Beiträge

Über die Mythen der Konkurrenz

von Martin Bartonitz

Wer sich einer Beschäftigung oder Beziehung ganz hingibt, braucht keine Konkurrenz, um eine gute Leistung zu erzielen. Eine Sache gut machen zu wollen und besser sein zu wollen als andere, sind zwei grundverschiedene Dinge.

Die Auguren unserer Wirtschaft tragen die Konkurrenz wie eine Monstranz vor sich her. Ohne Konkurrenz keine Motivation fortzuschreiten, so tönt es seit ich denken kann. In den letzten Jahren sehen wir aber vermehrt Firmen zumindest in ihrer inneren Organisation auf Kooperation zu setzen. Neudeutsch hören wir auch von Kollaboration. Aber auch die Zusammenarbeit mit den Kunden kommt mittels Open Innovation voran. Stehen wir vor einem Paradigmenwechsel? Sehen wir eine Verlagerung des Schwerpunkts, weg vom Konkurrieren hin zum Kooperieren?

Weisen unsere Krisen auf das Ende einer Ära hin?

Spätestens mit Beginn unserer Finanzkrise 2008 kamen mir mehr als starke Zweifel, ob das Konkurrieren wirklich das allein Seeligmachende in unserer Welt ist. Ich sehe inzwischen deutliche Zeichen dafür, dass es der Grund für unsere immer weiter sich verstärkenden Krisen ist. Als Krisen hatte u.a. Conny Dethloff das Zins-basierte Geldsystem angeschaut, Dr. Andreas Zeuch gab uns einen Blick in unser beängstigendes Nahrungsmittelsystem, und auch ein Blick auf unsere Gesundheit ließ Böses erahnen. Da haben wir noch nicht über den ungebremsten Raubbau an unseren Ressourcen gesprochen, und auch nicht über die Verrohung unserer Gesellschaft.

Konkurrenz und Kooperation

Klar scheint, dass im Menschen beide Veranlagungen für das Überleben angelegt sind. Während die Konkurrenz für die Fortpflanzung wichtig ist und sich dabei das Imponieren zur Darstellung von Fitness für die Partnerwahl bemerkbar macht[1], dient die Kooperation dem Überleben der Gruppe, indem Lösungen zur Minimierung von Gefahren gemeinsam erarbeitet werden.

Kooperation muss einen Vorteil haben, denn sonst wären die Einzeller wohl nie auf die Idee gekommen, sich zu so komplexen Wesen wie dem Menschen zusammenzuschließen. Zumindest, wenn wir vom Ansatz der Evolution ausgehen. Wenn wir der Idee der Holons folgen[2], so müsste sich am Ende die Menschheit als Gesamtorganismus verstehen. Wie sich in unserem Körper nicht die Zellen gegenseitig bekämpfen – nur der Krebs tut dies und führt bekanntlich ungebremst zum Tod – sollten wir Individuen auch in der Lage sein, uns gemeinsam um das Überleben des Gesamtkörpers zu kümmern. Technisch sind wir dazu längst in der Lage, nur fehlt mir noch der Schritt des pubertierenden Menschen in sein Erwachsensein auszustehen.

Mythen der Konkurrenz nach Christian Felber

Auch viele der Artikel hier auf dem Blog haben sich damit beschäftigt, wie Probleme gemeinsam gelöst werden können. Ein weiteres Indiz ist die Zunahme an Literatur zum Thema. Aus einem dieser Bücher, aus “Kooperation statt Konkurrenz: 10 Schritte aus der Krise” von Christian Felber [⇒ zu seiner Webseite] möchte ich gerne die von ihm genannten fünf Mythen der Konkurrenz kurz vorstellen:

Mythos 1: Der Mensch neigt von Natur aus zur Konkurrenz

Christian_Felber_Kooperation_statt_Konkurrenz_10_Schritte_aus_der_KriseEs gibt keine Hinweise, dass unsere Gene dafür sorgen, ob wir eher konkurrierend oder kooperierend unsere Ziele verfolgen. Die Muster, nach denen wir handeln, seien allein kulturell vermittelt und daher wäre es unser eigener Wille, welchem Prinzip wir den Vorzug geben. Er weist als Beispiel auf die 30.000 Menschen in Deutschland hin, die ehrenamtlich in den Tafeln unterstützen. Ich möchte noch ergänzend auf einen Artikel der Süddeutschen hinweisen, der das Ehrenamt gar als “Kitt der Gesellschaft” erachtet.

Mythos 2: Konkurrenz führt zu hoher Leistung

Neun von zehn Studien zeigten inzwischen, dass mit Kooperation höhere Leistungen erzielt würden. Den Unterschied mache die Art der Motivation. Während Menschen in Kooperation intrinsisch (von innen kommend) motiviert sind, weil sie Wertschätzung erfahren, auf Vertrauen aufgebaut wird und daher klar “Dein Erfolg ist mein Erfolg” erkannt wird. Dagegen setzt Konkurrenz auf extrinsische (manipulierend) Motivation, basierend auf  Angst und Druck, was sich in negativem Stress niederschlägt. Hören wir Herrn Felber direkt dazu:

Je stärker ich meine Aufmerksamkeit darauf lenke, wie gut ich im Vergleich zu meinen Konkurrenten bin, desto weniger kann ich mich auf die eigentliche Tätigkeit konzentrieren und darin aufgehen. Wer sich einer Beschäftigung oder Beziehung ganz hingibt, braucht keine Konkurrenz, um eine gute Leistung zu erzielen. (Eine Sache gut machen zu wollen und besser sein zu wollen als andere, sind zwei grundverschiedene Dinge.)

Mythos 3: Konkurrenz macht Spaß

Hier wird der sportliche Wettkamp ins Feld geführt, um den Spaß zu begründen. Wer selbst Sport gemacht hat (ich war u.a. 4 Jahre Leistungsschwimmer), würde sich gut erinnern, wie wenig Spaß es macht, nach all den Trainingsmühen nicht auf dem Treppchen zu stehen. Und da stehen bekanntlich nur ganz Wenige. Und auch diese bekommen anschließend noch etwas wenig Schönes zu spüren, selbst von den engsten TrainingskollegInnen: den Neid. Sportler würden sich mit negativen Gefühlen wie Verbissenheit, Selbstzweifel, aber auch Anerkennungsverlust herumschlagen. Studien zeigten: wenn Kinder die Wahl haben, so spielen sie lieber Spiele, in denen niemand verliert.

Mythos 4: Konkurrenz wirkt charakterbildend

Herr Felber weist auf die Unterschiede von Charakteren hin. Wettbewerbsstarke Menschen, die sich gegenüber anderen (auch rücksichtslos) durchsetzen können, also zielstrebig in ihrer Karriere nach oben sind, zeigen deutlich weniger Empathie, sind weniger sozial eingestellt, sprich neigen weniger zu Hilfeleistungen für andere. Sympathieträger seien diese Menschen eher nicht. Die Psychologin Karen Horney stelle fest:

Wettbewerbsorientierung führt zu Neid gegenüber Stärkeren, zu Verachtung gegenüber Schwächeren und zu generellem Misstrauen gegenüber allen.

Mythos 5: Konkurrenz stärkt das Selbstwertgefühl

Christian_Felber_Kooperation_statt_KonkurrenzHier sieht Herr Felber (siehe Foto) genau das Gegenteil vorliegen:

Wer Wettbewerb braucht, um sich gut zu fühlen, dem mangelt es offenbar an Selbstwert. Sie oder er fühlt sich nicht wert, ohne besser zu sein als jemand anderer. … Wenn wir ein Verhalten als ungesund bezeichnen, weil es Defizit-motiviert ist oder auf ein geringes Selbstwertgefühl zurückzuführen ist, dann ist gesunder Wettbewerb ein Widerspruch in sich.

Fast alle Studien würden ausnahmslos zeigen, dass kooperative Lebensbedingungen zu mehr Selbstwertgefühl führt als in konkurrierenden.

Sein Fazit, und dem möcht ich mich auf Grund eigener Erfahrungen gleich anschließen:

Wettbewerb [gegenüber anderen] ist ein hochgradiges Charakter-, Beziehungs- und Gesellschaftsgift.

Schließen möchte ich mit einem Zitat von Prof. Gunter Dueck [3]:

Pflicht ist, unter Zurückstellung eigener Neigungen

nach eigener Höchstleistungen zu streben

und die Erwartungen der Eltern und vor allem der Lehrer

und Vorgesetzten überzuerfüllen.

Wer das tut, den versetzen, befördern, bezahlen wir.

Wer sich nicht dafür aufopfert, muss gehen

oder in prekären Zuständen leben

von Dr. Martin Bartonitz


Quelle: Initiative WirtschaftsDemokratie > Artikel

[1] Siehe Darwins zweite Theorie: die sexuelle Selektion – Wikipedia

[2] A Brief History of Holons by Mark Edwards – Quelle

[3] Aus: Der schöpferische Imperativ: Gunter Dueck at TEDxRheinMain – Quelle

Die Initiative WirtschaftsDemokratie (/Selbstorganisation) ist ein Open Source Projekt zur Unterstützung des Kulturwandels in unseren Unternehmen. Wie Studien zeigen, sind über 80% der Angestellten in Unternehmen und Organisationen emotional nicht an ihren Arbeitgeber gekoppelt. Damit schieben sie Dienst nach Vorschrift. Und am Ende haben sie innerlich gekündigt.

Die Unterstützer dieser Initiative sind davon überzeugt, dass die Unternehmer viel erfolgreicher sein können, wenn sie das Potential dieser 80% quasi verlorener Mitarbeiter heben. Dieses Blog soll mit Informationen über neueste Erkenntnisse und neue Methoden der Organisation aufzeigen, wie ein Kulturwandel vollzogen werden kann, der zu mehr Innovation und damit Erfolg führen wird. Darstellungen gelebter Praxis der neuen Arbeitskultur sollen Lust zum Mitmachen entfachen.

Über mich / Dr. Martin Bartonitz

Mitinitiator der Initiative Wirtschaftsdemokratie. Geboren 1958 und aufgewachsen in Dortmund, am Rande des Kohlenpotts, einem Schmelztiegel während der Gründerzeit eingewanderter Menschen. 1992 nach der Promotion in experimenteller Physik gewechselt von der Messprozess- in die Geschäftsprozesssteuerung. Mit Blick auf die Erfahrungen in der Optimierung der Effizienz von Prozessen in der Bürowelt kam in den letzten Jahren immer mehr die Erkenntnis: Das Business machen die Menschen. Und wenn nur nach der Effizienz geschaut wird, dann wird auch noch die letzte Motivation in den Unternehmen zerstört. Daher sollten Organisation und auch die eingesetzte Software die Menschen in ihrer Kreativität unterstützen und sie nicht knechten. Selbstbestimmheit statt Fremdbestimmung sollte uns den nächsten Schub in unserer gesellschaftlichen Entwicklung bringen. Aufgrund dieser Überzeugung schreibe ich hier mit.

Kontakt: Webseite | Facebook | Twitter | Kritisches-Netzwerk | Reflektion

Bild- und Grafikquellen:

1. Kooperation und Teamgeist (Beitragsbild). Foto: Peter Draschan Quelle: Pixelio.de

2. Buchcover “Kooperation statt Konkurrenz: 10 Schritte aus der Krise” von Christian Felber

3. Christian Felber. Pressefoto: Jose Luis Roca

In Verbundenheit von

Kritisches Netzwerk  und  FaszinationMensch

Strategien der Manipulation

von Caillea

Ein Beitrag auf Freiwillig-Frei hat mich dazu veranlasst, hier noch einmal auf das Thema Manipulation, gerade in Bezug auf die gestrige Europawahl und deren Ergebnisse, einzugehen. Der Autor nimmt hier Bezug auf einen Text von Sylvain Timsit  “10 Strategien der Manipulation”. Gemeint sind Strategien zur Lenkung ganzer Bevölkerungen. Bezüglich dieser “Strategien” kursieren noch weitere Namen von Urhebern dieses Textes im Internet. Unsere eigenen Recherchen haben alle anderen genannten Autoren als definitive Falschmeldungen eingestuft. Alle weiteren Texte auf der Webseite des Autors sind bezüglich der Bilder und Fakten schwer nachprüfbar, daher distanzieren wir uns erst einmal davon, da wir Wert auf Qualität legen.

Diese Strategien, aus 2011 stammend, sind relativ schlicht, plausibel und gut beobachtet und haben von ihrer Präsenz nichts verloren. Hier dürfte jeder zustimmen, der sich auch außerhalb der Mainstream-Medien informiert, welche mit ihren fragmentierten, verkürzten, häufig rahmenlosen und teilweise fragwürdigen Themen aufwarten und keine wirkliche Grundlage für Wissensbildung im Weltgeschehen darstellen.

Menschen, welche glauben, dass es in der Gesellschaft kein Machtzentrum, keine Elite, keine Herrschaft gibt, sondern viele unterschiedliche Gruppierungen, welche die grundlegenden Interessen der Mehrheit darstellen, werden diese voraussichtlich ablehnen. Weiterhin möchte ich in diesem Beitrag auf das Buch von Wolfgang R. Grunewald “Die erfolgreichsten Gehirnwäschetechniken der Globalisierungs-Fanatiker – Ein Psychogramm der Westlichen-Werte-Demokratie” eingehen, der eindrucksvoll beschrieben hat, wie wir alle dem Einfluss von Suggestionen unterliegen und die “10 Strategien der Manipulation” mit Beispielen ergänzen.

Beide Autoren zeigen auf, wie die Gesellschaft beeinflusst wird und welche Informationen für relevant gehalten werden. Da Information immer zu Wahrnehmung führen und Wahrnehmung die Grundlage jedes Handelns ist, begründet Information letztendlich auch die soziale Realität. Ebenso den Wandel dieser.

1. Kehre die Aufmerksamkeit um

600992_web_R_by_Helene Souza_pixelio.deDas Schlüsselelement zur Kontrolle der Gesellschaft ist es, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf unwesentliche Ereignisse umzulenken, um sie von wichtigen Informationen über tatsächliche Änderungen durch die politischen und wirtschaftlichen Führungsorgane abzulenken. Jene Strategie ist der Grundstein, der das Basisinteresse an den Bereichen Bildung, Wirtschaft, Psychologie, Neurobiologie und Kybernetik verhindert. Somit kehrt die öffentliche Meinung dem wirklichen gesellschaftlichen Problemen den Rücken zu, berieselt und abgelenkt durch unwichtige Angelegenheiten. Schaffe es, dass die Gesellschaft beschäftigt ist, beschäftige sie, beschäftige sie so, damit sie keine Zeit hat über etwas nachzudenken, entsprechend dem Level eines Tieres.

Sonderangebote im Supermarkt, wie hat die Fußballmanschaft meiner Wahl gespielt, Liebesaffären von Promis, Big Brother, Deutschlands Top-Modell und Dschungelcamp u.v.a.m. spielen im Leben von vielen Menschen eine wichtige Rolle. Nehmen wir mal bewusst wahr, was in unserem Umfeld für eine Themenauswahl stattfindet in Bezug auf TV, Radio, Zeitung (Papier oder digital), Facebook und anderen “sozialen” Netzwerken oder auch Gesprächen mit Menschen die wir kennen. Spätestens dann sollte uns auffallen, dass man hier von einer “Verkehrung” der Dinge sprechen kann, vor allen Dingen, wenn wir mal die letzten 10 bis 15 Jahres unseres Lebens Revue passieren lassen. 

Durch diese Ablenkung kann die Demontage der Bürgerrechte erfolgen und Folter, Drohnenmassenmorde und Geheimkriege, fortschreitende Verankerung von Krieg, Rassismus, Prekarisierung in die Normalität übernommen werden.

2.  Erzeuge Probleme und liefere die Lösung

Diese Methode wird die „Problem-Reaktion-Lösung-Methode“, oder in Fachkreisen auch “Framing” genannt. Es wird ein Problem bzw. eine Situation geschaffen, um eine Reaktion bei den Empfängern auszulösen, die danach eine präventive Vorgehensweise erwarten. Verbreite Gewalt oder zettle blutige Angriffe an, damit die Gesellschaft eine Verschärfung der Rechtsnormen und Gesetze auf Kosten der eigenen Freiheit akzeptiert. Oder kreiere eine Wirtschaftskrise um eine radikale Beschneidung der Grundrechte und die Demontierung der Sozialdienstleistungen zu rechtfertigen.

Es werden Gesellschaftsprobleme geradezu fabriziert, um in der Bevölkerung ein spezifisches Orientierungsbedürfnis hervorzurufen, welches dann eine Lösung in die von Anfang an gewünschte Richtung ermöglicht. Die Finanzierungsbasis der meisten Staaten, die zunehmend durch die Finanzeliten zerstört wurde, wodurch die öffentlichen Schulden in die Höhe schnellten, wurden unter Schützenhilfe der Medien und der Unternehmerlobbies dazu genutzt, die nötige Angst zu erzeugen, um falsche Lösungen in Form von z.B. Schuldenbremsen durchzusetzen. Diese Lösungen führen dann zu neuen Problemen, wie z.B. Finanzierungsengpass, Wirtschaftsstagnation, weiterer Staatsschuldenanstieg. Diese Folgen werden dann wiederum durch Privatisierungskonzepte gelöst, um das Einflussfeld des Privatkapitals zu erhöhen.

3. Stufe Änderungen ab

Verschiebe die Grenzen von Änderungen stufenweise, Schritt für Schritt, Jahr für Jahr. Auf diese Weise setzte man in den Jahren 1980 und 1990 die neuen radikalen sozio-ökonomischen Vorraussetzungen durch (Neoliberalismus): Ein Minimum an Zeugnissen, Privatisierung, Unsicherheit, und was der nächste Tag bringt, ist Elastizität, Massenarbeitslosigkeit, Einfluss auf die Höhe der Einkünfte, das Fehlen von Garantie auf gerechte Lohnarbeit.

Die Wahrnehmbarkeit politischer Veränderungsprozesse hängt von deren Abstufung ab. Die Ökonomisierung aller Lebensbereiche wurde und wird nicht von heute auf morgen, sondern schrittweise eingeführt, damit die einflussreichen Institutionen über Generationen hinweg kulturell sedimentiert werden, wenn schließlich das Kosten-Nutzen-, Markt- und Managementmodell zum totalen Gesellschaftsprinzip werden soll. Im kleineren Maßstab kommen Inflationstricks durch Nicht-Steigerung von Nominalbeträgen z.B. des Rentenniveaus und Löhnen zur schleichenden Anwendung.

4. Aufschub von Änderungen

454392_web_R_K_by_Marco Barnebeck_pixelio.deDie folgende Möglichkeit auf Akzeptanz einer von der Gesellschaft ungewollten Änderung ist es, sie als „schmerzhaftes Muss“ vorzustellen, damit die Gesellschaft es erlaubt, sie in Zukunft einzuführen. Es ist einfacher zukünftige Opfer zu akzeptieren, als sich ihnen sofort auszusetzen. Zudem hat die Gesellschaft die naive Tendenz negative Veränderungen mit einem „alles wird gut“ zu umschreiben. Diese Strategie gibt den Bürgern mehr Zeit sich der Änderung bewusst zu werden und die Akzeptanz in eine Art der Resignation umzuwandeln.

Sollen Verschlechterungen der Bedingungen für einen Großteil der Bevölkerung eingeführt werden, müssen die dazu nötigen Faktoren frühzeitig bekannt gemacht werden. Solange es noch nicht akut ist, wird die Zivilgesellschaft kaum reagieren, um die Behauptungen zu überprüfen. Werden dann Verschlechterungen eingeführt, gelten diese als “alternativlos”. Dies führt wiederum dazu, dass die Bevölkerung dies nicht als Demokratieabbau empfindet, sondern im Vertrauen auf “Mutti” verharrt und die menschliche Tendenz “Sie passt schon auf uns auf.” zum Tragen kommt.

5. Sprich zur Masse wie zu kleinen Kindern

672943_web_R_K_by_Stefan Bayer_pixelio.deDie Mehrheit der Inhalte, die an die Öffentlichkeit gerichtet werden, wird durch Art und Weise der Verkündung mißbraucht; sie sind manipuliert durch Argumente oder sogar durch einen gönnerhaften Ton, den man normalerweise in einer Unterhaltung mit Kindern oder geistig behinderten Menschen verwendet. Je mehr man seinem Gesprächspartner das Bild vor den Augen vernebeln will, umso lieber greift man auf diese Technik zurück. Warum? Wenn du zu einer Person sprichst, als ob sie 12 Jahre alt wäre, dann weil du ihr genau das suggerieren möchtest. Sie wird mit höchster Wahrscheinlichkeit kritiklos reagieren oder antworten, als ob sie tatsächlich 12 Jahre alt wäre.

Unangenehme Inhalte werden gerne von der Politik als “Nullbotschaft” verkündet. Es wird verklausuliert, fehlbetont, so dass jeder Beliebiges in das Gesagte hineininterpretieren kann. In der Regel werden diese Botschaften nicht hinterfragt. Muss die Bevölkerung allerdings direkt angesprochen werden, so wird häufig eine schlichte Sprache, die auf relevante Details verzichtet und in gönnerhaftem Ton, verwendet. Das Ergebnis ist dann die Nicht-Hinterfragung und vertrauensselige Hinnahme.

6. Konzentriere dich auf Emotionen und nicht auf Reflexion

Der Missbrauch des emotionalen Aspektes ist eine klassische Technik um eine rationale Analyse und den gesunden Menschenverstand eines Individuums zu umgehen. Darüber hinaus öffnet eine emotionale Rede Tür und Tor Ideologien, Bedürfnisse, Ängste und Unruhen, Impulse und bestimmte Verhaltensweisen im Unterbewusstsein hervorzurufen.

Inszenierungen einer heilen Welt werden kunstvoll drapiert. Pflichtbewusste Ausstrahlung der z.B. mütterlichen Physiognomie von Frau Merkel, welche die Labels “Modernität”, “Nachhaltigkeit” und “Verantwortung” assoziiert, führen dazu, dass sie trotz langfristiger und systematischer Verprellung der Mehrheit leider weiterhin von der Mehrheit gewählt wird. Wettbewerbsfähigkeit und Bevölkerungskonkurrenz werden zum obersten Leitmotiv der Menschheit und ebenso werden deutsche Panzerlieferungen an Diktaturen zwecks Aufstandsunterdrückung zum Normalfall deklariert.

7. Versuche die Ignoranz der Gesellschaft aufrechtzuerhalten

448212_web_R_by_TiM Caspary_pixelio.deDie Masse soll nicht fähig sein, die Methoden und Kontrolltechniken zu erkennen. Bildung, die der gesellschaftlichen Unterschicht angeboten wird, soll so einfach wie möglich sein, damit das akademische Wissen für diese nicht begreifbar ist.

Ignoranz kann sowohl das Nicht-Wissen, als auch das Nicht-Wissen-Wollen umfassen. Gerade das Nicht-Wissen-Wollen führt dazu, dass sich ein Großteil der Bevölkerung komplett aus den Umfeldern fernhält. Um sich selbst in einer gewissen “Sicherheit” zu halten, werden Formeln wie “Es bringt doch eh nichts!”, “Was kann man hier schon tun?”, benutzt. So wird das vermeintlich sichere Umfeld geschützt, so dass beunruhigende Veränderungen, “außen” gelassen werden können. Dies sind durchaus menschliche Verhaltensmuster, die gerne von staatlicher und kapitalistischer Seite zum Nachteil der Bevölkerungsmehrheit ausgenutzt werden.

Ein weiterer Punkt sind die enormen Wissenslücken in ökonomischen Belangen. Was ist Geld und wie funktioniert der Geldkreislauf? Wie hängen Löhne und Produktivität in einer Volkswirtschaft zusammen? Warum gibt es Massenarbeitslosigkeit und wie wirkt sich diese innerhalb einer Gesellschaft aus? Diese Unwissenheit wird gerade von der Politik extrem ausgenutzt, um einschneidende Veränderungen von gesamtgesellschaftlicher Tragweite einzuführen – “Das kostet Arbeitsplätze.”, “Wir können uns den Sozialstaat nicht mehr leisten.”, “Die Wettbewerbsfähigkeit muss gesteigert werden!” usw.

Systematische  Ignoranz wird durch privatwirtschaftlichen Lobbyismus, durch mediale Verblödung oder auch durch zunehmende Einkommenskonkurrenz und Statusängste gefördert.

8. Entfache in der Bevölkerung den Gedanken, dass sie durchschnittlich sei

Erreiche, dass die Bürger zu glauben beginnen, dass es normal und zeitgemäß sei dumm, vulgär und ungebildet zu sein.

Die Eliten haben immer Angst, dass trotz ablenkender und verschleiernder Techniken dennoch ein Teil der Menschen sich für gesamtgesellschaftliche, politische und machtbezogene Entwicklungen interessiert und vor allen Dingen informiert, um andere auf Systemverbrechen aufmerksam machen zu können. Also wird versucht, den Menschen die “richtige” Haltung beizubringen, um die brisanten Informationen auf unfruchtbaren Boden fallen zu lassen.

Arbeiten, konsumieren, massengefertigte Waren und Unterhaltungsangebote sind wahrzunehmen um sich im kleinen ein einfaches und doch schönes Leben leisten zu können. Daraus besteht die genormte Realität, die die Menschen anzunehmen haben. Es wird suggeriert: “Kümmert Euch nicht um derart gehobene Probleme! Wir haben dafür Experten, welche das entsprechende Wissen haben! Es hat nichts mit eurem Leben zu tun!”

9. Wandle Widerstand in das Gefühl schlechten Gewissens um

Erlaube es, dass die Gesellschaft denkt, dass sie aufgrund von zu wenig Intelligenz, Kompetenz oder Bemühungen die einzig Schuldigen ihres Nicht-Erfolges sind. Das „System“ wirkt also einer Rebellion der Bevölkerung entgegen, indem dem Bürger suggeriert wird, dass er an allem Übel schuld sei und mindert damit dessen Selbstwertgefühl. Dies führt zur Depression und Blockade weiteren Handelns. Ohne Handeln gibt es nämlich keine Revolution!

Stéphan Hessel, der berühmte Kämpfer der Résistance und Mitverfasser der Menschenrechtserklärung forderte in einem kleinen Buch auf: “Empört Euch!” Er zielte auf die diskriminierenden, antisozialen und machtkonzentrierenden Verhältnisse unserer Zeit ab, wie sie die Zivilisation tiefgreifend bedrohen, und plädierte hierbei für eine engagierte und informierte Lebenshaltung, die auch auf Mittel des zivilen Ungehorsams zurückgreift.

Um diese Haltung zu sabotieren wird das Mittel eingesetzt, den Menschen ein schlechtes Gewissen einzureden und sie dadurch zu lähmen. So werden “Gutmenschen” geschaffen. Diese Botschaft lässt sich in den TV-Formaten beobachten, Slogans wie “Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt.” oder die Etablierung von abwertenden, strafenden und künstlich verknappenden Sozialsystemen, wie z.B. Hartz IV. Solche Botschaften werden immer von einer öffentlichen Hetzerei gegen die sozial Benachteiligten begleitet und haben somit auf große Teile der Bevölkerungen Einfluss. Diese Atmosphäre entsolidarisiert, indem jede oder jeder in Bezug auf sich selbst oder seine Mitmenschen zum schlechten Gewissen aufgerufen wird. Lieber sollten sich alle in ihr Nahumfeld zurückziehen und “anständig” leben und seine Leistung bringen.

10. Lerne Menschen besser kennen, als sie sich selbst es tun

Foto: pepsprog  / pixelio.deIn den letzten 50 Jahren entstand durch den wissenschaftlichen Fortschritt eine Schlucht zwischen dem Wissen, welches der breiten Masse zur Verfügung steht und jenem, das für die schmale Elite reserviert ist. Dank der Biologie, Neurobiologie und der angewandten Psychologie erreichte das „System“ das Wissen über die menschliche Realität im physischen als auch psychischen Bereich. Gegenwärtig kennt das „System“ den Menschen, den einzelnen Bürger, besser als dieser sich selbst und verfügt somit über eine größere Kontrolle des Einzelnen.

“Wissen ist Macht” und während die Bevölkerung im Unwissen gehalten wird, streben die Eliten danach so viel wie möglich an Wissen anzuhäufen, denn sie haben auch die entsprechenden finanziellen Ressourcen dazu. Über jeden Menschen auf der Welt werden Daten über sein Verhalten in jeglichen Situationen gesammelt, um Situationen und Verhaltensweisen voraussagen zu können, die Kontrolle wird dadurch noch größer. Edward Snowden hat hier große Dienste geleistet und zumindest Diskussionen angestoßen.

Diese 10 Punkte sind Bestandteil eines Programms welches man NLP – Neuro-Linguistisches Programmieren – nennt. Dieses wird eingesetzt, um möglichst große Teile von Bevölkerungen der ganzen Welt, in die von den Eliten gewünschte Richtung zu manipulieren. Denkmuster und Wahrnehmungen werden so verändert und somit ist man sicher, dass Systemkritiker und Menschen, welche sich umfassend informieren, nur in kleinen “Mengen” auftreten. Auch sie sind einkalkuliert und somit auch Bestandteil des Systems. Dies ist nur wenigen klar.

Das Buch von Wolfgang R. Grunewald gibt Aufschluss darüber, wie NLP funktioniert und was man dagegen tun kann. Das Buch liest sich wie ein Horror-Roman. Man kann sich kaum vorstellen, dass so etwas möglich ist und doch kommen einem viele Situationen bemerkenswert bekannt vor.

Er schreibt selbst: Warum dieses Buch? Und – für wen?

Die erfolgreichsten Gehirnwäsche-Techniken

Die Abschöpfung von Steuermitteln in vierstelliger Milliardenhöhe zur Fütterung von Spekulanten, der Angriff auf die Sparergroschen und die Orwellschen-Polizeistaat-Aktivitäten der totalen Überwachung führen zu Fragen.

Der Glaube der Deutschen und Europäer in die Kompetenz und den Willen des politischen Systems, Probleme lösen zu wollen und zu können, schwindet von Jahr zu Jahr. Manch einer glaubt daher:

„Das System hat keine Fehler – sondern ist der Fehler!“

Dieses Buch wendet sich an Menschen, die die psychologischen und insbesondere die Strategien von NLP (= Neuro-linguistische Programmierung) kennen lernen möchten – und zwar aus einer völlig neuen Perspektive. Mit Fragen, die so noch niemals gestellt wurden. In der Regel werden NLP-Methoden eingesetzt, um die eigenen Wahrnehmungs- und Kommunikations-Fähigkeiten, den eigenen Zustand und die Gefühlslage zu verbessern oder auch den kommunikativen Umgang mit anderen. Z.B. im Verkauf oder der Mitarbeiterentwicklung.

In diesem Buch werden folgende Fragen beantwortet:

„Welches Bild von der Welt habe ich eigentlich? Und warum?“

Warum werden Meta-Glaubenssätze als Naturereignis betrachtet und kaum hinterfragt?

In NLP ist die Arbeit mit Glaubenssätzen, Glaubenssystemen und Werten also „Überzeugungen“ ein wichtiger Bereich. Glaubenssätze, die „von außen“ kommen, werden als gegeben – als Naturereignis betrachtet und kaum hinterfragt. Diese Meta-Glaubenssätze stammen – jenseits der persönlich-familiär-beruflich erlebbaren Ebene – aus Medien, Politik und Wirtschaft.

Beispiele: „Die Westliche-Werte-Demokratie und das Finanz-System sind großartig – und vorbildhaft für die ganze Welt“ oder „Das Mullah-Regime in Iran ist irre“.

Diese Meta-Glaubenssätze haben die Eigenart, daß sie der einzelne aus seiner Erlebniswelt mit seinen Wahrnehmungskanälen in der Regel in ihrem inneren Wahrheitsgehalt nicht überprüfen kann. Wer saß schon auf dem Schoß von Angala Merkel oder Hussein Obama? Sie werden so kaum reflektiert – aber dennoch integriert in das eigene Denken und Fühlen. Und das hat erhebliche Auswirkungen auf die Denk-, Werte- und Gefühlswelt eines jeden einzelnen von uns. So schafft und suggeriert damit das bestehende politische System im Ergebnis erst eine bestimmte Vorstellung von der Welt (Modell von Welt) – von dem dann der Bürger glaubt, diese Vorstellung sei seine ureigene. Dieses Modell von Welt produziert gleichzeitig „Gefühls-Zustände“ im einzelnen Bürger, die dann die Medien uns als „Zeitgeist“ verkaufen.

Viele gingen bisher davon aus, daß dieses demokratische System die Lebensinteressen der Menschen und Völker und der Unternehmen vertritt, die reale Güter schaffen.

Die Desillusionierung – ausgelöst durch Bürgschaften des Parlaments, der Bundesbank u.a. für ausländische Finanzkreise in Höhe von mehr 1.100 Milliarden Euro und die Orwellsche Überwachung greift aber immer mehr um sich. Und so fragt sich mancher:

WER hat dieses politisch-wirtschaftliche System eigentlich geschaffen, das uns sein Glaubens-System einpflanzt?
WER hat es installiert?
WER hat es legitimiert?
WESSEN Interessen verfolgt das System?
Für welche Ziele?
Welche psychologischen Methoden setzt die Finanz-, Polit- und Medien-Elite eigentlich ein?

Die bisher in der NLP-Literatur unter diesen Gesichtspunkten nicht behandelten Kommunikations-Techniken und Strategien zur Fremd-Steuerung und Fremd-Bestimmung der Bürger und Mittelständler stehen somit im Zentrum dieses Buches.

Beispiel: Eine sehr beliebte und wirksame NLP-Technik der Medien und Politiker in ihrer Propaganda ist das vorherrschende Rezept der „Verknüpfung von Tatsachen und Suggestionen“. Nehme 3 Teile:

ein Element Wahrheit = Tatsache
plus eine neugedeutete Halbwahrheit = Suggestion
plus eine fette Lüge = Super-Suggestion
Und gelegentlich – in Abhängigkeit vom zu erreichenden Ziel: füge ein Schuldgefühl hinzu

Und schon ist eine neu-demokratische Realität geschaffen – und die Medienkonsumenten genießen wohlig die positiven oder negativen Gefühle – ausgelöst durch die Schöpfer dieser Wirklichkeit.

Warum ist das so?

Unser Unterbewußtsein folgert aus diesem einen wahren Teil und der Fülle an Details, daß eine präsentierte „Information“ insgesamt richtig ist – ja wahr sein muß. Wie wir aus der Hypnose wissen, wird dann am kritischen Bewußtsein vorbei das Gesamtpaket von Tatsachen, Suggestionen und Schuldgefühl im Unterbewußtsein als Wirklichkeit geankert. Aber nur wenn es emotional “aufgeblasen” ist. Das kritische Bewußtsein, das Dinge hinterfragen könnte, ist ausgeschaltet. Diese und viele andere Techniken werden im Detail vorgestellt – mit Beispielen aus der demokratischen Praxis.

Warum will die „Elite“ unser Denken und Fühlen konditionieren und steuern?

Wurde der Begriff „Neue Welt-Ordnung“ (NWO) uns bis vor kurzem noch als ein Begriff aus der Kiste der „Verschwörungstheorie“ verkauft, geht dieser heute den Politikern und Bankiers locker über die Lippen. Sind es diese globalistischen Interessen der Elite, die sie antreiben, um uns als brave Schafe in die (NWO) zu (ver-) führen?

Darauf gibt das Buch Antworten – und ist damit auch ein Psychogramm der Westlichen-Werte-Demokratie – und der Schauspieler, die hier die Demokraten und „freien“ Medien-Journalisten mimen, die uns täglich ihre Deutung der Welt-Ereignisse einpflanzen. Es wird zum ersten Mal der Versuch unternommen, dieses politische System psychologisch im Zusammenhang mit dem Globalismus-Wahn auszuleuchten: die Akteure, ihre Motive, Ziele und das politisch-wirtschaftliche Programm der Internationalisten.

Außerdem lernen wir Überzeugungen kennen, die uns von dem politischen System eingepflanzt werden. Diese Gedankenviren (z.B. Globalismus, Schuld und Sühne) sind lebensgefährlich, denn sie umgehen das Bewußtsein bzw. schalten das Selbstdenken aus und setzen damit die uns von der Evolution mitgegebenen Überlebensmechanismen außer Kraft – und können somit tödlich wirken.

Im letzten Teil schließlich gibt es zahlreiche Anregungen, um uns aus dem Nasenring der Globalisten zu befreien. Wer Lösungsideen für eine De-Programmierung sucht, kann sie hier finden. Der Leser möge meine Ausführungen als Impulse betrachten – die er annehmen mag oder auch nicht. Das Buffet ist gerichtet.


Autor der 10 Strategien der Manipulation: Sylvain Timsit

Buch von Autor Wolfgang R. Grunwald: “Die erfolgreichsten Gehirnwäsche-Techniken von Wolfgang”

Bild 1: “Sale – Sale – Sale” – Helene Souza / pixelio.de

Bild 2: “Steine und verlorene Zeit” – Marco Barnebeck  / pixelio.de

Bild 3: “Kindergeburtstag” – Stefan Bayer / pixelio.de

Bild 4: “Times Square und Broadway in New York” –  TiM Caspary / pixelio.de

Bild 5: “Datenspinne” – pepsprog / pixelio.de

Beitragsbild: Jim Fischer, “Parasite Brain” Some rights reserved. Bildquelle: www.piqs.de

 

Abkehr von Konsumismus – hin zu mehr Lebensqualität

Kritik der Unersättlichkeit und Lob des guten Lebens III

von Peter Weber

Zygmunt_Bauman_Leben_als_KonsumDie Wege, die uns ein „gutes Leben”, oder wenn man es utopistischer formulieren will, eine „bessere Welt“ bescheren sollen, führen unabdinglich über die Realisierung der von den britischen Wirtschaftsteoretikern und Ökonomen Robert und Edward Skidelsky als Basisgüter bezeichneten Grundbedürfnisse. Als damit korrespondierende Eckziele sind zu berücksichtigen:

  • Die Verwirklichung der Grundbedürfnisse in Verbindung mit einem angemessenen Lebensstandard.
  • Die Reduzierung der Arbeitszeit zur Erlangung von Einkommen.
  • Die gleichmäßigere und gerechtere Verteilung der Vermögen und Einkommen.
  • Einführung von Regionalisierung und Dezentralisierung auf allen Ebenen von Wirtschaft und Gesellschaft nach dem Motto: „Lokal vor global!“

Der Soziologe und Philosoph Zygmunt Bauman untersucht in seinem Buch “Leben als Konsum” die Auswirkungen der vom Konsum bestimmten Haltungen und Verhaltensmuster auf verschiedene, scheinbar nicht miteinander verbundene Aspekte des sozialen Lebens: auf Politik und Demokratie, soziale Spaltungen und Schichtungen, auf Gemeinschaften und Partnerschaften, Identitätsbildung und die Produktion sowie den Gebrauch von Wissen und Wertorientierungen.

Mit dem Schwinden der moralischen Integration in Gruppen und Familien mindert sich auch die Bereitschaft, im Kleinen Verantwortung für andere zu übernehmen und im Großen einen Sozialstaat einzufordern. Und die Armen erscheinen nicht mehr als (potentielle) Arbeitskräfte oder Objekte des Sozialstaates, sondern als gescheiterte Verbraucher, als nicht brauchbare Güter.

Da sie in einer solchen Gesellschaft völlig nutzlos sind, sind sie »menschlicher Abfall«, für den im Zeichen der Deregulierung niemand Verantwortung zu übernehmen hat. Die Invasion und Kolonisierung des Geflechts menschlicher Beziehungen durch marktinspirierte und -geformte Weltanschauungen und Verhaltensmuster sind neben den Quellen des Unmuts, des Dissens und des gelegentlichen Widerstands gegen diese »Besatzungsmächte« die zentralen Themen dieses neuen Buches von einem sozialwissenschaftlichen Denker, der zu den originellsten und weitsichtigsten unserer Zeit zählt. Weitere Möglichkeiten und Hindernisse auf dem Weg zu einem gesellschaftlich-wirtschaftlichen Umdenken werden in den folgenden Abschnitten andiskutiert.

1. Paternalismus ohne Zwang?

Robert u. Edwart SkidelskyDie Frage, ob und in wie weit der Staat in wirtschaftliche Angelegenheiten eingreifen soll und bis zu welchem Grad er eine soziale Fürsorgepflicht besitzt, ist je nach politischer Gesinnung umstritten. Die marktradikale Ideologie steht für eine Deregulierung ein und will den Staat zurückdrängen. In einem Staat allerdings, wie er von den Skidelskys und auch in meinem Sinne erstrebenswert ist, darf er nicht neutral bleiben, und es sind ihm ethische Pflichten auferlegt. Grundsätzlich soll zwar das Prinzip der Zwanglosigkeit gelten, aber bei unüberwindlichem Widerstand und eklatanter Ungerechtigkeit darf es auch ein wenig Nachdruck sein, den man als legitimes Mittel zum Zweck deklarieren könnte.

Das heißt im Klartext, daß der Staat die Aufgabe besitzt, die Voraussetzungen zu schaffen, damit der ungehinderte Zugriff der Menschen auf die Basisgüter gewährleistet ist. Die Eingriffe des Staates müssen allerdings einen Rahmen wahren, der sicherstellt, daß keine Persönlichkeitsrechte geschädigt werden. Der Maßstab muß der sein, daß Bevormundungen und Zwangsmaßnahmen möglichst vermieden werden. Die Grenze der Zumutbarkeit ist allerdings dort angesiedelt, wo die Prinzipien der Gerechtigkeit verletzt werden. Der Eingriff der staatlichen Macht als Regulator ist geboten, weil die neoliberalen Marktmechanismen eine einseitige Anhäufung von Kapital und Besitz implizieren und eine ausgewogene Verteilung der Vermögenswerte verhindern.

Der Staat hat eine Reihe von Alternativen und Mitteln in der Hand, in welcher Form er seinen Einfluß geltend machen kann, um eine homogenen Gesellschaftsstruktur  zu fördern und sich die Einnahmequellen zu besorgen, die für diese Sisyphusaufgabe notwendig sind. Grundsätzlich stehen ihm vier Variationen zur Verfügung:

  • Die Leistung von sozialen Transferzahlungen.

Dieser erstgenannte Ansatzpunkt, die Transferaktionen oder Sozialleistungen beinhalten die gesamte bekannte Palette von Unterstützungen für hilfebedürftige Bürger, ob sie nun arm, alt, krank oder arbeitslos sind. Dazu gehört auch das Thema Grundeinkommen, das ich später noch behandeln werde. Ein Staat ist ein Gemeinwesen – und in einer Gemeinschaft ist die Existenz von Solidarität unabdinglich für dessen Funktionieren. Wenn der Starke nicht mehr für den Schwächeren einstehen will, dann entlarvt sich die demokratische Vorgabe als Illusion und Fassade.

  • Die Förderung von Bildung und Kultur

Die Förderung von Bildung und Kultur stellt ebenfalls hinsichtlich der Bewilligung von Basisgütern eine Bedingung dar. Die Gewährung und Teilhabe daran innerhalb einer Gemeinschaft – gerade für den Personenkreis, für den diese Ziele nicht erschwinglich sind – haben ebenfalls eine fundamentale Funktion für ein gutes und menschenwürdiges Leben. Eine Chancengerechtigkeit ohne Aneignung von umfassender Bildung ist nicht zu verwirklichen.

  • Die Besteuerung von Einkommen und Ausgaben

Die Steuerpolitik (der Begriff der Steuer ist auf das Verb „steuern“ zurückzuführen) sollte ebenfalls von einer sozialen Komponente dominiert werden. Nicht nur die Finanzierung der Kosten für die nationale Infrastruktur müssen durch das Steueraufkommen abgedeckt werden sondern auch die für Aufrechterhaltung eines sozialen Gefüges, ohne das die staatliche Gemeinschaft auf die Dauer auseinander bricht.

Unterschieden werden muß zwischen der Besteuerung von Einkommen und Ausgaben. Zu den Abarten der Einkommensbesteuerung zählen die Einkommenssteuer, die Gewerbesteuern, die Kapitalertragssteuern aller Art und die Vermögenssteuer. Ob sie überhaupt erhoben werden oder in welcher Art und Weise bzw. wie die Progression geregelt ist, entscheidet über die Fähigkeit des Staates, seinen Aufgaben nachzukommen. So ist es bemerkenswert, daß in Deutschland die Vermögenssteuer abgeschafft und eine Finanzmarkt-Transaktionssteuer  (Tobinsteuer) bis trotz vollmundiger Bekundungen der Politiker aller Couleur noch nicht eingeführt wurde. Und gerade die beiden letztgenannten Variationen bieten ungeheure Potenziale, die Schulden- und Finanzierungsprobleme des Staates zu lösen, ohne daß irgend jemandem ernstlich wehgetan werden müßte.

Thomas_Jefferson_by_Rembrandt fuer das Leben der Menschen und ihr Glueck zu sorgen 420Eine Ausgabenbesteuerung ist in unserem konsumgeilen Gesellschaftsklima noch unbeliebter als die einkommensabhängigen Abgaben. Die bekanntesten Modelle von Verbrauchssteuern  sind die Mehrwertsteuer und andere Verbrauchssteuern wie Alkohol- oder Tabaksteuer. Wir sollten uns bewußt machen, daß diese Art von Konsumsteuern Einkommensschwache proportional viel stärker belastet als die Besserverdiener und aus diesem Grunde eine unsoziale fiskalische Maßnahme bilden, jedenfalls in ihrer aktuellen Erscheinungsform. Dem müßte mit der Einführung von zusätzlichen ausgabenorientierten Steuern entgegnet werden – und zwar nicht nur aus sozialen sondern auch aus ökologischen Erfordernissen heraus.

Im speziellen meine ich das dringende Gebot, eine Besteuerung zu installieren, die die für Mensch und Umwelt schädlichen Konsumexzesse auf ein menschliches Maß reduziert. Dieses Vorhaben ist zu bewerkstelligen durch die Festlegung einer weit gefächerten Luxus- oder Ökosteuer. Beides hat den gleichen Effekt, nur bei der Motivation zur Festsetzung sind Unterschiede vorhanden. Ein Luxusgut ist eine Ware, die eigentlich zur Bestreitung des Lebens nicht erforderlich, das überteuert ist und die Ressourcen der Welt sowie die Umwelt unnötig belastet. Das ist ein unschlagbares Argument für die Einführung einer Luxussteuer.

Ökosteuern haben nur einen Sinn, wenn sie flächendeckend zum Einsatz kommen bei allen Waren, die bezüglich Gesundheit, eingesetzter Rohstoffe, der Produktionsverfahren, der Arbeitsbedingungen und der Entsorgung schädliche Wirkungen zeigen. Es ergibt sich hinsichtlich der Preisentwicklung eine ausgleichende Tendenz dadurch, daß die Hersteller dann gezwungen wären, ihre Produktionsschwerpunkte hin zu ökologisch einwandfreien Gütern zu ändern, die nicht mit der Ökosteuer belastet sind, um ihre Absatzchancen nicht zu verschlechtern. Insofern ist es wesentlich günstiger, ökologische Strategien durch fiskalische Regulierungen anzuregen, als sie unter Androhung von Strafe gesetzlich zu erzwingen.

Werbung ist als Einpeitscher des Konsums eine äußerst negative Wirkungsfolge zuzurechnen. Auch in diesem Falle verfügt der Staat über eine effektive Möglichkeit, die Werbung kurzfristig und erheblich zu bremsen. Er braucht nur den steuerlichen Abzug von Werbekosten als Betriebsausgaben zu streichen oder stark zu reglementieren. Werbung ist nicht nur dafür verantwortlich, daß überflüssige Ersatzbedürfnisse regeneriert werden sondern auch für eine unannehmbare Verteuerung der Waren  Den Aufschrei der Lobby möchte ich erleben, wenn derartige Absichten von der Politik avisiert würden. Das würde nach deren Ansicht bestimmt Millionen von Arbeitsplätzen kosten und die Wirtschaft in den Ruin treiben. Sie würden uns nur nicht verraten, daß die in Verbindung mit Werbung und Marketing für Nonsens verschleuderte Manpower der damit betrauten hochqualifizierten Fachleute dann für sinnvolle und menschendienliche Aufgaben frei wäre.

  • Gesetzliche Restriktionen zur Eindämmung unerwünschter Entwicklungen / Kanalisierung von gesellschaftspolitisch angestrebten Projekten 

Im öffentlichen Raum - Werner RuegemerSowohl die Staatseinnahmen als auch die Leistungen der Sozial- und Rentenversicherungen könnten erheblich aufgepeppt werden, wenn weitere sinnvolle und gerechte Verbesserungsmaßnahmen ergriffen würden. Um bei den Staatseinnahmen zu bleiben, genügt es, lediglich zwei Schwerpunkte zu nennen, die realistische Zusatzeinnahmen in Billionenhöhe versprechen würden. Da hätten wir zum einen die vielfältigen und undurchsichtigen Wirtschaftssubventionen und ungerechtfertigten Steuervorteile, die die Lobbyisten alleine aufgrund ihres Einflusses auf die Politik und zum Schaden der Allgemeinheit durchgesetzt haben. Diese werden absichtlich verdeckt oder indirekt gezahlt, so daß sie der Öffentlichkeit nicht auffallen. Bankenschutzschirme oder die Rettung von angeblich systemrelevanten Gebilden sind ein typisches Beispiel dafür. Dazu ist unbedingt auch die Privatisierungstendenz zu zählen, die mit aller Macht bekämpft werden muß, weil sie bürgerfeindlich ist und eine verheimlichte Schuldenquelle ist. Auch die Installierung einer ökologisch effektiv wirksamen Gewährungspraxis von CO²-Zertifikaten ist ein Mittel, mit dem hunderte von Milliarden an Staatseinnahmen erzielt werden könnten. Diese Gelder wären dann frei für diverse gemeinschaftsdienliche Aufgaben.

Schließlich und endlich darf eine weitere Einnahmequelle nicht vernachlässigt werden, die bisher nicht ausreichend ausgeschöpft wird. Es handelt sich zwar nicht um Staatsmittel – aber um Gelder, die uns eine auskömmliche Altersrente trotz der vielbeschworenen und überschätzten demographischen Entwicklung sichern könnten. Was ich damit meine, das ist die Verbesserung der Einnahmesituation der Sozial- und Rentenkassen. Es handelt sich um rein politische Richtungsentscheidungen, die bei vorhandenem Willen kurzfristig getroffen werden könnten und die wie kaum andere dem Gemeinwohl dienten und einen Beitrag zum Abbau von Perspektivlosigkeit einbringen können.

Die Festlegung einer einzigen für alle Beschäftigten und Einkommensempfänger verbindlichen Rentenversicherung, in der sämtliche Einkommensarten erfaßt und mit Abgabe von Beiträgen zur Rentenversicherung belegt würden, hätte einen durchschlagenden Erfolg für das Wohl der Allgemeinheit. Das gleiche Verfahren muß beim Inkasso der Krankenversicherung zum Ansatz kommen. Um der Gerechtigkeits- und Sozialkomponente zu genügen, wäre zusätzlich eine erhebliche Anhebung der entsprechenden Beitragsbemessungsgrenzen erforderlich. Es ist nämlich nicht einzusehen, daß die Besserverdiener einen relativ geringeren Anteil leisten als die unteren Chargen. Wenn schon Leistungsgerechtigkeit, wie es die Neoliberalen stets einfordern, dann auch hier: und zwar analog des Leistungsvermögens!

2. Stolpersteine und Hindernisse

Unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem ist so angelegt, daß die vom System und seinen Normen eingeforderten Aufwendungen in Form von Zeit und Geld zu Lasten der Muße gehen, die lt. Robert und Edward Skidelsky zu den wesentlichen und unentbehrlichen Grundgütern des Menschen zu zählen ist. Diese zum größten Teil ungeschriebenen Verhaltensregeln sind als Weltbild und Lebenskonzept in unser Denken und unsere Gewohnheiten eingedrungen, so daß es schwer fällt, sich davon zu verabschieden. Abgesehen von unserem persönlichen gewohnheitsabhängigem Verhalten, unseren Ängsten und psychologischen Bedingungen sind es die politischen Widerstände und die Gegenmacht der Kapitalbesitzer, die den Weg zu einem guten Leben im Sinne dieses Essays blockieren. Hier sind einige davon aufgeführt:

a.  Verhinderung des Anstiegs des Medianeinkommens

Das Medianeinkommen sagt über die Einkommensverhältnisse und deren Verteilung mehr aus als das Durchschnittseinkommen, mit dem wir stets in die Irre geführt werden sollen. Eine Erhöhung des Medianeinkommens bei gleichzeitiger Progression des Spitzeneinkommens wäre ein Teil der konzertierten Aktion zu mehr Teilhabe der Bevölkerungsmehrheit am „guten“ Leben. Damit ist wieder einmal das Grundproblem der ungerechten Einkommens- und Vermögensverteilung angesprochen, das in anderen Zusammenhängen mehrmals in diesem Beitrag zur Sprache kommt.

b.  Nichtberücksichtigung der steigenden Produktivität

ArmutsschereEin bisher noch nicht erwähntes Potenzial liegt in der Produktivität der deutschen Wirtschaft verborgen. Seit Kriegsende hat sich die Produktivitätsrate der Wirtschaft Jahr für Jahr erhöht. Anfangs bis in die 1980er Jahre hinein hat die arbeitende Bevölkerung noch relativ gut von dieser Entwicklung profitiert. Später driftete die Schere immer weiter auseinander, weil die wegen Arbeitsplatzabbau und technischer Innovationen kletternden Gewinne einseitig in die Taschen der Anteilseigner wanderten. Wenn in diesem Punkt nicht eine gerechtere und angemessene Aufteilung des erwirtschafteten Erfolgs unter allen Beteiligten umgesetzt wird, dann spitzt sich Lage zu und das gesellschaftliche Klima droht umzukippen.

c.  Konsumdruck angestachelt durch die Werbung

Selbst wenn das Ziel einer gerechteren Einkommensverteilung und der Erhöhung des Medianeinkommens bzw. des konkreten verfügbaren Einkommens erreicht würde, bleibt trotzdem noch ein gravierendes Hindernis auf dem Weg zum Glück. Es ist der durch Unterbewußtsein, Umfeld und allgegenwärtiger den Kaufreiz anstachelnder Werbung verursachte Konsumzwang. Wenn objektiv ausreichend Mittel zur Gestaltung eines qualitativ wertvollen Lebensstandards vorhanden sind, verstärkt sich der psychische Druck für den einzelnen, die Konsumausgaben zu erhöhen. Dieses Verhalten wiederum zwingt den Betreffenden zu Mehrarbeit und Verringerung der Freizeit, was gleichzeitig auf Kosten der Muße und Lebensqualität geht. Ein Teufelskreis, der durch die Werbung systematisch aufrecht erhalten wird.

d.  Widerstände seitens der Etablierten und Profiteure

Wer Realist ist, wird anzweifeln, ob eine staatliche Regulation im vorgeschlagenen Umfang in einem ausgefeilten marktwirtschaftlichen System wie dem unseren überhaupt praktisch durchführbar ist. Denn die der radikalen Marktwirtschaft zugrunde liegende Ideologie beruht auf dem Prinzip der staatlichen Deregulierung, weshalb eine Einverständniserklärung des Systems mit einer einschneidenden Regulierung ein Widerspruch in sich wäre und weshalb auch eine Realisierung unwahrscheinlich ist. Die zugrunde liegende Doktrin werden die Entscheidungsträger nicht fallen lassen.

Unfairteilung_Armut_Altersarmut_Generationengerechtigkeit_Kinderarmut_Geldflut_innerer_Notstand_soziale_Gerechtigkeit_BankenrettungDie für die Profiteure anfallenden Vorteile an Profiten und Macht sind so erheblich, daß sie dieses Faustpfand niemals freiwillig oder durch Bitten und Betteln aufgeben werden. Die Politik ist derartig mit dem Kapital verfilzt, wird korrumpiert und befindet sich in einer Abhängigkeitsposition, daß wir auch aus dieser Richtung mit keiner Unterstützung rechnen können. Was übrigbleibt, ist nur noch die Alternative zu einem Systemwechsel. Da es sich dabei nicht nur um eine rein politische Umwälzung handeln würde sondern auch um eine grundlegende Reformierung des Eigentumsrechtes, der Einkommens- und Vermögensverhältnisse sowie der Praxis der Zinserhebung incl. der Infragestellung von leistungslosen und nicht aquädaten Einkommen, ist mit heftigstem Widerstand zu rechnen. Ohne eine Revolution, in welcher Form auch immer, ist dieses bahnbrechende Projekt nicht in die Tat umzusetzen.

e.  weitere Lösungsansätze

Mögliche  Lösungsansätze  durch Erhöhung der unteren und mittleren Einkommen gekoppelt mit einer Reduzierung der Wochenarbeitszeit sind bereits in den Diskurs eingeflossen. In dieser Hinsicht sind in der Vergangenheit Vorbilder zu verzeichnen: in den 1930er Jahren in den USA mit Ford, der die 30-Stundenwoche in seinen Werken realisiert hatte. Oder mit VW, die in den 1980er Jahren sich auf eine Wochenarbeitszeit von 36 hinunter auf 28,8 Stunden geeinigt hatten – der Produktivität des Unternehmens tat das keinen Abbruch, im Gegenteil: sie stieg noch an!

Wie weit die Parteien, die den Anspruch einer Interessenvertretung der Bürger erheben, schon ins Abseits gerutscht sind, zeigt beispielsweise die Einstellung von Sigmar Gabriel, dem Vorsitzenden der „Arbeiterpartei“ SPD und jetzigen Umweltminister.  In der Sache eines und gerechten Subventionsabbaus in Form der Beteiligung der Industrie an der EEG-Umlage, die bisher von den Bürgern alleine geschultert werden muß, malt Gabriel die Gefahr einer drohenden „Deindustrialisierung“ Deutschlands an die Wand und plappert damit die hohlen und unverantwortlichen Phrasen der Wirtschaftsvertreter nach. Man kann sich lebhaft vorstellen, welche reflexartigen Reaktionen aus Politik und Wirtschaft erschallen würden, wenn eine drastische Arbeitszeitverkürzung mit gleichzeitigem Lohnanstieg – gekoppelt mit einer radikalen Umkehr im Eigentumsrecht – auf der Agenda stünde. Uns würde mindestens der Weltuntergang, wenn nicht der Zusammenbruch des Universums, profezeiht.

f.  Grundeinkommen

Die Einführung eines Grundeinkommens ist ein immerwährendes Thema, das je nach Intentionen und Ausgestaltung von den verschiedensten Gruppierungen von links bis rechts aufgetischt wird. Eigentlich sollte der Anreiz für den Diskurs in der Umsetzung die Auflösung der Klassengesellschaft, der Zusicherung der beschriebenen Grundgüter und dem Zugeständnis des individuellen existenziell notwendigen Grundbesitzes zu suchen sein. Darauf ist ein menschenrechtlicher Anspruch begründet, der durch die Geburt  in Kraft tritt. Aber in der Praxis kochen die einzelnen Interessenverbände jedoch mit dem Thema ihr eigenes Süppchen.

Deshalb ist der Weg zum Grundeinkommen, geschweige denn zu einem “bedingungslosen” und dann auch noch in einer existenzsichernden Höhe, mit schweren Felsbrocken gepflastert. Man braucht sich nur einmal anzuschauen, auf wie viel Gegenwehr die Einführung eines lachhaften Mindestlohns von 8,50 € für 2017 – gespickt mit Ausnahmeregelungen – gestoßen ist. Welchen sog. (Experten-)Aufstand wir zu erwarten haben, wenn ein Grundeinkommen zur Debatte steht, das seinen Namen verdient hat, brauche ich nicht im Detail auszuführen. Die Gegenargumente sind immer die gleichen und werden unermüdlich wie ein Mantra wiederholt, obwohl die Wiederholungen sie nicht schlüssiger gestalten:

Arbeitsanreiz geht verloren und Faulheit obsiegt

Das ist das erste Holzhammer-Argument, das sich durch die Grundeinsichten der Psychologie und wissenschaftliche Erkenntnisse von der Natur des Menschen spielend widerlegen läßt. Ein psychisch gesunder Mensch weist ausreichend natürliche Motivation auf, um sein Leben mit Hilfe von sinnvoller (bezahlter) oder (unbezahlter) Betätigung zu gestalten. Wer sich die Mühe macht, den Urinstinkt von kleinen Kindern in ihrem Betätigungsdrang zu beobachten und die Menschen berücksichtigt, die ehrenamtliche Aufgaben erledigen oder anderen unbezahlten Beschäftigungen nachgehen (z. B. wir im Kritischen Netzwerk), der hat für die diskriminierenden Scheinbehauptungen (siehe Menschenfreund Franz Müntefering von der SPD mit seinem „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“) von der angeborenen Faulheit des Menschen nur noch ein mitleidiges Lächeln übrig.

Commerzbank_Kommunisten_Kontovollmacht_Geldhahn_abdrehen_Kundenkonto_kuendigen_Sippenhaft_Kapitalismuskritk_Kontrahierungszwang_Kuendigungsgrund_Kontosperre_0Es ist unbenommen, daß es auch faule Menschen gibt. Solche, die aus Prinzip faul sind, solche, die einfach nur genügsam sind (siehe: Skidelsky: „Wie viel ist genug“) und solche, die durch ihre Sozialisation psychisch deformiert sind, so daß sie die natürliche Motivation zum Arbeiten verloren haben. Andererseits gibt ein Millionenheer Arbeitswilliger, die entweder keine Arbeit oder keinen gerechten Lohn erhalten, von dem sie leben können. Angenommen, die verteufelten Faulen streiten sich auch noch um verfügbaren Arbeitsplätze, dann würde die Erpreßbarkeit der Arbeitswilligen noch weiter erhöht und die Löhne noch mehr unter Druck geraten. Diese Leute sollten also in ihrem eigenen Interesse heilfroh sein, daß es noch ein paar Faule gibt.

Finanzierbarkeit

Die Finanzierbarkeit eines Grundeinkommens ist der zweite Hauptstreitpunkt. Alle, die eine Finanzierbarkeit in Abrede stellen, verschließen die Augen vor der Realität der bestehenden Einkommens-, Vermögens- und Kapitalverhältnisse. Allenfalls läßt sich bezeugen, daß die fehlenden Mittel für ein Grundeinkommen an Stellen gebunkert sind, wo sie gierig umklammert werden und somit der Gemeinschaft entzogen werden, die zumindest auf einen Teil davon einen Anspruch besäße. Die Banken dienen dabei als abgeschottete Kapitalbunker und ihre Manager als Handlanger der Kapitaleigner, um das Volk um seine Anteile zu betrügen.

In anderen Artikel wurden bereits die unterschiedlichsten Reserven angesprochen, die angezapft werden könnten, um allen Menschen ein gutes und finanziell abgesichertes Leben zu gewährleisten. (siehe hier und hier) Hier nochmal einige Exempel, wie die sozialere Verteilung des Produktivitätszuwachses einschließlich der von Eigentum und Einkünften, der ungerechten Steuerpolitik, der Verschwendung von Billionen an Euro zugunsten der Finanzwirtschaft sowie die teilweise haarsträubende Subventionierung der Wirtschaft betrieben wird.. Alles dies zusammen bietet reichlich Einsparpotenzial, um ein “gutes Leben” für alle anzubieten.

Woran es mangelt, sind nicht die finanziellen Mittel, sondern ganz eindeutig der Wille. Weder in Politik und schon recht nicht in Wirtschaft oder in den Kapitalbesitzerkreisen ist Hilfe für uns zu erwarten. Dabei scheint die Dummheit zu regieren, weil sie sich selbst den Ast absägen, auf dem sie sitzen. Wenn bei den weniger Betuchten das verfügbare Einkommen angehoben wird, findet diese Maßnahme einen direkten Widerhall im Konsum, der wiederum die Wirtschaft ankurbelt und damit die Steuereinnahmen sprudeln läßt. Ein idealeres und effektiveres Konjunkturpaket könnte man nicht schnüren.

Außer dem fehlenden Willen steht auch die Angst, die Thematik ernsthaft zu diskutieren und endlich einmal einen Anfang zu machen, als Hemmnis im Weg. Dabei gibt es schon Beispiele aus der Praxis, wo – zwar mit Einschränkungen – das Modell eines Grundeinkommens angeboten wird: in Alaska, Brasilien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Auch kann das Nichtvorhandensein von entsprechenden Konzepten eines Grundeinkommens mit Ausführungsvorschlägen nicht der Grund für fehlende Bereitschaft einer Einführung sein. Dann diese Konzepte gibt es reichlich wie z. B. das von mir favorisierte „Wahlfreie Grundeinkommen“ von Egon W. Kreutzer, das mit Vorschlägen zur Reform des Eigentumsrecht und der Handhabung des Zins gekoppelt ist. Im Kritischen Netzwerk sind eine Reihe guter Beiträgen zu Thema enthalten, auf die jeder nach Eingabe des Schlagwortes “Grundeinkommen” in die Suchfunktion zugreifen kann.

g.  gesellschaftlich-politische und individuelle Organisation

Zu einer Verwirklichung der vorgetragenen Ideen gibt es eine Grundbedingung, die leicht zu sein scheint, die jedoch in der Praxis nicht vorankommt und vielleicht Generationen braucht:  Es ist die Herstellung eines neuen Paradigma, einer neuen persönlichen Lebenseinstellung verbunden mit einem gesellschaftlichen Sinneswandels. Zur Umsetzung unserer definierten Ziele ist eine Neuorientierung der rein ökonomisch definierten Sichtweise erforderlich.

Marianne_Gronemeyer_Wer_arbeitet, suendigtDringend ist das Stecken anders gearteter Wege, Leitbilder und Endpunkte, die den Menschen und die Natur in den Vordergrund stellen. Auch die Neudefinition von Arbeit und Beschäftigung ist unverzichtbar, wenn wir auf diesem Pfad weiter voran kommen wollen. Die Anreize und der Inhalt von Arbeit/Tätigkeit sollten neu ausgerichtet  und auf die dem Menschen innewohnenden natürlichen Bedürfnisse abgestimmt werden. Eine Intention der Befreiung von der Diktatur der Zwangsbeschäftigung ist ebenfalls unvermeidlich, die entgegen anderslautender Beteuerungen in der modernen Arbeitswelt vorherrscht.

Wir unterliegen dem verhängnisvollen Irrtum, daß wir in einer freiheitlichen Gesellschaft leben und unsere Wahlfreit unbegrenzt sei. Deshalb sind wir dazu aufgefordert, hinter den Vorhang zu blicken und die wahren Beweggründe aufzudecken – und zwar unsere persönlichen als auch die unserer Animateure. Erst dann sind wir in der Lage, Verhaltensweisen zu fördern, die zu mehr statt zu weniger Wahlfreiheiten führen. Deshalb versuche ich an dieser Stelle nochmals einige Prinzipien für eine neue Orientierung heraus zu kristallisieren:

  • Aufbau einer gesellschaftlichen und ökonomischen Organisation, die Rückgang der unersättlichen materiellen Triebbefriedigung auslöst,
  • Verabschiedung von der Perspektive der Knappheit als Idee der Effizienz,
  • stattdessen Bildung einer Gesellschaft, die Saturierung und Zufriedenheit zuläßt,
  • Problemsuche  nicht  mehr im Mangel sondern im Überfluß,
  • Einführung der Muße als gesellschaftlich anerkanntes Leitbild.

Nur wenn wir auf dieser Marschroute ein gutes Stück vorankommen, erhalten wir eine Perspektive von der eigenen Zukunft, der der Gesellschaft sowie der der Menschheit. Vor die Schlußbetrachtung füge ich noch ein Zitat ein aus „Grundlagen für eine soziale Umgestaltung“ des englischen Philosophen und Mathematikers Bertrand RussellDieses hätte ich auch in jedem anderen Kapitel meines Beitrags unterbringen können, denn es enthält eine universelle Botschaft:

„Sowohl im politischen als im privaten Leben sollte es der erste Grundsatz sein, alles, was schöpferisch ist, zu fördern und somit die Wünsche und Impulse, die sich auf Besitz konzentrieren zu verringern.

Die heute am meisten verbreitete Lebensanschauung ist die, daß das Glück eines Menschen in erster Linie durch sein Einkommen bedingt ist. Abgesehen von andern Mängeln ist diese Anschauung deshalb schädlich, weil sie die Menschen dahin führt, ein Resultat mehr zu erstreben als eine Tätigkeit, einen Genuß materieller Güter, in dem sich die Menschen alle gleich sind, mehr, als den schöpferischen Impuls, der die Individualität eines jeden Menschen verkörpert.“

3. Schlußbetrachtung

Bei diesem Punkt möchte ich nochmals auf Robert und Edward Skidelsky und auf deren Buch „Wie viel ist genug“ zurückkommen. Mein heutiger Beitrag baut auf der Idee der Skidelskys von einem Wandel des individuellen und gesellschaftlichen Denkens auf, weshalb er auch eine Rezension beinhaltet. In diese Vorstellungen hinein und darüber hinaus habe ich meine eigenen Gedanken ausgebaut und der Thematik noch eine etwas radikalere Komponente hinzugefügt. Das Buch kann ich uneingeschränkt empfehlen – ich kenne kein besseres bezüglich der vorliegenden Themenstellung. Die Autoren gehen ideologie- und vorurteilsfrei an die Hintergründe, die aktuelle Bestandslage und die Zielformulierung heran.

Zurecht besteht Skepsis, daß sich aufgrund von Einsichten und verbalem Gegenwind eine neue Weltanschauung  sowie ein grundlegender Sinneswandel erreichen läßt – weder beim einzelnen noch bei den Eliten. Bei einem Weiterso in den eingefahrenen Bahnen bleibt die Vormachtstellung der Herrschenden bestehen – und wir müssen mit der Verliererstraße vorliebnehmen. Auf die Frage nach einem tragfähigen Konzept, was man anstelle der aufgelösten Strukturen oder während des Prozesses eines Systemwandels positionieren soll, sind weiter oben bereits Ansätze hinsichtlich eines empfehlenswerten individuellen Verhaltens sowie der staatlichen Einflußnahme diskutiert worden.

Beim Resümee ihres eigenen Buches bleiben allerdings auch die Skidelskys „nur“ bei relativ pauschalen Antworten hängen. Ihre wesentlichen Intentionen sind folgende:

  • Organisierung von Wegen aus der Tretmühle.
  • Förderung von Eigeninitiative und Lebensweisen, in denen das Geldverdienen nicht mehr im Vordergrund steht.
  • Formung eines Staates, der sich nicht als neutraler Beobachter sondern als ethisch Eingreifender und Regulator versteht.
  • Wünschenswert sei – meinen sie – eine Autorität und Inspiration von Seiten der Religion, wobei dies mit einem Fragezeichen versehen wurde.

Dies alles ist nichts wirklich Neues. Denn bei der Ausformulierung von Lösungsvorschlägen haben wir es mit einem Manko zu tun, das kaum ein Autor füllen kann. Das Ei des Kolumbus hat noch keiner gefunden – und Vorschriften oder konkrete Anleitungen sind aufgrund der individuellen Voraussetzungen des Menschen bei den meisten sowieso nicht willkommen. Als Hauptübel bezeichnen die Autoren richtigerweise nicht die Verschwendung von Geldmitteln sondern die Verschwendung der Möglichkeiten der Menschen. Diese Ansicht befindet sich übrigens ganz auf meiner sowie der Linie des Psycho-Soziologen Erich Fromm, der sich einmal in dem Sinne geäußert hat, daß die größte Sünde des Menschen ein nicht gelebtes Leben sei.

Albert_Einstein_Probleme_kann_man_Denkweise_by_Initiative Echte Soziale Marktwirtschaft IESM_pixelio.de_Um es nochmals zu bilanzieren: Konkrete individuelle Alternativen zur Verhaltensänderung sind ausgeblieben, was auch nicht erwartet werden konnte. Im Unterkapitel Konsumismus, in der Abhandlung der Frage „Wie viel ist genug“ sowie der Begriffe „Glück“, „Wohlstand“ und „Zufriedenheit“ sind allerdings eine Fülle von Anregungen enthalten, die auf persönlicher Ebene aufgegriffen werden können. Ich für meinen Teil bin überzeugt davon, daß all die angestrebten Ziele, die sehr flüchtig und schwer greifbar sind, immer wieder aufs neue erkämpft werden müssen, wenn sie von Dauer sein sollen.

Eine traditionell weniger vorhandene Stärke der meisten Autoren, die einen Systemwandel einfordern,  ist die Rezeptur zur Herangehensweise an die Repressionsmittel der Herrschenden sowie die Nennung von Roß und Reiter. Die etablierten Mechanismen der Macht und die möglichen Verfahrensweisen zu deren Überwindung werden meistens ausgeklammert, wie auch in diesem Buch. Allerdings muß ich den Autoren zugute halten, daß dies von vorne herein in ihrer Konzeption nicht als Aufgabe ausgewiesen wurde, denn ihnen lag vor allem der Gefühlszustand  Glück sowie der Seinszustand Muße am Herzen, deren Erfüllung jedoch der Existenz der Grundgüter bedarf.

Am besten können diese unter dem Organisationsprinzip von dezentralen Strukturen erreicht werden – also unter Mithilfe des bereits genannten Leitsatzes:  „Lokal statt global.“ Ich möchte keine Mißverständnisse aufkommen lassen und mich nicht als reiner Lokalpatriot outen. Denn ich hasse Kirchturmdenken und plädiere nicht für eine regionale, nationale oder persönliche Abschottung. Es gibt Problemstellungen, die nur auf supranationaler Ebene gelöst werden können – und es gibt sinnvolle Produkte, die regional nicht anzubauen oder zu produzieren sind. Und da soll es auch noch Aufgabenstellungen geben, habe ich flüstern gehört, die man nur in Gemeinschaft lösen kann. Diese Unterscheidungen müssen getroffen werden, um nicht die eine Ideologie durch eine neue zu ersetzen.

MfG Peter A. Weber


Textquelle:  Kritisches Netzwerk , welches ich sehr schätze und unterstütze.

Bild- und Grafikquellen:

1. Zygmunt Bauman untersucht in seinem Buch “Leben als Konsum” die Auswirkungen der vom Konsum bestimmten Haltungen und Verhaltensmuster auf verschiedene, scheinbar nicht miteinander verbundene Aspekte des sozialen Lebens: auf Politik und Demokratie, soziale Spaltungen und Schichtungen, auf Gemeinschaften und Partnerschaften, Identitätsbildung und die Produktion sowie den Gebrauch von Wissen und Wertorientierungen.

2. Buchcover “Wie viel ist Genug”, von Robert und Edward Skidelsky.

3. Thomas Jefferson, 3. US-Präsident. Grafikbearbeitung: Wilfried Kahrs / QPress.de

4. Buchtitel: “Heuschrecken im öffentlichen Raum”, von Dr. Werner Rügemer – zur Buchvorstellung

5. “Kluft zwischen Arm und reich” wird immer größer und führt bereits zu einer deutlich spürbaren Spaltung der Gesellschaft. Geschönte Zahlen geben nicht die Realität und das Ausmaß tatsächlich von Arbeitslosigkeit, Hartz-IV und der Grundsicherung-Empfänger wieder – nicht zu vergessen Kinderarmut, Menschen in prekeren Beschäftigungen und millionen anderer Lohnsklaven. Foto: Bernd Kasper. Quelle: Pixelio.de

6. UNFAIRTEILUNG. Grafikbearbeitung:Wilfried Kahrs / QPress.de

7. Plakat “Der Terror sitzt in Banken und in Berlin. Eure Lügen wollen eine ganze Nation verarschen – Schluss jetzt!” Occupy Frankfurt Germany Footage. Autor: Gessinger.bildwerk Quelle: Wikimedia Commons. Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“ lizenziert.

8. Buchtitel: “Wer arbeitet, sündigt. Ein Plädoyer für gute Arbeit.”, von Prof. Marianne Gronemeyer – zur Buchvorstellung

9. Zitat v. Albert Einstein: “Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.” Foto: Initiative Echte Soziale Marktwirtschaft, IESM. Quelle: Pixelio.de

10. Beitragsbild: Thorben Wengert / pixelio.de

Marktwirtschaft und ihre Begleiterscheinungen

von Peter Weber

Kritik der Unersättlichkeit und Lob des guten Lebens!

1. Historischer Rückblick

Adam Smith (1787)

Adam Smith (1787)

Eine Rückschau über die Entwicklung der Prozesse um den Sinngehalt und die Begriffe wie Glück, Wohlstand, Besitz und Kapital soll an dieser Stelle nicht erfolgen. Man möge mir verzeihen, daß ich dabei sogar Karl Marx vernachlässige – es würde sonst zu umfangreich. Einige Zeilen sollen aber dem schottischen Moralphilosoph, Aufklärer und Begründer der klassischen Nationalökonomie namens Adam Smith gewidmet werden, bevor der Einstieg in die „in medias res“ (mitten in die Dinge) des 20. Jahrhunders erfolgt. Mit mit seinem Hauptwerk „Wohlstand der Nationen – Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen“ hat uns Smith eine Basis hinterlassen, auf dem seine Nachfolger bis hin zur Moderne aufbauen konnten. Eine essenzielle Frage hat sich Smith gestellt:

„Was ist bedeutsamer: das allgemeine, gesellschaftliche Glück oder das persönliche, individuelle Glück?“.

Seine Theorien führten ihn jedoch zu einer Erkenntnis, bei der es sich erübrigte, die o. a. Frage definitiv zu beantworten. Es handelt sich um die Offenbarung der berühmten „unsichtbaren Hand“, die offensichtlich auf einer religiösen Basis gedeihte und als eine Assoziation zur „Hand Gottes“ verstanden werden kann. Denn durch die unsichtbare Hand, die mittels der Funktion des Marktes den gesellschaftlichen Reichtum erhöhe, werde gleichzeitig auch das allgemeine, gesellschaftliche Glück gefördert. Dies sei zwar keine direkt beabsichtigte Wirkung des Wirtschaftsgeschehens, aber trotzdem sei der mehr oder weniger zufällige Effekt ein stichhaltiger Grund, die Marktwirtschaft zu unterstützen, denn das Florieren des Marktes sei daher im allgemeinen Interesse.

John Meynard Keynes

John Meynard Keynes

Die in diesem Beitrag gestellte Aufgabe führt uns zu den menschlichen Begierden und den zu erfüllenden Bedürfnissen. John Maynard Keyneseiner der bedeutendsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts und Begründer des „Keynianismus“ hatte seine eigenen Vorstellungen vom Wirken der Begierde. Wie Adam Smith ging er von den angeblich wohltätigen Ergebnissen des Marktes aus. Er behauptete, daß der Mensch nur eine begrenzte Anzahl von Begierden habe und nahm an, daß 

  • der Kapitalismus die Liebe zum Erzielen von Gewinn freisetze,
  • dieser wiederum durch die Fülle seines Angebotes den Menschen befriedigen könne,
  • sich daraus die Freiheit der Menschen entwickele, der sich in einem zivilisierten Leben der Früchte  seiner Arbeit erfreuen könne, und
  • sich als Endeffekt ein Zustand einer Befriedigung und allgemeiner Zufriedenheit herauskristallisiere.

Jedem von uns ist klar, daß sich Keynes geirrt hat, wenn wir unseren derzeitigen Daseinszustand betrachten, der weit davon entfernt ist, uns zu den beschriebenen paradiesischen Verhältnissen zu bringen. Das hat natürlich etwas mit dem schwer faßbaren Begriff des Glücks zu tun.

Je intensiver und schneller die Befriedigung von Bedürfnissen – meist materieller Art – abläuft, um so eher könnten die Arbeitsstunden verringert werden und der Arbeitnehmer wäre in der Lage, sich seinen Lebensunterhalt mit weniger Arbeitsaufwand  verdienen. Dies wäre möglich ohne Glücksverluste und verbunden mit einer höheren Lebensqualität sowie der Chance, die Freizeit sinnvoll zu nutzen – bei gleichzeitigem uneingeschränktem Genuß des Lebens.

Keynes hat allerdings dabei entscheidende Hindernisse übersehen, die bei der Entfaltung des Kapitalismus auftreten. Als erstes hat er den Umfang des Machtkomplexes unterschätzt, der durch die potenzierende Arbeitsweise des Kapitals ins Maßlose anwächst sowie die Tatsache, daß der Kapitalismus auf ungehemmtem Konsum gegründet ist. Ohne ständiges Wirtschaftswachstum und Anstachelung des Konsums wäre der Kapitalismus zum Scheitern verurteilt. Daraus folgt eine Unersättlichkeit der Gier nach Geld, Besitz, Macht und Gütern. Der Kapitalismus feuert damit eine immanente Jagd nach Reichtum an.

Wachstum ist als neutrales und natürliches Phänomen nicht zu verdammen, sondern Wachstum ist der Motor der Natur und wie der Tod Bestandteil eines sich selbst regulierenden Systems. In diesem Sinne  ist er als ein Antidepressivum für Volkswirtschaften geeignet, die schwächeln, um sich wieder aufzurappeln, aber nicht als Dauerdroge, die süchtig macht und die die gesunden Steuerungsmechanismen ausschaltet.

2. Umschwenken in neues Paradigma

Margaret Thatcher und Ronald Reagon

Margaret Thatcher und Ronald Reagon

Nach dem langsamen Ableben des Keynesianismus trat die Welt in den 70er-80er Jahren in eine neue Phase ein. Es entwickelte sich auf dem Fundament des Neodarwinismus unter den Regenten Margaret Thatcher und Ronald Reagan eine Zeitrechnung der Technokraten, Imperialisten und Wirtschaftsverherrlicher.

Margaret Thatcher, bekannt als „Eiserne Lady“ war von 1979 bis 1990 Premierministerin von Großbritannien. Als Vorreiterin der auf der neoliberalen Doktrin basierenden Forderung nach Deregulierung des Staates hat sie immenses Unheil angerichtet, das bis heute weiter wuchert und unermeßliche Schäden zu Lasten der Allgemeinheit anrichtet. Die berühmt-berüchtigte TINA („There Is No Alternative“) – Ausrede, wenn es um den Schutz des Kapitals, der Banken und der Konzerne (Systemrelevanz!!!) geht, ist noch heute das Lieblingslied unserer Thatcher-Nachgeburt Angela Merkel. Thatcher war nicht nur mit Haaren auf den Zähnen bewaffnet, sondern sie unterstützte die US-Hardliner-Politik in vollem Umfang und war sich nicht zu schade, um im Falklandkrieg 1000 Menschenleben wegen einer Prestigeangelegenheit wegen ein paar Felseninselchen zu opfern.

Ronald Reagan, Schauspieler und Cowboydarsteller, war von 1981 bis 1989 der 40. US-Präsident. Er war ein Verfechter der angebotsorientierten Wirtschaftspolitik und damit ganz auf der Linie von Hayek und Friedman, auf die wir unten noch zu sprechen kommen. Seine von ihm propagierte „Trickle-down-Theorie“ ist nichts anderes als eine Kopie der „unsichtbaren Hand“ von Smith. Reagans außenpolitischer Kurs war nationalistisch dominiert – in seiner Sicht der USA als von Gott auserwählte Nation war der Rest der Welt nur ein auszubeutendes Anhängsel. Insofern war seine Inszenierung einer Wiederauferstehung des Kalten Krieges und der Beschimpfung der UdSSR als „Achse des Bösen“ nur konsequent.

Unterstützt von den namhaften Exponenten Thatcher und Reagan entfaltete sich ein neues wirtschaftliches Paradigma. Dieses färbte langsam aber sicher auch auf das gesellschaftliche Weltbild ab und ist bis heute dabei, die gesamte Welt zu erobern. Die neue Mode ist auch bekannt als Marktfundamentalismus. Da kam Adam Smith mit seiner „unsichtbaren Hand“ gerade recht, der damit eine Wiederauferstehung erleben durfte. Vernachlässigt wurden dabei aber die Verdienste Smiths als Moralphilosoph, der soziale Gesichtspunkte vertrat und eine ethische Haltung einforderte. Friedrich August von Hayek und Milton Friedman, um nur zwei der hauptsächlichen Vertreter zu nennen, waren die Apologeten des neuen Zeitgeistes, der Wachstum und Freihandel als oberste Maxime postulierte.
Friedrich August von Hayek (1981)

Friedrich August von Hayek (1981)

Die immateriellen Bedürfnisse des Menschen gerieten zunehmend ins Hintertreffen zugunsten eines Kapital- und Profitrausches. In der Zeit des Wirtschaftswunders der 60er und 70er Jahre kaschierte das Wachstum die Wahrnehmung der Bürger bezüglich der real-existierenden Interessens- und Besitzverhältnisse. Sie ließen sich von ihrem bescheidenen Wohlstand und den für sie anfallenden Brotkrumen blenden, die man ihnen großzügig überließ.

Der durch den Krieg und die anschließenden Mangelverhältnisse anschwellende Nachholbedarf, der von einem sehr niedrigen Niveau aus startete, erfuhr eine relative Befriedigung. Er ließ die Menschen den mächtiger und immer hungriger werdenden Kapitalismus-Tiger aus dem Blick verlieren. Die durch die neoliberalen Heilsversprechungen und den gewährten ungewohnten Einkommenszuwachs naiv geglaubte Rechtfertigung von Einkommens-Ungleichheiten hatte eine Sedierung und kritiklos-gleichgültige Einstellung der Bevölkerung zur Folge. Die traditionelle Religion war im Niedergang begriffen – an ihre Stelle mußte ein Lückenfüller treten: der pseudo-religiöse Glaube an den Markt, der sich als „Hand Gottes“  profilieren konnte und dem man nun Unterwerfung zollte.

Im Gefolge des neuen Glaubensbekenntnisses, das sich als Selbstrechtfertigung genügte, war zu beobachten, daß die Ignorierung der sozialen und ökologischen Folgen dramatische Ausmaße annahm. Die besonders in Deutschland gepriesene sog. „soziale Marktwirtschaft“ geriet durch die zunehmende Deregulierung immer mehr unter die Räder. Deregulierung heißt Entmachtung des Staates durch drastische Kürzung der Steuereinnahmen und Privatisierung aller Bereiche, auch von Einrichtungen der menschlichen Existenzsicherung. Im Klartext wird eine Sozialisierung der Kosten der angerichteten Schäden bei gleichzeitiger Privatisierung der Gewinne praktiziert. Eine Bevölkerung, die das schluckt, muß zwangsläufig unter dem Einfluß von Drogen stehen.

Wenn der Staat sich  aus möglichst allem heraushält und Neutralität des Staates als oberste neoliberale Strategie gilt, dann ist die unweigerliche Folge davon, daß die Macht von der Politik auf das Kapital verlagert wird. Diese Entwicklung ist gleichbedeutend mit einer Entdemokratisierung und Entmachtung des eigentlichen Souveräns, des Volkes. Genau genommen handelt es sich um eine kalte Revolution, um einen Umsturz und einen Systemwechsel zum Wirtschaftsfeudalismus – also um eine Untergrabung des im Grundgesetz festgeschriebenen Fundaments der Republik.

Es soll vorkommen, daß kritische Mitbürger angeklagt werden, weil sie angeblich „gegen nationale Interessen“ verstoßen. Welche Strafe hätten denn in diesem Zusammenhang die Deregulierer aus den Reihen des Kapitals und ihre politischen Helfershelfer verdient?

Sogar die katholische Kirche hat dem gegenüber mit ihrer Soziallehre die Interessen der Arbeitnehmer und Bürger vertreten – zumindest theoretisch. So ließ schon Papst Leo XIII. in seiner Enzyklika „Rerum Novarum“ im Jahre 1891 verlauten:

„[So] geschah es, daß die Arbeiter allmählich der Herzlosigkeit  reicher Besitzer  und der ungezügelten Habgier der Konkurrenz isoliert und schutzlos überantwortet wurden. Ein gieriger Wucher kam hinzu, um das Übel zu vergrößern […] Produktion und Handel sind fast zum Monopol von wenigen geworden, und so konnten wenige übermäßig Reiche einer Masse von Besitzlosen ein nahezu sklavisches Joch auflegen.“

Papst Franziskus

Papst Franziskus

Der seit 2013 neue Papst Franziskus outete sich als ein Papst der Armen und Kapitalismuskritiker. In seinem apostolischen Schreiben vom 24.11.2013 ließ er sich zu dieser folgenschweren Aussage verleiten: „Diese Wirtschaft tötet.” Und weiter:

„Die Mechanismen der augenblicklichen Wirtschaft fördern eine Anheizung des Konsums, aber es stellt sich heraus, daß der zügellose Konsumismus, gepaart mit der sozialen Ungleichheit, das soziale Gefüge doppelt schädigt.
 
Das geschieht nicht nur, weil die soziale Ungleichheit gewaltsame Reaktionen derer provoziert, die vom System ausgeschlossen sind, sondern weil das gesellschaftliche und wirtschaftliche System an der Wurzel ungerecht ist.“

Das alles hindert die offiziell soziale Einstellung der Kirche nicht daran, vorherrschende Eigentums- und Besitzverhältnisse zu verteidigen. Schließlich hat sie ihren Reichtum begründet auf feudalistischen Praktiken der Vergangenheit.

Als praktisches Beispiel dafür, wie ein Staat sich ethisch engagieren kann und Möglichkeiten besitzt, ein gutes und zufriedenes Leben seiner Bürger ohne den Zwang zum Konsumrausch zu initiieren, ist Bhutan, ein Land im Himalaya. Hierüber hat unser Autorenkollege im Kritischen Netzwerk, der Kölner Ökonom Saral Sakar, einen aufschlußreichen Artikel mit dem Titel „Bhutan ist keine Insel – Die Zukunft des Bruttoinlandsglücks“ geschrieben, den es sich nachzulesen lohnt.

3. Gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Bezugsrahmen

Nun sind wir in der Gegenwart angekommen, die uns das marktwirtschaftliche Paradies auf Erden anbietet bzw. verspricht. Die Marktwirtschaft hat die Weltherrschaft übernommen in einem Ausmaß, wie es der viel geschmähte Kommunismus und Sozialismus niemals vermochte. Sie dringt in sämtliche Ritzen unseres Lebens und Bewußtseins ein, bestimmt unseren Alltag und hält uns gefangen.

Die extra dafür erfundene soziale Marktwirtschaft, um uns von der Radikalität und Unbarmherzigkeit des kapitalistischen Systems abzulenken, dient uns als Rettungsanker oder letzten Halm, an den wir uns klammern können. Für die Herrschenden bildet sie das ideale Alibi und einen kaschierenden Lendenschurz: der Wolf tritt im Schafspelz der sozialen Marktwirtschaft auf und hat Kreide gefressen. Der Tenor lautet allenthalben: „das beste Deutschland, das wir je hatten“, „uns geht es doch allen gut“,  oder im Falle von kritischen Bemerkungen „dann wander‘ doch aus“. Die Pauschalempfehlung „dann hau‘ doch nach drüben“ hat sich erübrigt. Der Selbstbetrug, daß wir in der besten aller denkbaren Welten leben und uns auf unseren Lorbeeren ausruhen könnten, wird als Schutzschild und Entschuldigung für konformes Verhalten als Fahne voran getragen.

Kapitalismus-Umfrage-Kapitalismuskritik-freie-Marktwirtschaft-Kommunismus-Planwirtschaft-Monopolkapitalismus-Imperialismus-Geostrategie-Sozialismus

Die Wirtschafts- Energiekrise in den 70er Jahren und der Fall des Kommunismus 1989 haben einen entscheidenden Teil dazu beigetragen, daß die radikale Marktwirtschaft so rasant Fuß fassen konnte. Die Freiheitsparolen, das vermeintliche Gefühl der individuellen Freiheit sowie die des Freihandels in Verbindung mit der Lust auf Besitzvermehrung bescherte uns eine ungehemmte Ausbreitung der Raffmentalität und eines Lebens auf Kosten anderer und im besonderen auch der Natur. Es formierte sich eine sich aufblähende Dienstleistungs-Gesellschaft, die Serviceleistungen anbietet, die zu einem wesentlichen Teil niemand wirklich braucht und die den Menschen zur Bequemlichkeit verführt. Letztendlich erfüllt die Dienstleistungswirtschaft die Funktion, den Reichen zu dienen. Die Wohlhabenderen können sich jeden Wunsch leisten – die ausführenden Kräfte entstammen dem Prekariat und müssen sich mit Hungerlöhnen zufrieden geben.

4. Soziopsychologische Auswirkungen und Phänomene

Nicht nur das Erdklima, sondern auch das gesellschaftliche Klima hat sich gewandelt – fast könnte man annehmen, es bestünde ein Zusammenhang. Parallel zur Klimaerwärmung wird nun auch das Konkurrenz- und Leistungsstreben angeheizt.  Die neue Lebensregel hat das Mitgefühl ad acta gelegt und unterliegt dem Prinzip jeder gegen jeden – nur der bessere und stärkere gewinnt. Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott, ist zwar ein guter Motivationsschlüssel, aber wo kein Gott mehr existiert, da hat man eben Pech gehabt und bleibt sich selbst überlassen.

Armut-Armutsschere-Kapitalismuskritik-Sozialstaat-Verarmung-Depression_by_Dr. Klaus-Uwe Gerhardt_pixelio.de_Die Mode des gesellschaftlichen Interagierens wird bestimmt von Slogans wie „jeder ist seines Glückes Schmied“, „Arbeit ist die erste Bürgerpflicht“, „wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ oder „wer keinen Erfolg hat, ist selber schuld“. Stillstand, Ruhepausen und Muße sind verpönt, denn das Hamsterrad muß sich drehen. Streßsymptome bleiben nicht aus und die Auszeiten wegen psychischer und depressiver Erkrankungen nehmen deutlich zu. Kaum einer macht sich die Mühe, über den Sinn von Arbeit bzw. sinnvoller Tätigkeit und deren Neudefinition nachzudenken.

Egoismus, Narzißmus und Rücksichtslosigkeit treiben ihre Blüten. Die Solidarität, die der Kern jeglichen Zusammenhaltes in der Familie, in Gruppen, der Gesamtgesellschaft sowie der Menschheit insgesamt bildet, zerbröselt wie ein Keks. Es kommt zu einer Fetischisierungswelle des Individuums, bei der der Begriff Freiheit deformiert wird: die Freiheit endet nicht mehr dort, wo andere in Mitleidenschaft gezogen werden, sondern sie ist entgrenzt und wuchert wie eine Krebszelle auf Kosten der gesunden Zellen.

Auf diesem Nährboden sprießt eine habgierige Plutokratie in die Höhe, die nur noch eines kennt: Abkassieren durch die Methode des modernen Raubrittertums. Dieses hat die Eisenrüstung abgelegt und das Schwert durch Manipulation und die Macht des Kapitals ersetzt. Die Speerspitze wird in der fortgeschrittenen Zivilisation durch eine Deformierung der Sprache und Euphemisierung der Wortbegriffe gebildet, die sich als Waffe gegen die Menschen und zu deren Schaden richtet. Im Namen von Freiheit und Demokratie, Gummiformulierungen, die in ihrer Bedeutung völlig umgedreht wurden, wird das üble Treiben legitimiert und exkulpiert.

Die Instrumente der Herrschaft des Kapitals sind Freihandel und Globalisierung – sie werden als ideologisches Faustpfand  und Totschlaghammer bei jeder Gelegenheit mißbraucht. Die Auswirkung einer habsüchtigen Denkweise und destruktiven Handelns ist das Aufkommen von moralischer Fäulnis, der man nur noch durch ein rigoroses Ausmisten dieses stinkenden Augiasstalles beikommen kann. Das Wachstum, wie es in diesen pathologischen Strukturen definiert und verstanden wird, kann man als Ziel ohne Ziel disqualifizieren. Jedenfalls dann, wenn man Ziel mit einer Intention zu evolutionärem geistigen Wachstum und Schaffung von lebensfördernden Bedingungen versteht.

5. Wachstumskritik

Trotz oder gerade wegen der Dominanz des Wachstums als Rechtfertigung zur Fortführung des eingeschlagenen Kurses greift eine Wachstumskritik um sich. Diese zeichnet sich jedoch oft durch eine mangelhafte Differenzierung aus. Nach Ansicht der Skidelskys ist sie bei vielen Verkündern nicht ausreichend wissenschaftlich abgesichert. Basis dieser Schelte an der Wachstumskritik sind die Einschätzungen über die Auswirkung der C0²-Emissionen auf den Klimawandel. Die Politik der Grünen sei nicht auf Wissenschaft aufgebaut, sondern ihre Motivation beruhe ausschließlich auf Gefühl.

Allerdings bin ich der Ansicht, daß sich die Skidelskys in ihrer Argumentation zu sehr auf die Faktoren C0² und Klimawandel an und für sich fixiert haben. Sie haben dabei andere ebenso gewichtige Faktoren ausgeblendet. Die Gefahren des unregulierten und hemmungslosen Wachstums sind auf zwei Ebenen anzusiedeln. Erstens auf der Ebene des Individuums, das zum einen psychisch und charakterliche Beschädigungen davontragen und zum anderen physische Defekte erleiden kann. Zweitens – und nur darauf stützen sich die Skidelskys – müssen wir uns mit der Handlungsplattform der globalen Natur und deren Funktionieren auseinandersetzen. In diesem Bereich sollten uns nicht nur die C0²-Emissionen Sorgen bereiten – Methangas z. B. ist wegen seiner Effizienz wesentlich gefährlicher.DruckHiereine Auflistung von weiteren relevanten Faktoren vornehmen, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit besitzt:
  • Vergiftung von Böden, Wasser, Luft und Lebensmitteln
  • Trinkwasserknappheit und Absenken der Grundwasserspiegel
  • Anstieg von Radioaktivität und Elektrosmog
  • Smogphänomene mittels der Luft
  • Abholzung der Wälder, Erosion und Desertifikation
  • Dürre und Hungersnöte
  • Vermüllung von Land und Meer
  • Artensterben und Störung der natürlichen Kreisläufe
  • Abschmelzung von Gletschern und Polarzonen
  • Zunahme von Naturkatastrophen
  • Flüchtlingsproblematik
  • Verschlechterung der menschlichen Existenzbedingungen mit der Folge einer Forcierung von Krieg, Gewalt, Terror, Rassismus und Fundamentalismus

All diese gravierenden Konsequenzen, die die Zukunft der Menschheit betreffen, sind ja wohl von niemandem zu bestreiten. Um zu erkennen, daß es fünf vor zwölf oder schon später ist, braucht man keine wissenschaftlichen Erkenntnisse – da genügen offene Augen, Erfahrungswerte und ein Schlußfolgern aus der Verkettung der Ereignisse.

Kapitalismus_Konsum_Wachstumswahn_Ausbeutung_Natur_Umweltzerstoerung_Resourcenverschwendung_Klimawandel_Wirtschaftssystem_Systemfrage_ImperialimusWas die Natur und die Erde als Ganzes angeht, so ist die Gaia-Hypothese der Mikrobiologin Lynn Margulis und dem Chemiker, Biophysiker und Mediziner James Lovelock ein bemerkenswertes Thema. Diese These wurde zwar von den Skidelskys ebenfalls verworfen, aber der dahinter verborgene Gedanke ist m. E. nicht von der Hand zu weisen. Die Erde wird aus der Sichtweise Lovelocks in weitestem Sinne als ein lebendiges Wesen betrachtet, das mit einer evolutionären Dynamik arbeitet und sich selbstregulierend organisiert. Das untermauert die Vorstellung, die auch von Biologie und Quantenphysik bestätigt wird, daß kein Ereignis isoliert betrachtet werden darf, sondern daß jede Bewegung und jeder Anstoß zuzusagen Wellen erzeugt, die Auswirkungen auf andere Teile des Ganzen haben. Es existiert genau genommen also kein Schritt, der nicht irgendeine Konsequenz besitzt.

In diesem Zusammenhang wird oft vorausgesagt, daß die Erde bzw. die Natur sich für ihr angetane Verunstaltung und Ausbeutung rächen wird. Diese „Rache“ kann nun als Reaktion eines Lebewesens und/oder als instinktive Selbstregulation oder einfach nur als biologisch-physikalische Resonanz betrachtet werden. Wie dem auch sei: sie ist Realität! Wir sollten uns darüber bewußt werden, daß unsere Sicht der Natur zwangsläufig anthropozentrisch ist – nämlich auf unsere menschlichen Interessen und unseren Nutzen bezogen. Der Wert der Natur wird daher meist nicht als intrinsisch und für sich selbst begreifend, sondern als utilaristisch taxiert. Aber nur, wenn man die Natur als einen Teil seiner selbst empfindet, sie achtet und ihre Verletzung als eine Selbstverstümmelung bemißt, hat man die Chance, mit ihr in Harmonie zu leben. Wie schon weiter oben analysiert, gehört ein Harmoniebewußtsein unweigerlich zum Bestandteil eines guten menschlichen Lebens, sowohl im Sinne dieses Essays als auch des Buches von Robert und Edward Skidelsky.

Eine Wachstumskritik und eine entsprechende Änderung unseres Verhaltens ist aus den geschilderten Gründen unvermeidlich, wenn wir für uns und unsere Nachkommen ein lebenswertes Spiel- und Lebensumfeld gestalten wollen.

6. Konsumismus

Der Konsumismus, also die Gier und der Zwang zum Konsum um des Konsums willen, ist zu einer globalen Pathologie ausgeartet. Der Konsum hat sich zu einem Placebo für eine „biophil-produktive“ Lebensweise im Sinne von Erich Fromm  und  eine sinnvoll-gesunde Betätigung ausgebildet. Als Ersatzmittel wirkt der Konsum in übersteigerter Form nach Fromm „negrophil-destruktiv“, also als Sedativum und lebenserstickend. In seiner Verlaufsform besteht die Gefahr, daß der Konsum sich zu einer Sucht ausbaut, da er einer Teufelsspirale folgt. Man kann verschiedene Abarten des extensiven Konsums erkennen. Ich versuche einmal eine Unterscheidung:

  • Konsum als automatische Zwangshandlung zum Füllen von innerer Leere und Vermeidung von Langeweile
  • Konsum als Ersatz für eigenes Selbstbewußtsein, sozusagen als Ich-Krücke
  • Konsum infolgedessen als Umsetzung eines Geltungsbedürfnisses und zugunsten von Imageaufbau
  • Konsum als nachahmender Konsum mit Vorbildwirkung, der dem nachahmenden Verhalten von kleinen Kindern ähnelt

Über den Konsumismus zu schreiben, heißt auch, konsequent seine negativen Wirkungen anzuprangern. Grundsätzlich lassen sich die Folgen des unmäßigen Konsums in drei Wirkfelder gruppieren: Gesundheit, Finanzielles und Ökologie.

Wie bei der Kritik des Wachstums gilt auch im Falle des Konsummißbrauchs die Aussage, daß sowohl die psychische als auch die physische Gesundheit Opfer der einseitigen Leidenschaft sein kann. Weiterhin ist nicht zu leugnen, daß die durch einen über das gesunde Maß hinausgehenden Konsum die damit verbundenen Ausgaben für Status und Image zu Lasten von Arbeitszeit, Grundgütern und Muße gehen. In der Konsequenz drückt sich das in längeren Arbeitszeiten, Verzicht auf Ausübung von Grundbedürfnissen und Reduzierung von Zeiten der Muße aus.
Der Konsumwahn hat obendrein noch einen preistreibenden Effekt, denn die durch einen unnötigen Konsum angeheizte Nachfrage sorgt nach den Regeln der Marktwirtschaft für Preissteigerungen. Damit müssen einkommensschwache Bevölkerungsschichten für die Exzesse der Wohlhabenderen oder ihrer eigenen Schicht, die auf Kredite setzt, büssen. Konsum in der Ausprägung von Konsumwahn hat immer eine eskalierende Tendenz, der keine natürlichen Grenzen entgegen stehen. Die Motivation zur Unersättlichkeit ist unverkennbar – wir müssen aufpassen, uns nicht in eine Raupe Nimmersatt zu verwandeln.

Tom_Hodgkinson_Anleitung_zum_Müssiggang_Kontemplation_Recht_auf_Faulheit_Harmonie_Glueck_Musse_Unabhaengigkeit_Freiheit_Selbstbestimmung_Notwendigkeit_SkidelskyKonsumismus als krankhaftes Phänomen beinhaltet nicht nur eine gesellschaftliche Nutzlosigkeit, nein, viel schlimmer ist der dadurch angerichtete Schaden für den einzelnen, die Volkswirtschaft sowie die Umwelt. Das als Selbstzweck verinnerlichte Konsumdenken verkörpert den eigentlichen Motor und das Mittel zur Bereicherung der Finanzdienstleistungs-Industrie, die in ihrer giergesteuerten Selbstherrlichkeit ganze Staaten in Krisen schleudert und verantwortlich ist für die Not und den Hunger von Abermillionen.

Nicht zuletzt verursacht der ziellose Konsum, der ausschließlich dem Ansinnen der Profit-eure dient, die Bilanz einer irrsinnigen Verschwendung von Ressourcen sowie von menschlichem Potenzial und Knowhow, was wir uns einfach auf Dauer nicht leisten können. Wenn man auch noch die damit verbunden menschlichen Tragödien anschaut, die aus sich bildenden Anomalien des menschlichen Charakters ergeben, dann ist es Zeit dafür, die Reißleine zu ziehen, wenn wir jemals wieder auf einen grünen Zweig gelangen wollen.

Denn die uns durch das Kapital und den Markt aufgezwungenen Pathologien und Normen formen sowohl unseren individuellen als auch den Gesellschaftscharakter auf Generationen hin um. Persönlich gesehen mutieren wir zu einem Marketingcharakter, der nicht nur jedes Gut als Ware abqualifiziert sondern sich selbst als Mensch und Arbeitnehmer als Handelsgut verhökert und degradiert. Der individuelle Charakter steht dabei in Wechselwirkung zum Gesellschaftscharakter (siehe Erich Fromm), die sich gegenseitig bedingen und formt daraus eine charakterlose und fremdgesteuerte Masse, die als Herde willfährig auf ausgetretenen Pfaden trottet.

7. Werbung

Der Werbung wiederum muß man das Gewicht eines Motors und Antriebskraft des Konsumismus zuerkennen. Sie ist heutzutage allgegenwärtig, auf der Straße, in den Medien, im TV, im Internet – und stets präsent in den Smartphones. Man kann der Werbung kaum entrinnen, denn sie verfolgt uns überall hin. Sie hat sich uniformiert und tritt global im gleichen Kleid auf – in einer „Corporate Identity“: eine universelle Gleichmacherei, die die dem Kommunismus zugeschriebene Wirkung bei weitem übertrifft. Sie zerstört damit auch die kulturelle Vielfalt internationaler traditioneller Angebote und Rituale.

Die Werbung ist das mit gewaltigem finanziellem Aufwand propagierte Manipulationsmittel, da als wirkungsvolle Allzweckwaffe eingesetzt wird, um die Menschen einer Gehirnwäsche zu unterziehen. Das üble daran ist, daß die meisten Leute sich dessen nicht bewußt sind und sie auf diese Weise ihr Unterbewußtsein fremdbesetzen lassen. Die Psychologie beweist (eine Entdeckung von Freud), daß der Mensch wesentlich stärker von seinem Unterbewußtsein gesteuert wird als vom rationalen Willen. Aus diesem Blickwinkel heraus ist die schleichende Gefährlichkeit der Werbung einzuordnen.

Bei der Kritik der Werbung verwenden die Verfechter stets die gleichen untauglichen Argumente, mit denen sie den Sinn und Nutzen der Werbung rechtfertigen wollen. Sie geben die Devise aus, daß

  • die Leute das bekommen sollen, was sie wollen –
  • richtig ist vielmehr, daß sie bekommen sollen, was sie brauchen.

Sie beruht mithin auf einem Paralogismus oder Fehlschluß. Der durch`s Leben hetzende gleichgültige und unkritische Konsument denkt tatsächlich, er hätte die Freiheit der Wahl. Ihm fällt nicht auf, daß die Kaufentscheidungen unbewußt aufgedrängt werden. Mit anderen Worten ausgedrückt: Der eigene Wille ist fremdbestimmt. Die Freiheit der Wahl ist darüber hinaus dadurch eingeschränkt, daß der Hersteller natürlich nur diejenigen Waren auf den Markt bringt, die von ihm lanciert sind und die den höchstmöglichen Profit erbringen.

Die große infame Werbelüge besteht darin, daß die Werbebranche und natürlich ihre Auftraggeber behaupten, daß die Werbung nur als objektive Information zur Verfügung gestellt und vom Verbraucher aufgenommen werde. Diese Doktrin vom Märchen des mündigen und souveränen Verbrauchers wird bis zur Besinnungslosigkeit wiederholt, bis die letzten es glauben. Werbung ist kaum noch von Fakten diktiert, sondern sie dient zur Erschaffung von künstlichen Bedürfnissen und Ersatzbefriedigungen. Nicht der Verbraucher prägt den Markt und das Angebot an Waren – es verhält sich genau umgekehrt: der Markt und seine verlängerte Hand, das Instrumentarium von Marketing und Werbung diktieren die Präferenzen und damit den Geschmack des Konsumenten.

Um es nochmals ganz explizit zu formulieren: Die Bedürfnisse der Verbraucher werden durch die Gehirnwäsche der Werbung gezielt manipuliert und in die vom Produzenten gewollte Richtung gebracht. Anschließend wird dann der „Kundenwunsch“ als Rechtfertigung für Produktion und Angebotsunterbreitung mißbraucht. Diese Spirale geht eindeutig vom Produzenten oder Anbieter aus – und nicht von den echten Bedürfnissen der Menschen!


Leseempfehlung: ♦ Alternativen menschlichen Verhaltens zw. Haben und Sein / Glück und Basisgüterweiter

► Bildquellen:

1.  Adam Smith (getauft am 5. Junijul./ 16. Juni 1723greg. in Kirkcaldy, Grafschaft Fife, Schottland; † 17. Juli 1790 in Edinburgh) war ein schottischer Moralphilosoph, Aufklärer und gilt als Begründer der klassischen Nationalökonomie. Autor: Etching created by Cadell and Davies (1811), John Horsburgh (1828) or R.C. Bell (1872). The original depiction of Smith was created in 1787 by James Tassie. Quelle: Wikimedia Commons.

2.  John Maynard Keynes, Baron Keynes (* 5. Juni 1883 in Cambridge; † 21. April 1946 in Tilton, Firle, East Sussex) war ein britischer Ökonom, Politiker und Mathematiker. Er zählt zu den bedeutendsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts und ist Namensgeber des Keynesianismus. Seine Ideen haben bis heute Einfluss auf ökonomische und politische Theorien. Foto: IMF. 1. Quelle: This file from http://www.imf.org/ is in the public domain and can be used for any purpose, including commercial use. 2. Quelle: Wikimedia Commons. Diese Bild- oder Mediendatei ist gemeinfrei, weil ihre urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist. Dies gilt für alle Staaten mit einer gesetzlichen Schutzfrist von 100 Jahren oder weniger nach dem Tod des Urhebers.

3. Premierministerin Margaret Thatcher und US-Präsident Ronald Reagan, 1981. Quellen: Ronald Reagan Presidential Library / Wikimedia Commons. Dieses Bild ist gemeinfrei, weil All the photographs from the Reagan Library Archives are in the public domain and may be credited “Courtesy Ronald Reagan Library.”

4. Friedrich August von Hayek (* 8. Mai 1899 in Wien; † 23. März 1992 in Freiburg im Breisgau) war ein österreichischer Ökonom und Sozialphilosoph. Neben Ludwig von Mises war er einer der bedeutendsten Vertreter der Österreichischen Schule der Nationalökonomie. Hayek zählt zu den wichtigsten Denkern des Liberalismus im 20. Jahrhundert und gilt manchen Interpreten als wichtigster Vertreter des Neoliberalismus, auch wenn er sich selbst nie so bezeichnete. Foto: LSE Library. Quelle: Wikimedia Commons. This image was taken from Flickr‘s The Commons. The uploading organization may have various reasons for determining that no known copyright restrictions exist

5. Franziskus (lateinisch Franciscus PP.; bürgerlicher Name Jorge Mario Bergoglio SJ ,(* 17. Dezember 1936 in Buenos Aires, Argentinien) ist seit dem 13. März 2013 der 266. Papst der römisch-katholischen Kirche. Er ist der erste Lateinamerikaner und der erste Jesuit in diesem Amt. Seit 1958 ist Bergoglio Jesuit. 1969 wurde er Priester, 1998 Erzbischof von Buenos Aires und 2001 Kardinal. Foto: Gabriel Andrés Trujillo Escobedo, Quelle: Flickr / Wikipedia, Wiki Commons, Weitergabe mit CC-Lizenz

6.  Grafik Kapitalismus-Umfrage, Quelle: Wikipedia, Dieses Werk wurde (oder wird hiermit) durch den Autor, Ökologix auf Wikipedia auf Deutsch, in die Gemeinfreiheit übergeben. Dies gilt weltweit.

7. Streßsymptome, psychische und depressive Erkrankungen bis hin zum totalen Kollaps (Burnout, Freitod) nehmen auch in Deutschland erhebliche Ausmaße an. Foto: Dr. Klaus-Uwe Gerhardt. Quelle: Pixelio.de

8. Energiewende – Sofort! Grafik: Bernd Wachtmeister. Quelle: Pixelio.de

9. “Der Untergang der Menschheit begann als er anfing Dinge zu verkaufen, die ihm gar nicht gehörten.” Grafik: Wilfried Kahrs / QPress.de

10. Buchcover “Überdruss im Überfluss. Vom Ende der Konsumgesellschaft.” Autor: Peter Marwitz – Konsumpf.de

11. Buchcover “Anleitung zum Müßiggang”, von Tom Hodgkinson. Das Buch erschien erstmals 2004, wurde mehrmals aufgelegt und inhaltlich erweitert weshalb man auf die Tb-Version des Suhrkamp / Insel Verlages greifen sollte. ISBN: 978-3-458-35977-7. Preis [D] 8,99 €


MfG Peter A. Weber      

Kritisches Netzwerk

Gentrifizierung des Denkens

von Gert Ewen Ungar

Gentrifizierung als soziologischer Begriff beschreibt ein Phänomen der Verdrängung. Es geht dabei zunächst um Wohnraum. Ganz kurz gesagt verdrängen wohlhabendere Schichten die angestammte ärmere und verändern dadurch die sozioökonomische Kultur eines Viertels. Der Prenzlauer Berg ist für jeden Berliner und regelmäßigen Besucher ein deutlich sichtbares Beispiel für Gentrifizierung. Erscheinung und Struktur haben sich in den vergangenen Jahren vollständig geändert.

Gentrifizierung beschreibt einen Verdrängungsprozess, der von Vielfalt weg, hin zu einem passgerechten, aber limitierten Angebot für eine limitierte Schicht führt. Ich möchte anregen, diesen Begriff auf den politischen und ökonomischen Diskurs zu übertragen.

Einer relativ überschaubaren Gruppe von Protagonisten ist es nämlich in den vergangenen zehn Jahren gelungen, zentrale Begriffe durch ihre Person zu besetzen. Die Namen Hans-Werner Sinn, Michael Hüther und einiger weniger anderer stehen für ökonomischen Sachverstand, die Parteispitzen der im Bundestag vertretenen Parteien stehen für die unterschiedlichen politische Meinungen, Michael Sommer und Frank Bsirske vertreten die Arbeitnehmerseite, Ulrich Schneider vom Paritätischen Wohlfahrtsverband vertritt die Mittellosen, der Name Alice Schwarzer steht für Emanzipation und Frauenrechte. Man könnte diese Liste noch etwas differenzieren und fortsetzten, aber eben nicht beliebig lang. Sie ist relativ begrenzt.

Das heißt, die unterschiedlichen Themenfelder in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sind durch einen relativ kleinen Kreis von Personen repräsentiert. Diese Talking Heads repräsentieren die Themenfelder allerdings übergreifend. Das heißt, Alice Schwarzer steht von BILD-Zeitung bis Neues Deutschland für Frauenrechte. Hans-Werner Sinn repräsentiert von heute-journal bis Zeit die deutsche Nationalökonomie.

Vielfalt sieht anders aus. In den vergangen Jahren hat eine Gentrifizierung in den Medien stattgefunden, die das Angebot an unterschiedlichen Meinungen auf einige wenige reduzierte und dieses reduzierte Angebot durch eine entsprechend kleine Anzahl an Talking Heads repräsentierte. Dies führte zu einer inzwischen deutlichen Kluft zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung.

Die Ursachen hierfür mögen vielfältig sein, auf eine evidente möchte ich jedoch hinweisen: Bedingt durch einen sich ausschließlich an ökonomischen Kriterien ausrichtenden Journalismus wurde Vielfalt, Recherche und das Durchdringen von Komplexität als journalistische Leistung aufgegeben und die Beleuchtung einzelner Fragestellungen den eben genannten Talking Heads überlassen, die zu spezifischen Themen immer die gleiche Position einnahmen und einnehmen durften.

In den journalistischen Formaten tauschen seit Jahren die immer gleichen Vertreter die immer gleichen Positionen aus. Insbesondere im Hinblick auf den Bereich der Ökonomie und der damit verbundenen Politik haben sich die Positionen verfestigt und suggerieren so eine Alternativlosigkeit und ein Gefangensein zwischen maximal zwei Modellen: Neoliberalismus einerseits oder Keynes andererseits.

Wir haben also die Auswahl zwischen einem Wachstumsmodell von dem ganz wenige, und einem Wachstumsmodell von dem einige mehr, bei weitem aber nicht alle profitieren. Beide Modelle basieren auf der Ausbeutung des Planeten und verschieben die Kosten hierfür auf zukünftige Generationen. Den einzelnen Protagonisten kann man nicht anlasten, den ihnen zur Verfügung gestellten Raum für die Darstellung ausschließlich ihrer eigenen Position eingenommen zu haben.

Es ist ein strukturelles Problem, das sich hier zeigt, denn der marktkonforme Journalismus wirkt verengend und diskriminiert Meinungsvielfalt. Alternative Modelle kommen nicht vor. Das funktioniert daher auch nur so lange gut, so lange alternative Formen der Informationsverbreitung eine kritische Schwelle nicht überschreiten.

In Bezug auf die Berichterstattung über die Ukraine wurde diese Schwelle nun offensichtlich überschritten. Irritiert nehmen die im Denken gentrifizierten Medienanstalten und Verlagshäuser zur Kenntnis, dass ihre Repräsentanten in keiner Weise die Vielfalt der Positionen und die Vielfalt der Weltzugänge zu erklären in der Lage sind, die sich auf den Mahnwachen für Frieden finden.

Keiner der Redner und auch der Initiator Lars Mährholz passt in das gängige Raster, das seitens der Mainstreammedien als Paradigma zur Erläuterung und Kommentierung von Ereignissen zur Verfügung gestellt wird. Hier passiert etwas außerhalb der von den etablierten Medien erfassten und repräsentierten Struktur.

Der etablierte Journalismus steht vor einem mit seinen Werkzeugen nicht erklärbaren Phänomen, er flüchtet sich daher in Stereotype, die die entsprechenden Talking Heads gerne bedienen.

Für den etablierten Journalismus kommt die schnelle Überprüfbarkeit von Behauptungen durch das Internet erschwerend hinzu. Während vor wenigen Jahren noch Nachrichtensendungen, Zeitungen und Zeitschriften selbst die Quelle der Information waren, steht heute mit dem Internet ein Instrument zur Verfügung, mit dem die bisherigen Quellen auf ihren Gehalt und ihre Ausgewogenheit überprüft werden können. Und das Ergebnis ist für viele erschreckend. Allzu holzschnittartig wird da eingeteilt, zu einseitig, zu abhängig und zu unterwandert von interessierten Seiten wie den Transatlantikern und anderen Lobbyistengruppen erweisen sich die klassischen Medien.

Mittels Internet in der Lage, Informationen nachprüfen zu können, wird einer immer größer werdenden Zahl von Bürgern deutlich, wie der von klassischen Medien dargebotene Content journalistische Standards verletzt, da er eben nicht Komplexität aufbereitet und verständlich macht, sondern allzu sehr vereinfacht, zuspitzt und manipuliert. Das erste wäre im Sinne der Aufklärung, das zweite rückt sich schnell in die Nähe von Propaganda. Aufklärenden und aufgeklärten Journalismus benötigt eine demokratische Gesellschaft zum Fortbestehen, das zweite, manipulierende Meinungsmache, ist Signifikant für undemokratische Strukturen und das Überleiten dahin.

Doch an die Seite des über weite Strecken privat finanzierten oder mit der Politik verbundenem und damit interessegeleiteten Mainstream-Journalismus gesellten sich in den vergangen Jahren zunehmend die unabhängigen Blogs, die vielfach mit erstaunlich kritischen und vielschichtigen Beiträgen und Kommentaren dort einspringen, wo guter Journalismus marktkonformem, postdemokratischen Journalismus Platz gemacht hatte.

Sicherlich, nicht alles, was im Internet veröffentlicht wird, ist automatisch fundiert und sachverständig. Aber es ist eben diese Vielfalt, die die Rezipienten auch zum kritischen Lesen erziehen kann. Den Talking Heads der tradierten Meinungsmache stößt das freilich auf, verlieren sie einerseits die Deutungshoheit über zentrale Themen. Ihnen droht die Margnialisierung.

Andererseits bedeutet die Vielfalt eben auch, dass nicht alle dargebotenen Themen einen tradierten Diskursverlauf nehmen, daher auch in Extreme ausschlagen können.

Das Vertrauen in die Selbstkorrektur solcher Ausschläge durch Meinungsvielfalt ist allerdings Bedingung, die gegenüber demokratischen Diskursen mitzubringen ist. Es sind erstaunlicherweise die Repräsentanten des sonst so Talkshow affinen Diskursjournalismus und die Verfechter der Demokratie von Gauck bis Ditfurth, die genau diesem Prozess des Diskutierens und Balancierens misstrauen und ein im Herzen antidemokratisches Meinungsführertum für sich beanspruchen.

Dass diese diskursive Selbstkorrektur auch ohne die Meinungskorsette etablierter Repräsentanten funktioniert, ist im Moment allerdings mehr als offensichtlich. Denn diese Fähigkeit zur kritischen Rezeption schlägt jetzt auf die etablierten Medien zurück. Eine im Grunde positive Entwicklung, die hoffentlich dazu führt, den Standard zu heben und die Gentrifizierung des Denkens zugunsten pluraler Diskurse aufzubrechen.


Autor: Gert Ewen Ungar – logon-echon.com

Beitragsbild: Nmedia / Fotalia.de

 

Gedanken zum Jahreswechsel

von Caillea

Nun steht der Jahreswechsel direkt vor der Haustüre. Viele Menschen werden gerade zum Jahresende immer nachdenklicher und verspüren in sich einfach nur den Wunsch, Ruhe vor allem zu haben, mal frei von allem zu sein, zu lachen, Spass zu erleben, weniger oder nicht zu arbeiten, den Tag mal so zu verbringen, wie man sich es wünscht. Man wünscht sich Zeit, keine Hetze, kein Hinterherjagen, sondern einfach mal alles loslassen und dem Alltag zu entfliehen. Man möchte alles besser machen und doch holt einen spätestens in den ersten Januar-Tagen der Alltag wieder ein. Dann sind da noch die vielen Querdenker und der investigative Journalismus, welche einen direkt auf die vielen Schwachstellen, Lügen, Manipulationen aufmerksam machen und uns die Welt zeigen, wie sie wirklich ist.

Jeder dieser Quer- und Freidenker hat Gutes im Sinn und möchten dazu beitragen, die vielen Mißstände aufzuzeigen, damit eine bessere Gesellschaft möglich wird und möglichst viele Menschen “wach” werden. Doch oft verzweifelt man auch und hinterfragt das, was man als Blogger, Filmer, Journalist und Andersdenkende/r so tut. Wofür macht man sich die Mühe zu recherchieren, zu Hinterfragen und immer wieder Texte, Filme und alternative Nachrichten zusammenzustellen? Warum setzt man sich unter Druck und versucht, täglich neue Nachrichten zu bringen? Ist es nur der Hype auf schlechte Nachrichten, welcher einige Menschen auf diese Webseiten führt? Warum führen alternative Nachrichten und Berichte nicht zu Taten? Ist es für den Großteil der Menschen nicht einfach nur eine Erleichterung, Petitionen zu unterschreiben, damit sie ihr Gewissen erleichtern und das Gefühl haben nicht tatenlos zuzusehen, wie unsere Welt vor die Hunde geht? Sind es nicht nur verhältnismäßig wenige Menschen, die sich mit dem Weltgeschehen auf vielfältigste Art auseinandersetzen? Was ist mit der Masse der Menschen? Warum glauben sie den gebetsmühlenartigen Sprüchen der Politik und den Mainstreammedien? Warum gaukeln sie sich eine heile Welt vor und sind nicht in der Lage zu Hinterfragen und zu Differenzieren?

Viele Menschen, denen ich begegne, sehen durchaus, dass durch unser aller Verhalten sowie durch Gier und Macht von einigen Wenigen unsere Welt äußerst gefährdet ist und viele Schäden kaum noch zu beheben sind. Doch trotzdem können sie sich dem System nicht oder nur schwer entziehen und sind wenig in der Lage in ihrem eigenen Leben Dinge zu verändern. Auf der einen Seite möchten sie informiert sein, auf der anderen Seite wollen sie nichts mehr hören und eigentlich haben sie auch ein bisschen Angst und daher möchte niemand Ärger. Also habe ich mich mal mit diesem Phänomen auseinandergesetzt und bin auf einen Artikel bzw. eine Studie gestoßen, die viele der aufkommenden Fragen beantworten könnte. Es geht um Gehirnforschung und der Aussage, dass 80 % der Menschen besorgniserregende Meldungen überhaupt nicht verarbeiten können.

Bildquelle: © Bernd Syben, Essen

Bildquelle: © Bernd Syben, Essen

Gehirnforscher nennen es  „unrealistischen Optimismus“, was im Endeffekt nichts weiter bedeutet, als dass bei der Mehrheit der Bevölkerung essentielle Teile des Gehirns einfach herunterfahren, wenn sie mit der Wahrheit konfrontiert werden.

Die Leiterin einer jüngst durchgeführten Studie, mit der dieser Sachverhalt nun durch Messungen der Gehirnaktivität belegt werden konnte, macht dieses zuvor umstrittene Phänomen sogar für den Ausbruch der Finanzkrise im Jahre 2008 verantwortlich.

Wenn Sie Ihre Mitmenschen wieder einmal auf reale und besorgniserregende Sachverhalte aufmerksam machen wollen, während diese sich nicht darum zu scheren scheinen, das von Ihnen Gesagte als Schwarzmalerei beiseite wischen und sich stattdessen „unterhaltsameren“ Dingen zuwenden – Seien Sie beruhigt, das hat nichts mit Ihnen zu tun!

Die Mehrheit der Bevölkerung lebt laut jüngster Erkenntnisse der Gehirnforschung in einer Fantasiewelt, die auch als „unrealistischer Optimismus“ bezeichnet wird. Kurzum: Der Stirnlappen (präfrontaler Cortex) wird einfach heruntergefahren, wenn Meldungen herein flattern, die sich nicht mit ihrer Wohlfühlwelt vereinbaren lassen.

Forscher in London haben diese Tatsache – die bis vor Kurzem noch heftig umstritten war und mit Verweis auf statistische Fehler beiseite gewischt (!) wurde – nun durch Messungen der Gehirnaktivität und detaillierte Überprüfungen belegen können. Die Leiterin der Untersuchung, Dr. Tali Sharot, sagte zu den Ergebnissen:

“Unsere Untersuchung legt nahe, dass wir uns die Informationen gezielt aussuchen, die wir hören wollen. Umso optimistischer wir sind, desto weniger wahrscheinlich ist es, dass negative Informationen über die Zukunft Einfluss auf uns haben. Für die geistige Gesundheit kann dies Vorteile mit sich bringen, aber es gibt ganz offenkundige Nachteile. Viele Experten sind der Meinung, dass die Finanzkrise des Jahres 2008 durch Analysten herbeigeführt wurde, welche die Kursentwicklung ihrer Vermögenswerte selbst angesichts eindeutiger gegenteiliger Beweise überschätzten.”

Bei der Untersuchung dieses den Lesern alternativer Medien hinlänglich bekannten und in ihrem Lebensumfeld eingehend studierten Phänomens kamen die Forscher zu dem Schluss, dass 80% aller Menschen Optimisten sind, ohne davon zwangsläufig auch nur die leiseste Ahnung haben zu müssen.

Gegen Optimismus als solches ist ja nichts einzuwenden, doch wenn man zu dem Optimismus gelangt, ohne das zuvor alle relevanten und zugänglichen Tatsachen im Gehirn verarbeitet werden, dann ist das in der Tat recht bedenklich. Der Theologe Frank Ochmann kommentierte die mit den Forschungsergebnissen einhergehenden Implikationen am Beispiel der Finanzkrise mit den Worten:

“Die Lehman Brothers oder die Anleger von Bernard Madoff und Konsorten können wir gleich noch dazunehmen. Wenn es meist die Gier war, die den Verursachern der Finanzkrise 2008 nachträglich – und sicher zu Recht – zur Last gelegt wurde, so kommt ein weiterer Aspekt dazu: überzogener Optimismus … Denn was die Gier als erstrebenswert vorgaukelte, das hat der Optimismus in erreichbare Nähe geschoben. Dass darunter der Abgrund lauerte, wurde schlicht übersehen. Nur gut, dass in der jetzigen Krise alles ganz anders ist. Bestimmt. Wir müssen es nur glauben.”

Dass Ochmann das Ausbrechen der Finanzkrise der „Gier“ zuschreibt, entbehrt zwar nicht dem kollektivistischen Wohlfühldenken eines politisch korrekten, in einer globalistischen Diktatur eingebetteten Menschen, greift aber zu kurz.

Vielmehr ist der Ausbruch der Finanzkrise den korrupten westlichen Politikern – die ihren „optimistischen“ Sklavenschafen vorgaukeln, sie hätten als „mündige Bürger“ ein Mitspracherecht – sowie dem nicht minder skrupellosen internationalen Zentralbankwesen anzulasten, die von oben nach unten systematisch alle Schutzwälle vor dem korporativistischen Faschismus und dem globalen Derivate-Casino eingerissen haben.

Während wohlmeinende Zeitgenossen die Politiker mit dem Argument, bei ihnen würde es sich um korrupte, machtbesessene und gierige Vollidioten handeln, noch glaubhaft in Schutz nehmen könnten, muss zumindest dem internationalen Zentralbankwesen, ihren Privateignern und anderen illuministischen Monetaristen Vorsatz unterstellt werden – doch wäre es unrealistisch optimistisch anzunehmen, dass die für die Wahrnehmung derartiger Sachverhalte essentiellen Gehirnregionen der Redakteure der Massenmedien nicht umgehend auf Durchzug schalten würden. Quelle: http://www.propagandafront.de/187070/gehirnforschung-80-der-menschen-konnen-besorgniserregende-meldungen-uberhaupt-nicht-verarbeiten.html

Weitere Quellenangaben erfolgen am Ende dieses Artikels. Den letzten drei Absätzen kann ich nur zustimmen. Es ist sicherlich interessant mal in diese Richtung zu recherchieren, um dem Phänomen “Augen zu” weiter auf den Grund zu gehen.

Meines Erachtens geht es um noch wesentlich mehr. Es geht um Veränderungen bei jedem von uns. Es geht um das Hinterfragen der eigenen Lebenssituation und dem Umgang mit dem Rest der Welt. Schon Einstein sagte: „Die reinste Form des Wahnsinns ist es, 
alles beim Alten zu lassen und 
gleichzeitig zu hoffen, dass sich etwas ändert.”

Viele von uns tun sich schwer Gewohntes loszulassen. Doch wenn sich nichts ändert, stehen wir irgendwann vor einem Scherbenhaufen, der nicht mehr wegzukehren ist. Hierzu ist mir ein Artikel in DER ZEIT aufgefallen. Es lohnt sich meines Erachtens, diesen mal zu lesen.

Der Mensch ist ein faszinierendes, oft auch ein undurchsichtiges Wesen und doch auch in vielen Situationen des Lebens liebenswert.

An dieser Stelle möchte ich allen Bloggern, Filmern, Quer- und Freidenkern danken für die viele Mühe, die Ausdauer und den Mut, den sie immer wieder aufbringen, um gegen ein System anzugehen, das bestrebt ist, uns alle zu Sklaven und unsere Welt zu einem verkommenen Gefängnis zu machen.

Wir möchten uns auch bei allen Leserinnen und Lesern bedanken und wünschen allen ein frohes, gesundes und glückliches neue Jahr 2014.

Eure Caillea Rakow-Grebenstein

Weitere Quellen:

http://www.stern.de/wissen/mensch/kopfwelten-zur-eurokrise-hoffnungsvoll-dem-abgrund-entgegen-1737835.html

http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/der-mensch-ist-grundlos-optimistisch-er-laesst-sich-auch/4738454.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Selbstwertdienliche_Verzerrung

Beitragsbild: http://www.freidenker-galerie.de – Rainer Ostendorf

Die anthropologisch-ethischen Verfehlungen des Kapitalismus

von Peter Weber – KRITISCHES NETZWERK

Ich habe in der Le Monde Diplomatique einen äußerst klugen und richtungweisenden Artikel über die existenzielle anthropologische Frage der Menschheit gefunden. Diese sollte eigentlich in einer Einheit mit der ökologischen Frage gestellt werden, wird aber meist unterdrückt oder übersehen, was verheerende Folgen hat.  Der Artikel trägt den Titel „Der Mensch im Kapitalismus“ und ist verfaßt von Lucien Sève. Da wir nicht die Rechte besitzen, den Beitrag in der vollen Länge zu veröffentlichen, unternehme ich mit Hilfe von einigen Zitaten daraus den Versuch, die Problematik in meinen Worten zu schildern und eigene Gedanken hinzuzufügen.

Einen aktuellen Ansatzpunkt habe ich beispielsweise beim Versuch der deutschen Grünen, eine neue Standortbestimmung zu finden, geortet. Durch maßgebende Beeinflussung wie durch den Ministerpräsidenten von BW, Winfried Kretschmann, scheinen die Grünen in eine neoliberallastige Öko-Partei abzudriften. Wenn sie den Fehler begehen, sich zu sehr der Wirtschaft an den Hals zu werfen und soziale Prinzipien in den Hintergrund zu drängen, mutieren sie zu einer grünen FDP, die sich auf die 5 %-Hürde zubewegt. Der Grund für diesen Irrweg der Grünen ist darin zu suchen, dass sie meinen, mit rein ökologischen Herangehensweisen und High Tec die Probleme unserer Zeit lösen zu können, ohne die mindestens genau so wichtige anthropologische Frage zu stellen.

Was ist die anthropologische Frage? Selbst ansonsten unpolitischen Bürgern ist die Relevanz der Ökologie bewusst, aber die ethische Kehrseite dieser Medaille, die untrennbar damit verbunden ist, bleibt eher im Unterbewusstsein hängen. Die Fragen, die sich in diesem Kontext jeder stellen sollte, sind die folgenden:

  • Wie steht es mit dem Zustand der menschlichen Gattung aus?
  • Ist sie nicht mindestens in der gleichen Weise in ihrer Existenz gefährdet wie die Natur oder die ganze Erde?
  • Haben wir es nicht mit einer Form von Entzivilisierung zu tun, die die vom Menschen geschaffene Zivilisation und Kultur regrediert und ins Wanken bringt?
  • Ist in diesem Zusammenhang nicht die Rettung der Menschheit auf der gleichen Dringlichkeitsstufe einzuordnen wie die Rettung der Natur?

Wenn wir mindestens eine dieser Fragen bejahen, dann gelangen wir erst zu den zentralen Kernfragen:

  • Von welcher Art und Qualität soll unsere Menschheit insgesamt beschaffen sein?
  • Welche ethischen und moralischen Grundsätze sind angemessen und liegen in unserer individuellen Verantwortung?
  • Welches sind die Werte, die wir persönlich und gesellschaftlich internalisiert haben und die uns von Wichtigkeit erscheinen?
  • Welchen Sinn hat das Leben für uns persönlich?
  • Steht „der Mensch“ – also das Gemeinwohl – im Vordergrund unserer Lebensanschauung oder der materielle Vorteil bzw. das Zusammenraffen von Besitztum und Geld?

Mit all diesen Fragestellungen auf einmal ist der eine oder andere sicher überfordert. Aber es kann nicht schaden, sich auf diesem Weg voranzukämpfen, wenn wir unser Schicksal in die eigene Hand nehmen wollen und nicht fatalistisch vor uns hinvegetieren wollen.

Ich habe mich entschlossen, die im Aufsatz von Lucien Sève behandelten Schwerpunktfragen in eine Struktur zu bringen und habe sie mit den folgenden Überschriften versehen:

1.  Ethik und Politik

Die grundsätzlichen Fragen, die wir uns hinsichtlich der Entwicklung unserer Zivilisation und unserer (Werte-)Kultur stellen müssen, sind ethischer Art. Das heißt, dass die Politik zwangsläufig involviert sein muß, aber in der Hauptsache bedeutet es, sich damit zu beschäftigen, wie wir unsere Gesellschaft grundlegend reformieren können.

Wenn wir wissen wollen, welchen Weg wir persönlich und mit uns die gesamte menschliche Rasse in der Zukunft nehmen wollen, dann sollten wir uns von abgegriffenen und nichtssagenden politischen Definitionen verabschieden. Nach wie vor operieren die Parteien und Politiker – mit Vorliebe im Wahlkampf – mit vorurteilsbehafteten Begriffen wie „links“„rechts“„sozialistisch“„kommunistisch“ oder „christlich“. Die Mehrheit der politischen Organisationen driftet im Populismus dahin und will sich in der „Mitte“ verorten. Diese Mitte ist noch weniger aussagekräftig wie die anderen Scheinbegriffe, denn das Einmitten dient der Vernebelung der wahren Absichten und zur Paralisation und Sedierung der Bevölkerung. Wir sollten diese falschen Wegweiser schleunigst über Bord werfen und uns den gemeinsamen Zielen unseres Gemeinwohls zuwenden und an diesen gemeinsam wie an einem Strang ziehen.

2.  Vermarktung alles Menschlichen

Die verhängnisvollste Fehlentwicklung, die sich seit der Ausbreitung des modernen Kapitalismus mit seiner neoliberalen Ideologie ausgebreitet hat, ist die totale Vermarktung alles Menschlichen. Diese liegt im Wesen des Kapitalismus begründet, der keine Moral und Ethik kennt, und der seine globale Herrschaft auf dem Materiellen, auf Waren, Besitz und Geld, begründet. Menschliche Arbeitskraft wird zur Ware deklariert, die nach den Gesetzen von Angebot und Nachfrage wie Kartoffeln auf dem Wochenmarkt gehandelt wird. Dabei wird die Arbeitskraft der abhängig Beschäftigten von den Kapitaleignern als berechtigte Einnahmequelle ihres privaten Profits angesehen und somit missbraucht.

Wer jedoch Menschen und ihre Arbeitskraft zur Ware erniedrigt, der „verwarenförmigt“ und verdinglicht damit auch die Arbeitnehmer. Das fehlgeleitete Verständnis der Kapitaleigner und Arbeitgeber besteht darin, daß sie glauben, Arbeit an die Arbeitnehmer zu verschenken. In der Realität ist es aber umgekehrt: Die Arbeitnehmer stellen ihre Arbeitskraft den Unternehmern zur Verfügung, freilich nicht ganz freiwillig und oftmals unter äußerst repressiven Bedingungen.

3.  Totale Kommerzialisierung von Dienstleistungen

Im öffentlichen Raum - Werner RuegemerAngefangen von der Ausuferung der Finanzmärkte, die auch noch politisch gefördert wurde, bis zu jeglicher denkbaren Dienstleistung und menschlichen Tätigkeit: Alles wird der Logik der hemmungslosen Profitmaximierung unterworfen. Lucien Sève spricht in diesem Kontext von einer „Verschmutzung der Arbeit, die nicht weniger schlimm ist als die der Gewässer.“

Auch Organisationen des öffentlichen Rechts und Aufgaben, die der Aufrechterhaltung der Existenz der Bürger dienen, bleiben nicht vom Diktat des Kapitals und er pathologischen Gewinnsucht verschont. Von der Energie- und Wasserversorgung, Müllabfuhr, ärztlicher Versorgung, Krankenhäusern, Gesundheitssystem bis zum Sport, zur Bildung, Forschung, Kunst und Kultur: alles wird privatisiert und verwurstet unter tatkräftiger Mithilfe der von uns gewählten „Volksvertreter“. Diese Art von Privatisierung, bei der die Kosten sozialisiert werden und die Gewinne privatisiert, nenne ich Raub am Bürgereigentum. Ich verweise in diesem Zusammenhang auf Werner Rügemer, einem Kenner der Privatisierungs- und Korruptionsszene, der z. B. bei uns im Kritischen Netzwerk Beiträge wie „Heuschrecken im öffentlichen Raum“ oder „Unterwerfung als Freiheit“ geschrieben hat.

Wir sollten uns vor Augen halten, dass der entscheidende Reichtum der Welt – aus anthropozentrischer Sicht gesehen – die kreativen Leistungen der Menschen darstellen. Alle diese Aktivitäten, die unserem Leben einen tieferen Sinn verleihen, werden gnadenlos ausgebeutet und den gefräßigen Geldwölfen zum Fraß vorgeworfen. So wird z. B. auch das Fernsehen oder das Internet, die als Medien einen konstruktiven Effekt auf die kulturelle Entwicklung besitzen könnten, als Manipulationsmittel zur Gehirnwäsche zweckentfremdet. Oder als was sollte man die permanente und alle Lebensbereiche kontaminierende Werbung sonst bezeichnen? Sie dringt in unsere Gehirne ein und verleitet uns dazu, den Konsum als neue Religion und die Supermärkte als Tempel anzuerkennen sowie die von Menschen erschaffene Technik als Götzen anzubeten.

4.  Entwertung aller Werte

Was wir in den letzten hundert Jahren beobachten können, ist ein immer schneller voranschreitender Wertewandel. Ich benutze bewusst die neutrale Einordnung dieses Vorgangs und verwende nicht den dafür üblichen subjektiven Begriff „Werteverlust“. Aber trotzdem komme ich nicht umhin, eine subjektive Einschätzung abzugeben, die letztlich doch auf eine ziemlich fatale Entwertung aller bisher anerkannten Wertbegriffe hinausläuft, die durch die Krankheit der Kommerzialisierung verursacht wurde.

In diesem Kontext darf natürlich Emmanuel Kant und seine Moralvorstellungen nicht fehlen. Sein moralisches Prinzip ist so zu beschreiben, dass dem Menschen von Geburt an eine Menschenwürde zusteht. Dies bedeutet logischerweise, dass der Mensch „keinen Preis“ haben kann und das kapitalistische Prinzip, alles in Geld zu bewerten, zu einer allgemeinen Entwürdigung des Menschen und seiner Lebensleistungen führt. Auch der von Kant entwickelte „Kategorische Imperativ“ sollte an dieser Stelle berücksichtigt werden. Wikipedia definiert ihn so:

„Der kategorische Imperativ (im Folgenden kurz KI) lautet in seiner Grundform „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Er ist im System Immanuel Kants das grundlegende Prinzip der Ethik. Er gebietet allen endlichen vernunftbegabten Wesen und damit allen Menschen, ihre Handlungen darauf zu prüfen, ob sie einer für alle, jederzeit und ohne Ausnahme geltenden Maxime folgen und ob dabei das Recht aller betroffenen Menschen, auch als Selbstzweck, also nicht als bloßes Mittel zu einem anderen Zweck behandelt zu werden, berücksichtigt wird. Der Begriff wird in Kants Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (GMS) vorgestellt und in der Kritik der praktischen Vernunft (KpV) ausführlich entwickelt.“

Diese Prinzipien sind universell anzuwenden: auf kognitive, ästhetische, rechtliche oder moralisch-ethische Bereiche. Eine menschliche Zivilisation und Kultur ist nicht überlebensfähig, wenn sie nicht uneingeschränkte Menschenwerte und Menschenrechte akzeptiert, die nicht zur Disposition stehen. Lucien Sève formuliert dies folgendermaßen:

„Wir erleben heute tagtäglich, wie das Bedürfnis nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Würde ins Lächerliche gezogen wird, wie die Diktatur der Rentabilität auf die allmähliche Vernichtung des Unschätzbaren, (ökonomisch – Anm. d. Verf.) Nutzlosen, Unentgeltlichen hinarbeitet. Wir stehen an der tragischen Schwelle zu einer Welt, in der der Mensch nichts mehr wert ist.“ und

„Der einzige “Wert”, der sich zum Maß aller anderen macht, ist nur noch selbstbezüglich und ohne jeden eigenen Wert … Ist diese Auflösung der Werte weniger schlimm als das Abschmelzen der Pole? Unsere Menschlichkeit selbst steht auf dem Spiel – ist uns das in vollen Ausmaß bewusst?“

Eine mit kapitalistischem Verwertungs- und Profitzwang infizierte Gesellschaft hat die Menschenwürde und das Menschenrecht außer Kraft gesetzt. Sie teilt die Menschheit grundsätzlich nur noch in drei Klassen ein:

  • die Kapitalbesitzer
  • die Verwertbaren, die durch ihre Be- und Ausnutzung aufgrund ihrer Fähigkeiten und ihres Wissens einen ökonomisch bezifferbaren Vorteil erbringen,
  • die Nutzlosen, also die Schwachen, Kranken, Arbeitslosen, Alten, Flüchtlinge und Außenseiter, die zum menschlichen Abfall deklariert werden und denen man am liebsten sämtliche Existenzgrundlagen entziehen würde.

Zu dieser Thematik haben wir in unserem Beitrag „Menschlicher Abfall gem. Zygmunt Bauman” im Kritischen Netzwerk Stellung bezogen.

5.  Unkontrollierbarer Sinnverlust

Ein weiterer unheilvoller Faktor bei der kulturellen Talfahrt der Menschen, der von Lucien Sève als der schlimmste von allen bezeichnet wird, ist der„unkontrollierbare Sinnverlust“, bei dem ich ihm nur beipflichten kann. Es handelt sich hier um ein weitgehend neues Phänomen, das dem früheren Kapitalismus nicht oder weniger anhaftete. Man konnte dem Kapitalismus in seinen Anfängen oder z. B. während des Wiederaufbaus in Deutschland, der Zeit des sog. Aufschwungs, sogar etwas Positives und einen Sinn zuerkennen. Bekanntlich behaupten die Apologeten des Neoliberalismus angefangen von Adam Smith, daß ein „freier“ Markt sozusagen mit „unsichtbarer Hand“ (Gottes) die Dinge automatisch zum Wohle aller regelt. Dies hat sich aber als Aberglaube herausgestellt, was allerdings noch nicht bis in die letzten Winkel der volkswirtschaftlichen Disziplinen und der Politik vorgedrungen ist.

Solange Konkurrenz als Motivation zur Erbringung sinnvoller Arbeit und kreativer Beschäftigung wirkt, hat sie ihre Berechtigung. Und solange der Arbeitnehmer und auch der Rest der Gesellschaft vom erarbeiteten Zugewinn einen gerechten Anteil erhält, ist die Welt noch in Ordnung. Insofern könnte man sogar die These aufstellen, dass der Kapitalismus trotz aller Ausbeutung die Menschheit zeitweise vorangebracht hat. Mittlerweile befinden wir uns jedoch in einer Phase, in der der Kapitalismus zum Selbstzweck  und eine nicht mehr zu regulierende Gefahr für die Menschheit geworden ist. Eine Sinnlosigkeit des Systems hat sich breitgemacht, die ohne Rücksicht auf Verluste nur noch seiner Erhaltung und dem Ausbau dient. Von einem Sinn kann höchstens noch in der Weise gesprochen werden, dass ein krebsartiges Wirtschaftswachstum mit dem Ziel der unendlichen Geld- und Besitzvermehrung zugunsten der Kapitaleigner verfolgt wird.

Wir streben einer enthumanisierten Gesellschaftsform entgegen, deren Beherrscher sich auf Kosten der Allgemeinheit bereichern und uns einreden wollen, diese Entwicklung sei zwangsläufig und ohne Alternative. Wir generieren uns mehr und mehr eine „Un-Welt“. Zitat Julien Sève:

“Die finanzgetriebene Globalisierung wird zum konvulsivischen Durchbruch einer “Un-Welt”, in der das Absurde zusammen mit seinem Geistesverwandten, dem religiösen Fanatismus, alles mehr und mehr durchdringt.”

Statt uns nüchtern und kritisch eine klare Sicht der Umstände zu verschaffen und zu versuchen, die Entwicklungen, die wir in die Welt gesetzt haben, wieder im Sinne eines Nutzens für Mensch und Natur zu kontrollieren, lassen wir es zu, dass sie gegen uns und unsere Umwelt gerichtet werden. Wir sollten es verhindern, dass uns der Boden weiter unten den Füßen weggezogen wird. Wir müssen uns zu diesem Zwecke zusammentun und uns wehren. Aber zuvor ist es erforderlich, dass wir uns die oben angeführten Grundfragen stellen, damit wir nicht orientierungslos sind und in Apathie und Ohnmacht versinken. Der Sinnverlust, der unserer Kontrolle entgangen ist, muss rückgängig gemacht und in einen konstruktiven Sinn verwandelt werden.

Epikur-von-Samos

6.  Entzivilisierung und Dekadenz

Durch die Diktatur der Ökonomie und des Profits, des negativen Wertewandels und des Sinnverlustes sowohl in unserem individuellen als auch gesellschaftlichen Leben haben wir uns auf den desaströsen Weg einer Entzivilisierung begeben. Auch die entsetzlichen Kriege, die die Menschheit in den letzten hundert Jahren geführt hat, liegen auf diesem Weg. Aber der heutige Prozess verläuft schleichender und unmerklicher. Wir versenken langsam aber sicher die mit Mühe erarbeiteten demokratischen Errungenschaften. Zitat Julien Sève:

„Doch statt der friedlichen Demokratie, deren Zeit mit dem totalen Sieg des “freien Unternehmertums” angeblich gekommen war, erleben wir eine Ausweitung der Diktatur, zu deren schlimmsten Mitteln die Ausübung “sanfter” Gewalt gehört.“

Eine „Barbarei der globalisierten Un-Welt“ schreitet mit Macht voran, die wir oft nicht als solche erkennen, weil sie geschickt getarnt wurde. Was ist von den ständigen kriegerischen Konflikten, der Ausplünderung schwacher, armer und wehrloser Länder, von Terrorismus (Staatsterrorismus und fundamentalistischem oder religiösem Terrorismus) oder von der Anwendung von Folter zu halten, die nicht selten staatlich sanktioniert ist? Die sog.„saubere Gewalt“ ist letztlich auch nicht besser. Dazu gehören Praktiken wie: rigoroser Verdrängungswettbewerb, Konkurrenzkampf jeder gegen jeden, Mobbing, Massenentlassungen, Sanktionen und Repressionen gegen Arbeitslose, Überwachungsmethoden aller Art und an allen Orten. Auch symbolische oder psychische Gewalt reiht sich in diese unrühmliche Liste ein. Die Schürung von Angst zur gezielten Instrumentalisierung der Menschen, der Aufbau von Feindbildern zur Ablenkung von Machenschaften der Herrschenden oder die Umfunktionierung des Zynismus zu einer Tugend gehören zu diesem Katalog, den man sicher noch erweitern könnte.

7.  TINA: „There Is No Alternative“ und Ohnmacht

Das berüchtigte „TINA“ soll ja auf Margret Thatcher zurückzuführen sein. Die Schwester von TINA ist die ebenfalls zweifelhafte „Systemrelevanz“. Sinnvollere Handlungsalternativen werden ausgeschlossen oder gar verteufelt. Mit derartiger verbaler Bewaffnung pflegen unsere Politiker heute zu argumentieren, obwohl die Waffen eigentlich nur Platzmunition enthalten. Aber die dümmlichen und eingeschüchterten Bürger lassen sich auf diese Weise in Schach halten und nehmen die ungeheuerlichsten Fehlentscheidungen der Politik ohne Murren hin.

Der Eindruck entsteht, dass von der herrschenden Klasse systematisch Ohnmachtsgefühle der Bürger aufgebaut werden. Die infame Strategie zur Entmündigung der Menschen hat offenbar gefruchtet. Die moderne Produktionsweise, die eingetrichterte Konsumreligion, die Übermächtigkeit, Unübersichtlichkeit und Unangreifbarkeit gravierender politischer und finanzieller Entscheidungen hat die Menschen eingeschüchtert und demoralisiert. Mutlosigkeit, Desinteresse, Ratlosigkeit, Frustration und Ohnmacht breiten sich aus. Die gezüchtete willenlose Masse trottet ihren Führern hinterher und lässt sich bei Bedarf willig abschlachten.

8.  Vermarktete Ökologie

Ökologie droht, zum reinen Geschäft und zur Profitmasche zu verkommen. Bei diesem Punkt komme ich wieder auf die anfangs erläuterte Tendenz bei den Grünen zurück. Es ist doch offensichtlich, dass die Bereitschaft der Menschen – oder besser, der Konsumenten – zur Förderung von Ökologie und umweltschonendem Verhalten zu einer lukrativen Geschäftsidee der Wirtschaft mutiert ist. Eigentlich ist nichts dagegen einzuwenden, dass Unternehmen mit sinnvollen ökologischen Produkten und Dienstleistungen damit Gewinne erwirtschaften. Allerdings muss beachtet werden, dass die negative Kreativität der Wirtschaft im Erfinden von pseudo-ökologischen Produkten unerschöpflich ist – genauso wie die Naivität der Verbraucher und ihr Bedürfnis, sich mit einem Feigenblatt zu rühmen. Mit Hilfe der Werbewirtschaft gelingt es, den unkritischen Verbrauchern mit den haarsträubendsten Versprechungen Dinge anzudrehen, bei denen der Verkauf eines Kühlschranks an einen Eskimo noch logisch erscheint.

Aufgrund dieser Umstände ist es verständlich, dass ein derartig eingeschränktes ökologisches Schmalspurdenken für die Konzerne dieser geschäftstüchtigen Welt keine Gefahr bedeutet. Im Gegenteil, sie haben die Möglichkeit, neue profitable Trends zu kreieren, auf die die bourgeoise, ökologisch-korrekte Mittelstandsgesellschaft regelrecht abfährt. Dabei handelt es sich um das typische Wählerpotenzial der Grünen. Die Verführung für die Führung der Grünen ist natürlich groß, auf diesen Zug aufzuspringen und sich der dafür allzu aufgeschlossenen Wirtschaft anzubiedern. Hier lasse ich nochmals Julien Sève zu Worte kommen:

„In Wirklichkeit hängt das ökologische Drama wie das anthropologische am fatalen Prinzip der kurzfristigen Profitmaximierung. Beide Fragen, die ökologische und die anthropologische, sind nicht voneinander zu trennen – man kann die Umwelt nicht ohne die Menschheit retten und die Menschheit nicht ohne die Umwelt. Eine Ökologie, die nicht das Profitsystem bekämpft, hat keine Zukunft.“

Das ist deutlich und sollte von jedem verstanden werden. Aber Menschen sind zwiespältige und widersprüchliche Wesen, die zudem Meister der Rationalisierung und Verdrängung sind. Wer sein Gemüse und Fleisch korrekt beim Ökobauern oder zumindest an der Ökotheke im Supermarkt kauft, glaubt, bereits seine Schuldigkeit getan zu haben. Er hat dann kein schlechtes Gewissen mehr, wenn er mit einem SUV zum Einkaufen fährt und zweimal im Jahr mit dem Flugzeug in Urlaub fliegt.

9.  Schlußbemerkungen

Leider verhält es sich so, dass Ökologie falsch verstanden wird und fast ausschließlich auf die Art und den Umfang des Konsums reduziert wird. Wenn wir ernsthaft die anthropologische Frage stellen wollen, die ja Sinn und Grundlage dieses Beitrags darstellt, dann müssen wir unausweichlich den Kapitalismus anklagen, der durch seine inhumane Natur der Mitverursacher unserer Dekadenz ist. Da die Profiteure und Statthalter des Kapitalismus logischerweise kein Interesse an der Diskussion der anthropologischen Fragestellung besitzen, müssen wir sie dazu zwingen. Das aber gelingt nur durch nachdrücklich bewirkten Systemwechsel.

Um es nochmals zu betonen: Die bei uns verbreitete eingeschränkte ökologische Denkweise bedient sich nicht des nötigen radikalen Ansatzes. Sie nimmt allenfalls den Konsum unter den Aspekten von Gesundheitsverträglichkeit, Sinn, Menge, Energieverbrauch, Naturzerstörung- oder Vergiftung bzw. ökonomischer Schäden aufs Korn. Außerdem wird der Technologieentwicklung in einer Art von blindem religiösen Vertrauen eine göttliche Allmächtigkeit zugewiesen, die sämtliche Probleme dieser Welt lösen kann, ohne dass man sich bei seinem Konsum einschränken müsste. Ich möchte damit nicht den Anschein erwecken, dass diese Betrachtungsweisen unwichtig wären und alle Technologien des Teufels sind. Aber sie sind einseitig, solange sie den Konsum und seine Herstellung nicht im Hinblick auf die inhumanen Produktionsweisen, das Primat des Profits und der Verteilungsungerechtigkeit sowie die gesamtgesellschaftliche Verantwortungslosigkeit betrachtet.

Das Schlußwort meines Beitrags will ich Lucien Sève überlassen:

„So gesehen erscheint die Lage der Menschheit äußerst düster. Ist die Sichtweise nicht doch etwas einseitig? Man muss auch die objektiven Voraussetzungen und subjektiven Ansätze zur unumgänglichen Überwindung des Kapitalismus sehen. Vieles sieht so aus, als wäre es nicht zu ändern; wir dürfen dem nicht nachgeben. Wir können damit beginnen, die Tendenz umzukehren. Aber nur dann mit Erfolg, wenn wir eine Vorstellung davon entwickeln, wie groß die Aufgabe ist. Sie verlangt, sich der anthropologischen Frage in ihrem vollen Umfang zu stellen, sie also in gleicher Weise wie die ökologische erst einmal zur Frage zu machen.“

„Was jetzt beginnen muss, ist nichts weniger als die Rettung der Menschheit. Karl Marx schrieb im Mai 1843 an Arnold Ruge: “»Sie werden nicht sagen, ich hielte die Gegenwart zu hoch, und wenn ich dennoch nicht an ihr verzweifle, so ist es nur ihre eigene verzweifelte Lage, die mich mit Hoffnung erfüllt.«“

Ihr Peter Weber

Quelle: KN-Banner250x65

 

 

Über Politik und Gesellschaft …

… in Zeiten des Wandels

Ein Gespräch mit dem Politikwissenschaftler Claus Leggewie

von Göran-Adrian Bellin –

Anmerkung Caillea: Diese Seite “Denkanstöße” zeigt wunderbare philosophische und politische Ansätze. Leider wurden seit 2010/2011 keine neuen Beiträge auf der Webseite sowie auf der Facebookseite eingestellt. Schade eigentlich, denn die Vorträge und Beiträge haben von ihrer Brisanz und Aktualität nichts verloren. Es lohnt sich auf jeden Fall mehr zu lesen. In dem nachfolgenden Gespräch wird die Gesellschaft in Beziehung zur Politik und der vorhandenen Krisenintervention gesetzt. Dieser Artikel ist interessant und regt zum Nachdenken an. Hier liegt vielleicht die Ursache verborgen, warum so viele Menschen auf Krisen und Krisenbewältigung nicht mehr reagieren. Doch nun zum Interview:

Prof. Leggewie, der Historiker Heinrich von Treitschke meinte: Die Gesellschaft ist ein Durcheinander aller möglichen Interessen, die sich bekämpfen, und wenn sie sich selbst überlassen wären, so würden sie sehr bald zu einem bellum omnium contra omnes gelangen; denn die natürliche Tendenz der Gesellschaft ist Kampf, von einem Einheitsbedürfnis in ihr kann gar nicht die Rede sein.“  Hat er recht? Ist der Kampf die „natürliche Tendenz der Gesellschaft“?

Ob der „Kampf aller gegen alle“ die natürliche Tendenz der Gesellschaft ist, kann man bestreiten. Das ist ein Menschenbild und eine Gesellschaftstheorie, die vor allem von Thomas Hobbes formuliert worden ist. Es gibt auch andere Tendenzen, etwa im Bereich der anthropologischen Forschung, die von einer natürlichen Tendenz zur Kooperation ausgehen. Diese theoretischen Ansätze stehen in einem Wettbewerb. Es gibt nicht „die Natur des Menschen“. Das ist eine uralte Diskussion in der politischen Philosophie, die zu einem bestimmten Zeitpunkt aporetisch wird, weil sie immer wieder nur die widerstreitenden Standpunkte wiederholt, statt anzuerkennen, dass die menschliche Natur und vor allem die Vergesellschaftungsformen, mit denen wir es zu tun haben, vielfältig sind und viele Facetten nebeneinander kennen. Auch Wettbewerbe können ja durchaus Kooperation stiften, ja kommen gar nicht ohne Kooperation aus. Insofern ist die Gegenüberstellung grob und unzureichend.

“Es gibt nicht ‘die Natur des Menschen’.”

Könnte man das dann so beschreiben, wie es der Philosoph Axel Honneth tut, indem er zwar von einem sozialen „Kampf“ spricht, aber diesen „Kampf“ als „Kampf um Anerkennung“ beschreibt, was ja gewissermaßen die Elemente „Kampf“ und „Kooperation“ verbindet?

Die Anerkennung ist ja ein von Hegel herstammendes Modell. Anerkennung, Identität überhaupt impliziert ja, dass ich von einer anderen Seite, von anderen anerkannt werde. Die Identitätsbehauptung im Hegel’schen Sinne, also ein „Ich bin ich“, gilt ja nur dann, wenn ein anderer das bekräftigt, also wenn ein ein anderer durch ein „Du bist du“ die Identität bestätigt. Der Kampf um Anerkennung enthält also ein agonales Element, besteht darin, dass ich um etwas werbe und kämpfe, aber impliziert zugleich das Eingeständnis, dass ich den oder die anderen brauche.

Was sind heute die wesentlichen Schauplätze, Mechanismen und Elemente des sozialen Zusammenhalts? Haben politische, technologische usf. Veränderungen die Schauplätze und damit die Mechanismen verändert?

Man kann diese Frage im Sinne der politischen Ökologie aufgreifen und nach dem Zusammenhang von Politik und Technik fragen. Es gibt Technikdeterministen, die behaupten, eine bestimmte Politik sei nur möglich vor dem Hintergrund einer bestimmten technologischen Wirklichkeit, woraus dann technokratische Politikmodelle abgeleitet werden. Man würde also zum Beispiel sagen, die erneuerbaren Technologien setzen eine bestimmte Gesellschaftspolitik und damit überhaupt eine bestimmte Gesellschaft voraus. Andererseits gibt es Positionen der Technikindifferenz, die nur von sozialen Verhältnissen und politischen Kämpfen ausgehen. Auch hier wird man eine mittlere Position finden müssen. Die Urväter der politischen Ökologie wie André Gorz oder Ivan Illich haben die Sozialförmigkeit der Technik herausgestellt. Sie sagen also, dass Technik in sozialer Hinsicht keineswegs völlig indifferent ist, aber enthalten sich aller deterministischen Bezüge. Am Ende ist die Politik Ausschlag gebend, die gemacht wird. Und Politik ist eben nicht nur staatliche Regulierung, sondern auch gesellschaftliche Aktivität. Und man wird davon ausgehen dürfen, dass eine Gesellschaft, die zu großen Teilen auf erneuerbaren Energien beruhen wird und Aspekte der Effizienz und Suffizienz viel stärker berücksichtigt, als das in der gegenwärtigen Verschwendungsökonomie der Fall ist, dass also diese Gesellschaft auch andere Sozialformen entwickelt, d.h. andere Arbeitsformen, andere Unternehmensformen, andere Politikformen.

Wenn wir im Bereich der Politik bleiben und feststellen, dass etwa im 19. Jahrhundert ein wichtiger Schauplatz des Politischen und der sozialen Identifikation die Gewerkschaftsbewegung war, wo würden Sie dann heute die entscheidenden Schauplätze des Politischen sehen? Offenkundig sind es etwa die Gewerkschaften nicht mehr…

Aber andere Großorganisationen haben ebenso an Bedeutung verloren. Augenscheinlich verschwindet das in der kleineren Form, in überschaubaren Gruppen. Oder in “associations without members“ wie Greenpeace, eine Organisation, mit der sich viele identifizieren, bei der man aber nicht Mitglied sein kann oder muss. Zudem spielen informelle Netzwerke eine immer größere Rolle. Der Trend geht offenbar weg vom Großen und hin zum Kleinen, zur Individualisierung, die aber wiederum eigene Sozialförmigkeiten hat, genau wie virtuelle Vergemeinschaften in Sozialmedien, die eine globale Anhängerschaft aufweisen können. Was man teilweise als privat bezeichnet, hat ja durchaus das Potential der Politisierung. Konsumenten können im Politischen eine wichtige Rolle spielen, wenn sie sich ihrer Selbstwirksamkeit stärker bewusst werden.

“Am Ende ist die Politik Ausschlag gebend, die gemacht wird. Und Politik ist eben nicht nur staatliche Regulierung, sondern auch gesellschaftliche Aktivität.”

Folgt daraus, dass die soziale Institutionalisierung im Politischen eine zunehmend untergeordnete Rolle spielt?

Nein, es sind einfach andere Vergesellschaftungsformen. Individualisierung ist ja ebenfalls eine Vergesellschaftungsform. Sie beruht nur weniger auf dem Prinzip des zahlenden Mitglieds. Es gibt im Internet Netzwerke mit Zigtausenden von Leuten, die mitmachen. Solche Netzwerke können sich politisieren. Es sind nur eben nicht mehr die großen Organisationen wie ein Betrieb, ein großer Verband.

www.politische-bildung-brandenburg.de/programm/ausstellungen/20_jahre_mauerfall/schwalme.html

www.politische-bildung-brandenburg.de/programm/ausstellungen/20_jahre_mauerfall/schwalme.html

Das Ende der Welt, wie wir sie kannten“ lautet der Titel eines Buches, an dem Sie mitgewirkt haben. Sie beschreiben dort den Klimawandel als Teil einer „übergeordneten Metakrise“. Wie sieht die aus? Und inwiefern ist die Welt, wie wir sie kannten, am Ende?

Nun, viele Kommentatoren sprechen ja von der „Megakrise“, weil die Krise besonders gravierend ist und der Krisenbegriff sich ohnehin komplett inflationiert hat. Wir sind also ständig in Krisen, es wird scheinbar ständig reformiert und plötzlich ist es gar keine Krise, keine Entscheidungssituation mehr. Und eigentlich wird auch gar nicht reformiert, sondern es werden Übelstände rhetorisch zugedeckt. Wir haben uns also ein Wortspiel erlaubt und es „Metakrise“ genannt deshalb, weil die Krisen der Weltwirtschafts-, Finanz-, Klima-, Ressourcen- und Energiekrise ja offenkundig erstens gemeinsame Ursachen haben und zweitens parallel oder synchron laufen. Wir haben ja nicht jetzt die Energiekrise und übermorgen die Klimakrise, danach die Finanzkrise. Wir haben sie alle gleichermaßen und gleichzeitig. Und das Gemeinsame besteht darin, dass wir in den letztem 30 oder 40 Jahren die Zukunft sozusagen vernutzt haben. Das gilt für die Finanzprodukte, die wir erfunden haben, das gilt für die Natur, das gilt für die schwindenden Ressourcen, von denen wir spätestens seit den 70er des letzten Jahrhunderts wissen, dass sie nicht endlos vorhanden sind. Das alles verbindet sich nun, wir haben gewirtschaftet, als gäbe es kein Morgen. Und das führt zum Ende einer Welt, wie wir sie kannten. Wir können das in die Katastrophe vorantreiben, aber die Welt, die zur hiesigen Über- und in vielen Regionen der Welt zu einer katastrophalen Unterentwicklung geführt hat, ist definitiv am Ende.

“Wir haben ja nicht jetzt die Energiekrise und übermorgen die Klimakrise, danach die Finanzkrise. Wir haben sie alle gleichermaßen und gleichzeitig.”

Inwiefern ist der Klimawandel ein „kulturelles Problem“?

Eine Klimaveränderung ist zunächst etwas, das ich mit naturwissenschaftlichen Messverfahren und Prognosen konstruiere. Dazu gibt es eindrucksvolle Visualisierungen, etwa die abschmelzenden Polkappen. Hier rede ich über Naturveränderungen, muss aber zugleich sagen, dass die vermeintliche Wucht der Naturkatastrophe erst dann eintrifft, wenn wir sie als Sozialkatastrophe erfahren. Nehmen Sie die Arktis: Das Abschmelzen der großen Eismassen führt zu einer vollständigen Veränderung der Lebenssituation der dort lebenden Inuit. Nun können wir grenzenlos zynisch sagen, dass uns das in etwa so wichtig ist wie die Rohrdrossel, die es bald auch nicht mehr gibt. Aber wir täten wohl besser daran, solche Vorgänge als Heuristiken von Lebensverhältnissen zu begreifen, in dir wir selber bald kommen könnten. Auch unsere Lebensverhältnisse verändern sich durch den Klimawandel sehr stark, was in der Wirtschaftsgeographie und der Wirtschaftsgeschichte seit Jahrhunderten klar ist. In der französischen Annales-Schule wurde intensiv der Zusammenhang von Klima und Gesellschaft reflektiert. Zu einem spezifisch kulturellen Phänomen wird das Klima dann, wenn wir es nicht mit Eins-zu-eins-Auswirkungen des Klimas zu tun haben, sondern diese Wirkungen vermittelt sind durch ,kulturspezifische’ Deutungssysteme. Der Klimawandel wird in Pakistan anders wahrgenommen als in Holland oder Japan. Mit Klimakultur meinen wir diese verschiedenen Perzeptionsweisen und Sinndeutungen in den Gesellschaften, des Klimawandels wie der Folgen von Klimapolitik. Hier ergeben sich die für Geistes- und Sozialwissenschaft und natürlich auch für die interdisziplinäre Forschung eigentlich spannenden Fragen.

Eine wirksame Klimaschutzpolitik muss also bei den Wahrnehmungsformen der Menschen beginnen?

Ja, das denke ich. Deshalb sprechen wir von einer Heuristik. Ich bin kein radikaler Konstruktivist, aber ich glaube sehr wohl, dass es wichtig ist, ob man den Klimawandel für eine Tatsache oder für ein soziales Konstrukt, gar für das Ergebnis einer Verschwörung hält. Ganz im Sinne des Thomas-Theorems: „Wenn die Menschen Situationen als wirklich definieren, sind sie in ihren Konsequenzen wirklich.“ Ganz einfache Alltagsbeobachtungen, Tischgespräche etwa, die Urlaubs- oder Wochenendplanung kann man als Beispiel dafür anführen, wie die Veränderungen des Wetters, das Klima sich als Thema manifestieren. Sie kriegen so einen „Klima-Touch“. Oder Flutkatastrophen in Pakistan, die heute eine ganz andere Konnotation haben als früher. Und selbst Erdbeben werden heute kulturelle anders wahrgenommen als etwa zur Zeit des großen Erdbebens von Lissabon 1755. Mal ist das Erdbeben eine Gottesstrafe, dann Ausdruck des Versagens der staatlichen Politik, dann wieder eine Gottesstrafe.

“Der Klimawandel wird in Pakistan anders wahrgenommen als in Holland oder Japan.”

Der Rezensent der NZZ konstatierte in seiner Besprechung Ihres Buches über das „Ende der Welt“ und seine Autoren: „Man ist entschlossen, weiß aber noch nicht so genau, wozu.“ Ist das so? Warum hält sich so hartnäckig das Gerücht, „man“ wisse angesichts der Umwelt- und Klimakrise nicht recht, was zu tun sei?

Das Problem ist halt sehr groß, es scheint sehr weit weg zu sein, sowohl räumlich wie auch zeitlich. Was soll ich also tun? Auch wenn ich einsehe, dass ich mein komplettes Konsumverhalten umstellen müsste, dass ich im Jahr vier Tonnen verbrauche, obschon mir nur eine zusteht à la longue, so habe ich den Eindruck, dass das alles nicht zu machen ist. The problem is too big. In einer solchen Situation neigen wir dann dazu, resigniert die Hände in den Schoß zu legen. Also müssen wir das Problem kleinarbeiten, es menschenfreundlich machen, es anpassen an das, was Menschen an Veränderungsbereitschaft ja tatsächlich auch artikulieren und auch teilweise bereits in Handlungspraktiken überführt haben. Es ist ja kein bloßes Gerücht, dass es einen alternativen Konsumstil gibt. Auch wenn der nur bestimmte Segmente des Marktes und nur bestimmte soziale Milieus betrifft. Der Rezensent der NZZ unterstellte uns, wir würden so etwas wie eine APO 2.0 konstatieren, aber nicht angeben, wohin das führt. Und da hat er in der Tat vollkommen recht. Denn ich bin nicht Herbert Marcuse, kein Revolutionstheoretiker der neuen APO, wie es bei der ersten APO einen brauchte. Und ich persönlich würde es eher für sympathisch halten, dass Herr Welzer und Herr Leggewie nicht hingehen und den Leuten sagen: „Leute, das hier sind die Ingredienzen einer Revolution, das hier ist das revolutionäre Subjekt und wir machen jetzt folgendes…“ Genau das aber ist eine typische Reaktion der alten Linken auf unser Buch.

Welche Rolle spielt in der von Ihnen beschriebenen „neuen Welt“ die Zivil- oder Bürgergesellschaft? Welche Rolle muss sie spielen im Rahmen der Bearbeitung krisenhafter Zustände? Wie verhalten sich also Politik und Gesellschaft zueinander?

Ich spreche von einem „magischen Dreieck“. Die Lösung der Klimakrise enthält, wie Anthony Giddens sagt, avanciertere, elaboriertere Formen staatlicher Planung und Steuerung. Ohne entsprechende Steuerungsanreize wie etwa das Energieeinspeisungsgesetz komme ich keinen Schritt weiter. Wir brauchen solche Marktanreizprogramme, Preise auf CO2 sind ein hutes Mittzel und Karbonsteuern auch. Das wäre die ordnungspolitische Ecke, wobei der Staat sich hier keinen Planungsillusionen hingeben darf. Der Klimawandel lässt sich nicht wegplanen, sondern man muss kluge Anreize geben, sehr experimentell tätig werden. Die zweite Ecke bilden die Unternehmen. Das betrifft die Finanzierung, die technischen Innovationen usw. Wir brauchen in den Unternehmen die entsprechenden Ressourcen, die das, was wir für eine Energiewende brauchen, herstellen können. Der dritte Sektor wäre das bürgerschaftliche Engagement. Hier fehlt es am meisten. Weder die intermediären Organisationen wie die Parteien sind auf eine Netzwerkpolitik, wie wir sie hier brauchen, eingestellt noch die Menschen selbst. Das hängt mit den Abhängigkeiten einer sehr traditionalistischen Politik, aber auch mit der Unterschätzung der Selbstwirksamkeit sozialer Bewegungen zusammen. Eine neue Netzwerkpolitik sähe so aus, dass die „change agents“, die Agenten des Wandels durch „enabling structures“ (Giddens), durch einen aktivierenden Staat und vor allem auch durch intermediäre Organisationen, NGOs, Bürgerinitiativen usw. aufgegriffen und unterstützt werden. Das wäre eine ganz andere Art von Politik als die, die sagt „Ich wähle die Grünen und die machen bestimmte Gesetze und dadurch wird die Umweltpolitik besser“.

Honoré Daumier: Ausflugszug von Paris nach St. Germain: Abteil 2. Klasse (Train de plaisir de Paris à St. Germain. - Wagon de deuxième classe). Physiognomien der Eisenbahn (Physionomies des chemins de fer). 1852, Lithographie. In: »Le Charivari«, Paris, 1.04.1852.

Honoré Daumier: Ausflugszug von Paris nach St. Germain: Abteil 2. Klasse (Train de plaisir de Paris à St. Germain. – Wagon de deuxième classe). Physiognomien der Eisenbahn (Physionomies des chemins de fer). 1852, Lithographie. In: »Le Charivari«, Paris, 1.04.1852.

Politik ist die Kunst, die Leute daran zu hindern, sich um das zu kümmern, was sie angeht“, meinte Paul Valéry. Andererseits konstatieren Sie im Titel eines Aufsatzes „Keine Lust auf Politik“. Und fragen im Untertitel: „Muss die Bundesrepublik neu gegründet werden?“ Wer oder was hindert die Menschen also an was? Und was hat die Politik damit zu tun?

Die meisten „change agents“, die ich kenne, haben mit der Politik wenig am Hut. Sie nehmen nur eine bestimmte mediale Oberfläche von Politik wahr. Ich bin ja sogar der Auffassung, dass in toto die Bundesregierung eine ganz gute Umweltpolitik macht. Die Fokussierung etwa auf erneuerbare Energien halte ich für sehr positiv. Was hindert also die Menschen am Wandel? Viele Dinge. Es gibt in unserer Gesellschaft eine gefühlte Partizipation, die vor allem vor dem Fernsehbildschirm stattfindet oder in Blogs. Und es gibt eine frustrierte Partizipation, die alle betrifft, die sich in die real existierende Politik hineinbegegeben und das Getriebe eines Ortsvereins der SPD kennen lernen und ziemlich rasch denken: „Das kann doch nicht wahr sein! Die erzählen mir, dass ich was machen soll, und nun stehe ich hier und soll Wahlkampf machen!“ Das scheint mir die Diskrepanz zu sein, die den Kern des Problems bezeichnet. Es gibt einerseits einen sehr anachronistischen Politikmodus, andererseits die überspannte Erwartung eines überwiegend passiven politischen Publikums gegenüber den Wundertaten der Politik.

“Der Klimawandel lässt sich nicht wegplanen, sondern man muss kluge Anreize geben, sehr experimentell tätig werden.”

Und diese Diskrepanz führt zu mehr Apathie?

Sie kann dazu führen. Die jüngste Shell-Studie hingegen zeigt das genaue Gegenteil, nämlich dass es sehr viele Jugendliche gibt, die sich sehr wohl für Politik interessieren, die aber permanent vom gegenwärtigen Politikbetrieb frustriert werden.

Die Politik holt sich heute nicht die Ziele bei der Kultur, sondern bringt sie mit und teilt sie aus“, meinte Robert Musil. Wie sehen Sie das Verhältnis heute?

Wie immer Musil das genau gemeint haben mag, aber heute ist das genau richtig so. Die Politik ist ein hochspezialiertes soziales Subsystem, was richtig ist. Die bürgerliche Kultur, aus dem sich die Politik gewissermaßen speist, das ist 19. Jahrhundert. Und wie verhält es sich denn mit den real existierenden Kulturschaffenden heute? Die haben ja in der Regel überhaupt nichts zu den Problemen beizutragen.

“Es muss gelingen, die Zielsetzungen guten Lebens oder subjektiven Glücks zu verbinden mit den notwendigen Veränderungen, die durch den Klimawandel und andere Krisen verbunden sind.”

Zugleich aber konstatieren Sie: „Die künstlerischen Antworten auf Probleme wie alternde Gesellschaft oder Extremwetter sind oft besser als die Szenarien aus der Energiewirtschaft oder den Ingenieurwissenschaften, die nur Wachstumsszenarien fortschreiben.“ Woran denken Sie dann dabei?

Es gibt interessante Dinge in Museen, Denkanstöße aus der Kunst. Zum Beispiel Architekturausstellungen, die das Klimaproblem fruchtbar aufnehmen. Denken Sie an Friedrich von Borries Klimakapseln und dergleichen. Das sind architektonische Antworten auf die städtebaulichen Herausforderungen des Klimawandels. Die Architektur halte ich – zumindest teilweise – für eine Kunst. Stadtpolitik wird eine herausragende Arena avancierter Klimapolitik sein: Raumstrukturen, soziale Strukturen der Städte usw. Die Städte sind große Problemverursacher und deshalb auch große Problemlöser. Aber Politik ist Politik und sie darf sich natürlich nicht den Kulturschaffenden und ihren Lösungsvorschlägen einfach „unterordnen“.

“Gesellschaften, die keine Träume mehr haben, haben nur noch die Gegenwart. Von der Gegenwart allein kann man nicht leben. Die Vorstellung einer verschlossenen Zukunft, die nur Altlasten der Vergangenheit abtragen muss, halten Menschen nicht aus.” So Alexander Kluge in einem Aufsatz. Bleibt Wandel aus, weil „Utopien“ fehlen? Weil wir es in den Prognosen nahezu ausschließlich mit altlastbedingten Schreckensszenarien zu tun haben?

Ich gebe Ihnen darauf zwei Antworten. Erstens sind wir natürlich “utopiegeschädigt”. Ich bin ein 68er. Bestimmte Formen von Utopie sind – dem Himmel sei Dank! – gescheitert. Insofern ist der Utopismus des 19. Jahrhunderts zu Recht erledigt worden, insofern seine Umsetzungen katastrophal ausgegangen sind. Das ist das eine. Aber es gibt einen zweiten Aspekt. Ich war vor Kopenhagen, als es eine große mediale Aufmerksamkeit für das Problem und uns gab, immer dagegen, dass wir als Apokalyptiker auftreten in der Meinung, dass aus Angst Wandel geschieht. Im Gegenteil meine ich, dass Angst lähmt und ein sehr schlechter Ratgeber ist. Ich bin also keineswegs dafür, dass wir Minderungs- und Reduktionsziele ausgeben, sondern dass wir Ziele guten Lebens nachhaltiger Gesellschaften formulieren, die den Menschen, wie wir aus den Wertewandelstudien wissen, ohnehin zupass kommen. Denn diese Nachhaltigkeit entspricht offenbar viel mehr dem, was sich die Menschen wünschen, als die gegenwärtige Beschleunigung des Turbokapitalismus. Mit anderen Worten: Es muss gelingen, die Zielsetzungen guten Lebens oder subjektiven Glücks zu verbinden mit den notwendigen Veränderungen, die durch den Klimawandel und andere Krisen verbunden sind. Hier immer nur von Katastrophen zu reden, hat absolut kontraproduktive Wirkungen, es lähmt, es führt zu Resignation oder Panikreaktionen. Wir müssen vielmehr das, was wir ohnehin wollen, überführen in Transformationsszenario, das notwendig ist. Und es wird über Effizienz und Suffizienz zu einer Art Freiheit der Selbstbeschränkung kommen, in der ein Weniger als ein Mehr erkennbar wird.

Claus Leggewie ist Professor für Politikwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Er ist seit 2007 Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen und seit 2008 Mitgleid des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU). Prof. Leggewie ist zudem Gründungsdirektor des Zentrums für Medien und Interaktivität (ZMI) der Universität Gießen. 1995 bis 1997 war er erster Inhaber des Max Weber-Chair an der New York University, 1997 bis 1998 Faculty Fellow am dortigen Remarque Institute; Gastprofessuren an der Université Paris-Nanterre (1994) und am Institut für die Wissenschaften vom Menschen, Wien (1995, 2006), von 2000 bis 2001 Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin.

Publikationen (Auswahl):

Die 89er. Portrait einer Generation. Hamburg 1995.

Amerikas Welt. Die USA in unseren Köpfen. Hoffmann und Campe 2000.

Politik im 21. Jahrhundert. Suhrkamp 2001.

Die Globalisierung und ihre Gegner. C.H. Beck 2003.

Globalisierungswelten. Kultur und Gesellschaft in einer entfesselten Welt.Halem 2003.

Das Ende der Welt, wie wir sie kannten: Klima, Zukunft und die Chancen der Demokratie. S. Fischer 2009.

Text- und Bildmaterial: 

Der Kompromiß in der Ja-Nein-Gesellschaft

von Peter Weber

ein kleiner Exkurs über die Abartigkeiten und die verheerenden Folgen von faulen Kompromissen

Es geht mir um eine Charakterisierung unserer Gesellschaft als eine sog. Ja-Nein-Gesellschaft, die es verlernt oder nie gelernt hat, ihre Probleme anzugehen und zu lösen. Ihre Mitglieder sind unfähig, eine klare Linie zu vertreten und Rückgrat zu wahren. Populismus ist zum einzigen Glaubensbekenntnis geworden. Unsere Gesellschaft ist von einer Krankheit bzw. Blockade befallen, wie dies bei einer psychischen Pathologie der Fall ist, aus der sich der Betroffene nicht aus eigener Kraft befreien kann. Deshalb bedarf es einer größeren Anzahl von Menschen mit Vorbildfunktion, um den Weg aus dieser Misere zu weisen.

Epikur-von-SamosDie Ja-Nein-Gesellschaft wird charakterisiert dadurch, daß sie meint, sie könne sämtliche Prozesse durch Kompromisse steuern und zu einem effektiven Ergebnis bringen. Diese Einstellung beruht m. E. auf einer völligen Fehleinschätzung, auf mangelndem Mut und Weitblick sowie gravierender Realitätsferne. Ich möchte damit nicht behaupten, daß ein Leben ohne jegliche Kompromisse denkbar ist. Wer aber immer JEIN sagt und sich dieses Prinzip verinnerlicht hat, der ist ein verkappter notorischer Lügner, der nur verdecken will, daß es ihm nicht gelingt, sich zu einer einheitlichen gefestigten Persönlichkeitsstruktur zu einigen. Mit anderen Worten leidet er genau betrachtet unter einem Symptom der Schizophrenie.

Die negative Steigerung von Kompromiss ist bekanntlich “fauler Kompromiss”. Generell können Kompromisse als Versuche auf dem Weg zur Einigung in einer zerstrittenen Sache bezeichnet werden. Fortschritte auf diesem Weg sind grundsätzlich nur zu erzielen, wenn die vereinbarten Kompromisse nicht vom Weg und der Zielführung abweichen. Ein fauler Kompromiss wird gekennzeichnet dadurch, dass er den vorgezeichneten Weg verlässt, sich wieder rückwärts bewegt oder er gar diametral gegen das erklärte Endziel verstößt. Diese abartige Version des Kompromisses ist leider heutzutage die verbreitetste – nicht nur im politischen Prozess, sondern auch im Alltag vieler Menschen. Welche Perversionen in Form von faulen Kompromissen uns  als erfolgreiche Unterfangen zu unser aller Wohl serviert werden, wird sich uns in den nächsten Tagen anlässlich der  andauernden Sondierungs- und Koalitionsgespräche zur Regierungsbildung präsentieren. Dort wird die SPD sicher wieder Kreide fressen, um möglichst viele Ministerpöstchen herauszuschlagen.

Kleinbürger zeichnen sich – Nomen ist Omen – durch einen ausgeprägten Kleinmut aus. Die Volksvertreter, die sich die Kleinbürger als ihre Repräsentanten (aus-)gewählt haben, entsprechen ihrer eigenen Wesensart. Das ist die verquere Logik, die dem Kleinbürgertum eingeimpft ist, dass selbst die öffentlichen Vertreter nicht mehr Mut wagen dürfen, als sie selbst dazu in der Lage und willens ist. Risikobereitschaft, selbst wenn sie wohlkalkuliert ist, erfreut sich keiner Beliebtheit. Dass es philosophisch und praktisch überhaupt keine absolute Sicherheit geben kann und das Leben im Alltag aus einer Aneinanderreihung von nicht vorauszuschauenden Risiken besteht, wird als eherne Lebenslüge total ausgeblendet. Kopf in den Sand stecken, weiter so und Status quo aufrechterhalten, lautet die bewährte Devise. Normalerweise müsste der Vogel Strauß das Lieblingshaustier der Bundesbürger sein.

Wer es nötig hat, sich ständig mit Kompromissen aus der Affäre zu ziehen mangels eines starken Charakters,

  • besitzt keine Perspektiven und Utopien,
  • dem mangelt es ihm an Phantasie und Prinzipien,
  • bei dem herrscht meistens eine ausgeprägte Ausrichtung an kleinkariertem egoistischem Nützlichkeitsdenken vor,
  • der läßt sich von konformistischem Denken lenken und ist geneigt, in populistischer Manier sein Fähnchen in den Wind zu halten,
  • der unterwirft sich der Dominanz von Furcht und der Angst, die ihm ständig einreden, was er nicht tun darf oder was er lassen muß, wenn er sich nicht blamieren oder seine Interessen schützen will,
  • der handelt sehr oft irrational, weil die Motive, die ihn zum Kompromiß veranlassen, in den meisten Fällen gar nicht rational begründet sind, sondern nur Einbildungen oder Reaktionen aus dem Unterbewußtsein sind. Er weiß also im Grunde genommen selbst nicht, was er tatsächlich will.

Der faule Kompromiß und seine Zwillingsschwester, die Anpassung, treten immer Hand in Hand durch die Tür. Sie behindern und verstärken sich gleichzeitig gegenseitig, weshalb sie eine äußerst unproduktive Konstellation bilden. Der Grund dafür liegt darin, daß jemand, der vorzeitig Kompromisse einräumt, seinen Joker aus der Hand gibt und das Spiel bereits vorzeitig verloren hat. Die Kompromissversessenen werden in ihrem Leben nie etwas Vernünftiges erreichen. Sie sind zu dumm zu erkennen, daß für den Fall, daß ein Kompromiß tatsächlich für einen erfolgreichen Abschluß unentbehrlich sind, dafür zu einem späteren fortgeschrittenen Stadium der günstigere Zeitpunkt ist.

Ich vertrete die rigorose Ansicht, dass grundsätzlich (vielleicht bis auf wenige Ausnahmen) überhaupt keine Kompromisse nötig sind, weil man das Ziel meistens auch ohne sie erreichen kann. Schuld an der trotzdem weit verbreiteten Bereitschaft, (faule) Kompromisse einzugehen, ist der Unwille der meisten Menschen, das zu lösende Problem überhaupt in seiner Bedeutung und Konsequenz zu erfassen und es ernsthaft anzugehen. Die Erfahrung, dass persönliche, politische oder gesellschaftliche Problemstellungen selten ganz und gar bereinigt werden, auch nicht (oder gerade) durch Kompromisse, ist auf die allgemeine Abneigung zurückzuführen, die Probleme an der Wurzel – d. h. radikal – anzupacken.

Was würden wir von einem Zahnarzt halten, der bei einer Zahnwurzelentzündung nur eine Füllung blombiert? Oder von einem Chirurgen, der einen Beinbruch mit einem Pflaster heilen will? Diese Ärzte würden wir verklagen oder sie künftig meiden. Aber bei unseren Politikern sind wir nicht so zimperlich. Diese wählen wir trotz wiederholtem Versagen immer wieder, selbst wenn sie das ganze Land und die Wirtschaft ruinieren. Selbst die Gefahr, dass wir auch persönlich von diesem Niedergang betroffen werden und zu den Verlierern gehören, gibt noch keine Veranlassung für eine Richtungsänderung. Solch ein resignatives und schicksalergebenes Verhalten bezeichnet man landläufig als Fatalismus.

Bei der Umsetzung von Lösungsansätzen für größere Projekte wird der Vorwand mantraartig wiederholt, die Realisierung sei nicht ohne erhebliche Kompromisse und nicht ohne gravierende Streichungen am Umfang des Projektes möglich. Es wird einfach behauptet, ohne schlüssige Beweisführung zu führen, dass Kompromisse in einem bestimmten Ausmaß alternativlos seien. Aber meistens verursachen sie das desaströse Ergebnis, dass das ursprüngliche Konzept bis zur Unkenntlichkeit verwässert wird. Auf diese Art und Weise treten wir auf breiter Front auf der Stelle und bekommen unsere sich ständig anhäufenden Fehlentwicklungen nicht einmal ansatzweise in den Griff. Es wird nur herumgedoktert, es werden Löcher geflickt und dann auch noch an den falschen Stellen. Sehr beliebt ist die Version,  einfach die Fassade weiß zu streichen, damit sich alle im Glanz des schönen Scheins sonnen können.  Dann bauen sich alle stolz vor der jeweiligen Fassade auf, und die Anführer halten eine salbungsvolle Rede über den gemeinsam errungenen Erfolg. Es wird geklatscht, die Gesellschaft nimmt sich einen hinter die Binde und geht ungerührt nach Hause. Weiter passiert nichts – bis zur nächsten Selbstbeweihräucherung, um das nächste  Feigenblatt zu bestaunen.

Daher bin ich der festen Meinung, die sich im Einzelfall auch nachvollziehen lässt, dass nicht technische oder finanzielle Schwierigkeiten bzw. angebliche Unlösbarkeiten die Ursache für (faule) Kompromisse sind, sondern dass es eindeutig der fehlende persönliche und / oder politische Wille ist. Der faule Kompromiss hat nicht nur eine Zwillingsschwester sondern auch einen Zwillingsbruder, die faule Ausrede. Es wird sich gewunden und gedreht, es werden fadenscheinige, nicht stichhaltige Argumente vorgetragen, an den Haaren herbeigezogene Beispiele erfunden, nur um nicht eingestehen zu müssen, dass engstirnige Einstellungen, Berechnung, Unfähigkeit oder Feigheit der Auslöser für die Ablehnung ist, einen geraden Weg zu gehen. Allenfalls lasse ich Argumente zeitlicher Art gelten, denn die Bewältigung von komplexen und zentralen Aufgaben erfordert natürlich Zeit zur Verwirklichung.

Aber mit einer durchdachten und gerechten Finanzierungsstrategie sowie einer taktisch-klugen Vorgehensweise lassen sich selbst die schwierigsten Aufgaben meistern. Mittel- oder langfristig kann man praktisch alle sachlichen Herausforderungen in einem Stufenplan abarbeiten. Wir besitzen meistens die technischen Mittel für die erforderlichen Lösungen, falls noch nicht, können sie mit Hilfe wissenschaftlicher Forschung geschaffen werden. Die finanzielle Masse muss nicht erst kreiert werden, denn sie ist im Überfluss gebunkert: nur ungleich verteilt und in den falschen Händen. Sie muß nur locker gemacht werden.

Wenn diese Voraussetzungen geklärt sind, braucht man nur noch eine ausreichende Portion von gutem Willen, das Zurückstecken von Egoismen und ein Primat der Solidarität. Das ist alles umsonst zu haben! Ächten wir zukünftig jeglichen faulen Kompromiss – dann besitzt die Zukunft eine Zukunft!!!

Bildnachweis: Mit freundlicher Überlassung von Wilfried Kahrs – Qpress.de

Beitragsbild: Dieter Schütz  / pixelio.de

Artikel von Peter Weber  KN-Banner250x65