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Politik zum Vergessen

»Kaufen, was einem die Kartelle vorwerfen; lesen, was einem die Zensoren erlauben; glauben, was einem die Kirche und Partei gebieten. Beinkleider werden zur Zeit mittelweit getragen. Freiheit gar nicht.« – Kurt Tucholsky

von Michael Parmentier

Moderne Gesellschaften wie die unsere wollen sich verändern, sind an Entwicklung interessiert. Sie suchen die ständige Innovation und damit die Abgrenzung von den Handlungen der Vorfahren und die Überwindung vorhandener Traditionen. Deshalb brauchen sie ein historisches Bewußtsein. Sie brauchen es, um im Sog der Veränderungen ihrer selbst gewiß zu bleiben und die Orientierung in die Zukunft nicht zu verlieren.

Paradoxerweise wird aber die Ausbildung eines solchen historischen Bewußtseins ausgerechnet von derjenigen Wirtschaftsweise erschwert, wenn nicht verhindert, die als Motor der Entwicklung seit Jahrhunderten das Tempo der gesellschaftlichen Veränderung immer weiter beschleunigt und schließlich in schwindelerregende Höhen getrieben hat: der kapitalistischen Ökonomie.

Je mehr sie das Leben dominiert, desto stärker verengt sich der zeitliche Blickwinkel. Ihrer inneren Logik nach ist die kapitalistische Wirtschaftsweise nämlich auf Geschichte nicht angewiesen. Sie braucht für die Aufrechterhaltung ihrer Kreisläufe kein langfristiges, über Jahrhunderte reichendes Planungsverhalten. Und sie braucht erst recht kein ebenso weitreichendes Erinnerungsvermögen. »Die Wirtschaft benötigt ein Gedächtnis«, wie Niklas Luhmann erkannte, »ausschließlich im Zusammenhang mit Kredit.« Und dabei geht es um vergleichsweise kurze Zeitspannen. Wie es scheint werden sie sogar immer kürzer. Die herrschende finanzmarktgetriebene Form des Kapitalismus ist nur noch an schnellen Gewinnen interessiert. Alles verantwortungsvolle Planen, das die Folgewirkungen der eigenen Wirtschaftsweise auf die zukünftigen Generationen miteinkalkuliert, und alles geschichtskundige Erinnern, das über die Auswertung von Feedbackdaten hinausgeht, wird von einer an der jeweils höchsten Rendite orientierten Rationalität als Effizienzbremse gebrandmarkt.

Gleichzeitig und wie zum Hohn wird die bislang von der Profitgier verschonte Vergangenheit und Zukunft nun selbst von der ökonomischen Zentrifuge zu Magma verrührt und in konsumentenfreundlicher Verpackung in die Verwertungsketten eingespeist. Der »Geschichtsmarkt« (Aleida Assmann) quillt inzwischen über von Angeboten. Mal boomt die Antike, mal das Mittelalter, mal der erste, mal der zweite Weltkrieg. Jedes Jubiläum wird ausgeschlachtet, jeder nur denkbare historische Stoff zum Auflagen- und Quotenbringer gemacht.

All diese Formen von Historienspektakel, Retromoden und Jubiläumstrubel befriedigen natürlich irgendwelche Bedürfnisse, aber sie erzeugen in ihrer Disparität bei uns Konsumenten kein historisches Bewußtsein. Das bleibt den Experten vorbehalten und wird de facto nur noch im Umkreis der seriösen gesellschaftlichen Erinnerungsorgane gepflegt: in den historischen Wissenschaften, einigen Museen oder dem Denkmalschutz. Die Laien bleiben meist draußen vor und sind der historischen Vergnügungsindustrie und ihren Geschichtsverfälschungen ausgeliefert.

Dem Geschäft mit der Vergangenheit korrespondiert – kaum weniger abstoßend – das Geschäft mit der Zukunft. Sein problematischster Aspekt zeigt sich in der fortschreitenden Zerstörung des staatlichen Rentensystems zugunsten privater Versicherungskonzerne. Die finanzielle Vorsorge fürs Alter soll nicht mehr der Solidarität der Bürger anvertraut werden, sondern dem, wie sich gerade in den letzten Jahren gezeigt hat, hochriskanten Kapitalmarkt. Hier wird für den augenblicklichen Gewinn im wahrsten Sinne des Wortes die Zukunft verkauft, natürlich die Zukunft der andern.

Der ökonomisch motivierte »Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit«, der nach Alexander Kluge dazu führt, daß »die Gegenwart in der Lage ist, alle Zukünfte und Vergangenheiten zu erschlagen«, transformiert die Kultur der Erinnerung in eine Kultur der Aufmerksamkeit. Das Gesetz des Marktes verlangt nicht, sich an Dinge und ihre Gebrauchsweisen von vorgestern zu erinnern, sondern im aktuellen Warenangebot den jeweils günstigsten Tauschwert schnellstmöglich herauszufinden, also nicht das Diachrone, sondern das Synchrone zu vergleichen. Anders gesagt: Das Gesetz des Marktes verlangt allein den Blick auf Preis- und Ranking-listen. Je weiter dieses Marktkalkül in alle Lebensbereiche vordringt und auch die bisher weitgehend verschonten Subsysteme der Bildung, der Wissenschaft, der Gesundheit, der Kultur und der Altersvorsorge erfaßt, desto mehr schrumpft das historische Bewußtsein unserer Gesellschaft auf das Zeitmaß von Zinszyklen und Kreditverträgen.

Niemand in der politischen Klasse veranschaulicht diese Schrumpfung des historischen Bewußtseins besser als Kanzlerin Angela Merkel. Sie ist Opfer dieses Prozesses, aber sie treibt ihn auch voran. Sie vollstreckt die neoliberale Agenda mit jenem »punktartigen Horizont«, von dem schon Nietzsche gesprochen hat. Wenn Merkel sich mit Geschichte beschäftigt, dann erschöpft sich das, wie in ihrer letzten Neujahrsansprache, in der schematischen Aufzählung von Jahreszahlen, oder es bleibt, wie die Rede von Osterhammel auf ihrem 60. Geburtstag, bloße Dekoration. Geschichte wird abgefeiert. Auf die Politik der Bundesregierung jedenfalls wirkt sie sich nicht aus. Genausowenig wie der Blick in die Zukunft. Er verschwimmt in der nebulösen Fortschreibung des Status quo: »Es gibt viel zu tun, damit Deutschland auch in Zukunft stark bleibt.« (Neujahrsansprache 2013/14). Merkel zieht weder die Lehren aus der deutschen Vergangenheit, noch interessiert sie sich wirklich für ein anderes, besseres Deutschland. Visionen sind ihr völlig fremd. Sie fährt »auf Sicht«.

Für die Passagiere, vormals Bürgerinnen und Bürger, ist das nicht besonders angenehm, denn sie wissen nicht – nach einem Bild, das dem verstorbenen Sozialdemokraten Peter Struck zugeschrieben wird – wo sie schließlich landen werden. Um in dieser Situation der Ziellosigkeit wenigstens das Gleichgewicht, sprich: den Machterhalt zu sichern, oszilliert Merkels Politik in einer fast tollkühnen Manier zwischen unschlüssigem Abwarten und abrupten Kehrtwendungen.

Die Fähigkeit zum Abwarten war bei Merkel schon früh zu erkennen. So hat sie lange gezögert und sich erst post festum, nachdem die Mauer gefallen war, dem Demokratischen Aufbruch angeschlossen. Merkel kann warten. In akuten Situationen vermeidet sie, Stellung zu beziehen, manchmal taucht sie ganz ab. Entscheidungen trifft sie erst dann, wenn kein Risiko mehr besteht. Man hat dieses Verhalten als rational bezeichnet und in ihm den Ausdruck klugen Abwägens gesehen. Im Hinblick auf den bloßen Machterhalt ist das wohl auch zutreffend. Doch dahinter verbirgt sich tiefe politische Orientierungslosigkeit.

In beängstigendem Kontrast zu dem schon fast habituellen Zögern, das im Grunde auf eine Richtlinienkompetenzverweigerung hinausläuft, stehen die abrupten Kehrtwendungen, die sich im politischen Leben von Angela Merkel beobachten lassen. Das berühmteste Beispiel dafür ist die Energiewende, bei der es Merkel gelungen war, über Nacht genau das Gegenteil von dem zu vertreten, was sie kurz vorher noch als »Atomkanzlerin« für »unverzichtbar« hielt. Ähnliches gilt für den »Mindestlohn«: erst dagegen, dann dafür. Man muß kein Prophet sein, um vorherzusagen, daß sie auch das TTIP-Abkommen, das sie gegenwärtig noch vehement vertritt, in dem Augenblick fallenlassen wird, indem der öffentliche Widerstand dagegen – hoffentlich – ihre Macht bedroht.

Damit die Bürger und Bürgerinnen oder – um im Bild zu bleiben – die Passagiere angesichts derart wankelmütiger Manöver nicht in Panik geraten, müssen sie beruhigt oder besser noch – mit einer Formulierung von Roger Willemsen – »chloroformiert« werden. Zu diesem Zweck nutzt Merkel zwei höchst wirkungsvolle Strategien. Die eine Strategie betrifft ihren Umgang mit den Bildmedien, die andere ihren Umgang mit der Sprache.

In den Bildmedien inszeniert sich Merkel – oder läßt sich inszenieren – als Mutter der Nation. Sie erscheint dort als jemand, der sich jenseits des kleinlichen Parteiengezänks unermüdlich und selbstlos um alles und jeden kümmert, um die Hochwasseropfer in Bitterfeld genauso wie um die Kindergärten in Dresden. Mal spricht sie im Festsaal vor Handwerken, mal freut sie sich in der Kabine mit den Jungs der Weltmeisterelf. Auch international ist sie allgegenwärtig. Sie empfängt die Großen dieser Welt und wird von ihnen empfangen. Mit Obama und Putin ist sie ständig am Telefonieren. Bei all dem hebt sie nicht ab. Sie scheint eine von uns geblieben, eine bescheidene Frau ohne Pomp und ohne Allüren. Eine Frau, die sich – anders als ihr einstiger Konkurrent Steinbrück – nicht über die Höhe des Kanzlergehaltes beklagt, gerne selber kocht und backt und Kartoffelsuppe liebt. Die Botschaft dieser visuellen Betäubungsstrategie ist klar: Ihr kennt mich. Ich bin immer da. Ihr könnt mir vertrauen. Welche Krise auch immer uns trifft, wir werden gestärkt daraus hervorgehen.

Die Sprache nutzt die Kanzlerin, um vor allem in ihren öffentlichen Reden den Betäubungseffekt noch einmal zu verstärken. Das geschieht zunächst negativ, durch die Weigerung, Vorgänge von höchster politischer Bedeutung überhaupt zu thematisieren. So kommen etwa der NSU-Prozeß, der Abhörskandal, der Afghanistankrieg oder gar Lampedusa und die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa in ihrer letzten Neujahrsansprache erst gar nicht vor. Statt dessen werden die Bürgerinnen und Bürger mit Unverbindlichkeiten abgespeist: Mit belanglosen Bekenntnissen (»Ich selbst nehme mir eigentlich immer vor, mehr an die frische Luft zu kommen«), mit abgegriffenen Kalenderweisheiten (»Oft jagt ein Ereignis das andere. Manchmal verändert eines davon vieles, wenn nicht gar alles in unserem Leben«) oder mit vermeintlich mitfühlenden Platitüden von privatem Glück und Unglück (»Und natürlich ist fern der großen Schlagzeilen auch in unserem persönlichen Leben viel geschehen, Schönes wie Enttäuschendes«). Dazu kommen die üblichen Appelle an die »Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen« zu »Leistungsbereitschaft, Engagement, Zusammenhalt« und der Entwurf einer politischen Agenda, der ziemlich allgemein bleibt und sich im Grunde in Selbstverständlichkeiten erschöpft (Finanzen »geordnet übergeben«, »Energiewende zum Erfolg führen«, »gute Arbeit und ein gutes Miteinander in unserem Land«, »Familien unterstützen«, »bestmögliche Bildung«). Derartige Schlichtheiten passen zum Mutti-Image und bekräftigen es. Sie bilden nach dem gelegentlich fast unverschämten Schweigen die zweite Variante ihrer »Ich-sag-nix-Strategie«. Die dritte Variante dieser Strategie steht im Kontrast dazu. Sie liefert keine Schlichtheiten in der sprachlichen Rede, sondern Monstren. Einige davon grenzen an nichtssagende Tautologien: »Wenn alles normal läuft, dann kann ich zusagen, daß unsere Vorhaben auf einer guten Grundlage sind« (zitiert nach 3sat »Kulturzeit«, 16.7.2014), andere gehören wohl eher ins Kuriositätenkabinett: »Schließlich haben wir erreicht, daß darauf hingewiesen wird, daß es notwendig ist, insbesondere für die ostbayrischen Landkreise entlang der tschechischen Grenze, Beihilferegelungen anzustreben, die die Brüche zwischen der tschechischen Republik und Bayern nicht zu groß werden lassen« (im Parlament am 21.2.2013). Donnerwetter. Was für eine Leistung: Man hat erreicht, daß darauf hingewiesen wird, daß es notwendig ist, etwas anzustreben. Solche Sätze täuschen Kompetenz und Leistung vor und sind doch nur Belege einer genauso monströsen wie hohlen Rhetorik.

All diese sprachlichen Strategien, das stoische Schweigen, die Verkündigung von Schlichtheiten und die umständliche Imponierrhetorik laufen auf die Verbreitung von Nullbotschaften hinaus. Zusammen mit der visuellen Inszenierung machen sie nicht nur Merkel unangreifbar, sie lassen auch das historische Bewußtsein der Menschen auf das Niveau von vertrauensseligen Kleinkindern schrumpfen. Die Menschen sollen vergessen und sich wohl fühlen. Politische Urteilskraft ist nicht mehr gefragt.

Während so durch die Ausdehnung der »Betäubungszone« (Roger Willemsen) die Bevölkerung eingelullt wird, schreitet die neoliberale Zerstörung unseres Gemeinwesens fort: Die Eliten setzen sich ab, der Zusammenhalt zerbricht, die Reichen werden reicher und die Armen ärmer, das Parlament verliert an Einfluß, die öffentliche Daseinsfürsorge wird zurückgefahren, die Infrastruktur zerfällt, die Konkurrenz untereinander wächst, die Zahl prekärer Beschäftigungen steigt, die Militarisierung der Außenpolitik erreicht die Grenze zur Kriegstreiberei, die Meinungsmanipulation durch interessegeleitete Umfrageforschung, mediale Desinformation und Schönfärberei nimmt zu, und die Überwachung der Privatsphäre erreicht flächendeckende Ausmaße.

Der Fluchtpunkt dieser neoliberalen Dynamik ist die »marktkonforme Demokratie«, eine Fassadendemokratie, hinter der sich nichts anderes verbirgt als die neue westliche Regierungsform des Finanzfeudalismus. Im Verein mit der geschichtsvergessenen und entpolitisierten Biedermeieridylle unserer gesellschaftlichen Oberfläche ergibt dies ein explosives Gemisch. Deutschland »döst«, wie es Habermas 2013 im Spiegel formulierte, »auf einem Vulkan«.

Michael Parmentier


Quelle:  Erschienen in Ossietzky, der Zweiwochenschrift für Politik / Kultur / Wirtschaft – Heft 24/2014 > zum Artikel

Ossietzky, Zweiwochenschrift für Politik, Kultur, Wirtschaft, wurde 1997 von Publizisten gegründet, die zumeist Autoren der 1993 eingestellten Weltbühne gewesen waren – inzwischen sind viele jüngere hinzugekommen. Sie ist nach Carl von Ossietzky, dem Friedensnobelpreisträger des Jahres 1936, benannt, der 1938 nach jahrelanger KZ-Haft an deren Folgen gestorben ist. In den letzten Jahren der Weimarer Republik hatte er die Weltbühne als konsequent antimilitaristisches und antifaschistisches Blatt herausgegeben; das für Demokratie und Menschenrechte kämpfte, als viele Institutionen und Repräsentanten der Republik längst vor dem Terror von rechts weich geworden waren. Dieser publizistischen Tradition sieht sich die Zweiwochenschrift Ossietzky verpflichtet – damit die Berliner Republik nicht den gleichen Weg geht wie die Weimarer.

Wenn tonangebende Politiker und Publizisten die weltweite Verantwortung Deutschlands als einen militärischen Auftrag definieren, den die Bundeswehr zu erfüllen habe, dann widerspricht Ossietzky. Wenn sie Flüchtlinge als Kriminelle darstellen, die abgeschoben werden müßten, und zwar schnell, dann widerspricht Ossietzky. Wenn sie Demokratie, Menschenrechte, soziale Sicherungen und Umweltschutz für Standortnachteile ausgeben, die beseitigt werden müßten, dann widerspricht Ossietzky. Wenn sie behaupten, Löhne müßten gesenkt, Arbeitszeiten verlängert werden, damit die Unternehmen viele neue Arbeitsplätze schaffen, dann widerspricht Ossietzky – aus Gründen der Humanität, der Vernunft und der geschichtlichen Erfahrung.

Ossietzky erscheint alle zwei Wochen im Haus der Demokratie und Menschenrechte, Berlin – jedes Heft voller Widerspruch gegen angstmachende und verdummende Propaganda, gegen Sprachregelungen, gegen das Plattmachen der öffentlichen Meinung durch die Medienkonzerne, gegen die Gewöhnung an den Krieg und an das vermeintliche Recht des Stärkeren.

http://www.ossietzky.net/

Beitragsbild: Bernd Kasper / pixelio.de

Die FAZ und der “Verschwörungsjournalismus”

von Jens Berger

Am 09.12.2014 wollte es die FAZ offenbar allen Kritikern an ihrer Ukraine-/Russland-Berichterstattung so richtig zeigen. Im Artikel „Ist halt so, ist die Wahrheit!“ versucht sich FAZ-Autorin Anna Prizkau in einer Art Reportage über die neue Friedensbewegung. Was dabei herausgekommen ist, ist jedoch ein Pamphlet, dem man förmlich anmerkt, das es hier um weit mehr geht als „nur“ um eine Reportage über eine neue Bewegung. Prizkau geht es auch um die Ehre der FAZ und des „Qualitätsjournalismus“. Doch diesen Kampf um die Ehre verliert Frau Prizkau – sie macht die Sache nur noch schlimmer.

Man kann der neuen Friedensbewegung ja durchaus einige – meist in der Vergangenheit liegende – Fehler vorwerfen. Aber das, was Anna Prizkau in der FAZ macht, hat mit Journalismus nun wirklich nicht das Geringste zu tun. Da wird alles aus dem erweiterten Umfeld der Friedensbewegung in einen Topf geschmissen und ohne Sinn und Verstand zu einem boshaften Brei vermischt, der reaktionär und fad schmeckt. Wie man sieht, liegt Pedram Shahyar mit seinem „McCarthy-Vergleich“ goldrichtig.

Wäre Frau Prizkau in den späten Sechzigern aktiv gewesen, hätte sie sicher auch über die „langhaarigen Gammler“ gezetert, die auf ihren „Klampfen“ Liedgut zum Besten geben, das dem feingeistigen Geschmack der FAZ-Schreiberin nicht mundet. Anders ist die reaktionäre Passage über den „Info-Rapper“ nicht zu deuten. Man kann solche Musik mögen oder auch nicht – ich mag sie beispielsweise nicht. Die Häme, die hier jedoch aus jeder Zeile tropft, ist peinlich und fällt auch auf die Autorin zurück. Die Montagsdemos haben ja in der Tat ihre Probleme, sich glaubhaft von rechter Unterwanderung zu distanzieren. Sie sind aber – und das liest man in FAZ und Co. nie – links. Das ist ja eigentlich auch logisch – wie sollte eine rechte Bewegung von rechts unterwandert werden?

Wer seine Informationen über die Montagsdemos und die neue Friedensbewegung aber ausschließlich von FAZ und Co. bekommt, könnte glatt glauben, dass es sich hier tatsächlich um eine rechte demokratiefeindliche Bewegung handelt. Das ist Unsinn. Richtig ist jedoch, dass es auf den zahlreichen dezentralen Veranstaltungen durchaus einzelne Auftritte gibt, die man aus diesem Grund kritisieren muss. Eine konstruktive Debatte und auch eine konstruktive Kritik ist jedoch auf der Basis, die sie FAZ und Co. liefern, kaum mehr möglich. Was die versammelte Medienschar da abzieht, ist eine lupenreine Schmutzkampagne.

Doch diese Kampagne greift nicht und daran sind die Medien selbst schuld. Ihre Einseitigkeit – gerade beim Themenfeld Ukraine/Russland – ist mittlerweile den meisten Lesern bekannt und jede noch so angestrengte Vorwärtsverteidigung nach dem Motto „Haltet den Dieb“ wird von vielen Lesern als Meinungsmache erkannt. Wäre das Thema nicht so traurig, man könnte glatt lachen – durch ihre übertriebene Einseitigkeit haben die Meinungsbildner von einst ihre Deutungshoheit verspielt. Und anstatt sich seriös und konstruktiv diesem Problem zu stellen, überzieht man lieber komplett und verspielt damit auch noch den letzten Rest an Glaubwürdigkeit.

p.s.: Wenn Ihnen nach (unfreiwilliger) Satire ist, dann lesen Sie sich doch bitte (noch) einmal den letzten Absatz von Pritzkaus Text durch.

Jens Berger


Textquelle: Nachdenkseiten zum Artikel

Beitragsbild: “Analyse” – pixabay.com

Wie die Medien für die Mächtigen zum Krieg trommelten

von Herbert Ludwig

Die gefährlichsten Massenvernichtungswaffen sind die Massenmedien.

(M.A. Verick)

Immer wieder wird behauptet, es sei ein Verdienst der EU und ihrer Vorgängerorganisationen, seit nunmehr siebzig Jahren verhindert zu haben, dass die Völker nach den zwei Weltkriegen des vorigen Jahrhunderts wieder übereinander herfallen konnten. Das ist eine Verschleierung der Wahrheit. Kriege gingen und gehen nie von den Völkern aus, sondern immer von den Herrschenden bzw. deren Fäden ziehenden Hintermännern, die mit Hilfe der von ihnen gelenkten Medien die Menschen täuschen, belügen und in den Krieg treiben.Und von den Herrschenden wird auch heute über die Köpfe der Menschen hinweg die diktatorische EU veranstaltet. In den modernen Machtstaaten, die mit Gesetzen den Willen der Menschen grundrechtswidrig von außen lenken (vgl. “Die Macht macht untertan”) – da besteht zwischen Diktaturen und „Demokratien“ kein Unterschied – sind die Medien Bestandteil der bestehenden Machtstrukturen. Denn durch nichts kann das Bewusstsein der gutgläubigen Menschen so total manipuliert werden. Über dieses Zusammenspiel sollen hier Schlaglichter auf drei am Ersten Weltkrieg beteiligte Länder geworfen werden.

Die Funktion der Presse in England vor dem Ersten Weltkrieg

In England hatte sich 1909 um Lord Alfred Milner ein elitärer Kreis einflussreicher Politiker und Gelehrter unter dem Namen  The Round Table mit dem Ziel gebildet, immer mehr Einfluss auf die britische Politik zu nehmen, um aus dem Anspruch gottgewollter Überlegenheit der englischen „Rasse“ intensiv für eine imperialistische Ausbreitung des Britischen Empire zu wirken. Dazu sahen sie einen Krieg mit Deutschland als unausweichlich an. Zum engeren Kreis der voll in die Ideen und Impulse Eingeweihten rechnet der amerikanische Historiker Carrol Quigley neben Lord Milner: Lord Esher, Earl Albert Grey, A.J. Balfour, W.T. Stead, Philip Kerr, Lionel Curtis und weitere 9 Mitglieder. Um sie herum bestand ein weiterer Kreis, der wohl nicht mit allen Aspekten der Sache vertraut war. Dann kam noch ein äußerer Kreis von Helfern hinzu, der eine relativ große Zahl von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens umfasste, zu denen auch der von 1905 – 1916 als Außenminister amtierende Edward Grey gehörte. Geistige Heimat des Kreises war die Universität Oxford, speziell die Colleges Balliol und New College sowie die beispiellose Einrichtung des All Souls College, das als geistiger Kern des Britischen Empire gilt. (Vgl.: “Wie einflussreiche Kreise”)

Britisches PropagandaplakatFrüh war man von der Notwendigkeit überzeugt, Zugang zu Einrichtungen des Bildungswesens und insbesondere der Presse zu erhalten, um Einfluss auf das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu gewinnen. Man erreichte, dass Geoffrey Dawson, Milners Privatsekretär in dessen Zeit in Südafrika, Herausgeber der Times und damit der führende Newspaperman in Großbritannien wurde. Andere Round Tablers wie Philip Kerr  [1] (unter dem Pseudonym „Voyageur“) veröffentlichten in der Times Artikel. „Kerr schrieb außerdem regelmäßige Kolumnen für den Christian Science Monitor, aber auch in The Spectator, Nation and Athenaeum sowie Contemporary Reviews.“  [2]  Kerr war zudem Chefredakteur der eigenen Hauszeitschrift The Round Table. Das Mitglied Edward Grigg  [3] publizierte in den eher rechten National und Fortnightly Reviews sowie in John Garvins Observer. „Die Zeitschrift International Conciliation, finanziert und herausgegeben von ( dem amerikanischen Bankier) J. P. Morgan, druckte ganze Artikel aus The Round Table nach, aber veröffentlichte auch neue von Kerr und Brand.  [4] (…) Zu den Direktoren der Nachrichtenagentur Reuters zählten Malcolm, Grigg, John Buchan und Sir Roderick Jones.“  [5]  Schließlich bildete der Historiker Reginald Coupland, Professor für die Geschichte des Britischen Empire und für Kolonialgeschichte in Oxford, nach eigenen Worten „ein Gefäß der Imperialen Arbeit“. [6]

Durch dieses Geflecht waren sozusagen konzertierte Aktionen möglich. Beispielsweise

verkündet ein Staatsmann (und Mitglied der Gruppe) eine politische Entscheidung. Ungefähr zur selben Zeit veröffentlicht das Royal Institute of International Affairs eine Studie über dasselbe Thema, und ein führender Akademiker aus Oxford, ein Fellow aus All Souls (und Mitglied der Gruppe) veröffentlicht ebenfalls einen Band über das Thema (…). Die politische Entscheidung des Staatsmanns wird in einem Leitartikel von ´The Times´ einer kritischen Analyse unterzogen und schließlich gutgeheißen, während die beiden Bücher in einer einzigen Rezension in ´The Times Literary Supplement´ besprochen werden. Sowohl der Leitartikel wie die Buchbesprechung sind anonym, aber von Mitgliedern der Gruppe verfasst. Und schließlich tritt, ungefähr gleichzeitig, ein anonymer Artikel in (der eigenen Hauszeitschrift)´The Round Table´ für die gleiche politische Entscheidung ein. [7]

Bereits in der ersten Nummer der Hauszeitschrift The Round Table im November 1910 lenkte Philip Kerr das Bewusstsein der Öffentlichkeit auf einen angeblichen Gegensatz zwischen England und Deutschland, wobei letzteres als kriegslüstern und England als friedliebend dargestellt wurden:

Der Gegensatz zwischen England und Deutschland bildet die zentrale Tatsache der heutigen internationalen Situation. Deutschland ist der Unruheherd, dessen Rüstung und Ehrgeiz die Welt in einem Krieg zu verschlingen drohen. England ist die Macht, deren höchstes Interesse in der Wahrung des Friedens liegt. (…) Hierin besteht ein ewiger Konflikt. Es ist kein bloßer Wettstreit der Rivalen über die Frage, wer der Größte sein soll. Es ist ein Konflikt zwischen den freiheitsliebenden Bürgern des Britischen Empire und den enthusiastischen Vertretern der nationalen Größe Deutschlands. [8]

Auf diese Weise wurde die Bevölkerung langsam für einen Krieg gegen Deutschland eingestimmt, dessen Ausbruch 1914 wesentlich von der englischen Regierung mitherbeigeführt wurde (Vgl.: “Wie einflussreiche Kreise”). – Die enge Verflechtung von führenden Kreisen, staatlichen Machtstrukturen und der Presse in England wird hier etwas minutiös geschildert, weil sie gewissermaßen exemplarische Bedeutung hat.

Die korrumpierte Presse in Frankreich vor dem Ersten Weltkrieg

Feldpostkarte von 1919 "Un gros bonjour de Bochie" (Viele Grüße aus Deutschland)

Feldpostkarte von 1919 “Un gros bonjour de Bochie” (Viele Grüße aus Deutschland)

Seit der Niederlage von 1871 gegen Deutschland wuchs in elitären Kreisen Frankreichs der Wille nach Revanche, nahm in den Bündnisverträgen mit Russland und England konkrete Form an und erreichte Anfang des 20. Jahrhunderts einen Höhepunkt. Ein Hauptvertreter war Raymond Poincaré, der im Januar 1912 Ministerpräsident und Außenminister wurde und von 1913 bis 1922 als Staatspräsident die französische Politik prägte.

In einem kürzlich erschienen Essay „Die Schuld lag nicht bei Deutschland“ weist der Franzose Phillippe Simonnot darauf hin, dass es in Frankreich schon früh vereinzelte Stimmen gab, die Poincaré  als regelrechten Kriegstreiber entlarvten und resümiert dazu: „In der Tat handelte es sich weniger um Völker oder Nationen (als Kriegstreiber), sondern um die Fürsten, die regierten.“ So schrieb 1920 Fernand Gouttenoire de Toury: „Die Regierungen, allesamt in der Hand finanzieller Mächte, (…) bereiten permanent und entgegen ihrer Behauptungen derartige Kriege vor. Dies geschieht durch den Unterhalt von Armeen, und so kommt der Tag, dass die unglücklichen Völker gegeneinander in die Schlacht geworfen werden.“ „Der Präsident der Französischen Republik hat sich entschlossen, (…) Anhänger des zaristischen Panslawismus zu werden, um Frankreich einen Revanche-Krieg zu ermöglichen und so die verlorenen Provinzen Elsass und Lothringen wieder zu erlangen.“ [9]

Noch radikaler drückte sich 1933 Félicien Challaye aus: „So war nach dem Willen von Poincaré der Krieg niemals ein Verteidigungskrieg, der die Verteidigung der Grenze zum Ziel hatte. Er war vielmehr ein Revanche-Krieg, der die Rückeroberung von Elsass und Lothringen zum Gegenstand hatte. Im Bewusstsein mehrerer französischer und russischer Führer war dies sogar ein sehr viel weiter gehender Eroberungskrieg, bei dem es darum ging, das Saargebiet, die linksrheinischen Gebiete und Konstantinopel sowie die Dardanellen in den Griff zu bekommen.“ [10]

Die französische Presse galt von vor dem 1. Weltkrieg bis zum Beginn des 2. Weltkrieges als die bestechlichste der Welt. „Um die pazifistischen und antimilitaristischen Strömungen im Land vor 1914 zum Schweigen zu bringen, bediente sich die französische Regierung auf Anraten des Finanzministers Rouvier gern der Geldmittel aus Russland. Zeitungen wie Le Temps (Vorgänger von Le Mond), Le Figaro, Le Gaulois, Le Petit Parisien, Le Martin, Le Journal officiel  bekamen regelmäßige Zuwendungen aus einem Spezialfonds, der allein währen der Balkankriege 1912 und 1913 jeweils 300.000 Francs betrug und der von Poincaré abgesegnet und überwacht wurde, um die ihm feindlich gesonnenen Journalisten zu neutralisieren. (Der russische) Botschafter Izvol´skij, der persönlich Journalisten wie Jules Hedeman (London Korrespondent von Matin) und André Tardieu vom Temps (von 1926 bis 1932 mehrmals französischer Minister und Ministerpräsident) täglich aufsuchte und finanziell versorgte, zahlte allein 1913 eigenhändig 374.000 Francs. Dabei mahnte er seinen Vorgesetzten Sazonow im Dezember 1912, die Geldmittel nicht versiegen zu lassen. ´Jeden Tag bemühe ich mich, die wichtigsten Zeitungen persönlich zu beeinflussen`, hob er hervor.“ [11]

Die Verbindungen der französischen Presse „mit dem Außenministerium hatten etwas in Europa Einzigartiges“, schreibt Phillipp Simonnot. Sie gingen in beiderlei Richtung „und zwar in der Weise, dass niemand so recht wusste, in welcher Richtung der Transmissionsriemen nun wirklich funktionieren würde.“ Der Einfluss der Zeitungen wurde dadurch noch verstärkt, „dass die Hälfte der Minister der Dritten Republik irgendwann in ihrem Leben einmal eine literarisch-journalistische Laufbahn absolviert hatte. Der Journalismus wurde wie eine natürliche Vorstufe zur Politik angesehen, und Journalisten wurden sogar Abgeordnete. Viele behielten finanzielle Verbindungen mit ihren Zeitungen.“ [12]

Die abhängige Presse in den USA vor dem Ersten Weltkrieg

US-Plakat 1917Es ist kein Geheimnis, dass in den USA die eigentliche Macht in den Händen führender Finanzkreise liegt, aus denen die Politiker entweder hervorgehen oder von ihnen gesteuert werden. Einer der Politiker, der es wissen muss, Franklin D. Roosevelt, US-Präsident von 1933-1945, schrieb in einem vertraulichen Brief: „Die tatsächliche Wahrheit ist, dass seit den Tagen von Andrew Jackson (US-Präsident 1829-1837) gewisse Teile der großen Finanzzentren die Regierung beherrschen.“ [13]

Einen Höhepunkt hatte diese private Finanzmacht erreicht, als am 23. 12. 1913 Präsident Woodrow Wilson das vorher (in den Weihnachtsferien) vom Kongress beschlossenes Gesetz über das „Federal-Reserve-System“ (FED) in Kraft setzte, mit dem die Notenbank mit dem Geld- und Kreditsystem einem privaten Bankenkonsortium übertragen wurde. Woodrow Wilson wurde erst später bewusst, an was er mitgewirkt hatte: „Ich bin ein höchst unglücklicher Mann. Ich habe unbeabsichtigter Weise mein Land ruiniert. Eine große Industrienation wird nun von ihrem Kreditsystem beherrscht. Unser Kreditsystem liegt konzentriert in den Händen einiger Weniger. Wir sind zu einer (…) der am meist kontrollierten und dominierten Regierung der Welt geworden, (…) Unsere Regierung basiert nicht länger auf der freien Meinung, noch auf der Überzeugung und dem Mehrheitsbeschluss, es ist nun eine Regierung, welche der Überzeugung und dem Zwang einer kleinen Gruppe marktbeherrschender Männer unterworfen ist.“ [14]

Es versteht sich, dass diese Machtzirkel neben der Regierung auch die wichtigsten Medien in der Hand haben müssen, um das Bewusstsein der Menschen zu besetzen und öffentlichen Druck auf die Politik ausüben zu können. Der Bürgermeister von New York John Francis Hylan traute sich 1922 in einer Rede offen darauf hinzuweisen:

Die wahre Bedrohung unserer Republik ist diese unsichtbare Regierung, die wie ein Octopus ihre schleimigen Tentakeln über Stadt, Staat und Nation ausbreitet. Um nicht bei bloßen Generalisierungen zu bleiben, lassen Sie mich aussprechen, dass der Kopf dieses Octopus die Rockefeller Standard Oil Interessen und eine kleine Gruppe mächtiger Banken sind …. Diese kleine geschlossene Gesellschaft mächtiger internationaler Banker leitet praktisch die US-Regierung im Sinne ihrer eigenen selbstsüchtigen Interessen. Sie kontrollieren praktisch beide politischen Parteien, schreiben politische Programme, machen Parteiführer zu ihren Handlangern, benutzen die führenden Männer privater Organisationen und greifen auf jeden Trick zurück, um nur solche Kandidaten zur Nominierung für hohe politische Ämter zu platzieren, die sich dem Diktat des korrupten ‘big business’ fügsam zeigen. Diese internationalen Banker und Rockefeller-Standard Oil Interessen kontrollieren die Mehrheit der Zeitungen und die Kolumnen dieser Zeitungen, um diejenigen Inhaber öffentlicher Ämter in die Unterwerfung zu zwingen oder aus dem Amt zu drängen, die es ablehnen, den machtvollen, korrupten Cliquen zu dienen, aus denen die unsichtbare Regierung besteht. [15]

John Swinton, einer der bedeutendsten Journalisten New Yorks Ende des 19 Jahrhunderts, der auch zehn Jahre bei der New York Times gearbeitet hatte, brachte bereits 1880 die Abhängigkeit der Presse schonungslos auf den Punkt. Auf einem ihm zu Ehren gegebenen Bankett von Kollegen lobte jemand in einem Trinkspruch die Freiheit der Presse. Doch Swinton sprach zum Schock der anderen unverblümt die Wahrheit aus:

Es gibt hier und heute in Amerika nichts, was man als unabhängige Presse bezeichnen könnte. Sie, liebe Freunde wissen das, und ich weiß es gleichfalls. Es gibt keinen unter Ihnen, der es wagt, seine ehrliche Meinung zu schreiben, und wenn Sie sie schrieben, wüssten Sie im Voraus, dass sie niemals gedruckt würde. Ich werde wöchentlich dafür bezahlt, meine ehrliche Überzeugung aus der Zeitung, der ich verbunden bin, herauszuhalten. (…) Jeder von Ihnen, der so dumm wäre, seine ehrliche Meinung zu schreiben, stünde auf der Straße. (…) Das Gewerbe eines Publizisten ist es vielmehr, die Wahrheit zu zerstören, geradezu zu lügen, zu verdrehen, zu verleumden, die Füße des Mammon zu küssen und sich selbst und die Gesellschaft um des täglichen Brotes willen wieder und wieder zu verkaufen. (…) Wir sind die Werkzeuge und Vasallen reicher Finanzgewalten hinter der Szene. Wir sind die Marionetten, sie ziehen die Schnüre und wir tanzen. Unsere Talente, unsere Fähigkeiten und selbst unser Leben gehören diesen Männern. Wir sind intellektuelle Prostituierte. [16]

1912 schrieb der Abgeordnete Joseph Sibley, ein Vertreter der Rockefeller-Interessen im Parlament, an John D. Archbold von Standard Oil: “Wir benötigen ein effizientes Büro für Pressefragen, nicht für einen Tag oder für eine Krise, sondern für eine ständige gesunde Kontrolle der Associated Press (globale Nachrichtenagentur) und vergleichbarer Organisationen.“ So etwas realisierte sich einige Jahre später. Der Kongressabgeordnete Callaway stellte fest: “Im März 1915 hat sich eine Interessengemeinschaft bestehend aus Vertretern von J.P.Morgan, der Stahl-, Werft- und Munitionsindustrie und ihrer angeschlossenen Firmen gebildet, die 12 hochrangige Vertreter aus der Medienlandschaft auswählte und sie beschäftigte, um die einflussreichsten US Zeitungen auszuwählen und um eine Anzahl dieser in ihrer täglichen Berichterstattung zu kontrollieren.”  Der Medienkritiker Patrick S. J. Carmack bemerkt dazu: „Diese Interessengemeinschaft fand heraus, dass es lediglich notwendig war, die 25 größten Zeitungen aufzukaufen. Man traf eine Vereinbarung, und die Grundsätze und Ausrichtung dieser Zeitungen wurden sprichwörtlich aufgekauft, ein Editor wurde für jede Zeitung eingestellt, um vor allem die Themen der Kriegsvorbereitung für den Eintritt der USA in den ersten Weltkrieg sowie alle militärischen und finanziellen Fragen und anderen Themen mit nationalen und internationaler Bedeutung im Sinne der Käufer zu überblicken und notfalls zu editieren.“ [17]

Neunzig Prozent der amerikanischen Bevölkerung waren gegen jegliche Beteiligung der USA am Ersten Weltkrieg. Daher betonte die Regierung auch eine strikte Neutralität. Die stand allerdings nur auf dem Papier. Denn zwischen 1914 und 1917 vergaben die Wallstreet-Banken mehr als 1,5 Milliarden Dollar Kredit an die Gegner Deutschlands, und auch Waffen- und Munitionslieferungen nach England fanden statt. Es lag also im Interesse der führenden Kreise der USA, dass die Gegner Deutschlands den Krieg gewannen, und es war Englands Interesse in der Not des Krieges, die USA auch aktiv kämpfend an seine Seite zu ziehen. England benutzte gegen internationales Recht Passagierschiffe für versteckte Waffen- und Munitionstransporte aus den USA. Am 7.5.1915 versenkte deshalb ein deutsches U-Boot vor Irland – nach dem Kriegsrecht berechtigtermaßen – das Passagierschiff Lusitania, mit dem 1198 Menschen untergingen.

Die Nachricht löste ein politisches Erdbeben aus. Wütend empörten sich Londoner Zeitungen über die moralische Verkommenheit Deutschlands. Die Versenkung der Lusitania sei das gemeinste der vielen gemeinen Verbrechen, mit denen sich die deutschen Streitkräfte besudelt haben, das unheimlichste Verbrechen der Geschichte. Die weltpolitische Lage drohte zu eskalieren, als bekannt wurde, dass von den 159 US-Bürgern an Bord 128 starben. Der US-Botschafter in London empfahl nach Washington: “Die USA müssen den Krieg erklären, oder sie verlieren den Respekt der Europäer.” US-Präsident Woodrow Wilson nannte die Tat “den schlimmsten Akt von Seeräuberei in der Geschichte der Menschheit”. [18] Zudem gab die amerikanische Regierung die falsche Meldung heraus, dass deutsche Schulkinder am Tage des Unterganges der Lusitania schulfrei bekommen hätten, um dies zu feiern. [19] Eine entsprechende Hetze brach in der US-Presse los. Die New York Tribune schrieb: „Seit dem 7. Mai werden Millionen in diesem Land bedauern, daß in Flandern keine Amerikaner mitfechten gegen Hunnen und Vandalen.“ So wurde die öffentliche Meinung zum Umschwenken gebracht, und immer mehr Stimmen sprachen sich offen für einen Kriegseintritt der USA gegen das Deutsche Reich aus. Der Lusitania-Fall bereitete in Amerika das Klima, in dem US-Präsident Wilson dann zwei Jahre später auf Seiten der Westmächte in den Ersten Weltkrieg eintrat.

„Die gefährlichsten Massenvernichtungswaffen sind die Massenmedien“, schrieb M.A. Verick. [20] Sie müssen als solche entlarvt werden. Denn sie treiben auch heute im Auftrag der Mächtigen ihr explosives Spiel.

Herbert Ludwig


Autor Herbert Ludwig: Nach kaufmännischer Lehre Studium und Ausbildung zum Rechtspfleger, 4 Jahre Tätigkeit an hessischen Amtsgerichten. Danach Studium an der Pädagogischen Hochschule Reutlingen mit den Schwerpunkten Erziehungswissenschaften, Philosophie, Geschichte, Deutsch, sowie Waldorfpädagogik am Waldorflehrer-Seminar Stuttgart. 27 Jahre Lehrer an der “Goetheschule – Freie Waldorfschule – Pforzheim”. Ruhestand.

http://fassadenkratzer.wordpress.com

Bild- und Grafikquellen:

  1. Beitragsbild: “Der Pressespiegel” – RainerSturm  / pixelio.de
  2. “Britisches Propagandaplakat” – Wikipedia CC-Lizenz
  3. “Viele Grüße aus Deutschland” – Wikipedia CC-Lizenz
  4. “US-Plakat 1917” – Wikipedia CC-Lizenz

Fußnoten:

  1. Philip H. Kerr (Lord Lothian, 1882-1940), Privatsekretär von Premier Lloyd George 1916-21, Sekretär des Rhodes-Trust 1916-21, Unterstaatssekretär für Indien 1931-32, Botschafter in den USA 1939-40. Nach Markus Osterrieder: Welt im Umbruch, Stuttgart 2014, S. 885
  2. hier und im Folgenden a. a. O. S. 897
  3. Edward Grigg (Lord Altrincham, 1879-1955), Mitarbeiter von The Times 1903-13, Sekretär von Edward VIII. 1919-20, Privatsekretär von Lloyd George 1921/22, Parlamentsabgeordneter 1922-25 und 1933-45, Sekretär des Rhodes-Trust 1921-25, Gouverneur von Kenia 1925-31, diverse Regierungsposten 1939-45. Nach Osterrieder S. 886
  4. Robert H. Brand (Lord Brand 1878-1963), nach 1910 Geschäftsführer des Bankhauses Lazard Bros. & Co., Co- Direktor der Lloyd´s Bank und von The Times, Osterrieder S. 885
  5. (Sir) Dougal Malcolm (1877-1955), Privatsekretär von Lord Selborne (Hochkommissar) in Südafrika und Earl Grey in Kanada, seit 1913 Direktor und seit 1938 Präsident der Brirish South Africa Company. John Buchan (Lord Tweedsmuir, 1875-1940), Privatsekretär von Milner 1901-03, Director of Information for The War Office 1917/18, Korrespondent der Times, Kanzler der Universität Edinburgh, Generalgouverneur von Kanada 1935-40)
  6. Osterrieder a. a. O. S. 898
  7. Carrol Quigley, zitiert von Osterrieder, S. 896 f.
  8. Osterrieder a. a. O. S. 899-900
  9. Phillippe Simonnot „Die Schuld lag nicht bei Deutschland, Berlin o.J., S. 20-21
  10. a. a. O. S. 22, 23
  11. Markus Osterrieder: Welt im Umbruch, Stuttgart 2014, S. 434
  12. Phillipp Simonnot a. a. O. S. 52, 53
  13. Brief vom 21.11.1933 an Col. Edward Mandell House in: Seine persönlichen Briefe, 1928-1945, herausgegeben von Elliott Roosevelt, New York: Duell, Sloan und Pearce, 1950, S. 373.
  14. Wilson, Woodrow – “The New Freedom, A Call For the Emancipation of the Generous Energies of a People, Section VIII “Monopoly or Opportunity?” New York, Doubleday, Page & Co., 1913, S. 163 – 191
  15. John Francis Hylan (1868-1936), Bürgermeister von New York, Rede vom 26.3.1922 vor dem Kolumbus-Ritterorden. Zitat in: Almagamated Sheet Metal Worker’s Journal, Bd. 27-28, April 1922, S. 33.
  16. John Swinton, (1830-1901), unter anderem 10 Jahre bei der New York Times, vor Redakteuren im Jahr 1880; Quelle: Labor’s Untold Story, by Richard O. Boyer and Herbert M. Morais, published by United Electrical, Radio & Machine Workers of America, NY, 1955/1979
  17. “Moneychangers” von Patrick S. J. Carmack, freie Übersetzung von Dirk Gerhardt http://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=2&ved=0CCoQFjAB&url=http%3A%2F%2Fwww.911-archiv.net%2Fcategory%2F2-dokumente-allgemein.html%3Fdownload%3D7&ei=KOYjVK7TDOvg7QbRpYGQCA&usg=AFQjCNF2RZwLJquW74t17zfdJEFJLfCpew&sig2=tpUhSyceq0A1Y7sOLmIekA&bvm=bv.76247554,d.ZGU
  18. Spiegel-online 23.12.2008
  19. Kopp-online 26.1.2009
  20. in: Das Medienmonopol. Gedankenkontrolle und Manipulation, 2006

Der Goldpreis stürzt ab – eine Irreführung auf seriösen Wirtschaftsseiten

von Andreas Müller-Alwart

„Gold war stets die beliebteste Anlage all jener Untergangspropheten, die dem Weltfinanzsystem mit schöner Regelmäßigkeit den totalen Zusammenbruch vorhersagen“, schreibt Dennis Kremer für die FAZ am Sonntag vom 02.11.2014. Das höhnische Grinsen beim Niederschreiben dieser Buchstaben klingt beim Lesen noch schmatzend in den Ohren. „Untergangspropheten“ und „schöner Regelmäßigkeit“ – die ewigen Miesepeter und Querulanten bekommen eines auf die Mütze, das verhehlt dieser Beitrag erst gar nicht, sondern poltert gleich im ersten Satz los. Die Tatsache, dass dieses Exemplar der FAZ kostenfrei im Rahmen einer Bahnfahrt zugetragen wurde, macht dieses Blendwerk auch nicht erträglicher. Und er fährt fort: „Für Anhänger solcher Theorien dürfte die vergangene Woche nicht leicht zu verkraften gewesen sein“, was er dann in der Folge mit dem gesunkenen Goldpreis begründet. Ach herrje. Nochmals ein prüfender Blick auf die Kopfseite dieses Blattes: Wir sind auf der Wirtschaftsseite, nicht in der Satireecke. Schade. Aber der Reihe nach.

Nun weiß inzwischen jeder Otto-Normal-Verbraucher, dass der sogenannte Goldpreis etwas ist, das ein paar Banken im Telefonat untereinander danach aushandeln, was ihnen der An- und Verkauf von Gold gerade wert erscheint. Ausgerechnet Banken. Und dann nur ein paar. Und auch noch telefonisch. Die Ermittlung des sogenannten Goldpreises ist eine wirklich intransparente und subjektive Einschätzung. Kommt aber noch hinzu: Gold hat immer den gleichen Wert, da es weitgehend in der gleichen, begrenzten Menge auf diesem Planeten vorkommt. Es werden weder besonders lukrative, also wirtschaftlich erschließbare, Goldquellen gefunden, noch verliert Gold an Wert. Was also passiert eigentlich, wenn vom abstürzenden Goldpreis die Rede ist?

Ob Gold im Wert steigt oder fällt, hängt mit dem Vertrauen in die Papierwährung zusammen. Je geringer das Vertrauen in die Stabilität, desto höher die Abwanderung in Gold. Den umgekehrten Schluss zu ziehen, wäre paradox: Je geringer der Goldpreis, desto stabiler die Papierwährung. Das ist Unfug. Bestenfalls ist das Vertrauen in die Papierwährung wieder gestiegen, aber nicht der Wert des bedruckten Papiers selbst.

Anders ausgedrückt: Einerlei ob der Goldpreis in Dollar oder Euro bemessen wird – er wird in Relation zur Geldwährung gesetzt. Je größer das Vertrauen in die Stabilität dieser Geldwährung, desto niedriger der Bedarf, sich über Gold gegen Währungsausfall oder -verluste abzusichern. Da eine Geldwährung immer ausfallen kann, besteht allerdings immer der Bedarf einer Absicherung durch andere Sachwerte wie eben z. B. Gold. Kann also nur die Frage offen sein: Zu welchem Preis findet diese Absicherung statt. Wenn nun eine Wirtschaftsredaktion allen Ernstes schreibt – was dem Volontär noch verziehen werden könnte – der Goldpreis sei abgestürzt, so werden hier grundlegende ökonomische Fakten verdreht. Unbedarfte Anleger werden regelrecht in die Irre geführt. Dies scheint auch kein Einzelfall zu sein, sondern – da diese Irreführungen in vielen Wirtschaftsredaktionen seit Jahrzehnten stattfinden – wirken diese wie PR-Maßnahmen, die Sparer vor Goldkäufen „schützen“ sollen und natürlich auch als Schutz vor den Panikmachern. Die EZB (Europäische Zentralbank) beendet die Anleihenkäufe – der Goldpreis sinkt – und damit sind die „Untergangspropheten“ widerlegt, die mit „schöner Regelmäßigkeit“ den Untergang des Weltfinanzsystems prophezeien. Vergleichen Sie es gerne mit der Atomkraft. Die vielen kleinen Störfälle hatten eine ganze Weile die Warner vor einem GAU (größter anzunehmender Unfall) wie quengelnde Miesepeter dastehen lassen. Das hat sich erst mit Eintreten des GAU geändert. Beim Finanzsystem täuschen Rettungsfonds, massives Gelddrucken und allerlei Bilanztricksereien auch über die Störfälle des Systems hinweg. Der GAU im Finanzmarkt wird schon nicht kommen, jedenfalls sind alle so lange Propheten bis er eingetreten ist. Paradox, denn Finanzmarkt- und Wirtschaftskrisen hatten wir schon einige und die zeigten auch stets die Grenzen unseres Geldsystems auf. Doch nach Währungsreform, Staatsbankrott und Schuldenschnitt ging es wieder weiter bzw. von vorne los. Diese Störungen treten systematisch auf – das ist Fakt! Gold hat alle diese Krisen überlebt und war oft für viele Sparer ein Rettungsanker. Hier Bürger im Kontext mit einem vermeintlich abstürzenden Goldpreis dahingehend zu sensibilisieren, den Warnern vor dem Zusammenbruch des Finanzsystems keinen Glauben mehr zu schenken, befindet sich journalistisch schon an der Grenze zur systematischen Volksverdummung.

Es gibt zwei Möglichkeiten, die zu einem solchen Kommentar in einer Wirtschaftsredaktion führen können:

  • Entweder hat die Redaktion keinerlei Kompetenz bezüglich des exponentiellen Effektes des Zinseszinssystems und wie sich dieser auf Weltschulden und Weltvermögen auswirkt,
  • oder aber – und dieses befürchten wir mittlerweile – die Redaktionen wissen das sehr wohl, aber täuschen die Bevölkerung über die bekannten und keineswegs theoretischen Zusammenhänge dieses finanzsystemabhängigen Wirtschaftssystems hinweg.

Mit „schöner Regelmäßigkeit“ – wir schreiben das jetzt auch mal so – wird außerdem beteuert, wie wenig sich Gold zum Schöpfen einer guten Nettorendite eignet. Diese PR-Meldungen werden am Liebsten platziert, wenn gerade der Goldpreis mal wieder gesunken ist, nachdem er zuvor gestiegen war. Darauf können Sie sich ja jetzt Ihren eigenen Reim machen, da Sie nun wissen, dass der Goldpreis von fallenden oder steigenden Währungskursen abhängt und diese wiederum vom Vertrauen der Anleger. Wie auch immer: Wenn ein paar Banken den Goldpreis an ihrer Tageslaune manifestieren, indem sie sich darüber abstimmen zu welchem Preis sie bereit sind, Gold anzukaufen oder zu verkaufen, sind Manipulationen natürlich Tür und Tor geöffnet. Gerade das sollte Sparern immer wieder bewusst machen: Nichts, aber auch gar nichts, sollte einen davon abhalten ca. 10 Prozent des eigenen Vermögens in Gold vorzuhalten. Wenn der Goldpreis also „abstürzt“, so ist das ein Kaufsignal, um das Depot aufzufüllen. Nicht mehr und nicht weniger. Es ist keinesfalls ein Indiz dafür, dass das Finanzsystem sich wieder stabilisiert.

Wir haben es schon an anderer Stelle hier in unserem Blog hinterfragt: Wer braucht dieses Magazine noch, die den Lesern eine solche Irreführung als Qualitätsjournalismus und seriöse Berichterstattung verkaufen?


Autor Andreas Müller-Alwart ist selbständiger Journalist, Coach sowie Requirement Engineering Manager und Mitglied des Reflektion-Teams.

Beitragsbild: »Gold« – pixabay.com/de

Neue Herrschaft über Content und Tomaten

Der Trend zum Selbstgemachten reicht vom Gartenbau bis zum Verlagswesen. Ein Einblick in die gravierenden, spannenden und insgesamt positiven Veränderungen. Freiheit für die Bio-Tomaten. Freiheit für die Gedanken, die Meinungsfindung und die Bildung.

von Andreas Müller-Alwart

Ein Buch wie ein Tagtraum

Buch mit LampeDiese unbändige Lust. Dieses Prickeln. Das Lechzen. Die Vorfreude. Und dann währenddessen: Das Loslassen des Alltags, das Genießen, das tiefe, phantasievolle Eintauchen in eine Geschichte. Glückshormone werden ausgeschüttet: Endorphine. Nichts, das den Fluss von Gedanken, Bildern und Phantasien unterbrechen konnte, keiner, der wirklich dabei stören konnte. Genuss pur – Leidenschaft pur. Diesen „Flow“ kennen nur Leser, es gibt ihn nur beim Lesen, jedenfalls nicht beim Fernsehen oder Video schauen. Ein gutes Buch, eine gute Zeitschrift ist seltener geworden, aber ist jedem Fernsehbeitrag bei Weitem überlegen. Bei Lesen eines guten Buches oder Artikels entsteht eine fast intime Beziehung, eine Vereinigung zwischen Text und Leser. Bei einem guten Text stellt sich eigentlich gar nicht die Frage, wem der Text gehört, denn ein Meister der Sprache ist jemand, der den Leser in seine Zeilen so tief eintauchen und am Geschehen teilhaben lässt, dass der Autor die Hoheit über die gedanklichen Gebilde, die beim Leser entstehen, ganz oder teilweise verliert. Der Leser hängt zwischen den Zeilen und darüber in Tagträumen nach, lässt die Charaktere bildhaft werden, animiert die beschriebenen Szenen und findet sich empathisch im Gedruckten wieder. Das gilt nicht nur für Liebesromane, Abenteuerromantik, historische Schinken – nein: Dieses Eintauchen in die Welt des Autors ist bei jedem Genre möglich. Ein guter Sachbuchautor oder Wissenschaftsjournalist zeichnet sich eben gerade dadurch aus, eine komplexe, schwer verständliche Welt dem Leser alltagsfreundlich, spannend und amüsant näher zu bringen. Wer sich in ein Thema verliebt hat und darin aufblüht, ist als Autor in der Regel auch in der Lage, diesen Funken der Begeisterung auf die Leser überspringen zu lassen. Wer jedoch nur gegen Geld Auftragsarbeiten erstellen muss, wer nicht für Qualität, sondern nach Menge und Zeit (Geschwindigkeit) bezahlt wird – und dies ohne Ansehen der Inhalte und des Stiles, der wird seinen Lesern nur eher zufällig dieses Glücksgefühl bereiten können.

Ökonomisierung vor Kunst und Bildung

Die Ökonomisierung des Journalismus, die es schon seit Jahrzehnten gibt und die anfangs zu einem normalen Verdrängungswettbewerb geführt hat, hat sich radikal durch das Internet beschleunigt. Es geht um weit mehr als die Frage, wie zukünftig mit Bild und Text im Web Geld verdient werden kann und ob der uns bislang bekannte Journalismus diesen Umbruch überlebt. Es geht – wie so oft im Internet – vielmehr um die Frage, wem gehört etwas und wer darf es in welcher Form nutzen. Internetuser haben weitgehend unbegrenzten Zugang zu Millionen von Texten – zu Lexika wie Wikipedia, zu statistischem Hintergrundmaterial wie bei destatis.de, zu Büchern wie bei google.de und zu vielen Webseiten von einst reinen Printmedien. Die User haben Zugang zu vielen Videos und Blogs und sie sind einerseits auf der Suche nach Unterhaltung, andererseits auf der Suche nach Wahrheiten und Hintergründen. Viele Printmedien haben es verschlafen, diese Hintergründe und Zusammenhänge darzustellen und sich dadurch ein Alleinstellungsmerkmal zu verschaffen. Sie haben es verschlafen, ihre Art der Recherche und Wahrheitsfindung den Lesern plausibel und transparent zu machen. Schlimmer noch: Sie haben oftmals die Leser durch Weglassen oder Verzerren wichtiger Informationen vergrault. Dies taten sie in einer Zeit, in der ihre Thesen und Berichte für jedermann nachprüfbar wurden. Sie taten dies in einer Zeit, in der jedermann in Chats, Blogs, Foren und vor allem in den sozialen Medien andere Thesen aufstellen und die Nachhaltigkeit der einstigen Wortführer, der Printmedien, in Frage stellen konnte. Die Diskussionen waren zudem außerhalb der Kommentarwelten der Printmedien aussagekräftiger, kontroverser und sie waren erkenntnisreicher. Dabei darf nicht verschwiegen werden: So manche dort geführte Debatte glitt von einer qualitativ hochwertigen Diskussion ab in emotional-persönliche Angriffe und endete in anonym geposteter Vulgärsprache – das pure Gegenteil des Qualitätsjournalismus, wobei die jeweilige Diskussionsrunde auch diese meist anonym erstellten, verbalen Entgleisungen recht rasch in die Schranken verwies. Was bleibt, ist bei den Usern bzw. Lesern die Erkenntnis: Die Profi-Journalisten wissen es oft nicht anders und meist nicht besser als die vielen User im Netz.

Fließgleichgewicht von Inhalten und Meinungen

Birne, LampeEs kommt hinzu: Es gibt wohl nicht nur eine Meinung (Surprise! Surprise!), sondern man kann ein Thema unter verschiedensten Lebensauffassungen und ideologischen Färbungen dialektisch diskutieren. Das wiederum führt zur aufregendsten Erkenntnis: Alles ist in Bewegung, es gibt sie nicht, die eine, allheilbringende, richtige Meinung. Es gibt immer nur Momentbetrachtungen und alle Betrachtungen sind gefiltert durch die Denkweise des Schreibenden ebenso wie durch die Abstraktionen des Lesenden. Wenn doch aber alles im Fluss ist, wozu benötige ich dann noch gedruckte Buchstaben. Bis diese trocken sind und auf Papier ausgeliefert werden, ist die tagesaktuelle Diskussion längst ganz woanders angelangt. Und was es an grundsätzlichen Erkenntnissen in der Welt zu erforschen und zu erlesen gibt, findet sich von jeher besser in allerlei Klassikern wieder und davon wiederum befinden sich viele heute als gescannte Dateien in Onlinebibliotheken. Wozu also eine gedruckte Tageszeitung? Twitter ist schneller, Bücher sind nachhaltiger und intensiver, Blogs sind ebenfalls schneller, oftmals authentischer und eigentlich immer dialektischer in der Darstellung.

Es geht nicht nur ein Geschäftsmodell verloren

Was hier den Verlagen verloren geht, ist nicht nur einfach ein Geschäftsmodell. Hier geht die Hoheit der Verlage verloren, Meister des Inhaltes, Quelle der Meinungsbildung und Förderer der Wahrheit zu sein. Meint die Frankfurter Allgemeine Zeitung dazu: „Die Zukunft des Journalismus entscheidet sich hier und jetzt!“ Nur mit Größe und Qualität – so meinen die Verlage – und mit der ständigen Suche nach neuen Geschäftsmodellen, könnten sie noch überleben. Doch selbst wenn sie ein Geschäftsmodell finden: Sie werden nie wieder die Chefs des Inhalts, die „Master of Content“ sein. Dies liegt nicht nur an den Fehlern, die sie in der Vergangenheit gemacht haben, sondern hängt auch damit zusammen, dass durch das Internet das Wissen der Vielen strömt, gleichzeitig und im selben Raum. Das Internet ist angefüllt mit Experten, die an einem Thema zeitlich oder räumlich näher dran sind, die es kontinuierlicher bearbeiten und die es oftmals besser verstehen. Die Vermittlerfunktion von Journalisten – vor allem bei komplexen Themen – wird zunehmend und sehr rasch abgelöst durch einfache Bürger wie Dich und mich, die zu ihrem Hobby, Fachgebiet oder anderen sie bewegenden Themen, viel praxisnäher, verständlicher und lebhafter schreiben. Warum denn auch sollte der Trend zu „Prosumenten“ (Konsumenten, die gleichzeitig etwas produzieren) gerade vor dem Onlinejournalismus halt machen? Auf dem Weg vom Amateurjournalismus zum gestalteten Profijournalismus gibt es nur noch eine Barriere, die haben aber schreibende Leser wie bei Profijournalisten zu überwinden: Es ist die Barriere des Zugangs zu Primärdaten, zu den echten, unverfälschten und möglichst aktuellen Statistiken, die für die meiste Berichterstattung essenziell sind. Auch dies ist – von wenigen Ausnahmen abgesehen – im schnelllebigen Journalismus oft eher eine Schwachstelle, eher ein Minus als ein Plus der Profiautoren. Denn gerade für nachhaltige, aufwändige Recherchen fehlt auch ihnen die Zeit. Viele Zugänge zu unabhängigen, aktuellen Recherche-Datenbanken sind teuer, Suchanfragen sind zeitaufwändig wie auch die grafisch ansprechende Aufbereitung der Rohdaten. So werden letztlich gerne mit Handkuss gut aufbereitete Grafiken und Statistiken der PR- und Nachrichtenagenturen immer häufiger völlig unreflektiert und unbearbeitet an den Leser weitergegeben. Also sind die Redaktionen auch an dieser Stelle – unter Zeitdruck und ökonomischem Druck stehend – nicht besser dran als manche Freizeit-Blogger. Die statistischen Quellen und die Plausibilität der Daten kann der Leser im Printmedium fast nie nachvollziehen oder nachprüfen. Und so mancher Journalist schaut vielleicht neidisch auf den einen oder anderen Blog, weil dessen Autor den Blog als Hobby betreibt und einfach viel mehr Zeit und einen besseren Zugang zu Informationen hat. Hinzu kommt: In den Blogs tummeln sich immer mehr Gleichgesinnte und Experten. Dort werden Themen häufig völlig unabhängig von einer Tagesaktualität über Monate in einer unvorstellbaren Vielschichtigkeit und Tiefe diskutiert. Echte Bildung, echte Meinungsbildung ist dort möglich. Bildung entsteht ja gerade nicht durch das reine Lesen eines Inhaltes, sondern durch die Beschäftigung mit dem Gelesenen und durch das Nachdenken darüber. Der Erkenntnisgewinn hieraus ist durch keine Tagespresse der Welt zu ersetzen. Dies umso weniger als Zeitungen mit hohem dialektischem, meinungsbildendem Anspruch allesamt vom deutschen Markt verschwunden sind – allen voran „Die Woche“ und die „Financial Times Deutschland“. Stattdessen gibt es immer mehr kleine Fachmagazine, die günstig per PDF produzieren oder die auch im hochpreisigen Segment ihre Leser finden. Etablierte Redaktionen, die seit Jahren auf einen qualitativ hohen Anspruch und auch investigativen Journalismus setzen, haben auch in einer Onlinewelt als „Offline-Printmagazin“ weniger Probleme als andere Magazine. Die „Wirtschaftswoche“ und vor allem „Brand Eins“ sind sicherlich solche Ausnahmen, wobei „Brand Eins“ als gedrucktes Medium geradezu einen „haptischen Kultcharakter“ hat. Man kann hier die Textqualität riechen und fühlen und dies gehört eben zum Gesamterlebnis so wie das Knistern einer Langspielplatte eben ein besonderes Prädikat sein kann. Wir hatten es schon davon: Ein MP3-File knistert nicht und ein PDF raschelt nicht beim Umblättern.

Die Öffentlichkeit befindet sich im Strukturwandel

Das ist allerdings eine Nische, die dem Internet noch eine Weile verborgen bleiben dürfte. Internetseiten riechen nicht und lassen sich nicht anfassen. Ein Thema, das auch die TV-Macher immer wieder als Nachteil empfinden, wobei derzeit die haptische Interaktion zwischen dem Benutzer eines Smartphones und einer Website bei Weitem höher ist als die zwischen einer Fernbedienung eines Fernsehzuschauers und dem gezeigten Bild. Allein der Wischeffekt ist auf Seiten des Smartphones im Haben zu verbuchen. Doch bleiben wir mal nur beim Text, nur beim Content. „Es findet ein umfassender Strukturwandel der Öffentlichkeit statt, in dessen Verlauf die gedruckte Presse das Informationsmonopol und die Hoheit über die Meinungsbildung verloren hat“, schreibt Thorsten Hinz für das selbst recht junge Printmedium „Junge Freiheit“. Das Bemerkenswerte an diesem Zitat kann leicht überlesen werden: Nicht die Verlagswelt strukturiert sich um, sondern allem voran strukturiert sich die Öffentlichkeit um. Das Internet hat also zu einem Wandel der Struktur der Öffentlichkeit geführt und dies bedingt einen Strukturwandel der Verlage. Das Ansinnen, die Verlage zu einem Internetunternehmen zu wandeln, ist deswegen per se der falsche Ansatz, weil der Strukturwandel der Öffentlichkeit das Verlagswesen insgesamt in Frage stellt – jedenfalls auf die bisherige Vorherrschaft über den Content. Die Verlage sind jetzt Teil des Internets und somit Teil der Öffentlichkeit, sowie eben auch die Inhalte frei zugänglich sind.

Inhalte fließen zwischen Leser und Autor hin und her – die Rollen vermischen sich

Leser und AutorDie Macht über den Content ergießt sich vom Verlagswesen in die Onlinewelt zu den Internetprotagonisten und erstmalig erlebt auch die Meinungsbildung so etwas wie ein ökologisches Fließgleichgewicht. Es gibt keine statische Meinung, sondern sie wird ständig neu modelliert und dies im Kontext mit allen Usern des Internets. Das war schon immer so, wird aber jetzt mit atemberaubender Geschwindigkeit global transparent. An den Schnittstellen dieser meinungsbildenden Gruppen werden Konflikte über Ursachen, Wechselwirkungen und Zusammenhänge ausgetragen. Es wird gestritten, aber nicht gekämpft. Es werden richtige Wege gesucht und es werden viele neue Möglichkeiten gefunden, die ständig angerissen, sogleich wieder vom konservativen Mainstream in der Meinungsbildung zerrissen werden, um dann doch als neue Idee irgendwo in Nischen, kleinen „Foren-Biotopen“, geschützt vor dem Massenansturm der Mainstream-Meinungen und im kleinen Kreis weiter gedacht zu werden: Oft so lange, bis sie sich wieder als mehrheitsfähig erscheinende neue Vision und mit längerer Version im Web 2.0 festsetzen.

Evolution und Epigenetik von Inhalten

Es ist eine Art Evolution des Contents – eine Art Quantenphilosophie der Inhalte. Das Internet ist wie das „Meer der Inhalte“ – entsprechend dem „Meer der Möglichkeiten“ bzw. dem PSI-Feld des Universums in der Quantenphilosophie. Dort schöpft die Internetgemeinde ununterbrochen Teilaspekte ab, manifestiert Meinungen für eine gewisse Zeit mit ihren Gedanken und Diskussionen, materialisiert diese in Textbeiträgen in Blogs und Foren. Mal bildet sich dann ein Meinungsbild, das längere Zeit Bestand hat, mal verschwindet dieses materialisierte Bild wieder im Meer der Möglichkeiten – also im Internet. Dort ist immer alles vorhanden, aber wir sehen nicht immer alles, wir erkennen nicht immer alle Zusammenhänge und wir finden nur das, wonach wir suchen. Was wir finden hängt von der Frage ab, die wir uns und der Suchmaschine stellen. Je ungewöhnlicher, je seltener die Fragestellung, desto schwieriger wird es, die Antwort zu finden, aber desto spannender wird es auch, sie zu finden. Man könnte frei nach Saint-Exupéry „Man sieht nur mit dem Herzen gut“, für die Onlinewelt formulieren: „Man sieht nur mit der Suchmaschine gut.“ In beiden Fällen gilt. Man kann nur das sehen, was man auch sehen will. Das Internet fördert diese freie Suche und Sichtweise – Printmedien und TV hingegen fördern diese nicht. Im Gegenteil: sie lenken permanent auf die festgefahrenen Gedanken des Alltags und lenken permanent vom Hinterfragen des Gesehenen und Gelesenen ab.

Unsere Gedanken bestimmen die Inhalte

Für das Internet gilt das Gleiche wie für das „Meer der Möglichkeiten“, für die Interwelt der Quantenphilosophen: Alles ist möglich, alles ist immer irgendwie da, aber alles ist abhängig vom Betrachter. So wie er sucht, so findet er. So wie er die Beiträge im Web betrachtet, so wird er bestätigt oder widerlegt. Einst waren die Verlage die beständige Konstante, die Basis für alle Inhalte, die in verschiedenen Varianten aufbereitet wurden. Ob ein Inhalt dann als Bild-Reportage in einer Illustrierten, als Kurzmeldung in einer Tageszeitung, als Dossier in einer Wochenzeitung erschien oder dem Leser gar nicht vermittelt wurde, dies war alles eine Entscheidung von wenigen Redakteuren und Verlagen. Die Verlagswelt war die DNA der Meinungsbildung, die Medienformate waren nur die epigenetischen Schalter, die das eine Thema mehr, das andere weniger reißerisch aufbereitet und somit die Leser beeinflusst haben. Auch diese Hoheit über die Medienformate haben die Verlage weitgehend verloren. Im Internet finden sich praktisch alle Themen multikanalfähig. Ein Teil der Leser ist begeistert von den Videowelten, andere vertiefen sich in die sozialen Medien oder reine Blogs. Oftmals macht gerade die Kombination – möglichst interaktiv – gerade den besonderen Reiz aus.

„Video kills Print“

FilmstripDa sind wir bei einem weiteren Aspekt, der den Profijournalisten entglitten ist: Video kills Print. Kurze Bild- und Videobeiträge liegen im Trend. Neben Textbeiträgen und Fotostrecken sind es vor allem die zahlreichen, didaktisch oft hervorragend aufbereiteten Videos – allen voran die Erklär-Videos – die innerhalb kürzester Zeit komplexeste Inhalte verständlich und einprägsam aufbereiten können. Das Medium Video (Internetvideo) ist zurzeit auch dem Fernsehen bei Weitem überlegen, jedenfalls noch so lange, wie die Mehrzahl der User kein internetfähiges Fernsehgerät hat. Denn ohne Internet ist ein Fernsehbeitrag nicht viel mehr als eine kontinuierlich ablaufende Präsentation, die nicht mal eben gestoppt und bei der nicht mal eben zurückgespult werden kann, wenn man etwas nicht verstanden hat oder kurz in Gedanken gedöst hat. Es gibt viele mehrstündige Videos im Internet, die eine „Ansichtsquote“ von weit über 100 Prozent haben: Das Video wurde von demselben Benutzer mehrfach gesehen und/oder es wurden Teile des Videos mehrfach betrachtet. Messbar ist auch, wie viele User den Beitrag nicht zu Ende sehen und abbrechen. Die Fernsehgesellschaften sind hier immer noch weitgehend blind. Sie wissen aber nach wie vor nicht, welcher Zuschauer welchen TV-Beitrag gesehen hat. Die Einschaltquoten sind Hochrechnungen, deren Werthaltigkeit seit Jahren in der Diskussion steht. Die Printmedien hingegen wissen nur über Umfrage und Leserbriefe, wer sie liest und was gelesen wird. Nur das Web aber ist in der Lage eine Echtzeitmessung zu liefern. Eine Messung über Anzahl Klicks, die Verweildauer der Zuschauer oder gar eine Bewertung der Beiträge wie im Internet üblich, ist beim Fernsehen derzeit nur für wenige Zuschauer, die Internet und Fernsehen integriert haben, möglich.

Der Qualitätsjournalismus der Verlage wird grundsätzlich in Frage gestellt – ebenso wie der Aspekt der Bildung

Den Profis geht also nicht nur die Hoheit über den Content verloren, sie verlieren auch den Überblick über ihre Printleser. Zudem geraten sie in der Welt zwischen Print- und Onlinecontent auf einer Gratwanderung unterschiedlichster Erwartungen ins Schlittern. Derzeit erleben wir, wo diese Rutschpartie endet: Weder der Onlinecontent noch der Printcontent heben sich wirklich durch bessere Qualität, höheren Wahrheitsgehalt oder andere elementare Kriterien von dem ab, was die Internetgemeinschaft selbst produziert. Thorsten Hinz meint dazu: „Die als Agenturmeldungen getarnten, volkspädagogisch intendierten Einheitsartikel häufen sich.“ Damit sind wir beim nächsten Aspekt, den die Verlage nicht verstanden haben: Der Strukturwandel der Öffentlichkeit bezieht sich nicht nur auf die Meinungshoheit, sondern die Internetgemeinde ist längst bei den Wurzeln des Übels angelangt: Bei der Bildung. Hatten Printmedien und Fernsehen noch einen Anspruch auf Bildungsvermittlung, so wird ihnen dieser Anspruch inzwischen völlig aberkannt – jedenfalls bis auf wenige Sendeformate, die 3SAT, ARTE und sogenannte „Dritte Programme“ anbieten. Schlimmer noch: Fernsehen wird als Zeitfresser und ständige Verblödungsmaschinerie empfunden. Die Anzahl derjenigen, die keinen Fernseher mehr als Möbelstück in der Wohnung stehen haben, nimmt zu und folgt proportional dem Trend derjenigen Menschen, die ihre Ernährung umstellen und z. B. Vegetarier werden. Print und TV verlieren nicht nur die Meinungshoheit, sondern auch die Bildungshoheit. Die Veränderung ist aber noch tiefgreifender. Je weniger wahrheitsfördernd und unabhängig berichtend sich Print und TV darstellen, desto mehr werden sie als staatsnahe Organe empfunden. Da sind zum einen die Allianzen führender Journalisten mit staatlichen Organisationen wie die „Atlantik-Brücke“ zu nennen und zum anderen die fehlenden anderslautenden Meinungen. Man munkelt, dass bei heiklen Themen Journalisten erst einmal die führende Meinung einer Süddeutsche Zeitung oder Frankfurter Allgemeine Zeitung sondieren und sich dann – auch dies unter anderem aus Zeitgründen – sehr gut überlegen, ob sie sich die Mühe machen, eine andere Meinung mit viel Aufwand zu recherchieren, zu Papier zu bringen und dies letztlich auf die Gefahr hin, allein auf verlorenem Posten angegriffen zu werden. Auf der Suche nach Wahrheit und Erkenntnis – gerade zum Zwecke der Bildung – sind viele Mitglieder der Internetgemeinde abgewandert von Print und TV in das „Meer der Möglichkeiten“. Sie haben sich zum Beispiel die zahlreichen Youtube-Videos von Vera F. Birkenbihl, Professor Gerald Hüther, Professor Richard David Precht u. v. a. m. angesehen. Sie wissen: Es läuft in der Bildung etwas Grundlegendes verkehrt – sowohl bei den vermittelten Inhalten, als auch bei der Art der Vermittlung. Viele spüren auch, wie sehr in den Schulen Spiritualität und Empathie als Balance bzw. Förderer des Lernspaßes und der Erkenntnis fehlen. Lernen ist heute Stress. Mobbing und Prügeleien an Schulen sind die Regel – nicht die Ausnahme. Das Notensystem ist ein Auslesesystem – ein typisches System, mit dem die jungen Leute lernen, sich gegenseitig auszuspielen, gegenseitige Konkurrenz zu erleben, diese zu ertragen und letztlich zu leben. Doch die konkurrierende Gesellschaft ist angesichts übergreifender, weltweiter Probleme nicht mehr tragfähig. Sie hat zunehmend keine Akzeptanz mehr. Gleichzeitig bleiben bei dieser Art der Bildung Ethik und Moral auf der Strecke – mit fatalen Folgen für die junge Generation. Völlige Empathielosigkeit wird herangezogen, Egoismus ist ein Lernziel und Altruismus wird geradezu als Warmduscherei abgetan und aberzogen. Kein Wunder, dass viele Eltern auf der Suche nach Bildungseinrichtungen sind, die dieses Konkurrenzprinzip vermeiden und mehr Spiritualität, mehr Empathie, mehr moralische Werte und mehr Kooperation fördern.

Selbstbestimmte Gedanken anstelle vorgefertigter Meinung

Gleichzeitig erhalten die Leser immer mehr Erkenntnisse darüber, wie wichtig es ist, Herr seiner eigenen Gedanken zu sein. Die Dauerberieselung mit bedeutungslosen Themen, die gleichermaßen über das Fernsehen wie über die Printmedien erfolgt, lenkt häufig von eigenen guten Ideen, vom eigentlichen Sinn des Lebens und von einer selbstbestimmten Lebensführung ab. Damit sind wir beim letzten, einem sehr wichtigen Trend, den die einstigen Herren des Contents übersehen haben oder nicht sehen wollen? Die Zeiten der Bevormundung und Fremdbestimmung sind vorbei. Die Menschen bauen die Tomate wieder selbst im Garten an und für den Content gilt zunehmend das Gleiche: Auf gemeinsamen Informationsfeldern die Saat für Wahrheit und Freiheit zu säen. Es ist doch so: Für den Reifegrad einer selbst angebauten Tomate und für deren wunderbaren Geruch und Geschmack ist es völlig unerheblich, über welche EU-Tomatenverordnung die Tagesschau berichtet, was die Süddeutsche dazu kommentiert und was Frau Merkel und Herr Gabriel dazu zu sagen haben. Um im Bild zu bleiben: Was die Politiker mit ihren Tomaten auf den Augen zu verkünden haben, interessiert mehr als die Hälfte der Bevölkerung nicht mehr – siehe Wahlbeteiligungen. Und der Ifo-Geschäftsklimaindex ist vergleichsweise unbedeutend für unsere eigene kleine Tomatenzucht. Sie kennt den Index nicht, sie will nur ausreichend bewässert werden. Und ob das Bruttoinlandsprodukt wächst, ist für den Hobby-Tomatenbauer weniger aufregend wie die Ernte und der Genuss des eigenen Biogemüses. Keiner glaubt mehr an ein endloses Wirtschaftswachstum oder an eine Vollbeschäftigung, was Politik und Medien aber immer noch als Maxime predigen. Wenn Print und TV also verkünden, was die Regierung und irgendwelche Statistik-Apostel uns mitteilen möchten, so findet das keine Beachtung mehr. Ständig die gleichen, nicht nachvollziehbaren, häufig manipulierten Statistiken. Noch dazu zu Kennzahlen, deren Wert für den Sinn des Lebens eines einzelnen Bürgers völlig wertlos ist. Wie viel sinnvoller ist da das „Erklärvideo“ zum Thema „Mein erster Tomatenanbau“. Wie viel erkenntnisreicher ist da ein Buch zu dem Thema. Und wie viel spannender ist es, sich in Forum, Blog oder in den sozialen Medien praktische Tipps zu holen. Den Printmedien fehlt häufig der Tiefgang, die Individualität und die Ehrlichkeit. Gerade das aber fordert der Strukturwandel der Öffentlichkeit. Mit Tracking (siehe meinen Bericht „Spurenleser Web 2.0“) ist einem solchen Strukturwandel nicht zu begegnen.

Wie lange gibt es Print noch?

Wenn heute orakelt wird, dass herkömmliche Zeitschriften und Zeitungen bis 2017 in den USA und bis 2030 in Deutschland ganz verschwunden sein werden, so mag das so sein. Es spricht aber derzeit eigentlich nichts dafür, dass diese papierene Welt noch so lange erhalten bleiben sollte – außer eben dass Papier so gut riecht und sich so gut anfühlt. Bücher mögen noch viele Jahrzehnte nicht wegzudenken sein. So wie Langspielplatten auch heute noch einen ganz eigenen, besonderen Wert haben und nicht völlig verdrängt werden konnten. Eine Langspielplatte hat ja auch eine ganz eigene Qualität. „Bei diesem Knirschen und Hüpfen des Tonarms von Pink Floyds Song Money haben Papi und Mami Dich damals gezeugt …“ wird da dem Sprössling erklärt, der ungläubig die Augen rollt und sich entsetzt über die altertümlich wirkende Romantik seiner Erzeuger die Kopfhörer aufsetzt und den MP3-Player lauter dreht. Da knirscht und springt nichts – egal wie die Bude wackelt. Dass jemand mit einer gedruckten Ausgabe von „Die Bunte“ ein ähnlich nostalgisches Erlebnis verbindet, scheint eher selten der Fall zu sein. Eher bleibt da die Sehnsucht an die gute alte „Bunte“. Ein einst großformatiges, durchgängig mit Bildreportagen durchzogenes Magazin auf hohem Niveau. Anstelle von Königshäusern und Promitratsch, waren die Reporter dicht am Schah von Persien, standen hinter Adenauer oder fotografierten aus (!) der brennend abstürzenden Militärmaschine. Und was sonntags passierte, war auch spätestens Donnerstag im Heft. Heute wissen wir schon – noch während die Maschine fliegt – per Twitter, dass uns diese gleich auf den Kopf stürzen könnte. Bis wir zuhause angelangt sind, sehen wir schon die ersten Videos im Netz. Sicherlich auch kein Qualitätsjournalismus, zeigt aber: Zur verlorenen Meinungshoheit, Bildungshoheit und dem verloren gegangenen Wahrheitsanspruch gesellt sich auch noch die Tatsache, dass auch der Entertainmentaspekt der Printmedien vom Web 2.0 überholt wurde.

Ob denn die Leser bereit wären, für gute Inhalte und Qualitätsjournalismus zu bezahlen und wie man das gestalten könne. Darüber wird scheinbar endlos debattiert und diskutiert – mittlerweile sind weit mehr als 10 Jahre ins Land gegangen, seit der Strukturwandel begann. Wie mager sind die Ergebnisse. Dabei muss man sich nur mal ein einziges – nur eines von hunderten – Beispielen im Web ansehen, um zu begreifen, dass gute Inhalte bezahlt werden – und zwar freiwillig und auch nachträglich. KenFM TV wird von Ken Jebsen als youtube-Television quasi alleine gestaltet, hat hohen Zuspruch und wird eben von jenen finanziert, die keine Tomaten auf den Augen, aber mit Sicherheit im Garten haben, von den neuen Damen und Herren der Meinungs- und Bildungshoheit, von den „Masters of tomatoes and content“. Die Philosophie dahinter ist übrigens sehr ähnlich: Selbstgemachtes schmeckt besser und man weiß, was man isst, weil man sich selbst damit beschäftigt hat. Das gilt nun ebenso für Tomaten wie für Inhalte. Wenn ich auf die Entstehung der Inhalte vertrauen kann und mich damit wirklich auseinandersetzen kann, ist der Genuss ein ganz anderer, als wenn staatsnahe Verkündigungsorgane die immer gleichen Phrasen dreschen.

Zum Schluss etwas Salz in die Suppe dieser neuen, heilen und ach so freiheitlichen Content-Welt im Internet: So ganz frei von Macht und Bevormundung ist das Web 2.0 ja nun auch nicht mehr. Beherrschten einst Verlage das Meinungsbild in unterschiedlichen Printformaten, so haben wir es heute mit einer Marktmacht aus Suchmaschinen und Social-Media-Unternehmen zu tun. Hier wäre es nun an der Zeit, dass die neuen Damen und Herren des Contents und Tomatenanbaus prüfen, auf welchem Boden sie ihre Saat ausstreuen, mit welchem Wasser sie wässern und welchen Ursprungs Kompost oder Dünger sind, den sie einsetzen. Der nächste Strukturwandel – und der läuft bereits – wird nämlich vor allem zu einer Entscheidung darüber führen, ob das Web 2.0 so frei und offen bleibt wie es ist oder ob die ehemaligen Verbündeten der Meinungs- und Bildungshoheit zusammen mit den Newcomern des eCommerce wieder eine beherrschende Rolle einnehmen werden. Auch bei diesem Strukturwandel geht es um viel mehr als um Macht: Es geht um die Frage, ob das im Internet weit verbreitete Prinzip der offenen Kooperation wieder von einem übergestülpten konkurrierenden System manipuliert und womöglich wieder von einer herrschenden Klasse besessen wird. Ich glaube nicht an eine Rückkehr zu Fremdbestimmung und zu einer Herrschaft einzelner Firmen über Inhalte, Meinungen und Bildung. Die neuen Herren von Content und Tomaten haben jetzt Appetit auf eigene Bildung gefunden und lassen sich nicht mehr bedingungslos berieseln.

Andreas Müller-Alwart


Autor Andreas Müller-Alwart ist selbständiger Journalist, Coach sowie Requirement Engineering Manager und Mitglied des Reflektion-Teams.

Bild- und Grafikquellen:

  1. »Das Spinnenweb« – pepsprog  / pixelio.de
  2. »Buch mit Lampe« – http://pixabay.com/de
  3. »Birne, denken« – http://pixabay.com/de
  4. »Leser und Autor« – http://pixabay.com/de
  5. »Filmstrip« – http://pixabay.com/de

WPP – Die im Dunkeln sieht man nicht

von Christoph Jehle

Manch kritischem Beobachter fällt auf, dass sich die Meldungen der auflagenstärksten Medien kaum noch voneinander unterscheiden. Rein theoretisch könnten das lauter ungeplante Zufälle sein. Wer jedoch die Chance hat, ein wenig hinter die Kulissen zu schauen, erkennt da durchaus System und nicht nur Copy/Paste.

Man sollte jedoch nicht hinter jeder Straßenecke eine Verschwörung vermuten, nur weil man um die Zusammenhänge nicht hinreichend kennt. Und die verbergen sich manches Mal wie bei WPP auch hinter solch banalen Dingen wie aus Draht gefertigten Einkaufskörben. Der Namensgeber des heute als WPP plc firmierenden Unternehmens wurde 1971 unter dem Namen Wire and Plastic Products plc als Hersteller von Einkaufskörben gegründet und ist heute einer der weltweit führenden Meinungsmacher. Der profane Unternehmenszweck der Fertigung von Draht- und Kunststoffprodukten wird übrigens in Großbritannien heute noch unter dem Namen Delfinware Household Products über die 1969 gegründete Delfinware Domestic Wireware als lokale Marke weitergeführt.

WPP hat heute seinen Sitz in Saint Helier auf der britischen Kanalinsel Jersey. Solange es steuerlich vorteilhaft war (2008-2012), gab es einen registrierten Firmensitz in Dublin, Irland. WPP versteht sich als die größte Kommunikations-Dienstleistungs-Gruppe der Welt und beschäftigt 170.000 Mitarbeiter an 3.000 Standorten in 110 Ländern. Nummer zwei auf dem Weltmarkt ist die US-amerikanische Omnicom Group, Nummer drei die französische Publicis. Den aktuellen Überblick über die WPP-Konzern-Gesellschaften findet man hier. Da die geplante Fusion von Omnicom und Publicis im Mai 2014 abgesagt wurde, konnte WPP seine Position als weltweiter Marktführer halten.

Die Wandlung der WPP begann im Jahre 1985, als Martin Sorell, der seit 1977 bei Saatchi & Saatchi tätig war, mit der Kampage „Labour isn’t working“ massiv zum Erfolg des Wahlkampfs von Margarete Thatcher beigetragen hatten. Unter Sorell wurde 1987 die J. Walter Thompson Group (JWT), 1989 die Ogilvy Group, 2000 Young & Rubicam (Y&R) und 2005 die Grey Group übernommen, die seit 1956 für Procter & Gamble arbeitet und in Deutschland spätestens mit Boris Beckers Frage „Bin ich schon drin“ oder Visas „Die Freiheit nehm ich mir“ bekannt wurde. Zahlreiche weitere Übernahmen fanden in den folgenden Jahren statt. Ein Ende der Übernahmen scheint nicht abzusehen. Nach Fernost und Lateinamerika rückte inzwischen auch das südliche Afrika in den Fokus. Auch wenn die Unternehmen unter eigenständigen Namen weitergeführt werden, können sie auf zahlreiche Dienstleistungen innerhalb der Gruppe zurückgreifen.

Die Übernahme von JWT brachte auch die PR-Agentur Hill & Knowlton unter das Dach der WPP-Gruppe. Hill & Knowlton wurde einer interessierten Öffentlichkeit im ersten Irak-Krieg bekannt als Entwickler der Horrorgeschichte, die davon berichtete, dass irakische Soldaten in kuwaitischen Kliniken Neugeborene aus den Brutkästen gerissen und an die Wand geworfen hätten. Mit Ogilvy wurde auch deren Tochter Ogilvy Public Relations Worldwide (OPR) übernommen. 2005 soll wiederum deren Tochter Ogilvy Government Relations maßgeblich daran beteiligt gewesen sein, dass die China National Offshore Oil Corporation mit ihrem Gebot für die Union Oil Company of California (Unocal) (http://en.wikipedia.org/wiki/Unocal_Corporation) nicht zum Zuge kam und Unocal vom Ogilvy-Kunden Chevron übernommen wurde.

Y&R wurde in Deutschland bekannt mit Werbeaussagen wie „ Actimel aktiviert Abwehrkräfte“, „Fruchtzwerge: So wertvoll wie ein kleines Steak“ oder „Mit ARD und ZDF sitzen Sie in der ersten Reihe“. Mit Y&R wurde auch die PR-Agentur Burson-Marsteller übernommen, die für Augusto Pinochet, Nicolae Ceaușescu oder in jüngster Zeit in der Ukraine für die damalige Regierungspartei Partei der Regionen (PRU) von Präsident Janukowitsch tätig war. Für diese sollte man 2012 die vorwiegend aus dem Westen kommende ausländische Kritik an der Inhaftierung Julia Timoschenkos kontern und die Position der ukrainischen Regierung in ein besseres Licht rücken.

2008 erfolgte nach einem längeren Kampf mit der Nürnberger GfK (Gesellschaft für Konsumforschung) die feindliche Übernahme von TNS (Taylor Nelson Sofres plc.), die 2009 in die 1995 etablierte Zwischenholding Kantar-Group, die Marktforschungssparte von WPP eingegliedert wurde. Zu TNS gehören in Deutschland die TNS Emnid mit den Bereichen Medien-, Politik- und Sozialforschung sowie die TNS Infratest mit den Geschäftsfeldern strategische und operative Marketingforschung in den Bereichen Automobil, Tourismus, Verkehr, Energie, Finanzen, IT, Pharma sowie Investitions- und Konsumgüterindustrie. TNS Infratest hält zudem einen Anteil von 51 Prozent an der Infratest dimap, die beispielsweise den ARD-Deutschlandtrend erheben und von der ARD mit der Wahlberichterstattung beauftragt wurden. Kantar gilt heute im Bereich der Marktforschung nach der Nielsen Holdings N.V. mit Sitz in den Niederlanden weltweit die Nummer zwei [PDF – 6,1 MB]. 2004 gründete Kantar unter dem Namen AGB Nielsen ein 50:50-Joint-Venture mit dem Größten der Befragungsbranche, das inzwischen jedoch wieder aufgelöst wurde.

Die Tatsache, dass sich im Bereich von Werbung, PR und Umfrage immer größere, weltumspannende Unternehmen entwickeln, ist für den einzelnen Bürger nicht unbedingt erfreulich. Geradezu bedenklich ist im Falle der Befragungen jedoch die immer kleiner werdende Auswahl der Stichproben. Für eine repräsentative Befragung wird üblicherweise eine Stichprobe von 1000+ herangezogen, meist zwischen 1001 und 1010. Die klassische Befragung per Telefon konzentriert sich auf Festnetzanschlüsse. Man wählt dabei aus einem öffentlichen Telefonverzeichnis nach einer eigenen Systematik die Nummern von bestehenden Anschlüssen aus und modifiziert diese Nummern nach einem starren System, bei welchem beispielsweise immer die gleiche Zahl zur Ausgangsnummer addiert wird. Damit will man sicherstellen, dass auch Anschlüsse erreicht werden können, die in keinem Telefonbuch stehen. Anschlüsse im Mobilnetz erreicht man so jedoch nicht. Und da die Befragungen meist zu Bürozeiten durchgeführt werden, erreicht man Selbständige ohne Telefonanlage, Arbeitslose und Rentner.

Das Fachmagazin AdvertisingAge veröffentliche schon 2006 einen Beitrag, der klar zum Ausdruck brachte, dass Befragungen meist wiederholt die Gleichen befragen. So sollen in Großbritannien schon damals 50 % aller Antworten von weniger als 5 % der Bevölkerung gekommen sein. Wechselt man von den Telefonbefragungen auf ein Online-Befragungstool, wird das Ergebnis mitnichten besser. Bei Online-Befragungen lieferten 0,25 % der Bevölkerung 32 % der Antworten. Da wundert es nicht wirklich, wenn die Ergebnisse solcher Befragungen beispielsweise im Zusammenhang mit Produkteinführungen zwar schönes Zahlenmaterial bereitstellen, an der Ladenkasse jedoch häufig nicht bestätigt werden. Dies mag ärgerlich sein, fällt jedoch in den Bereich unternehmerisches Risiko. Werden jedoch derartige Befragungen als Grundlage für politische Entscheidungen herangezogen, sind verfälschte Ergebnisse nicht nur ärgerlich. In Kombination mit der konzertierten PR und Werbepower eines Kommunikations-Dienstleisters mit insgesamt 170.000 Mitarbeitern steht hier ein Beeinflussungspotential bereit, das in der Praxis letztlich nur limitiert wird durch das Kapital, das zur Finanzierung der Beeinflussung aufgebracht wird.

Das Trommelfeuer kommt aus unterschiedlichen Richtungen und es lässt sich für den einzelnen Bürger kaum nachvollziehen, was glaubhaft und was letztlich nur reine Propaganda ist. Und dahinter muss überhaupt keine Verschwörung stecken. Man muss den Akteuren nicht einmal Dummheit unterstellen. Meist wird eher eine Art Herdentrieb zugrunde liegen, der sich ja nicht immer als Schwarmintelligenz herausstellt. Nur wenige machen sich Freunde mit einer Minderheitenmeinung. Da ist es zumindest ein wenig erheiternd, dass sich die Lemminge in der Realität nicht kollektiv in den Abgrund stürzen, sondern nur bei Disney. Die Tatsache, dass sich die Geschichte mit den Lemmingen schon so lange hält, ist wiederum eher frustrierend.


Autor: Dr. Christoph Jehle arbeitet in der Recherche zu historischen und aktuellen, meist technischen Entwicklungen und schreibt als freier Autor für Online- und Printmedien in Europa, darunter Telepolis.

Erstveröffentlichung: Nachdenkseitenzum Artikel

Beitragsbild: Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

Jutta Ditfurth und die Neurechten

von Gert Ewen Ungar

Von 3sat wurde Jutta Ditfurth eingeladen, sich zu den Mahnwachen gegen den Krieg zu äußern. Sie tat es ausgiebig, hat sich und den friedensbewegten Menschen in Deutschland damit aber keinen Gefallen getan. Gerade Jutta Ditfurth müsste wissen, wenn die Medien zur Umarmung ausholen, ist große Vorsicht geboten.

Was ist passiert? Jutta Ditfurth steht den Mahnwachen für Frieden skeptisch gegenüber. Das ist nicht nur ihr gutes Recht, Skepsis ist Bürgerpflicht. Ein gutes Maß an Wachsamkeit ist elementar für das Funktionieren und den Erhalt von Demokratie.

Allerdings kann man dabei auch über das Ziel hinaus schießen. Jutta Ditfurth tut genau dies.
In ihrer Arbeit gegen den Faschismus hatte sie das Phänomen der “Neurechten” entdeckt. Zentral für die Neurechte ist Ditfurths Argumentation zufolge das Kaschieren faschistischer Inhalte durch Chiffren. Das Nennen der “Federal Reserve Bank” steht dann nicht mehr für “Federal Reserve Bank”, sondern für jüdische Weltverschwörung.

Das Problem mit Chiffren ist allerdings, dass man nie weiß, wann ein Ausdruck eine Chiffre ist und wann nicht. Chiffren können nur von jenen als geheimer Code identifiziert werden, die bereits zur Gruppe der Codennutzer gehören, also eingeweiht sind. Für das Überzeugen von Menschen ist eine chiffrierte Sprache ein denkbar ungeeignetes Mittel, denn die Chiffre muss zu irgendeinem Zeitpunkt entkleidet werden. Spätestens dann wendet man sich ab, wenn der Inhalt des eben noch sorgsam Ummantelten stört.

Sollte also einer der Teilnehmer auf den Mahnwachen für Frieden sich einmal mit verschwörerischem Augenaufschlag an mich wenden und sagen “Du Gert, mit der FED meinen wir gar nicht die FED, wir meinen die …, na, du weißt schon, … die Juden und ihre Weltverschwörung”, dann würde ich antworten “Mensch, du hast sie doch nicht mehr alle!”, und gehen. Genauso wie vermutlich die Mehrzahl der Teilnehmer an den Mahnwachen glaube ich nämlich nicht an rechte Verschwörungstheorien. Allerdings glaube ich auch nicht an linke. Aber um eine Verschwörungstheorie handelt es sich bei den Ideen von Jutta Ditfurth im Hinblick auf die Mahnwachen. Ihre Argumente sind dünn und die Beweise fragwürdig, ihr Urteil allzu pauschal. Überall lauert der Nazi, alles wird zur Chiffre, Frieden heißt Krieg. Das klingt doch sehr nach Paranoia, zumal Ditfurth übersieht, dass Bedeutung sich nicht aus dem einzelnen Wort, sondern aus dem Kontext ergibt.

Wenn man zudem Menschen für das krude Zeug verantwortlich macht, dass drei Klicks weiter im Internet platziert wurde, dann hat man entweder das Internet nicht verstanden oder man will einfach partout etwas finden, wo unter Umständen gar nichts ist. Lars Mährholz eine rechte Gesinnung zu unterstellen, weil Menschen, die auf Facebook mit ihm befreundet sind, wiederum mit Menschen befreundet sind, die Webseiten mit zweifelhaftem Gedankengut verlinken, ist als Methode mehr als nur fragwürdig.

Ich habe dasselbe Verfahren beim ersten angezeigten Facebookfreund von Jutta Ditfurth angewendet und landete lediglich zwei Klicks weiter auf der Webseite einer mir völlig unbekannten Schlagersängerin namens Andrea Hoffmann, die dort ihre neue Single “2 Herzen ein Weg (Der Hochzeitssong)” anpreist. Hätte ich daraus jetzt auf den schlechten Musikgeschmack von Jutta Ditfurth schließen und der Antifa einen Hang zur Verkitschung der Welt unterstellen sollen?
Was aber neben all der methodischen Fragwürdigkeit noch schwerer wiegt, ist, dass sich Jutta Ditfurth von Medien zur Diskreditierung einer Bewegung einspannen lässt, die eben diese Medien grundlegend und auch sehr fundiert kritisiert.

Was könnte dem Mainstreamjournalismus gelegener kommen als eine laut vorgetragene Diffamierung?

Mal ehrlich: Warum sollte sich 3sat dafür interessieren, wen Jutta Ditfurth auf ihrer Facebookseite aus welchem Grund entfreundet? Jutta Ditfurth hält die Vorgänge auf ihrer Facebookseite allerdings tatsächlich für so bedeutsam, dass sie in die weithin sichtbare Falle tritt: “Das führte zu einer unglaublichen Diskussion. Und jetzt sind es Hundertausende und Zehntausende, die sich am Shitstorm (gegen die Mahnwachen) beteiligen”, lässt sie den Zuschauer wissen.

Wenn Jutta Ditfurth dann die Zahl von Hundertausenden, die angeblich in die Diskussion um die Neurechten eingestiegen sind, schnell auf die sicherlich auch noch zu hoch gegriffene aber realistischere Menge zehntausende herunterkorrigiert, dann hätte sich bei ihr ein weiterer gedanklicher Schritt ergeben müssen. “Was versetzt mich hier in eine derartige Euphorie, dass ich anfange, überheblich lächelnd mit schwer nachprüfbaren Zahlen um mich zu werfen? Warum fühle ich mich plötzlich so kuschelig in meiner Rolle als Mahnerin? Warum nehme ich diese Rolle so bereitwillig an? Warum will ein öffentlich-rechtlicher Sender, der von denen, die ich pauschal neurechts nenne, massiver Kritik ausgesetzt wurde, dass ich all das hier sage? Warum ist er bereit, mir Sendezeit zur Verfügung zu stellen?”

Tja liebe Jutta Ditfurth, da bist du leider auf den ältesten Trick der Menschheit reingefallen und hast dich vor den Karren spannen lassen: Divide et impera. Teile und herrsche. Mit Jutta Ditfurth haben die Medienanstalten eine Marionette gefunden, die mit ihren Aussagen eine zutiefst medienkritische Bewegung diffamiert.

Und während einige Linke darüber nachdenken, ob am Ditfurthschen Paradox etwas dran sein könnte, ob nämlich Nazis jetzt wirklich plötzlich für Frieden demonstrieren, und sie sich daher von den Mahnwachen lieber fernhalten, gewinnen durch Jutta Ditfurth die traditionellen Medien ein Stück weit die Deutungshoheit über die poltische Agenda zurück. Schließlich kommt die Kritik von rechts und ist damit disqualifiziert.

Mit Aufklärung hat das, was Jutta Ditfurth im Zusammenhang mit den Mahnwachen macht, nichts zu tun. Vielmehr hat sie sich am Nasenring ihrer Eitelkeit packen und durch die mediale Manege ziehen lassen. Schade.

Sollten Jung von Matt für eine Bildzeitungskampagne wieder mal Prominente benötigen, dann empfehle ich der Agentur sich an Jutta Ditfurth zu wenden. Sie ist inzwischen so reif wie Alice Schwarzer es war, als sie in einer Bildkampagne zur Mutigen gekürt wurde, die die Wahrheit ausspricht. Als Slogan für Jutta Ditfurth schlage ich vor “Jede Bewegung braucht eine Linke, die dem Establishment dient. Bild.”

Jutta Ditfurth und die Montagsdemos 2014

Autor: Gert Ewen Ungar