haben, um nicht gegen diese Aussagen zu müssen, insbesondere auch und gerade dann, wenn diese Straftaten begangen haben. Eine Leistungserschleichung von Hartz IV Bezügen wäre auch eine Straftat, jedoch gilt dieses Zeugnisverweigerungsrecht dann nicht mehr. Ehepartner und Verwandte ersten Grades sind gezwungen auszusagen mit katastrophalen Folgen für innerfamiliäre Beziehungen. Bei einem Vorwurf wegen Mordes müssten sie das nicht, weil der grundgesetzlich verankerte Schutz der Familie höherrangig ist. Dies führt zu dem irrwitzigen Rechtsstatus, das zwar jeder massenmordende Terrorist das Recht auf den Schutz seiner Familie genießt, nicht jedoch der Antragsteller sozialer Leistungen, der noch nicht einmal eine Straftat begangen haben muss.

Die Botschaft des Staates ist eindeutig. Das wirtschaftliche Interesse des Staates, die Durchführung der Globalisierung und die marktkonforme Gesellschaft, sind höherrangig zu bewerten, als etwaige Rechte des Bürgers, unabhängig ob diese allgemeine Rechtsgrundsätze oder grundgesetzlich verankert sind. Heute leben mehr als 6 Millionen Menschen ganz oder teilweise von Hartz IV, davon 1,6 Millionen Kinder. Seitens der Politik wird vehement verneint, das diese 8,5 % der gesamten Bevölkerung, Menschen zweiter Klasse sind. Dieses einzuräumen würde den sozialen Frieden gefährden. Doch Hartz IV Bezieher sind Menschen zweiter Klasse, allein schon weil allein für sie, ein Teil der allgemeinen Rechtsgrundsätze nicht gilt und ihnen gegenüber einige Grundrechte nicht zugestanden werden. Mit deutscher Gründlichkeit wurden zwei Rechtssysteme innerhalb dieses Landes etabliert, eines für die wirtschaftlich Unabhängigen und eines für die wirtschaftlich vom Staat Abhängigen. Ein System, welches weltweit in dieser Deutlichkeit einmalig ist und in jedem anderen Land, von der Regierung öffentlich gegeißelt werden würde.

Deutschland beansprucht innerhalb der Staatengemeinschaft eine führende Rolle als zivilisiertes Land. Internationaler Standard bei der Beurteilung des Grades der Zivilisation eines Landes, sind das Rechtssystem und die Kultur. Das Rechtssystem offenbart seine Qualität, durch den Umgang mit den schwächsten der Gesellschaft und die Kultur durch das Maß der Teilhabe an ihr, dabei auch hier insbesondere des schwächsten Anteils der Gesellschaft. Bei Betrachtung der gewährten finanziellen Mittel von Hartz IV Beziehern, offenbart sich auch im Bereich der Kultur ein düsteres Bild, obwohl die Teilnahme an Kultur ausdrücklich, defacto aber als Alibi, unterstützt wird. Gemäß den gültigen Regelsätzen stehen 43,17 Euro monatlich zur Verfügung für die drei Bereiche, Freizeit Kultur und Unterhaltung. Gedrittel verbleiben demnach für die kulturelle Teilnahme etwas mehr als 14 Euro. Entweder hat sich in den Reihen der Politik noch nicht herum gesprochen, das auch die Teilnahme an Kultur, durch Fahrtwege oder Eintrittsgelder nicht umsonst ist, oder man ist dort der Meinung, das ein Kino-Besuch pro Monat genug Kultur für einen Hartz IV Bezieher zu sein hat. Dies folgt dann dem allgemeinen Klischee, dass diese Menschen doch eher bildungsfremd und mit einem kulturresistentem Gemüt beschlagen sind. Dem müsste ein zivilisierter Staat dann, nach eigenem Verständnis, mit der Möglichkeit zur Bildung entgegen wirken, aber auch in diesem Bereich ist das Statement der Regierung eindeutig. 1,50 Euro müssen für die Bildung im Monat reichen. Das sich davon nur an einem Tag im Monat eine Tageszeitung, oder bei fleißigem Sparen, einmal im Jahr ein Billig-Roman beschaffen lässt, zeigt deutlich wie wenig Bildung einem Hartz IV Bezieher zugestanden wird. Diese Summe ist nicht einmal ausreichend, einen bestehenden Bildungsstand zu erhalten. Die Bundesregierung verweist gerne auf das Angebot von Weiterbildungsmaßnahmen, die sie bezuschusst. Spätestens hier wird es perfide, erklärt die Bundesregierung doch somit öffentlich, nicht nur das Bildung unerwünscht ist, sondern auch das sie gerne bestimmen möchte, was zu lernen ist, wenn Bildung eingefordert wird. Es wäre wohl zu ärgerlich wenn sich die Alimentierten wohlmöglich kritikfähiges Wissen aneignen würden. Dummheit zu unterstützen, war schon immer der effektivste Weg, sich Kritik zu ersparen.

Durch die offiziell propagierten Begründungen, lässt sich die reglementierende Alimentierung, des wirtschaftlich schwachen Bevölkerungsanteils nicht begründen. Sie dienen augenscheinlich der Argumentation derer, die sie nicht begründen wollen, gegenüber denen, die als ihre Empfänger scheinbar auch das Recht verwirkt haben, sie begründet zu bekommen. Im Grunde handelt es sich bei der Hartz IV Gesetzgebung nicht um Sozialrecht, sondern um erweitertes Wirtschaftsrecht. Alle rechtlichen Widersprüche und widersprüchliche Begründungen lösen sich auf, sobald die Seite des Betrachters gewechselt wird. Aus Sicht der Wirtschaft ist diese Gesetzgebung nicht nur logisch konsequent sondern auch zielführend.

Gemäß den Angaben der Bundesanstalt für Arbeit waren 2012, 1,2 Millionen Hartz IV Bezieher erwerbstätig, die sogenannten Aufstocker. Es ist dramatisch genug, das sich in diesem Land ein Wirtschaftssystem etabliert hat das 1,2 Millionen Menschen zur Arbeit zwingt, ohne das sie davon leben könnten. Es ist ein Skandal, das Arbeitgeber 1,2 Millionen Menschen mit einem Hungerlohn abspeisen und der Staat diesen Unternehmen die Sklavenarbeit, nichts anderes ist Arbeit ohne überlebensfähigen Lohn, subventioniert, um diesen damit entgegen den marktwirtschaftlichen Gesetzen, nach denen sie eigentlich pleite gehen müssten, einen höheren Gewinn zu verschaffen. Für die Arbeitnehmer ist es Zwang, da sie sich mit Beantragung der Leistung verpflichten, unter Androhung des Wegfalls des wirtschaftlichen Existenzminimums, diese Arbeit nicht aufzugeben, auch wenn sie geltenden arbeitsrechtlichen Normen nicht entspricht. Einzig und allein zumutbar muss diese Arbeit sein und was darunter zu verstehen ist, hat nicht der zu beurteilen, der sie zu ertragen hat, sondern ein Fallmanager, dessen Aufgabe es offiziell ist, möglichst viele Menschen aus dem Bezug von Leistungen und in Arbeit zu halten. Hier ergibt sich schon aus der Interessenlage des weisungsgebundenen Fallmanagers die Unmöglichkeit, einer sachlich richtigen Beurteilung eines Arbeitsplatzes, geschweige denn der Einbeziehung etwaiger Interessen des Leistungsempfängers. Aber auch die nicht erwerbstätigen Hartz IV Bezieher erfüllen einen marktwirtschaftlichen Zweck, der sich im Sinne der Wirtschaft, analog der Verschlechterung ihrer wirtschaftlichen Situation erhöht.

Die marktwirtschaftliche Anpassung der Sozialsystem bis hin zu Hartz IV, ist schon lange zu einem wirtschaftspolitischen Regulativ geworden und wie wirkungsvoll dieses ist, lässt sich an den Reallöhnen in Deutschland ablesen, die seit dem Jahr 2000 bis zum Jahr 2013 nicht gestiegen, sogar leicht gefallen sind. 13 Jahre in denen die Lebenshaltungskosten inflationsbedingt um 40% anstiegen, sich die Gewinne der Unternehmen, ebenso wie die Anzahl der Millionäre in diesem Land vervielfachten, brachten den Arbeitnehmern nichts außer einem Verlust der eigenen Kaufkraft um 40 %. Dieser auch dem Bürger bewusst gewordene Umstand, wird gerne auf die Umstellung auf den Euro abgewälzt, ist aber nichts anderes als die Folge der heimlichen Einführung einer marktkonformen Gesellschaft, die mit den Hartz IV Gesetzen eine Drohkulisse unterhält, die insbesondere Arbeitnehmer der unteren Lohngruppen permanent bangen lässt, schon morgen selbst von der staatlichen Entrechtung betroffen zu sein. So ließ und lässt sich wirkungsvoll die Forderung nach Lohnerhöhung unterdrücken, unbezahlte Mehrarbeit fordern und tarifliche Standards aushebeln, da die Unternehmer, wissend um das Hartz IV Drohpotential, immer und sofort den Verlust von Arbeitsplätzen androhen.

Hartz IV war der Sündenfall, der dieses Land aus dem Paradies der sozialen Marktwirtschaft verbannte und ist doch nur der erste Schritt in die vermeintliche Glückseeligkeit der unbegrenzten Marktwirtschaft. Durch soziale Entrechtung und permanente Verängstigung wurde ein neues Bild der Arbeit geschaffen. Arbeit ist nicht mehr das Mittel zur Erfüllung einer eigenen Lebensgestaltung und somit zweitrangig. Sie ist zum zentralen Mittel der Existenzerhaltung geworden. Allein ihren Sinn in Bezug auf das eigene Leben zu hinterfragen, scheint absurd geworden zu sein. Sie allein ist der Erfüllungsmaßstab zur Teilnahme an der Gesellschaft geworden und jeder der sich ihr entzieht ein Sozialschmarotzer. Dies ist jemand der die Sozialsysteme zu seiner eigenen Bereicherung ausnutzt, ohne bedürftig zu sein und unterstellt es denen, die anstatt jede noch so prekäre Arbeit auszuführen, im Bezug von Hartz IV stehen. Kaum eine Unterstellung ist so böswillig und inhaltlich falsch, wie diese. Schließlich sind es die Unternehmer die unterstützt, von einer ihnen wohlwollenden Gesetzgebung, sich ihrer sozialen Verantwortung entziehen, in dem sie im Verhältnis zu den Arbeitnehmern, unverschämt geringe steuerliche Abgaben, ihrer im weiter steigenden Gewinne genießen. Es sind die Unternehmer, die dreist genug sind ihre Gewinne zu realisieren, in dem sie die Lohnkosten für ihre Arbeitnehmer aus den Sozialkassen mitfinanzieren lassen. Es sind die Unternehmer, die die Infrastrukturen dieses Landes nutzen um ihre Waren und Dienstleistungen zu produzieren und zu verkaufen. Einer Infrastruktur, deren Errichtung und Unterhaltung sie den Steuerzahlern überlassen, während sie sich diesen Steuern zunehmend durch Steuerspar- und Vermeidungsmodelle entziehen. Wenn es Sozialschmarotzer gibt, dann sitzen sie in den Chefsesseln dieser Republik und freuen sich über die tatkräftige Unterstützung der Politik, die sie erpresserisch genötigt haben, für ihre Wunschvorstellung der unbegrenzten Märkte und Gewinne, die Bevölkerung zu verarmen und zu entrechten. Man mag diese Ansicht für hetzerisch halten, doch ist sie es nur, wenn man sie aus einem dieser Chefsessel und nicht aus Sicht der breiten Bevölkerung betrachtet.

Der nächsten Schritt wird nun TTIP sein. Zur Durchsetzung dieses Abkommens werden wieder die Rechte der Bürger eingeschränkt werden müssen, zur Erfüllung der höheren Ziele der Wirtschaft. TTIP ist nur durch massive Veränderungen im Grundgesetz möglich und da auch hier seitens der Regierung der Unmut des Volkes erwartet wird, wird die Grundgesetzänderung erst thematisiert werden, wenn das TTIP-Abkommen bereits unterzeichnet ist. Dann wird auch diese Entrechtung, im sprachlichen Habitus der Kanzlerin, alternativlos sein, da sich die Regierung dann bereits vertraglich dazu verpflichtet hat. Wieder werden es die Rechte der Wirtschaft sein, für die der Einzelne seine, ein weiteres mal ein Stück weit aufgeben muss und es wird wieder die Sozialgesetzgebung sein, der es obliegen wird, diese neuen wirtschaftlichen Rechte, als Arbeitnehmerpflichten umzusetzen. Spätestens seit dem Jahr 2000 und jedem Schritt der aktuellen Sozialgesetzgebung lässt sich sagen. Wer glaubt es geht nicht tiefer, wird schon bald eines besseren belehrt werden. Das Ende dieser Entwicklung wird erst gekommen sein, wenn für jeden Lebensumstand und jedes Leben selbst, nur noch die wirtschaftliche Begründung ausschlaggebend sein wird. Wer glaubte das die moderne Gesellschaft den Manchester-Kapitalismus überwunden hätte, muss zu Kenntnis nehmen, das dieser als Gedanke und wirtschaftliche Forderung,bereits wieder zurück gekehrt und zu einem pseudo-religiösen Anspruch in den Chefetagen geworden ist, der sich heute nur anderer Mittel bedient.

Ich verbleibe in diesem Sinne

Heinz Sauren


Autor Heinz Sauren befasst sich auf seinem Blog mit Ideologie- und Gesellschaftskritik. Seine bevorzugte literarische Form des Ausdrucks ist das Essay, aber auch den kleinen Bruder des Essays, den Aphorismus sowie Prosa, Lyrik und Satire.

Anm. d. Red.: Wir danken Heinz Sauren, dass er uns die Erlaubnis erteilt hat, seine Texte veröffentlichen zu dürfen.

Text- und Grafikquelle:

Freigeist BLOG – Gesellschaftskritik – Artikel

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Der Goldpreis stürzt ab – eine Irreführung auf seriösen Wirtschaftsseiten

von Andreas Müller-Alwart

„Gold war stets die beliebteste Anlage all jener Untergangspropheten, die dem Weltfinanzsystem mit schöner Regelmäßigkeit den totalen Zusammenbruch vorhersagen“, schreibt Dennis Kremer für die FAZ am Sonntag vom 02.11.2014. Das höhnische Grinsen beim Niederschreiben dieser Buchstaben klingt beim Lesen noch schmatzend in den Ohren. „Untergangspropheten“ und „schöner Regelmäßigkeit“ – die ewigen Miesepeter und Querulanten bekommen eines auf die Mütze, das verhehlt dieser Beitrag erst gar nicht, sondern poltert gleich im ersten Satz los. Die Tatsache, dass dieses Exemplar der FAZ kostenfrei im Rahmen einer Bahnfahrt zugetragen wurde, macht dieses Blendwerk auch nicht erträglicher. Und er fährt fort: „Für Anhänger solcher Theorien dürfte die vergangene Woche nicht leicht zu verkraften gewesen sein“, was er dann in der Folge mit dem gesunkenen Goldpreis begründet. Ach herrje. Nochmals ein prüfender Blick auf die Kopfseite dieses Blattes: Wir sind auf der Wirtschaftsseite, nicht in der Satireecke. Schade. Aber der Reihe nach.

Nun weiß inzwischen jeder Otto-Normal-Verbraucher, dass der sogenannte Goldpreis etwas ist, das ein paar Banken im Telefonat untereinander danach aushandeln, was ihnen der An- und Verkauf von Gold gerade wert erscheint. Ausgerechnet Banken. Und dann nur ein paar. Und auch noch telefonisch. Die Ermittlung des sogenannten Goldpreises ist eine wirklich intransparente und subjektive Einschätzung. Kommt aber noch hinzu: Gold hat immer den gleichen Wert, da es weitgehend in der gleichen, begrenzten Menge auf diesem Planeten vorkommt. Es werden weder besonders lukrative, also wirtschaftlich erschließbare, Goldquellen gefunden, noch verliert Gold an Wert. Was also passiert eigentlich, wenn vom abstürzenden Goldpreis die Rede ist?

Ob Gold im Wert steigt oder fällt, hängt mit dem Vertrauen in die Papierwährung zusammen. Je geringer das Vertrauen in die Stabilität, desto höher die Abwanderung in Gold. Den umgekehrten Schluss zu ziehen, wäre paradox: Je geringer der Goldpreis, desto stabiler die Papierwährung. Das ist Unfug. Bestenfalls ist das Vertrauen in die Papierwährung wieder gestiegen, aber nicht der Wert des bedruckten Papiers selbst.

Anders ausgedrückt: Einerlei ob der Goldpreis in Dollar oder Euro bemessen wird – er wird in Relation zur Geldwährung gesetzt. Je größer das Vertrauen in die Stabilität dieser Geldwährung, desto niedriger der Bedarf, sich über Gold gegen Währungsausfall oder -verluste abzusichern. Da eine Geldwährung immer ausfallen kann, besteht allerdings immer der Bedarf einer Absicherung durch andere Sachwerte wie eben z. B. Gold. Kann also nur die Frage offen sein: Zu welchem Preis findet diese Absicherung statt. Wenn nun eine Wirtschaftsredaktion allen Ernstes schreibt – was dem Volontär noch verziehen werden könnte – der Goldpreis sei abgestürzt, so werden hier grundlegende ökonomische Fakten verdreht. Unbedarfte Anleger werden regelrecht in die Irre geführt. Dies scheint auch kein Einzelfall zu sein, sondern – da diese Irreführungen in vielen Wirtschaftsredaktionen seit Jahrzehnten stattfinden – wirken diese wie PR-Maßnahmen, die Sparer vor Goldkäufen „schützen“ sollen und natürlich auch als Schutz vor den Panikmachern. Die EZB (Europäische Zentralbank) beendet die Anleihenkäufe – der Goldpreis sinkt – und damit sind die „Untergangspropheten“ widerlegt, die mit „schöner Regelmäßigkeit“ den Untergang des Weltfinanzsystems prophezeien. Vergleichen Sie es gerne mit der Atomkraft. Die vielen kleinen Störfälle hatten eine ganze Weile die Warner vor einem GAU (größter anzunehmender Unfall) wie quengelnde Miesepeter dastehen lassen. Das hat sich erst mit Eintreten des GAU geändert. Beim Finanzsystem täuschen Rettungsfonds, massives Gelddrucken und allerlei Bilanztricksereien auch über die Störfälle des Systems hinweg. Der GAU im Finanzmarkt wird schon nicht kommen, jedenfalls sind alle so lange Propheten bis er eingetreten ist. Paradox, denn Finanzmarkt- und Wirtschaftskrisen hatten wir schon einige und die zeigten auch stets die Grenzen unseres Geldsystems auf. Doch nach Währungsreform, Staatsbankrott und Schuldenschnitt ging es wieder weiter bzw. von vorne los. Diese Störungen treten systematisch auf – das ist Fakt! Gold hat alle diese Krisen überlebt und war oft für viele Sparer ein Rettungsanker. Hier Bürger im Kontext mit einem vermeintlich abstürzenden Goldpreis dahingehend zu sensibilisieren, den Warnern vor dem Zusammenbruch des Finanzsystems keinen Glauben mehr zu schenken, befindet sich journalistisch schon an der Grenze zur systematischen Volksverdummung.

Es gibt zwei Möglichkeiten, die zu einem solchen Kommentar in einer Wirtschaftsredaktion führen können:

  • Entweder hat die Redaktion keinerlei Kompetenz bezüglich des exponentiellen Effektes des Zinseszinssystems und wie sich dieser auf Weltschulden und Weltvermögen auswirkt,
  • oder aber – und dieses befürchten wir mittlerweile – die Redaktionen wissen das sehr wohl, aber täuschen die Bevölkerung über die bekannten und keineswegs theoretischen Zusammenhänge dieses finanzsystemabhängigen Wirtschaftssystems hinweg.

Mit „schöner Regelmäßigkeit“ – wir schreiben das jetzt auch mal so – wird außerdem beteuert, wie wenig sich Gold zum Schöpfen einer guten Nettorendite eignet. Diese PR-Meldungen werden am Liebsten platziert, wenn gerade der Goldpreis mal wieder gesunken ist, nachdem er zuvor gestiegen war. Darauf können Sie sich ja jetzt Ihren eigenen Reim machen, da Sie nun wissen, dass der Goldpreis von fallenden oder steigenden Währungskursen abhängt und diese wiederum vom Vertrauen der Anleger. Wie auch immer: Wenn ein paar Banken den Goldpreis an ihrer Tageslaune manifestieren, indem sie sich darüber abstimmen zu welchem Preis sie bereit sind, Gold anzukaufen oder zu verkaufen, sind Manipulationen natürlich Tür und Tor geöffnet. Gerade das sollte Sparern immer wieder bewusst machen: Nichts, aber auch gar nichts, sollte einen davon abhalten ca. 10 Prozent des eigenen Vermögens in Gold vorzuhalten. Wenn der Goldpreis also „abstürzt“, so ist das ein Kaufsignal, um das Depot aufzufüllen. Nicht mehr und nicht weniger. Es ist keinesfalls ein Indiz dafür, dass das Finanzsystem sich wieder stabilisiert.

Wir haben es schon an anderer Stelle hier in unserem Blog hinterfragt: Wer braucht dieses Magazine noch, die den Lesern eine solche Irreführung als Qualitätsjournalismus und seriöse Berichterstattung verkaufen?


Autor Andreas Müller-Alwart ist selbständiger Journalist, Coach sowie Requirement Engineering Manager und Mitglied des Reflektion-Teams.

Beitragsbild: »Gold« – pixabay.com/de

Euro lebt – Inflation gering – Wirtschaft wächst – Kein Staat ist pleite:

Aber was spielt sich eigentlich hinter der Bühne dieses scheinbar erfolgreichen Theaterstückes ab?

von Andreas Müller-Alwart

Der Euro lebt weiter, kein Staat ist Pleite gegangen, die Inflation ist so niedrig wie nie zuvor, die Wirtschaft wächst bescheiden … Auf den ersten Blick muss man Angela Merkel auf die Schulter klopfen und zustimmen: Deutschland geht es gut. Doch die Europäische Zentralbank (EZB) druckt und sammelt unvorstellbare Geldmengen ein, die wie ein Damoklesschwert die Vermögen der Bürger und die Realwirtschaft bedrohen. Mit Kunstkniffen in den Staatshaushalten und hoher Verdrängungskunst lässt sich die Misere nicht bewerkstelligen. Der Ankauf von Asset Backed Securities (ABS) durch die EZB verschärft die Situation nochmals gravierend.

„Am Ende ist alles gut. Und wenn es nicht gut ist, ist es nicht das Ende.“ (Oscar Wilde)

ZukunftBei einem zweiten Blick bleibt von der positiven Selbsteinschätzung der Bundeskanzlerin und ihrer Politik wenig bestehen – jedenfalls wenn man die gesamten aufgestauten Reformen und Projekte betrachtet, die die Regierung vor sich herschiebt – wie schon viele andere Regierungen zuvor auch. 40 Prozent der zukünftigen Rentner werden eine Grundrente erhalten und werden potenzielle Kandidaten einer latenten Armut sein. Das ist keine Schätzung oder Prognose, sondern diese Rentner sind heute schon vorhanden und werden exakt mit diesen niedrigen Renten ihren Lebensabend bestreiten müssen. Den heutigen 1-Euro-Jobbern, Geringverdienern, Aufstockern und in einer „Schulungsmaßnahme“ befindlichen Mitbürgern wird es nicht besser ergehen, sofern sich nicht radikal etwas verändert. Und es ist nicht absehbar, dass sich für diese Personen etwas zum Besseren wendet. Nichts ist gut und noch weniger als Nichts ist besser geworden, also ist wohl nicht das Ende der Reformen erreicht. Die grundlegenden Probleme im Bildungswesen, Gesundheitswesen und im Investitionsbereich sind ebenfalls seit Jahrzehnten trotz Reformversuchen nicht gelöst worden. Sie verschärfen sich, je länger sie andauern. „Deutschland steht gut da“, meint Frau Merkel. Die Betonung liegt auf „steht“ – die Motivation für grundlegende Veränderungen ist über eine endlose Debatte zur PKW-Maut und über Sprüche zum militärischen Wiedererwachen Deutschlands nicht hinausgekommen.

Schuldenbremse oder Investitionen?

Nach der Idee von Keynes fordern nun wieder Politiker, die europäischen Staaten sollten die Konjunktur ankurbeln und Investitionen anstoßen bzw. selbst mehr investieren. Aber einige europäische Staaten wie Italien, Portugal, Spanien und Griechenland sind noch lange nicht über dem Berg, sondern immer noch verstrickt in der laufenden Krise, die mittlerweile auch einst robuste Nachbarstaaten wie Frankreich voll erfasst hat. Und einerseits müssen Rettungsschirme finanziert werden, während andererseits Schulden abzutragen sind. Die sogenannte Schuldenbremse soll ja nicht nur pro forma wirksam sein, sondern de facto. Dies ist noch alles business as usual – also das typische neoliberale Handeln mit der Intention, dass endloses Wirtschaftswachstum möglich sei, dass unbegrenzte Ressourcen vorhanden wären, Vollbeschäftigung ein erreichbares Ziel sei und dass man nichts Grundlegendes ändern müsse. Doch nichts von dem ist wahr, also müssten doch grundlegende Reformen längst begonnen worden sein. Sind sie aber nicht – nichts ist davon zu erkennen. Auf der Habenseite mag man lediglich das EEG (Erneuerbare-Energien-Gesetz), die fortschrittliche und wegweisende Energiewende, erwähnen, für die die Regierung nun allerdings auch eine Notbremsung aktiviert hat.

Im Finanzmarkt hat sich nichts wirklich verändert

FinanzmarktWas ist mit den Geldwerten, die auf die bad banks gebucht wurden? Was ist mit den gewährten Kreditvolumina? Wie hat sich der Wert des Euro während der fortlaufenden Erhöhung der Geldmenge verändert? Hierzu findet sich wenig Verständliches und Erhellendes in der allgemeinen Medienlandschaft. Insbesondere wird eine Thematik völlig tabuisiert, die zu Beginn der Finanzkrise noch eine große Bedeutung hatte: Der Markt der Finanzwetten – der Derivatemarkt und dort vor allem der Zertifikatehandel. Obwohl mittlerweile bekannt ist, dass es sich um reine Wettgeschäfte handelt und nur die Banken ihre eigenen Zertifikate-Konstruktionen überhaupt verstehen und – manchmal – auch erklären können, steigen immer mehr renditesuchende Anleger in diesen Markt ein, der von einem Tag auf den anderen völlig in sich zusammenbrechen kann. Die Anzahl unterschiedlicher Zertifikate soll zwischenzeitlich auf über 1 Mio. Produkte angestiegen sein. Hier blickt wirklich keiner mehr durch und alleine diese Intransparenz – noch verbunden mit der fehlenden Sachwertdeckung dieser „Wettvermögen“ – sollte Anleger eigentlich eine Warnung sein und sie vor diesem Markt zurückschrecken lassen. Dies ist aber nicht der Fall: Der gemeine Anleger kennt zwar Anlegerskandale mit geschlossenen Fonds, mit Immobilienfonds, er kennt Ausfälle von Aktieninvestments und bei vielen anderen Assets, aber bei Zertifikaten ging doch bisher immer alles gut, oder? Dies ist zum einen nicht richtig, denn es gab reihenweise Ausfälle bei diesen Wettgeschäften (Beispiel: Lehman-Zertifikate), zum anderen ist die Historie von Finanzprodukten leider vor allem eines: Sie ist keine Prognose für das, was zukünftig passieren wird. Im Gegenteil: Oftmals wird die Historie widerlegt und was einst gut lief und worin nun die Masse finanziert, wird gerade deswegen gefährlich.

Der einst angestrebte Euro ist längst nicht mehr vorhanden

Zurück zum Anfang – zum Blick auf „unser Geld“: Der Euro lebt weiter, kein Staat ist Pleite gegangen, die Inflation ist so niedrig wie nie zuvor, die Wirtschaft wächst bescheiden … Wagen wir noch einen anderen zweiten Blick, so stellen wir fest: Der eigentlich angestrebte Euro existiert schon lange nicht mehr. Wir haben heute eine Währung innerhalb einer Transferunion und außerhalb des bei der Einführung angedachten Stabilitätspaktes. Was wir jetzt Euro nennen, ist eine Währung, die sich im freien Fall befindet, die sich selbst entwertet. Wir merken es nur deswegen nicht, weil alle Währungen dieser Welt sich im freien Fall befinden und gleichzeitig abgewertet werden. Es werden ja nicht nur tonnenweise Euro sondern auch palettenweise Dollar gedruckt. Will man den Werteverfall des Euro betrachten, muss man ihn mit dem Goldpreis vergleichen und muss dabei zugleich berücksichtigen: Dieser Goldpreis wird zum einen durch Spekulationsgeschäfte beeinflusst und die Fixierung des Goldpreises findet in einem einfachen Telefonat zwischen ein paar Handelsbanken statt, die sich gegenseitig auf einen passenden Goldtageskurs einigen, der der aktuellen Nachfrage entsprechen soll. Soweit zum Wert der Währung und zu dem, was vom Euro heute noch übrig ist. Wenn also vom Wert einer Währung wie dem Euro die Rede ist, so stellt sich immer die Frage: Welcher Wert? In welcher Relation, in welchem Vergleich steht dieser Wert? Rasch wird der Wert des Euro – wie bei jeder anderen Geldwährung – als reiner Vertrauenswert entlarvt: Mit der Euro-Papiernote kann der Verbraucher einkaufen und das offensichtlich noch ganz gut. Das ist der aktuelle Wert. Er sagt nichts über den zukünftigen Wert aus.

Die wahre Inflationsrate lauert im Verborgenen

HyperinflationSofern man erfreut auf die niedrige (offizielle) Inflationsrate blickt, so ist es richtig: Das Aufschwemmen der Geldmenge kommt bislang nicht als erhöhte Inflationsrate beim Konsumenten an. Die Kaufkraft sinkt derzeit nicht dort, wo der Kunde es beim Einkaufen spürt, sie sinkt nicht im Heute. Stattdessen findet die Inflation versteckt auf den Vermögenswerten statt und dort wird insbesondere von den Konten des Mittelstandes munter umverteilt – vor allem in Richtung der oberen Vermögenden. So stehen zwar bei einer Kapitalanlage von 10.000 Euro und einer Verzinsung von 4 Prozent pro Jahr am Ende eines Anlagejahres 10.400 Euro (eventuell plus Zinseszins) auf dem Kontoauszug, die nach Abzug der Inflationsrate immerhin noch eine Kaufkraft von etwa 10.250 Euro haben. Dies gilt aber eben nur, wenn der Sparer dieses Geld nun verkonsumiert, denn buchhalterisch ist sein Vermögen schon heute betrachtet weniger Wert, da sich der Staat zu Negativzinsen bzw. Minizinsen refinanziert und somit der Geldwert fortlaufend sinkt. Was also sinkt, ist das Vermögen auf den Konten und zwar im zukünftigen Wert. Das klingt sehr abstrakt, das Prinzip lässt sich an einem Beispiel verdeutlichen: Wer vor 15 Jahren eine Immobilie für 250.000 DM an einem lukrativen Standort gekauft und sie regelmäßig instand gesetzt hat, der würde heute wohl über 350.000 Euro beim Verkauf erzielen. Doch dieser Zuwachs wird erst erzielt, wenn die Immobilie verkauft wird. Stellt sich ein Jahr später heraus, dass das Grundstück dioxinverseucht ist, so hat die Immobilie keinen realisierbaren Verkaufswert mehr. Entscheidend ist also immer, welcher Erlös dann erzielt werden kann, wenn Kauf oder Verkauf stattfinden. Erst der dann entstandene Erlös oder Verlust sagt etwas über den Wert einer Währung in der Zukunft aus: Reine Buchwerte auf den Konten können hingegen täuschen. Jeder der Betroffenen, denen eine Schrottimmobilie angedreht wurde, kennt das Prinzip aus bitterer Erfahrung. Während die Immobilie für 300.000 Euro gekauft und finanziert wurde, was so auch in den Finanzbüchern dokumentiert wurde, kann sich beim Immobilienverkauf der Wert der Immobilie als deutlich niedriger herausstellen. Dieser Verlust fällt erst auf, wenn der Immobilieneigentümer den Wert der Immobilie im freien Markt realisiert. Das permanente Drucken des Geldes durch die Staatengemeinschaft ist gewissermaßen die schleichende Dioxinvergiftung der Gelddepots. Die Kauf- und Verkaufspreise , solange die Geldmenge nicht den Verkäufer-Käufer-Markt erreicht.

Vermögensinflation gut versteckt

Während eine Konsumenten-Inflationsrate von mehr als 5 Prozent schon längst zu Schlagzeilen und Protesten geführt hätte, da dies der Konsument ja täglich beim Einkaufen spüren würde, ist die Vermögenswerteinflation ein gut versteckter Weg für den Staat, die Privatvermögen langsam in den Abbau der Staatsschulden zu überführen: Schwer zu erklären, schwer zu verstehen und schwer zu glauben für den Otto-Normal-Verbraucher. Ob deswegen die Mehrzahl der Medien erst gar nicht den Versuch unternimmt, diese Thematik anzusprechen? Und ob es auch daran liegt, dass die ABS so selten erklärt werden? ABS – kennen Sie nicht? Nein – nicht das Anti-Blockier-System im Auto. Dagegen spricht ja nun gar nichts. Asset Backed Securities sind gemeint. Herr Draghi, in seiner Funktion als Master der EZB, hat gerade einen groß angelegten Angriff auf die Vermögenswerte gestartet, indem er den Ankauf von ABS in einem sogenannten QE-Programm forciert. Worum geht es hier?

ABS wie Waffen im Finanzmarkt

Europaabgeordneter Sven von Storch erklärt dazu: „Hinter diesen kryptischen Abkürzungen stecken faktisch die Atomwaffen der EZB, die letzten und äußersten Mittel mit unbegrenzter Zerstörungskraft. ABS- und QE-Programme bedeuten nichts anderes, als dass die EZB Staaten und Banken direkt und faktisch ohne Hinterlegung irgendeiner wertigen Sicherheit oder Gegenleistung Kredit gewährt, also Geld druckt. … Es gibt keine Maßnahmen, die schneller und direkter in die Inflation führen, als die hier angesprochenen. Genauer: Es ist nachgerade ausgeschlossen, dass sich eine massive Inflation vermeiden lässt, wenn die Programme umgesetzt werden.“

Wenn der Geldsee auf die Staumauer drückt

Man muss sich das so vorstellen, dass diese gedruckten Geldmengen von der EZB wie von einer Staumauer angestaut werden. Sie schwappen nicht auf den Markt, sind aber vorhanden und – das ist eben das Schlimmste – es gibt keine wirkliche Lösung, was mit dem aufgestauten Geldsee passieren soll. Der Druck auf die Staumauer wird immer größer – der Zulauf des Geldes wird weiter erhöht. Je mehr das Problem in die Zukunft verlagert wird, desto mehr verdrängt die Bevölkerung –und wohl auch die Politik? – dass es weiterhin besteht. Es potenziert sich sogar und die Gefahr einer unkontrolliert brechenden oder überlaufenden Staumauer wird immer größer. Was bisher unternommen wurde, war die Installation mehrerer Erhöhungen dieser Staumauer. Man hat weitere Staubecken – Rettungsschirme genannt – geschaffen, gleichzeitig aber immer mehr Flüsse in diese Staubecken umgeleitet. Das Gelddrucken – vergleichbar mit den Wasserzuläufen in die Staubecken – wird sogar noch forciert. Es ist, als ob jemand angesichts einer überlaufenden Badewanne noch den Wasserhahn aufdrehen würde, anstatt den Stöpsel zu ziehen.

Eine giftige, intransparente Brühe ergießt sich in den Geldsee

Fluss stinkende BrüheEs kommt noch schlimmer: Diese Asset Backed Securities, die hier angekauft und im Staubecken der EZB eingelagert werden, sind kein reines Wasser, sondern eine giftige, schlammige Substanz, von der niemand exakt weiß, woraus sie besteht. „ABS, das sind jene zu undurchsichtigen Paketen zusammengeschnürten Schrott-Kredite, die maßgeblich die große Krise von 2008 ausgelöst haben“, erklärt EU-Abgeordneter von Storch. Diese risikoreichen Papiere kauft die EZB von den Privatbanken zurück, in der Hoffnung, dass diese Liquidität freibekommen, um mehr Kredite für die Realwirtschaft zu vergeben. Die Risikopapiere wandern zur EZB – die Privatbanken erhalten Anleihen, die weniger risikoträchtig sind. Weniger Risiko, bedeutet für die Banken auch weniger Rückstellungen, also mehr freie Mittel für die Investition in Unternehmen und Kreditvergabe für Unternehmen. Zur giftigen, schlammigen Masse, die hier aus dem Privatvermögen auf den Steuerzahler übertragen wird, kommt noch das unheilige Management. Black Rock, einer der größten Privatinvestoren, der gerade medienwirksam vorgibt, sich aus Russland zurückzuziehen, soll durch Draghi von der EZB damit beauftragt worden sein, diese ABS anzukaufen. Das muss man sich nochmal einmal auf der Zunge zergehen lassen: Die EZB kauft Giftpapier von den Privatbanken zurück, damit diese mehr in private Unternehmen investieren können und diese Rückkäufe soll federführend einer der Hauptinvestoren der Privatwirtschaft durchführen. Wer hier nicht die Glocke der Interessenskonflikte scheppernd hört …

Solange die Staumauer hält, ist alles gut …

So wie sich das Wasser seinen Weg zum Meer beziehungsweise immer zur tiefsten Stelle sucht, so sucht sich auch das Geld seinen Weg in den Markt. Wenn es dort angelangt ist, wird es Einfluss auf die reale Wirtschaft haben und es wird als deutliche Inflation wahrgenommen werden. Ist der Staudamm erst einmal gebrochen und ergießt sich die Geldmenge, so ist diese kaum mehr zu steuern. Professor Dr. Serge Ragotzky* fasst es so zusammen: „Wenn die Menge eines Tauschgutes, in diesem Fall des Geldes, erhöht wird, ändern sich entsprechend alle Tauschverhältnisse. Darum ist auch ein Liter Wasser in Mitteleuropa nicht so teuer wie in der Sahara. Ökonomen wie Ludwig von Mises gaben deswegen bereits die Geldmengenausweitung und nicht erst den später folgenden Verbraucherpreisanstieg als die eigentliche Inflation bezeichnet. Es ist durchaus zu befürchten, dass die bereits stattgefundene und zusätzlich geplante Geldmengenerhöhung in der Eurozone zeitverzögert zu erheblichen Preissteigerungen führen wird. Unsichere Konjunkturaussichten können zwar das Ausgabeverhalten der Bürger über eine sinkende Umlaufgeschwindigkeit des Geldes bremsen und damit den Geldmengenausweitungseffekt auf die Verbraucherpreisinflation temporär kompensieren. Die historische Erfahrung zeigt aber, dass die proportional zu erwartende Verbraucherpreisinflation mittel- bis langfristig in der Regel nachgeholt wird.“

Eine Flutwelle wird vor allem den „kleinen Sparer“ überrollen

Geld entsorgtEines ist in jedem Fall sicher: Die Staatengemeinschaft wie auch die privaten Investoren werden ihre Vermögenswerte längst in sicheren Häfen haben, wenn die Staumauer bricht und sich die Geldmenge in den Markt ergießt. Vor allem die in Geldwerte investierten Altersvorsorgesparer wird es nasskalt erwischen. Investoren wie Black Rock, die an der Quelle zusammen mit der EZB die Prozesse lenken, werden schön im Trockenen bleiben. Ein direktes Investment in Black Rock ist da sicherlich nachhaltig-renditereicher als in eine gesetzliche Riester- oder Rürup-Rente. Das mit dem „nachhaltig-renditereich“ sei besser gleich zurückgenommen. Nachhaltig? Ob und inwieweit die Investments von Black Rock nachhaltige Investments sind, darf bezweifelt werden. Doch das wäre mal ein ganz eigenes Thema. Wir merken uns nur: Die Krise ist nicht weg – sie staut sich nur unsichtbar hinter einer Mauer an.

Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen sie die EZB oder die amtierende Bundesregierung.

Andreas Müller-Alwart


Autor Andreas Müller-Alwart ist selbständiger Journalist, Coach sowie Requirement Engineering Manager und Mitglied des Reflektion-Teams.

Bild- und Grafikquellen:

  1. Beitragsbild: «Heile Welt» – http://pixabay.com/de
  2. «Zukunft» – Kasper – www.pixelio.de
  3. «Finanzmarkt» – http://pixabay.com/de
  4. «Hyperinflation» – Rolf Handke  / www.pixelio.de
  5. «stinkende Brühe (Fluss)» – Lu Guang/Greenpeace
  6. «Geldentsorgung» – http://pixabay.com/de

Die Lügen-Spirale: Warum Krisen stets wiederkehren und uns immer “überraschen”

von Markus Gärtner

Warum werden die BIP-Zahlen ständig deutlich nachgebessert? Warum ist die Inflation auf unseren Kassenzetteln höher als das, was die Notenbanker uns weißmachen wollen? Und warum räumen deutsche Statistiker mit eineinhalbjähriger Verspätung ein, dass die Republik Ende 2012, Anfang 2013 doch in einer Rezession war?

Weil Ökonomen bekloppt sind und nicht wissen, welche Zahlen sie da eigentlich auf ihren Taschenrechnern jonglieren?

Mir war diese Antwort immer zu einfach. Vielleicht weil ich selbst zu dieser Spezies gehöre. Ich bin nicht gerne Mitglied in einem bekloppten Dilettanten-Verein. Vielleicht ist es auch nur fortschreitende Korruption unserer Zunft, denke ich mir manches Mal.

Warum nicht, wenn die Finanz-Mafia sowieso alle Bereiche unserer Gesellschaften vereinnahmt und beherrscht. Allein die Notenbanken in den USA und Europa beschäftigen Tausende von Ökonomen, von den Banken ganz zu schweigen.

Vielleicht gibt es mehr Ökonomen als katholische Beichtstühle oder Zigarettenautomaten. Und wenn der Anteil der Notenbanken an deren Beschäftigung so hoch ist, dann kann auf diese Zunft mit der Macht der Jobvergabe großer Einfluss ausgeübt werden. Wenn die bestbezahlten Arbeitsplätze auf der anderen Seite lauern, werden eben manche weich und lassen sich massieren.

Auch das schien mir aber als Erklärung zu einfach. Bis gestern Abend.

Da fiel mir eine Studie von Luigi Zingales und Robert Mc Cormack von der Booth School of Business an der University of Chicago in die Hände. Allein der Titel spricht Bände, denn er klingt wie ein Pamphlet: “Die Vereinnahmung der Ökonomen verhindern”, heißt das lesenswerte, wirklich witzige und schroff ehrliche Papier. Es geht, um es ganz simpel zu sagen, um die Ökonomie der Ökonomen-Meinungen.

Um die Antwort von Zingales und Mc Cormack vorweg zu nehmen: Ja, Ökonomen sind auch keine besseren Menschen als Totengräber, Aktuare, oder Tankstellenpächter. Sie sind käuflich. Und je näher ihre Jobs am großen Strom des Geldes angesiedelt sind, desto beweglicher scheinen ihre Gedanken und Analysen. Völlig normale Typen halt.

Damit ich nicht lange das Papier wiedergeben muss, hier der Link zum Blog des Harvard Business Review, wo das zusammengefasst wird.

Wenn man sich diese Zeilen zu Gemüte geführt hat, wird deutlich, warum in der wirtschaftlichen Analyse angeblich immer alles so “überraschend” ist. Es war überraschend, dass Apple das neue Smartphone ohne diesen oder jenen Knopf brachte, dass Japans Wirtschaft im zweiten Quartal so drastisch einknickte, oder dass die Euro-Krise doch noch nicht vorbei ist.

Ganz klar, je systematischer man vorher wegschaut, desto größer sieht das Gespenst, das nicht verschwinden will, irgendwann einmal aus, wenn man doch genauer hinschaut, oder die Rechnung auf den Tisch kommt und die Zahlen schwarz auf weiß belegen, welche horrende Wirklichkeit zuvor wegmanipuliert oder in den Zahlenwerken wegmassiert wurde.

In der Politik beobachten wir das ganz genauso.

So kommt es, dass plötzlich alle überrascht sind, dass die Schotten DOCH unabhängig werden wollen, oder dass Frankreich DOCH den Bach runtergeht, dass in Deutschland DOCH nur die Fassaden glitzern während das Fundament bröckelt, oder dass die Fed im kommenden Jahr doch nicht an der Zinsschraube drehen wird. Ein 10jähriger hätte das besser vorhergesehen als viele Star-Analysten der Wall Street, weil denen die Seite des Gehirns amputiert wurde, die für Wahrhaftigkeit zuständig ist.

Mit der selben Logik sitzen jetzt viele vor den Ifo-Kurven und staunen Bauklötze darüber, wie die schöne, sichere, solide Bundesrepublik in so kurzer Zeit wirtschaftlich solche Risse bekommen konnte. Oder, warum der Euro am Ende DOCH mit einem galaktischen Knall auseinander fliegen wird.

Das schlimmste an diesen Lügengebilden, die alle irgendwann implodieren, ist aber nicht die Lüge selbst. Die ist ja meist durchschaubar und leicht zu entlarven. Das wirklich Schlimme ist, dass wir die Lügen trotzdem meist willig schlucken oder nicht widersprechen, weil sie eine angenehme, anästhesierende Erklärung für unsere Beobachtungen (und Befürchtungen) liefern.

Doch je länger dieses Spiel gespielt wird, desto teurer und schmerzhafter wird das späte Erwachen. – Die Ökonomen halten das dann brav als überraschendes Ereignis in den Geschichtsbüchern fest und setzen über Jahrzehnte hinweg hunderte von Doktoranden daran, die steile Kehrtwende der Ereignisse, die nie hätte eintreten sollen, doch noch befriedigend zu erklären.

Und weil alle 80 Jahre die Zeitzeugen der jeweils letzten Katastrophe aussterben, geht dann alles wieder von vorne los. Die Instrumente im Koffer der Ökonomen – und aller anderen Berufe – mögen dann neu oder gar verbessert sein. Der Lügen-Mechanismus bleibt immer gleich.

Und genau deshalb gibt es kein kollektives Lernen. Nur dieses zyklisch wiederholte Leiden und Bluten.

Markus Gärtner


Textquelle: Gärtners Blog – «Die Weltwirtschaft vom Pacific aus»

Bild- und Grafikquelle:

  • Beitragsbild: Fibonacci Blue, Flickr CC

Tschüss BIP

von Andreas Müller-Alwart

Jedes Quartal und natürlich einmal am Ende eines Jahres blickt die wirtschaftsorientierte Klientel Deutschlands auf das BIP. Das Bruttoinlandsprodukt. Mit viel Akribie und auf zwei Nachkommastellen exakt berechnet, werden die Werte verkündet – wobei der Blick von Jahr zu Jahr mehr auf die Nachkommastellen fokussiert werden muss, denn vor dem Komma will das BIP nicht mehr so viel wachsen. Jedenfalls nicht im Vergleich zu China: Hier hat ein großer Nachholbedarf in Sachen Konsum und Produktion zu viel ansehnlicheren Wachstumsraten geführt. Diese Zeiten sind aber inzwischen auch vorbei und der chinesischen Statistik hat ohnehin kaum jemand so ganz getraut. Zweierlei muss allerdings gleich geklärt werden.

Dreimal bereinigte Werte

BIP Brutto Inlandsprodukt QuartalWährend die deutschen BIP-Werte dreimal gereinigt werden, sind die chinesischen eher weniger porentief vorbehandelt. Damit nämlich die BIP-Werte in Deutschland überhaupt vergleichbar sind, werden sie preis-, saison- und kalenderbereinigt und dann wird noch hier und da verkettet, wie der Statistiker das nennt. Warum diese Reinheit ohnehin bald überflüssig sein dürfte, folgt gleich. Der Vergleich mit Wachstumsraten anderer Länder muss jedenfalls immer in Relation zu den nominalen Zahlen gesehen werden. Ein Wachstum von 7 Prozent kann 107 Euro gegenüber 100 Euro des Vorjahres bedeuten. Wenn also jemand von 50 Prozent redet, die er verspricht, sollte die Rückfrage immer lauten: 50 Prozent wovon? Und als Antwort sollte man keinesfalls gelten lassen: „von 100 Prozent“; die korrekte Antwort muss immer den Bezugswert enthalten und z. B. lauten: „von einer oder von zehn Millionen Euro“.

Kein Profit? Schade für das BIP

Wir wollen uns hier gar nicht lange damit aufhalten, dass es seit Jahren vielerlei Kritikpunkte an der Sinnhaftigkeit des BIP gibt: Ist es für eine Volkswirtschaft wirklich so wertvoll, wenn eine Kennzahl auch wertvoller wird, je mehr Blechschäden und Verletzte wir haben oder je mehr Operationen wir durchführen mussten? Dazu wurde alles schon mal irgendwo geschrieben. Das BIP kann sich als Kennzahl der volkswirtschaftlichen Leistung einer Gesellschaft schon ohne dies Fachdebatte und aus einem anderen Grunde verabschieden: In einer Welt, in der immer mehr gemeinnützige Organisationen, Stiftungen und Vereine weitgehend in Kooperation und unentgeltlich, Leistungen erbringen und Mehrwerte schaffen, die in keiner Statistik als monetäre Zuwächse vermerkt werden, drückt das BIP nicht mehr das aus, was den Wert einer Gesellschaft darstellt. Der Wechsel zu einer kooperierenden Gesellschaft– zu einer Gesellschaft, die nicht mehr monetären Profit als Hauptziel vor Augen hat – ist in vollem Gange. Und die Volkswirtschaftler und ihre Statistiker haben das BIP dieser Veränderung niemals angepasst. Fatal, denn soziale Gemeinschaften sind alles andere als eine kleine, am Markt teilnehmende Gruppe. „Nichtsdestoweniger ist diese soziale Ökonomie eine beeindruckende Kraft“, weiß auch Jeremy Rifkin in seinem neuen Buch („XERO“). Er verweist dabei auf eine Studie des Center for Civil Society Studies der Johns Hopkins University, die sich 40 Länder angesehen hat. Ergebnis: „Die Betriebsaufwendungen der Non-Profit-Commons belaufen sich auf 2,2 Billionen Dollar.“ In acht der untersuchten Länder, nämlich USA, Kanada, Japan, Frankreich, Belgien, Australien, Tschechien und Neuseeland „macht der Non-Profit-Sektor im Durchschnitt 5 Prozent des BIP aus. Sein Anteil übersteigt den Anteil aller Versorgungsunternehmen zusammengenommen, ist gleich dem des Bausektors und fast so groß wie der Anteil von Banken, Versicherungen und Finanzdienstleistern.“ Wir wissen alle schon lange, dass ohne diese sozialen, caritativen und unentgeltlichen Leistungen unsere Gesellschaft nicht funktionieren würde. Was sollen, was wollen wir also weiterhin mit einer Kennzahl anfangen, die diese elementare Basis unserer Gesellschaft einfach ignoriert? Sie ist nicht mehr zeitgemäß.

Kooperation statt Konkurrenz? Schade für das BIP

Das BIP wird weiterhin an Sinn und Wert verlieren, wenn die Entwicklung zur kooperierenden statt konkurrierenden Gesellschaft weiter anhält. Rein volkswirtschaftlich betrachtet ist es heute schon schwer herauszurechnen, was eigentlich im Inland produziert und was im Ausland produziert und dann im Inland weiterverarbeitet wurde. In einem globalen Markt verliert das BIP an vergleichendem Wert, weil der Handel sich immer mehr internationalisiert. Überhaupt misst das BIP nur die Werte, die gehandelt und fakturiert werden. Kooperationsgeschäfte ohne Handel und ohne Fakturierung, erscheinen im BIP nicht. Wenn zwei Familien sich gegenseitig beim Umzug helfen und so gegenseitig ein paar Tausend Euro Umzugskosten sparen, guckt das BIP in die Röhre. Den angemieteten Umzugs-LKW kann es noch verbuchen – das war‘s dann aber schon.

„Kost nix – ist nix!“ – Das gilt so nicht mehr.

Es hat eine Weile gedauert, bis die unentgeltlichen Nachbarschaftsleistungen aus der örtlichen Nähe in das globale Web gewandert sind. Doch es ist nicht mehr umkehrbar: Wir haben riesige Peer-To-Peer-Netzwerke, in denen sich Menschen gegenseitig helfen. Menschen mit gleichen Problemen, Menschen mit gleichen Hobbys und natürlich auch viele Menschen mit wirtschaftlichen Anliegen. Wenn ich eine Rechtsberatung benötige, kenne ich einen Anwalt, von dem ich diese erhalte. Wenn der Anwalt einen Pressetext für seine PR benötigt, kennt er mich. Sein und mein Netzwerk sind so angelegt, Kosten und Steuern zu vermeiden: WIN-WIN statt BIP. Ich stelle Dir nichts in Rechnung und Du stellst mir nichts in Rechnung. Dennoch entsteht ein Mehrwert für die Gesellschaft – aber eben nur für die soziale Gesellschaft: Gehandelt wurde ja nichts.

Qualität entsteht? Ist dem BIP egal …



Die Rollen der Menschen im Wirtschaftsalltag sind heute vielfältig – sie verändern sich teilweise binnen Tagen oder sogar Minuten: Tagsüber bin ich vielleicht jemand, der mit Kunden spricht und ihnen etwas verkauft. Abends bin ich vielleicht selbst ein Konsument, der aber einer Firma kostenfrei Ideen und Produkttipps liefert. Dafür erhalte ich vielleicht vorrangige Informationen oder es macht mir einfach Spaß, an einer Qualitätsverbesserung mitzuarbeiten. „Eigennutz wird gemildert durch kollaborative Interessen, und der traditionelle Traum, es vom armen Schlucker zum Millionär zu bringen, wird ersetzt durch den neuen Traum von einer nachhaltigen Lebensqualität.“ (Rifkin) Wir sind nicht mehr fest in einer Rolle verankert, wir wollen nicht mehr abhängig sein in einer reinen geldorientierten, wachstumsbezogenen Gesellschaft, sondern verlassen den Hafen und gehen auf die Reise im Internet – wann immer wir das wollen. Wir haben verstanden, dass die Lebensqualität sich nicht in Besitztümern und Geld ausdrückt, sondern in der Qualität des jeweiligen Momentes, den es zu nutzen gilt. Nun könnte man meinen: Ok – dann werden wir halt doch so etwas wie ein Glücks-BIP haben, das misst wie glücklich die Menschen sind. Man kann darüber diskutieren, man kann sich aber auch fragen, wozu eine solche Messung gut sein soll. Heute stellen wir dem BIP oft andere statistische Werte gegenüber und prangern damit Missstände an: Anzahl misshandelter Kinder, Anzahl Operationen, Gesundheitsaufwendungen, Unfalltote usw. Das zeigt doch: Was offensichtlich nicht gut läuft, wird durch ständiges Messen auch nicht besser, sondern nur durch Handeln. Soziale Gemeinschaften können Handeln, aber brauchen dazu den Messwert nicht.

Beim BIP wird jedes Jahr ermittelt, welche Beiträge private Konsumenten oder staatliche Investitionen beitragen. Was interessiert denn noch das Zustandekommen einer Kennzahl, wenn die Kennzahl selbst nicht mehr relevant ist. Auch das können wir uns zukünftig sparen. Die Staatsquote oder Investitionsquote kann ja weiterhin separat gemessen werden. Warum aber in einer Gesellschaft, in der immer weniger Menschen Arbeit finden, in der immer mehr Schulden bei privaten wie auch staatlichen Haushalten angehäuft werden und in der ein wachsender Anteil des Einkommens (somit auch des BIP) in die Taschen der Reichen wandert, warum in dieser Zeit sich noch mit dem BIP beschäftigen?

Niedrige Grenzkosten mindern das BIP fortlaufend

Kommt hinzu: Wir werden immer günstiger produzieren, weil es heute oft möglich ist, kleine Mengen in entfernteste Gegenden zu liefern. Es ist für mich als Autor kein Problem, einem deutschen Leser mein Buch als PDF nach Indonesien zu schicken und den Betrag per Kreditkarte zu erhalten. Ich brauche keine Druckerei, keine Setzerei. Layout und das Buch (PDF) mache ich selber – das Lektorat bekommt einen Teil des Autorenhonorars ab. Fertig. Die Marge ist gering – das BIP wird dadurch kaum erfreut. Das ist die Geschäftswelt, in der wir schon leben und dieser Trend wird sich zügig verstärken. „Und je mehr Güter und Dienstleistungen so gut wie umsonst zu haben sind, desto weniger wird auf dem Marktplatz gekauft – auch das mit negativen Folgen für das BIP“ (Jeremy Rifkin). Die ganzen Zwischenhändlermargen (z. B. von Groß- und Einzelhändler, Transporteur, Lagerist …) fallen alle weg.

Statt Handel und Kauf – Tausch und Teilhabe


Es kommt der Trend zur Tausch- und Teilwirtschaft hinzu. Musik wird nicht mehr als Tonträger gekauft und ins Regal gestellt. Immer mehr Menschen hören Musik in der Cloud oder streamen. Bei Videos/Filmen der gleiche Trend. Einen größeren Aufsitz-Rasenmäher teilen sich zukünftig vielleicht mehrere Leute in einer Siedlung, die qualitativ gute Bohrmaschine darf zukünftig teurer sein, gehört aber der ganzen Hausgemeinschaft. Zugang geht vor Besitz, wie der Bestsellautor Jeremy Rifkins übrigens schon zum Ende des letzten Jahrhunderts in „Access“ plausibel erklärte und vorhergesehen hatte. Und ist es nicht zusätzlich widersinnig, eine nachhaltige Wirtschaftspolitik anstreben zu wollen, gleichzeitig aber sowohl umweltschonende wie auch umweltschädliche Methoden gleichermaßen in einer Kennzahl einzurechnen? Das BIP interessiert sich nicht dafür, zu welchem Zweck etwas produziert und gehandelt wird. Ob ein Messer für Köche oder die Militärjunta produziert wird, ist dem BIP egal.

Tschüss BIP!

Es ist wahrscheinlich tief gestapelt, wenn Rifkin meint: „Das BIP als Indikator wirtschaftlicher Leistung wird wahrscheinlich in den kommenden Jahrzehnten mit dem Rückgang der Marktwirtschaft an Bedeutung verlieren.“ Das ist so seine Art uns zu sagen: Verabschiedet Euch schnell, solange es noch lebt … Sagt: „Tschüss BIP!“.

Zum Schluss ein Blick zum Anfang

Kaum jemand erinnert sich, wann und warum überhaupt das BIP seinerzeit in Deutschland eingeführt wurde. Die Wirtschaftswoche schrieb es einst knapp so: „Die Entscheidung zugunsten des BIP als entscheidendem Parameter der Wohlstandsmessung fällt erst in den zwanzig Krisenjahren von 1930 bis 1950 – die wichtigen Stichworte lauten: New Deal, Zweiter Weltkrieg, Marshallplan.“ Die etwas ausführlichere, aber sicherlich deswegen streitbare Fassung: Eigentlich sollte ja Deutschland nach zwei Kriegen nicht mehr auf die Füße kommen. Strafe muss sein. Dann aber stellte sich heraus, dass ein starkes Deutschland als kapitalistischer Block gegenüber den kommunistischen Oststaaten strategisch bedeutsam sein könnte. So führten die Alliierten, vor allem natürlich die USA, das BIP in Deutschland ein, um sich einen Überblick zu verschaffen wie es um die deutsche Wirtschaft steht. Für den Marshallplan waren diese Kennzahlen seinerzeit von großem Wert. Uns zeigt dies heute: Der einst historische Anlass zur Einführung des BIP ist aus heutiger Sicht überholt. Die Skeptiker unter Ihnen werden gerade dies als Steilvorlage nehmen, um dem BIP weitere bedeutsame Jahre zu wünschen – nach dem Motto: Mal sehen wie nahe uns die Ostländer in den nächsten Monaten wieder kommen und ob wir dann nicht wieder einen Überblick à la BIP brauchen. Ganz ehrlich: Wenn sich diese Krise weiter zuspitzt, dürfte die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung unser geringstes Problem sein, oder?

Andreas Müller-Alwart


Autor Andreas Müller-Alwart ist selbständiger Journalist, Coach sowie Requirement Engineering Manager und Mitglied des Reflektion-Teams.

Bild- und Grafikquellen:

  1. Beitragsbild: “Das Mikado der Staatshilfen” – Dr. Klaus-Uwe Gerhardt  / pixelio.de
  2. “BIP preisbereinigt” – Statistisches Bundesamt

Deutsche Marktwirtschaft UBER alles

von Andreas Müller-Alwart

Gedanken zum deutschlandweiten Verbot von UBER und welche Erkenntnisse sich daraus ableiten lassen. Wie ist es um die Kreativität, den Wettbewerb, um Kooperationsfähigkeit und Vertragsfreiheit in diesem Land bestellt?

Ich entstamme noch einer Generation, die üblicherweise in den Ferien mit InterRail auf stählernen Pfaden Europa eroberte. Denkbar günstig war es, wenn man mit diesem Ticket und bei guter Kursbuchplanung so durch Europa reiste. Billigflüge gab es nicht und Trampen hätte viel zu lange gedauert, sodass dies der preiswerteste Weg war, um viele Länder Europas auf der Liste rasch abzuhaken. Ein Hauch von „Abenteuer des Schienenstrangs“ (Jack London) war immer dabei. Schade, dass es damals weder Twitter, Facebook noch Foren gab. Die Reiseberichte wären endlos schön und spannend und für alle sofort zugänglich gewesen. Und erst noch die Tipps …

Den Daumen in den Wind gehalten

per AnhalterUnd in Deutschland war ich oft trampenderweise unterwegs. Ja – damals konnte man auf Autobahnen noch trampen. Dann wurde das aus „Sicherheitsgründen“ verboten. Zur Sicherheit der Tramper natürlich … Wir Deutsche können halt einfach nicht auf uns selbst aufpassen und tatsächlich wurden auch mal Tramper ermordet oder mitnehmende Autofahrer ausgeraubt. Das reichte, um diese kostenfreie Transportmöglichkeit platt zu machen. Auch regional habe ich den Daumen in den Wind gehalten: Die preiswerte Umwelt-Netzkarte, mit der Freiburg später sehr bekannt wurde, gab es nicht. Wer nicht täglich fuhr, für den war der öffentliche Personennahverkehr teuer und umständlich. Und Trampen bringt ja auch für das Bruttoinlandsprodukt keinen Mehrwert – also weg damit. Taxifahren? Das war was für den Notfall – für Kranke oder für Omis und führerscheinlose Reiche. Unsereiner konnte sich eine Taxifahrt wirklich nur in seltenen Ausnahmefällen leisten. Und auch heute ist Taxifahren noch sehr teuer – jedenfalls in provinzialen Großstädten wie Freiburg. Wenn ich es mir leisten konnte, so nutzte ich ein Monats-Tramper-Ticket: Ja das hieß wirklich so bei der Deutschen Bahn. Eine Monatsnetzkarte für junge Leute für 120 DM (!!!) inklusive der damaligen neuen, schnellen IC-Züge. Ich muss es nochmals wiederholen: Eine Monatsnetzkarte inklusive der damals üblichen schnellen IC-Verbindungen für 120 DM. (Gesundheitlicher Warnhinweis: Bitte schauen Sie nicht nach, was eine solche Karte heute kosten würde und bitte überschlagen sie nicht, welcher Inflationsrate das entsprechen würde. Es könnte ihrer Gesundheit schaden!)

Von Mitfahrzentralen zu Fernbussen

In diesen Tagen wird uns nun erst klar, was uns so alles verloren ging. Für InterRail und Monats-Tramper-Ticket bin ich zu alt, fürs Trampen eigentlich auch, obwohl es mich sehr reizt nochmal so zu reisen: Die gefundenen Kontakte und erlebten Fahrten waren sehr intensiv, hatten etwas von Goethes Erkenntnis („Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erleben.“). Und wie war es im Heimatort: Da junge Leute sich oft kein Taxi leisten konnten, der öffentliche Nahverkehr zu den nächtlichen Eventzeiten früher nicht fuhr, wurden später subventionierte Taxis, Sammeltaxis, Ruftaxis und Nachtbusse eingeführt. Letztere sehr zum Ärger der Taxiunternehmen, denn in der Nacht hatten sie einst eine Art Monopol. Heute wissen wir, dass wir von Glück sagen können, dass deutschlandweite, ja sogar europäische Mitfahrzentralen, schon gegründet worden waren, als es noch keine Fernbusse gab. Die wiederum gab es nicht, weil die Bahn das Monopol auf diesen Transport hatte. Die Bahn wiederum bot jahrzehntelang selbst keine Fernbusse an, weil sie eine Kannibalisierung der einträglichen, sichereren Einnahmen aus dem Bahnverkehr vermeiden wollte.

Die Bahn und das BIP leiden …

Fernbusse / MeinFernbusSchaut man sich heute die Einnahmenminderungen der Bahn durch die Fernbuskonkurrenz an, die sich durch den Wechsel der Fahrgäste auf die Fernbusse ergeben, wird klar wie viele Einnahmen die Bahn Jahr für Jahr mehr im Topf hatte. Einnahmen, die beim Otto-Normal-Verbraucher überflüssige Kosten waren – und dies ebenfalls jahrzehntelang: Auch eine Form der Quersubventionierung und keinesfalls die viel gepriesene, pure Marktwirtschaft. Nur so nebenbei: Für das Bruttoinlandsprodukt (BIP), diese unsinnige Kennzahl volkswirtschaftlichen Strebens eines Landes, bedeutet dies letztlich eine Minderung des Umsatzes. Die Einführung von Fernbussen – ohne Zweifel eine Bereicherung für Reisende in Deutschland – ist kennzahlentechnisch betrachtet, negativ für unser Land, denn die Einnahmen aus Beförderungen sinken in der Summe. Aber lassen wir das BIP beiseite und bleiben bei den Fernbussen.

Einstweilige Verfügung gegen „UBER“

Die deutsche, freie Marktwirtschaft erlebte also insofern eine kleine Renaissance im Transportwesen, als das Trampen per Internet – also die Mitfahrgemeinschaften – entstanden. Und eine weitere, als die Fernbusse eingerichtet wurden. Zum Glück geschah das in dieser Reihenfolge, sonst hätten die Fernbusbetreiber womöglich eine einstweilige Verfügung gegen die Mitfahrzentralen erwirkt, hätten auf ein von der Deutschen Bahn freigegebenes Monopol der Beförderung gepocht. Wie ich darauf komme? Nun: UBER, die App, die über Smartphone „spontane“ Fahrtmöglichkeiten zwischen Privatpersonen gegen Kostenerstattung anbietet, ist gerade vom Landgericht Frankfurt ausgehebelt worden. Bei Zuwiderhandlungen droht nun eine Strafe von 250.000 Euro – pro Fahrt bzw. Zuwiderhandlung. So geht man in Deutschland mit der Vertragsfreiheit, so geht man mit dem Wettbewerb in der Marktwirtschaft und so geht man mit guten Ideen um. Wenn Privatleute sich gegen Kostenerstattung in Kooperation helfen, ist das ein Gewerbe und Mitbewerber können auch die sinnvollste Kooperation so aushebeln. Das ist paradox.

„Bildet Fahrgemeinschaften!“

UBERJahrzehntelang haben uns die Politiker, Verbraucher- und Umweltverbände ein schlechtes Gewissen eingepaukt, haben uns klar zu machen versucht, wie unsinnig es ist, dass so viele Menschen einzeln in einem Fahrzeug morgens von der Schlafstadt zur Arbeitsstätte fahren. Pro Auto ein Arbeitnehmer. Bildet Fahrgemeinschaften, war DER Aufruf der 80er Jahre. Damals war das nur über eine Zeitungsanzeige/einen Aushang oder persönlichen Kontakt möglich. Aber damals wie heute gibt es die Fahrgemeinschaften und natürlich sind sie so organisiert, dass sich die Fahrer entweder abwechseln oder der ständige Fahrer, der die anderen Insassen mitnimmt, einen Kostenersatz erhält. Niemand wäre je auf die Idee gekommen, diese sinnvolle Kooperation anzuzweifeln. Kein Taxiunternehmen, keine Bahn, kein Verkehrsbetriebhat jemals dagegen geklagt. Man hat auch nicht den Anzeigenmagazinen untersagen, solche Anzeigen zuzulassen. Vielleicht wäre es anders gewesen, wenn Fahrgemeinschaften damals schon über ein Internetportal gewerblich organisiert und vermittelt worden wären, so wie es UBER heute über eine App anbietet?

Wird Kooperation gewerblich, wird sie zur Konkurrenz.

Eines ist jedenfalls sicher: An der einstweiligen Verfügung gegen UBER sieht man wieder einmal, dass jede gute Idee durch den Filter der Marktwirtschaft hindurch muss. Wird sie dort als gewerbliche Konkurrenz erkannt, dann spielt ihre Sinnhaftigkeit kaum noch eine Rolle. Dabei ist UBER vor allem eines, eines von vielen Signalen, dass Menschen kooperieren statt konkurrieren möchten. Die Zeichen der Zeit stehen auf Genossenschaften, Stiftungen, Tauschringe, gemeinschaftliche Nutzung hochwertiger Gegenstände – angefangen beim Aufsitzrasenmäher bis hin zur Schlagbohrmaschine. Die Zeichen der Zeit stehen außerdem auf „gemischte Einnahmeverhältnisse“. Gemeint sind z. B. Kleingewerbetreibende, die – ähnlich wie wir das z. B. aus Griechenland kennen – vielleicht in der Frühschicht an einer Tankstelle arbeiten, dann Kinder aus ihrem Ort zu einer Behindertenwerkstätte fahren, anschließend zwei Stunden sich bei UBER einloggen und sich dort etwas hinzuverdienen, um dann nachmittags für einen Paketdienst zu kommissionieren. Der Trend geht zu einer Mischung mehrerer kleiner Arbeitsverhältnisse und freiberuflicher Tätigkeiten. Langfristige Arbeitsverträge mit ausreichenden Nettoeinnahmen und ohne zeitliche Befristung werden geradewegs zu einer Rarität. Auf der anderen Seite haben die großen, teuren, nicht nachhaltigen und auch nicht innovativen Organisationen ausgedient. Taxiunternehmen sind out – das Geschäftsmodell funktioniert nicht mehr. Taxifahrer sind latent unterbezahlt, viele von ihnen erhalten ihr Grundrauschen über Krankentransporte; wobei zwischen Transport und Geldeingang von der Krankenkasse ein Vierteljahr vergehen kann und dazu ein enormer Aufwand zur Bewältigung der Bürokratie betrieben werden muss.

Taxibetriebe haben Smartphone-Trends völlig verschlafen

TaxiDie Taxiunternehmen haben den Smartphone-Trend scheinbar völlig verpennt. Längst hätten sie mit einer eigenen App Mehrwerte für die vielen Millionen Smartphone-Benutzer generieren und so die Kunden günstiger und besser bedienen können. Auf Dauer wird die Methode, nur auf Bestandsschutz zu pochen und zu klagen, nicht mehr funktionieren. Gegen UBER hätte man keine einstweilige Verfügung erlassen müssen. In einer kreativen, freien Marktwirtschaft hätten bei vielen Unternehmen die Ideen nur so sprudeln müssen. Eigentlich hätten z. B. die Krankenkassen UBER die Türe einrennen müssen. Anstelle eines Krankentransportes für 35 Euro, hätten sie über UBER die gleiche Leistung für 10 Euro organisieren können. Dabei sind die Krankenkassen sonst durchaus hellwach und kreativ. Auf meinen Fahrten von München nach Ulm habe ich selbst eine Weile über die Mitfahrzentrale leere (!) Blutkonservenbehälter im Auftrag des Krankenhauses transportiert. Kooperation ist immer der bessere Weg …

Durch das Festhalten am Bestandsschutz der Taxiunternehmen wird wieder einmal das Prinzip Kreativität und Kooperation unterlaufen. Mehr noch: Es wird wieder einmal das Prinzip der Kostenreduzierung unterlaufen. Im Fokus steht der Erhalt eines Traditionsbetriebes, der längst ein Billiglohnunternehmen geworden ist, das seine Arbeitnehmer nur bei langen Arbeitszeiten annähernd ernährt. Kommt hinzu: Mancher Taxifahrer wäre besser bedient, wenn er kündigen und für UBER ein paar Stunden am Tag fahren würde. Sein Reinerlös wäre vermutlich höher. Es mögen sich Firmen mit ihrem Bestandsschutz gerichtlich gegen Innovationen und Kooperationen dieser Art erheben, sie werden aber mittelfristig verlieren. Sie verlieren an Image, Kunden und Marktanteilen. Das Zeitalter, sich die Konkurrenz gerichtlich vom Hals halten zu wollen, sich gegen den Verbraucherwillen eine monopolähnliche Stellung im Markt sichern zu wollen, dieses Zeitalter naht dem sicheren Ende. Mag sein, dass UBER jetzt gerade verloren hat. Mag aber auch sein, dass es morgen gewinnt. Gute Ideen setzen sich immer durch – das ist ein Naturgesetz.


Autor Andreas Müller-Alwart ist selbständiger Journalist, Coach sowie Requirement Engineering Manager und Mitglied des Reflektion-Teams.

Bild- und Grafikquellen:

  1. Per Anhalter – http://marketpress.de
  2. Mein Fernbuss – Verena Brandt / MeinFernbus.de
  3. UBER – https://www.uber.com/
  4. Taxi – Q.pictures /pixelio.de
  5. Beitragsbild: Konkurrenz – Stefan Bayer / pixelio.de

Depression und Kapitalismus

von Lars Distelhorst

Der Staat hat Repression heute kaum noch nötig, da die herrschende soziale Ordnung auf einem weit verbreiteten gesellschaftlichen Konsens beruht, der sich vielleicht nicht allerorten aus begeisterter Zustimmung speist, in der gängigen Meinung, das Bestehende sei nun einmal nicht zu ändern, jedoch seinen stärksten Verbündeten findet. Hartz IV, Unterbeschäftigung, Working Poor und Arbeitslosigkeit sind weit verbreitete Phänomene und führen in Deutschland zu einer Armutsquote von über 15 Prozent [1]. Doch hat sich die Gestalt von Armut im Zuge der Entwicklung der westlichen Länder wesentlich verändert, führt heute vor allem zu sozialem Ausschluss und geht nicht mehr mit einer unmittelbaren Gefährdung des Lebens einher.

Vor diesem Hintergrund bewegt sich auch die weit verbreitete Diskussion um psychische Erkrankung, an deren Spitze die Diskussion über die Verbreitung von Depressionen steht. Der dahinter stehende Gedanke lässt sich leicht zusammenfassen: Durch die immense Entwicklung der Wirtschaft ist es der modernen westlichen Gesellschaft gelungen, nahezu alle existentiellen Probleme zu überwinden und sich als stabiles politisches System zu etablieren, doch hat dies einen hohen Preis gefordert. Der heutige Mensch ist praktisch immer bei der Arbeit, stets gehetzt, rund um die Uhr erreichbar und dadurch einem immensen Leistungsdruck ausgesetzt. Das Resultat liegt auf der Hand: Viele halten den Druck nicht aus und werden psychisch krank – vor allem depressiv. Die Zahlen scheinen diese Diagnose zu untermauern. Knapp über acht Prozent der Bevölkerung leiden unter Depressionen, hinzu kommen gut vier Prozent mit diagnostiziertem Burnout-Syndrom, die Zahlen sind steigend und werden die Armutsquote mit einiger Wahrscheinlichkeit bald überflügeln [2]. Es ist nicht verwunderlich, wenn die Verbreitung psychischer Erkrankung mittlerweile der Dreh-und Angelpunkt jeder Diskussion ist, in der nach den grundlegenden Problemen des heutigen Kapitalismus gefragt wird. In Abwesenheit lebensbedrohlicher Repression und Ausbeutung geht von der Depression ein Schauer aus, der einerseits das dumpfe Unbehagen vieler Menschen in der Gesellschaft erklärt und andererseits geeignet scheint, die von ihr ausgehende Bedrohung greifbar zu machen.

Die Depressionen können ebenso wenig wegdiskutiert werden wie ihre zunehmende Verbreitung, auch wenn die genauen Zahlen umstritten sind. Doch den Grund für diese Entwicklung im Leistungswahn der modernen Gesellschaft auszumachen, erscheint bei näherem Hinsehen als eine sehr verkürzte Form der Kritik, die eher dazu angetan ist, den Bestand der etablierten Gesellschaft zu garantieren als ihre Veränderung voranzutreiben. Ein Blick zurück hilft, diese These zu illustrieren.

Vor 150 Jahren, als der Kapitalismus noch auf klassischer Industriearbeit beruhte, die Landbevölkerung in die Städte strömte und nur die Alternative hatte, sich entweder bis aufs Blut ausbeuten zu lassen oder in Ermangelung tragfähiger sozialer Sicherungssysteme mehr oder weniger schnell zugrunde zu gehen, wären Arbeitstage von heutiger Länge und der mit ihnen einhergehende Lebensstandard den meisten Menschen als Paradies auf Erden erschienen. Viele Bergarbeiter blieben tagelang in den Stollen, und auch die Kinder blieben nicht verschont. Arbeitssicherheit gab es nicht, der Gesundheitszustand der Meisten war schlecht, die Lebenserwartung entsprechend niedrig und jede Form öffentlicher Kritik konnte verheerende Folgen haben. Engels Schrift „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“, Emile Zolas „Germinal“ oder auch André Malraux’ „La Condition humaine“ veranschaulichen diese Situation in aller Deutlichkeit. Jeden Tag das Schreckgespenst der Entlassung oder der Invalidität vor Augen verausgabten sich die Menschen bis zur Erschöpfung und konnten froh sein, wenn ihr schmaler Lohn ausreichte, um die Familien zu ernähren, die sich in viel zu kleinen Wohnungen drängten.

Die ewige HetzjagdtDie Frage mag zynisch erscheinen – aber hätte diese Zeit nicht die Geburtsstunde der Depression oder immerhin depressiver Symptome sein müssen? War das nicht die wahre Leistungsgesellschaft und war der auf den Menschen lastende Druck zu dieser Zeit nicht wesentlich höher? Und wenn dem nicht so war – warum nicht?

Diese Frage lässt sich auf die heutige Zeit übertragen. Aktuellen Studien zufolge stammen die an Depression erkrankten Menschen nicht aus dem Bereich klassischer Arbeitsbranchen wie Bauwesen, Land- oder Forstwirtschaft, deren Erkrankungshäufigkeit ganz im Gegenteil um 35 bis 50 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt liegt. Unter Depressionen leiden vor allem im Dienstleistungsbereich arbeitende Menschen, am stärksten solche, die in sozialen Berufen tätig sind [3]. Um die These aufrechtzuerhalten, Depression sei das Ergebnis des allgegenwärtigen Leistungsdrucks, könnte der geschichtliche Exkurs und die heutige Verteilung der Depression in verschiedenen Berufsgruppen nur durch die Behauptung erklärt werden, in von klassischer Arbeit geprägten Berufen sei der Druck geringer als in der Dienstleistungsbranche. Da aber Bauarbeiter offensichtlich nicht mehr zu lachen haben als Sozialarbeiter, scheint eine solche These reichlich abwegig.


Kapitalismus als Tautologie

Die Richtung, in der möglicherweise eine Antwort zu finden ist, eröffnet sich durch eine kurze Betrachtung, was unter Kapitalismus zu verstehen ist. Kapitalismus gilt vielen als wertender Begriff, der vor allem darauf zielt, die Profitgier der heutigen Gesellschaft zu geißeln. Entsprechend wird er von Gewerkschaftsfunktionären und SPD-Politikern immer dann gerne genutzt, wenn es auf den Wahlkampf oder den Ersten Mai zugeht. Auch in akademischen Kreisen wird er mit Vorliebe gezückt, um der eigenen Position das Flair eines gewissen radical chick zu verleihen.

Solche Verwendung des Begriffs verwundert einen, wenn man Marx denn gelesen hat. Im „Kapital“ wird der Begriff in rein deskriptivem Sinne verwendet, um den Dreh- und Angelpunkt einer ökonomischen Ordnung zu beschreiben, die durch den Kreislauf des Kapitals bestimmt wird. Kapital wird dabei als Geld bestimmt, das in Maschinen und Arbeitskraft investiert wird, um Waren zu produzieren, deren Zweck darin besteht, sich für mehr als das ursprünglich investierte Geld zu verkaufen, um mit dem Profit den Kreislauf auf erweiterter Stufenleiter erneut zu beginnen [4].

Das eigentliche Problem des Kapitalismus liegt darin, das Primat der Produktion stets in der Verwertung zu lokalisieren, zu der die Befriedigung von Bedürfnissen sich bestenfalls wie ein Nebeneffekt verhält [5]. Dass soziale Strukturen sich ab einer gewissen Größe von der unmittelbaren Intention ihrer Träger trennen und ein Eigenleben produzieren, ist bis zu einem gewissen Grad normal, doch der Kapitalismus steigert diesen Effekt in einem historisch einzigartigen Maße. Der eigentliche Zweck menschlicher Arbeit (Bedürfnis) wird zu einem bloßen Mittel (zur Verwertung), die Form (G-W-G’ – Geringwertiges Wirtschaftsgut) verdrängt ihren Inhalt (konkretes Produkt). Die Bewegung entzieht sich jeder gezielten Kontrolle, da sie durch die Konkurrenz von Akteuren angetrieben wird, deren einzige Vermittlung über die Anonymität des Marktes geschieht und die um ihrer Existenz willen gezwungen sind, den Zirkel immer wieder von neuem auf möglichst stark erweiterter Stufenleiter zu wiederholen. Aus dieser Sicht ist das Problem der heutigen Ordnung vor allem ihre Verselbständigung, die angesichts des Destruktionspotentials des Kapitalismus verheerende Folgen zeitigt (wie jüngst in Bangladesch gesehen).

Doch mit der Zirkularität des Kapitals geht noch ein weiteres, weniger thematisiertes Problem einher. Mindestens ebenso verheerend wie die mangelnde Kontrolle über den Kreislauf des Kapitals ist dessen Eigenschaft, eine perfekt geschlossene Tautologie zu verkörpern, denn in selbiger liegt ein nicht zu unterschätzender Angriff auf die psychische Integrität der Menschen verborgen. Roland Barthes hat in „Mythen des Alltages“ die Tautologie treffend beschrieben: „Die Tautologie ist immer aggressiv. Sie bedeutet einen wütenden Bruch der Intelligenz mit ihrem Objekt. Sie ist die arrogante Androhung einer Ordnung, in der man nicht denken würde.“ [6]. Dies hat wesentliche Konsequenzen für die Menschen, die gezwungen sind, in einer kapitalistischen Gesellschaft zu leben. Der Kapitalismus hat nicht nur eine historisch einzigartige Tendenz, sich jeder Form von sozialer Steuerung zu entziehen, er beseitigt auch die konkrete Bedeutung aller Dinge, Handlungen und sonstigen Lebensvollzüge, die Teil seiner kreisförmigen Bewegung werden. Oder kurz ausgedrückt: Er höhlt systematisch Bedeutungsverhältnisse aus. Ein Objekt oder eine Fähigkeit, die für sich betrachtet sehr spezifische Bedeutungen haben, büßen diese ein, sobald sie zu einem Produktionsmittel im Kreislauf des Kapitals werden. Jede produzierte Ware könnte ebenso gut eine andere sein, jede Arbeitskraft könnte mit der gleichen Berechtigung vollkommen anders eingesetzt werden, jedes Bedeutungsverhältnis ist stets nur artifiziell, provisorisch und den Fluktuationen des Kapitals unterworfen, von dem es schließlich ganz zum Verschwinden gebracht werden wird. Der Kapitalismus ist aus dieser Sicht eine Bewegung, die den Tauschwert an die Stelle des Gebrauchswerts gesetzt hat [7] und jedes von ihr affizierte konkrete Bedeutungsverhältnis durch die Leere der Tautologie ersetzt. Die Frage ist, wie sich diese Tatsache auf die Psyche auswirkt.


Das Schwinden der Distanz

Marx beschreibt die psychischen Konsequenzen kapitalistischer Produktion mit dem Begriff der Entfremdung. Der Proletarier entfremdet sich von seinem Produkt, seiner Arbeit und schließlich – da sein Selbstverhältnis vor allem über Arbeit vermittelt ist – von sich selbst [8]. Auf welche Weise die Entfremdung sich psychisch manifestiert und ob dies Ähnlichkeiten zum heutigen Zustand der Depression haben könnte, bleibt Spekulation.

EntfremdungVon wo die Entfremdung herrührt kann jedoch genau festgestellt werden: aus der Arbeitswelt. Hier macht er die Erfahrung, sich die Produkte seiner Arbeit nicht aneignen zu können, am Fließband nur kleine Komponenten zu fertigen, die keinen Bezug zum endgültigen Erzeugnis haben, seine handwerklichen Fähigkeiten vielleicht nur zu einem minimalen Teil ausspielen zu können und sich dadurch selbst fremd zu werden. Zwei Faktoren mindern die Effekte der Entfremdung jedoch. Zum einen ist es auch unqualifizierten Arbeitern möglich, ihre Arbeit mit Stolz zu versehen, indem sie trotz allem versuchen, ihre Arbeit so gut wie möglich zu machen [9]. Zum anderen geht ihre Persönlichkeit nicht gänzlich im Produktionsprozess auf. Ihr Verstrickung in die Bewegung des Kapitals ist durch den Umfang ihrer für die Produktion relevanten Fähigkeiten ebenso limitiert wie durch das Ende des Arbeitstages. Ob ein Arbeiter höflich ist, gerne liest oder Fußball spielt, ist für seine Tätigkeit in der Fabrik vollkommen irrelevant, weil diese Eigenschaften nicht Bestandteil des Produktionsfaktors Arbeitskraft sind. Obendrein kommt er nach Arbeitsschluss nach Hause und kann in seiner Privatsphäre die Erfahrung eines nicht entfremdeten Lebens machen.

Diese Tatsache erklärt die Frage, warum heute klassische Arbeitsverhältnisse um die Hälfte weniger mit Depressionen einhergehen als Dienstleistungsberufe. Der Arbeiter bleibt mit einem Teil seiner Persönlichkeit außerhalb des Kapitalkreislaufs und wird entsprechend weniger von dessen Leere heimgesucht. Dies ist bei Dienstleistungsberufen gänzlich anders. Sie produzieren nicht nur einen Anteil von über 70 Prozent des Bruttosozialproduktes, sie bedeuten vor allem eine folgenschwere Verschiebung des Kapitalverhältnisses. Diese Verschiebung hat zwei Aspekte.

Erstens: Marx zufolge verkauft der Arbeiter seine Arbeitskraft als Ware an den Kapitalisten. Gegen den Strich gelesen steckt in dieser Behauptung die These verborgen, beim Arbeiter und seiner Arbeitskraft handle es sich um zwei verschiedene Dinge (was, wie gesehen, mit Blick auf klassische Industriearbeit auch korrekt ist). Dienstleistungsberufe gehen mit einer gänzlich anderen Struktur einher. Die Arbeitskraft eines (zum Beispiel) Sozialarbeiters kann nur schwerlich von seiner Persönlichkeit getrennt werden. Wo der Arbeiter vor allem seine Stärke und eine spezifische Form von Wissen als Arbeitskraft in den Kapitalkreislauf einspeist, kann beim Sozialarbeiter keine vernünftige Eingrenzung dessen vorgenommen werden, was er als Arbeitskraft verkauft. Sicher hat er einmal studiert und auf diese Weise ein bestimmtes Wissen erworben, und natürlich muss auch er sich physisch gesund halten, also essen, sich kleiden und eine Wohnung bezahlen. Doch damit ist es bei weitem nicht getan. Er muss eine bestimmte Weise des Umgangs mit seiner Klientel haben, engagiert sein, ein bestimmtes Erscheinungsbild haben, ebenso eine spezifische Weise, sich, die anderen und die Welt zu betrachten und vieles mehr. Zwischen ihm als Person und seiner Arbeitskraft gibt es damit keinen Unterschied. Persönlichkeit und Arbeitskraft sind deckungsgleich geworden. Wo es beim Bauarbeiter egal sein mag, welche Musik er gerne hört, ist dies beim Sozialarbeiter von großer Wichtigkeit, ebnet Musik doch – wie man heute weiß – insbesondere den Zugang zu schwieriger Klientel. Was eben noch außerhalb des Kapitalkreislaufs stand, wird nun dessen integraler Bestandteil und dadurch ins Herz der Tautologie gezogen.

Zweitens: Proletarier und Kapitalist sind durch eine klare Linie voneinander getrennt, wenn sie sich nicht gar im Klassenkampf gegenüberstehen. In Dienstleistungsberufen (und schleichend auch im Bereich klassischer Arbeit, der hinsichtlich Servicebetonung, Image und beruflichem Selbstverständnis langsam nach den Gesichtspunkten von Dienstleistungen umstrukturiert wird) geht dieses Gegenüber mehr und mehr verloren. Die Ich-AG war der allzu deutliche rhetorische Klimax einer Bewegung, die sich von oben nach unten in der Gesellschaft durchsetzt. Die Menschen werden mehr und mehr genötigt, sich wie kleine Kapitalisten zu begreifen und entsprechend zu handeln [10]. Sie feilen an ihrer Employability, nehmen an Beratungen teil, die ihnen vermitteln, Probleme als Herausforderungen zu begreifen und pflegen akribisch ihre Netzwerke, auch wenn sie viele ihrer Bekannten vielleicht nicht einmal mögen. Arbeit ist heute kein Ausbeutungsverhältnis mehr, sondern für viele Menschen zum Medium ihrer Selbstverwirklichung geworden. Sicher trifft dies eher auf jemanden mit hoher Qualifikation als auf einen Empfänger von Sozialleistungen zu, doch auch Arbeitslose und Geringqualifizierte wie z.B. Verkäufer oder Friseurinnen werden entsprechend zurechtgemacht. Auf diese Weise kommt es zu einer schrittweisen Verkehrung der Perspektive. Erschien die Reihe G-W-G’ im klassischen Kapitalismus dem Proletarier als W-G-W, da er nur arbeitete, um sich durch entsprechenden Konsum am Leben halten zu können, nehmen die arbeitenden Menschen heute immer mehr an ersterer Bewegung teil. Sie investieren Geld in sich selbst, verkaufen ihre Persönlichkeit und streichen am Ende (zumindest einige) mehr Geld ein, um den Kreislauf von neuem zu beginnen (besonders deutlich wird dies beim Personal Branding).

Diese beiden im Dienstleistungsbereich besonders stark ausgeprägten Bewegungen beseitigen den Abstand zwischen dem leeren Kreislauf des Kapitals und den Subjekten, was Distanzierung oder gar Widerstand wesentlich erschwert. Dies betrifft Menschen mit Arbeit ebenso wie Arbeitslose. Sind die einen bereits in den Kreislauf integriert, versuchen die anderen auf jedem Weg hineinzukommen und nehmen auf diese Weise an ihm teil. Wenn das Kapital eine tautologische Bewegung ist und selbige dazu tendiert, Bedeutungsverhältnisse zu nivellieren, wenn nicht gar aufzuheben, ist das moderne Subjekt vollkommen in diese Dynamik eingespannt, da es über keine Ressourcen mehr verfügt, um sich auf Abstand zu halten. Weder gibt es Aspekte seiner Persönlichkeit, die nicht als Kapital in Frage kämen, noch hat es ein Gegenüber, von dem es sich distanzieren könnte. Das Subjekt wird von der Leere des Kapitalkreislaufs aufgezehrt. Und genau hier ist die Verbindung zur Depression, die das psychische Spiegelbild dieser Bewegung ist.


Depression als Akt der Identifikation

Als Symptome einer Depression werden in der Regel Zustände wie Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, Trauer, Gefühlslosigkeit, sozialer Rückzug und Verlust der Libido beschrieben. Depressive erleben sich selbst anders als zuvor, verändern ihr Verhalten und haben nicht selten körperliche Beschwerden, die ihren Grund vor allem in ihrem psychischen Zustand haben. Die Depression betrifft also den Menschen als Ganzes und ist wie ein Strudel, in dem langsam alles verschwindet, was die Persönlichkeit eines bestimmten Individuums einmal ausgemacht hat. Nicht selten ist das soziale Umfeld überfordert und zieht sich zurück, was den Zustand des Betroffenen verschlimmert [11]. Die Entstehung von Depressionen ist bis heute unklar, ebenso wie die Frage, was eine Depression abgesehen von der Beschreibung ihrer Symptome eigentlich ist. Auf einschlägigen Webseiten finden sich in der Regel nur Aufzählungen, die physische, genetische, psychische und biographische Elemente kombinieren, um anschließend darauf zu verweisen, eine typische Depression gäbe es eben nicht. Die Krankheit bleibt bis zu einem gewissen Punkt ein Rätsel.

Zu Freuds Zeiten gab es eine psychische Krankheit, die in ihrer Symptomatik frappierende Ähnlichkeit zur Depression aufwies, heute aus dem psychischen Fachvokabular jedoch nahezu verschwunden ist – die Melancholie. Freud beschreibt sie als einen Zustand der Selbstzerknirschung, der mit Gefühlen innerer Leere und der Herabsetzung des Ich einhergeht. Die Entstehung der Melancholie geht auf einen gravierenden Objektverlust zurück, den das Subjekt nicht verarbeiten kann oder darf (wenn die Normen es verbieten), weswegen es sich vor der Einsicht in den Verlust durch die Identifikation mit dem Objekt zu schützen versucht. Das Objekt wird in das Ich aufgenommen und anschließend vom Über-Ich mit Angriffen überzogen, da sein plötzliches Verschwinden ein enormes Potential an Aggressivität freigesetzt hat [12].

Interessant sind an dieser Stelle vor allem drei Momente. Erstens ist die freudsche Melancholie eine Krankheit, die aus einem Konflikt resultiert. Das Subjekt kann oder darf nicht trauern und in seinem Inneren tobt ein kleiner Krieg, in dem sich Ich und Über-Ich aneinander aufreiben. Zweitens handelt es sich bei der Melancholie um eine Krankheit der Identifikation, wobei es die dergestalt vollzogene Internalisierung des Objekts ist, die erst zur Ausbildung der entsprechenden Symptomatik führt. Drittens ist die Melancholie eine Krankheit, die von einer schrittweisen Entleerung des Ichs geprägt ist, die bis zur völligen Verarmung reichen kann [13].

IdentifikationAuf dem Weg von der alten Melancholie zur heutigen Depression gibt es eine ausschlaggebende Veränderung. Alain Ehrenberg verweist auf die Tatsache, dass die heutigen Gesellschaften nicht länger durch Verbote mitsamt den daraus resultierenden Konflikten strukturiert sind, sondern vor allem durch einen weiten Horizont von Möglichkeiten, aus dem das Subjekt beständig zu wählen gezwungen ist, um seine Identität für andere und die Gesellschaft attraktiv zu machen. Wo es in der Gesellschaft Freuds um Schuld ging (die Schuld des verstorbenen Objekts, die Schuld, falsch geliebt zu haben, etc.), geht es nunmehr vor allem um die Verantwortung für die Modulation der eigenen Identität [14]. Das moderne Subjekt sei übermäßig damit beschäftigt, sich selbst immer wieder neu zu erfinden und verliere sich in einem narzisstischen Zirkel, der schließlich in die Depression münde, da es zwar händeringend versucht, es selbst zu sein, an dieser Aufgabe jedoch permanent scheitert [15].

Der von Ehrenberg beschriebene Prozess spiegelt sich in der Omnipräsenz sozialer Netzwerke, der gesellschaftlichen Verpflichtung zur Originalität und der allgemein anerkannten Hippness kalkulierter Abweichung. Wer zwei Stunden am Tag sein Facebook-Profil pflegt, muss sich die Frage gefallen lassen, ob die dahinter stehende Wahrnehmung, noch jeder kleine Lebensvollzug sei es wert, medial aufgearbeitet und öffentlich gemacht zu werden, nicht eher einer fatalen Selbsttäuschung entspricht, hinter der sich eine Person verbirgt, der ihr eigener Narzissmus zum Gefängnis geworden ist. Beachtenswert ist jedoch, dass die Depression bei Ehrenberg wie die Melancholie als Krankheit der Identifikation und des Mangels bzw. der Leere verstanden wird. Letztere resultiert ihm zufolge aus dem ständigen Gefühl, nicht genug Identität akkumuliert zu haben und hinter den Erwartungen anderer und des eigenen Selbst zurückzubleiben. Es gibt immer noch ein Kleidungsstück, das man mal probieren sollte, ein Coaching, an dem teilzunehmen ein lohnendes Unterfangen wäre und offene Fragen, die sich bei Hinzuziehung entsprechender Beratungsangebote vielleicht klären ließen. Die heutige Verbreitung entsprechender Angebote und die Überflutung der Bücherregale mit Ratgeber- und sonstiger Werd-Besser-Literatur lässt Ehrenbergs Standpunkt nahezu selbstevident erscheinen.

Doch lässt sich die Argumentation durch Rückgriff auf die vorherigen Ausführungen über den Kapitalismus und dessen Tendenz zur Subversion fester Bedeutungsstrukturen auch umkehren. Statt einem notorischen Scheitern der Identifikation ließe sich ganz im Gegenteil von einer vorbildlich funktionierenden Identifikation sprechen. Wenn der moderne Kapitalismus sich dadurch auszeichnet, jedes Individuum als Kapitalisten anzurufen und statt einer gegen die Persönlichkeit abzugrenzenden Arbeitskraft den ganzen Menschen mit all seinen Eigenschaften ins Rad der Produktion zu spannen, ist die Leere der Depression nichts anderes als die Identifikation mit der Leere des Kapitalkreislaufs selbst. Das Verschwinden des Klassenwiderspruchs, die abnehmende Relevanz von Ausbeutung und Unterdrückung und die unternehmerische Modulation der Persönlichkeit haben die Distanz zum Kapitalkreislauf beseitigt und drohen jede Lebensäußerung des Subjekts in selbigen zu integrieren. Dem heutigen Subjekt ist potentiell alles Kapital, ob nun in seiner ökonomischen, kulturellen oder sozialen Gestalt [16], sogar das Emotionale ist bereits erschlossen [17]. Freundschaften werden zu Netzwerken, Intellektualität mutiert zu Problemlösungskompetenz und ein dickes Fell zu Frustrationstoleranz. Der in seiner Totalität zum Produktionsfaktor gewordene Mensch macht an jeder Ecke seines Lebens die Erfahrung, wie wenig es auf die konkrete Dimension seines Lebens ankommt, schließlich besteht das Ziel immer in der Verwertung an sich, nicht aber in ihrer konkreten Form. Wie auch immer das Subjekt seine Identität gestaltet, wird sie dort, wo sie in den Kapitalkreislauf eingeht, in die Sinnlosigkeit der Tautologie hineingezogen und von ihrer Leere affiziert. Die Identifikation mit dem Kapital ist die Identifikation mit der Leere, und diese äußert sich als Depression. Aus dieser Sicht ist die Depression weniger eine Abweichung als Symptom einer gelungenen Anpassung an die Logik der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung. Das ist zwar ärgerlich, weil die Menschen krankheitsbedingt bei der Arbeit fehlen und dadurch hohe Kosten verursachen, es ist jedoch auch äußerst praktisch. Denn wo kaum noch jemand über eine Identität verfügt, gibt es auch keinen Ort mehr, der zur Basis von Widerspruch werden könnte.


Quelle: Streifzuege-Team

“Streifzüge – Magazinierte Transformationslust” ist eine Publikation des Vereins für gesellschaftliche Transformationskunde in Wien, Magazin Nr. 58

Bild- und Grafikquellen:

  1. Beitragsbild – BurnOut – D. Braun / pixelio.de
  2. Entfremdung – Andrea Müller  / pixelio.de
  3. Identifikation – S. Hofschlaeger  / pixelio.de

 

Fußnoten:

  1. Destastis (2012): Pressemitteilung Nr. 369, www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2012/10/PD12_369_634.html (abg. 9.5.2013).
  2. Kurth, B.M. (2012): Erste Ergebnisse aus der „Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland“ (DEGS); in: Bundesgesundheitsblatt 2012 (55), Springer, Berlin, 987.
  3. BPtK (2010): Komplexe Abhängigkeiten machen psychisch krank – BPkT-Studie zu psychischen Belastungen in der modernen Arbeitswelt, http://www.bptk.de/uploads/media/20100323_bptk-studie_psychische_erkrankungen_in_der_arbeitswelt.pdf (abg. 9.5.2013), (8f.)
  4. Marx, Karl (1989): Das Kapital, Bd. 1, MEW 23, Dietz, Berlin, 161ff. http://marx-wirklich-studieren.net/marx-engels-werke-als-pdf-zum-download/
  5. Heinrich, Michael (2005): Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung, Schmetterling, Stuttgart; 84
  6. Barthes, Roland (1964): Mythen des Alltags, aus dem Französischen übersetzt von Horst Brühmann, Suhrkamp, Fa M, 27
  7. Debord, Guy (1996): Die Gesellschaft des Spektakels, übersetzt von Jean-Jacques Raspaud, Edition Tiamat, Berlin, 38
  8. Marx, Karl (1968): Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEW Ergänzungsband 1, Dietz, Berlin, 514f.
  9. Sennett, Richard (2006): The Culture of the New Capitalism, Yale University Press, New Haven, 103f.
  10. Bröckling, Ulrich (2007): Das unternehmerische Selbst, Suhrkamp, Fa M.
  11. Deutsche Depressionshilfe (2013): http://www.deutsche-depressionshilfe.de/stiftung/depression-erkennen.php (abg. 9.5.2013)
  12. Freud, Siegmund (1989): Trauer und Melancholie, in: Studienausgabe Bd. 3, Fischer, FaM.
  13. ebd., 206
  14. Ehrenberg, Alain (2008): Das erschöpfte Selbst, Suhrkamp, FaM, 15f.
  15. ebd., 179
  16. Bourdieu, Pierre (1983): Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital, in: Reinhard Kreckel (Hg.): „Soziale Ungleichheiten“, Soziale Welt Sonderband 2, Göttingen.
  17. Illouz, Eva (2007): Gefühle in Zeiten des Kapitalismus, Suhrkamp, FaM, 102

Können WIR die Welt zum Guten verändern?

von Chris Wolker

Das Gute, Böse oder Schlechte sind relative Begriffe, da für eine Gruppe etwas gut sein kann und zugleich für eine andere schlecht. Eine Aussage kann für eine Gruppe richtig sein, für eine andere in der eigenen Position jedoch falsch. Ich meine mit „die Welt zum Guten verändern“ das, was die Mehrheit der Menschen darunter versteht. Da nicht alle Menschen gleichgeschaltet sind, ist das Mehrheitsprinzip leider immer zugleich ein Unterdrückungsprinzip von Minderheiten. Mir erscheint das Mehrheitsprinzip dennoch als die beste Lösung zur Befriedigung von wichtigen Bedürfnissen einer großen Masse, die aus Individuen besteht.

Bevor ich auf das Gute eingehe, will ich das Schlechte im derzeitigen System darstellen:

Betrachten WIR gemeinsam den Schein der Länder und Staaten, die auf Kapitalismus, Scheinsozialismus und Scheinkommunismus ausgerichtet sind. Ich will versuchen, mich auf die jeweilige große Schnittmenge zu konzentrieren, da Details den Rahmen eines Betrags sprengen und die Länge eines Buches erfordern würden.

In all den angesprochenen Systemen wird dem “Pöbel” vorgemacht, dass er durch die Beerdigung seiner Stimme in einer Wahl-Urne direkten Einfluss auf die späteren politischen Entscheidungen hat. Sogenannte „Kluge WählerInnen“ sagen: „Natürlich werden vor der Wahl viele Versprechungen gemacht, die danach nicht eingehalten werden, doch mit meiner Stimme kann ich zumindest die allgemeine Marschrichtung mitbestimmen, wenn meine gewählte Partei den Regierungsauftrag bekommt.“

Auf den ersten Blick hören sich solche Aussagen clever und gut überlegt an. Doch auch in diesem Fall ist der erste Blick, wie so oft, sehr trügerisch! Besser gesagt: Er ist in diesem Fall grundlegend falsch.

Warum behaupte ich das? Ganz einfach, weil keine der vorhandenen Parteien tatsächlich das jeweilige Land oder den jeweiligen Staat regiert. Die tatsächlich Regierenden sind die Großindustriellen und Geldgeber der jeweiligen Länder und Staaten. Der allgemein bekannte Satz: Geld regiert die Welt. – nimmt unter bestimmten Betrachtungswinkeln immense Dimensionen an, die für den Pöbel weit überwiegend wegen der gezielten Fehlinformation (fehlenden Informationen UND falsche Informationen) nicht erkennbar sind.

Ist das eine Verschwörungstheorie? Gewiss nicht, denn die Fakten und direkten Auswirkung können absolut transparent dargelegt werden.

So regieren die Geldgeber und Großindustriellen die Staaten und Länder: Jedes der genannten Systeme beruht auf einem Steuersystem und auf verschiedenen Hierarchieebenen. Jede Partei benötigt Steuergelder, um etwas steuern zu können und um bezahlt zu werden. Letzteres gilt für alle, die aus Steuergeldern oder vergleichbaren „Pflichtabgaben“ das Geld für ihre Existenz beziehen.

Woher kommen Steuergelder überwiegend?

Sie werden den arbeitenden Menschen als „Zwangsabgaben“ auferlegt und von den Löhnen/Einnahmen direkt angezogen. Doch da hört es längst nicht auf. Wir zahlen noch zig andere Abgaben, wie Miete, Strom, Gas, Wasser, Telekommunikation usw. usf., die im Vorfeld und nach Abrechnung von der einen oder anderen Stelle versteuert und in verschiedenen Durchlaufstadien nochmals versteuert werden. Nahezu alle Waren werden versteuert. Dann gibt es noch für Unternehmungen bestimmte Steuern, die Erbschaftssteuer je nach Fall und noch viele weitere Steuereinnahmen. Für Deutschland spielen dabei auch Exportbesteuerungen eine immens wesentliche Rolle.

Damit Menschen in diesem System eine Arbeit haben können, die letztendlich zu Produkten,  Dienstleistungen und Einkommen führt, die besteuert werden können und diesen gesamten Kreislauf starten und aufrechterhalten, bedarf es Arbeitsplätze, die dies ermöglichen. Diese Arbeitsplätze gehören Unternehmungen. Diese Unternehmungen sind ihrerseits von zahlungskräftigen Kunden bzw. Auftraggebern abhängig. Am Beginn sehr vieler Unternehmungen stehen Schulden, die den Banken einen Teil der Zinsen bringen.

Wenn WIR nun gemeinsam diese Hierarchiestrukturen von ganz unten bis zur Spitze analysieren, dann entdecken WIR das Folgende:

  • Es gibt immens viele Hilfsarbeiterjobs, die gemacht werden müssen. (Niedrigste Sklavenhierarchie-Ebene der Berufstätigen)
  • Es gibt eine immens große Anzahl von Tätigkeiten, die von gelernten Arbeitskräften mit einer üblichen Berufsausbildung ausgeführt werden müssen. (Zweitniedrigste Sklavenhierarchie-Ebene der Berufstätigen)
  • Es besteht ein Bedarf an Führungs- und Ausbildungspersonal. Je nach Einsatzbereich beispielsweise Vorarbeiter, Schichtführer, Meister, Ausbildungsmeister, Lehrer usw.  Diese Berufe bilden die Hierarchie-Ebenen 3 bis 6.
  • Manager belegen bereits die 7 Ebene. Dass es dabei Unterschiede je nach Unternehmung gibt, ist klar.
  • Dann kommen die Aufsichtsräte usw. dran, die i. d. R. wenig tun, jedoch sehr viel bekommen, was sie nicht verdienen. Bei Managern sehe ich das je nach Fall ähnlich.
  • Je nach Unternehmensstruktur kommen dann die Inhaber, Teilhaber/Aktionäre usw. und belegen die nächsten 3 Stufen.
  • Innerhalb der Banken gibt es diese einzelnen Strukturen auch, doch Banken nehmen durch den spekulativen Charakter einen besonderen Status ein, der sofort globale Auswirkungen haben kann, wenn die Banken finanzstark genug und global verflochten sind.

Auf diesem noch schönen Planeten gibt es einige Multimilliardäre und weitere Giganten, die so viel Finanzkraft besitzen, dass ihnen bereits so viele Teile von Aktiengesellschaften und anderen Unternehmungen gehören, dass diese Imperien bereits so viel Macht haben, dass sie auf den gesamten Globus Einfluss nehmen können. Diese Leute sind jedoch clever genug, um sich selbst nicht in den Vordergrund zu drängen, sondern durch Machtinstrumente aus dem Hintergrund die Fäden zu  ziehen. Ich will hier bewusst keine Namen nennen, doch sie dürften überwiegend bekannt sein.

Nehmen wir als Beispiel einen fiktiven Großkonzern, den ich einfach X nenne. Stellen Sie sich nun vor, dass X als Hauptgeschäft Autos einer beliebten Marke herstellt und nebenher seine Finger noch in der Waffen- u. Lebensmittelindustrie hat. Das ist durchaus üblich, meistens jedoch nicht öffentlich bekannt. Wer in solchen Unternehmungen bereits gearbeitet hat, weiß dies ganz genau. Ich arbeitete beispielsweise vor vielen Jahren bei Kreidler und war immer der Ansicht, dass Kreidler nur etwas mit Mofas zu tun hat. Nun, meine Augen wurden sehr schnell sehr groß, als ich tiefere Einblicke in diese Unternehmung bekam.

Wenden WIR uns wieder Unternehmung X zu. Gehen wir davon aus, dass X seinen Hauptsitz in der BRD hat und bereits einige Zweigstellen in verschiedenen anderen Ländern und ebenso entsprechende Anteile in den genannten Bereichen.

Welche Macht hat X nun und wie kann X auf die Politik direkt einwirken?

Beispiel einer Unternehmensdarstellung: X stellt betriebsintern direkt 50.000 Arbeitsplätze zur Verfügung. In der Gesamtindustrie und im Handwerk sind weitere 1,2 Mio. Arbeitsplätze davon indirekt abhängig. Beispielsweise Zulieferer, Transportunternehmen, Autohäuser, Reparaturwerkstätten, Schrotthandel usw. usf. X hat einen eigenen Jahresumsatz von 25 Mio. €. Der dadurch entstandene Mehrumsatz der indirekt davon Mitbetroffenen beträgt 600 Mio. €

Dadurch wurde bewirkt, dass 1,25 Mio. Menschen weniger arbeitslos waren. Ebenso bekamen dadurch 1,25 Mio. Menschen mehr Kaufkraft und bezahlten in mehrfacher Weise (wie bereits dargestellt) ihre Steuern. Durch die verstärkte Kaufkraft werden andere Arbeitsplätze erhalten, die wiederum Arbeitslose verhindern und Steuerzahler erhalten oder vermehrt erzeugen. Das Ganze geht noch viel weiter, doch das würde hier den Rahmen sprengen. Letztendlich sorgt allein X dafür, dass mehrere Milliarden stabilisiert wurden und davon ein großer Teil auch in Form von Steuergeldern in die verschiedenen Finanztöpfe der Regierung floss.

Die Unternehmung X ist mit den von mir verwendeten Zahlen keineswegs eine der Spitzenunternehmungen! Bei Wikipedia können Sie die Geschäftszahlen der richtig großen Unternehmungen einsehen. Geben einfach eine beliebige Auto- oder sonstige Marke ein und lassen Sie sich überraschen.

Wenn WIR nun betrachten, was bereits eine Unternehmung wie X für eine Macht hat, dann wird klar, dass die PolitikerInnen nur Marionetten an Schnüren sind, die brav so zappeln, wie es die Großunternehmungen wollen.

Die Macht der Großindustriellen geht im politischen Bereich noch viel weiter. Eine Partei kann versprechen, was sie will, letztendlich ist sie von Steuereinnahmen abhängig und diese Steuereinnahmen kommen WEIT ÜBERWIEGEND durch die Großindustriellen direkt und mit allen indirekten Verflechtungen zustande! Wenn eine Partei nicht so spurt, wie es die tatsächlichen Fadenzieher wollen, dann werden die Marionetten an der kurzen Leine gehalten.

Großunternehmungen haben derartig viele und mächtige Möglichkeiten um PolitikerInnen unter massiven Druck zu setzen, dass diese auf den ersten Blick gar nicht erkennbar sind. Eines dieser Mittel ist z. B. den Standort des Landes zu verlassen. Das bringt Verluste in Milliardenhöhe für das betroffene Land. Selbst bei einer Unternehmung mit der Größe, wie ich sie wählte. Doch wie gesagt, es gibt noch ganz andere Giganten! Zu einem Standortwechsel kommt es in vielen Fällen jedoch nur dann, wenn andere Standorte auf die Bedingungen der Unternehmung eingehen und wenn von dort aus mindestens gleich gute oder bessere Gewinne möglich sind. Ein weiteres Druckmittel ist die Preiserhöhung der Produkte im jeweiligen Inland und die Preissenkung für den Export. Ebenso ist Stellenabbau durch die Verflechtung mit all den dazugehörenden Auswirkungen sehr effizient, um Macht auszuüben.

Wohin führt das alles?

Es führt dazu, dass WIR unsere Stimme tatsächlich in einer Wahl-Urne beerdigen, weil KEINE Partei das halten kann, was sie verspricht! Wenn sich die jeweilige Partei oder Koalition mit dem Regierungsauftrag nicht den tatsächlichen Fadenziehern unterordnet und deren Wünsche bedient, dann werden die Mächtigen zu handeln beginnen. Wir haben somit gar keine Möglichkeit zur Wahl in diesem System, sondern wir nehmen nur aktiv oder passiv an einer Theatervorstellung teil. Darauf, wie diese Machthaber global agieren, wo sie noch überall die Fäden ziehen und dass es massige Konkurrenzkämpfe unter einigen Mächtigen gibt, will ich hier nicht weiter ausführen, da es einige Hundert DIN A4 Seiten füllen würde.

Betrachten WIR Hartz IV unter dieser Sichtweise:

Arbeitslose Leistungsbezieher verringern die Steuereinnahmen gleich in mehrfacher Weise. Einerseits sind all ihre Leistungen aus Steuereinnahmen finanziert. Andererseits bezahlen Leistungsbezieher in der Zeit der Arbeitslosigkeit keine Steuern im Sinne von üblichen Arbeitskräften ein. Sie haben durch das geringe Existenzminimum  weniger Kaufkraft und daher fallen weitere Steuereinnahmen weg, die im Falle einer Tätigkeit zufließen würden.

Durch die verringerte Kaufkraft sinkt bei einer hohen Anzahl von Leistungsbeziehern auch die Produktion in vielen Bereichen, da weniger Menschen bestimmte Produkte kaufen können. Das kann zu weiteren Arbeitslosen führen oder zu einer sehr spürbaren Steigerung der Preise, da die Unternehmungen ihre Einbußen ausgleichen müssen, um keine Entlassungen einzuleiten. Arbeitslose sind in wirtschaftlicher Hinsicht – IN DIESEM SYSTEM – somit ein echter Gefahrenfaktor und können einen Negativkreislauf von drastischem Ausmaß einleiten. Die meisten mir bekannten Arbeitslosen sind jedoch an ihrer Situation nicht selbst schuld. Sie werden durch DAS DERZEITIGE SYSTEM ERZEUGT.

Ich weiß nicht sicher, ob es tatsächlich Herr Hartz war, der diese Zusammenhänge erkannte oder ob sie von anderer Seite an ihn herangetragen wurden. Eines ist jedoch Fakt, das Hartz IV System hat nur wenige ganz gezielte Zwecke, die ich aufführen werde:

  • Durch die Gesetzgebung der Sanktionsparagraphen SGBII §31 ff. und SGB X soll ganz eindeutig verhindert werden, dass die Leistungsberechtigten das bekommen, was ihnen laut Art. 1 in Verbindung mit Art. 20 GG durch die Beschlüsse des Bundesverfassungsgerichtes zusteht.

Dazu kurz meine eigene Meinung:

Hartz IV regelt den MINDESTBEDARF, der einem Menschen in der BRD rechtlich zusteht. Das Wort: Mindestbedarf – sagt bereits unmissverständlich aus, worum es sich dabei handelt! Jede Kürzung dieses Mindestbedarfs stellt nach meiner persönlichen Meinung einen Rechtsverstoß gegen Art. In Verbindung mit Art. 20 GG und weiteren Art. dar. Das Verfassungsgericht sieht jedoch weg, genau wie bei der GEZ beispielsweise auch. Mir sagt das deutlich, dass auch hierbei die Macht der tatsächlichen Machthaber Einfluss nimmt.

Der Nutzen von Hartz IV ist für die Großindustriellen und für die Regierung ist völlig klar erkennbar.

Der sogenannte 1€ Job ist nur eines von vielen Beispielen, die verschiedensten Unternehmung einen immensen Vorteil in Form von billigen Arbeitskräften erachten/bringen. 1€ Jobber durften/dürfen laut der rechtlichen Formulierung nicht in Bereichen tätig werden, die einen üblichen bezahlten Job darstellen oder der nicht ihrer gesundheitlichen Verfassung entspricht. Ich kenne bereits aus meinem eigenen Umfeld einige Fälle, in denen dagegen auf üble Weise verstoßen wurde. Ein anderes Beispiel sind all die vielen Kurse, zu denen Arbeitslose verdonnert werden, obwohl es in vielen Fällen nur einen Sinn hat, dass sie daran teilnehmen. Dieser Sinn ist der Profit der jeweiligen Ausbildungszentren, Kursleiter usw. Ich will damit keineswegs sagen, dass alle Weiterbildungsmöglichkeiten unsinnig sind. Ein großer Teil ist es jedoch nach meiner Sichtweise ganz gewiss.

Leute, die als 1€ Jobber tätig sind, bekommen natürlich nicht nur 1€ für ihre Arbeit, denn schließlich erhalten Sie ihre Leistungen. Diese Leistungen sind i. d. R. jedoch niedriger, als die Tätigkeit üblicherweise einbringen würde. Ganz zu schweigen von fehlenden Sozialabgaben der Unternehmungen für solche Menschen. Auch der Versicherungsaspekt bei Unfällen ist in vielen Fällen unklar. Somit werden aus Leistungsbeziehern neue Sklaven der untersten Liga erschaffen.

Doch auch in diesem Fall endet es hier nicht.

Die Schikanen von Hartz IV Empfängern und auch Alg.I Empfängern geht durch alle Medien. Dies schürt die Angst der Arbeiterklasse davor, den eigenen Job zu verlieren und in diese Schikanemühle zu geraten. Da diese Angst eindeutig besteht, können die Arbeitgeber Lohnerhöhungen und andere Leistungen sehr lange zurückhalten oder sehr minimal gestalten. Dadurch entsteht ein riesiges Heer von Menschen mit sehr geringem Einkommen. Die niedrigen Löhne bringen den Unternehmungen niedrige Herstellungskosten und somit höhere Gewinne beim Direktverkauf oder Export.

Horst Kaltenhauser Chris WolkerDieses gesamte System ist dermaßen krank und für die meisten Menschen völlig undurchschaubar, sodass viele nur noch im Bach der Verzweiflung treiben und froh sind, wenn es ihnen wenigstens noch so „gut“ geht, dass sie und ihre Angehörigen irgendwie über die Runden kommen. Es ist oft zu hören: “Anderen geht es noch viel schlechter als mir/uns …!“  Das stimmt, doch das macht NICHTS besser!

Bevor ich noch viele weitere Seiten verfasse will ich hier abbrechen Ihnen sagen, dass ich mir über all diese und viele weitere Zusammenhänge sehr intensive Gedanken machte und in der Römerzeit mit der Systembetrachtung begann und mich durch alle weiteren Systeme und auch politischen Strömungen durcharbeitete.

Kurz gesagt: Es gibt nur eine einzige Lösung, um das derzeitige System sinnvoll abzulösen.

Ich habe dazu eine Systemthese entwickelt, die von einem Land, mehreren Ländern oder gar (im geträumten Idealfall) auch global umgesetzt werden kann. Diese Systemthese dreht wesentliche Faktoren um, verändert andere, verzichtet auf einige Übel ganz und bietet unerschöpfliche Möglichkeiten, da das Geld für alle benötigten Belange IMMER vorhanden ist.

An dieser These kann gewiss noch gefeilt werden, doch ihr Fundament ist stabil und der Weg zur Umsetzung wurde von mir formuliert und er ist realisierbar, wenn genug Menschen aufwachen und hinter den Ideen stehen. Wir hinterlassen unseren Kindern derzeit einen Haufen Dreck und ein System, in dem sie die neuen Sklaven sein werden. Das neue System putzt riesige Mengen dieses Drecks weg und sorgt für das Ende des Sklavendaseins.

Solche ein System habe ich ausgearbeitet und in einem Büchlein und als eBook veröffentlicht. Bei Interesse gibt es hier weitere Informationen dazu.

Vielen Dank, dass Sie bis hier her durchgehalten haben.

Chris Wolker

Die Physik lehrt uns: Je länger der Hebel, desto geringer der Kraftaufwand.

Jene, welche die Hebel herantragen, werden dies anders beurteilen.


Beitragsbild: Träume – Denkanstöße – Bernd Kasper  / pixelio.de

Dieser Beitrag wurde uns zur Verfügung gestellt von Kritisches Netzwerk