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Politik zum Vergessen

»Kaufen, was einem die Kartelle vorwerfen; lesen, was einem die Zensoren erlauben; glauben, was einem die Kirche und Partei gebieten. Beinkleider werden zur Zeit mittelweit getragen. Freiheit gar nicht.« – Kurt Tucholsky

von Michael Parmentier

Moderne Gesellschaften wie die unsere wollen sich verändern, sind an Entwicklung interessiert. Sie suchen die ständige Innovation und damit die Abgrenzung von den Handlungen der Vorfahren und die Überwindung vorhandener Traditionen. Deshalb brauchen sie ein historisches Bewußtsein. Sie brauchen es, um im Sog der Veränderungen ihrer selbst gewiß zu bleiben und die Orientierung in die Zukunft nicht zu verlieren.

Paradoxerweise wird aber die Ausbildung eines solchen historischen Bewußtseins ausgerechnet von derjenigen Wirtschaftsweise erschwert, wenn nicht verhindert, die als Motor der Entwicklung seit Jahrhunderten das Tempo der gesellschaftlichen Veränderung immer weiter beschleunigt und schließlich in schwindelerregende Höhen getrieben hat: der kapitalistischen Ökonomie.

Je mehr sie das Leben dominiert, desto stärker verengt sich der zeitliche Blickwinkel. Ihrer inneren Logik nach ist die kapitalistische Wirtschaftsweise nämlich auf Geschichte nicht angewiesen. Sie braucht für die Aufrechterhaltung ihrer Kreisläufe kein langfristiges, über Jahrhunderte reichendes Planungsverhalten. Und sie braucht erst recht kein ebenso weitreichendes Erinnerungsvermögen. »Die Wirtschaft benötigt ein Gedächtnis«, wie Niklas Luhmann erkannte, »ausschließlich im Zusammenhang mit Kredit.« Und dabei geht es um vergleichsweise kurze Zeitspannen. Wie es scheint werden sie sogar immer kürzer. Die herrschende finanzmarktgetriebene Form des Kapitalismus ist nur noch an schnellen Gewinnen interessiert. Alles verantwortungsvolle Planen, das die Folgewirkungen der eigenen Wirtschaftsweise auf die zukünftigen Generationen miteinkalkuliert, und alles geschichtskundige Erinnern, das über die Auswertung von Feedbackdaten hinausgeht, wird von einer an der jeweils höchsten Rendite orientierten Rationalität als Effizienzbremse gebrandmarkt.

Gleichzeitig und wie zum Hohn wird die bislang von der Profitgier verschonte Vergangenheit und Zukunft nun selbst von der ökonomischen Zentrifuge zu Magma verrührt und in konsumentenfreundlicher Verpackung in die Verwertungsketten eingespeist. Der »Geschichtsmarkt« (Aleida Assmann) quillt inzwischen über von Angeboten. Mal boomt die Antike, mal das Mittelalter, mal der erste, mal der zweite Weltkrieg. Jedes Jubiläum wird ausgeschlachtet, jeder nur denkbare historische Stoff zum Auflagen- und Quotenbringer gemacht.

All diese Formen von Historienspektakel, Retromoden und Jubiläumstrubel befriedigen natürlich irgendwelche Bedürfnisse, aber sie erzeugen in ihrer Disparität bei uns Konsumenten kein historisches Bewußtsein. Das bleibt den Experten vorbehalten und wird de facto nur noch im Umkreis der seriösen gesellschaftlichen Erinnerungsorgane gepflegt: in den historischen Wissenschaften, einigen Museen oder dem Denkmalschutz. Die Laien bleiben meist draußen vor und sind der historischen Vergnügungsindustrie und ihren Geschichtsverfälschungen ausgeliefert.

Dem Geschäft mit der Vergangenheit korrespondiert – kaum weniger abstoßend – das Geschäft mit der Zukunft. Sein problematischster Aspekt zeigt sich in der fortschreitenden Zerstörung des staatlichen Rentensystems zugunsten privater Versicherungskonzerne. Die finanzielle Vorsorge fürs Alter soll nicht mehr der Solidarität der Bürger anvertraut werden, sondern dem, wie sich gerade in den letzten Jahren gezeigt hat, hochriskanten Kapitalmarkt. Hier wird für den augenblicklichen Gewinn im wahrsten Sinne des Wortes die Zukunft verkauft, natürlich die Zukunft der andern.

Der ökonomisch motivierte »Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit«, der nach Alexander Kluge dazu führt, daß »die Gegenwart in der Lage ist, alle Zukünfte und Vergangenheiten zu erschlagen«, transformiert die Kultur der Erinnerung in eine Kultur der Aufmerksamkeit. Das Gesetz des Marktes verlangt nicht, sich an Dinge und ihre Gebrauchsweisen von vorgestern zu erinnern, sondern im aktuellen Warenangebot den jeweils günstigsten Tauschwert schnellstmöglich herauszufinden, also nicht das Diachrone, sondern das Synchrone zu vergleichen. Anders gesagt: Das Gesetz des Marktes verlangt allein den Blick auf Preis- und Ranking-listen. Je weiter dieses Marktkalkül in alle Lebensbereiche vordringt und auch die bisher weitgehend verschonten Subsysteme der Bildung, der Wissenschaft, der Gesundheit, der Kultur und der Altersvorsorge erfaßt, desto mehr schrumpft das historische Bewußtsein unserer Gesellschaft auf das Zeitmaß von Zinszyklen und Kreditverträgen.

Niemand in der politischen Klasse veranschaulicht diese Schrumpfung des historischen Bewußtseins besser als Kanzlerin Angela Merkel. Sie ist Opfer dieses Prozesses, aber sie treibt ihn auch voran. Sie vollstreckt die neoliberale Agenda mit jenem »punktartigen Horizont«, von dem schon Nietzsche gesprochen hat. Wenn Merkel sich mit Geschichte beschäftigt, dann erschöpft sich das, wie in ihrer letzten Neujahrsansprache, in der schematischen Aufzählung von Jahreszahlen, oder es bleibt, wie die Rede von Osterhammel auf ihrem 60. Geburtstag, bloße Dekoration. Geschichte wird abgefeiert. Auf die Politik der Bundesregierung jedenfalls wirkt sie sich nicht aus. Genausowenig wie der Blick in die Zukunft. Er verschwimmt in der nebulösen Fortschreibung des Status quo: »Es gibt viel zu tun, damit Deutschland auch in Zukunft stark bleibt.« (Neujahrsansprache 2013/14). Merkel zieht weder die Lehren aus der deutschen Vergangenheit, noch interessiert sie sich wirklich für ein anderes, besseres Deutschland. Visionen sind ihr völlig fremd. Sie fährt »auf Sicht«.

Für die Passagiere, vormals Bürgerinnen und Bürger, ist das nicht besonders angenehm, denn sie wissen nicht – nach einem Bild, das dem verstorbenen Sozialdemokraten Peter Struck zugeschrieben wird – wo sie schließlich landen werden. Um in dieser Situation der Ziellosigkeit wenigstens das Gleichgewicht, sprich: den Machterhalt zu sichern, oszilliert Merkels Politik in einer fast tollkühnen Manier zwischen unschlüssigem Abwarten und abrupten Kehrtwendungen.

Die Fähigkeit zum Abwarten war bei Merkel schon früh zu erkennen. So hat sie lange gezögert und sich erst post festum, nachdem die Mauer gefallen war, dem Demokratischen Aufbruch angeschlossen. Merkel kann warten. In akuten Situationen vermeidet sie, Stellung zu beziehen, manchmal taucht sie ganz ab. Entscheidungen trifft sie erst dann, wenn kein Risiko mehr besteht. Man hat dieses Verhalten als rational bezeichnet und in ihm den Ausdruck klugen Abwägens gesehen. Im Hinblick auf den bloßen Machterhalt ist das wohl auch zutreffend. Doch dahinter verbirgt sich tiefe politische Orientierungslosigkeit.

In beängstigendem Kontrast zu dem schon fast habituellen Zögern, das im Grunde auf eine Richtlinienkompetenzverweigerung hinausläuft, stehen die abrupten Kehrtwendungen, die sich im politischen Leben von Angela Merkel beobachten lassen. Das berühmteste Beispiel dafür ist die Energiewende, bei der es Merkel gelungen war, über Nacht genau das Gegenteil von dem zu vertreten, was sie kurz vorher noch als »Atomkanzlerin« für »unverzichtbar« hielt. Ähnliches gilt für den »Mindestlohn«: erst dagegen, dann dafür. Man muß kein Prophet sein, um vorherzusagen, daß sie auch das TTIP-Abkommen, das sie gegenwärtig noch vehement vertritt, in dem Augenblick fallenlassen wird, indem der öffentliche Widerstand dagegen – hoffentlich – ihre Macht bedroht.

Damit die Bürger und Bürgerinnen oder – um im Bild zu bleiben – die Passagiere angesichts derart wankelmütiger Manöver nicht in Panik geraten, müssen sie beruhigt oder besser noch – mit einer Formulierung von Roger Willemsen – »chloroformiert« werden. Zu diesem Zweck nutzt Merkel zwei höchst wirkungsvolle Strategien. Die eine Strategie betrifft ihren Umgang mit den Bildmedien, die andere ihren Umgang mit der Sprache.

In den Bildmedien inszeniert sich Merkel – oder läßt sich inszenieren – als Mutter der Nation. Sie erscheint dort als jemand, der sich jenseits des kleinlichen Parteiengezänks unermüdlich und selbstlos um alles und jeden kümmert, um die Hochwasseropfer in Bitterfeld genauso wie um die Kindergärten in Dresden. Mal spricht sie im Festsaal vor Handwerken, mal freut sie sich in der Kabine mit den Jungs der Weltmeisterelf. Auch international ist sie allgegenwärtig. Sie empfängt die Großen dieser Welt und wird von ihnen empfangen. Mit Obama und Putin ist sie ständig am Telefonieren. Bei all dem hebt sie nicht ab. Sie scheint eine von uns geblieben, eine bescheidene Frau ohne Pomp und ohne Allüren. Eine Frau, die sich – anders als ihr einstiger Konkurrent Steinbrück – nicht über die Höhe des Kanzlergehaltes beklagt, gerne selber kocht und backt und Kartoffelsuppe liebt. Die Botschaft dieser visuellen Betäubungsstrategie ist klar: Ihr kennt mich. Ich bin immer da. Ihr könnt mir vertrauen. Welche Krise auch immer uns trifft, wir werden gestärkt daraus hervorgehen.

Die Sprache nutzt die Kanzlerin, um vor allem in ihren öffentlichen Reden den Betäubungseffekt noch einmal zu verstärken. Das geschieht zunächst negativ, durch die Weigerung, Vorgänge von höchster politischer Bedeutung überhaupt zu thematisieren. So kommen etwa der NSU-Prozeß, der Abhörskandal, der Afghanistankrieg oder gar Lampedusa und die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa in ihrer letzten Neujahrsansprache erst gar nicht vor. Statt dessen werden die Bürgerinnen und Bürger mit Unverbindlichkeiten abgespeist: Mit belanglosen Bekenntnissen (»Ich selbst nehme mir eigentlich immer vor, mehr an die frische Luft zu kommen«), mit abgegriffenen Kalenderweisheiten (»Oft jagt ein Ereignis das andere. Manchmal verändert eines davon vieles, wenn nicht gar alles in unserem Leben«) oder mit vermeintlich mitfühlenden Platitüden von privatem Glück und Unglück (»Und natürlich ist fern der großen Schlagzeilen auch in unserem persönlichen Leben viel geschehen, Schönes wie Enttäuschendes«). Dazu kommen die üblichen Appelle an die »Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen« zu »Leistungsbereitschaft, Engagement, Zusammenhalt« und der Entwurf einer politischen Agenda, der ziemlich allgemein bleibt und sich im Grunde in Selbstverständlichkeiten erschöpft (Finanzen »geordnet übergeben«, »Energiewende zum Erfolg führen«, »gute Arbeit und ein gutes Miteinander in unserem Land«, »Familien unterstützen«, »bestmögliche Bildung«). Derartige Schlichtheiten passen zum Mutti-Image und bekräftigen es. Sie bilden nach dem gelegentlich fast unverschämten Schweigen die zweite Variante ihrer »Ich-sag-nix-Strategie«. Die dritte Variante dieser Strategie steht im Kontrast dazu. Sie liefert keine Schlichtheiten in der sprachlichen Rede, sondern Monstren. Einige davon grenzen an nichtssagende Tautologien: »Wenn alles normal läuft, dann kann ich zusagen, daß unsere Vorhaben auf einer guten Grundlage sind« (zitiert nach 3sat »Kulturzeit«, 16.7.2014), andere gehören wohl eher ins Kuriositätenkabinett: »Schließlich haben wir erreicht, daß darauf hingewiesen wird, daß es notwendig ist, insbesondere für die ostbayrischen Landkreise entlang der tschechischen Grenze, Beihilferegelungen anzustreben, die die Brüche zwischen der tschechischen Republik und Bayern nicht zu groß werden lassen« (im Parlament am 21.2.2013). Donnerwetter. Was für eine Leistung: Man hat erreicht, daß darauf hingewiesen wird, daß es notwendig ist, etwas anzustreben. Solche Sätze täuschen Kompetenz und Leistung vor und sind doch nur Belege einer genauso monströsen wie hohlen Rhetorik.

All diese sprachlichen Strategien, das stoische Schweigen, die Verkündigung von Schlichtheiten und die umständliche Imponierrhetorik laufen auf die Verbreitung von Nullbotschaften hinaus. Zusammen mit der visuellen Inszenierung machen sie nicht nur Merkel unangreifbar, sie lassen auch das historische Bewußtsein der Menschen auf das Niveau von vertrauensseligen Kleinkindern schrumpfen. Die Menschen sollen vergessen und sich wohl fühlen. Politische Urteilskraft ist nicht mehr gefragt.

Während so durch die Ausdehnung der »Betäubungszone« (Roger Willemsen) die Bevölkerung eingelullt wird, schreitet die neoliberale Zerstörung unseres Gemeinwesens fort: Die Eliten setzen sich ab, der Zusammenhalt zerbricht, die Reichen werden reicher und die Armen ärmer, das Parlament verliert an Einfluß, die öffentliche Daseinsfürsorge wird zurückgefahren, die Infrastruktur zerfällt, die Konkurrenz untereinander wächst, die Zahl prekärer Beschäftigungen steigt, die Militarisierung der Außenpolitik erreicht die Grenze zur Kriegstreiberei, die Meinungsmanipulation durch interessegeleitete Umfrageforschung, mediale Desinformation und Schönfärberei nimmt zu, und die Überwachung der Privatsphäre erreicht flächendeckende Ausmaße.

Der Fluchtpunkt dieser neoliberalen Dynamik ist die »marktkonforme Demokratie«, eine Fassadendemokratie, hinter der sich nichts anderes verbirgt als die neue westliche Regierungsform des Finanzfeudalismus. Im Verein mit der geschichtsvergessenen und entpolitisierten Biedermeieridylle unserer gesellschaftlichen Oberfläche ergibt dies ein explosives Gemisch. Deutschland »döst«, wie es Habermas 2013 im Spiegel formulierte, »auf einem Vulkan«.

Michael Parmentier


Quelle:  Erschienen in Ossietzky, der Zweiwochenschrift für Politik / Kultur / Wirtschaft – Heft 24/2014 > zum Artikel

Ossietzky, Zweiwochenschrift für Politik, Kultur, Wirtschaft, wurde 1997 von Publizisten gegründet, die zumeist Autoren der 1993 eingestellten Weltbühne gewesen waren – inzwischen sind viele jüngere hinzugekommen. Sie ist nach Carl von Ossietzky, dem Friedensnobelpreisträger des Jahres 1936, benannt, der 1938 nach jahrelanger KZ-Haft an deren Folgen gestorben ist. In den letzten Jahren der Weimarer Republik hatte er die Weltbühne als konsequent antimilitaristisches und antifaschistisches Blatt herausgegeben; das für Demokratie und Menschenrechte kämpfte, als viele Institutionen und Repräsentanten der Republik längst vor dem Terror von rechts weich geworden waren. Dieser publizistischen Tradition sieht sich die Zweiwochenschrift Ossietzky verpflichtet – damit die Berliner Republik nicht den gleichen Weg geht wie die Weimarer.

Wenn tonangebende Politiker und Publizisten die weltweite Verantwortung Deutschlands als einen militärischen Auftrag definieren, den die Bundeswehr zu erfüllen habe, dann widerspricht Ossietzky. Wenn sie Flüchtlinge als Kriminelle darstellen, die abgeschoben werden müßten, und zwar schnell, dann widerspricht Ossietzky. Wenn sie Demokratie, Menschenrechte, soziale Sicherungen und Umweltschutz für Standortnachteile ausgeben, die beseitigt werden müßten, dann widerspricht Ossietzky. Wenn sie behaupten, Löhne müßten gesenkt, Arbeitszeiten verlängert werden, damit die Unternehmen viele neue Arbeitsplätze schaffen, dann widerspricht Ossietzky – aus Gründen der Humanität, der Vernunft und der geschichtlichen Erfahrung.

Ossietzky erscheint alle zwei Wochen im Haus der Demokratie und Menschenrechte, Berlin – jedes Heft voller Widerspruch gegen angstmachende und verdummende Propaganda, gegen Sprachregelungen, gegen das Plattmachen der öffentlichen Meinung durch die Medienkonzerne, gegen die Gewöhnung an den Krieg und an das vermeintliche Recht des Stärkeren.

http://www.ossietzky.net/

Beitragsbild: Bernd Kasper / pixelio.de

Die Funktion des Feindes

von Wolfgang Lieb

Gespaltene und krisengeschüttelte Gesellschaften bedürfen eines äußeren Feindes, um sich zu einen und ein großes „Wir“ über den inneren Zerreißungen entstehen zu lassen. „Wer keinen Feind mehr hat, begegnet ihm im Spiegel“, hat Heiner Müller sarkastisch bemerkt. Und wer will das schon? Nach dem Untergang des „Ostblocks“ war die Position des Feindes eine Zeit lang vakant. Spätestens seit dem 11. September 2001 hat diese Funktion „der islamistische Terror“ übernommen.

Sozialpsychologische Anmerkungen von Götz Eisenberg:

Auf einer Autofahrt durch NRW hörte ich am Samstagnachmittag WDR 2. Man brachte unablässig Reportagen über den Kampf gegen die IS-Milizen. Unter anderem wurde von einer Frau aus den Vereinigten Emiraten berichtet, die einen Kampfjet fliegt, der auch im Kampf gegen IS zum Einsatz kommt. Sie trage unter dem Helm ein Kopftuch, hieß es. Man nenne die attraktive junge Frau inzwischen „Lady Liberty“. Der Umstand, dass eine Frau Bomben auf sie wirft, sei für die IS-Milizen ein Albtraum und die schlimmste Demütigung, wurde mehrfach genüsslich wiederholt. Dann berichtete der Sprecher, dass der Einsatz der Dame in den sozialen Netzwerken weltweit begeistert gefeiert werde. Bei Twitter sei zum Beispiel gepostet worden: „Hallo, IS-Milizen, ihr werdet gerade von einer Frau plattgemacht!“

So etwas wird einfach unkommentiert gesendet, als handele es sich nicht auch bei den IS-Milizionären um Menschen, wie fanatisch und verbohrt sie auch sein mögen. Der Krieg findet auch sprachlich statt. Eine sprachliche Verrohung bereitet den Boden für unsere Bereitschaft, kriegerische Lösungen von Konflikten hinzunehmen und ihnen zuzustimmen. Aber was soll man erwarten, wenn US-Präsident Obama von ISIS als einem „Krebs“ spricht, „der die ganze moslemische Welt verheert“?

Adrian Kreye hat in der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung darauf hingewiesen, dass wir solche Metaphern aus der NS-Geschichte kennen. Sie führen mitten ins Grauen des Völkermords, der dargestellt wird als ein Rettungsakt, als ein chirurgischer Eingriff, der vorgenommen werden muss, um den gesunden Körper der Völkergemeinschaft zu retten.

„Das Böse“ nimmt von Zeit zu Zeit Gestalt an und kommt als Plage über uns wie Ebola oder das Erdbeben von Lissabon oder eben der Terror. Nirgends erfährt man etwas über die Beweggründe der ISIS-Kämpfer und die gesellschaftlichen Ursachen des Fundamentalismus. Im Kampf gegen die militanten Gotteskrieger der ISIS entsteht ein großes „Wir“ über den krisengeschüttelten Gesellschaften des Westens. Sogar der Aushilfs-Schurke Putin und der Ukraine-Konflikt verblassen dagegen und treten in den Hintergrund. ISIS sei Dank, können „Wir“ all die anderen Probleme vergessen.

Ist das nicht wunderbar: Ein vom Westen selbst mit geschaffener und aus der Flasche gelassener Geist dient nun dazu, uns alle im Kampf gegen ihn zu einen! Im Schlagschatten dieses neuerlichen Anti-Terror-Kampfes breiten sich islamophobe Einstellungen wie ein Flächenbrand aus. Am Sonntagabend lieferte Günther Jauch ein Beispiel dafür, als er die Zuschauer, die einem in die Sendung eingeladenen Imam gelegentlich Beifall spendeten, als von diesem mitgebrachte Claqueure bezeichnete. Endlich haben wir wieder einen Feind!

„Nach dem Sieg hat man es mit sich selbst zu tun“, sagte Toqueville. Man sucht verzweifelt nach einem neuen Widerpart. Die Schwierigkeit, hinter der Nebelwand diffuser Bedrohungen einen robusten politischen Feind zu verorten, ist einer der Gründe dafür, dass Aggressionen sich mehr und mehr blind und ziellos entladen. Moderne Nationalstaaten sind immer weniger in der Lage, eine bestimmte Zentralgefahr in der Gestalt eines Feindes zu unterstellen, um im Anschluss daran legitime und illegitime Ängste zu unterscheiden und entsprechende Loyalitätsleistungen zuzumuten. Seit die Teilung zwischen Ost und West nicht mehr existiert und kein feindlicher Block mehr auszumachen ist, den wir für unser Unglück verantwortlich machen können, hat sich der Feind fortgepflanzt in eine Vielzahl kleiner und mittlerer Satane, die in allen möglichen Formen und Gestalten auftreten können. Der „Weltkommunismus“ war der Feind, der hätte erfunden werden müssen, wenn er nicht schon vorhanden gewesen wäre – ein Feind, dessen Stärke die Verteidigungswirtschaft und die Mobilisierung des Volkes im nationalen Interesse rechtfertigte und es erlaubte, die innerkapitalistischen Konflikte und Spannungen zu verdrängen.

Früher einmal stand der Feind vor allem im Osten, jetzt lauert er überall. In der Zeit des sogenannten Kalten Krieges wurden persönliche Ängste vor Zerrüttung ebenso wie familiäre Dramen mühelos dem Ost-West-Konflikt aufgebürdet und in seinen Termini ausgedrückt und buchstabiert. Eine politische Entspannung kann psychisch gerade die gegenteiligen Folgen haben: Verschwindet ein Feind durch Entspannung oder Kapitulation, schwindet auch die Möglichkeit, eigene Konflikte auf ihn abzuwälzen. Das Bild des „Bösen“, das uns in Gestalt des jeweiligen Sündenbocks und Feindes präsentiert wird, ist das beste Gefäß für alle möglichen Bedrohtheits- und Unsicherheitsgefühle. Denen wären wir ausgeliefert, hätten wir nicht den jeweiligen „Feind der Saison“, der uns eine Verschiebung unserer diffusen Ängste ermöglicht, diese konkretisiert und im Kampf gegen die vermeintliche Angstquelle zugleich beruhigt. „Wir tun etwas, um das Übel zu beseitigen“, ist ja die Botschaft, die Obama verkündet. Nun werfen wir wieder Bomben. Den ISIS-Kämpfern am Boden zu begegnen, uns ihnen zu stellen und in die Augen zu sehen, sind wir zu feige. Wir lösen solche Probleme aus der Luft, machen uns die Hände und Uniformen nicht blutig. Den Kampf am Boden überlassen wir den kurdischen Peschmerga-Milizen, denen wir Waffen schicken. Lange Zeit waren die Kurden der Inbegriff des Schrecklichen, jetzt sind sie plötzlich die Repräsentanten des Guten und unsere tapfere Vorhut.

Wolfgang Lieb


Textquelle: NACHDENKSEITEN – zum Artikel

Beitragsbild: «Feindbild» – www.gutezitate.com

 

Der Staat als Instrument der Machtsucht Einzelner

von Herbert Ludwig

Es ist der Fluch der Zeit, dass Tolle Blinde führen!  (Shakespeare)

Psychologie der Macht

Psychologie der MachtEs gibt viele Formen, Macht über andere Menschen auszuüben. In jedem Fall dient sie dazu, den Willen anderer zu unterdrücken oder zu überwältigen, sie dem eigenen Willen zu unterwerfen und ihre Freiheit damit auszuschalten. Die primitivste Form der Macht wird durch die größere physische Stärke ausgeübt, wie sie im Tierreich dominiert. Der dem Tierreich scheinbar entwachsene Mensch verstärkt sie mit Hilfe seines verschlagenen Verstandes noch durch physische Waffen. Oft genügt es schon, ihren schrecklichen Einsatz anzudrohen, um die zu Beherrschenden gefügig zu machen, sie entweder zu murrenden Gefolgsleuten oder devoten Sklaven  zu erniedrigen. Oder eben es kommt zum Kampf bzw. zum Krieg.

Der aggressive persönliche Kampf dient dazu, den Anderen durch körperliche Schmerzen zur Aufgabe seines eigenen Willens zu zwingen, ihn also als eigenständige Person mit freiem Willen seelisch auszuschalten und – fügt er sich nicht, ihn auch physisch zu eliminieren. Der Angriffskrieg hat das Ziel, viele Menschen physisch zu vernichten oder mindestens zu verstümmeln und Zerstörung, Leid und Not zu verbreiten, damit die Überlebenden ihren eigenen Willen aufgeben und sich der seelischen Unterwerfung fügen. Mit dieser Machtausübung der physischen Vernichtung und seelischen Ausschaltung anderer Menschen ist in der Reihe des Lebendigen die eigentliche Menschenstufe natürlich noch nicht erreicht.  Der Mensch gebraucht das Himmelslicht der Vernunft, seine Anlage zur Menschwerdung, „nur tierischer als jedes Tier zu sein“ (Goethe: Faust I, Prolog).

Dem Machtstreben liegt die eigensüchtige und zugleich hasserfüllte Ausdehnung des eigenen Ego über andere Menschen und ihre Güter zugrunde. In gesteigertem Selbstgefühl maßlos aufgeblasen, sucht es nach einem weiteren Anwachsen seiner selbst, indem es sich Andere untertan macht. Es erlebt sich in der Macht über die Erniedrigten verstärkt und erhöht, und diesen narzisstischen Rausch möchte es nicht mehr missen. Daher ist es ständig von Argwohn und Furcht erfüllt, seine Macht wieder an einen Stärkeren zu verlieren. Denn es empfindet unbewusst die Hohlheit und Hybris des eigenen Machtanspruchs. Das  Streben nach Macht steigt aus innerer geistiger Schwäche auf und lebt in ständiger Furcht, die sich in Hass Luft macht, der sich in Gewalt austobt.

Geschichtliche Entwicklung der Macht

Machtausübung einzelner über die anderen hat es in der Menschheitsgeschichte natürlich immer gegeben. Sie hat in der Geschichte der Menschheit im wesentlichen drei Entwicklungsphasen durchlaufen. [1]  In den orientalischen Reichen der Assyrer, Babylonier oder Ägypter des 3., 2. Jahrtausends v. Chr. erlebten die Menschen die Macht des Herrschers als eine göttliche Macht. Der Priesterkönig oder Pharao war ihnen ein auf Erden erschienener Gott, ein Sohn des Himmels, dessen Macht keine äußere Gewalt bedeutete, sondern in der überlegenen göttlichen Weisheit und Güte bestand, aus der heraus er das Leben der Menschen zu ihrem Heile ordnete und leitete, wozu sie selbst noch nicht imstande waren. Der Herrscher und seine Minister wurden als etwas Höheres als gewöhnliche Menschen erlebt; Götter und Untergötter sprachen und wirkten in ihnen. Eroberungen anderer Länder bedeuteten eine Ausdehnung des Gottesreiches.

In der weiteren Entwicklung, die in Griechenland und Rom begann und durch ein Erwachen des begrifflichen Denkens und die damit verbundene stärkere Selbständigkeit des Einzelnen gekennzeichnet ist (siehe Aufgabe Europas), zogen sich sozusagen die Götter etwas zurück. Es trat eine Spaltung in eine mehr weltliche und eine kirchliche Macht ein. Der Herrschende wurde nicht mehr als der Gott selbst, sondern als der von Gott Beauftragte und Inspirierte erlebt, als der Herrscher von Gottes Gnaden. Er war ein Mensch wie alle anderen, aber aus ihnen herausgehoben durch den Adel seiner Seele, der es dem Gotte ermöglichte, ihn für seine leitenden Aufgaben zu inspirieren, derer die Menschen in einer gewissen Weise noch immer bedurften. Der Herrscher war ein Symbol, ein Bild dessen, was nicht mehr in der irdischen Welt da war. Er war mit seinen Taten nicht mehr der Gott selbst, sondern nur noch der Ausdruck von dessen machtvoller Weisheit, Güte und Gerechtigkeit, die sich durch ihn in die irdische Welt ergießen und realisieren sollten. Jetzt konnte eigentlich erst das Diskutieren über öffentliche Angelegenheiten entstehen, da sich unterschiedliche Auffassungen darüber bilden konnten, ob das, was sich im Physischen abspielte, ein wirkliches Abbild des Göttlichen war.

Mit der Neuzeit setzte wieder eine gewaltige Bewusstseinsveränderung ein, in der sich der einzelne Mensch immer mehr auf die Spitze der eigenen Persönlichkeit zu stellen begann, um aus eigener Erkenntnis sein Leben selbst zu gestalten. Luthers Worte auf dem Reichstag zu Worms: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir!“, die er Kaiser, Fürsten und kirchlichen Würdenträgern entgegenschleuderte, sind für die innerlich zur Unabhängigkeit erwachte Persönlichkeit besonders kennzeichnend. Der Herrscher wurde nicht mehr als Gottgesandter erlebt, der durch höhere Erkenntnis andere zu lenken berechtigt wäre. Jeder fühlte sich selbst in der Lage und berechtigt, zu den benötigten Erkenntnissen zu kommen. Der Anspruch des „Gottesgnadentums“ war hohl geworden, hielt sich aber noch lange auf dem Thron. Seine Macht  war jedoch vollkommen entgeistigt und veräußerlicht. Was vorher Symbol war, das noch mit einer Wirklichkeit in Verbindung stand, wurde zur Phrase, die pompös vortäuscht, was nicht mehr vorhanden ist. Was als innere Macht in selbstverständlicher Autorität gewirkt hatte, wurde nun, geistig entleert, zur äußeren Macht, die sich nur als Gewalt durchsetzen und behaupten konnte.

Machiavellismus

Niccolò Machiavelli, Detail aus dem Bildnis von Santi di Tito

Niccolò Machiavelli, Detail aus dem Bildnis von Santi di Tito

Die Macht, die im Geistigen ihren Ursprung und ihre Legitimation hatte, war im Interesse der menschlichen Freiheit versiegt. Aber an ihre Stelle setzte sich die äußere Gewalt, die aus dem nackten Egoismus der irdischen Persönlichkeit aufstieg und sich den Staat als Instrument gestaltete. Auf den Egoismus hat Machiavelli (1469 – 1527) seine Theorie vom Staat gegründet, die ungeheuren Einfluss auf die Entwicklung des modernen Staates genommen hat. Er ging dabei von der Voraussetzung aus, dass die Menschen von Natur aus schlecht seien und es auch unveränderlich blieben, da es keine fortschreitende Entwicklung in der Menschheitsgeschichte gebe, sondern nur einen ewig sich wiederholenden Kreislauf. Die Konsequenz daraus war für ihn der zum Prinzip erhobene Egoismus, der notwendig das Regieren des Fürsten bestimme. Das egoistisch-kluge politische Handeln unterscheide prinzipiell nicht zwischen guten und üblen Mitteln, sondern setze beide ein, je nach ihrer Zweckmäßigkeit für den erstrebten Erfolg, die Sicherung und Erweiterung der äußeren Macht. [2]

„Sein Staats-„Zweck“ ist Macht um ihrer selbst willen. Das äußere Ziel der staatlichen Entwicklung war Machiavelli die Bildung eines starken, geschlossenen, wohlgeordneten Staates, beruhend auf Zentralisation, vor allem aber der Nationalstaat. Das Schwergewicht liegt aber bei Machiavelli nicht auf diesen Zielen, sondern auf den Mitteln des politischen Handelns. Gerade hier zeigt sich der „Machiavellismus“ am unverfälschtesten, und gerade hiermit hat Machiavelli (die damalige politische Wirklichkeit theoretisierend) Schule gemacht. Verbrechen aller Art spielen hier gleichsam ihre „legitime“ Rolle. Machiavellis Schriften sind erfüllt von Schilderung und Empfehlung von Lüge, Betrug, List, Täuschung, Verrat, Treubruch, Gewalttätigkeit jeder Art, Vernichtung anderer Menschen, Mord und Grausamkeit. (…) Auch die „guten“ Mittel werden nur aus Egoismus angewandt: z. B. fördert der Fürst die Untertanen nicht um ihrer selbst willen, sondern weil er an ihrer Wohlfahrt, ihrer Zufriedenheit usw. ein egoistisches Interesse hat.” [3]

Der Machiavellismus hat im politisch-sozialen Leben bis heute seine starken Wirkungen entfaltet. Jeder kann sie am Verhalten und Handeln der meisten führenden Politiker beobachten. Und auch im System des modernen Staates sind sie deutlich wahrnehmbar:

„Wer von dem Misstrauen gegen die menschliche Natur ausgeht, muss allen Nachdruck darauf legen, dass der Mensch durch äußeren Zwang zu einem einigermaßen sozialen Verhalten gezwungen werden muss. Dazu muss sich der Staat zu einem Machtstaat ausbilden, der auch wirklich die umfassende Gewalt hat, um den Zwang durchzuführen. Mit der immer stärkeren Ausschaltung der Sittlichkeit in der Politik wird das eigentlich Menschliche ausgeschaltet, dasjenige, das den Menschen vom Tier und von den leblos-mechanischen Kräften unterscheidet. An die Stelle des menschlich-sittlichen Handelns wird daher ein mechanisches Spiel der Interessen, eine Abwägung und Ausbalancierung der Machtfaktoren treten; die Politik wird etwas wie ein Schachspiel werden, der Staat sich zu einem Unpersönlich-Maschinellen entwickeln.” [4]

Der absolutistische Einheitsstaat

Was in Italien in der Renaissancezeit mehr punktuell begonnen hatte, wurde in Frankreich in systematischer und planmäßiger Weise auf breiterem Boden ausgebaut und weitergeführt. Es erreichte einen Höhepunkt im Absolutismus Ludwig IV. (1643-1715). Dessen Egoismus steigerte sich in einem solchen Maße, dass sich sein Ich gleichsam zu einer eingebildeten „Sonne“ aufblähte, die alles im Staate beschien, das gesamte Leben des Volkes, die Kultur und das merkantilistische Wirtschaftsleben umschloss, für die eigene Macht instrumentalisierte und zentral lenkte. In größenwahnsinniger Maßlosigkeit fühlte sich das Ego des Herrschers ausgeweitet zum alles umfassenden Staate  – „L´État c´est moi“ (Der Staat bin ich). Der „Sonnen-König“ sah sich mit dem Ganzen des Staates identisch, ordnete alles nach seinem Willen. Alle hatten ihm zu gehorchen und zu dienen, denn sie dienten damit dem Staate, von dem sie ein funktionierendes Teilchen waren. Karl Heyer schreibt dazu:

„So werden vom staatlichen Zentrum aus alle drei sozialen Lebensgebiete ergriffen und zu einer straffen, militanten Einheit zusammengeschweißt, die von einem Geist beherrscht wird: das politisch-verwaltungsmäßig-militärische Gebiet, das wirtschaftliche und das kulturelle. Und alles dient dem Könige.“ [5]

Es wurde so eine hierarchisch aufgebaute bürokratische Staatsmaschinerie geschaffen, in die der einzelne Mensch hilflos eingegliedert war. Der König an der Spitze und seine Beamten saßen an den Schaltstellen dieses riesigen Herrschaftsapparates, der ein perfektes Instrument für ihn war, alle anderen Menschen mit unausweichlicher Gewalt seiner persönlichen Machtsucht zu unterwerfen.

„Aber die Staatsentwicklung bei Ludwig XIV. ist wirklich nur ein besonders signifikantes Beispiel und das größte und imposanteste der Zeit für die Entwicklungsdynamik, die damals in allen Staaten des Fürstenabsolutismus überhaupt herrschte.“ [6]

Dieser absolutistische Einheitsstaat wurde prägend für die ganze neuere Zeit.

Der liberal-demokratische Einheitsstaat

Sturm auf die BastilleMit Empörung stemmten sich immer mehr die Kräfte des Individuums gegen diese unzeitgemäße, entwicklungsfeindliche Dynamik unberechtigter Machtausübung. Sie fegten in der Französischen Revolution von 1789 die hohl gewordene Monarchie Frankreichs grausam hinweg. Von England, in dem schon hundert Jahre zuvor in der Glorious Revolution die Monarchie zu einem nur noch geduldeten Schattendasein verurteilt worden war, übernahm man die Ideen des Liberalismus und der parlamentarischen Demokratie, durch welche die Macht auf die ganze Bevölkerung, repräsentiert durch ihre gewählten Vertreter, übergehen sollte. Aber die Problematik des Einheitsstaates wurde nicht durchschaut. Der vom Absolutismus übernommene Machtapparat blieb nicht nur bestehen, sondern wurde noch weiter ausgebaut und perfektioniert. So suchte der liberale Freiheitsimpuls gegen den omnipotenten Einheitsstaat nur einen persönlichen Freiheitsraum für den Einzelnen geltend zu machen, der aber nur sehr begrenzt durchdrang und in der Wirtschaft als wirtschaftlicher Liberalismus zum Egoismus-Exzess des Kapitalismus führte.

Mit der Demokratie machte sich die berechtigte Forderung der Individualität geltend, die Gesetze sich nicht von oben diktieren zu lassen, sondern bei der Entstehung des Rechts mitzuwirken. In dem Maße aber, wie die Rechtsorganisation, der Staat, eine Allzuständigkeit für jedes Lebensgebiet in Anspruch nahm und durch Gesetze reglementierte, wurden in das Recht, das nur die Beziehungen zwischen den einander gleichberechtigten Menschen zu regeln hat, inhaltliche Gestaltungen des Lebens aufgenommen, die Angelegenheit der sachkundig im Wirtschafts- und Kulturleben wirkenden Menschen selbst sind. Das führte dazu, dass der Impuls der Selbstbestimmung sich noch in der Debatte artikulieren kann, im Moment der Abstimmung aber ausgeschaltet wird, denn damit sind alle gleichermaßen an die daraus folgenden inhaltlichen Regelungen gebunden und müssen – von außen bestimmt – nach ihnen handeln. Aus dem Streben des Individuums nach Selbst- und Mitbestimmung entstanden, führt der Parlamentarismus in der Abstimmung zu ihrer Vernichtung. Er „geht hervor aus der Geltendmachung der Persönlichkeit und endet mit der Auslöschung der Persönlichkeit.“ [7]  Im Geistes- und im Wirtschaftsleben kann es keine gesetzgebenden Körperschaften geben, die „von oben“ reglementieren, sondern nur horizontale Beratungs- und Kooperationsorgane freier und solidarisch einander zugewandter Bürger.

Nur auf dem Gebiete des Rechts selbst ist der Parlamentarismus berechtigt, denn Fragen des gerechten Verhaltens untereinander, des Schutzes des inneren und äußeren Friedens, können nicht vom Einzelnen, sondern nur durch gemeinsam vereinbarte Regeln aller gelöst werden. Sie sind es, welche die Bildung ei­ner Gemeinschaft als Staat erst nötig machen und ihm konstitutiv zugrunde liegen. Hier ist auch jeder Mündige urteilsfähig. Die Abstimmung führt zwar auch hier zu einem gewissen Nivellement der Persönlichkeit, doch hat sie ihre relative Berechtigung, denn das für alle gleichermaßen geltende Gesetz ist gerade das angestrebte Ziel. Wenn sich die Gesetze darauf beschränken, den rechtlichen Rahmen für die inhaltliche Tätigkeit der Menschen im Kultur- und im Wirtschaftsleben zu bilden, wird durch sie die Freiheit und Selbstbestimmung nicht ausgeschaltet, sondern gerade ermöglicht. Und das Justiz und Polizei verliehene Gewaltmonopol dient nicht der Macht über Menschen, sondern ihrem Schutz vor denen, die in die körperliche oder seelische Integrität anderer gewaltsam eingreifen.

Der demokratische Einheitsstaat als Instrument der Gewalt

BedrohungWir sahen: Die Macht hat seit Beginn der Neuzeit, mit dem Erwachen der freien Individualität, ihren geistigen Inhalt verloren. Damit ist prinzipiell jede Herrschaft von Menschen über Menschen innerlich unberechtigt geworden. Sie ist eine Anmaßung, eine Usurpation. Goethe formulierte daher, dass die Regierung die beste sei, die uns lehre, uns selbst zu regieren. Macht ist heute mehr oder weniger offene oder versteckte Gewalt, die den anderen überwältigt, ihm einen fremden Willen aufzwingt und ihn dessen beraubt, was ihn erst zum Menschen macht: der Freiheit seines eigenen Erkennens und Wollens.

Die Geschichte der Neuzeit ist gekennzeichnet durch den Kampf der Kräfte des Egoismus um den Staat als Instrument der Gewalt. Ob absoluter Fürstenstaat, konstitutionelle Monarchie oder demokratische Republik – der Staat wächst als zentralistisches, bürokratisches Riesengebilde, als hierarchischer Befehlsmechanismus, der sich über alle Lebensgebiete legt, immer mehr ins Gigantische, nimmt immer gewaltigere, erdrückendere Ausmaße an. Hand in Hand damit geht „die Atomisierung der Untertanen oder Staatsbürger zu einer homogenen Masse von Individuen, die man (…) von außen her durch abstrakte Gesetze zusammenhält.“ [8]  Der Einheitsstaat wird ein immer perfekteres Instrument in den Händen derjenigen, die an den Schaltstellen sitzen – gleichgültig wie „demokratisch“ sie sich zu legitimieren suchen -, um die Masse der Menschen mit direkter oder indirekter Gewalt nach ihrem Willen zu formen und zu lenken.

Mit der Gewalt, die den Mitmenschen überwältigt, handelt noch nicht der Mensch, sondern das Tier in ihm. Das wird schon im innenpolitischen Kampf um die Macht sichtbar. Der peruanische Nobelpreisträger für Literatur Mario Vargas Llosa, der 1987 als Präsidentschaftskandidat für drei Jahre in die Politik ging, schilderte seine Erfahrungen so:

„Sie können die hehrsten Ideen haben, aber sobald es an deren Verwirklichung geht, sind Sie Intrigen, Verschwörungen, Paranoia, Verrat und Abgründen an Schmutz und Niedertracht ausgesetzt. Wenn ich eins über den Morbus der Politik gelernt habe, dann dies: Der Kampf um die Macht lockt die Bestie in uns hervor. Was den Berufspolitiker wirklich erregt und antreibt, ist das maßlose Verlangen nach Macht. Wer diese Obsession nicht hat, wird der kleinlichen und trivialen Praxis der Politik angeekelt den Rücken zukehren.“ [9]

Die Möglichkeit der Machtausübung zieht die egoistischen Machtnaturen an, und so sorgt der „demokratische“ Einheitsstaat für die Auslese der Schlechtesten. Haben sie die Herrschaft über den Staatsapparat errungen, weitet sich ihr Ego ebenso besitzergreifend wie bei Ludwig IV. über den Staat aus. Der Staat gehört ihnen. Die Rekrutierungsorganisationen dieses Menschenschlages werden zu „staatstragenden Parteien“, die sich den Staat zur Beute gemacht haben.

Noch offener tritt das Tier auf die Bühne in der Außenpolitik, in der angeblich Völker miteinander in Beziehung treten, in Wahrheit aber kleine Cliquen mit dem Instrument des Einheitsstaates in der Hand gegeneinander um die Erhaltung und Ausdehnung ihrer Macht kämpfen. Mit dem ganzen Arsenal des höheren Tieres, mit Täuschung, Lüge und Drohung, Intrigen, Verschwörungen und Sanktionen, versteckten Terrorunternehmungen und Regierungsumstürzen bis zur primitivsten Form der offenen Gewalt, dem Krieg, wird in der internationalen Machtpolitik unentwegt versucht, die andern zurückzudrängen, zu schwächen und sie schließlich samt ihrer hilflosen Völker mit brutalster Waffengewalt physisch zu überwältigen und dem eigenen Willen zu unterwerfen. Insbesondere das 20. und das begonnene 21. Jahrhundert sind von diesen Kämpfen der menschlichen Bestien gegeneinander gekennzeichnet. Wir leben mitten darin.

Man muss sich endlich klar werden, dass diesem sozialpathologischen Wahnsinn nur Einhalt geboten werden kann, wenn die Allmacht des Staates aufgelöst, er auf das reine Rechtsleben beschränkt wird und das Wirtschafts- und Geistesleben in die horizontal koordinierende Selbstverwaltung der dort tätigen sachkundigen Menschen entlassen werden. Die herrschenden Egomanen können nur entmachtet werden, indem ihnen ihr staatliches Machtinstrument aus der Hand genommen wird (vgl. Die Überwucherung). Sonst wird die Selbstzerstörung der Menschheit weiter fortschreiten.

Herbert Ludwig


Autor Herbert Ludwig: Nach kaufmännischer Lehre Studium und Ausbildung zum Rechtspfleger, 4 Jahre Tätigkeit an hessischen Amtsgerichten. Danach Studium an der Pädagogischen Hochschule Reutlingen mit den Schwerpunkten Erziehungswissenschaften, Philosophie, Geschichte, Deutsch, sowie Waldorfpädagogik am Waldorflehrer-Seminar Stuttgart. 27 Jahre Lehrer an der “Goetheschule – Freie Waldorfschule – Pforzheim”. Ruhestand.

Textquelle: FASSADENKRATZER, zum Artikel

Bild- und Grafikquellen:

  1. Beitragsbild: «Herrscher im Orbit» – Didi01  / pixelio.de
  2. «Psychologie der Macht» – www.pixabay.com
  3. «Niccolò Machiavelli» – http://de.wikipedia.org/wiki/Niccol%C3%B2_Machiavelli
  4. «Sturm auf die Bastille» – http://www.franzoesische-revolution.com/
  5. «Bedrohung» – Marion Beßler / pixelio.de

 

 

Fußnoten:

  1. Sie sind besonders treffend von Rudolf Steiner in drei Vorträgen skizziert worden unter dem Titel  “Die geschichtliche  Entwicklung des Imperialismus”, Vorträge 20.-22. Febr. 1920, im Band 196 der Gesamtausgabe
  2. Karl Heyer: Machiavelli und Ludwig XIV., Stuttgart 1964, S. 226
  3. Karl Heyer a. a. O. S. 227
  4. Vgl. Karl Heyer a. a. O. S. 93, 94
  5. Karl Heyer a. a. O. S. 95, 96
  6. Karl Heyer a. a. O. S. 99, 100
  7. Rudolf Steiner, zitiert nach Karl Heyer a. a. O. S. 218
  8. Karl Heyer a. a. O. S. 224
  9. Zitiert nach André F. Lichtschlag in „eigentümlich frei“ Aug./Sept. 2013, S. 40

GENDER’ismus, GENDER-Studies! Gleichschalterei?

Die Genderforschung behauptet, dass die Unterschiede zwischen Mann und Frau kulturell konstruiert sind. Eine Stellungnahme aus Sicht einer “kulturell konstruierten” Frau.

von Caillea

Die meisten Leute können sich unter den Wörtern “Gender”, “Gender Mainstreaming” und “Gender Studies” nicht viel vorstellen. Doch was ist damit gemeint? Woher stammt diese Benennung? Wo wird dieser Begriff angewendet?

Was ist Gender?

In der Linguistik bezeichnet das Wort gender zunächst im Englischen den Genus bzw. das grammatikalische Geschlecht – d.h. die Unterscheidung zwischen weiblich, männlich und sächlich. Im wissenschaftlichen Sprachgebrauch wird gender als Bezeichnung für das soziale Geschlecht und in Abgrenzung dazu sex als biologisches Geschlecht definiert.

Als Begrifflichkeit wurde gender erstmals in der Medizin in der Forschung mit Intersexuellen in den 1960er Jahren verwendet, um die Annahme zu verdeutlichen, dass die Sozialisation der Individuen für die Geschlechterzugehörigkeit bzw. Geschlechtsidentität verantwortlich ist. So wurde das soziale Geschlecht (gender) im weiteren Verlauf als unabhängig vom biologischen Geschlecht (sex) betrachtet. In den 70er Jahren wurde der englische Begriff gender im feministischen Sprachgebrauch als Analysekategorie aufgenommen, um die Unterscheidung zwischen biologischem und sozialen Geschlecht zu betonen und so einen Ansatz zu entwickeln, der die Veränderbarkeit von Geschlecht in den Blickpunkt rückt: Geschlechterrollen sind kein biologisches Phänomen, sondern stellen soziale Zuschreibungen dar. Sie werden in sozialen Interaktionen und symbolischen Ordnungen konstruiert und sind damit veränderbar. Mit gender werden scheinbare geschlechtsspezifische Fähigkeiten, Zuständigkeiten und Identitäten in Frage gestellt und kritisiert – danach gibt es keine homogene Gruppe von “Frauen” oder “Männern” bzw. keine Definition für das was es heißt männlich oder weiblich zu sein. [1]

Gender Mainstreaming” bedeutet, dass alle Geschlechter in sämtlichen Bereichen gleichgestellt werden, Männer, Frauen, auch Gruppen wie Homosexuelle oder Intersexuelle.

Ein Blick in die Genderforschung

Genderforscher glauben, dass “Männer” und “Frauen” nicht eine Idee der Natur sind, sondern eine Art Konvention, ungefähr wie die Mode oder der Vatertag. Klar, es gibt natürlich den kleinen Unterschied und leider lässt sich dies wohl nicht wegdiskutieren, jedoch abgesehen davon gibt es gemäß der Genderforschung keine Unterschiede. Bei Franziska Schößler, deren Buch 2008 erschienen ist, liest sich das so: “Es sind vor allem kulturelle Akte, die einen Mann zum Mann machen.”

Diese These ist gewagt. Was ist mit dem Hormon Testosteron? Spielt dieses nicht bei der Mannwerdung ebenso wie die Evolution eine ziemlich große Rolle? In den gängigen Einführungen, welche ich gelesen habe, tauchte das Wort “Hormon” nur am Rande auf und das Wort “Evolution” überhaupt nicht. Es fiel mir ebenso auf, dass sogar hinter die Existenz des Penis im Licht der Genderforschung zumindest ein Fragezeichen gesetzt wird. “Anatomie ist ein soziales Konstrukt”, sagt Judith Butler, eine der Ahnfrauen der Genderforschung. Es sei Willkür, wenn Menschen nach ihren Geschlechtsteilen sortiert werden, genauso gut könne man die Größe nehmen oder die Haarfarbe. Die seien genauso wichtig oder unwichtig.

Genderforscherin Heike Wiesner schreibt in ihrem Buch “Die Inszenierung der Geschlechter in den Naturwissenschaften”:

“Ob Verhaltensbiologie, Soziobiologie, Pflanzenbestimmung, Gene, Gehirnforschung oder Hormone – allen gemein ist die Kontruktion von Männlichkeit versus Weiblichkeit. Zu allen genannten Ansätzen liegen mittlerweile kritische Analysen von Biologinnen vor. Allein die Konstruktion von männlichen versus weiblichen Hormonen erweist sich als fragwürdig. [2]

Auf den ersten Blick scheint eine Demarkationslinie zwischen einzelnen Disiplinen zu verlaufen: anders als in der Biologie, sehen die mathematischen, physikalischen und chemischen Wissenschaften von einem expliziten Gebrauch einer weiblich- versus männlich-Konzeption in der Regel ab: “Menschen, Tieren, Pflanzen, ja sogar Wetterlagen wird ein Geschlecht zugeordnet, aber geht es um Moleküle, Atome, Quantenzustände und Elementarteilchen, ist auf den ersten Blick kein Zusammenhang mit dem Geschlechterverhältnis zu erkennen.” [3]

Die meisten Genderforscherinnen pflegen das Feindbild der Naturwissenschaft. In ihren extremen Ansichten ähneln sie den Kreationisten, die Darwin für einen Agenten des Satans und die Bibel für ein historisches Nachschlagewerk halten. Die Genderforschung scheint eine Antiwissenschaft zu sein, eine Wissenschaft, die nichts herausfinden, sondern mit aller Kraft etwas widerlegen will.

Gender und Schule

Hannelore Faulstich-Wieland, Genderforscherin, Pädagogin und Gleichstellungsbeauftragte an der Hamburger Uni, mit dem Schwerpunkt “Männer und Schule”, hat einmal in einem Interview gesagt, dass es gesellschaftliche Gründe habe, wenn Männer im Marathonlauf schneller sind als Frauen.

Interessant ist in dem Zusammenhang ein veröffentlichter Vortrag von Frau Faulstich-Wieland vom 05.08.2010: “Es stellt sich die Frage, ob bestehende Ansätze und Maßnahmen von Schulprogrammen Geschlechterungleichheiten entgegenwirken können. Um dies zu beantworten, müssen die zugrunde gelegten Gendertheorien analysiert werden. Bei den meisten Maßnahmen für eine geschlechterbewusste Arbeit handelt es sich um die Realisierung von geschlechtergetrennten Angeboten, wie z.B. im Informatikbereich, bei Berufswahlkursen oder im Sexualkundeunterricht, die oftmals mit „grundlegenden Differenzen zwischen den Geschlechtern“ begründet werden. Problematisch wird diese besondere Hervorhebung und Dramatisierung von Differenz, wenn eine Dichotomisierung von den Mädchen und den Jungen einhergeht. Nach Faulstich-Wieland finden aber deutliche Überschneidungen zwischen den Gruppen der Mädchen und Jungen statt, so dass dieser „geschlechtsspezifische“ Unterricht zu einer Verfestigung von Stereotypen und Hierarchien führen kann, anstatt diese abzubauen. …… Da es auch andere Differenzen gibt, mit denen sich Schülerinnen und Schüler identifizieren oder abgrenzen, wie z.B. „doing student“ oder „doing adult“, bei denen Geschlecht Relevanz haben kann, aber nicht muss, fordert Faulstich-Wieland eine Entdramatisierung von Geschlecht

.Damit ließen sich die allgegenwärtige Wahrnehmung der Geschlechterdifferenzen verringern, Stereotype vermeiden und auch Differenzen innerhalb der Geschlechtergruppen sichtbarer machen. Jedoch soll eine Entdramatisierung von Geschlecht keine vermeintliche Geschlechtsneutralität bedeuten, da Geschlechterunterschiede nicht durch eine Dethematisierung aufgehoben werden können. Vielmehr sollte pädagogisches Handeln immer auf Selbstreflexionen des eigenen doing gender auf der Basis von Genderkompetenz beruhen. Wünschenswert wäre also eine Balance zwischen einer Dramatisierung und Entdramatisierung von Geschlecht. Konkret hieße das ein pädagogischer Umgang mit Jungen, der keine Remaskularisierung provoziert, sowie ein Umgang mit Mädchen, der auf Protektionismus verzichtet.” [4]

Einige Genderforscher propagieren, dass es mehr männliche Lehrer an der Grundschule geben sollte, weil Männer unter Umständen mit der Aggressivität schwieriger Jungs besser umgehen könnten. Faulstich-Wieland hält Erzieher dagegen für gefährlich. Die Gefahr bestehe darin, dass “Jungen auf ein Stereotyp von Männlichkeit programmiert werden”. Weiterhin enthalte der Ruf nach mehr Lehrern eine Diskriminierung in Bezug auf Lehrerinnen. Dies sei eine Abwertung von Frauen. Faustich-Wieland hält das aggressivere Verhalten der Jungs für anerzogen. Folglich müsse es aberzogen werden. Jungs hätten eine negative Einstellung zum Lernen, was damit zusammenhänge, dass sie schon früh auf eine männliche Rolle festgelegt würden. Schon Babys würden ja verschieden behandelt, daher komme die Verschiedenheit von Mädchen und Jungs.

Das Wort “männlich” scheint bei Genderforscherinnen negativ belegt zu sein. Hier stellt sich die Frage, ob Mütter ihre Söhne schon von klein auf dazu bringen müssen, sich wie Mädchen zu verhalten. Weiterhin könnte man, aufgrund der Genderforscherinnen, den Müttern unterstellen, schon ihren Babys beizubringen, schwierige Raufbolde zu werden. An Frau Hannelore Faulstich-Wieland kommt man selbst mit wissenschaftlichen Studien nicht zu Potte, denn “Naturwissenschaft ist eine Konstruktion.”.

Was sagt die Naturwissenschaft?

In diesem Zusammenhang schrieb Harald Martenstein schon 2013 einen Artikel in der ZEIT:

“Robert Plomin hat das Aufwachsen von 3000 zweieiigen Zwillingen beobachtet, Jungen und Mädchen, die in derselben Familie aufwuchsen. Im Alter von zwei Jahren war der Wortschatz der Mädchen bereits deutlich größer. Die Neurowissenschaftlerin Doreen Kimura hat einen Zusammenhang zwischen Testosteronspiegel, Berufswahl und räumlichem Vorstellungsvermögen nachgewiesen – bei Männern und Frauen. Den höchsten Testosteronspiegel haben übrigens Schauspieler, Bauarbeiter und Langzeitarbeitslose, den niedrigsten haben Geistliche. Der Osloer Kinderpsychiater und Verhaltensforscher Trond Diseth hat neun Monate alten Babys in einem nur von Kameras überwachten Raum Spielzeug zur Auswahl angeboten, Jungs krochen auf Autos zu, Mädchen auf Puppen. Der Evolutionsbiologe Simon Baron-Cohen, ein Vetter des Filmemachers Sascha Baron-Cohen, hat die Reaktionen von Neugeborenen erforscht, da kann die Gesellschaft noch nichts angerichtet haben: Mädchen reagieren stärker auf Gesichter, Jungen auf mechanische Geräte. Richard Lippa hat 200.000 Menschen in 53 Ländern nach ihren Traumberufen gefragt, Männer nannten häufiger “Ingenieur”, Frauen häufiger soziale Berufe. Die Ergebnisse waren in so unterschiedlichen Ländern wie Norwegen, den USA und Saudi-Arabien erstaunlich ähnlich. Wenn es wirklich einen starken kulturellen Einfluss auf die Berufswahl gäbe, sagt Lippa, dann müssten die Ergebnisse je nach kulturellem Kontext schwanken.

Der Hirnforscher Turhan Canli, ein Amerikaner, hat festgestellt, dass Frauen emotionale Ereignisse meist in beiden Hirnhälften speichern, Männer nur in einer. An einen Ehestreit oder den ersten Kuss können sich Männer deshalb im Durchschnitt nicht so gut erinnern wie Frauen. Wenn auf Fotos Gesichter zu sehen sind, traurige oder fröhliche, dann entschlüsseln Männer die Emotionen der abgebildeten Personen im Durchschnitt schlechter. Mein Lieblingsexperiment hat Anne Campbell an der Universität Durham veranstaltet: Männer und Frauen wurden zu einem Test eingeladen. Dann teilte man ihnen mit, dass sie schmerzhafte Elektroschocks erdulden müssten. Es dauere noch ein paar Minuten. Die Frauen warteten gemeinsam, in Gruppen. Die Männer warteten lieber alleine.

Die Wissenschaft ist sich einig: Geschlechterunterschiede sind zum Teil sicher anerzogen. Vieles hängt aber auch mit der Evolution und mit den Hormonen zusammen. Ist das alles wirklich nur Ideologie? Gibt es eine Art Weltverschwörung, gegen die Genderforschung? Und wenn ja: Wo bleiben eigentlich die Gegenstudien? Genderprofessorinnen gibt es doch reichlich.

An der Berliner Charité wird medizinische Genderforschung betrieben, zur Frage, warum Frauen und Männer für Krankheiten unterschiedlich anfällig sind. Im Regelfall aber ist diese Wissenschaft eher theoretischer Natur. Das hängt stark mit John Money zusammen, einem amerikanischen Sexualforscher, der die Gendertheorie in den fünfziger Jahren miterfunden hat. Um seine These zu beweisen – Geschlecht ist nur erlernt –, hat Money den zweijährigen Bruce Reimer 1966 von seinem männlichen Genital befreit und als Mädchen aufwachsen lassen. Der Penis des Kindes war bei der Beschneidung verletzt worden, deshalb ließen sich die Kastration und die Herstellung von Schamlippen wohl als eine Art “Therapie” darstellen. Eine Ethikkommission wurde offenbar nicht konsultiert. Alice Schwarzer hat dieses nicht sehr menschenfreundliche Experiment als eine der wenigen Forschungen zum Geschlechterverhältnis gewürdigt, die “nicht manipulieren”, sondern “aufklären”. Der erwachsene Reimer ließ die Umwandlung rückgängig machen und erschoss sich. Seitdem muss die Theorie ohne Beweisversuche auskommen. Geschadet hat das ihrer Verbreitung nicht wirklich.”

Es ist erstaunlich, womit sich Genderforscherinnen so alles auseinandersetzen.

Uta Brandes ist Professorin für Gender und Design in Köln, seit 1995. Eine ihrer früheren Studentinnen heißt Gesche Joost und gehörte zum “Kompetenzteam” des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück. In den neunziger Jahren hat die SPD-Ministerin Anke Brunn jeder Hochschule in Nordrhein-Westfalen eine neue Professorenstelle versprochen, vorausgesetzt, es handelte sich um eine Genderprofessur. Das führte zu einem Boom. Uta Brandes hat einmal erklärt: “Alles, was aufrecht steht, ist eher männlich.” Durch die Negativbelegung findet sie anscheinend deshalb auch “Kirchtürme zu phallisch”, so ein Kirchturm penetriere das Dorf geradezu. Uta Brandes hat unter anderem das Verhalten an Fahrkartenautomaten erforscht, sie ist also keine Theoretikerin. Sie hat herausgefunden, dass Männer an Automaten weniger Angst vor Misserfolgen haben, Methode “Trial and Error”. Frauen überlegen länger, bevor sie einen Knopf drücken. Die Ergebnisse lassen einen irgendwie an Peer Steinbrück und Angela Merkel denken.

Auf der Webseite der HTWG-Konstanz schreibt man über Brandes:

“»My desk is my castle« – Empirie mit Unterhaltungsfaktor hatte Uta Brandes im Gepäck. Die Gender-Forscherin hat weltweit 686 Schreibtische von Menschen fotografiert und systematisch festgehalten, welche Gegenstände darauf und darin nichts mit der Arbeit zu tun haben. Kann man an diesen Gegenständen erkennen, ob der Schreibtischbesitzer tatsächlich ein Besitzer oder vielleicht eine Besitzerin ist? Die wenig überraschende Antwort: Man kann. Typische geschlechtliche Accessoires sind über alle kulturellen Grenzen hinweg eindeutig erkennbar – aber natürlich nur deswegen, weil der Betrachter schon ein festes Bild davon hat, was typisch männlich und typisch weiblich ist. »Es gibt kein Entrinnen«, so Brandes. Stereotype Vorstellungen prägten die Analyse von vornherein, und stereotype Vorstellungen prägen natürlich auch das Verhalten dessen, der sich seinen Schreibtisch einrichtet. Solche bösartigen Probleme methodisch zu erfassen und zu beschreiben ist zumindest ein Anliegen der Professorin. Und ganz abseits vom gedanklichen Teufelskreis hatte der Blick auf die zahlreichen Schreibtische einen hohen Unterhaltungsfaktor.”

Das Geschlechter-Paradox

Die kanadische Psychologin Susan Pinker hat sich ausgiebig mit dem “Teufelszeug” Testosteron befasst, ihr Buch Das Geschlechter-Paradox wurde in viele Sprachen übersetzt. Testosteron macht Menschen risikofreudiger und kräftiger, Männer haben meistens mehr davon. Leider macht es auch kurzlebiger, weil es das Immunsystem schwächt. Postoperative Infektionen verlaufen bei 70 Prozent der Männer tödlich, aber nur bei 26 Prozent der Frauen, daran sind weder die Ärzte schuld noch das soziokulturelle Umfeld. Jungs haben relativ viel Probleme in der Schule und dies hängt u.a. auch mit Testosteron zusammen. Mädchen wiederum halten sich eher an die Regeln.

Männer sind extremer und Steven Pinker vertritt wie sein Kollege die Meinung: “Bei den Männern gibt es mehr Genies und mehr Idioten.” Noch schöner hat es die Kulturhistorikerin Camille Paglia gesagt: “Ein weiblicher Mozart fehlt, weil es auch keinen weiblichen Jack the Ripper gibt.” Martenstein meint dazu: “Extremes Verhalten und obsessive Fixierung auf eine bestimmte Sache – so was ist eher ein Männerding. Der Typ, der Amok läuft, um sich für eine Kränkung zu rächen: fast immer ein Mann. Der Mensch, der eine 90-Stunden-Woche nach der anderen herunterschrubbt, weil er Chef werden will, und am Ziel tot umfällt: wahrscheinlich ein Mann. Ein extremer Einzelgänger und Hypochonder, der Klavier spielt und sonst fast nichts tut: Glenn Gould. Ein Mensch, der in jeder freien Minute Wörterlisten auswendig lernt, nur weil er, völlig sinnlos, Scrabble-Weltmeister werden will: Joel Wapnick. Wer sich einen Sonderling oder einen Eigenbrötler mal genauer anschaut, entdeckt fast immer einen Penis.”

Er führt weiter aus, dass “das Geschlechter-Paradox darin besteht, dass sich in freien Gesellschaften mit ausgeprägten Frauenrechten nicht weniger, sondern mehr Frauen für angeblich typische Frauenberufe entscheiden, soziale oder kreative Berufe. Wenn Frauen die Wahl haben, tun sie eben nicht das Gleiche wie die Männer. Sie werden, ohne Druck, im Durchschnitt lieber Ärztin, Lehrerin oder Journalistin als Statikerin, Ingenieurin, Schachprofi oder Patentanwältin. Über Individuen sagen solche Statistiken natürlich nichts aus, es kann auch hervorragende, glückliche Notarinnen geben und Physik-Nobelpreisträgerinnen. Wer aber glaubt, dass wir alle dem gleichen Normgeschlecht angehören und deshalb überall in der Gesellschaft ein Verhältnis von 50 zu 50 herrschen muss, der kann dies, laut Susan Pinker, nur mit staatlichen Zwangsmaßnahmen erreichen. Weder Hannelore Faulstich-Wieland noch Uta Brandes kannten ihre Kollegin Susan Pinker.”

Gleichstellung?

Gender Männer FrauenMaybritt Hugo, Jahrgang 1960, arbeitet seit 1992 als städtische Gleichstellungsbeauftragte bei der Stadt Braunschweig. Vorher hat sie Politik und Germanistik studiert und war Fraktionsgeschäftsführerin bei den Grünen. Eine ihrer Aufgaben ist es, den Anteil der Frauen im Personal – vor allem im Führungspersonal – zu steigern und die sich selbst rekrutierenden Männerlobbys aufzubrechen.

Maybritt Hugo hat bei der Braunschweiger Feuerwehr etwas «Wichtiges» erreicht. Beim Eignungstest sind die Bewerberinnen fast immer durchgefallen. Das lag unter anderem an den Klimmzügen. Frauen fallen Klimmzüge schwerer als Männern. Außerdem wurde von allen Bewerbern eine abgeschlossene handwerkliche Ausbildung verlangt. Inzwischen dürfen Bewerber, um ihre Kraft unter Beweis zu stellen, einen schweren Kanister eine Treppe hochtragen, und die Feuerwehr akzeptiert auch eine Ausbildung im Gesundheitswesen. Seitdem steigt die Zahl der Feuerwehrfrauen. [5]

Wie geht eigentlich die Genderforschung oder auch eine Gleichstellungsbeauftragte mit Bereichen um, in denen die Männer benachteiligt sind? Obdachlosigkeit zum Beispiel. 70 bis 80 Prozent der Obdachlosen sind Männer. Laut Martenstein antwortet Maybritt Hugo sehr freundlich, “dass die Statistik ein falsches Bild ergebe. Frauen seien genauso von Obdachlosigkeit betroffen. Sie würden dann eben bei Freundinnen oder Verwandten unterschlüpfen.” 

Dies klingt in meinen Augen so, als seien alle obdachlose Männer selbst schuld an ihrer Situation. Vielleicht sollten sich Männer einfach ein bisschen weiblicher verhalten? Warum werden selbst bestens belegbare Erkenntnisse der naturwissenschaftlichen Geschlechterforschung von vielen Genderfrauen abgelehnt oder gar nicht erst zur Kenntnis genommen? Warum können sie mit Natur und Evolution nichts anfangen? Natürlich wurden Frauen jahrhundertelang «klein» gehalten und konnten angeblich dieses nicht und jenes nicht, sie galten als eitel, dumm, schwach, hysterisch, zänkisch, schwatzhaft und charakterlich fragwürdig. Frauen wurden gerne unterdrückt, damit einige Männer, wohlbemerkt nicht alle, ihre Machtposition ausüben konnten.

Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen, dass auch Frauen alles erreichen können, wenn sie nur wollen. Manchmal muss man sich etwas mehr durchsetzen, doch Wissen und Know How wird zumindest heutzutage auch von Männern anerkannt. Viele Männer gehen heute in Elternteilzeit und betreuen die Kinder mit. Viele Männer arbeiten ebenfalls im Haushalt und machen davon kein Aufhebens. Meine Tochter wollte mal Dachdecker werden und es wäre kein Problem gewesen, diesen Beruf zu ergreifen. Sie hatte mehrere Ausbildungsangebote. Doch warum hat sie diesen Beruf nicht ergriffen? Weil sie körperlich sich nicht dazu in der Lage fühlte. Hätte sie sich männlicher verhalten sollen?

Frauen können Kinder bekommen und Männer nicht, wenn dies von Genderfrauen auch nur als ein geringer Unterschied anerkannt wird, der jedoch für jede Frau eine Zumutung ist. Wer die etablierte Familie aus Vater, Mutter und Kind auflösen und an ihre Stelle immer mehr gleichgeschlechtlichen Patchworks setzen will,  der muss die künstliche Befruchtung propagieren und darf auf keinen Fall zulassen, dass diese in irgendeiner Weise problematisiert wird. Frau Sibylle Lewitscharoff würde es begrüßen, wenn es über biochemische Prozesse gelänge, die gebärende Frau zu ersetzen. Anders gesagt: Wenn es gelänge, die biologischen Grundlagen des Menschseins mittels High Tech zu verändern.

Die US-Amerikanerin Donna Haraway geht noch weiter. Den banalen Gender Mainstream-Ansatz verschärft Harawy durch die Anbetung der naturwissenschaftlichen Entwicklung: Durch die Hybridisierung der Menschen mit Maschinen sollen Zwitterwesen entstehen, Cybernetic organisms oder kurz Cyborgs, die die alte Trennung in Adam und Eva überwinden. In ihrem „Manifest für Cyborgs“ (1995) träumt sie von einer „Neuerfindung der Natur“: „Im späten 20. Jahrhundert, in unserer Zeit, einer mythischen Zeit, haben wir uns alle in Chimären, theoretisierte und fabrizierte Hybride aus Maschine und Organismus verwandelt, kurz, wir sind Cyborgs.“ Harawy träumt von einem neuen Geschlecht namens MannFrau© in Anlehnung an die Erfindung der OncoMouse™ – dem ersten patentierten transgenen Lebewesen, einer Maus, der man für Forschungszwecke Brustkrebsgene eingepflanzt hatte. Beides seien Geschöpfe, die die naturgegebene Grenze der Spezies überschritten hätten. „Die große Trennung zwischen Mensch und Natur sowie ihre Grenzen für die Geschlechter, die die Geschichte der Moderne begründete, ist durchbrochen worden.”

Das ist in meinen Augen nicht nur krank, sondern auch noch gefährlich!

Die Genderfrauen gehen in meinen Augen davon aus, dass biologische Forschung insgesamt ein Herrschaftsinstrument der Männer sein muss. Deshalb sagen sie: Es gibt keine Unterschiede, basta. Warum? Weil es einfach keine geben darf. Genderforschung ist eine Antiwissenschaft. Sie beruht auf einem unbeweisbaren Glauben, der nicht in Zweifel gezogen werden darf.

Dabei ist in Wirklichkeit die Biologie längst weiter. Sie kann zeigen, dass Männer und Frauen in vielen Bereichen gleich sind, in anderen verschieden. Sonst wäre die Evolution ja sinnlos gewesen – wozu zwei Mal das gleiche Modell entwickeln? Beide Geschlechter haben Stärken und Schwächen, die sich ergänzen, und ganz sicher ist keines “besser” als das andere.

Ich möchte abschließend darauf hinweisen, dass ich nichts gegen Gleichstellung habe. Das Motto moderner, aufgeklärter Gesellschaften ist seit der französischen Revolution “Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit”. Historisch und etymologisch betrachtet hat der darin enthaltene Begriff “Gleichheit” inhaltlich immer bedeutet, dass alle Menschen gleichwertig sein und gleiche Rechte bzw. die gleiche Rechtsstellung haben sollen. Wenn eben diese Gleichstellung als Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit verstanden wird, habe ich nicht das Geringste gegen Gleichstellung und deren Durchsetzung. Im Gegenteil, trotz aller Bemühungen klafft gerade in diesem Land nach wie vor eine große Lücke zwischen Anspruch und Realität. Wenn darunter aber Gleichschaltung und Gleichmacherei verstanden wird, werde ich dagegen protestieren, denn diese waren damit nie gemeint. Dies sage ich als eine Frau, die in jeder Hinsicht “ihren Mann gestanden hat” und dies weiterhin tut.

Die Natur hat viele Lebewesen geschaffen und kein Lebewesen auf dieser Welt ist gleich und das nennt man Vielfalt. Gleichwertige und geschätzte Vielfalt ist das Schönste, was uns auf dieser Welt passieren kann.

Caillea


Passend dazu noch zwei Vorträge von Vera F. Birkenbihl:

Der norwegische Filmemacher Eia geht der Frage nach, ob Mädchen und Jungen entsprechend der Gender-Lehre in ihrem Sozialverhalten unmittelbar nach der Geburt absolut identisch sind und die Kausalität aller manifestierten Verhaltensunterschiede ausschließlich in der sich anschließenden Prägung durch das soziale Umfeld liegt. Er hinterfragt die Aussagen der “Gender”-Forschung und vergleicht sie mit den Erkenntnissen der klassischen Wissenschaften wie Anthropologie und Biologie. Die Reportage lief 2010 im norwegischen Fernsehen anläßlich einer 7-teiligen Themenreihe.


 

Bild- und Grafikquellen:

  1. Beitragsbild: “Das kritische Auge” – www.pixabay.com
  2. “Gender Mainstreaming” – http://www.contra-magazin.com/tag/gender-mainstreaming/

 

 

Fußnoten:

  1. Quelle: http://www.uni-bielefeld.de/
  2. “Die inzenierung der Geschlechter in den Naturwissenschaften”, Heike Wiesner, S. 31
  3. ebd. S. 32
  4. Vortrag Hannelore Faulstich-Wieland – http://www.genderkompetenz.info/veranstaltungs_publikations_und_news_archiv/genderlectures/051108glhu
  5. Auch interessant: «Mit Männerquote gegen Ärzte» – http://www.wgvdl.com/forum2/board_entry.php?id=172882

Abenteuer Menschsein: Worum es mir wirklich geht im Leben

von Rudolf Kuhr

Zur Einstimmung in das Thema ein Zitat von Johann Wolfgang von Goethe: “Hierbei bekenn’ ich, daß mir von jeher die große und so bedeutend klingende Aufgabe:”erkenne dich selbst!” immer verdächtig vorkam, als eine List geheim verbündeter Priester, die den Menschen durch unerreichbare Forderungen verwirren… wollten. Der Mensch kennt nur sich selbst, insofern er die Welt kennt, die er nur in sich und sich nur in ihr gewahr wird. Jeder neue Gegenstand, wohl beschaut, schließt ein neues Organ in uns auf. Am allerfördersamsten sind aber unsere Nebenmenschen, welche den Vorteil haben, uns mit der Welt aus ihrem Standpunkt zu vergleichen und daher nähere Kenntnis von uns erlangen, als wir selbst gewinnen mögen. Ich habe daher in reiferen Jahren große Aufmerksamkeit gehegt, inwiefern andere mich wohl erkennen möchten, damit ich in und an ihnen, wie an so viel Spiegeln, über mich selbst und über mein Inneres deutlicher werden könnte… Von Freunden… lasse ich mich ebenso gern bedingen als ins Unendliche hinweisen, stets merke ich auf sie mit reinem Zutrauen zu wahrhafter Erbauung”.

Aber dann ging ihm plötzlich ein Licht auf.

Angeregt durch wiederholte Enttäuschungen in einem Gesprächskreis, der sich zu dem überaus bedeutsamen Thema “Worauf es wirklich ankommt” zusammenfand, und der anfangs ziemlich unstrukturiert über Gott und die Welt diskutierte, entstand in mir die Frage nach den hintergründigen Bedürfnissen der Teilnehmer. Ich hatte den Eindruck, daß diese den meisten gar nicht bewußt waren, so daß es mir oft so erschien, als ginge es eigentlich mehr um die Lust am Reden, am Streiten, um Unterhaltung und Geselligkeit als um das Thema selbst.

Unsere Hauptaufgabe ist nicht zu erkennen, was unklar in

weiter Ferne liegt, sondern das zu tun, was klar vor uns liegt.

Thomas Carlyle

Erst als ich mich bereits zurückgezogen hatte, fiel mir ein, was ich übersehen hatte: In dem Motto des Kreises ‘Worauf es wirklich ankommt’ fehlte das Wörtchen mir sowie das allgemeine Bewußtsein von dessen Bedeutung. Und deshalb fehlte es mir im Umgang miteinander an Echtheit und Einfühlung, wie dieses nur ganz selten anzutreffen ist, wenn Menschen zusammen kommen, die dann entweder über diese Zusammenhänge wissen und sich grundsätzlich oder zufällig entsprechend einfühlend verhalten.

Unser Ziel ist, einander zu erkennen und einer im anderen das zu sehen

und ehren zu lernen, was er ist; – des andern Gegenstück und Ergänzung!

Hermann Hesse

Um es nicht beim kritisieren zu belassen, möchte ich, gewissermaßen in einem Selbstversuch, meine eigenen hintergründigen Bedürfnisse offenlegen. – Das, worum es mir wirklich geht, wenn ich mich z.B. in meiner Freizeit mit anderen Menschen zu tiefergehenden Gesprächen treffe, das kann ich eigentlich nur mit Hilfe von einfühlsamen Mitmenschen herausfinden, weil auch das Unbewußte eine Rolle spielt, und ich dieses Unbewußte nur sehr subjektiv bewußt machen kann. Unangenehmes wird da wohl nur zu leicht verdrängt. Wer vermag schon ohne fremde Hilfe die egoistischen Anteile an seinen altruistischen Handlungen einigermaßen genau einzuschätzen? Ich denke hier an das Sprichwort Die schlimmste Form des Egoismus ist der Altruismus.

Um fremden Wert willig und frei anzuerkennen, muß man eigenen haben.

Arthur Schopenhauer

Wenn ich vom Verstand her an die Frage herangehe, dann geht es mir vor allem um Authentizität, um Echtheit, – ich möchte mich möglichst wenig in mir selber täuschen und andere selbstverständlich auch nicht. Außerdem geht es mir um eine sinnvolle Lebensgestaltung. Hierzu brauche und suche ich gleichgesinnte Menschen zur gegenseitigen Unterstützung in diesen Zielen. Mit diesen gleichgesinnten – möglichst einfühlsamen – Mitmenschen möchte ich mich in offener und wohlwollender Weise mit möglichst wenig Einschränkungen austauschen, um mehr über mich zu erfahren, um mich weiterzuentwickeln und den anderen in gegenseitigem Austausch ebenso dabei zu helfen. Ich möchte, daß ich ohne Scheu und Tabus in allen möglichen Bereichen hinterfragt und auf mögliche Fehler aufmerksam gemacht werde, ich bitte ausdrücklich um Einmischung, auch in persönliche Angelegenheiten. Es gibt für mich in dieser Konstellation keine indiskreten Fragen, allenfalls indiskrete Antworten.

Was ist am schwersten zu erreichen? –

Daß man sich selber hinter die Schliche kommt.

Wilhelm Busch

Ich kann nicht garantieren, daß ich mich zu allem äußern und gegebenenfalls ändern werde, wohl aber verspreche ich, für jeden aufrichtig gemeinten Hinweis dankbar zu sein und darüber nachzudenken. Ebenso verspreche ich, daß ich mich bemerkbar machen werde, wenn mir etwas zuviel wird. Dasselbe wünsche ich mir auch von meinen Gesprächs-Partnern.

Es ist so angenehm, zugleich die Natur und sich selbst zu erforschen,

weder ihr noch dem eigenen Geist Gewalt anzutun, sondern beide

in sanfter Wechselwirkung miteinander ins Gleichgewicht zu bringen.

Johann Wolfgang von Goethe

Ich sehe den von der Natur her gegebenen Sinn jedes Lebewesens darin, daß es sich je nach Anlage und Mitweltbedingungen bestmöglich entwickelt. Für den Menschen allgemein und damit auch für mich bedeutet dies: Menschsein ist nicht nur ein gegebener Zustand, sondern eine ständige Aufgabe. Da der Mensch ein Teil der Natur und der menschlichen Gesellschaft ist, ohne die er nicht lebensfähig geworden wäre, schließt die Aufgabe Menschsein folgerichtig einen Dienst an Gesellschaft und Natur mit ein.

Sich selber erforschen, um sich selbst zu erkennen, ist das erste Studium.

J. M. Sailer

Erst ein mündiger Mensch, der eine kritische Distanz zu sich selbst und eine bewußte Verbundenheit zu seiner Mitwelt hat, kann für sich selbst voll- und für seine Mitwelt mitverantwortlich sein. Deshalb ist Mündigkeit ein wichtiges Ziel, das es zu erreichen und zu erhalten gilt. Einen Menschen in Unmündigkeit zu bringen oder zu halten, verstößt gegen die in den Menschenrechten verankerte freie Entfaltung der Persönlichkeit. Einem Menschen nicht zu helfen, der in Gefahr ist in Unmündigkeit zu geraten, kommt demnach einer unterlassenen Hilfeleistung gleich. Deshalb ist Aufklärung – auch über mich selbst – für mich Pflicht. Ich halte es mit Mahatma Gandhi, der sagte:

Wir selbst müssen die Veränderung sein, die wir in der Welt sehen wollen.

Ich wünsche mir Einmischung zur Aufklärung über Möglichkeiten und Gefahren, die ich noch nicht erkenne, und ich wünsche mir Mitmenschen, die das gleiche wollen. Meine, allem anderen übergeordnete Orientierung, ist der ganzheitlich verstandene Humanismus, das Ideal vom verantwortlichen Menschentum. Mir geht es um Menschlichkeit durch Wahrhaftigkeit. Mensch, lerne dich selbst erkennen, das ist der Mittelpunkt aller Weisheit! so Gotthold Ephraim Lessing.

Ich lade ein zum Abenteuer Menschsein!

Einander aufrichtig begegnen  

   

Ich wünsche mir Mitmenschen,
bei denen ich ohne Herzklopfen und innere Anspannung anklopfen kann,
denen mein Erscheinen nicht von vornherein lästig ist,
die mich nicht an der Türe abfertigen,
sondern herein bitten und in Ruhe zuhören.

 

Ich wünsche mir Mitmenschen,
die gern einmal wohlwollend oder aufmerksam über den Zaun schauen,
bei denen man eine Nachricht für mich hinterlassen kann,
die sich Sorgen machen und fragen, was los ist,
wenn sie mich länger nicht gesehen haben.

 

Ich wünsche mir Mitmenschen,
die ich in der Not nicht anbetteln muss,
bei denen Freundschaft und Nächstenliebe nicht eine leere Floskel,
sondern eine Selbstverständlichkeit ist.

 

Ich wünsche mir Mitmenschen,
denen ich so viel wert bin, dass sie mir nicht nach dem Munde reden,
sondern mich aufmerksam machen,
auf Fehler, Spinnereien, Risiken, Gefahren.
Ich wünsche mir aufrichtige Gegenüber, die nicht mit zwei Zungen reden,
freundlich und anerkennend mir ins Gesicht,
aber geringschätzig und abfällig  – hinter meinem Rücken.

 

Ich wünsche mir Mitmenschen,
die bei Gegensätzen meinen Standpunkt achten
und nach seiner Begründung fragen, wenn sie ihn nicht verstehen,
die meinen Stolz nicht demütigen und meine Gefühle achten.

 

Ich wünsche mir Mitmenschen,
die bei Schicksalsschlägen und in Traurigkeiten
mir Mut machen, mich niemals aufzugeben.

 

Ich wünsche mir Mitmenschen,
mit denen ich lachen kann,
die Worte nicht auf die Goldwaage legen,
die sich auch einmal auf den Arm nehmen lassen
und Spaß verstehen, die nicht gleich oder für alle Ewigkeit
eingeschnappt sind, die es mit einer Entschuldigung
bewendet sein lassen und mich nicht um Abbitte
auf die Knie zwingen.

 

Ich wünsche mir von Herzen,
ein solcher Nächster meinem Nächsten sein zu können.

Rudolf Kuhr


Dieser Artikel wurde uns zur Verfügung gestellt von Kritisches Netzwerk

Bild- und Grafikquelle: Jan Gropp, Jena / www.Bildreflex.de – Quelle: Pixelio.de

Depression und Kapitalismus

von Lars Distelhorst

Der Staat hat Repression heute kaum noch nötig, da die herrschende soziale Ordnung auf einem weit verbreiteten gesellschaftlichen Konsens beruht, der sich vielleicht nicht allerorten aus begeisterter Zustimmung speist, in der gängigen Meinung, das Bestehende sei nun einmal nicht zu ändern, jedoch seinen stärksten Verbündeten findet. Hartz IV, Unterbeschäftigung, Working Poor und Arbeitslosigkeit sind weit verbreitete Phänomene und führen in Deutschland zu einer Armutsquote von über 15 Prozent [1]. Doch hat sich die Gestalt von Armut im Zuge der Entwicklung der westlichen Länder wesentlich verändert, führt heute vor allem zu sozialem Ausschluss und geht nicht mehr mit einer unmittelbaren Gefährdung des Lebens einher.

Vor diesem Hintergrund bewegt sich auch die weit verbreitete Diskussion um psychische Erkrankung, an deren Spitze die Diskussion über die Verbreitung von Depressionen steht. Der dahinter stehende Gedanke lässt sich leicht zusammenfassen: Durch die immense Entwicklung der Wirtschaft ist es der modernen westlichen Gesellschaft gelungen, nahezu alle existentiellen Probleme zu überwinden und sich als stabiles politisches System zu etablieren, doch hat dies einen hohen Preis gefordert. Der heutige Mensch ist praktisch immer bei der Arbeit, stets gehetzt, rund um die Uhr erreichbar und dadurch einem immensen Leistungsdruck ausgesetzt. Das Resultat liegt auf der Hand: Viele halten den Druck nicht aus und werden psychisch krank – vor allem depressiv. Die Zahlen scheinen diese Diagnose zu untermauern. Knapp über acht Prozent der Bevölkerung leiden unter Depressionen, hinzu kommen gut vier Prozent mit diagnostiziertem Burnout-Syndrom, die Zahlen sind steigend und werden die Armutsquote mit einiger Wahrscheinlichkeit bald überflügeln [2]. Es ist nicht verwunderlich, wenn die Verbreitung psychischer Erkrankung mittlerweile der Dreh-und Angelpunkt jeder Diskussion ist, in der nach den grundlegenden Problemen des heutigen Kapitalismus gefragt wird. In Abwesenheit lebensbedrohlicher Repression und Ausbeutung geht von der Depression ein Schauer aus, der einerseits das dumpfe Unbehagen vieler Menschen in der Gesellschaft erklärt und andererseits geeignet scheint, die von ihr ausgehende Bedrohung greifbar zu machen.

Die Depressionen können ebenso wenig wegdiskutiert werden wie ihre zunehmende Verbreitung, auch wenn die genauen Zahlen umstritten sind. Doch den Grund für diese Entwicklung im Leistungswahn der modernen Gesellschaft auszumachen, erscheint bei näherem Hinsehen als eine sehr verkürzte Form der Kritik, die eher dazu angetan ist, den Bestand der etablierten Gesellschaft zu garantieren als ihre Veränderung voranzutreiben. Ein Blick zurück hilft, diese These zu illustrieren.

Vor 150 Jahren, als der Kapitalismus noch auf klassischer Industriearbeit beruhte, die Landbevölkerung in die Städte strömte und nur die Alternative hatte, sich entweder bis aufs Blut ausbeuten zu lassen oder in Ermangelung tragfähiger sozialer Sicherungssysteme mehr oder weniger schnell zugrunde zu gehen, wären Arbeitstage von heutiger Länge und der mit ihnen einhergehende Lebensstandard den meisten Menschen als Paradies auf Erden erschienen. Viele Bergarbeiter blieben tagelang in den Stollen, und auch die Kinder blieben nicht verschont. Arbeitssicherheit gab es nicht, der Gesundheitszustand der Meisten war schlecht, die Lebenserwartung entsprechend niedrig und jede Form öffentlicher Kritik konnte verheerende Folgen haben. Engels Schrift „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“, Emile Zolas „Germinal“ oder auch André Malraux’ „La Condition humaine“ veranschaulichen diese Situation in aller Deutlichkeit. Jeden Tag das Schreckgespenst der Entlassung oder der Invalidität vor Augen verausgabten sich die Menschen bis zur Erschöpfung und konnten froh sein, wenn ihr schmaler Lohn ausreichte, um die Familien zu ernähren, die sich in viel zu kleinen Wohnungen drängten.

Die ewige HetzjagdtDie Frage mag zynisch erscheinen – aber hätte diese Zeit nicht die Geburtsstunde der Depression oder immerhin depressiver Symptome sein müssen? War das nicht die wahre Leistungsgesellschaft und war der auf den Menschen lastende Druck zu dieser Zeit nicht wesentlich höher? Und wenn dem nicht so war – warum nicht?

Diese Frage lässt sich auf die heutige Zeit übertragen. Aktuellen Studien zufolge stammen die an Depression erkrankten Menschen nicht aus dem Bereich klassischer Arbeitsbranchen wie Bauwesen, Land- oder Forstwirtschaft, deren Erkrankungshäufigkeit ganz im Gegenteil um 35 bis 50 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt liegt. Unter Depressionen leiden vor allem im Dienstleistungsbereich arbeitende Menschen, am stärksten solche, die in sozialen Berufen tätig sind [3]. Um die These aufrechtzuerhalten, Depression sei das Ergebnis des allgegenwärtigen Leistungsdrucks, könnte der geschichtliche Exkurs und die heutige Verteilung der Depression in verschiedenen Berufsgruppen nur durch die Behauptung erklärt werden, in von klassischer Arbeit geprägten Berufen sei der Druck geringer als in der Dienstleistungsbranche. Da aber Bauarbeiter offensichtlich nicht mehr zu lachen haben als Sozialarbeiter, scheint eine solche These reichlich abwegig.


Kapitalismus als Tautologie

Die Richtung, in der möglicherweise eine Antwort zu finden ist, eröffnet sich durch eine kurze Betrachtung, was unter Kapitalismus zu verstehen ist. Kapitalismus gilt vielen als wertender Begriff, der vor allem darauf zielt, die Profitgier der heutigen Gesellschaft zu geißeln. Entsprechend wird er von Gewerkschaftsfunktionären und SPD-Politikern immer dann gerne genutzt, wenn es auf den Wahlkampf oder den Ersten Mai zugeht. Auch in akademischen Kreisen wird er mit Vorliebe gezückt, um der eigenen Position das Flair eines gewissen radical chick zu verleihen.

Solche Verwendung des Begriffs verwundert einen, wenn man Marx denn gelesen hat. Im „Kapital“ wird der Begriff in rein deskriptivem Sinne verwendet, um den Dreh- und Angelpunkt einer ökonomischen Ordnung zu beschreiben, die durch den Kreislauf des Kapitals bestimmt wird. Kapital wird dabei als Geld bestimmt, das in Maschinen und Arbeitskraft investiert wird, um Waren zu produzieren, deren Zweck darin besteht, sich für mehr als das ursprünglich investierte Geld zu verkaufen, um mit dem Profit den Kreislauf auf erweiterter Stufenleiter erneut zu beginnen [4].

Das eigentliche Problem des Kapitalismus liegt darin, das Primat der Produktion stets in der Verwertung zu lokalisieren, zu der die Befriedigung von Bedürfnissen sich bestenfalls wie ein Nebeneffekt verhält [5]. Dass soziale Strukturen sich ab einer gewissen Größe von der unmittelbaren Intention ihrer Träger trennen und ein Eigenleben produzieren, ist bis zu einem gewissen Grad normal, doch der Kapitalismus steigert diesen Effekt in einem historisch einzigartigen Maße. Der eigentliche Zweck menschlicher Arbeit (Bedürfnis) wird zu einem bloßen Mittel (zur Verwertung), die Form (G-W-G’ – Geringwertiges Wirtschaftsgut) verdrängt ihren Inhalt (konkretes Produkt). Die Bewegung entzieht sich jeder gezielten Kontrolle, da sie durch die Konkurrenz von Akteuren angetrieben wird, deren einzige Vermittlung über die Anonymität des Marktes geschieht und die um ihrer Existenz willen gezwungen sind, den Zirkel immer wieder von neuem auf möglichst stark erweiterter Stufenleiter zu wiederholen. Aus dieser Sicht ist das Problem der heutigen Ordnung vor allem ihre Verselbständigung, die angesichts des Destruktionspotentials des Kapitalismus verheerende Folgen zeitigt (wie jüngst in Bangladesch gesehen).

Doch mit der Zirkularität des Kapitals geht noch ein weiteres, weniger thematisiertes Problem einher. Mindestens ebenso verheerend wie die mangelnde Kontrolle über den Kreislauf des Kapitals ist dessen Eigenschaft, eine perfekt geschlossene Tautologie zu verkörpern, denn in selbiger liegt ein nicht zu unterschätzender Angriff auf die psychische Integrität der Menschen verborgen. Roland Barthes hat in „Mythen des Alltages“ die Tautologie treffend beschrieben: „Die Tautologie ist immer aggressiv. Sie bedeutet einen wütenden Bruch der Intelligenz mit ihrem Objekt. Sie ist die arrogante Androhung einer Ordnung, in der man nicht denken würde.“ [6]. Dies hat wesentliche Konsequenzen für die Menschen, die gezwungen sind, in einer kapitalistischen Gesellschaft zu leben. Der Kapitalismus hat nicht nur eine historisch einzigartige Tendenz, sich jeder Form von sozialer Steuerung zu entziehen, er beseitigt auch die konkrete Bedeutung aller Dinge, Handlungen und sonstigen Lebensvollzüge, die Teil seiner kreisförmigen Bewegung werden. Oder kurz ausgedrückt: Er höhlt systematisch Bedeutungsverhältnisse aus. Ein Objekt oder eine Fähigkeit, die für sich betrachtet sehr spezifische Bedeutungen haben, büßen diese ein, sobald sie zu einem Produktionsmittel im Kreislauf des Kapitals werden. Jede produzierte Ware könnte ebenso gut eine andere sein, jede Arbeitskraft könnte mit der gleichen Berechtigung vollkommen anders eingesetzt werden, jedes Bedeutungsverhältnis ist stets nur artifiziell, provisorisch und den Fluktuationen des Kapitals unterworfen, von dem es schließlich ganz zum Verschwinden gebracht werden wird. Der Kapitalismus ist aus dieser Sicht eine Bewegung, die den Tauschwert an die Stelle des Gebrauchswerts gesetzt hat [7] und jedes von ihr affizierte konkrete Bedeutungsverhältnis durch die Leere der Tautologie ersetzt. Die Frage ist, wie sich diese Tatsache auf die Psyche auswirkt.


Das Schwinden der Distanz

Marx beschreibt die psychischen Konsequenzen kapitalistischer Produktion mit dem Begriff der Entfremdung. Der Proletarier entfremdet sich von seinem Produkt, seiner Arbeit und schließlich – da sein Selbstverhältnis vor allem über Arbeit vermittelt ist – von sich selbst [8]. Auf welche Weise die Entfremdung sich psychisch manifestiert und ob dies Ähnlichkeiten zum heutigen Zustand der Depression haben könnte, bleibt Spekulation.

EntfremdungVon wo die Entfremdung herrührt kann jedoch genau festgestellt werden: aus der Arbeitswelt. Hier macht er die Erfahrung, sich die Produkte seiner Arbeit nicht aneignen zu können, am Fließband nur kleine Komponenten zu fertigen, die keinen Bezug zum endgültigen Erzeugnis haben, seine handwerklichen Fähigkeiten vielleicht nur zu einem minimalen Teil ausspielen zu können und sich dadurch selbst fremd zu werden. Zwei Faktoren mindern die Effekte der Entfremdung jedoch. Zum einen ist es auch unqualifizierten Arbeitern möglich, ihre Arbeit mit Stolz zu versehen, indem sie trotz allem versuchen, ihre Arbeit so gut wie möglich zu machen [9]. Zum anderen geht ihre Persönlichkeit nicht gänzlich im Produktionsprozess auf. Ihr Verstrickung in die Bewegung des Kapitals ist durch den Umfang ihrer für die Produktion relevanten Fähigkeiten ebenso limitiert wie durch das Ende des Arbeitstages. Ob ein Arbeiter höflich ist, gerne liest oder Fußball spielt, ist für seine Tätigkeit in der Fabrik vollkommen irrelevant, weil diese Eigenschaften nicht Bestandteil des Produktionsfaktors Arbeitskraft sind. Obendrein kommt er nach Arbeitsschluss nach Hause und kann in seiner Privatsphäre die Erfahrung eines nicht entfremdeten Lebens machen.

Diese Tatsache erklärt die Frage, warum heute klassische Arbeitsverhältnisse um die Hälfte weniger mit Depressionen einhergehen als Dienstleistungsberufe. Der Arbeiter bleibt mit einem Teil seiner Persönlichkeit außerhalb des Kapitalkreislaufs und wird entsprechend weniger von dessen Leere heimgesucht. Dies ist bei Dienstleistungsberufen gänzlich anders. Sie produzieren nicht nur einen Anteil von über 70 Prozent des Bruttosozialproduktes, sie bedeuten vor allem eine folgenschwere Verschiebung des Kapitalverhältnisses. Diese Verschiebung hat zwei Aspekte.

Erstens: Marx zufolge verkauft der Arbeiter seine Arbeitskraft als Ware an den Kapitalisten. Gegen den Strich gelesen steckt in dieser Behauptung die These verborgen, beim Arbeiter und seiner Arbeitskraft handle es sich um zwei verschiedene Dinge (was, wie gesehen, mit Blick auf klassische Industriearbeit auch korrekt ist). Dienstleistungsberufe gehen mit einer gänzlich anderen Struktur einher. Die Arbeitskraft eines (zum Beispiel) Sozialarbeiters kann nur schwerlich von seiner Persönlichkeit getrennt werden. Wo der Arbeiter vor allem seine Stärke und eine spezifische Form von Wissen als Arbeitskraft in den Kapitalkreislauf einspeist, kann beim Sozialarbeiter keine vernünftige Eingrenzung dessen vorgenommen werden, was er als Arbeitskraft verkauft. Sicher hat er einmal studiert und auf diese Weise ein bestimmtes Wissen erworben, und natürlich muss auch er sich physisch gesund halten, also essen, sich kleiden und eine Wohnung bezahlen. Doch damit ist es bei weitem nicht getan. Er muss eine bestimmte Weise des Umgangs mit seiner Klientel haben, engagiert sein, ein bestimmtes Erscheinungsbild haben, ebenso eine spezifische Weise, sich, die anderen und die Welt zu betrachten und vieles mehr. Zwischen ihm als Person und seiner Arbeitskraft gibt es damit keinen Unterschied. Persönlichkeit und Arbeitskraft sind deckungsgleich geworden. Wo es beim Bauarbeiter egal sein mag, welche Musik er gerne hört, ist dies beim Sozialarbeiter von großer Wichtigkeit, ebnet Musik doch – wie man heute weiß – insbesondere den Zugang zu schwieriger Klientel. Was eben noch außerhalb des Kapitalkreislaufs stand, wird nun dessen integraler Bestandteil und dadurch ins Herz der Tautologie gezogen.

Zweitens: Proletarier und Kapitalist sind durch eine klare Linie voneinander getrennt, wenn sie sich nicht gar im Klassenkampf gegenüberstehen. In Dienstleistungsberufen (und schleichend auch im Bereich klassischer Arbeit, der hinsichtlich Servicebetonung, Image und beruflichem Selbstverständnis langsam nach den Gesichtspunkten von Dienstleistungen umstrukturiert wird) geht dieses Gegenüber mehr und mehr verloren. Die Ich-AG war der allzu deutliche rhetorische Klimax einer Bewegung, die sich von oben nach unten in der Gesellschaft durchsetzt. Die Menschen werden mehr und mehr genötigt, sich wie kleine Kapitalisten zu begreifen und entsprechend zu handeln [10]. Sie feilen an ihrer Employability, nehmen an Beratungen teil, die ihnen vermitteln, Probleme als Herausforderungen zu begreifen und pflegen akribisch ihre Netzwerke, auch wenn sie viele ihrer Bekannten vielleicht nicht einmal mögen. Arbeit ist heute kein Ausbeutungsverhältnis mehr, sondern für viele Menschen zum Medium ihrer Selbstverwirklichung geworden. Sicher trifft dies eher auf jemanden mit hoher Qualifikation als auf einen Empfänger von Sozialleistungen zu, doch auch Arbeitslose und Geringqualifizierte wie z.B. Verkäufer oder Friseurinnen werden entsprechend zurechtgemacht. Auf diese Weise kommt es zu einer schrittweisen Verkehrung der Perspektive. Erschien die Reihe G-W-G’ im klassischen Kapitalismus dem Proletarier als W-G-W, da er nur arbeitete, um sich durch entsprechenden Konsum am Leben halten zu können, nehmen die arbeitenden Menschen heute immer mehr an ersterer Bewegung teil. Sie investieren Geld in sich selbst, verkaufen ihre Persönlichkeit und streichen am Ende (zumindest einige) mehr Geld ein, um den Kreislauf von neuem zu beginnen (besonders deutlich wird dies beim Personal Branding).

Diese beiden im Dienstleistungsbereich besonders stark ausgeprägten Bewegungen beseitigen den Abstand zwischen dem leeren Kreislauf des Kapitals und den Subjekten, was Distanzierung oder gar Widerstand wesentlich erschwert. Dies betrifft Menschen mit Arbeit ebenso wie Arbeitslose. Sind die einen bereits in den Kreislauf integriert, versuchen die anderen auf jedem Weg hineinzukommen und nehmen auf diese Weise an ihm teil. Wenn das Kapital eine tautologische Bewegung ist und selbige dazu tendiert, Bedeutungsverhältnisse zu nivellieren, wenn nicht gar aufzuheben, ist das moderne Subjekt vollkommen in diese Dynamik eingespannt, da es über keine Ressourcen mehr verfügt, um sich auf Abstand zu halten. Weder gibt es Aspekte seiner Persönlichkeit, die nicht als Kapital in Frage kämen, noch hat es ein Gegenüber, von dem es sich distanzieren könnte. Das Subjekt wird von der Leere des Kapitalkreislaufs aufgezehrt. Und genau hier ist die Verbindung zur Depression, die das psychische Spiegelbild dieser Bewegung ist.


Depression als Akt der Identifikation

Als Symptome einer Depression werden in der Regel Zustände wie Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, Trauer, Gefühlslosigkeit, sozialer Rückzug und Verlust der Libido beschrieben. Depressive erleben sich selbst anders als zuvor, verändern ihr Verhalten und haben nicht selten körperliche Beschwerden, die ihren Grund vor allem in ihrem psychischen Zustand haben. Die Depression betrifft also den Menschen als Ganzes und ist wie ein Strudel, in dem langsam alles verschwindet, was die Persönlichkeit eines bestimmten Individuums einmal ausgemacht hat. Nicht selten ist das soziale Umfeld überfordert und zieht sich zurück, was den Zustand des Betroffenen verschlimmert [11]. Die Entstehung von Depressionen ist bis heute unklar, ebenso wie die Frage, was eine Depression abgesehen von der Beschreibung ihrer Symptome eigentlich ist. Auf einschlägigen Webseiten finden sich in der Regel nur Aufzählungen, die physische, genetische, psychische und biographische Elemente kombinieren, um anschließend darauf zu verweisen, eine typische Depression gäbe es eben nicht. Die Krankheit bleibt bis zu einem gewissen Punkt ein Rätsel.

Zu Freuds Zeiten gab es eine psychische Krankheit, die in ihrer Symptomatik frappierende Ähnlichkeit zur Depression aufwies, heute aus dem psychischen Fachvokabular jedoch nahezu verschwunden ist – die Melancholie. Freud beschreibt sie als einen Zustand der Selbstzerknirschung, der mit Gefühlen innerer Leere und der Herabsetzung des Ich einhergeht. Die Entstehung der Melancholie geht auf einen gravierenden Objektverlust zurück, den das Subjekt nicht verarbeiten kann oder darf (wenn die Normen es verbieten), weswegen es sich vor der Einsicht in den Verlust durch die Identifikation mit dem Objekt zu schützen versucht. Das Objekt wird in das Ich aufgenommen und anschließend vom Über-Ich mit Angriffen überzogen, da sein plötzliches Verschwinden ein enormes Potential an Aggressivität freigesetzt hat [12].

Interessant sind an dieser Stelle vor allem drei Momente. Erstens ist die freudsche Melancholie eine Krankheit, die aus einem Konflikt resultiert. Das Subjekt kann oder darf nicht trauern und in seinem Inneren tobt ein kleiner Krieg, in dem sich Ich und Über-Ich aneinander aufreiben. Zweitens handelt es sich bei der Melancholie um eine Krankheit der Identifikation, wobei es die dergestalt vollzogene Internalisierung des Objekts ist, die erst zur Ausbildung der entsprechenden Symptomatik führt. Drittens ist die Melancholie eine Krankheit, die von einer schrittweisen Entleerung des Ichs geprägt ist, die bis zur völligen Verarmung reichen kann [13].

IdentifikationAuf dem Weg von der alten Melancholie zur heutigen Depression gibt es eine ausschlaggebende Veränderung. Alain Ehrenberg verweist auf die Tatsache, dass die heutigen Gesellschaften nicht länger durch Verbote mitsamt den daraus resultierenden Konflikten strukturiert sind, sondern vor allem durch einen weiten Horizont von Möglichkeiten, aus dem das Subjekt beständig zu wählen gezwungen ist, um seine Identität für andere und die Gesellschaft attraktiv zu machen. Wo es in der Gesellschaft Freuds um Schuld ging (die Schuld des verstorbenen Objekts, die Schuld, falsch geliebt zu haben, etc.), geht es nunmehr vor allem um die Verantwortung für die Modulation der eigenen Identität [14]. Das moderne Subjekt sei übermäßig damit beschäftigt, sich selbst immer wieder neu zu erfinden und verliere sich in einem narzisstischen Zirkel, der schließlich in die Depression münde, da es zwar händeringend versucht, es selbst zu sein, an dieser Aufgabe jedoch permanent scheitert [15].

Der von Ehrenberg beschriebene Prozess spiegelt sich in der Omnipräsenz sozialer Netzwerke, der gesellschaftlichen Verpflichtung zur Originalität und der allgemein anerkannten Hippness kalkulierter Abweichung. Wer zwei Stunden am Tag sein Facebook-Profil pflegt, muss sich die Frage gefallen lassen, ob die dahinter stehende Wahrnehmung, noch jeder kleine Lebensvollzug sei es wert, medial aufgearbeitet und öffentlich gemacht zu werden, nicht eher einer fatalen Selbsttäuschung entspricht, hinter der sich eine Person verbirgt, der ihr eigener Narzissmus zum Gefängnis geworden ist. Beachtenswert ist jedoch, dass die Depression bei Ehrenberg wie die Melancholie als Krankheit der Identifikation und des Mangels bzw. der Leere verstanden wird. Letztere resultiert ihm zufolge aus dem ständigen Gefühl, nicht genug Identität akkumuliert zu haben und hinter den Erwartungen anderer und des eigenen Selbst zurückzubleiben. Es gibt immer noch ein Kleidungsstück, das man mal probieren sollte, ein Coaching, an dem teilzunehmen ein lohnendes Unterfangen wäre und offene Fragen, die sich bei Hinzuziehung entsprechender Beratungsangebote vielleicht klären ließen. Die heutige Verbreitung entsprechender Angebote und die Überflutung der Bücherregale mit Ratgeber- und sonstiger Werd-Besser-Literatur lässt Ehrenbergs Standpunkt nahezu selbstevident erscheinen.

Doch lässt sich die Argumentation durch Rückgriff auf die vorherigen Ausführungen über den Kapitalismus und dessen Tendenz zur Subversion fester Bedeutungsstrukturen auch umkehren. Statt einem notorischen Scheitern der Identifikation ließe sich ganz im Gegenteil von einer vorbildlich funktionierenden Identifikation sprechen. Wenn der moderne Kapitalismus sich dadurch auszeichnet, jedes Individuum als Kapitalisten anzurufen und statt einer gegen die Persönlichkeit abzugrenzenden Arbeitskraft den ganzen Menschen mit all seinen Eigenschaften ins Rad der Produktion zu spannen, ist die Leere der Depression nichts anderes als die Identifikation mit der Leere des Kapitalkreislaufs selbst. Das Verschwinden des Klassenwiderspruchs, die abnehmende Relevanz von Ausbeutung und Unterdrückung und die unternehmerische Modulation der Persönlichkeit haben die Distanz zum Kapitalkreislauf beseitigt und drohen jede Lebensäußerung des Subjekts in selbigen zu integrieren. Dem heutigen Subjekt ist potentiell alles Kapital, ob nun in seiner ökonomischen, kulturellen oder sozialen Gestalt [16], sogar das Emotionale ist bereits erschlossen [17]. Freundschaften werden zu Netzwerken, Intellektualität mutiert zu Problemlösungskompetenz und ein dickes Fell zu Frustrationstoleranz. Der in seiner Totalität zum Produktionsfaktor gewordene Mensch macht an jeder Ecke seines Lebens die Erfahrung, wie wenig es auf die konkrete Dimension seines Lebens ankommt, schließlich besteht das Ziel immer in der Verwertung an sich, nicht aber in ihrer konkreten Form. Wie auch immer das Subjekt seine Identität gestaltet, wird sie dort, wo sie in den Kapitalkreislauf eingeht, in die Sinnlosigkeit der Tautologie hineingezogen und von ihrer Leere affiziert. Die Identifikation mit dem Kapital ist die Identifikation mit der Leere, und diese äußert sich als Depression. Aus dieser Sicht ist die Depression weniger eine Abweichung als Symptom einer gelungenen Anpassung an die Logik der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung. Das ist zwar ärgerlich, weil die Menschen krankheitsbedingt bei der Arbeit fehlen und dadurch hohe Kosten verursachen, es ist jedoch auch äußerst praktisch. Denn wo kaum noch jemand über eine Identität verfügt, gibt es auch keinen Ort mehr, der zur Basis von Widerspruch werden könnte.


Quelle: Streifzuege-Team

“Streifzüge – Magazinierte Transformationslust” ist eine Publikation des Vereins für gesellschaftliche Transformationskunde in Wien, Magazin Nr. 58

Bild- und Grafikquellen:

  1. Beitragsbild – BurnOut – D. Braun / pixelio.de
  2. Entfremdung – Andrea Müller  / pixelio.de
  3. Identifikation – S. Hofschlaeger  / pixelio.de

 

Fußnoten:

  1. Destastis (2012): Pressemitteilung Nr. 369, www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2012/10/PD12_369_634.html (abg. 9.5.2013).
  2. Kurth, B.M. (2012): Erste Ergebnisse aus der „Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland“ (DEGS); in: Bundesgesundheitsblatt 2012 (55), Springer, Berlin, 987.
  3. BPtK (2010): Komplexe Abhängigkeiten machen psychisch krank – BPkT-Studie zu psychischen Belastungen in der modernen Arbeitswelt, http://www.bptk.de/uploads/media/20100323_bptk-studie_psychische_erkrankungen_in_der_arbeitswelt.pdf (abg. 9.5.2013), (8f.)
  4. Marx, Karl (1989): Das Kapital, Bd. 1, MEW 23, Dietz, Berlin, 161ff. http://marx-wirklich-studieren.net/marx-engels-werke-als-pdf-zum-download/
  5. Heinrich, Michael (2005): Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung, Schmetterling, Stuttgart; 84
  6. Barthes, Roland (1964): Mythen des Alltags, aus dem Französischen übersetzt von Horst Brühmann, Suhrkamp, Fa M, 27
  7. Debord, Guy (1996): Die Gesellschaft des Spektakels, übersetzt von Jean-Jacques Raspaud, Edition Tiamat, Berlin, 38
  8. Marx, Karl (1968): Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEW Ergänzungsband 1, Dietz, Berlin, 514f.
  9. Sennett, Richard (2006): The Culture of the New Capitalism, Yale University Press, New Haven, 103f.
  10. Bröckling, Ulrich (2007): Das unternehmerische Selbst, Suhrkamp, Fa M.
  11. Deutsche Depressionshilfe (2013): http://www.deutsche-depressionshilfe.de/stiftung/depression-erkennen.php (abg. 9.5.2013)
  12. Freud, Siegmund (1989): Trauer und Melancholie, in: Studienausgabe Bd. 3, Fischer, FaM.
  13. ebd., 206
  14. Ehrenberg, Alain (2008): Das erschöpfte Selbst, Suhrkamp, FaM, 15f.
  15. ebd., 179
  16. Bourdieu, Pierre (1983): Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital, in: Reinhard Kreckel (Hg.): „Soziale Ungleichheiten“, Soziale Welt Sonderband 2, Göttingen.
  17. Illouz, Eva (2007): Gefühle in Zeiten des Kapitalismus, Suhrkamp, FaM, 102

Repariert nicht, was euch kaputt macht!

Gegen das bürgerliche Dasein – für das gute Leben!

Streifzuege_logo

von Streifzüge-Redaktion

1.

Durch die Politik können keine Alternativen geschaffen werden. Sie dient nicht der Entfaltung unserer Möglichkeiten und Fähigkeiten, sondern in ihr nehmen wir bloß die Interessen unserer Rollen in der bestehenden Ordnung wahr. Politik ist ein bürgerliches Programm. Sie ist stets eine auf Staat und Markt bezogene Haltung und Handlung. Sie moderiert die Gesellschaft, ihr Medium ist das Geld. Sie folgt ähnlichen Regeln wie der Markt. Hier wie dort steht Werbung im Mittelpunkt, hier wie dort geht es um Verwertung und ihre Bedingungen.

Das moderne bürgerliche Exemplar hat die Zwänge von Wert und Geld völlig aufgesogen, kann sich selbst ohne diese gar nicht mehr vorstellen. Es beherrscht sich wahrlich selbst, Herr und Knecht treffen sich im selben Körper. Demokratie meint nicht mehr als die Selbstbeherrschung der sozialen Rollenträger. Da wir sowohl gegen die Herrschaft als auch gegen das Volk sind, warum sollen wir ausgerechnet für die Volksherrschaft sein?

Für die Demokratie zu sein, das ist der totalitäre Konsens, das kollektive Bekenntnis unserer Zeit. Sie ist Berufungsinstanz und Lösungsmittel in einem. Demokratie wird als ultimatives Resultat der Geschichte verstanden, das nur noch verbessert werden kann, hinter dem aber nichts mehr kommen soll. Die Demokratie ist Teil des Regimes von Geld und Wert, Staat und Nation, Kapital und Arbeit. Das Wort ist leer, alles kann in diesen Fetisch hineingegeistert werden.

Das politische System gerät selbst mehr und mehr aus den Fugen. Dabei handelt es sich nicht bloß um eine Krise von Parteien und Politikern, sondern um eine Erosion des Politischen in all seinen Aspekten. Muss Politik sein? Aber woher denn und vor allem wohin denn? Keine Politik ist möglich! Antipolitik heißt, dass Menschen sich gegen ihre sozialen Zwangsrollen aktivieren.

2.

Marianne_Gronemeyer_Wer_arbeitet, suendigtKapital und Arbeit bilden keinen antagonistischen Gegensatz, sie sind vielmehr der Verwertungsblock der Kapitalakkumulation. Wer gegen das Kapital ist, muss gegen die Arbeit sein. Die praktizierte Arbeitsreligion ist ein autoaggressives und autodestruktives Szenario, in dem wir gefangen und befangen sind. Abrichtung zur Arbeit war und ist eines der erklärten Ziele der abendländischen Modernisierung.

Während das Gefängnis der Arbeit zusammenstürzt, steigert sich die Befangenheit in den Fanatismus. Es ist die Arbeit, die uns dumm macht und krank noch dazu. Die Fabriken, die Büros, die Verkaufshallen, die Baustellen, die Schulen, sie sind legale Institutionen der Zerstörung. Die Spuren der Arbeit, wir sehen sie täglich an den Gesichtern und Körpern.

Arbeit ist das zentrale Gerücht der Konvention. Sie gilt als Naturnotwendigkeit und ist doch nichts als kapitalistische Zurichtung menschlicher Tätigkeit. Tätig sein ist etwas anderes, wenn es nicht für Geld und Markt geschieht, sondern als Geschenk, Gabe, Beitrag, Schöpfung für uns, für das individuelle und kollektive Leben frei verbundener Menschen.

Ein beträchtlicher Teil aller Produkte und Leistungen dient ausschließlich der Geldvermehrung, zwingt zu unnötiger Plage, vergeudet unsere Zeit und gefährdet die natürlichen Grundlagen des Lebens. Manche Technologien sind nur noch als apokalyptisch zu begreifen.

3.

Euro_Eurokrise_Eurolaender_Finanzkrise_Pleitegeier_Bankenkrise_Bankenrettung_Waehrungsreserven_Wertverlust_Rettungsschirm_Geldwertstabilitaet_Geldsystem_Kapitalismus_by_Klaus Brüheim_pixelio.de_Geld ist unser aller Fetisch. Niemand, der es nicht haben will. Wir haben das zwar nie beschlossen, aber es ist so. Geld ist ein gesellschaftlicher Imperativ und kein modellierbares Werkzeug. Als eine Kraft, die uns ständig zum Berechnen, zum Ausgeben, zum Eintreiben, zum Sparen, zum Verschulden, zum Kreditieren zwingt, demütigt und beherrscht sie uns Stunde für Stunde. Geld ist ein Schadstoff sondergleichen. Der Zwang zum Kaufen und Verkaufen steht jeder Befreiung und Selbstbestimmung im Weg. Geld macht uns zu Konkurrenten, ja Feinden. Geld frisst Leben. Tauschen ist eine barbarische Form des Teilens.

Nicht nur, dass eine Unzahl von Berufen sich ausschließlich damit beschäftigt, ist absurd, auch alle anderen Kopf- und Handarbeiter sind permanent am Kalkulieren und Spekulieren. Wir sind abgerichtete Rechenautomaten. Geld schneidet uns von unseren Möglichkeiten ab, erlaubt nur, was sich marktwirtschaftlich rechnet. Wir wollen das Geld nicht flott-, sondern wegkriegen.

Ware und Geld sind nicht zu enteignen, sondern zu überwinden. Menschen, Wohnungen, Produktionsmittel, Natur und Umwelt, kurzum: nichts soll eine Ware sein! Wir müssen aufhören, Verhältnisse zu reproduzieren, die uns unglücklich machen.

Befreiung heißt, dass die Menschen sich ihre Produkte und Dienste zukommen lassen. Dass sie sich direkt aufeinander beziehen und nicht wie jetzt sich in ihren gesellschaftlichen Rollen und Interessen (als Kapitalisten, Arbeiter, Käufer, Staatsbürger, Rechtssubjekte, Mieter, Eigentümer etc.) konfrontieren. Bereits heute erleben wir geldfreie Sequenzen in der Liebe, in der Freundschaft, in der Sympathie, in der Hilfe. Da schenken wir uns etwas, schöpfen gemeinsam aus unseren existenziellen und kulturellen Energien, ohne dass Rechnungen präsentiert werden. Da spüren wir in einigen Momenten, dass es ohne Matrix ginge.

4.

Albert_Einstein_Probleme_kann_man_Denkweise_by_Initiative Echte Soziale Marktwirtschaft IESM_pixelio.de_Kritik ist mehr als radikale Analyse, sie verlangt die Umwälzung der Verhältnisse. Perspektive versucht zu benennen, wie menschliche Verhältnisse zu gestalten sind, die dieser Kritik nicht mehr bedürfen; die Vorstellung einer Gesellschaft, in der das individuelle und kollektive Leben neu erfunden werden kann und muss. Perspektive ohne Kritik ist blind, Kritik ohne Perspektive ist hilflos. Transformation ist Experiment auf dem Fundament der Kritik mit dem Horizont der Perspektive. „Repariert, was euch kaputt macht!“, ist unsere Formel nicht.

Es geht um nichts weniger als um die Abschaffung der Herrschaft, egal ob diese sich in persönlicher Abhängigkeit oder in Sachzwängen äußert. Es geht nicht an, dass Menschen anderen Menschen unterworfen bzw. ihren Geschicken und Strukturen hilflos ausgeliefert sind. Selbstherrschaft wie Selbstbeherrschung sind unsere Sache nicht. Herrschaft ist mehr als Kapitalismus, aber der Kapitalismus ist das bisher entwickelteste, komplexeste und destruktivste System von Herrschaft. Unser Alltag ist so konditioniert, dass wir den Kapitalismus täglich reproduzieren, uns verhalten, als gäbe es keine Alternativen.

Wir sind blockiert, Geld und Wert verkleben unsere Gehirne und verstopfen unsere Gefühle. Die Marktwirtschaft funktioniert wie eine große Matrix. Sie zu negieren und zu überwinden ist unser Ziel. Ein gutes und erfülltes Leben setzt den Bruch mit Kapital und Herrschaft voraus. Es gibt keine Transformation der gesellschaftlichen Strukturen ohne Änderung unserer mentalen Basis und keine Änderung der mentalen Basis ohne die Überwindung der Strukturen.

5.

Kapitalistische_Demokratie_Kapitalismus_Entdemokratisierung_Volksverdummung_Wir protestieren nicht, darüber sind wir hinaus. Wir möchten nicht Demokratie und Politik neu erfinden. Wir kämpfen nicht für Gleichheit und Gerechtigkeit und wir berufen uns auf keinen freien Willen. Auch auf den Sozialstaat und den Rechtsstaat wollen wir nicht setzen. Und schon gar nicht möchten wir mit irgendwelchen Werten hausieren gehen. Die Frage, welche Werte wir brauchen, ist einfach zu beantworten: Keine!

Wir stehen für die restlose Entwertung der Werte, für den Bruch mit dem Repertoire der Hörigen, die gemeinhin Bürger genannt werden. Dieser Status ist zu verwerfen. Ideell haben wir das Herrschaftsverhältnis schon gekündigt. Der Aufstand, der uns da vorschwebt, gleicht einem paradigmatischen Sprung.

Wir müssen raus aus dem Käfig der bürgerlichen Form. Politik und Staat, Demokratie und Recht, Nation und Volk sind immanente Gestalten der Herrschaft. Für die Transformation steht keine Partei und keine Klasse, kein Subjekt und keine Bewegung zur Verfügung.

6.

Entspannung_Relaxen_Optimismus_Muse_positives_Denken_Erholung_Energie_tanken_Seele_baumeln_lassen_by_special4kd_pixelio.de_Es geht um die Befreiung unserer Lebenszeit. Nur sie ermöglicht mehr Muße, mehr Lust, mehr Zufriedenheit. Gutes Leben heißt Zeit haben. Was wir brauchen, ist mehr Zeit für Liebe und Freundschaften, für die Kinder, Zeit zu reflektieren oder um faul zu sein, aber auch, um sich intensiv und exzessiv mit dem zu beschäftigen, was einem gefällt. Wir stehen für die allseitige Entfaltung der Genüsse.

Befreites Leben heißt länger und besser schlafen und vor allem auch öfter und intensiver miteinander schlafen. Im einzigen Leben geht es um das gute Leben, das Dasein ist den Lüsten anzunähern, die Notwendigkeiten sind zurückzudrängen und die Annehmlichkeiten zu erweitern. Das Spiel in all seinen Varianten verlangt Raum und Zeit. Das Leben muss aufhören das große Versäumnis zu sein.

Wir wollen nicht die sein, die zu sein wir gezwungen werden.

Streifzüge-Redaktion


Quelle: Streifzüge > Artikel

“Streifzüge – Magazinierte Transformationslust” ist eine Publikation des Vereins für gesellschaftliche Transformationskunde in Wien.

Bild- und Grafikquellen:

1. Straßenmalerei “ZUKUNFT OHNE GELD”, aufgenommen auf dem Paradeplatz in Zürich während einer Occupy-Veranst.. Foto: Roland zh. Quelle: Wikimedia Commons. Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“ lizenziert.

2. Buchcover: “Wer arbeitet, sündigt…: Ein Plädoyer für gute Arbeit”. Autorin: Marianne Gronemeyer. PRIMUS-Verlag, ISBN: 978-3-8631-2001-6. Zur Buchvorstellung – weiter

3. “Geld frisst Leben”. Grafik: Klaus Brüheim. Quelle: Pixelio.de

4. Zitat v. Albert Einstein: “Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.” Foto: Initiative Echte Soziale Marktwirtschaft, IESM. Quelle: Pixelio.de

5. Kapitalistische Demokratie. Grafikbearbeitung: Wilfried Kahrs / QPress

6. Entspannung und sich mal `ne Auszeit gönnen. “Wer keine Muße kennt, lebt nicht.” Foto: special4kd. Quelle: Pixelio.de

Dieser Artikel wurde uns zur Verfügung gestellt von Kritisches Netzwerk

Warum Demokratie in diesem System nur eine Worthülse ist…

von Alexander Berg

Nicht selten wird man irgendwann mit den verschiedenen Ideologien konfrontiert und man beginnt sich mit ihnen zu beschäftigen. Dabei fällt dann auf, dass sie sich nur scheinbar voneinander unterscheiden. Denn es sind nur unterschiedliche Etiketten ein und desselben Weines. Und dieser Wein heißt Hierarchie, deren Ursache in der Verschiebung der Verantwortung, als wesentlicher Impuls liegt. Aus diesem (konditionierten) Verhalten, heraus erkiert, akzeptiert der Mensch andere, die die wahrgenommenen Probleme lösen sollen: “An der Wahlurne! gibt der Mensch die Stimme ab und hat fortan nichts mehr zu sagen.”

SONY DSCAn dieser Stelle erkennen wir das “System”. Wo Menschen ihre Verantwortung abgeben und in jene Hände legen, die sich hinter den dargebotenen Schaustellern bewegen – letztlich den Kaufleuten.

“Der Mensch macht sich durch Verschiebung der Verantwortung selbst zum Sklaven und schafft sich so seine Herren, die ihm sagen, was er zu tun hat.”

Das ist der ungeschriebene Gesellschaftsvertrag.

Und was wir “Staat” nennen, ist lediglich die Art und Weise, wie sich Menschen zueinander organisieren. Und bei Verschiebung der Verantwortung, ist es die Hierarchie (Anmerkung: und damit auch der Prozess der eigenen Abschaffung, Selbstausbeutung, Selbstentmachtung und Selbsttäuschung).

Das liegt unter anderem da dran, weil die Mehrheit in der Kindheit mit einem Elternteil einen bedingten Vertrag eingegangen ist, nach dem Prinzip: „Solange Du Deine Füße unter meinen Tisch stellst…“ oder auf eine andere subtile Art und Weise.

Fortan wird der junge Mensch alle Verhaltensmuster selbst entwickeln, um bedingte Anerkennung, Liebe, Aufmerksamkeit und Zugehörigkeit er erlangen. Dabei überlässt er dem Elternteil zum Teil die Entscheidung, was für ihn fortan an „gut“ sein soll. Das geht im Extremfall, wenn man immer Belohnung erhält und brav ist soweit, dass man alle Informationen, die das System verändern könnten kategorisch ablehnt wie auch ihre „Überbringer“, die dann stigmatisiert und verfolgt werden (Erinnere mich an das Zitat von Napoleon über die Deutschen.).

Die abgegebene Verantwortung enthält zwei wesentliche Bestandteile zur Entwickelung des Menschen: der Lernprozess im Umgang mit der Vernunft sowie die Bewusstwerdung. Denn diese ist das einzig unbegrenzte Wachstum.

All dies abgegeben zugunsten eines Geschäftsmodells, wo Belohnung und Bestrafung fortan die Methode ist, um „Gefügige“ im Griff halten zu wollen. Dies wird im Kindergarten, in der Schule durch „gute Noten“ und im Beruf durch „Lohn“ von Belohnung weitergeführt. Auf dem Bankkonto nennt man dies „Soll und Haben“. Selten, dass der Mensch das nahezu perfekt ausgeklügelte System hinterfragt, in dem er aufwächst, wo Wachstum, Zinseszins und Schulden sich hierbei ein Stelldichein geben und letztlich nur ein gesamtgesellschaftlicher Ausdruck gelebter Gier(Unvernunft) darstellt.

Deshalb benötigen “Gierige” auch eine “Re-Gierung”. Denn Unvernunft braucht Kontrolle. Und wenn man den Menschen einfach nur davon abhält, dass er diesen Prozess entwickelt, macht man ihn sich gefügig. Dies durch die Belohnung für “gutes Verhalten”. Und man erzählt ihm einfach nicht, dass er sich die ganze Zeit bereits wie ein Sklave verhält.

Und mit diesen Gedanken steht der Mensch am Scheideweg zwischen dem System, was er kennt, mit all seinen Unzulänglichkeiten, die wir tagtäglich als Symptome präsentiert bekommen oder er sich selbst zur Verantwortung entscheidet, und begibt sich auf einen neuen Kurs. Denn andere gibt es nicht, die es erst tun müssen. Auch dies ist ein falsch gelerntes Verhalten.

Dies ist nun der Punkt, zu dem er sich selbst entscheiden mag – oder im Alten bleibt, was gerade „untergeht“ – beginnend in den Köpfen Das Alte wird auch nicht verschwinden, sondern lediglich eine neue Bedeutung bekommen.

Wer sich zur Verantwortung entschließt wird erkennen, dass die bestehenden Regeln – in Form künstlich geschaffener Gesetzen – nur ein Mittel waren, um Macht- und Gewohnheitsstrukturen aufrechterhalten und die Symptome der Systemauswirkungen regeln zu wollen und wenn man sich mit ihnen beschäftigt, sind sie nur Gebilde auf denen sich Schein und Trug ihr geschäftliches Stelldichein geben (Wer darin eine Lösung finden mag, beschäftigt sich sehr lange, denn es ergibt sich am Ende nur eine Erkenntnis: Die Täuschung ist der beste Lehrer.).

Blaise Pascal schrieb um 1640 dazu:

“Das Rechts ist fragwürdig, die Macht ist unverkennbar und fraglos. So konnte man die Macht nicht mit dem Recht verleihen, weil die Macht dem Recht widersprach und behauptete, es sei ungerecht und sie wäre es, die das Recht sei. Und da man nicht machen konnte, daß das, was recht ist, mächtig sei, macht man das, was mächtig ist, zum Recht.”

(Blaise Pascal, 1623-1662, Fragment Nr.298) Zitat aus “Der verborgene Pascal” von Theophil Spoerri, Seite 132)

“Es ist gefährlich dem Volke zu sagen, daß die Gesetze nicht gerecht sind, denn es gehorcht ihnen nur, weil es glaubt, daß sie gerecht sind. Deshalb muß man ihm gleichzeitig sagen, daß man ihm gehorchen muß, weil sie Gesetze sind, wie man den Vorgesetzten gehorchen muß, nicht weil sie gerechte Leute, sondern weil sie Vorgesetzte sind. Wenn es gelingt, dies verständlich zu machen und daß hierin die eigentliche Definition der Gerechtigkeit besteht, dann ist man jeder Auflehnung zuvorgekommen.”

(Blaise Pascal, 1623-1662, Fragment Nr.326) Zitat aus “Der verborgene Pascal” von Theophil Spoerri, Seite 133)

Welche Prinzipien sind dann gültig, wenn künstliche ihre Dienst versagen und nur mit Macht, Gewalt und Willkür „durchgesetzt“ werden können?

Was passiert gerade?

Ein Paradigmenwechsel findet statt, der Bestehendes in Frage stellt, sich aus dem Verhaltensmuster verschobener Verantwortung geschaffene hierarchische Strukturen befinden sich in Auflösung und die Masse in ihrer konditionierten Gewohnheit gegen ihrer Erkorenen durch Demonstrationen vorzugehen mag. Auch ein Verhaltensmuster des alten Systems – gewollt, das gegen etwas sein.

Denn mit der Abgabe der Verantwortung, gab man einst ja seinen Bewusstwerdungsprozess nahezu ab, um sich fortan ausschließlich noch im Haben und Besitzstand zu bewegen und in konventionell-traditioneller Polarisierung. Die auf der „falsch“ gelehrten und gelernten Vorstellung von „Gut und Böse“ basiert – die beiden Seiten der Medaille der „Bewusstwerdung“, wenn man dies erkannt hat.

Was mag sich ändern?

214614_web_R_K_B_by_L. Hofschlaeger_pixelio.deNun, mit der Entscheidung zur Verantwortung bewegt sich der Mensch alsdann auf einem neuen Terrain, bei dem ihm andere Regelprinzipien im Umgang mit seiner Welt sich ihm langsam offenbaren – die natürlichen Regelprinzipien, die es ihm erlauben, mit ganz anderem Sachverstand an die Dinge (Gesellschaft, Ökonomie, Ökologie und Natur) heranzugehen.

Denn das alte System lehrte uns eine Welt der Dinge und Teile, Schuld und der Vorstellung von Objektivität zu seinem Umfeld – ein Irrglauben.

Jedoch haben wir es mit einer Welt der Zusammenhänge und Wechselwirkungen zu tun – offene, dynamische System, vernetzte Beziehungsmuster, kybernetische, symbiotische, synergetische, energetische und kausale Wirkmechanismen und wir stehen mit ihnen in Verbindung.

Dies zu erkennen, ist jedermanns eigener Lernprozess. Und die Neue Zeit fragt nur zwei Fragen: Kennst Du das Wesen des alten Systems (polarisationsfrei, also der Sinn) und welche wahre Bedeutung hat die Verantwortung für die Neue Zeit?

Und Demokratie? Sie bekommt so eine Neue Bedeutung. – Auf geht’s. Hinüber in die Neue Zeit.


Autor: Alexander Berg – http://blog.berg-kommunikation.de/

Seit 1989 ist Alexander Berg in der (Unternehmens-)Kommunikation und Medienentwicklung tätig und wirkt seit 2005 an dem Modell zur ganzheitlichen Neuorientierung ökonomischer Systeme mit. Es heißt Schubäus Modell. Die vorliegenden Erkenntnisse basieren auf 40 Jahren Praxis und über 20 Jahren wissenschaftlich-bestätigender Recherchen des Namensgebers dieses Modell, K. H. Schubäus.

Vortrag von Alexander Berg: Hinüber in die Neue Zeit – Verantwortung als Schlüssel zur neuen Gesellschaft

Bild 1: “Die Zukunft” – Bernd Kasper  / pixelio.de

Bild 2: “Netzwerk” – L. Hofschlaeger / pixelio.de

Beitragsbild: http://blog.berg-kommunikation.de/

Warum Veränderung Wahnsinn braucht

von Nicolas Schrode

Ein Manifest zwischen Wissenschaft und Politik

„Die wenig erprobte Alternative in dunklen Zeiten: der helle Wahnsinn.“ (Brigitte Fuchs, Lyrikerin)

In der heutigen Zeit zu erklären, es bräuchte mehr Wahnsinn, erscheint sicherlich vielen BetrachterInnen als wahnsinnig: Die Menschen sind umgeben von Dingen, die sie für „Wahnsinn“ halten. Seien es platzende Milliardenluftblasen und zur Rettung eilende StaatspolitikerInnen in Europa und den USA, in Gleichzeitigkeit zu den andauernden humanitären Katastrophen in Indien, Afrika oder Asien. Seien es die Millionen Liter Öl, die Monate lang ungestoppt ins Meer sprudeln und die gleichzeitige politische Forderung von umweltbewussten BürgerInnen.

Viel plaktativer können die Beispiele eigentlich nicht sein, gleichwohl jedoch kaum die Wahrnehmung lebensweltlich gewordener Absurditäten vieler Individuen tief ins Mark treffend.

Diese Perzeptionen von Widersprüchlichkeit, für deren Einordnung Menschen oft schlicht keine anderen sinnvollen Kategorien mehr finden als jene des Wahnsinns oder der absoluten Unvernunft, unterscheiden sich vom (zugeschriebenen) Wahnsinn einer Einzelperson: Sie sind Nebenfolgen kollektiven menschlichen Handelns, welches höchst sinnvoll (rational) begründet verfolgt wurde (vgl. dazu: Beck 1986 und 2007). Auf solchen „Wahnsinn der Zeit“ wird viel geschimpft – aus ihm werden hingegen wenige Lehren gezogen. Auch wird kaum reflektiert, was man „Wahnsinn“ entgegensetzen kann (egal, wie man ihn nun genau definiert; es geht um die menschliche Perzeption von Phänomenen und Personen als „wahnsinnig“).

Dieses Essay, ein „Manifest für den Wahn-Sinn“, will „Wahnsinn“ grundsätzlich als soziales Konstrukt begreifen, das mit bestimmten Politiken der Herstellung, in Diskursen und Dispositiven der Macht immer neu erschaffen wird (Abschnitt 1). Unter diesen Bedingungen sollen die Chancen, die in der Moderne der Nebenfolgen („Zweite Moderne“; vgl. Beck 1986) liegen, erörtert werden (Abschnitt 2), um daraufhin nach den notwendigen Grundsätzen für den einzelnen Menschen zu fragen, die nötig sind, um eine Welt zu schaffen, die für ihn besser, weniger „wahnsinnig“, dafür jedoch „richtiger“ ist (Abschnitt 3).

Dabei sollte das Essay grundlegend als solches gelesen werden: Es handelt sich weder um einen klassischen wissenschaftlichen Artikel, noch um ein Manifest im streng politischen Sinne, sondern vielmehr um ein Gedankenexperiment, das den LeserInnen Argumente anbietet und zur weiteren Diskussion anregen soll.

Es geht daher auch nicht darum, einen Beitrag zur Findung eines „korrekten“ oder „besten“ theoretischen Begriffs von „Wahnsinn“ oder „Vernunft“ und „Normalität“ zu leisten – diese sind historisch wandelbar und ihre Reflexion von kaum überschätzbarem Wert. Jedoch sollten sie an anderer Stelle als in diesem Essay ausgehandelt werden. Vielleicht erscheint es in diesem Sinne gewissermaßen wahnsinnig, einzelne Begrifflichkeiten völlig offen zu lassen; doch auch das ist, wo es geschieht, so gewollt. Der Argumentation dürfte gefolgt werden können, egal ob man es beim „sozialen Handeln“ eher mit Max Weber oder mit Erving Goffman hält.

Und noch eine letzte Vorbemerkung sei gestattet: Das Essay soll die wissenschaftliche Diskussion in diesem Band einleiten, nicht führen. Es ist (selbstverständlich) subjektiv und normativ, verlässt stellenweise die klassisch-wissenschaftliche Argumentationslogik. Es mag, dem Thema entsprechend, auch verrückt erscheinen. Es soll bereits in seiner Struktur dazu anregen, die gewohnten Denkschemata zu verlassen und sich Neuem zu öffnen.

1. Wahnsinn – die Kontingenz des Anderen der Vernunft

Steigen wir bei Foucault ein, der die philosophische, psychiatrische und soziologische Diskussion mit seinem Werk „Wahnsinn und Gesellschaft“ (Foucault 1993) nachhaltig bereichert hat. Foucault zeichnet darin die sich historisch wandelnden Formen der Pathologisierung und Stigmatisierung bestimmter Formen sozialen Handelns als „Wahnsinn“ nach – welche stets dem Schutz des ‚Normalen‘, des Common Sense über das gesellschaftlich Erwünschte und Unerwünschte dien(t)en. Dies gilt, ganz gleich, ob man den Wahnsinn als solchen ausstellt – wie bis ins 19. Jahrhundert geschehen (vgl. ebd.: 139), oder ob man ihn wegsperrt – wie bis heute. Nur in einem vorwissenschaftlichen Raum könne aus Foucaults Blickwinkel die Trennung zwischen Normalität und Wahnsinn als beliebig, ihre Verfasstheit als eine Machtfrage erkannt werden. Die wissenschaftliche Sprache der Psychiatrie dagegen ist nach Foucault eine „Archäologie des Schweigens“ (ebd.: 7) und macht diese ursprüngliche Kontingenz unsagbar, da sie selbst bereits in der Sprache dieser Vernunft verfasst ist (vgl. ebd.: 246).

Letztlich besteht Foucaults Leistung in „Wahnsinn und Gesellschaft“ also unter anderem im Aufzeigen der Tatsache, dass auch Vernunft von jeher ein historisch wandelbares Konstrukt ist. Dieser Gedanke wiederum muss für ‚den Vernünftigen‘ (purer) Wahnsinn sein, da er die Vernunft in Frage stellt und so – nimmt man dieses Infragestellen ernst – dem Wahnsinn Tür und Tor öffnet.

Im Folgenden soll die These skizziert werden, dass es in den heutigen Zeiten des stetigen Wandels gerade der Wahnsinn ist, der uns für einen „Wahn-Sinn“ öffnen kann. Der Prozess, der beschrieben wird, zeichnet eine radikale Abwendung von gewohnten Dispositiven in Form eines individuell wie kollektiv schmerzhaften Dekonstruktivismus vor, der uns über die Öffnung unserer Sinne zur Frage bringt, inwieweit der bestehende gesellschaftliche Wahn-Sinn macht und uns anregt, Gesellschaft in neuen Rahmen und Möglichkeiten zu denken.

2. Die „Zweite Moderne“ als Chance für Neues

Doch wie werden solche „Rahmen, in denen man denkt“ überhaupt zu denselben? Eine mögliche Antwort liefern Peter Berger und Thomas Luckmann (Berger/Luckmann 1969): Den dialektischen Prozess, in dem das Bestehende von uns Menschen geschaffen wird, sich als objektive Realität manifestiert und schließlich wieder auf uns Menschen wirkt und uns formt, nennen die beiden Autoren „die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ (vgl. ebd.). Ihre Anschauung zeigt, dass Strukturen, gesellschaftliche Unterscheidungen (und somit auch Machtverhältnisse) grundsätzlich immer auch anders möglich wären, als sie es sind. Die menschlichen Konstrukte werden ihrer Theorie nach von ihren SchöpferInnen internalisiert – werden in ihrer Wahrnehmung zu objektiven Gegebenheiten, zu unhinterfragten Basisselbstverständlichkeiten, an welchen sie ihr Handeln ausrichten (ebd.: 148ff.). Bestimmte Handlungsweisen werden somit für je bestimmte Kontexte normal, werden das Normale („Internalisierung“, vgl. ebd.).

In diesem epistemologisch gefassten Verständnis von Normalität kann der vernünftige Mensch, für den immer ein bestimmter Begriff von Vernunft gilt, diese also selbst eine solche Normalität ist, nicht aus dieser Dialektik entfliehen: Das Bestehende wird von ihm geschaffen und formt dann sein Handeln, dieses schafft wieder das daraufhin Bestehende, welches wiederum sein zukünftiges Handeln formt – und so weiter.

An diesem Punkt stellt sich die hoch interessante Frage nach dem „Wie“, also über welche konkreten Praktiken die Herstellung von Normalität geschieht. Oftmals unhinterfragt wurde die These der Normalität als konstruierte soziale Wirklichkeit übernommen, ohne sie hierin weiterzudenken (vgl. Link 2009: 38ff.). Foucault hat mit seinem Abstellen auf Diskurse, sprachliche und institutionalisierte Praktiken, Regeln und Maßgaben wesentlich dazu beigetragen, von einer allzu unreflektierten Übernahme eines rein epistemologischen Normalitätsbegriffes wie ihn, so zeigt Link (2009), beispielsweise Niklas Luhmann verwendet (vgl. hierzu ebd.: 158f.), zu einem eher konkret praxelogischen Verständnis der Normalität zu gelangen. Als Beispiel für ein solches Verständnis sei wiederum auf Link (2009) verwiesen, welcher im „Protonormalismus“ und im „Flexibilitätsnormalismus“ normalistische Strategien moderner Gesellschaften erkennt (vgl. zur Übersicht: ebd.: 57f.).

Doch selbst bevor man die Black Box öffnet und die Praktiken der sozialen Konstruktion realer „Objektivitäten“ betrachtet, wird klar, dass „das Normale“ nicht ‚von heute auf morgen‘ das ist, was es ist. Vielmehr liegt dem ein langer, höchst voraussetzungsreicher Prozess zugrunde, der bestimmte Handlungs- und Sichtweisen sozial aus ihrer Kontingenz entbindet, indem sie über Institutionalisierung (bindende Festlegung auf bestimmte Formen) und Legitimierung (empirische Untermauerung ihrer Notwendigkeit) letztlich internalisiert werden (vgl. hierzu Berger/Luckmann 1969: 49ff., 148f.).

Hierin liegt auch der Grund, warum gesamtgesellschaftliche Innovationen selten und bahnbrechende soziale Neuerungen die Ausnahme sind: Dieser Modus bringt seiner Logik nach nur sehr langsam Neues in den die Gesellschaft konstituierenden Kreislauf, da die lebensweltlichen Basisselbstverständlichkeiten den Menschen in seine gewohnten Bahnen leiten. Diese verlassen seine Gedanken meist nicht – was nicht zuletzt funktional ist, da der Mensch ohne Komplexitätsreduktionen dieser Art nicht handlungsfähig wäre.

Enge - NormalitätSein Denken stößt dann allerdings deswegen an seine Grenzen, weil keine Loslösung vom Gewohnten mehr passiert (Verharrung). Auf diese Art und Weise werden viele Gedanken gar nicht erst denkbar. Vielmehr geschieht dann das typische, so genannte „Schubladen-Denken“, bei dem neue Informationen schlicht in ein vorgefertigtes (und imaginäres) Schubfach des Gehirns eingeordnet werden (und dort nur schwer wieder herauskommen) und zur Reproduktion immer gleicher Denk- und Handlungsmuster führen. So entstehen Vor-Urteile, da man in seinem Kopf von vornherein zu wissen glaubt, wie die Welt ist. Hier begegnen wir den Basisselbstverständlichkeiten und einem starren, vermeintlichen Abbild der Welt im kognitiven System. Bei diesem Modus handelt es sich um eine humane Reduktion von Komplexität einer gänzlich unübersichtlichen Sozialwelt: Diese wird letztlich ganz ökonomisch – nämlich so einfach wie möglich und so komplex wie nötig – wahrgenommen.

In diesem Modus war und ist es möglich, ein normales Leben zu führen. Doch wird dies zunehmend schwerer. Einerseits ist der Mensch nicht frei, sich zu individualisieren, sondern ist zur Individualisierung gezwungen: Er kann sich nicht, sondern er muss sich, seine Handlungen und Einstellungen, seine Verortung im Sozialen reflektieren (vgl. Beck 1993: 152). Andererseits sind die Basisselbstverständlichkeiten, die der Mensch sich selbst geschaffen hat, sichtbar am Zerbröckeln: Das gilt beispielsweise für den Lebensberuf, die Ehe, die moderne Kernfamilie und anderes mehr (vgl. Beck 1986).

Ulrich Beck fand hierfür den Terminus einer „geteilten Moderne“, in der die Errungenschaften der Ersten Moderne auf eine Zweite zurückwirken – teils mit katastrophalen Folgen (z.B. Umweltkatastrophen durch rücksichtsloses Wirtschaften), also die reflexive Modernisierung (vgl. ebd.). Doch wie kann dies, insbesondere aus dem hier eingenommenen konstruktivistischen Blickwinkel, verstanden werden?

Der Mensch ist in diesem Prozess ja sozusagen von sich selbst überrascht. Denn schließlich ist es gerade er, der diese Wandlungen der Institutionen vollbringt, und nicht etwa eine extrapolierte unsichtbare Hand. Und dennoch steht er einigermaßen erstaunt bis gelähmt vor diesem rapiden Wandel – eben weil ihm diese Schaffungen als objektive Realitäten erscheinen und der Wandel sein komplettes sozialisiertes Weltbild ins Wanken bringt.

Gleichsam begegnet er so jedoch einem Wandel, dessen Chance darin gesehen werden kann, sich der Tatsache dieser eigenen sozialen Welt-Konstruktionsleistung bewusster zu werden. Geschieht dies, so muss sich der einzelne Mensch unweigerlich auch seiner Gestaltungsfähigkeit bewusst werden: dass er die Welt ist, in der er lebt.

3. Stirb und Werde

Was sich daraus ergibt, hat Goethe prominent in seiner „Selige[n] Sehnsucht“ (vgl. Richter 1996: 21) zugespitzt: Nur wenn wir mit dem Bestehenden brechen, können wir wirklich Neues in die Welt bringen („Stirb und Werde“).

Man denke beispielhaft an prominente, kreative Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kunst und Politik wie Nikolaus Kopernikus, Galileo Galilei, Leonardo da Vinci, Mahatma Gandhi oder Martin Luther (King). Diese haben das Bestehende angezweifelt und Gegenentwürfe erdacht, gelebt und verfolgt. Dafür mussten sie aber, wie oft vermutet wird, nicht nur den radikalen Bruch mit dem common sense wagen, den manifestierten Bildern von Welt ihrer Zeit. Diese Bilder ihrer Zeit waren anfänglich genauso ihre Bilder, die sie so vermittelt bekommen und internalisiert hatten. Der erste Schritt bestand also darin, ihren Geist in dem Sinne zu öffnen, dass sie das, was auch sie zunächst für selbstverständlich und gegeben hielten, überwinden konnten. Eine solche Einstellung wird oft als „über den eigenen Tellerrand schauen können“ beschrieben, und birgt doch in gewisser Weise mehr: Denn man erweitert seinen Horizont nicht nur an Horizonten Anderer, sondern bricht völlig mit dem Bestehenden, man denkt und sagt das Undenkbare und Unsagbare. Als Galilei das geozentrische Weltbild überwand, da Vinci Anatomie an Leichen studierte, King die Rassentrennung anprangerte, taten sie genau dies: Sie dachten das anscheinend Undenkbare und sprachen das damals Unsagbare aus, kurz: Sie begingen Tabu-Brüche.

Die der Macht inhärente Disziplinierungsfunktion (vgl. Foucault 2000 und 2008), die sich im gesellschaftlichen Konstruktionsprozess in ihr manifestiert hat, wirkte dahingehend, all die aufgezählten Wegbereiter mundtot zu machen und sie vom Bruch mit den bestehenden Vorstellungen abzubringen. Sie wurden als Ketzer, Verrückte oder Wahnsinnige bezeichnet. Und da die Macht durch ihre Disziplinierung immer Definitionsmacht ist, waren sie auch objektiv wahnsinnig (zu Foucaults Machtbegriff vgl. ders. 1983: 113 – „Nicht weil sie alles umfaßt, sondern weil sie von überall kommt, ist Macht überall“).

Allerdings waren diese Denker nicht nur wahnsinnig, sondern gleichsam Wahn-sinnig. Denn sie hatten den Sinn dafür, dass es vielmehr wahnsinnig sei, dauerhaft vorgefertigten Gedankengebäuden zu gehorchen, als ihren eigenen Sinnen. Ihre Antwort auf die Frage: „Macht dieser Wahn Sinn?“ war ein klares „Nein“. Sie erteilten als Avantgardisten kritischen Denkens dem unhinterfragten Glauben an menschlich geschaffene Basisselbstverständlichkeiten eine Absage, drehten eine Logik um, indem sie den herrschenden Vernunftbegriff als Wahnsystem geißelten. Oder: Sie wiesen durch ihre andere Sichtweise auf dessen grundsätzliche Kontingenz hin. Somit waren sie durch ihre Wahn-Sinnigkeit wahnsinnig.

Zwei Thesen lassen sich aus diesen Überlegungen ableiten:

Erstens waren es also Wahnsinnige – und somit Menschen, die über sozial gewachsene Disziplinerungsmechanismen exkludiert werden sollten –, die soziale Wirklichkeiten nachhaltig verändert haben. Zweitens hatten diese Menschen eine Art „Fühler“ für den herrschenden Wahn, die Fehlerhaftigkeit des dogmatischen Festhaltens am Alten: einen Wahn-Sinn.

Was bedeutet das für uns? Was können wir von diesen Weltveränderern lernen?

Zum einen meint es, dass wir mit den gängigen Vorstellungen von Welt brechen müssen, um offen sehen zu können. Dies ist ein Prozess, der schmerzhaft ist, da wir uns von einer bequemen Haltung des „Es ist nun einmal so“, von den Idealisierungen des Schützschen „Und so weiter…“ und des „Ich kann immer wieder…“ (Schütz/ Luckmann 1994: 42) – einem bloß gewohnheitsmäßigen Handeln also – verabschieden müssen, und stattdessen die Unsicherheit suchen und Realitäten erkennen, die uns oftmals verletzen. Dieser Prozess wird so zu einem Dekonstruktivismus doloris, da wir uns dabei unserer eigenen Schwächen und Verwundbarkeiten bewusst werden.

Eine solche Haltung birgt die Chance, in der Konsequenz verändernd zu wirken. Erst dadurch nämlich wird es möglich, die Kontingenz dessen, was wir wahrnehmen und was wir vorfinden, zu erkennen. Der nächste Schritt ist, dies in einen neuen Rahmen bringen zu können; es anders, aus anderen Blickwinkeln denken zu können. Letztlich kann es möglich werden, dem stetig gewordenen Wandel vorausblickend zu begegnen und von der im Entstehen begriffenen Zukunft aus zu handeln, also einen Prozess anzustoßen, wie ihn zum Beispiel C. Otto Scharmer (Scharmer 2009) in seiner „Theorie U“ beschreibt. Das beinhaltet einerseits die vollkommene Überwindung der Basisselbstverständlichkeiten, und andererseits über das In-einen-neuen-Kontext-Stellen hinaus nicht nur Anderes denkbar zu machen, sondern es erfolgreich und antizipativ in die Welt zu bringen. Ähnlich, wie es die hier genannten historischen Persönlichkeiten, die gesellschaftlich tiefgreifende Veränderungen provozierten, getan haben.

4. Die Reintegration des Anderen der Vernunft

694857_web_R_B_by_Bernd Wachtmeister_pixelio.de„Wahnsinn“ meinte also ‚von je her‘, aus dem gesellschaftlichen Rahmen zu fallen und als normal definierte Handlungsmuster aufzusprengen. Das stiftete Unverständnis, Verwirrung, Unmut, offenbarte einen Mangel an zurechtgelegten Umgangsmodi mit dem Neu- und Andersartigen, daraus resultierende Ängste und Protektionismen. Nicht wenige wurden daher, je nach historischem Zeitpunkt, auf verschiedene Weisen mundtot (oder tot) gemacht, für verrückt erklärt, weggesperrt oder anderweitig gesellschaftlich exkludiert (vgl. Foucault 1993). Viele, die ebenso in einer ersten Reaktion, im Reflex als wahnsinnig abgetan wurden, waren aber genau diejenigen, die in größtem Maße Neues und die bis dato tiefgreifendste Veränderung in die Welt brachten. Um in ihrem Sinne wahnsinnig zu sein, mussten sie auch einen Sinn für den herrschenden Wahn – der von der Fehlmeinung einer einzigen objektiven Wahrheit ausging – haben und gleichzeitig so wahnsinnig sein, diesen anzuprangern und das Neue in die Welt zu bringen, das sie dem Alten entgegensetzen wollen.

Sowohl dieser (zugeschriebene) Wahnsinn historischer weltverändernder Persönlichkeiten, als auch deren Wahn-Sinn bleiben nicht bloße Hypothesen, sondern lassen sich aus einem historisch-empirischen Blickwinkel durchaus nachweisen. Das Gros der Genies wurde in unterschiedlicher Art und Deutlichkeit zuallererst für wahnsinnig erklärt und ihre Gedanken und Werke abgetan oder gar verteufelt. Dies brachte sie jedoch nicht davon ab, einen speziellen Sinn weiterzuentwickeln, einen Sinn dafür, den Wahn der Verharrung zu bekämpfen und das Neuartige und völlig anders Gedachte protektionistischen Angstreaktionen zum Trotz in die Welt zu bringen.

Die Forderung, die daraus folgt, liegt nun auf der Hand: Wir brauchen mehr wahnsinnige Wahn-Sinnige für eine schöpferische Zerstörung unserer Gesellschaft! Gesellschaftliche Innovation braucht Wahnsinn und Wahn-Sinn: Abweichung von der gesellschaftlich definierten Normalität ebenso, wie die Wahrnehmung der Konservierungen gewisser Normalitätsvorstellungen und den Mut, diese aufzubrechen.

Ja, so lässt sich im Bezug auf die Einleitung abschließen, wir müssen in der Tat dem „Wahnsinn“ Tür und Tor öffnen, um eine bessere Gesellschaft zu ermöglichen. Vor allem aber sollten wir uns davor hüten, jemanden für wahnsinnig und seine Gedanken für absurd zu erklären, und stattdessen versuchen, selbst wahn-sinnig zu werden, um unsere Ideen und Überzeugungen auch gegen große Widerstände in die Welt bringen zu können.


Autor: Nicolas Schrode, studierte bis zum Dezember 2009 Soziologie (Diplom) an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Ab 2010 beschäftigt er sich als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Gesellschaft für Ausbildungsforschung und Berufsentwicklung GAB München mbH mit berufspädagogischen und -soziologischen Themenkomplexen wie dem Kompetenzerwerb in Netzwerken, im Arbeitsprozess und am eigenen Problem, der praktischen Umsetzung erfahrungsgeleiteten Arbeitens und Lernens sowie verschiedenen Facetten europäischer Berufsbildungsforschung. Des Weiteren arbeitet er an neuen Konzepten wissenschaftlicher Begleitung und Evaluation von Berufsbildungsprojekten und -programmen sowie an Grundlagen der Qualitätssicherung in der interdisziplinären Begleitforschung mit.

Beitragsbild: Markus Wegner  / pixelio.de

Bild “Enge-Normalität”: Etienne Rheindahlen / pixelio.de

Bild “Verzicht”: Bernd Wachtmeister  / pixelio.de

Literaturverzeichnis:

Beck, Ulrich (1986): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Modern. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Beck, Ulrich ( 1993): Die Erfindung des Politischen. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

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Schütz, Alfred / Luckmann, Thomas (1994): Strukturen der Lebenswelt. Bd. 2. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Schwarzmalerei, denn Geist ist böse und Energie hat Schuld daran – Teil 4

von Guido Vobig

Mit diesem vierten und letzten Teil meiner Schwarzmalerei komme ich auch zum letzten Artikel, den ich aller Voraussicht nach für den Blog schreiben werde, denn alle weiteren Artikel wären im Kern nur anders umschriebene Wiederholungen. Weiter vermag ich die Problematisierung des PROBLEMS, aus dem alle Probleme, vergangen wie aktuell, hervorgehen, nicht zu thematisieren, wohlwissend, oder besser gesagt, wohlfühlend, dass etliche Informationen zwischen den Zeilen meiner mehr als 60 Artikel weitergereicht und weitergedacht werden, so wie ich es meinerseits mit all den Informationen aus unzähligen Werken anderer Autoren und Kommentatoren vollzogen habe. Dem technologischen Fortschritt sei Dank, denn technologischer Fortschritt zeugt nicht nur von geistreicher Umtriebenheit, er vermag sogar wahren Fortschritt hervorzubringen, indem der technologische Fortschritt seiner wahren Rolle gerecht wird, die allerdings nichts damit zu tun hat, das Leben von uns EINEN, uns Menschen, möglichst angenehm für uns zu gestalten, auf Kosten Anderer und all der ANDEREN Lebewesen.

Im Grunde brachte die Entwicklung des technologischen Fortschritts, ausgehend vom Holz, über die Kohle, bis hin zum Erdöl, und der Nutzung der Kernkraft, erst jenes formlose Gebilde hervor, welches das, als sesshaft gewordene Menschheit verkörperte Bewusstsein benötigt, um sich des Lösungsweges des eigentlichen PROBLEMS bewusst zu werden. Gemeint sind Daten, jene sich mehr und mehr ausbreitenden und ansammelnden uni(n)formierten Informationen, die ohne direkten Bezug zur Exformation zunehmend ihr Unwesen in der Realisierung des Universums treiben.

Exformation ? Ja, eine Vokabel, deren Bildhaftigkeit einer vertrauten Umarmung gleicht, die man aus unerklärlichen Gründen lange nicht mehr zu würdigen wusste. Ein Wort wie Antifragilität … oder wie HARMONIE … wohlgemerkt in Großbuchstaben und daher nicht mit der Harmonie zu verwechseln. Exformation. Allgegenwärtig. Offensichtlich. Doch stets verborgen zwischen all den Zeilen sich auftürmender Datensätze:

  • Vereinfacht gesagt: je mehr Bilder und Assoziationen beim Zuhören entstehen, desto mehr Exformation hat die Aussage. Anders vereinfacht gesagt: Information ist Breite, Exformation ist Tiefe eines Textes oder einer Aussage.” Quelle
  • ”Exformation ist die Menge an Informationen, die wir unausgesprochen mit dem uns umgebenden Umfeld teilen.” Quelle
  • ”Mit der Menge neu zur Verfügung stehender Informationsquellen, wächst der Bedarf an Exformation, d. h. nach Aussonderung der überflüssigen Informationen:” Quelle
  • Konsens-WIKIPEDIA schreibt dazu Folgendes: ”Die Aussage des Begriffs ist „absichtlich ausgelassene Information”.” Quelle

Wohlgemerkt, so wie Gefühle und Emotionen nicht ein und dasselbe sind, und auch Robustheit nicht mit Antifragilität gleichzusetzen ist, sind auch Informationen und Daten nicht ein und dasselbe. Informationen behalten ihre Wertigkeit, ihren Wahrheitsgehalt, weil ihr Inhalt die direkte Verbindung zwischen dem Ursprung der Information und dem Informierten beibehält. Es ist diese Wahrung der Beziehung, räumlich, wie zeitlich, die eine Lüge unmöglich macht. Information ist ein praktisches Geschenk. Daten dagegen weisen diese direkte Verbindung nicht auf, sie sind somit beziehungslos und können daher beliebig kopiert und anderswo integriert werden. Zudem können sie allerhand Geschichten erzählen, die ohne Wahrheitsgehalt, ohne Wurzeln in der Exformation, sind. Daten sind eine ”Erfindung” der Menschen. Sie entstammen nicht der goldenen Mitte der Gemeinschaft des Lebens. Sie stehen daher jenem Bewusstsein, welches nicht menschlich ist, nicht zur Verfügung, denn die ANDEREN sind stets im wahren Informationsfluss, der sich bewährt hat, ohne etwas beweisen zu müssen, selbst dort, wo es für uns den Anschein hat, dass Daten ausgetauscht werden, z. B. mittels Transposonen oder Viren in den Genomen von Lebensformen. Dieses geschieht nämlich mit ganz ANDERER Intention, stets im Sinne des Lebens als Ganzes, also anders, als es bei den Datenmengen von uns EINEN der Fall ist.

  • Exformation ist der Rahmen aus dem Informationen geschöpft werden. Geschöpft wird durch Bewusstsein, wofür Energie benötigt und Dekohärenz geschaffen wird, weil kein Einzelbewusstsein auf die Exformation als Ganzes zurückgreifen kann. Nur für das Leben als Ganzes bedeuten Exformation und Information ein und dasselbe. Entsteht Kohärenz, indem durch Wesentliches Energie freigesetzt und zum Wohle des Lebens als Ganzes eingesetzt wird, dann entstehen neue Rahmenbedingungen.
  • Durch Dekohärenz kommt Geist in die Welt, durch Kohärenz wird er unnötig.
  • Daten sind vereinfachte und verallgemeinerte Ex-Exformationen zwecks Eigennutz und geistigem Eigentum … Egomationen, den Emoticons nicht unähnlich.
  • Daten haben einzig die Ausbildung von Durchschnitt zur Folge. Sie wollen auf den ersten Blick erfasst werden, woraus unser Bestreben hervorgeht mittels Algorithmen und Computersystemen systematisch immer mehr Daten in immer einfachere und schneller verwertbare Nutzformen umzuwandeln, auf Kosten all der Wurzeln, mit denen die Daten einst in der Exformation verankert waren … also Informationen waren.
  • Daten unterwandern die Wertigkeit von Informationen und schaffen stattdessen Geschäftsmodelle.
  • Je mehr sich Informationen der Exformation annähern, desto weniger Energie geht ”verloren”, desto weniger Entropie ist möglich, desto unbedeutender wird Zeit, desto weniger Spielraum und Raumzeit benötigt das Leben zur Bewahrung der HARMONIE.
  • James Clerk Maxwell, zitiert in Tor Nörretranders’ Buch Spüre die Welt – Die Wissenschaft des Bewusstseins, drückt es folgendermaßen aus: ”Zugängliche Energie ist Energie, die wir in eine bestimmte Richtung lenken können. Dissipierte Energie ist Energie, die wir nicht fassen und nach Wunsch dirigieren können, zum Beispiel die Energie der wirren Bewegung von Molekülen, die wir Wärme nennen. Nun ist aber Wirrheit, ebenso wie der verwandte Ausdruck Ordnung, nicht eine Eigenschaft der Dinge selbst, sondern existiert nur im Verhältnis zu dem Geist, der sie begreift.” Quelle
  • Je bequemer, sprich, geistreicher der Kommunikationsweg, desto weniger Informationen werden vermittelt, desto austauschbarer, wiederholbarer und anderswo einsetzbarer in verschiedenen Kontexten ist die uni(n)formierte Information, desto mehr wird sie zum Datensatz und zum Spielball von copy&paste in allen Spielarten von Schnelligkeit … und Vergänglichkeit.
  • Wo Exformation und Information auseinandergehen, bleiben Vertrauen und wesentliche Gefühle aus.
  • Energie ist notwendig, um die Bewusstwerdung des PROBLEMS zu ermöglichen, woraus Expansion hervorgeht und Energie ”verbraucht”, sprich, umgewandelt wird, so dass weitere Probleme entstehen können. Die Folge ist Dekohärenz. Cradle-to-Grave. Fragmentierung. Burning the midnight oil. VERY BIG DATA.
  • Energie ist das Ermöglichen der beabsichtigten, aber ungeplanten LÖSUNG des PROBLEMS, Bewusstsein schaffend, indem Energie freigesetzt wird, welche Kohärenz hervorbringt, da keine energetischen ”Verluste” entstehen. Cradle-to-Cradle. Vereinigung. Reinventing the Sacred. BYE-BYE BIG DATA.
  • Je mehr Exformation in Daten zerlegt wird, über den Weg der Informationen, deren Beziehungen zum Ursprung dabei entwurzelt werden, desto mehr nimmt die Entropie zu, und damit die Expansion des Universums, welches der Rahmen ist, in dem sich ALLES abspielt, desto mehr Probleme treten zudem hervor, desto mehr reaktive Unordnung sammelt sich an, desto mehr neue Probleme entstehen, in deren Rahmen der technologische Fortschritt als geistige Errungenschaft seinen Siegeszug antreten bzw. festigen kann.
  • Je verwurzelter Informationen im Rahmen der Exformation sind, desto mehr Energie muss genutzt werden, um daraus entwurzelte Daten werden zu lassen. Komplexität ist Ausdruck von Entwurzelung und beschreibt eine Geschichte, die nicht vom Leben als Ganzes geteilt wird. Komplexität ist die Geschichte der Menschheit. Interessanterweise beschreibt Komplexität die Bedeutungstiefe dessen, was sie nicht vermitteln kann … und das ist all jene Exformation, die den Rahmen der Geschichte des Lebens als Ganzes bildet.
  • Je komplexer uns EINEN etwas erscheint, desto mehr tappen wir dahingehend im Dunkeln, das vermeintlich Komplexe in den Rahmen, der ALLES umfasst, sprich, ermöglicht, was notwendig ist, einordnen zu können. Daher gestaltet sich der Kosmos für die ANDEREN auch anders und liefert so die natürliche Ordnung, die wir, für uns, bildhaft realisieren.
  • Die Geschichte der ANDEREN, die mehr und mehr von der Geschichte der Menschen beeinflusst wird, und die natürliche Ordnung, weisen dagegen keinerlei Komplexität auf. Ihre Geschichte bringt Lebewesen hervor, die mit einem Minimum an Vertretern einer Art ein Maximum an Verschiedenheiten verkörpern. Immer wenn die Population einer Art sich vergrößert und/oder sich ihre Merkmale verändern, geschieht dieses einzig der HARMONIE wegen … und vermehrt uns Menschen wegen. Allein wie wir Menschen die Geschichte der Viren und Bakterien interpretieren, spricht Bände dahingehend, wie sich unsere Geschichte entwickelt hat und entwickeln wird … ganz zu schweigen davon, dass unsere Vermehrung mehr und mehr auf das Konto unseres Fortschritts geht und somit eher eine Frage der zur Verfügung stehenden Daten ist, nicht aber vorhandenen Exformationen entspringt und so zur Herausforderung für die Bewahrung der HARMONIE durch die ANDEREN wird.
  • Diese Zusammenhänge sind übertragbar auf jeden Maßstab der Betrachtung bzw. Beobachtung. Was für das PROBLEM gilt, und damit für den Kosmos, als Exformation des GANZEN, gilt auch für jedes einzelne Problem, welches sich in einem eigenen Rahmen entfaltet und seinen Ursprung im PROBLEM hat … also ALLE Probleme.
  • ”Die Quelle von Schönheit, Wahrheit und Weisheit ist die Information, die man losgeworden ist: Die Exformation. Sie hat Wert, da für ihre Schaffung Entropie in der Umgebung erzeugt werden mußte.” Quelle
  • Exformation ist somit der Schlüssel zur Wahrung der HARMONIE, was wiederum die Absicht der interpretierten Evolution ist, wie es Steve McIntosh in Evolution’s purpose beschreibt. Näheres dazu kann hier nachgelesen werden.
  • Der Kosmos, das GANZE, ist die Bildwerdung des morphogenetischen Feldes und stellt somit das ganze Ausmaß an vorhandenen Exformationen dar … sozusagen die Mutter aller Information(smöglichkeit)en … Wakhan, der dunkle, weibliche Urraum, der Kreis, der Yin und Yang umfängt.
  • Technologischer Fortschritt ”verbraucht” immer mehr Energie, um immer wertlosere, dafür aber gesellschaftstaugliche Daten für die Geschichte des Lebens zu schaffen, die jedoch immer bedeutender und somit ”wertvoller” für all die (Alltags-)Geschichten der Menschen werden … und somit in Geld gewandelt werden (können) und gewandelt werden müssen, damit die Problematisierung in ihrer ganzen Tragweite von uns EINEN immer persönlicher erlebt werden kann … wem gehört die Welt und was kostet sie !?
  • Das Problem von Gesellschaften ist, dass es immer mehr verschiedene Geschichten gibt, welche die Geschichte der Menschheit prägen, und die sich mehr und mehr von der Geschichte der ANDEREN entfremden. Die Geschichte der ANDEREN dagegen bleibt stets im Fluss, weil das Leben zur Wahrung der HARMONIE als dynamische Gemeinschaft verkörpert wird, mit der Ausnahme von Sprüngen, nämlich dort, wo Stase droht und somit die Notwendigkeit für ein ”Umdenken”, für neue Merkmale von Arten und Anpassungen von Populationen, stattfindet, wobei der Sprung vielmehr die unmittelbare Auswirkung des Neuen auf das Umfeld ist und dahingehend ein neuer Rahmen geschaffen wird. ”Umdenken” bedeutet einen anderen Pfad als bisher auf dem Weg zum Ziel zu gehen, so wie Wasser, welches von seiner Quelle auf dem Berg nie geradeaus ins Tal fließt.
  • Diese eine Geschichte beinhaltet all unsere Geschichten, während unsere Geschichten immer weniger Platz für diese eine Geschichte lassen.
  • Der Verlauf unserer Geschichte wird aus der jeweiligen Gegenwart heraus mit immer mehr Daten angefüllt, was zu immer mehr Lügengeschichten führt, während die ANDEREN immerzu einzig im Hier und Jetzt leben, da die Gemeinschaft des Lebens Exformationen mit Informationen gleichsetzt und keiner Daten bedarf, weshalb es obendrein keines Bewusstseins von Vergangenheit bedarf, da keinerlei Gräber verbleiben, an die erinnert werden muss … daher Cradle-to-Cradle statt Cradle-to-Grave.

Bevor wir beginnen im ”Dreck” der Vergangenheit zu wühlen, um die Spur eines finsteren Geistes zum Kern der Erde zu verfolgen, anbei noch ein paar weitere wesentliche Unterschiede zwischen uns EINEN und all den ANDEREN, aus Sicht von Exformation:

  • Je komplexer eine Spezies erscheint, desto fragiler ist die Spezies als Ganzes, Stichwort LEGOLUTION.
  • Besteht, so mag man einwerfen, diesbezüglich ein Widerspruch zum Begriff der ”thermodynamischen Tiefe”, der in einer Zusammenfassung des bereits erwähnten Buches von Tor Nörretranders wie folgt beschrieben wird: Seth Lloyd und Heinz Pagels führten 1988 den Begriff der “thermodynamischen Tiefe” ein. Auch dieses Maß versucht sich daran zu orientieren, wieviel Information während der Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte eines Objektes aussortiert wurde. Sie versuchen über die “wahrscheinlichste Entstehungsgeschichte” des Objektes auf dessen Komplexität zu schließen. Im Gegensatz zu Bennet´s Algorithmische Tiefe messen Sie nicht die Rechenzeit einer Computersimulation, sondern die Menge der energetischen Ressourcen die bei zielgerichteter Anstrebung der betrachteten Information verwendet wurden.” ? Quelle
  • Keineswegs, denn, wie bereits angemerkt, Komplexität erscheint nur jenen Betrachtern als solche, denen das Gefühl für die eine Geschichte verloren gegangen ist und die sich stattdessen zunehmend auf unsere eigenen Geschichten konzentrieren, in denen sich das Muster der Vereinfachung und der anschließenden Verallgemeinerung ausbreitet wie ein absichtlich gelegter Waldbrand.
  • Die Diversität des Lebens zeigt sich als Summe minimal möglicher Mitglieder aller Spezies, um die Notwendigkeit der Problematisierung des PROBLEMS und der LÖSUNG dieses PROBLEMS, zudem möglichst verschieden, zum Ausdruck zu bringen, genannt HARMONIE.
  • Einzig wir Menschen weichen davon mehr und mehr ab, indem wir, unter anderem, die Lebenserwartung Einzelner zwar erhöhen können, nicht aber die Wertigkeit des einzelnen Lebens für die Gemeinschaft des Lebens als Ganzes, denn diese Wertigkeit liegt nicht im Ermessen von uns EINEN, sondern im gemeinsamen Erleben des Lebens als Ganzes im Sinne der HARMONIE und in der Verantwortung diese zu bewahren. Zudem werden wir Menschen im Laufe unserer Entfremdung, im Zuge unseres technologischen Fortschritts, immer durchschnittlicher, weil Daten Informationen ersetzen und immer weniger Exformation ermöglicht wird. Die Folge sind immer mehr ähnliche bzw. gleiche Erwartungen hinsichtlich der Realität, jedoch eingefasst in immer mehr verschiedene Rahmen, woraus zunehmend Spannungsbögen und entsprechende Entladungspotenziale entstehen.
  • Um den Rahmen des eigenen Weltbildes der Öffentlichkeit, jenseits der eigenen Gedankenwelt, vermitteln zu können, nutzen wir daten- und energielastige PR, die umso daten- und energielastiger ausfällt, je weniger Exformation zur Verfügung steht und je mehr versucht wird sich ”Gehör” zu verschaffen, sich in den Mittelpunkt drängend, als Medium für die Massen.
  • Diese prägnante Permanenz erreichen die ANDEREN auf ganz anderem Wege, mit ganz anderen Folgen für das GANZE, nämlich durch (P)ermanente (R)edundanz, sprich, Offensichtlichkeitsarbeit, anstelle unserer Form der Öffentlichkeitsarbeit.
  • So werden wir EINEN unentwegt durch die ANDEREN an das Wesentliche der einen Geschichte allen Lebens erinnert, in vielerlei Gestalt und vielerlei Wiederholungen dieser Gestalten, nicht nur im, für uns Menschen, hörbaren Frequenzspektrum, wie ich es bereits hier beschrieben habe, sondern auch in der regelmäßigen, jedoch nie gleichmäßigen, Wiederkehr verschiedenster Symptome, die wir als Krankheiten bezeichnen, insbesondere die sogenannten Infektionen, was insbesondere durch die Kinderkrankheiten verdeutlicht wird … sofern sie denn noch in der Kindheit Gelegenheit dazu bekommen und bewusst, in ihrer wurzeltreibenden Bedeutung für den Körper, wahrgenommen werden, Exformationen inklusive, wie es z. B. in der homöopathischen Praxis geschieht.
  • Was wir in diesem Rahmen unserer Betrachtung als Übermaß oder als üppige Wiederholungen, mitunter gar als Verschwendung oder auch als Wucherungen ansehen, entspricht unserem entfremdeten Blick für das Wesentliche. So sehen wir zwar Buchstaben, die zu Worten werden und so einen Sinn auf den ersten Blick ergeben, verborgen bleibt aber, was zwischen den Zeilen in einer lebendigen Sprache ”geschrieben” steht, die der Exformation entspringt. Eingeweiht in diese Sprache sind alle Lebewesen, denn das Bewusstsein, welches diese Exformation ermöglicht hat, ist die Verkörperung allen Lebens … und besagte Exformation ist der Kosmos im Ganzen … und damit das GANZE, jenseits des Messbaren und Beweisbaren.
  • Die Exformation des von Natur aus gemeinsamen Lebensraumes wird im Laufe unseres technologischen Fortschritts zunehmend dorthin verlagert, wohin die ANDEREN keinen Zutritt haben. Unsere Datenwelt lässt die ANDEREN außen vor und entzieht sich so der natürlichen Ordnung.
  • Exformation weiß umso tiefgründiger im Sinne des GANZEN zu bereichern und Energie freizusetzen, je mehr Zeit man ihr widmet und je langsamer sie sich entfalten kann, im Gegensatz zu unseren modernen Zeiten, wo die Zeit selbst als immer kostbarer angesehen wird und nicht intensiv zwischen den Zeilen gelesen wird, sondern auf die Schnelle Zeilen überflogen werden. Da mag man sich fragen, warum Zeit, anstelle von Geld, nicht als allgemeingültige Währung genutzt wird … andererseits liegt die Antwort ja offensichtlich und allgegenwärtig vor.

Die moderne Handhabung von Exformation im Allgemeinen wird anhand meiner eigenen Texte, sei es hier im Blog, oder in Form meiner beiden Projekte GOLD-DNA und DIE GOLDENE PHI(L)HARMONIE, sehr deutlich, muss ich doch selbst darauf vertrauen, dass die Rahmen der Leser mit meinem Rahmen obertonreichen Einklang finden, damit der Leser seinerseits ein Gefühl für jenes Kohärenzgefühl bekommen kann, welches ich bemüht bin zu vermitteln. Dass reichlich Zeit in das Lesen und das Einbeziehen der Links investiert werden muss, um seitens des Lesers Exformationen hervorzubringen, ist dabei nicht von der Hand zu weisen … und der wesentliche Ausgleich für die vereinfachenden und bequemen Möglichkeiten des technologischen Fortschritts … und damit komme ich endlich wieder zum eigentlichen Thema zurück … obwohl ich es, auch in diesem Fall, gar nicht verlassen habe.

“Frühere Generationen waren absolut überzeugt, daß ihre wissenschaftlichen Theorien so gut wie perfekt seien, nur damit sich herausstellte, dass sie den Kern der Sache völlig verfehlt hatten.” Terry Pratchett – ”Die Gelehrten der Scheibenwelt”

Das Buddeln und Bohren in den Tiefen der Erde lässt einen Prozess deutlich werden, der uns Menschen sehr vertraut ist und uns von den ANDEREN unterscheidet: das Denken, einhergehend mit Sinnfindung und zunehmender Tiefe von Gedankengängen, in der Hoffnung zu finden, was immer mehr verloren geht:

”The digging or ungrounding of the earth is often tied to thought, as the work of depth is a digging that occurs, to borrow Deleuze’s phrase, in the image of thought. For Deleuze, thought does all the digging: dynamism is contained within the idea.” Ben Woodward – On an ungrounded earth – S. 8

Je mehr und je tiefer wir graben, sei es in der Erde oder in der Sinnfindung unserer Gedankenwelt, desto mehr Raum und Zeit gewähren wir der Entfaltung des Universums, desto mehr geistige Errungenschaften werden realisiert, desto näher kommen wir dem Kern der Erde, jener Altlast, die unseren Fortschritt nährt, desto mehr entfernen wir uns jedoch vom Kern des Wesentlichen und nähern uns zugleich jener Grenze des Möglichen … dem Zenit der Unordnung.

Es macht durchaus Sinn anzunehmen, dass Öl abiotisch entsteht, jedoch biozentrischen Ursprungs ist, und aus der Tiefe nach oben drängt, damit, im Rahmen der Problematisierung des PROBLEMS, und der damit einhergehenden Bewusstwerdung, diese Altlast ihrer energetischen Last, soweit möglich, entledigt werden kann. Traum(a)arbeit im Kollektiv der Menschheit

Sich Gedanken machen, um ein Problem zu lösen, ist nichts anderes, gelingt dieses doch nur nachhaltig, wenn der Kern des Problems angegangen wird. Daher mag es naheliegen, dass das PROBLEM nicht von Einzelnen, sondern nur in der Gemeinschaft des Lebens gelöst werden kann … und nur indem der Kern des PROBLEMS erkannt wird, wozu es die Problematisierung durch technologischen Fortschritt bedarf. Ebenso die Nutzung des Erdöls für unsere Zwecke, entspricht das Bohren nach und das Fördern von Öl doch der Blutentnahme aus einer Verkörperung. Was wir aus Öl herzustellen vermögen, entspräche demnach der Blutuntersuchung. Und so wie wir in der Vielfalt der Produktpalette, die wir konsumieren, nicht zwischen den Produkten ”lesen”, kein Gefühl für das Graben von Massengräbern erlangend, so betrachten wir in der Regel einzig die einzelnen Blutwerte und deren Abweichungen von einer festgelegten Norm, nicht aber was der Körper, dem das Blut entnommen wurde, als Ganzes mitzuteilen hat.

Etwas anschaulicher, wie kurz zuvor bereits angedeutet, mag sich mit der Entwicklung von Kindern darlegen lassen, was es bedeutet zwischen den Zeilen zu lesen, auch wenn der Umstand von Massenimpfungen reichlich Exformation in Richtung Big Data verschoben hat und das Offensichtliche mehr und mehr ins Verborgene abgerutscht ist … aus den Augen, aus dem Sinn, radioaktiven Abfällen ähnlich, die tief in der Erde verscharrt werden, anstatt als offensichtliche Altlast stets im Bewusstsein der Öffentlichkeit verankert zu sein.

Krankheiten heilen von innen nach außen,
von oben nach unten und in der umgekehrten Reihenfolge des Auftretens der Symptome.
Hering’sche Regel

So schreibt Manfred von Ungern-Sternberg, Homöopath mit Jahrzente währender direkter Erfahrung, in seinem Buch ”Vom Sinn der Kinderkrankheiten”:

”Nun gibt es zwei Weisen, Wissen zu erwerben, einmal über das Begreifen, zum anderen über das Verstehen. Das Kriterium des Begreifens ist das Erfassen mit vorgegebenen Begriffsmitteln, wie z. B. mathematischen Kategorien, Zahl und Maß und eine Anzahl von Unterbegriffen. Durch klare Definition entsteht ein Katalog oder ein Lexikon von Einzelheiten, die sich von bestimmten Voraussetzungen ableiten lassen. Das verstandene Wissen hingegen gründet auf dem systemischen Zusammenhang der Voraussetzungen selbst. Erst durch das Verstehen des Sinnes und der Möglichkeit ist quasi grammatikalisch eine Urteilsfähigkeit gegeben. Schließlich müssen wir uns an die Tatsachen halten. Davon ist heute kaum die Rede.” Manfred von Ungern-Sternberg – Vom Sinn der Kinderkrankheiten – S.23

Aus diesen Zeilen geht hervor, ohne zwischen ihnen lesen zu müssen, welche Möglichkeiten dem Geist in die Wiege gelegt werden und warum immer mehr Datengräber entstehen, während Datengräberstimmung dort herrscht, wo die wahre Geschichte des Lebens in bare Münze umgewandelt und vermeintliche Komplexität mit Vereinfachungen in geordnete Bahnen gelenkt wird. Immer mehr Möglichkeiten der Systematisierung, auf Kosten von systemischen Tatsächlichkeiten.

Verstehen setzt Exformation voraus, zudem aber setzt Verstehen Erfahrungen voraus … und damit den direkten Austausch von Informationen, denn Leben ist tatsächliche Begegnung.

Bezogen auf die Geschichte des Lebens verstehen wir Menschen als Spezies immer weniger von dem, was diese eine Geschichte uns zwischen den Zeilen mitzuteilen hat, schließlich misslingt es uns zunehmend, unsere eigenen Kinder zu verstehen … doch wofür haben wir immer mehr Experten, die uns anhand neuester Datenerhebungen sagen können, was unsere Kinder brauchen und was mit ihnen nicht stimmt. Der Fluch einer flüchtigen Zeit, von Kindesbeinen an.

Die klassischen Krankheiten während des Wachstums von Kindern, einhergehend mit Fieber und Hauterscheinungen, lassen sich sehr bildhaft auf die Entwicklung der Erde übertragen. Den Kinderkrankheiten liegen ebenfalls Altlasten zugrunde, angesammelt durch das genetische und energetische Erbe der Eltern und durch den Verlauf von Schwangerschaft und Geburt. Die Auslöser der Erkrankungen liegen im unmittelbaren Umfeld des heranwachsenden Kindes, systemisch beschrieben im Buch ”Vom Sinn der Kinderkrankheiten”.

Wie man vergleichenderweise hier nachlesen kann, durchläuft auch unsere Erde einen derartigen Wachstumsprozess, Kinderkrankheiten inklusive, während etwas aus der Tiefe nach oben drängt und sich als ausgeprägte Symptome auf der Oberfläche zeigt. Wir nennen es flächenbedeckende Zivilisationen, zum Ausdruck gebracht durch den Abbau von Altlasten, während durch uns EINEN zeitgleich bereits zukünftige Neulasten geschaffen werden. Dabei ist dieser ausdrucksstarke Prozess eine Notwendigkeit, eben um die Befreiung von dieser Altlast zu ermöglichen … und nichts anderes machen Kinderkrankheiten, die umso mehr Angst und Schrecken verbreiten, je mehr man sich auf Daten verlässt, anstatt langjähriger direkter Erfahrungen zu vertrauen. Was Manfred von Ungern-Sternberg bezüglich der Entwicklung von Kindern beschreibt, die ihre Kinderkrankheiten im Laufe der Kindheit durchgemacht haben, lässt sich komplett auf die Entwicklung der Erde, und damit auch auf das Leben als Ganzes, übertragen, denn die Impfungen, die wir Kindern zukommen lassen, sind nichts anderes als die Datensätze, die immer mehr Informationen aus dem Kontext von Exformationen herausbefördern.

So betrachtet ergeht es der Menschheit im Ganzen wie einem einzelnen Kind. Beide durchleb(t)en ein Trauma und sind dem Schatten, welcher von Generation zu Generation weitervererbt wird, ausgesetzt. Was die Menschheit bis zum Höhepunkt ihrer Pubertät, dem Zenit, erlebt und durchmacht, gleicht der Kindheit der Kinder. In beiden Fällen spielt der technologische Fortschritt eine entscheidende Rolle, um sich der Schatten nicht stellen zu müssen, um sie zu leugnen, damit erst jenseits der Pubertät die Bewusstwerdung der wahren Hintergründe einsetzen kann. Daher auch die zunehmende Entfremdung von Exformation und Information, ist der Schatten doch das Kernproblem und das Trauma der Beginn des Lösungsweges, eingeleitet durch die Abnabelung von der Mutter bzw. von den ANDEREN, mit neuen Möglichkeiten, die den Eltern nicht zur Verfügung standen.

Unser Fortschritt dient der Vergangenheitsbewältigung der Menschheit. Es ist das Ausdrucksmittel des Prozesses, welcher durchlaufen werden muss, bevor Heilung letztendlich einsetzen kann. Daher auch die Kinderkrankheiten.

Typisch für die Pubertät ist, dass verwurzelte Erfahrungen, zuvor erwähntes verstandenes Wissen, in den Wind geschlagen werden. Nichts anderes widerfährt der Menschheit, unter anderem an der gesellschaftlichen Bedeutung der Impfungen oder der Kaiserschnitte zu erkennen … oder an den transhumanistischen Ideen, die in der Notwendigkeit des Natürlichen, des HARMONISIERENDEN, eine Bedrohung für uns Menschen sehen, so auch in den Kinderkrankheiten, oder in der von uns angenommenen Fehlerhaftigkeit unseres Genoms und unserer biologischen Beschränktheit:

”Every one of us was born into a fixed genetic endowment that is not of our choosing, not even of our parents’ choosing. In addition, we are each born unequal, with different (and often profoundly limited) physical, intellectual, and moral capabilities. And we are all subject to the limits of the ”human condition” in general, including the inevitability of death. Freedom from a fixed human nature that is conditioned by a particular historical path and is far from perfect will be the greatest and final freedom for humanity.[ … ]The freedom from human genetic bondage is in our hands. This is our frontier. Let us step forward with joy, courage, and responsibility.” Ted Chu – Human purpose and transhuman potential – S. 24-25

Doch der Mensch kann gar nicht ohne die ANDEREN sein, ist er selbst doch viralen und bakteriellen Ursprungs bzw. Ursprung des als Viren und Bakterien verkörperten ”Teils” des Gesamtbewusstseins. Geist entfaltet seine Möglichkeiten der Maximierung der Abgrenzung vom Leben als Ganzes und belügt sich somit selbst, wie es folgende Verhältnisse von Exformation und Information verdeutlichen:



  • Exformation verhält sich zur Information wie das Universum zur Erde, wie die Erde zum Erdkern, wie ein Körper zu seinen Organen, wie Organe zu ihren Zellen, wie Zellen zu ihren Zellkernen … wie das Gesamtbewusstsein zur Menschheit, wie das Terrain zur Karte, wie die Wirklichkeit zur Realität, wie Emotionen zu Gefühlen.
  • Solange Informationen im Rahmen der Exformation bleiben, liegt Kontext vor und Kohärenz ist möglich.
  • Komplexität ist besagtes Maß für gesprengte Rahmen und daraus folgender Entfremdung. Je ausgeprägter die Komplexität, desto mehr Daten können erhoben werden, um die entwurzelte Beziehung von Exformation und Information künstlich am Leben zu halten, wofür jedoch mehr und mehr Energie benötigt wird.

Zeigt sich in all diesen Dynamiken zwischen Exformation und Information nicht der scheinbare Fluch jenes Geschenks, von dem in den vorherigen drei Teilen der Schwarzmalerei die Rede war ? Zeigt sich die Bösartigkeit des Geistes nicht in der Systematisierung des Systemischen und damit in der Problematisierung des PROBLEMS ?

Was wäre unser Fortschritt, wenn es dieses energiereiche Geschenk, allen voran das Öl, nicht gäbe ? Wie stünde es dann um die Bewusstwerdung des Lösungsweges bezüglich des PROBLEMS ? Wie sähe es mit Big Data aus, wenn weder Holz, noch Kohle, noch Öl, oder aber Uran, verfügbar wären, um unseren Fortschritt anzufeuern ?

”Google’s tech is about commodifying the planet through unequal exchange of data, but it may have other affordances. Whereas all you can say about a business built on coal-fired power plants is that it has no future at all.”McKenzie Wark – Quelle

Bewusstsein ist der verantwortungsvolle Auftrag den Lösungsweg, über die Problematisierung des PROBLEMS, fortzuführen. Im Grunde aber ist Bewusstsein an sich nicht das Herausragende am Leben, sondern vielmehr die Bewusstwerdung im Streben allen Seins, in der Realisation aller bewussten Verkörperungen. Im aktuellen Universum ist die Menschheit das ”Mittel” zur Bewusstwerdung. Den ANDEREN wird dabei bewusst, was alles möglich ist, uns EINEN aber wird bewusst werden, was alles notwendig ist, damit die gemeinsame Bewusstwerdung allen verkörperten Lebens vollwertiger, intensiver, vollzogen werden kann, als jene, die zu jenem Bewusstsein geführt hat, von dem wir ALLE gemeinsam ”gestartet” sind. Dazu braucht(e) es den technologischen Fortschritt, dazu braucht(e) es das ”verfluchte” Geschenk, denn unser Fortschritt lässt wahren Fortschritt dort offensichtlich werden, wo unser Fortschritt nicht seinen eigentlichen, seinen von uns geplanten, Zweck erfüllt:

”Nuclear weapons are an example of the way science and technology can transcend their own horizon of origin and lead to precisely the opposite of what they were intended for when they were created.Other technologies, too, are transcended their horizon of origin – for example, the technology for conquering space led to the understanding of the life on our planet, and the technology for carrying out computations led to the knowledge that we cannot compute everything.” Tor Nörretranders – The user illusion – S. 404-405

Bewusstwerdung bedeutet zwischen den Zeilen zu lesen und ein Gefühl für das GANZE zu erspüren. Somit dient der technologische Fortschritt dem Offenbaren der Schatten, durch den Verlust verwurzelter Beziehungen. Menschliches Bewusstsein, wie jegliches Bewusstsein, benötigt Informationen, lässt sich aber mehr und mehr von den Möglichkeiten der Daten zu geistreichen Ideen verführen. So existiert die systematische Problematisierung des PROBLEMS als Verkettung von Trennungsängsten und Erwartungen, woraus sich zwangsläufig im Laufe der Zeit zu erwartende Trennungsängste und angstvolle Erwartungen ergeben und sich folgenschwer aneinanderketten. Der realisierte Weg ”zurück” zum eigentlichen Kern des Lebens, dorthin, wo Exformation und Information Eins sind, ist jedoch mitunter äußerst schmerzhaft und erfordert Vertrauen und Mut, sich in Wirklichkeit als die Bewusstwerdung wahren Fortschritts offenbarend. Diesbezüglich noch einmal, nein, dreimal, Tor Nörretranders:

”It is an acceptance, too, of the fact that because people know far more about each other than their consciousness knows, and because people do far more to each other than their consciousness knows about, it is not enough to decide on the right point of view and then convey it via the low bandwidth of language: One must simply do something that one believes is right to the depths of one’s organism. Because the effects are greater than we are conscious of.”Tor Nörretranders – The user illusion – S. 407”The religious philosopher Martin Buber belongs to the Hasidic movement that arose among Polish Jews in the 1700s. Its point is that union with the divinity is attained not by turning one’s back on the world but by going out into the world with one’s whole being, right in the middle of things. What is sacred is the enjoyment of life here and now. In his famous book Ich und Du (”I and Thou”), from 1923, Buber writes of God as ”the wholly Other” but also as ”the wholly Same, the wholly Present.” God changes and transforms, but is also ”the mystery of the self-evident, nearer to me than my I.””Tor Nörretranders – The user illusion – S. 411”The culture and civilization of consciousness has celebrated huge triumphs, but it also creates huge problems. The more power consciousness has over existence, the greater the problem of its paucity of information becomes. Civilization fills people with a lack of otherness and contradiction, which leads to the same kind of insanity we find in dictators surrounded by yes-men.[ … ]Consciousness does not contain much information, for information is otherness and unpredictability. Consciousness will find composure by acknowledging that people need more information than consciousness can supply. Man also needs the information contained in consciousness, just as we need a map to find our way around the terrain. But what really counts is not knowing the map – it is knowing the terrain.The world is far richer than we know from looking at a map of it. We ourselves are far richer than we know from looking at the map of ourselves.” Tor Nörretranders – The user illusion – S. 416-417

Für all diejenigen, die meinen Rahmen an Exformation nicht teilen bzw. auf die Schnelle informiert werden wollen, lasse ich James Clerk Maxwell meinen schwarzmalerischen Vierteiler folgendermaßen zusammenfassen:

”What is done by what is called myself is, I feel, done by something greater than myself in me.”

Entwurzelnder Geist ist böse und Energie hat Schuld daran … aber beide können nichts dafür, denn es kann nur realisiert werden was notwendig ist und was ermöglicht wird.

Dem wahren Fortschritt geht es dabei nicht darum, dass ein Lebewesen als Erster, als Bester, in die Geschichte eingeht, vielmehr geht es dem wahren Fortschritt um das Subtile in der Gemeinschaft. So kann weder Neid entstehen noch all die anderen Folgen geistiger Intervention, die reaktive Unordnung sich auftürmen lassen. Wahrer Fortschritt ist nur möglich, wenn sich Lebewesen eines gemeinsamen Raumes bewusst werden, in dem sie gemeinsame Zeit verbringen, von Angesicht zu Angesicht, so einen Rahmen schaffend, der Exformation hervorbringt. Technologischer Fortschritt kann das nicht leisten … aber dafür ist er ja auch weder gedacht, noch erdacht worden.

So nutze auch ich meine Texte um Exformation zu erschaffen, unter Einsatz von Energie, so verwurzelt wie mir möglich ist, im Rahmen des mir notwendig Erscheinenden. Dabei geht es nicht um Anerkennung, darum, besagter Erster zu sein, der vielleicht eine Theorie aufgestellt hat, die in unsere Geschichte eingehen wird. Nein, da ich mir des fehlenden Einklangs meines Rahmens mit den Rahmen der Leserschaft bewusst bin, sehe ich meine Arbeit, die ich jedoch nicht als solche empfinde, als Wegbereitung an, damit Andere aufgreifen können, was von mir bereits exformiert wurde. Reichlich Informationen habe ich so in den letzten fünf Jahren mittels des technologischen Fortschritts zusammengetragen, unzähligen Pfaden gleich, und als Datensätze in das Internet übertragen, tausende von DIN A4-Seiten breit. Doch wie steht es um die Tiefe ? Nun, ich vertraue ebenfalls auf das Subtile, welches die ANDEREN fortwährend vorleben. Denn, wie die Geschichte des Lebens es zeigt, kommt irgendwann immer ein Punkt, wo das Subtile ein weiteres Etappenziel auf dem gemeinsamen Lösungsweg des Lebens erreicht, jener zuvor erwähnte Evolutionssprung. In Wirklichkeit jedoch handelt es sich um das Interpretieren neuer Möglichkeiten innerhalb einer bestehenden Notwendigkeit, ist Bewusstwerdung doch nichts anderes als HARMONISIERUNG … es ist, als ginge einem der EINEN ein wesentliches Licht auf … so, wie es zu Beginn eines jeden neuen Tages den ANDEREN aufgeht, in der Chorgemeinschaft des Lebens.

”The world is deep: and deeper than day has ever comprehended.”
Nietzsche – Thus Spoke Zarathustra

”Great star! What would your happiness be, if you had not those for whom you shine! . . .
I must descend into the depths: as you do at evening, when you go behind the sea and bring light to the underworld too, superabundant star !”
Nietzsche – Thus Spoke Zarathustra

Die Sonne ist die Verbindung zwischen Exformation und Information. Sie ist der Informant des Lebens des aktuellen Universums und das Schlüsselloch im Tor zu den Sternen, dem morphogenetischen Feld. Jeder Stern eine Nervenzelle.

Im Kern der Erde jedoch steckt jenes Erbe der kosmischen Vorgenerationen, welches im aktuellen Kosmos ein Schattendasein fristet und böses Blut geistreich in Szene zu setzen vermag … der Stoff aus dem Familientragödien hervorgehen.

Besagtes Erbe bringt all die Möglichkeiten hervor, mit denen der pubertäre Expansionsdrang des technologischen Fortschritts realisiert werden kann. Dieses Erbe ist die dunkle Sonne, ein noch bestehendes Kernproblem, welches sich zum Trauma der Menschheit, der Abnabelung vom Gesamtbewusstsein, gesellt. Egal, welche Theorie was über den Kern der Erde besagt, ob flüssiges Eisen-Nickelgemisch, ob Plasma, oder Kernfusion, jede Vorstellung vom Kern erscheint immerzu im Licht der Exformation des zugehörigen Rahmens der gewohnten, gesellschaftstauglichen Betrachtungsweise.

”The sensations we drink from the black sun afflict us as ruinous passion, skewering our senses upon the drive to waste ourselves.” Nick Land – The Thirst for Annihilation: Georges Bataille and Virulent Nihilism. – S. 29

Ja, was wäre der Fortschritt ohne Öl wirklich wert ?

Was wäre der Mensch ohne Viren und Bakterien bzw. ohne das Bewusstsein, welches sie verkörpern ?

Was wäre das Leben ohne jene Biosphäre, die, tief im Innern der Erde, sich dem Sonnenlicht entzieht und sich stattdessen vom Öl ernährt, wie es Thomas Gold in seinem Buch ”The deep hot biosphere” beschreibt und auch anderswo für Erstaunen sorgt ?

Wo das Leben als Ganzes seine Wurzeln hat, dürfte immer deutlicher werden. Noch deutlicher aber wird, was das für die Biozentrik des Universums bedeutet … und für die ”Anfänge” des Gesamtbewusstseins, als dieses Universum noch in den Kinderschuhen steckte … und zwar in den Kinderschuhen der Menschheit !

Kein Wunder also, dass wir immer tiefer graben und bohren müssen, um jenes Trauma tatsächlich zu verstehen, welches uns seit unserer gemeinsamen Kindheit in Form geistiger Errungenschaften verfolgt, uns so immer gesellschaftsfähiger werden lassend, jedoch immer unfähiger der Gemeinschaft des Lebens als Ganzes verantwortungsvoll zur Seite zu stehen … denn woher sonst kommen so obskure Ideen wie f***ing fracking !?

Peter Gabriel – Digging in the dirt

Something in me, dark and sticky
All the time it’s getting strong
No way of dealing with this feeling
Can’t go on like this too long

Teil 1, 2 und 3:

Teil 1 … Schwarze Pflanzen als Zeichen des Fortschritts

Teil 2 … Schwarzes Gold als Zeichen der Verbundenheit

Teil 3 … Finstere Gedanken aus Mittelerde


Quelle: faszinationmensch.com

Autor: Guido Vobig

Beitragsbild: The Ghost in the Escalator – www.piqs.de